Kleine Annmerkung: Die Flashbacks der Unsterblichen sind kursiv hervorgehoben

 



Die französischen Chroniken -

Das Leben der Michelle Dubois

von Claudia Filip

 

1. Darius

 

Der Luftraum über Kanada, im Sommer 1996.
Sie saß im Flugzeug auf dem Weg von Paris nach Vancouver. Als sie aus dem Fenster blickte und die Schönheit der Wolken sah, sammelten sich sofort wieder neuerliche Tränen in ihren geheimnisvollen, nussbraunen Augen. Micky Dubois war nicht auf dem Weg in den Urlaub – nein, das wirklich nicht – sie hatte eine traurige Pflicht, die sie in Kanada erwartete. Sie war unterwegs zu einer Beerdigung, um einem alten Freund die letzte Ehre zu erweisen. Darius war tot, ermordet auf geheiligtem Boden.

Sie konnte es noch immer nicht begreifen, es vollständig erfassen. Egal wie oft sie sich das Telefongespräch mit Methos ins Gedächtnis rief.

 

Frankreich, Paris, einige Tage zuvor, am Vormittag.
Es war ein bereits heißer Vormittag im Künstlerviertel Montmatre in Paris. In Micky Dubois' Loft drehte sich ein großer Ventilator eifrig, um angenehme Temperaturen zu schaffen. Man sprach von einem Jahrhundertsommer. Davon hatte Micky so einige erlebt.

Bevor es noch unerträglicher werden würde, absolvierte Micky ihr tägliches Training. Das Telefon klingelte. Micky legte ihr Schwert beiseite, das sie unter Anleitung ihres Meisters in Japan angefertigt hatte, und griff nach einem Handtuch.

Dubois“, meldete sie sich, leicht außer Atem. „Michelle, hier ist Methos.“ Micky setzte sich auf den Boden. Seine Stimme klang so ernst, selbst für Methos. „Hallo Methos, was ist passiert?“ „Darius ist tot, Michelle. Ermordet. Im Kloster.“ Micky schnürte es die Kehle zu. „NEIN!“ stieß sie hervor. „Nein! Nein! Nein! Nicht Darius! Er war doch sicher dort!“ Ihre Gedanken überschlugen sich, ihr Geist versuchte das Unfassbare zu begreifen.
Wer hat es gewagt?! Einer von uns?!“ Sie war betäubt, wie von Sinnen. Wenn einer der Unsterblichen es gewagt hatte, würde sie sich seinen Kopf holen für diesen Frevel.

An der anderen Seite der Leitung schüttelte Methos energisch den Kopf. „Ich fürchte, es ist viel schlimmer. Eine Splittergruppe der Beobachter unter der Führung eines Mannes namens James Horton hat sich in den Kopf gesetzt uns zu vernichten. Er glaubt, wir wollen die Menschheit versklaven und die Weltherrschaft an uns reißen. Und deshalb muss man uns vernichten.“ „Oh, er wird dafür bezahlen. Das schwöre ich!“ „Da musst du dich hinten anstellen, Michelle. Es gibt noch andere, die das wollen. Außerdem bist du doch kein rachsüchtiger Mensch, das warst du nie.“ „Aber es war doch Darius. Ohne ihn wäre ich verloren gewesen.“ Sie wischte sich einige Tränen aus dem Gesicht und atmete tief durch.
Ich weiß das. So erging es vielen anderen auch noch. Wir müssen zusammenhalten, alle, wenn wir gegen Horton etwas erreichen wollen. Michelle, komm bitte her. Darius wird Freitag beerdigt.“

 

 

Der Luftraum über Kanada, im Sommer 1996, die Gegenwart.
Micky wandte ihren Blick vom Fenster ab und suchte nach einem Taschentuch. Ihr Nachbar reichte ihr eines und fragte irgend etwas Belangloses, woraufhin Micky ihm vom Grund ihrer  Reise berichtete. Er drückte sein Bedauern aus und widmete sich wieder seinem Wallstreet Journal.
Erleichtert atmete sie auf. Sie war viel zu durcheinander für solche Banaliätan. Sie putzte ihre Nase und ließ ihren Gedanken freien Lauf.

Micky Dubois war jetzt 496 Jahre alt und hatte viele sterben sehen in dieser unendlich langen Zeit. Freunde, Feinde, Familie, Ehemänner, Liebhaber, Präsidenten. Die Sterblichen wünschten sich immer das ewige Leben. Sie, die es hatte, hatte sich schon oft genug in annähernd 500 Jahren den Tod gewünscht. Irgendwie machte man aber immer weiter. Sie hatte die französische Revolution überstanden, davor die Spanische Inquisition, zwei Weltkriege, Bürgerkriege, so viele waren gestorben. Doch immer hatte es Hoffnung gegeben. Es konnte nur einen geben, und sie hatte insgeheim gehofft, das würde Darius werden. Denn er war seit unendlich langer Zeit Mönch gewesen, hatte so lange nicht mehr gekämpft. Aber nun war Darius tot. Ermordet. Nun lag alles wieder im Dunkeln. Genauso wie an dem Tag, da sie ihre Unsterblichkeit erlangt hatte, zum ersten Mal gestorben war. Der Tag, als Darius sie gerettet hatte.

 

Frankreich, Chateau Dubois, in der Nähe von Paris, 23. März 1525.
Michelle war im Jahre des Herren 1500 am 15. Tage des Wonnemonats Mai in der Nähe von Paris geboren worden. Sie war die Comtesse Michelle Dubois, einzige und letzte Tochter des Conte Armand Dubois. Ihre Mutter, die wunderschöne, aber zierliche Comtesse Ann-Marie war zwei Tage nach ihrer Geburt im Kindbett gestorben. Aus diesem Grunde und da auf ihren älteren Bruder Phillippe kein Verlass war, hatte Michelle früh die Pflichten und die Führung des Hauses übernehmen müssen. Der Conte war ein gebrochener Mann, so sehr hatte er seine Frau geliebt, und nun bürdete er all seine Hoffnung auf die hübschen Schultern seiner geliebten Tochter. 25 Jahre war Michelle um eine Ehe herumgekommen, da ihr Vater sie gebraucht hatte. Nun war ihr Vater schwer krank, er lag im Sterben. Aber wie konnte er diese Welt verlassen, ohne seine geliebte Michelle gut versorgt zu wissen. Daher hatte Michelle den Werbungen eines jungen, attraktiven Conte Interesse geschenkt und das zarte Pflänzchen der Liebe war gewachsen. Natürlich, wäre Phillippe nicht ein solcher Versager und eine solch maßlose Enttäuschung gewesen, hätte er sich um seine Schwester kümmern können, die nie viel für die engen Konventionen einer Ehe und der Rolle einer Frau in diesen Tagen übrig gehabt hatte. Viel lieber hatte Michelle sich mit Degen und Pferden beschäftigt, als mit ihren zahlreichen Verehren. Doch der Conte konnte das tolerieren, die Angestellten vergötterten die Comtesse und lasen ihr jeden Wunsch ab, bevor sie ihn geäußert hatte. Aber sein Sohn Phillippe war nur ein ständiges Ärgernis gewesen, besonders für den Vater. Er hatte sich nie sonderlich um den Ruf des Hauses Dubois geschert. Von Michelles Jagdausflügen hatten nur sehr wenige gewusst. Dass der Sohn des Hauses aber dem Glücksspiel, den Frauen, dem Wein und den Duellen frönte, hatte die gesamte Grafschaft gewusst.

Als Phillippe das Herz der wunderschönen aber verlobten Comtesse Marie Dupont erobert hatte, war das der Anfang von seinem Ende gewesen. Der Verlobte, ein hitzköpfiger Gasconier erwischte seine Braut und Phillippe in einem eindeutigen Szenario und forderte Wiedergutmachung. Im Morgengrauen des 15. November des Jahres 1519 starb Michelles Bruder beim Duell. Und die Träume und Hoffnungen eines Vaters über seinen Sohn wurden nun endgültig zu Grabe getragen. Nun war Michelle die letzte Hoffnung des Conte auf den Fortbestand der Familie.

Doch auch diese Hoffnung wurde einem sterbenden Mann noch genommen. Denn Michelle erlebte ihre Hochzeit nicht mehr. An einem lauen Frühjahrstag, dem 23. März 1525 machte Michelle mit ihrem Verlobten, Conte Maximillian Porté, einen Waldspaziergang in der Nähe des Châteaus. Auch dieser Conte hatte dem Glücksspiel gefrönt, was Michelle nicht wusste. Durch die Launen der Fortuna hatte er bedauerlicherweise einen nicht unerheblichen Schuldenberg angehäuft. Durch eine reiche Heirat versprach er sich die finanzielle Befriedigung und vor allem Sicherheit für seinen Lebensstil, nach dem es ihm gelüstete. Natürlich hatte er Michelle mit Leichtigkeit Liebe vorspielen können und sie hatte ihm geglaubt.

Doch nun während des Spaziergangs erkannte die junge Comtesse seine wahren Absichten. Bedauerlicherweise zu spät.
Michelle, nach der Hochzeit werdet Ihr natürlich mir die gesamten Vermögenswerte der Familie überschreiben. Ich habe das bereits mit Eurem Herrn Vater besprochen.“ Die Comtesse sah ihn verwirrt und auch ungläubig an. „Ich werde was?“ Der Griff um ihr Handgelenk wurde plötzlich fest, der Conte blieb stehen. Er packte auch Michelles rechtes Handgelenk. „Was erlaubt Ihr Euch, Maximillian? Ich dachte, Ihr liebt mich?!“ Sie versuchte empört, aber vergeblich aus seinem Griff zu entkommen.
Was, dachtet Ihr das wirklich?“ Er lachte diabolisch. „Naives Kind! Euer Vater wollte Euch versorgt wissen und ich wollte eine sichere Geldquelle! Außerdem bin ich der Mann, natürlich verwalte ich das Vermögen. Ihr, meine Liebe, habt nur die Aufgabe, schön auszusehen und mir Erben zu schenken.“
„Niemals! Die Verlobung ist hiermit gelöst!!“ Die Schamröte war der jungen Comtesse ins Gesicht gestiegen, als ihr die Schmach, der sie unterlegen war, bewusst wurde.

Oh doch, Ihr werdet mich ehelichen. Oder Ihr werdet es bereuen!“
„Niemals!“ rief sie wieder und trommelte mit ihren kleinen Händen auf seine stattliche Brust.
Dann ging alles sehr schnell. Der Conte zog einen Dolch unter seinem Mantel hervor und stach zu. Wieder und wieder. Michelle war zu überrascht um sich zu wehren. Sie konnte auch nicht mehr schreien. Der Conte ließ erst von ihr ab, als sie zu Boden fiel und ihr schönes weißes Kleid sich bereits tiefrot gefärbt hatte. Im ganzen hatte er siebenundzwanzig Mal zugestochen. Anschließend rannte er zum Anwesen zurück, um sich wenigstens einen kleinen Verdienstausfall für die entfallene Hochzeit zu sichern.

Zur selben Zeit lag Michelle im Wald und spürte, wie ihr Körper immer kälter wurde. Das Leben verließ sie, es wurde dunkel...

Und schließlich wurde es wieder hell. War das der Himmel? Sie öffnete langsam die Augen und wollte schreien. Über sie gebeugt stand ein Mann mit kurzem Haar, in einer Mönchskute, wie sie erst später erkannte. Er zählte etwa 40 Lenze. Als Michelle zum Schrei ansetzte, legte er schnell, aber behutsam seine Hand auf ihren Mund. „Nicht schreien, bitte. Mein Name ist Darius. Und ich möchte Euch helfen, Mademoiselle.“

Und das hatte er wirklich getan...

 

Der Luftraum über Kanada, im Sommer 1996, die Gegenwart.
Das Flugzeug setzte bald zur Landung an. Aber vorher musste Micky sich zurecht machen. So konnte sie nicht unter die Leute gehen. Also begab sie sich auf die Toilette um ihr Make-up zu erneuern. Schließlich wollte sie gut aussehen. Doch für wen? Methos konnte sie nicht abholen. Er lebte noch immer unter seiner Geheimidentität als Adam Pierson mitten unter den Beobachtern und vervollständigte seine eigene Chronik. Er galt als der älteste aller Unsterblichen, nahezu 5.000 Jahre alt. Der Gedanke ängstigte Micky. Sie hatte in fast 500 Jahren schon so viel erlebt und gesehen, erst ein Bruchteil von Methos‘ Leben. Und wieder einmal hatte sie schmerzlich begreifen müssen, dass man schneller den Kopf verlieren konnte, als man eigentlich dachte. Selbst auf heiligem Boden.

 

2. Der Friedhof

 

Kanada, Vancouver, der Friedhof bei Darius' Kloster, am Nachmittag.
Micky stieg aus dem Taxi, bezahlte den Fahrer und griff nach ihrer Reisetasche. Sie trug ein schwarzes, ärmelloses Kleid und darüber einen langen, ebenfalls schwarzen Mantel. Und darunter versteckte sie ihr Schwert.

Es war ein warmer Tag, eine kühle Brise umspielte die Bäume. Sofort verspürte sie die Anwesenheit anderer Unsterblicher. Mindestens drei weitere. Sie sah sich um. Hinter einem Baum im Schatten einer Eiche stand Methos. Sie nickte ihm zu und lächelte traurig. Sie würde ihn später anrufen, er nickte einverstanden, erwiderte ihr Lächeln.
Sie suchte weiter nach den übrigen Unsterblichen und entdeckte sie an Darius‘ Grab. Der eine war 1,90 Meter groß, gut gebaut. Die langen, braunen Haare, hatte er zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden. Er sah verdammt gut aus. Mitte bis Ende 30. Rein äußerlich natürlich. In Wahrheit war er 92 Jahre jünger als sie selbst. Duncan MacLeod. Sein Begleiter war sehr jung, etwa zwanzig, blondes Haar. Süß. Richie Ryan. Beide trugen lange Mäntel. Natürlich. Zeig mir eine Gruppe Leute, und ich zeige dir die Unsterblichen unter ihnen, auch ohne unsere Gabe, dachte Micky. Allzeit bereit, denn es konnte nur einen geben. So hieß es. Sie musste unwillkürlich über ihren Zynismus lächeln und begab sich gemächlichen Schrittes zum Schauplatz der Beerdigung.

Während der Pfarrer über den edlen und guten Bruder Darius sprach, erinnerte Micky sich an seine edelste Tat. Ihre Rettung. Natürlich konnte Darius als Diener Gottes ihr nicht das Kämpfen beibringen. Deshalb brachte er sie nach Japan. Zu Meister Nakano, dem Lehrmeister der Unsterblichen. Dennoch profitierte Michelle von Darius. Auf der langen und beschwerlichen Reise erfuhr sie alles über die Unsterblichen, und konnte auch sonst noch viel lernen von Darius. Doch dann geschah das Undenkbare. Darius verliebte sich in Michelle. Die neugeschaffene Unsterbliche empfand großen Dank gegenüber ihrem Retter, und ja, sie musste es zugeben, auch Liebe. Doch Darius war ein Diener Gottes. Das konnte und durfte nicht sein. Deshalb verließ Darius mit schmerzendem Herzen eines Nachts seine geliebte Michelle und verschwand lange Zeit. Bis sie sich irgendwann wieder trafen und sie fortan eine tiefe Freundschaft verband. Michelle führte ihre Ausbildung beim Hexenmeister fort und fertigte am Ende ihr Schwert an, das sie jetzt so deutlich unter ihrer Armbeuge spürte, als sie das „Vater unser“ betete.

 

Die Beerdigung war vorüber, Micky trocknete ihre Tränen. Im nächsten Moment wurde sie von hinten angesprochen.

„Ich bin Duncan MacLeod, vom Clan MacLeod. Und das ist Richie Ryan. Und wer sind Sie?“ Direkt auf das Ziel zu, so war er ihr beschrieben worden war.
„Ich bin die Comtesse Michelle Dubois. Eine alte Freundin von Darius.“
„Nun, Comtesse...“
„Bitte, nennen Sie mich Micky.“

Die kleine Gruppe ging langsam zu den parkenden Autos. Aus dem Augenwinkel sah Micky, wie Methos sich davon schlich und lächelte.

„Woher kannten Sie Darius?“ fragte MacLeod, während er auf der Motorhaube seines Wagens Platz nahm.
„Er hat mich gerettet. Ich wurde 1525 in einem kleinen Wald in der Nähe meines Chateaus durch die Hand meines Verlobten ermordet...“
„Das war aber eine krasse Trennung“, bemerkte MacLeods Begleiter.
Richie!“ fuhr er ihn an. „Erzählen Sie bitte weiter.“
„Da gibt es nicht viel zu erzählen. Darius fand mich, erzählte mir von den Unsterblichen. Da er schon Mönch war, durfte er mich nicht das Kämpfen lehren. Deshalb reisten wir nach Japan zu Nakano. Danach trennten sich erst einmal unsere Wege.“
„Mein Cousin wurde auch von Nakano unterwiesen.“
„Ich weiß“, erklärte sie und lächelte geheimnisvoll. „Ich kenne Connor MacLeod seit dem 17. Jahrhundert. Aber das erzähle ich Ihnen ein anderes Mal.“ MacLeod machte ein verblüfftes Gesicht.
„Wissen Sie, Darius hat Sie nie erwähnt. Naja, er sprach eigentlich nie von Frauen...“
"Kein Wunder bei seinem Beruf.“ Duncan gab seinem Freund einen Knuff in die Seite.
„Du bist heute mal wieder so witzig, Richie!... Wie gesagt, er sprach nie von Frauen. Bis auf einmal. Er erzählte mir von seiner einzig wahren Liebe, außer Gott. Eine wunderschöne, französische Comtesse, die ihn auch liebte. Aber da er Mönch war und keine Zukunft sah, verließ er sie eines nachts.“ MacLeod begriff die Bedeutung seiner Worte, in dem Moment, da er geendet hatte. „Hey, das waren Sie!“ Micky nickte traurig.
„Ja, das war ich. Aus uns konnte nichts werden. Er war schon so lange Mönch. Ich habe ihm zu verstehen gegeben, dass es keine Zukunft gibt. Es hat nicht sollen sein... Aber wir wurden irgendwann sehr gute Freunde.“ Sie seufzte. Dann nahm ihr Gesicht einen harten, fast eisigen Ausdruck an. „Ich weiß von wem Darius ermordet wurde.“
„Woher?“
„Oh nein, Mister MacLeod. Nicht so schnell. Ich spiele meine Asse niemals am Anfang eines Spiels aus.“ Natürlich ging es der hübschen Unsterblichen nicht um ein Ass, sondern in erster Linie um den Schutz von Methos. Aber ein paar kleine Informationen konnten nicht wirklich schaden. „Haben Sie schon mal von den Beobachtern gehört?“ fragte Micky. Duncan versuchte seine Überraschung zu überspielen und erklärte cool.
„Kommen Sie, ich lade Sie zu einem Drink ein.“

 

3. Joe’s

 

Kanada, Vancouver, Joes Bar, nach der Beerdigung.
„Ein bisschen früh für einen Drink, oder Mac?“ Joe Dawson lachte und bediente seine drei Gäste.
„Wir waren auf Darius‘ Beerdigung... Und glaub‘ mir, Joe, das war kein Spaziergang. Ach übrigens, Micky Dubois, Joe Dawson, ein Beobachter..“ „MacLeod!“ „Schon in Ordnung, Joe. Die hübsche Comtesse weiß von deinem Verein. Sie weiß auch, dass Hortons Splittergruppe Darius ermordet hat. Nicht wahr, Comtesse?“ Alle Augen richteten sich auf Micky, die nur nickte. Dann erklärte sie kühl: „Und sie will Rache, wie Sie, MacLeod.“ Richie beobachtete fasziniert den Schlagabtausch zwischen den Beiden und grinste in sich hinein. Allerdings war der Höhepunkt mit Sicherheit noch nicht erreicht. „Wer redet denn hier von Rache?“ „Oh, kommen Sie, der große Highlander will mir erzählen, dass er nur Gerechtigkeit will, weil sein alter Freund auf heiligem Boden von einem Sterblichen enthauptet wurde? Bitte! Das ist erbärmlich!! Ich gebe wenigstens zu, dass ich auf Rache aus bin. Ich will sehen, wie dieser Horton sich zu meinen Füßen windet und um Gnade winselt für seine schändliche Tat.“ Sie nahm das Glas und leerte den Whiskey mit einem Zug aus.
Moment Mal. Mac. Ihr wollt doch nicht losziehen und Horton einfach umbringen?“ „Joe, was hat er denn mit Darius gemacht?“ „Das kann ich nicht zulassen, MacLeod.“ „Weil er dein Schwager ist, Joe? Er hat Darius auf heiligtem Boden brutal ermordet, hingerichtet. Einen Mönch, der seit 1.500 Jahren kein Schwert mehr in Händen gehalten hat. Jemanden, der nichts mehr mit unserem Kampf zutun hatte. Was glaubst du, Joe, wer wird der Nächste auf Hortons Liste sein? Richie, Amanda, Connor, ich oder unsere hübsche Comtesse hier? Oder macht er sich gleich auf die Suche nach Methos?“ Micky zuckte unwillkürlich zusammen. Er kannte Methos?
„Ist seine Existenz denn bewiesen? Ich dachte, Adam sucht immer noch nach dem endgültigen Beweis.“ Nun musste Micky grinsen. Methos legte wahrlich eine Unverfrorenheit an den Tag, die ohnegleichen war.
„Joe, er ist Methos. Adam Pierson ist Methos. Mal ehrlich, wer könnte besser eine Chronik über Methos schreiben, als er selbst?“ Joe kratzte sich am Bart. Das entbehrte nicht einer gewissen Logik.
Duncan nippte an seinem Drink und plante seinen nächsten Schachzug. Er stellte übertrieben langsam das Glas auf den Tresen zurück und holte Luft. Richie rollte schon leicht genervt mit den Augen, als er endlich weiter sprach. „Er war auch auf der Beerdigung von Darius. Ich wette, er weiß, dass Horton dahinter steckt. Und er kennt die Comtesse.“ Es war eine Feststellung, keine Frage. Dennoch versuchte Micky weiterhin ihren alten Freund zu schützen, in dem sie Unwissenheit heuchelte. „Moi?“ „Jetzt spielen Sie nicht die Unschuld vom Lande, Lady! Methos stand im Schatten eines Baumes, von allen anderen unentdeckt, von den Sterblichen unentdeckt. Aber nicht von seinesgleichen. Und Sie, liebe Comtesse, (er betonte ständig ihren Titel, um sie aus der Reserve zu locken) haben ihm signalisiert, dass sie ihn später anrufen würden.“ Sie war enttarnt. Daran war nun nichts mehr zu ändern. Sie zuckte mit den Schultern. „D’Accord“, erklärte sie und nickte. „Ja, ich kenne Methos seit langem. Ja, er hat mich in Paris angerufen und mich über Darius‘ Tod informiert. Ich kam sofort her.“ MacLeods Mundwinkel zuckten. In seinem Kopf setzten sich immer mehr Puzzleteile zusammen und ergaben nach und nach ein klares Bild seines hübschen Gegenübers.
„Lassen Sie mich raten, Ihr beiden seid alte Freunde?“ Bevor Micky antworten konnte, setzte Duncan noch eins drauf. „Sagen Sie, wehrte Comtesse, schlafen Sie eigentlich mit allen Unsterblichen, denen Sie begegnen?“ Richie und Joe blieb die Luft weg. So ein Spruch entsprach überhaupt nicht Duncans Naturell. Er war bissig, sarkastisch, zugegeben, aber das war weit unter die Gürtellinie gegangen.
Micky wahrte die Fassung, wie man es sie vor Jahrhunderten gelehrt hatte und lächelte cool. „Nein, MacLeod. Nicht mit jedem Unsterblichen. Nur mit Methos und... mit Connor MacLeod.“ Richie und Joe konnten sich das Lachen nicht mehr verkneifen. Sie prusteten laut los und ernteten sofort giftige Blicke von ihrem Freund.
„Gehen wir vor die Tür!“ Duncan zog sein Schwert, die Comtesse tat es ihm gleich. Sofort ergriff Joe seinen Gehstock und machte Anstalten, ihnen zu folgen. Richie hielt seinen Arm fest.
„Lass mich los, Richie. Die wollen sich duellieren.“ Richie lachte und schüttelte den Kopf. „Mann, Joe. Bist du eigentlich schon tot? Schnallst du denn gar nichts? Die hat es voll erwischt.“ Joe winkte ab. „Du spinnst doch.“ Von draußen ertönte das Klirren von Schwertern.
„Wir sollten lieber mal nachsehen.“ Richie hob kapitulierend die Hände. Joe griff sich seinen Stock und humpelte in Richtung Tür. Richie folgte ihm, noch immer lachend. Doch sein Rapier hatte er im Anschlag, einsatzbereit. Nur für den Fall...

„Das gibt es doch nicht! Ja, spinn ich denn total?“ Joe glaubte nicht, was er da sah. Richie trat neben ihn, ließ sein Schwert zu Boden sinken und erwiderte lachend: „Was hab‘ ich dir gesagt. Die hat’s voll erwischt.“ Vor ihnen standen Duncan und Micky eng umschlungen und in einen leidenschaftlichen und tiefen Kuss versunken.
Sie bemerkten Joe und Richie. „Kann man nicht mal fünf Minuten ungestört sein?“ „Hier ist ja mehr Betrieb als während der Französischen Revolution“, erklärte Micky grinsend, aber mit einer leichten Schamröte auf den Wangen.
„Mac, ich dachte ihr duelliert euch. Aber wie ich sehe, habt ihr wohl die Fronten geklärt.“ „Allerdings“, erklärte dieser mit einem frechen Grinsen im Gesicht. Dann legte er einen Arm um Micky und führte sie zurück in Joe’s Pub.

 

Kanada, Vancouver, Duncans Dojo, in der Nacht.
Richie schlief in seinem Zimmer im Erdgeschoss des Trainingsstudios. Micky schlief in Duncans Bett und er selbst auf der Couch, ganz Gentleman. Nichts rührte sich. Fast nichts. Eine zierliche Gestalt, gehüllt in etwas Schwarzes, schlich sich durch die Räume. Es war Micky. Sie konnte nicht schlafen. Der Highlander hatte etwas in ihr entfacht, was sie schon lange nicht mehr gespürt hatte.

Duncan erwachte. „Hey, kannst du nicht schlafen?“ „Nein.“ „Kann ich etwas dagegen tun?“ Sie nickte und trat näher an die Couch heran. Oh, er sah so verdammt gut aus. Der trainierte Oberkörper zeichnete sich im Glimmen der letzten kleinen Flammen des Kamins deutlich in der Nacht ab. Sie zitterte.

„Ist dir kalt?“ Er wollte ihr eine Decke um die Schultern legen, doch sie lehnte ab. „Nein, mir ist nicht kalt.“ Micky griff sich an die Taille und öffnete eine Schlaufe. Duncans Kimono glitt an ihrem geschmeidigen Körper hinunter und fiel zu Boden. Duncan verschlug es die Sprache. Er bot ihr seine Hand an. Sie ergriff sie und ließ sich zu ihm ziehen. Zärtlich, sachte und erforschend berührte er nur mit den Fingerspitzen ihren Körper. Sie erbebte unter seinen Berührungen. Plötzlich stand er auf und nahm sie in seine starken Arme. Sie spürte seine Lippen, der Kuss zuckte durch sämtliche Fasern ihres Körpers, während er sie in sein Schlafzimmer trug...

Micky lag in den Armen des Highlanders und schlief tief und fest. Sie träumte. Es war eine Nacht der Toten. So viele Male hatte sie schon von ihrem Tod geträumt. Doch noch immer quälte sie dieser Traum, so dass sie nun leise wimmerte, als Maximillian sie erstach. Duncan rührte sich, wurde aber nicht wach. Er kuschelte sich näher an Micky an und schlief sofort wieder fest ein. Auch Micky sank tiefer in die Traumwelt hinein und träumte von Henrys Tod. Sie schrie auf. Nun wurde Duncan wach. Er schüttelte den Schlaf ab, zog sich Shirt und Jogginghose an und schlich sich hinunter.

„Kannst du nicht schlafen, Richie?“ „Und du?“ „Micky. Sie hat Alpträume. Irgend etwas quält sie. Sie rief nach einem Henry, nach Connor und als ich die Treppe hinunter ging nach Darius. Es ist schon verrückt, Richie. Ich kenne sie knapp einen Tag und sorge mich schon um sie.“ Er lächelte und reichte Richie ein Glas Rotwein. Duncan seufzte und prostete seinem Freund zu. „Auf die Frauen.“ Richie erwiderte den Toast und sagte: „Sie scheint nett zu sein?! Und du bist du so richtig verliebt, oder?“ Duncan hob eine Augenbraue. Richie grinste herausfordernd, woraufhin Duncan nickte. „Das ist klasse, Mac! Überleg‘ doch mal, wenn ihr zusammen bleibt, brauchst du nie mehr Angst zu haben, dass sie altert und du nicht.“ „Und wenn einer von uns den Kampf verliert? Du weißt, dass einige von uns glauben, dass es nicht nur einen geben muss. Nehmen wir mal an, das trifft zu. Dennoch verliert beim letzten oder vorletzten Kampf sie oder ich den Kopf, was dann? Ich habe das schon bei Freunden von mir erlebt. Es ist schon schwer, wenn du einen sterblichen Partner verlierst. Aber wenn deine Frau eine Unsterbliche ist und du sie verlierst, ist es noch tausend Mal schlimmer, glaub mir. Richie, du bist noch so jung. Und selbst ich bin fast ein Jahrhundert jünger als diese wunderschöne Frau, die dort oben in meinem Bett schläft. Und ich habe schon viele Gefährtinnen verloren. Jedes Mal stirbt ein kleiner Teil von dir selbst mit, wenn du sie zu Grabe trägst. Was glaubst du, wie viele Ehemänner und Liebhaber hat sie schon beerdigt?“ Richie erwiderte nichts, sondern nickte nur in Richtung Tür. Dort stand sie, gehüllt in Duncans Kimono, einem zarten Hauch von Nichts, das braune, lange Haar umspielte ihre wohlgeformten Rundungen.

„Sechs. Ich habe sechs Gefährten zu Grabe getragen. Mit zwei von ihnen war ich verheiratet. Henry starb bevor wir heiraten konnten. Er opferte sich für einen Freund. Naja, Darius, war eigentlich nicht wirklich mein Gefährte, aber es tut verdammt weh. Michel war meine Sünde, er war verheiratet. Mit Richard war ich in Amerika während der Sklavenbefreiung verheiratet. Davor war ich die Frau eines Cheyenne-Häuptlings, und mein letzter Gefährte war ein Hippie namens Brian. Er hat sich den goldenen Schuss gesetzt, während ich in einer Vorlesung in Berkley war.“

Micky betrat die Küche, nahm das ihr dargereichte Weinglas entgegen und setzte sich auf den Barhocker neben Duncan.

„Und Connor und Methos?“ „Du hast nach den Verstorbenen gefragt. Connor erfreut sich doch bester Gesundheit, oder? Genauso Methos. Ach ja, und im 16. Jahrhundert war ich Leibwächterin am chinesischen Kaiserhof...“ „Und?!“ fragte Duncan, woraufhin Micky verlegen grinste. „Und die Geliebte des Kaisers... Naja, was soll ich sagen, Männer mit Macht haben mich irgendwie angezogen. 1963 war ich wieder Leibwächterin bei einem mächtigen Mann, aber nicht seine Geliebte“, setzte sie sofort verteidigend dahinter. „Ich war die persönliche Leibwächterin von JFK.“ Duncan und Richie staunten. Doch Richie war verwirrt. „Moment, er wurde in Dallas erschossen. Wo warst du?“ Micky blickte traurig auf den Boden. „Bei einem Duell. Dieser Mistkerl Jackson hatte mich absichtlich am 22. November 63 herausgefordert. Kennedys Besuch in Dallas war ja lange vorher angekündigt gewesen. Wir bekämpften uns schon seit 200 Jahren. Jack, also der Präsident, wusste von meiner Unsterblichkeit und der Zusammenkunft und schickte mich ins Duell. Ich konnte ihn nicht überzeugen bei ihm zu bleiben, der Rest ist, wie es so schön heißt, Geschichte...“
Richie war neugierig geworden. Micky hatte einige interessante Zeiten der Menschheitsgeschichte angesprochen, doch sicher würde sie nicht sofort alles erzählen. Also fragte er nachdem, was ihn am meisten interessierte. Nämlich: „Wer war dieser Michel, deine Sünde?“ Sie nippte an dem köstlich duftenden Wein und holte tief Luft.
„Nun gut. Was ich euch jetzt erzähle, ist wahr. Ich habe nichts erfunden. Doch gibt es keine Beweise für meine Behauptungen.“ Die beiden Männer sahen sich verwundert an, dann fuhr Micky fort. „Er war Arzt, in Salon-Frankreich. Er hatte zwei Söhne, eine wunderschöne Frau und eine Geliebte. Mich.“ Sie bemerkte Richies Blick. „Anne hat es gewusst und akzeptiert. Er hat uns beide geliebt. Aber er und ich, das war mehr spirituell. Wie waren Seelenverwandte. Sofort als er mich kennen gelernt hatte, wusste er, dass ich eine Unsterbliche bin.“ Sie trank noch einen Schluck. „Und wer war er?“ drängte der ungestüme Richie. Micky lächelte. „Die Ungeduld der Jugend. Ich war auch mal so. Vor 400 Jahren.“ Duncan lachte. „Also weiter. Ich wurde seine Schülerin in den damals verbotenen Geheimwissenschaften wie Astrologie, Astronomie und Alchemie. Durch ihn konnte ich bei den genialsten Männern des 16. Jahrhunderts lernen.“ Duncan begriff und öffnete ungläubig den Mund. „Nein, das willst du mir doch nicht weiß machen, oder?“ Sie nickte. Und Richie verstand kein Wort. „Was? Wer?“ „Sie will uns erzählen, dass sie die Geliebte von Michel de Notredame war.“ Auch Richies Augen weiteten sich, als er begriff. „Nostradamus? Du und Nostradamus? Nein, oder? Aber der war doch so alt!“ Micky grinste.
„Richie, als ich ihn kennen lernte, war er ein attraktiver, junger Arzt.“
„Und seine Frau hat das gewusst?“ „Wir waren sogar Freundinnen. Sie wusste, dass man einen Mann wie Nostradamus nur so nehmen konnte, wie er war. Er liebte uns beide. Und nach seinem Tod hielt ich stets den Kontakt zu ihr. Und auch zu seinen Söhnen. Ich vermittelte ihnen das Wissen, das Michel ihnen vor seinem Tod nicht mehr weitergeben konnte oder wollte.“ Richie schüttelte fasziniert den Kopf. Währenddessen entfernte sich Duncan aus der Küche und begab sich in seine umfangreiche Bibliothek. Dort suchte er in seiner Almanach-Sammlung nach dem späten 16. Jahrhundert.

Als er gefunden hatte, was er suchte, kehrte er wenig später in die Küche zurück und las aus dem Buch vor: „An seinem Todestag sahen die Nachbarn eine Frauengestalt in einem schwarzen Umhang gehüllt durch die Hintertür des Arztes und Propheten Nostradamus schleichen...“ „Ich war immer sehr diskret, um die Familie und auch mich nicht in Verruf zu bringen.“ „Sie verließ das Haus angeblich erst wieder nach seinem Tod. Bis heute ist ungeklärt, wer die geheimnisvolle Dame war. Seine Geliebte, seine Schülerin? Kannte sie den Schlüssel zu den Prophezeiungen des Nostradamus?“ Micky fröstelte, als sie sich an den Tag erinnerte. „Ja, ich bin bei ihm gewesen, er starb in meinen Armen. Aber den Schlüssel zu den Prophezeiungen kenne ich nicht...“ Aber das war nur die halbe Wahrheit.

Mickys Gedanken reisten zurück in der Zeit.

 

Frankreich, Salon-de-Provence, 2. Juli 1566.
Anne hatte nach ihr schicken lassen. Es war etwas mit Michel. Seine Schülerin wusste was. Ihr Meister lag im Sterben, er selbst hatte dieses Datum vorausgesehen. Es war soweit.

Schnellen Schrittes eilte Michelle Dubois durch die Straßen von Salon. Die Rufe von Kindern, der Lärm auf dem Markplatz, nichts nahm sie wahr. Michel brauchte sie.

Kurz vor dem Haus der Notredames hüllte Michelle sich in einen schweren, schwarzen Umhang. Sicher würde dieser Tag in zukünftigen Geschichtsbüchern aufgeführt werden. Michel sollte als Ehrenmann sterben, nicht als Ehebrecher. Sollte die Menschheit sich das Hirn zermartern, wer diese geheimnisvolle Frau war. Ihr war alles egal, Michel starb. Ihr Prophet, ihr Lehrer, ihr Geliebter. Sie gemahnte sich zur Ruhe, bevor ihr Gehirn ausschaltete. Während ihrer Studien in Belgien hatte sie schon von solchen Fällen gelesen. Bevor das Gehirn ernstlichen Schaden nehmen konnte, schaltete es sich ab. Michelle wusste dies zu verhindern, sie wandte eine Meditationstechnik an, die sie in Japan in der Höhle des Hexenmeisters gelernt hatte.

Flink wie ein Wiesel betrat sie das Haus. Alle sprangen von ihren Stühlen in der Küche auf. Selbst die Königin Katharina war anwesend. Michelle legte den Mantel ab und machte einen demutsvollen Knicks vor der Königin. Die Söhne, inzwischen zu stattlichen, jungen Männern herangereift, stürmten auf sie zu. „Tante Michelle!“ Die Mutter ermahnte sie zur Ruhe. „Cesar, Charles, benehmt euch! Was soll Ihre Majestät von euch denken!“ Katharina winkte ab. „Meine liebe Anne, heute ist gewiss nicht der Tag für höfisches Getue.“ Dann wandte sie sich an Michelle. „Meine liebe, Comtesse. Er erwartet Euch bereits.“ Anne nickte. „Geh schnell hinauf.“ Michelle raffte ihre Röcke zusammen und eilte die Stufen zu Michels Schlafzimmer hinauf.

Sie betrat den Raum ohne anzuklopfen. Niemand außer ihr und Anne konnten dieses Privileg für sich beanspruchen.

Meister?“ Der inzwischen 63-jährige Nostradamus öffnete seine Augen und erblickte seine Schülerin. „Michelle. Meine Schülerin, meine Freundin, meine Geliebte...“ Er hustete schwer. „Nun, das ist einige Jahre her, nicht wahr?“ Er lachte und wurde von einem neuerlichen Hustenanfall erschüttert. Sein rotes Haar war ergraut. Aber seine Augen waren noch immer hellwach und prüften sie kritisch. Sie trat näher. „Michel, du wusstest, dass es so enden würde. Ich wollte fort, um uns allen den Kummer zu ersparen. Aber du hast mich nicht gelassen.“ Er nickte. „Du hättest mir und meiner Familie mehr Kummer bereitet, wenn du gegangen wärest, meine Liebe. Aber sag, was ist das für ein Loch in deinem Kleid?“ Sein Verstand und seine Augen waren noch immer messerscharf, trotz des bevorstehenden Endes.

Sie warf einen flüchtigen Blick auf ihr blaues Samtkleid und lächelte verlegen. „Annes Nachricht hat mich nach einem Duell erreicht, Meister. Was soll nur aus mir werden ohne Euch?“ Michelle war hin- und hergerissen zwischen dem Verlust des Meisters und ihres Geliebten.
Nostradamus ergriff ihre Hand mit einer unerwarteten Stärke. „Mein liebes Kind, du wirst noch viel erleben. Viel Gutes und auch viel Leid. Ich habe alles niedergeschrieben, was ich gesehen habe über dich und über die anderen Unsterblichen. Ich kenne deinen Weg.“ Sie schüttelte den Kopf. „Oh, Michel. Ich wollte schon den Schlüssel für die Prophezeiungen der Sterblichen nicht. Glaubst du wirklich, ich will die Zukunft der Unsterblichen kennen? Ich will nicht wissen, wie viele Gefährten ich zu Grabe tragen muss, bevor ich meinen Kopf verliere...“ Sie lächelte traurig und wünschte sich für einen kurzen Augenblick den Tod. Michel schüttelte energisch mit seinem Kopf. „Oh, Michelle. Du wirst das Glück finden bei einem Barbaren aus den Highlands. Du wirst vorher viel erleiden müssen, aber dann wird alles gut werden. Doch hüte dich, der Preis für die Liebe des Highlanders ist das Leben eines anderen Geliebten von dir. Und, mein kleines Äffchen, (diesen Kosenamen hatte er schon lange nicht mehr benutzt. Stets hatte er sie so geneckt, wenn sie wie ein Affe aufsprang und zum nächsten Duell eilte) du wirst deinen Kopf nicht verlieren. Es muss nicht nur Einen geben. Es kann, aber es muss nicht.“ Michelle legte ihm den Finger auf die spröden Lippen.

Schweig still, Michel. Ich möchte nichts mehr hören. Ich werde mein Schicksal erfüllen, was auch immer es sein mag.“ „Bitte nimm die Chronik der Unsterblichen an. Sie kann dir kostbare Dienste erweisen. Und nimm auch eine Kopie der anderen Cieclen... Bitte, Kind. Nutze dieses Wissen zum Wohle der Menschheit. Wähle stets weise zwischen unserer und deiner Welt. Sie sind enger verknüpft, als du denkst.“ Er hustete wieder, Michelle schreckte zusammen. „Fürchte dich nicht, Liebste. Ich werde immer über dich wachen, mein kleiner Engel...Komm näher. Ich möchte in deinen Armen diese Welt verlassen.“ Michelle sträubte sich. Dazu hatte sie weiß Gott kein Recht. „Aber, Michel. Dort unten warten deine Frau, deine Söhne, die Königin von Frankreich. Und du willst in den Armen deiner Geliebten, einer gottlosen Frau sterben? Einer Sünderin, einer Ehebrecherin?“ Er lachte. „Oh, mein kleines Äffchen. Du bist die gottesfürchtigste Person, die ich kenne. Und hat dich jemals jemand in diesem Haus oder am Königshof als Ehebrecherin oder Schlimmeres bezeichnet? Bist du nicht eine Freundin der Familie, Patin und Tante meiner Söhne? Vertraute der Königin? Und wirst du dich nicht nach meinem Tod meiner Familie annehmen und Katharina stets zur Seite stehen, solange sie regieren wird?“ Michelle nickte und wischte eine Träne fort. Dann rückte sie ganz nah an den alten Mann heran und legte behutsam seinen Kopf in ihren Schoß.
Leb wohl, Michel de Notredame.“ Sie küsste ihn, dann schloss er die Augen und verließ diese Welt. Sanft bettete sie seinen Kopf in die Kissen und verließ das Zimmer mit den Prophezeiungen im Arm.

 

Er hat uns verlassen. Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen, so lange mein Kopf auf meinen Schultern ruht, werde ich der Familie Notredame und allen nachfolgenden Generationen zur Seite stehen, ich werde Katharina treu dienen und den Namen unseres geliebten Nostradamus stets in Ehren halten.“ Alle Anwesenden bekreuzigten sich und nahmen einander in die Arme.
Und die Prophezeiungen?“ fragte die Königin und blickte auf die beiden Bücher. „Er hat sie mir anvertraut, ich werde sie sicher verwahren. Und Cesar hat sein Exemplar, das er in Ehren halten wird, nicht wahr?“ Er nickte ernst.
Michelle legte ihren Mantel an und wandte sich noch einmal an die Trauernden: „Entschuldigt mich jetzt bitte.“ Mit diesen Worten verließ sie das Haus und trauerte auf ihre ganz spezielle Art um Michel.

 

Kanada, Vancouver, Duncans Dojo, die Gegenwart.
"Nostradamus, wow!"
"Was hast du gesagt, ich war in Gedanken."
"Ich sagte, Nostradamus, wow!" Sie lächelte traurig.
"Richie, er war ein ganz normaler Mann... Okay, er war ein Genie... Und jetzt werde ich ins Bett gehen." Sie küsste Duncan und ging zurück ins Schlafzimmer.

„Sie ist eine tolle Frau, Mac.“ „Ja, in der Tat.“

Micky lächelte, als sie noch kurz hörte, was die Männer über sie sprachen. Anscheinend hatte sie nun den richtigen Barbaren aus den Highlands gefunden. Doch dafür waren zwei gute Männer, die sie sehr geliebt hatte, gestorben. Michel de Notredame traf eben immer ins Schwarze. Zumindest wenn man den Schlüssel zu den Chroniken kannte. Und der war sicher mit den beiden Büchern zusammen in Frankreich verwahrt. Kein Unsterblicher durfte je von ihnen erfahren. Auch nicht der Highlander, die Liebe, die ihr prophezeit worden war, vom größten Seher aller Zeiten.

 

 

4. Connor

 

Kanada, Vancouver, Duncans Dojo, am nächsten Tag.
Micky trainierte mit Duncan, sie wollten bereit sein für die Konfrontation mit Horton. Seit über einer Stunde ließen sie bereits die Schwerter klirren.

Richie beobachtete und studierte ihre Bewegungen, und versuchte durch seine Beobachtungen zu lernen. Er hatte eine Runde mit Duncan halbwegs mit Würde überstanden und ruhte sich aus für die nächste Runde mit Micky.

Sie kämpfte gut, das musste man ihr lassen. Gut, sie hatte fast ein Jahrhundert mehr Erfahrung als Mac und fast fünf Mal soviel wie Richie. Und sicherlich war sie nicht nur von Nakano unterwiesen worden. Mindestens zweimal in ihrem Leben war sie Leibwächterin gewesen, also musste sie verdammt gut sein. Richie spitzte die Ohren und lauschte dem Gespräch der beiden.

„Nun, meine liebe Comtesse. Ich wüsste nur zu gerne, woher du meinen Cousin kennst. Und was zwischen euch gewesen ist oder noch sein könnte...“ Sie blickte ihn herausfordernd an. „Eifersüchtig?“ Er erwiderte nichts. Ihre japanischen Schwerter trafen aufeinander und schlugen Funken. „Wenn du es unbedingt wissen willst, er hat den Tod Henrys verschuldet“, erklärte sie beinahe anteilnahmslos, voll und ganz auf das Training konzentriert. Ganz anders als Duncan, ihn brachte diese Aussage aus der Fassung. Er wurde unachtsam und sein hübsches Gegenüber verpasste ihm einen Schnitt am Arm.
Micky ließ sofort ihr Schwert fallen und stürzte auf MacLeod zu. “Duncan, es tut mir leid.“ „Ich werde nicht daran sterben“ Klar, witzig. Sie verpasste ihm einen Knuff in die Seite.
„Hey, Waffenstillstand. Hier, Mac. Drück‘ das auf die Wunde.“ Richie reichte ihm ein Tuch, mit dem Duncan den Schnitt abdrückte.
„Ich wollte dich bestimmt nicht aus der Fassung bringen.“ Sie blickte schuldbewusst zu Boden. Duncan hob mit dem Finger ihr Kinn an und blickte ihr in die Augen. „Ist schon ok. Aber sag mir, was hast du damit gemeint, dass mein Cousin Henrys Tod verschuldet hat.“ Micky lächelte traurig.
„Es war kurz nach dem Ausbruch der französischen Revolution, als mehr adelige Köpfe in Bastkörben lagen als Nahrungsmittel...“ Mickys Erinnerungen daran waren so frisch, als wäre es gestern gewesen.

 

Frankreich, Paris, 1789.
Connor MacLeod war hoch angesehen bei den Höchsten des Landes. Auf einer Dichterlesung im Chateau seiner Freundin Michelle Dubois hatte er ihren Verlobten den Comte Henry La Porte kennen gelernt. Die drei wurden gute Freunde und Michelle war hocherfreut in Connor einen erfahrenen Trainingspartner gefunden zu haben.

Und dann kam der 14. Juli 1789, der Tag, an dem alle alten Werte in Frage gestellt wurden. Ein Tag, den Paris im Blutrausch verbrachte. Jeder Adlige, den der Pöbel in die Finger bekam, konnte mit seiner Hinrichtung rechnen. Connor, obwohl ebenfalls als Freund des einfachen Volkes bekannt, wurde aufgrund seiner Kontakte bei Hofe sofort als Verräter arretiert. Henry und Michelle waren entsetzt, sie hatten bereits alles für eine Flucht nach Spanien vorbereitet. Nur Connor hatte noch gefehlt. Und nun saß er in Haft und wartete auf seine Hinrichtung – und das Schafott war selbst für einen Unsterblichen tödlich.

Henry blieb in seinen Augen keine Wahl, der Highlander musste weiter leben - und er musste sich dafür opfern. Michelle erzählte er, er würde Connor befreien und alle drei würden nach Spanien gehen. In Wahrheit konnte er nur den Platz mit Connor tauschen. Daher befahl er Michelle ausdrücklich, sofort abzureisen, die Männer würden schnellstmöglich in einem Gasthof zu ihr stoßen.

 

Natürlich hielt sich die eigensinnige Comtesse nicht daran und begab sich auf eigene Faust zurück in die Hölle von Paris, mitten in die Revolution.

Im Gefängnis angelangt hatte Henry zunächst mit Worten Connor zu überzeugen versucht. Doch da Connor sich nicht überzeugen ließ, schlug er ihn in einem günstigen Moment bewusstlos und tauschte mit ihm die Kleidung. Seine Begleitung, eine stadtbekannte Dame, führte den verkleideten und noch vom Schlag benebelten Connor hinaus und nahm noch etwas von Henry entgegen.

Hier, Madeleine. Gebt diesen Brief an den Highlander und den hier an meine geliebte Michelle. Sie werden verstehen. Und nun rasch.“

Michelle erreichte den Platz der Hinrichtungen gerade, als man Henry auf die Guillotine führte. Sie wollte schreien, aber jemand legte ihr seine warme, starke Hand auf die Schulter. „Bitte, Madame, schweigt still, oder sollen wir alle drei sterben?“ Sie drehte sich um und blickte in die von Trauer und tiefem Bedauern erfüllten Augen des Highlanders.
Nein, natürlich nicht. Aber warum hat er das getan?“ Er hielt er einen Brief hin. „Dies hat er Euch hinterlassen, Madame. Ihr könnt ihn später lesen, wenn ich Euch in Sicherheit gebracht habe. Und nun folgt mir bitte.“ Er legte mit Nachdruck seine Hand auf ihre Schulter. Doch sie rührte sich nicht.

Schließlich drehte sich um und blickte ihm mit Tränen in den Augen und vorgestrecktem Kinn in seine traurigen Augen.
Gott ist mein Zeuge, Connor MacLeod, wenn Ihr mich jetzt zwingt mit Euch zu gehen, bevor es vorbei ist, werde ich schreien, als stände der Leibhaftige selbst vor mir. Und dann gehen wir alle zusammen in den Tod. Lasst mich mein Schicksal erfüllen und erfüllt das Eure.“ Er ließ sie sofort los und spürte einen tiefen, heftigen Schmerz in seinem Herzen. Er bewunderte den Mut und die Tapferkeit dieser Frau und blickte beschämt über sein eigenes schändliches Verhalten zu Boden.

Das Urteil wurde verkündet. „Connor MacLeod, Ihr wurdet als Verräter des französischen Volkes zum Tode durch die Guillotine verurteilt. Habt Ihr noch etwas zu sagen?“ Connor (Henry) nickte und leckte sich die Lippen. Augenblicklich verstummte der grölende Mob.

Henry war klar, dass er keine Gnade erwarten konnte, nicht in diesen Tagen. Aber es gab da noch etwas, das ihm nie über die Lippen gekommen war. Er trat einen Schritt nach vorne.

Nur eines noch und dann trete ich meinem Schöpfer gegenüber und bitte um Vergebung für meine Sünden.“ Die Menschenmenge schrie gierig, sie wollten Blut sehen.
Ich liebe dich, Michelle.“ Er sprach es nicht laut aus, aber Michelle verstand. Die junge Frau presste eine Hand vor den Mund und die andere an ihr Herz und unterdrückte einen Schrei.

Henry trat vor den Henker, kniete sich nieder und einen Augenblick später sauste das Beil herunter – und es war vorüber. Michelle fiel in Ohnmacht. Connor hob sie auf seine Arme und trug sie durch die geifernde Menge. Er floh mit ihr nach Spanien, so wie Henry es geplant hatte.

 

Kanada, Vancouver, Duncans Dojo, die Gegenwart.
„Und seit diesem Tag sucht mich Connor jedes Jahr an Henrys Todestag auf. Es ist seine Art der Sühne. Er nennt es eine Lebensschuld abtragen. Jedes Jahr hat er mich gefunden, selbst während der Weltkriege. Jahr für Jahr kommt er...“
„Und bald ist es wieder soweit, stimmt doch, oder?“ Sie nickte. „Aber woher weißt du?“ „Du hast im Traum geredet. Du sprachst von Darius, Henry und Connor.“ „Ja, in der Tat. Heute ist der Tag.“ Wie aufs Stichwort zuckten alle drei zusammen und blickten in Richtung Tür. Dort stand er, gekleidet in einen langen, braunen Trenchcoat mit kurzem Haar, anders als sein Cousin es trug.

„Connor!“ rief Michelle erfreut, sprang auf und rannte in seine Arme.

Duncan und Richie warfen sich verwunderte Blicke zu. Anscheinend hegte Micky keinen Groll gegen Connor.

Micky strahlte und gab Connor einen Kuss auf die Wange. Duncan spürte einen Anflug von Eifersucht. Was bedeutete sein Cousin ihr? Er würde es herausfinden. Gemächlichen Schrittes ging er auf Connor zu. „Hallo, Connor.“ „Hallo, Duncan.“ Sie musterten sich ernst, wie seit Jahrhunderten. Dann grinsten sie dreist und schlossen sich in die Arme.
„Also, du hast das Herz der schönen Comtesse erobert“, bemerkte Connor, über eine Tasse Capuccino in der Küche gebeugt. Als er den Kopf hob, grinste er wohl wissend. Micky zog sich gerade um, also konnten sie ungestört reden.
„Du hattest also was mit ihr?“ „Ja, aber kein Grund zur Eifersucht. Ich habe ihre Beziehungen stets respektiert. Und die zu dir ganz besonders. Wie lange seit ihr zusammen?“ Duncan grinste. „Seit gestern. Wir haben uns duelliert und dann geküsst.“ Connor lachte laut, worauf sein Cousin ihm bedeutete leiser zu sein. „Du kennst sie einen Tag und bist schon eifersüchtig?“ Duncan blickte ihm wissend entgegen. „OK, wir hatten schon öfters Streit wegen Frauen. Aber nicht wegen Micky. Ich konnte nie so für sie da sein, wie ich es gern gewesen wäre. Mich hält es nie irgendwo lange. Micky dagegen hält es fünfzig Jahre an dem selben Ort aus. Ich glaube, seit sie ihren letzten Arbeitgeber zu Grabe getragen hat, lebt sie in ihrem Loft in Paris als Künstlerin und Antiquitätenhändlerin.“ „Seit Kennedys Tod ist sie in Paris? Alle Achtung. Selbst ich ziehe öfter um.“ Connors Augen nahmen einen traurigen Blick an. „Ich hätte mich gerne besser um sie gekümmert. Ich verdanke ihr und Henry mein Leben. Sie hätte mich auch verraten können um ihn zu retten.“ „Ich kenne die Geschichte. Jedes Jahr an Henrys Todestag kommst du zu ihr. Aber verrate mir eins, Cousin, wie hast du sie gefunden? Sie ist doch ziemlich überstürzt abgereist.“ „Oh, das war nicht schwer. Wir treffen uns eigentlich immer in ihrem Chateau, dort ist Henry begraben. Wenn ich sie dort nicht antreffe, ist sie verhindert, hat mir aber eine Nachricht hinterlassen, wo ich sie finden kann.“ „Sie hat wohl kaum meine Adresse hinterlassen, oder? Immerhin hatte Methos sie von Darius‘ Tod informiert.“ „Doch. Sie hinterließ ein Wort: Duncan. Dann habe ich im Internet recherchiert, was passiert war. Ob dir etwas passiert war, oder jemandem, den ihr beide kennt. Ich fand heraus, dass ein Mönch in Vancouver hingerichtet worden war. Bruder Darius. Mir war klar, dass Micky dich auf der Beerdigung kennen lernen würde, und dass du sie mitnehmen würdest. Ich kenne dich doch, Cousin, du konntest noch nie einer schönen Frau widerstehen. Schon gar keiner wie unserer Comtesse.“
„Was erzählst du für Geschichten über mich, Connor MacLeod?“ Sie trug ein blumiges Sommerkleid, ihr Haar war hochgesteckt, nur einige Strähnen umspielten verführerisch ihr Gesicht und bildeten einen perfekten Rahmen.

Bei diesem Anblick bekamen Connor, Duncan und selbst oder besser natürlich auch Richie große Augen.

„Was ist? Stimmt etwas nicht?“ „Nein, nein. Du siehst nur wunderschön aus“, erklärten die drei übereinstimmend. Micky lachte. „Jetzt reißt euch aber mal zusammen! Kerle!“ Sie blickte lachend gen Himmel, als würde sie von dort eine Antwort erhalten. Dann schritt sie energisch in die Küche und setzte sich neben Duncan auf den Barhocker und Connor gegenüber. Der genoss den Ausblick sichtlich, bis Duncan ihn ertappte. „Hey, wo starrst du denn hin?“ Sie lachten, Connor hob entschuldigend die Hände. „Alte Gewohnheiten. Aber jetzt mal ernsthaft. Was wollt ihr wegen Darius unternehmen?“ Sofort wurden sie ernst.
„Darius wurde von keinem Unsterblichen getötet.“ Micky und Duncan erzählten Connor die Hintergründe von Darius‘ Tod. Als sie geendet hatten, erklärte Connor: „Das erschwert die Sache, vor allem dieser Joe könnte euch Schwierigkeiten machen.“ „Nicht wenn wir Horton eine Falle stellen und ihn der Polizei übergeben. Wir können Horton nicht töten, ohne den Zorn sämtlicher Beobachter auf uns zu ziehen. Wenn wir ihn aber der Justiz übergeben, kommt er ins Gefängnis. Überlegt doch mal, in den Augen der Sterblichen wurde ein Mönch hingerichtet. Horton bekommt dafür lebenslänglich. Und Joe kann sich um Hortons Splittergruppe kümmern.“

 

Inzwischen war es Abend geworden. Alle waren müde nach den stundenlangen Diskussionen und geschmiedeten Plänen. Sie gingen zu Bett.

Micky zog ihr Kleid aus und legte es über einen Stuhl. Duncan beobachtete sie. Sie nahm eine Bürste setzte sich neben Duncan und bürstete ihr langes Haar, noch immer von ihm beobachtet. Schließlich nahm er ihr die Bürste aus der Hand und warf sie achtlos zu Boden. Micky drehte sich zu ihm um, er küsste sie. Zuerst den Mund, langsam und zärtlich. Dann den Hals, immer weiter hinunter. Er streifte behutsam die Träger ihres Negligés hinunter, Micky erhob sich und ließ es zu Boden sinken. Sie griff an Duncans weißes Hemd und zog es ihm aus. Duncan umarmte sie und legte sie auf das weiche Bett. Küssend erforschend sie einander.

Als Duncan sich schließlich mit ihr vereinigte, explodierte ein Ozean aus Gefühlen in Micky. Sie vergaßen alles um sich. In diesem Moment gab es nur zwei Menschen auf der Erde und diese beiden Menschen hatten die Liebe gefunden. Für die Ewigkeit. Ihre Seelen hatten sich gefunden und miteinander vereint. Das wovon die meisten Sterblichen ihr Leben lang träumen und es oft nicht fanden, hatten diese beiden Unsterblichen gefunden. Die wahre, unsterbliche Liebe zwischen Mann und Frau. In dieser Nacht feierten sie ihre Liebe, als gebe es kein Morgen da draußen. Und als der neue Tag gegen die Nacht ankämpfte und schließlich gewann, lagen die beiden glücklich Arm in Arm und beobachteten den Sonnenaufgang.

„Bleib bei mir, Micky Dubois. Ich möchte für immer mit dir zusammensein.“ Sie lächelte. „Duncan, das möchte ich gerne.“ „Aber?“ „Ich habe Aufgaben in Paris. Ich muss zwei Ausstellungen auf die Beine stellen. Ich muss ein Gemälde fertigstellen.“ „Dann komme ich mit dir. Micky, ich will keinen Tag mehr ohne dich sein. Selbst wenn wir hundert oder tausend Jahre zusammensein können, ist jede Sekunde ohne dich eine Qual... Gott, ist das schnullzig!“ Sie legte ihm einen Finger auf die Lippen. „Nein, das ist es nicht. Es ist schön. Aber was ist mit dem Studio?“ „Richie kann es leiten. Und falls er mitkommen will, finde ich schon jemanden, der es leitet oder kauft.“ „In Ordnung, wenn wir Horton gestellt haben, gehen wir alle zusammen nach Paris.“ Duncan lächelte glücklich und küsste sie.

 

 

5. Horton

 

Kanada, Vancouver, Joes Bar, am nächsten Tag.
Joe Dawson war erleichtert, als er den Plan erklärt bekam. Lieber sah er Horton hinter Gittern als sechs Fuß tief unter der Erde. Guten Gewissens konnte er nun abwarten, was passieren würde. Er hatte die Befürchtung gehabt, sich gegen Duncan und seine Freunde und für Horton entscheiden zu müssen, weil der mit seiner Schwester verheiratet war. Aber Horton war ein Mörder, und dafür musste er bestraft werden. Und zwar nach den Gesetzen der Sterblichen.

Doch leider konnte Joe sich nicht zurücklehnen. Er war ein wichtiger Faktor des Planes, er sollte Horton das Geständnis entlocken. Natürlich ohne die Unsterblichen zu involvieren.

„Na gut, Mac. Ich habe wohl keine Wahl. Es ist besser, dass Horton ins Gefängnis geht.“ Er seufzte. „Ich helfe euch. Was muss ich tun?“ „Gut, wir werden dich verkabeln. Horton vertraut dir. Du wirst ihn fragen, was er über den Tod von Darius weiß. Du brauchst die Beobachter nicht zu erwähnen und die Unsterblichen auch nicht. Das einzige, was wir von Horton wollen, ist das er sagt, dass er Darius getötet. Das warum kann er der Polizei erklären.“ Joe nickte. Micky ergriff das Wort. „Ich besorge nachher die Ausrüstung, machen Sie ein Treffen mit dem Kerl aus.“ Sie spürte Duncans festen Griff um ihre Hand unter dem Tisch. „Verzeihung, ich meinte, mit Horton.“ Duncan nickte ihr von den anderen unbemerkt zu.

Als Joe aufstand und auf seinen Stock gestützt zum Telefon ging, gab Duncan seiner Freundin einen Kuss auf die Wange. „Danke“, erklärte er. „Wofür?“ „Dafür, dass du Joes Gefühle respektierst. Die Situation ist wirklich schwer für ihn. Er liebt seine Schwester sehr. Und dass Horton seine Macht bei den Beobachtern so ausgenutzt hat, ist für ihn nahezu unerträglich.“

Joe kam vom Tresen zurück und setzte sich wieder. „Ok, ich treffe mich um neun heute Abend mit ihm. Micky, wo bekommen Sie Ihre Ausrüstung her?“ „Was? Haben Sie nicht meine Akten durchgesehen, Joe?“ Er schüttelte den Kopf. „Ich war der Bodyguard von JFK. Und bevor jetzt ein blöder Spruch kommt, ich hatte ein Duell, als er starb. Und glauben Sie mir, Joe, ich wäre liebend gerne an Jacks Stelle gestorben, als Jacky und den Kindern anschließend unter die Augen treten zu müssen. Und als Junior dann bei der Beerdigung salutierte, bin ich davon gerannt, weil ich meine Schuld nicht ertragen konnte.“ Joe ergriff ihre Hand und drückte sie. „Es tut mir leid, ich wollte keine alte Wunde aufreißen.“ „Schon ok, Joe. Es war vor 33 Jahren, für euch Sterbliche eine lange Zeit, aber für jemand, der bereits 496 Jahre alt ist, ist das noch nicht lange genug um zu vergessen und Vergebung zu erlangen... Jacky hat sogar versucht mich zu finden. Selbst als sie Mrs. Onassis war.“ „Woher...“ „Ich habe einen Freund bei der CIA, von ihm bekomme ich auch die Ausrüstung. Naja, er gab mir immer einen Tipp, wenn Jacky nach mir suchte. Aber sie suchte nach Micky Dante. Als ich nach Frankreich zurück ging, hieß ich wieder Micky Dubois. Heute weiß ich, dass sie mir sagen wollte, dass Jacks Tod nicht meine Schuld gewesen ist. Sie hat einen Brief hinterlassen, den mein Freund beim CIA mir geschickt hatte nach ihrem Tod.“ Sie stand auf. „So, ich werde alles besorgen. Ach, Duncan, schau dich um wegen einem Leiter für das Studio.“ Joe verstand kein Wort. „Was?“ „Wir gehen nach Paris. Zusammen. Richie, was ist, kommst du mit? Wir haben ein Loft und mein Hausboot auf der Seine. Platz ist genug.“ Richie strahlte. „Klar, Mac. Ich hör mich auch mal um wegen des Studios.“ Dann war ja alles geklärt. Nur Joe verstand kein Wort.

Micky küsste Duncan und verließ das Lokal, gefolgt von Richie. Duncan und Joe blieben zurück.

„Mac, was ist hier los? Du kennst die Frau seit zwei Tagen und willst ihr schon nach Paris folgen?“ Mac trat hinter Bar und machte sich einen Kaffee. „Joe, warst du schon mal so richtig verliebt? Nicht die Schmetterlinge, ich rede von der wahren Liebe. Du glaubst, du drehst durch, wenn du nicht jeden Augenblick bei ihr sein kannst. Wenn sie lächelt, geht die Sonne auf und du willst dich an ihrer Schönheit weiden.“ „Mac, du hast einen Knall!“ „Mag sein. Aber ich liebe sie, Joe. Was hält mich denn hier? Das Studio? Das war zum Zeitvertreib, damit ich nicht verrückt wurde nach Tessas Tod. Ich habe keine Aufgabe hier. In Paris kann ich wieder mit Antiquitäten handeln, mit Micky zusammen. Sie bereitet gerade zwei Ausstellungen vor. Ich kann ihr helfen. Ich dachte, ich könnte nie wieder jemanden so lieben wie Tessa. Aber Micky hat mich eines besseren belehrt.“ „Du brauchst dich nicht zu verteidigen, MacLeod. Ich will nur nicht, dass dir weh getan wird.“ Duncan lächelte gerührt. „Ich habe mit Connor über sie gesprochen. Sie ist ok.“ Joe packte unter den Tresen. „Hier ist ihre Chronik. Es steht in der Tat nichts Negatives über sie drin. Sie war immer sehr sesshaft und treu. Einmal war sie verheiratet.“ „Zweimal, du vergisst den Cheyenne-Häuptling. Ich weiß auch, dass sie was mit Connor hatte, ich kenne die Geschichte mit Darius, mit Henry, mit Methos, mit Nostradamus.“ Joe wurde hellhörig. „Moment, wie war das? Nostradamus?“ „Ja, steht das bei euch nicht drinnen?“ „Nun ja, zwischen ihrer Zeit bei Nakano und 1566 gibt es Lücken. Sie hatte wohl eine Affäre, man weiß nur nicht mit wem.“ „Sie war Nostradamus‘ Schülerin und Geliebte. Sie hat es mir erzählt. Und alles andere, was ich wissen muss, wird sie mir auch noch erzählen, also bring ihre Chronik zurück in die Zentrale. Und in meine kannst du eintragen, dass der Highlander verliebt ist und nach Paris gehen wird.“ Er stellte seine leere Tasse in die Spüle und legte Geld hin. Dann schlug er mit der Hand auf die Theke, grinste und ging.
„Hey, Mac.“ Er drehte sich noch einmal um. „Du bist verrückt!“ „Ich weiß!“ Joe lachte.

Joe und Horton trafen sich um neun Uhr abends in einer alten Lagerhalle. Joe war von Micky verkabelt worden. Sie saß mit Duncan in seinem Thunderbird, Richie auf dem Rücksitz.

„Sag mal, was machen wir dem schönen Auto?“ „Was denkst du, den nehmen wir natürlich mit. Ich habe nicht vor in nächster Zeit zurückzukommen.“ Micky lächelte und konzentrierte sich wieder auf die Tonbandaufzeichnung.

„Hallo, Joe. Was ist los?“ Sie gaben sich die Hand. „James, mir ist zu Ohren gekommen, dass du und deine Abteilung etwas mit dem Tod von Bruder Darius zu tun habt.“ „Und wenn es so wäre, Joe?“ Er schüttelte mit dem Kopf. „James, das war ein Mord.“ „Ja, es war ein Mord. Wo ist das Problem?“ „Es ist nicht unsere Aufgabe. Wir mischen uns nicht ein, wir beobachten.“ „Er war gefährlich, deswegen haben wir ihn erledigt, Joe. Wer uns gefährlich erscheint, den schalten wir aus.“ „Er war ein Mönch, James. Du hast einen Mönch getötet. Wie kannst du meiner Schwester noch in die Augen sehen?“ „Hey, ich liebe deine Schwester. Die Welt ist sicherer ohne Darius und seine Freunde. Ich würde es jederzeit wieder tun, um die Welt ein kleines bisschen sicherer für uns und für deine Schwester zu machen.“ Joe schüttelte mit dem Kopf und wandte sich ab.
„Du enttäuschst mich.“ Das war das Zeichen. Polizeisirenen ertönten. Horton kapierte sofort. „Du hast mich reingelegt, Joe. Was soll das? Er war eine Gefahr, siehst du das nicht?“ „Die einzige Gefahr, James, die ich hier sehe, bist du.“ Joe humpelte davon und unterdrückte seine Tränen.

Er klopfte mit seinem Stock an ein Autofenster, das sofort heruntergelassen wurde. „Seit ihr zufrieden?“ Die drei stiegen aus. Micky umarmte Joe, dann kam Duncan auf ihn zu und legte seine Hand auf Joes Schulter.
„Du hast das Richtige getan. Horton hat getötet. Egal ob Darius unsterblich war oder nicht.“ Joe nickte traurig und ging zu seinem Auto.

 

Kanada, Vancouver, der Parkplatz vor Darius‘ Kloster, am nächsten Tag.
Joe stieg aus dem Auto und entdeckte Richie. „Hey Joe, haben die beiden dich auch herbestellt?“ „Ja, was ist denn los?“ „Keine Ahnung, gehen wir rein und sehen nach.“

Sie betraten die kühle Kirche und sahen Micky und Duncan mit einem Priester reden. Micky drehte sich um und lächelte, dann flüsterte sie mit Duncan.

„Die werden uns für verrückt erklären, weißt du?“ „Klar, und was sagst du? Sind wir verrückt?“ Der Priester lächelte.
„Mac, was geht hier vor?... Moment, ich glaube, ich will es gar nicht wissen. Ihr wollt doch nicht...“ Duncan nickte. „Doch, Joe. Wir heiraten. Und ihr beide seit unsere Trauzeugen.“ Bevor Joe antworten konnte, zuckten die drei Unsterblichen zusammen und blickten in Richtung Ausgang.
„Was, ihr wollt ohne mich heiraten?“ Methos stand dreist grinsend vor dem Weihwasserbecken. Doch er war nicht der letzte, der die Kirche betrat.
„Connor!“ riefen Micky und Duncan gleichzeitig. „Ihr habt doch nicht geglaubt, dass ich mir die Hochzeit meines Cousins entgehen lasse, oder?“
Methos und Connor schritten neben einander auf den Altar zu. „Die beiden sind total durchgeknallt, oder Connor?“ „Tja, die Liebe geht seltsame Wege. Das sollte ein Mann, der 5.000 Jahre alt ist, doch eigentlich wissen. Oder?“ „Sie spinnen trotzdem. Micky hat ihn wahrscheinlich genauso verhext wie dich und mich. Und bei euch Schotten scheint es recht einfach zu gehen. Tja, ihr Typen aus den Highlands habt ja die Luft hier unten noch nie so recht vertragen.“ Connor lachte leise.

„Können wir nun beginnen, oder erwarten Sie noch weitere Gäste?“ „Beginnen Sie, Father.“ Er nickte. Alle nahmen Aufstellung. Micky und Duncan hatten sich für eine schlichte Trauung entschieden. Duncan trug ein weißes Hemd und dunkle Hosen. Micky ein luftiges Sommerkleid.

„Willst du, Duncan MacLeod vom Clan der MacLeods, diese Frau, Comtesse Michelle Dubois, zu deiner Ehefrau nehmen? Sie lieben, achten und ehren und an ihrer Seite kämpfen bis zum Tag der Zusammenkunft oder darüber hinaus, sollte das Gottes Wille sein?“ Man warf sich verwunderte Blicke zu, doch dann verstanden sie. Der Priester wusste von den Unsterblichen und traute sie mit dem entsprechenden Schwur, den zwei Unsterbliche sich leisteten.
Duncan lächelte Micky an und erklärte: „Das will ich.“ Der Priester nickte. „Und du, Comtesse Michelle Dubois, willst du Duncan MacLeod vom Clan der MacLeods zu deinem Ehemann nehmen? Ihn lieben, achten und ehren und an seiner Seite kämpfen bis zum Tag der Zusammenkunft oder darüber hinaus, sollte das Gottes Wille sein?“ „Ja, das will ich.“ „Tauscht nun die Ringe." Sie taten, was der Priester verlangt hatte. „Hiermit erkläre ich diese beiden zu Mann und Frau. Du darfst die Braut küssen.“ Duncan und Micky lächelten sich an und küssten sich...

 

 

6. Neue Wege

 

Kanada, Vancouver, Joes Bar, nach der Trauung.
Sie feierten im Joe’s. An einem kleinen Tisch inmitten der übrigen Gäste. Nach zwei prachtvollen Hochzeiten hatte Micky wahrlich kein Interesse mehr an einem großen Premborium.

Joe brachte ein Tablett mit Champagner. „Denkst du immer noch, dass wir einen Knall haben, Joe?“ „Oh ja, Micky, das denke ich. Aber solange ihr glücklich werdet, ist das doch egal.“ Er lachte. „Wie wirst du denn nun heißen, Comtesse?“ Eine berechtigte Frage von Seiten Connors. „Ich hatte schon so viele Namen. Aber ich denke, Micky MacLeod hört sich verdammt gut an.“ Richie nahm sein Glas in die Hand und erhob es. „Auf Micky und Duncan MacLeod.“ Die anderen fielen in den Toast ein...

 

Frankreich, Paris, zwei Wochen später.
Duncan betrat mit einer Tüte voll frisch gebackener, duftender Croissants das Hausboot.
„Micky, Frühstück.“ Er ging unter Deck und sah sich nach seiner Frau um. Sie lief hektisch umher, schwang ihr Schwert und warf sich ihren Mantel über.
„Was ist los, wo willst du hin?“ „Ich hatte einen sehr merkwürdigen Anruf. Von jemanden, der eigentlich tot sein sollte.“ Duncan verstand kein Wort.
„Ich hab dir doch von Brian erzählt.“ „Dein Freund in Berkley, der an einer Überdosis gestorben ist?“ „Genau der. Brian hat mich eben angerufen und um ein Treffen gebeten. Ich glaube, er ist durch seinen Tod ein Unsterblicher geworden.“ „Geh nicht, Micky. Du hast keine Ahnung, wie gut er ist. Lass mich gehen.“ Micky schnaubte. „So haben wir nicht gewettet, MacLeod! Als wir geheiratet haben, war klar, dass wir uns nicht in die Kämpfe des anderen einmischen werden.“ „Falsch, wir haben vor dem Priester geschworen, Seite an Seite zu kämpfen. Ich komme mit.“ „Ok, aber wenn Brian mich herausfordert, kämpfe ich, du nimmst mir das nicht ab. Schwöre.“ Er nickte. „Dann schnapp dir dein Schwert, Highlander, und komm!“
Sie trafen im Jardin de Louxembourg gegen zehn Uhr ein. Es war ein sonniger Morgen.

„Halt dich zurück, Duncan.“ „In Ordnung, du aber auch.“ Micky ging weiter, Duncan folgte ihr in einigem Abstand.

 

Frankreich, Paris, Jardin de Louxembourg, wenig später.
Da stand er am Brunnen. Brian Walker. Blondes Haar, stattlich gebaut und unter seinem Mantel zeichnete sich ein Schwert ab. Sie hatte seine Gegenwart bereits vor Minuten gespürt.

Micky atmete tief durch. „Brian. Du bist es also wirklich.“ „Hallo, Micky.“ Er bemerkte Duncan. „Wer ist der Kerl?“ Micky drehte sich um. „Duncan MacLeod. Mein Ehemann.“ „Du hast aber lange getrauert.“ „Oh nein, Brian. Nicht auf die Tour. Du hast dich umgebracht, du hast das Heroin mehr geliebt als mich. Ich habe keine Schuld. Und da du jetzt zu uns gehörst, weißt du, dass es nur eine Frage der Zeit gewesen ist.“ „Ja, ich gehöre dazu und es war verdammt hart, niemand hat mir erzählt, was das sollte. Ich war verwirrt, verängstigt und du warst nicht da, als ich im Leichenschauhaus erwachte.“ „Brian, ich war nicht dazu bestimmt, dich zu begleiten, sonst hätte ich es gewusst. So läuft das bei uns.“ Brian zog sein Schwert. Duncan zog das seine. „Duncan, halt dich da raus! Brian, sei vernünftig! Ich kämpfe seit Jahrhunderten und du erst seit einigen Jahren. Du kannst nicht gewinnen!“ „Micky, du hast mich verraten und jetzt hol ich mir deinen Kopf!“ Er griff an, Micky wehrte ab. Duncan rannte näher. Er konnte nicht eingreifen. Der Kampf hatte begonnen. Er konnte nur zusehen.
 

Micky gewann nach kurzer Zeit die Oberhand. Sie verpasste Brian eine Bauchwunde, er sank zu Boden. Micky holte aus und trennte seinen Kopf von seinen Schultern. Der Leichnam sackte zusammen. Die Energie wurde freigesetzt. Micky sank auf die Knie und hob ihr Schwert mit beiden Händen über ihren Kopf.

Als die Energie auf Micky überging, schrie sie vor Qual auf. Aber nicht die Energie tat ihr weh, sondern ihre Seele. Sie hatte einen Mann, den sie geliebt hatte, nun zum zweiten Mal verloren. Durch ihre Hand.

Sie sank zusammen und ließ ihr Schwert fallen. Duncan rannte zu ihr und half ihr auf die Beine. „Micky, alles ok? Bist du verletzt?“ Sie schüttelte den Kopf. „Bring mich heim, Mac.“ Er nahm ihr Schwert und steckte es unter seinen Mantel. Dann legte er den Arm um seine Frau und führte sie aus dem Jardin.
 

Frankreich, Paris, Duncans Hausboot, nach dem Duell.
Micky lag im Bett und wischte sich einige Tränen aus den Augen. Duncan trat mit einem Tablett näher. Er stellte es neben Micky ab und setzte sich. „Du solltest etwas essen.“ Sie griff nach einem Croissant und einer Tasse Kaffee. „Du hattest keine Wahl. Er wollte deinen Kopf.“ „Ich weiß, Duncan. Ich hatte damals Glück. Darius war da. Brian wäre vielleicht auch anders geworden, wenn ich ihn hätte in Empfang nehmen können.“ Duncan strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Lieb mich Duncan, jetzt. Ich brauche dich.“ Er lächelte verständnisvoll und stellte das Frühstückstablett auf den Fußboden. Er griff nach einer Fernbedienung. Das Licht ging aus, die Stereoanlage an und die Rolläden wurden heruntergefahren. „Zufrieden?“ fragte er herausfordernd. „Noch lange nicht, Highlander.“ Er grinste, beugte sich über sie und küsste sie leidenschaftlich. Seine Hand glitt unter ihren Kimono, als plötzlich... „Mac, Micky, seid ihr zu Hause?“ „Nein, Richie. Dies ist der automatische Anrufbeantworter der MacLeods. Wir befinden uns gerade in den Highlands. Hinterlass‘ eine Nachricht, wir melden uns dann. Piep.“ Richie stand grinsend vor dem erhöhten Schlafbereich des Hausbootes.
„Haha, sehr witzig, Mac. Stör ich?“ „Wie kommst du denn darauf, Richie? Kann man Frischverheiratete stören? Nein. Nie und nimmer.“ „Sind wir heute etwas gereizt, Mrs. MacLeod? Ich wollte nur berichten, dass ich die Gemälde in die Galerie gebracht habe...“ „Richie, dafür gibt’s eine Erfindung von einem Menschen namens Bell. Telefon. Schon mal gehört?“ „Na gut, ich hab‘ in den Nachrichten gehört, dass im Jardin die Leiche eines jungen Mannes gefunden wurde, eines kopflosen Mannes. Habt ihr was damit zu tun? Ich war es nämlich nicht.“ Micky schnürte ihren Kimono zu und stand aus dem Bett auf.
„Ich war das. Er war mein Gefährte aus Berkley. Brian.“ „Ich dachte, der wäre an Drogen gestorben.“ Micky seufzte und ging in die Küche. „Dachte ich auch, er wurde zu einem Unsterblichen. Er wollte meinen Kopf, da musste ich mir seinen holen. Ende der Geschichte.“ Richie hob verteidigend die Hände. „Hey Comtesse, ich wusste nicht, dass ich da einen wunden Punkt anschneide. Sorry, ehrlich. Ich verschwinde. Wir sehen uns heute Abend bei der Vernissage.“ Richie wandte sich zum Gehen und warf noch einen kurzen Blick auf MacLeod. Dieser nickte dankbar, dass Richie nicht weiter nachhakte, sondern Mickys Gefühle respektierte.


Als Richie gegangen war, schloss MacLeod die Tür ab und ging zu seiner Frau. Er ergriff ihre Hand und führte sie zum Bett zurück. Micky standen die Tränen in den Augen. Sie schämte sich ihrer Tat. Wie hatte es soweit kommen können? Hätte sie es irgendwie verhindern können? Im Moment konnte sie keinen klaren Gedanken fassen. Sie wollte auch nicht nachdenken. Sie eliminierte jeden Gedanken an Brian aus ihrem Kopf und ließ sich von ihren Instinkten leiten.

Sie spürte Duncans Küsse auf ihrem Hals. Zärtlich fuhr sie durch sein braunes Haar und öffnete seinen Pferdeschwanz. Küssend erforschte Duncan jeden Zentimeter ihres geschmeidigen Körpers. Mit ihren Fingernägeln fuhr sie auf Duncans Rücken entlang, während dieser sich langsam nach unten arbeitete. Er umspielte mit der Zunge ihren Bauchnabel, so dass sie leise aufstöhnte. Eine Gänsehaut überzog ihren gesamten Körper...

„Ich liebe dich“, flüsterte der Highlander ihr ins Ohr. Mickys Kopf lag auf seinem wohlgeformten und trainierten Brustkorb. „Ich liebe dich auch, Duncan...Es ist schrecklich, aber ich bin froh, dass ich nach Vancouver auf die Beerdigung musste. Weißt du, mir wurde einmal prophezeit, dass ich die wahre Liebe bei einem Barbaren aus den Highlands finden würde. Dafür müsste aber jemand sterben, den ich auch liebte. Es hat gestimmt. Das erste Mal starb Henry für Connor. Aber er war nicht der Richtige. Dann starb Darius für dich.“ Er warf ihr einen verwirrten Blick zu. „Ich weiß, das klingt verrückt. Aber Michel hat sich selten geirrt. Und du bist mir prophezeit worden.“ „Na, wenn das so ist, dann hab ich ja wirklich lebenslänglich bekommen“, erklärte er frech und grinste. Micky zeigte auf ihre Schwerter. „Nicht unbedingt, MacLeod. Ärgere mich nicht, sonst ergreife ich drastische Scheidungsmaßnahmen.“

 

Einige Stunden später war Micky MacLeod schon wieder auf dem Weg zu einem Duell, wie viel lieber hätte sie jetzt noch in den starken Armen des Highlanders gelegen. Umspielt vom sanften Wellengang der Seine hatten sie sich bis zum Mittag geliebt. Wieder und immer wieder. Duncan hatte ihr zärtlich seine Liebesbeteuerungen ins Ohr geflüstert. Micky empfand jedes Mal die Tiefe ihrer Liebe neu. Es war wie eine Verschmelzung ihrer Seelen zu einer einzigen. In diesen kostbaren Momenten absoluten Glücks waren Duncan und Micky wahrhaftig eine Einheit. Es gab nichts anderes dort draußen. Keine Duelle, keine Gegner, die sie seit Jahrhunderten verfolgten. Nur Duncan und Micky und ihre Liebe zueinander, die täglich wuchs.

Obwohl die beiden sich erst so kurz kannten, war ein Leben ohne den anderen inzwischen unvorstellbar geworden. Waren sie zusammen, war alles perfekt, doch mussten sie sich trennen, sei es nur für kurze Zeit, bereitete es ihnen fast schon körperliche Schmerzen. Ein Stechen in der Herzgegend breitete sich mit jeder weiteren Minute weiter im Körper aus. Doch wenn Micky bei Duncan war und ihm immerzu in seine strahlenden Augen blicken konnte, empfand sie ein tiefes Gefühl von Glückseligkeit. Die schon fast 500-jährige Micky hatte in all der langen Zeit, die sie nun schon auf Erden umherzog, die Liebe noch nie mit einer solchen Intensität und Macht – in ihrer absoluten Vollkommenheit und Reinheit – verspürt und erfahren. Die Liebe, die sie mit dem Highlander verband, gab ihr die nötige Kraft für die bevorstehenden Kämpfe. Besonders nach dem schmerzhaften Verlust von Darius. Dieses tragische Erlebnis würde Micky noch lange zu schaffen machen. Darius‘ Tod war mehr als sinnlos gewesen und ein Verlust, der die Reihen der Unsterblichen mehr als geschwächt hatte – vielleicht fast so sehr wie es Methos‘ Tod gewesen wäre.

Beinahe jede Nacht wachte Micky auf, geplagt von Träumen über Darius. In manchen Nächten klagte er sie an, sie hätte ihn im Stich gelassen, nach allem, was er für sie getan hatte. Erschrocken stand Micky dann auf, zog sich leise an und schlich an Deck, wo sie ihren Tränen und ihrem Kummer freien Lauf ließ.

Dort inmitten der Klarheit der weisen und unendlichen Sterne versuchte sie einen Sinn in den Geschehnissen zu erkennen. Ihr alter Meister hatte es gewusst, doch Micky hatte die Verantwortung und die, in ihren Augen, gefährliche Macht abgelehnt und die Prophezeiungen sicher weggeschlossen. Erst im nachhinein studierte sie in den Cieclen. Zu spät. Wenn alles bereits geschehen war, klagte ihr Gewissen nagend an ihr.

 

 

7.  Cane

Frankreich, Paris, in der Nähe von Sacré Coeur, am Mittag.
Die Sonne stand hoch am Pariser Himmel. Es war August, der Sommer zeigte sich nach wie vor in seiner ganzen Pracht.

Micky trug kurze, weiße Shorts, ein Top und über die Schulter geworfen den Gurt einer schwarzen Sporttasche.

Auf den ersten Blick: Eine gutaussehende, junge Frau, Mitte 20, die zum Sport ging. In Wahrheit: Eine 496-jährige Unsterbliche, die auf dem Weg zu einem Duell war. Einem Duell das 1820 begonnen hatte. Mit einem Massaker.

Nicolas Cane, der General, der Cheyenne-Schlächter, wie Mickys Stamm ihn genannt hätte, hätten sie überlebt. Aber Cane hatte niemanden außer ihr verschont. Im Namen der Regierung hatte er ihren Stamm niedergemetzelt, ihren Mann, den jungen Häuptling. Alle. Sie war irgendwann wach geworden, umgeben von den Leichen ihres Stammes.

Micky war wirklich nicht versessen auf diesen Kampf. Doch Cane, der Schlächter, musste bezahlen für das, was er ihrem Stamm angetan hatte. Und das würde er, bei Gott.

Cane hatte die Dreistigkeit besessen eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter in Mickys Loft zu hinterlassen. Richie, der den Loft derzeit bewohnte, hatte sie sofort angerufen. Cane hatte weder sie noch die anderen bedroht, die er offenkundig schon seit einigen Tagen beobachtete. Eine einzige Frage hatte die kalte Stimme dem Anrufbeantworter gestellt: „Willst du es zu Ende bringen, kleine Squaw? Dann triff mich in Sacré-Coeur.“ Er wusste, dort durften sie nicht kämpfen. Heiliger Boden. Cane würde sie solange provozieren und mit den Erinnerungen an das Massaker quälen, bis sie gegen das Verbot verstieß. Deswegen hatte sie Duncan nichts gesagt. Sie hatte ihm gegenüber nur erwähnt, dass sie zu einem Duell müsste. Die Gräueltaten, die Cane im Namen der amerikanischen Regierung und mit größtem Vergnügen verbrochen hatte, hatte sie Duncan und Richie verschwiegen. Duncan hätte sich sofort einmischen wollen. Doch sie wollte ihre alten Fehden alleine zu Ende bringen. Sie kämpfte mit Duncan zwar Seite an Seite, doch diese Geschichte ging nur sie etwas an.

 

Gegen Mittag erreichte Micky Sacré Coeur. In ihrer Sporttasche lag ihr Schwert. Wie Connor hatte sie es in der Höhle des Hexenmeisters ein Toledo Salamanca geschmiedet. Die Klinge hatte sie nach Canes Anruf noch einmal nachgeschliffen. Wenn sie schon die Strafe der Mächte, die sie lenkten, riskierte, dann sollte Cane auch wirklich dran glauben müssen.

Mickys Herz schlug bis zum Hals, als sie die Stufen der 1876 erbauten Kirche hinaufschritt. An jedem anderen Tag hätte sie sich über die Bauweise des Gotteshauses im "Zuckerbäckerstil" erfreut und den Anblick genossen. Doch heute hatte sie für die Schönheit des Gebäudes wenig übrig.

Es gewitterte. Urplötzlich verfinsterte sich der Himmel über der Stadt. Ein Schatten huschte vorbei. Sie hörte ein Flüstern. Ihren Namen. Micky erschrak und drehte sich um.

„Darius.“ Ihr verschlug es den Atem. Dort stand er, umgeben von einer blauen, leuchtenden Aura.
„Geh nicht im Zorn in ein Haus Gottes. Du kennst die Strafe nicht, die dich erwartet, wenn du auf heiligem Boden kämpfst.“ „Du verteidigst ihn, obwohl du in seinem Haus als sein Diener gestorben bist?...“ Sie bebte vor Zorn. „Darius, warum hast du dich nicht gegen Horton verteidigt? Warum hast du mich verlassen? Warum?“ Sie schrie die Frage hinaus in das Gewitter. In ihren Träumen klagte Darius sie stets an, nun war es umgekehrt. Den ganzen Kummer schleuderte sie dem verstorbenen Geliebten, ihrem Wegbegleiter entgegen. Sie verspürte einen unbändigen Zorn, weil ihr Mentor, ihre Stütze es gewagt hatte sie alleine zu lassen. Doch das hatte ihr den Weg zum Highlander offenbart. Den Weg, der ihr vorher bestimmt war.
„Duncan“, flüsterte sie. Darius nickte.
„Ich habe dich verlassen, ich weiß, dass du zornig bist. Doch ich hatte keine Wahl. Es war mein Schicksal, meine Zeit war gekommen. Nun hast du Duncan. Er kümmert sich an meiner Statt um dich. Ihm zuliebe geh nach Hause.“ Micky stieß die Luft aus. „In all den Jahrhunderten bin ich noch vor einem Kampf davon gelaufen.“ „Dann solltest du jetzt damit anfangen. Treffe Cane in der Nacht auf neutralem Boden und bring es dann zu Ende. Aber nicht hier, nicht auf heiligem Boden.“ „Wieso nicht? Wieso haben alle Unsterblichen Angst davor? Was ist die Strafe?“ Darius lächelte gütig. „Dein Wissensdurst ist noch immer unerschöpflich, wie ich sehe. Frag Methos, frag ihn nach den Anfängen.“ Micky stutzte. „Weiß Methos woher wir kommen? Ist er der Anfang?“ „Frag ihn.“ Darius drehte sich um und verschwand. Micky streckte ihre Hand aus und rief nach ihrem Mentor. Doch Darius war fort. Für immer.

 

Micky seufzte, dachte kurz über die merkwürdige Erscheinung und das noch viel merkwürdigere Gespräch mit dem Geist nach. Dann betrat sie die Kirche.

„Cane?“ rief sie in die Stille des Gotteshauses. Das Echo kam unbeantwortet zurück. Erneut rief sie seinen Namen. Als wieder keine Antwort kam, versuchte sie es mit Provokation. „Du hast also immer noch kein Rückrat, Schlächter!“ Plötzlich trat er aus dem Schatten. Er musterte sie abschätzig. „Nun, wie soll ich dich anreden? Welchen Namen trägt die stolze Squaw von einst? Deren Wille von Trauer gebrochen ist?“ „Gebrochen ist der noch lange nicht. Du kannst mich Micky MacLeod nennen. Da du mich angerufen hast, kennst du doch meinen Namen. Und du heißt noch immer Cane? Tötest du noch immer im Namen von kaltblütigen Auftraggebern?“ Sie hielt ihr Toledo Salamanca schützend vor ihren Körper und schätzte die Situation ab. „Du hast 1966 für die gleichen Auftraggeber gearbeitet.“ „Falsch, ich habe versucht den Präsidenten zu schützen, doch dein elender Bruder hat mich daran gehindert. Und genauso wie er, wirst auch du durch mein Schwert sterben.“ Nun zog auch Cane sein Schwert, genauer gesagt einen Militärsäbel der amerikanischen Kavallerie aus dem 19. Jahrhundert. Zu jener Zeit war Cane ein Unsterblicher geworden. „Willst du damit kämpfen, Schlächter? Das ist nicht wirklich beindruckend.“ „Für deinen Mann und seine roten Freunde hat es 1820 gereicht. Oder?“ Sie verzog das Gesicht. „Kleine Squaw, hast du wirklich den Mut auf heiligem Boden das Blut eines Unsterblichen zu vergießen?“ „An Mut hat es mir in den letzten Jahrhunderten gewiss nicht gefehlt. Aber ich bin nicht mehr allein, Cane. Ich gewähre dir eine Gnadenfrist. Heute abend, unterhalb der Pont Neuf. Zehn Uhr.“ „Warum so spät?“ „Ich eröffne eine Vernissage, Schlächter!“ Sie trat einige Schritte zurück, das Schwert immer noch schützend vor sich ausgestreckt. „Du warst schon immer feige, kleine Squaw!“ „Mein Name ist Micky MacLeod! Vergiss das nicht! Und vergiss nicht, wo wir uns wiedersehen!“ Mit diesen Worten verließ Micky die Kirche, innerlich vor Wut kochend.

Cane hatte die Wahrheit gesagt, eben hatte sie der Mut verlassen. Sie fürchtete die Konsequenzen. Sie wollte nicht für blinde Rache ihr Glück mit Duncan aufs Spiel setzen.

Bevor sie die Stufen des Kirchenportals hinunterging, verstaute sie ihr Schwert in ihrer Sporttasche. Die Sonne kam heraus. Micky blinzelte und griff nach ihrer Sonnenbrille. Hatte sie wirklich Darius gesehen und mit ihm gesprochen? Sie war sich nicht sicher. Doch sie würde Methos nach den Anfängen fragen. Und vielleicht war es endlich an der Zeit die Chronik der Unsterblichen zu lesen.

 

Frankreich, Paris, die Galerie von Micky MacLeod, am Abend.
Micky lächelte die Gäste ihrer Vernissage an, warf unauffällig immer wieder einen Blick auf die Uhr. Die Stunde des Duells rückte unaufhörlich näher. Gleich würde sie Duncan das Spielfeld und somit die Betreuung der Kunden und Künstler überlassen.

Regen prasselte gegen die Panoramafenster der Galerie. Sie würde klatschnass werden. Hier und dort zuckten einige Blitze am Himmel. Nun, nachher würden es noch einige mehr werden an der Pont Neuf.

Diskret zog Micky ihren Mann auf die Seite. Hinter einer Säule gab sie ihm zu verstehen, dass sie los musste. Sie sah Duncans besorgten Blick.

„Ich komme schon wieder, Highlander. Seinen Bruder habe ich auch besiegt. Und jetzt will ich seinen Kopf.“ „Wieso?“ „Die Sache ist persönlich.“ Sie wandte sich zum Ausgang, doch Duncan umklammerte ihren Arm mit seiner starken, sonnengebräunten Hand. „Komm schon, Comtesse. Das ist sie immer. Was hat er getan, dass du nicht verzichten kannst? Joe hat mir mal etwas sehr Gutes gesagt: Warum kann es denn nicht mal so laufen, wir gehen, er behält seinen Kopf, du behälst deinen Kopf, er lebt, du lebst und alle sind zufrieden. Und soll ich dir was sagen, Comtesse, Joe Dawson hat Recht. Irgendwann muss der Kampf zu Ende sein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Das mag für dich zutreffen, Duncan. Aber das hier ist verdammt persönlich.“ Er ließ sie nicht gehen. Hoffentlich bekamen die Gäste nichts mit. „Du hast noch Zeit, erzähle es mir oder ich gehe mit.“ Wieder schüttelte sie den Kopf. „Das kann ich nicht. Duncan, was er getan hat, ist zu schrecklich.“ „Ich habe Joe gebeten in den Akten der Beobachter nachzusehen. Da du mir ja nichts sagen willst.“ Sie blickte erschrocken. „In meiner Akte?“ Er nickte. „Die war einfacher zu bekommen als die von diesem Cane...“ Er blickte sie herausfordernd an, wollte ihr noch eine letzte Chance geben. „Du hast sie gelesen?“ „Nein, Joe hat mir den Teil, der Cane betrifft, vorgelesen. Du hast also bei den Indianern gelebt. Schön, ich auch. Cane hat deinen Stamm vernichtet. Das ist entsetzlich. Aber das habe ich auch erlebt. Wieso willst du ihn unbedingt töten?“ Richie trat hinter Micky und hörte zu.

„Er hat meinen Mann getötet, den Häuptling. Und sein Bruder, Jackson Cane, war der jenige, der verhindert hat, dass ich Kennedy gerettet habe. Du siehst, die Sache ist verdammt persönlich. Und jetzt lass meinen Arm los.“ Sie zog heftig daran und stolperte gegen den verdatterten Richie. Ohne die beiden Männer noch eines Blickes zu würdigen, rauschte Micky aus der Galerie. Ein kurzer Umweg führte über ihr Büro, wo sie sich ihren langen, schwarzen Mantel und ihr Schwert holte.

 

Auf dem Weg zur Pont Neuf, der ältesten erhaltenen Brücke über die Seine, erinnerte sie sich an den Tag des Massakers.

 

Nordamerika, South Dakota, irgendwo in der Prärie, 1797.
Sie war den ganzen Tag schon am Fluss und fing Fische. Der Sohn von Stolzer Hirsch, ihrem Mann, schaute seiner Stiefmutter zu und versuchte sich auch ab und zu als Fischer Doch er scheiterte immer wieder. Micky, die bei den Cheyenne unter dem Namen Fremde Schönheit lebte, erklärte dem Jungen immer wieder, dass er Geduld haben musste. Das hatte sie in den vergangenen Jahrhunderten gewiss gelernt. Sie lachte, als Kleiner Hirsch ins Wasser fiel. Zielsicher griff sie in den Fluss und zog ihren tropfenden Stiefsohn aus dem Wasser.

So werden wir bestimmt nichts fangen, Kleiner Hirsch.“ Er lachte und schüttelte sein Haar aus. „Nein, Mutter. Da hast du Recht. Ich schaue dir lieber noch ein wenig zu.“ „Wir müssen aber zurück, die Sonne geht bald unter. Komm, ich habe genug gefangen. Dein Vater wird zufrieden sein.“ Er nickte einverstanden.

Ein altes Cheyenne-Lied auf den Lippen gingen die beiden durch den Wald zurück zu ihrem Dorf. Schon bevor sie den Hügel erreichten, spürte Micky, dass etwas nicht stimmte. Sie kniete sich hin und drückte Kleiner Hirsch ins tiefe Gras. Sie hatte die Gegenwart eines anderen Unsterblichen gespürt. Und das konnte unmöglich Connor MacLeod sein, Henris Todestag war noch weithin.

Micky bedeutete ihrem Sohn still zu sein. Sie ließ ihren Blick schweifen, erkannte aber nichts. Doch dann sah sie es. Kavallerie, eine ganze Einheit. Sie preschten auf ihren Pferden zum Dorf. Die Frauen rannten in Panik aus ihren Zelten. Die Männer zückten Pfeil und Bogen. Doch sie wurden gnadenlos von den Soldaten erschosssen oder von deren Säbeln durchbohrt. Entsetzt und hilflos verfolgte Micky das Geschehen. Sie spürte ihr Schwert an ihrer Seite. Doch was sollte sie mit einem Schwert gegen eine ganze berittene Einheit Soldaten ausrichten? Sie war gut, aber nicht verrückt. Zumal der Anführer ein Unsterblicher war.

Gerade wollte sie ihrem Sohn sagen, er solle sich im Wald verstecken, als Kleiner Hirsch aufsprang und zum Dorf rannte. Sie versuchte das Kind zu packen, doch er entwischte ihr.

Micky preschte flink wie der Namensgeber von Mann und Sohn hinter dem kleinen Ausreißer hinterher. Doch es war zu spät. Kleiner Hirsch rannte genau in die Schussbahn einer Pistolenkugel. Er sackte in die Knie. Sein Lederkleid färbte sich rot. Micky schrie entsetzt auf. Und das war der Moment da Cane auf sie aufmerksam wurde. Er erkannte sie als eine Unsterbliche. Micky rannte mit gezogenem Toledo Salamanca auf den Gegner zu. Den übrigen Soldaten mochte der Auftritt recht merkwürdig vorgekommen sein. Eine weiße Frau, gekleidet wie eine Wilde, bewaffnet mit einem spanischen Schwert. Und dann sprang der General auch noch von seinem Pferd und zog seinen Säbel.

Ich bin die Comtesse Michelle Dubois.“ „General Nicolas Cane. Ich gehöre noch nicht lange dazu, aber es wird mir ein Vergnügen sein dich zu töten, kleine Squaw!“ Er hob seinen Säbel und griff an. Micky parierte. So ging es einige Minuten hin und her. Bis es einem der Soldaten offensichtlich reichte. Er zückte seinen Revolver und schoss Micky in die Brust. Cane schrie wutentbrannt auf, zog seine Pistole und erschoss kurzerhand den Soldaten. Er wusste, er durfte die Frau jetzt nicht töten. Schade, doch sie würden sich wiedersehen.
 

Stunden später war Micky zu sich gekommen. Von ihrem Dorf war nur noch eine brennende Ruine übrig gewesen. Sie taumelte umher, sah überall vertraute Gesichter. Ihre Freunde, die Familie ihres Mannes. Und schließlich stand sie vor der Leiche von Stolzer Hirsch. Der Indianer, der sich nicht getötet hatte, als sie sich im Wald verirrt hatte. Er hatte sie in sein Dorf mitgenommen und bei seiner Familie aufgenommen.

Micky warf sich über den Leichnam ihres Mannes und weinte herzzerreißend.

 

Frankreich, Paris, in der Nähe der Pont Neuf, die Gegenwart.
Tränen liefen heiß über Mickys Wangen, als sie den Tag wieder vor sich sah. Ihre Lippen bebten, als sie die Götter der Cheyenne um Hilfe für den bevorstehenden Kampf bat.

Endlich erreichte sie die Pont Neuf. Sie stieg eine rutschige Treppe zum linken Seine-Ufer hinunter. Nass bis auf die Knochen.

Sie blickte sich um. Cane war noch nicht da. Dann konnte sie noch ein wenig durchatmen. Sie schüttelte ihren triefenden Mantel ein wenig aus. Dann entschied sie ihn auszuziehen. Es war durch den Regen zwar kalt, doch der Mantel würde sie beim Duell nur behindern. Wo blieb Cane? Sie warf einen Blick auf die Uhr. Zehn nach zehn. Hoffentlich versetzte der elende Schurke sie nicht. Sie wollte es endlich hinter sich bringen. Seit über einhundert Jahren wartete sie auf den Tag der Rache.

„Hallo, kleine Squaw. Bist du bereit zu sterben?“ „Bist du es, Schlächter?“ Sie zog ihr Schwert. Über ihnen zuckte ein Blitz. Micky ließ sich davon nicht ablenken. Zu lange hatte sie auf diesen Tag gewartet. Cane holte seinen Säbel hervor und umkreiste seine Beute. Micky fackelte nicht lange. Die Bilder ihres gemeuchelten Stammes vor Augen, griff sie den Schlächter an.

Die Klingen trafen auf einander. Blitze zuckten. Micky parierte zielsicher jeden Hieb Canes. Von beiden unbemerkt gesellte sich ein Beobachter zu dem Duell. Duncan stand mit heftig schlagendem Herzen auf der Pont Neuf und blickte auf den Kampf hinab. Er wusste er durfte nicht eingreifen. Doch wenn der andere gewinnen sollte, würde er sich dessen Kopf holen. Seine Frau, die erst vor so kurzer Zeit in sein Leben getreten war, würde nicht umsonst sterben.

Der Kampf schritt weiter auf sein unausweichliches Ende zu. Duncan versuchte Mickys Schritte vorauszuahnen. Er hatte sie nur kurz trainieren können. Dennoch hoffte er, sie war fit genug. Cane schien es zu sein.

„Junge, sie fast hundert Jahre älter als du.“ Duncan erschrak. Neben ihm stand Methos. Wie ein Geist war es aus der Nacht aufgetaucht. „Methos? Was zum Teufel tust du in Paris?“ „Joe hat mir gesagt, dass sie mit Cane kämpfen will. Da dachte ich, es wäre ganz gut, wenn ich komme.“ Beide Männer blickten wieder hinunter auf den Kampf. Micky war gestolpert. Duncan umklammerte die Brüstung. Seine Knöchel traten weiß hervor. Er wollten rufen, doch Methos hielt ihn zurück. „Komm wir gehen runter. Vielleicht müssen wir ihn erledigen.“ Duncan nickte. Sein alter Freund hatte den gleichen Gedanken.

Sie eilten die steinerne Treppe zur Seine hinunter. Duncan hoffte inständig Micky würde überleben. Als sie die letzte Stufe erreichten, zuckten bereits die Blitze. Sie duckten sich. Die Energieentladung breitete sich aus. Duncan schirmte die Augen mit seiner freien Hand ab.

„Sie lebt!!“ rief er Methos über das Getöse hinweg zu. Der nickte nur erleichtert. Micky schrie auf. Die Energie von Cane und allen Unsterblichen, die er getötet hatte, ging auf sie über. Sie sackte zusammen und ließ ihr Schwert fallen. Duncan hastete zu ihr und nahm seine Frau in die Arme. Sie zitterte und war triefendnass. Doch sie lebte.
„Es ist vorbei. So, Comtesse, ich bringe dich nach Hause.“ Duncan zog Micky hoch. Sie hielt sich die Seite. Duncan zog ihre Seidenbluse nach oben und sah einen tiefen Schnitt. Er verzog das Gesicht.
„Methos, nimm das Schwert. Ich muss sie tragen. Wir sollten schnell verschwinden, bevor die Gendamerie auftaucht.“ Micky zitterte in seinen Armen.
„Wird das jemals vorbei sein, Methos? Wird einer gewinnen?“ Sie blickte ihren alten Freund mit klappernden Zähnen an. „Ich fürchte nicht, Michelle. Gehen wir nach Hause. Dann erzähle ich euch die Geschichte.“

 

 

8. Des Rätsels Lösung

 

Frankreich, Paris, Duncans Hausboot, wenig später.
Duncan legte Micky auf das Bett und deckte sie zu. Die Wunde hatte sich auf der Fahrt zum Hausboot geschlossen. Ihr war einfach nur noch kalt und sie zitterte.

In der Küche holte Duncan einen schottischen Whisky aus dem Schrank und schenkte seiner Frau einen großen Schluck ein. Sie stürzte das Glas hinunter und spürte, wie sich die Wärme in ihrem Bauch ausbreitete.

„Erzähl, Methos. Was hast du damit gemeint, dass es nie zu Ende sein wird. Gibt es denn immer neue Unsterbliche? Und woher kommen wir? Vor allem, die die so alt sind wie du?“
„Wir kommen aus der Finsternis. Am Anbeginn der Zeit bevölkerten wir die Erde. Gott, das Universum, keine Ahnung. Irgendjemand hat uns hierher geschickt. Seitdem kämpft Gut gegen Böse. Irgendwann entstand der Mythos der Zusammenkunft und das nur einer übrig bleibt. Die Bösen unter uns kämpften um so verbissener. Die Guten versuchten den Kämpfen aus dem Weg zu gehen. Ich schätze mal, solange die Zeit existiert, existieren auch wir. Egal wie viele von uns sich gegenseitig umbringen, es wird immer genug neue Unsterbliche geben. Nehmen wir Richie. Er ist verdammt jung. Für jeden Unsterblichen, der getötet wird, kommt irgendwann ein neuer. Also ist es sinnlos zu kämpfen. Du hast deine Rache gehabt, Michelle. Stolzer Hirsch und sein Stamm sind gerächt. Und jetzt lass es gut sein. Genieß dein Leben mit Duncan.“
„Also wird es nie enden. Wie Nostradamus es mir prophezeit hat. Es kann einen geben, es muss aber nicht.“ Sie hielt ihrem Mann das leere Glas hin, der es sogleich wieder füllte. Sie nahm das volle Glas entgegen und stürzte den Whisky hinunter.
„Ich weiß nicht, wie ihr das seht, aber ich entscheide mich für das Letztere. Es muss nicht. Und wir werden ab heute alle Kämpfe vermeiden, die möglich sind.“ Duncan war mit dem Whisky ans Bett getreten. Er füllte das Glas seiner Frau und reichte auch Methos eines. Sie stießen an und Michelle brachte einen verheißungsvollen Trinkspruch: „Auf die Zukunft!“

 

E N D E

 

 

 


 

IE

 


Gratis Homepage von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!