Highlander

Die französischen Chroniken -

Götterdämmerung

Band 6

von Claudia Filip

 

 

,,Ihr Name ist Micky MacLeod, geboren 1500 in Frankreich in der Nähe von Paris. Sie ist unsterblich. Seit Jahrhunderten bereist sie die Welt auf der Suche nach der Frage, woher die Unsterblichen kommen. Traf dabei große Freigeister wie Nostradamus und Martin Luther, große Herrscher wie Katharina Medici und Napoléon. Sie war eine Kämpferin, Geliebte, Alchimistin, Hofdame, Krankenschwester, Spionin und vieles mehr.

 

1996 traf sie auf Duncan MacLeod, den Highlander, verliebte sich in ihn und blieb als seine Frau an seiner Seite. Obwohl sie unsterblich sind, versuchen sie ein normales Leben zu führen.

In Vancouver und in Paris. Von den nie enden wollenden

Kämpfen um die Zusammenkunft haben sich die MacLeods und ihre Freunde zurückgezogen. Doch sie haben Feinde, die ihnen den Frieden nicht gönnen: das Konsortium, die Splittergruppe der Beobachter und Diejenigen, die die Unsterblichen vor Jahrtausenden auf die Erde schickten.

Mein Name ist Joe Dawson, ich bin ihr Freund, aber ich bin auch ihr Beobachter."

 

 

1. Der Morgen danach

 

Irland, Grafschaft Kildare, an einem Novembermorgen.
Der Körper einer ganz in schwarz gekleideten Frau lag im nassen Gras einer irischen Wiese. Sie rührte sich nicht, ihr Oberteil war zerrissen. Ihre Gesichtzüge wirkten friedlich und entspannt, fast als schliefe sie. Doch auf den zweiten Blick sah man, dass etwas nicht stimmte. Sie war übersät mit Kratzern und Schnittwunden. Und sie atmete nicht. Sie war tot, so schien es. Dann wie von einem unsichtbaren Blitz getroffen, kehrte sie ins Leben zurück. Zurückgerissen aus der anderen Welt, wie schon seit fünfhundert Jahren. Belebt. Wieder und wieder. Sie kannte das Gefühl, doch jedes Mal war es ein Schockerlebnis. Sie setzte sich ruckartig auf und schnappte nach Luft. Eindrücke und Gefühle schlugen über ihr zusammen. Irritiert sah sie sich um. Sie fühlte sich verlassen und merkwürdig leer, fremd in ihrem eigenen Körper. Wo zum Teufel war sie und was noch viel wichtiger war, wie war sie hierher gekommen? Und was war überhaupt vergangene Nacht passiert? Micky schüttelte den Kopf, doch der Blackout blieb. Das Letzte, woran sie sich klar und deutlich erinnern konnte, war, dass sie mit den anderen das Schloss von Kyle Wittmore alias Noah Woodhouse betreten hatte. Danach war alles finster.

Allmählich realisierte Micky zumindest, wo sie sich befand. Sie saß auf einer Wiese im Morgennebel. Die Sonne versuchte bis jetzt vergeblich, gegen das vorherrschende trübe Wetter anzukämpfen.

Im nächsten Augenblick spürte Micky, dass sie nicht länger alleine war.

,,Hallo? Wer ist da?" Sie drehte sich um und erkannte überrascht einen keltischen Friedhof. Hatte Adam nicht erwähnt, dass er auf dem heiligen Boden seiner Vorfahren sein Haus und einen Pub errichtet hatte? Sie musste wirklich dringend herausfinden, wie sie hierher gekommen und wo dieses ,,Hier" eigentlich war.
,,Hallo, Michelle." Mickys Kopf schoss in die Richtung herum, aus der die Stimme gekommen war. Ungläubig starrte sie ihr Gegenüber an.
,,Daniel?! Was machst du denn in Irland?! Ist ja auch egal, hilf mir bitte auf die Füße. Ich komme mir vor, als wäre ich von einem Bus überfahren worden."
,,Nicht so ganz. Du hast einen ziemlich hässlichen Schwertkampf hinter dir und wurdest erstochen", erklärte Daniel Prescott, einer von Mickys ehemaligen Schülern, völlig teilnahmslos. Er trug schwarze Tarnkleidung, genau wie Micky und ihre Freunde vergangene Nacht. Aber sie war sich ziemlich sicher, dass Daniel sie nicht begleitet hatte.
,,Erstochen? Aber... Was ist denn passiert? Wir waren gestern in dem Schloss und wollten dieses Schwert stellen, um Kyle töten zu können. Und danach ist alles schwarz..." Sie horchte in sich, wartete auf eine bissige Antwort von Sikes. Doch der schwieg zu Mickys Erstaunen.
,,Ich kann dir sagen, was passiert ist, Michelle." Daniel ging vor ihr in die Hocke und sah ihr tief in die Augen. Was Micky darin sah, ließ sie erst erschrocken aufkeuchen und dann auf ihrem Po rückwärts rutschen, möglichst weit weg von Daniel.
,,Nein, Daniel, was hast du getan?" Sie lauschte wieder in sich, wieder antwortete ihr nur die Stille. ,,Daniel, so wahnsinnig kannst selbst du nicht sein." Er grinste sie heimtückisch an und zog blitzschnell einen Dolch aus seiner Jacke hervor. Micky zuckte zurück, sah an sich herunter und begriff, was passiert war.
,,Ja, ganz Recht, Meisterin", mehr Spott konnte man gewiss nicht in die Ehrbezeichnung ,,Meister" legen, als Daniel es in diesem Moment tat. ,,Ich trage jetzt die Essenz von Sikes in mir. Du warst seiner nicht würdig. Ich kann dir sagen, was du getan hast. Du bist im Schloss von Noah Woodhouse ausgerastet, hast die Kontrolle total verloren und sie an Sikes übergeben. Dann haben sich Methos, Adam und Isis freiwillig in die Hände von Woodhouse begeben..."
,,Nein, das würden sie nie..." Micky schüttelte verleugnend den Kopf. Methos mochte sich schon manches Mal zu einer leichtsinnigen Aktion hinreißen lassen, aber das war einfach Wahnsinn! Damit waren vier Derjenigen an einem Ort vereint. Die übrigen drei waren Micky nicht persönlich bekannt, aber sie glaubte sich zu erinnern, dass Darius ihr gesagt hatte, Kyle hätte sie noch nicht alle aufgespürt.
,,Oh doch, Methos hatte wohl einen sehr edlen Anfall von Selbstaufopferung. Wie auch immer, ihr anderen seid aus dem Schloss geflohen. Aber nicht ohne, dass dein Mann erfahren hat, dass Sikes noch immer da ist. Er wollte dich in einen Sarg legen. Da bist du mit Sikes im Schlepptau abgehauen. Ich habe dich verfolgt, im Wald gestellt, wir kämpften, und hier habe ich dich im Morgengrauen getötet. Es war sehr mystisch. Der aufsteigende Nebel, im Hintergrund die keltischen Kreuze... Es war so einfach. Ich habe dich entwaffnet, k.o.-geschlagen und erstochen. Und Sikes ist jetzt in mir." Micky schüttelte wieder den Kopf über soviel Irrsinn.
,,Oh Daniel, du bist wahnsinnig. Wie konntest du nur? Du hast ja keine Ahnung, auf was du dich eingelassen hast."
Auf grenzenlose Macht habe ich mich eingelassen, Michelle. Macht dir zu zeigen, dass ich jetzt ebenso ein Meister bin wie du." Micky schüttelte den Kopf, das kam ihr irgendwie bekannt vor.
,,Daniel, du hast definitiv zu viel ferngesehen." Der Dolch, mit dem er Micky im Morgengrauen getötet hatte, schoss auf ihren Hals zu. Sie zuckte zurück. Die Narbe, die Adrian Lastrada ihr hinterlassen hatte, war groß genug. Auf eine weitere legte sie keinen Wert.
,Ich werde dir die Demütigungen zurückzahlen, die du mir angetan hast, und dann wirst du sterben."
,,Demütigungen?! Was denn bitte für Demütigungen?! Ich habe dich unterrichtet, damit du überlebst. Natürlich habe ich dich grob angepackt, aber das ist einfach nötig. Das Leben als Unsterblicher ist nun mal kein Zuckerschlecken. Als ich noch eine Schülerin war..." Er lachte verächtlich.
,,Wann war die große Comtesse denn jemals Schülerin und hatte es nötig zu lernen, häh? Du warst doch immer schon perfekt." Er schnaubte mit einem Höchstmaß an Verachtung.
,,Daniel, eines ist sicher, du hast von mir nichts gelernt. Du enttäuschst mich. Und lass dir Eines gesagt sein: Ein Meister bist du noch lange nicht." Er stieß einen wütenden Schrei aus, packte hinter sich und hob sein Schwert in den Himmel. Die ersten Sonnenstrahlen, denen es endlich gelang durch den Nebel durchzubrechen, spiegelten sich in der blankpolierten Klinge.

Mickys Blick suchte in Windeseile das Areal nach ihrem eigenen Schwert ab. Der seit dem fatalen Duell gegen Paul Boyle verfärbte Griff ihres Toledo Salamancas war unverkennbar und würde ihr sofort ins Auge stechen. Da sie es nirgends entdecken konnte, zögerte sie keine weitere Sekunde mehr. Sie sprang flink auf die Füße, drehte sich um und sprintete auf den nahe gelegenen Friedhof zu. Nach wenigen Augenblicken keuchte Micky, sie kam sich wirklich vor wie unter den Bus gekommen. Daniel folgte ihr mit gemächlichen Schritten.

,,Du kannst dich nicht ewig verstecken, Michelle. Wir finden dich."
,,Wer hat das gesagt, du oder der andere Irre? Wie hast du überhaupt erfahren, dass ich noch immer von Sikes besessen war? Hast du in Teeblättern gelesen?!" Sie sprang mit einem Satz über die niedrige Friedhofsmauer. Ohne die Antwort abzuwarten, rannte sie weiter und weiter. Ihr Herz schlug bis zum Hals und pochte schmerzhaft in der Brust. Jeder Muskel ihres trainierten Körpers tat der Comtesse weh. Im Augenblick konnte sie sich nicht an das Duell gegen Daniel erinnern, doch ihr schmerzender Körper verriet ihr, dass es mörderisch gewesen sein musste. Aber das war im Augenblick egal. Sie musste weg von Daniel. In ihrer derzeitigen Verfassung war sie nicht in der Lage, ein Duell gegen einen wahnsinnigen Ex-Schüler zu gewinnen, der so ziemliche jede ihrer Kampftaktiken kannte. Schon gar keinen, bei dessen Tod sie wieder von Sikes besessen sein würde.


,,Oh Adam, ich danke dir", stieß sie nach einigen Minuten atemlos hervor. Ihre anfängliche Vermutung erwies sich als richtig. Sie befand sich tatsächlich auf Adam Lees Grund und Boden. Erleichtert registrierte Micky, dass sie in Sicherheit war. Sie stand vor einem zweistöckigen Steinhaus mit kleinen Fenstern und einer blau gestrichenen Holzbank davor, das sie von einem Foto kannte, das Adam ihr in Paris gezeigt hatte. Ein Stück weiter hinten entdeckte Micky den Pub, von dem Adam ihr erzählt hatte und eine Straße, die zum nächsten Dorf führte. Zumindest wusste sie nun definitiv, wo sie war. Ein kurzer Blick über die Schulter bestätigte ihr, dass Daniel sie nicht länger verfolgte. Daher machte sie sich auf die Suche nach einem Ersatzschlüssel für die Haustür. Auf dem Türrahmen der wahrscheinlichsten Stelle - lag er nicht, aber in einem Blumen-kübel, in dem ein rot-weißer Tudor-Rosenstrauch wuchs, hatte Adam einen Zweitschlüssel versteckt. In ländlichen Gegenden waren die Menschen und besonders Adam zu Mickys großem Glück wirklich vertrauensselig. Sie wusste zwar, dass die Tür Daniel im schlimmsten Fall nicht lange aufhalten würde. Aber hier hatte sie ein Dach über dem Kopf, fand vielleicht ein Schwert und konnte Hilfe rufen. Und der heilige Boden bot ihr ein gewisses Maß an Sicherheit, das sagte Micky sich zumindest immer wieder selbst.

Nach einem letzten Blick über die Schulter schloss sie die schwere Haustür auf und trat ein. Ihr erster Gang führte sie zum Telefon. Instinktiv wählte Micky eine Nummer. Es klingelte. Mit jedem Klingeln schlug ihr Herz heftiger.

,,Bitte, geh' ran. Bitte."
,,MacLeod", hörte sie endlich nach Ewigkeiten wie es ihr erschien seine Stimme.
,,Duncan, sag' nichts. Ich kann es jetzt nicht erklären, aber ich bin okay. Ich bin nicht mehr besessen." Sie hoffte inständig, dass Duncan ihr glauben würde. Die Erinnerungen an den Großteil der letzten Nacht und ihre Flucht fehlten ihr, aber Micky ahnte, dass sie Duncan nicht im Frieden zurückgelassen hatte.
,,Was? Micky...." Duncan traute seinen Ohren nicht. Vergangene Nacht war er über ihre Flucht so verzweifelt gewesen, dass er schon nicht mehr gewusst hatte, wie es weitergehen sollte.
,,Nein, hör' zu, Duncan, hör' einfach nur zu. Ich bin in Adam Lees Haus. Es ist nicht weit von dem Schloss entfernt. Holt mich ab. Und beeilt euch." ,,Okay, wir kommen." Er legte auf. Micky stellte das Telefon in die Basis zurück und begann sich in aller Ruhe in Adams Domizil umzusehen.

 

Irland, Grafschaft Kildare, das Haus von Adam Lee, wenig später.
Micky schreckte aus dem Schlaf von der Couch hoch, sie spürte die Anwesenheit von Unsterblichen. Eingekuschelt in einen gemütlichen, handgearbeiteten Quillt hielt sie eines von Adams Schwertern umklammert, das sie in seiner gut bestückten Waffenkammer neben dem Schlafzimmer gefunden hatte.

Die Tür war nicht abgeschlossen und wurde nun aufgestoßen, Micky sprang auf und ließ das Schwert fallen. Sie stieß einen freudigen Schrei aus und rannte auf die Tür zu.

,,Duncan, oh Duncan. Ich bin so froh, dass du da bist!" Sie warf sich ihrem Mann in die Arme, der sie freudig herumwirbelte und küsste. Dann stellte Duncan seine Frau auf ihre Füße und sah ihr tief in die Augen. Sie erkannte, dass er ihr nicht böse war wegen dem, was letzte Nacht passiert war. Sie erkannte sein Verständnis und schluchzte leise. Alle Belastungen, Ängste und Sorgen brachen wie eine Sintflut über ihr zusammen. Jetzt in dieser Sekunde war Micky alles andere als die tapfere Comtesse, als die ihre Freunde sie sonst kannten. Sie hatte einfach nur Angst und wollte hören, dass alles wieder gut werden würde.

Duncan schien instinktiv zu ahnen, was in seiner Frau vorging. Obwohl er nicht verstand, wieso sie nicht mehr von Sikes besessen war, wusste er doch, dass es stimmte. Sie fühlte sich richtig an, sie fühlte sich wie seine Micky an. Während Duncan sie weiter fest umklammert hielt und beruhigende Worte murmelte, küsste er sie auf den Kopf und verstärkte die Umarmung noch ein wenig mehr. Duncan versuchte ihr auf diese Weise das Gefühl zu geben, in Sicherheit zu sein.

,,Ganz ruhig, Micky. Ich bin da. Du bist in Sicherheit, mein Herz. Alles wird gut." Ein letztes Schluchzen von Micky, dann löste sie sich aus der Umarmung. Während sie sich noch die Tränen wegwischte, begann ihr Verstand bereits wieder auf Hochtouren zu arbeiten.
,,Habt ihr da draußen vielleicht Daniel Prescott oder mein Schwert gesehen? Rein zufällig?" ,,Daniel Prescott?!" hörte sie Richies zornig klingende Stimme. ,,Was zum Teufel treibt der in Irland?!"
,,Mich umbringen, vorzugsweise", meinte Micky spöttisch und umarmte Richie zur Begrüßung. Sie musterte ihren Schüler kurz, er schien das Abenteuer im Schloss unbeschadet überstanden zu haben.
,,Mama, sag' doch so was nicht", sagte nun Geneviève erschrocken und schob sich stürmisch zuerst an Connor und dann an Duncan vorbei, um ihre Mutter zu umarmen. Micky atmete erleichtert auf und erwiderte die liebevolle Begrüßung ihrer Tochter.
,,Doch, ich fürchte es stimmt. Er hat mich vergangene Nacht bekämpft und heute Morgen erstochen", erklärte sie sachlich.
,,Was?" fragte Duncan geschockt und mit einem prüfenden Blick auf Micky, der von oben bis unten ging.
,,Es geht mir gut, Duncan. Ehrlich. Und das Beste an dem Vorfall ist, ich bin Sikes los. Ich muss mich nicht in einen Sarg legen, worauf ich ehrlich gesagt nicht sehr scharf gewesen bin."
,,Das haben wir letzte Nacht überdeutlich zu spüren bekommen", sagte Connor grinsend. Micky ging darüber hinweg. Sie erinnerte sich allmählich bruchstückhaft an das, was Sikes gesagt und getan hatte, als er die Kontrolle über ihren Körper gehabt hatte.
,,Allerdings steckt mein ehemaliger Untermieter jetzt in Daniel. Und der war schon ohne Sikes nicht ganz richtig im Oberstübchen. Er zieht irgend so eine ,Anakin Skywalker-Nummer' ab. Erzählte was davon, dass er jetzt ein Meister wäre und sich für alle Demütigungen, die ich ihm erteilt hätte, rächen will. Keine Ahnung, was in ihm vorgeht. Er war auch nicht gerade das, was man einen Musterschüler nennt. Ist ja auch egal, ich bin wieder Herrin meiner Sinne..." Sie verstummte mitten im Satz, worauf Duncan sie fragend ansah.
,,Hast du was?"
,,Eigentlich habe ich erwartet, dass Methos mich jetzt eine adlige Irre nennt..." Ihr Blick suchte den Eingangsbereich des Hauses ab. Sie begriff, dass Daniel die Wahrheit gesagt hatte.
,,Methos ist nicht hier", sagte Richie, während er den Kopf zur Tür rausstreckte und nach Daniel Ausschau hielt. Er hatte diesem Kerl von Anfang nicht getraut und sollte sich ihm die Gelegenheit bieten, würde Richie sich seinen Kopf holen.
,,Ich weiß, Daniel sagte, er, Adam und Isis wären im Schloss. Ich kann es nicht glauben. Ich dachte, Daniel wollte mich verkohlen."
,,Ich schau mich mal draußen um, Boss." Und schon war Richie verschwunden.
,,Glaub' es ruhig", sagte Duncan zu seiner Frau mit einem unheilvoll grollenden Unterton in der Stimme. Micky legte eine Hand auf seinen Arm.
,,Mac, er hat das getan, um uns die Flucht zu ermöglichen und nicht, um sich Kyle anzuschließen." Duncan schüttelte den Kopf.
,,Ich weiß nicht, ob ich das glauben kann. Wenn man bedenkt, was Methos früher getan hat."
,,Was er als Reiter der Apokalypse tat, war vor 3.000 Jahren. Das ist Schnee von gestern."
,,Vor 320 Jahren fandest du es immerhin schlimm genug, um mit ihm Schluss zu machen", konterte Duncan.
,,Da war ich jung, naiv, unerfahren." Sie versuchte sich halbherzig herauszureden, denn wenn Micky ehrlich war, machte sie sich Sorgen über Methos' wahre Motive. Und Adam war für sie noch weniger zu durchschauen. Er hatte seinen Tod vorgetäuscht und sich 77 Jahre versteckt gehalten vor ihr, seiner ehemaligen Schülerin. Und vor Geneviève, seiner Geliebten, wie Micky erst vor einiger Zeit erfahren hatte. Auch die Tatsache, dass Adam Lee einer Derjenigen war und es gewusst hatte, sprach nicht gerade für ihn und ließ das Bild, das Micky all die Jahrhunderte von ihrem Mentor gehabt hatte, ins Wanken geraten.
,,Du warst doch immer schon perfekt", bemerkte Duncan bemüht fröhlich klingend und riss Micky damit aus ihren trostlosen Grübeleien. Obwohl Duncan sie wieder fest in den Arm genommen hatte, überfiel Micky ein Schaudern.
,,Perfektion hat Daniel mir auch vorgeworfen. Ich weiß nicht, was ich ihm getan habe, dass ich solchen Hass verdient haben könnte. Zugegeben, ich bin eine strenge Lehrerin, aber doch nicht so streng, dass man mich hassen müsste, oder Richie?" fragte sie ihren aktuellen Schüler, der inzwischen seinen Kontrollgang um das kleine Haus beendet und sich wieder zu seinen Freunden gesellt hatte. Duncan drehte sich zu Richie um und hob drohend den Finger.
,,Sag' jetzt nichts Falsches, Junior. Meine Frau hat genug erduldet. Sie soll heute keine einzige Träne mehr vergießen müssen." Richie stand mit offenem Mund da und wusste nicht, ob er antworten sollte. Um diese Verlegenheit kam er herum, als Connor das Haus betrat, der sich draußen auch ein wenig umgesehen hatte.
,,Ich fürchte, weiteren Kummer kann ich ihr nicht ersparen. Ich habe dein Schwert gefunden, Micky." Er reichte es seiner Freundin.
,,Oh nein!" rief Micky bestürzt, als sie die beiden Teile von Connor entgegen nahm. Die Klinge war entzwei gebrochen.
,,Das muss ja ein heißer Kampf gewesen sein!" platzte es aus Richie raus, was Duncan mit einem Schlag auf den Hinterkopf belohnte.
,,Was hab' ich grad gesagt?!" Richie zuckte entschuldigend die Achseln.
,,Zweihundert Mal gefalteter, japanischer Stahl. Mein Schwert, mein treuer Kampfgefährte durch die Jahrhunderte." Mit Bedauern strich sie über den glänzenden Stahl und verharrte einen Augenblick an der Bruchstelle. Die Schwerter mussten mit einer unglaublichen Wucht aufeinander geprallt sein, um es zu zerstören. Micky wusste natürlich, je häufiger man Stahl faltete, desto leichter wurde es, das Schwert zu zerstören. Die Anzahl hatte Nakano damals festgelegt aufgrund seiner Erfahrung, und Micky hatte nie Grund gehabt daran zu zweifeln.
,,Kannst du es nicht irgendwie reparieren?" fragte Richie vorsichtig, doch Micky schüttelte traurig den Kopf.
,,Nein, Richie. Das funktioniert nur in Filmen. Ich muss ein ganz neues schmieden. Bis ich das getan habe, werde ich mir dieses hier von Adam ausleihen. Es ist nicht die Zeit, ohne Schwert durch die Gegend zu streifen."
,,Nein, das wirklich nicht. Und ich denke, wir sollten jetzt wirklich verschwinden. Amanda und Charlie machen sich sonst Sorgen. Sie sind in Castledermot im Hotel geblieben." Micky nickte einverstanden und ging mit ihrem zerstörten Schwert und der Waffe von Adam, einem breiten, keltischen Langschwert auf die Haustür zu.

 

 

2. Der Kreuzritter

 

Irland, Grafschaft Kildare, Castledermot, am Abend.
Castledermot war eine kleine Stadt mit knapp 1.300 Einwohnern, deren Existenz auf ein Kloster aus dem Jahre 500 zurückging. Touristen konnten einige keltische Artefakte und Bauwerke besuchen oder Golf spielen. Micky und die anderen aber hatten im Augenblick kein Interesse an den kulturellen und sportlichen Beschäftigungsmöglichkeiten, die Castledermot bot.

Sie saßen in einem kleinen Pub an einem runden Holztisch in der Nähe der Tür und überlegten ihre nächsten Schritte. Geneviève war vor zwei Stunden mit Connor nach Frankreich abgereist. Sie wollte ihre Dozentenstelle nicht riskieren, zumal sie im Moment nichts zu Adams Rettung beitragen konnte. Im Gegenteil, ihre Mutter war froh, dass sie sich um einen weniger Sorgen machen musste, wenn Geneviève in Sicherheit war. Connor hatte versprochen, sich nicht zu irgendwelchen Dummheiten Woodhouse betreffend hinreißen zu lassen. Er sollte sich um das Chateau und die Galerie kümmern, denn die MacLeods würden noch eine Weile in Irland bzw. Großbritannien bleiben. Sollten sie nicht eine zündende Idee haben, wie sie Methos und die anderen aus Noahs Fängen befreien konnten, hatte Micky vor, nach Cornwall abzureisen und auf Schloss Lys Airt weitere Pläne und ein neues Schwert zu schmieden. Zu diesem Zweck hatte sie vor einer Stunde ein Telefongespräch mit Elisabeth Stern, ihrer Haushälterin geführt...

 

Frankreich, Chateau Dubois, eine Stunde zuvor.
Das Telefon in Elisabeths und Pierres Wohnung, die im Erdgeschoss des Chateaus lag, klingelte. Pierre war in eine Geschichtsdokumentation über Girolamo Savonarola, den finsteren Propheten von Florenz, vertieft. Seine Dienstherrin Micky, hatte ihm erzählt, dass ihr alter Freund, der Mönch Darius, mit dem Schwarzseher seinerzeit großen Ärger gehabt hatte. Pierre interessierte sich schon immer für Geschichte. Mit einem persönlichen Bezug wurde es noch reizvoller für ihn, alles über dieses Thema zu erfahren.

,,Ich gehe schon, mein Lieber", sagte Elisabeth und legte ihr Strickzeug beiseite. Pierre reagierte nicht, worauf Elisabeth liebevoll lächelnd den Kopf schüttelte. Männer. Pierre war schon in ihrer Jugend ein romantischer Träumer gewesen. Als er von der Unsterblichkeit der Comtesse erfahren hatte, war er ganz fasziniert gewesen und hatte sich an unzähligen Abenden von den Epochen erzählen lassen, die Micky erlebt hatte.

Elisabeth betrat den Flur ihrer gemütlichen Dreizimmerwohnung, die ursprünglich einer der vielen riesigen Salons gewesen war und 80 Quadratmeter umfasste. ,,Elisabeth Stern, bon soir", meldete sie sich mit ihrer freundlichen Singsangstimme.
,,Hallo Elisabeth, ich bin's, Micky MacLeod."
,,Guten Abend, Madame. Wie läuft es in Irland?"
,,Ganz ehrlich gesagt, nicht gut, Elisabeth. Ich will jetzt nicht zu sehr ins Detail gehen. Aber Monsieur Methos, seine Frau und Adam Lee stecken in großen Schwierigkeiten. Monsieur Connor kommt mit Geneviève nach Hause."
,,Wie schön. Und wann ist mit Ihrer Rückkehr zu rechnen, Madame?"
,,Das wird wohl noch einige Zeit dauern. Elisabeth, du musst mir einen Gefallen tun. In meinem Safe in der Bibliothek liegen drei Stahlbarren mit dem Siegel von Nakano. Schick' mir einen per Kurier nach Schloss Lys Airt in Cornwall und aus meinem Mausoleum einen der Schwertgriffe."
,,Wann sollen die Sachen eintreffen, Madame?"
,,Am Besten schon vorgestern. Mein Schwert wurde im Kampf zerstört."
,,Sind Sie in Ordnung, Madame?" Micky lächelte über die Fürsorge ihrer Haushälterin.
,,Ja, Elisabeth. Es geht mir gut. Ach, und sollte ein Mann namens Daniel Prescott auftauchen, erschießt ihn und schlagt ihm den Kopf ab..." Sie härte wie Elisabeth nach Luft schnappte und ließ ihr einen Moment, um sich zu fangen. Dann fuhr sie fort: ,,Er ist mein ehemaliger Schüler, und er ist wahnsinnig. Er ist sehr gefährlich. Er würde euch und eure Kinder ohne zu zögern töten, nur um mir wehzutun." Jetzt da Daniel von Sikes besessen war, hegte Micky nicht den geringsten Zweifel an seinen Absichten.

Einige Minuten herrschte Schweigen in der Leitung. Micky konnte sich nur allzu gut vorstellen, was in diesem Augenblick in ihrer Haushälterin, die ihr im Laufe der Jahre so vertraut geworden war, vorging. Immerhin kannte sie Elisabeth seit ihrer Geburt. Bereits ihre Eltern, Marion und Jonathan Stern, hatten für Micky gearbeitet. Und Elisabeth hatte sich sehr zu Mickys Freude zu einer wahren Perle entwickelt, nachdem sie ihren anfänglichen Schrecken über die unsterbliche Comtesse überwunden hatte.

,,Ich habe verstanden, Madame. Pierre wird zusätzliches Wachpersonal engagieren und die Patrouillen verstärken."
,,Ja, das soll er auf jeden Fall. tun Und die Männer sollen bei Einbruch der Dunkelheit nur bewaffnet im Schlosspark patrouillieren. Ich muss jetzt Schluss machen, die anderen warten schon auf mich. Kümmere dich gut um Geneviève und Monsieur Connor sobald sie eintreffen."
,,Natürlich, Madame. Und passen Sie gut auf sich und die anderen auf. Au revoir." Sie legte auf und ging ins Wohnzimmer zurück, um Pierre zu informieren. Angesichts der neuen Situation konnte sie auf seinen geschichtlichen Wissensdurst keine Rücksicht nehmen.

 

Irland, Grafschaft Kildare, Castledermot, die Gegenwart.
,,Also, wir könnten versuchen, noch einmal in das Schloss einzudringen und das Schwert zu finden. Amanda, trauen Sie sich den Bruch ohne Ihre Busenfreundin zu?"
,,Natürlich, aber das ist hier nicht die Frage."
,,Wie lautet sie denn sonst? Wir brauchen dieses Schwert, um Noah Woodhouse töten zu können", zischte Micky entschlossen. Die Schärfe ihres Tons ließ Charlie Grant, Duncans 22-jährige Schülerin zusammenzucken und die Flucht in Richtung Hotel antreten. Das waren Gesprächsthemen, mit denen sie nicht allzu viel zu tun haben wollte.
,,Sind Sie völlig durchgeknallt?! Methos, Adam Lee und Isis sind freiwillig dort geblieben, damit wir entkommen konnten! Und jetzt sollen wir uns auch noch in die Hände dieses Wahnsinnigen begeben? Sie mögen vielleicht nicht mehr besessen sein, aber sie sind irre! Total irre!"
,,Ladies, nun beruhigt euch mal wieder", versuchte Duncan die erhitzten Gemüter ein wenig zu beruhigen. ,,Micky, ich halte es nicht für eine gute Idee, noch einmal ins Schloss zu gehen. Nicht sofort jedenfalls..."
,,Du bist einer Meinung mit ihr?!" fragte Micky mit einer abfälligen Kopfbewegung in Amandas Richtung.
,,So schwer mir es auch fällt das zuzugeben, aber ausnahmsweise hat Amanda Recht."
,,Dass ich den Tag noch erleben darf", meinte Amanda spöttisch und hob ihr Weinglas zu einem Toast in Duncans Richtung. Bevor einer aus der Gruppe etwas erwidern konnte, bemerkten sie einen Unsterblichen, der den Pub betreten hatte.

,,Den nächsten Morgen wirst du hingegen nicht mehr erleben, Amanda Darrieux!" Das Glas, aus dem Amanda eben noch getrunken hatte, fiel zu Boden und zerbrach zu einem Scherbenhaufen.

Ebenso wie ihr Leben.

,,Du bist tot", murmelte sie fassungslos und ging unsicher einen Schritt zurück.
,,Das hättest du wohl gerne, du elendes, verräterisches Weib! Du falsche Eva! Verführerin der Rechtschaffenen! Gemeine Diebin und Wortbrecherin!" Jetzt sprang Duncan in die Höhe und trat auf den braunhaarigen, vollbärtigen Hünen zu, der Amanda aus hasserfüllten Augen anstarrte.

Seine mächtige Brust, an der ein kleines goldenes Kruzifix hing, bebte vor Zorn. Die übrigen Gäste des Pubs ignorierten den Wortwechsel, sie hatten es sich zur Maxime gemacht, sich nicht in die Probleme von Fremden einzumischen. Duncan hingegen mischte sich mit Vorliebe ein, vor allem, wenn Freunde in Schwierigkeiten steckten. Und auch wenn ihm das in der Vergangenheit immer wieder Ärger bereitet hatte, musste er sich eingestehen, dass die Meisterdiebin Amanda schon lange zu seinen wahren Freunden zählte.

,,Hören Sie, Mister. Ich weiß nicht, was Amanda angestellt hat, aber wir können über alles reden."
,,Ich will nicht reden, ich will ihren Kopf! Und das, was sie unrechtmäßig an sich genommen hat! Bei Sonnenaufgang treffen wir uns am runden Turm, draußen vor der Stadt. Wenn du nicht kommst, werde ich dich um den ganzen Globus jagen!" Damit war der 1,90 Meter große Europäer auch schon verschwunden.

Duncan setzte sich wieder und sah Amanda erwatungsvoll an.

,,Also, dann erzähl' mal, was hast du schon wieder angestellt?" Während Duncan noch sprach, stand Micky auf und schob ihren Stuhl nach hinten fort.
,,Warten Sie einen Moment, bevor Sie beginnen, Amanda. Richie, wir gehen spazieren. Ich muss mit dir reden."
,,Aber Micky, ich will das hören", beschwerte Richie sich.
,,Willst du nicht. Es bringt nur Ärger. Sie bringt nur Ärger. Und davon haben wir schon genug."

Duncan gab ihm ohne Worte zu verstehen, dass er Micky begleiten sollte. Er wusste aus Jahrhunderte langer Erfahrung, dass Amanda bereitwilliger die Wahrheit erzählen würde, wenn er mit ihr alleine war. Und er wusste, dass das, was Micky ihrem Schüler zu sagen hatte, wichtig war.

 

Micky und Richie schlenderten die Hauptstraße entlang, die Schwerter unter ihren Mänteln versteckt, aber griffbereit. Sie gingen einige Minuten schweigend nebeneinander her und sahen sich die Auslagen in den Schaufenstern der kleinen Läden an.

Schließlich hielt Richie es nicht mehr aus und brach als Erster das Schweigen: ,,Was wolltest du mit mir besprechen, Boss?"
,,Ich werde dich fortschicken, Richie."
,,Nach Paris?" Sie blieb stehen und sah Richie ernst an.
,,Nein, noch weiter weg." Micky sah seinen erschrockenen Gesichtsausdruck, was ihr ihre Entscheidung nicht gerade leichter machte.
,,Hab ich was angestellt? Habe ich nicht gut gearbeitet in der Galerie? Okay, es war blöd, dass ich einfach mit Mac abgehauen bin. Ich habe mich aber entschuldigt." Micky lächelte und berührte ihn kurz am Arm. Der ungestüme Junge, als den sie Richie vor elf Jahren kennen gelernt hatte, war erwachsener geworden. Aber er hatte noch immer viel zu lernen. Und einiges davon konnte Micky ihm derzeit nicht beibringen. Es war an der Zeit für Veränderungen.
,,Es ist an der Zeit, dass du die weite Welt siehst, Richie."
,,Hey, Boss. Die habe ich schon gesehen. Ich war mit meinem Bike in ganz Nordamerika, ich war in Rio, in Barcelona und weiß der Geier wo. Ich kenne die Welt." Er stemmte die Arme in die Seiten und versuchte möglichst weltmännisch auszusehen. Micky unterdrückte ein Grinsen.
,,Die Welt der Sterblichen, ja. Aber ich meine unsere Welt. Du sollst eine Lehrreise unternehmen, so wie Duncan, wie ich. Es sind ja nur ein paar Monate."
,,Monate?! Und wenn einer meinen Kopf will?!" Sie lachte.
,,Richie, am Hausboot hast du mit mir Seite an Seite gekämpft und was ich in dieser Nacht gesehen habe, hat mich sehr stolz gemacht. Du hast so viel gelernt von Duncan und mir. Aber jetzt ist es an der Zeit, dass du von Jemand anderem lernst. Du wirst nach China reisen und dort von einem sehr alten Unsterblichen unterwiesen werden. Er war auch ein Schüler von Nakano. Er ist über 1.300 Jahre alt. Ich werde dir einen Brief mitgeben, den du ihm überreichen wirst. Und Richie, hör' auf das, was er sagt." Richie nickte nur stumm, er wirkte sehr bedrückt. ,,Richie, ich mache das nicht, um dich zu bestrafen. Im Gegenteil, es ist eine Belohnung für das, was du bisher erreichst hast..." Er schaute sie erwartungsvoll an. ,,Ich meine das ernst. Meister Hirohito ist der Beste. Er ist ein weiser Mann, ein genialer Stratege. Er diente dem Tang-Kaiser Xuanzong als Feldherr. Er wird dich unter anderem das ursprüngliche Bassai Dai lehren, eine Bewegung-sabfolge des Karate, das heute kein Sterblicher mehr in dieser Form beherrscht. Sie kämpfen alle eine abgeänderte Form. Es könnte dir sehr nützlich sein in unserem Kampf, denn auch nur wenige von uns beherrschen diesen speziellen Kampfstil. Und er beherrscht auch Schwertkampftechniken, die nur noch sehr, sehr wenige kennen." Richie sagte nichts, sah lange in eine Vitrine, in der sich das Mondlicht spiegelte.
Dann drehte er sich zu Micky um und sagte: ,,Wenn es das ist, was du willst, werde ich gehen,, Boss."
,,Richie", sie sah ihm fest in die Augen. ,,Es ist das Beste für dich. Und ich will dich aus der Schusslinie haben."
,,Aber Boss, gerade eben hast du gesagt, ich hätte soviel gelernt."
,,Aber nicht genug, damit du mit Daniel fertig wirst. Ich habe deinen Blick gesehen heute Morgen. Ich weiß, dass du seinen Kopf willst. Dafür bist du noch nicht bereit. Schon gar nicht für den Wahnsinn, der dich im Augenblick der Übertragung ereilen wird. Die Schuhe von Christopher Sikes sind dir ein paar Nummern zu groß. Selbst mir waren sie zu groß. Wenn du Daniel wirklich herausfordern willst, musst du besser werden. Und wir sollten auch nicht vergessen, dass da draußen Ginger MacKenzie von Duncans rachsüchtiger Exfrau ausgebildet wird, um dich zu enthaupten, Richie. Das sind zwei sehr gute Gründe, weshalb ich dich zu Meister Hirohito schicken will."
,,Und was wirst du in der Zwischenzeit tun?"
,,Ein neues Schwert schmieden, zunächst einmal. Und heute Nacht werde ich zu Kyle gehen und mit ihm reden." Richie klappte die Kinnlade herunter.
,,Ich glaube, du hast sie wirklich nicht mehr alle! Das ist der reine Selbstmord!"
,,Er wird mir nichts tun, Richie. In Fort William bin ich auch einfach so in sein Büro hinein und wieder hinaus spaziert. Das gehört alles zu seinem Plan!"
,,Ein Plan! Pah! Ein beschissenes Spiel!" grollte Richie.
,,Es geht um das Schicksal der Welt, Richie. Er will Diejenigen wieder zusammenbringen. Und wenn sie, sieben an der Zahl, wirklich wieder vereint sind, wird die Welt, wie wir sie kennen, wahrscheinlich unter gehen. Das finstere Mittelalter wird dagegen aussehen, als hätte Gott nur mal kurz Urlaub gehabt. Ich denke aber, wenn wir es schaffen, einen, nur einen von ihnen zu töten, wird das Ende der Welt abgewendet sein. Denn sie können dann ihre Reihen nicht durch andere Unsterbliche auffüllen."
,,Wir könnten also allem einem Ende setzen, wenn einer von ihnen stirbt?" Micky nickte und hoffte inständig, dass es nicht Methos, Adam oder Isis sein würde. In dieser Reihenfolge. Methos war seit über drei Jahrhunderten ein immens wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Adam hatte sie seit 77 Jahren für tot gehalten. Sie hatte sich praktisch schon mit seinem Verlust abgefunden, nicht so ihre eigensinnige Tochter, die Adam so sehr liebte, dass sie nach seinem angeblichen Tod keinen Partner mehr gehabt hatte. Und Isis, nun ja, die ägyptische Natter würde vermutlich nur Methos und Amanda fehlen, ihr aber nicht. Am Liebsten wäre es Micky natürlich aber sie könnten Kyle erledigen. Damit hätte sie die Genugtuung für alles, was er ihr seit dem Erdbeben von San Francisco angetan hatte, und die Welt wäre gerettet, ohne dass die Sterblichen und die meisten Unsterblichen etwas davon ahnten. Mehr konnte man wirklich nicht verlangen.
,,Ja, dann ist alles vorbei", beantwortete sie Richies Frage nach einigen Minuten endlich.
,,Auch die Zusammenkunft?"
,,Nein, das glaube ich nicht. Die Kennzeichnung der Unsterblichen hat sich bereits vor Jahrtausenden verselbstständigt. Für jeden getöteten Unsterblichen wird irgendwo auf der Welt ein neuer ausgewählt. Es wird ewig so weiter gehen. Aber wenn wir das Ende der Welt verhindern können, ist das ein vergleichsweise kleiner Preis, findest du nicht?"
,,Ja, schon... Also, einer von ihnen muss sterben... Das müssten wir doch irgendwie hinkriegen. Aber eines verstehe ich nicht. Methos und die anderen, warum sind sie dort geblieben? Was meinte Woodhouse damit, sie müssten den Platz einnehmen, der ihnen zusteht?"
,,Wenn du nicht von selbst drauf kommst, kann ich dir nichts dazu sagen. So sind die Regeln. Und jetzt solltest du dich verabschieden, du reist sofort ab... Es ist besser so, für uns alle." Er nickte, was hatte er schon für eine Wahl. Und Micky hatte Recht, wenn er Daniel Prescott wirklich herausfordern wollte, musste er besser werden. Es erstaunte Richie, dass Micky ihm so ohne weiteres zugestand, seinen Kopf holen zu wollen.

 

Zur selben Zeit erzählte Amanda Duncan in dem Pub, wer der geheimnisvolle Unsterbliche war, der ihren Kopf wollte. Duncan stellte ein neues Glas Wein vor sie und sah Amanda erwartungsvoll mit seinem Bier in der Hand an.

,,Dann leg mal los mit deiner Beichte, Amanda Darrieux. Den Namen habe ich schon lange nicht mehr gehört, Ms. Montrose." Wie die meisten Unsterblichen benutzte Amanda wechselnde Nachnamen, um unerkannt durch die Jahrhunderte streifen zu können. Darrieux war nur einer von ihnen. Duncan grinste sie an. Amanda allerdings war es nicht nach Grinsen zumute. Sie machte sich echte Sorgen um ihren Kopf.
,,Sein Name ist Arnaud-Rabel Darrieux. Er war ein Kreuzritter."
,,Ein Kreuzritter. Zu Zeiten von Löwenherz?" Sie nickte.
,,Ja genau. Arnaud begleitete Richard auf dem dritten Kreuzzug. Ich lernte ihn auf einem der Gelage von Löwenherz kennen. Er machte mir den Hof mit solch verliebten Kuhaugen, das kannst du dir nicht vorstellen..."

Duncan lachte über ihre Unverfrorenheit, sie war erfrischend ehrlich. Zur Abwechslung. ,,Hör’ auf zu lachen, sonst erzähle ich nicht weiter... Wie gesagt, er begleitete Richard auf den Kreuzzug. Mir wurde berichtet, dass er am 12. August 1191 an seinem 30. Geburtstag bei der Schlacht um Akkon von einem Pfeil ins Herz getroffen wurde."
,,Happy Birthday", meinte Duncan.
,,Haha. Bevor er mit Richard ins Heilige Land aufbrach, habe ich ihn geheiratet. Er war ein reicher Adliger. Ich habe gedacht, dass ich ihn..."
,,Ausrauben, über den Tisch ziehen oder beerben kannst?" beendete Duncan den Satz für sie. ,,So was habe ich mir schon gedacht. Du hast also angenommen, er wäre in Akkon gefallen, hast sein Vermögen eingesackt und bist als trauende Witwe von dannen gezogen."
,,Ja, so ungefähr. Wie hätte ich denn ahnen können, dass er zu uns gehören würde?"
,,Offensichtlich warst du nicht als seine Begleiterin bestimmt, sonst hättest du es gewusst. Du solltest die Herausforderung annehmen. Dir bleibt gar keine andere Wahl."
,,Ich weiß, Mac. Aber ich habe ehrlich gesagt Angst, dass er mich besiegen könnte. Willst du nicht vielleicht an meiner Stelle gegen ihn antreten? Du wirst sicher mit Leichtigkeit fertig mit ihm! Du als großer, starker Schotte." Duncan lachte und schüttelte ungläubig den Kopf.
,,Spar dir deine Schmeicheleien, Amanda. Die ziehen bei mir schon lange nicht mehr. Aber du setzt mich immer wieder in Erstaunen, wie dreist du doch bist! Mich zu bitten für dich zu kämpfen! Meine Liebe, du hast dir das Bett vor 800 Jahren bereitet, jetzt schlaf' auch drin. Das werde ich im Übrigen jetzt auch tun. Gute Nacht." Mit diesen Worten stand Duncan auf, trank den letzten Schluck Bier und drehte sich zum Eingang um, wo gerade Micky hereinkam. Er ging schnell zu ihr und schob sie wieder zur Tür hinaus. ,,Wir gehen."
,,Schon? Schade, ich dachte, jetzt wo der Junior weg ist, fängt der amüsante Teil an."
,,Also, ich für meinen Teil gehe jetzt schlafen. Charlie ist auch schon verschwunden. Was hast du noch so vor?"
,,Ich bin noch nicht müde. Ich werde ein bisschen spazieren gehen."
,,Nimm dein Schwert mit, Comtesse. Und halt deinen Kopf aus irgendwelchen Duellen raus, klar?"
,,Du kennst mich einfach zu gut, Duncan MacLeod."
,,Ja, leider. Das ist mein größtes Problem. Gute Nacht, Micky." Sie drehte sich um, er gab ihr einen Klaps auf den Po und schlug den Weg zum Hotel ein. Micky wartete einen Moment. Als sie sicher war, dass Duncan sie nicht verfolgte, ging sie zu ihrem Mietwagen, stieg ein und fuhr zu Kyles Schloss, um mit ihm zu reden.

 

Irland, Grafschaft Kildare, der Rundturm außerhalb von Castledermot, bei Sonnenaufgang.
Amanda schritt den Platz vor dem runden Turm seit einer halben Stunde immer wieder ab. Nebel lag über dem Tal und machte das Ausschau halten schwer. Dennoch sah sie in alle Richtungen in Erwartung ihres Ehemannes. Wer hätte damals gedacht, dass Arnaud ein Unsterblicher werden würde? Sie gewiss nicht. Wie Duncan gesagt hatte, war sie nicht als seine Begleiterin auserkoren gewesen, sonst hätte sie es gewusst.

Endlich spürte sie etwas, sie war nicht mehr alleine. Amanda drehte sich einmal um sich selbst und entdeckte dabei Arnaud, der mit gezogenem Schwert auf sie zukam. Er trug einen schwarzen Ledermantel, den er jetzt auszog und achtlos auf den Boden warf.

,,Amanda, guten Morgen. Welch herrlicher Sonnenaufgang. Genieße ihn, denn heute wirst du sterben!" Sie hob ihr Schwert und ging auf Arnaud zu.
,,Also Darrieux, das muss doch nicht sein. Ich gebe dir Geld. Die ganze Summe, die ich geerbt habe. Mit Zinsen", setzte sie schnell hinzu.
,,Alles Geld der Welt kann deinen Verrat nicht mehr gutmachen, falsche Schlange! Hast du es mitgebracht?" Amanda zuckte die Achseln und griff in ihren Mantel. Sie holte ein ungefähr zwanzig Zentimeter langes, juwelenbesetztes Goldkreuz hervor und warf es Darrieux vor die Füße. Er näherte sich und hielt ihr die Spitze seines Schwertes unter die Nase. So einfach wie Amanda sich die Sache vorgestellt hatte, würde sie wohl doch nicht werden.
,,Erstaunlich, dass du es behalten hast."
,,Ich war schon immer sentimental!" sagte sie und griff im selben Augenblick an. Ihr Gegner sprang überrascht einen Schritt zurück und wehrte ihren Schlag im letzten Moment ab. Dann machte Darrieux einen Satz nach vorne, schnappte sich das Kreuz, hing es sich um den Hals und griff Amanda an.
,,Du hast mich reingelegt. Du hast mich unter Vortäuschung falscher Tatsachen geehelicht! Du hättest mir nie den versprochenen Erben schenken können!"
,,Großer Gott, Darrieux! Du hättest ihn auch nie zeugen können! Das ist doch kein Grund uns zu bekämpfen. Wir können noch einmal ganz von vorne anfangen."
,,Darauf lege ich keinen Wert, du Gotteslästerin! Du hast mich nicht nur um meinen Erben gebracht, sondern auch um mein Vermögen! Du bist ein gottloses Luder, das ins Fegefeuer der Verdammnis gehört!"
,,Himmel! Das hat mich schon damals so an dir genervt, diese übertriebene Frömmigkeit! Löwenherz war wenigstens amüsanter als du und auch besser im Bett!" Er schrie wütend auf und griff Amanda an. Sie konterte mit ihrem Schwert, Funken sprühten.

Darrieux verpasste ihr im nächsten Augenblick einen Schnitt am Oberarm. Amanda wechselte im Bruchteil eines Augenblicks ihr Schwert in die andere Hand. Sie sprang nach vorne und schlitzte Arnaud den Bauch auf. Ihm entfuhr die Luft mit einem erschrockenen Schrei auf den Lippen.

Amanda atmete ein paar Mal tief durch, Darrieux hatte sein Schwert fallen gelassen.

,,Ich will dich nicht töten, Arnaud. Du hast das Kreuz, lass' es uns beenden."
,,Es wird nie zu Ende sein!" stieß er zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor und hob sein Schwert. Schwankend versuchte er noch einmal auf die Füße zu kommen. Amanda seufzte bedauernd, hob ihr Schwert und holte aus. Mit einem sauberen Schlag trennte sie den Kopf von Arnaud-Rabel Darrieux von den Schultern. Sie hatte den Mann getötet, den sie am Vorabend des dritten Kreuzzuges von König Richard Löwenherz geheiratet hatte. Und sie empfand so etwas wie Reue und Traurigkeit über seinen Tod. Gefühle, die Amanda eigentlich aus ihrem Herzen verbannt hatte.

Nun da es vollbracht war, senkte Amanda ihr Schwert, Tränen sammelten sich in ihren Augen. Zum Glück konnte Duncan sie nicht sehen, wie sie hier weinend über der Leiche ihres Mannes stand, den sie ja eigentlich bereits vor 816 Jahren begraben und schnell wieder vergessen hatte.

Die ersten Blitze krochen aus seinem toten Körper und fanden mit Leichtigkeit den Weg zu Amanda. Sie schrie vor Pein, aber nicht nur vor körperlicher. Es war ein Schmerz, den sie nicht erwartet hatte. Vor 800 Jahren hatte sie Darrieux nicht aus Liebe, sondern aus finanziellem Kalkül geheiratet. Sie hatte sich rasch mit seinem Tod im Heiligen Land abgefunden. Doch dass er nun durch ihr Schwert gestorben war, war etwas, dass Amanda nicht so leicht wegstecken konnte.

Blitz um Blitz nahm sie in sich auf. Sie sah, was Arnaud gesehen und erlebt hatte im Heiligen Land. Was Saladdins Truppen ihm angetan hatten, als er belebt worden war. Wie er nach sechs Jahren aus der Gefangenschaft entkommen war und sie seitdem auf der ganzen Welt gesucht hatte. Zunächst hatte er sie im Guten gesucht, doch dann waren Darrieux Gerüchte über den wahren Charakter seiner Gemahlin zu Ohren gekommen, die ihm die Schamesröte ins Gesicht getrieben hatten. Der süße Name seiner Frau war ihm fortan nur noch als Fluch über die Lippen gekommen. Amanda erkannte, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, Arnaud zu töten.

Er hätte niemals Ruhe gegeben. Niemals. Anders als ihre Freundin Isis hatte sie sich für eine schnelle Scheidung entschieden. Sie hatte Darrieux ja auch nicht geliebt, so wie Isis ihren Methos liebte. Jetzt, da das Problem mit Darrieux gelöst war, galt es ihre Freundin aus den Fängen dieses Irren, der sich Noah Woodhouse nannte, zu befreien. Entschlossen machte sie sich auf den Weg zu ihrem Auto. Nach wenigen Schritten hielt sie inne, drehte sich um und ging noch einmal zurück zu Arnauds Leiche. Sie kniete sich hin und nahm das Kreuz von seinem Hals.

,,Du erlaubst doch, Arnaud, dass ich mir mein Erbe zurückhole. Ich werde ab und an deinen Namen verwenden. Vielleicht wenn ich mal wieder versuche, eine Gutenbergbibel zu stehlen oder etwas aus dem Vatikan", sagte sie verschmitzt lächelnd.

Einen Augenblick musterte sie die Leiche. Der Nebel hatte sich gelichtet, die Sonne war ein weiteres Mal aufgegangen und Amanda würde auch den nächsten und den übernächsten Sonnenaufgang sehen, allerdings mit anderen Augen. Sie schlug ein Kreuz über der Leiche, dann stand sie auf und ging davon.

 

 

3. Die Wurzel allen Übels

 

Irland, Grafschaft Kildare, Wittmore Castle, in der Nacht.
In der Nähe schrie eine Eule, als Micky den Jeep, den sie in Castledermot gemietet hatte, abbremste. Sie sah sich kurz um, konnte aber auf den Türmen keine Wachen entdecken. Genau wie gestern. Und ganz genau wie gestern hatte Micky vor, durch den Geheimgang, den Adam ihnen gezeigt hatte, in das Schloss einzudringen und nach ihren Freunden zu suchen.

Sie nahm das Schwert vom Beifahrersitz und schloss den Reißverschluss ihrer Lederjacke, in deren Innentasche sie ihre alte Army-Waffe verstaut hatte. Sicher, es gab inzwischen bessere Pistolen. Aber Micky musste schon auf ihr Schwert verzichten, daher war es ihr wichtig, wenigstens eine vertraute Waffe bei sich zu führen.

 

Auf dem Weg zum Geheimgang waren Mickys Sinne und Nerven bis zum Äußersten gespannt. Sie sah in alle Richtungen, blieb immer wieder stehen und lauschte. Doch abgesehen von der Eule, die sie auf ihrem nächtlichen Ausflug begleitete, war sie alleine. Alleine, aber nicht unerwartet, davon war Micky überzeugt. Kyle kannte Micky und konnte sich mit Sicherheit zusammenreimen, dass sie ihm einen Besuch nach dem anderen abstatten würde, bis sie Methos, Adam und Isis befreit hatten, und er, Kyle, tot war.

,,Was zum Teufel mache ich hier eigentlich?!" fluchte Micky leise und betrat den Geheimgang mit einer Taschenlampe in der einen und Adams Schwert in der anderen Hand.
,,Du folgst deinem Herzen", vernahm sie eine vertraute Stimme in den Schatten des finsteren Korridors. Heraus trat die blau schimmernde Gestalt von Darius.
,,Mein Herz und der Rest von mir wäre jetzt lieber im Bett bei Duncan", sagte sie scharf, musste aber im gleichen Moment über ihre Worte grinsen. ,,Du tauchst immer dann auf, wenn man es am wenigsten erwartet, alter Freund."
,,Ich tauche immer dann auf, wenn du mich am meisten brauchst, Michelle. Lass uns gehen. Ich zeige dir den richtigen Weg. Den Weg zu Kyle."
,,Zeig mir lieber den Weg zu Methos." Er schüttelte den Kopf, was Micky dazu veranlasste wütend mit dem rechten Fuß aufzustampfen.
,,Sie haben eine Aufgabe zu erfüllen", erklärte Darius geduldig.
,,Das Ende der Welt einzuläuten?! Schöne Aufgabe! Strapaziere nicht meine Geduld, Darius! Sonst ist mir am Ende egal, wer von den sieben sterben muss, um Kyles Pläne zu vereiteln!"
,,Das glaube ich dir nicht, Michelle." Sie ignorierte ihn und ging stur weiter.


Als sie an mehreren brennenden Fackeln, die den stockfinsteren Tunnel erhellten, vorbeikamen, traf Micky eine Entscheidung. Da sie nicht abschätzen konnte, wie lange sie im Schloss herumirren würde auf der Suche nach Methos und den anderen, schaltete sie die Taschenlampe aus und schnappte sich eine der Fackeln.

,,Michelle, ich rede mit dir." Sie blieb stehen und sah Darius herausfordernd an. Er sprach unbeirrt weiter: ,,Du würdest doch nie das Schwert gegen Methos erheben."
,,Einmal habe ich es schon getan."
,,Da warst du aber nicht du selbst", gab Darius zu bedenken.
,,Sollte ich Daniel Prescott herausfordern und besiegen, könnte das ganz schnell wieder der Fall sein."
,,Legst du es denn darauf an? Vermisst du Sikes' Gesellschaft und seine Fähigkeiten?" Darius war zwar tot, aber nicht dumm. Macht korrumpierte, das war ein eisernes und uraltes Gesetz. Die Frage war nur, ob sie auch Micky bereits korrumpiert hatte, nachdem sie davon gekostet hatte. Nach allem, was ihr in den letzten Monaten passiert war, konnte Darius die Frage nicht einfach aus dem Bauch heraus mit ,,ja" oder ,,nein" beantworten.
,,Darüber kann ich jetzt nicht nachdenken. Aber ich halte es wie Duncan, jede Schlacht, die ich für gerechtfertigt erachte, werde ich auch austragen." Darius lächelte, er hatte Duncan dies öfters sagen hören, seit er ihn auf den Schlachtfeldern von Waterloo zum ersten Mal getroffen hatte.

Damals hatte er einen jungen Kameraden von Duncan mit Hilfe einiger Kräuter vor dem Fiebertod gerettet. Seine Wanderschaft hatte ihn an den Schlachtfeldern vorbeigeführt, nachdem er Micky vergeblich in ihrem Chateau gesucht und erfahren hatte, dass sie nach Kaiserin Joséphines Tod nach England abgereist war. Damals war er ganz froh gewesen, einen anderen Unsterblichen zu treffen, mit dem er sich austauschen konnte. Wer hätte ahnen können, dass dieser hitzköpfige Schotte einmal das Herz seiner geliebten Michelle erobern würde, die er zu dem Zeitpunkt schon 290 Jahre gekannt hatte. Viel war passiert seit damals und Micky hatte viel erlebt und ertragen. Darius betete inbrünstig, dass die Erfahrungen mit Sikes sie nicht für immer verändert hatten, vor allem nicht zum Schlechten.

,,Hey, träumst du, Darius? Gehen wir weiter." Sie bogen um eine Ecke und erkannten, dass sie sich verlaufen hatten. Micky fluchte. Sie standen in einer Sackgasse. Ein missbilligender Blick traf Darius, der entschuldigend die Hände hob.
,,Ich bin dein geistiger Führer, Michelle. Nicht der Kastellan dieses Schlosses."
,,Du bist doch tot." Er sah sie angesichts dieses Kommentars zweifelnd an.
,,Tot schon, aber nicht allwissend."
,,Schade, also gehen wir denselben Weg zurück, den wir gekommen sind. Du hast mir selbst einmal gesagt, dass man manchmal einen Schritt zurück machen muss, um vorwärts zu kommen."
,,Ja, ja. Ich sage viel, wenn der Tag lang ist. Besonders seit ich tot bin, denn dann sind die Tage sehr lang. Und man hat nicht oft Gelegenheit zu anregender Konversation mit den Lebenden."
,,Bewirb dich doch als Hausgeist bei Kyle", schlug Micky grinsend vor. Als sie an der Kreuzung standen, die sie in die Sackgasse geführt hatte, überlegte Micky angestrengt, welchen Weg sie nun einschlagen sollte. Darius nahm ihr die Entscheidung ab.
,,Dort lang geht es zu Kyle", er zeigte in die entsprechende Richtung.
,,Ich möchte aber erst Methos befreien. Und die anderen natürlich", ergänzte sie schnell. ,,Schau nicht so! Methos liegt mir mehr am Herzen als die beiden anderen." Darius sagte nichts, sein Blick aber sagte mehr als tausend Worte. ,,Ja, ja, Herrgott noch mal! Ich würde Methos nicht töten, um Kyles Pläne zu vereiteln. Jetzt zeig' mir endlich den Weg!"
,,Ich kann nicht. Ich kann dich nur zu Kyle führen." Jetzt riss Micky der Geduldsfaden.
,,Dann verschwinde in Dreiteufelsnamen, im Namen Derjenigen und im Namen deines Gottes! Ich komme prima alleine zurecht!"
,,Wenn du dich da mal nicht täuschst, Michelle", sagte seine bereits verblassende Erscheinung unheilvoll.
,,Du warst schon unerträglich selbstherrlich als du noch gelebt hast", rief Micky ihm in den dunklen Korridor hinter her. Dann setzte sie einen Schritt in den Gang, an dessen Ende sie Methos, Adam und Isis vermutete. Sie hörte Darius' Worte in ihrem Kopf nachhallen, dass die drei eine Aufgabe zu erfüllen hatten.
,,Ach verflucht, sei's drum. Manchmal muss man einen Umweg machen, um ans Ziel zu kommen." Sie drehte um und ging in die Richtung, die Darius vorgeschlagen hatte.

Bereits nach kurzer Zeit stand Micky dann auch tatsächlich vor der Tür, die zu dem großen Saal führte, in dem sie gestern Nacht auf Kyle getroffen waren. Sie hängte die Fackel in eine leere Halterung und überprüfte ihre Pistole. Ein paar tiefe Atemzüge, um ihren Herzschlag ein wenig zu beruhigen. Die Show konnte beginnen. Entschlossen drückte sie den Riegel der schweren Tür herunter und stieß sie auf.

 

Ihre Absätze machten auf dem Steinboden einen derartigen Krach, dass eigentlich Geister und Kobolde davon aufgeschreckt werden mussten. Zielstrebig durchquerte Micky den Saal, der von einer nicht überschaubaren Zahl Kerzen und dem Feuer eines alten, gewaltigen Kamins erhellt wurde. Das erste Detail, das ihr geradezu ins Auge sprang war der fehlende Glaskasten, in dem vergangene Nacht eines der sieben Schwerter der Macht gelegen hatte.

Dass sie nicht alleine war, hatte Micky natürlich schon lange gespürt, bevor sie die anderen Unsterblichen gesehen hatte.

Auf der entgegengesetzten Seite des Saales saß an einer langen Tafel Kyle Wittmore, der sich angeregt mit Kate Devaney unterhielt und mit Ginger MacKenzie flirtete. Er schenkte ihr gerade Wein nach und küsste sie auf den Mund. Was sie sah, gefiel Micky überhaupt nicht. Weitere Unsterbliche, die Micky nicht kannte, leisteten Kyle Gesellschaft. Als sie Micky näher kommen sahen, verstummten die Tischgespräche schlagartig. Michael Alexanders Witwe, Madeleine, an die Micky sich nur dunkel erinnerte, wollte sich auf sie stürzen, doch Kyle gebot ihr Einhalt. Mit einem eiskalten Lächeln im Gesicht begrüßte er Micky.
,,Oh, die hochwohlgeborene Comtesse Dubois gibt uns die Ehre, zu unserem kleinen Bankett zu erscheinen. Du hast nicht lange auf dich warten lassen. Geht es dir gut? Was macht mein alter Kumpel Sikes?"
,,Den bin ich zum Glück losgeworden. Was gibt es denn zu feiern, Kyle? Das Ende der Welt?"
fragte sie, während sie näher kam. Kyle schüttelte erheitert den Kopf.
,,Aber, aber, meine Liebe. Wir feiern das Wiedersehen mit lieben, alten Freunden."
,,Und wenn alle sieben da sind, entscheidet ihr, ob die Menschheit Sklaverei und ewige Finsternis oder Freiheit und Licht verdient?" fragte Micky bissig.
,,Solch bittere Worte bin ich von dir gar nicht gewohnt. Du solltest mal wieder Urlaub machen, Verehrteste." Micky ignorierte seinen Kommentar und überlegte kurz.

Sie stand jetzt direkt vor dem großen Tisch, griff nach einem Silberpokal, in den dunkelroter Wein eingeschenkt war. Langsam führte sie ihn an die Lippen und schien trinken zu wollen.

Dann im Bruchteil von Sekunden hatte sie Kyle den Wein ins Gesicht geschüttet, ihre Pistole gezogen und ihr Schwert erhoben, womit sie die übrigen Unsterblichen in Schach hielt.

Zu ihrer aller Überraschung befahl Kyle ihnen die Ruhe zu bewahren. Bedächtig wischte er sich mit seiner Leinenserviette das Gesicht ab und applaudierte Micky für ihre gekonnte Vorstellung. Er liebte gutes Theater.

,,Meine Hochachtung, Michelle. Das war erfrischend und durchaus amüsant. Wenn auch einen kleinen Hauch zu dramatisch. Und jetzt sollten wir uns unterhalten. Meine Freunde, lasst uns bitte ein paar Minuten alleine." Die Unsterblichen standen alle gleichzeitig auf, mit einer Ausnahme. Eine Frau, augenscheinlich Mitte dreißig, mit langem blondem Haar und grünen Augen saß noch immer an ihrem Platz. Sie sah Kyle herausfordernd an. ,,Brigid, ich habe dich höflich gebeten zu gehen. So wie die anderen."
,,Die anderen kennen dich nicht so wie ich dich kenne, Kyle. Jeder, der sich deinem Wort beugt, ist verdammt", sagte sie düster, stand aber dennoch auf.
,,Na also, es geht doch. Wir sehen uns dann später, Brigid." Er sah ihr noch einen Moment fasziniert hinter her und seufzte. Micky konnte nicht sagen, was es war, aber von dieser Frau ging etwas Geheimnisvolles aus. Sie machte nicht den Eindruck, als wäre sie freiwillig hier. Sie bot Kyle offen die Stirn und trotzte ihm ohne auch nur eine Spur von Angst zu zeigen. Doch Micky hatte im Moment ganz andere Sorgen. Sie beobachtete Kyle und wartete ab, bis er sich wieder ihr zuwandte. Als sich die Eichentür hinter Brigid schloss, bot Kyle Micky einen Platz an seiner Tafel und ein Glas Wein an.
,,Bin ich jetzt auch verdammt, weil ich mit dir trinke, Kyle?" fragte Micky und nahm einen Schluck von dem schweren, süßen Wein. Dabei warf sie einen Blick auf die Schwertsammlung, die hinter Kyle an der Wand hing. Das Schwert der Macht war, wie nicht anders zu erwarten, nicht dabei.
,,Nimm das nicht ernst. Sie sieht alles immer so negativ. Ist nicht ihre Jahreszeit. Der Februar liegt ihr mehr, wenn man ihr zu Imbolc huldigt."
,,Ich verstehe zwar nicht, was du da redest, Kyle. Und es ist mir ehrlich gesagt auch scheißegal. Ich will von dir nur eins wissen, wie hoch ist der Preis für die Freilassung von Methos und den anderen?" Kyle lachte. ,,Amüsiert dich die Sorge um meine Freunde etwa?"
,,Michelle, du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich sie hier gefangen halte, oder? Jeder in diesem Schloss ist aus freien Stücken hier." Micky sprang wütend auf und warf dabei den Stuhl um. ,,Aus freien Stücken?! Du hast sie erpresst! Sie hatten doch gar keine andere Wahl!" Sie hob den Stuhl auf und setzte sich wieder hin.
,,Falsch, sie hatten natürlich die Wahl. Sie hätten auch gehen und euch dem Tod überantworten oder mit euch gemeinsam sterben können. Sie haben sich dagegen entschieden. So einfach ist das." Micky schüttelte angewidert den Kopf. Sie musste leider zugeben, dass seine Worte logisch klangen. Und das war das Erschreckende. Das und die Tatsache, dass sie immer noch hier saß, mit Kyle diskutierte und ihm nicht den Kopf abschlug. Ihr Blick fiel kurz auf Adams Schwert, das vor ihr auf dem Tisch lag.
,,Mach schon. Nimm dein Schwert und töte mich, Comtesse. Wende das Ende der Welt ab. Aber an den Kämpfen um die Zusammenkunft wird das rein gar nichts mehr ändern. Irgendwo auf der Welt wird ein Unsterblicher lauern, der es auf Richie, Geneviève oder Connors aktuelle Herzensdame abgesehen hat. Es wird wieder und wieder geschehen. Bis ans Ende der Tage. Und ich bin noch lange nicht fertig mit euch. Ich werde weiter und weiter machen, deine Familie auseinander reißen und deine Freunde von dir trennen, bis du alleine dastehst. Bis du mich anflehst, dich mir anschließen zu dürfen."
,,Ich weiß, dass ich dich mit einem gewöhnlichen Schwert nicht töten kann. Überrascht? Was mich interessiert, ist wie du so grausam geworden bist, Kyle?" Er lachte amüsiert, während er sich und Michelle noch einmal nachschenkte.
,,Ich bin Neto, der Gott des Krieges, ich war schon immer so. Es macht mir Spaß die Menschen zu quälen und zu manipulieren. Sie in die Verzweiflung zu treiben. Connor MacLeod beim Tod seiner geliebten Isabelle zusehen zu lassen, war mir ein großes Vergnügen, meine Liebe." Sie holte blitzschnell aus und verpasste Kyle eine Ohrfeige. Er war zugegebenermaßen von ihrer mangelnden Furcht beeindruckt und sprach fanatisch von seinen Worten überzeugt weiter: ,,Ich bin das Alpha und das Omega, Michelle. Mein Wille geschehe. Ich war es, der die Zusammenkunft und alles, was mit den Unsterblichen zu tun hat, in die Wege geleitet hat. Die anderen waren leicht von dem Experiment zu überzeugen. Ohne mich, meine Liebe, wärst du schon vor Jahrhunderten gestorben, wahrscheinlich völlig aufgebraucht im zarten Alter von vierzig nach zehn bis zwölf Schwangerschaften. Du hättest nie Männer wie deinen geliebten Nostradamus, Kaiser Napoleon, Jack Kennedy oder deine geliebten MacLeods und Methos getroffen. Ihr alle wärt schon vor ewigen Zeiten zu Staub geworden. Du verdankst mir dein unsterbliches Leben, Michelle. Ist es da zu viel verlangt, wenn ich dich bitte, dich mir anzuschließen? Wir könnten zusammen soviel erreichen. So viel..." Er streckte ihr den Kelch entgegen. Doch dieses Mal nahm Micky ihn nicht an, sie schüttelte den Kopf, stand auf und entfernte sich mit dem Schwert in der Hand einige Schritte vom Tisch.
,,Sorry, Kyle. Ich habe nie darum gebeten unsterblich zu sein. Sicher, mein Leben war aufregend. Ich habe viele bedeutende Menschen kennen gelernt, Sterbliche wie Unsterbliche. Aber genau aus dem Grund, weil ich ihr Ansehen ehre, werde ich den Teufel tun und mich dir anschließen. Dieser Tafelrunde will ich um keinen Preis der Welt angehören." Er lachte bei der Erwähnung des Teufels, ein teufelsähnliches Wesen stand in seinen Diensten.
,,Auch nicht um den Preis der Freiheit von Methos?" Er grinste sie diabolisch an, zog fragend eine Augenbraue hoch.
Auf dieses Angebot gab es nur eine Antwort: ,,Niemals."
,,Ich bewundere deine Geradlinigkeit, tapfere Comtesse. Aber bedenke, dass einer deiner Musketiere hier ist und einer an gebrochenem Herzen leidet..." Er sah Micky lange und eindringlich an. Ihr Herz überfiel eine eisige Kälte, als er aufstand, mit seiner rechten Hand ihren Kopf zu sich zog und sie hart küsste. ,,Liebst du ihn wirklich, diesen schwächlichen Schotten Duncan MacLeod? Oder willst du endlich mal wieder einen richtigen Mann in dein Bett lassen?" Micky spuckte ihm ins Gesicht und wischte sich über den Mund.
,,Was Liebe ist, kannst du doch gar nicht beurteilen, Kyle. Was ich für Duncan empfinde oder wie wichtig mir Methos und Connor sind, das ist zu hoch für dich. Du kennst nur schwarz und weiß. Und davon auch nur eine Farbe." Kyle lächelte wieder fies, während er sich über sein Gesicht wischte.
,,Nun ja, sicherlich wirst du noch das eine oder andere über Methos erfahren, das du nicht erwartet hättest. Du willst dich mir wirklich nicht anschließen?" Sie schüttelte den Kopf. ,,Aber du wirst wiederkommen. Das weiß ich. Ich frage dich dennoch ein letztes Mal für heute Nacht: Willst du deine Ansicht noch einmal überdenken?" Und wieder schüttelte sie den Kopf. ,,Dann solltest du besser gehen." Er drückte einen Knopf, der in die Unterseite der Tischplatte eingearbeitet war. ,,In ungefähr fünf Minuten werden meine sterblichen Wachmänner hinter dir her sein. Töte sie, wenn du entkommen willst, mir ist es gleich." Micky wusste, dass er die Wahrheit sagte. Es war Kyles beschissenes Spiel mit seinen beschissenen Regeln. Wie er gesagt hatte, er war das Alpha und das Omega. Wenn es eine These gab, an die Micky glaubte, war es dies. Diejenigen waren zum Anbeginn der Zeit als Götter auf Erden gewandelt und hatten die Geschicke der jungen Zivilisation gelenkt. Als die Menschheit sich weiterentwickelt hatte, waren sie in die Finsternis verdrängt worden und in Vergessenheit geraten. Doch diese Tatsachen nutzten Micky im Augenblick herzlich wenig. Sie drehte sich auf dem Absatz um und rannte um ihr Leben.

 

Eine kalte Brise wehte durch ihr Haar, während sie den Korridor entlang rannte. Immer auf den geheimen Ausgang zu.

Sie rannte und rannte, so schnell ihre Beine sie tragen konnten. Micky war schon gut vorangekommen, hatte die Kreuzung, an der Darius sie verlassen hatte, beinahe erreicht. Dann passierte es, aus einer dunklen Ecke sprang einer von Kyles Männern heraus und nahm Micky von hinten in die Zange.

,,Hey Freundchen, hat dir noch niemand gesagt, dass die moderne Frau von heute es nicht zu schätzen weiß, wenn sie von hinten angesprungen wird?" Noch bevor der verblüffte Wachmann etwas sagen konnte, rammte Micky ihm den spitzen Absatz ihres rechten Stiefels in seinen Turnschuh. Schmerzgepeinigt schrie der Mann auf und lockerte gleichzeitig seinen Griff ein klein wenig. Für Micky reichte es. Sie bekam ihren rechten Arm frei und rammte ihn dem Kerl in die Brust. Er schnappte keuchend nach Luft und ließ sie los. Micky drehte sich um und schickte ihn mit einem rechten Haken ins Land der Träume. ,,Sterbliche", meinte sie grinsend, nahm seine Waffe an sich und rannte weiter.

 

Als Micky endlich den Ausgang erreicht hatte, verschnaufte sie kurz und lauschte in die Dunkelheit hinein, ob sie noch verfolgt wurde. Es war ruhiger als in dem Grab, in das Kyle sie 1906 kurz vor dem großen Beben von San Francisco gelegt hatte.

Einen kurzen Moment war Micky in Versuchung, noch einmal zurückzugehen und nach Methos und den anderen zu suchen. Der warnende Ruf der Eule, die auf sie zu warten schien, brachte Micky ziemlich schnell wieder von dem Gedanken ab.

,,Du hast ja Recht", sagte sie zu dem Vogel, der über dem Eingang hockte und kritisch auf sie herabsah. ,,Es wäre Irrsinn noch einmal zurückzugehen. Ich verschwinde." Zum Abschied berührte Micky mit ihrem Zeigefinger ihre Stirn und rannte zu ihrem Wagen.

Die Kugeln, die rechts und links von ihr in den Kies einschlugen, sagten Micky, dass die Zinnen von Castle Wittmore nun nicht mehr unbemannt waren. Sie sah nicht zurück, hörte aber den Abschiedsgruß der Eule, als sie in ihren Wagen einstieg und davonfuhr.

 

 

Irland, Grafschaft Kildare, Castledermot, in den frühen Morgenstunden.
Leise betrat Micky ihr Hotelzimmer, legte Adams Schwert auf den Schminktisch, zog sich aus und seufzte leise. Dann legte sie sich zu Duncan ins Bett und starrte die Decke an. Sie war viel zu aufgedreht, um einschlafen zu können.

,,Würdest du mir bitte mal erzählen, wo du so lange warst?" fragte Duncan vorwurfsvoll. ,,Es ist vier Uhr früh."
,,Wenn ich es dir sage, wirst du nur böse", sagte Micky, drehte sich auf die Seite zu Duncan und begann seine nackte Brust zu streicheln. Seine Hand schnellte hervor, packte Mickys Handgelenk und hielt es fest umklammert.
,,Spar dir deine Verführungskünste, Comtesse. Du warst bei Woodhouse, richtig?" Sie antwortete nicht, sondern versuchte stattdessen ihre Hand freizubekommen.
,,Wenn du die Antwort ohnehin schon kennst, warum fragst du dann noch?" meinte sie schließlich giftig und noch immer damit beschäftigt, sich aus Duncans Griff zu befreien.
,,Weil ich manchmal einfach nicht glauben kann, wie blöde du sein kannst!"
Endlich ließ er ihr Handgelenk los und rollte sich im nächsten Moment grinsend auf Micky.
,,Mit solchen Komplimenten kannst du bei mir nicht landen, Mac."
,,Aber vielleicht damit?" fragte er und fing an, Mickys Hals zu küssen.
,,Vielleicht", murmelte Micky und schloss genussvoll die Augen, während seine Hände tiefer glitten.

 

Stunden später, als die Sonne schon längst aufgegangen war, stand Duncan auf, band sich einen Pferdeschwanz und ging Richtung Badezimmer.
,,Hast du wenigstens Methos oder die anderen gesehen?" fragte er.
,,Nein, keine Spur. Unser alter Freund Darius hat mich daran gehindert nach ihnen zu suchen. Und dann musste ich Kyles Schlägern entwischen. Aber die Ex-Mrs. MacLeod habe ich gesehen."
Duncan kam mit seiner Zahnbürste im Mund zurück und sah sie interessiert an.
,,Und, hat sie was zu dir gesagt?"
,,Nein, Kyle hat alle rausgeschickt. Er wollte alleine mit mir reden. Ginger MacKenzie scheint übrigens sein Mädchen zu sein. Er hat sie geküsst."
,,Gut, dass du Richie nach Shanghai geschickt hast."
,,Da hast du Recht. Wir haben auch ohne Gingers Rachegelüste genug Probleme."
,,Apropos, Probleme. Ob Amanda schon zurück ist?" fragte Duncan, während er sich sein Outfit für den Tag zusammensuchte.
,,Hey, bin ich der Hüter deiner ,Exen'?" Duncan lachte über die Wortwahl seiner Frau.
,,Ich habe mir nur ein wenig Sorgen gemacht. Dieser Darieux sah ziemlich stark aus."
,,Ich bin sicher, dass es ihr gut geht. Amanda fällt immer auf die Füße. Sie ist unverwüstlich."
,,Ja, sie wird schon auf sich aufpassen", versicherte Duncan sich und seiner Frau, obwohl er wusste, dass Amanda für Micky immer noch ein rotes Tuch war, und es vermutlich auch immer bleiben würde.

 

Irland, Grafschaft Kildare, Wittmore Castle, am Morgen.
Amanda saß mit den Händen an eine Stuhllehne gefesselt in der großen Halle. Die Sterblichen, die für Woodhouse arbeiteten, hatten sie übertölpelt.

Wenn Amanda nicht gefesselt wäre, hätte sie sich in den Hintern getreten für ihre Nachlässigkeit. Stattdessen versuchte sie ihre Fesseln los zu bekommen, immerhin hatte sie viele Jahre beim Zirkus verbracht und kannte sich mit solchen Kunststücken bestens aus.

Das Erscheinen einer ganzen Gruppe Unsterblicher setzte ihrem Versuch aber erst einmal ein Ende. Sie erkannte Woodhouse, gefolgt von Methos, Adam Lee, Isis und drei unbekannten Unsterblichen. Isis entdeckte ihre Freundin und rannte zu ihr. Sie kniete sich vor Amanda und sah sie besorgt an.

,,Geht es dir gut?" Amanda nickte.
,,Kopfweh, sonst fehlt mir nichts. Sie haben mir eins über den Schädel gezogen. Ansonsten bin ich okay, denke ich. Und du, Isis? Behandeln sie euch gut?"
,,Ja, ja. Es ist kein Spaziergang, aber es geht." Sie drehte sich um und fixierte Woodhouse. ,,Du lässt Amanda sofort gehen, Noah. Oder du wirst es bereuen!" Isis' grüne Augen funkelten angriffslustig.
,,Was sonst? Willst du mich töten? Mich, den mächtigen Neto? Die Göttin der Liebe fordert den Gott des Krieges heraus? Und wie genau willst du das bewerkstelligen?" Kyle lachte Isis ins Gesicht.
"Vielleicht wird die Göttin der Liebe nicht mit dir fertig, Noah. Der apokalyptische Reiter des Todes wird es mit Sicherheit!" drohte Methos ihm und schob sich an Adam vorbei, der dem Geschehen relativ gelassen folgte.
,,Du willst also kämpfen, Methos?" fragte Noah und warf Methos sein Schwert zu, dass ihm letzte Nacht abgenommen worden war. ,,Und hier ist dein Gegner." Woodhouse schob einen jungen Unsterblichen in Methos' Richtung, der kaum älter als Richie aussah. Methos ließ das Schwert sinken.
,,Nein", war alles, was er sagte. Sein potentieller Gegner war 1,80 Meter groß und wirkte verdammt grün hinter den Ohren. Das wäre kein fairer Kampf. Woodhouse zuckte gleichmütig die Schultern. Der Junge machte erleichtert einen Schritt nach hinten, doch Woodhouse hielt ihn zurück.
,,Wenn du nicht kämpfst, was natürlich ganz dir überlassen bleibt, wird Amanda sterben." Isis keuchte schockiert und versuchte Methos das Schwert aus der Hand zu reißen. Woodhouse gab seinen Begleitern ein Zeichen, Isis wurde gepackt und festgehalten. Sie wand sich, versuchte nach den beiden zu treten, doch sie hielten die schöne Ägypterin fest.
,,Methos, bitte", flehte sie ihren Mann an. ,,Das kannst du nicht machen!",,Ich kämpfe nicht nach seinen Regeln. Ich kämpfe überhaupt nicht mehr!" Er warf das Schwert in weitem Bogen von sich.
,,Es sind unsere Regeln! Begreif das doch endlich! Wir sind für alles verantwortlich! Also sollten wir auch Verantwortung übernehmen, du elender mesopotamischer Feigling!" schrie Isis ihn an.
,,Ich kann mich aber nicht daran erinnern, Isis! Naah, Kyle, Neto oder wie auch immer er heißen mag, kann uns viel erzählen! Ich kann mich nicht erinnern! Ich weiß nicht, wer ich bin oder wo ich herkomme!" Das Ganze war lachhaft. Wenn es nicht um Amandas Leben ginge, wäre er schon längst aus dem Saal gestürmt, schneller als ein Tornado Florida verwüsten konnte.
,,Aber du kannst Amanda doch deswegen nicht zum Tode verurteilen! Ich habe dich auf die Seite des Guten geholt! Zweimal, Methos! Als wir uns in Waset wieder trafen und dann noch einmal vor 3.000 Jahren, als ich dich von den Reitern der Apokalypse weggeholt habe! Du schuldest mir etwas, verflucht noch mal!" Sie fing wieder an, um sich zu treten. Einer der beiden Unsterblichen umklammerte Isis und hob sie hoch, sodass ihre Füße in der Luft zappelten.

Die Tür, durch die Micky Stunden zuvor herausgestürmt war, wurde nun geöffnet, und Ginger MacKenzie trat ein.
,,Ah Ginger, meine Liebe. Hast du gepackt?"
,,Ja, Noah. Ich wollte mich nur noch von dir verabschieden." Sie ging zu Woodhouse, ignorierte die noch immer tobende Isis ebenso wie Methos, der sich entscheiden sollte, was er tun wollte. Im Laufe der Jahrtausende war er von so manchem Unsterblichen als feige bezeichnet worden, weil er sich vor verschiedenen Duellen gedrückt hatte. Isis hatte es ihm auch schon vorgeworfen, doch bis heute hatte sie es nie wirklich ernst gemeint. Hatte sie vielleicht Recht? Er war doch nicht feige. Er war nur der ewigen, nie enden wollenden Kämpfe müde und einfach nur überdrüssig. Eines war aber sicher, Isis würde ihn bis an Ende aller Tage hassen, wenn er Amanda sterben ließe. Und das wollte Methos keinesfalls. Das würde er nicht ertragen, wenn er schon nicht wusste, wer er war und woher er kam. Eines wusste er, er liebte sie mit jeder Faser seines Körpers. Was auch immer Isis mit ihm vor Jahrtausenden angestellt hatte, es hatte sein Leben verändert, es hatte ihn verändert. Vielleicht war es ihm nicht vergönnt, bis in alle Ewigkeit mit ihr jeden Tag in Glück und Frieden zu verbringen. Vielleicht nur alle paar Monate oder Jahre eine kurze Zeitspanne. Das war ihm gleich. Er konnte schon irgendwie damit leben. Anders als mit der Tatsache, dass sie ihn hassen würde, wenn er jetzt ginge und Amanda ihrem Schicksal überließe. Also ging er auf sein Schwert zu und hörte, wie Woodhouse sich von Ginger verabschiedete.
,,Ich wünsche dir eine gute Reise, meine Liebe." Woodhouse küsste seine Gefährtin zum Abschied.
,,Viel Vergnügen noch hier. Ich melde mich, wenn ich gelandet bin."
Woodhouse sah ihr noch einen Moment nach, dann wandte er sich an Methos: ,,So, Freund Methos.
Wie sieht es aus?"
,,Wohin fliegt sie?" fragte dieser, um Zeit zu gewinnen.
,,Nach Shanghai. Sie geht auf die Jagd. Aber das ist jetzt nebensächlich. Hast du dich entschieden, Methos? Wirst du um der Liebe willen das Schwert erheben? Oder wirst du die Freundin deiner Frau sterben lassen und dir damit auf ewig ihren Hass zuziehen und ihre Liebe verlieren? Was also wirst du tun, Methos?" Er antwortete nicht, sondern sah stattdessen unschlüssig auf sein Langschwert, das noch immer vor ihm auf dem Boden lag. ,,Methos, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit." Methos drehte sich um, ging auf Isis zu und sah den Unsterblichen, der seine Frau festhielt, böse an.
,,Lass sie los." Woodhouse nickte einverstanden, sein Handlanger gab Isis frei. Methos trat dich an sie heran und sah Isis tief in die Augen. ,,Ich liebe dich", gestand er ihr so leise, dass nur Isis es hören konnte. Es war an der Zeit, sich zumindest eine Wahrheit einzugestehen.
,,Ich weiß, Methos." Er legte eine Hand auf ihren weißen, schmalen Hals und küsste sie zärtlich.
,,Vergiss das nie, egal, was gleich passieren wird. Ich liebe dich, auch wenn du wahrscheinlich mein Untergang sein wirst." Sie lächelte. Dann ging Methos zu seinem Schwert und nahm es in die Hand. Er zeigte mit der Spitze auf Noahs Brust. ,,Willst du den Jungen wirklich zum Opferlamm machen? Denn mehr ist er nicht für mich. Nichts für ungut", sagte Methos an seinen Gegner gerichtet. Der junge Mann ging nicht darauf ein und holte sich von der Wand hinter dem langen Tisch ein Schwert.

Entschlossen zu gewinnen ging er auf Methos zu. Er hob sein Schwert zum obligatorischen Gruß.
,,Sagen Sie mir noch freundlicherweise Ihren Namen? Für Ihren Grabstein."
,,O'Brien. James O'Brien. Aber den Grabstein werden Sie brauchen, Methos! Ich mag jung sein, aber ich bin ein sehr guter Kämpfer!" Damit griff er Methos auch schon an. Er bewegte sich wie im Fechtunterricht. Eine Hand in der Seite sprang er mit kleinen Schritten auf Methos zu und attackierte ihn. Methos konnte nicht anders, er fing an zu lachen.
,,Du lieber Himmel, wer in aller Welt hat Ihnen nur beigebracht so zu kämpfen?! Der Stil ist seit Jahrhunderten out! Sieh dir das an, Isis!" Er drehte den Kopf zu seiner Frau, kämpfte aber weiter, was seinen Gegner erzürnte.
,,Stimmt, Liebster. Ein ganz schlechter Stil." Sie Lachte. ,,Pass auf!" rief sie im nächsten Moment, als O'Brien einen Stuhl mit voller Wucht auf Methos schleuderte. Der sprang geistesgegenwärtig zur Seite, der Stuhl zersplitterte in unzählige Teile. Methos packte sein Langschwert mit beiden Händen und ging in die Offensive. Mit weit ausholenden Bewegungen schlug er auf O'Briens Degen ein. Als dieser seine Deckung für einen kurzen Moment vernachlässigte, war Methos' Stunde gekommen. Er schlug O'Brien das Schwert aus der Hand. Es landete knapp außerhalb seiner Reichweite. Mit drei schnellen Schritten stand Methos vor dem jungen Iren.

O'Brien wusste, dass er besiegt worden war. Er kniete sich hin, sprach ein kurzes Gebet und breitete die Arme in Erwartung seines Todes aus. Methos stand über ihm und sah ihm in die Augen.
,,James, Sie sind jung, aber Sie kämpfen wirklich beschissen. Sie sollen eins wissen, Sie zu töten macht mir keinen Spaß. Ich habe keine Wahl. Sie haben mich unterschätzt. Ich bin nicht nur alt, sondern ich weiß auch, dass es Kämpfe gibt, die man besser auslässt. Diesen hier hätten Sie besser ausgelassen." Er holte aus und enthaupte James O'Brien noch bevor dieser etwas erwidern konnte.

Mit seinem Schwert in den Händen übernahm Methos die wenige Energie, die der junge und weitestgehend unerfahrene O'Brien in sich getragen hatte. Methos blieb still, kein Laut kam ihm über die Lippen.

 

Die Energieübertragung war erwartungsgemäß schnell vorbei. Isis rannte zu ihm, wollte ihn stützen. Doch Methos stieß sie wütend von sich. Isis verstand die Welt nicht mehr. Eben gerade noch hatte er ihr doch gesagt, dass er sie liebte. Achtlos warf Methos sein Schwert beiseite. Dieser Sieg war eine Schande, aber es war ein Weg, seinen Fluchtplan in die Tat umzusetzen. Er musste Woodhouse nur überzeugen.

,,Gratulation, Methos", sagte Noah und klatschte Beifall. Methos stand dicht vor ihm und hob einen Finger.
,,Leck' mich, Noah! Mir reicht es! Keine Spiele mehr!" Er ging an Woodhouse vorbei und schlug den Weg zu seinem Zimmer ein.
,,Methos!" rief Isis und rannte hinter ihm her.
,,Lass mich in Ruhe, du ägyptische Natter! Du hast, was du wolltest! Ihr beide habt das!" Er hätte sie gerne in den Arm genommen und geküsst. Doch Noah sollte glauben, er wäre wütend auf Isis. Er musste glauben, dass Methos alleine dastand, damit er ihn auf seine Seite ziehen konnte. Und Noah musste überzeugt sein, dass Methos sich ihm anschließen wollte. Dann konnte er die Flucht vorbereiten und Isis und Amanda hier rausschaffen. Selbst wenn nur einer von ihnen dreien entkommen konnte, war die Verwirklichung von Noahs Plänen damit ein Stück weiter in die Ferne gerückt.

 

 

4. Blinde Rache

 

China, Shanghai, am nächsten Tag, 14 Uhr nachmittags.
Müde und völlig erledigt verließ Richie den Flughafen. Er hatte einen Neunzehn-Stunden-Flug mit Zwischenlandung in London hinter sich und sehnte sich nach nichts mehr als seinem Bett im Hilton. Einen Tag wollte er durchschlafen und sich dann ausgeruht auf den Weg zu Meister Hirohito machen, um seine Lehre bei ihm zu beginnen. In einer Stadt, die einerseits große soziale und umwelttechnische Probleme hatte, andererseits aber im Ruf stand, eine Bevölkerung zu haben, die gekonnt Stil und anspruchsvolle Qualität mit ausgeprägtem Geschäftssinn und internationalem Denken verband, war es durchaus angebracht, ein wenig über die Stadt und seine Bewohner zu erfahren.. Außerdem war dies ja auch eine Lehrreise, da konnte es nicht schaden, wenn Richie ein wenig über die Kultur Chinas lernte. Und vielleicht auch ein paar Brocken Chinesisch für den Fall, dass ihm eine hübsche Chinesin über den Weg lief. Richie würde sich am nächsten Tag also einen Sprach- und Reiseführer kaufen, um nicht völlig unwissend durch Shanghai zu wandern.

Angestrengt darum bemüht nicht im Stehen einzuschlafen, suchte Richie auf dem Vorplatz nach einem Taxi, als sein Handy klingelte.
,,Richard Canderson, hallo", meldete er sich.
,,Hallo, Mr. Canderson.
Hier ist dein Boss. Wie ist der Bildungsurlaub?" fragte Micky vom anderen Ende der Welt. Verwundert sah er auf seine Uhr, die noch auf mitteleuropäische Zeit eingestellt war.
,,Ich bin gerade gelandet. Bis jetzt habe ich mich noch nicht sonderlich gebildet."
,,Wie war der Flug?"
,,Ermüdend. Ich habe noch nichts von Shanghai gesehen, ich werde jetzt erstmal schlafen gehen. In Irland ist es doch sechs Stunden früher. Bist du aus dem Bett gefallen?" Micky lachte. Ja, die MacLeods schliefen gerne lange. Alleine schon aufgrund der Tatsache, dass die meisten Schwertkämpfe mit anderen Unsterblichen in der Regel nach Einbruch der Nacht stattfanden.

Doch da Micky in der nächsten Zeit viel zu tun hatte, musste das warme, gemütliche Bett auf sie verzichten. Sie hatten Castledermot verlassen und waren gen England abgereist, nur Micky, Duncan und Charlie. Amanda hatte sich nicht mehr gemeldet, seit sie zu dem Kampf mit Darieux aufgebrochen war. Sie hatten in den Nachrichten gehört, dass eine kopflose männliche Leiche außerhalb von Castledermot gefunden worden war. Also hatte Amanda zumindest diesen Kampf gewonnen. Seither war sie verschwunden. Da Micky keine Ahnung gehabt hatte, wie sie ihre Freunde aus dem Schloss befreien sollten, wäre es pure Zeitverschwendung gewesen, noch länger in Castledermot zu bleiben und auf Amanda, die wahrscheinlich schon wieder irgendein Ding drehte, zu warten.

,,Ich will heute mit dem neuen Schwert beginnen. Wird ungefähr eine Woche dauern. Wir sind seit gestern Abend auf Schloss Lys Airt. Duncan will seine kleine Schülerin trainieren, und ich werde vor dem Frühstück noch joggen gehen." Richie grinste, er konnte sich vorstellen, dass Charlie Grants Gegenwart Mickys Blutdruck auf Touren brachte. Duncans bildschöne Schülerin war 22 Jahre alt, eine ehemalige Beobachterin, die von Woodhouses Leuten getötet und von Duncan nach ihrer ersten Belebung in Empfang genommen worden war. Und sie war Micky ein Dorn im Auge. Richie war froh, dass er derzeit am anderen Ende der Welt war und sich das Drama nicht ansehen musste.

Während er Micky nahe legte, Charlie einfach zu ignorieren, wandte er den Kopf in einem fort von links nach rechts. In einer so großen Stadt wie Shanghai musste es doch möglich sein, ein Taxi zu bekommen. Er hatte eins ums andere Mal seinen Arm gehoben, doch keines hatte angehalten. Dann bog ein weiteres Taxi in die Straße ein, Richie hob wieder den Arm. Und endlich, dieser Fahrer brauchte noch einen Fahrgast. Es kam auf ihn zu.

,,Du hast gut reden, Richie. Ist ja nicht dein Mann, der die Kleine zur Schülerin hat." Richie verkniff sich ein Lachen. Das grünäugige Monster genannt Eifersucht hatte Micky gebissen und zwar so fest es konnte.
,,Du bist doch ein großes Mädchen, damit wirst du schon fertig, Boss. Schlag ihr nur nicht den Kopf ab... Mein Taxi ist da, mein Bett im Hilton ruft. Ich melde ich mich wieder."
,,Okay, tu das...."
Sie überlegte kurz.
,,Ist noch was, Boss?"
,,Ja. Pass auf deinen Kopf auf, Junior. Ich habe eine Vorahnung, dass jemand hinter dir her ist. Halt dich möglichst viel auf heiligem Boden auf. Sieh dir die Long-Hua-Pagode aus der Song-Dynastie oder das Long-Hua-Kloster an. Dort wirst du sicher sein. Außerdem, ein bisschen Kultur schadet dir nicht und kann dir vielleicht sogar das Leben retten." Richie grinste. Nur eine Frau wie Micky schaffte es, Bildung mit Sicherheit zu verbinden.,,Ich werde es beherzigen, Micky. Gute Nacht, und richte Mac meine Grüße aus."
,,Mache ich, Junior. Schlaf gut." Sie legte auf, Richie stieg in das Taxi und sagte dem Fahrer, dass er ins Hilton wollte.

 

China, Shanghai, am nächsten Abend.
,,Was für eine Stadt", sagte Richie am nächsten Abend beeindruckt, als er durch den Stadtteil Pudong wanderte. Er hatte bedingt durch den Jetlag fast den gesamten Tag verschlafen. Beim Essen hatte er interessiert seinen Reiseführer durchgeblättert und wollte nun mit eigenen Augen sehen, worüber er gelesen hatte. Shanghai, die ,,Stadt zum Meer hin", wie sie im Chinesischen hieß, war eine durch und durch wasserreiche Stadt, die gesamte Wasserfläche betrug ungefähr 112 Quadratkilometer. Der größte Fluss, der sie in die zwei Teile Puxi und Pudong teilte, war der Huangpu-Fluss. Erstmals war die Existenz von Shanghai im Jahre 960 schriftlich festgehalten worden. Erste Besiedelungen hatten aber bereits 4.000 vor Christus stattgefunden.

Eine geschichtsträchtige Stadt, die Meister Hirohito sich als Heimat gewählt hatte. Höchst interessiert erkundete Richie die abendliche Millionenmetropole Shanghai Das Paris des Ostens. Alleine schon dieser wohlklingende Beiname ließ ihm die größte Stadt Chinas ein wenig vertraut erscheinen. Menschenmassen, die zielstrebig ihrer Wege gingen, boten ihm hoffentlich die Möglichkeit, unerkannt seiner Wege zu gehen.

Ein weiteres Telefonat mit Micky hatte ihm noch einmal bewusst gemacht, wie gefährlich eine fremde Stadt sein konnte. Die Comtesse glaubte, dass jemand hinter ihm her war. Und Richie kannte Micky nach elf Jahren so gut, dass er keinen Zweifel an der Richtigkeit ihrer Überzeugung hatte. Mit einem gelegentlichen Blick in seinen Reiseführer und den Stadtplan machte er sich mit dem Stadtteil Shanghais vertraut, in dem die meisten Hochhäuser wie Pilze aus dem Boden schossen.

Heute wollte er noch trotz der Kälte, die der bevorstehende Winter verbreitete, das Nachtleben Shanghais genießen, bevor er sich am nächsten Morgen auf den Weg zu Meister Hirohito machen würde.

Doch aus seinem Streifzug wurde nichts. Richie spürte in seinem Umfeld einen Unsterblichen. Ein flüchtiger Blick auf den Stadtplan zeigte, dass kein heiliger Boden in der Nähe war. Er überlegte seinen nächsten Schritt und sah sich dabei um. Es war noch relativ früh am Abend, daher hatten die meisten Clubs noch nicht geöffnet. Einige Nebenstraße führten von der Hauptstraße ab, über die Richie bis eben noch gutgelaunt geschlendert war. Allerdings konnte Richie nicht sagen, in welcher sein Gegner auf ihn lauern würde. Somit fielen diese Fluchtwege flach. Dann entdeckte Richie vor sich eine umzäunte Baustelle. Die Arbeiten an dem Hochhaus waren für heute bereits beendet. Der Rohbau ragte 20 Stockwerke in die Höhe. An den Seiten befanden sich zwei wenig Vertrauen erweckende Außenaufzüge, die Bauarbeiter und Material in Schwindel erregende Höhen transportierten.

 

Richie sah sich kurz um, noch konnte er seinen Gegner in der Finsternis der Seitenstraßen nicht entdecken. Er spürte ihn dafür umso deutlicher. Also schlug Richie den Weg auf die Baustelle ein. Er legte die Hände an den Maschendrahtzaun und kletterte nach oben. Geschickt ließ er sich fallen, rollte sich ab und stand im nächsten Augenblick schon wieder auf den Füßen. Solche Zäune hatte Richie in seinem früheren Leben als Dieb oft genug überwunden. Ein eisiger Wind fegte über den Platz, feiner Regen setzte ein. Angeblich war der November ein günstiger Reisemonat. Das Wetter ließ Richie allerdings daran zweifeln.

Ein Griff unter seine Jacke und er hielt sein neues Samuraischwert, das er sich durch den Kampf am Hausboot verdient hatte, in der rechten Hand. Richie ließ es mehrmals gekonnt durch die Luft sausen, um seinen möglicherweise unerfahrenen Gegner zur Flucht zu bewegen. Doch weit gefehlt. Rechts neben dem Büro des Bauleiters trat sein Gegner aus den Schatten. Richie blinzelte ein paar Mal ungläubig, hoffte auf einen Streich, den sein Gehirn im aufgrund des Jetlags spielte.

,,Hallo, Richie", grüßte ihn eine bekannte Stimme. Sein Gegner grinste hämisch und zog sein Schwert. Mit großen Schritten kam sie näher.
,,Scheiße", entfuhr es ihm, er trat einen Schritt zurück, hob sein Schwert schützend vor sich.
,,Das ist nicht gerade die feine englische Art. Ach ja, richtig, du stammst ja aus Vancouver. Egal, du wirst so oder so sterben." Vor Richie stand ein Racheengel, den er selbst geschaffen hatte. Ganz in schwarz gekleidet, umrahmt von einer flammendroten Haarpracht, die ihn an Dantes Inferno erinnerte. Kurz dachte Richie an Micky, die sich den Namen des Dichters zu Eigen gemacht hatte und hoffte, dass er genug von Mac und ihr gelernt hatte. Er glaubte fest, dass es so war. Und eine entscheidende Lektion hatte er erst vor kurzem gelernt, Unsterbliche durften nicht Gott spielen. Sie durften Niemanden zu Unsterblichen machen, bevor es nicht an der Zeit war. Das war der größte Fehler, den sie machen konnten. Der größte Fehler, den Richie jemals gemacht hatte.
,,Ginger", entfuhr ihm der Name mit einem bitteren Beigeschmack. Er hatte diesen Tag gefürchtet und nicht geglaubt, dass er so früh kommen würde. Richie machte sich keine ernsthaften Sorgen, dass sie ihn besiegen könnte. Ginger war erst seit einigen Monaten unsterblich, Richie war es seit elf Jahren. Und er hatte nicht nur schon einige Duelle gewonnen, sondern auch bei zwei der besten Kämpfer gelernt, die es in den Reihen der Unsterblichen gab.
,,Ja, ganz Recht, Richie. Und jetzt wirst du sterben." Sie streifte ihren Ledermantel ab und warf ihn achtlos vor sich in den Matsch. Ihr Schwert, ein französischer Degen aus dem 18. Jahrhundert, zeigte auf Richies Brust.
,,Hey Ginger, ganz cool. Lass uns reden. Das ist doch albern."
,,Albern?!" schrie sie wütend, ihre grünen Augen verströmten mehr Hass, als Richie es je bei einem Menschen für möglich gehalten hätte. Bei ihrem Anblick lief ihm ein eisiger Schauer über den Rücken, verstärkt durch den heftiger gewordenen Regen. ,,Es war also albern mich gegen meinen Willen zu einer Unsterblichen zu machen, Richie? Ja, war es das?" schrie sie noch wütender.

Richie hob sein Schwert. Er würde nicht um einen Kampf herumkommen. Doch nur zu seinen Bedingungen. Rechts von ihm war einer der Außenaufzüge, die hoch in das im Bau befindliche Gebäude führten. Er nahm die Beine in die Hand und sprintete auf ihn zu. Ginger verfolgte ihn entschlossen. Nur einer von ihnen würde diese Baustelle lebend verlassen. Und Richie würde es nicht sein. Ihre Meisterin Kate Devaney, die ein ähnliches Schicksal durch die Hand ihres damaligen Ehemannes Duncan MacLeod erlitten hatte und ihr Geliebter Noah Woodhouse hatten sie in den letzten Wochen auf diesen Kampf vorbereitet. Als Ginger erfahren hatte, dass Micky MacLeod ihren Schüler alleine nach China schickte, hatte sie sofort ihren Koffer gepackt und war ihm gefolgt. Genau wie sie ihm jetzt zu allem entschlossen über das Baustellengelände folgte.

 

Richie öffnete den Lastenaufzug und sprang hinein. Ginger war direkt hinter ihm. Noch ehe er die Tür verschließen und nach oben fahren konnte, war sie drinnen und schlug mit ihrem Degen nach ihm. Sie erwischte Richie am Arm. Er stieß zischend die Luft aus. Richie hatte sich nie an die Schmerzen gewöhnen können, die die Verletzungen und Energieübertragungen bewirkten.

,,Oh, tut das weh, Richie?" fragte sie höhnisch grinsend und schlug ein weiteres Mal zu, schnell wie eine Giftschlange. Richie war so verblüfft, dass ihr ein weiterer Schnitt gelang. Jetzt reichte es. Okay, er hatte einen Fehler gemacht, aber das hier war einfach lächerlich.
,,Ginger, das bringt doch nichts." Er machte einen Schritt nach hinten und spürte die Gitterwand des Aufzugs in seinem Rücken. Ginger reagierte nicht, sie hob ihr Schwert zu einer erneuten Attacke. Dieses Mal war Richie vorbereitet, er wehrte den Schlag ab. Die Wucht des Aufschlags ließ die Schwerter Funken schlagen. Ginger taumelte rückwärts, knurrte zornig und ging sofort wieder zum Angriff über. Richie schob sich in Richtung der Tür, während er gegen Ginger kämpfte. Mit ihr zu reden, hatte er aufgegeben, zumindest für den Augenblick. Gegen soviel Zorn und Hass kam er nicht an.

Der Aufzug kam mit einem Ruck zum Stehen, Richie griff hinter sich und öffnete die Tür. Mit einem Sprung war er draußen. Sie standen im zwanzigsten Stock des Rohbaues, ein noch eisigerer Wind als am Boden wehte hier oben. Der Regen, hart und kalt, fühlte sich wie Nadelstiche an und bohrte sich ihm ins Gesicht.

,,Richie!" schrie Ginger zornig seinen Namen. Sie nahm Anlauf, hob ihr rechtes Bein und trat ihm mit dem Absatz ihres Stiefels vor die Brust. Die zornige Kraft, die sie in den Tritt gepackt hatte, haute ihren Gegner von den Füßen. Richie fiel sein Samuraischwert aus der Hand und schlitterte ein Stück über den Beton. Sie war über ihm und holte zum Schlag aus. Richie rollte sich auf die Seite, umklammerte sein Schwert und wehrte im allerletzten Augenblick den Schlag ab. Mit einem Sprung kam er wieder auf die Beine. Er sah sich kurz um, hier oben war nicht viel, das ihm notfalls helfen könnte. Es gab noch keine Fenster, ein paar Planen flatterten im Wind, Stahlbalken endeten scheinbar im dunklen Nichts. Er hob eine Hand und versuchte noch einmal, Ginger von diesem Irrsinn abzubringen.
,,Ginger, bitte. Das ist so unsinnig. Du solltest deine Unsterblichkeit nicht achtlos wegwerfen. Es ist ein Geschenk. Kein leichtes, aber es eröffnet ungeahnte Möglichkeiten..." Richie legte den Kopf schief. Mit 33 hätte er sich eine solche Weißheit gar nicht zugetraut. Die MacLeods hatten einen guten Einfluss auf ihn. Er sah Ginger beschwörend an und fuhr fort: ,,Du kannst soviel erleben, wenn wir jetzt aufhören. Ich will dich nicht töten. Aber wenn ich keine Wahl habe..." Er sprach nicht weiter, hob sein Schwert.
,,Wenn du tot bist, kann ich noch genug erleben!" Resignierend zuckte er die Achseln, es blieb ihm anscheinend keine andere Wahl. Dann sollte sie wenigstens schnell sterben. Richie hielt sich jetzt nicht mehr zurück. Er attackierte Ginger gnadenlos, gönnte ihr keinen Moment der Ruhe. Sie sollte nicht zu Atem kommen. Schlag um Schlag drängte er sie in Richtung des Abgrunds.

Ginger sah sich kurz um, erkannte, was er vorhatte. Sie machte einen Schritt nach rechts und steuerte nun statt auf den Abgrund auf einen Stahlträger zu. Ihre Schritte verlangsamten sich, während sie auf dem Stahlträger weiterkämpften und gleichzeitig versuchten ihr Gleichgewicht zu halten. Ginger holte aus und verletzte Richie ein weiteres Mal am Arm. Aber er ließ sein Schwert nicht los, klammerte sich daran wie an das Leben selbst. Mit dem nächsten Schlag, den Richie ausführte, hatte Ginger nicht gerechnet, er schlug nach ihren Beinen. Denn genau wie früher Richie, deckte Ginger ihre Beine nicht. Sie verlor das Gleichgewicht und fiel rücklings von dem Stahlträger. Sie stieß einen hellen, durchdringenden Schrei aus. Seinen Namen als Fluch auf den Lippen.

Richie rang nach Luft, es war verdammt anstrengend unter solchen Bedingungen zu kämpfen. Vorsichtig drehte er sich auf dem Absatz um, setzte einen Fuß auf den Stahlträger und rutschte aus. Sein Schwert fiel mit rasender Geschwindigkeit dem Erdboden entgegen. Richie klammerte sich mit aller Kraft an dem Strahlträger fest. Er biss die Zähne zusammen, fluchte und versuchte sich nach oben zu ziehen. Es regnete jetzt heftiger, der Wind nahm zu. Richies Kleidung war völlig durchnässt. Der Stahlträger wurde durch die Nässe immer rutschiger. Er wollte nicht abstürzen, der Sturz würde ihn umbringen. Und wenn Ginger zuerst wieder zu sich kam, wäre er erledigt. Wenn doch dieser Stahlträger nicht so verdammt nass und rutschig wäre. Richie versuchte noch einmal sich hochzuziehen und verlor den Halt.

,,Oh Scheiße!" schrie er, während er fiel und fiel und fiel. Ringsum sich sah Richie die schillernden Lichter der bewohnten Hochhäuser Shanghais. Als er an Geschwindigkeit zunahm, verwandelten sich die Lichter in lange, bunt leuchtende Streifen.

Er schloss die Augen und bereitete sich darauf vor, dass seine Knochen zerschmettert werden würden bei dem Aufprall. Er wollte nicht daran denken, wie weh es tun würde. Er wollte nicht daran denken, wie schmerzhaft seine Belebung und wer von ihnen beiden zuerst wieder kampfbereit sein würde.

Der Aufprall tötete ihn gnädigerweise fast sofort.


Als Richie irgendwann, er konnte nicht sagen, wie lange er tot gewesen war, wieder zu sich kam, fühlte er sich, als wäre unter einen Zug geraten. Einen verdammt schnellen und verdammt harten Zug. Taumelnd kam er auf die Füße, es gab keinen Teil seines Körpers, der nicht wehtat.

Er streckte sich solange bis seine Knochen und Gelenke lautstark protestierend knackten. Zwei Schritte von Richie entfernt, lag sein Schwert. Er ging darauf zu, hob es auf und suchte den Platz nach Ginger ab. Noch ehe er sie sah, spürte er sie. Also war sie schon wieder bei Bewusstsein. Kampfbereit näherte er sich ihr.

Sie lag mit dem Gesicht am Rande eines geplatzten Behälters. Anscheinend war sie mit einer ziemlichen Wucht darauf gelandet, genug Wucht um das Fass zu zerstören.

,,Ginger!" rief Richie ihren Namen und rannte zu ihr. Bei aller Ritterlichkeit vergaß Richie jedoch nicht, dass sie ihn vor kurzer Zeit noch hatte umbringen wollen. Sein Schwert behielt er in der rechten Hand, während er Ginger mit der Linken umdrehte. Was er sah, entsetzte ihn. Sie sah ihn an, sah ihn aber nicht. Sie sah an ihm vorbei, denn sie konnte nichts mehr sehen. Würde nie mehr sehen können. ,,Oh Gott, Ginger. Hier, nimm meine Hand, ich helfe dir auf." Sie tastete unsicher danach, Richie kam ihr entgegen und zog sie behutsam auf die Füße. Jeglicher Hass war aus den einstmals grünen Augen, die jegliche Pigmentierung verloren hatten, gewichen. Tränen flossen aus ihnen, der Körper versuchte vergebens das Schreckliche zu beheben.
,,Hilf mir, Richie", schluchzte sie verzweifelt. ,,Bitte hilf mir." Er hob ihr Schwert auf und legte beschützend einen Arm um sie. Langsam führte er sie zum Ausgang. ,,Was ist passiert, Richie? Wieso kann ich nichts sehen?" Richie kannte sich mit Chemikalien nicht aus. Die paar Jahre auf der Highschool hatten ihm die Geheimnisse des Chemieunterrichts nicht näher gebracht. Er hatte die Stunden mit Vorliebe geschwänzt. Doch Zeichen für giftige oder ätzende Substanzen erkannte er dennoch. Bei ihrem Sturz war Ginger nicht auf irgendeinem Fass gelandet und hatte es durch den Aufprall zerstört. Sie war auf ein Fass mit einer ätzenden Chemikalie gefallen, mit dem Gesicht voran. Der Kopf war der einzige Körperteil der Unsterblichen, der sich nicht regenerieren konnte. Richie dachte kurz an die Narbe, die Micky am Hals hatte. Ein Souvenir eines Frauenserienmörders namens Adrian Lastrada, den sie bereits vor 320 Jahren gemeinsam mit Methos gejagt hatte. Der Kopf war die Schwachstelle der Unsterblichen in allen Punkten. Ihn es unter allen Umständen zu schützen. Das hatte Kate Devaney ihrer jungen, unerfahrenen Schülerin wohl nicht beigebracht. Richie suchte nach den richtigen Worten, um Ginger ihre Situation klarzumachen. Wie sagte er es ihr am besten? Wie sagte er ihr, dass ihre Augen von der Chemikalie verätzt worden waren und es für alle Zeit bleiben würden? Wie sagte er ihr, dass sie eine blinde Unsterbliche war?
,,Ginger, ich fürchte, du wirst nie mehr sehen können."
,,Nein, nein, das kann nicht sein"
,,Doch, es ist so. Der Kopf, weißt du, der Kopf ist nun mal unsere verwundbarste Stelle. Er regeneriert sich nicht. Ebenso wenig wie abgetrennte Gliedmaßen nachwachsen. Du bist blind."
,,Dann bin ich verloren. Ich bin erledigt." Richie blieb stehen, obwohl sie ihn nicht sehen konnte, schüttelte er rein automatisch den Kopf.
,,Nein, Ginger. Ich schwöre dir, dass ich dich beschützen werde. Micky wird dir zeigen, wie du kämpfen kannst, auch ohne etwas zu sehen. Sie hat es von einem ihrer Meister gelernt." Sie schüttelte verzweifelt den Kopf. ,,Ginger, bitte. Ich helfe dir. Aber ich muss hier in Shanghai noch etwas erledigen. Dann reisen wir nach Paris, du bleibst bei mir. Ich kümmere mich um dich." Das alles war seine Schuld, er würde Ginger nicht im Stich lassen. Nicht jetzt und auch in Zukunft nicht. Er würde sie beschützen, würde dafür sorgen, dass sie trotz ihrer dauerhaften Blindheit gegen andere Unsterbliche würde bestehen können.
,,Ist das mein Schicksal, Richie Ryan? Unser Schicksal? Du machtest mich unsterblich, damit ich für immer bei dir sein kann. Aber so haben wir uns beide das nicht vorgestellt, oder?" Sie lachte bitter und ging unsicher weiter. Richie legte wieder den Arm um sie und dirigierte sie in die richtige Richtung. In eine gemeinsame Zukunft, in der er für sie sorgen würde solange sein Kopf auf seinen Schultern ruhte. Und er hoffte inständig, dass sie ihn irgendwann wenigstens nicht länger für das hassen würde, was er ihr angetan und verschuldet hatte.

Ginger stand viel zu sehr unter Schock nach ihrem Sturz aus dem 20. Stock und dem Verlust ihres Augenlichts. Sie ließ sich widerstandslos von Richie zu seinem Hotel bringen.

 

5. Am Scheideweg

 

Frankreich, Chateau Dubois, vier Wochen später, an einem Vormittag.
Ein prasselndes Feuer brannte im Kamin von Micky MacLeods Arbeitszimmer und hielt den Schnee und die eisige Kälte draußen, die Chateau Dubois seit einigen Tagen fest im Griff hatten. Auf dem Kaminsims stand ein leuchtendroter Weihnachtsstern. Es duftete nach Keksen und frischem Tee. Aus den Lautsprechern der Musikanlage hörte man Frank Sinatra. Eine CD allerdings wurde ,,The Voice" oder ,,Old Blue Eyes", wie man ihn auch nannte, nicht gerecht, wenn man den großen Entertainer live erlebt hatte, so wie Micky seinerzeit. Doch es war eine nette Unterhaltung, während Micky die Geschäftsbücher der Galerie überprüfte. Seit Richie sich auf seiner Lehrreise befand, blieb diese Arbeit wieder an ihr hängen. Micky drückte sich schon seit Tagen davor. Sie hatte sich noch nie gerne mit Buchführung beschäftigt. Weder auf ihrer Plantage ,,Le Petit paradis", noch in Chateau Dubois und schon gar nicht in ihrer Galerie. Sie war einfach zu ungeduldig dafür. Aber Duncan hatte keine Zeit seit er seine kleine Schülerin trainieren musste. Das hatte sie davon, dass sie Partner in die Galerie aufgenommen hatte. Der eine war von ihr aus zwingend notwendigen Gründen auf eine Lehrreise geschickt worden und der andere brachte einer 22-jährigen Barbie bei, wie man mit einem Schwert umging. Micky griff nach ihrer Teetasse und nippte daran. Sie sollte noch ein wenig mehr Whisky zur Beruhigung rein machen. Charlie Grant war das rote Tuch par excellence für sie, und daran, da war Micky sich sicher, würde sich nichts ändern. Heute nicht und auch in 100 Jahren nicht.

,,Klopf, klopf", hörte sie auf einmal eine vertraute Stimme. Die Tür zum Arbeitszimmer wurde aufgestoßen, und aus heiterem Himmel stand Richie breit grinsend vor ihr.
,,Richie! Bei allem, was mir nicht heilig ist!" Sie sprang von ihrem bequemen Ledersessel auf und stürmte auf ihn zu. Ihre Umarmung riss ihn vor Freude fast von den Füßen. Doch dann stutzte sie, schielte an Richie vorbei auf den Kalender an der Wand. ,,Wieso bei Nakanos Knochen bist du schon wieder zuhause?" Sie schob ihn von sich und musterte ihn skeptisch. ,,War Meister Hirohito nicht zufrieden mit dir?"
,,Doch, doch. Es ist nur, ich habe jemanden mitgebracht. Jemanden, der unseren Schutz braucht..."
,,Der?" Micky ahnte, dass es sich um eine Frau handelte.
,,Na ja, genauer gesagt ist es eine Sie." Er machte einen Schritt zur Tür raus und kam mit einer Frau an der Hand wieder rein.
,,Ich glaube, jetzt trifft mich gleich der Schlag!" rief Micky, als sie erkannte, wen Richie da in ihr Haus gebracht hatte. Vor ihr stand in Jeans, einen langen Trenchcoat gekleidet und mit einer dunklen Sonnenbrille auf den Augen Ginger MacKenzie.
,,Micky, ganz cool. Es ist nicht das, wonach es aussieht." Ginger rutschte ein sarkastisch klingendes Lachen raus. Sie ließ Richies Hand los und tastete unsicher nach einem anderen Halt.
,,Wonach sieht es denn sonst aus, Richie?" fragte sie.
,,Für mich sieht es aus, als wäre der Junior irregeworden, Dr. MacKenzie, weil er Sie in mein Haus bringt. Und weil er in Ihrer Gegenwart noch seinen Kopf auf den Schultern trägt, müssen Sie auch nicht ganz richtig ticken. Nichts für ungut."
Ginger nahm die Sonnenbrille ab und starrte Micky aus leeren, blinden Augen an.
,,Das kommt ganz auf den persönlichen Standpunkt an, Comtesse. Verrückt geworden ist eigentlich nur die Welt..." Micky rang um ihre Fassung, während sie Ginger ungläubig anstarrte.

Im nächsten Augenblick schaute sie betroffen zur Seite, bis sie begriff, dass Ginger durch das Anstarren nicht beleidigt sein konnte. Sie wollte gerade etwas sagen, doch Ginger nahm ihr die Mühe ab: ,,Ja, ich bin blind. Und Richie hat mich nicht getötet, sondern mich als seine Schülerin angenommen und bietet mir nun eine Lehre, seinen Schutz und eine Zukunft." Micky fuhr sich langsam mit der linken Hand über ihr Gesicht und überlegte. Sie brauchte dringend einen Whisky pur, ohne Tee und eine Pistole, mit der sie Richie für seine neueste Dummheit erschießen konnte.
,,Dr. MacKenzie, würden Sie bitte draußen warten? Ich muss mit Richie alleine sprechen."
,,Kein Problem, Comtesse. Aber sagen Sie ruhig Ginger. Ich werde wohl nicht mehr praktizieren."


Sie zog ihre Sonnenbrille wieder an, drehte sich um und ging langsam hinaus. Richie schloss die Tür und machte sich auf das Donnerwetter gefasst. Micky zeigte auf den Sessel, der gegenüber ihrem Schreibtisch stand. Dann drehte sie die Stereoanlage auf, damit man sie im Korridor nicht hören konnte, wenn sie ihm den Kopf wusch.

,,Bist du von allen guten Geistern verlassen, Richard Ryan? Hast du sie noch alle? Du bringst die Frau, die geschworen hat, dich zu töten in mein Haus? Ich fasse es nicht! Was zum Teufel ist in China passiert?" Richie setzte sich seelenruhig in den schwarzen Ledersessel und wartete, bis Micky sich ein wenig beruhigt hatte. Währenddessen glitt sein Blick durch das ganze Zimmer. Es war so herrlich vertraut. Es war zuhause. Es fühlte sich richtig an. Genauso richtig wie die Tatsache, dass er Ginger als seine Schülerin akzeptiert und mit nach Frankreich gebracht hatte.
,,Micky, was hätte ich denn tun sollen? Duncan und du, ihr habt mich nicht nur Kämpfen gelehrt, sondern auch, wie ich ehrenvoll durchs Leben gehen kann. Wäre es ehrenvoll gewesen, sie zu töten? Sie ist während unseres Duells von einem Hochhaus gestürzt. Aus dem 20. Stock. Sie fiel auf ein Fass mit einer ätzenden Chemikalie. Davon ist sie erblindet..."
,,Gütiger Himmel. Ich habe noch nie davon gehört, dass es so etwas gibt. Abgetrennte Körperteile oder Narben am Hals. Aber das...", unbewusst schob sie den Kragen ihres Pullovers ein Stück weiter nach oben. ,,Warum blieb der Rest ihres Gesichtes verschont? Zugegeben, Kratzer heilen für gewöhnlich, aber wenn es eine ätzende Chemikalie war... Und du bist dir sicher, dass sie es nicht vortäuscht, um dich in Sicherheit zu wiegen und sich dann deinen Kopf zu holen?"
,,Geht es dir gut, Boss? Hast du ihre Augen eben gesehen oder nicht? Sie ist blind."
,,Trotzdem, ich traue dem Frieden nicht..."
,,Das ist nicht mein Problem, Boss. Ich habe ihr versprochen, dass ich mich um sie kümmern werde. Dass ich sie unterrichte. Und dass du ihr beibringst, wie man kämpft, ohne zu sehen. Die Methode, die Nakano dir und Connor beigebracht hat." Micky lachte ungläubig.
,,Du bist wirklich irregeworden! Was denkst du dir eigentlich? Womit du denkst, das ahne ich!" Sie schüttelte den Kopf. ,,Nein, also ehrlich! Ich bringe ihr doch nicht bei, wie sie uns alle töten kann!"
,,Sie wird nichts dergleichen tun, ich bin jetzt ihr Meister." Micky seufzte. Mit Logik würde sie nicht weit kommen bei Richie, was aber auch nichts Neues war. Sie ließ ihren Kopf auf die Platte des Schreibtisches sinken und schlug ein paar Mal leicht damit drauf. Er wurde nicht klarer, im Gegenteil. Schüttelnd hob sie ihn wieder hoch.
Frank Sinatra sang gerade die Zeile ,,I did it my way". Micky atmete laut durch die Nase aus. Sie hatte die Botschaft verstanden, dennoch wollte sie versuchen, Richie umzustimmen.
,,Richie, erstens bist du noch viel zu jung für einen Schüler..."
,,Blödsinn. Es gibt kein festgeschriebenes Alter dafür, ich habe mich schlau gemacht..."
,,Hast du gegoogelt oder woher hast du diese Weisheit, Junior?"
,,Witzig, Micky. Du hast selbst zu mir gesagt, dass du mir nichts mehr beibringen kannst. Ich bin so weit. Ehrlich. Ich will sie beschützen und ihr beibringen, was ich von dir und Duncan gelernt habe."
,,Du liebst sie." Es war keine Frage. Richie verschränkte abwehrend die Arme vor der Brust. Er hatte gewusst, dass es nicht leicht werden würde. Er wollte seine Ausbildung bei Micky keinesfalls von sich aus abbrechen. Er wollte Mickys Segen, um auf eigenen Füßen zu stehen. Aber wenn sie sich weigerte, nun dann würde er tun, was er tun musste. Zunächst wollte er es aber noch einmal mit vernünftigen Argumenten versuchen, vielleicht konnte er Micky ja doch irgendwie überzeugen.
,,Das ist doch egal. Ich muss sie beschützen. Durch meine Hand wurde sie unsterblich..."
,,Ich kenne das Gefühl, Richie. Deswegen wollte ich dich vor diesem Fehler ja auch bewahren..."

Micky sah an Richie vorbei in die Flammen des Kamins und erinnerte sich an einen weit zurückliegenden Tag.

 

Frankreich, Versailles, 15. Mai 1701.
Sie kam zu spät. So ein Mist, dachte Michelle. Eigentlich war heute ein Tag, an dem sie sich freuen und nicht ärgern sollte. Ein besonderer Tag, an dem sie auch den König nicht verärgern sollte mit ihrer Unpünktlichkeit. Denn er gab am heutigen Tage zu Ehren ihres offiziell - 27. Geburtstages einen ,,kleinen" Ball. Klein, weil nur 200 Gäste geladen waren, was angemessen war. Denn sie gehörte nur dem Kleinadel an. Doch der alternde König hoffte noch immer mit derartigen Gesten, Michelle in sein Bett locken zu können. Bisher hatte sie sich geschickt davor drücken können. Wenn der König allerdings nicht bald ein Verhalten an den Tag zu legen begann, das seinem Alter eher entsprach, musste Michelle sich überlegen, zum Schein Pierre de Florent zu heiraten oder sich aber vom schillernden Leben in Versailles zurückzuziehen was ihr deutlich schwerer fallen würde, als eine Scheinehe mit ihrem Kumpel Pierre zu führen. Sie verbrachte ohnehin schon die meiste Zeit des Tages mit ihm auf Streifzügen durch den Schlosspark und die nähere Umgebung.

,,Was grinst du so, Michelle?" fragte Pierre, der sie zu dem Ball begleitete, um ihr unsittliche Anträge vom Leibe zu halten.
,,Ach, ich dachte nur, wenn ich mir Louis nicht bald vom Hals halten kann und zwar endgültig, sollten wir zwei vielleicht heiraten." Sie lachte schallend los, als sie Pierres erschrockenen Gesichtausdruck sah. ,,Krieg dich wieder ein, Pierre. Es wäre ja nur zum Schein."
,,Ich hätte fast einen Herzinfarkt bekommen. Ich dachte, ich soll dich vor unsittlichen Anträgen schützen, und jetzt machst du mir einen." Wieder lachte Michelle los.
,,Pardon, Hauptmann", hörten sie eine aufgeregte, jung klingende Stimme rufen. Sie gehörte einem jungen Musketier, einem idealistischen Grünschnabel, der in Pierre so etwas wie seinen Helden sah. Michelle grinste, als sie ihn erkannte und sah, wie Pierre theatralisch über die offenkundig zur Schau getragene Heldenverehrung stöhnte.
,,Was gibt es denn? Ich bin auf dem Weg zu einem Ball mit der Comtesse Dubois."
,,Geh nur, Pierre. Du kannst ja nachkommen."
,,Wirklich? Bist du sicher? Und was ist Seiner Majestät?"
,,Ich habe ihn mir so lange vom Hals gehalten, ich schaffe das schon irgendwie. Ehrlich."
Pierre lächelte sie an, verbeugte sich, gab ihr einen Handkuss und ging mit dem jungen Musketier in die entgegensetzte Richtung davon.

Beschwingt und voll freudiger Erwartung auf den Ball raffte Michelle nun ihr dunkelblaues Kleid, damit sie ein wenig schneller gehen konnte. Sie strebte dem großen Ballsaal entgegen, wo man sie bereits erwartete.

Doch der König und die geladenen Gäste mussten noch ein wenig länger warten. Michelle hatte gerade die erste steinerne Stufe auf der Rückseite des Schlosses betreten, als hinter einer Säule jemand hervortrat. Ein junger Mann, Ende 20 mit langen, dunkelblonden, leicht gelockten Haaren, die er mit einer blauen Samtschleife zusammengebunden hatte. Sein Kinn zierte ein Spitzbärtchen. Aus seinen durchdringenden, grauen Augen starrte er sie begierig an. Michelle sprang erschrocken von der Stufe zurück auf den Kies.

,,Jean-Claude, Ihr habt mich erschreckt", sagte sie wachsam. Jean-Claude Fleurie war ein Künstler, der mit Vorliebe Aktgemälde malte. Er war ebenso hartnäckig wie König Louis, wenn er eine neue Dame ins Auge gefasst hatte. Und ebenso wie Michelle bisher die amourösen Avancen des 63-jährigen Königs abgelehnt hatte, lehnte sie auch beständig die Forderungen des jungen Malers ab, sich der Kunst zuliebe vor ihm auszuziehen.

Vor einigen Wochen hatte Jean-Claude Michelle auf einem Ball bemerkt und stellte ihr seitdem nach. Egal, was sie auch sagte, er akzeptierte kein ,,Nein" von ihr. Er schien geradezu von dem Gedanken besessen sie zu malen, ihre nach seiner Auffassung vergängliche Schönheit einzufangen. Wie konnte er auch ahnen, dass sie noch in 50 oder gar 100 Jahren genauso aussehen würde wie heute Abend?

,,Madame la Comtesse, bitte steht mir Modell. Mein ewiger Dank wäre Euch gewiss." Michelle wusste sich allmählich keinen Rat mehr. Dieser Fleurie gab einfach keine Ruhe. Vielleicht sollte sie ihm sagen, dass sie mit Pierre verlobt war? Nein, der arme Kerl, das konnte sie Pierre nicht antun. Vielleicht war es an der Zeit, drastische Maßnahmen zu ergreifen, dem jungen Burschen ein wenig Angst einzujagen?

Schneller als mancher Soldat aus den Reihen des Königs machte sie einen Satz auf ihn zu und zog einen juwelenbesetzten Dolch hervor, den König Louis persönlich ihr zum Geschenk gemacht hatte, als Dank für ihre Unterstützung der Musketiere. Für Michelle waren die gemeinsamen Patrouillen mit Pierre Amüsement und Training gleichermaßen. Für Louis war es ein Beweis ihrer Treue zu ihrem König, den es zu honorieren galt.

Die silberne Spitze schwebte Millimeter von Fleuries Adamsapfel entfernt, Michelles Hand zitterte kein bisschen. Ganz anders als ihr Gegenüber. Der selbstherrliche Künstler verwandelte sich vor ihren Augen in ein erschrockenes Häuflein Elend.

,,Ich sage es Euch heute Abend zum wirklich allerletzten Mal, Monsieur Fleurie! Ich verspüre nicht den geringsten Wunsch, mich für einen Kretin wie Euch, der sich Künstler schimpft auszuziehen! Ist das jetzt endlich in Euer kleines Hirn eingedrungen?!" Seine Angst schlug von einem Moment zum anderen in Wut um. Wer glaubte dieses Frauenzimmer, das sie war, dass sie so mit ihm reden durfte? Ihr blaues Blut gab ihr gewiss nicht das Recht dazu. Jean-Claudes Hand schoss hervor und versuchte Michelle die Waffe zu entreißen. Ein wildes Gerangel um den Dolch entbrannte. Michelle konnte nicht nachvollziehen, was genau dann geschah. Doch auf einmal röchelte Jean-Claude nur noch panikartig, während er sich an den Hals griff und versuchte den juwelenbesetzten Dolch aus seiner Halsschlagader zu ziehen. Michelle trat erschrocken einen Schritt zurück und sah auf den zu Boden gesunkenen Fleurie hinab, der sich nicht mehr rührte.

Sie beugte sich mit heftig schlagendem Herzen hinunter und fühlte seinen Puls. Nichts. Er atmete auch nicht mehr. Mit einem widerlich schmatzenden Geräusch zog sie den Dolch aus seinem Hals heraus. Die Leiche des überheblichen Künstlers fiel auf die rechte Seite um und blieb in dieser Position liegen. Michelle raffte ein weiteres Mal an diesem Abend ihr Ballkleid und rannte los. Allerdings in die Richtung, in die Pierre gegangen war.


Bereits nach wenigen Minuten hatte sie ihn gefunden.
,,Pierre, ein Glück, dass ich dich gefunden habe. Ich brauche deine Hilfe...", rief Michelle völlig außer Atem. Ihr Freund trat aus dem Atelier heraus, das Fleurie bis eben noch sein eigen genannt hatte und schloss die Tür.
,,Ich habe keine Zeit, selbst wenn ich dich vor den Avancen des Königs schützen müsste. Eine ziemlich hässliche Mordserie hat sich hier ereignet."
,,Ziemlich hässlich ist auch, was mir gerade passiert ist."
,,Sprich schnell, aber nicht Rätseln, meine Teure", bat Pierre ungeduldig.
,,Fleurie, er ist tot. Er wurde aufdringlich, weil ich mich nicht malen lassen wollte. Ich wollte ihm mit meinem Dolch, den der König mir geschenkt hat, ein wenig Angst einjagen. Irgendwie kam es zu einem Handgemenge. Und ehe ich mich's versah, steckte der Dolch in seiner Halsschlagader." Zu Michelles Verwunderung wirkte Pierre nicht schockiert, sondern im Gegenteil eher erleichtert über die Neuigkeit.

,,Dann hast du uns sogar einen großen Gefallen getan. Das erleichtert meine Ermittlungen ungemein, ma chere", erklärte Pierre, öffnete die Tür und gab ihr den Blick auf das Innere des Ateliers frei. Michelle stieß angesichts des grauenvollen Anblicks, der sich ihr bot, einen spitzen Schrei aus. Zehn Leichen, einstmals bildschöne, junge Frauen, die sich in unterschiedlichen Stadien der Verwesung befanden, waren dort aufgereiht.
Die Modelle von Jean-Claude Fleurie. Ein entsetzlicher Gestank wehte ihr entgegen, sie nahm aus ihrem Stoffbeutel ein Taschentuchund hielt es sich vor die Nase.
,,Mon Dieu! Wie grauenvoll. Ich muss hier fort, der Gestank ist nicht auszuhalten. Komm, Pierre. Ich bringe dich zu seiner Leiche." Pierre nickte und befahl seinen Musketieren, niemanden an den Tatort zu lassen, bis er zurückkäme.
,,Sagtest du nicht, hier wäre es gewesen?" fragte Pierre verwundert, als sie die Stelle erreichten, an der Michelle die Leiche des Malers zurückgelassen hatte.
,,Natürlich. Schau dir doch das Blut überall auf dem Steinboden an." Sie zeigte mit ihrer behandschuhten linken Hand darauf.
,,Vielleicht hast du ihn nur verletzt?" mutmaßte Pierre, worauf Michelle ihn spöttisch ansah.
,,Also ehrlich, Pierre! Ich habe gelauscht, ob er noch atmet. Ich habe seinen Puls gefühlt. Rien. Rein gar nichts. Er war mausetot."
,,Ein Unsterblicher?" Ihr Blick wurde noch spöttischer.
,,Ich bin 201 Jahre alt. Ich erkenne einen Unsterblichen, wenn ich ihn treffe. Er war keiner."
,,Na vielleicht hast du ihn ja heute Abend zu einem von uns gemacht?"
,,Prima. Ein schönes Geburtstagsgeschenk. So ins Blaue hinein würde ich tippen, dass er mich irgendwann, sagen wir in 200 Jahren, besuchen kommt und meinen Kopf will, um sich an mir zu rächen. Und dann wird er ein Aktgemälde meiner kopflosen Leiche malen." Sie starrte auf den blutigen Dolch in ihrer Hand und schauderte. Sie hatte sich einen Geist geschaffen, den sie nicht mehr loswerden würde. Wenn sie das nächste Mal auf Jean-Claude Fleurie traf, brauchte sie schon etwas Größeres als ihren Dolch. Ihr Toledo Salamanca, um damit eine einschneidende Botschaft zu hinterlassen.
Pierre legte einen Finger unter ihr Kinn und hob es sanft an.
,,Solange ich da bin, werde ich dich beschützen, meine liebe Comtesse." Sie lächelte. Nostradamus hatte ihr einst gesagt, es musste nicht nur Einen geben am Ende in der fernen Zukunft. Es konnten mehrere Unsterbliche übrig bleiben nach der Zusammenkunft. Sie hoffte inständig, dass Pierre noch ein sehr langes Leben vergönnt sein würde.
,,Du willst mich beschützen, Pierre?! Und wer hat dich gestern aus dieser Tavernenschlägerei geholt?" fragte sie lachend, um die trüben Gedanken endgültig zu vertreiben. Immerhin war heute ihr Geburtstag.

 

Frankreich, Chateau Dubois, die Gegenwart.
,,Gruselige Geschichte für Halloween. Aber du kannst hier echt keine Vergleiche ziehen. Was da mit diesem Fleurie passiert ist, das war ein Unfall, Micky."
,,Sag ihm das mal."
,,Hast du ihn nicht wieder gesehen?" Sie schüttelte den Kopf.
,,Nein, aber bei meinem Glück steht er irgendwann auf der Matte und will meinen Kopf. So ist das eben, Richie. Wenn durch unsere Hand jemand unsterblich wird, wollen sie immer Rache, weil sie nicht um die Unsterblichkeit gebeten haben. So ist es auch bei Ginger. Das ändert sich nicht, weil sie plötzlich blind ist... Aber ich glaube, sie ist nicht die einzige Blinde in diesem Schloss. Man kann auch blind vor Liebe sein." Richie schnaubte wütend.
,,Blödsinn! Das hat nichts mit Liebe zu tun!"
,,Nein, eher mehr mit Selbstmord, das gebe ich zu. Aber ich sehe, ich stoße hier auf taube Ohren. Ein französisches Sprichwort sagt: Keiner ist so taub wie derjenige, der nicht hören will. Du willst nicht hören."
,,Ich höre dir zu, Micky, ehrlich. Aber ich bin es ihr schuldig mich um sie zu kümmern. Ich bin es meinem Seelenfrieden schuldig." Solch tiefgründige Gedankengänge war Micky von ihrem jungen Schüler gar nicht gewöhnt. Nun, wenn sie ihn gewähren ließ, war er die längste Zeit ihr Schüler gewesen.
,,Schläfst du mit ihr?" Richie antwortete nicht. Micky ahnte, dass sie die Antwort nicht ohne Weiteres aus ihm herausbekommen würde. Also versuchte sie ihn aus der Reserve zu locken. ,,Du solltest noch etwas wissen." Er sah sie gespannt an, während Frank Sinatra ,,Fools Rush In" sang.
,,Oh, schweig still, Frankie!" sagte Micky genervt und drückte auf CD-Wechsel. Nun schmetterte Elvis ,,Love me tender". Micky schaltete genervt die Anlage aus. Die Musik, die sie für die Buchprüfung ausgewählt hatte, war wenig geeignet, um Richie zur Vernunft zu bringen.
,,Wolltest du noch etwas sagen, Micky?" fragte Richie grinsend.
,,Ja, es geht um die Nacht, in der ich noch einmal alleine in Kyles Schloss war. Er hat da so eine Art Bankett gegeben in dem großen Saal, wo wir ihm in die Falle gegangen sind. Ich habe Ginger gesehen. An seiner Seite. Die Szene war eindeutig. Sie ist Kyles Mädchen." Richie wirkte nicht im Geringsten überrascht.
,,Jetzt nicht mehr. Sie hat mir erzählt, dass Kate sie trainiert und dass Kyle sie mit schönen Worten in sein Bett gelockt hat. Er ist sehr charismatisch, das dürftest du ja selbst am besten wissen."
Verfluchter Methos, er hatte mal wieder sein loses Mundwerk nicht halten können. Micky war nicht gerade damit hausieren gegangen, wer Noah Woodhouse war und woher sie ihn kannte.
Micky hob ihren Zeigefinger und hielt ihn drohend unter Richies Nase.
,,Vorsicht, Junior. Geh ja nicht zu weit. Was Kyle mir 1906 angetan hat, war alles andere als ein Spaß. Und wenn ich es Duncan nicht auf Henrys Grab geschworen hätte, würde ich Kyle das schlagende Herz aus der Brust reißen und ihm dann den Kopf abschlagen. Und obwohl es heißt, dass das Herz einer Frau wankelmütig sein kann, will ich nicht so recht glauben, dass Ginger von heute auf Morgen einfach so die Seiten wechselt." Richie sprang wütend auf.
,,Großer Gott, Micky! Einfach so?! Einfach so?! Hast du ihr eben in die Augen gesehen oder nicht!? Sie ist blind, verflucht noch mal! Wenn ich mich nicht um sie kümmere, wird sie sterben noch ehe die Woche um ist! Ich habe sie sehr gerne. Aber ich bin ihr nicht zu nahe getreten. Wir schlafen in getrennten Betten, und das wird sich erst ändern, wenn sie es so will. Nicht eher! Ich will ihr helfen und sie nicht ausnutzen! Was denkst du eigentlich von mir?!"

Eine Ader an seiner Stirn pulsierte vor Wut. Micky stand auf, beeindruckt von seiner Ehrlichkeit und der Intensität, mit der er seine ehrbaren Absichten und die Dame seines Herzens verteidigte, ging um ihren Schreibtisch herum und zog Richie auf die Füße. Sie sah ihm tief in die Augen, was sie darin dank der Techniken ihres Meisters Nostradamus las, überzeugte sie endgültig. Sie umarmte ihn, Richie ließ es geschehen. Es tat so gut wieder zuhause zu sein, bei seiner Familie.

,,Nur das Beste, Richie. Aber hast du dir auch gut überlegt, was das bedeutet? Wenn ich jetzt deine Ausbildung beende, gibt es kein Zurück mehr. Ich kann in keinen deiner Kämpfe mehr eingreifen, um dich zu schützen. Du bist dann kein Schüler mehr."
,,Klar, Boss. Ich habe es verstanden. Ich muss ab sofort meine Kämpfe ohne Netz und doppelten Boden bestreiten. Die kurze Zuckerleine, an der du mich gehalten hast, ist nicht mehr da." Sie lachte über Richies Bemerkung. Dann nickte sie einverstanden.
,,Also gut. Ich wollte nur sicher gehen. Du bist so weit, ich kann dich nicht mehr ausbilden. Du hast gelernt, was du brauchst, um dort draußen zu überleben. Ich hoffe aber, ich darf weiterhin deine Trainingspartnerin sein..." Sie grinste verschmitzt.
,,Aber klar doch, Boss. Und du bringst Ginger bei, was du von Nakano gelernt hast." Sie nickte, wenn auch zögerlich.
,,Ich nehme an, sie wird bei dir im Loft wohnen?"
,,Ja, und ich bringe sie mit in die Galerie. Solange sie noch nicht so kämpfen kann, wie sie muss, um zu überleben, lasse ich sie nur alleine, wenn sie auf die Toilette will." Micky lächelte.
,,Ein wahrer Gentleman, unser Junior."
,,Ach, hör doch endlich auf mich so zu nennen."
,,Niemals, Junior. Das macht mir einfach zu viel Spaß. Und jetzt sollten wir mal schauen, wie es deiner Schülerin geht."

 

Frankreich, Chateau Dubois, am selben Nachmittag.
Nachdem sich die erste Aufregung über Richies verfrühte Rückkehr und seine unerwartete Begleiterin gelegt hatte, war Micky zurück an die Arbeit gegangen. Duncan war noch immer in Paris mit seiner kleinen Schülerin, also blieb Micky keine andere Wahl. Die Bücher mussten durchgesehen werden, denn das Jahr neigte sich langsam aber sicher dem Ende zu. Im Kamin brannte immer noch ein wärmendes Feuer, und Frankie schmetterte von der CD wieder seine größten Hits für Micky.

Ein weiteres Mal klopfte es an ihre Tür. Da Micky nicht wirklich Lust auf die Buchprüfung hatte, war sie dankbar für jede Unterbrechung. Außer natürlich Diejenigen oder Mitglieder und Schläger des Konsortiums würden vor ihrer Tür stehen. In diesem Fall würde sie dann doch lieber die Bücher überprüfen.

,,Herein", sagte Micky freundlich. Die Tür ging auf, hereinkam Elisabeth Stern. ,,Elisabeth, was gibt es? Setz dich." Mickys Haushälterin kam langsam näher und ließ sich gegenüber dem Schreibtisch nieder. ,,Geht es dir nicht gut, Elisabeth? Du siehst müde aus." Elisabeth versuchte zu lächeln, es gelang ihr nicht.
,,Madame, ich bin krank."
,,Du hast ja auch schon viel zu lange keinen Urlaub mehr gemacht. Das hast du nun davon. Steck bloß nicht die anderen an, sonst kommt der ganze Laden zum Erliegen", sagte Micky mit einem schiefen Grinsen.
,,Nein, so ist es nicht, Madame. Es ist... Es ist ernster. Viel ernster." Micky legte bedächtig den Stift beiseite und sah Elisabeth nun besorgt an.
,,Treib keine Scherze mit mir, Elisabeth."
,,Es ist kein Scherz. Ich wünschte, es wäre so. Madame, ich habe Krebs." Ein Wort, das Micky mit Angst und Schrecken erfüllte, wenn es Sterbliche betraf, die ihr nahe standen. Schon einmal hatte sie einen geliebten Menschen durch diese schreckliche Krankheit verloren. Es lag 108 Jahre zurück, doch der Kummer und die Erinnerung an den Krankheitsverlauf waren auf ewig in ihr Herz eingebrannt. Viele Sterbliche hatte sie zu Grabe tragen müssen. Das war unabänderlich, wenn man 507 Jahre alt war. Doch es war jedes Mal ein kleines bisschen wie mit ihnen zu sterben, wenn Micky der betreffenden Person nahe stand. Und wenn das auf eine Sterbliche zutraf, dann war das Elisabeth Stern. Micky schloss für einen kurzen Augenblick die Augen und sah wieder das junge Mädchen vor sich. Wie sie 1973 frisch von der Schule gekommen und in Ohnmacht gefallen war, als sie erfahren hatte, dass ihre Dienstherrin eine Unsterbliche war. Als sie die Augen wieder öffnete, war Elisabeth wieder die Alte. Im wahrsten Sinne des Wortes. Aber noch lange nicht so alt, dass Micky sich ernsthaft an den Gedanken ihres Todes gewöhnen könnte.
,,Ach komm schon, Elisabeth. Du bist 51 Jahre. Wir leben im 21. Jahrhundert. Da stirbt man nicht so jung an Krebs. Ständig werden die Behandlungsmethoden verbessert, neue Medikamente entdeckt."
,,Man stirbt auch nicht, Madame, sondern ich. Es ist zu spät. Da kann man nichts mehr machen."
Micky sprang wutschnaubend auf und begann in ihrem Arbeitszimmer auf und ab zu laufen.
,,Das glaube ich nicht, das dulde ich nicht! Ich brauche dich, Elisabeth! Jetzt mehr denn je." Micky ging vor Elisabeth, dieser großen, starken, matronenhaften Frau mit der gestärkten Schürze und immer einem freundlichen Wort auf den Lippen, in die Knie. Sie legte die Hände auf Elisabeths Schoß und sah sie flehentlich an. ,,Ich brauche dich, Elisabeth. Wer soll sich denn um mich kümmern, wenn du nicht mehr da bist?" Tränen funkelten in ihren Augen.
,,Ich weiß, Madame. Ich weiß. Aber so ist das Leben nun mal." Micky schüttelte den Kopf, nicht bereit die schmerzhafte Wahrheit zu akzeptieren. Elisabeth war Familie für sie. Damals vor fünfzig Jahren war sie fast ein wenig wie ein eigenes Kind für Micky gewesen. Heute hatte Elisabeth für Micky die Rolle einer Ersatzmutter übernommen. Micky mochte 507 Jahre alt sein, aber sie, die nie die Liebe einer Mutter erfahren hatte, brauchte die Liebe und Fürsorge von Elisabeth Stern mehr als jeder andere Mensch in diesem Schloss. Sie war nicht bereit den Kampf aufzugeben. Sie würde einen Weg finden.
,,Nein, wir finden ein Heilmittel... Irgendetwas." Sie überlegte fieberhaft, dann hatte sie eine Idee. ,,Connor hat mal erwähnt, dass ein Unsterblicher, mit dem er befreundet ist, im Regenwald nach einem Heilmittel gegen Krebs forscht. Er wird ihn aufsuchen. Er..." Ihre Stimme brach, sie schniefte, stand auf und verließ das Zimmer.
Frank Sinatra sang ,,It Was a Very Good Year". Nein, nicht wirklich. Es wurde im Gegenteil mit jedem Monat schlimmer, und es waren nicht mehr viele Tage bis zum Jahresende übrig.

 

Frankreich, Chateau Dubois, eine Stunde später.
Micky saß nur mit einem weißen Rollkragenpulli, schwarzen Reithosen und passenden Stiefeln bekleidet auf dem kalten Boden im Schnee an Henrys Grab und starrte auf den Stein. Ihr war egal, wie kalt es hier draußen war. Eisige Kälte, die zubiss wie ein wildes Raubtier, bedeutete Schmerz, und der sagte ihr an einem Tag wie diesem, dass sie noch am Leben war. Sie würde auch noch hier sein, wenn ein weiterer Grabstein neben denen ihrer Eltern, ihres Bruders und Henrys dazukommen würde. Mit Elisabeths Namen darauf. Es war so ungerecht. Elisabeth war noch viel zu jung. Selbst Mickys Mann Richard, der auch an Krebs gestorben war, weil er immer diese elenden Zigarren geraucht hatte, war immerhin 69 Jahre alt geworden. Und Elisabeth lebte immer so gesund, wie konnte sie dann früher sterben? Es war einfach nicht fair.

,,Der Tod ist nie fair, Dubois", schimpfte sie mit sich selbst, als sie die Daten auf Henrys Grabstein las. Auch er war viel zu jung von ihr gegangen. Aber das war die Revolution gewesen. Henry war freiwillig in den Tod gegangen, um Connor und Micky die Flucht zu ermöglichen. Er hatte gewollt, dass die beiden weiterhin um die Zusammenkunft kämpfen konnten. Heute schien Micky das alles so sinnlos. Henry war für etwas gestorben, dass ihm wichtig gewesen war.

Elisabeth war nicht in dieser Situation. Sie sollte einfach so sterben. Einfach so, weil irgendjemand es bestimmt hatte. Weil Diejenigen sich an Mickys Kummer ergötzten, den sie empfinden würde, wenn hier ein neuer Grabstein stehen würde. Von einer Frau, die auch viel zu früh gestorben war, wie Mickys eigene Mutter. Sie schniefte und wischte sich die Tränen vom Gesicht, die unablässig hinunterliefen. Wenn man unsterblich war, war der Tod ein ständiger Begleiter. Man gewöhnte sich daran, dass man seine Weggefährten zu Grabe tragen musste. Es fiel einem nicht leicht, aber man akzeptierte es als Teil der Unsterblichkeit. Die Sterblichen traten in dein Leben und in einem Wimpernschlag verließen sie es wieder. So war das Leben, das Rad der Geschichte drehte sich unablässig weiter. Und Mickys Gedanken drehten sich im Kreis. Das führte doch zu nichts. Sie wollte gerade aufstehen und zum Schloss zurückkehren, als sie einen Unsterblichen spürte.

,,Wie hast du mich gefunden?" fragte sie ohne sich umzudrehen. Sie wusste auch so, dass es Duncan war. Nach elf Jahren erkannte sie ihn am Gang, am Geruch seines Aftershaves, an der Stärke, die er mit jeder Faser seines Körpers ausstrahlte.
,,Steh auf, du wirst dich erkälten." Er sah besorgt auf Micky hinunter, die viel zu dünn angezogen war, um hier draußen auf der blanken Erde zu sitzen.
,,Ja, aber es wird mich nicht umbringen. Also, woher wusstest du, dass ich hier bin? Ich habe niemandem gesagt, wo ich hingehe."
,,Ich habe mit Elisabeth gesprochen. Sie hat mir gesagt, worüber sie mit dir gesprochen hat. Und Connor habe ich auch getroffen. Er ist auf dem Weg..." Er klang besorgt und sah auch so aus.

Seinen Cousin jetzt schon wieder auf einen von Mickys verrückten Kreuzzügen zu schicken, hielt Duncan für einen Fehler. Er hatte die Befürchtung, dass Connor sich nur allzu bereitwillig in ein waghalsiges Abenteuer stürzte, um den Verlust von Isabelle zu verdrängen. Duncan kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er den Kampf und den Schmerz suchte, um zu fühlen, dass er noch lebte. Micky nun in diesem aufgelösten Zustand zu sehen, verringerte seine Sorgen nicht im Mindesten. Im Gegenteil. Sie war sein Sorgenkind Nummer eins. Jetzt nachdem er von Elisabeths Krankheit erfahren hatte, mehr denn je. Sie würde mit Sicherheit Denjenigen die Schuld geben. Duncan wusste nicht, wie er seine Frau in Schach halten konnte, wenn sie nun unbedingt gegen Noah Woodhouse ihren persönlichen Feldzug starten wollte.

Noch ehe er gedanklich mögliche Szenarios durchspielen konnte, beendete sie seinen Satz: ,,Nach Brasilien, ich weiß. Ich habe ihn darum gebeten." Micky kam geschmeidig wie eine Katze auf die Füße und strich sich den Schnee von der Reithose. Sie sah Duncan mit Tränen in den Augen an, dennoch hatte ihr Blick die altbekannte Stärke, als sie weiter sprach. ,,Ich werde sie nicht sterben lassen, Duncan. Das lasse ich nicht zu. Ich brauche sie."
,,Ist das nicht ein bisschen egoistisch? Du brauchst sie? Du wirst sie nicht sterben lassen? Was ist mit Pierre? Was ist mit ihren Kindern? Mit ihrem kleinen Enkelsohn, Philippes Sohn, der seine Großmutter nie richtig kennen lernen wird, weil er gerade mal ein Jahr alt ist?" Micky sah auf den Boden und schüttelte den Kopf.
,,Du verstehst nicht, was sie mir bedeutet, Duncan. Bevor ich dich traf, hatte ich keine Familie." Duncan wollte ihr ins Wort fallen und widersprechen, doch sie ließ ihn nicht. ,,Nein, es ist so. Connor kam einmal ihm Jahr und verschwand gleich wieder. Methos lebte in Amerika. Geneviève trieb sich in der Weltgeschichte herum. Es schien fast so, als wäre mir eine richtige Familie nicht mehr vergönnt gewesen, seit ich Richard begraben und die Kinder gut versorgt in Boston zurückgelassen hatte. Aber Elisabeth und Pierre, sie waren immer da. Ich sah sie aufwachsen. Ich sah, wie sie sich bereits als Kinder in einander verliebten. Sie sind verwandte Seelen. Wenn sie stirbt, dann wird Pierre nie mehr heiraten, das weiß ich. Es ist wie bei uns. Nach dir könnte ich auch keinen Mann mehr lieben." Er lächelte gerührt. Nach allem, was er mit seiner Frau besonders in den letzten paar Jahren erlebt hatte, tat es gut, sie so reden zu hören. Duncan nahm sie in die Arme und küsste sie liebevoll auf den Kopf. Da Christopher Sikes nicht mehr in ihr steckte, wusste er, wie bedeutungsvoll ihre Worte in diesem Moment waren.
,,Ich weiß. Aber Elisabeth ist eine Kämpfernatur. Wenn es irgendeine Chance gibt, dann wird sie gesund werden." Er steckte seine Hände in die Taschen, allmählich wurde ihm kalt.

,,Deswegen habe ich Connor nach Brasilien geschickt. Ich überlasse ungern etwas dem Zufall, dem Schicksal..."
,,Oder Denjenigen?" fragte Duncan.
,,An die Bande möchte ich im Augenblick nicht denken. Bald ist Weihnachten."
,,Eben. Sollten wir nicht überlegen, wie wir Methos und die anderen da rausholen können?"
,,Wie denn? Sag mir wie, und ich bin sofort dabei."
,,Punkt für dich, ich weiß es auch nicht."
,,Vielleicht weiß Ginger einen Weg", überlegte Micky.
,,Ginger?" fragte Duncan irritiert.
,,Ach so, das weißt du ja noch gar nicht, da du dich mit deiner kleinen Schülerin in Paris verlustiert hast..." Er überhörte die spitze Bemerkung. Glücklicherweise fuhr Micky direkt fort:
,,Richie ist zurück, und er hat jetzt eine Schülerin: Ginger MacKenzie." Duncans Kinnlade klappte bis zum Mittelpunkt der Erde hinunter. ,,Und Duncan, sie ist blind. Ein Unfall. Richie will für sie sorgen."
,,Aber, Richie ist doch selbst noch Schüler. Er kann nicht, ich meine..."
,,Doch, ich habe ihn auf die Welt losgelassen."
,,Der Himmel stehe uns bei. Richie und seine erste Schülerin. Und dann ausgerechnet Ginger MacKenzie."
,,Die klassische göttliche Komödie, oder Mac?" fragte Micky.
Duncan sah nach oben in den Himmel.
,,Darius, hilf mir. Diese Frauen bringen mich noch um mein letztes bisschen Verstand."
,,Gönn dem armen Kerl auch mal dienstfrei. Ich war auf Wittmore Castle ganz schön böse zu ihm." Duncan legte den Arm um sie und ging mit ihr zum Chateau zurück.
,,Das ist er doch von seinen Lebzeiten gewöhnt, Liebling", antwortete er grinsend, worauf Micky ihm einen Stoß in die Seite verpasste. Aber immerhin sie erwiderte sein Grinsen mit einem kleinen Lächeln. Sie wischte sich die letzten Tränen weg und atmete tief durch. Solange sie Hoffnung hatte, war noch nicht alles verloren.

 

 

6. Ruhe in Un-Frieden

 

Frankreich, Paris, einige Tage später.
Es war ein eisigkalter Samstagvormittag im vorweihnachtlichen Paris, kleine Schneeflocken fielen tänzelnd zu Boden. In der Galerie war nicht viel los, also hatten Duncan und Micky Weihnachtseinkäufe gemacht. Es boten sich ihnen nicht viele Möglichkeiten, ein normales Leben zu führen seit Noah Woodhouse ihnen den Krieg erklärt hatte. Daher waren die MacLeods dankbar für jede noch so kleine Gelegenheit, die ihnen eine Spur von Normalität vermitteln konnte. Etwas so Banales wie ein Einkaufsbummel alleine mit seiner Frau, wurde sogar für Duncan zu etwas Besonderem. Vor allem, da sie wussten, dass hinter der nächsten Ecke Beobachter, Handlanger von Woodhouse oder auch ,,normale" Unsterbliche lauerten, die einfach um der Zusammenkunft willen ihren Kopf haben wollten.

,,Ich gehe den Wagen holen, bleib du hier", sagte Duncan zu seiner Frau und ging in Richtung Parkplatz davon.
,,Beeil dich, mir ist kalt, Mac", antwortete Micky und schlug den Kragen ihres Mantels hoch. Gierig nach Wärme sog sie durch die Nase den herrlichen Duft des heißen Kakaos ein, den sie sich eben bei einem Straßenverkäufer geholt hatte. Vorsichtig, um sich nicht die Zunge zu verbrennen, nippte sie daran und lächelte ihrem Mann hinter her.

Duncan ging mit den Einkaufstüten in der Hand einen Schritt schneller. Er freute sich vor der Heimfahrt nach Chateau Dubois auf einen Zwischenstop auf dem Hausboot, wo er den Kamin anzünden und mit seiner Frau auf dem Sofa ein Glas Rotwein trinken würde. Er hatte einen hervorragenden Jahrgang in seinem Lieblingsweingeschäft aufgetan, den er mit Micky ganz alleine zu trinken gedachte. Wenn die Tage vor Weihnachten eines sein sollten - dann besinnlich.

Da sie endlich einmal keine neuen Hiobsbotschaften das Konsortium und Woodhouse betreffend gehört hatten, hatte Duncan fest vor, dies in die Tat umzusetzen. Er wusste aus jahrhundertealter Erfahrung, dass es die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm war. Und nichts anderes.

Er sollte Recht behalten.

Duncan hatte den Thunderbird fast erreicht, als er sah, wie ein silbergrauer Citroën an ihm vorbeifuhr, ganz langsam im Schritttempo. Damit er genau sehen konnte, dass auf dem Rücksitz seine Frau saß. Gegen ihren Willen. Ein ihm unbekannter Mann hielt ihr eine Pistole an die Schläfe und zwang sie zum Fenster hinauszusehen. Am Steuer des Wagens saß eine Frau, die Duncan hingegen schon einmal gesehen hatte. Auf einem Friedhof. Bei einer Beerdigung. Und es war vor gar nicht langer Zeit gewesen.

Duncan stieß einen derben, schottischen Fluch aus, holte sein Handy aus seiner Manteltasche und wählte. Er hatte es geahnt, sie hätten sich nicht in Sicherheit wiegen dürfen, weil ein paar Wochen lang keine schlechten Nachrichten eingetroffen waren. Er verfluchte sich für seine Unaufmerksamkeit. Die bloße Tatsache, dass James Horton unter sechs Fuß Pariser Friedhofserde bestattet war, bedeutete noch lange nicht, dass seine Spießgesellen nicht länger aktiv waren. Die Unsterblichen fochten nicht nur um den Preis der Zusammenkunft, sondern auch gegen eine unüberschaubare Armee von abtrünnigen Beobachtern, die eine bessere Ausrüstung zu haben schienen als so mancher Geheimdienst.

Es klingelte viermal, fünfmal, dann nahm sie endlich ab.
,,Hi Duncan, was gibt es?"
Der Himmel verfinsterte sich, und Wind kam auf. Das veränderte Wetter passte zu Duncans momentaner Gefühlslage. Unheilvoll grollte er seinem Schützling entgegen: ,,Charlie, deine durchgeknallte Mutter hat am helllichten Tag meine Frau entführt!" Zunächst sagte Charlie kein Wort. Duncan warf einen Blick auf das Display, weil er schon glaubte, die Verbindung wäre unterbrochen worden.
Doch dann antwortete seine Schülerin endlich: ,,Was?! Bist du dir sicher?! Ich meine, dass es meine Mutter war? Versteh mich nicht falsch, Duncan. Aber deine Frau macht auf mich den Eindruck, als hätte sie mehr Feinde als James Bond und Julius Cäsar zusammen." Wenn die Situation nicht so ernst wäre, hätte Duncan darüber lachen können.
,,Ja, ich bin absolut sicher. Wir treffen uns in 20 Minuten bei Maurice."
,,Die Bar ist doch noch geschlossen", erwiderte Charlie. Sie saß gerade gemütlich bei einem Kaffee und einem Buch in ihrer Wohnung auf dem Montmartre und hatte keine große Lust in die Kälte hinauszugehen. Ein Blick aus dem Fenster bestätigte ihre Einstellung. Der bisher sonnige Vormittag verwandelte sich gerade in etwas viel Unangenehmeres. Allerdings ahnte Charlie, dass Duncan noch weitaus unangenehmer als das Wetter sein würde, wenn sie nicht pünktlich in der Bar erschiene. Sie seufzte. Man hatte es nicht leicht, als junge Unsterbliche ohne Job und einem Mann wie Duncan MacLeod als Mentor.
,,Na gut, aber wie gesagt, die Bar ist noch geschlossen..." Ein letzter Versuch konnte nicht schaden.
,,Nicht für mich. Bis gleich." Es war ihm einerlei, ob die Bar geschlossen war oder nicht. Er brauchte Zugriff auf die Datenbank der Beobachter. Da Charlie offiziell als tot galt, war auch ihr Account gelöscht geworden. Joe Dawson mitten in der Nacht aus dem Bett zu klingeln, war keine wirkliche Alternative. Schnelle Antworten und wenig Interesse an den Vorschriften und dem Kodex der Beobachter waren jetzt gefragt. Die beste Adresse in Paris war dafür immer noch die von Maurice Pinoteaus.

Zuversichtlich, dass Duncan über Papa Maurice irgendetwas über Mickys Aufenthaltsort in Erfahrung bringen würde, warf er die Taschen mit den Weihnachtseinkäufen achtlos auf den Beifahrersitz und startete den Motor.

 

Frankreich, Paris, Maurice's Bar, eine viertel Stunde später.
Genau wie bei Joe hatte Duncan als Freund des Besitzers ein Vorrecht: Er konnte den Laden betreten und Hilfe erwarten, obwohl offiziell noch geschlossen war. Mit ernstem Gesichtsausdruck trat er durch die offen stehende Hintertür ein und hielt nach Maurice Ausschau. Die braune, holzgetäfelte Bar funkelte und glänzte, alle Gläser waren gespült und ordentlich auf den Regalbrettern hinter der Theke neben diversen Flaschen aufgereiht. Auf den Tischen standen die Stühle noch verkehrt herum, der Raum war nur schwach beleuchtet.

,,Papa Maurice, bist du hier?" rief er in die ungewohnte Stille des ansonsten lebhaften Raumes hinein. Die Schwingtür zur Küche ging auf, hinaus trat ein korpulenter Franzose, der ihn anlächelte. Duncan wirkte gleich ein wenig erleichtert.
,,Nein, er ist nicht da, Duncan. Er ist auf dem Markt. Aber er müsste gleich kommen."
,,Oh, Robert. Ich dachte, du wärst dein Bruder." Robert Pinoteaus, der Zwillingsbruder von Richies Beobachter, wischte sich die Hände an der nicht mehr ganz so weißen Kochschürze ab und kam näher.
,,Kann ich dir vielleicht helfen, mon ami?"
,,Ich fürchte nicht. Es geht um Beobachterkram... Das heißt doch. Kann ich mal an Maurices PC?" Robert zuckte die mächtigen Schultern.
,,Klar, Maurice nimmt es ja ohnehin mit den Vorschriften nicht so genau. Das Passwort steht auf der Schreibtischunterlage..." Duncan grinste kurz über die Nachlässigkeit des Beobachters, die ihm jetzt zugute kam. ,,Was ist denn überhaupt passiert, mon ami? Du siehst ja richtig mitgenommen aus. Willst du einen Drink?" Duncan schüttelte den Kopf und ging in Richtung Büro davon.
Dann blieb er kurz stehen und sprach ohne sich umzudrehen: ,,Charlie Grants Mutter hat meine Frau entführt. Charlie ist auf dem Weg, schick sie bitte direkt zu mir ins Büro, wenn sie eintrifft." Der Koch nickte. Beobachterkram, Unsterblichenkram. Nichts für ihn. Er kümmerte sich lieber um seine Bouillabaisse, die in der Küche auf ihn wartete.
,,Bien sur, Duncan.
Und dir mache ich erst mal was zu essen, du brauchst Kraft, mon ami." Duncan rang sich ein Lächeln ab, er hatte keinen Nerv zu widersprechen und verschwand im Büro.

Die Sorge um Micky drängte ihn zur Eile, denn er hatte die Befürchtung, dass seine Frau ernsthaft in Gefahr schwebte. Duncan, der im Laufe der Jahrhunderte mehr Geliebte, Freunde und Clansmitglieder verloren hatte, als er noch zählen oder sich daran erinnern konnte, würde nicht wegen einer wohldurchdachten Lüge seine Frau begraben. Notfalls würde er Clarice Grant den Beweis erbringen, dass ihre Tochter noch lebte. Es war für Duncan einfacher, seine Schülerin vor ihrer durchgeknallten Mutter zu beschützen, als mit dem Tod seiner Frau klarzukommen.

Denn auf etwas anderes würde es letzten Endes nicht hinauslaufen. Duncan ahnte, dass Charlies Mutter nur auf Eines aus war: auf Rache. Clarice Grant war felsenfest davon überzeugt, dass Duncan ihre Tochter getötet hatte. Der Vorfall in Vancouver mit den beiden Schlägern, die ihn überwältigt und in einer Lagerhalle verhört hatten, sprach für sich. Sie wollte Duncan für den Tod ihrer Tochter leiden und bezahlen lassen mit allen Mitteln, die ihre Splittergruppe aufbieten konnte. Seine Frau zu töten, wäre das effektivste Mittel, es würde mehr bewirken als ihn zu töten. Es würde ihn zerbrechen. Nach Tessas Tod hatte Duncan nie wieder eine Frau so nahe an sich herangelassen, um nicht noch einmal von dem Verlust dermaßen überwältigt und aus der Bahn geworfen zu werden. Gegenüber Richie hatte er es nach der Beerdigung so formuliert: ,,Ich kann mit einer anderen Tessa nicht fertig werden", womit er hatte sagen wollen, dass er einen solchen Verlust ein zweites Mal nicht ertragen könnte. Würde er Micky wegen des inszenierten Todes seiner Schülerin verlieren, wäre es unendlich schlimmer. Das würde er nicht ertragen selbst in Jahrhunderten nicht. Dann wäre ihm alles egal. Die Zusammenkunft, Diejenigen und Woodhouses Pläne für das Armageddon. Micky war nicht nur einfach seine Ehefrau. Sie war die Hälfte seiner Seele, sie ergänzte ihn, vervollständigte ihn. Und genauso war es für sie. Nach dir könnte ich keinen Mann mehr lieben, hatte sie ihm vor kurzem an Henrys Grab gesagt. Er wusste, was Henry Micky bedeutet hatte, diese Worte in seiner ,,Gegenwart" waren ein großer Beweis ihrer Liebe.

Schon einmal hatte Duncan einen seiner engsten Freunde an die Splittergruppe der Beobachter verloren, es würde ihnen kein zweites Mal gelingen. Das hatte er sich geschworen, an dem Tag, als Duncans Jagd auf James Horton begonnen hatte. Doch wie würde Clarice auf den Umstand reagieren, dass ihre Tochter inzwischen zu den, wie sie es nannte ,,zu observierenden Subjekten" gehörte und gar nicht tot war? Nicht erfreut, das zumindest hatte Duncan aus Charlies Worten auf ihrer Beerdigung herausgehört. Allerdings war ihm diese Vorstellung angenehmer als der mögliche Verlust seiner Frau oder eines seiner Freunde, nur um die Rache einer Mutter zu befriedigen, die ihr Kind gar nicht verloren hatte. Verloren hatte Clarice Charlie eigentlich nur an die Unsterblichkeit und damit an die andere Seite. Was aber nicht Duncans Schuld, sondern die Derjenigen war, die mit Charlie Grant ihre eigenen Pläne zu verfolgen schienen.

 

Frankreich, Paris, das Versteck von Clarice Grant, zur selben Zeit.
Micky saß an einen unbequemen Stuhl gefesselt in einem ansonsten leeren Raum. Das einzige Fenster hatte man zugenagelt, so dass kaum Licht hereinfiel. Wie lange sie schon hier saß, konnte Micky nicht abschätzen. Lange genug auf jeden Fall, es reichte ihr. Sie würde jetzt verschwinden. Ungeduldig zerrte und zog Micky an ihren Fesseln und versuchte, ein loses Ende zu fassen zu bekommen. Als ihre Finger sich zu verkrampfen drohten, ließ sie locker und sah nach unten auf ihre gefesselten Beine. Hier hatte sie vermutlich noch geringere Erfolgsaussichten als an den Händen. Das Beste wäre, sie würde ein paar Minuten warten, bis ihre Finger sich entspannt hatten und dann einen weiteren Versuch starten.

In diesem Moment öffnete sich die einzige Tür zu dem Raum, ein Lichtschalter wurde umgelegt. Micky blinzelte, sie war schon lange genug hier eingesperrt gewesen, so dass ihre Augen sich an das Zwielicht gewöhnt hatten.

,,Hallo, Mrs. MacLeod". Eine Micky unbekannte Frau um die 50, gekleidet in ein nobles, blauschwarzes Chanel-Kostüm und passende Pumps mit ungesund spitzen Absätzen, trat ein. In der Hand hielt sie ein blankpoliertes Samuraischwert. Micky schluckte einen Kloß im Hals runter. Das war gar nicht gut. Zumal die Fremde eine Sterbliche war. Ihr schwante nichts Gutes.
,,Guten Tag. Sie sind mir gegenüber klar im Vorteil. Sie wissen, wer ich bin. Würden Sie mir freundlicherweise Ihren Namen verraten und was Sie mit einem Schwert wollen?" Die Frau lachte.
,,Kommen Sie schon, Mrs. MacLeod. Anders sind Sie und Ihresgleichen nun mal nicht zu beseitigen." Die Art, wie sie das Wort ,,beseitigen" betonte, erinnerte Micky an einen Sack Müll, den man entsorgen musste. Ihr ungutes Gefühl verstärkte sich mit jeder Minute.
,,Ich weiß nicht, was Sie meinen." Erst mal Unwissenheit heucheln, das hatte ihr schon in vielen Situationen geholfen.
,,Sie sind eine Unsterbliche. Und jetzt sparen wir uns diese gespielte Ahnungslosigkeit." Mit drei erstaunlich großen Schritten hatte die Frau den Raum durchquert und hielt Micky ihr rechtes Handgelenk unter die Nase. Was sie darauf tätowiert sah, schockierte Micky.
,,Sie sind eine Beobachterin!" rief sie. ,,Hey, Sie verstoßen hier gegen Ihre eigenen Regeln."
Empörung machte dem anfänglichen Schrecken Platz. Wieder lachte die Frau amüsiert auf und hielt das Schwert dicht an Mickys Hals.
,,Es sind schon lange nicht mehr meine Regeln, Mrs. MacLeod. Ich habe mir eigene Regeln geschaffen." Micky reimte sich zusammen, dass diese Frau zu den Splittergruppe-Beobachtern gehörte. Die waren doch eine echte Landplage. Wozu hatten sie James Horton erschossen und in Natalies Grab geworfen, wenn die Bande doch keine Ruhe gab?
,,Was wollen Sie? War es Ihnen keine Lehre, was mir mit James Horton gemacht haben?"
,,James Horton war ein Schwächling, er interessiert mich einen feuchten Kehricht! Ich will Rache für den Tod meiner Tochter!" Nun wusste Micky, wer die Frau war, die sie entführt hatte und mit einem Schwert bedrohte. Sie fing an, sich Sorgen um ihren Kopf zu machen. Nichts war gefährlicher als eine trauende Mutter, die nach einem Schuldigen suchte. Nach jemandem, den sie fälschlicherweise für den Mörder ihrer Tochter hielt, obwohl die sich bester Gesundheit erfreute. Micky hatte ja geahnt, dass es mit Duncans kleiner Schülerin Ärger geben würde.
,,Sie sind Clarice Grant... Hören Sie, was da mit Ihrer Tochter passiert ist, war schrecklich..."
Aufrichtiges Bedauern klang in Mickys Stimme mit. Sie heuchelte nicht, sie konnte nachvollziehen, was Clarice empfand.
,,Was wissen Sie schon?! Ihr Mann hat meine Tochter getötet! Meine Erstgeborene! Ich habe alle meine Hoffnungen in sie gesetzt! Sie war mein Ein und Alles! Und dafür wird er jetzt den Menschen verlieren, der ihm am meisten bedeutet! Seine unsterbliche Frau!"
,,Mrs. Grant, Clarice, hören Sie mir bitte einen Augenblick zu. Duncan hat Ihre Tochter nicht getötet."
,,Lügen! Das sind alles Lügen!" zischte Clarice zorniger als ein Racheengel und ritzte Micky mit der Spitze des Schwertes hinter dem Ohr.
,,Hey, hat Ihnen noch niemand gesagt, dass es am Kopf Narben gibt?! Duncan hat Ihre Tochter nicht getötet. Sie sind zusammen in Vancouver gelandet. Und dann wurde sie erschossen." Micky biss sich auf die Zunge, um nicht zu verraten, dass Charlie dadurch zu einer Unsterblichen geworden war. Duncans Schützling hatte sich eine neue Identität zugelegt und ausdrücklich darauf bestanden, dass ihre Mutter sie für tot hielt. So wie Clarice Grant sich verhielt, hatte Micky durchaus Verständnis für die Entscheidung. Nicht aber dafür, dass sie ihren Kopf verlieren sollte. Sie musste die Sache anders angehen. Das Pferd von hinten aufzäumen, wie es so schön hieß.
,,Was wissen Sie schon, Mrs. MacLeod? Was wissen Sie davon, wie es ist, ein Kind zu verlieren?!" grollte Clarice verbittert mit schmerzerfüllter Stimme.
,,Ich weiß es, Clarice."
,,Sie können keine Kinder bekommen", konterte sie.
,,Nein, aber ich konnte welche adoptieren, sie lieben, sie großziehen. Ich konnte bei Ihnen sitzen und beten, dass sie nicht am Fieber sterben, während mein Mann für den Fortbestand der Union und die Freiheit der Sklaven kämpfte. Ich konnte sie mit Brühe füttern und zusehen, wie sie immer schwächer wurden. Ich hatte damals jegliche Hoffnung aufgegeben, dass Rebecca und David das Ende des Krieges überhaupt erleben würden..." Tränen funkelten in Mickys Augen, als sie die Erinnerung an ihre Zwillinge zu übermannen drohte. Seit sie erfahren hatte, dass Elisabeth sterben würde, war sie so verdammt rührselig geworden. Sie hasste diesen Gemütszustand. Aber vielleicht hatte sie hier einen Weg gefunden zu Clarice Grant vorzudringen.
,,Haben Sie meine Chronik gelesen, Clarice?" Charlies Mutter senkte ihr Schwert und schien nachzudenken. Schließlich nickte sie. ,,Dann wissen Sie, dass die Zwillinge während des Sezessionskrieges fast gestorben wären. Und Sie wissen, dass ich 1797 meinen gesamten Stamm bei einem Massaker verloren habe. Einschließlich..."
,,Ihren Stamm, pah!" fuhr sie Micky vor Zorn bebend über den Mund.
,,Einschließlich meines Mannes und seines Sohnes, den ich als meinen eigenen angenommen hatte. Ich starb mit ihnen, als der Unsterbliche Nicolas Cane unser Dorf überfiel. Aber ich wurde belebt. Ich erwachte im Blut meines Sohnes, meines Mannes und aller Cheyenne, mit denen ich gelebt hatte... Oder was ist mit Henry La Porte? Sagen Sie also nicht, ich wüsste nicht, was Verlust bedeutet, Clarice."
,,Das ist irrelevant! Sie dürften überhaupt nicht existieren! Sie sind ein Fehler der Natur!" wetterte Clarice unbeeindruckt von Mickys Schilderungen, worauf Micky zu lachen anfing.
,,Ein Fehler der Natur? Das muss ich mir merken. Man hat mich schon vieles genannt, ein Biest, ein Miststück, eine Hexe. Aber das ist neu." Die Beobachterin machte einen Satz nach vorne und schlug Micky mit der flachen Hand ins Gesicht. Micky spürte, wie ein dünnes Rinnsal Blut aus ihrem rechten Mundwinkel lief. Sie fuhr sich mit der Zungenspitze sachte darüber, schmeckte Eisen, lächelte aber unbeirrt weiter.
,,Sie werden keine Zeit mehr haben, es irgendjemandem zu erzählen, Mrs. MacLeod. Wenn Ihr Mann hier eintrifft, werden Sie sterben, und er wird dabei zusehen." Mit diesen Worten drehte Clarice Grant sich auf dem Absatz um und stürmte aus dem Raum.
,,Okay, Comtesse. Das ist wie mit Capone. Du kommst schon wieder hier raus", sagte Micky zu sich selbst und erinnerte sich, wie sie 1930 Al Capone in Falle gegangen war...

 

Nordamerika, Chicago, 24. März 1930.
Bobby hat mich noch gewarnt, alleine loszuziehen, dachte Micky, als sie endlich wieder zu sich kam. Sie saß an den Händen und Füßen gefesselt in einem Lagerschuppen am Lake Michigan. Ihr Kiefer tat so dermaßen weh, als hätte ihr Schwergewicht Jack Johnson einen rechten Haken verpasst. Zugegeben, was Harry Ashton, der unsterbliche Handlanger von Al Capone, ausgeteilt hatte, war auch nicht von schlechten Eltern gewesen. Micky konnte froh sein, dass Capone mit ihr reden wollte. Ansonsten würde ihr hübscher Kopf mit dem modischen Bubikopf-Haarschnitt schon längst nicht mehr auf ihren Schultern sitzen.

Im nächsten Augenblick schwang die Tür zu dem Schuppen auf und herein kam in einem schwarzen, maßgeschneiderten Anzug und mit einer dicken Zigarre im Mundwinkel Al Capone höchstpersönlich. Gefolgt von Harry Ashton. Micky hatte ihn schon bemerkt, lange bevor er sich der Tür genähert hatte.

,,So, so. Wenn das nicht die herumschnüffelnde Federheldin von der Tribune ist. Dante, richtig? Sie sind doch das kleine Flittchen, das sich immer mit diesem Cop Bobby Sears rumtreibt, oder?"
,,Hören Sie, Mr. Capone. Erstens bin ich kein Flittchen. Ich bin Journalistin und arbeite in der Tat für die Tribune. Und herumgeschnüffelt habe ich nicht im Geringsten. Ich bin an einem Interview mit Ihnen interessiert." Capone grinste.
,,Boss, die... die lügt doch wie gedruckt!" stammelte Harry Ashton wütend. In seiner linken Hand hielt er ein Schwert, mit dem er ungeduldig vor Mickys Nase herumfuchtelte.
,,Klappe, Harry - Ich denke nach!" Micky lag auf der Zunge zu sagen, dass das auch nicht viel bringen würde. Sie verkniff es sich aber wohlweislich, weil sie die Befürchtung hatte, dass Capone dann Ashton erlauben würde, ihr den Kopf abzuschlagen. Und von der Idee hielt Micky ganz wenig. Eigentlich gar nichts.
,,Mr. Capone. Sagen Sie Ihrem Angestellten,..." Auf der Zunge lagen ihr die Worte ,,Schläger" oder ,,Hampelmann", was weniger schmeichelhaft war. ,,...dass er mich bitte losbinden soll. Wenn Sie kein Interview geben möchten, gehe ich wieder. Sie sind gerade seit einer Woche auf freiem Fuß. Wollen Sie Ihre Freiheit wirklich wegen einem dummen Missverständnis aufs Spiel setzen?"


Al Capone hatte in Philadelphia eine zehnmonatige Haftstrafe wegen Waffenbesitzes verbüßt und war vorzeitig wegen guter Führung entlassen worden. Nicht nur sich hatte er so gut geführt, sondern auch seine Geschäfte, die weitergelaufen waren, als hätte er nie eingesessen.

,,Boss, merken Sie nicht, wie die Puppe uns verarscht?!" Jetzt platzte Capone der Kragen. Er lief puterrot an, an seiner Schläfe pulsierte eine Ader. Er drehte sich herum und verpasste Harry Ashton eine schallende Ohrfeige.
,,Sei still! Ich habe gesagt, ich muss nachdenken!" Mit diesen Worten stürmte der Gangsterboss aus dem Schuppen. Gefolgt von Harry Ashton, der sich seine rote, brennende Wage rieb.

Kaum hatte sich die Tür hinter den beiden geschlossen, begann Micky fahrig an ihren Fesseln zu zerren. Sie musste hier raus. Noch hatte Capone seinen Schläger Ashton unter Kontrolle. Bei Mickys Talent sich in Schwierigkeiten zu bringen, konnte es damit von einer Minute zur anderen vorbei sein.

Sie zuckte zusammen, spürte das altbekannte Kribbeln im Nacken, das die Ankunft eines Unsterblichen ankündigte. Die Tür ging ein weiteres Mal auf. Micky sah nicht hin, sondern versuchte weiter ihre Fesseln zu lösen.

,,Hast es ja nicht lange ohne mich ausgehalten", versuchte Micky in einem möglichst provokanten Ton zu sagen. Sie musste Zeit schinden. An der Wand lehnte ihr Toledo Salamanca. Wenn sie schnell genug war, konnte sie es erreichen, bevor Ashton ihr den Kopf abschlug.
,,Ich halte es doch nie lange ohne dich aus, Mama", sagte Geneviève Dubois breit grinsend. Sie trug einen hellblauen Hosenanzug und einem schicken Topfhut auf ihrem Bubikopf. Beide Frauen, in dem für diese Ara typischen Outfit, hätten Schwestern sein können.
,,Geneviève, was machst du denn hier?!" Mit ihr hätte Micky am allerwenigsten gerechnet. Doch wenn die Kavallerie einrückte, durfte man nicht wählerisch sein, wer auf dem Pferd saß.
,,Dich retten, wie es aussieht", erklärte ihre Tochter nicht ohne ein gewisses Maß an Stolz in ihrer hellen Stimme. ,,Und übrigens, hier heiße ich Gene Dante, Mama. Sonst passen wir nicht zusammen."
,,Schätzchen, in diesem Leben habe ich eigentlich keine Tochter. Du solltest ja auch derzeit die Comtesse geben, damit ich mich als rasende Reporterin verlustieren kann. Nein, es geht dieses Mal einfach nicht, dass du mich Mama nennst. Da müsste ich ja sieben gewesen sein, als ich dich bekommen habe. Mein derzeitiger Lebensstil mag ein wenig extravagant sein, aber das ist doch etwas zu gewagt", sagte Micky grinsend, während ihre Tochter an den Fesseln zerrte.
,,Was für ein Haufen Elefantendung ist das hier? Wer hat dich gefesselt?! Harry Houdini?!" fluchte Geneviève genervt, was Micky zum Lachen brachte.
,,Nein, der ist vor vier Jahren in Detroit gestorben. Es war ein Unsterblicher namens Harry Ashton. Wo hast du nur solche Ausdrücke her, Geneviève?"

,,Vom Campus, Mama."
Geneviève war Anfang Februar völlig überraschend aus Paris angereist und hatte sich für ein Studium an der Universität von Chicago angemeldet. Dieser Umstand hatte Micky in einige Schwierigkeiten gebracht, da in dieser Dekade eigentlich Geneviève als amtierende Comtesse Dubois an der Reihe gewesen war. Ein Grund, warum sie Frankreich so überstürzt verlassen hatte, war Geneviève nicht zu entlocken gewesen.
,,Aber jetzt noch mal von vorne. Was machst du hier, und wie hast du mich gefunden?"
,,Ich habe dich auf dem Polizeirevier gesucht, weil dein Chefredakteur sagte, du wärst dort. Auf dem Revier hat ein Cop namens Bobby Sears mir gesagt, dass ihr hinter so einem Gangster namens Capone her seid und dass du hier für deine Story recherchierst." Micky lachte wieder.
,,Was?!" fragte Geneviève noch genervter.
,,Schätzchen, Al Capone ist nicht irgendein Gangster. Er ist der Gangsterboss von Chicago. Selbst Eliot Ness und 'die Unbestechlichen' sind hinter ihm her. Wenn du die Zeitung, für die deine Mutter arbeitet, öfter mal lesen würdest, anstatt deine Prada-Stiefel darauf zum Trocknen abzustellen, wüsstest du, wer Capone ist."

Die Tür zum Lagerschuppen öffnete sich ein weiteres Mal, und herein kam Bobby Sears mit gezogener Waffe und einem Gesichtsausdruck, als hätte Micky gerade gesagt, dass die Yankees doch noch irgendwie die World Series gewinnen könnten.

,,Hat das junge Fräulein dich gerade tatsächlich ,Mama' genannt?" fragte Bobby seine inoffizielle Partnerin. Cops und die Vertreter der schreibenden Zunft waren wie Donuts und Kaffee. Es passte einfach. Was aber nicht in Bobby Sears' Vorstellung passte, war dass diese quirlige Gene Dante die Tochter seiner Partnerin seiner sollte. Seine blaugrauen Augen, die auf Anhieb jede noch so vertrackte Situation erfassten, fielen ihm vor Unglauben fast aus den Höhlen. Micky warf ihrer Tochter einen giftigen Blick zu. Bobby wusste nichts von den Unsterblichen.
,,Ich habe wohl vergessen zu erwähnen, dass Mr. Sears mich begleitet hat und draußen Schmiere stand", bemerkte Geneviève leicht verlegen und beschäftigte sich weiter mit den Knoten.
,,Danke, Gene!" grollte Micky, die nun fieberhaft nach einer glaubhaften Erklärung suchte. Sie hatte Bobby bei ihrem ersten Treffen vor drei Jahren gesagt, sie wäre 25. Selbst wenn in Genevièves Pass gestanden hätte, sie wäre 17 Jahre alt, hätte Micky ihre Tochter im zarten Alter von 11 Jahren zur Welt bringen müssen. ,,Wenn du deinen Mund nicht endlich mal geschlossen hältst, enterbe ich dich, klar?!" drohte Micky. ,,Bobby, binde mich los, schaff uns hier raus. Dann gehen wir zu Billy und ich erzähle dir bei einem Kaffee, wer wir wirklich sind."

 

Nordamerika, Chicago, Billy's Café, eine Stunde später.
Vor dem landesweiten Inkrafttreten der Prohibitionsgesetze hieß ,,Billy's Café" noch ,,Billy's Bar" und war ein beliebter Treffpunkt der Chicagoer Polizei gewesen. Hier hatte man sich nach Dienstende getroffen und auf dem Nachhauseweg noch ein Bier getrunken oder auch gerne mal etwas Stärkeres. Seit auch Illinois zu den ,,trockenen Staaten" zählte, war es mit dem Feierabendbierchen vorbei. Billy Monroe, der Besitzer, hatte rechtzeitig die Zeichen der Zeit erkannt und war auf ein anderes Pferd umgestiegen. Er schenkte nun statt Schnaps und Bier Kaffee und Tee aus und reichte dazu Gebäck. Natürlich gab es bei ihm auch Schwarzgebrannten, unter der Theke, wenn kein Cop in der Nähe war.

Während nun Al Capone zum wiederholten Male in diesem Jahr auf dem Polizeirevier festsaß dieses Mal wegen Freiheitsberaubung und Androhung von körperlicher Gewalt mit einem Schwert plauderten Micky, Bobby und Geneviève bei einem Tässchen von Billys feinster Röstung. Gemütlich war das Gespräch allerdings auch nicht. Sie unterhielten sich leise in einer weit vom Ausgang und der Theke entfernt liegenden Ecke.

,,Jetzt noch mal ganz langsam zum Mitschreiben, Dante. Es gibt Unsterbliche?"
,,Hey, es ist eine Art Magie. Wir wissen nicht, wo wir herkommen. Ich versuche seit 1525 diese Frage zu beantworten. Selbst Nostradamus und Martin Luther konnten mir nicht weiterhelfen."
Bobby Sears kam aus dem Staunen nicht mehr raus. Das Bild, das er seit drei Jahren von seiner Partnerin hatte, war verschwunden. Im Nebel der Zeit.
,,Du willst mir erzählen, du bist 425 Jahre alt?" Micky nickte und schob langsam, fast liebevoll eine Schwarz-Weiß-Fotografie über den Tisch. In der anderen Hand hielt sie eine Zigarette. Zu der Zeit, als das Foto aufgenommen worden war, wäre ein solches Verhalten von einer Frau noch undenkbar gewesen. Die Goldenen Zwanziger hatten Vieles ermöglicht.
,,Das bin ich mit meinem Mann Richard Cunningham und unseren Adoptivkindern David und Rebecca. Du wirst bemerken, dass er die Uniform eines Majors der Unionsarmee trägt. Das Bild wurde 1861 aufgenommen. Als ich ihn kennen lernte, hieß ich auch Dante. Michelle Dante. Ich habe mich doch gut gehalten, oder?" Sie lächelte ein wenig wehmütig. Richard war seit 31 Jahren tot, aber sie vermisste ihn noch immer.
,,Und diese junge Dame hier, die hast du 1703 adoptiert? Und sie ist fast genauso so alt wie du?!"
,,Wenn man es genau nimmt, bin ich 409 Jahre alt, Mr. Sears." Bobby starrte Geneviève mit offenem Mund an.
,,Ich brauche einen Drink", war seine Antwort. Micky sah sich schnell nach allen Seiten um. So etwas sagte man öffentlich nicht 1930 in Chicago oder sonst irgendwo in den USA, schon gar nicht als Polizist.
,,Also, Bobby! Denk an das Prohibitionsgesetz. Trink lieber noch einen Kaffee und hier, die helfen auch." Micky griff in ihre Handtasche und holte eine Packung Oreos hervor.
,,Und ihr beiden seid echt unsterblich? Egal, was man mit euch macht, ihr überlebt es?!" fragte Bobby, während er sich einen Keks in den Mund steckte.
,,Wir überleben es, Mr. Sears. Doch wenn man uns mit einem Schwert, einer Axt oder etwas Ähnlichem den Kopf abschlägt, ist es vorbei. Wir kämpfen um etwas, das sich die
Zusammenkunft nennt. Mama glaubt nicht mehr so richtig daran, dass sie existiert. Wenn sie aber einen guten Kampf wittert, zückt sie ihr Toledo Salamanca. Und zack, zack, der Kopf ist ab. Somit leben wir eigentlich in relativer Sicherheit. Nur die Französische Revolution, die war ganz schön haarig. Da sind auch manche unsterbliche Köpfe gerollt", erklärte Geneviève leichthin. Als sie den betretenen Gesichtsausdruck ihrer Mutter sah, entschuldigte sie sich bei ihr.
,,Was ist denn?" wollte Bobby wissen.
,,Mama hat ihren Verlobten während der Revolution verloren. Er starb freiwillig auf der Guillotine, damit sie und Onkel Connor nach Spanien fliehen konnten."
,,Bevor du fragst, der Mann, den sie Onkel Connor nennt, ist ein Freund von mir, ein sehr enger und sehr besonderer Freund, der mich jedes Jahr besucht - seit dem 14. Juli 1789." Bobby überlegte einen Moment, dann nickte er.
,,Groß, dunkle Haare. Schottischer Akzent." Er hatte, was in seinem Beruf ein großer Vorteil war, ein fabelhaftes Personengedächtnis.
,,Ja, deswegen heißt er ja auch MacLeod", erklärte Geneviève schwärmerisch, worauf Micky ihr die Hand tätschelte.
,,Sind ja nur noch ein paar Monate. Du musst wissen, sie vergöttert Connor. Genauso wie Methos. Ihren anderen ,Onkel'. Da sie bei Zigeunern aufwuchs, sind diese beiden Herumtreiber das, was für Geneviève einem Vater am Nächsten kommt. Also, Bobby, du weißt jetzt, dass ich mich problemlos in Gefahr begeben und Al Capone hinter Gitter bringen kann." Bobby hatte das meiste von dem, was Micky und Geneviève ihm erzählt hatten, akzeptiert, doch davon, dass Capone keine Gefahr für sie darstellte, war er nicht überzeugt.
,,Und wieso hat Harry Ashton dich mit einem Schwert bedroht? Ich denke, wir Sterblichen merken nicht, dass ihr unsterblich seid?"
,,Da hast du Recht, Partner. Die Sterblichen wissen nicht, dass wir existieren. Wir agieren überall auf der Welt. Harry Ashton ist ein Unsterblicher. Und wenn ich die Gelegenheit dazu bekomme, werde ich mir seinen Kopf holen."
,,Kopf holen", murmelte Bobby nachdenklich, während er seine fast volle Tasse Kaffee auf dem Tisch vor- und zurückschob.
,,Gestern wurde am Lake Michigan eine kopflose, männliche Leiche gefunden. Warst du das, Micky?" Sie schüttelte den Kopf.
,,Bobby, es gibt Tausende von uns. Wie viele es genau sind, weißt niemand. Selbst Methos nicht, und der ist schätzungsweise 5.000 Jahre alt." Bobby verschluckte sich an dem zweiten Oreo, den er sich gerade in den Mund gesteckt hatte. Micky sprang auf und klopfte ihm auf den Rücken.
,,5.000 Jahre?!" fragte er erschrocken. Einige Krümel flogen auf den Tisch, er wischte sie schnell fort.
,,Ja. Aber wie ich bereits sagte, ich kann auf mich aufpassen und Capone hinter Gitter bringen. Du hast eine Frau und einen Sohn, Bobby. Du hast viel zu verlieren. Deine Familie wäre auf sich gestellt. Wenn er mich erschießt, muss ich nur die Stadt verlassen. Aber immerhin hast du dann genug in der Hand für eine Mordanklage gegen ihn."
,,Soweit lassen wir es aber nicht kommen. Du hältst dich von Capone und besonders von Ashton fern, ist das klar, Dante?!"
,,Bobby, echt, du bist penetranter als eine Zecke an einem Hundehintern..." Sie lachten über Mickys Wortspiel. ,,Ich werde vorsichtiger sein. Aber du und mein Chefredakteur könnt euch abschminken, dass ich anstatt über Big Boss Capone über die neue Frühlingskollektion schreibe!"

 

Frankreich, Paris, die Gegenwart.
Duncan zuckte zusammen, als sein Handy klingelte. Er war vertieft in die Akte von Clarice Grant, die so weiß war, dass er fast eine Sonnenbrille gebraucht hätte.
Wüsste Duncan nicht, dass sie zu der Splittergruppe gehörte, würde er sie glatt für eine Heilige halten.

,,MacLeod."
,,Wenn Sie Ihre Frau wieder sehen wollen, tun Sie genau, was ich Ihnen sage, Mr. MacLeod."
Duncan legte den Stift beiseite, mit dem er Kreise, Zacken und Karomuster gemalt hatte, während er nachdachte und hörte sich an, was Clarice Grant ihm zu sagen hatte.
,,Wer war das?" fragte Charlie, nachdem Duncan das Gespräch beendet hatte. Sie hielt ihm eine Tasse Kaffee entgegen.
,,Deine Mutter", entgegnete er knapp, trank einen Schluck und stellte die Tasse auf den Tisch. ,,Sie will, dass ich alleine komme." Charlie setzte sich. ,,Kannst du mir mal erzählen, was du da machst?" Sein Tonfall klang sehr vorwurfsvoll.
,,Hast du nicht gerade eben gesagt, Mum will, dass du alleine kommst?"
,,Charlie, Charlie, du musst noch viel lernen. In eine Falle läuft man niemals alleine. Man holt sich Rückendeckung." Sie sah ihn mit Skepsis an, während sie ihren Mantel überstreifte und ihr mittelalterliches Schwert mit goldverziertem Griff sicher verstaute. Duncan beobachtete sie. ,,Das wird bei deiner Mutter aber nicht unbedingt hilfreich sein."
,,Ich bin eine Unsterbliche, oder? Wir haben Krieg mit dem Konsortium. Meine Mutter hat eine Splittergruppe unter sich, die Jagd auf unsere Leute macht. Da gehe ich gewiss nicht ohne mein Schwert auf die Straße. Ich bin zwar erst seit Kurzem unsterblich, aber auf den Kopf gefallen bin ich nicht." Duncan grinste, nickte aber zufrieden. Charlie hatte schnell begriffen, was es hieß eine Unsterbliche zu sein. Seinen Mantel und das Katana in der Hand verließ er das Büro, dicht gefolgt von seinem Schützling.

 

Draußen öffnete er den Kofferraum seines Thunderbirds, holte etwas aus einer Sporttasche und übergab seiner Schülerin eine Pistole.
,,Zur Sicherheit. Wenn du in Gefahr bist, schieß. Zögere nicht. Die würden es auch nicht tun. Du kannst doch damit umgehen, oder?" Charlie holte das Magazin aus der Waffe, lud sie neu, zog sie durch und zielte. ,,Warum habe ich auch gefragt? Fahren wir."

 

 

Frankreich, Paris, das Versteck von Clarice Grant, eine halbe Stunde später.
Über die Gedanken an Bobby Sears und den Tag, an dem er von ihrer Unsterblichkeit erfahren hatte, musste Micky eingeschlafen sein. Sie schreckte regelrecht zusammen, als die Tür lautstark eingetreten wurde. Holz splitterte, sie flog auf und dort stand er, ihr strahlender Ritter mit flatterndem Mantel und einem Schwert in der Hand.

,,Du hast lange gebraucht." Duncan war mit drei großen Schritten bei ihr, schnitt mit seinem Katana ihre Fesseln durch, zog Micky auf die Füße und gab ihr einen Kuss.
,,Hattest du schon Sehnsucht, Mrs. MacLeod?" fragte er feixend.
,,Immer", meinte sie verführerisch säuselnd.
,,Dann lass uns hier verschwinden und Wiedersehen feiern, Liebling."
,,Ich fürchte daraus wird nichts!" hörten sie im nächsten Moment eine wütende Stimme. Duncan drehte sich um und erkannte Clarice Grant, die eine Pistole auf ihn gerichtet hatte.
,,Mrs. Grant, lassen Sie uns darüber reden", bat Duncan, während er Micky von Clarice unbemerkt seine Pistole zuspielte. Sie berührte zuversichtlich seine Hand und drückte sie leicht. Duncan erwiderte den Druck. Sie würden hier rauskommen.
,,Es gibt nichts zu bereden, Duncan MacLeod vom Clan der MacLeod! Sie haben meine Tochter getötet!" Duncan seufzte. Eigentlich hatte er Charlies Wunsch nach einer neuen Identität respektieren wollen, doch offensichtlich blieb ihm keine andere Möglichkeit, als das Geheimnis hier und heute zu lüften. Er holte Luft und wollte gerade zu einer Erklärung ansetzen, als er und Micky spürten, wie ein Unsterblicher näher kam. Man hörte das leise Klicken eines gespannten Hahnes.

,,Er hat mich nicht getötet, Mum", erklärte Charlie ruhig, während sie den Raum betrat, in dem ihre Mutter Micky gefangen gehalten hatte. Ganz langsam, wie in Zeitlupe, drehte Clarice Grant sich in ihrem Chanel-Kostüm um. Ihre Augen weiteten sich vor Schrecken.
,,Was?! Nein, du bist tot!
Du bist tot!" Charlie senkte ihren Arm ein wenig und näherte sich ihrer Mutter.
,,Nein, Mum. Ich lebe."
,,Aber du wurdest am Flughafen in Vancouver erschossen. Durchs Herz..." Allmählich begriff Clarice, was passiert war. ,,Nein", flehte sie. ,,Nein, du bist keins von diesen Dingern, diesen Subjekten. Du gehörst auf die andere Seite." Ihre Hand schoss hervor und umklammerte Charlies rechtes Handgelenk. Sie schob grob den Ärmel hoch und entblößte die Tätowierung. Den Kreis.
Das Symbol der Beobachter.
,,Das ist Vergangenheit, Mum. Ich bin, wie es so schön heißt, auferstanden von den Toten. Ich bin unsterblich. Ich war es schon immer, es steckte in mir. Und als die Leute von Noah Woodhouse auf mich geschossen haben, erfüllte sich mein Schicksal."
,,Dein Schicksal war es meine Nachfolgerin zu werden!" schrie Clarice Grant mit zornigen Tränen in den Augen. Alles Edle war von ihr abgefallen, sie verwandelte sich in eine Furie.
,,Als Anführerin der Splittergruppe?! Niemals! Wir beobachten, aber mischen uns niemals ein! Wir schreiben auf, aber wir töten die Unsterblichen nicht! Wir... Nein, ich nicht mehr. Ich stehe jetzt auf der anderen Seite..." Mit bedauerndem Gesichtsausdruck sah Charlie ihre Mutter an.

Micky schob sich an Duncan vorbei und sagte: ,,Ihre Tochter ist wohl auch ein Fehler der Natur, Clarice." Die Beobachterin stieß einen wütenden, schmerzerfüllten Schrei aus, der Micky und den anderen durch Mark und Bein ging. Charlie hob ihre Pistole.

,,Mum, mach keinen Fehler. Ich werde schießen. Ich will nicht, aber wenn ich muss..."
,,Du hältst zu diesen Leuten?! Wie kannst du nur?!" Über Charlies Gesicht huschte ein warmes Lächeln, als sie erst Duncan und dann Micky ansah. Es wirkte freundlich und familiär, was sogar Micky überraschte.
,,Duncan MacLeod ist mein Mentor! Er unterrichtet mich in allem, was ich wissen muss, um zu überleben. Um gegen unsere Leute im Kampf bestehen zu können und gegen deine Leute, wenn ihr Jagd auf uns macht." Clarice Grants Augen versprühten mehr Hass und Zorn, als ein Vulkan Lava in sich trug. Sie hob die Waffe und zielte auf Micky. ,,Mum, bitte."

Duncan wartete nicht, bis Charlie die Sache mit ihrer Mutter ausdiskutiert hatte. Er ging dazwischen und versuchte Clarice die Pistole zu entwenden. Ein wildes Gerangel entstand. Micky konnte von ihrer Position aus nichts machen, ohne versehentlich Duncan zu treffen.

,,Charlie, schießen Sie! Ich würde Duncan treffen. Na los, sind Sie Eine von uns, oder nicht?! Schießen Sie, verflucht noch eins!" Das war leicht gesagt, das wusste Micky. Doch jede Sekunde war kostbar. Es würde sicher nicht mehr lange dauern, bis weitere Beobachter hier eintrafen, die nicht nur beobachten, sondern eingreifen würden.
Charlie atmete tief durch, spannte den Hahn und schoss. Der Schuss war ohrenbetäubend laut in dem kleinen Raum. Clarice ließ die Pistole fallen und ging zu Boden. Duncan rappelte sich auf, packte seine Frau am Handgelenk und rannte mit ihr im Schlepptau auf die Tür zu.
,,Warum haben Sie sie nicht erschossen?!" rief Micky missbilligend, als Charlie den beiden MacLeods dicht auffolgte.
,,Sie ist meine Mutter", antwortete Charlie schlicht. Während sie rannte, wischte sie sich eine Träne fort. So hatte sie sich ihre Auferstehung nicht vorgestellt. Ihre Mutter war zu ihrem schlimmsten Feind geworden. Dennoch war und blieb sie ihre Mutter.

,,Wir sehen uns wieder", schwor Clarice Grant wutentbrannt. Mit ihrer linken Hand drückte sie auf die Wunde. Es war nur ein Streifschuss an der Schulter. Sie würde bald wieder einsatzbereit sein, und dann würde sie Jagd machen: Auf die MacLeods und auf ihre Tochter. Auf die zu observierenden Subjekte, die gar nicht existieren dürften. Sie würde sie jagen und vernichten. Alle.


 

7. Connors Suche

 

Brasilien, Amazonas, vier Wochen früher.
Ein einzelner weißer, schlammverschmutzter Jeep fuhr auf einer Straße im südamerikanischen Dschungel, die diesen Namen nicht im Mindesten verdiente. Es war eine Schlammpiste irgendwo im Nirgendwo.

Worauf hatte Connor sich da nur eingelassen? Es war heiß, die feucht-schwüle Luft konnte man fast schon mit einem Schwert in Scheiben schneiden. Am Himmel türmten sich schwarze Wolken auf, der Regenwald würde noch vor Einbruch der Nacht seinem Namen alle Ehre machen. Kein Wunder, die sechsmonatige Regenzeit, die Hochwasser und Moskitoschwärme mit sich brachte, stand praktisch schon vor der Haustür und klopfte an.

Connor hatte allerdings nicht vor, solange am Amazonas zu bleiben. Die Zeit drängte, er befand sich in einem Wettlauf gegen sie. Er war zwanzig Stunden um die halbe Welt geflogen auf der Suche nach einem alten Freund. Einem Unsterblichen namens Simon Cole, einem Heiler, der zur Zeit der Römer ein keltischer Druide in Gallien gewesen war. Im Laufe von 2.000 Jahren hatte er bei den klügsten Köpfe Europas und später auch der Neuen Welt Medizin studiert und sein Wissen beständig erweitert. Im Mittelalter war er einer der wenigen erfolgreichen Pestärzte gewesen.

Vor ungefähr 50 Jahren hatte er sich in den südamerikanischen Regenwald begeben und war seitdem auf der Suche. Er suchte einen Sinn in seinem unsterblichen Leben, und er suchte Heilmittel gegen die verschiedensten Krankheiten, die die Sterblichen peinigten.

Von ihm versprach Connor sich Hilfe für Elisabeth Stern. Doch nicht nur deshalb war Connor zu dieser Odyssee aufgebrochen. Es war nicht allein der Wunsch Elisabeth zu helfen. Er brauchte ein Ziel vor Augen, einen Grund weiterzumachen - etwas, das ihn davon abhielt, allzu viel über Isabelle nachzudenken. Was allerdings nicht zu vermeiden war, wenn Connor in absehbarer Zeit das Auto abstellen, ein Lagerfeuer entzünden und braten würde, was er heute Mittag im fischreichen Amazonas gefangen hatte. Er warf einen Blick auf die Uhr. Am Boden eines Regenwaldes herrschte immer ,,Finsternis", bestenfalls Zwielicht. Das Leben spielte sich zum Großteil in den Baumkronen ab. Das wenige Licht, das Connor zur Verfügung stand, um den Weg zu seinem Freund zu finden, würde bald gänzlich verschwunden sein.

Heute war er weit genug gekommen, bis er sein Zelt aufgebaut und das Feuer entzündet hatte, wäre es dunkel. Die Nacht kam schnell im Dschungel, fernab von jeglicher Zivilisation, Elektrizität und fließendem Wasser.

All das störte Connor nicht im Geringsten. Im Gegenteil - es erinnerte ihn an sein Leben zu einer Zeit als er noch keine 100 oder 200 Jahre alt gewesen war. Damals als er noch ein Krieger gewesen war, kein Antiquitätenhändler, der von seinen diversen Konten in der Schweiz lebte. Vielleicht war das Connors Problem, ihrer aller Problem. Hatten er, Duncan, Micky, Methos und alle Unsterblichen, die auf der Seite des Guten standen, vergessen, wo sie ursprünglich herkamen? Was ihre Aufgabe war? War ihnen die Bequemlichkeit dieses Jahrhunderts zum Verhängnis geworden? Sie hatten keinen Anspruch darauf, ein normales Leben zu führen, Vernissagen zu veranstalten, Vorlesungen an der Sorbonne zu halten. Sie existierten nur aus einem Grund: der Zusammenkunft. Er hörte Micky in seinem Kopf, die schnippisch erklärte, es gebe keine Zusammenkunft. Das mochte vielleicht sogar stimmen. Doch vor langer Zeit einmal waren sie aus diesem Grund auf der Bühne der Welt erschienen.
 

Auf der rechten Seite führte ein breiter Pfad zu einer geschützten Stelle. Connor bog ab, folgte dem Weg ein kleines Stück und bremste. Umgeben von der Allmacht der Natur war er ganz allein mit sich, mit seinen Gedanken. Gedanken, die über tausend Umwege immer wieder bei einem Menschen landeten. Bei Isabelle Coulins.

Während Connor das Zelt aufbaute, fragte er sich zum unzähligsten Male, ob es nicht besser gewesen wäre, sich nicht in seine Schülerin zu verlieben. Auf die unbeschreibliche Freude und das Glück zu verzichten, um sich die Trauer, die sein Herz seit jenem schrecklichen Abend in der Rue Blondel fest im Griff hatte, zu ersparen.

 

Eine gute Stunde später saß Connor auf dem Boden vor seinem Zelt und hielt einen aufgespießten Fisch in sein Lagerfeuer. Die Nachttiere des Waldes erwachten allmählich und gingen auf die Pirsch. Neben Connor lagen ein Gewehr und natürlich sein Toledo Salamanca. Mit einer der beiden Waffen würde er die Raubtiere schon fernhalten können, wenn es das Feuer alleine nicht schaffte.

Er seufzte nachdenklich. ,,Isabelle", kam ihm ihr Name mit einem bittersüßen Schmerz im Herzen über die Lippen. ,,Oh, Isabelle."
,,Nun sieh dir an, was aus dir geworden ist, Connor MacLeod", hörte er im nächsten Moment eine vertraute Stimme. Eine Stimme, die er schon lange nicht mehr gehört hatte. Es war aber auch schon lange her, dass Connor von seinem Weg ­ dem Weg des Kriegers - abgekommen war.
,,Das hat die Liebe aus mir gemacht, alter Freund", erwiderte Connor mit einem aufgesetzten Lächeln und sah der blau schimmernden Gestalt am Lagerfeuer erwartungsvoll entgegen.
,,Du bist verbittert über ihren Tod."
,,Nein, ich probier's nur mal aus", antwortete Connor mit mehr Schärfe in der Stimme, als er eigentlich beabsichtigt hatte.
,,Ich hatte dich gewarnt, Connor, was dir die Liebe anzutun vermag", erinnerte ihn sein erster Mentor Juan Sanchez Villa-Lobos Ramirez. Er war zwar im Jahr 1542 in Clen Coe, Schottland durch die Hand von Kurgan enthauptet worden, doch war er immer ein Teil von Connor geblieben. Besonders nachdem Connor Kurgan 1985 in New York besiegt und seine Energie übernommen hatte. Doch schon lange vorher war Ramirez zu Connors Geistratgeber worden. Genau wie Micky hatte Connor von seinem Mentor Nakano gelernt, wie er seinen Geistratgeber bewusst, aber auch unbewusst rufen konnte.
,,Ja, das hattest du, du spanischer Pfau. Bei Heather hattest du vielleicht sogar Recht. Aber bei Isabelle auf keinen Fall. Sie war unsterblich. Sie war dazu bestimmt an meiner Seite zu sein..."
,,Erkläre mir eines, Connor, wenn ich nicht Recht hatte, wieso hat auch ihr Tod dich so völlig aus der Bahn geworfen? Du verkriechst dich im Dschungel, obwohl du dort draußen in der Zivilisation sein und kämpfen solltest!" Connor konnte den vorwurfsvollen Unterton nur schwer überhören.
,,Ich verkrieche mich nicht. Ich bin auf der Suche."
,,Wonach? Nach einem Mittel, um eine Sterbliche vor ihrem unabänderlichen Schicksal zu bewahren? Was ist mit der Zusammenkunft, Connor?"
,,Micky sagt, es gibt keine Zusammenkunft. Methos sagt das auch. Er ist wesentlich älter als du. Du bist nicht allwissend, nur nervig wie eine Steuerprüfung, Ramirez." Der Ägypter lachte herzlich über die Beleidigung. ,,Ich werde mich schon wieder fangen. Ich brauche Zeit. Es ist gut, dass die Comtesse mich um diesen Gefallen gebeten hat. Zuhause erinnert mich zuviel an Isabelle. Paris ist voll von Plätzen, Cafés, Boutiquen und Restaurants, die ich mit ihr verbinde. Wenn ich es verwunden habe, werde ich eines dieser Schwerter der Macht finden. Manchmal mag die schärfste Klinge nicht scharf genug sein, doch diese ist es. Wenn ich das Schwert habe, dann Fahre ich nach Irland und hole mir den Kopf von Noah Woodhouse. So einfach ist das."
,,So einfach ist das", wiederholte Ramirez mit einem Hauch von Ironie in der Stimme. ,,Du solltest dich besser hinten anstellen, Connor. Auf den Kopf von Noah Woodhouse sind mehr von uns scharf als auf eine Audienz bei Königin Cleopatra."
,,Das ist mir egal", blaffte Connor. ,,Ich habe einen verdammt guten Grund!"
,,Rache bringt keine Gerechtigkeit, keine Gnade, keine Erlösung. Sie führt nur zu weiterer Rache, zu Einsamkeit."
,,Bist du unter die Philosophen gegangen? Ich denke, du bist mein Ratgeber und nicht mein Gewissen. Wenn du mir nicht Mut machen oder mich aufbauen willst, lass mich alleine, Ramirez. Lass mich in Ruhe trauern und versuchen einer Freundin zu helfen..." Er sah in die Flammen und wartete bis Ramirez wieder verschwunden war. Die ersten Regentropfen prasselten auf die Krempe seines Hutes. Connor verkroch sich in sein Zelt und wartete auf den nächsten Tag.

 

Brasilien, Amazonas, der nächste Tag.
Connor brach bei Tagesanbruch auf. Er folgte weiter seinem Weg, der ihn zu seinem Freund Simon Cole führen sollte. Kennen gelernt hatte Connor den im Jahre 90 vor Christus geborenen Unsterblichen 1648 in der Bretagne. Damals war er auf dem Rückweg nach England gewesen, um ein Studium zu beginnen. Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, der Europa fest in der Hand gehalten hatte, hatte Micky Sehnsucht nach ihrem Schloss, ihrer Heimat verspürt. Die 13 Jahre, die Connor mit Micky gelebt hatte, waren schön gewesen, eine willkommene Ruhepause von den Kämpfen und der Suche nach dem Sinn ihrer Existenz. Doch das Heimweh hatte die Comtesse irgendwann übermannt, und so hatten sie ein Schiff bestiegen und waren Richtung Calais gereist.

In einem kleinen Dorf in der Bretagne im heutigen Departement Finistère lief ihm Simon Cole über den Weg. Damals nannte er sich Simon Colieux. Er hatte während des Dreißigjährigen Krieges als Feldarzt die französische Armee begleitet. Nach der verheerenden Niederlage in der Schlacht bei Mergentheim war er nach Hause gegangen, offiziell war er in dem Scharmützel gestorben. Die wilde, schroffe Küste mit den romantischen Heidelandschaften erinnerte Connor an seine Heimat, er blieb einige Zeit bei Simon, lernte von ihm und trainierte mit ihm, bevor er sich nach einigen Monaten auf den Weg nach England machte.

 

Connor stellte den Motor ab, er hatte sein Ziel erreicht. Er rückte seinen Hut zurecht und atmete tief durch, während er sich umsah. Vor ihm auf einer hellen Lichtung stand ein Blockhaus. Er spürte ihn, noch eher er ihn sah. Die Tür öffnete sich und heraus trat ein großer, muskulöser Mann Mitte 30. Sein hellbraunes Haar trug er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Auf der Nase hatte er eine kleine, silbernfarbene Brille, hinter der weise, blaue Augen hervorschauten. Seine Augen waren wie Sterne, tief und von einem unbestimmbaren Alter. Sie zogen jeden Betrachter magisch in ihren Bann, was Simon bei seiner einstigen Tätigkeit als mystischer Druide stets von Vorteil gewesen war.

Er klappte ein Buch zusammen, kam die Stufen herunter und auf Connor zu.
,,Connor! Du hast mich gefunden!" rief er zur Begrüßung. Connor winkte und stieg aus dem Jeep aus.
,,Simon! Gut siehst du aus, du alter Kurpfuscher!" Lachend umarmten und klopften sie sich freundschaftlich auf den Rücken. Schließlich ließen sie einander los.
,,Kurpfuscher? Du nennst mich Kurpfuscher?" fragte sein Freund grinsend.
,,Natürlich. Du kennst doch das Sprichwort: Die meisten Menschen sterben an ihren Ärzten, nicht an ihren Krankheiten..." Simon nickte zustimmend, wurde mit einem Mal ernst.
,,Was du mir von deiner Freundin geschrieben hast, tut mir sehr leid." Connor nickte dankbar für die Anteilnahme. ,,Es war ein Unsterblicher namens Noah Woodhouse?" fragte Simon.
,,Ja, das habe ich dir doch gemailt. Wieso interessiert es dich?" Simon nahm Connors Gepäck und führte ihn in sein Haus.
,,Weil ich ihn kenne, schon sehr lange. Auch ich habe durch seine Hand jemanden verloren, der mir sehr viel bedeutet hat..."


 

Römisches Imperium, Pompeji, 24. August 79 vor Christus.
Simon Armorica, benannt nach seiner bretonischen Heimat - dem Land am Meer - war einst ein angesehener Druide gewesen. Seit aber die Truppen von Julius Cäsar 54 vor Christus sein Dorf überfallen und besiegt hatten, lebte er als Sklave im Römischen Imperium. In jener Schlacht war Simon unsterblich geworden. Zwar wurde den meisten keltischen Stämmen die römische Staatsbürgerschaft gewährt, doch Simons Stamm war zu rebellisch gewesen, unbeugsam, nicht bereit die römische Lebensweise anzunehmen. Daher hatte Rom entschieden sie auszurotten.

Heute, ein Vierteljahrhundert später war Simon noch immer ein Sklave. Er, der einstige Heiler, der um die Wirkungsweise jedes Krautes in seiner rauen Heimat wusste, lebte jetzt im Haus eines römischen Senatsangehörigen und war für dessen leibliches Wohl zuständig. Sein Herr war gut zu ihm, doch er vermisste seine Heimat. Einzig seine Frau Dalia, eine Unsterbliche, die sein Schicksal als Sklavin Roms teilte, machte das Leben für ihn erträglicher. Er brachte ihr bei, was er über die Heilkunst wusste und trainierte mit ihr für die Zusammenkunft, die eines fernen Tages kommen würde. Gemeinsam huldigten sie Äskulap, dem Gott der Heilkunst. Sein Tempel befand sich östlich des Isistempels und war für jedermann zugänglich. Der Tempel war einfach, was angemessen war, da in ihn die ärmeren Schichten der Stadt gingen, um zu beten. Oder die Sklaven. So wie Simon und seine Frau Dalia.

Seit Tagen gab es Vorzeichen, dass der Vesuv ausbrechen könnte. Die noble römische Bevölkerung kümmerte sich nicht darum, doch Simon und Dalia eilten in jeder freien Minute in den Tempel des Äskulap und beteten. Sie flehten ihren Gott an, wenn der Vulkan ausbrach, sollte er ihnen wenigstens die Flucht ermöglichen. Äskulap sollte ihnen erlauben, ein Boot zu stehlen und nach Hause, nach Gallien zu reisen.

 

Simon hatte den Tempel, der aus Platzmangel zwischen zwei ältere Gebäude gequetscht worden war, gerade erreicht. Beunruhigt blieb er stehen. Auf der unsichtbaren Grenze zwischen heiligem und normalem Boden lag ein lebloser Körper. Eine kopflose Leiche in der Tunika einer weiblichen Sklavin. Er machte ein Schritt vorwärts, dann noch einen. An dem Hals hing eine Kette, ein Anhänger in Form einer Mistel. Simon rannte nun, er wusste, wer dort lag.

Einen Schrei auf den Lippen sackte er in die Knie. Es war Dalia. Seine Frau. Drei Schritte von heiligem Boden entfernt lag sie enthauptet vor ihm. Mit zitternder Hand nahm er ihr die Kette mit dem Mistel-Anhänger ab und hängte sie um seinen eigenen Hals. Dann spürte er es. Das Kribbeln, das er seit dem Tag seines ersten Todes spürte, wenn sich einer seiner Art näherte. Ein Unsterblicher. Simon wartete nicht, bis er in der Falle saß. Er sprang auf die Füße und rannte in den Tempel. Hinter einem der seitlichen Altäre hatte er sein Schwert versteckt, das er immer nur hervorholte, wenn er zu einem Duell musste. Sklaven war es nicht erlaubt, ein Schwert zu besitzen.

Wild entschlossen, sich den Kopf dieses Bastards zu holen, der ihm seine Frau genommen hatte, rannte er in Richtung Tempelausgang. Dort wurde er bereits erwartet. In der Tür stand ein Unsterblicher, er war groß, trug eine edle rote Tunika. Sein schwarzes Haar war kurz geschnitten, er war frisch rasiert und gebadet. In seinen Augen erkannte Simon die Finsternis, die in seiner Seele wohnte.

,,Wer immer Ihr auch seid, Ihr habt meine Frau getötet. Dafür fahrt Ihr in den Tartarus!" Ohne einen Gedanken an die Regeln der Zusammenkunft zu verschwenden, hob Simon sein keltisches Breitschwert und stürmte auf den Unsterblichen zu. Er lächelte teuflisch und abgrundtief böse. ,,Mein Name ist Noah. Und du bist es, der in den Tartarus fährt, Simon Armorica!" Er hob sein Schwert und schmetterte den Schlag, den Simon gegen ihn führte, ab. Dann begann die Erde zu beben. Seit Tagen hatte es bereits Anzeichen gegeben, dass der Vesuv aktiv werden könnte. Nun wurde es eine Tatsache. Der Himmel verfinsterte sich, binnen Minuten verwandelte sich der Tag zur Nacht. Simon und Noah bemerkten nicht, was draußen vor sich ging, viel zu sehr waren sie in den Kampf vertieft. Sie ignorierten das Erdbeben, schenkten dem Basaltgestein, das der Vesuv kontinuierlich ausspuckte, keinerlei Beachtung. Sie interessierte nur der Kampf.

Während die beiden Unsterblichen unablässig und zu allem entschlossen mit ihren Schwertern auf heiligem Boden aufeinander eindroschen, bebte die Erde immer heftiger. Der Untergang von Pompeji stand unmittelbar bevor...

 

Brasilien, Amazonas, die Gegenwart.
Connor und Simon saßen inzwischen beim Mittagessen, das Simon für sie zubereitet hatte.

Einmal im Monat fuhr er nach Santarém, das etwa in der Mitte zwischen Manaus und Belém lag und ungefähr 200.000 Einwohner hatte. Dort erledigte Simon seine Einkäufe, las in einem kleinen Internetcafé seine E-Mails und holte sich auf der Post seine Bücher ab, die er über das Internet bestellt hatte. So musste er selbst hier in der selbst gewählten Einsamkeit des Regenwaldes auf nichts verzichten. Schon gar nicht auf ein gutes Essen und ein gutes Glas Wein.

Als Simon seine Geschichte beendete hatte, dauerte es einen Moment, bis Connor begriff, was er da eben gehört hatte: Den Grund für die vollständige Zerstörung von Pompeji. Die Gabel schwebte unmittelbar vor Connors ungläubig offen stehendem Mund. Nun legte er sie zurück auf seinen Teller und fragte: ,,Du und Noah Woodhouse seid verantwortlich für den Untergang von Pompeji?! Methos hat irgendwann mal erwähnt, dass vermutlich ein Duell auf heiligem Boden der Auslöser gewesen ist. Ich wollte nie so recht daran glauben." Simon stand auf und holte die Kaffeekanne, er füllte seine und Connors Tasse auf. Sie waren weiß mit einem Bild von Miraculix, dem Comicdruiden darauf. Connor hatte gleich zu Beginn einen ironischen Kommentar dazu abgegeben. ,,Einmal ein Druide, immer ein Druide", hatte Simon grinsend geantwortet.

,,Die Regeln der Zusammenkunft waren mir in diesem Moment egal, genauso wie die Strafe. Er sollte bezahlen für den Mord an Dalia. Mehr wollte ich nicht. Doch dann kam mir der Ausbruch dazwischen. Wir, das heißt ich, erkannte, was los war. Noah hat mit Sicherheit gewusst, was passiert, wenn man das Gesetz bricht. Ich für meinen Teil entschied, den Kampf an einem anderen Ort zu einem anderen Zeitpunkt auszutragen..." Connor nickte, er wusste, für jeden Kampf gab es den richtigen Zeitpunkt und den richtigen Ort. Simon mochte inzwischen seinen Hass auf Noah Woodhouse überwunden haben, Connor wärmte sich an ihm, seit dieser Bastard Isabelle vor seinen Augen getötet hatte. Und irgendwann in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft würde Connor seine Rache bekommen.
,,Wie hast du herausgefunden, dass dieser Noah der Noah ist, der meine Freundin getötet hat?"
,,Wozu gibt es das Internet, Connor? Noah Woodhouse ist ein wichtiger Mann in der Welt der Sterblichen. Es gibt unzählige Bilder von ihm. Als du mir geschrieben hattest, wie Isabelle getötet wurde, kam mir das alles sehr bekannt vor. Diese Augen, so abgrundtief und böse wie der Tartarus selbst, werde ich nie mehr vergessen. Er mag einen maßgeschneiderten Anzug und einen Bart tragen, aber er ist der gleiche Mistkerl, der vor annähernd 2.000 Jahre meine Frau getötet hat. Sie war der einzige Grund für mich, die Sklaverei zu ertragen und auf das Ende des Römischen Imperiums zu warten. Ohne sie war für mich alles sinnlos."
,,Warum bist du nicht fort gegangen? Der Vulkanausbruch war doch die perfekte Gelegenheit. Warum hast du nicht deinen Tod inszeniert?"
,,Wohin hätte ich gehen sollen, Connor? Ich war allein, ich hatte mein Ziel aus den Augen verloren. Mit Dalia wäre ich geflohen, wir hätten uns irgendwo versteckt, bis sie uns gefunden und zurückgebracht hätten. Es gab keinen Platz für uns, das wussten wir, selbst in meiner Heimat nicht. Das Römische Imperium erstreckte sich fast über die gesamte damals bekannte Welt. Ich konnte nirgendwo hin. Ich floh ins Landesinnere, eine innere Stimme riet mir, mich vom Strand fernzuhalten. Die Überlieferungen von Plinius dem Jüngeren zeigen, dass ich Recht hatte. Die pyroklastische Wolke raste auf den Strand und die Menschen zu, die dort Schutz gesucht hatten. Sie tötete sie gnädigerweise in einem Augenblick. Das blieb mir zum Glück erspart, die Sklaverei war mir lieber als auf diese Art zu sterben. Wer weiß, wie das Erwachen gewesen wäre? Vielleicht wäre mir einfach so der Kopf abgefallen..." Connor schüttelte über die bissige Ironie seinen Kopf, es gelang ihm nicht richtig das Grinsen, das sich angesichts des Kommentars auf sein Gesicht gestohlen hatte, zu unterdrücken. ,,Sie griffen mich auf der Landstraße außerhalb von Pompeji auf und brachten mich fort zu einem neuen Herren, der mir nach einigen Jahren die Freiheit schenkte. Ich nahm mein Schwert, bestieg ein Schiff nach Gallien und hielt Ausschau nach Noah. Doch ich habe ihn nie mehr wieder gesehen. Bis ich sein Bild im Internet fand. Aber ich habe dir diese Geschichte nicht erzählt, um deine Geschichtskenntnisse zu erweitern. Ich wollte dir klarmachen, dass es weitergeht, auch wenn du im Augenblick nicht weißt, wie und wohin dein Weg dich führen wird. Damals als ich aus Pompeji floh, wusste ich nicht, was mich erwarten würde. Ich dachte, dass ich nie mehr eine Frau lieben könnte, dass Noah mir das Herz herausgerissen hätte..."

,,Und hast du wieder geliebt?"
Frauen hatte es in Connors Leben viele gegeben, an die Namen der meisten erinnerte er sich schon nicht mehr. Flüchtige Bekanntschaften, Affären bestenfalls, doch die wahre Liebe hatte er nur zweimal so intensiv erlebt, dass ihn der Verlust beinahe um den Verstand gebracht hätte.
Seit er sich in der Gesellschaft seines alten Freundes befand, verspürte Connor seltsamerweise eine gewisse Besserung. An den Kräften der Druiden schien doch etwas dran zu sein. Simon lachte und riss ihn aus seinen trüben Gedanken.
,,Oh ja, mein Freund", Connor grinste schief über die Antwort.
,,Du weißt genau, was ich meine, Simon. Ich rede von der wahren Liebe, nicht davon bei wie vielen Frauen du gelegen hast, du alter Weiberheld!" Wieder lachte Simon.
,,Auf mich trifft beides zu. Im Augenblick bin ich mit einer Wissenschaftlerin verheiratet, sie ist Amerikanerin. Sie ist gerade in Manaus. Am Ende der Woche kommt sie wieder... Wieso lachst du?"
,,Heute ist Samstag, Simon." Sein Freund kratzte sich verlegen am Kopf.
,,Hier draußen verliert man jegliches Zeitgefühl. Dann wird Kimberley heute Abend spätestens da sein. Aber um noch einmal auf Woodhouse zurückzukommen. Er hat dir die Frau genommen, die du geliebt hast. Aber er hat dich nicht getötet."
,,Nein, er hat mich am Leben gelassen. Das ist viel schlimmer, Simon."
,,Ja, im Augenblick. Aber es wird leichter. Du wirst sehen. Nicht heute, nicht morgen. Aber es wird mit jedem Tag etwas weniger schmerzhaft sein, an sie zu denken. Und irgendwann denkst du an sie und lächelst nur noch, erinnerst dich an das, was ihr hattet und wärmst dich an dieser Erinnerung."
,,Wann bist du so tiefgründig geworden?" fragte Connor grinsend, aber durchaus beeindruckt.
,,Wenn man sich 2.000 Jahre mit dem Kampf gegen den Tod beschäftigt, geschieht das zwangsläufig."
,,Hast du wegen Dalia die Forschung aufgenommen? Versuchst du deswegen unheilbare Krankheiten zu heilen und den Tod zu besiegen?" Simon lächelte und legte den Kopf ein wenig auf die Seite.
,,Vielleicht. Deiner Freundin Micky kommt es jetzt auf jeden Fall zugute. Es ist ihre Haushälterin, die krank ist, war doch so, oder?"
,,Ja. Ihr Name ist Elisabeth Stern. Aber sie ist viel mehr als eine simple Haushälterin. Für Micky ist sie Familie. Sie kennt Elisabeth seit dem Tag ihrer Geburt. Hast du das Medikament?"
,,Nur eine kleine Probe, das meiste von dem Serum habe ich in die Vereinigten Staaten in ein Forschungslabor geschickt und an einige in Europa. Ich will kein Geld damit verdienen, sondern den Menschen helfen. Was ich noch hier habe, wird nicht reichen. Wenn du es ein, zwei Wochen bei mir aushältst, kann ich dir genug mitgeben, um sie zu heilen. Und vielleicht kann ich dir helfen, deine Trauer und deinen Schmerz zu überwinden, Connor."
,,Hast du irgendwelche alten Druiden-Hausmittel dafür?" fragte Connor ihn erwartungsvoll. Ohne eine Antwort zu geben, stand Simon vom Esstisch auf und ging ins Wohnzimmer. Connor fürchtete schon, er hätte seinen alten Freund beleidigt. Einen Augenblick später kam er wieder in die Küche zurück und stellte eine Flasche und zwei Gläser auf den Tisch.
,,Nein, nur den guten alten Glenfiddich!" sagte Simon lachend, schenkte ein und schob Connor ein Glas zu, der in das Lachen mit einstimmte. Vertrauend auf die Zukunft und auf eine Therapie die so alt war wie die Unsterblichen selbst hob er das Glas und stieß mit Simon an.
,,Auf alte Freude."
,,Auf Freunde, die uns viel zu früh verlassen haben und auf die Liebe", erwiderte Connor den Toast, als ihre Gläser sich berührten. Er lächelte zuversichtlich. Simon hatte ihn an seinen Erfahrungen teilhaben lassen, hatte irgendwie den Schmerz in seinem Herzen gelindert und ihm einen Weg gezeigt, ihm Hoffnung gemacht, dass es besser werden würde. Eines Tages. Wenn er nun auch noch ein Heilmittel für die gute Elisabeth mit nach Hause bringen würde, wäre seine Suche ein Erfolg auf der ganzen Linie gewesen.

 

 

8. Göttlicher Zorn

 

Frankreich, Paris, zwei Tage nach dem Zusammentreffen mit Clarice Grant.
,,Ich hoffe wirklich, dass es ungefährlich ist, wenn ich mit dir chinesisch Essen gehe, Micky", meinte Duncan mit einem schiefen Grinsen im Gesicht. Der Zwischenfall mit Mr. Lis Triade hatte seine Unvoreingenommenheit im Bezug auf Micky und China beeinträchtigt. Er war vorsichtiger als eine Katze auf dem sprichwörtlichen heißen Blechdach. Micky, die an seiner Seite ging, gab ihm einen Knuff. Sie waren in der Nähe des Eiffelsturms, ihr Ziel lag in der Rue Jean Rey. Die Sonne ging allmählich unter und verwandelte die Seine in einen Strom aus Gold.
,,Du bist mal wieder so witzig, Duncan. Ich lebe schließlich im Augenblick auch recht gefährlich Dank deiner Schülerin. Dann kannst du auch mit mir Essen gehen."
,,Das Essengehen ist nicht das Problem, Liebling. Sondern die Tatsache, dass es chinesisch ist. Da du Informationen, vor allem die wichtigen, immer nur häppchenweise servierst, frage ich lieber: Hast du in dieser Stadt auch mit irgendwelchen Triaden Ärger, von dem ich wissen müsste?"
,,Nein. Wir sind da." Sie standen vor einem noblen Restaurant namens ,,Keikos Place", der Eingang wurde von zwei roten Drachen flankiert. Micky lächelte bei ihrem Anblick, noch heute erinnerte sie sich gerne an die Zeit, die sie am Hofe des chinesischen Kaisers verbracht hatte. Oder an die Lehre bei Nakano. Und an Ramen. Leise lachend trat sie durch die Tür, die Duncan ihr aufhielt.
,,Darf ich mitlachen?" fragte er, während er Micky aus ihrem Mantel half, den er dem freundlichen Empfangspersonal in die Hand drückte.
,,Ich dachte nur an Meister Nakanos Nudelsuppe."
,,Die wirst du hier wohl kaum bekommen."
,,Sei dir da mal nicht so sicher, Duncan", antwortete Micky geheimnisvoll und folgte dem Kellner zu ihrem Tisch. Grübelnd, was sie damit gemeint haben könnte, ließ Duncan auch seinen Mantel zurück und ging hinter seiner Frau und dem Kellner her.

Sie hatten sich gerade gesetzt, als Micky ihn noch mehr verblüffte, in dem sie bat, den Geschäftsführer sprechen zu dürfen. Obwohl sie noch nicht bestellt und somit auch keinen Grund zur Beschwerde hatten. Duncan fragte sich, was Micky von dem Geschäftsführer wollte.

Als der Kellner nach ihrem Namen fragte, war Duncans Verwirrung komplett. Sie sagte: ,,Michelle Dubois." Der Kellner nickte respektvoll, deutete eine Verbeugung an und ging in die andere Richtung davon.

,,Was habe ich denn nun schon wieder verpasst, Mrs. MacLeod?"
,,Nichts. Wart's doch einfach ab. Du wirst schon sehen."
Duncan schnalzte mit der Zunge, verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich gespannt zurück. Schließlich sagte er: ,,Wie gut, dass du dein Schwert im Auto gelassen hast. Du hast es doch da gelassen?"
,,Nein, es liegt zusammengefaltet in meinem Abendtäschchen, Duncan. Du hast mir doch eben meinen Mantel ausgezogen, war da irgendwo ein Schwert? Ich..." Sie verstummte, beide spürten sie die Anwesenheit eines Unsterblichen. Duncan sah sich in dem eindrucks- aber auch geschmackvoll eingerichteten Saal um und entdeckte den chinesischen Kellner, der sie an ihren Tisch geführt hatte. Ihm folgte eine junge Chinesin - auf den ersten Blick Ende Zwanzig. Doch der Eindruck täuschte, sie war eine Unsterbliche. Sie trug ein rotes, asiatisches Kleid, das ein goldener Drache zierte. Ihr langes, schwarzes Haar hatte sie dekorativ mit ein paar Essstäbchen hochgesteckt. Sie trug kein Make-up, nur einen Hauch von Lipgloss. Als sie vor Duncan und Micky stand, verbeugte sie sich und wünschte ihren Gästen einen guten Abend.
,,Man sagte mir, Sie wollten mich sprechen?" Sie sah erst Duncan, dann Micky an. Auf der Comtesse blieb ihr Blick hängen. Sie stutzte, während Micky sie angrinste Sie sah noch einmal hin, um sich zu vergewissern, dass die Frau mit dem cremefarbenen Kaschmirpullover und dem schwarzen, elegant geschnittenen Rock jene war, die sie in einer Höhle in Japan zum ersten Mal gesehen hatte. Damals hatte sie ihr schönes, langes Haar zusammengebunden, damit es sie nicht bei der Arbeit behinderte. Heute fiel es in sanften Wellen auf ihren Rücken. Damals hatte sie Männerhosen getragen - undenkbar im 16. Jahrhundert und ein weites Hemd, während sie gebeugt neben einem offenen Feuer stand und ein Samuraischwert, genauer gesagt ein Toledo Salamanca, geschmiedet hatte. Sie wirkte weiser, ausgeglichener und doch, sie war es.
,,Ich wollte es nicht glauben, ich dachte, es wäre ein allzu verwegener Wunsch meines Herzens."

Micky legte langsam ihre Serviette zur Seite, schob den Stuhl zurück und stand auf. Die Chinesin fiel ihr um den Hals und begann schnell und in Chinesisch auf Micky einzureden, die ihr ebenso schnell antwortete. Duncan kam sich leicht deplaziert vor.

,,Entschuldigung, wenn ich die Wiedersehensfreude störe..." Micky ließ die junge Frau los und drehte sich zu Duncan um, der nun auch aufgestanden war.
,,Oh ja, tut mir leid... Duncan MacLeod, das ist meine liebe Freundin Keiko Song-Li. Sie war nach mir Schülerin bei Meister Nakano. Keiko, das ist mein Mann Duncan MacLeod." Keiko deutete eine Verbeugung an, die Duncan respektvoll erwiderte.
,,Es ist mir eine Ehre, Mr. MacLeod."
,,Bitte, sagen Sie Duncan. Also, Sie waren auch eine Schülerin von Nakano. Das heißt, ihr habt euch irgendwann im 16. Jahrhundert kennen gelernt?"
,,Ja, 1526. Sie kam, als ich gerade mit meinem Schwert begonnen hatte", sagte Micky mit einem liebevollen Blick auf ihre Freundin, die sich zu ihnen an den Tisch gesetzt hatte. Keiko winkte einen Kellner herbei und sagte ihm, er solle grünen Tee und die Speisekarten bringen.
,,Wie wurden Sie unsterblich, Keiko? Ich hoffe, ich erscheine nicht zu neugierig. Es ist nur so, obwohl ich meine Frau seit 11 Jahren kenne, schafft sie es doch immer wieder, mich in Erstaunen zu versetzen und Freunde aus dem Hut zu zaubern, von denen ich nichts wusste." Micky grinste und goss Wasser über die Teeblätter, die der Kellner inzwischen zusammen mit den noch unbeachteten Speisekarten gebracht hatte.
,,Nun, Duncan, in meinem Land gibt es ein Sprichwort: Die Ehe ist ein Reisgericht, das man mit kaltem Wasser ansetzt und behutsam zum Kochen bringt. Es wäre doch langweilig, wenn Sie gleich alles von Ihrer Frau wüssten, oder?" Duncan nickte, in ihren Worten lag Wahrheit und Weisheit, unverkennbar. ,,Um Ihre Frage zu beantworten, ich wurde 1497 unsterblich. Mein Dorf wurde von einer Horde Mongolen überfallen, einem Arvan, also zehn Reitern. Sie waren auf einem Feldzug und brauchten Verpflegung. Mein Vater war der Vorsteher des Dorfes. Als er sich weigerte ihnen unsere Vorräte zu übergeben, weil wir sonst alle den Winter nicht überlebt hätten, ließ der Noyon, der Anführer, alle töten. Männer, Frauen, Kinder, sogar die Babys. Er war ein Unsterblicher. Er hat wohl gespürt, dass ich die Unsterblichkeit in mir trug. Als ich wieder zu mir kam, war mein Dorf zerstört, alle waren tot, und ich befand mich inmitten einer Horde Mongolen." Duncan hörte fasziniert, aber auch schockiert über soviel Barbarei zu. Er selbst hatte 1750 erlebt, wie eine Truppe Kosaken, auf die er während seiner Russland-Reise getroffen war, ein Dorf, das sie als Eindringlinge bezeichnet hatten, verwüstet und die Bewohner getötet hatten.
,,Hat er sie unterrichtet? Der Noyon?" Duncan bemerkte, wie sich Keikos Blick verfinsterte.
,,Ja. Sein Name war Sadejo, er war viel älter als ich. Er sagte mir, er hätte zur Armee von Dschingis Khan gehört. 1206 wurde er in einer Schlacht unsterblich."
,,Dschingis Khan? Den kenne ich", meinte Micky lapidar. ,,Habe ihn 1544 versehentlich bei meiner ersten Geisterbeschwörung aus dem Äther geholt. Aber erzähl bitte weiter, Keiko", bat Micky, die Duncans Neugier bemerkte.
,,Sadejo trainierte mich, er kümmerte sich um mich. Ich blieb zwei Jahre bei ihm und seinen Männern."
,,Und dann?" Duncan sah eine erschreckende Kälte in ihren mandelförmigen Augen, als sie antwortete: ,,Dann habe ich mir seinen Kopf geholt. Es war mein erstes Duell."
,,Aber er hat sich um Sie gekümmert, er hätte sich auch direkt Ihren Kopf holen können..."
,,Wenn er nicht meine Familie und mein gesamtes Dorf vernichtet hätte, wäre das gar nicht nötig gewesen. Sadejo hat für seine Tat bezahlt und meine Ahnen konnten in Frieden ruhen und über mich wachen." Mit Rache kannte Micky sich aus, sie brachte kurzfristige Befriedigung. Mehr nicht. Ihr Treffen mit Keiko sollte eigentlich Anlass zur Freude und nicht zu tristen Gedanken sein. Sie legte eine Hand auf Keikos Arm und lächelte.
,,Keiko, es ist so schön, dich wiederzusehen. Es viel zu lange her." Keiko nickte.
,,Ja, das letzte Mal war in China. 1955, richtig?"
,,1955? Hast du dich da nicht mit Mr. Li und seiner Triade herumgeschlagen?" erinnerte Duncan sich.
,,Ganz Recht. Keiko lebte damals in China."
,,Aber der Kommunismus war nichts für mich. Ich habe die Kurve gekratzt und bin schließlich hier in Paris gelandet. Seltsam, dass wir uns nie über den Weg gelaufen sind." Sie klatschte mit einem Mal temperamentvoll in die Hände. ,,Also was wollt ihr essen? Ihr seid eingeladen."
Micky brauchte nicht lange zu überlegen. ,,Ramen", sagte sie lachend.
,,Das wundert mich überhaupt nicht. Und als Hauptgericht Pekingente?" schlug Keiko vor, Duncan und Micky waren einverstanden. ,,Gut, ich kümmere mich darum. Es wäre mir eine Ehre, wenn ich mit euch essen dürfte."
,,Die Ehre ist ganz auf unserer Seite, Keiko", sagte Duncan. Keiko ging in Richtung Küche davon, um ihre Anordnungen zu geben. ,,Eine interessante Frau", bemerkte Duncan, als sie durch die Schwingtür auf der anderen Seite des Speisesaals gegangen war.
,,Ja, das ist sie. Ich bin ihr nur ein paar Mal begegnet in all der Zeit, viel zu selten. Sie ist etwas Besonders, Duncan. Etwas ganz Besonderes. Vor einigen Tagen habe ich durch Zufall herausgefunden, dass sie hier in Paris ein Restaurant betreibt. Ich musste sie einfach besuchen."
,,Ich bin froh, dass es dieses Mal wirklich nur um Essen und nicht um Ärger geht." Der Satz blieb ihm beinahe im Halse stecken. Denn im nächsten Moment hörten sie laute Rufe aus der Küche und Geschirr, das geworfen wurde.
,,Gehen wir lieber nachsehen", sagte Micky, stand auf und wartete nicht, ob Duncan ihr folgte.
,,Ich hab's gewusst", schimpfte er, warf seine Serviette auf den Tisch und stapfte wütend hinter Micky her.

 

Kurz vor der Schwingtür hatte er sie erreicht und hielt sie am Arm fest.
,,Micky. Warte. Wir sollten nicht einfach so da rein platzen! Wir wissen ja noch einmal, was los ist."
,,Mein Chinesisch ist immer noch gut genug, um zu verstehen, dass Keiko meine Hilfe braucht. Kommst du mit oder nicht?" Er rollte genervt mit den Augen, nickte aber einverstanden.
,,Ich hab gewusst, dass wir keinen normalen Abend verbringen können. Du ziehst den Ärger an, Comtesse."
,,Das verleiht dem Leben die rechte Würze, Highlander. Auf drei..." Sie zählte, stieß die Schwingtür auf und stürmte rein.


In der Großküche herrschte heilloses Durcheinander, Töpfe und Geschirr lagen auf dem Boden, Porzellanstücke waren überall verteilt. Der Koch und die Küchenhilfe hatten sich ängstlich in eine Ecke zurückgezogen. Keiko wurde von einem Chinesen im Würgegriff gehalten. Micky überlegte nicht, sie handelte rein instinktiv. Sie preschte nach vorne und nutzte das Überraschungsmoment aus. Sie schoss links an dem Schläger vorbei, holte aus und boxte ihm in die Nieren. Ihr Gegner schrie schmerzgepeinigt auf und lockerte den Griff, mit dem er Keiko festgehalten hatte. Sie trat mit ihrem kleinen, rechten Fuß, der in einem Pumps mit Pfennigabsatz steckte, fest zu. Ein weiterer Schrei folgte. Der Chinese hatte sie jetzt komplett losgelassen, Keiko drehte sich um und schickte ihn mit einem rechten Haken ins Land der Träume.

Die ganze Zeit über hatte Duncan mit verschränkten Armen lässig an der Wand gelehnt und sich das Schauspiel angesehen. Jetzt stieß er sich ab und ging auf die beiden Frauen zu.

,,Nicht schlecht, ihr solltet euch als Stuntfrauen für einen Martial Artsfilm bewerben", sagte er anerkennend.
,,Wer war der Kerl, wer hat ihn geschickt?" fragte Micky seinen Scherz ignorierend. Sie hatte sich über den Schläger gebeugt und fühlte seinen Puls, es ging ihm gut. Er würde aber noch eine Weile weggetreten bleiben.
,,Ich", hieß es im nächsten Augenblick. Micky, Duncan und Keiko zuckten zusammen, spürten einen weiteren Unsterblichen und drehten sich zur Hintertür um. Dort stand ein Asiat, groß, mit braungebrannter Haut. Er trug einen dunkelblauen Anzug aus feinster chinesischer Seide und stützte sich auf einen filigran gearbeiteten Gehstock. Duncan vermutete, dass es ein getarntes Schwert war, wie sein Freund Kid O'Brady eines hatte.
,,Raven", sagte Keiko kühl.
,,Wir sollten hier verschwinden, Micky." Duncan war der Meinung, dass sie genug eigene Probleme hatten. Sie sollten sich nicht in etwas reinziehen lassen, dass sie nichts anging.
,,Sollen wir gehen, Keiko? Oder brauchst du uns noch?" Keiko lächelte sie an, zuversichtlich.
,,Ihr könnt gehen, ich werde damit fertig. Treffen wir uns morgen früh zum Frühstück?"
,,Gerne", sagte Micky, umarmte ihre Freundin und schob Duncan aus der Küche raus.

 

Frankreich, Paris, Duncans Hausboot, am nächsten Morgen.
Micky saß am Frühstückstisch, rührte ihren Kaffee um und las dabei die ,,Le Monde". Aus dem Badezimmer hörte sie Duncan gut gelaunt ein schottisches Kampflied schmettern.

,,Oh nein!" rief sie im nächsten Moment bestürzt. Duncan kam nur mit einem Handtuch um die Hüften und seinem Katana in der Hand zur ihr gerannt. Er hatte zwar unter der Dusche niemanden gespürt, aber es hätte ja sein können, dass Noah Woodhouse zur Abwechslung mal wieder Sterbliche schickte, um seine Drecksarbeit machen zu lassen. Er sah sich um, begriff, dass sie alleine waren und ließ sein Schwert sinken.
,,Was?! Was ist passiert?!" Micky zeigte auf einen Artikel in der Zeitung. Dort stand, dass in der Nacht die Leiche einer gewissen Keiko Song-Li zwischen Mülltonnen auf der Rückseite ihres Restaurants gefunden war. Man hatte ihr mit einem Schwert den Kopf abschlagen.
,,Das war dieser Raven. Ich bin mir absolut sicher." Micky stand auf, zog ihren Mantel an und verstaute ihr Schwert darunter.
,,Wo willst du hin?"
,,Mir seinen Kopf holen." Duncan sah sie ungläubig an.
,,Du kennst den Kerl doch überhaupt nicht. Du weißt nicht, wo er ist. Du hast damit nichts zu tun." Er hielt Micky fest, wollte sie nicht in dieser Gefühlslage gehen lassen.
,,Er hat meine Freundin getötet, Duncan. Auge um Auge. Er hat Keikos Kopf genommen, jetzt hole ich mir seinen, damit sie in Frieden ruhen kann."
,,Vielleicht hatte er einen guten Grund, Micky. Hast du schon einmal daran gedacht?"
,,Der Grund interessiert mich nicht, Mac. Er hat meine Freundin getötet. Das ist alles, was zählt. Hilf mir bei der Suche nach ihm oder lass mich ziehen." Er hielt sie noch immer fest, unnachgiebig wie ein Fels.
,,Komm schon, Micky. Beruhige dich erst mal. Du kannst dich nicht Hals über Kopf in eine Vendetta stürzen", bat Duncan besorgt, seinen Griff lockerte er und ließ sie schließlich los.
,,Dann sieh mal genau hin, Mac. Und wie ich kann!" Sie drehte sich um, zu allem entschlossen.

Duncans Hand schoss hervor und hielt sie wieder fest. Micky bebte vor Zorn, vor Trauer, sie war hin und her gerissen zwischen dem Wunsch ihre Freundin zu rächen und in aller Ruhe mit Duncan darüber zu reden. Die Entschlossenheit siegte über die Vernunft. Was Duncan zu sagen hatte, mochte wahr und richtig sein. Doch sie hatte eine Rechnung zu begleichen, nicht mehr und nicht weniger.

,,Duncan, erinnere dich, was du mit Pierre getan hast. Er hat deinen Freund und seine Familie getötet. Du wolltest Rache dafür, du wolltest, dass sie in Frieden ruhen können. Dasselbe will ich auch." Duncan schluckte, er versuchte seit jenem Tag zu verdrängen, dass er um der Rache willen fast seine Ehe geopfert hätte.
,,Ich hätte dich deswegen beinahe verloren. Das ist das Einzige, woran ich im Bezug auf Pierre de Florent denken kann." Micky lächelte, strich ihm über die frisch rasierten Wangen.
,,Wenn ich mir Ravens Kopf hole, wirst du mich nicht verlieren. Wie gut kann der Kerl schon sein?" Duncan sah sie wenig überzeugt an, als wollte er sagen, immerhin hat er deine Freundin besiegt. ,,Keine Sorge. Ich muss es einfach tun." Duncan nickte schließlich.
,,Also gut, aber dann komme ich mit. Ich nehme an, du willst zu Papa Maurice und ihn fragen, wo dieser Raven steckt?"
,,Darauf kannst du deinen Kilt verwetten, Mac! Ich warte im Auto!" sagte sie zu allem entschlossen und ging hinaus.

 

Frankreich, Paris, die Bar von Papa Maurice, wenig später.
,,Wisst ihr, mes amis, jeder andere hätte euch schon hinaus geworfen. Ihr kommt immer nur, wenn ihr etwas wollt. Wenn es keine Informationen sind, ist es etwas zu trinken!" sagte Maurice mit einem höchst ironischen Unterton.
,,Du hast eine Bar, falls dir das noch nicht aufgefallen ist", erwiderte Micky grinsend. ,,Was sollen wir sonst hier, wenn wir keinen Durst haben oder etwas wissen wollen? Also, wo ist dieser Raven, und wieso hat er Keiko getötet?" Maurice griff unter die Bar und holte eine Chronik hervor, die ein weniger dicker war als Mickys, die er ihr während ihres Gedächtnisverlustes zum Lesen gegeben hatte. Mit einem dumpfen Knall legte er den alten Folianten auf den Tresen. Es war ein braunes, handgebundenes Buch mit einem großen Logo der Beobachter auf dem Ledereinband. Als Micky das Buch aufschlug, stieg ihr der typische Geruch von altem Papier in die Nase, den sie gierig einatmete. Sie liebte Bücher, aber besonders liebte sie alte Bücher, die aus ihrer Zeit stammten, als sie noch in Handarbeit hergestellt worden waren.
,,Lies selbst. 1530 haben sie sich zum ersten Mal getroffen." Er trat an die Kaffeemaschine und bereitete für seine Freunde einen Espresso zu, den er mit einem kleinen Amaretto-Keks auf der Untertasse vor Micky und Duncan abstellte.
Ohne hinzusehen, tastete Micky nach der Tasse und las, was Raven dazu veranlasst hatte, ihre Freundin zu töten.
,,Hier steht, er hätte sie gesehen und sich auf den ersten Blick in sie verliebt. Seine Bitten oder eher seinen Befehl sich ihr anzuschließen, wie ihre Beobachterin damals aufschrieb, lehnte sie ab. Der nächste Eintrag ist merkwürdig. Raven, der sich damals Raiden nannte, hätte ihr gesagt, wer er wirklich ist. Das hätte sie so schockiert, dass sie davon gelaufen sei... Merkwürdig, sie wusste doch von den Unsterblichen und der Zusammenkunft. Was kann sie so schockiert haben, dass Keiko davon lief und nie etwas davon zu mir gesagt hat?"
,,Raiden?" fragte Duncan neugierig geworden und lehnte sich über Mickys Schulter, um einen Blick in das Buch zu werfen. ,,Bist du sicher?" Sie zeigte mit dem Finger auf die entsprechende Stelle. ,,Du weißt, ich habe einige Jahre in Japan gelebt und mich auch mit der japanischen Mythologie und den örtlichen Gottheiten beschäftigt. Raiden oder Raijin war in Japan der Gott des Donners und des Blitzes. In der Mythologie wurde er für gewöhnlich als teufelsähnliches Wesen genannt Oni dargestellt, das die Seelen derer jagt, die zu Lebzeiten Böses getan haben..."
,,Der Gott des Donners und Blitzes. Der Gott des Krieges. Ein apokalyptischer Reiter... Das passt", meinte Micky.
,,Was meinst du?"
,,Nichts, Duncan. Ich habe nur laut gedacht. Sie hat ihn also abgewiesen, Mein alter Freund Mark Twain hat gesagt: Donner ist gut, Donner ist beeindruckend, aber es ist der Blitz, der die Arbeit tut. Metaphorisch gesprochen hat Raven sie letzten Endes mit seinem Blitz niedergestreckt..." versuchte sie Duncan von ihren Gedankengängen abzulenken. Und las schnell weiter. ,,In derselben Nacht gab es ein schweres Erdbeben, das in der verbotenen Stadt schwere Zerstörungen angerichtet hat. Sie wurde dabei vor Zeugen getötet und musste die Verbotene Stadt somit verlassen. Von da an hat er sie immer und überall auf der Welt aufgespürt und ihr seine Liebe erklärt. Verstehe einer die Männer. Wenn er sie so geliebt hat, wieso hat er sie letztendlich umgebracht? Wie konnte seine Liebe in solchen Hass umschlagen?" fragte Micky und schüttelte ungläubig den Kopf.
,,Liebe ist das Einzige, was Hass überwinden kann. Aber die empfand Keiko Song-Li nun mal nicht für ihn", meinte Maurice bedauernd. Ihm tat es um jeden gefallenen Unsterblichen leid, der auf der Seite des Guten stand. In Keikos Fall kam erschwerend hinzu, dass er ihren Beobachter kannte. Er war ein guter Freund von Maurice, der nun natürlich zutiefst betroffen war, seinen Schützling verloren zu haben. Es gab Beobachter, die Sympathien empfanden für die ihnen zugeteilten Unsterblichen. Nicht alle waren vom Hass geblendet wie Clarice Grant.
,,Aber wie hat er sie aufgespürt? Er schien in der Neuzeit irgendwann ihre Spur verloren zu haben." Sie blätterte Seite für Seite um, der Name Raven tauchte nicht mehr auf. Neugierig sah sie Maurice an.
,,Das kann ich dir sagen. Wir haben einen Maulwurf. Wir wissen noch nicht, wer es ist. Aber er arbeitet für Clarice Grant." Mickys Kopf schoss herum, ihr zorniger Blick traf Duncan völlig unvorbereitet.
,,Was?! Was habe ich denn getan?!"
,,Die durchgeknallte Mutter deiner kleinen Schülerin macht Jagd auf meine Freunde! Regle das! Und ich hole mir Ravens Kopf. Maurice, die Adresse." Maurice schob genau wie Joe einen Zettel über den Tresen mit der Adresse darauf. Micky nahm ihn Empfang, trank den Espresso aus und verließ zornig die Bar.
Duncan sah ihr kopfschüttelnd hinter her. ,,Regle das! Was denkt sie eigentlich? Soll ich zu Clarice fahren und sie erschießen? Ich weiß ja noch nicht einmal, wo sie wohnt!" Maurice schob einen weiteren Zettel über den Tresen. Duncan sah ihn verblüfft an. ,,Was soll ich damit?"
,,Es regeln", schlug Maurice vor und begann damit seine Biergläser zu polieren.
,,Ihr seid verrückt, alle beide! Wie soll ich Charlie erklären, dass ich ihre Mutter getötet habe?"
,,Vielleicht hilft sie dir dabei?" antwortete Maurice und deutete mit einem Kopfnicken in Richtung der Hintertür, in der Charlie mit einer besorgten Miene stand. Langsam, als würde er über rohe Eier gehen, kam Duncan auf seine Schülerin zu, die ihn nun ungläubig anstarrte.


,,Duncan, was geht hier vor?" Er schaffte es kaum ihr in die Augen zu schauen.
,,Es sieht so aus, als hätte deine Mutter einen Spitzel bei den Beobachtern, und als wäre das nicht schon schlimm genug, hat sie sich mit einem ziemlich mächtigen Unsterblichen namens Raven zusammen getan. Der hat vergangene Nacht eine Freundin von Micky getötet. Nachdem er anscheinend von deiner Mutter erfahren hat, wo sie sich aufhält." Charlie ließ sich mit heftig pochendem Herzen auf einen der Barhocker fallen. Sie verstand einfach nicht, was in ihrer Mutter vorging, dass sie zu solchen Schritten fähig war.
,,Willst du nen Drink?" fragte Maurice mitfühlend.
,,Einen doppelten bitte, Maurice. Aber etwas verdammt Starkes." Er schenkte einen Whisky ein und schob ihn Charlie entgegen, die ihn in einem Zug herunterstürzte. Sie schnappte nach Luft, dann fragte sie Duncan: ,,Was genau hast du jetzt vor?" Er zuckte die Achseln und starrte auf seine Hände, die auf der Theke lagen.
,,Wenn es nach meiner Frau ginge, deine Mutter ausschalten, bevor sie noch mehr Schaden anrichten kann."
,,Es geht aber nicht nach deiner Frau!" fauchte Charlie.
,,Hey, vergiss nicht, dass deine Mutter es war, die mich und Micky umbringen wollte. Und du stehst jetzt auch auf ihrer Abschussliste."
,,Können wir nicht versuchen, Sie in den Knast zu bringen? So würde sie am Leben bleiben und könnte ihre Einstellung überdenken." Duncan entfuhr ein frustriertes Lachen, während Maurice möglichst den Unbeteiligten spielten weitere Gläser polierte.
,,Das haben wir von James Horton auch gedacht. Du hast doch meine Chronik gelesen. James Horton war der erste abtrünnige Beobachter. Er hat unseren Freund Darius auf heiligem Boden ermordet. Wir brachten ihn mit Joes Hilfe ins Gefängnis, er brach aus und machte wieder Jagd auf uns. Außerdem vermute ich, dass Noah Woodhouse bei den Aktivitäten deiner Mutter auch irgendwie seine Finger im Spiel hat..." Während Duncan noch überlegte, klingelte sein Handy. Auf dem Display erkannte er, dass es Micky war.

,,Was gibt es? Hast du Raven ausgeschaltet?"
,,Nein, ich kam zu spät. Ich habe gesehen, wie er Koffer in seinen Wagen gepackt hat und davon fuhr. Rate mal, wer am Steuer saß..."
,,Clarice."
,,Du hast so eben eine Waschmaschine gewonnen." Duncan grinste schief, trotz der Lage. ,,Ich hab mir daraufhin seine Wohnung vorgenommen. Sie ist steriler als ein OP. Raven hat sich gemeinsam mit Charlies Mutter abgesetzt. Und wenn ich raten müsste, schätze ich, dass sie auf dem Weg nach Irland sind."
,,Was machen wir jetzt?"
,,Nicht viel. Ich starte eine Anfrage an unsere Zwischenhändler und befreundeten Antiquitätenhändler, ob irgendwo eines der Schwerter der Macht angeboten wird. Und dann ist die Jagd eröffnet. Raven, Kyle, Clarice Grant, sie alle stehen ganz oben auf meiner Abschussliste." Damit beendete Micky das Gespräch, in Gedanken bereits mit ihrem nächsten Schritt beschäftigt.

 

9. Zeit für Reformen

 

Frankreich, Paris, Duncans Hausboot, einige Tage später.
Micky und Duncan waren bepackt mit Einkaufstüten, als sie das Hausboot betraten. Natürlich hatten sie sofort gespürt, dass sie nicht alleine waren. Doch hätten sie nie mit dem Besucher gerechnet, der es sich dort auf ihrer Couch mit einem Bier gemütlich gemacht hatte.

,,Micky und Duncan MacLeod, welche Wohltat für meine alten Augen!" sagte eine vertraute Stimme. Micky ließ ihre Tüten fallen und stürmte auf den Besucher zu. Sie fiel ihm um den Hals und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Methos grinste, als Micky ihn wieder losließ. Duncan stellte derweil in aller Seelenruhe seine Tüten ab, ging lässig auf Methos zu und reichte ihm die Hand.
,,Himmel, Mac. Tu doch nicht so cool! Du bist doch auch froh, dass Methos entkommen ist!" tadelte Micky ihren Mann. Duncan lachte und umarmte seinen alten Freund.
,,Stimmt. Und jetzt erzähl mal, wie du entkommen bist. Und wo sind Isis und Amanda? Geht es ihnen gut?" Methos nickte und nahm einen Schluck Bier.
,,Hast du noch eine Flasche?" fragte Methos Duncan.
,,Du weißt doch offensichtlich, wo alles steht. Also bedien dich, Methos. Und erzähl endlich, wie ihr Woodhouse entwischt seid."
,,Wo ist Adam? Geneviève wird froh sein, dass er wieder da ist." Methos schluckte hart angesichts Mickys Frage und sah bedrückt auf den Boden.
,,Ich fürchte, ich muss die Kleine enttäuschen. Adam ist in Irland geblieben."
,,Klar, er kann ja sein Pub nicht so lange geschlossen lassen." Methos schüttelte den Kopf. Was er Mick zu sagen hatte, fiel ihm nicht leicht, er würde seiner alten Freundin damit sehr wehtun, doch es führte kein Weg daran vorbei.
,,Nein, du verstehst nicht, Micky. Ich hatte alles perfekt geplant. Für meine schauspielerische Leistung hätte ich einen Oskar verdient. Selbst die arme Isis habe ich hinters Licht geführt. Alle dachten, ich würde mich Kyle anschließen, so dass er mir vertraute. Als die Flucht bevor stand, hätte auch Adam mit uns mitkommen können. Doch er hat es vorgezogen bei Kyle zu bleiben. Freiwillig." Sie ließ die Flasche Bier, die sie für Methos aus dem Kühlschrank geholt hatte, fallen. Ungläubig schüttelte sie den Kopf.
,,Nein, nicht Adam. Er würde sich doch niemals freiwillig... Methos, komm mit. Ich muss mit dir reden, alleine." Sie konnte vor Duncan nicht über Diejenigen reden, auch wenn er begriffen hatte, wer Methos war. Darius hatte ihr klar gemacht, was es für Konsequenzen haben würde. Die anderen hatten Kyles Andeutungen nicht verstanden, was auch gut war. Schlimm genug, dass sie mit dem Wissen leben musste.
,,Habt ihr Geheimnisse vor mir? Geht es um Diejenigen? Um Methos' Rolle beim geplanten Weltuntergang?!" fragte Duncan zornig. Der Schock saß immer noch tief, seit Duncan auf Wittmore Castle von Methos' Herkunft erfahren hatte. Er war enttäuscht von seinem Freund. Dass sie ihn nun auch noch ausschlossen, enttäuschte Duncan umso mehr. Micky trat zu ihm und sah ihm um Verständnis bittend in die Augen.
,,Vertrau mir, Mac. Ich muss mit Methos alleine reden. Es geht um Adam." Duncan schwieg, sah abwechselnd Methos und seine Frau an. Schließlich nickte er einverstanden und machte sich daran, die Einkäufe auszupacken. Methos warf sich seinen Mantel über und folgte Micky nach draußen.

 

In einem gemütlichen Tempo spazierten sie an der Seine entlang. Keinen der beiden störte der feine Nieselregen, der sich langsam in Schnee verwandelte, sonderlich. Hin und wieder sah Micky erstaunt neben sich, noch immer konnte sie nicht glauben, dass Methos endlich wieder an ihrer Seite war. Ein weiterer ihrer Musketiere war zurückgekehrt und bereit für den Kampf gegen Kyle und seine Pläne für eine Weltordnung nach seinen grausamen Vorstellungen.

Für fremde Augen wirkten sie wie alte Freunde, die bei einem Spaziergang einen kleinen Plausch hielten. Nichts deutete auf den Ernst ihrer Unterhaltung hin.

,,Ich kann es nicht glauben, dass ausgerechnet Adam freiwillig seinen Platz als einer Derjenigen antritt", sagte Micky, nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander hergegangen waren, den Blick die meiste Zeit auf den Fluss gerichtet.
,,Hättest du eher mit mir gerechnet?" Sie schwieg, starrte auf die Seine. ,,Schon klar, wer vor 3.000 Jahren mal einen Fehler gemacht hat, wird eher rückfällig, oder?" Micky schwieg noch immer beharrlich. Sie schämte sich für diese Gedanken, aber wenn sie ehrlich war, hätte sie wirklich eher mit Methos gerechnet als mit Adam. ,,Weißt du, dein alter Mentor war nicht immer so ein Heiliger, wie du denkst." Jetzt sah Micky ihn direkt an. ,,Du hast doch sicherlich kapiert, dass Diejenigen Götter der alten Mythologien sind. Das zumindest habe ich während meines kleinen ‚Urlaubs’ auf Wittmore Castle herausgefunden. Anscheinend haben sich alle übrigen Götter irgendwann brav zurückgezogen. Aber Kyle dachte nicht im Traum daran. Er wollte unbedingt wieder über die Erde herrschen. Wie du dir sicher denken kannst, war er keiner von den netten Göttern." Micky warf ihm einen spöttischen Blick zu, als wollte sie sagen, dass sie nie darauf gekommen wäre, dass Kyle zu den Fieslingen gehörte. ,,Also, Kyle war seinerzeit Neto, der Gott des Krieges. Meine liebreizende Gemahlin Isis verkörperte die Göttin der Liebe. Dann gibt es noch einen Typen, der früher als Taranis, Gott des Feuers sein Unwesen trieb. Mit Vorliebe ließ er sich lebende Feueropfer darbringen..." Methos bemerkte, wie schockiert Micky über seine Ausführungen war, daher fuhr er schnell fort: ,,Dann wären da noch Brigid, zu ihrer Zeit die beliebteste irische Göttin, Rhea, eine der Titanen, Raiden, der Gott des Donners und des Blitzes..."
,,Moment, Raiden gehört auch zu euch?!"
,,Ich wäre dir dankbar, Hochwohlgeboren, wenn du mich nicht in diesen erlauchten Kreis mit einbeziehst. Erstens weiß ich gar nicht, welcher Gott ich mal gewesen sein soll, vermutlich kein netter, wenn man Isis glauben kann. Und außerdem weigere ich mich, diese Rolle anzunehmen. Die Menschen brauchen keine Götter mehr - weder für den Frieden noch für das Armageddon, das Kyle offensichtlich anstrebt. Mich interessiert nur, meinen Kopf zu behalten und endlich nach 4.000 Jahren zu versuchen meine Ehe mit Isis auf die Reihe zu bekommen. Schau nicht so ungläubig. Dieses Mal ist es uns ernst, wir haben im Schloss und auf der Flucht viel Zeit gehabt, uns über unsere Gefühle klar zu werden. Wir lieben uns, und dieses Mal werden wir es schaffen. Sie ist die Göttin der Liebe, das muss doch einfach hinhauen." Micky lachte amüsiert über Methos' glühenden Monolog über die Liebe.
,,Du warst mit Sicherheit kein böser Gott, Methos. So leidenschaftlich, wie du über die Liebe zu Isis referierst..." Er grinste sie schief an. ,,Du erwähntest gerade Raiden. Den habe ich kennen gelernt. Er nennt sich auch Raven. Vor ein paar Tagen hat er eine alte Freundin von mir getötet."
,,Wen? Kannte ich sie?" Sie nickte traurig.
,,Es war Keiko..." Methos starrte Micky ungläubig und mit offenem Mund an. Er kannte Keiko, seit er sie in Mickys Chateau im Spätsommer 1703 kennen gelernt hatte.
,,Oh nein. Nicht Keiko. Dann ist es der Raven, der sie seit dem 16. Jahrhundert verfolgt hat?" Wieder nickte Micky.
,,Und er hat sich mit Clarice Grant zusammengetan. Wenn er noch nicht weiß, dass er zu eu... zu Denjenigen gehört, arbeitet er zumindest freiwillig für das Konsortium. Das ist genauso schlimm."
,,Wenn du schon von schlimm sprichst, Micky. Dein alter Freund Adam verkörpert übrigens Balor, den Gott des Todes. Er hat zu seinen Glanzzeiten wahre Massaker auf dem Schlachtfeld veranstaltet. Er hörte nur damit auf, weil während einer Schlacht gegen einen verfeindeten Keltenstamm seine Schwester Brigid, jene Göttin des Himmels, des Feuers und Wassers, der Kreativität und der Künste, der Dicht- und Schmiedekunst, der Hellsichtigkeit und der Weissagung entführt wurde. Man huldigte ihr zu Imbolc, in der Nacht vom 2. auf den 3. Februar. Laut einer alten Legende wurde sie getötet, zumindest hielten Adams Feinde seine Schwester für tot und begruben sie an einem geheimen Ort. Damals hat Adam dem Kämpfen für lange Zeit entsagt, weil er erkannte, dass der Preis für die Herrschaft über die Welt - nämlich seine geliebte Schwester – zu hoch gewesen war. Das war vor rund 2.000 Jahren, und er sucht heute noch nach ihr. Wie es aussieht, hat er sie gefunden." Micky überlegte kurz, Imbolc - dieses Fest hatte Adam im Zusammenhang mit der bildschönen, geheimnisvollen Frau erwähnt, die ihn so offen angegriffen hat.
,,Brigid! So hieß die Unsterbliche, die Kyle, bei dem Bankett die Stirn geboten hat." Nun war Methos es, der Micky ungläubig anstarrte.
,,Woher weißt du von dem Bankett?! Du warst doch nicht noch einmal alleine im Schloss, oder?" Er musterte Micky eindringlich. ,,Du warst alleine im Schloss! Bist du total bescheuert? Was, wenn Kyle dich erwischt hätte?!" Micky grinste ihn an und zuckte die Achseln.
,,Ich habe mit ihm Wein getrunken und ein Schwätzchen gehalten... Komm schon, sag es. Ich habe es vermisst." Sie grinste ihn spitzbübisch an, Methos konnte nur den Kopf schütteln.
,,Du bist eine adlige Irre! Ja, genau das bist du! Eine adlige Irre! Aber um noch mal auf Brigid und Adam zurückzukommen. Kyle sucht schon lange nach den fehlenden sechs aus seiner Truppe. Wie es aussieht, fand er vor Adam das geheime Grab, in dem Brigid nahezu 2.000 Jahre lebendig begraben war und hält sie seitdem auf Wittmore Castle gefangen. Ich habe gehört, wie er Adam gedroht hat, er würde ihr schreckliche Dinge antun, wenn er zu fliehen versucht. Töten kann er sie ja nicht, dann wäre sein Plan hinfällig. Und scheinbar hat er Brigid mit einer ähnlichen Drohung in Schach gehalten."
,,Sie hat ihm aber einige nette Dinge an den Kopf geworfen, zum Beispiel, dass er verdammt wäre und jeder, der sich ihm freiwillig anschließt genauso. Es war eine richtig heimelige Stimmung bei dem Bankett. Vor allem die Verfolgungsjagd hinter her war amüsant." Methos schüttelte lachend den Kopf. ,,Ach so, das Neueste weißt du ja noch gar nicht, Ginger MacKenzie ist jetzt Richies Schülerin."
,,Bitte? Da bin ich mal ein paar Wochen von der Bildfläche verschwunden, und schon drehen alle durch. Der Junior kann doch nicht einfach eine Schülerin annehmen, du bist doch seine Mentorin. Du..." Er sah Micky wieder mit seinem typisch eindringlichen Blick an. ,,Nein, du hast ihn auf die Welt losgelassen, und dann nimmt er gleich die Frau als seine Schülerin an, die ihn umbringen wollte?" Micky zuckte erneut die Achseln.
,,C'est la vie.
Er hat seine ritterliche Ader wiederentdeckt, unser Junior. Sie wurde beim Kampf mit Richie durch eine ätzende Chemikalie blind. Und damit sie ihr hübsches Köpfchen behalten kann, kümmert er sich jetzt um sie. Rein platonisch, versteht sich."
,,Das habe ich noch nie gehört, dass unsereins blind werden kann." Micky schnaubte.
,,Ihr habt doch diese ganzen beschissenen Regeln aufgestellt."
,,Hey, Hochwohlgeboren. Ich hab damit nichts mehr zu tun. Was auch immer vor 5.000 Jahren passiert ist, ist Schnee von gestern. Ich bin ein anderer." Micky legte ihm beruhigend eine Hand auf die Brust.
,,Ich weiß, tut mir leid. Es war für mich nicht gerade einfach all diese Dinge zu erfahren, vor allem nicht von Darius. Und als dann dein Name fiel in jener Nacht im Zusammenhang mit Denjenigen... Ich meine, versteh doch - ihre Regeln haben mich ins Koma versetzt und mir die Erinnerung an mein Leben genommen, nur weil ich meinen Mann nicht für ihr bescheuertes Spiel opfern wollte."
,,Ist das die Erklärung für deinen merkwürdigen Besuch an dem Morgen, als ich in der Kirche gehört habe, wie du mit Sikes geredet hast?" Sie nickte. ,,Für mich war es auch nicht gerade erfreulich zu hören, dass er immer noch da war. Überhaupt, wie benimmt er sich?" Zu Methos' Verwunderung huschte ein Lächeln über Mickys Gesicht.
,,Er ist fort. Ich zumindest bin ihn los. Zwei Seelen schlagen nun nicht mehr in meiner Brust."
,,Kannst du diesen poetischen Blödsinn mal lassen und Klartext reden?"
,,Schon gut. Am Morgen nach dem Debakel auf Wittmore Castle bin ich Daniel Prescott in die Arme gelaufen. Er wusste von Sikes, hat gegen mich gekämpft, und irgendwie hat er es geschafft mich zu erdolchen. Dabei hat er die Essenz dieses Irren in sich aufgenommen. Daniel war ja vorher schon durchgeknallt, aber jetzt... Na ja, ist nicht mein Problem. Richie will ihn sich vorknöpfen. Ich habe genug Leute auf meiner Abschussliste. Kyle, Clarice Grant, Raven. Das reicht als guter Vorsatz fürs neue Jahr. Wir sollten jetzt auch langsam umdrehen, bevor Duncan noch auf dumme Gedanken kommt." In diesem Moment klingelte Mickys Handy. Verwundert erkannte sie auf dem Display, wer der Anrufer war.

,,Joe, was gibt es? Da der Tag bisher so gut verläuft, hoffe ich, du hast auch nur gute Nachrichten?"
,,Eigentlich nicht, wenn ich ehrlich sein soll. Maurice wird im Pariser Hauptquartier festgehalten. Er hat eine Anhörung, die ihn schlimmstenfalls den Job kosten kann." Micky traute ihren Ohren nicht.
,,Aber wieso das denn?"
,,Wie wäre es damit: weil er euch ständig hilft? Du weißt doch, wir beobachten nur. Maurice hat sich einmal zu weit aus dem Fenster gelehnt, als er dir und Mac die Adressen von Raven und Clarice Grant gegeben hat."
,,Was können wir tun? Kann Methos in seiner alten Identität als Adam Pierson etwas tun?"
,,Methos ist wieder da?"
,,Ja, seit heute. Amanda und Isis auch." Sie hörte, wie Joe erleichtert aufatmete und dachte im selben Augenblick: Damit haben sie das Ende der Welt ein wenig hinausgezögert.
,,Wenigstens eine gute Nachricht heute. Ich wollte euch um einen Gefallen bitten..." Micky ahnte, was er sagen wollte.
,,Schon in Ordnung, Joe. Sollen wir alle kommen und für Maurice aussagen? Deinen Verein wachrütteln, damit er seine angestaubten Regeln überdenkt? Man kann Maurice nicht dafür verantwortlich machen, dass er ein guter Mensch ist, der seinen Freunden helfen will."
,,Ja, das würde ihm helfen. Selbst wenn ihr nichts erreichen könnt. Alleine die Tatsache, dass ihr da seid, wird ihm Mut machen." Obwohl Joe es nicht sehen konnte, war er sich sicher, dass Micky lächelte.
,,Wir sind auf dem Weg, Joe."

 

Frankreich, Paris, das Hauptquartier der Beobachter, am Mittag.
Joe erwartete die Freunde vor der Tür der imposanten Villa mit Säulen und meterhohen Fenstern aus dem 18. Jahrhundert. Ungeduldig humpelte er auf seinen Stock gestützt hin und her. Als Duncans Thunderbird und Mickys Z3 endlich auf dem Vorplatz hielten und seine drei Freunde ausstiegen, atmete er erleichtert auf.

,,Hey Joe, alles in Ordnung?" rief Methos, stürmte auf seinen ehemaligen Kollegen und Freund zu und umarmte ihn herzlich. Der Überfall von Kyles Leuten hatte ihnen allen verdeutlicht, wie dünn Joes Lebensfaden doch in Wirklichkeit war. Ebenso hatte es Methos einmal mehr deutlich gemacht, wie viel ihm an Joe Dawson lag, wie tief die Freundschaft zu ihm tatsächlich war.
,,Ja, mir geht es gut. Ich mache mir nur Sorgen um Maurice. Diese elenden Paragraphenreiter wollen einfach nicht hören. Micky hat Recht, es ist an der Zeit unsere Regeln zu reformieren."
,,Oliver Cromwell hat dazu folgendes gesagt: Wenn ich König wäre, würde ich alle Reformen auf morgen verschieben!" sagte Micky und umarmte Joe zur Begrüßung.
,,Ja, so könnte man die Einstellung meiner Kollegen treffend beschreiben. Methos, bist du wirklich absolut sicher, dass du dich outen willst? Du solltest wissen, wir haben ein Leck, jemand, der Clarice Grant mit Informationen versorgt, die diese wiederum an Raven weitergibt und vielleicht sogar an das Konsortium. So hat er ja erst Keiko Song-Li aufspüren können. Wenn also alle Beobachter heute erfahren, dass ihr ehemaliger Kollege Adam Pierson niemand anderes als der legendäre Methos ist, stehst du ab morgen ganz oben auf den Abschusslisten aller fiesen Unsterblichen." Methos zuckte die Achseln, legte den Kopf auf die Seite und grinste schief.
,,Das verleiht meinem Leben mal wieder ein wenig Würze."
,,Hast du nicht genug Würze, jetzt da du dich zum x-ten Mal mit Isis vertragen hast?" stichelte Micky. Joe fragte lieber gar nicht erst nach, was das zu bedeuten hatte. Methos' Chronik oder die Herzensangelegenheiten Isis betreffend waren dem Himmel sei Dank nicht sein Problem. Maurices drohender Rausschmiss hingegen schon. Immerhin waren die Regeln schon so weit reformiert worden, dass jemand wie Maurice nur die Entlassung drohte. Noch vor einigen Jahren wäre der betreffende Beobachter eliminiert worden, um die Organisation zu schützen.
,,Kommt, wir müssen uns beeilen. Ich würde sagen, Methos lässt direkt die Bombe über seine wahre Identität platzen. Das wird den Advokatenhengsten die Luft aus den Segeln nehmen und wahrscheinlich eine kurze Unterbrechung bewirken, in der wir unser weiteres Vorgehen beraten können."

Einige Minuten später betraten die Freunde einen großen Saal, der eingerichtet war wie in einem Gericht. An einem winzigen Tisch saß in sich zusammengesunken Maurice Pinoteaus. Neben ihm war ein Platz frei, vermutlich für seinen Verteidiger. Micky war keineswegs überrascht, als sie sah, wie Joe dorthin humpelte. Sein Stock verursachte einen Höllenlärm auf dem Steinboden, der anscheinend vor der Anhörung noch auf Hochglanz poliert worden war. Die schweren, dunkelroten Brokatvorhänge waren zugezogen und ließen nur einen Spalt Tageslicht herein. In der Nähe des Anklagetisches war ein weiterer aufgestellt, wo ein Beobachter die Anklage führte. Auf der gegenüberliegenden Seite waren mehrere Tische in einer langen Reihe aufgestellt, an denen sechs Beobachter, Männer und Frauen, saßen und ihre Papiere durchgingen.

,,Ich habe jemanden mitgebracht, der für Monsieur Pinoteaus sprechen möchte", erklärte Joe kurz angebunden. Der Vorsitzende signalisierte sein Einverständnis, noch eher der Ankläger Einspruch erheben konnte. Joe gab Methos einen diskreten Wink, der neben ihn trat, während Micky und Duncan sich in eine Ecke stellten. Noch war ihre Anwesenheit nicht aufgefallen.
Adam Pierson, was für eine Überraschung", sagte der Leiter der Pariser Beobachterzelle, Jack Danning. Er kannte Methos gut, nur nicht seine wahre Identität.
,,Die Überraschung kommt erst noch Jack. Ich bin heute hier hergekommen, weil ich einem Freund helfen möchte. Der mir und meinen Freunden unzählige Male aus der Patsche geholfen hat, mit teilweise lebensrettenden Informationen." Die Vorsitzenden hörten interessiert auf. Ihres Wissens nach hatte sich Adam Pierson aus dem Beobachtergeschäft zurückgezogen.

Methos ließ die dramatische Pause verstreichen und fuhr dann fort: ,,Ich möchte Ihnen klarmachen, dass Beobachter und Unsterbliche mehr gemeinsam haben, als Sie alle denken. Die Beobachter können eine Menge für die Chroniken aufschnappen, wenn sie mit ihren Schützlingen befreundet sind. Und die Unsterblichen können zum Teil lebenswichtige Informationen im Kampf für das Gute erhalten. Sowohl die Beobachter als auch die Unsterblichen sind fähig zu Veränderungen. Veränderungen sind gut und wichtig. Ladies und Gentlemen, ich weiß, wie viel Ihnen die Werte, für die die Beobachter stehen, bedeuten. Doch diese Werte gehen nicht verloren, wenn Sie ab sofort den direkten Kontakt zwischen Beobachtern und Unsterblichen und die Hilfestellung der Beobachter an ihre Schützlinge genehmigen, nein, sie werden nur veränderten Umständen angepasst. Ich möchte einen Menschen zitieren, den ich einmal sehr gut kannte: Beachte immer, dass nichts bleibt wie es ist und denke daran, dass die Natur immer wieder ihre Formen wechselt." Das Gremium, das Methos bisher interessiert zugehört hatte, brach in Gelächter aus.
,,Sehr witzig, Adam. Das war zwar passend, aber wenn mich nicht alles täuscht, war es ein Zitat von Marc Aurel."
,,Scharfsinnig erkannt, Jack. Diese weisen Worte hat in der Tat Marc Aurel gesprochen." Wieder lachten die Beobachter, einige schoben jedoch bereits ungeduldig ihre Papiere zusammen. Sie wollten schnell zu einem Urteil kommen und in die wohlverdiente Mittagspause verschwinden.
,,Also bitte, Adam. Das ist doch lächerlich. Wie können Sie ihn gekannt haben? Sie..." Jack Danning verstummte und sah Methos, der langsam auf die Vorsitzenden zukam, auf einmal mit ganz anderen Augen.
,,Ganz Recht, Jack. Ich habe Sie alle an der Nase herumgeführt. Ich bin ein Unsterblicher. Ich kannte Marc Aurel, ich kannte auch Julius Cäsar, ihn habe ich genauso live auf der Bühne gesehen wie die Stones. Ich habe es zwölf Jahre lang geschafft, ohne große Mühe meine wahre Identität vor Ihnen allen geheim zu halten. Ich habe meine eigene Chronik verfasst und meine Tarnidentität als Adam Pierson zum Schutz benutzt. Dämmert es allmählich? Ich bin Methos." Ein empörtes, skeptisches Raunen ging durch die Reihen des Gremiums.

Bevor sie eine falsche Entscheidung aus gekränkter Eitelkeit treffen konnten, ergriff Joe von seinem Platz aus das Wort: ,,Jack, Sie sollten keine voreiligen Schlüssel ziehen. Methos hat großartige Arbeit geleistet in den zwölf Jahren, die er für uns gearbeitet hat. Und er ist einer meiner besten Freunde." Micky schnappte kaum hörbar nach Luft, als Joe den letzten Satz aussprach. Wenn er so weiter machte, konnte er sich gleich neben Maurice setzen, als weiterer Angeklagter. ,,Und er ist nicht mein einziger Freund unter den Unsterblichen. Zu ihnen zähle ich auf jeden Fall noch Micky und Duncan MacLeod und Richie Ryan." Wieder gab es einen Aufruhr unter den Beobachtern.
,,Joe, das ist ja... Wissen Sie, was das für Sie heißt? Sie reden sich um Kopf und Kragen, wenn Sie zugeben, dass Sie mit den Ihnen zugeteilten Unsterblichen befreundet sind!"

,,Verzeihung, Mr. Danning. Ich würde gerne etwas sagen", bat Micky und trat nach vorne. Duncan versuchte sie am Mantel festzuhalten, griff aber nur noch ins Leere.
,,Sind Sie von der Pariser Zelle? Ich habe Sie noch nie gesehen, Madame. Aber treten Sie bitte näher." Micky hob beide Arme und schob ihre Ärmel zurück, wodurch sie ihre beiden untätowierten Handgelenke entblößte.
,,Nein, ich bin keine Beobachterin, wie Sie sehen können. Ich bin Micky MacLeod, und dort hinten steht mein Mann Duncan. Wir sind jene Unsterblichen, die Joe Dawson als seine Freunde bezeichnet hat. Und ich kann das nur, auch im Namen meines Mannes zurückgeben. Joe Dawson ist der beste und loyalste Freund, den man sich wünschen kann. Ich bin zwar noch keine 5.000 Jahre alt wie unser Freund Methos, aber ich kann sagen, dass mir nicht viele Sterbliche begegnet sind, die sich so selbstlos um uns bemüht haben wie Maurice Pinoteaus und Joe Dawson."
,,Das ist Blasphemie!" grollte einer der Beobachter empört, was Micky ein bitteres Lachen entlockte.
,,Blasphemie? Was war denn dann bitte schön die Ermordung unseres Freundes Darius durch James Horton? Horton war einer von Ihnen, Darius gehörte zu uns. Sie beobachten, Sie intervenieren nicht, Sie jagen uns nicht. Aber das hat James Horton nicht davon abgehalten vor 11 Jahren einen Mönch, der seit 1.500 Jahren auf heiligem Boden lebte, kaltblütig zu ermorden. Wenn ich damals schon Kontakte wie zu Joe oder Papa Maurice gehabt hätte, hätte ich den Mord vielleicht verhindern können!" Micky wusste, dass das nicht stimmte, dass alles, was Nostradamus ihr über ihre Zukunft hinterlassen hatte, feststand. Doch davon musste sie ja den Beobachtern nichts erzählen.

Nun trat auch Duncan näher, legte kurz eine Hand auf Joes Schulter und bat um das Wort.

,,Hören Sie, als Joe Dawson das erste Mal zu mir kam, hielt ich ihn für einen Spinner. Ein Gruppe Sterblicher, die jede unserer Aktionen aufschreibt. Gegen wen wir kämpfen, was wir zum Frühstück hatten, mit wem wir ins Bett gehen. Ich hielt es für einen schlechten Scherz. Aber dann lernte ich Joe kennen und erkannte, was für ein feiner, mutiger Mann er ist. Und genau das gleiche gilt für Papa Maurice."
,,Verzeihung, mir fällt zum zweiten Mal auf, dass Sie und vorher Ihre Frau Monsieur Pinoteaus als ,Papa Maurice' titulieren", warf eine weibliche Beobachterin ein. Micky musterte sie kurz mit dem Blick, den sie von Nostradamus gelernt hatte. Sie könnte das Zünglein an der Waage sein, also ergriff sie nun schnell wieder das Wort.
,,Ganz recht. Wir schätzen ihn sehr. Er ist der Beobachter von unserem Junior, ich meine Richie Ryan, der eine zeitlang der jüngste in unserer Gruppe, ich möchte lieber sagen Familie, war. Wenn einer von uns größere Probleme hat, gehen wir gewöhnlich zu Maurice. Er hilft, wo er kann. Ohne seine Mithilfe hätte mein Mann mich nie aus den Fängen dieser durchgeknallten Clarice Grant befreien können. Vielleicht sollten Sie erst einmal diese Dame dingfest machen, bevor Sie einen ehrbaren Mann wie Maurice um seine Lebensaufgabe bringen und ihn für eine Freundschaft bestrafen wollen, die Sie in Ihrer Engstirnigkeit gar nicht verstehen können. Und sein Sie mal ehrlich, hat es den Beobachtern geschadet, dass wir alle miteinander befreundet sind? Hat es Ihnen geschadet, dass Methos seine eigene Chronik zu Ende schrieb? Sie hätten das nie hinbekommen", meinte Micky ganz unverblümt.
,,Aber er hat gelogen! Adam Pierson hat uns zwölf Jahre über seine wahre Identität angelogen!" rief Jack Denning wütend.
,,Wissen Sie, Mr. Danning, mein guter Freund Mark Twain sagte einmal: Eine Lüge ist bereits dreimal um die Erde gelaufen, bevor sich die Wahrheit die Schuhe anzieht. Methos lebte lange Zeit unter diesem Namen, und es ist niemandem von Ihnen aufgefallen. Zwölf Jahre lang bekam er nicht ein Fältchen, war nie ernstlich krank und wurde nicht älter. Sie waren so naiv zu glauben, dass kein Unsterblicher etwas von Ihrem Verein erfährt..." Micky sah aus dem Augenwinkel, dass Methos über ihre Worte schmunzelte. Seine Wahrheit hatte sich sogar noch öfter die Schuhe angezogen, aber sie hatten auch nie gefragt, ob er Methos war.
,,Nun, das ist ja alles sehr interessant, welche berühmten Persönlichkeiten Sie kennen lernen durften. Aber im Hinblick auf die vorgerückte Stunde, schlage ich vor, dass wir nun zu einem Urteil kommen. Wir beraten uns, Joe Dawson und seine Begleiter mögen bitte draußen warten. Monsieur Pinoteaus wird in einen separaten Raum gebracht." Joe drückte kurz zuversichtlich Maurices Schulter und folgte dann den anderen vor die Tür.

 

,,Ihr hättet Anwälte werden sollen", bemerkte Joe anerkennend.
,,Weißt du nicht mehr, ich war mal mit einem Anwalt verheiratet", erwiderte Micky grinsend.
,,Ich habe im Römischen Imperium genug glühende Reden von Cicero, Nero und Augustus gehört", meinte Methos.
,,Und ich habe öfters als Reporter gearbeitet, da hat man zwangsläufig mit Anwälten zu tun, Artikel über Gerichtsverfahren wurden schon immer gerne gelesen."
,,Wie auch immer, Mac, wenn euch jemals langweilig wird, solltet ihr überlegen, in Paris eine Anwaltskanzlei aufzumachen. Ihr seid gut, wirklich."
,,Das wird sich gleich zeigen", meinte Micky und deutete auf die Tür, die gerade aufgegangen war. Man bat die Gruppe wieder hereinzukommen.

 

Jack Denning kam gleich zum Punkt, er wollte die Angelegenheit hinter sich bringen: ,,Nun, Monsieur Pinoteaus, ein Mann der Freunde hat, kann sich glücklich schätzen. Ein Mann, der Freunde wie Sie hat, die für ihn Kopf und Kragen riskieren, ihren Job, ihre Sicherheit, ihre Reputation, ist wahrlich gesegnet. Wir waren, das muss ich zugeben, fest entschlossen an Ihnen ein Exempel wegen Ihres wiederholten Ungehorsams zu statuieren..." Micky schluckte hart und drückte Duncans Hand. Methos bemerkte, wie sein Adamsapfel heftig auf und ab hüpfte. Seine Sicherheit war ihm egal, er schlug sich seit 5.000 Jahren durch. Der Einzige, der heute zählte, war Maurice. ,,Doch nachdem wir diese glühenden Plädoyers gehört und noch einmal einen raschen Blick in die Chroniken der MacLeods, von Methos und auch dem erwähnten Richie Ryan, dem Ihnen zugeteilten Schützling geworfen haben, sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass Sie sich nichts haben zu schulden kommen lassen." Micky stieß einen Freudenschrei aus. ,,Ruhe bitte. Ich bin noch nicht fertig. Daher werden wir Maurice Pinoteaus freisprechen und die Statuten der Beobachter überarbeiten. Ab sofort ist es gestattet, dass die Beobachter von sich aus ihren Schützlingen Informationen geben dürfen oder aber auch auf Anfrage von Unsterblichen, mit denen sie rege soziale Kontakte pflegen."

,,Na, die pflegen wir ja glücklicherweise mit Papa Maurice", flüsterte Micky erleichtert.
 

Draußen auf dem Vorplatz der Villa fragte Methos schief grinsend seinen Freunde: ,,Wisst ihr was wirklich schade ist?"
,,Was denn?" fragte Micky neugierig. Eigentlich ahnte sie aber bereits, dass gleich ein dummer Spruch kommen würde. Sie sollte Recht behalten.
,,Na, mein schöner Spruch - Die Beobachter beobachten die Beobachter - ist ja nun hinfällig. Da sie ab heute machen können, was sie wollen."
,,Oh, Methos!" riefen alle gleichzeitig und lauthals lachend. Dann machten sie sich auf, zurück in die Stadt, um den Freispruch und die Reform der Beobachterstatuten zu feiern. Natürlich bei Papa Maurice.

 

 

10. Ein böses Erwachen

 

Frankreich, Chateau Dubois, Heiligabend 2007.
Schon lange hatte Micky ein Weihnachtsfest nicht mehr mit soviel Hoffnung erfüllt wie in diesem Jahr. Gestern am späten Abend war Connor aus Brasilien zurückgekehrt. Mit dem Serum, das Elisabeth vom Krebs heilen sollte. Doch dafür war es nun zu spät.

Mickys Herz schlug wild im Takt mit ihrem maßlosen Zorn, der Daniel Prescott galt, während sie durch den verschneiten Schlosspark rannte. Ihr Schwert hielt sie mit eisernem Griff, während sie seinen Namen rief. Die hohen Bäume trugen ihren Ruf weiter und weiter. Sie wusste, er würde sie erwarten. Nun, da er ihr einen empfindlichen Stich versetzt hatte, wollte er sein Werk vollenden. Nur einer von beiden würde lebend aus diesem Duell hervorgehen. Und selbst der Preis, dann wieder von Christopher Sikes besessen zu sein, war Micky nicht zu hoch. Kein Preis war zu hoch, wenn sie Daniel vernichten konnte, für das, was er ihr und ihrer Familie angetan hatte.

 

Frankreich, Chateau Dubois, eine halbe Stunde früher.
Der 2,50 Meter hohe Weihnachtsbaum, den Pierre gemeinsam mit seinen Söhnen im Wald geschlagen hatte, verbreitete einen herrlichen Duft, während Micky die handgearbeiteten Kugeln behutsam aus den unzähligen Schachteln hervorholte, die auf dem glänzenden Parkettboden verteilt lagen. Im Kamin prasselte ein Feuer, Weihnachtsmusik war zu hören. Seit Connors Ankunft gestern Abend war die Stimmung im Schloss deutlich angestiegen. Vorher hatten alle noch geglaubt, es würde das letzte Weihnachtsfest mit Elisabeth sein. Doch Connors Freund, der ehemalige Druide Simon Cole, hatte ein Serum entwickelt, das Elisabeth heilen konnte. Nach den Feiertagen wollte Connor es sofort an Anne Lindsey geben, die dann eine Behandlung organisieren sollte.

Gerade kam Elisabeth mit einem Tablett, auf dem Eierpunsch und ihre köstlichen selbstgebackenen Plätzchen standen, herein. Ihr folgten Pierre und Yvette. Yvette, die ja normalerweise über die Messieurs MacLeod und ihre Eigenarten die Nase rümpfte und sich fortlaufend bekreuzigte, hatte es tief beeindruckt, dass Connor um die halbe Welt geflogen war, um ihrer Mutter zu helfen. Daher hatte sie sich zum ersten Mal bereit erklärt, an dem Weihnachtskaffee der Comtesse teilzunehmen.

Micky legte die Kugel, die sie gerade in der Hand hielt, vorsichtig in die Schachtel zurück und ging zum Couchtisch, wo Elisabeth alles anrichtete.

,,Die Plätzchen duften wie immer herrlich, Elisabeth", lobte Micky, was ihrer Haushälterin ein Lächeln aufs Gesicht zauberte. Methos, Connor und Duncan nahmen sich ein Glas und machten es sich auf der Couch bequem. Richie würde erst am Abend mit Ginger ins Schloss kommen. Amanda war nach Griechenland abgereist, und Isis machte einen Last-Minute-Einkaufsbummel im weihnachtlichen Paris.

Noch ehe Elisabeth etwas erwidern konnte, stieß Yvette einen gellenden Schrei aus. Die Terrassentür wurde aufgestoßen, Schnee und eisige Kälte wehten herein. Doch das Wetter hatte Yvette nicht so dermaßen erschreckt, sondern die ungebetenen Gäste, die der Schnee mitgebracht hatte. Durch die offene Tür traten mit Pistolen und Schwertern in Händen Daniel Prescott und Gregor Powers.
 

Micky und Duncan trauten ihren Augen nicht. Sie standen einer teuflischen Allianz gegenüber, die keiner von ihnen so für möglich gehalten hätte.

Duncan fasste sich zuerst wieder und wandte sich an Gregor, während er einen vorsichtigen Seitenblick auf die Anrichte aus dem 18. Jahrhundert warf, wo sie ihre Schwerte abgelegt hatten, die sie nach dem Kaffee noch polieren wollten.

,,Greg, wenn das ein schlechter Scherz sein soll, kann ich nicht darüber lachen!"
,,Kein Scherz, alter Junge. Wir wollten nur mal schauen, wie die MacLeods so die Feiertage verbringen." Langsam und äußerst wachsam standen Methos, Duncan und Connor auf. Duncan sah noch einmal verstohlen zu den Schwertern, die aber ganz eindeutig außerhalb seiner Reichweite lagen. Ein weiterer Blick auf Micky ließ ihn erkennen, dass es ihr bereits in den Fingern kribbelte. Duncan ahnte, dass sie ihre offene Rechnung mit ihrem ehemaligen Schüler heute begleichen würde, wenn sich ihr die Gelegenheit dazu bot. Aber nicht auf Kosten Unschuldiger. Also lautete zunächst ihre höchste Priorität, für die Sicherheit von Elisabeth und ihrer Familie zu sorgen. Beschwichtigend hob Micky die Hände.

,,Daniel, leg die Pistole weg. Ich nehme meine Schwert, wir gehen in den Park und tragen die Sache ein für alle Mal aus. Wie klingt das für dich?"
,,Langweilig", war seine knappe Antwort.
,,Weshalb bist du dann hier, wenn nicht, um mit mir zu kämpfen und das zu beenden, was du in Irland begonnen hast?" Daniel lachte.
,,Ich habe schon viel früher begonnen, mit dir zu spielen, du hast es nur nicht bemerkt in deiner beispiellosen Arroganz, Meisterin." Trotz der kritischen Lage rollte Micky genervt mit den Augen über seine beabsichtigte Respektlosigkeit ihr gegenüber.
,,Himmel, Daniel. Du wirst mir doch nicht immer noch nachtragen, was 1862 passiert ist?! Ich hätte allen Grund dir böse zu sein. Immerhin warst du es, der mich damals in eine sehr kompromittierende Lage gebracht. Vor meinem Ehemann! Und du warst es doch schließlich, der zwei Jahre später einfach mitten in der Nacht abgehauen ist. Ohne ein Wort, ohne dein Training zu beenden."
,,Mach dir mal nicht ins Hemd, Comtesse. Du hast es wohl vermisst, dass du niemanden mehr hattest, den du piesacken konntest." Micky seufzte frustriert, diese Diskussion führte doch zu nichts. Sie machte einen Schritt auf Daniel zu.
,,Bleib wo du bist!" In seinen Augen lag so viel Hass, wie ihn Micky seit ihrem Duell mit Sikes nicht mehr gesehen hatte.
,,Hast du das gesagt oder dein durchgeknallter Untermieter?"
,,Mach nur so weiter. Willst du zusehen, wie ich alle hier drinnen erschieße, bevor ich dich erledige?"
,,Es sind doch sowieso nur Unsterbliche hier", versuchte Micky möglichst cool zu kontern. Sie hoffte, dass Daniels Sinne nicht geschärft genug waren, um die genaue Anzahl Unsterblicher ausmachen zu können. Micky wusste, wie gefährlich es war, einen Mann wie Daniel hereinlegen zu wollen. Doch nicht etwa Daniels Scharfsinn ließ ihren Bluff auffliegen, sondern Yvette, die bisher von ihrem Vater verdeckt und geschützt worden war.

,,Monsieur, lassen Sie uns bitte gehen. Meine Eltern und mich. Wir haben nichts mit dieser merkwürdigen Zusammenkunft zu tun." Daniel sah diabolisch grinsend zu Micky.

,,So, so. Alles Unsterbliche, ja? Haben dir deine Eltern nicht beigebracht, dass man nicht lügt?" Er hob seine Pistole. ,,Das steht doch in den zehn Geboten. Und heißt es nicht auch, dass der liebe Gott kleine Sünden sofort bestraft?" Er schwenkte den Arm und zielte abwechselnd auf die Anwesenden.
,,Daniel, bitte. Lass die anderen aus der Geschichte raus. Das hier ist nur eine Sache zwischen dir, mir und Sikes." Doch Daniel war kein Mensch, mit dem man verhandeln konnte.
,,Zuerst die Strafe, dann alles weitere, Michelle. Ene, mene, muh und raus bist..." während er sprach, zielte er abwechselnd auf Yvette, Elisabeth und Pierre. ,,Du!" Kaum hatte Daniel das Wort ausgesprochen und die Pistole abgefeuert, stieß Elisabeth auch schon ihre Tochter beiseite und fing die tödliche Kugel auf.

Micky schrie ihren Namen, ging vor Elisabeth in die Knie. Fast beiläufig bemerkte sie, wie sich die cremefarbene Teppichbrücke mit Elisabeths Blut voll sog. Sie griff hinter sich, um ein Kissen von der Couch zu ziehen.

Dann geschah alles wahnsinnig schnell. Während Micky noch versuchte, die Schusswunde abzudrücken und Elisabeth ein Kissen unterzuschieben, stürmte Pierre blind vor Zorn auf Daniel los, um ihm die Pistole zu entreißen. Duncan sprang nach vorne und versuchte noch ihn zurückzuhalten, griff aber nur ins Leere. Der bis dato untätig gebliebene Gregor hob seine Pistole und schoss eiskalt auf Pierre, der tot zusammenbrach. Yvette konnte nicht begreifen, was sich da vor ihren Augen abspielte. Sie schrie nur immer wieder ,,Maman, Papa, non! C'est impossible!"

Micky hielt nun nichts mehr zurück. Sie sprang mit einem Satz auf die Füße und riss ihr Toledo Salamanca von der Anrichte.

,,Du elender Scheißkerl! Jetzt hat dein letztes Stündlein geschlagen! Ich bring dich um! Ich bring dich um!"
,,Zeit zu verschwinden!" rief Daniel seinem Kompagnon zu, der sofort die Beine in die Hand nahm und durch die Terrassentür in den verschneiten Schlosspark rannte. Micky war ihnen dicht auf den Fersen, Duncans Rufe zu warten ignorierte sie.

 

Frankreich, Chateau Dubois, der Schlosspark, die Gegenwart.
Micky rannte und rannte. Mit jedem Schritt wurde sie zorniger. Mit jedem Schritt wünschte sie sich, Daniel in ihre Finger zu kriegen und ihn leiden zu lassen für den Kummer, den er ihnen bereitet hatte.

Immer wieder rief sie seinen Namen. An Gregor verschwendete sie keinen Gedanken. Ihr war klar, dass Daniel der Kopf dieses Duos war. Ihn galt es zu jagen, für seinen Partner blieb später noch Zeit. Außerdem war Daniel derjenige, der von Sikes’ wahnsinnigem Intellekt profitierte. Er durfte einfach nicht länger frei umherlaufen und wahllos Menschen umbringen.
 

Sie hatte den großen Mammutbaum erreicht, den man vom Balkon der Bibliothek aus sehen konnte. Mächtig und unerschütterlich ragte er meterhoch vor ihr auf, seine starken Äste von Schnee bedeckt. Und dort, lehnte er ganz lässig am Stamm. Von Gregor war nichts zu sehen.
,,Du bist schnell für dein Alter, Michelle." Sie ging nicht auf seine Sprüche ein, dafür war sie viel zu wütend, geradezu rasend. Sie wollte nur eines, eine Antwort bevor sie ihm den Kopf abschlagen würde.
,,Wieso hast du sie erschossen? Was haben Sie dir getan? Sie waren Sterbliche!" Daniel lachte.
,,Genau, sie waren Sterbliche. Wozu sich über ihre lächerliche Existenz und deren frühzeitiges Ende aufregen? So ist der Lauf der Welt. Sieh es als göttlichen Willen." Micky wurde speiübel bei dem Gedanken, welcher Gott hier tatsächlich seine Finger im Spiel hatte.
,,Führ dich nicht so auf, als wärst du Gott! Du bist ein jämmerliches, verabscheuungswürdiges Exemplar unserer Art! Wie konntest du es wagen, mir einen Teil meiner Familie zu nehmen?!" schrie sie ihm entgegen und kam mit erhobenem Schwert auf ihren ehemaligen Schüler zu.
Eine Ader pochte an Mickys Schläfe, so wütend war sie. Doch die Wut verlieh ihr auch Stärke.
,,Familie?! Himmel, das waren doch nur Sterbliche", brachte er lachend hervor. Daniel konnte nicht begreifen, wie einem Unsterblichen an diesen unbedeutenden Menschen, die in einem Wimpernschlag der Geschichte wieder verschwanden, etwas liegen konnte.
,,Ja, Familie, du Mistkerl! Das waren sie für mich! Ich kannte Pierre und Elisabeth seit dem Tag ihrer Geburt!" Sie wurde immer wütender und reagierte damit genau so, wie Daniel es beabsichtigt hatte. Es war seine und Sikes' Lebensversicherung, falls er den Kampf Widererwarten verlieren sollte.
,,Und jetzt kennst du den Tag ihres Todes. So ist das nun mal mit diesen Sterblichen. Ein ewiges Kommen und Gehen!"
,,Der einzige, der heute noch gehen, genauer gesagt, zur Hölle fahren wird, bist du, Daniel!"
Unbeeindruckt drehte Daniel sein Schwert in der rechten Hand.
,,Ich soll dir von Sikes sagen, wenn du mich besiegst, freut er sich schon auf deine Gesellschaft. Er hat wohl deinen Humor vermisst." Micky schluckte. Genau das war der Knackpunkt, der einzige Grund, der Micky noch zögern ließ. Schon wieder besessen zu sein und wohlmöglich ein zweites Blutbad im Chateau anzurichten, war das Letzte, was sie wollte. Doch dafür war es nun zu spät. Sie hatte diesen düsteren Pfad gewählt, nun musste sie den Weg auch zu Ende gehen. Sollte ihr keine andere Wahl bleiben, würde sie sich zum Wohle der Familie, die sie mit diesem Kampf schützen bzw. rächen wollte, in einen gottverdammten Sarg legen, um Sikes wieder loszuwerden.

,,Darius, hilf mir. Ich hab dich noch nie so gebraucht wie heute",
schickte sie ein stummes Gebet gen Himmel. Seit ihrem ersten Tod mochte sie zwar nicht mehr an Gott glauben, aber für einen Hilferuf an ihren ersten Mentor, ihren Freund und Weggefährten, war Micky sich niemals zu schade.

,,Ich habe Sikes besiegt, ich werde auch dich besiegen, Daniel!" sagte sie überzeugter, als sie eigentlich war.
,,Mag sein, Michelle. Doch dann wirst du nie mehr alleine sein. Der Zorn ist vielleicht ein mächtiger Verbündeter, aber er öffnet auch so manche Tür." Dunkelheit schlug ihr aus seinen Augen entgegen, die Dunkelheit seiner Seele unterstützt von Sikes. Micky schloss für einen Moment schaudernd die Augen und wandte den Blick ab. Als sie sie wieder öffnete, bemerkte Daniel nicht, wie Micky einen Punkt weit hinten an der Baumgrenze fixierte. Dort in einer blauschimmernden Aura lehnte sich Darius über eine Parkbank und lächelte zuversichtlich.

,,Du musst dich beruhigen, Michelle. Nur der Zorn bringt Sikes zurück zu dir", hörte sie nun Darius in ihrem Kopf, und mit einem Mal war ihr klar, wie es ihm beim ersten Mal gelungen war, in ihre Haut zu schlüpfen. Sie war so voller Hass und Wut auf Sikes in den Kampf gezogen, weil er schon viel zu lange sein krankes Spiel mit ihnen getrieben hatte. Sie vermutete, was es mit dem Funken des Bösen auf sich hatte. Er sprang nicht aus dem Grund auf den Sieger über, weil er gewonnen, sondern weil er sich dem Zorn hingegeben hatte, um zu gewinnen. Wenn sie also irgendwie ihren Zorn unter Kontrolle bringen konnte, hatte Sikes keine Möglichkeit zu ihr zurückzukehren. Dann würde sie nur die reine Energie übernehmen, nicht aber seinen kranken Geist. So hoffte sie zumindest. Ein paar tiefe Atemzüge und eine Entspannungstechnik von Meister Nakano ließen sie etwas ruhiger werden.

,,Genug geredet, Daniel. Jetzt geht es zur Sache. Nur einer von uns beiden wird diesen Ort lebend verlassen!" Während sie noch sprach, stürmte Micky auf Daniel los. Sie war überrascht, wie leicht Darius' Worte und die Entspannungsübung sie beruhigt hatten. Natürlich wollte sie gewinnen, natürlich wollte sie Daniel leiden lassen, und natürlich wollte sie ihn fertig machen, bevor sie ihm den Kopf abschlagen würde. Aber der Zorn war fort. Sie wusste, dass dieser Kampf unausweichlich gewesen war. Und das hatte nichts mit Elisabeth und Pierre zu tun. Er war unausweichlich gewesen seit die beiden sich 1862 zum ersten Mal begegnet waren. Sie hatte damals in Daniels Augen gesehen, dass er versuchen würde, sie zu töten, sobald er stark genug sein würde. Doch das würde Micky zu verhindern wissen.

Festentschlossen, den Kampf schnell hinter sich zu bringen, führte sie ein paar Attacken aus, die Daniel aber von Micky erwartet hatte. Seine Vorbereitung auf diesen finalen Kampf hatte Jahrzehnte gedauert. Er hatte Micky über Jahre hinweg aus der Ferne beobachtet, ihre Techniken studiert und sich zu eigen gemacht. Daher war es nicht verwunderlich, dass Daniel es war, der den ersten Treffer landete. Mit dem Schwung aus einer Drehung verletzte er Micky am linken Oberschenkel. Sie stieß zischend die Luft aus, knickte kurz ein. Fast schien es, als wäre der Kampf schon vorüber.

Daniel hob sein Schwert zum tödlichen Schlag, den Micky aber noch rechtzeitig abwehren konnte. Da er sich nicht den ganzen Spaß verderben wollte, gab Daniel ihr dann doch die Chance, wieder auf die Beine zu kommen. Der Schnitt brannte wie das Feuer in ihrem Herzen, mit dem sie Daniel zu besiegen beabsichtigte.

,,Tut das weh, verehrte Comtesse?" fragte er spöttisch.
,,Sorg dich nicht um mich, Daniel. Das tun genug andere Menschen, die mir am Herzen liegen. Du zählst gewiss nicht dazu!" Sie ignorierte den Schmerz in ihrem Bein und parierte Daniels Angriff.

Nach ein paar weiteren Schlägen wurde Micky klar, dass er jeden ihrer Angriffe abschmettern konnte. Er wusste, wie sie kämpfte. Er musste sie beobachtet haben und zwar über einen langen Zeitraum. Das stellte Micky vor ein Problem. Sie musste also Taktiken anwenden, die Daniel nicht erwarten würde. Nötigenfalls musste sie auch zu unfairen Methoden greifen, Methoden die Sikes bevorzugt hätte. Aber das war etwas, das Micky höchst ungern tat. Auf das Wissen von jemanden wie Michal Alexander zurückzugreifen war ja noch akzeptabel. Er war ein großer Feldherr gewesen, der sich einfach der falschen Seite angeschlossen hatte. Aber Sikes, dieser kranke Spinner, wenn man sich auf seine Spielchen einließ, dann konnte nur zutreffen, was Brigid Kyle an den Kopf geworfen hatte: Man war verdammt.

Während Micky noch grübelte, welche Taktik Daniel am ehesten überraschen würde, musste sie schon wieder seinen nächsten Angriff abwehren. Ihre Waffen schlugen mit solch enormer Wucht aufeinander, dass Funken flogen. Der verschneite Park wurde in ein diffuses Licht getaucht, es roch nach Ozon. Sie standen dicht bei einander. Micky nutzte ihre Chance und rammte Daniel ihr Knie mit aller Macht zwischen die Beine. Im nächsten Augenblick sah sie in seinen Augen Verwunderung und Schmerz. Mit einem ,,Uff" taumelte er drei Schritte rückwärts und ließ sein Schwert fallen. Daniel griff blindlings nach dem Schwertgriff und hatte ihn auf Anhieb. Nun ging er wieder in die Offensive und schlug wiederholt nach Mickys Beinen. Sie konnte zwar aufgrund der Verletzung nicht wie üblich in die Luft springen, dennoch wich sie ihm gekonnt aus. Sie näherten sich wieder dem Mammutbaum, Daniel hatte ihn im Rücken. Mit einer schnellen Sequenz von Schlägen dirigierte sie Daniel auf den mächtigen Stamm zu. Als er hinter sich den Baum spürte, erkannte er, dass er einen fatalen Fehler begangen hatte. Micky machte einen Satz nach vorne und rammte ihm die Spitze ihres Schwertes in den Bauch. Sie zog es wieder raus, Daniel rutschte am Stamm hinunter und ging in die Knie.

,,Weißt du, eigentlich ist das hier noch zu gut für dich. Aber was soll's. Heute ist Weihnachten." Sie hob ihr Toledo Salamanca in den Himmel, und mit dem nächsten Schlag war es vorbei.

Micky ließ ihr Schwert sinken, um kurz zu verschnaufen, doch ihr blieb keine Gelegenheit. Schon krochen die ersten Blitze über den gefrorenen Schnee auf sie zu und färbten ihn bläulich. Kein Laut kam während der Energieübertragung über Mickys Lippen, sie blieb völlig ruhig und wollte Sikes keine Gelegenheit geben, zu ihr zurückzukommen. Einer der Blitze, der durch Micky hindurchgeleitet wurde, traf den Mammutbaum und ließ ihn in Flammen aufgehen.

Als es endlich vorüber war, gestattete Micky ihren Gefühlen freien Lauf. Sie sackte auf die Knie, die Hände umklammerten noch immer den Griff ihres neuen Schwertes, worauf sie sich abstützte. Sie weinte. Sie weinte um Elisabeth, um Pierre, um das Weihnachtsfest, das nach Connors erfolgreicher Suche das schönste überhaupt hätte werden sollen und um einen verlorenen Schüler.

 

Irgendwann versiegten die Tränen. Durch den Tränenschleier, der sich über ihre Augen gelegt hatte, erkannte sie traurig, dass der Mammutbaum, Pierres Stolz, nicht mehr existierte. Nur ein verkohlter Stumpf war übrig geblieben. Wacklig kam Micky wieder auf die Füße und drehte sich in Richtung des Chateaus um. Sie sah, dass Duncan mit seinem Schwert in der Hand auf sie zu rannte.

,,Duncan, es ist alles in Ordnung. Daniel ist tot." Er hielt sein Schwert weiterhin fest gepackt, während er näher kam. Selbst aus dieser Entfernung erkannte Micky, dass er ihr kein Wort glaubte. Sie nahm es ihm nicht übel. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Und auf Wittmore Castle hatte er bitter zu spüren bekommen, dass Micky ihn angelogen hatte Sikes betreffend.
,,Du verstehst sicher, dass ich dir das nicht ohne weiteres glauben kann", rief er ihr zu, während er mit großen Schritten auf sie zukam.
,,Ehrlich. Ich bin in Ordnung", versicherte sie ihm.
,,Und was ist mit Sikes?" Sie grinste, was Duncan noch mehr verunsicherte.
,,Er ist fort. Ich habe ihn überlistet." Duncan stand nun ganz nah vor Micky, sie konnte seinen warmen Atem in ihrem Gesicht spüren.
,,Sieh mir in die Augen, Micky." Sie lächelte amüsiert über seine Aufforderung.
,,Duncan, du kannst das nicht. Nostradamus' Tricks sind nicht deine Sache." Er nahm Micky ohne Widerstand ihrerseits das Schwert ab und hielt ihr Handgelenkt fest.
,,Dazu brauche ich diesen Trick auch nicht. Ich kann es in deinen Augen sehen. Ich kann darin sehen, ob du wirklich du selbst bist, ob du die Wahrheit sagst." Sie seufzte.
,,Also schön, aber mach schnell. Ich friere." Sie ließ zu, dass Duncan einen tiefen Blick in ihre Seele werfen konnte. Sie konnte es auch verhindern, auch dies hatte sie von Nostradamus gelernt. Doch in diesem Fall war es besser, Duncan sehen zu lassen, was er suchte.

Nach einigen Minuten atmete er erleichtert auf und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
,,Gehen wir, Comtesse. Es ist überstanden."

 

Frankreich, Chateau Dubois, der nächste Tag.
,,Madame, ich werde dann nach Weihnachten damit beginnen, nach einer geeigneten Nachfolgerin für mich zu suchen. Ich nehme an, dass Sie bei den endgültigen Gesprächen dabei sein möchten?" Micky nickte einverstanden und sichtlich zufrieden. Auch war sie überrascht, dass Yvette sich so gut im Griff hatte.
,,Noch eines, Yvette. Wenn du den Rest des Tages frei haben möchtest, um in die Dorfkirche zu gehen, habe ich nichts dagegen. Ich kann auch selbst das Essen zubereiten."
,,Das ist sehr nett von Ihnen, Madame. Ich weiß aber nicht, ob es Maman recht gewesen wäre, wenn ich ihre Pflichten übernehme und sie gleich am ersten Tag vernachlässige."
,,Dann ordne ich an, dass du dir wie geplant heute den Rest des Tages frei nimmst, Yvette. Keine Widerrede." Yvette lächelte dankbar und knickste.
,,Ach und, Yvette, wenn es dir irgendwie möglich ist, dann unterlasse bitte in Zukunft das Geknickse. Wir leben im 21. Jahrhundert, aber bei dir komme ich mir manchmal so vor, als würde ich wieder im 16. leben."
,,Ja, Madame." Sie bemühte sich sichtlich, nicht wieder zu knicksen und verließ schnell das Zimmer, bevor der Drang zu groß wurde.

Kaum hatte Yvette das Arbeitszimmer verlassen, ging die Tür auf und Duncan trat herein.
,,Und, konntest du sie überreden?" Er ließ sich gegenüber dem Schreibtisch in den Sessel fallen und sah kurz in den brennenden Kamin, der eine wohlige Wärme verbreitete.
,,Es war ein harter Kampf. Sie hat zwar eingesehen, wie sehr wir sie brauchen, auch weil sie unser Geheimnis kennt, dennoch wollte sie nicht bleiben. Ich habe ihr aber begreiflich gemacht, dass sie hier zuhause ist. Dass die Muriels und die Sterns einfach hierher gehören. Und dass hat sie dann wohl letztendlich dazu gebracht, die Stelle ihrer Mutter zu übernehmen. Antoine wird Pierres Stelle antreten."
,,Dann bleibt ja alles in der Familie."
,,Fast. Wir brauchen natürlich einen Ersatz für Yvette. Ihre alten Aufgaben kann sie nicht länger ausführen. Das stellt uns vor ein kleines Problem. Wir brauchen jemanden, dem wir absolut vertrauen können, am Besten jemanden aus einem meiner Dörfer. Es kann immer wieder vorkommen, dass einer von uns ein Duell im Schlosspark austragen muss. Außerdem trainieren wir ja auch manchmal im Garten. Papa Maurice geht hier ein uns aus, immer wieder fallen Sätze, die uns verraten könnten."
,,Aber wie willst du die Auswahl treffen? Und wie wird ein Fremder aus dem Dorf darauf reagieren, wenn du dich offenbarst?" Micky grinste. Natürlich hatte sie schon darüber nachgedacht.
,,Weißt du, Liebling, nicht nur Methos ist legendär. Ich bin es auch." Sie warf ihm einen geheimnisvollen Blick zu, der Duncan grinsen ließ. ,,Doch, doch, Duncan. Die meisten Leute hier kennen die alten Legenden, die sich um mich ranken. Nicht um meine derzeitige Inkarnation als soundsovielte Comtesse Dubois. Sondern um jene geheimnisvolle Comtesse, die im 16. Jahrhundert von ihrem Verlobten ermordet wurde, von den Toten zurückkehrte und seitdem angeblich hier rumspukt."
,,In gewisser Weise redest du dann doch von dir, mein süßer Schlossgeist", erwiderte Duncan noch immer grinsend, worauf Micky ihn mit einer Wallnuss bewarf.
,,Haha. Aber vielleicht haben wir Glück und finden jemanden, der kein Problem damit hat, für einen Geist zu arbeiten. Hast du inzwischen etwas über den Aufenthaltsort von Gregor Powers erfahren?" Er schüttelte den Kopf.
,,Joe arbeitet daran. Die Reform kam gerade zum rechten Zeitpunkt. In einem Fall wie diesem haben wir nun ganz andere Möglichkeiten. Allerdings ist Joe noch nicht weitergekommen. Greg ist wie vom Erdboden verschluckt, nachdem er aus dem Schlosspark getürmt ist. Sein Beobachter hat die Spur verloren. Ich hätte ihn töten sollen, als ich die Gelegenheit dazu hatte..." Duncan dachte zurück, wie er 1993 in Vancouver Gregs Weg gekreuzt hatte. Er war kurz vor der Selbstzerstörung gewesen und hätte den noch nicht unsterblichen Richie mit sich ins Chaos gerissen, wenn der unbewaffnete Duncan Gregors Herausforderung nicht angenommen und ihn zur Vernunft gebracht hätte. So hatte er zumindest gehofft. Er hatte sich anscheinend geirrt.
,,Mac, das hätte Daniel nicht davon abgehalten sich an mir zu rächen. Du hast damals richtig gehandelt. Greg brauchte Hilfe, und du hast ihm geholfen. Wie hättest du ahnen können, dass er die schmale Grenze zwischen Normalität und Wahnsinn unabänderlich überschritten hatte? Du hättest seine Rolle in Daniels Plan nicht verhindern können. Wir wissen ja noch nicht mal, wann die beiden sich getroffen haben. Wichtig ist, dass Daniel tot ist, Sikes ist auf ewig verschwunden, und Gregor finden wir auch noch, um ihm das Handwerk zu legen."
,,Hoffen wir nur, dass er sich bis dahin nicht dem Konsortium anschließt." Micky seufzte über Duncans Befürchtung.
,,Zeig mir mal in der heutigen Zeit einen Unsterblichen, der wenn er nicht auf unserer Seite steht, nicht für das Konsortium arbeitet. Das ist unwahrscheinlicher als ein Sechser im Lotto."

 

 

11. Die schwarze Witwe

 

Frankreich, Paris, Montmartre, in der ersten Januarwoche.
Als der Wecker in seinem Schlafzimmer klingelte, öffnete Richie kurz einen spaltbreit die Augen und sah durch die Balkontüren, dass das Schneegestöber, das gestern Abend eingesetzt hatte, Paris immer noch fest in seinen eisigen Klauen hatte. Er griff nach seiner Bettdecke und zog sie sich weit über den Kopf. Nur noch ein paar Minuten, dachte er. Doch dann hörte er Geräusche, die aus der Küche zu ihm drangen. Seine Mitbewohnerin war erwacht. Richie hätte sich nie träumen lassen, dass er mal eine platonische Wohngemeinschaft mit einer Frau eingehen würde, in die er sich vor noch gar nicht so langer Zeit verliebt hatte. Aber so war es nun einmal. Ginger brauchte seine Hilfe, seine Erfahrung. Er grinste angesichts der Tatsache, dass er sich für weise genug hielt, um eine Schülerin zu unterrichten. Im gleichen Moment hörte er Mickys gehässige Stimme im Ohr, die ihm bescheinigte, dass er von der Weisheit Millionen Meilen entfernt wäre.

Richie schlüpfte auf Socken aus seinem unaufgeräumten Schlafzimmer und schlurfte müde in die Küche. Es war für ihn immer noch erstaunlich, wie geschickt Ginger inzwischen in der gemeinsamen Wohnung zu Recht kam. Am Anfang war noch viel zu Bruch gegangen. Doch der Duft von frisch gebrühtem Kaffee sagte ihm, dass heute früh alles gut gegangen war.

,,Morgen, Richie." Sie lächelte ihn an, die Augen sorgsam hinter ihrer Sonnenbrille versteckt. Das lange Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, über ihrem Nachthemd trug sie einen seidenen Morgenmantel. Richie kam sich in T-Shirt und Jogginghose regelrecht underdressed vor und war froh, dass Ginger ihn so nicht sehen konnte. Er fuhr sich über die Bartstoppeln, also auch noch rasieren, bevor sie in die Galerie fahren würden.
,,Morgen, Ginger. Du warst ja schon wieder fleißig."
,,Ich war sogar schon bei Monsieur Claude", bemerkte sie stolz. Monsieur Claude betrieb in der Straße eine kleine Bäckerei, zu der Ginger bisher nur in Begleitung von Richie gegangen war.
Anscheinend war sie aber nun selbstsicher genug, um tägliche Besorgungen auch alleine zu erledigen.
,,Das ist toll. Aber ich hoffe, du warst vorsichtig." Himmel, er hörte sich an wie Micky, wenn sie in Sorge um ihren Schüler gewesen war. Er grinste. So konnten sich die Dinge ändern.
,,Richie, es war nur ein Unsterblicher in der Nähe, und der hat so laut geschnarcht, dass sich die Balken unserer Wohnung verbogen haben."
,,Und du singst unter der Dusche so schief, dass sich der Stahl im Nebel verbiegt", konterte Richie lachend. Ginger warf eines der frischen Brötchen in die Richtung, aus der Richies Stimme gekommen war. Er fing es geschickt auf. ,,Deine Sinne werden mit jedem Tag schärfer."
,,Das will ich doch auch hoffen. Es wäre ganz schön, wenn ich irgendwann mal für längere Zeit ohne Kindermädchen auf die Straße könnte." Sie schob ihm Marmelade und seinen Kaffee entgegen.
,,Hey, ich bin kein Kindermädchen, sondern dein Mentor, Grünschnabel." Ginger seufzte.
,,Wieso musst du mich immer Grünschnabel nennen?" Er lachte, das kam ihm alles so bekannt vor.
,,So ist es nun mal, der Schüler bekommt einen dämlichen Namen und muss damit leben." Für einen kurzen Moment war Richie versucht, Ginger zu sagen, dass auch er noch ,,Junior" genannt wurde. Er verkniff es sich. Schlimm genug, dass Micky und die anderen ihn damit aufzogen, Ginger brauchte sich ihnen nicht anzuschließen.
,,Und wann werde ich den wieder los?"
,,Die nächsten hundert Jahre auf jeden Fall nicht, Grünschnabel."
,,Danke, Meister. Du machst mir richtig Mut."
,,Gern geschehen, und jetzt iss auf, wir müssen los. Es gibt viel Arbeit in der Galerie. Wir stellen eine neue Ausstellung auf die Beine."
,,Funktioniert das Alarmsystem?" Richie stutzte angesichts der Frage.
,,Wieso fragst du?"
,,Na ja, das letzte Mal als ihr diese Inkamaske ausgestellt habt, hat Amanda doch versucht sie zu stehlen."
,,Amanda ist in Griechenland. Sie ist nach der Flucht aus Irland und einem kurzen Zwischenstop hier direkt abgereist. Sie hat auf irgendeiner kleinen Insel ein Haus, wo sie sich erst mal erholen will." Ginger verschränkte die Arme vor der Brust.
,,Na und? Was hält sie davon ab, Micky eins auszuwischen?"
,,Die Angst um ihren Kopf? Als sie erfuhr, dass Micky diesen Michael Alexander in New York platt gemacht hat, hat sie es sich überlegt und ist abgehauen."
,,Ja, mit der Maske." Richie seufzte leicht genervt.
,,Du bist eine kleine Besserwisserin."
,,Du hättest mir eben nicht erzählen sollen, was in den letzten Jahren bei euch so passiert ist."
,,Du bist immerhin meine Assistentin. Da musste ich dich doch über den Einbruch informieren."
,,Eben, und als deine Assistentin muss ich dich darauf hinweisen, dass die Maske gefährdet sein könnte. Du solltest zur Sicherheit deinen Beobachter fragen, ob Amanda wirklich noch in Griechenland weilt."
,,Oder ich frage Methos, ob er sie mit Isis besucht und ablenkt, solange wir die Ausstellung haben", überlegte Richie und trank seinen Kaffee aus. ,,Mal sehen, was Micky von der Idee hält." Er griff zum Telefon, um in der Galerie anzurufen, als es im selben Moment anfing zu klingeln. ,,Morgen Boss, bist du Telepathin? Ich wollte dich gerade anrufen... Du bist wo? Du hast was? Okay, ich bekomme das schon hin. Bis dann." Er legte auf. Zwar konnte Ginger Richies irritierten Gesichtsausdruck nicht sehen, doch sie schien es zu ahnen.
,,Ist was passiert?"
,,Wie man's nimmt. Du erinnerst dich doch, dass Micky bei allen Kontaktleuten nach einem bestimmten Typ Schwert angefragt hat." Sie nickte. ,,Und wie es aussieht, ist sie fündig geworden. Ein Händler aus Florenz hat angerufen und gesagt, dass ihm ein Schwert, auf das Mickys Beschreibung passt, angeboten wurde. Und jetzt ist sie auf dem Weg nach Florenz. Zusammen mit Duncan.“

 

Italien, Florenz, der nächste Tag.
Florenz, die Hauptstadt der Toskana, wo sich bereits 800 vor Christus Etrusker niedergelassen hatten, wurde auch das ,,italienische Athen" genannt. Was verständlich war, bedachte man, welch große Söhne und Töchter sie hervorgebracht hatte. Michelangelo, Botticelli, Da Vinci oder Galilei und auch die Königin Katharina Medici, ohne deren Schutz Nostradamus einen frühen Tod im Feuer der Inquisition gefunden hätte, waren nur einige von ihnen. Bereits im 14./15. Jahrhundert war die Stadt aufgeblüht, nicht zuletzt dank der Medici, die die schönen Künste großzügig unterstützt hatten.

Dante, dessen Namen Micky sich als Nachnamen gewählt hatte, war hier zu Beginn des 14. Jahrhunderts ins Exil geschickt worden.

Und eine besonders dunkle Ära hatte die Stadt dann unter dem falschen Propheten Savonarola erlebt, der mit seinen düsteren Ankündigungen über das Ende der Welt und den Zorn Gottes selbst Künstler wie Botticelli dazu gebracht hatte, ihre eigenen Werke in einer öffentlichen Verbrennung, dem berüchtigten ,,Fegefeuer der Eitelkeiten", von Kleidung, Kunstwerken, Kosmetika, Spiegeln und Musikinstrumenten zu übergeben. Savonarolas Gottesstaat war zu einer Schreckensdiktatur geworden, mehr als ein Vierteljahrhundert bevor Micky das Licht der Welt erblickt hatte. Doch auch er war den Weg alles Irdischen gegangen und durch die Kirche, die er so eisern hatte reformieren wollen, zum Tode verurteilt worden.

 

Während Duncan ihren Mietwagen durch die Stadt am Arno lenkte, deren zahlreiche Brücken die Stadtviertel miteinander verbanden, gab Micky sich den Erinnerungen an die längst vergessenen Zeiten hin. Ein leiser Seufzer entfuhr ihr, Duncan warf ihr einen kurzen Blick zu.

,,Du schwelgst wohl in Erinnerungen, hm?" fragte er.
,,Ja. Ist das bei einer so geschichtsträchtigen Stadt verwunderlich? Es kann ja eigentlich nur ein gutes Omen sein, dass eins der Schwerter ausgerechnet in der Stadt auftaucht, in der ich Darius wieder getroffen habe."
,,Na, wenn du meinst", antwortete Duncan ein wenig skeptisch und mit mürrischer Stimme.
,,Sag mal, hast du schlechte Laune?"
,,Nein", grollte er. ,,Ich finde es nur hirnrissig eine Schatzsuche nach einem Schwert zu starten, um Woodhouse zu erledigen." Micky seufzte genervt.
,,Ich hab es dir doch schon so oft erklärt, man kann ihn nicht mit einem gewöhnlichen Schwert erledigen. Ich brauche ein Schwert der Macht." Sie hatten ihr Ziel erreicht. Duncan trat hart auf die Bremse und fixierte Micky mit finsterem Blick.
,,Du hast mir was versprochen."
,,Ich weiß, und ich versuche auch ehrlich mich daran zu halten. Erst einmal müssen wir das Schwert überhaupt finden, dann sehen wir weiter." Sie sah Duncan an, dass er mit der Antwort nicht zufrieden war. ,,Duncan, was soll ich denn machen? Ich kann ihn doch damit nicht durchkommen lassen. Nach allem, was er mir angetan hat." Es grollte am Himmel bedrohlich, tiefschwarze Wolken zogen sich über der Stadt zusammen.

Duncan antwortete nicht, sondern ließ nur ein für ihn typisches ,,Hmpf" erklingen, was Micky entweder als Missbilligung oder Akzeptanz auslegen konnte. Da sie keine Lust auf einen Streit hatte, nahm sie lieber an, Duncan hätte es akzeptiert.

Nachdem er den Wagen vor dem Antiquitätenladen von Signori Alfonso geparkt hatte, griff Micky nach ihrer Handtasche und ging mit schnellen Schritten voraus.

,,Kannst du nicht einmal auf mich warten?" rief er ihr genervt hinter her, doch Micky war schon in dem Geschäft verschwunden. ,,Ich schwöre, eines Tages..." Aber Duncan mochte noch so viel schwören und fluchen, er wusste, er würde Micky nicht von ihren Plänen abhalten können. Er konnte nur hoffen, dass sie wusste, was sie tat.

Gerade als er hineingehen wollte, blieb Duncans Blick im Schaufenster des Antiquitätengeschäftes an einer Pfeife hingen, die ihm einmal wohl vertraut gewesen war, vor langer Zeit. Er erkannte sie sofort, kein Zweifel. Sie stammte aus dem Besitz eines seiner besten Freunde: Hugh Fitzcairn, dem Engländer mit dem magischen Talent Schwierigkeiten anzuziehen. Micky hätte ihn gemocht, dachte er schmunzelnd. Für Duncan war er anfänglich ein Ärgernis gewesen, da Fitzcairn ein Verhältnis mit der Tochter des Dogen von Verona gehabt hatte und Duncan beauftragt gewesen war, die vermeintliche Unschuld der jungen Damen zu bewahren. Nach diesen anfänglichen Schwierigkeiten und einigen herben verbalen Auseinandersetzungen, die die Fronten geklärt hatten, waren sie die besten Freunde geworden. Duncan und Fitz waren sich oft begegnet im Laufe der Jahrhunderte, hatten sogar ab 1639 einige Jahre gemeinsam im Dienst des Herzogs von Mailand gestanden. Vor einigen Jahren war er leider in ein Duell gezogen, das er nicht überlebt hatte.

Entschlossen, die Pfeife in Erinnerung an Fitz zu kaufen, betrat Duncan den dunklen Laden und wusste im selben Moment, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. In der Ecke beim Verkaufstresen lag ein Mensch. Duncan näherte sich vorsichtig. Die in sich zusammengesunkene Leiche von Signori Alfonso bestätigte seinen Verdacht dann endgültig. Zusammen mit den Kampfgeräuschen, die vom Hinterhof in den Laden drangen. Duncan zog unter seinem beigefarbenen Mantel sein Katana hervor und eilte quer durch den Raum. Im Vorbeirennen sah Duncan, dass über Signori Alfonsos Herzen ein Blutfleck war. Eindeutig von einer Stichwaffe. Anscheinend war noch ein anderer Unsterblicher auf dieses besondere Schwert aus.

Noch ehe Duncan die Hintertür erreicht hatte, hörte er Kampfgeräusche, Metall, das gegeneinander schlug. Und die blumige Ausdrucksweise seiner Angetrauten, die ihren Gegner offensichtlich beschimpfte.

 

Als er nur Augenblicke später den Hof betrat, sah Duncan, dass Micky bereits verbissen kämpfte. Eigentlich wollte er ihr sagen, dass sie selbst in Italien den Ärger anzog, wie das Licht die Motten, doch als er sah, gegen wen Micky da kämpfte, verschlug es ihm die Sprache. Ihre Gegnerin war Madeleine Alexander. Ihre stahlblauen Augen strahlten noch mehr Hass aus als in jener Nacht auf Wittmore Castle, wenn das überhaupt möglich war. Völlig in schwarz gekleidet umtänzelte sie Micky, deren Kleidung bereits schlammverschmutzt war. Sie hatte wohl schon mehr als einmal Bodenkontakt gehabt.

Mittlerweile hatten die schweren Wolken das Viertel, in dem sich der Antiquitätenladen befand, erreicht. Es schüttete wie aus Kübeln. Der Hinterhof, dessen Boden aus einem lehmigen Untergrund bestand, verwandelte sich in eine rutschige Schlammpiste. Micky und Madeleine hatten Mühe sich auf den Beinen zu halten. Madeleine rutschte aus, verpasste Micky aber mit dem Griff ihres Schwertes einen Kinnhaken, der Micky einige Schritte rückwärts stolpern ließ.

Sie schüttelte kurz ihren Kopf, um die Sterne zu vertreiben, die vor ihren Augen aufgetaucht waren. Sie ging in die Offensive und drängte Madeleine ein paar Schritte zurück, bevor es genau anders herum war. Nun war Micky es, die zurückweichen musste und versuchte die Schläge abzuschmettern, mit denen Madeleine immer intensiver auf sie eindrosch.

,,Hast du alles im Griff?" rief Duncan seiner Frau zu, die gerade über einen Blumenkübel sprang, aber sicher wieder landete.
,,Wird schon werden. Pass vorne auf, ob die Polizei auftaucht."
,,Bist du sicher?" Sie antwortete nicht, sondern wehrte weiter die mächtigen Hiebe ab, in die Madeleine Alexander all ihren Hass legte, um
Micky zu besiegen und ihr dadurch ein nasses, schlammiges Grab zu bescheren. Im nächsten Moment rutschte Madeleine aus und verdrehte beim Sturz ihr linkes Bein in einem ungünstigen Winkel. Micky hörte, wie ein Knochen brach, gönnte ihr aber keine Verschnaufpause. Sie kam mit ihrem Schwert in der Hand und heftig durch die Nase atmend auf ihre Widersacherin zu.

,,Eines hätten Michael oder Kyle Ihnen ruhig mal beibringen können, Madeleine..." Sie sah auf die besiegte zu ihren Füßen kauernde Frau herunter. ,,Dass man niemals im Zorn kämpfen soll."
Micky hob ihr Schwert und ließ es auf Madeleines Hals niedersausen. Duncan drehte sich um, es war vorbei. Doch er hatte sich geirrt. Madeleine hatte ihre Kraftreserven noch nicht völlig aufgebraucht. Sie schmetterte den tödlichen Schlag ab, holte aus und durchbohrte Mickys Bauch.
,,Und Sie sind zu siegessicher, Mrs. MacLeod!" Erschrocken taumelte Micky einige Schritte zurück. Sie wusste, dass sie jetzt kurz davor stand zu verlieren, aber Micky ließ sich nicht beirren. Sie ignorierte den brennenden Schmerz, der ihr das Leben aus dem Körper zog und holte tief Luft. Mit schwindender Kraft schlug sie nach Madeleine, die nun ebenfalls am Ende war und ihre Niederlage erkannte.
,,Sie können mich heute besiegen, Mrs. MacLeod, aber das ist nicht das Ende. Noah hat noch genug Überraschungen für Sie!"
,,Drohungen haben mich schon nicht davon abgehalten Sikes zu töten!" brachte sie keuchend hervor. Leicht schwankend holte Micky noch einmal aus. Ihr Schwert kam gnadenlos näher und trennte mit einem einzigen Hieb den Kopf ab. Micky fiel das Toledo Salamanca aus der Hand, im gleichen Moment sackte sie genau wie die enthauptete Leiche vorne über und fiel mit dem Gesicht in eine Pfütze. Duncan zwang sich, stehen zu bleiben und die Energieübertragung abzuwarten. Madeleines letzte Worte hallten noch in seinen Ohren wider. Was um Himmels Willen hatte sie damit gemeint? Nichts Gutes, soviel stand fest, und Duncan war sich sicher, dass sie es eher früher als später herausfinden würden.

 

Duncan roch das Ozon, das durch die ausströmenden Blitze die Luft anreicherte. Es hatte begonnen. Micky, tödlich verwundet durch Madeleines letzten Treffer, wurde von der Energieübertragung leicht wie eine Feder in die Luft gehoben. Duncan ging vorsichtshalber ins Haus zurück, um nicht versehentlich einen Schlag abzubekommen, im Hof standen inzwischen unzählige Pfützen, die sich immer schneller mit Wasser füllten. Als sie wieder zu sich kam, registrierte Micky benommen, dass sie in der Luft schwebte, während die Blitze von Madeleine auf sie übergingen. Einige waren so intensiv, dass die Scheiben auf der Rückseite des Geschäftes zerbarsten. Die Splitter trafen Micky prasselten auf sie nieder und schnitten ihr die Haut auf. Verstärkt durch das Unwetter und auch durch die Kräfte, die ihre Gegnerin im Laufe der Jahrhunderte in sich aufgenommen hatte, wurde sie auf und nieder geschleudert. Ein paar Mal krachte sie höchst unsanft zu Boden, Duncan stieß jedes Mal mitleidig die Luft aus.

Nachdem Micky es endlich überstanden hatte, rannte Duncan zu ihr in den Hof zurück. Er kniete sich neben sie und bettete die bewusstlose Micky in seinen Schoß.

,,Hey Comtesse, alles klar?" Behutsam strich er ihr eine nasse, blutverschmierte Haarsträhne aus dem Gesicht. Die Stelle, die Madeleine mit ihrem Schwertgriff getroffen hatte, schimmerte bereits in allen Regenbogenfarben. Mickys Augen bewegten sich schnell hinter ihren geschlossenen Lidern. ,,Liebling, komm, schlag die Augen auf, ich muss dich hier rausschaffen, bevor die Polizei auftaucht." Sie stöhnte, Duncan zog vorsichtig ihren ehemals weißen Kashmirpullover hoch und warf einen Blick auf ihre Brust. Die Wunde war schon wieder verschwunden. Aus weiter Ferne hörte er nun Sirenen, die langsam näher kamen. Er hatte keine Wahl, er trug Micky und ihr Schwert in den Laden zurück, wobei er sie immer wieder absetzte, um Fingerabdrücke abzuwischen. Gerade wollte er den Laden verlassen, als er vor der Schaufensterauslage verharrte.

Noch einmal setzte er Micky ab, die keinen Einspruch erhob. Er legte den Preis für Fitzcairns Pfeife in die Kasse, steckte sie ein und trug Micky eilig zum Auto. Signori Alfonso mochte tot sein, aber Duncan war kein Dieb, das überließ er Amanda und Isis.

 

 

Italien, Florenz, wenig später im Hotel.
Micky kam in einen Bademantel gehüllt und sich die Haare trocken rubbelnd aus dem Badezimmer. So ein heißes Bad konnte auch das schlimmste Duell wieder wettmachen. Duncan drehte gedankenverloren die Pfeife in der Hand, während sie zu ihrem Koffer ging und sich etwas zum Anziehen heraussuchte.

,,Kannst du mir mal sagen, warum du das alte Ding mitgenommen und auch noch dafür bezahlt hast?" Duncan ignorierte den Vorwurf und lächelte bei dem Gedanken an den früheren Besitzer.
,,Sie hat einmal einem Freund von mir gehört. Einem Unsterblichen namens Hugh Fitzcairn. Er war ein bisschen wie dein Finnigan, er hatte eine Schwäche für schöne Frauen und ein großes Talent sich in Schwierigkeiten zu bringen. Du hättest ihn gemocht..."
,,Ist er tot?" Duncan nickte, sprach aber nicht weiter. Micky beließ es dabei. ,,Ich will heute Nacht noch einmal in den Antiquitätenladen."
,,Ich hör wohl nicht richtig! Das sieht selbst Richies blinde Schülerin, dass dir Madeleine Alexander eine Falle gestellt hat! Du bist so versessen auf dieses verfluchte Schwert, dass du blindlings hinein gerannt bist!" Micky überlegte kurz.
,,Vielleicht hast du Recht. Ich sollte die Suche nach dem Schwert etwas ruhiger angehen. Es ist nur... Ach, ich wünschte, nur einer von Denjenigen wäre tot. Vorzugsweise Kyle. Dann könnten wir die guten, alten Kämpfe um die Zusammenkunft wieder aufnehmen und unsere alten Fehden austragen, ohne ständig das Ende der Welt im Hinterkopf zu haben." Sie setzte sich neben Duncan auf das Bett und legte ihren Kopf an seine Schulter.
,,Ja, dann wäre das Leben richtig einfach", witzelte Duncan und drückte Micky fest an sich.

 

 

12. Auf den zweiten Blick

 

Frankreich, Paris, einige Wochen später.
Mathis Roger, ein 24 Jahre alter Nachwuchsredakteur bei der noch relativ jungen Tageszeitung ,,Toujours" saß ungeduldig in einem kleinen Café in der Nähe der Pont Neuf und wartete auf den Mann, den er für den Mörder seiner guten Freundin Isabelle Coulins hielt. Mathis' blaugraue Augen fixierten durch seine Brille den Eingang, er drückte eine Zigarette aus und zündete die nächste an. Vor ihm stand eine Tasse Cappuccino, die er noch nicht angerührt hatte, die aktuelle der Ausgabe der ,,Le Monde" lag sorgfältig zusammengefaltet daneben. Die Fröhlichkeit, die die Besucher des kleinen Cafés verbreiteten, passte so gar nicht zu seiner Stimmung oder seinen Plänen.

Gerade wollte Mathis einen Schluck trinken, als die Tür aufging und der Mann eintrat, den er erwartet hatte. Erwartungsvoll stellte er die Tasse wieder ab und nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette. Er war noch nicht lange im Zeitungswesen tätig und gewiss nicht so ausgebufft, dass er keinerlei Emotionen verspürte, wenn er sich mit einem vermeintlichen Mörder traf. Schon gar nicht mit dem Mörder einer Freundin.

 

Connor schüttelte sich den Regen aus dem Kragen seines langen Mantels und überprüfte kurz den Sitz seines Schwertes, bevor er den Mantel an die Garderobe hängte. Der Mann, der ihn herbestellt hatte, wartete bereits auf ihn. Am Telefon hatte er gesagt, er wäre ein Freund von Isabelle gewesen. Er hatte sich gut beschrieben, Connor hatte ihn sofort erkannt. Isabelles Freund war ein junger Kerl mit braunen, kurzen Haaren. Er trug einen weißen Rollkragenpullover und musterte Connor ungeduldig.

,,Monsieur Roger, ich bin Connor MacLeod."
,,Ich weiß", sagte er knapp und bot Connor einen Platz an. Die aufmerksame Bedienung entdeckte Connor und fragte sofort nach seiner Bestellung. Er bat noch um etwas Zeit und betrachtete den jungen Mann erwartungsvoll. Mathis war jetzt wirklich nervös, seine anfängliche Coolness war völlig verflogen.
,,Sie haben gesagt, Sie hätten Beweise, wer meine Verlobte ermordet hat." Mathis zögerte kurz, war verunsichert. Er hatte nicht gewusst, dass Isabelle beabsichtigt hatte, diesen Kerl zu heiraten.

Allerdings hatte ihr Kontakt sich in letzter Zeit auf das Berufliche beschränkt. Isabelle hatte ihn nur angerufen, wenn sie Informationen gebraucht hatte. Ob das an diesem MacLeod und ihrer Beziehung gelegen hatte, wusste Mathis nicht, doch es hatte ihn geärgert. Isabelle und er kannten sich seit der Schulzeit, kurze Zeit waren sie sogar ein Paar gewesen.

,,Tun Sie nicht so unschuldig, MacLeod. Sie haben Isabelle auf dem Gewissen." Da war vielleicht sogar etwas dran. Noah Woodhouse hatte ihn treffen wollen , indem er ihm das Wichtigste im Leben genommen hatte. Wäre er nicht mit Isabelle zusammen gewesen, hätte Woodhouse keinen Grund gehabt sie zu töten.
,,Mr. Roger, Sie haben nicht die geringste Ahnung."
,,Ich weiß, dass Sie ein Mörder sind. Das genügt mir. Sie hatten an dem Abend ein Date mit ihr. Sie haben Isabelle getötet und sogar ihre Leiche verschwinden lassen." Wutschnaubend blähten sich seine Nasenflügel auf. Connor schüttelte den Kopf, versuchte die Ruhe zu bewahren. Isabelles Tod und die Erinnerung daran, nahm ihn immer noch sehr mit.
,,Ich habe sie nach Schottland in meine Heimat gebracht und neben meiner ersten Frau beerdigt. Ich dachte einfach, dass sie dorthin gehört, auf das Land meiner Vorfahren, neben Heather. Weil sie die einzige Frau in meinem Leben war, die mir ebensoviel bedeutet hat wie Heather..." Connor hatte den Kopf zum Fenster weggedreht, als er Mathis jetzt ansah, waren seine Augen feucht. ,,Sie können das nicht verstehen, Monsieur Roger. Ich habe Isabelle so sehr geliebt, mehr als mein Leben. Wenn es eine Möglichkeit gegeben hätte, wäre ich für sie gestorben. Ihr Verlust hat mich beinahe um den Verstand gebracht, ich bin vor allem davon gelaufen, das mir vielleicht noch wichtig war, vor meiner Familie, meinen Freunden... Ich bin es leid, so leid...."
,,Mit der Schuld zu leben?" fragte Mathis gehässig, der Connors Tränen nur für eine gute schauspielerische Leistung hielt, aber nicht mehr.
,,Nein, überhaupt noch zu leben. Schon viel zu lange... Lassen Sie uns einen Spaziergang machen, dann erzähle ich Ihnen, was ich meine."

Connor wartete seine Antwort nicht ab, er war bereits auf dem Weg zur Garderobe. Mathis warf ein paar Euro auf den Tisch und folgte ihm. So leicht ließ er Isabelles Mörder nicht entkommen.

 

Ein paar Minuten später ging Mathis höchst misstrauisch und wachsam an der Seite von Connor die Uferpromenade entlang. Der starke Regen machte den beiden Männern nichts aus, da waren sie aber auch die einzigen. Kaum ein Mensch hatte sich bei diesem Wetter an den Fluss verirrt.

Unauffällig schaltete Mathis ein Tonbandgerät ein, das er in seiner Jackentasche versteckt hatte. Er erhoffte sich ein vollständiges Geständnis, um seiner Freundin Gerechtigkeit und Frieden und sich eine sensationelle Story zu verschaffen.

,,Dann legen Sie mal los, Monsieur MacLeod."
,,Ich wurde 1518 in Glenfinnan, Schottland geboren." Mathis blieb wie angewurzelt stehen, sah ihn skeptisch an und fing schließlich an zu lachen.
,,Ich verstehe, Sie wollen auf unzurechnungsfähig machen." Connor schüttelte den Kopf, in seinen Augen lag unendlich tiefe Traurigkeit.
,,Nein, Sie verstehen nicht. Ich bin unsterblich seit 1536, als ich in einer Schlacht gegen einen verfeindeten Clan gefallen bin. Isabelle war seit zwei Jahren unsterblich... Sie..."
,,Moment", fiel Mathis ihm ins Wort. ,,Was ist das denn für ein ausgemachter Blödsinn?! Wenn sie angeblich unsterblich war, wie kann sie dann tot sein?! Wollen Sie mich verarschen?!" Einmal im Leben wollte Connor einen Sterblichen treffen, der ihm sofort Glauben schenkte. Das war doch wirklich nicht zuviel verlangt.
,,Es gibt eine Methode, Unsterbliche zu töten, so grotesk das auch klingen mag. Man muss uns den Kopf abschlagen. Alles andere überleben wir. Seit Jahrhunderten vielleicht sogar schon seit Jahrtausenden finden Schwertkämpfe zwischen den Unsterblichen statt. Tag für Tag, überall auf der Welt. Ein ziemlich mächtiger Unsterblicher namens Noah Woodhouse hat Isabelle in die Falle gelockt, er hat sie im Duell getötet." Connor sah den Abend wieder deutlich vor sich, er spürte den kalten Boden unter seinen Knien, seine verdrehten Arme auf dem Rücken, sein Pferdeschwanz, der brutal nach hinten gezogen wurde, wodurch man ihn zum Hinsehen zwang. Er spürte wieder, wie sein Herz aussetzte, als Woodhouse den tödlichen Schlag landete und Isabelle so brutal aus ihrem glücklichen Leben gerissen wurde.
,,Woher wissen Sie das?" Mathis war zwar noch skeptisch, aber die Geschichte schien ihm ein klein wenig zu verrückt, um sie sich auszudenken.
,,Er hat mich gezwungen dabei zuzusehen. Ich kniete auf dem Boden, zwei seiner Schläger hielten mich fest. Ich musste mit ansehen, wie er sie enthauptet hat. Dann ging er. Es ist für ihn nur ein Spiel. Ein krankes, perverses Spiel. Er hat mit voller Absicht meine Schülerin, meine Gefährtin getötet, weil er wusste, dass ich dann den Lebenswillen verlieren und meine Familie im Kampf gegen ihn nicht länger unterstützen würde. Aber ich bin zurück, und ich habe geschworen, dass ich ihn töten werde, egal, was es mich kostet."
,,Haben Sie einen Beweis für Ihre angebliche Unsterblichkeit?" Connor nickte und blieb stehen. Er sah sich kurz um, überzeugte sich, dass sie alleine waren. Bei diesem Sauwetter waren kaum Leute an der Seine unterwegs. Er zückte ein kleines Messer und ritzte sich in die Handfläche, die er Mathis demonstrativ unter die Nase hielt. Binnen weniger Augenblicke, war der Schnitt verschwunden.
Mathis stieß zischend die Luft aus.
,,Genügt Ihnen das? Ich könnte mich auch töten, allerdings dauert es dann etwas länger, bis die Belebung einsetzt. Und das könnte unschöne Fragen aufwerfen, falls doch ein Passant vorbeikommt." Mathis machte unsicher ein paar Schritte rückwärts, wischte sich kalten Schweiß von der Stirn.
,,Ich, ähm.... Das ist alles... Das ist alles so verrückt. Aber... Ich glaube Ihnen, Monsieur MacLeod. Kein Mensch, kann sich so was ausdenken. Puh, ich bin heute früh mit der Absicht aufgestanden, Isabelles Mörder zu überführen, und jetzt ist alles ganz anders. "
,,Willkommen in meiner Welt", meinte Connor ironisch. ,,Was meinen Sie, wie es mir 1536 ging?" Mathis war neugierig geworden.
,,Was ist passiert?" Connor entfuhr ein bitteres Lachen, als er sich erinnerte, wie seine Familie und Freunde ihn vor langer Zeit behandelt hatten.
,,Was denken Sie? Glenfinnan war ein kleines, abgeschiedenes Dorf an den Ufern des Loch Shiel gelegen. Mitten in den Highlands. Während der europäische Kontinent sich unaufhaltsam der Renaissance näherte, steckten meine Leute im tiefsten Mittelalter fest, verfeindete Clans schlugen sich in blutigen Schlachten die Schädel ein. Die Bewohner der Highlands waren zutiefst abergläubig und ängstlich. Man glaubte an Gott, man glaubte an den Teufel. Was denken Sie, wofür man mich hielt, als ich von den Toten auferstanden bin? Oder meinen Cousin Duncan, dem 86 Jahre später das gleiche Schicksal widerfahren ist? Man hat uns aus unserem Dorf vertrieben, unsere Väter haben uns verstoßen. Seither durchstreifen wir die Welt..."
,,Wie viele gibt es?"
,,Tausende, die genaue Zahl kennen wir nicht. Es ist ein immerwährender Kampf Gut gegen Böse."
"Ich möchte Ihnen helfen, Monsieur MacLeod. Ich kann Ihnen sagen, wer Isabelle den Tipp gegeben hat. Vielleicht steht er mit diesem Woodhouse in Verbindung." Connor schüttelte heftig den Kopf.
,,Selbst wenn, ist das Ihr Leben nicht wert. Außerdem wissen wir längst, wo Woodhouse lebt. Mein Cousin und seine Frau haben vergangenes Jahr versucht ihn zu stellen. Es endete in einem Desaster, bei dem wir Micky fast an die andere Seite verloren hätten. Monsieur Roger, Mathis, wenn Ihnen an Ihrem Leben etwas liegt, halten Sie sich fern von uns. Die Bekanntschaft zu uns hat schon Natalie und Isabelle das Leben gekostet. Sie wurden beide unsterblich und verloren beide ihren Kopf durch zwei unserer Erzfeinde. Sie sehen, selbst die Unsterblichkeit ist kein Garant, dass man den Kontakt zu meiner Familie überlebt." Mathis hatte es die Sprache verschlagen. So viele Neuigkeiten waren selbst für einen ausgebufften Journalisten wie ihn nur schwer zu verdauen.
,,Sie sagen Natalie war auch... unsterblich?" Das Wort kam ihm schwer über die Lippen.
,,Ja, sie hatte aber leider nicht viel davon. Kaum war sie unsterblich, lief sie auch schon Christopher Sikes in die Arme. Er war der Frauenmörder, den Isabelle 2006 gejagt hat. Es hat lange gedauert, aber Micky, die Frau meines Cousins, hat ihn inzwischen getötet. Wofür sie einen verdammt hohen Preis bezahlt hat. Aber es würde zu weit gehen, es genau zu erklären. Nur soviel, er war einer von uns... Und jetzt Mathis, möchte ich Sie bitten, mir das Tonband zu geben." Mathis starrte ihn mit offenem Mund an, während Connor ihm seine leere Hand entgegen streckte .

Mathis überlegte kurz. Die Story war eine Sensation. Doch wer würde sie ihm glauben? Es klang mehr nach Science-Fiction oder gut zusammen gedichteter Fantasy als nach einem Tatsachenbericht. Selbst wenn man berücksichtigte, dass er für ein Boulevardblatt arbeitete, wäre er erledigt ohne handfeste Beweise. Sein Ruf, den er sich in den letzten 6 Monaten mühsam aufgebaut hatte und mit dem er hoffte, irgendwann für eine Zeitung mit einem sehr guten Renommee zu arbeiten, wäre hinfällig. Außerdem würde es Isabelles Andenken schaden.

Er griff in seine Jackentasche, holte das Tonbandgerät hervor und gab Connor die Kassette.
,,Wie haben Sie es gemerkt?" Connor lachte über die Frage und warf das Tonband in die Seine.
,,Ich bin immerhin 490 Jahre alt, da hat man aus Erfahrung gelernt. Sie sind Reporter. Und ein guter Reporter geht nie ohne Ausrüstung aus dem Haus. Ebenso wenig wie ein Unsterblicher." Connor öffnete ein wenig seinen Mantel und gewährte Mathis einen kurzen Blick auf sein Toledo Salamanca. Er machte erschrocken einen Schritt zurück, Connor war zufrieden mit der erhofften Reaktion. ,,Ich möchte Ihnen noch einmal dringend raten, keinen Kontakt zu mir, meiner Familie oder meinen Freunden zu suchen. Sonst könnten Sie ganz schnell auf der Abschussliste von Noah Woodhouse stehen."
,,Ich kann auf mich aufpassen“, erwiderte er in der festen Absicht diesem Woodhouse das Handwerk zu legen.
,,Das hat Isabelle auch geglaubt. Und ich habe geglaubt, dass ich sie beschützen kann. Es gibt so eine Art Sonderregel bei uns. Seine Schüler darf man verteidigen, wenn sie in einen aussichtslosen Kampf ziehen müssen, aber nur solange sie in Ausbildung sind. Isabelle war meine Schülerin..." In Mathis' Augen stand auf einmal Erkenntnis.
,,Also, hätten Sie Isabelle retten können. Aber dieser Woodhouse hat es verhindert. Ich verstehe allmählich, was Sie meinten, als sie sagten, Sie hätten Ihr Leben gegeben, um Isabelle zu retten."
Connor nickte nur.
,,Wissen Sie, als Sie vorhin in das Café kamen, war ich felsenfest davon überzeugt, dass Sie Isabelles Mörder sind. Und diese Geschichte unterstützte noch meinen Eindruck von Ihnen..."
,,Manchmal täuscht der erste Eindruck. Das lernen Sie auch noch, wenn Sie etwas älter sind."
,,Ich hoffe es, aber wie gesagt, ich möchte Ihnen helfen. Für Isabelle. Ich will diesen Woodhouse dafür bezahlen lassen." Connor packte seinen Arm und sah ihm fest in die Augen.
,,Das sollten Sie ganz schnell wieder vergessen, Mathis. Der Kampf gegen Woodhouse kann noch Jahre dauern. Wir hatten es noch nie mit einem derartigen Gegner zu tun, und wir wissen nie, wie seine nächsten Schritte aussehen. Er scharrt Horden von Unsterblichen um sich und schickt sie in den Kampf gegen uns. Er benutzt jedes miese Mittel, das ihm einfällt. Es ist ihm egal, wer für die Verwirklichung seiner Pläne sterben muss. Isabelle war erst der Anfang, es werden noch mehr, bis er bekommen hat, was er will..."
,,Und was genau will er?" Wieder ganz der Reporter. Connor lachte bitter.
,,Das glauben Sie mir noch weniger, als alles andere."
,,Versuchen Sie es." Connor wusste, dass er nicht aufgeben würde. Vielleicht war dies die beste Methode, um den neugierigen Reporter loszuwerden und dadurch sein Leben zu schützen.
,,Das Ende der bekannten Welt, eine neue Weltordnung mit ihm als absolutem Herrscher über alle Sterblichen und Unsterblichen. Einen schönen Tag noch, Mathis." Damit ging Connor davon und ließ den verdatterten Mathis im Regen stehen, in der Hoffnung, dass er sich von ihm und den anderen in Zukunft fernhalten würde.

 

 

13. Das Problem mit der Ritterlichkeit

 

Frankreich, Paris, ein Buchladen im Zentrum, einige Tage später.
Duncan blätterte durch einen Roman, den er gerade an der Wand mit aktuellen Bestsellern entdeckt hatte, als er spürte, dass sich ein Unsterblicher näherte. Er klappte das Buch zu und legte es wieder zurück.

Noch ehe er sich umdrehte, bemerkte er breit grinsend: ,,Na, Comtesse, hast du den Parfumladen leer gekauft?"
,,Du weißt doch, dass ich Parfum noch nie mochte." Duncan stutzte, diese Stimme kannte er. Langsam drehte er sich um. Vor ihm stand ein Geist aus seiner Vergangenheit.
,,Celine", flüsterte er ihren Namen, der ihm noch genauso leicht von den Lippen ging wie vor 90 Jahren...

 

Frankreich, ein Lazarett in der Nähe von Paris, im 1. Weltkrieg.
Duncan war seit einiger Zeit bei einer britischen Sanitätseinheit, die Verwundete vom Schlachtfeld evakuierte. Er wollte etwas Sinnvolles tun, lieber Menschleben retten, als weitere zu nehmen. Er hatte in seinem langen Leben schon genug getötet, Sterbliche wie Unsterbliche. Unter den unzähligen Soldaten, die er gerettet hatte, lag ihm einer besonders am Herzen. In seiner Einheit gab es einen jungen Schotten, mit dem Duncan sich angefreundet hatte. Während eines Gefechts war Sam MacMillan schwer verletzt und von Duncan ins Lazarett gebracht worden.

Nachdem sich sein Zustand stabilisiert hatte, war in die Nähe von Paris verlegt worden. Als Belohnung für Duncans unermüdliche Rettung seiner Kameraden hatte er zwei Tage Urlaub von seiner Einheit bekommen und besuchte nun Sam. Er war froh, einmal von der Front wegzukommen, auch wenn es nur für lächerliche zwei Tage war.

 

Das Lazarett war in einer leerstehenden Villa untergebracht und konnte nahezu hundert Genesende beherbergen. Es lag außerhalb von Paris in einer ländlichen Gegend. Mit den meisten verlassenen Gebäuden wurde so verfahren, außerdem gab es auch viele Adlige, die ihre Ländereien und Anwesen für die Versorgung der verletzten Soldaten zur Verfügung stellten. Duncan hatte von einem Dorf namens Chateau Dubois gehört, wo eine besonders eifrige, junge Comtesse Tag und Nacht die Soldaten umsorgte und gesund pflegte. Sie war sogar so engagiert, dass sie persönlich mit ihrem Pferdegespann auf die verlassenen Schlachtfelder fuhr und nach Überlebenden suchte.

 

Duncan lief durch das Erdgeschoss der alten Villa und schaute sich suchend um. Natürlich standen nirgendwo Namen an den Zimmern, von Ärzten, die auf den Gängen bereitwillig Auskunft geben könnten, ganz zu schweigen.

Endlich entdeckte Duncan eine Krankenschwester und ging auf sie zu.

,,Verzeihung, ich suche das Zimmer von Sam MacMillan", sprach er ihren Rücken an. Sie drehte sich mit einem Tablett in den Händen um, und Duncan dachte in diesem Moment, die Sonne würde aufgehen. Sie hatte strahlendes, blondes Haar, das in kleinen, widerspenstigen Löckchen unter ihrer Haube hervorlugte und ebenso strahlendblaue Augen.
,,Tut mir leid. Ich bin erst seit heute hier im Dienst und weiß noch nicht genau, wo alle Patienten liegen..."
,,Ach, das macht doch gar nichts, Schwester..." stammelte Duncan überwältig von ihrer Schönheit und herzlichen Art.
,,Celine. Ich heiße Celine Fabré."
,,Und ich bin Duncan MacLeod, Sanitätseinheit. Ich habe zwei Tage Fronturlaub und wollte einen Freund besuchen. Vielleicht könnten Sie mir herausfinden helfen, wo er liegt und anschließend gehen wir einen Kaffee trinken." Sie lächelte ihn an und nickte kaum merklich...

 

Frankreich, Paris, die Gegenwart.
,,Ich dachte, du wärst tot, Celine", brachte Duncan völlig überrumpelt heraus. ,,Man sagte mir, du wärst bei dem Angriff gestorben." Sie nickte, ebenso fassungslos wie Duncan. Auch sie hatte geglaubt, er wäre schon vor Jahrzehnten gestorben. Sie hatte ja nicht ahnen können, dass Duncan genau wie sie unsterblich war.
,,So war es auch. Ich war auf einem Kontrollgang, um zu überprüfen, ob wir wirklich niemanden vergessen hatten, als der Angriff begann. Ich wusste, ich würde sterben. Aber dann kam ich wieder zu mir, inmitten der Ruinen. Ich irrte in den Trümmern umher, rief um Hilfe. Mein Kopf schwirrte, alles tat weh. Ich hatte keine Erklärung dafür, weshalb ich überhaupt noch am Leben war. Dann hatte ich so ein merkwürdiges Gefühl, eine Art Warnung, dass jemand kam. Du kennst das ja. Es war ein französischer Soldat, irgendetwas sagte mir, dass er so war wie ich..." Sie lächelte bei der Erinnerung, aber in ihren Augen lag auch ein Hauch von Traurigkeit. ,,Sein Name war Matthieu. Er erzählte mir von den Unsterblichen und der Zusammenkunft und unterrichtete mich im Schwertkampf." Er sah, dass Celines blaue Augen nun einen sehr traurigen Ausdruck annahmen.
,,War er dein Mann?" Sie nickte. Duncan ahnte, was dieses Nicken bedeuten musste. ,,Wann hat er...?"
,,Seinen letzten Kampf verloren? Das ist jetzt schon einige Jahre her. Ich bin inzwischen auch wieder mit jemandem zusammen. Und du, was ist mir dir? Ach, Duncan, ich freue mich so, dich wiederzusehen!" Überwältigt von ihren Gefühlen fiel sie Duncan um den Hals, der es sich gefallen ließ. Nicht jeden Tag traf er eine Frau wieder, in die er sich vor 90 Jahren wie vom Blitz getroffen verliebt und die er später für tot gehalten hatte. Daher war es auch nicht verwunderlich, dass er das deutliche Kribbeln in seinem Nacken ignorierte.
,,Ähm, Entschuldigung. Störe ich?" Duncan löste sich schnell aus Celines Umarmung und drehte sich um.
,,Micky! Hi! Hast du dein Parfum bekommen?" Micky wedelte zum Beweis mit einer kleinen Einkaufstüte vor seiner Nase, dann verschränkte sie demonstrativ die Arme vor der Brust und sah ihn erwartungsvoll an.
,,Mama, hast du Duncan gefunden?" rief nun auch noch Geneviève aus einiger Entfernung und kam ihnen mit einem ganzen Stapel Büchern unterm Arm entgegen.
,,Könnte man so sagen. Und es sieht aus, als hätte Duncan auch jemanden gefunden." Sie streckte ihre Hand aus und hielt sie Celine entgegen. ,,Ich bin Micky, Duncans Ehefrau. Und das ist meine Tochter Geneviève." Celine lächelte sie an und erwiderte den Druck von Mickys Hand.
,,Ich bin Celine Fabré. Es freut mich, Sie kennen zu lernen." Duncan schaute etwas verlegen zwischen den beiden Frauen hinter her.
,,Micky, also, Celine...
Wir haben uns im 1. Weltkrieg kennen gelernt. Sie war Krankenschwester... Ich habe dir doch mal von Sam MacMillan, dem Jungen aus meiner Einheit erzählt. Ja, also, den wollte ich damals besuchen..."
,,Duncan..."
,,Ja, Liebling?"
,,Du plapperst." Er starrte Micky sprachlos an. So ein Verhalten kannte er sonst nicht von sich, aber das unerwartete Wiedersehen mit Celine hatte ihn dann doch etwas aus dem Konzept gebracht.
,,Ich bin sicher, es ist eine interessante Geschichte, aber ich muss in die Galerie. Vielleicht können wir uns irgendwann mal zum Essen treffen." Sie gab Duncan einen flüchtigen Kuss auf die Wange, ihre Augen versprühten Funken, die Duncan aber nicht bemerkte. Micky ließ ihrer Tochter eine herzlichere Verabschiedung zuteil werden und rauschte davon. Geneviève verlagerte ihren Bücherstapel von einem auf den anderen Arm und meinte, spöttisch grinsend: ,,Das wird teuer, Duncan. Mindestens mal eine hübsche Kette. Wir sehen uns."

Duncan sah den beiden noch einen Moment irritiert nach. Was hatte Geneviève damit gemeint? Er hatte doch gar nichts gemacht. War es jetzt schon strafbar, wenn man in einem Buchladen eine alte Flamme traf, die man für tot gehalten hatte?

,,Du hast eine nette Familie." Er drehte sich zu Celine um und lächelnd verlegen.
,,Ähm, hör zu, Celine. So sind sie sonst nicht drauf. Meine Frau ist toll, und Geneviève, sie ist..."
,,Toll?" ergänzte Celine lächelnd und hob beschwichtigend die Hände. ,,Du musst nichts erklären, Duncan. Ich habe mich ein wenig mitreißen lassen von der Wiedersehensfreude. Vielleicht kann ich das wieder gut machen. Lass uns einen Kaffee trinken gehen und über alte Zeiten plaudern." Er nickte einverstanden und folgte ihr aus dem Buchladen heraus.

 

Draußen schlug Duncan ein kleines Café nur wenige Schritte von dem Buchladen entfernt vor. Doch soweit kamen sie gar nicht. Gerade als sie die Straße überqueren wollten, schoss ein schwarzes Auto auf sie zu. Duncan stieß Celine zur Seite und wurde an ihrer Stelle von dem Wagen erfasst. Er prallte von der Windschutzscheibe ab und wurde hart auf den Asphalt geschleudert. Celine rappelte sich auf und rannte zu ihm. Im Gesicht hatte er ein paar Schrammen, er rührte sich aber nicht. Im Großen und Ganzen war es aber nichts, das die Belebung nicht in einigen Augenblicken beheben würde. Hoffentlich bevor allzu viele neugierige Sterbliche auf den Unfall aufmerksam werden würden. Jedem Passanten, der helfen wollte, versicherte sie, die Lage im Griff zu haben.

Nach einigen Augenblicken setzte die Belebung dann ein und Duncan kam nach Luft schnappend wieder zu sich. Celine befand sich vor ihm in der Hocke und lächelte ihn an.

,,Na, alles klar?" Sie reichte Duncan die Hand und half ihm hoch.
,,Das sollte ich dich fragen. Irgendeine Idee, wer dich am helllichten Tag überfahren will?"
,,Nein, ich bin nur eine kleine Ärztin am Krankenhaus der barmherzigen Schwestern."
,,Komisch, dass wir uns dort nie begegnet sind."
,,Wie kommst du darauf?"
,,Meine Frau ist eine großzügige Spenderin des Krankenhauses, und außerdem hat sie im vergangenen Jahr dort einige Monate im Koma gelegen." Celine sah ihn ungläubig an.
,,Von so einem Fall habe ich noch nie gehört. Wir erholen uns doch immer sehr schnell, auch von tödlichen Verletzungen."
,,Außer man bricht die Regel der Nichteinmischung in ein Duell." Duncan bemerkte Celines bestürzten Gesichtsausdruck. ,,Nein, nein, ist schon okay. Wenn Micky es nicht getan und mir dadurch das Leben gerettet hätte, hätte ich dich jetzt nicht davor bewahren können, von dem Auto angefahren zu werden. Dann hättest du jetzt meine Rückenschmerzen." Sie schüttelte lachend den Kopf.
,,Immer noch der gleiche Duncan MacLeod."
,,Das will ich doch schwer hoffen. Und jetzt lass uns einen Kaffee trinken gehen."
,,Vielleicht solltest du dich ein wenig ausruhen..." Sie warf einen Blick auf ihre Uhr. ,,Ich muss sowieso zurück ins Krankenhaus. Komm doch heute Abend mit deiner reizenden Frau zu mir nach Hause. Hier ist meine Karte. Salut."
Duncan sah ihr noch einen Augenblick verwundert und skeptisch über den plötzlichen Aufbruch nach, dann holte er sein Handy aus der Manteltasche und wählte Maurices Nummer an. Hier stimmte etwas ganz und gar nicht, und er hatte die Absicht es herauszufinden.

Natürlich passierte es immer wieder mal, dass man auf jemanden traf, von dessen Unsterblichkeit man nichts geahnt oder den man hundert Jahre oder länger nicht mehr gesehen hatte. Doch dass demjenigen dann gleich ein Unfall oder Ähnliches passierte, war ziemlich merkwürdig und ließ bei Duncan die eine oder andere Alarmglocke losschrillen.

,,Maurice, hier ist Duncan. Kannst du für mich eine Chronik checken? Ich bin auf dem Weg in die Bar. Der Name ist Celine Fabré, sie arbeitet als Ärztin im Krankenhaus der barmherzigen Schwestern und ist seit 1918 unsterblich. Okay, bis gleich." Er klappte das Handy zusammen und winkte ein Taxi heran.

 

Frankreich, Paris, die Bar von Maurice, eine viertel Stunde später.
Vor Duncan aufgeschlagen lag eine der neueren Chroniken mit säuberlich getippten Seiten, maschinell gebunden. Sie sah so ganz anders aus als seine oder Mickys.

,,Und hier kommt dein Espresso, mon ami."
,,Danke, Maurice. Konntest du etwas über den Wagen herausfinden?" Maurice schüttelte den Kopf und polierte weiter Gläser. ,,Wäre Isabelle noch am Leben, hätten wir dabei leichtes Spiel."
,,Wieso glaubst du nicht an einen Zufall, mon ami? Du weißt doch, wie bescheuert die Pariser zum Teil fahren, n'est pas? Und du sagst doch, es war ein Pariser Kennzeichen. Vielleicht hat der Fahrer seine Baguettes im Ofen vergessen..."
,,Weißt du, Maurice, seit wir es mit Leuten wie Woodhouse und früher Sikes zu tun haben, glaube ich nicht mehr an Zufälle. Die können einen nämlich das Leben kosten. Ich..." Er spürte, dass ein Unsterblicher den Laden betrat und zwar durch die Hintertür.

,,Wer ist denn da vor Mittag aus den Federn gekrochen?" fragte Duncan grinsend.
,,Haha, Isis ist auf Shoppingtour, und mein Instinkt sagte mir, dass ich dich hier finde. Und was gibt's Neues?" fragte Methos und setzte sich neben Duncan die Bar, der die Chronik von Celine erst einmal wieder zuschlug. Auf den ersten Blick hatte er nichts Verdächtiges entdecken können.
,,Nicht viel, ich bin bloß heute schon überfahren worden. Und jetzt versuche ich herauszufinden, was Celine Fabré, eine alte Bekannte, damit zu tun hat. Sie tauchte aus heiterem Himmel auf, und ich stieß sie zur Seite, als ein Auto auf sie zuraste."
,,Habe ich dir nicht schon tausend Mal gesagt, dass deine elende Ritterlichkeit dich eines Tages ins Grab bringen wird, MacLeod?" fragte Methos ihn mit einem hämischen Grinsen auf den Lippen.
,,Du als alter Mann solltest doch am besten wissen, dass Alter nicht vor Torheit schützt, oder?"
,,Zum einen stamme ich aus einem Zeitalter, das Ritterlichkeit noch gar nicht kannte, was mich auch gut am Leben gehalten hat und zum anderen bin ich kein so großer Tor wie du. Oder bin ich heute Vormittag überfahren worden?"
,,Mag sein..."
,,Und was wirst du tun, wenn du herausfindest, dass sie deinen Kopf will?" Duncan antwortete nicht, worauf Methos ihn vorwurfsvoll ansah. ,,Mac, du willst doch nicht genauso verdammt ritterlich sein wie bei Kristin, oder? Sie läuft auch noch irgendwo da draußen rum." Duncan seufzte, er wusste, dass Methos zumindest in Kristins Fall Recht hatte. Duncan war ihr im zarten Alter von 67 in der Normandie begegnet, wo sie aus dem ungebildeten Barbaren einen Gentleman gemacht hatte. Das war allerdings nicht das Problem gewesen, sondern Kristins besessene, am Ende tödliche Liebe. Duncan, der schon länger beabsichtigt hatte, sie zu verlassen, fühlte sich in seinem Wunsch bestärkt, als er sich in eine bildschöne, junge Malerin verliebt hatte. Kristin, blind vor Eifersucht und Hass, hatte Marie umgebracht. Und doch hatte die von Methos so angeprangerte Ritterlichkeit Duncan daran gehindert, sich Kristins Kopf zu holen. ,,Wäre sie ein Kerl, würdest du nicht eine Sekunde zögern", sprach er die unumstößliche Wahrheit aus.
,,Auch bei einem Mann würde ich erst einmal die Hintergründe herausfinden, bevor ich mein Schwert ziehe. Und genau das werde ich jetzt tun."
,,Dann hoffe ich, dass du weißt, was du tust, Mac." Mit diesen Worten verabschiedete Methos sich und überließ den Freund seinen Recherchen.

 

Frankreich, Paris, in der Nähe von Celines Wohnung, am selben Abend.
Da Duncan bis zum Abend keine konkreten Hinweise auf eine Falle gefunden hatte, beschloss er, auf einen Drink bei Celine vorbeizuschauen. Micky hatte weder Zeit noch Lust ihn zu einer seiner Verflossenen begleiten, und so machte Duncan sich alleine auf den Weg.

Blauäugig war Duncan gewiss nicht, da er Celine jedoch von früher kannte, ging er nicht sehr misstrauisch, aber wachsam zu diesem Treffen. Der erste Verdacht kam ihm dann allerdings, als er auf Parkplatzsuche war. Einige Straßen von Celines Wohnung entfernt entdeckt er den schwarzen Wagen, auf dessen Windschutzscheibe er heute ein so unsanftes Schläfchen genommen hatte. Doch da das Auto nicht direkt vor Celines Haustür stand und auch verlassen war, maß er diesem Umstand kein besonders großes Gewicht bei. Es konnte auch immer noch ein Zufall sein, oder aber Celine stand unter Beobachtung durch die Splittergruppe.

 

Sie bewohnte eine Penthousewohnung, die sie sehr elegant, aber gemütlich eingerichtet hatte. Als sie Duncan die Tür öffnete, brannte ein prasselndes Feuer im Wohnzimmerkamin. An zwei Wänden bemerkte er deckenhohe Bücherregale und gegenüber dem Kamin ein großes Panoramafenster, das einen schönen Blick auf das abendliche Paris eröffnete.

,,Oh, hast du deine reizende Frau nicht mitgebracht?" Sie wirkte enttäuscht darüber, dass er alleine gekommen war.
,,Sie ist leider verhindert. Arbeit in unserer Galerie."
,,Da kann man nichts machen. Komm doch rein." Sie machte eine einladende Geste und ließ Duncan an sich vorbei in die Wohnung treten. Während er es sich auf einem cremefarbenen Sofa bequem machte, holte Celine eine Flasche Wein und zwei Gläser aus der Küche.

In der Zwischenzeit hatte Duncan das Zimmer abgecheckt. Ihm fiel auf, dass es keine Bilder von Celines angeblichem Freund gab. Zahlreiche Bilder von ihr, beim Bergsteigen am Kilimandscharo, Kajakfahren am Colorado River, vor den Pyramiden von Gizeh. Aber kein einziges, das sie mit ihrem mysteriösen Freund zeigte.

,,Hast du nicht erwähnt, du wärst mit jemandem zusammen?" fragte er Celine, als er sein Glas entgegen nahm.
,,Ja, wieso fragst du?" Sie setzte sich neben ihn und legte eine Decke über ihre Beine.
,,Weil ich kein Foto von ihm entdecken kann." Und in der Chronik hatte er auch keinen Hinweis auf einen Partner finden können, weder sterblich noch unsterblich.
,,Er ist sehr kamerascheu, leider. Bis jetzt gibt es noch kein vernünftiges Foto von uns beiden. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Und nun erzähl mal, Duncan MacLeod, was hast du in den letzten 90 Jahren so getrieben? Und wann wurdest du vom Markt genommen?" Duncan lächelte und warf einen Blick auf seinen Ehering.
,,Vor fast 12 Jahren. Wir haben uns auf der Beerdigung eines gemeinsamen Freundes kennen gelernt..."
,,Noch Wein?" Er schüttelte leicht den Kopf und wunderte sich, dass er ihm bereits schwirrte. Hier stimmte etwas nicht. ,,Der ist ganz schön stark... Ich sollte jetzt besser gehen." Sein Argwohn war nun endgültig geweckt. Duncan versuchte aufzustehen und fiel zurück auf die Couch. ,,Was hast du in den Wein getan?" Sie lächelte ihn süffisant an.
,,Nur ein leichtes Betäubungsmittel, mein Lieber. Wir erwarten noch einen Gast." Duncan fluchte, er hatte es geahnt. Die Begegnung im Buchladen und der Autounfall waren zwei Zufälle gewesen, die zu kurz hintereinander aufgetreten waren.
,,Und was passiert dann? Lieferst du mich dem Konsortium oder Clarice Grant aus?"
,,Aber nein. Es gibt noch jemanden, der dich tot sehen will. Selbst das hohe Kopfgeld des Konsortiums konnte ihn nicht davon abhalten, dich selbst zu erledigen." Duncan lehnte sich entspannt zurück.
,,Na, da bin ich ja mal gespannt. Gibst du mir einen Tipp?" Sie seufzte und setzte sich Duncan gegenüber in einen Sessel.
,,Hör zu, Duncan, es ist nichts Persönliches."

,,Nichts Persönliches?!" er schnaubte ungläubig. ,,Du warst mal verliebt in mich! Schuldest du mir nicht einen Funken Loyalität?!" Er merkte, wie sein Kopf sich allmählich wieder klärte. Er musste noch ein wenig Zeit rausschinden und sich einen Fluchtplan zurecht legen. Ohne sein Schwert, das sicher verwahrt auf dem Rücksitz seines Thunderbirds lag, war er eine allzu leichte Beute. Aber wie hätte er auch ahnen können, dass er es heute Abend noch brauchen würde?
,,Nachdem wir nur ein paar Tage zusammen waren und ich dich annähernd ein Jahrhundert für tot gehalten habe, ist das wohl doch ein bisschen zu viel verlangt", konterte sie bissig.
,,Hör zu, Celine, ich verschwinde jetzt. Dein geheimnisvoller Freund soll mich anrufen, wenn er zu einem Duell unter Erwachsenen bereit ist." Hinter ihm ertönte ein spöttisches Lachen. Duncan drehte sich in aller Seelenruhe um.
,,Er ist schon da, Duncan."


,,Na, wenn das keine Überraschung ist, du feiger Hund!" Auf der anderen Seite des Zimmers stand Gregor Powers mit seinem Schwert in der Hand.
,,Wieso? Weil ich Daniel seinem Schicksal überlassen habe? Er war ein wenig zu selbstsicher, als er glaubte, deine Frau besiegen zu können. Ich wäre ja bescheuert gewesen, wenn ich mich von ihr hätte lynchen lassen."

,,Und jetzt glaubst du, über mich, kommst du an sie ran, oder was? Um zu Ende zu bringen, wozu dieser Prescott nicht in der Lage war?" Gregor lachte und kam mit gezogenem Schwert auf Duncan zu, der seinen gemütlichen Platz auf der Couch aufgab und langsam rückwärts auf das Panoramafenster zuging.
,,Deine Frau ist mir so was von egal, Duncan. Du bist es, den ich will. Deinen Kopf. Mit dir will ich es zu Ende bringen! Das hätte ich schon beim letzten Mal tun sollen."
,,Dann habe ich wohl einen Fehler gemacht, als ich dich damals gehen ließ", bemerkte Duncan mit Bedauern in der Stimme, da er erkannte, dass Gregor offensichtlich nicht von Daniel Prescott fehlgeleitet gewesen war, sondern aus eigenem Antrieb handelte. Er hatte so gehofft, ihn auf den rechten Weg zurück gebracht zu haben.
Ganz offensichtlich hatte er sich geirrt.
,,Einen Fehler, den du gewiss nicht mehr korrigieren wirst."

,,Da wäre ich mir nicht so sicher", rief Duncan, sprang auf, sprintete auf das Fenster zu und sprang mit einem Kopfsprung hindurch.

 

Das Glück war auf Duncans Seite, das war ihm spätestens dann bewusst, als er in einem großen geöffneten Müllcontainer landete und nicht das Bewusstsein verlor oder zu Tode kam. Er schüttelte sich die verbliebene Benommenheit und einige klebrige Salatblätter ab und kletterte aus dem Container. Kurz orientierte er sich, in welcher Richtung sein Wagen stand und rannte los.

Es hatte wieder angefangen zu schneien. Dichte Flocken fielen auf ihn herab. Der gleichzeitig aufziehende Nebel tauchte die Straße in ein fast schon gespenstisches Licht.

Auch ohne sich noch einmal umzudrehen, wusste er, dass Gregor bereits auf der Straße war und sich an seine Fersen gehängt hatte. Er schloss das Auto auf und zog das Katana vom Rücksitz hervor. Hinter sich hörte ein Pfeifen. Gregors Langschwert schoss auf Duncans ungeschützten Nacken zu. Dieser drehte sich im letzten Augenblick um und parierte Gregors Angriff. Ihre gekreuzten Schwerter schlugen Funken. Duncan dirigierte Gregor weg von den geparkten Autos in eine ruhige und verlassen wirkende Seitenstraße.

,,Heute Nacht bringe ich zu Ende, was schon viel zu lange auf sich warten ließ, MacLeod!" schrie Gregor zornig.
,,Und ich hatte wirklich gehofft, dass ich dich beim letzten Mal auf den richtigen Weg zurück gebracht hätte. Aber nachdem was an Weihnachten passiert ist, kann ich dich nicht gehen lassen. Ich könnte weder meiner Frau, noch der Tochter deren Eltern ihr erschossen habt je wieder gegenüber treten. Dieses Mal bist du endgültig zu weit gegangen. Du hast dein Recht zu leben verwirkt, Gregor." Sein einstiger Freund und Schüler lachte spöttisch.
,,Mein Gott, du redest so edel vor dich hin, dass ich kotzen könnte. Diese Sterblichen in ihrer lächerlichen Existenz sind so unwichtig. Sie waren alt, wir haben ihnen Arztrechnungen und einen Platz im Altersheim erspart."
,,Es ist wirklich bedauerlich, dass du so denkst!" Duncan ging in die Offensive und trieb Gregor in die Enge. Schlag um Schlag schmetterte er auf ihn nieder. Mit einer ungeahnten Kraft nachdem Celine ihn mit dem Betäubungsmittel fast ausgeknockt hätte. Aber die Wut, die er über Gregors Ansichten, sein verändertes Wesen und Celines Verrat empfand, machten ihn stark.

Im nächsten Moment machte Duncan einen Satz nach vorne und trat Gregor vor die Brust, der auf dem nassen Kopfsteinpflaster ausrutschte und in einer Ecke mit Mülltonnen landete. Bevor Duncans Gewissen sich melden konnte, beendete er den Kampf mit einem letzten schnellen Schlag seines Katanas.

Erleichterung machte sich breit, als er die Energie in sich aufnahm. Er sagte sich, dass dies schon seit mehr als einem Jahrzehnt nötig gewesen und dass Gregor einfach nicht mehr zu retten gewesen war.

 

Während er den Weg zu seinem Auto einschlug, kam Duncan langsam wieder zu Kräften. Doch am Ausgang der Seitenstraße erwartete ihn bereits sein nächster Gegner.

,,Celine, geh einfach. Das war eine Sache zwischen Gregor und mir, die schon viel zu lange gedauert hat."
,,Spar dir deine Ritterlichkeit, Duncan. Du hast Gregor getötet, dafür will ich deinen Kopf!" Er bedauerte ihren Starrsinn und die fehlgeleitete Loyalität, die sie Gregor gegenüber empfand.
,,Wie du meinst. Ich hätte dich gehen lassen. Aber wenn du nicht willst..." Er hob sein Schwert und griff Celine an.

Seine Schläge kamen schnell, sie parierte übereilt, dachte nicht nach. Sie war erschrocken über Duncans Stärke, über die plötzliche Härte in seinem Blick. Duncan erkannte, dass er leichtes Spiel mit ihr hatte. Ein Hieb verletzte sie am Bauch, sie stolperte unsicher einige Schritte, sah an sich hinunter und erkannte ihre Niederlage.

Duncans Augen wurden feucht. ,,Es tut mir leid, Celine." Das Schwert mit beiden Händen haltend, holte er weit aus und schlug zu. Die kopflose Leiche fiel auf die verschneite Straße. Die Blitze krochen augenblicklich auf ihn zu und packten ihn, bissen zu wie gierige Raubtiere.

 

Sofort nach der Übertragung schlug Duncan den Kragen seines Mantels hoch und ging langsam zu seinem Auto zurück. Der Kampf gegen seine alte Flamme war ihm schwerer gefallen als der gegen seinen ehemaligen Freund und Schüler. Doch mit den Gewissensbissen musste er nun leben. In seinem Kopf hörte er Methos, der ihn wegen seiner Ritterlichkeit tadelte. Aber sie war ein wichtiger Bestandteil von Duncans Charakter, die er nie ablegen würde.

Trotz des immer heftiger werdenden Schneegestöbers erkannte Duncan schon von weitem, dass er erwartet wurde.
,,Und? Hast du sie erledigt?" fragte Methos, der mit verschränkten Armen an Duncans Auto lehnte. Er wirkte nicht sonderlich besorgt.
,,Ja...“ Er zögerte kurz, während er den Wagen aufschloss und sein Schwert wieder auf den Rücksitz legte. Dann wandte er sich Methos zu und erklärte mit leiser Stimme: „Celine war mit Gregor Powers liiert. Sie haben mich in eine Falle gelockt." Methos schien zu ahnen, was sich abgespielt hatte.
,,Lass mich raten, Gregor zu erledigen, macht dir nicht zu schaffen. Aber du wolltest Celine gehen lassen." Duncan lächelte traurig und legte den Kopf leicht schief, was Methos als klares Eingeständnis erkannte. Er lachte herb und schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. ,,Du wirst dich nie ändern, MacLeod. In 1.000 Jahren nicht, wenn du überhaupt so lange lebst mit deiner verdammten Ritterlichkeit."
,,Das ist auch gut so, Methos. Ich bin, wer ich bin. Duncan MacLeod vom Clan der MacLeod. Ich wurde zwar als Krieger geboren, aber ich töte nicht aus Spaß oder niederen Motiven. Und jetzt fahre ich heim zu meiner Frau. Du solltest zu deiner fahren, es ist eine verdammt kalte Nacht." Ohne Methos' Antwort abzuwarten, stieg Duncan in seinen Thunderbird und startete den Motor. Er wollte nur noch eines, diesen Tag ganz schnell vergessen.

 

 

14. Racheengel

 

Frankreich, Marseille, Anfang Februar, am späten Abend.
Ein weiteres Mal in ihrem Leben führte das Schicksal Micky in die größte französische Hafenstadt. Dieses Mal war sie in Begleitung ihrer Tochter hier. Geneviève hatte von ihrer Universität einen Sonderauftrag erhalten, für den sie besonders geeignet erschien, da sie in einem Nebenfach aus einer unerklärlichen Laune heraus Parapsychologie studiert hatte. Es gab einige Kilometer außerhalb von Arles eine verlassene Burgruine, in der es angeblich spucken sollte. Dies war abträglich für das Tourismusgeschäft. Die Burg sollte auf Vordermann gebracht und für geführte Besuchergruppen geöffnet werden. Doch solange Spukgeschichten kursierten und vor allem unerklärliche Ereignisse passierten, ließ die Gemeindeverwaltung von ihren Plänen ab und die Ruine weiterhin verfallen.

Geneviève stand diesen Geschichten, obwohl sie als Unsterbliche wusste, dass es vieles zwischen Himmel und Erde gab, das sich mit der Wissenschaft nicht erklären ließ, höchst skeptisch gegenüber und gehörte eher zu den Parapsychologen, die solche Phänomene in erster Linie zu widerlegen versuchten.

Ihre Mutter, die einige Erfahrung mit dem Paranormalen gesammelt hatte, war sofort dafür gewesen, hinzufahren und hatte sie begleitet, um ihr Gesellschaft zu leisten. Ihr Hauptbeweggrund jedoch war gewesen, Geneviève möglichst daran zu hindern, allzu viel über das Schicksal von Adam Lee nachzudenken. Sie hatten immer noch keine Neuigkeiten aus Irland gehört, was Genevièves Geduld allmählich überstrapazierte.

 

Nachdem Geneviève die entsprechenden Gelder bewilligt worden waren, hatten die beiden Frauen ein Flugzeug nach Marseille bestiegen und sich dort einen Geländewagen gemietet. Da sie erst am Abend angekommen waren und heute mit den Untersuchungen der Ruine nicht mehr allzu weit kommen würden, hatten Micky und Geneviève sich für eine Übernachtung in Marseille entschieden und im Hafen köstlich zu Abend gegessen. Nun gingen sie an der Promenade entlang zurück zu ihrem Auto. Über ihnen funkelten die Sterne, vom Meer wehte eine frische Brise herüber. Micky atmete die Salzluft tief ein und fühlte sich an die Zeit erinnert, als sie aus Japan zurückgekehrt war.

Mama, ist dir eigentlich aufgefallen, wie dieser junge Kellner mit uns geflirtet hat?“ fragte Geneviève grinsend und holte sie damit in die Gegenwart zurück.
Tja, was soll ich sagen, die knapp 508 Jahre sieht man deiner lieben Mama eben nicht an. Ebenso wenig wie dir deine 481, ma chere.“
Hör auf vom Thema abzulenken. Du bist immerhin verheiratet“, konterte Geneviève breit grinsend.
Und du hast nach 78 Jahre deine große Liebe wieder gefunden und hast trotzdem schamlos mitgeflirtet“, entschlüpfte es Micky , bevor sie sich auf die Zunge beißen konnte. Sie sah, wie Genevièves Gesichtsausdruck sich schlagartig wandelte und legte ihrer Tochter tröstend eine Hand auf die Schulter. „Liebes, es tut mir leid. Meine Zunge war mal wieder schneller als mein Hirn, du kennst das doch...“ Geneviève rang sich ein Lächeln ab.
Ist schon in Ordnung, Mama. Irgendwie werden wir Adam befreien, und dann wird alles gut werden.“ Micky nickte zustimmend, hegte aber große Zweifel daran. Sie hatte Geneviève nicht erzählt, dass Adam mehr oder minder freiwillig auf Wittmore Castle geblieben war. Und auch Methos hatte sie das Versprechen abgerungen, Stillschweigen zu bewahren. Micky war sich einfach nicht sicher, wie Geneviève auf diese Nachricht reagieren würde. Ob ihr einfach nur das Herz brechen oder ob sie nach Irland fliegen würde, um Adam seines persönlich rauszureißen und ihm anschließend den Kopf abzuschlagen.

Daher tat sie möglichst viel, um ihre Tochter von Adam abzulenken. Die Forschungsreise in die Provence kam genau richtig. Micky vermutete, dass nichts Weltbewegendes dabei herauskommen würde, aber immerhin war Geneviève dadurch eine zeitlang von Adam abgelenkt.

Sicher werden wir das, Liebes. Wir finden einen...“ Beide Frauen verharrten mitten in der Bewegung und sahen sich erschrocken um. Ein Unsterblicher näherte sich. „Hol das Auto, mach schnell.“ Micky gab ihrer Tochter einen Schubs in Richtung Parkplatz.
Aber, was ist, wenn du Hilfe brauchst?“
Kein aber, ich bin ein großes Mädchen. Geh!“ Sie duldete keinen Widerspruch und zog bereits unter ihrem Mantel ihr Schwert hervor, dessen Klinge im Licht der Laternen kurz aufblitzte.

Micky drehte sich einmal um sich selbst, um ihren Verfolger zu entdecken. Doch die Hafenpromenade schien menschenleer.

Wer immer Sie sind, kommen Sie raus!“ rief Micky in die Dunkelheit, ihr Schwert zur Verteidigung erhoben. Sie hasste solche Versteckspiele. Wenn jemand gegen sie kämpfen wollte, musste er oder sie sich nur melden. Immerhin lebte Micky nach der Devise, allzeit bereit.

Dann trat jemand aus den Schatten hervor, eine zierliche Gestalt in einem langen, flatternden Mantel. Es war eine Frau, die enge Jeans und Stiefel mit hohen, spitzen Absätzen trug. Sie klapperten laut über den Straßenbelag. In ihrer Rechten hielt sie ein filigranes Schwert, das Micky auf den ersten Blick aufs 16. Jahrhunderte datierte.

Michelle Dubois, heute Nacht werden Sie sterben!“ rief die Unbekannte quer über den Platz. Ein Schauer kroch Micky über den Rücken. Woher kannte diese Unsterbliche ihre wahre Identität? Und wieso wollte sie ihren Tod?
Madame, was immer es ist, ich bin sicher, wir können wir darüber reden.“ Das zumindest hatte sie geglaubt, bis sie der geheimnisvollen jungen Frau direkt gegenüber stand. Diese Augen, dieser Blick, sie kannte ihn. Er machte ihr Angst, schreckliche Angst. Er hatte zu jemandem gehört, der sie getötet und beinahe auf den Scheiterhaufen gebracht hätte. „Nein, das kann nicht sein!“ keuchte sie schockiert und wich einige Schritte zurück.
Ich habe seine Augen, nicht wahr? Das haben mir alle Leute erzählt, nachdem Sie Papa ermordet hatten und ich bei Fremden aufwuchs. Ist sie nicht liebreizend, die kleine Julie Porté? Tragisch, erst starb ihre Mutter im Kindbett. Und dann hat sie auch noch den Vater verloren. Irgendjemand hat ihn vergiftet und ausgeraubt. Der gute Mensch hat nie jemandem etwas zu leide getan“, wiederholte Julie Porté die Worte, die sie all die Jahre in Marseille begleitet hatten. Und dann durch die Jahrhunderte, nachdem sie unsterblich geworden war, hatte sie ihre Existenz auf die Vernichtung der Frau ausgelegt, die ihr den Vater genommen hatte. Ungläubig schüttelte Micky den Kopf. Er hatte eine Tochter. Nicht in ihren schlimmsten Alpträumen hätte Micky geahnt, was sie mit ihrer Rache am Abend des 28. Juni 1531 tatsächlich angerichtet hatte. Doch fast genauso so schnell wie das Entsetzen war noch eine andere Emotion in ihr hochgestiegen: Empörung – über die Lügen, die seine Tochter da von sich gegeben hatte.
Nie jemandem etwas zu leide getan?! Das soll wohl ein Witz sein! Ihr Vater, Lady, hat mich brutal ermordet! Mit 27 Messerstichen! Er war wahnsinnig! Sechs Jahre später hat er mich als Hexe denunziert und versucht mich auf den Scheiterhaufen zu bringen! Der Giftcocktail, mit dem ich ihn ins Jenseits befördert habe, war fast noch zu gut für ihn! Er hatte es verdient zu leiden!“ Mit einem zornigen Schrei auf den Lippen stürzte Julie Porté auf Micky los.
Er war ein guter Mensch!“ war alles, was Julie zwischen zwei Hieben hervorbrachte. Dann hagelte eine schnelle, der Micky kaum ausweichen konnte, auf sie nieder. Julie hatte sich offensichtlich 477 Jahre an den Hass auf den Mörder ihres Vaters geklammert, das einzige was ihr geblieben war. Und der Hass hatte sie verdammt stark werden lassen.
Wo waren Sie an jenem Abend? Ich habe mich doch umgesehen im Haus, während ich gewartet habe bis das Gift...“ Julie ließ sie den Satz gar nicht erst beenden. Jedes Wort wurde begleitet von einem Hieb oder einem schnellen Rückzug. Sie umtänzelten einander, grazil, aber tödlich und zu allem entschlossen.
Sie haben sich doch überhaupt nicht die Mühe gemacht, im ersten Stock nachzusehen! Ich war in meinem Kinderzimmer und habe mit meinen Puppen gespielt, als ich Stimmen hörte. Ich schlich an den Treppenabsatz und lauschte. Als sie in die Küche gegangen sind, bin ich schnell wieder in meinem Zimmer verschwunden. Ich hatte Angst, Sie würden auch mich töten.“
Ich töte keine Unschuldigen, Julie! Bei Ihrem Vater lag der Fall ganz anders. Er hatte es verdient.“ Micky hörte, dass sich ein Auto näherte. Endlich, dachte sie erleichtert. Geneviève hatte ganz schön lange gebraucht, um den Mietwagen vom Parkplatz zu holen. Er kam neben ihr mit quietschenden Reifen zum Stehen, Geneviève lehnte sich rüber und stieß die Beifahrerseite auf.
Steig ein!“ rief sie ihrer Mutter zu, die keinen Moment zögerte und ins Auto sprang. Mit dem zornigen Schrei eines Racheengels auf den Lippen blieb Julie Porté zurück, noch lange nicht bereit aufzugeben.

 

Eigentlich hatten Micky und Geneviève die Absicht gehabt, die Nacht in Marseille zu verbringen und erst am nächsten Morgen nach Arles weiterzufahren. Daran war nun aber nicht mehr zu denken. Sie mussten sich eine andere Bleibe für die Nacht suchen, möglichst weit weg von Julie Porté und ihrem Hass auf Micky. Da Arles nur knapp 90 Kilometer von Marseille entfernt lag, würden sie sich dort in einer kleinen Pension oder einem Hotel einmieten.

Nachdem sie Marseille hinter sich gelassen hatten und schon einige Zeit auf der Landstraße Richtung Arles fuhren, wo Julie Porté sie gewiss nicht vermuten würde, sprach Geneviève ihre Mutter an, die die ganze Zeit über schweigend und grüblerisch neben ihr gesessen hatte.

Weißt du, was die Frau von dir wollte? Warum hat sie dich angegriffen? Arbeitet sie auch für das Konsortium?“ Micky schüttelte den Kopf. „Was ist dann der Grund? Wieso hat sie dich herausgefordert?“ Micky biss sich auf die Unterlippe, eigentlich hatte sie das Geheimnis mit ins Grab nehmen wollen, sofern sie denn eines Tages ein Duell verlieren sollte. Es Richie anzuvertrauen, war ein großer Schritt, aber in dem Fall eine gute Entscheidung gewesen. Bisher war sie gut damit gefahren, es keiner weiteren Person zu erzählen. Doch welchen Nutzen hätte sie davon, Geneviève anzulügen und damit wohlmöglich in Gefahr zu bringen?
Weil ich ihren Vater umgebracht habe“, antwortete Micky schließlich und starrte weiter aus dem Fenster in die dunkle Nacht hinaus. Geneviève trat hart auf die Bremse und brachte den Wagen zum Stillstand. Angesichts dieser Reaktion war Micky froh, dass sie die nicht mautpflichtige Landstraße gewählt hatten. Auf der Autobahn hätten sie so wahrscheinlich einen aufsehenerregenden Unfall verursacht.
Ich hab mich wohl verhört. Du tötest doch keine Familienväter.“ Micky drehte den Kopf und sah ihrer Tochter in die Augen.
Ich wusste nicht, dass er Familie hatte. Und selbst wenn, bei diesem Mann hätte es wahrscheinlich nichts geändert. Er hatte den Tod verdient...“
Mama“, rief Geneviève entsetzt über das, was sie eben gehört hatte. Das bisherige Bild ihrer Mutter war immer so klar gewesen. Die großzügige, gütige Comtesse, die allen jederzeit half ohne an sich oder die Folgen für sich zu denken. Diese neue Erkenntnis erschütterte Geneviève bis ins Mark.
Vielleicht ist es an der Zeit, die Wahrheit zu sagen... Bevor du mich also verurteilst, lass es mich erklären...“
Ich verurteile niemanden, Mama. Ich bin nur schockiert über das, was ich gerade gehört habe. Das passt so gar nicht zu dir.“ Ebenso wenig wie zu Adam sein freiwilliger Aufenthalt auf Wittmore Castle, dachte Micky. Wenn Geneviève schon bei dieser Nachricht so aus der Fassung geriet, durfte sie von Adams Verhalten nie und nimmer erfahren.
Wenn du wüsstest, wer es war...“
Mach es nicht so spannend.“
Es war Maximilian Porté“, angesichts dieser Erklärung schnappte Geneviève nach Luft. Es erklärte zumindest die Kaltherzigkeit, mit der ihre Mutter seinen Tod zu rechtfertigen versucht hatte. „Ich habe nicht gewusst, dass er eine Tochter hatte. In ihren Augen habe ich ihn aber sofort wieder erkannt. Seinen Blick werde ich nie mehr vergessen, wie er sich über mich gebeugt und wieder und wieder zugestochen hat...“ Geneviève drückte tröstend Mickys Hand, die sie dankbar anlächelte. „Du weißt ja, dass Darius mich nach Japan gebracht hat. Als ich 1530 in Marseille wieder an Land ging, hat der Dreckskerl mich erkannt und als Hexe verschrien, was mir sofort eine Kerkerhaft und den Scheiterhaufen eingebracht hätte, wäre ich nicht Nostradamus über den Weg gelaufen. Der gute Michel hat mich gerettet. Ein Jahr später waren wir dann während unserer Reisen wieder durch Marseille gekommen. Es war eine einmalige Gelegenheit. Nostradamus hat lange versucht, es mir auszureden. Aber ich ließ nicht mit mir reden. Ich habe Maximilian vergiftet und dabei zugesehen, wie er daran zugrunde ging...“

Geneviève stieß die Fahrertür auf und stieg langsam aus dem Auto, über ihr funkelten die Sterne in einer Intensität, wie sie es nur auf dem Land, fernab der Großstädte taten. In ihren Ohren rauschte ihr Blut, sie war fassungslos. Zwar verstand Geneviève die Motive ihrer Mutter, sie sah ein, warum sie damals nicht anders hatte handeln können. Doch es hatte das Bild, das Geneviève immer von ihr gehabt hatte, gewandelt.

Vorsichtig näherte Micky sich ihr, wagte aber nicht sie anzufassen.

Verstehst du es? Verstehst du, warum ich es tun musste? Wenn er mich nicht den Soldaten übergeben hätte, wäre ich wahrscheinlich nie auf den Gedanken gekommen. Aber solange Maximilian am Leben war und mich identifizieren konnte, war ich nicht sicher. Und ich habe ihn so maßlos gehasst für die Art und Weise, wie er mich getötet hat...“
Ich kann dich verstehen, es aber nicht gutheißen.“ Der Vorwurf schwang überdeutlich in Genevièves Worten mit.
Glaubst du, es ist mir leicht gefallen? Himmel, ich war damals 31 Jahre alt. Und hatte keinen einzigen Unsterblichen besiegt. Mein erstes Duell hatte ich 13 Jahre später. Selbst als Leibwächterin des chinesischen Kaisers hatte ich bis dato nicht töten müssen. Maximilian war der erste Mensch, den ich mutwillig getötet habe. Es hat lange gedauert, bis ich mit meiner Entscheidung klar gekommen bin. Und ich hätte ja nicht ahnen können, dass Jahrhunderte später eine rachsüchtige Tochter auftaucht.“
Was hast du jetzt vor?“
Ich muss mich über Julies Geschichte informieren... Und dann...“
Über ihre Geschichte informieren?! Mama, du hast ihren Vater umgebracht, was willst du noch wissen?! Die Frau ist blind vor Hass. Sie will deinen Kopf und geht dafür vielleicht auch über andere Leichen.“ Micky nickte bestätigend.
Ich denke, es wäre das Beste, wenn wir uns trennen. Du erledigst deinen Auftrag, ich fahre nach Marseille zurück und...“
Erledigst sie?“ fragte Geneviève gehässig.
Nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Möglicherweise kann ich ihr irgendwie begreiflich machen, dass es nicht anders ging. Vielleicht glaubt sie mir, wenn ich ihr meine Chronik zeige. Sie schien gar nicht gewusst zu haben, was ihr Vater mir angetan hat. Die Chronik lügt nicht, sie muss glauben, was dort schwarz auf weiß drin steht.“

 

 

Frankreich, Marseille, am nächsten Vormittag.
Micky saß in einem kleinen Straßencafé am Hafen, unweit der Stelle, wo Julie Porté sie angegriffen hatte, nippte an einem Cappuccino und blätterte in der aktuellen Ausgabe der „Le Monde“. Die angenehm warme Sonne – eine willkommene Abwechslung nach dem anhaltenden Schnee und Regen in Paris - verwandelte das Meer in einen Teppich aus glitzerndem Gold. Nach dem Schrecken der vergangenen Nacht genoss Micky diesen besinnlichen Augenblick der Ruhe.

Im nächsten Augenblick sah sie auf, da jemand einen Schatten auf ihre Zeitung warf.

Guten Morgen.“
Wir haben schon beinahe Mittag“, erwiderte Micky mit einem gespielt ärgerlichen Ton, aber breit grinsend.
Hey, ich bin die ganze Nacht wegen dir durchgefahren. Und das ist der Dank?“ fragte Methos nun tatsächlich ein wenig verärgert. Er hatte Ringe unter den Augen und wünschte sich, dass ihm jemand eins mit dem Vorschlaghammer verpassen könnte, damit er wach werden würde. Oder ihm eine intravenöse Leitung zur Espressomaschine dieses Cafés legen würde. Das wäre weniger schmerzhaft.
Dankbar bin ich erst, wenn wir diese Sache mit der kleinen Porté geregelt haben. Hast du meine Chronik dabei?“ Er nickte.
Maurice hat die Pariser Kopie ohne Murren rausgerückt. Du hast Glück, dass wir die Reform durchgesetzt haben. Sonst könntest du dir was anderes überlegen, wie du die Mademoiselle besänftigst. Wobei ich nicht wirklich glaube, dass sie dir verzeiht, was du mit ihrem Vater angestellt hast, wenn sie schwarz auf weiß sieht, was er mit dir gemacht hat.“ Micky seufzte. Mit dem Geständnis Geneviève und auch Methos gegenüber hatte sie die Büchse der Pandora geöffnet. Abgesehen von Richie hatte es nur Nostradamus gewusst, und der schwieg zwangsläufig seit Jahrhunderten beharrlich. Und Richie hatte sie eingebläut mit niemandem darüber zu reden. Es wurde somit allmählich ein kollektives Geheimnis.
Du redest schon genau wie Geneviève. Glaubst du, es ist mir damals leicht gefallen? So kaltblütig bin ich nun auch nicht. Aber ich hatte keine andere Wahl, um meinen Frieden zu finden...“ Sie schnaubte frusrtiert. „Außerdem, du musst grade den Mund aufmachen, als ehemaliger Reiter!“ Methos’ Blick verfinsterte sich kurz, wie immer, wenn die Sprache auf diese dunkle Ära in seinem Leben kam. Doch Micky wetterte unbeeindruckt weiter: „Und du willst ja wohl nicht behaupten, dass du in 5.000 Jahren nie einen Fehler gemacht hast?“ Methos seufzte, während er an dem selben Bistrotisch wie Micky Platz nahm und einen Kellner herbeiwinkte.
Doch, aber du hälst es nicht für einen Fehler. Du denkst, es war Gerechtigkeit. Das war es vielleicht auch. Aber mach das mal seiner Tochter klar. Die interessiert nur eins, sie will den Kopf der Frau, die ihren Vater getötet hat. Die Hintergründe dürften ihr relativ egal sein.“
Sie scheint aber gar nicht zu wissen, was für ein Mensch Maximilian gewesen ist. Das muss ich ihr klar machen. Dann lässt sie von dieser bescheuerten Idee eventuell ab. Wenn nicht, dann tut es mir leid, dass die Familie mit ihr enden wird. Und zwar ziemlich bald.“
Wenigstens bist du nicht so verdammt ritterlich wie Duncan.“
Bis zu einem gewissen Grad schon. Wenn ich es überhaupt nicht wäre, hätte ich die Kleine gestern Nacht erledigt und wäre mit Geneviève ohne Gewissensbisse nach Arles gefahren. Aber ich bin hier. Ich ziehe nicht ohne guten Grund in einen Kampf.“
"Himmel, du klingst wie Duncan. Ihr verbringt wirklich zuviel Zeit miteinander.“
Wir führen eben eine andere Ehe als Isis und du. Aber das ist hier nicht das Thema.“
Richtig. Das Thema ist, dass du nicht zu deiner Tat stehst und die notwendige Konsequenz daraus nicht ziehen willst.“
Welche Konsequenz?“ Er seufzte, zum Teil genervt, aber auch gelangweilt über die immer gleiche Diskussion mit den MacLeods.
Sei doch nicht so dumm und naiv, Comtesse! Hol dir ihren Kopf, verdammt! Lass dieses edelmütige Getue. Sie wird dir nie im Leben verzeihen, dass du ihren Vater getötet hast. Schlag sie von mir aus mit deiner Chronik ko und dann runter mit dem Kopf. Manchmal passieren schlimme Dinge. Du must akzeptieren, dass du sie nicht ändern kannst und mit den Folgen leben...“ Methos’ Blick ging ins Leere, als er sich an ein Ereignis erinnerte, das lange vor Mickys Geburt oder ihrem ersten Tod durch Maximillians Hand passiert war.

 

Frankreich, ein kleines Dorf in der Provence, 1349.
Methos befand sich seit einigen Wochen auf Wanderschaft mit einem jungen sterblichen Zimmermann, den er im Hafen von Marseille aufgegabelt hatte. Genauer gesagt hatte er Paul davor bewahrt, von Strauchdieben überfallen, ausgeraubt und zu Tode geprügelt zu werden. Der junge Kerl war ihm so überaus dankbar, dass er zu Methos’ Schatten geworden war. Er folgte ihm überall hin und dass, obwohl Methos selbst nicht wusste, wohin sein Weg ihn führen würde.

Von den größeren Städten hielten sie sich fern, wohlwissend, dass die Pest den europäischen Kontinent immer fester in ihrem tödlichen Würgegriff gefangen hielt. Wo sie zugeschlagen hatte, konnte man verlassene Straßen, verbarrikadierte Häuser und Leichen gestapelt auf Karren liegen sehen oder solche, die gerade zu den außerhalb der Stadtmauern angelegten Massengräbern geschafft wurden. Ratten, Katzen und Hunde hatten die Geisterstädte erobert. Sie nagten, von Hunger geplagt, die Leichen an, die mancherorts niemand mehr beerdigen konnte, weil einfach alle tot oder geflohen waren.

 

Wenn sie sich einer Stadt näherten, hielt Methos zuerst Ausschau nach Massengräbern. Dies war für ihn ein eindeutiges Zeichen, einen möglichst weiten Bogen um den Ort zu machen.

Methos wusste, dass ihm die schreckliche Geißel der Menschheit nichts anhaben konnte, doch musste er nun an seinen jungen Begleiter denken. Paul war gerade mal 15 Jahre alt, er hatte noch nicht viel von der Welt gesehen, und der Überfall in Marseille war seine bis dato einzige negative Erfahrung mit der Spezies Mensch. Methos wollte dafür sorgen, dass es möglichst lange so blieb. Er wollte ein Dorf finden, in dem Paul seine Fähigkeiten anbieten und eventuell ein junges Mädchen zur Frau nehmen konnte. Dann würde Methos wieder seiner Wege ziehen können.

Irgendwann hatten sie tatsächlich ein Dorf entdeckt, in dem Paul seine handwerklichen Fähigkeiten gegen Essen und ein Dach über dem Kopf eintauschen konnte. Sie quartierten sich in einer Scheune ein und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Und sie kamen schneller, als es Methos lieb gewesen war. Sie kamen in Gestalt eines unsterblichen Wanderpredigers...

 

Frankreich, Marseille, die Gegenwart.
Wenn du mir jetzt bitte noch erklärst, was die Geschichte mit meinem Problem zu tun hat, bevor ich an Langeweile sterbe.“
Ja, ja, die Ungeduld der Jugend“, meinte er hämisch grinsend. „Wenn du es nicht abwarten kannst, erzähle ich dir eben die Kurzfassung. Ein oder zwei Tage nachdem der Prediger aufgetaucht war, traten erste Todesfälle auf. Ihn, als angeblichen Diener Gottes, verdächtigten die Dorfbewohner natürlich nicht. Sie hatten ja keine Ahnung, wie die Pest sich verbreitete, dass die Flöhe vielleicht auf seiner Kleidung mit gereist waren oder davon, dass der Prediger nicht sterben konnte. Paul und ich waren angeblich daran schuld. Denn bis zu unserem Erscheinen, waren alle gesund gewesen. Ich wollte mit Paul verschwinden, aber er hatte sich verliebt. Er war störrisch wie ein Maultier. Ich wollte ein letztes Mal versuchen ihn zu überzeugen oder ohne ihn verschwinden. Doch die Dorfbewohner waren schneller. Sie kamen in der Nacht...“

 

Frankreich, ein kleines Dorf in der Provence, 1349.
Methos kam gerade um die Ecke der Scheune, in der er und Paul ihre Nächte verbrachten, als er den Prediger spürte. Der große Mann, mit der wettergegerbten Haut und den bösen Augen war Methos von ihrer ersten Begegnung an suspekt erschienen. Er wetterte seit seiner Ankunft gegen die Verderbtheit der Menschen und nannte die Pest eine Strafe Gottes.

Vor einigen Tagen war dann die Bäckerstochter, in die Paul sich verliebt hatte, an der Pest erkrankt und heute am späten Abend gestorben. Es war nicht unbemerkt geblieben, welche Gefühle Paul für das Mädchen gehegt hatte. Aufgewiegelt durch die lautstarken Äuußerungen des Predigers hielten die Dorfbewohner diesen ersten Krankheitsfall, dem im Laufe des Tages weitere gefolgt waren, für die Schuld der beiden Fremden. Bis sie aufgetaucht waren, war das Dorf verschont geblieben. Alle hatten sich moralisch einwandfrei verhalten und waren gottesfürchtige Menschen. Doch die Fremden waren ein anderes Thema. Der Junge hatte der Bäckerstochter nachgestellt, und von seinem älteren Begleiter war mehr als einmal ein schändliches Wort zu hören gewesen. Der Prediger wusste, wie man den Herrn wieder besänftigen konnte: Durch die Demut der Dorfbewohner und die Läuterung der Fremden durch Feuer.

Eine Gruppe Männer, angeführt von dem Prediger, stürmte in die Scheune und überwältigte den schlafenden Paul. Sie knebelten und fesselten ihn und schleiften ihn brutal auf den Markplatz, wo bereits ein Scheiterhaufen aufgeschichtet worden war.

Hilflos musste Methos mit ansehen, welches Schicksal seinem jungen Begleiter bevorstand. Aber was sollte er gegen ein ganzes Dorf ausrichten? Er alleine, einzig bewaffnet mit einem Langschwert? Gegen all die Keulen, Mistgabeln und brennenden Fackeln? Er konnte nur hoffen, dass Paul nicht allzu viel leiden musste...

 

Frankreich, Marseille, die Gegenwart.
Micky schnappte entsetzt nach Luft. „Du hast ihn sterben lassen?“ Sie konnte es nicht glauben. Obwohl, Methos hatte schon öfters eine gewisse Kaltschnäuzigkeit und Härte an den Tag gelegt. Bei seinem langen Leben war das auch irgendwie kein Wunder.

Was hättest du getan? Nein, sag es nicht, du hättest dich gleich mit verbrennen lassen. Nur damit der Junge nicht alleine gewesen wäre.“
Ich hätte zumindest versucht ihn zu retten. Ich wäre mit gezogenem Schwert auf sie losgestürmt.“
Und wärst bei dem Versuch gestorben oder neben ihm auf dem Scheiterhaufen gelandet. Du weißt, dass das einigen von uns während der Hysterie des Mittelalters und der Hexenverfolgung passiert ist und was aus ihnen wurde. Ich wollte nicht die Ewigkeit dem Wahnsinn verfallen verbringen.“ Micky schluckte einen harten Kloß herunter. Sie wusste, das Methos die Wahrheit sprach.
Und was wurde aus dem Prediger?“
Ich wartete, bis sich alles beruhigt hatte. Dann schlich ich in sein Quartier und holte mir seinen Kopf. Pauls Tod war gesühnt, und ich zog weiter.“ Er machte eine Bewegung mit den Armen, wie um zu sagen, so einfach ist das, was sein hübsches Gegenüber mit einem leicht verächtlichen Schnauben honorierte.
Du machst es dir sehr einfach“, warf Micky ihrem Freund vor.
Wenn du überleben willst, kommst du nicht drum herum, es dir einfach zu machen und den Problemen möglichst aus dem Weg zu gehen. Der kluge Unsterbliche denkt an sich selbst zuerst.“
Du meinst also, ich soll mir Julies Adresse besorgen und sie zu ihrem Vater schicken.“ Er nickte. „Es muss noch einen anderen Weg geben.“ Methos schüttelte zweifelnd den Kopf und lehnte sich weit nach vorne. Seine Augen wirkten kühl und hart. Ein Blick, der Micky vertraut war, den sie aber nicht mochte.
Ich hab mich getäuscht, du bist genauso verdammt ritterlich wie dein Mann. Du kannst mit dem Mädel nicht reden. Sie ist festgefahren in ihrer Meinung. Sie interessiert nur eines, dein Tod. Wenn du also keine Todessehnsucht verspürst, solltest du sie ganz schnell ins Jenseits befördern.“ Bevor Micky noch etwas erwidern konnte, klingelte ihr Handy.

Entschuldige mich, du alte Unke. Meine Tochter hat Sehnsucht nach mir.“ Sie nahm den Anruf an. „Geneviève, mein Schatz. Hast du deinen Geist gefunden?“ Sie ignorierte Methos’ fragenden Blick und deutete ihm, sein Frühstück zu vertilgen, das der Kellner inzwischen gebracht hatte.
Du wirst es nicht glauben, Mama. Der Geist hat sich als Unsterblicher entpuppt, der nur seine Ruhe vor den Menschen haben wollte. Das Schloss steht auf heiligem Boden. Vor Urzeiten haben hier Druiden irgendwelche Zeremonien abgehalten. Dadurch war er natürlich geschützt. Aber ich konnte ihn überreden, sich ein anderes Quartier zu suchen. Jetzt muss ich mir nur überlegen, was ich in meinem Bericht schreibe... Und was hast du wegen der anderen Sache erreicht?“ Micky zögerte. Sie war noch immer unschlüssig.
Noch nicht viel. Am besten flieg wieder nach Hause.“
Und was ist mit dir?“ Micky freute sich über die die Besorgnis in Genevièves Stimme.
Ich komme schon zurecht. Außerdem ist Methos vorhin hier eingetrudelt. Er hat mir etwas gebracht, das mir vielleicht hilft, Julie von ihren Plänen abzubringen. Ich bin also nicht alleine.“
Na gut, dann gebe ich das Auto aber in Paris ab. Das ist einfacher als auf die Schnelle einen Rückflug zu buchen. Wer hätte ahnen können, dass sich meine Geistergeschichte so schnell verflüchtigt?“ Sie lachte über ihren Witz. „Dann sehen wir uns hoffentlich in einigen Tagen in Paris.“ Ja, hoffentlich dachte Micky und beendete das Gespräch.

 

Frankreich, Marseille, am selben Abend.
Doch statt einer vernünftigen Aussprache kam es zu einem Duell. Genau wie Methos prophezeit hatte, wollte Julie Porté nicht reden, sondern sich Mickys Kopf holen.

Micky und Methos verließen gerade ihr Hotel, um in einem Restaurant zu Abend zu essen. Sie hatten den Fuß noch nicht von der letzten Treppenstufe gesetzt, als sie spürten, dass ein Unsterblicher in der Nähe war. Methos glitt mit einer Hand unter seinen Mantel und legte sie auf sein Schwert. Micky sah sich kurz um, ob Sterbliche in der Nähe waren, dann holte sie ihr Toledo Salamanca unter dem Ledermantel hervor. Ein kurzer Blick zu Methos genügte, ohne Worte signalisierten sie sich ihre Kampfbereitschaft.

Julie, wir sollten darüber reden“, bat Micky, die genau wusste, wer da in der Dunkelheit auf sie lauerte.
Es gibt nichts zu reden. Sie sind der letzte Mensch, mit dem ich reden will! Ich will Sie tot sehen!“
Methos beugte sich zu Micky rüber und meinte leicht spöttisch: „Na, was hab ich dir gesagt?“

Ach, halt doch die Klappe“, zischte Micky schnippisch, während sie den Platz abschritt auf der Suche nach der Richtung, aus der Julies Stimme gekommen war.

Dann schoss auf einmal ein Wagen auf Micky zu, die Scheinwerfer leuchteten kurz auf und blendeten sie. Bevor Micky noch zur Seite springen konnte, wurde sie auch schon von dem Auto erfasst, prallte von der Motorhaube ab und brach bewusstlos auf dem kopfsteingepflasterten Platz zusammen. Methos rannte mit seinen langen Beinen zu ihr hinüber, zog Micky auf die Füße, schnappte sich ihr Schwert und rannte zurück zum Hoteleingang.

Hinter sich hörte er, wie eine Wagentür mit lautem Knall zugeschlagen wurde. Im gleichen Augenblick kam Micky wieder zu sich, schüttelte benommen den Kopf. Methos musterte sie kurz und überzeugte sich, dass es ihr einigermaßen gut ging. Zumindest konnte sie alleine stehen und ihr Schwert halten.

Wollen wir verschwinden oder willst du kämpfen?“ Micky schnaubte zornig.
Das Miststück hat mich gerade überfahren! Ich kämpfe!“ Sie schlug Methos’ Hand weg, mit der er sie zu stützen versucht hatte.
So ist’s recht, Hochwohlgeboren. Schnapp sie dir!“
Micky streifte ihren Mantel ab und warf ihn unbeachtet auf den Boden. Dann ging sie zügig auf ihre Gegnerin zu.
Die beiden Frauen umkreisten sich langsam und mit argwöhnischen Blicken.

Dass Sie mich überfahren haben, nehme ich jetzt aber persönlich, Lady!“ rief Micky ihr zu und ging direkt in die Offensive.
Wie persönlich kann es denn noch werden, Sie Mörderin?!“ Julie konterte den Angriff und schlug Micky das Schwert aus der Hand. Micky ließ sich auf die Seite fallen, rollte sich ab und im Hochkommen hielt sie ihr Toledo Salamanca wieder fest in der linken Hand. Schlag um Schlag versuchte eine der beiden einen Vorteil für sich herauszuholen.

Methos stand mit Mickys Mantel über dem Arm an die Häuserwand gelehnt und beobachtete den Kampf. Julie Porté war eine gleichwertige Gegnerin, doch nicht nur Methos hatte das erkannt.

 

Obwohl die Nächte noch sehr kalt waren, trat Micky Schweiß auf die Stirn. Julie machte einen Ausfallschritt nach vorne und schlitzte Mickys Pullover auf. Ein feines Blutrinnsal sickerte durch die helle Wolle durch. Den brennenden Schmerz der nicht allzu tiefen Wunde ignorierte sie und holte zum Gegenschlag aus.

Inzwischen standen sie in der Nähe der Hafenmauer. Ihre Schwerter kreuzten einander, Julie drückte Mickys Klinge auf die Steine runter. Micky verlor von der kraftvollen Attacke ihrer Gegnerin den Halt und fiel mit einem erschrockenen Ausruf über die Mauer. Der Kampf endete mit ihrem Aufschlag auf dem Wasser.

Für Methos waren zwei Dinge völlig klar: Erstens würde Micky alles nur unnötig in die Länge ziehen, und zweitens würde Julie von ihrem Wunsch nach Vergeltung nicht abzubringen sein. Daher wartete er gar nicht erst ab, bis Micky wieder aus dem Wasser auftauchte, sondern war bereits unterwegs, um ihr Werk zu vollenden. Mit einigen wenigen Schritten stand er vor Julie.

Ich bin Methos, Mademoiselle Porté. Sie gestatten, dass ich meine Freundin vertrete?“ Er hob sein Schwert zum Angriff. Methos war nicht entgangen, dass sie bei der Erwähnung seines Namens gestutzt hatte und jegliche Selbstsicherheit aus ihrem hübschen Gesicht gewichen war – zusammen mit ihrer Gesichtsfarbe. Methos’ legendärer Ruf war auch bis zu ihr durchgedrungen. Doch sie neigte nicht zu Feigheit. Wenn es ihr Schicksal war, heute Nacht durch die Hand einer lebenden Legende zu sterben, dann sollte es so sein. Doch sie würde es ihm nicht allzu leicht machen.

In ihren ersten Schlag legte sie alle ihre Wut und ihren Hass auf Michelle Dubois. Doch sie musste schnell einsehen, dass sie gegen einen 5.000 Jahre alten Gegner keine Chance hatte. Verzweifelt versuchte sie seine Attacken abzuwehren. Doch bereits nach wenigen Augenblicken erkannte sie, dass sie wahrscheinlich verlieren würde.

Sein Langschwert mit beiden Händen führend trieb er Julie vor sich her. Er kämpfte schnell und gnadenlos. Julie registrierte am Rande, dass er einen Schritt auf sie zusprang und sein Schwert dabei tief in ihre Brust bohrte. Ebenso schnell zog er es wieder hervor, drehte es kurz in seiner Rechten und holte zum Vernichtungsschlag aus.

Sie ist eine Mörderin, egal, was Sie Ihnen gesagt hat“, brachte sie mit letzter Kraft hervor.
Sie hat Gerechtigkeit für sich gesucht und ist dabei möglicherweise ein bisschen zu weit gegangen“, erwiderte Methos. Dann - mit einer weit ausholenden Bewegung - schlug er ihr den Kopf ab.

Methos verschnaufte und wartete auf die Energieübertragung. Eine Brise kam vom Meer auf und umspielte seinen langen schwarzen Mantel. Er roch eine Mischung aus Ozon und Salz, die in seiner Nase kitzelte. Dann wurde die Uferpromenade auch schon vom Licht der Blitze erhellt.

Während Julies Energie auf Methos überging, sah er, wie ein Schwert über die Mauer geworfen wurde. Zwei Hände zogen sich an den Steinen hoch, gefolgt von der triefendnassen Micky, die sich über die Hafenmauer hiefte und nach Atem ringend auf der trockenen Seite herunterrutschte.

Kurz darauf kam Methos zu ihr herübergeschlendert und half Micky ein weiteres Mal an diesem Abend auf die Füße.

Ein schlichtes Danke reicht wohl nicht“, bemerkte sie mit einem schiefen Grinsen im Gesicht. „Ich habe gehört, was du am Ende zu Julie gesagt hast. Von wegen, ich wäre zu weit gegangen. Vielleicht hast du Recht. Und ich muss zugeben, dass ich damals nicht nur Gerechtigkeit gesucht habe.“
Ich weiß. Aber ich wollte nicht, dass sie mit noch mehr Hass im Herzen von dieser Welt gehen muss...“ Micky sah ihn verwundert an.

Seit wann bist du so edelmütig?! Ich dachte, das wäre nichts für einen Mann, der vor dem Zeitalter der Ritterlichkeit geboren wurde?!“ Den Sarkasmus in ihren Worten versuchte er zu ignorieren. Statt einer Antwortet zuckte er nur mit den Schultern.
Du kannst mir nichts vormachen, Methos. Hinter deiner rauen Schale verbirgt sich eben doch ein weicher Kern.“ Er beugte sich vor und legte einen Finger auf seine Lippen. Ein schelmisches Grinsen umspielte seinen Mund.
Scht! Das soll doch niemand wissen. Ist nicht gut für meinen Ruf! Aber jetzt haben wir wirklich genug Trübsaal geblasen. Komm, ich lad dich auf ein Bier ein.“ Micky musste unwillkürlich lachen.
Ich frage mich, wie du es immer so leicht schaffst zur Tagesordnung überzugehen?“

Mit der Zeit bekommt man ein dickes Fell. Und ich hoffe, du wirst jetzt endlich deinen Frieden finden.“ Micky legte den Kopf zur Seite und überlegte. Sie wusste, dass Maximilian ihr damals etwas Schreckliches angetan hatte, doch dieser Tat verdankte sie auch ein aufregendes Leben. Es war ihr Schicksal gewesen, an diesem Tag zu sterben und wiedergeboren zu werden. Sie hatte eine sehr lange Zeit gebraucht, um sich damit abzufinden.

Nach einigen Minuten antwortete sie endlich: „Zumindest Julie hat ihn jetzt.“ Sie warf einen letzten Blick auf ihre Leiche, die Methos zusammen mit ihrem Schwert über die Hafenmauer warf, wo sie auf Nimmerwiedersehen im Meer verschwand.

 

 

15. Das Ende der Unschuld

 

Frankreich, Chateau Dubois, einige Wochen später in der Nacht.
Nächtliche Ruhe und Frieden lag über dem Schloss und seinen Bewohnern. Gelegentlich hörte man eine Eule, die ihren Schrei im Schlosspark ausstieß. Die Wachleute drehten ihre Runden, Philippe und Henri waren besonders wachsam,
seit sie an Weihnachten ihre Eltern verloren hatten. Niemand kam mehr ungesehen auf das Gelände.

Doch nicht alle Bewohner konnten die Nachtruhe genießen. Sie wurde je unterbrochen, zumindest im Schlafzimmer der MacLeods, als Mickys Handys auf dem Nachttisch vibrierte und zu klingeln anfing.

Duncan öffnete gar nicht erst die Augen, sondern zog die Daunendecke weit über seinen Kopf und drehte sich auf die andere Seite.

Micky tastete mit geschlossenen Augen nach ihrem Handy, klappte es auf und grummelte: “Wehe, wenn es nicht wichtig ist.”
Das denke ich schon.” Micky verschlug es die Sprache, als sie die Stimme erkannte. Sie setzte sich ruckartig im Bett auf und schaltete die kleine Lampe an.
Adam? Wo bist du?” Duncan drehte sich um und sah seine Frau gespannt an. Seinen fragenden Blick ignorierte sie.
Ich muss dich sprechen. Jetzt.” Sie warf einen kurzen Blick auf die Digitalanzeige ihres Radioweckers.
Hast du eine Ahnung, wie spät es ist? Nur zu deiner Information, es ist drei Uhr.”
Es ist wichtig. Können wir uns auf dem alten Schrottplatz außerhalb von Paris treffen. Du weißt, welchen ich meine?”
Ja, aber wieso muss das mitten in der Nacht sein?”
Es geht um Kyle.” Das war ein Satz, der Micky garantiert dazu brachte, mitten in der Nacht ihr warmes Bett zu verlassen.
Gut, ich komme.”
Alleine.” Sie seufzte. Das schmeckte ihr überhaupt nicht. Aber Adam war ihr Mentor gewesen, und er war ihr Freund.
Ich bin auf dem Weg.” Sie klappte ihr Handy zu und schwang ihre Füße über den Bettrand. Ihre dicken Wollsocken versanken in dem Schaffell, das vor ihrer Bettseite ausgelegt war. Nun war auch Angus erwacht. Von seinem Stammplatz vor dem Kamin hob er interessiert den Kopf.
Du willst dich mitten in der Nacht mit Adam Lee treffen?” fragte Duncan, auch er war nun restlos wach und sichtlich besorgt.
Er sagt, es geht um Kyle. In erster Linie will ich aber wissen, wie er entkommen ist. Er hat mich übrigens gebeten alleine zu kommen.”
Darauf lässt du dich doch nicht ein, oder? Das riecht nach einer Falle.” Sie seufzte wieder, es war noch zu früh am Morgen oder zu spät in der Nacht für eine Grundsatzdiskussion über Vertrauen.
Ich kenne Adam schon ewig.”
Er hat dich aber 78 Jahre in dem Glauben gelassen, er wäre tot. Macht ein Freund so etwas?” Micky verschwand kurz in ihrem begehbaren Kleiderschrank., was sie aber nicht daran hinderte, die Unterhaltung fortzusetzen.
Er hatte seine Gründe. Mir wird schon nichts passieren. Und für den unwahrscheinlichen Fall, dass du Recht hast, nehme ich das hier mit.” Sie kam fertig angezogen aus dem Schrank heraus und griff nach ihrem Toledo Salamanca, das neben Duncans Katana auf dem Nachttisch lag.
Sie ging zum Bett rüber, gab Duncan einen Kuss und schlüpfte leise, um die restlichen Schlossbewohner nicht zu wecken, aus der Tür.

 

Duncan wartete genau fünf Minuten, dann sprang er aus dem Bett und verschwand ebenfalls im begehbaren Kleiderschrank. Angus warf ihm einen irritierten, aber auch gelangweilten Blick zu, als Duncan sein Schwert schnappte und sich auf den Weg zur Tür machte.
Ich weiß, sie wollte alleine gehen. Aber ich lasse sie nicht ohne Rückendeckung in eine Falle laufen. Also sieh mich nicht so an, Angus.” Der Husky ließ seinen Kopf wieder gemächlich auf seine Pfoten zurücksinken und schloss die Augen.

 

Frankreich, ein Schrottplatz außerhalb von Paris, in den sehr frühen Morgenstunden.
Micky stellte den Motor ihres Z3 ab und stieg aus. Blitzschnell versteckte sie ihr Schwert unter ihrem Mantel und machte sich auf die Suche nach Adam Lee.

Über ihr schien der Vollmond an einem sternenklaren Himmel, Micky sah, wie kleine Atemwölkchen aus ihrem Mund entwichen. Sie schlug den Kragen ihres Ledermantels hoch und verfluchte im Stillen Adam, dass er sie zu dieser unmöglichen Zeit aus ihrem warmen Bett geholt hatte.

Gerade wollte sie wieder zu ihrem Auto zurückgehen und dort auf ihn warten, als sie bemerkte, dass sie nicht mehr alleine war.
Adam?” rief sie in die Nacht hinaus und drehte sich einmal im Kreis. Ringsum sie herum waren Autowracks gestapelt, sie befand sich im Zentrum eines kleinen Platzes. “Komm schon, es ist kalt, es vier Uhr in der Frühe. Und meine Laune ist nicht die allerbeste!”

Links von ihr erschien Adam Lee auf der Bildfläche. Er trug einen schwarzen Mantel, hatte einen blonden Dreitagebart und Ringe unter den Augen. Kurz gesagt, er sah beschissen aus.

Himmel, wie siehst du nur aus? Wie bist du Kyle entkommen?” Sie stürzte zu ihm und streckte eine Hand aus, doch Adam zuckte zurück.
Bleib stehen.” Sie sah ihn erstaunt an, tat aber, was er wollte.

Von beiden unbemerkt näherte Duncan sich zu Fuß. Seinen Wagen hatte er außerhalb des Schrottplatzes geparkt. Er hatte eine Gänsehaut, nicht nur wegen der Kälte. Er roch die Falle meilenweit. Warum war Micky nur so unvorsichtig?

Ich habe eine Botschaft von Kyle für dich.”
Da bin ich ja mal gespannt.” Sie verschränkte die Arme vor der Brust und tippelte von links nach rechts, um ihre Füße aufzuwärmen.
Er gibt dir eine letzte Chance. Schließ dich ihm an.” Micky stieß ein bitteres, verächtliches Lachen aus.
Du kannst ihm das gleiche bestellen, das ich ihm bereits persönlich gesagt habe: Er soll zur Hölle fahren und nur über meine Leiche!” Adam seufzte bedauernd, griff unter seinen Mantel und zog sein keltisches Langschwert hervor. Micky traute ihren Augen nicht. “Adam, was soll das? Arbeitest du jetzt für Kyle? Bist du deswegen im Schloss geblieben?” Noch bevor er antworten konnte, hatte Micky ihrerseits ihr Schwert unter dem Mantel hervorgeholt. Breitbeinig stand sie da und wartete auf seinen nächsten Schritt.
Wenn ich dich nicht überzeugen kann, dich ihm anzuschließen, muss ich dich ausschalten und zwar endgültig.” Micky versuchte in seinen Augen zu ergründen, was dieser Irssinn sollte. Doch seine blauen Augen blieben unergründlich wie der tiefe Ozean.
Adam, überleg dir, was du da sagst. Ich werde es dir nicht leicht machen. Und du weißt, welche Gegner ich in den letzten Jahren besiegt habe. Michael Alexander, Christopher Sikes, Daniel Prescott, um nur einige zu nennen.”
Ich habe keine Wahl.” Er ließ das riesige Schwert nahezu mühelos in seiner rechten Hand kreisen und näherte sich entschlossen seiner ehemaligen Schülerin. Nun gab Duncan seine Deckung auf, sein Schwert hielt er aber mit der Klinge nach unten. Dies war der Kampf seiner Frau. Vorsichtig schlich er näher.
Jeder hat eine Wahl, Adam. Du kommst jetzt mit ins Chateau, und wir reden über alles.”
Niemand hat eine Wahl. Wir sind alle Kyles Marionetten.”
Du bist einer Derjenigen! Was ist mit dem Gleichgewicht? Du kannst für die Rettung der Welt eintreten.”
Micky reagierte rein instinktiv, als Adam sie von einer Sekunde auf die andere attackierte. Beide hielten ihre Schwerter fest mit zwei Händen umklammert. Micky begriff traurig, dass es für Worte nun endgültig zu spät war. Schlag auf Schlag folgte innerhalb von Sekunden. Sie näherten sich einem Autowrack, Adams nächste Attackte warf Micky dagegen. Er holte aus, doch sie blockte das Schwert weit von ihrem Hals entfernt ab. Einen Funkenregen fiel auf sie nieder, brannte Löcher in ihre Mäntel.

Micky hob ihr rechtes Bein und trat Adam mit aller Kraft vor die Brust. Während er rückwärts stolperte, rappelte sie sich auf und entfernte sich von dem Auto, das ihr zwar Rückhalt aber keinen Schutz bot. Sie drehte ihr Toledo Salamanca ein paar Mal in der Hand und ging dann in die Offensive. Zu spät sah sie, dass Adam sein Schwert gedreht hatte und ihr nun mit dem Knauf einen Kinnhaken verpasste, der sie von den Füßen riss. Duncan stieß einen erschrockenen Schrei aus, der Adam für einige Sekunden ablenkte. Genau die Zeit, die Micky brauchte, um leicht benommen wieder auf die Füße zu kommen.

Ich habe gesagt, du sollst alleine kommen!” Micky bemerkte erstaunt, dass Duncan ihr gefolgt war.
Ich bin auch alleine losgefahren. Er muss mir gefolgt sein. Also kannst du dir sicher sein, wenn du mich jetzt tötest, holt er sich deinen Kopf, Adam. Und damit sind Kyles Pläne so oder so hinfällig.” Sie wunderte sich, dass Adam nicht einwarf, dass keiner von ihnen ein Schwert der Macht hatte.
Stattdessen erwiderte er: “Dann soll es so sein.” Wieder attackierte er seine frühere Schülerin mit einigen schwungvollen, hohen Schlägen. Den letzten schmetterte Micky mit einem weiten Bogen ab, so dass Adam seine Deckung verlor. Eine Spur Traurigkeit lag in seinem Blick. Micky sprang vor und stieß die Klinge in seinen Bauch. Er verzog kurz schmerzverzerrt das Gesicht und ließ sein Schewrt sinken.

Adam, ich will das nicht tun”, flehte Micky mit Tränen in den Augen.
Dann wirst du sterben, und die Welt wird zum Teufel gehen. Kyles Seite wird gewinnen, willst du das?” schrie er zornig.
Nein, aber ich will auch nicht, dass du deswegen sterben musst. Außerdem, wie kann ich dich töten?! Das hier ist ein ganz gewöhnliches Schwert. Kein Schwert der Macht.” Er versuchte zu grinsen, verzog aber wieder schmerzverzerrt die Mundwinkel nach unten.
Probier es einfach aus. Vielleicht erlebst du eine Überraschung.” Sie schüttelte zornig den Kopf.
Warum sollst ausgerechnet du sterben? Es gibt sieben von euch, verflucht noch eins! Ich will, dass Kyle stirbt, dass er leidet und schließlich durch meine Hand stirbt!” Es war ihr gleich, dass Duncan ihre Worte hörte, es war ihr gleich, dass sie mit diesen Worten ihr Versprechen brach, das sie ihm in der Nacht ihrer Versöhnung gegeben hatte.

Das schaffst du nicht. Aber wenn du nicht willst, dann...” Allmählich kam Adam wieder zu Kräften. Er schaffte es bereits, sein Schwert zu heben und versuchte aufzustehen. Panik überfiel Duncan.
Micky, zum Teufel noch mal, überleg nicht lange! Er tötet dich sonst!” Duncan schaffte es irgendwie sie wachzurütteln, die Trance, die sie eingehüllt hatte, zu durchstoßen. Bevor sie noch groß darüber nachdenken konnte, nahm Micky ihr Toledo Salamanca fest in beide Hände, holte bis weit über ihrem Kopf aus und schlug zu.
Adams kopfloser Leichnam sackte auf die Seite. Micky warf entsetzt ihr Schwert von sich und ging in die Knie.

Nein, nein!” schrie sie, Tränen flossen in Strömen über ihre Wangen.

 

Da erschienen auch schon die ersten Blitze und gingen auf sie über. Sie kam wankend auf die Füße, packte ihr Schwert und hielt es hoch in den Himmel. Der Schrottplatz war mit einem Mal taghell erleuchtet. Die Autowracks in der näheren Umgebung wurden in die Luft gehoben, Fensterscheiben zerborsten, Alarmanlagen heulten los. Micky verlor ein paar Mal den Boden unter den Füßen, während die Energie und das unvorstellbare Wissen eines der ältesten Unsterblichen auf sie überging. Minutenlang ging es so weiter, Micky wünschte sich zu sterben. Was um Himmels Willen hatte sie da getan?

Mit jedem Blitz schrie sie von Schmerzen und Seelenpein geplagt auf. Sie verfluchte die Welt, die sie soeben gerettet hatte, sie verfluchte Adam und ganz besonders Kyle.

 

Als es endlich, nach einer Ewigkeit wie es Duncan vorkam, zu Ende war, ging er langsam zu Micky. Sie kniete neben Adams Leiche, berührte sachte seine Brust, als wollte sie einen Schlafenden nicht wecken. Duncan trat neben sie, zog sie behutsam und nahezu widerstandslos hoch. Er drehte sie zu sich und legte die Arme um seine Frau. Ein Schluchzer entfuhr Micky.

Ich habe gerade die Welt gerettet, aber wieso fühle ich mich so beschissen? Ist ein einzelnes unsterbliches Leben das nicht wert?” Duncan sah auf sie herunter, hob ihren Kopf mit einem Finger hoch.
Nicht, wenn es das Leben eines Freundes ist.” In diesem Moment begriff Micky erst, welche Auswirkung Adams Tod durch ihre Hand wirklich haben würde. Nicht für die Welt, nicht für Kyle, sondern für einen Menschen, der ihr bisher sehr nahe gestandne hatte.
Oh Gott, Geneviève!” Duncan sah sie fragend an. “Begreifst du nicht? Ich habe ihre große Liebe getötet. Das wird sie mir nie verzeihen.”

Wir fahren jetzt erst mal nach Hause, du versuchst etwas zu schlafen, und dann machen wir uns Gedanken über Geneviève und ihre Gefühle für einen Mann, den sie genau wie du 78 Jahre tot geglaubt hat.” Sie löste sich aus Duncans Umarmung und schüttelte den Kopf. In den Tränen, die ihr noch immer über die Wangen liefen, glitzerte das Mondlicht. Trotz der Situation dachte Duncan, dass sie noch nie so schön und so verletzlich ausgesehen hatte.
Ich will nicht ins Chateau. Ich will nicht auf Geneviève treffen...”
Das Hausboot?” fragte Duncan, es war die einzige Alternative, die ihnen blieb. Sie nickte einverstanden. “Micky, eines verstehe ich nicht, wieso konntest du ihn töten? Er wusste, was er war. Du hattest kein Schwert der Macht.” Sie schüttelte traurig den Kopf.
Ich weiß es nicht, Duncan. Und ehrlich gesagt, es ist mir egal. Adam ist tot, was interessiert mich, was mit meinem Schwert los ist...” Sie drehte sich um, nahm Adams Schwert an sich und ging an Duncans Seite zu ihrem Auto zurück.

 

Frankreich, Paris, Duncans Hausboot, kurze Zeit später.
Auf dem Tisch, der auf Deck stand, lag ein Briefumschlag mit Mickys Namen darauf. Sie erkannte die Handschrift sofort, sie stammte aus einer Zeit, als die Menschen noch gerne viele Briefe geschrieben hatten. Eine kraftvolle Männerhandschrift.

Er ist von Adam”, brachte sie mit einem Krächzen hervor. Auf der Fahrt zum Hausboot hatte sie nur geweint und geschluchzt. “Ich lese ihn hier.” Duncan nickte verständnisvoll und ging nach unten.

Ihre Hand zitterte, als sie den Umschlag öffnete und Adams Abschiedsbrief herauszog. Tränen tropften auf das Papier und drohten, seine letzten Worte für immer zu verwischen. Schnell fuhr sie sich über die Augen und zwang sich zur Ruhe. Dann begann sie zu lesen.

Meine liebe Michelle, diesen pathetischen Satz, der mit den Worten – wenn du das hier liest – anfängt, schenke ich mir einfach. Lieber erkläre ich dir den Grund für mein Verhalten, der letztlich zu unserem Duell auf Leben und Tod geführt hat.

Kyle hat meine Schwester Brigid in seiner Gewalt. Er hat mich gezwungen, zu dir zu gehen und dich dazu zu bringen, dich ihm anzuschließen. Mir war klar, dass du den Teufel tun würdest. Ebenso war mir klar, dass es keinen anderen Weg gab, um Kyles neue Weltordnung aufzuhalten. Einer von uns sieben musste sterben. Und sein wir mal ehrlich, du hättest weder Methos, noch Isis geopfert. Und ich hätte gewiss meine Schwester nicht töten können. Bleiben noch Raiden, Rhea, Taranis und Kyle alias Neto selbst. Doch den Gott des Krieges hättest du mit deinen bis heute kümmerlichen Kräften nicht besiegen können. Jetzt kannst du es, und meiner Meinung nach solltest du es auch. Obwohl Kyle nun nicht mehr über die Macht verfügt, seine neue Weltordnung einzulführen, wird er nicht eher ruhen, bis du und deine Freunde tot seid. Er wird weiterhin Sterbliche wie Spielzeug benutzen und Unsterbliche zu seinem Vergnügen kämpfen lassen.

Wenn du aber, gebunden an deinen Schwur Duncan gegenüber, Kyle nicht töten willst, habe ich eine Bitte an dich. Du hast heute Nacht durch meinen Tod die Welt gerettet. Nun rette noch meine Schwester. Brigid ist für Kyle nun ohne Wert. Sie ist kein Druckmittel mehr, da ich tot bin. Er wird sie quälen, in den Wahnsinn treiben und irgendwann vielleicht töten. Das hat sie nicht verdient.

Falls du dich fragen solltest, wie es dir möglich war, mich zu besiegen... Die Erklärung ist ganz einfach. Dein Toledo Salamamca ist ein Schwert der Macht. Vor Jahren, als ich erkannte, dass Kyles Aufstieg unmittelbar bevorstand, stattete ich Chateau Dubois in deiner Abwesenheit einen Besuch ab. Ich habe den vordersten Metallbarren in deinem Safe gegen einen meiner ausgetauscht, aus denen die Schwerter der Macht ursprünglich geschmiedet worden sind. Wenn du clever genug warst, was ich nie bezweifelt habe, dann hast du mein Schwert an dich genommen, somit habt ihr nun zwei im Kampf gegen Kyle.

Lass keine Schuldgefühle aufkommen, ich habe mich bereitwillig geopfert, um die Welt zu retten. Ich wünsche dir ein sehr langes Leben, Comtesse. Adam.”

Micky legte den Brief zur Seite und wischte sich zum wiederholten Male Tränen von den Wangen. Vor ihrem inneren Auge sah sie unzählige Begegnungen und Ereignisse mit Adam. Der bittersüße Schmerz brannte sich tief in ihr Herz hinein. Sie sah in ihrem Kopf seine Erinnerungen wie einen Film ablaufen. Sah sich selbst, wie er sie mit seinen Augen gesehen hatte. Sie sah den Tag, an dem er sie in Wittenberg abgeholt hatte, die unzähligen Unterrichtsstunden, die Abenteuer, der Spaß in den folgenden 15 Jahren. Die Treffen im Laufe der Jahrhunderte, sein inszenierter Tod vor 78 Jahren, das Wiedersehen auf dem Friedhof vor so wenigen Monaten. Trotz ihres Kummers musste sie lächeln, als sie mit dem Brief in der Hand die Stufen hinunterstieg.

 

Frankreich, Paris, Duncans Hausboot, am nächsten Morgen.
Das Frühstück, das Duncan zubereitet hatte, stand unangetastet vor ihnen. Keinem von ihnen war im Augenblick nach Essen zumute.

Fassungslos hörte sich Methos an, was sich vergangene Nacht ereignet hatte.
Er konnte kaum glauben, dass Adam Lee sich so bereitwillig zum Wohle der Welt geopfert hatte. Genauso wenig konnte er glauben, dass es wirklich überstanden war. Sicher, Kyle lebte immer noch und würde sie nicht in Ruhe lassen. Aber er hatte einen Derjenigen verloren, er konnte seine Pläne vergessen. Wenn nicht gerade Adam dafür sein Leben hätte lassen müssen, hätte es ein Freudentag sein können.

Gegenüber von Methos saß Micky, tiefe Ringe hatten sich unter ihren Augen eingegraben, die feuerrot leuchteten. Ebenso unglaublich war die Tatsache, dass Adam ihr das Metall untergeschoben hatte, aus dem sie ein Schwert der Macht geschmiedet hatte.

Die Schuld an sich ist schon schlimm genug... “Duncan legte tröstend einen Arm um ihre Schulter. “...Aber wenn ich denke, wie Geneviève reagiert, wenn sie erfährt, dass ich Adam getötet habe.” Im selben Moment zuckten sie zusammen und drehten sich zum Eingang um.

Dort stand Geneviève mit erstarrtem Gesichtsausdruck. Mit geöffnetem Mund und weit aufgerissenen Augen kam sie langsam die Stufen hinunter. In ihren Augen stand Unglaube, sie schüttelte den Kopf angesichts dessen, was sie gerade gehört hatte.

Was hast du getan, Mutter? Was hast du getan?!” schrie sie hysterisch. Duncan und Methos standen gleichzeitig auf. Micky erhob sich wie in Zeitlupe. Beruhigend streckte sie eine Hand nach Geneviève aus.
Lass es mich erklären, Geneviève. Er hat sich geopfert, um die Welt zu retten. Er wollte, dass ich ihn besiege.” Sie stand unmittelbar vor ihrer Tochter, zuckte aber zurück, als sie den hasserfüllten Ausdruck in ihren Augen sah.
Fass mich nicht an! Nie wieder! Wenn du mir jemals wieder unter die Augen kommst, dann töte ich dich!” Sie machte auf dem Absatz kehrt und rannte die Stufen hinauf.
Geneviève! Warte.” Micky war drauf und dran, ihr zu folgen. Methos packte ihren Arm und hielt sie zurück. Er packte auch noch ihren anderen Arm und schüttelte sie kurz, um sie zur Vernunft zu bringen.
Nicht, Micky. So wie sie drauf ist, wird sie versuchen, ihre Drohung wahrzumachen. Gib ihr Zeit.” Micky entfuhr ein bitteres Lachen, als sie sich niedergedrückt von ihrer Schuld auf den Küchenstuhl sinken ließ.
Klar, wir haben ja alle Zeit der Welt...” bemerkte sie sarkastisch und sah hinauf zu der Einstiegsluke, wo ihre Tochter verschwunden war. Für eine lange Zeit, wie Micky vermutete.

 

Fortsetzung folgt...
 


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