Highlander

 

 

Die französischen Chroniken -
Das Konsortium
Band 5


von Claudia Filip

 

 

Mein Name ist Michelle Dubois, ich wurde als eine französische Comtesse vor über 500 Jahren in der Nähe von Paris geboren. Seither durchstreife ich unentdeckt von den Sterblichen die Jahrhunderte.

Seit 11 Jahren bin ich mit Duncan MacLeod vom Clan der MacLeod verheiratet. Gemeinsam mit unseren Freunden Methos, Richie Ryan, Connor MacLeod und Isabelle Coulins haben wir uns von den Kämpfen um die Zusammenkunft zurückgezogen.

Doch auch für uns gibt es Duelle, die wir nicht ablehnen können. Die Splittergruppe der Beobachter macht uns seit Jahren das Leben schwer. Und obwohl ich ihren Anführer, den Unsterblichen Christopher Sikes, im Duell getötet und dafür mit dem kurzzeitigen Verlust meiner Seele bezahlt habe, sagt mir ein ganz ungutes Gefühl, dass es noch lange nicht vorüber ist. Dass dies erst der Anfang ist…“

 

 

1. Der falsche Weg

 

England, Cornwall, Schloss Lys Airt, am Abend.
Duncan klopfte an Richies Zimmertür und lauschte. Als er sein freundliches „Herein“ hörte, drückte der Highlander sachte die Türklinke herunter und betrat den Raum.

Hey, Mac. Was gibt es?“ fragte Richie, der gerade dabei war, sich für das Abendessen umzuziehen, fröhlich. „Ist Micky schon zurück? Hat sie mit Finnigans Verlobter gesprochen?“ Duncan schüttelte den Kopf.
Gwen war nicht da. Morgen früh bringt Finns Chauffeur sie noch mal rüber nach Truro. Der Ball ist erst einmal verschoben. Außer uns kennt niemand den wahren Grund. Finnigan hat allen erzählt, Gwen hätte einen Schwächeanfall erlitten wegen der Aufregung.“ Er setzte sich auf Richies Bett.
Und was willst du dann, Mac?“
Ich wollte mit dir reden, Richie. Alleine.“
Worüber?“
Über Dr. MacKenzie. Hast du nichts gespürt?“ Richie zog den Kopf aus dem Kleiderschrank heraus und sah Duncan irritiert an.
Schmetterlinge im Bauch oder was zum Geier meinst du?“ Duncan seufzte. Was er Richie zu sagen hatte, fiel ihm nicht leicht. Vor ihm lag ein Gespräch, das Connor vor langer Zeit mit ihm, Duncan, geführt hatte.
Richie, Ginger ist eine potentielle Unsterbliche.“ Jetzt war es raus, aber Duncan fühlte sich keinen Deut besser.
Was? Sie ist Eine von uns? Aber das ist ja genial!“ Duncan stand auf und sah Richie warnend an.
Sie ist eine mögliche Unsterbliche, das war es, was ich sagte, Richie. Sie muss erst einen gewaltsamen Tod sterben. Wenn sie nicht durch einen Schock unsterblich wird, altert sie und stirbt irgendwann.“ Duncan erkannte, wie es in seinem Freund arbeitete. Er wusste genau, was Richie fühlte. Ihm war es damals ebenso ergangen. Duncan hoffte inständig, dass Richie nicht den gleichen Fehler machen würde. „Junge, komm’ nicht auf irgendwelche dummen Ideen.“
Ich weiß nicht, was du meinst.“ Duncan packte ihn am Arm und hielt ihn fest.
Du weißt ganz genau, was ich meine, Richie. Du willst sie töten, damit sie jetzt in jungen Jahren unsterblich wird. Das darfst du nicht.“
Was weißt du denn schon?“ sagte Richie zornig. Er konnte es nicht leiden, wenn Duncan ihn von oben herab behandelte und ihn spüren ließ, wie viel mehr Erfahrung er hatte im Vergleich zu Richie.
Mehr als du ahnst, Richie. Du denkst, du kennst mich. Ich habe dir aber nie von meiner Frau Kate erzählt…“
Deine Frau heißt Micky, falls du es vergessen hast, Mac.“
Komm’ in fünf Minuten runter in den Salon, dann erfährst du, wer Kate war und was ich ihr angetan habe.“ Damit ließ er Richie stehen und ging nach unten. Die Erinnerungen an Kate und den größten Fehler, den er in 415 Jahren begangen hatte, quälten ihn noch immer. Für die Liebe war er zum Mörder geworden und hatte am Ende alles verloren.

Richie kam einige Minuten später in den Salon. Es herrschte eine merkwürdige Stimmung. Duncan stand mit einem Glas Whisky in der Hand am Kamin. Micky schärfte ihr Schwert. Isabelle saß auf Connors Schoß, der es sich in einem Ohrensessel bequem gemacht hatte. Richie setzte sich geistesabwesend auf das gemütliche Sofa neben Methos.

Soll ich dir jetzt von Kate erzählen?“ fragte Duncan mit klopfendem Herzen. Er hatte Micky gegenüber vor Jahren eingestanden, was er Kate Devaney angetan hatte. Dabei hatte er sich aber nur sehr knapp geäußert und das Nötigste gesagt.
Wenn du willst“, antwortete Richie leicht gereizt, während er von Duncan ein Bier entgegen nahm.
Eigentlich will ich nicht. Aber es scheint mir nötig zu sein“, meinte Duncan. „Ich lernte Kate unter dem Namen Catherine Mary Devaney kennen im Jahre 1712. Connor und ich trafen auf Kate, als sie in Irland von Wegelagern überfallen wurde. Wir kamen ihr zu Hilfe. Drei Jahre später traf ich Kate wieder. Wir verliebten uns und heirateten. Damals vermutete ich bereits, dass Kate zu uns gehören würde. Connor bestätigte meinen Verdacht. Und er warnte mich. Aber ich war so blind, so naiv, so verliebt…“ Duncan warf einen Blick auf seinen Cousin, der Isabelles Hals streichelte und ihm ermutigend zunickte. „Aber ich wollte nicht hören. In der Hochzeitsnacht…“ Er stockte, sah Micky an, die immer noch stur ihr Toledo Salamanca schärfte und dabei versuchte möglichst unbeteiligt zu wirken. „Kurzum, ich griff zum Dolch und tötete meine Ehefrau…“ Tiefe Traurigkeit lag in Duncans Blick als er alles wieder vor sich sah.

Es hätte der glücklichste Tag und die schönste, leidenschaftlichste Nacht seines bisherigen Lebens sein sollen. Doch sie war zu einem Alptraum geworden.

Nach einem tiefen Schluck aus seinem Whiskyglas fuhr Duncan fort: „Es war ein Fehler, das weiß ich heute. Ich hätte das nie tun dürfen. Ich hätte dem Schicksal seinen Lauf lassen sollen…“
Das war vielleicht ein bisschen krass, Mac. Aber du hast es Kate doch erklärt, und sie hat es verstanden, richtig?“ fragte Richie. Duncan schüttelte traurig den Kopf. Sein Blick blieb in der flackernden Flamme des Kamins hängen. Mit Bedauern erinnerte Duncan sich an das Jahr 1715 und die Konsequenzen seines Handelns…

 

 

Irland, in der Nähe von Dublin, Duncans Haus, zwei Wochen nach der Hochzeit mit Kate Devaney.
Duncan stocherte lustlos in seinem Abendessen herum und klappte das Buch zu, in dem er vergeblich versucht hatte zu lesen. Seit Kate in der Hochzeitsnacht davon gelaufen war, hatte er zu nichts mehr Lust. Keinen Hunger, er fand keinen Schlaf, nichts bereitete ihm Freude. Unablässig hatte er versucht Kontakt mit seiner Frau aufzunehmen. Bisher erfolglos. Connor hatte ihn vor der Hochzeit mehr als eindringlich gewarnt. Doch Duncan war so uneinsichtig gewesen war. Sie weigerte sich mit ihm zu reden, sie weigerte sich sogar mit Connor zu reden.

Wieso hatte er nicht auf seinen älteren, erfahrenen Cousin gehört? Wieso hatte er nicht der Zeit ihren Lauf gelassen? Hitzköpfig wie er war, hatte Duncan kein vernünftiges Wort von seinem schändlichen Plan abbringen können. Er wollte Kates Jugend bewahren, er wollte sie nicht verlieren, er wollte eine unsterbliche Gefährtin und Ehefrau an seiner Seite. Keinen einzigen Gedanken hatte er an die Konsequenzen verschwendet, und jetzt war es zu spät für Reue.

Es klopfte. Duncan stand erschrocken vom Tisch auf und schlich zur Tür.

Duncan MacLeod?“ fragte ein steifer und kühl wirkender, kleiner Mann. Er lüftete seinen Dreispitz und verneigte sich schneidig.
Höchstpersönlich, Sir. Mit wem habe ich das Vergnügen?“
Ich bin Advokat, Mr. MacLeod. Mein Name ist Winston York. Dies ist für Sie“. Der Advokat zog einen Umschlag aus seiner Manteltasche und hielt ihn Duncan entgegen.
Was ist das?“ fragte dieser vorsichtig, nahm den Umschlag aber an.
Scheidungspapiere“, erklärte Winston York, verneigte sich und ging davon.
Moment, was zum Teufel soll das heißen?! Hey, Mr. York! Warten Sie! Ich will mit Kate reden!“ rief er dem Mann hinterher. Im gleichen Moment spürte er einen Unsterblichen in der Nähe. „Connor?“
Nein, ich bin es.“ Aus der Dunkelheit trat Kate auf ihn zu. Sie trug ein grünes Kleid, einen Reisemantel und eine Tasche in der Hand. Mit unbändigem Hass in ihren dunkelbraunen Augen stand sie vor ihm.
Kate, was soll das? Du willst die Scheidung?“ Er trat einen Schritt auf sie zu, worauf Kate ein Schwert hob.
Wieso? Das wagst du wirklich zu fragen, Duncan? Du hast mich getötet! In unserer Hochzeitsnacht!“ Er kam ein Stück näher, Kate wich zurück.
Das habe ich doch nur für uns getan, Kate. Ich wollte, dass du jung bleibst. Und dass wir für immer zusammen bleiben.“
Man kann nicht alles haben“, erklärte sie zornig.
Nein, wahrscheinlich nicht. Ich wollte auch nicht alles. Ich wollte nur dich, Kate. Und eine Zukunft für uns beide.“ Duncan streckte eine Hand aus, wollte Kate berühren. Sie sprang ängstlich zurück.
Fass’ mich nicht an! Nie mehr, hörst du?! Ich werde lernen mit einem Schwert zu kämpfen. Und wenn du mir das nächste Mal über den Weg läufst, werde ich dich töten!“ Sie drehte sich um und verschwand in der irischen Nacht. Ihre braunen Locken flatterten geisterhaft im Wind.

 

England, Cornwall, Schloss Lys Airt, die Gegenwart.
Duncan wandte seinen Blick vom Kamin ab und sah Richie an.

Zusammenfassend kann man wohl sagen, dass es die kürzeste Ehe zwischen zwei Unsterblichen war“, meinte Duncan. Er sah zu Micky rüber, die ihn ermutigend anlächelte. Sie hatte auch Dinge getan, auf die sie keineswegs stolz war.
Aber nur weil es zwischen dir und Kate so abgelaufen ist, muss Ginger nicht genauso reagieren“, sagte Richie. Micky schüttelte den Kopf über die Uneinsichtigkeit ihres Schülers.
Denk’ mal an Maximilian und was ihm passiert ist. Erinnere dich an unser Gespräch am Leuchtturm.“ Duncan horchte auf, er war es ja mittlerweile gewohnt, Details über Mickys Leben beiläufig zu erfahren.
Was hast du denn mit ihm gemacht?“ fragte er seine Frau interessiert.
Nichts Wichtiges. Richie weiß schon, was ich meine, stimmt’s?“ Sie sah Richie beschwörend an.
Ja, ich weiß, was du meinst. Aber das kannst du auch nicht mit dieser Situation vergleichen, Micky.“
Ach nein? Mag sein. Trotzdem solltest du auf uns hören. Wenn Ginger durch deine Hand unsterblich wird, verlierst du sie.“ Richie sprang wütend von der Couch auf und lief hektisch in Finnigans großem Salon hin und her. Man sah deutlich, wie heftig es in ihm arbeitete. Schließlich blieb Richie vor Methos stehen und sah auf diesen herab.
Wie siehst du die Sache, Methos? Wie hättest du bei Isis reagiert?“ Micky rollte angesichts der Frage die Augen. Fragen über Isis konnte Methos nicht rational oder wenigstens wahrheitsgemäß beantworten. Er verdrängte und verleugnete. Vor zwei Jahren hatte er Micky aufgetischt, er hätte Isis zuletzt vor 2.500 Jahren gesehen. Es war ihm wohl peinlich gewesen, zuzugeben, dass er immer wieder und in regelmäßigen Abständen auf die Avancen seiner Frau reinfiel. Sie dachte manches Mal, dass Methos und Isis wie das Liebespaar in dem Lied „Jessie“ waren. Immer wieder glaubte der verliebte Narr Jessies Worten, dass es dieses Mal klappen würde. Dass sie dieses Mal nicht davon laufen würde. Ebenso glaubte Methos den Worten seiner Frau. Micky würde ihr Chateau darauf verwetten, dass er sie mit offenen Armen empfangen würde, wenn sie gleich heute Nacht an Finnigans Schlossportal anklopfen würde.

Ein wenig überrascht hörte Micky nun Methos’ Worte: „Ich hätte es nicht getan. Also lass’ die Finger davon. Abgesehen davon war Isis schon unsterblich, als ich sie in Theben zum ersten Mal getroffen habe. Nein, lieber hätte ich sie alt werden lassen. Das hätte mir jede Menge Ärger erspart.“ Er trank seinen Whisky mit einem Schluck aus.
Und du, Connor? Wenn du bei Heather die Unsterblichkeit gespürt hättest, hättest du es nicht getan?“ Alle wussten, dass Heather seine große, wahre Liebe gewesen war. Isabelle wartete die Antwort mit pochendem Herzen ab.
Nein“, antwortete Connor knapp. „Nein, ich war immer froh, dass ich nie vor dieser Wahl gestanden habe. Ich habe Duncan gesagt, er sollte die Zeit mit Kate genießen, um sie trauern und sie als junge Frau in seinem Herzen bewahren, so wie ich es mit Heather getan habe. Er wollte nicht hören, genauso wenig wie du, Richie. Ich warne dich, du kannst nicht absehen, wie sie reagieren wird. Lass’ sie ziehen, sicherlich wird sie in der nächsten Zeit einen Unfall haben und sowieso sterben. Spiele nicht Gott, Richie!“
Ach, ihr habt doch alle keine Ahnung!“ rief Richie wütend.

Methos stellte sein Glas ab, stand auf und ging auf Richie zu. Dicht vor ihm blieb er stehen. Seine Hand schoss vor und verpasste Richie einen Schlag auf die Stirn.

Hallo! Das in deinem Kopf nennt sich Gehirn, damit kann man denken!“ Micky und die anderen schmunzelten über Methos’ bissige Bemerkung. Richie drehte sich um und ging zur Tür. Seine Hand lag bereits auf dem Türgriff. Die Tür wurde von außen geöffnet, Richie taumelte ein paar Schritte rückwärts und sah sich einem irritierten Finnigan gegenüber.
Micky stand von ihrem Platz auf und ging auf den Lord zu.

Finn, was gibt es? Oder sollte ich, so wie du aussiehst, eher fragen, welche neue Katastrophe sich ereignet hat?“ Finnigan strich sich durch sein rotbraunes Haar und gab seiner alten Freundin einen Zettel.
Was ist das, Finn?“ Sie faltete den Zettel auseinander und las. „Oh nein!“ rief sie erschrocken und ließ das Papier fallen, als hätte sie sich an einer heißen Backofentür verbrannt. Duncan bückte sich, hob den Zettel auf und las ihn laut vor.
Das Spiel ist noch nicht vorbei. Mit besten Empfehlungen von Noah Woodhouse. Wer zum Teufel ist Noah Woodhouse? Micky, wer ist der Kerl? Hast du eine alte Rechnung mit ihm offen?“ Sie rieb gedankenverloren über ihre Narbe am Hals.
Nein, eher eine neue. Noah Woodhouse ist der Mann hinter Sikes.“
Der Mann hinter Sikes?“ wiederholte Duncan. „Was meinst du damit?“
Das was ich sage, Duncan. Sikes war nur die Spitze des Eisbergs. Es ist alles noch viel schlimmer, als wir anfangs dachten…“ Duncan schnaubte wütend und hielt Mickys Arm fest.
Was soll das alles? Heißt das, du wusstest davon und hast nichts gesagt?“ schleuderte er ihr wütend entgegen.
Duncan“, sprach ihn sein Cousin an. Duncan drehte blitzschnell den Kopf herum und sah nun ihn zornig an.
WAS?“ knurrte er.
Duncan, du weißt doch, dass der Großteil des Wissens der getöteten Unsterblichen immer nur dann zutage tritt, wenn wir es brauchen. Sie hätte es vorher gar nicht wissen können.“

Aufgrund der hitzigen Diskussion, die zwischen Duncan, Micky und Connor ausgebrochen war, achtete niemand auf Richie, der sich aus dem Salon schlich. Finnigan ging auch, aber er folgte nicht Richie, sondern kümmerte sich um das Abendessen.

Also dann, erzähl’ mal, Comtesse.“
Lass’ meinen Arm los, Duncan.“ Sie versuchte sich seinem festen Griff zu entwinden.
Duncan, lass’ sie los“, forderte Connor und trat neben seinen Cousin.
Halt’ dich da raus! Das geht nur meine Frau und mich etwas an.“ Connor legte seine Hand sachte auf Duncans, die noch immer unnachgiebig Mickys Arm umklammerte. Die Stelle, die er festhielt, verfärbte sich bereits zu einem Bluterguss.
Falsch, es geht uns alle etwas an! Wir sind eine Familie, Duncan. Begreif’ doch endlich, dass wir Seite an Seite kämpfen gegen die Sikes’ und Woodhouses dieser Welt.“ Duncan atmete heftig ein und aus, während er den Worten seines Cousins zuhörte.
Er trat noch näher heran und schrie Micky entgegen: „Bedeutet das etwa, dass dieses Scheißspiel von vorne beginnt? Dass du gegen Woodhouse antrittst und wieder deine Seele verlierst? Dieses Mal wirst du vielleicht einen von uns töten! Ist es das, was du willst, Comtesse? Das mach’ ich nicht noch mal mit!“ Micky sah ihm mit festem Blick in die braunen Augen, keiner von beiden wandte ihn ab. „Hörst du Micky? Wenn du dieses Mal zu weit gehst…“ Er wagte es nicht, den Satz zu Ende zu sprechen. Doch auch unausgesprochen stand er nun zwischen ihnen.

Was dann? Gehst du dann? Ich habe das doch alles nur für unsere Familie getan!!“ Tränen funkelten in Mickys Augen. Duncans andere Hand zuckte. Für einen kurzen Moment wollte er ihr die Tränen, die nun über ihre Wangen liefen, wegwischen, Micky fest an sich drücken und sich entschuldigen. Doch dieses Mal nicht. Er hatte in den elf Jahren so oft nachgegeben. Und irgendwann war es mal genug. Heute war es genug.
Dann solltest du auch mal an deine Familie denken und welchen Kummer du uns allen bereitest! Ich warne dich, mein Schatz! Wenn du gegen diesen Woodhouse in den Krieg ziehst, stehst du alleine da! Es reicht jetzt endgültig!“

Endlich ließ Duncan ihren Arm los. Wutentbrannt ging er zur Bar und machte sich einen Drink. Micky ignorierte ihn und sah sich suchend im Salon um.

Wo ist Richie?“ fragte sie an niemand Bestimmtes gerichtet. „Methos, geh’ ihm nach und halte ihn von dieser Dummheit ab.“ Methos stand sofort auf und folgte Richie.
Oh ja, mit Dummheiten kennt meine Frau sich ja aus!“ blaffte Duncan.
Halt’ die Klappe, Duncan“, sagte sie, griff zum Tisch und nahm ihr Schwert in die Hand.
Wenn du das willst!“ stieß er zornig hervor, Micky wandte sich zur Tür um. „Halt! Wo willst du hin, Micky?“ grollte Duncan.
Du willst die Antwort doch sowieso nicht hören!“
Lass dir eins gesagt sein, Mrs. MacLeod! Wenn du jetzt hinter dem Boten her rennst, dann verschwinde ich! Dann bin ich weg, Michelle!“ Sie zuckte zusammen, er hatte sie schon ewig nicht mehr bei ihrem wirklichen Namen genannt. Sie war das zärtlich gehauchte „Micky“ gewohnt. Doch jetzt war ihr Name eisig wie ein Blizzard über sie hinweg gefegt. Ihr Herz schlug bis zum Hals.

Dann geh’! Ich muss das jetzt tun!“
Dann haben wir uns nichts mehr zu sagen.“ Mickys Lippen bebten heftig, sie wandte sich zur Tür und rannte hinaus, damit Duncan ihre Tränen nicht sehen konnte.
Ich verschwinde“, sagte Duncan mit frostiger Stimme. Connor hielt ihn fest.
Mach’ keinen Blödsinn, Duncan. Schlaf’ eine Nacht drüber. Du kannst ja in einem anderen Zimmer schlafen, aber hau’ nicht einfach so ab, mitten in der Nacht. Ihr liebt euch doch.“
Den Kampf scheint meine Frau mehr zu lieben. Wenn sie mich wirklich liebt, dann verzichtet sie dieses Mal. Sag’ ihr, sie soll Methos den Kampf überlassen. Ansonsten bin ich weg.“
Das ist Mickys Angelegenheit. Nicht die von Methos. Sie regelt das schon.“
Ja, sie regelt das schon. Sie stirbt, sie kommt wieder ohne Gedächtnis, sie verliert ihre Seele und bringt beinahe Methos um. Ich will nicht noch einmal entscheiden müssen, ob ich im schlimmsten Fall meiner Frau den Kopf nehmen könnte! Ich habe ein dickes Fell, Connor, das weißt du. Aber irgendwann kann ich nicht mehr. Und diesen Punkt habe ich heute erreicht.“ Er verließ den Salon und warf die Tür mit einem lauten Knall hinter sich zu.

 

Währenddessen eilte Micky durch die langen, sich wie Schlangen durch das Schloss windenden Korridore und strebte dem Hauptausgang entgegen. Sie wischte sich eine Träne weg. Ein Streit mit Duncan war das letzte, was sie heute Abend noch hatte gebrauchen können. Sie würde nachher mit Duncan reden, ihm erzählen, woran sie sich im Hinblick auf Woodhouse erinnern konnte. Dann würde schon wieder alles gut werden, ganz bestimmt. Sie stritt sich ständig mit Duncan und immer wieder versöhnten sie sich. Das war alles kein Problem. Jetzt musste sie erst einmal den Boten erwischen.

 

Sie öffnete das hohe Tor und sah sich auf dem Vorplatz um. Weder entdeckte noch spürte sie einen anderen Menschen. Enttäuscht ließ sie ihr Schwert sinken. Micky musste sich eingestehen, dass sie gehofft hatte den Boten noch zu erwischen, obwohl sie ja noch nicht einmal wusste, ob er ein Unsterblicher war. Nur weil Christopher Sikes Micky immerzu Unsterbliche auf einem Silbertablett serviert hatte, musste es bei Noah Woodhouse nicht genauso laufen.

Sie wollte gerade in das warme, gemütliche Schloss zurückkehren, als ihr ein wohlbekanntes Kribbeln im Nacken sagte, dass sich doch ein Unsterblicher irgendwo in der nächsten Umgebung aufhielt. Sie hob ihr Schwert wieder hoch und schlich durch den Nebel auf den großen Stall zu.

Leise öffnete Micky das Stalltor und biss sich angespannt auf die Lippe, weil es laut knarrte. Sie rechnete nicht ernsthaft damit den Boten hier anzutreffen, der war mit Sicherheit schon über alle Berge. Umso mehr erschrak sie angesichts der Szenerie, die sich vor ihren Augen abspielte.

Oh nein!“ stieß sie hervor. Methos drehte sich um und kam auf sie zu.
Ich war zu spät. Er hatte es schon getan.“ Micky sah an Methos vorbei. Im blutigen Stroh lag die junge Ärztin Ginger MacKenzie. Ihr rotes Haar umrahmte ihr Gesicht wie ein Feuerkranz. Micky kam der Gedanke, dass sie weniger wie ein schlafender Engel als vielmehr wie ein rachsüchtiger Dämon aus der Hölle aussah.
Oh, Richie. Wieso kannst du nie hören?“ Richie kniete neben der toten Ginger mit einem blutverschmierten Dolch in der Hand.
Sie wird es verstehen“, versicherte er sich und den anderen.

In diesem Moment fuhr ein Zucken durch Gingers Körper. Sie setzte sich ruckartig auf und sah sich entsetzt um. Ihr Blick blieb an dem Dolch hängen, den Richie noch immer der Hand hatte.

Richie? Was ist los? Was ist das in deiner Hand? Was ist passiert? Wieso fühle ich mich so anders, so komisch in eurer Gegenwart?“ Fragen über Fragen schossen durch Gingers Kopf. Ihre dunklen Augen huschten ängstlich von einem Unsterblichen zum nächsten, die Wahrheit bereits ahnend. Verstört sah Ginger an sich herunter und entdeckte bestürzt das getrocknete Blut und die verheilte Wunde auf ihrer Brust.
Ginger, du bist jetzt eine Unsterbliche“, erklärte Richie lächelnd. Die Tierärztin rutschte ein Stück von ihm weg, spürte aber schon hinter sich die Stallwand, die das Ende ihrer Fluchtmöglichkeiten markierte.
Was hast du getan? Hast du mich etwa getötet?“ fragte sie fassungslos, worauf Richie nickte. Micky stellte sich dicht neben Methos und konnte nur den Kopf schütteln. Eigentlich wollte sie den jungen Narr übers Knie legen für diese Torheit. Aber jetzt war es passiert, und man musste abwarten.

Ginger schüttelte verleugnend den Kopf. Sie wusste zwar von den Unsterblichen und der Zusammenkunft, aber es war dennoch ein Schock mit einem Mal zu dieser Gattung Mensch dazuzugehören. Vor allem unfreiwillig.

Wieso? Was soll das? Ich habe nicht darum gebeten ewig zu leben! Was fällt dir ein, Richie?! Wie kannst du es wagen? Wer gibt dir das Recht über mein Leben zu entscheiden? Wer, verdammt?!“ Sie kam auf die Füße, indem sie sich langsam an der Wand hochschob. Zorn flackerte in ihren Augen auf. Micky gab Methos einen diskreten Schubs, er hatte es auch gesehen. Das war die befürchtete Reaktion. Genau was Duncan mit Kate erlebt hatte. Aber Richie hatte ja nicht hören wollen.

Erstaunt über Gingers Reaktion ließ Richie endlich den Dolch fallen und kam auf sie zu.
Bleib’ wo du bist, Richie! Komm’ mir nicht zu nahe!“ Gingers Stimme wurde schrill. Tränen traten ihr in die Augen. „Habt ihr davon gewusst?“ brüllte sie Micky und Methos an. Methos wandte den Blick ab.

Micky seufzte und antwortete ihr wenig bereitwillig: „Duncan hat gespürt, dass du die Unsterblichkeit in dir trägst. Hat Finnigan dir jemals erzählt, dass wir nur durch einen gewaltsamen Tod unsterblich werden?“ Ginger schüttelte den Kopf, Tränen flossen über ihre Wangen. „So ist es aber. Duncan hat Richie erzählt, dass er deine Unsterblichkeit also die Veranlagung dafür, gespürt hat…“
Also hat Duncan…“
Nein, Ginger. Duncan hat es nicht gewollt. Wir alle haben Richie beschworen den Dingen ihren Lauf zu lassen. Irgendwann in der nächsten Zeit wärst du vielleicht mit dem Auto verunglückt oder hättest dir bei einem Ausritt das Genick gebrochen. Aber der Junge wollte nicht warten“, erklärte Micky mit Bedauern in der Stimme.
Ich bin kein Junge“, blaffte Richie, worauf Methos ihm einen Kinnhaken verpasste und Richie ins Stroh schickte.
Halt’ den Mund, Richie! Halt’ einfach den Mund! Du hast heute Abend genug angerichtet! Ginger, komm’ mit ins Schloss und wir erklären dir alles“, bat Methos, der die Wogen irgendwie glätten wollte.
Nein, ich gehe mit keinem von euch irgendwo hin! Ihr wollt doch nur meinen Kopf! Ich verschwinde! Und Richie…“ Er sah am Boden liegend zu Ginger auf. „Wenn ich dich das nächste Mal treffe, bist du dran! Ich will deinen Kopf für das, was du mir angetan hast! Und ich werde ihn bekommen!“ Mit diesen Worten schob Ginger sich an ihnen vorbei und rannte in die Nacht davon.
Micky streckte ihre Hand nach Richie aus, der sich widerwillig auf die Füße helfen ließ.

Richie, wenn wir dir das nächste Mal sagen, du sollst verdammt noch mal von etwas die Finger lassen, dann tue es einfach! Ich hab’ die Schnauze voll davon, dass hier niemand macht, was er soll! Ginger wird kämpfen lernen und wenn sich ihr die Gelegenheit bietet, wird sie sich deinen Kopf holen. Wir können nur hoffen, dass sie einem guten Unsterblichen in die Arme läuft und nicht einem aus Noah Woodhouses Verein.“ Richie antwortete nicht, sondern ging wutschnaubend zur Tür. Kopfschüttelnd beobachteten Methos und Micky, wie Richie in der Nacht verschwand, erfreulicherweise aber den Weg zum Schloss einschlug.
Methos bückte sich, hob den Dolch auf, wischte ihn am Stroh ab und steckte ihn am Hosenbund fest.

Also, ich weiß nicht, wie es dir geht, Hochwohlgeboren, aber ich habe trotz allem Hunger.“ Micky grinste schief.
Methos, du hättest selbst Hunger, wenn der Teufel persönlich sich zum Diner eingeladen hätte.“
Apropos, was weißt du denn noch so über diesen Woodhouse?“ Sie gingen nebeneinander zum Schloss zurück.
Im Augenblick nicht viel, du kennst das doch. Jahrtausende altes Wissen, aber Zugriff nur möglich, wenn es dringend gebraucht wird. Eine blöde Regel. Okay, ich weiß jetzt viel mehr über Antiquitäten als vorher und kann echt cool kämpfen. Aber die Adresse von Noah Woodhouse kann ich dir nicht sagen, leider.“ Methos legte den Arm um Micky und drückte sie aufmunternd.
Er ist gefährlich“, es war keine Frage.
Gefährlicher als Sikes, das steht fest. Sikes hat für ihn gearbeitet. Erinnere dich, Methos. Als ich mir Sikes’ Kopf geholt habe, sagte er zu mir, er wäre nur die Spitze des Eisbergs. Mir schaudert, wenn ich daran denke, was er damit gemeint hat… Wir müssen unbedingt mit Joe sprechen, er muss in die Akten schauen, was es über Woodhouse gibt.“
Joe wird nicht begeistert davon sein.“ Micky schnaubte wütend.
Das ist mir so ziemlich egal, Methos. Es geht um unser Leben. Wir sind doch seine Freunde, oder etwa nicht? Wenn es ihm lieber ist, dass wir alle draufgehen, bitte schön…“
Du wirst ihn schon überzeugen mit deiner unnachahmlichen Art.“ Sie verließen den Stall und standen wieder in der nebligen, englischen Nacht.
Mit dieser unnachahmlichen Art werde ich dem Junior nachher noch den Kopf abreißen. Wenn er doch nur ein einziges Mal auf mich hören würde! Aber was weiß ich denn schon vom Leben? Na ja, wen wundert’s? Meine Tochter ist mehr als 400 Jahre älter als er und hört auch nicht auf mich.“
Kinder!“ lachte Methos und versuchte für einen Moment zu vergessen, wie ernst die Lage eigentlich war und welche Ereignisse auf Richie und sie alle in der nächsten Zeit zukommen würden.

 

Kurz darauf trafen sich alle im Speisesaal von Schloss Lys Airt wieder.
Die Stimmung war gedrückt und glich einem Leichenschmaus. Richie schob sein Essen auf dem Teller herum und schwieg verbissen. Er sah keinem seiner Freunde in die Augen, besonders Mickys und Methos’ Blick mied er tunlichst. Duncan war nicht da. Micky legte ihr Besteck zur Seite und sah auf den leeren Platz. Er hatte einen Zettel hinterlassen, dass er abgereist war. Micky konnte seine Sorge um ihre Sicherheit ja nachempfinden. Doch er musste auch verstehen, dass sie nahezu hundert Jahre älter war als er. Micky war eine tapfere, starke Frau, die sich selbst beschützen konnte. Die Zeiten, da sie sich hinter den breiten Schultern eines Mannes verstecken musste, waren schon lange vorbei.

Der Lord wunderte sich über die gedrückte Stimmung, die er angesichts des opulenten Mahls nicht nachvollziehen konnte. Endlich war ihm das „laute“ Schweigen zuviel. Er warf einen Blick in die Runde und fragte: „Ist jemand gestorben?“ Richie rutschte mit der Nase extrem nahe an sein Abendessen heran. Methos verschluckte sich an seinem Wein. Micky nahm all ihren Mut zusammen und antworte auf Finnigans Frage: „Ja, Ginger.“ Finnigan ließ seine Gabel fallen.
Was? Sagtest du gerade, dass Dr. MacKenzie tot ist?“
Ja, Richie hat sie erstochen“, erklärte Methos nun sachlich.
Was?“ schrie Finnigan nun Richie an.
Ganz ruhig, Finn.“
Ganz ruhig, Micky? Habt ihr alle völlig den Verstand verloren, my goodness?“
Sie ist eine Unsterbliche, Finn. Duncan hat es gespürt und dummerweise Richie erzählt. Und obwohl wir alle mit Engelszungen auf ihn eingeredet haben, war er nicht davon abzubringen. Ginger wurde belebt, bekam es wohl mit der Angst zu tun und ist fortgelaufen.“ Ihre Drohung Richie den Kopf abzuschlagen, verschwieg Micky dem Lord zunächst einmal. Er war schon geschockt genug angesichts der jüngsten Ereignisse. Finnigan stand langsam auf, ging zur Bar und schenkte sich einen Cognac ein.
Mit dem Glas in der Hand fragte er: „Wieso, Richie? Warum hast du den Dingen nicht ihren Lauf gelassen?“ Richie schob mit einem ekligen Quietschen den Stuhl zurück, stand auf und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum. Die Freunde sahen ihm hinterher.

Sollten wir sie nicht lieber suchen? Die erste Nacht alleine als Unsterbliche, ich meine ja nur….“ warf Connor in die Runde.
Außerdem ist Duncan weg“, erklärte Micky kleinlaut.
Wie weg?“
Abgereist, Finn. Er hat seine Tasche gepackt und ist mit deinem Chauffeur wegfahren. Nach Hause oder so.“
Nach Hause nach Paris?“
Was weiß denn ich, Finn? Vielleicht nach Paris, vielleicht nach Glenfinnan. Ich habe keine Ahnung. Jetzt müssen wir erst einmal das Problem mit Richie lösen, dann mit Gwen. Und wenn du verheiratet bist, versuche ich meinen Mann zur Vernunft zu bringen.“ Sie stand auf. „Entschuldigt mich, ich brauche frische Luft.“ Micky ging mit gesenktem Kopf hinaus. Methos trank seinen Wein aus und schob leise seinen Stuhl zurück.
Ich sehe lieber mal nach ihr. Sie ist ziemlich mitgenommen wegen des Streits mit Duncan.“

 

Er fand sie schließlich im Garten auf der Rückseite des Schlosses, wo sie alleine mit ihrem Schwert trainierte. Das schicke Abendkleid hatte sie gegen Reithosen und ein weites Hemd getauscht. Methos kam mit seinem Schwert lässig auf der rechten Schulter ruhend näher.

Tausend Gedanken schossen durch Mickys Kopf. Duncan war ein Idiot, Richie war ein störrischer Esel. Aber möglicherweise hatte Duncan auch dieses Mal Recht. Waren ihr die Kämpfe wichtiger als ihre Familie, als ihre Ehe? Während sie Schlag um Schlag gegen einen imaginären Gegner ausführte, stritt ihr Verstand sich mit ihrem Gewissen und ihrem Herzen. Dann glitten ihre Gedanken von dem Streit mit Duncan fort und landeten bei Ginger MacKenzie. Irgendwo dort draußen irrte eine unerfahrene und wenige Stunden alte Unsterbliche durch die neblige Nacht. Andernorts auf der Welt saß Noah Woodhouse in seinem Versteck und schmiedete Pläne gegen Micky und ihre Familie. Wer konnte schon sagen, wer seine Partner waren? Sikes hatte es nicht gewusst. Er hatte immer direkt mit Woodhouse gesprochen. Ein Wort flackerte immer wieder in Mickys Bewusstsein auf: „Konsortium“. Wieso ihr dieses Wort in den Sinn kam, war Micky unklar. Ein Konsortium war eine zeitlich befristete Vereinigung von mehreren autonom agierenden Unternehmen, die gemeinsam ein Großprojekt realisieren wollten. Was aber konnte dieses Großprojekt sein? Der Zusammenschluss von uralten, bösen Unsterblichen? Die was wollten? Die Weltherrschaft? Die Vernichtung aller guten Unsterblichen? Das hatte Sikes auch schon versucht, nein, er hatte ja im Auftrag von Noah Woodhouse gearbeitet, wie Micky sich erinnerte. Der Haken an dem Wissen der getöteten Unsterblichen war, dass man nicht die ganze Zeit darauf zugreifen konnte, daher war Micky die Erinnerung erst gekommen, als sie den Namen auf dem Zettel gelesen hatte.

Micky. “
Was willst du, Methos? Spielen?“ Er grinste, kam langsam durch den dicht über den Boden kriechenden Nebel auf sie zu.
Eigentlich wollte ich dich trösten. Aber du scheinst dich wieder gefangen zu haben.“ Sie verzog die Mundwinkel kurz nach unten und drehte ihr Schwert in Händen.
Ich kann auch nur ein Problem nach dem anderen lösen. Duncan kommt später, er soll sich erst einmal beruhigen.“
Wenn das so ist, dann schlage ich ein kleines Duell vor, Hochwohlgeboren. Der Gewinner holt sich den Kopf von Woodhouse, aber nur der Gewinner.“ Micky grinste nun ebenfalls.
Dann fang’ schon an, alter Mann.“ Er hob sein Schwert und griff Micky an. Beide kämpften mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Fast war die Nacht vergessen, in der Micky Methos beinahe den Kopf genommen hätte. Aber eben nur fast. Er wusste, sie machten nur Spaß, dennoch hatte Methos vor dieses Duell zu gewinnen. Er würde nicht zulassen, dass Micky noch einmal ihre Seele verlieren würde. Weniger aus Angst um seinen Kopf. Viel mehr fürchtete er, dass bei Duncan der „Point of no Return“ dann für immer überschritten wäre.
Ist das alles, Comtesse? Jahrtausende altes Wissen, das du von Michael Alexander übernommen hast, aber du kämpfst wie ein Schulmädchen!“ Micky schleuderte ihm eine Verwünschung entgegen und führte eine geschickte Finte aus. Ihre Schwerter schlugen helle Funken.

Oben im ersten Stock ging die Balkonbeleuchtung an. Von dem Schwertergeklirre angelockt schauten Connor, Isabelle und Finnigan auf den Schaukampf im Garten herunter.

Micky tänzelte weiter Sprüche klopfend um Methos herum. Dieser sah seine Chance gekommen, als Micky ein wenig zu siegessicher einen Blumenkübel übersah. Sie stolperte und landete auf ihrem Hintern. Ihr Schwert entglitt ihr und landete außer Reichweite. Nach Atem ringend sah sie Methos auf sich zukommen, der mit der Spitze seines Langschwertes auf ihren Hals zielte.

So wie es aussieht, habe ich dann wohl gewonnen, Micky. Ich töte Noah Woodhouse.“ Methos grinste ihr triumphierend entgegen.
Das wollen wir doch noch sehen!“ Sie sprang mit einem Satz auf die Füße und trat Methos für sein dreistes Grinsen zwischen die Beine. „Du solltest nie etwas annehmen, dessen du nicht absolut sicher bist, alter Freund. Schon gar nicht bei mir! Ich kämpfe gegen Woodhouse. Und dieses Mal behalte ich meine Seele.“ Methos ließ sein Schwert fallen und hielt sich den Schritt. Micky holte einstweilen ihre eigene Waffe und ging zuckersüß lächelnd an ihm vorbei.
Du elendes Biest! Warte bis ich wieder aufstehen kann!“ Vom Balkon hörte er schallendes Gelächter. „Haltet doch die Klappe! Die anderen benehmen sich wie Kleinkinder und ich bekomme einen Tritt in die…“
Du weißt genau, dass du nicht mit ihr kämpfen sollst, wenn sie sauer ist!“ fiel Connor ihm von oben herab ins Wort und bemühte sich nicht allzu schadenfroh zu lachen.
Wir sind noch nicht fertig, Micky!“ rief Methos ihr nach, stützte sich auf sein Schwert und kam langsam auf die Beine.
Was mich betrifft schon, Methos.“
Du solltest dir das wirklich überlegen, Micky. Duncan meint es ernst, ich habe ihn schon lange nicht mehr so wütend erlebt. Vor allem nicht im Bezug auf dich!“ Micky ging unbeirrt weiter, sie musste zunächst Richie finden, dann konnte sie weiter sehen. „Micky, ich meine das ernst. Überleg’ dir, was du tun willst, das ist es nicht wert.“

 

 

England, Cornwall, der Leuchtturm am Lizard Point, wemig später.
Nach einer längeren Suche auf dem weitläufigen Gelände von Schloss Lys Airt fand die Comtesse ihren ungestümen Schüler am nahe gelegenen Leuchtturm. Er saß am Rande der Klippe am Lizard Point und starrte in die finstere Nacht hinaus.

Es ist schon merkwürdig, dass es uns immer zu Leuchttürmen zieht, wenn wir Probleme haben“, sagte sie und setzte sich neben Richie.

Den Blick weiter aufs Meer gerichtet, das vom Nebel verschluckt worden war, antwortete er leise: „Ja, und schon wieder ist es wegen einer Frau. Ich lerne es einfach nicht, Micky. Beim letzten Mal habe ich meine unsterbliche Freundin geköpft, weil sie meinen Kopf wollte. Heute Nacht habe ich meine neueste Bekanntschaft erst zu einer Unsterblichen gemacht. Und jetzt will auch sie meinen Kopf.“ Micky schmunzelte leicht und drehte dabei ihr Schwert in den Händen. Der schwarz gefärbte Griff ermahnte sie, dass auch sie Fehler gemacht hatte, die noch gar nicht soweit zurück lagen. Fehler, die sie mit einem wesentlich höheren Alter als Richie begangen hatte. Die sie auch viel mehr gekostet hatten, als Richies bisherige Fauxpas.
Du hast ein Händchen dafür, Junior. Das kann ich nicht bestreiten.“
Hört das irgendwann mal auf? Benehme ich mich irgendwann meinem Alter entsprechend?“ Micky lachte und legte einen Arm um Richie.
Benimmt Methos sich seinem Alter angemessen?“ fragte sie grinsend.
Nein“, antworteten sie gleichzeitig und lachten los.
Wird sie mir das jemals verzeihen, Micky?“ Sie stand seufzend von der feuchten Erde auf.
Das kann nur die Zeit zeigen, Richie. Aber ich hoffe, dass du daraus gelernt hast, dass wir nicht Gott spielen dürfen, bloß weil wir die Macht dazu haben. Du hast Ginger MacKenzie vor der Zeit zu einer Unsterblichen gemacht. Falls sie dir das nicht verzeiht, solltest du beten, dass du ihr nie ohne Schwert begegnest. Du hast sie gehört vorhin im Stall. Sie wird lernen mit einem Schwert zu kämpfen und sich für eine Seite entscheiden. Und ganz ehrlich, Richie. Ich glaube nicht, dass es unsere Seite sein wird…

Nachdenklich strich Richie sich durch die blonden Locken. Das war echt nicht sein Tag gewesen. Micky sah auf ihn herab und streckte ihm aufmunternd die Hand entgegen. Richie griff danach und ließ sich hochziehen. Er ging schweigsam an Micky vorbei. Sie hob ihr Schwert und schlug ihm auf den Hintern.

Das war für deine Blödheit, Junior. So ein Ding wie heute ziehst du nie mehr ab.“
Ja, Boss. Ich versprech’s.“ Micky lachte.
Wenn ich für jedes gebrochene Versprechen in 507 Jahren bloß einen Euro oder einen Dollar bekommen hätte…“
Wärst du reich? Das bist du doch sowieso.“ Vom Meer kam eine Regenfront herangezogen. Sie gingen einen Schritt schneller zum Schloss zurück.
Aber nicht so reich wie Finnigan.“
Nicht reich an schnödem Mammon aber an Freunden“, ergänzte Richie.
Die mein Leben mit Vorliebe auf den Kopf stellen… Ab nach Hause, Junior.“ Richie blieb stehen, Micky sah ihn fragend an. „Was ist denn?“
Was ist mit Duncan?“ Micky seufzte.
Er ist weg.“
Er ist weg? Was meinst du damit?“ fragte Richie ungläubig.
Dass er abgereist ist. Er hat mich vor die Wahl gestellt. Wenn ich mit Woodhouse kämpfe, dann geht er.“ Richie hielt seine Meisterin mit einer unerwarteten Entschlossenheit fest.
Spinnst du jetzt völlig?! Wir reden hier von Duncan MacLeod! Was Mac sagt, meint er ernst.“ Wieder funkelten Tränen in Mickys Augen.
Ach, Richie. Ich bin es seit 500 Jahren gewöhnt, den Männern die Stirn zu bieten. Wenn sie ‚hüh’ sagen, mache ich ‚hott’. Ich weiß auch nicht, was das soll.“
Ich kann dir nur sagen, dass du morgen früh allerspätestens Mac suchen musst. Micky, das ist kein Spaß.“ Micky nickte, hakte sich bei Richie unter und ging mit ihm zurück zum Schloss. Sie wusste, dass es ernst war. Aber heute Nacht hielt sie es wie Scarlett O’Hara, nicht drüber nachdenken – verschieben wir’s auf morgen.

 

 

2. Konflikte

 

England, Plymouth, am nächsten Tag.
Plymouth lag in der Grafschaft Devon und zählte knapp 250.000 Einwohner. Zu Berühmtheit war die britische Hafenstadt einst durch die Überfahrt der Pilgerväter mit der Mayflower nach Amerika gelangt. Auch durch berühmte Söhne wie William Bligh, dem Captain der Bounty und dem Piraten Ihrer Majestät, Sir Francis Drake. Drake hatte einer Legende zufolge in aller Seelenruhe auf der Hoe (einer Rasenfläche) noch sein Bowl-Spiel beendet, bevor er die spanische Armada vernichtend geschlagen hatte.

 

Duncan stieg langsam aus der Limousine aus und zog seine Reisetasche hinter sich her. Die Nacht hatte er in Truro verbracht, aber nun wollte er weg. Möglichst weit weg von seiner halsstarrigen Frau und ihren idiotischen Plänen Noah Woodhouse betreffend. Die Tür flog mit Schwung zu, er klopfte aufs Dach, und der Wagen fuhr davon.

Seufzend sah sich der Highlander um, er stand an einer ihm unbekannten Straße in Plymouth. Es war Samstag, die Geschäfte waren gut besucht, überall wuselten Menschen umher. Für Duncans Geschmack war es viel zu heiter und belebt. Er sehnte sich nach der Einsamkeit der Highlands, den Ufern des Loch Shiel. Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als sein Blick an einer Kunstgalerie hängen blieb. Nachdenklich setzte er einen Fuß vor den anderen, ging ziel- und planlos die Straße entlang.

Nach wenigen Schritten verspürte Duncan die Gegenwart eines Unsterblichen. Jetzt hüpfte sein Herz vor Freude, weil er für einen kurzen Moment hoffte, dass Micky ihn gesucht hatte.

Er hob den Kopf, suchte in der Umgebung nach seiner Frau. Erstaunt erkannte er, wer da vor ihm stand.

Kate!“ rief er. Mit seiner unsterblichen Ex-Frau hätte er wirklich nicht gerechnet. Sie kam mit einem langem Mantel und einer engen Lederhose bekleidet auf ihn zu. Ihre einst langen, braunen Locken hatte sie zugunsten einer modischen Kurzhaarfrisur abgeschnitten. Ihr Blick war eisig und tödlich. Duncan hatte immer gehofft, dass Kate im Laufe der Jahrhunderte vergessen und verzeihen würde. Doch das Lächeln, das sie Duncan zuteil werden ließ, bescherte ihm nur ein eisiges Erschauern. Keine Spur von Verzeihen.
Hallo, Duncan. Ich kann nicht behaupten, dass es eine Freude ist, dich wiederzusehen.“
Was machst du hier, Kate?“
Spazieren gehen. Und du?“
Ich bin nur auf der Durchreise. Lebst du in Plymouth?“
Kate ignorierte seine Frage und sagte stattdessen: „Ich habe gehört, dass du wieder verheiratet bist.“ Er seufzte und stellte seine Tasche ab.

Ja, bin ich. Aber heute möchte ich wirklich nicht über meine Frau reden. Und bevor du sagen willst, dass dir das nicht Leid tut, lass es einfach, Kate. Ich bin nicht in Stimmung dafür.“ Sie lächelte spöttisch und sichtlich zufrieden über Duncans Sorgen.
Wie du willst. Ich gehe jetzt, aber wir werden uns wieder sehen, Duncan. Schneller als du denkst.“
Was meinst du? Kate, warte.“ Doch sie verschwand in einer Seitenstraße, Duncan konnte ihre Gegenwart schon nicht mehr spüren.
Weiber, ich geh’ ins Kloster.“ Einen Augenblick lang sah Duncan sich um, entdeckte eine Kirche und ging darauf zu. Dunkel erinnerte er sich, dass es die St. Andrews Kirche - erbaut im 15. Jahrhundert - war. Über dem Eingang las Duncan das Wort „Resurgam“, was im Lateinischen „ich werde auferstehen“ bedeutete. Wie passend, wenn man an Mickys Erlebnisse nach ihrem Duell mit Paul Boyle dachte. Nichtsdestotrotz hatte das Wort einen anderen Ursprung: 1941 war die Kirche durch Luftangriffe zerstört worden, und am Nordtor hatte man am folgenden Morgen ein Schild mit diesem Wort vorgefunden. Nach dem Wideraufbau war es über dem Kirchenportal eingemeißelt worden.

Die Kirche war leer, Duncan atmete erleichtert auf und schritt den Mittelgang entlang – sein Kopf schwang von links nach rechts und warf einen flüchtigen Blick auf die reich verzierten Fenster.

In der ersten Reihe ließ er sich auf der kalten, harten Holzbank nieder und schloss die Augen. In seinem Kopf hörte er den letzten Streit mit Micky noch einmal. Verdammt, sie war so ein stures Biest! Er wünschte sich sie übers Knie zu legen. Einen Augenblick schmunzelte Duncan, doch ihm war klar, dass diese Aktion seine Probleme mit Micky nicht lösen würde. Er brauchte den Ratschlag von Jemandem, der viel älter und weiser war. Von einem wahren Freund, der Micky vielleicht sogar besser kannte als er.

Duncan leerte seine Gedanken, konzentrierte sich auf eine Person. Nichts war wichtig, nichts existierte im Augenblick. Er atmete ganz langsam und öffnete schließlich wieder die Augen.

Hallo, alter Freund“, wurde er im nächsten Moment begrüßt.
Neben Duncan saß nun Darius mit gefalteten Händen und einem wissenden Lächeln im Gesicht. „Kleiner Ehestreit, wie?“ fragte er schmunzelnd.

Streit ja, klein nein. Mir reicht es mit Mickys Starrsinn.“
Duncan, warum bist du davongelaufen? Das ist doch sonst nicht deine Art.“ Duncan seufzte, sah Darius einen Moment lang an, dann das Kreuz und suchte nach einer Erklärung.
Sie hat es provoziert. Sie ist so verdammt halsstarrig. Ich habe immer alles mitgemacht und zu ihr gestanden. Sogar Methos haben wir ihr aufgrund deines Rates ans Messer geliefert. Und jetzt soll das alles von vorne losgehen? Weil Sikes nur ein Strohmann war? Nein, das ist zuviel, ohne mich. Da bleib’ ich lieber Single!“
Duncan. Das meinst du doch nicht so. Ich weiß doch genau, wie dich Tessas Tod getroffen hat. Und wie glücklich du bist, seit Michelle an deiner Seite ist.“ Duncan sah bewusst in die andere Richtung, Darius konnte in ihm lesen wie in einem Buch.
Trotzdem, genug ist genug!“
Liebst du sie?“ Genervt sprang Duncan von der Kirchenbank auf und starrte auf die blau schimmernde Erscheinung seines Freundes herab.
Was ist das denn für eine bescheuerte Frage, Darius?! Natürlich liebe ich sie!“
Dann hast du genau das Problem, das alle Freunde und Familienmitglieder mit Michelle haben: Wir lieben sie so sehr, dass wir ihr den Hals umdrehen könnten.“ Duncan biss sich auf die Innenseite seiner Wange, um das Lachen, das ihm in der Kehle steckte, nicht herauszulassen. Er war wütend auf seine Frau, es war kein Spaß, dass sie schon wieder zu einem Kreuzzug aufbrechen wollte. „Ihr braucht Zeit, Duncan. Zum Nachdenken. Beide. Begib dich an einen Ort, wo sie dich finden wird. Aber habe Geduld, sie muss erst noch einem Freund helfen.“ Finnigan, dachte Duncan. Auf ihn war er eifersüchtig gewesen und wie ein Berserker durch London geeilt, um seine Frau zu suchen. Nachdem Sie aus dem Koma aufgewacht war, hatten sie gemeinsam nach Mickys Identität gesucht. Nun sollte Micky zur Abwechslung mal nach ihm suchen.
Engel und Boten Gottes steht mir bei“, zitierte Duncan Hamlet.
Das tun sie, mein Freund. Du musst nur glauben. Es ist eine Prüfung für eure Bindung, eine, wie ihr schon etliche hattet.“ Kämpfe, die sie unbedingt hatte austragen müssen, fuhr es Duncan unwillkürlich in den Sinn. Kämpfe, die sie ihr Leben, ihr Gedächtnis und zuletzt ihre Seele gekostet hatten. Und wozu das alles? Damit ein Gegner eliminiert war und ein weiterer aus den Schatten heraustreten konnte. Und das ganze Scheißspiel zum Vergnügen Derjenigen konnte weiter gehen.
Diejenigen lachen sich wahrscheinlich schief über uns, oder?!“ fragte Duncan sarkastisch und mit finsterer Miene.
Du solltest sie nicht verärgern“, legte Darius ihm nahe und musterte dabei fasziniert ein hölzernes Kreuz in seiner Hand, als betrachtete er es am heutigen Tag zum ersten Mal.
Warum? Werden sie mich auch bestrafen? Ich habe jawohl schon genug bezahlt und zu ihrem Vergnügen getötet.“
Ist es nicht in Wahrheit so, Duncan, dass du gar nicht wütend auf deine Frau bist, sondern auf Diejenigen? Sie schieben uns seit Jahrtausenden über ein unsichtbares Schachbrett, und wir sind machtlos gegen sie. Michelle hat sich gegen die Regeln aufgelehnt und wurde bestraft. Jetzt will sie sich an die Regeln halten, und du bestrafst Michelle dafür.“ Duncan sah ihn ungläubig an.
Hast du zuviel Mooskrauttee getrunken, Darius?! Du spinnst! Ich bestrafe Micky doch nicht.“
Du bist schon immer in Schlachten gezogen, die du für gerecht hältst. Das hast du selbst zu mir gesagt, in Waterloo.“ Darius schwieg einen Moment, beide erinnerten sich an die Schlacht, die gleichzeitig den Tag kennzeichnete, an dem sie sich zum ersten Mal begegnet waren und eine lebenslange Freundschaft ihren Anfang genommen hatte.
Willst du mir damit auch irgendetwas sagen, Darius?“
Diesen Kampf, den Michelle gegen die Männer und Frauen, die sich um Noah Woodhouse gescharrt haben, kämpft, hält sie für gerecht und notwendig. Und genau das ist er. Wenn Woodhouse und Seinesgleichen siegen, wird die Erde in Finsternis versinken. Ihr könnt nur gewinnen, wenn ihr alle zusammen haltet.“ Duncan schnaubte verächtlich, er war es so leid, so unendlich leid. Seit er denken konnte, führte er ein Schwert. Unzählige Male hatte er die Belebung erfahren. Und kein Ende war in Sicht. Er wollte… Ja, was wollte er eigentlich? Eine kleine Hütte an den Ufern des Loch Shiel, eine Frau und einen Stall voll Kinder. Das hatte er sich als junger Mann gewünscht, doch dieser Traum war am 2. Oktober 1622 in der Schlacht gegen die Campbells mit ihm zusammen gestorben. Also, was wollte er? Dass Micky endlich ihr Wort hielt. Sie alle hatten vor elf Jahren geschworen sich aus den Kämpfen raus zu halten. Fühlte sie sich in ihrer Ehre verletzt, weil Christopher Sikes nicht der Obermotz war, für den sie ihn gehalten hatten?
Darius, was auch immer Diejenigen vorhaben, es interessiert mich nicht. Micky soll sich entscheiden, die Kämpfe oder ich.“
Es gibt kein Entweder-oder. Es gibt nur einen Mittelweg, ihr kommt um diese Kämpfe nicht drum rum. Ihr werdet einen Weg finden.“
Falsch, Darius. Sie muss einen Weg finden, sie alleine. Ich werde nicht nachgeben. Dieses Mal nicht.“ Darius lächelte über seine Beharrlichkeit. Dennoch wusste er, dass sie ihr Schicksal erfüllen würden.
Man sagt ja, dass Glück ist auf der Seite der Narren. Verliebte sind für gewöhnlich die größten Narren. Demzufolge müsste dir das Glück hold sein… Noch etwas, Duncan, du solltest dein Training verstärken. Auf euch alle kommt ein Kampf zu, der euch einiges abverlangen wird. Besonders von dir. Dein Gegner ist jemand, den du einmal geliebt hast. Und jetzt muss ich gehen.“ Darius verschwand noch ehe Duncan etwas erwidern konnte. Seine Hand schoss vor und wollte den Geist festhalten. Doch sie griff ins Leere.

Was hatte Darius gemeint? Sein Gegner wäre jemand, den er einmal geliebt hatte? Sollte Micky letzten Endes doch gegen Woodhouse antreten und wie zu befürchten wieder ihre Seele verlieren? Und dann im Wahn einen von ihnen töten? Auch im Tode gab Darius sich genauso geheimnisvoll wie zu seinen Lebzeiten. Was nutzte ihm ein Geistratgeber, der nur in Rätseln sprach?
Nachdenklich schulterte Duncan seine Tasche, zückte sein Handy und verließ den heiligen, sicheren Boden.

Draußen im Schatten der Kirche wählte er eine vertraute Nummer. Vögel zwitscherten in den Bäumen, die Sonne blendete Duncan. Während die Verbindung sich aufbaute, holte er eine Sonnebrille hervor und zog sie an.

Hey, Mac. Wo zur Hölle steckst du?“ fragte ihn die aufgeregte Stimme von Richie.
In Plymouth. Hier ist die Luft besser.“
Haha. Du solltest besser wieder nach Cornwall zurückkommen. Micky ist ziemlich stinkig.“
Du solltest nach Plymouth kommen, Richie.“
Einige Sekunden schwieg Richie. Schließlich sagte er: „Sie wird ausrasten, Mac. Ich kann doch nicht einfach so abhauen.“

Hinterlass’ ihr einen Zettel. Ich brauche einen Trainingspartner.“
Ehrlich, Mac. Ich kann nicht. Sie ist total sauer auf mich. Erinnerst du dich an das, was ich wegen Ginger auf keinen Fall machen sollte?“
Ja“, erwiderte Duncan und spürte ein merkwürdiges Ziepen in der Magengegend. Ihm schwante Übles.
Na rate mal. Ich habe es getan.“ Duncan stöhnte laut auf.
Richie, nein. Wo ist Ginger jetzt?“
Weg. Und sie war ziemlich, sagen wir mal, sauer.“ Das war natürlich maßlos untertrieben. Aber Richie konnte am Telefon unmöglich sagen, dass er seine Möchtegernfreundin erdolcht hatte und diese jetzt hinter seinem Kopf her war.
Noch ein Grund mehr zu kommen.“
Mac, hör mal, ich will mich echt nicht in euren Ehekrach einmischen. Das müsst ihr schon unter euch ausmachen. Und außerdem kann ich doch nicht einfach so verschwinden…“
Sie ist deine Meisterin, nicht deine Mutter. Abgesehen davon, als ich noch dein Mentor war, hast du auch ständig getan, wonach dir der Kopf stand.“
Ja, aber deine Frau ist… Sagen wir mal so, Mickys Argumente sind noch einprägsamer und schlagkräftiger als deine es waren.“ Duncan schmunzelte und sah Richie vor seinem geistigen Auge im Dreck liegen, weil Micky ihn während des gemeinsamen Trainings mal wieder zu Boden geschickt hatte.
Feigling. Ich verspreche, du wirst nicht zwischen die Fronten geraten.“ Richie lachte über Duncans Worte.
Klar, Mac. Das ist genauso wahrscheinlich wie eine harmonische Ehe zwischen Methos und Isis… Also gut, überredet. Ich komme. In welchem Hotel bist du?“
Keine Ahnung. Ruf’ mich einfach an, wenn du angekommen bist.“
Und wohin geht die Reise dann?“
Keine Ahnung“, antwortete Duncan, obwohl er es schon genau wusste. „Meld’ dich dann.“ Er legte auf und hielt Ausschau nach einem Bistro oder Restaurant, wo er etwas essen konnte. Seit dem gestrigen Mittagessen hatte er nichts mehr zu sich genommen, was ihm sein Magen, der sich leerer als ein Fass ohne Boden anfühlte, lautstark verkündete.

 

Doch etwas oder wahrscheinlich eher Diejenigen schienen etwas dagegen zu haben, dass Duncan zu seinem verdienten Mahl kam. Er spürte zum zweiten Mal an diesem Tag die Anwesenheit eines Unsterblichen. Hier musste irgendwo ein Nest ein. Duncan legte eine Hand fest an seine Tasche und sah sich um. Für einen winzigen Augenblick hoffte er wieder, es wäre Micky. Umso überraschter war er, als er einem anderen vertrauten Gesicht gegenüber stand.

Der Wind frischte auf, eine kühle Brise wehte Stadteinwärts vom Hafen her. So schön das Wetter in der geschichtsträchtigen Hafenstadt auch war - das war echt nicht Duncans Tag heute.

Hallo, Jonathan.“ Duncan wartete seit über 200 Jahren darauf den jungen Engländer mit dem dunkelblonden Haar und den tiefen, blauen Augen wieder zu treffen. Aber ausgerechnet heute wäre es ihm lieber gewesen, der Kelch wäre an ihm vorüber gegangen. Er war in Gedanken zu sehr mit Micky und dem Vortrag beschäftigt, den er ihr gehalten hatte.
Ja, ich bin es, MacLeod. Willst du die Rechnung begleichen?“ Duncan trat einen Schritt zurück. Es waren zu viele Menschen auf der Straße.
Nicht hier, Jonathan. Heute Abend, neun Uhr am Hafen. Dort, wo die Mayflower in die neue Welt aufgebrochen ist.“ Der Engländer verzog den Mund zu einem süffisanten Grinsen.
Die Mayflower. Du bist noch genauso nostalgisch wie früher, MacLeod. So schottisch durch und durch.“ Duncan zog zischend die Luft ein und umklammerte mit seiner Rechten den Griff seiner Tasche so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. Jonathan wusste genau, wie er ihn treffen konnte. Genau wie 1785.
Es ist enttäuschend für einen Lehrer, wenn er erkennen muss, dass sein Schüler nichts gelernt hat, Jonathan. Sehr enttäuschend.“ Zorn und Hass funkelten in den Augen des Angesprochenen, wie Duncan zufrieden erkannte. Was Jonathan definitiv nicht gelernt hatte, war nicht wütend zu kämpfen. Gut, dann hatte Duncan wenigstens einen Vorteil. Denn es stand außer Frage, dass Jonathan reichlich Energie in sich aufgenommen und unzählige Begegnungen gewonnen hatte, um heute wieder vor seinem alten Meister zu stehen und die Rechnung zu begleichen, die sie seit 222 Jahren offen hatten.
Wir werden sehen, MacLeod, was ich alles gelernt habe. Heute Abend.“ Jonathan ging über die Straße und verschwand. Duncan atmete erleichtert auf, er hatte Jonathan zugetraut, dass er am helllichten Tag ein Duell beginnen würde. Eines war Jonathan Mitchell gewiss nicht, ein Ehrenmann. Sein ehemaliger Schüler war ein ehrloser Schurke, der mit Freuden schwächere Unsterbliche enthauptete, bevor sie überhaupt nach ihrem Schwert greifen konnte. Bevorzugt hatte er sie ihm Schlaf getötet, gerade wenn sie erwachten, zugeschlagen. Duncan hatte dieses Verhalten von Anfang an verurteilt. Mit einem der Opfer war er sogar sehr gut bekannt gewesen, doch bevor Duncan Jonathan stellen konnte, war er mitten in der Nacht verschwunden.

Während Duncan noch in Gedanken bei seinem ehemaligen Schüler war, klingelte sein Handy. Sofort erkannte er die Nummer, die im Display erschien. Es war noch zu früh, er wollte nicht mit ihr reden und ein weiteres Mal nachgeben. Sollte sie ruhig noch ein klein wenig länger schmoren in ihrem blaublütigen Saft. Bevor er seine Entscheidung irgendwie bereuen konnte, schaltete Duncan sein Handy auf lautlos und steckte es ganz tief in seine Jackentasche.

Eins nach dem anderen, Comtesse. Du kommst auch noch dran“, sagte er. Verfluchter Darius mit seinen Rätseln. Wenn er ihn in der Kirche nicht so lange aufgehalten hätte mit seinen undurchsichtigen Andeutungen, wäre er gar nicht auf Jonathan getroffen. Wie hätte Duncan auch ahnen können, dass Jonathan dort hingeschickt worden war. Er gehörte zu dem erlauchten Kreis der Unsterblichen, die für das Konsortium arbeiteten. Für den Kopf des Highlanders gab es einen großen Bonus. Und Jonathan wollte derjenige sein, der ihn sich holen würde.

Duncan strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und band unschlüssig seinen Pferdeschwanz neu. Ein Blick auf seine Uhr, ein Geburtstagsgeschenk von Micky, zeigte ihm, dass er noch reichlich Zeit hatte. Sowohl bis zu Richies Ankunft als auch bis zu dem Duell mit Jonathan.

Auf der anderen Straßenseite entdeckte er ein kleines Restaurant. Er überquerte die Straße und erinnerte sich an den Tag, als er und sein Schüler getrennte Wege gegangen waren. Der Tag, an dem Duncan geschworen hatte sich den Kopf von Jonathan Mitchell zu holen. Koste es, was es wolle.

 

England, Somerset County, 1785.
Somerset war eine im Südwesten Englands gelegene Grafschaft mit einer reizvollen, natürlichen und urwüchsigen Landschaft.

Duncan MacLeod verdingte sich als Rittmeister bei der Herzogin von Somerset. Ohne eine einzige Geldmünze und hungrig war Duncan auf dem Weg nach London hier gelandet. Als er eines Tages ein Bad in einem Bach genommen hatte, war die Herzogin während ihres täglichen Ausritts auf ihn gestoßen. Sein Erscheinungsbild hatte soviel Eindruck auf sie gemacht, dass sie Duncan zum Abendessen eingeladen hatte. Duncan war über Nacht geblieben und schließlich gar nicht mehr gegangen.

Der Abend dämmerte herauf. Während in der Küche das Diner gerichtet wurde, kontrollierte Duncan, dass die Pferde versorgt waren und die Stallburschen ihren Pflichten nachkamen. Seit er eine Affäre mit der hübschen Herzogin angefangen hatte, überwachte er für gewöhnlich nur die Arbeit der anderen. Das ließ ihm mehr Zeit für sein Training und das seines Schülers. Auf einem Jagdausflug war Duncan auf einen Engländer namens Jonathan Mitchell getroffen. Man hatte den Mittdreißiger wegen Wilddieberei gehängt, wodurch er unsterblich geworden war. Glücklicherweise war Duncan auf ihn gestoßen. Duncan hatte Jonathan aufgenommen und sofort mit seiner Unterweisung begonnen. Doch schnell hatte sich gezeigt, dass Jonathan eine dunkle Seele hatte. Er suchte die Begegnungen, genauer gesagt suchte er nur die Energie der schwächeren Unsterblichen. Mit Stolz geschwellter Brust hatte er seinem Meister erzählt, wie er mehrere Unsterbliche im Schlaf überfallen und enthauptet hatte, bevor sie noch nach ihrem Schwert hatten greifen können. Die Warnung, das andere Unsterbliche in der Nähe waren, funktionierte zwar, wenn man aber einen zu gesunden Schlaf hatte, verlor man kostbare Sekunden, die über Leben oder Tod entscheiden konnten.

Aus dem Schloss hörte Duncan einen spitzen Schrei. Es klang nach der Herzogin. Duncan zögerte keine Sekunde.
Er nahm sein Schwert fest in die Hand und rannte mit großen Schritten aus dem Stall und auf das Schloss zu. Sein Herz pochte heftig. Duncan vermutete ein Dieb wäre von der Herzogin gestellt worden. Er konnte nur hoffen, dass sie sich zu keinen Dummheiten hatte hinreißen lassen.

Endlich hatte Duncan sein Ziel erreicht. Zu seiner Verwunderung war es die Kammer der Zofe Amy. Sie war eine junge, unerfahrene Unsterbliche. Duncan hätte sich ihrer angenommen, hätte er nicht kurz vorher Jonathan, der ebenfalls eines Lehrers bedurfte, getroffen.

Entsetzt sah Duncan, dass Amy tot war. Sie lag enthauptet auf ihrem Bett. Die Herzogin stand neben der Tür und fächerte sich Luft zu.

Duncan, oh wie gut, dass du kommst. Ich wollte Amy etwas fragen und fand sie so… Wer tut nur so etwas Schreckliches?“ schniefte sie und ließ sich auf einen Stuhl sinken. Duncans Blick suchte den Raum ab. Auf der kleinen Truhe, die Amys wenige Habseligkeiten beherbergte, lag ein Blatt Papier. Zielstrebig durchquerte der Highlander den Raum und ergriff das Blatt. Seine Kieferknochen mahlten heftig, als er die Botschaft, die an ihn gerichtet war, las.
Sie war ein zu leichtes Opfer, ich konnte nicht widerstehen, Highlander. Die Zeit des Lernens ist vorbei. Jetzt ist die Zeit des Sammelns. Wir sehen uns bei der Zusammenkunft wieder. Dein ergebener Diener Jonathan Mitchell.“
Ergebener Diener, pah! Ich werde ihn finden! Dafür wird er büßen. Ich habe ihn nicht dafür ausgebildet, dass er jungen Mädchen den Kopf abschlägt, bevor sie überhaupt gelernt haben, wie man ein Schwert führt.“ Er drehte sich um und sah, dass die Herzogin am Rande einer Ohnmacht war. „Jetzt reiß dich bitte mal zusammen. Er ist fort, und ich muss auch weg.“ Er ergriff die Hand der Herzogin und verbeugte sich galant. „Es war mir ein Vergnügen dein Bett zu teilen und deine Pferde zu versorgen, Herzogin. Aber jetzt trennen sich unsere Wege wieder.“ Die Herzogin starrte ihn entgeistert an.

Als sie endlich begriff, was Duncan ihr gerade gesagt hatte, ließ sie eine Schimpftirade los: „Du undankbarer, schottischer Barbar! In der Stunde höchster Not lässt du mich alleine?! Du Schuft! Du Lump!“ Duncan ignorierte ihr Gezeter und packte eilends seine Sachen. Er hoffte, dass er die Spur von Jonathan noch finden würde.

 

Großbritannien, Plymouth, die Gegenwart.
Doch in dieser Nacht war ihm das Glück nicht mehr hold gewesen. Auf sein Glück und seine wesentlich längere Kampferfahrung hoffte Duncan nun, während der Abend voranschritt und er dem Duell mit Jonathan entgegenfieberte. Richie hatte sich noch nicht gemeldet. Verdammt, Duncan hatte ja vor Stunden den Klingelton abgeschaltet, als Micky angerufen hatte.

Inzwischen hatte Duncan den Hafen erreicht, jetzt machte es ohnehin keinen Sinn mehr auf Richies Anruf zu warten. Also zog er sein Schwert aus seiner Reisetasche heraus und sah sich nach Jonathan suchend um.

MacLeod, ich bin hier“, rief Jonathan zur Begrüßung. Der Engländer war etwa gleichgroß wie Duncan und hatte einen drahtigen, muskulösen Körper. Grazil kam er auf Duncan zu und entledigte sich seines langen Mantels, unter dem er natürlich sein Schwert versteckt hatte. Duncan zog nun seinerseits seine Jacke aus und verneigte sich zur obligatorischen Begrüßung vor Jonathan. Sein Gegner lächelte abfällig über Duncans Höflichkeit.
Bringen wir es zu Ende, Jonathan. Heute wirst du bezahlen für all die Energie, die du unerfahrenen Unsterblichen gestohlen hast. Du wirst bezahlen für dein unehrenhaftes Verhalten.“ Zorn funkelte in den Augen der beiden Kontrahenten, als sie aufeinander losgingen. Duncan wandte Techniken an, die Jonathan noch nicht kannte. Doch auch Jonathan hatte einige Tricks auf Lager, die Duncan keinen leichten Sieg bescheren würden. Sie umkreisten einander wie hungrige Raubkatzen auf der Suche nach Beute. Duncan führte eine Reihe hoher Schläge aus und verpasste Jonathan einen Hieb gegen die Brust.

Mit einem „Uff“ auf den Lippen taumelte sein einstiger Schüler einige Schritte rückwärts. Sie näherten sich mit jedem weiteren Schlag dem Nachbau der weltberühmten Mayflower.
Ich verstehe gar nicht, wieso du mich 1785 so beeindruckt hast, Highlander. Ich habe schon gegen wesentlich bessere als dich gekämpft in den letzten 200 Jahren.“
Das wage ich zu bezweifeln, Jonathan. Du kämpfst wie ein schwaches Weib.“ Jonathan schrie wütend auf. Duncan hatte es geahnt, wer auch immer ihn in den letzten beiden Jahrhunderten trainiert hatte, er hatte ihm nicht beigebracht, dass man den Zorn unterdrücken musste. Erneut griff Duncan an, wirbelte auf dem Absatz herum und schnitt Jonathan in den Oberarm. Er ließ sein Schwert fallen, fing es aber im nächsten Augenblick mit der anderen Hand wieder auf.
Du hast wohl vergessen, dass ich beidhändig kämpfen kann, MacLeod. Es ist einerlei, mit welcher Hand ich das Schwert führe. Ich bekomme heute Abend deinen Kopf. Das Konsortium zahlt einen hübschen Preis für deinen Tod.“ Duncan stutzte kurz. Was für ein Konsortium? Wovon redete er da bloß?
Jonathan, ich weiß nicht, was du meinst, aber eines ist sicher, du wirst hier gewiss nicht als Sieger weggehen.“
Meine Auftraggeber legen aber großen Wert darauf, MacLeod.“
Und wer zum Teufel sind deine Auftraggeber?!“ fragte Duncan genervt. Darius war ihm schon geheimnisvoll genug gewesen. Irgendwann reichte es.
Nun, der Mann, der letztendlich hinter allem steht und die fetten Prämien für die Köpfe zahlt, heißt…“
Lass mich raten. Noah Woodhouse?“
Gut, MacLeod.“
Meine Frau hat ihn mal erwähnt.“
Ach ja, die liebreizende Mrs. MacLeod. Es war nicht sehr nett von ihr Michael Alexander und Christopher Sikes zu töten. Das wird sie schon noch früh genug erfahren…“ Jetzt ging Jonathan zum Angriff über und drängte Duncan in Richtung der Pier ab, die zur Mayflower führte. Ihre Schwerter kreuzten sich und schlugen Funken. „Sag mal, steht ihr eigentlich schwarz? Wo sie doch heute Witwe wird?“ Duncan warf ihm einen erheiterten Blick zu, soviel Dreistigkeit verdiente fast schon wieder Anerkennung.


Rasch sah Duncan über seine rechte Schulter und schätzte ab, wie viel Spielraum ihm noch blieb. Er ließ sich noch ein wenig nach hinten abdrängen, während er Jonathans Schläge abwehrte. Sie kamen an die Treppe, die zu dem Segelschiff führte. Jonathan sprang einen Schritt nach vorne und trat Duncan vor die Brust. Mit seinem Katana in der Hand fiel Duncan die lange Treppe rückwärts hinunter.

Lachend rannte Jonathan hinter ihm her. Unten versuchte Duncan die Benommenheit von sich abzuschütteln. Sein Blick klärte sich, da sah er seinen Gegner auch schon heranstürmen. Im letzten Augenblick hob er sein Schwert und blockte den Hieb, der ihn den Kopf gekostet hätte, ab. Dann sprang er auf die Füße zurück, Zentimeter vom Wasser entfernt. Auf den Fersen balancierend kämpfte Duncan um sein Gleichgewicht. Er holte weit aus und schlitzte Jonathan den Bauch aus.

Aber...“, stammelte dieser ungläubig und hob in einem verzweifelten Versuch, den Kampf doch noch für sich zu entscheiden, sein Schwert. Duncan atmete tief durch und holte aus. Die harte Klinge seines Samuraischwertes trennte Jonathans Kopf sauber von den Schultern. Die Wucht des Angriffs kostete Duncan sein Gleichgewicht. Er fiel ein weiteres Mal rücklings, aber dieses Mal landete er im Wasser. Die Eiseskälte der englischen See raubte ihm den Atem.

Auf dem Pier wurde die Leiche von der freigesetzten Energie in die Luft gehoben. Die Blitze krochen fast in der gleichen Sekunde in Richtung Wasser und suchten ihren neuen Träger. Duncan schwamm auf der Stelle und nahm die Energie in sich auf. Er schwor sich dies nie wieder im Wasser zu tun. Es tat so verdammt weh, ein paar Mal hatte er das Gefühl aus dem Wasser gehoben zu werden.

 

Endlich war es vorbei, Duncan breitete die Arme aus und schwamm zurück zur Pier. Sein Schwert, das er die ganze Zeit fest umklammert gehalten hatte, warf er auf hölzernen Ausleger und versuchte sich nach oben zu stemmen. Er schaffte es nicht, die Energieübertragung hatte ihn zu viel Kraft gekostet.

Im nächsten Augenblick zuckte er zusammen, weil er einen weiteren Unsterblichen spürte. Eine Hand packte nach ihm und zog ihn schwungvoll hoch.

Hi Junior, wie hast du mich gefunden?“ Triefend und nach Atem ringend setzte Duncan sich auf den Boden.
Sei nicht böse, aber Joe hat deinem Handy vor Ewigkeiten mal einen Sender verpasst, damit er dich und Micky besser aufspüren kann.“
Was?“ fragte Duncan ungläubig, Richie zuckte die Achseln.
Was hast du denn getrieben? Wer ist der Kopflose?“ fragte Richie und zeigte auf Jonathans Leiche.
Jonathan Mitchell, ehemaliger Schüler von mir.“
Oh. Und ich dachte schon, deine Frau wäre eine krasse Lehrerin.“ Duncan grinste und wischte sich die klatschnassen Haare aus dem Gesicht.
Witzig, Richie. Lass uns verschwinden, bevor die Polizei auftaucht. Ich habe keine Lust den Behörden zu erklären, warum ich Jonathan den Kopf abgeschlagen habe.“ Richie warf sich Duncans Tasche über die Schulter, nahm sein eigenes Gepäck und ging an Duncans Seite zurück in die Stadt. „Sag’ mal, Richie, hat Micky irgendetwas von einem Konsortium erwähnt?“ Richie schüttelte den Kopf.
Nein, wieso, Mac?“
Weil Jonathan sagte, ein Konsortium für das er gearbeitet hat, hätte Prämien auf die Köpfe von Unsterblichen ausgesetzt. Und der Mann, der letztlich hinter allem steckt, wäre…“
Noah Woodhouse“, ergänzte Richie.
Genau.“
Scheiße Mac, geht jetzt alles wieder von vorne los? Wenn Micky den platt macht, verliert sie dann wieder ihre Seele?“
Ich weiß es nicht, Richie. Ich weiß nur, dass wir vorbereitet sein müssen. Wir werden viel trainieren müssen, wenn wir das Konsortium besiegen wollen. Vor uns liegen verdammt harte Zeiten.“

 

 

3. Keine leichte Wahl

 

England, Cornwall, Truro, am selben Tag.
London of Cornwall“ nannte man Lady St. Roses Heimat. Sie war die südlichste Stadt Großbritanniens und bot -gelegen an der Stelle, wo die Flüsse Kenwyn und Allen aufeinander trafen - schätzungsweise 20.000 Einwohnern ein schönes Zuhause. Die Geschichte von Truro reichte bis in die Eisenzeit zurück, als erste Siedler sich hier niedergelassen hatten. Die Normannen errichteten hier eine Burg, und Königin Elisabeth I. verlieh Truro das Stadtrecht. Während der Industrialisierung und bedingt durch steigende Zinnpreise erblühte die Stadt und erweiterte ihre Grenzen. Und schließlich nachdem sie einen Bischof bekam, erhielt Truro unter Königin Victoria den „City-Status und eine Kathedrale, die von 1880 bis 1910 erbaut worden war.

In der Nähe dieser Kathedrale hielt nun ein roter Morgan. Finnigan stellte den Motor ab und zögerte. Er warf einen kurzen Blick auf das vierstöckige Gebäude, das seine Herzensdame bewohnte.

Komm schon, eure Lordschaft. Auf in den Kampf.“
Micky, willst die nicht lieber alleine hochgehen? Ich… Ich komme dann irgendwann nach… So nächste Woche oder so…“ stammelte er wie ein verlegener Schuljunge. Micky schmunzelte über Finnigans Verhalten. Der tapfere, englische Lord benahm sich im Moment schlimmer als Methos, der in Mickys Augen der größte liebeskranke Trottel in den Reihen der Unsterblichen war.
Los jetzt, Finn. Beweg’ dich. Ich habe andere Sorgen. Ich mache das hier aus reiner Herzensgüte.“ Finnigan sah sie äußerst kritisch an. Sarkasmus war das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte. Dennoch verstand er, was seine alte Freundin bewegte.
Ist schon gut. Ich weiß, dass du lieber Duncan suchen würdest…“
Ihn in den Arsch treten, trifft es schon eher…“
Ruf’ ihn doch einfach mal an“, schlug Finnigan aufmunternd vor. Zögerlich holte Micky ihr Handy aus ihrer Handtasche und wählte. Ihr Herz schlug heftig, so laut, dass Finnigan es eigentlich hören musste.
Er lässt es einfach klingeln, der sture Hund!“ fluchte sie mit Tränen in den Augen. Ihr Handy warf sie unsanft in die Tasche zurück. „Dieser sture, schottische Esel! Man kann einfach nicht mit ihm reden! Er hätte es verdient, dass er heute Abend noch in ein Duell rennt! Und dass er im Wasser landet!“ schimpfte sie und stieg aus dem Wagen aus. Die Beifahrertür flog mit einem lauten Knall zu, worauf Finnigan erschrocken zusammenzuckte.
Micky, Honey. Das ist ein Oldtimer. Mein Schmuckstück. Und er hat deinen Zorn gewiss nicht verdient.“ Liebevoll streichelte er den roten, glänzenden Lack. Sie zuckte entschuldigend die Achseln. Wenn das jemand mit ihrem Robin 1 gemacht hätte, wären Köpfe gerollt.
Tut mir leid, Finn. Er macht mich einfach nur so wütend. Geh’ vor und klingle schon mal.“ Finnigan sank in sich zusammen und ging so langsam wie nur irgend möglich zur Tür. Es war schon erstaunlich, was die Liebe aus einem gestandenen Mann machen konnte, dachte Micky, während sie auf den Türsummer warteten.

Im nächsten Moment drückte Finnigan die schwere, altmodische Tür auf. Micky schob sich an ihm vorbei, entschlossen es schnell hinter sich zu bringen. Das Treppenhaus war überaus ansehnlich. Man sah auf den ersten Blick, dass es ein vornehmes Haus mit entsprechenden Bewohnern war.

Es gab nur vier Briefkästen, was bedeutete, dass jeder Bewohner ein eigenes Stockwerk hatte. Kein Papierschnipsel lag auf dem schwarzen Marmorboden, auf dem man sich spiegeln konnte. Im Zentrum des Treppenhauses entdeckte Micky einen altmodischen, fast schon antik wirkenden Fahrstuhl mit Metallgitter. Das Haus war, wie eine Inschrift über der Eingangstür zeigte, zu Beginn des 20. Jahrhunderts erbaut worden.

 

Finnigan rannte hinter Micky her, die schon im Fahrstuhl stand und den obersten Knopf gedrückt hatte. Der Lord sprang rein und zog die goldfarbene Gittertür zu. Der Fahrstuhl setzte sich lautstark und unter Quietschen und Ächzen in Bewegung.

Micky grinste Finnigan angesichts der wenig Vertrauen erweckenden Geräusche an und sagte lässig: „Na ja, wenn er jetzt abstürzt, trifft es zumindest keine Sterblichen.“
Ja, und ich müsste das Gespräch nicht führen.“ Micky seufzte leicht genervt über seine Äußerung.
Ich denke, du liebst sie?! Oder etwa nicht?! Dann können wir das auch lassen…“ Herausfordernd musterte sie Finnigan. „Also, dachte ich mir’s doch. Außerdem führe ich doch das Gespräch.“

Mit einem Ruck kam der antiquierte Fahrstuhl zum Stillstand. Micky schob die Gittertür auf und sah sich aufmerksam um. Auf einer hellgrauen Fensterbank, ebenfalls aus Marmor, standen liebevoll gepflegte Orchideen und dazwischen Kakteen. Eine Fußmatte mit einem aufgedruckten, schlafenden, schwarzen Kätzchen hieß die Besucher willkommen. Micky lächelte zuversichtlich. Sie hatte so gut wie gewonnen. Ein verspielter, romantischer Charakter, das war ja fast schon zu einfach. Die Geschichte über Richard, ihre Adoptivkinder und die Zeit des Sezessionskrieges würde Lady Gwendolyn St. Rose dahin schmelzen lassen. Nicht ohne Grund war Margaret Mitchells „Vom Winde verweht“ bereits im Oktober 1936 – wenige Monate nach der Erscheinung - mehr als 1 Million Mal verkauft worden. Trotz der traurigen Begleitumstände löste diese Epoche der amerikanischen Geschichte bei Frauen eine romantische Begeisterung aus. Wenn Micky mit ihrer Vermutung über Gwens Charakter richtig lag, würde es bei ihr nicht viel anders sein.

Die Wohnungstür öffnete sich, und Micky schnappte nach Luft. Gwendolyn St. Rose trug diesen edlen Namen zu Recht, ebenso wie ihren Titel. Sie war eine vornehme Dame, keine Frage. Obwohl sie legere Kleidung trug, strahlte sie Eleganz, Würde und das gewisse „Je n’est sais quoi“ aus, das Finnigan seit je her an den Frauen so schätzte. Doch da war mehr. In ihren hellblauen Augen lag ein unverhohlener Trotz, der mehr als offensichtlich Finnigan galt. Sie hatte das Herz einer Rebellin, einer Kämpferin. Eine Frau wie geschaffen für den Lord of Lys Airt.

Oh du“, bemerkte Gwendolyn schlicht mit einem eindeutigen Blick auf ihren Ex-Verlobten. Dabei wogte ihr langes, blondes Haar wie Felder reifen Korns im Sommerwind hin und her. Sie sieht aus, als käme sie aus einer anderen Zeit, dachte Micky, die sich gerade vorstellte, wie Gwendolyns normannische Vorfahren mit ihren Schiffen an der Küste Englands landeten. Ihr großer Körper war gut trainiert, die muskulösen Arme hatte sie demonstrativ vor der Brust verschränkt. Sie trägt Karl Lagerfeld, dachte Micky. Noch eine Gemeinsamkeit und eine weitere Trumpfkarte, die sie ausspielen konnte. Heirate Finnigan und du bekommst ein Leben lang Sonderkonditionen bei meinem guten Freund Karl. Nein, so einfach würde es wohl doch nicht werden. Micky sah kurz zu Finnigan, der dazwischen schwankte, Gwen in die Arme zu nehmen oder vor ihrem Zorn zurückzuweichen.

Lady St. Rose“, Gwens Kopf drehte sich nun ruckartig zu Micky, die ihr höflich die Hand entgegenstreckte. „Ich bin Micky MacLeod“, zögerlich ergriff Gwen ihre Hand und deutete eine kaum wahrnehmbare Verbeugung an.
Madame Comtesse“, erwiderte Gwen mit dem typisch britischen Akzent den Gruß. „Ich weiß natürlich, wer Sie sind. Jackson hat viel über Sie gesprochen. Sie sind ihm sehr wichtig.“ Micky überlegte kurz, wen sie meinte.
Ach so, Finn. Ich habe ihn noch nie mit seinem Vornamen angesprochen. Seit wir uns kennen war er immer nur Finnigan.“
Wie auch immer, Madame Comtesse…“
Bitte sagen Sie Michelle oder Micky, wie meine Freunde mich nennen…“
Nun, Michelle. Was führt Sie her? Ich ging davon aus, dass alles gesagt worden wäre. Ich sehe keine Zukunft mit einem Mann, der mich über ein derart wichtiges Detail seines Lebens angelogen hat!“ Rote Flecken huschten auf Gwens Wangen, während sie sich über Finnigan echauffierte.
Er hat diese Information zurückgehalten bis zum rechten Augenblick“, konterte Micky und dachte im selben Moment an Duncan, der erst nach zehn Ehejahren von Geneviève erfahren hatte. „Lady St. Rose, ich würde Ihnen gerne von meinem Mann Richard erzählen. Finnigan kannte ihn gut. Nachdem sie sich eine Woche lang immer wieder an die Kehle gegangen sind und sich windelweich geprügelt haben, wurden sie richtig gute Freunde.“
Bei allem nötigen Respekt vor Ihrer Person. Was bringt mir die Erzählung von einem Ehemann, der wie Sie ist?“ fragte Gwen trotzig das Kinn vorschiebend.
Sie irren sich. Er war wie Sie. Richard Cunningham war 38 Jahre mit mir verheiratet. Er starb 1899 im Alter von 69 Jahren. Und wir hatten zwei Kinder.“ Etwas blitzte in Gwens Augen auf. Also da lag der Hase begraben. Ganz weit hinten im Garten bei den Rosen.
Aber ich dachte, verzeihen Sie, aber ich dachte, Menschen wie Sie könnten keine Kinder haben.“
Unsterbliche können durchaus in Waisenhäuser gehen und Kinder adoptieren. Ich habe sogar eine unsterbliche Adoptivtochter. Sie ist 476 Jahre alt. Und Sie, Lady St. Rose haben heute ganz andere Möglichkeiten als ich im Jahr 1861.“ Man sah es Finnigans Herzensdame an, dass sie innerlich schwankte, ihnen die Tür vor der Nase zuzuschlagen und Finnigan wieder in ihr Herz zu lassen.
Nennen Sie mich Gwen und folgen Sie mir bitte.“ Sie öffnete die Tür ganz, wandte sich um und führte ihren Besuch in ihr Appartement.

Es war ein ausgebauter Dachboden mit dunklen Holzstützbalken, einem auf Hochglanz polierten Parkettboden und zahlreichen Fotos an den Wänden. Micky blieb fasziniert vor einem Bild des Kilimandscharo stehen.

Das habe ich geschossen. Ich bin Fotografin“, erklärte Gwen sachlich.
Ich bin beeindruckt.“
Sie haben ihn doch bestimmt schon gesehen.“
Ich habe schon so ziemlich jeden Fleck auf diesem Planeten gesehen. Aber Ihre Arbeit ist trotzdem beeindruckend.“
Danke.“ Gwen stellte Kaffee und Gebäck auf den Couchtisch und setzte sich mit überkreuzten Beinen auf eine Ratanliege.
Ich werde jetzt mal ganz direkt, Gwen. Was wurmt Sie mehr? Dass Finn Sie angelogen hat oder dass Sie keine Kinder mit ihm haben können? Ersteres war ein Fehler, zugegeben. Dafür kann er sich entschuldigen. Und das zweite können Sie nur dahingehend lösen, indem Sie adoptieren oder künstliche Befruchtung in Erwägung ziehen. Wenn Sie überhaupt etwas ändern wollen. Wollen Sie?“
Ich… Ich… Erzählen Sie mir von Ihrem Ehemann.“
Duncan? Ach nein, Sie meinen Richard. Es war natürlich ein Schock für ihn. Und er knabberte ziemlich daran herum, dass er keine Kinder würde haben können. Damals war es ja noch viel schlimmer mit diesem Stammhaltergetue. Ein Mann muss Söhne haben und der ganze Käse. Hat meinem Vater auch nicht viel gebracht. Mein einziger Bruder Philippe starb sogar vor mir bei einem Duell… Aber ich wollte von Richard erzählen…“

 

Nordamerika, Boston, 24. Juni 1860.
In einem exklusiven Restaurant in Boston dinierte Micky Dante mit ihrem sehr guten Bekannten Richard Cunningham, einem jungen Anwalt, den sie Anfang des Jahres 1860 auf einem Ball kennen gelernt hatte. Sie hörte fasziniert seinen Erzählungen zu. Doch nun stutzte sie. Richard druckste schon die ganze Zeit herum.

Micky, ich weiß, wir kennen uns gerade einmal sechs Monate. Und wahrscheinlich halten Sie es für wenig angebracht. Aber ich hege tiefe Gefühle für Sie… Wollen Sie mich heiraten?“ fragte Richard Cunningham mit pochendem Herzen. Es klirrte, Micky, erschrocken über die unerwartete Frage, hatte ihr Weinglas umgestoßen. Der blutrote Wein ergoss sich auf die weiße Spitzentischdecke.
Was?“ stammelte Micky und tastete unsicher nach dem Wasserglas. Ihre Kehle fühlte sich mit einem Mal staubtrocken an. Sie trank es mit einem Zug aus. Der farbige Kellner füllte es sofort nach und begann den verschütteten Wein abzutupfen. Richard gab ihm mit einem Wink zu verstehen, dass er verschwinden sollte.
Micky, ich bin dabei groß Karriere zu machen in der Kanzlei. Ich bin jung, gesund. Was mir noch fehlt ist eine Frau und eine Familie.“ Micky schluckte.
Richard…“
Bevor Sie nein sagen, denken Sie in Ruhe darüber nach.“
Richard, Sie wissen nicht sonderlich viel über mich…“
Was ich weiß, finde ich sehr interessant.“
Richard, bevor ich ja sage…“ Er ergriff Mickys Hände und hielt sie fest.
Also ziehen Sie es in Erwägung?“
Da ist etwas, dass Sie wissen müssen, Richard. Etwas Wichtiges. Ich kann nicht sterben“, flüsterte sie. „Haben Sie verstanden, Richard? Ich bin unsterblich. Ich bin nicht verrückt. Ich wurde am 15. Mai 1500 in der Nähe von Paris geboren. Ich bin 360 Jahre alt. Verstehen Sie?“ Richard sagte nichts. Er trank nun seinerseits das Glas, das vor ihm gestanden hatte, in einem Zug aus. Allerdings war darin Wein und nicht Wasser gewesen. „Da ist noch mehr, Richard.“
Noch mehr?!“ keuchte er.
Sie sprachen von Familie. Ich kann keine Kinder bekommen, Richard. Und es ist durchaus möglich, eigentlich ziemlich sicher, dass ich regelmäßig Schwertkämpfe austragen muss gegen andere Unsterbliche, um mir deren Kopf und dadurch ihre Lebensenergie zu holen… Das ist jetzt alles ein wenig viel. Denken Sie darüber nach und wenn Sie mich immer noch wollen, werde ich Sie gerne heiraten, Richard.“ Damit stand Micky auf, griff sich ihren kleinen Beutel und ging aus dem Restaurant.

 

England, Cornwall, Truro, die Gegenwart.
Und dann?“ fragte Gwen zu Mickys Freude interessiert. Sie stand auf und schenkte ihren Besuchern Kaffee nach.
Er ist mir nachgelaufen. Wir haben einen sehr langen Spaziergang gemacht. Ich habe ihm alles gesagt, was er wissen wollte. Am Ende des Tages sagte er, dass es ihm egal wäre, wie alt ich wäre oder ob ich Kinder haben könnte. Selbst die Zusammenkunft war ihm egal. Er wollte mich um jeden Preis heiraten, obwohl ihm die Sache mit den Kindern am meisten zu schaffen machte. Er mich liebte eben. Mehr war für Richard nicht wichtig. Ihm war gleich, was ich zweihundert, hundert oder fünfzig Jahre zuvor getan hatte. Ihn interessierte nur die Zukunft mit mir. Also, mehr kann ich nicht vorbringen. Lieben Sie Finnigan? Dann ist es ehrlich gesagt schnurzpiepegal, ob er 40 oder 400 Jahre alt ist. Und glauben Sie ja nicht, dass er es leicht hat, weil er Sie überlebt. Eines Tages muss er Sie zu Grabe tragen… Finnigan, da brauchst du gar nicht nach Luft zu schnappen. Wir kamen hier her, um Tacheles zu reden. Ja, Gwen. Finn wird Sie, sofern Sie ihn heiraten wollen, eines fernen Tages als alte Frau beerdigen. Er wird äußerlich um keinen Tag gealtert sein. Sie sagen Lebwohl, aber er muss weiterleben. Dann wird er sich Jahrzehnte in Kummer vergraben…“
Wie viele Ehemänner hatten Sie?“
Ehemänner und Gefährten. Es waren sieben mit meinem derzeitigen Ehemann. Zwei sterbliche Franzosen, zwei unsterbliche Schotten, ein unsterblicher Mesopotamier, ein sterblicher Cheyenne und Richard. Eine bunte Mischung. Affären zähle ich nicht mit. Das waren wirkliche Beziehungen, die aufgrund widriger Umstände nicht immer zu einer Ehe führten.“ Sie lächelte verträumt, während sie sich an ihre Gefährten erinnerte. Besonders an jene, die schon vor langer Zeit von ihr gegangen waren. Nostradamus heiratete zweimal eine Sterbliche, Methos, der Ehekrüppel war ein Thema für sich und Henry war ein Opfer der Revolution, setzte Micky in Gedanken hinzu. Und Connor, tja, die beiden waren genauso wenig für einander bestimmt gewesen wie sie und Darius. Die beiden hatten erst erkannt, was ihnen bestimmt war, als sie von einander abgelassen hatten. Erst nach der Nacht in Florenz war ihnen bewusst geworden, dass ihnen eine andere, besondere Form der Liebe zugedacht worden war.
Sie wollten wissen, ob ich Jackson liebe. Das tue ich. Aber er hätte mir früher erzählen sollen, dass er unsterblich ist. Wie Sie sagten, wir können adoptieren oder auf eine andere Weise ein Kind bekommen. Aber er hat gelogen.“
Heiliger Bimbam, Gwen. Was glauben Sie, wie oft ich in 500 Jahren gelogen habe? Ich hätte wohl kaum die ganzen Kriege und Revolutionen überlebt, wenn ich immer die Wahrheit gesagt hätte. Die Inquisition hatte mich in den Fingern, weil ich eigentlich hätte tot sein müssen. Der Mann, durch dessen Hand ich unsterblich wurde, hatte mich fünf Jahre später leider erkannt. Hätte ich sagen sollen, sorry, ich bin unsterblich? Wohl kaum.“
Aber Ihren Männern haben Sie es gesagt, oder?“
Ich habe es ihnen nicht gleich auf die Nase gebunden.“
War bei Michel wohl unnötig“, bemerkte Finnigan grinsend.
Iss und halt die Klappe!“ Micky hielt dem Lord einen Ingwerkeks unter die Nase. Sie wollte Gwen nicht auch noch erklären müssen, dass sie jahrzehntelang eine Beziehung zum größten Propheten der Renaissance gehabt hatte.
Ich bin ja schon ruhig. Seit wir uns kennen, tanzt du mir auf der Nase rum, Ladylove. Das ist nicht nett.“
Und du gehst mir auf die Nerven, Finn. Schmink dir endlich diesen Namen ab, sonst setzt es was.“
Ihr hört euch an wie ein altes Ehepaar.“ Finnigan und Micky sahen Gwen verdattert an.
Oh bitte nicht. Ich konnte mich immer erfolgreich gegen seine Avancen verteidigen. Er war äußerst hartnäckig.“
Warum wollten Sie ihn nicht heiraten?“
Ich hatte immer großen Spaß mit Finnigan. Er ist ein verlässlicher Kampfgefährte. Aber ich war immer froh, dass er abends nach Hause ging. Das hätte nicht funktioniert mit uns. Es hat gedauert, aber irgendwann hat er es eingesehen.“
Ganz Recht. Und seit ich dich getroffen habe, Gwen, meine Rose, denke ich an keine andere Frau mehr. Du bist die eine Frau, die ich mein Leben lang gesucht habe.“ Das war genau die Poesie, die es brauchte Gwens Herz zum Schmelzen zu bringen.
Oh Jackson, du bist so romantisch.“ Sie sprang auf und viel dem Lord um den Hals.
Dann wäre ja alles geritzt. Können wir dann die Hochzeit durchziehen? Ich habe etwas Dringendes zu erledigen…“ Sie sah Gwens fragenden Blick. „Familienangelegenheiten, Gwen. Fragen Sie lieber nicht.“

Doch bevor Gwen Micky und Finnigan ziehen ließ, wollte sie noch alles über Mickys Ehe mit Richard erfahren und über ihre beiden Adoptivkinder Rebecca und David.

Micky erzählte mit einem bittersüßen Schmerz im Herzen, besonders wenn sie an ihre beiden Kinder dachte. Gespannt, Stunde um Stunde lauschte Gwen den Erzählungen; lachte über die erste Begegnung zwischen Finnigan und Richard und fieberte mit, als Micky an die Stelle gelangte, da die Kinder während des Krieges die Grippe bekamen und nicht abzusehen war, ob sie überleben würden.

 

England, auf einer Landstraße nach Schloss Lys Airt, in derselben Nacht.
Als Micky und Finnigan sich auf den Rückweg nach Schloss Lys Airt machten, fiel Micky bereits nach geraumer Zeit auf, dass sie nicht alleine auf der Landstraße waren. Die Nacht war sternenklar und eiskalt. Immer wieder warf Micky einen Blick in den Rückspiegel. Sie musste sich von ihrem Verdacht überzeugen.

Finn, geh mal vom Gas runter.“
Wieso?“ fragte der Lord erstaunt, er wollte schnellstmöglich nach Hause und ins Bett.
Weil uns ein Wagen folgt, seit wir Truro verlassen haben. Das kommt mir ziemlich spanisch vor.“
Ich will dir ja deinen siebten Sinn nicht abspenstig machen, Micky. Aber es kann doch durchaus sein, dass der Fahrer einfach einen fast identischen Weg hat.“
Dann wird er ja überholen, also fahr langsamer, Finn.“ Sie griff ohne nach hinten zu sehen zum Rücksitz und zog ihr Schwert nach vorne. Es war ein tröstliches Gefühl, den Griff in der Hand zu spüren.
Finnigan bremste ab und wie Micky es sich gedacht hatte, bremste auch der Wagen.

Dachte ich mir’s doch. Fahr die nächste Gelegenheit rechts ab.“ Dann holte sie ihr Handy raus. Ein Blick auf das Display war alles andere als erfreulich. Kein Balken, kein Empfang. Aber immerhin bedeutete dies, dass ihr ominöser Verfolger auch keine Hilfe anfordern konnte.
Mach keinen Blödsinn, Micky. Ich möchte meine Hochzeit noch erleben.“
Wann habe ich schon mal Blödsinn gemacht?“ fragte sie die Beleidigte spielend.
Darauf antworte ich nicht ohne Anwalt, Lady. Aber ich tue, was du willst. Alles was mich schneller ins Bett bringt. Ich bin so müde, wie seit Jahrhunderten nicht mehr.“ Sie lächelte verständnisvoll. Es war ein sehr langer Tag gewesen. Nachdem Gwen endlich überzeugt war, dass es Finnigan leid tat, ihr nicht von vorneherein die Wahrheit gesagt zu haben, besprach sie mit ihm die Hochzeitsfeier noch einmal bis ins kleinste Detail durch.

Nach einigen weiteren Minuten hatten sie eine Abfahrt zu einem Feldweg gefunden. Finnigan fuhr den Morgan von der Landstraße runter, und der fremde Wagen folgte ihnen.
Licht aus“, sagte Micky knapp und in einem Befehlston, den sie noch von ihrer Dienstzeit als Oberschwester sehr gut drauf hatte.
Ja, Ma’am.“ Finnigan salutierte schief grinsend.
Hast du irgendeine Waffe dabei, alter Freund?“
Meine treues Schwert natürlich. Und eine kleine Bleispritze im Handschuhfach. Ich weiß mein Eigentum auch gegen sterbliche Schurken zu verteidigen.“ Micky lachte über seine Formulierung, die einem historischen Bestseller oder einem Spionageroman entliehen schien.

Der Wagen hielt auf einem dunklen Stück Weg. Micky sprang sofort mit ihrem Schwert raus und versteckte sich zwischen den Bäumen. Mit unmissverständlichen Zeichen machte sie Finnigan klar, dass er auf ihren Verfolger warten sollte. In der Nähe schrie eine Eule, Äste knackten. Micky kroch ein Schaudern über den Rücken. Sie war inzwischen zu sehr an die Vorzüge der Zivilisation gewöhnt. Der Großstadtlärm kam ihr stiller vor als die Geräusche der englischen Landschaft, in der sie sich befanden.

In der Ferne blendeten Autolichter kurz auf, um dann zu verlöschen. Das sich nähernde Auto machte für Mickys Ohren einen unglaublichen Krach. Ebenso wie ihr Herz, das laut und schnell in ihrer Brust schlug. Sie hatte keine Ahnung, wer ihr nächtlicher Verfolger. Obwohl, dass stimmte nicht so ganz, sie hoffte aber, dass ihr Gefühl sie betrog.

Nun bremste auch der unbekannte Wagen ab, eine Tür schlug zu, Schritte näherten sich. Micky hielt sich noch im Schatten, hatte ihr Schwert aber hoch erhoben. Sie war bereit.

Der Hahn einer Pistole wurde gespannt. Was nichts bedeuten musste. Auch die Unsterblichen trugen gerne Feuerwaffen mit sich.

Kommen Sie raus, Mrs. MacLeod“, rief eine tiefe, männliche Stimme in die dunkle Nacht hinaus. „Sonst geht es Ihrem Freund schlecht.“ Micky lauschte gespannt, ob sie etwas von Finnigan hörte. Nichts. Einen Augenblick schloss sie die Augen und versuchte ihren Herzschlag zu beruhigen. Dann trat sie entschlossen vor, ein Fuß vor den anderen setzend.
Warum verfolgen Sie uns?“ fragte sie, ihr Schwert noch immer zum Angriff erhoben.
Können Sie sich das nicht denken?“ fragte der Mann breit grinsend. Er war Asiat. Klein, aber äußerst gut trainiert. Er hatte langes, schwarzes Haar, das er zu einem Pferdeschwanz gebunden trug. In der linken Hand hielt er ein japanisches Schwert, das Mickys Toledo Salamanca entfernt ähnlich sah. Ein Samurai vermutlich. In der Rechten, seiner Kampfhand, eine Pistole. Mit dieser zielte er auf Finnigan, den er aus dem Morgan herausbefohlen hatte.
Oh doch, ich war mir nur nicht sicher, ob Noah Woodhouse genauso kranke Spiele spielt wie Christopher Sikes.“ Sie kam mit jedem Wort näher. „Stecken Sie die Pistole weg und wir schauen mal, wer von uns besser kämpfen kann. Wie wäre es damit?“ Er bleckte die Zähne zu einem fiesen Grinsen.
Ich überlasse Ihnen den ersten Schlag, Mrs. MacLeod. Mein Name ist übrigens Yin Po, Ihr Begleiter kann ihn dann in Ihren Grabstein einmeißeln lassen. “ Micky lachte.
Das werden wir noch sehen, Mr. Yin. Ich wusste gar nicht, dass kleine Giftzwerge für das Konsortium arbeiten. Haben Sie etwa Windelausschlag?“ Finnigan platzte ein Lachen heraus, Mickys Unverfrorenheit, mit der es ihr immer wieder gelang, ihre Gegner zu verunsichern, überraschte ihn auch nach all der langen Zeit immer wieder aufs Neue.
Der Asiat zuckte zusammen. Seine mandelförmigen Augen verengten sich noch mehr zu kleinen Schlitzen, mit denen er Micky misstrauisch musterte. „Da sind Sie platt, was? Ja, ich weiß von dem Konsortium. Ich weiß viel mehr, als Sie denken!“ Nun bluffte sie, aber wie sollte ihr Gegner das wissen?
Seine Verwirrung ausnutzend begann Micky den Kampf. Sie machte einige schnelle Schritte nach vorne, setzte zum Sprung an und trat ihm erst einmal zur Begrüßung vor die Brust. Der Asiat taumelte, konnte sich aber noch im letzten Moment, bevor er das Gleichgewicht verlieren würde, abfangen. Sein Samuraischwert sauste durch die Luft und traf Mickys Klinge. Funken schlugen hell in der stockfinsteren Nacht, während die Klingen sich eins ums andere Mal trafen.

Hat Woodhouse persönlich Sie auf mich angesetzt?“ rief Micky über die lauten Kampfgeräusche hinweg. Finnigan stand derweil amüsiert an die Tür seines Morgans gelehnt und verfolgte das Geschehen. Seine alte Freundin schien alles gut im Griff zu haben. Kein Grund zur Sorge.
Es gibt viel interessantere Fragen, Mrs. MacLeod. Aber Sie werden schon noch dahinter steigen. Oder auch nicht“, entgegnete er selbstsicher, während er Micky in Richtung seines Autos abdrängte. Sie riskierte einen kurzen Blick über die Schulter. Das Auto kam immer näher, bald würde sie in der Falle sitzen. Darüber springen konnte Micky nicht. Nicht im Dunkeln und schon gar nicht mit den unpraktischen Schuhen, die sie trug. Also dran vorbei. Micky machte einen Schritt nach rechts, weg vom Wagen und stolperte rückwärts über eine Wurzel. Sie landete unsanft auf ihrem Hintern, das Schwert entglitt ihr. Finnigan keuchte erschrocken auf und stieß sich von seinem Auto weg.
Bleib stehen, Finn. Ich bin okay.“ Sofort nahm sie ihre Waffe wieder auf.
Nicht mehr lange!“ rief der Asiat entschlossen, preschte nach vorne und griff sie erneut und erbarmungslos an. Micky sprang auf die Füße, hielt ihr Schwert beidhändig und wehrte sich verbissen gegen seine Schläge. Ein so alter Unsterblicher, wie er vermutlich war, war kein leicht zu besiegender Gegner. ‚Traue deinen Augen nicht’, hörte sie mit einem Mal Meister Nakanos Stimme in ihrem Kopf. ‚Folge deinem Herzen’. Micky atmete tief durch, schloss die Augen und senkte ihr Schwert. Für ihren Gegner und auch für Finnigan sah es so aus, als würde sie sich geschlagen geben. Finnigan keuchte entsetzt auf und wollte zu ihr stürmen. Der Asiat zögerte keine Sekunde, er rannte auf Micky zu, das Schwert hoch über seinem Kopf. Mit immer noch geschlossenen Augen holte sie im Bruchteil einer Sekunde aus und schlitzte ihrem Gegner den Bauch auf. Sie öffnete die Augen wieder und sah ihn vor sich auf die Knie gehen. Sein Schwert entglitt seiner Hand, er fasste sich ungläubig an den tödlich verletzten Körper.
Wenn du zur Hölle fährst, grüße Christopher Sikes von mir!“ Mit diesen Worten holte Micky aus und schlug ihm den Kopf von den Schultern. Fast augenblicklich wurde die Finsternis von der Energie des Asiaten erhellt. Der Feldweg war mit einem Mal taghell erleuchtet, obwohl es tiefste Nacht war.

Blitze nicht geahnter Stärke durchströmten Mickys Körper, hoben sie ein paar Mal in die Luft. Bogen sie wie ein Blatt im Wind hin und her. Von Schmerzen gepeinigt schrie sie immer wieder auf. Finnigan verzog die Mundwinkel, es war kein Vergnügen eine liebe Freundin leiden zu sehen. Vor allem nicht diese Freundin. Die Energieübertragung zog sich noch einige Augenblicke dahin, dann war sie endlich vorüber. Micky sackte in die Knie, zitterte vor Anstrengung. Finnigan eilte ihr entgegen, hob ihr Schwert auf und zog sie behutsam auf die Füße.

Ich weiß schon, was du dir jetzt am meisten wünschst“, meinte er lächelnd.
Ein heißes Bad wäre himmlisch, Finn“, antwortete sie und ließ sich von ihrem alten Freund zum Wagen führen.

 

 

4. Brot & Spiele

 

Frankreich, Chateau Dubois, eine Woche später.
Die erste Oktoberwoche zeigte unmissverständlich, dass der Sommer für dieses Jahr vorüber war. Nebel lag über den Feldern der umliegenden Dörfer. Es war kalt, bunt gefärbtes Laub fiel von den Bäumen herunter. Micky absolvierte ihr tägliches Training im Schlosspark. Sie wollte in der Stille des Parks ihre Gedanken ordnen. Ihr einsames Bett hatte sie wie jeden Tag in aller Frühe hinaus getrieben. Während Elisabeth und das übrige Personal erst allmählich mit ihrem Tagwerk begannen, zog Micky mit ihren Walking-Stöcken unermüdlich übers Gelände. Einzig ihr Husky begleitete sie heute Morgen. Angus bellte angesichts der Wetterlage begeistert und setzte zu einem Sprint ins Gebüsch an. Micky ließ ihn ziehen. Ihr ging zuviel durch den Kopf. Duncan, das Konsortium, Noah Woodhouse, Richie, der einfach so abgehauen war.

Tief in Gedanken versunken achtete sie nicht auf ihre Umgebung.
Guten Morgen, Hochwohlgeboren.“ Erschrocken blieb Micky stehen.
Methos, du Idiot! Musst du mich so anschleichen?“
In einen langen Mantel gehüllt und mit hochgeschlagenem Kragen stand Methos dicht vor ihr. Kleine Atemwolken entwichen seinem Mund, mit dem er sie frech angrinste.

Ach, hast du kein vertrautes ‚Wusch’ im Kopf gehört, als ich mich genähert habe?“
Ich geb’ dir gleich mit denen hier ein Wusch, dass es dich aus den Socken haut, alter Freund!“ Drohend hob sie ihre Walking-Stöcke hoch. Methos ging einige Schritte rückwärts und steckte seine kalt gewordenen Hände in die Taschen des Mantels.
Mann, bist du heute mies drauf. Apropos mies drauf, was von Duncan gehört?“
Nein“, erwiderte sie grimmig.
Wann gedenken Hochwohlgeboren ihren Angetrauten zu suchen?“
Methos, weißt du, was du mich mit deinem gestelzten Gelaber mal kannst?“ Sie wusste selbst am Besten, dass diese Pattsituation schon zu lange andauerte.
Ja, aber das beantwortet meine Frage nicht, Micky. Du wolltest warten bis die Hochzeit um ist. Finnigan und Gwen sind in den Flitterwochen. Ihr Honeymoon leuchtet so hell, dass man ihn sogar noch in Paris scheinen sieht. Also, was hält dich auf?“
Keine Ahnung. Ich will es ihm nicht so leicht machen.“
Und machst es dir damit schwer.“
Mal wieder Freud gelesen, wie Dr. Adams?“ Sie walkte an ihm vorüber. Genervt schlug Methos nach Mickys Stöcken und brachte sie damit aus dem Takt.
Hey!“ rief sie gleichermaßen genervt von seiner Aufdringlichkeit mit der er ihr Training störte.
Ich will mit dir reden, Micky. Das kann ich nicht, wenn du mit deinem Hintern wackelst wie eine Ente auf Brautschau.“ Sie lachte laut schallend los. Angus kam aus dem Dickicht angerannt und bellte Methos zur Begrüßung an. Er hatte offensichtlich ein Erdloch gefunden, in dem er ausgiebig gebuddelt hatte. Micky stöhnte und warf ihrem Hund einen tadelnden Blick zu.
Schäm dich, Angus. Schau nur, wie du aussiehst! Elisabeth wird uns beide rauswerfen!“ Angus legte den Kopf schief und sah sie an, als wollte er sagen: „Wer ist denn die Herrin in diesem Chateau? Du oder sie?“
Methos stellte sich vor den Hund und redete aufdringlich auf Micky ein: „Lass doch den Hund! Du musst Duncan suchen!“ Angus versuchte sich an Methos vorbei zu mogeln und verdreckte ihm dabei den Mantel. Methos warf einen bösen Blick auf Angus und fluchte.

Ich weiß doch, wo er ist“, bemerkte Micky schmunzelnd über das Gerangel, das nun zwischen Methos und Angus ausbrach.
Hast du Joe angerufen?“
Klar, der spielt ja auch die Beobachterauskunft. Ich habe zum Glück noch andere Quellen. Er ist in Kanada. Auf der Insel. Und Richie ist bei ihm. Der kann was erleben.“
Der Junior ist unwichtig. Duncan ist abgehauen, weil er Angst hat, dass du schon wieder auf einen Kreuzzug gehst. Er will dich nicht verlieren. Sikes war eine Sache. Das konnten wir alle noch verstehen. Er hat dir in dein gräfliches Revier gepinkelt, als er Natalie getötet und deine Tochter entführt hat. Er hat uns alle lange genug verarscht. Aber die Sache mit Noah Woodhouse liegt anders.“ Micky seufzte.
Dann sag’ mir eines, Methos. Wer ist deiner Meinung stark genug für Woodhouse?“ Selbstzufrieden stützte sie sich auf die Stöcke.
Nimm mich, Micky. Ich bin der Beste.“
Ja, aber erst nach mir, Methos. Du hast zwar Viereinhalbjahrtausende mehr als ich auf dem Buckel. Aber du hattest dich so lange von den Kämpfen zurückgezogen, dass ich dich, was die Stärke angeht, mit den beiden Duellen gegen Alexander und Sikes eingeholt habe.“
Hat dir schon mal jemand gesagt, dass Eigenlob stinkt?“ Sie verpasste ihm einen Schlag auf die Brust. „Micky, es ist egal, ob du stärker bist als ich. Es ist egal, ob du deine Seele bei diesem Kampf verlierst oder nicht. Wenn du Duncan nicht schwörst, dass du dich mit Woodhouse nicht duellierst, hast du ihn verloren.“ Angus bellte wie zur Bestätigung. Methos sprach unbeirrt weiter: „Glaub’ mir. Und das ist es wirklich nicht wert. Nichts ist es wert auf die wahre Liebe zu verzichten. Du und Duncan, ihr seid für einander bestimmt. Wir waren es nicht, genauso wenig wie du und Connor. Aber ihr seid es. Also wirf das nicht leichtfertig weg.“
Micky griff in ihre Hosentasche, zückte ihr Handy und wählte. Methos sah sie fragend an.

Guten Morgen, Elisabeth. Ich brauche einen Flug nach Vancouver. Ja, für heute. Du kannst das Übliche einpacken. Aber auch Kleidung für die Wildnis…“ Methos tippte ihr auf die Schulter.
Sag’ ihr, wir nehmen zwei.“ Sie seufzte, weil sie wusste, dass Methos nicht umzustimmen wäre.
Elisabeth, Monsieur Methos kommt auch mit. Also zwei Tickets, bitte. Der Rückflug ist noch offen. Wir kommen jetzt zum Frühstück. Ich nehme an Monsieur Methos hat wie üblich großen Hunger…“ Sie beendete das Gespräch und sah ihren Freund erwartungsvoll an. „Na, Methos? Zufrieden?“ Micky befreite ihre Hände von Schlaufen der Stöcke. Dann griff sie sich an den Kopf und löste schmunzelnd ihren Pferdeschwanz. Braune, lange Locken fielen wallend auf ihre Schultern. Sonnenstrahlen verfingen sich darin und zauberten kupferfarbene Strähnen hinein. Sogar in einem Trainingsanzug hatte sie eine so adlige Ausstrahlung, dass sie gar nicht verleugnen konnte, aus welchem Elternhaus sie stammte. Methos zweifelte einen Augenblick an Duncans Verstand, wie er so eine Frau sitzen lassen konnte. Zugegeben, sie konnte einen in den Wahnsinn treiben. Aber hey, wie viel interessanter war Methos’ Leben geworden durch ihre Freundschaft! Doch die Angst sie zu verlieren, die Duncan empfand, teilte Methos mit seinem Freund. Er, Methos, würde um jeden Preis verhindern, dass sie sich noch einmal in solch einen Kampf wie gegen Christopher Sikes stürzen würde. Und wenn er sie am heiligen Felsen auf Duncans Grundstück festbinden würde. Nur dieses Mal würde er einen Knoten machen, den sie nicht aufbekommen würde.
Nein, ich bin erst zufrieden, wenn du und Duncan euch wieder versöhnt habt. Und das erreichst du nur mit einem Kompromiss.“
So ein Mist“, meinte sie im nächsten Augenblick breit grinsend. „Also ist doch etwas an dem Gerücht dran, dass man in einer Ehe Kompromisse eingehen muss.“ Methos legte den Arm um sie und führte sie hoch zum Chateau, wo das Frühstück schon wartete.
Du bist echt verrückt, Micky. Du tickst schon lange nicht mehr richtig.“
Nur ein Irrer erkennt einen Irren, Methos. Wusstest du das noch nicht?“ Sie zwinkerte ihm frech zu und setzte zu einem Sprint den Hügel hinauf an.
Hey, was meinst du?!“
Na, das sieht man doch an deiner Ehe mit Isis, dass du irre bist!“
Biest!“ sagte er, während er die Verfolgung aufnahm. Sein Mantel wurde vom Wind aufgebauscht, während seine langen Beine ihn den Hügel hinauftrugen. So schnell Micky und Methos auch waren, gegen Angus kamen die beiden nicht an. Er überholte sie nahezu mühelos und schoss wie ein silbergrauer Pfeil an ihnen vorbei in Richtung der Küchentür.

 

Im Luftraum über dem Atlantik, am selben Tag.
Also nächstes Mal fliegen wir aber wieder First Class“, maulte Methos, der inzwischen von den Flügen in der ersten Klasse viel zu verwöhnt war, als dass es ihn interessieren würde, was ein kurzfristiger Flug von Paris nach Vancouver kostete. Für ihn zählte bei einem Transatlantikflug nur die Bequemlichkeit, nicht das Portemonnaie. Weder seines noch Mickys.
Klar, wenn du 7.000 Euro zuviel hast, Methos“, bemerkte Micky trocken und winkte die Stewardess heran, um sich noch einen Whisky zu bestellen, während sie Kataloge von Christies und anderen Auktionshäusern durchblätterte. Wenn sie schon nach Kanada flog, konnte sie auch einen Abstecher nach New York machen und einige neue Gemälde für die Galerie erwerben. Ihr Blick blieb an einem Picasso hängen. Methos schnaubte missmutig, als er sich zu ihr rüberbeugte und das Bild betrachtete.
Wer sich einen Picasso leisten kann, kann auch First Class fliegen“, konterte er beleidigt.
Das ist rausgeschmissenes Geld. Ich bin nicht so reich geworden und es auch geblieben, weil ich mit meinem Geld um mich schmeiße.“ Methos lachte hämisch.
Ja, ja. Sag’ das mal Karl. Oder wirf mal einen Blick auf deinen Fuhrpark, Comtesse.“
Halt die Klappe und lass mich arbeiten!“ schimpfte Micky, worauf Methos sie nahezu perfekt nachäffte. Sich jedes weitere Wort sparend, rollte Micky einen Katalog, dessen Angebote sie ohnehin nicht interessierten, zusammen und versetzte Methos einen Schlag auf den Kopf.
Was habe ich denn gesagt, Himmel?! Wird allerhöchste Zeit, dass ich dich wieder mit deinem Mann zusammenbringe. So übellaunig bist du seit dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg ja nicht mehr gewesen.“
Und du hast auch in 5.000 Jahren nicht gelernt, wann es das Beste ist den Mund zu halten. Methos, du bist eine mesopotamische Landplage allererster Güte! Und wenn du jetzt nicht gleich still bist, fliegst du im Frachtraum nach Kanada!“
Ist ja schon gut, Hochwohlgeboren. Lass dich nicht stören. Ich schaue mal im Bordmagazin nach, was es für einen Film gibt… Na herrlich, Vom Winde verweht“, meinte er genervt. Micky schlug ihren Katalog zu und warf einen Blick in das Bordmagazin, wann der Film beginnen würde.
Sehr schön, den habe ich schon lange nicht mehr gesehen.“
Dafür aber Tausend Mal vorher.“
Tausend Mal vorher“, äffte Micky nun ihn nach. Er hob drohend den langen, dünnen Zeigefinger und hielt ihn ihr unter die Nase.
Ich hab’ jetzt echt die Nase voll von diesem Gezanke. Ich muss dich wirklich schnellstens zu Duncan bringen, bevor wir uns gegenseitig an die Gurgel gehen und einer seinen Kopf verliert“, sagte Methos mit leicht verzogenen Mundwinkeln. Er hatte einen Spaß machen wollen. Doch Mickys Lächeln versiegte, sie sah ihn ernst an und legte eine Hand auf seinen Arm.
Methos, wir hatten bis jetzt keine Gelegenheit über diese Nacht zu reden. Die Nacht, in der ich dich töten wollte…“ Sie schluckte, sah unsicher in ihr Whiskyglas und beobachtete die schmelzenden Eiswürfel.
Vergiss es. Ist ja nichts passiert.“
Aber es hat nicht viel gefehlt. Ich wusste zwar, worauf ich mich einlasse bei dem Kampf mit Sikes und dass ich zurückkommen würde. Aber…“ Das Flugzeug sackte kurz nach unten. Turbulenzen, dachte sie noch, da geriet ihr Glas ins Rutschen. Micky fing es auf und trank es leer.
Du brauchst nichts weiter zu sagen. Du hast in Nostradamus’ Chronik nachgesehen und dachtest, es wäre eine gute Idee.“ Sie nickte und atmete tief durch. Dieses Gespräch war längst überfällig. Es musste vom Tisch - hier und jetzt.
Ich wollte Sikes erledigen für das, was er mit Natalie getan hatte. Er hat es gewagt, meine kleine Geneviève zu entführen. Er hat mich zum Narren gehalten, all die Jahre, als ich mit ihm Geschäfte gemacht habe! Er ging in meiner Galerie und auf meinen Bällen ein und aus und suchte sich sein neuestes Opfer! Ich dachte an all die Frauen, die er ermordet hatte. Er hat sein übles, krankes Spiel mit uns gespielt. Ich habe dir nie erzählt, was er wirklich wollte, Methos. Es war der Tag nach dem Wohltätigkeitsball. Als wir Michael Alexanders Namen herausfanden.“ Methos zog ein Gesicht bei der Erinnerung an den Prinzen, der eigentlich seine nervtötende Frau hätte heiraten sollen und dem Methos sie vor der Nase weggeschnappt hatte. „Ich ging joggen, erinnere dich. Auf dem Friedhof an Darius’ Grab traf ich auf Sikes. Er meinte, es wäre ein perfekter Ort für ein Geschäftstreffen. Und weißt du, was für ein Geschäft ihm vorschwebte?“ Methos schüttelte gespannt den Kopf. „Er wollte einen Tausch. Dein Leben, Methos, im Austausch für meines, Connors, Duncans, Genevièves, Richies und Isabelles. Ein Leben für sechs. Einen fairen Tausch nannte er es. Es war mir egal, dass es heiliger Boden war. Es war mir egal, dass ich an Darius’ Grab stand…“ Sie ballte ihre Linke zur Faust, Methos sah die Knöchel weiß hervortreten. Rasch sah er wieder in die vor Zorn glühenden Augen. Unbeirrt fuhr Micky fort: „Ich wollte ihn zerquetschen. Ihm den Kopf abschlagen an dieser Stelle, in diesem Augenblick. Dieses eine Zusammentreffen mit Sikes hat es mir unmöglich gemacht von dem Kampf noch zurückzutreten. Er wollte meine Familie töten, alle Menschen, die mir wichtig waren. Ich wollte ihm wehtun und ihn töten. Ich wollte es so sehr, dass mir der Preis egal war. Es war ein kalkuliertes Risiko. In den Prophezeiungen stand, dass ich wieder kommen würde. Nur nicht wie. Aber zu seinen Lebzeiten sagte Michel mir, dass in der Zukunft eine dunkle Zeit vor mir läge. Er nannte es ‚die Zeit der schwarzen Seele’ und dass ich, um zu bestehen, das Schwert gegen ein Freund erheben müsste. Es war mir vorherbestimmt. Aber ich hätte es euch vielleicht sagen sollen… Ich weiß nicht, was ich noch sagen kann, außer dass ich es tat, um euch alle zu schützen und dass mir leid tut, was ich in dieser Nacht zu euch gesagt und was ich getan habe.“

Methos schluckte mehrmals, sein Adamsapfel hüpfte und sein Puls raste. Das Gespräch war überfällig gewesen, kein Zweifel. Doch wie immer, wenn es sich um Micky drehte, waren es Erkenntnisse, die ihn ziemlich mitnahmen. Sikes hatte seinen Kopf gewollt und war bereit gewesen auf die anderen zu verzichten. Welches Wissen und welche Kraft hatte er sich davon erhofft? Was hatte er mit der gebündelten Energie des ältesten unter den Unsterblichen geplant gehabt? Oder war es nur ein weiteres Puzzleteil im kranken Spiel von Jack the Ripper, das er nie ganz begreifen würde? Und was plante Noah Woodhouse?

Okay, du wolltest die Familie schützen. Du wolltest mich schützen, weil Sikes hinter mir her war. Das kann ich verstehen. Aber ich glaube, dass ich mit ihm fertig geworden wäre. Ob ich dann allerdings die Apokalypse über die Welt gebracht hätte…?“ Er zuckte die Achseln. „Wer kann das schon sagen? Aber Micky, Noah Woodhouse gehört mir. Ich lasse meine Kämpfe nicht gerne von anderen austragen. Sikes hatte einen Grund, warum er meinen Kopf unbedingt wollte. Und den werde ich herausfinden. Denn wir wissen ja nun, dass er nur auf Befehl von Noah Woodhouse gehandelt hat.“
Und dem Konsortium, wer auch immer dahinter steckt.“
Wir brauchen mehr Informationen über Woodhouse, vielleicht kann ich sie Joe irgendwie aus dem Kreuz leiern.“
Na, da wünsche ich dir viel Erfolg, Methos. Selbst das Orakel von Delphi galt als gesprächiger als Joe Dawson wenn es um Informationen geht“, bemerkte Micky amüsiert. „Ich habe schon erfolglos bei ihm angefragt. Er sagte, er hätte sich wegen uns bereits zu weit aus dem Fenster gelehnt. Und dass er jetzt eine Familie hat, an die er denken muss. Er steht angeblich unter Beobachtung.“ Methos lachte.
Da hätten wir wieder den Werbeslogan seines Vereins: Die Beobachter beobachten die Beobachter. Hätte ich mir doch darauf ein Patent geben lassen! Schade.“ Er schnippte mit dem Finger. Micky schüttelte lachend den Kopf, endlich war das ernste Gespräch vorbei. Bis auf eine Kleinigkeit, die es noch zu versprechen galt.
Methos, ich gebe dir mein Wort, dass ich auf Woodhouse verzichte. Egal, was passiert. Du kannst seinen Kopf haben, ich schwöre es. Auf Henrys Grab wenn ihr wollt.“
Schlag’ das Duncan vor, dann dürfte die Sache geritzt sein.“
Ich hoffe es, Methos. Ich hoffe es wirklich.“ Micky sah aus dem Augenwinkel, dass der Film anfing. Sie griff schnell nach den Kopfhörern, lehnte sich an Methos, der eine Zeitschrift durchblätterte und stöhnte angesichts des fast vierstündigen Ausflugs in das Amerika des 19. Jahrhunderts.

 

Irgendwann während des zweiten Teils fielen ihr die Augen zu und Micky träumte von ihrem Leben während des Sezessionskrieges. Sie verschlief den restlichen Flug und wurde von Methos geweckt kurz bevor sie in Vancouver zur Landung ansetzten.

Hey, Micky. Aufgewacht. Wir landen gleich.“ Sie öffnete die Augen, reckte und streckte sich. Das Anschnall-Zeichen blinkte noch nicht.
Hast du Joe vom Bordtelefon aus erreicht? Holt er uns ab?“
Ja, er erwartet uns am Flughafen. Willst du heute noch auf die Insel?“
Je eher, desto besser. Fährst du mit raus?“ Er grinste, was für eine Frage.


 

Kanada, Vancouver, International Airport, am Abend.
Micky und Methos verließen mit ihrem Gepäck in den Händen die Flughafenhalle und sahen sich vor der Tür nach Joes Wagen um.

Hast du ihm auch die richtige Ankunftszeit genannt?“
Für wie doof hältst du mich eigentlich?“
Wer sollte die Knoten überprüfen auf der Insel?“ fragte Micky ihn leicht spöttisch.
Knoten binden und Uhrzeiten von Flugverbindungen korrekt zu lesen, sind ja wohl zwei Paar Schuhe“, bemerkte er und hielt weiter Ausschau nach Joe.
Ja, aber beides offensichtlich nicht deine Schuhgröße“, erwiderte sie grinsend.
Jetzt lass’ dir mal Eines gesagt sein, Hochwohlgeboren…“ setzte Methos an und verstummte im nächsten Augenblick. Beide sahen sich aufgeschreckt um und legten die Hände an ihre Taschen, in denen sich ihre Schwerter befanden. Ein Unsterblicher. Irgendwo in der näheren Umgebung.
Wo?“ fragte Micky. Ihre Augen gewöhnten sich gerade erst an das Dämmerlicht, das Vancouver zu ihrer Begrüßung bereithielt. Es würde stockfinstere Nacht sein, bis sie die Insel erreicht hatten.

Da näherte sich mit schnellen, kleinen, aber sehr sicheren Schritten eine Person auf hohen Absätzen. Sie kündigten das Erscheinen ihrer unsterblichen Besitzerin ohrenbetäubend laut an.

Wer weiß, dass wir hier sind?“ antwortete Methos mit einer Gegenfrage und schob sich vor Micky, als er die Unsterbliche entdeckte. Einen Augenblick stutzte er. Sie kam ihm irgendwie bekannt vor. Aus einer anderen Zeit, einem anderen Leben. Lange zurückliegend. Damals hatte sie ganz anders ausgesehen, immer nur weiß getragen. „Nein, das kann unmöglich sie sein!“
Wer?“ fragte Micky und versuchte an Methos vorbei etwas zu sehen. Der überlegte, ob er am Vordereingang des Flughafens sein Langschwert würde ziehen können, ohne gleich als Terrorist verhaftet zu werden. Vielleicht glaubten die Leute aber eher, hier würde ein Film gedreht werden. Immerhin nannte man Vancouver das Hollywood des Nordens. Methos entschied es zu riskieren, falls es hart auf hart kommen würde.

Sie hatte ihn fast erreicht. Eine große, schlanke Frau. Eine Europäerin. Ihr blondes Haar trug sie zu einer kunstvollen Frisur hochgesteckt, ähnlich wie sie es im alten Rom getragen hatte.

Micky, verschwinde hier. Du musst alleine zu Duncan. Ich komme nach.“
Was? Was soll das alles? Wer ist die Frau?“
Als ich sie das letzte Mal sah, nannte sie sich Aurelia. Sie war eine Dienerin Vestas im römischen Imperium…“ Er sah Mickys fragenden Blick und erklärte: „Die vestalischen Jungfrauen. Erinnerst du dich? Jene Jungfrauen, die ich während der Belagerung beschützen sollte und die ich verführt habe. Sie wurden zum Tode verurteilt durch einen Sprung vom Tarpeischen Felsen. Und mich haben die Römer zu Tode gepeitscht. Hat ganz schön gedauert, steinigen wäre wesentlich schneller gegangen...“ Micky schüttelte missbilligend das Gesicht. Steinigen wäre schneller gegangen, typisch Methos. Selbst den Tod sah er noch rational. Manchmal schien aus ihm noch der ehemalige apokalyptische Reiter zu sprechen. Doch ehe Micky ihn für seine Ansichten tadeln konnte, fuhr er schnell fort: „Wie auch immer. Wie hätte ich ahnen können, dass sie eine Unsterbliche werden würde? Ich bin direkt nach der Belebung abgehauen aus Rom…“
Meinst du sie ist noch böse?“ fragte Micky, zweifelte aber selbst an ihrer Frage.
Oh ja, sie ist Italienerin. Wahrscheinlich hat sie nur auf diese Gelegenheit gewartet. Und jetzt geh’ endlich.“ Er gab Micky einen Kuss auf die Stirn und schubste sie in Richtung der Taxis.
Methos, pass’ bitte auf dich auf. Wir brauchen dich.“ Er lächelte verschmitzt.
Ich weiß. Und jetzt verschwinde, Comtesse. Wir sehen uns.“ Dann drehte er sich um und ging auf die grimmig dreinschauende Unsterbliche zu.

Mit wogenden Hüften, die pure Erotik verströmend genau wie damals, kam sie auf Methos zu. Seine Hand ruhte auf dem Reißverschluss seiner Tasche, bereit jederzeit sein Schwert zu ziehen. Dann standen sie einander gegenüber. Der ehemalige Diener der Römer und die ehemalige Dienerin der römischen Götter. Beide ihren Welten entrissen und in eine weit entfernte Zukunft katapultiert, in der sie sich nun duellierten sollten. In der einer von ihnen sein Leben verlieren sollte. Dieses Mal endgültig.

Methos, endlich. Ich warte schon so lange.“
Aurelia. Ich hätte nie gedacht, dass du zu uns gehörst.“ Er musterte sie einen Augenblick beeindruckt. Sie trug einen langen, weißen Ledermantel und hochhackige Stiefel. An ihren Ohren hingen Granatohrringe. Sie schien zu einigem Reichtum gelangt zu sein und wirkte keineswegs mehr wie das naive Mädchen, als das er sie vor unendlich langer Zeit in Rom kennen gelernt hatte. Doch so sehr sie sich auch der heutigen Zeit angepasst hatte, Methos hatte ihr Erscheinungsbild von damals fast augenblicklich wieder vor Augen. Die weiße Tunika, die nur das Nötigste verhüllte, vor allem nicht ihre tollen Beine, an die er sich auch heute noch zu erinnern glaubte. Aurelia sah ihm an der spitzen Nase an, woran er dachte. Sie verengte die dunklen Augen zu Schlitzen, ihre rot geschminkten Lippen bebten vor Zorn.
Ich sehe schon, dass du dich kein bisschen geändert hast. Dann brauche ich wenigstens kein Bedauern zu empfinden, wenn ich mir deinen Kopf hole.“
Aurelia, das muss doch nicht sein. Wir müssen nicht kämpfen, wir könnten auch…“
Was? Ins Bett gehen?“ stieß sie wütend hervor und öffnete ganz beiläufig ihre Handtasche.
Nein, reden. In den letzten paar Jahrtausenden ist viel passiert. Das römische Imperium ist längst nur noch eine Erinnerung in den Analen der Geschichte, das Forum Romanum ist Staub. Cäsar und alle Imperatoren sind längst begraben…“
Spar’ dir dein edelmütiges Geschwafel! Du hattest damals die Aufgabe uns zu beschützen. Du hast deine Herren und die Göttin Vesta hintergangen! Und uns zum Tode verurteilt durch deine ungezügelte Lebensweise!“ Das hatte ihm in 5.000 Jahren auch noch keine Frau vorgeworfen. Eine ungezügelte Lebensweise. Methos biss sich auf die Zunge, um nicht laut loszulachen. Er ahnte, dass er Aurelia damit noch mehr provozieren würde. „Dich interessierte kein Mensch und keiner unserer Götter. Dich interessierte nur einer, nämlich Methos. Du hast dir genommen, was du wolltest, ohne Rücksicht auf uns. Ich wünschte, du wärst damals den Löwen vorgeworfen worden! Das wäre eine gerechtere Strafe gewesen als dich zu Tode zu peitschen. Ja, ich habe viel später erfahren, wie du hingerichtet wurdest...“
Aurelia, wenn es nicht durch den Sprung vom Tarpeischen Felsen geschehen wäre, hätte dich irgendein anderes Unglück unsterblich gemacht. Freu dich doch, dass du am Leben bist. Überleg’ mal, was wir alles erlebt haben seit damals. Sei doch nicht dumm.“ Unbeeindruckt von seinen Worten zog Aurelia eine kleine Pistole aus ihrer Handtasche heraus und zielte damit auf Methos.
Vorwärts, in meinen Wagen.“ Methos erkannte, dass ihm keine andere Möglichkeit blieb, als ihrem Befehl Folge zu leisten. Aurelia dirigierte ihn zu einem silbernen Mercedes. Als er die Hand an den Griff der Beifahrertür legte, blaffte sie: „Nein, auf die andere Seite. Du fährst!“ Er tat wie geheißen.

 

Kanada, eine kleine Insel vor Vancouver, spät am Abend.
Duncan öffnete die Tür zu seinem Haus. Er hatte einen Bootsmotor gehört. Da er keinen Besucher erwartete, wollte er lieber mal nachsehen, wer sich vielleicht verirrt hatte. Es kam immer wieder mal vor, dass ein Camper oder Wanderer versehentlich auf der falschen Insel landete. Genauso wie damals, als Micky kontrolliert vom Funken des Bösen einen armen Urlauber überfallen und sein Boot gestohlen hatte.

Mit schnellen Schritten ging Duncan den Weg zum Anlegesteg hinunter. Eine Taschenlampe zeigte ihm den Weg. Er spürte sie, bevor er sie erkannte. Kein Zweifel, wer würde schon mitten in der Nacht hier auftauchen, ohne Vorankündigung?

Micky.“ Er wusste nicht so recht, ob er sich freuen sollte. War sie gekommen, um ihm zu sagen, dass sie Woodhouse getötet hatte? Oder dass sie den Kampf auf jeden Fall austragen würde?

Der Motor erstarb mit einem Stottern. Leichtfüßig wie eh und je sprang Micky auf den Steg, drehte sich um und band das Boot fest. Dann holte sie ihr Gepäck und ging auf den Schein der Taschenlampe zu.

Guten Abend, Mr. MacLeod. Wir machen eine Marktforschungsumfrage. Hätten Sie fünf Minuten Zeit?“ fragte sie schief grinsend. Duncan konnte das Lachen nicht unterdrücken. Zum Teufel, sei’s drum. Er machte einen langsamen Schritt auf sie zu. Dann noch einen und noch einen. Schließlich rannte er bis er dicht vor Micky stand. Sie ließ die Tasche und den Koffer auf den Boden fallen und schlang die Arme um ihren Mann. Er beugte sich hinunter und küsste sie lange.

Nach einigen Minuten, der ganzen Nacht oder auch Wochen, wer konnte das schon sagen, ließen sie einander los und sahen sich interessiert an.

Du könntest dich mal wieder rasieren. Du kratzt“, bemerkte sie. Duncan grinste.
Ist das alles, was du mir zu sagen hast?“ fragte er Augenblicke später, nun wieder ernst.
Nein“, sagte sie ebenfalls ernst und schüttelte den Kopf. „Ich… Ich will dich zurückholen… Ich brauche dich, Duncan.“ Er verschränkte, noch immer die Taschenlampe festhaltend, die Arme vor der Brust.
Du weißt, wie du das erreichst.“ Sie nickte.
Ja, genau deswegen bin ich hier. Ich schwöre dir bei allem, was mir heilig ist… Nein, falscher Anfang, heilig ist mir ja nicht sonderlich viel. Ich schwöre auf Henrys Grab… Du weißt, was er mir bedeutet hat… Ich werde nicht gegen Noah Woodhouse zum Kampf antreten. Ich werde so viele Informationen wie nur irgend möglich über ihn auftreiben, und dann wird Methos sich seinen Kopf holen.“ Duncan seufzte, er würde ihr wirklich gerne glauben. Leichtfertig war er nicht aus England abgereist. Ein feiner Nieselschauer setzte ein, Nebel zog vom Wasser her auf sie zu. Micky erschauerte.
Dir muss kalt sein.“
Nein“, log sie. Schweigend reichte Duncan ihr die Taschenlampe, nahm das Gepäck und stieg den Hang zu seinem Haus hinauf. Micky hielt Schritt und ging neben ihm.
Bist du alleine gekommen?“
Nein, Methos hat mich begleitet.“ Duncan blieb stehen und sah kurz zum Wasser.
Er ist in Vancouver geblieben. Am Flughafen wartete eine Unsterbliche auf ihn. Er sagte, sie heißt Aurelia und wäre eine ehemalige vestalische Jungfrau.“ Sie bemerkte Duncan Blick. „Frag’ lieber nicht. Methos’ Wege sind nun mal unergründlich. Wenn er die Angelegenheit geregelt hat, wird er schon kommen….“
Wie du meinst.“
Was gibt es zu essen?“
Kaninchen. Ich war auf der Jagd.“
Und der Junior?“
Dem wird doch schon flau im Magen, wenn er nur daran denkt, ein Stück Fleisch anders als aus dem Supermarkt zu organisieren. Aber er kocht gerade.“
Hätte ich doch in Vancouver noch etwas gegessen.“
Er kocht gut“, meinte Duncan verteidigend. „Iss oder nicht, ist mir egal.“
Duncan.“ Er blieb stehen und sah sie an.
Was?“
Du scheinst nicht erfreut zu sein, dass ich gekommen bin. Oder glaubst du mir etwa nicht?“ Er antwortete nicht. Micky packte seinen Arm. „Nun rede schon, du schottischer Sturkopf! Glaubst du nicht, dass ich auf Woodhouse verzichte?“
Wie kann ich sicher sein, Micky? Wie? Ich kann dich nicht auf die Bibel schwören lassen, daran glaubst du nicht. Akzeptiert. Du schwörst auf das Grab deines toten Verlobten. Schön. Aber wie oft, hast du schon in 500 Jahren gelogen, um zu bekommen, was du wolltest?“
Dich habe ich noch nie belogen!“ rief sie empört und gestikulierte heftig dabei mit den Armen. Die Taschenlampe zeigte in den Himmel und veranstalte ein chaotisches Lichtspiel.
Und was war mit deiner Tochter?“
Ich habe nicht gelogen wegen Geneviève. Du hast mich nur nie gefragt, ob ich unsterbliche Kinder adoptiert habe.“
Blödsinn! Wer kommt denn auf so eine Frage? Aber Geneviève ist hier auch nicht das Thema, sondern ob ich dir vertrauen kann.“
Was sollte dann die Begrüßung unten am Steg? Was sollte der Kuss, verdammt noch mal?!...“ Sie fluchte auf Gälisch und titulierte Duncan mit wenig charmanten Ausdrücken. Er ließ das Gepäck fallen, packte sie und warf sie zu Boden. Wütend schrie Micky auf, ein wildes Gerangel entstand in dessen Folge beide den nassen Hang hinunter rollten.

Unten angekommen lag Micky unter Duncan, er hielt ihre Handgelenke umklammert und sah ihr tief in die Augen.
Schwöre! Schwöre mir bei deinem Leben und bei meinem Leben, denn ohne dich ist es mir nichts mehr wert, dass du nie wieder so einen Scheiß baust wie mit Christopher Sikes! Nie mehr ein Kampf, der dich die Seele kostet oder dich in die Zwischenwelt befördert, weil du die Regeln der Zusammenkunft brichst! Schwöre.“ Sie atmete keuchend, er lag auf ihrer Brust.
Ja“, stieß sie nahezu atemlos hervor. „Ich schwöre es dir, Duncan. Aber sag’ mir, hätte ich dich am Loch Shiel sterben lassen sollen? Hätte ich Paul Boyle nicht daran hindern sollen, dass er dich tötet? Denn ohne dich ist mir mein Leben auch nichts mehr wert!“ Er ließ ruckartig ihre Handgelenke los und stieg von Micky runter. Seine Haare hatten sich aus dem Haargummi gelöst. Er tastete im Dunkeln erfolglos danach, während er sich neben sie setzte.

Um seine Fassung ringend sah Duncan aufs Wasser, das in starken Wellen gegen den Strand schlug. Es regnete heftiger, aber die beiden schienen es nicht zu bemerken.

Nein… Es ist nur… Ich dachte, ich hätte dich verloren am Loch Shiel. Nachdem ich Tessa begraben habe, wollte ich nie wieder eine Frau so nah an mich ranlassen. Aber dann kamst du, verfluchtest Weib, und hast mir mein Herz gestohlen!“ Sie schnappte nach Luft.
Moment mal…“, begann sie, doch Duncan ließ sie nicht zu Wort kommen.
Weißt du eigentlich, wieso ich dich zweimal heiraten wollte?“ Sie schüttelte ein wenig eingeschüchtert den Kopf. „Eine Zigeunerin hat mir vor langer Zeit aus der Hand gelesen, dass ich Hunderte Frauen haben, aber niemals heiraten würde. Gut, die Sache mit Kate war daneben gegangen und zählt eigentlich nicht. Ich wollte einfach sicher gehen, dass ich dich nicht mehr verliere kann. Ich versuche seit elf Jahren dich zu beschützen, um mich zu schützen. Vor dem Kummer, wenn ich dich verlieren würde…“ Er sah ihr dabei fest in die Augen. „Dieser Tag am Loch Shiel, da habe ich in den Himmel gebrüllt, womit ich das verdient habe. Ich wollte sterben, auf der Stelle…“ Seine Hände zitterten. Ich weiß, ich habe dich gehört, wollte sie sagen, aber sie schwieg. „Und dann wachst du ohne Erinnerung aus dem Koma auf. Und als endlich alles wieder gut ist, gehst du hin, besiegst Sikes und verlierst deine Seele… Und weißt du, was das Schlimmste war, als wir hier auf der Insel waren und du besessen warst? Methos war nicht bereit dich zu töten, sollten wir dich nicht zurückholen können. Es blieb an mir hängen. Kannst du dir vorstellen, wie ich mich gefühlt habe in jener Nacht? Kannst du das, Michelle? Verdammt, kannst du das?!“ rief er mit vor Zorn und Kummer bebender Stimme. Sie schluckte einen harten Kloß im Hals runter und schniefte. Verlegen wischte sie sich die Tränen weg, als sie bemerkte, dass er sie ansah.
Es tut mir leid. Vielleicht bin ich nach so vielen Jahrhunderten zu emanzipiert geworden. Seit ich das erste Mal gestorben bin, habe ich immer zu verhindern versucht, dass ein Mann mich beschützt oder einen Kampf austrägt, den eigentlich ich austragen sollte. Es ist gut, dass du mir das alles einmal entgegengeschleudert hast, auch wenn einige Eulen auf den Bäumen dahinten ziemlich erschrocken aufgeflogen sind.“ Duncan schüttelte grinsend den Kopf. Dann streckte er die Hand nach Mickys Genick aus. Er zog sie sanft zu sich heran und küsste sie lange.

Als er von seiner Frau wegrückte, sah er kurz aufs Wasser und meinte: „Ja, vielleicht. Tut mir leid, dass ich dich den Hang runter… Na ja, du weißt schon, dass ich wie ein wilder Schotte über dich hergefallen bin…“ Er kratzte sich ein wenig verlegen am Kopf.
Schon gut. Aber jetzt lass uns reingehen. Ich friere mir den gräflichen Hintern ab.“ Lachend stand Duncan auf und zog Micky auf die Füße.

 

Auf der Veranda des Blockhauses stand Richie an die Brüstung gelehnt. Er hatte das ganze Schauspiel amüsiert beobachtet.

Guten Abend, Micky. Habt ihr euch jetzt genug im Gras gewälzt?“ Micky richtete die Taschenlampe auf ihn.
Zu dir komme ich später, Freundchen! Einfach so abzuhauen! Was fällt dir eigentlich ein?!“
Ich hab’s dir doch gesagt, Mac. Aber nein, du sagtest ja, ich soll mitkommen. Warum habe ich bloß auf dich gehört?“ rief Richie ihnen entgegen.
Selbst Schuld, als ich dich noch trainiert habe, hast du es auch nicht getan. Meistens jedenfalls nicht… Vorschlag zur Güte, Micky. Lass’ uns erst einmal essen und morgen reißt du ihm dann den Kopf ab, okay?“
Okay“, sagte Micky schon wieder grinsend. Sie war froh, endlich wieder mit der Familie vereint zu sein. Zumindest mit einem Teil davon.

 

Kanada, Vancouver, eine alte Lagerhalle am Hafen.
Aussteigen!“ befahl Aurelia kühl. Methos hatte den Wagen auf ihr Geheiß hin vor einer verlassenen Lagerhalle am Hafen geparkt. „Und nimm dein Schwert mit, Methos. Wir bringen es dort drinnen zu Ende.“ Es war inzwischen stockfinster. Doch Aurelia hatte an alles gedacht. Sie schob eine Stahltür auf, und im selben Moment war die Halle in gleißendes Licht getaucht.
Nach dir, Methos.“ Es war keine Bitte. Leicht mit dem Kopf schüttelnd ging er hinein.
Aurelia entledigte sich trotz der nächtlichen Kälte ihres Mantels. Nichts sollte sie in ihrer Rache behindern. Rein gar nichts.

Aurelia, lass’ doch den Blödsinn. Ich habe damals einen Fehler gemacht. Aber verdammt, das war vor beinahe zweitausend Jahren. Da ist schon mehr Gras drüber gewachsen, als je eine Kuh fressen könnte.“
Spar’ dir deine Sprüche, Methos. Für reden ist es schon lange zu spät!“ Sie hob ihr Schwert, das, wie Methos erkannte, einst einem römischen Gladiator gehört hatte. Sie führte die Waffe zielsicher und schien keine Probleme mit dem Gewicht zu haben. Aurelia machte auf Methos den Eindruck, als hätte sie mit dieser Waffe schon eine Vielzahl Kämpfe gewonnen.

Mit beiden Händen hielt er sein Langschwert fest und sicher umklammert, wehrte ihre hohen Schläge mit ebenso hohen Schlägen ab. Sie dirigierte ihn immer weiter in die Halle hinein. Schritt für Schritt. Schlag auf Schlag. Im nächsten Moment spürte Methos hinter sich eine Wand, er saß in der Falle. Aurelia blieb stehen, holte Luft und kam mit ihrem Schwert nah an ihn heran. Die römische Klinge schwebte Zentimeter von seinem Hals, der von einem weißen Rollkragenpullover verdeckt war, entfernt.

Methos überlegte fieberhaft. Das konnte es doch nicht schon gewesen sein.

Aurelia schien seine Gedanken zu ahnen, denn sie sagte: „Nein, Methos. Das wäre zu schnell. Zu gnädig für jemanden wie dich.“ Sie ging einige Schritte rückwärts und hob ihr Schwert. Methos schluckte ein paar Mal, sein Hals war staubtrocken.
Aurelia, das ist doch total bescheuert. Und so unnötig!“
Das sehe ich leider nicht so!“ Sie griff ihn aufs Neue an. Er sprang zur Seite, drehte sich einmal um sich selbst und schlug nach ihrem Bauch. Verdammt, er hatte sie verfehlt. Aurelia lachte hämisch. „Ist das alles?! Mehr hat der große Methos nicht zu bieten? Wie bist du eigentlich zu dem legendären Ruf gekommen bei der schwachen Leistung?“ Methos antwortete nicht, sie wollte ihn reizen, das war klar ersichtlich. Er sah sich in der Halle um, suchte nach Möglichkeiten. Dann hatte er eine entdeckt.
Aurelia, du kannst nicht gewinnen. Lass’ uns das Ganze beenden.“
Niemals!“ schrie sie zornentbrannt und startete eine neuerliche Offensive gegen ihn. Methos blieb also keine andere Wahl. Mit Bedauern legte er nun seine ganze Kraft in seine Schläge und drängte zum ersten Mal in dem Kampf Aurelia zurück. Schritt für Schritt. Schlag um Schlag. Sie sah nicht, was hinter ihr lag. Als sie kurz vor einer Wand angekommen waren, holte Aurelia weit nach hinten aus, um einen möglichst kraftvollen Schlag gegen Methos zu landen.
Schach matt“, flüsterte Methos. Sie holte ganz aus, die Schwertspitze bohrte sich tief in einen Stromkasten. Methos sprang geistesgegenwärtig einige Schritte nach hinten. Das antike Metall leitete den Strom in Aurelias Körper. Sie wurde von den Füßen gerissen und ließ das Schwert fallen. Sofort war Methos zur Stelle. Er stand über der am Boden liegenden Römerin. "Es muss nicht so enden“, meinte er fast bittend, um nicht eine weitere Schuld auf seine Schultern laden zu müssen.
Du bist ein Feigling, Methos. Stehe wenigstens einmal zu deinen Taten!“ schleuderte sie ihm vorwurfsvoll entgegen. Er hob bedauernd sein Schwert und ließ es auf ihren Hals, den sie ihm sogar noch entgegenzustrecken schien, niedersausen. Der Kopf flog davon, der Körper fiel mit einem dumpfen Aufschlag zur Seite.

Erleichtert atmete Methos auf. Er ging auf die Leiche zu, um die Energie möglichst schnell in sich aufzunehmen. Und schon krochen die Blitze aus Aurelias totem Körper auf ihn zu. Er breitete die Arme aus und nahm sie alle in sich auf.

Sein Schwert fiel ihm scheppernd aus der Hand. Es tat weh, verdammt weh. So wie jedes Mal. Doch mehr als die Energie schmerzte ihn die Schuld, die an ihm nagte. Er hatte als unerfahrener Unsterblicher einen Fehler gemacht, der eine junge Frau das Leben gekostet hatte, die nur ihrer Göttin, an die sie geglaubt hatte, dienen wollte. Und nun hatte er sie ein zweites und letztes Mal getötet.

Verdammt!“ schrie er. Sein Echo wurde in der leeren Halle aufgefangen und prallte von Wand zu Wand, immer mehr verstärkt.

 

Nachdem es endlich vorbei war, hob Methos sein Langschwert auf, warf einen letzten Blick auf Aurelias Leiche und verschwand in der Nacht.

Oben im ehemaligen Büro des Vorarbeiters saß ein Sterblicher und sah fasziniert auf einen Monitor, wo noch einmal der Kampf ablief, dessen Zeuge er gerade geworden war. Nun ging die Tür hinter ihm ging auf.

Ist er weg?“ fragte ein großer, überaus gut aussehender Mann im weißen Smoking. Er hatte schwarzes, kurzes Haar und trug einen Vollbart. Genüsslich an einer Zigarre ziehend, beugte er sich über den Monitor. Er kannte die Antwort natürlich schon, denn er war wie Methos. Ein Unsterblicher.
Ja, Sir, Mister Woodhouse. Er ist weg.“
Gut, ich will das Video in zwanzig Minuten in meinem Büro haben. Gute Arbeit, Bill. Sehr gute Arbeit. Und entsorgen Sie Aurelias Leiche.“
Ja, Sir, Mister Woodhouse. Wird sofort erledigt.“ Doch Noah Woodhouse hörte die Antwort bereits nicht mehr. Er war es gewohnt, dass seine Anordnungen ausgeführt wurden. Sofort und ohne Fragen zu stellen.

 

 

5. Verluste

 

Kanada, Vancouver, Joe’s Bar, der nächste Tag.
Hey Leute, was geht?“ rief Micky fröhlich durch den Hintereingang, der vormittags wie immer offen stand, in die Bar hinein. Kein Wunder, dass ihre Laune so gut war, nachdem sie die halbe Nacht am Lagerfeuer vor dem Blockhaus gesessen und geredet hatten. Außerdem hatten sie Pläne geschmiedet, Pläne die Galerie betreffend. Micky hatte fest vor, ihr Versprechen zu halten. Methos sollte Woodhouse herausfordern. Sie wollte Gemälde einkaufen und eine neue Ausstellung auf die Beine stellen. Und schleunigst nach Hause, sie vermisste Paris. Und natürlich sollten Methos und Richie mitkommen. Nach einem kurzen Abstecher nach New York. Micky und Duncan waren zur Bar gefahren, um den Freunden ihre weiteren Pläne mitzuteilen, doch nach einem Blick auf Methos und Joe, die bereits auf sie gewartet hatten, verging Micky das Lächeln. Sie wirkten ernst, zu ernst. Micky sah ihnen sofort an, dass etwas nicht in Ordnung war. Sie ließ Duncans Hand los und war nach wenigen Schritten bei ihnen.
Was ist passiert?“ fragte sie knapp. Nicht schon wieder eine Hiobsbotschaft. Doch sie ahnte, dass es nichts Gutes war, was Joe ihnen gleich eröffnen würde. Methos drehte sich von der Theke weg zu ihnen um und sah traurig drein. In solch einer Verfassung hatte Micky ihn zuletzt gesehen, nachdem Natalie gestorben war.
Es geht um Isabelle und Connor“, begann Joe stockend zu erzählen und schob ihnen eine Tasse Kaffee entgegen. „Setzt euch und trinkt. Ist ein Schuss Whisky drin. Ihr werdet es brauchen, glaubt mir!“

 

Frankreich, Paris, tags zuvor.
Endlich Feierabend, dachte Isabelle gutgelaunt, als sie aus ihrem Büro trat. Sie wünschte ihrer Sekretärin einen schönen Abend und strebte dem Ausgang entgegen. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, die sie sorgfältig, aber dezent geschminkt hatte. Sie war mit Connor zum Abendessen in einem Restaurant verabredet, das als „très chique“ in Paris galt. Und sie freute sich schon den ganzen Tag darauf. Nichts und niemand konnte Isabelle davon abhalten heute einen vergnüglichen Abend mit Connor zu verbringen. Rein gar nichts.

Kommissarin Coulins, warten Sie bitte!“ rief ihre Sekretärin ihr nach. Nein, dachte sie. Ich bin schon weg. Sie ging einen Schritt schneller. „Kommissarin, bitte.“ Isabelle ignorierte sie stur, doch Amelie war trotz ihrer hohen Absätze verdammt schnell. Zu schnell.
Jetzt nicht, Amelie. Ich habe Feierabend und eine Verabredung zum Essen!“ erwiderte Isabelle und ging weiter in Richtung Ausgang. Amelie seufzte, sie tat es nicht gern, aber sie musste ihrer Chefin den Feierabend leider verderben.
Es geht um Ihren Fall, Madame. Der Killer aus der Rue Blondel.“ Isabelle blieb stehen, die Straße, in der sie unsterblich und ihre Schwester von Christopher Sikes ermordet worden war, hatte einen neuen Serienkiller gefunden. Und wieder arbeitete Isabelle Undercover, um ihn dingfest zu machen. „Er ist gesehen worden. Wir haben einen ganz heißen Tipp bekommen von einem unserer zuverlässigen Informanten. Und Sie wollten, dass ich Sie unter allen Umständen darüber informiere. Egal wann und was Sie vorhaben. Haben Sie gesagt“, ergänzte Amelie noch schnell. Isabelle seufzte. Da hatte sie sich wohl selbst ein Bein gestellt. Sie warf einen Blick auf ihre Uhr, ein Geschenk von Connor. Bis sie sich umgezogen und den Tipp überprüft häatte, würde sie zu spät zu ihrer Verabredung kommen. Aber Dienst war Dienst. Leider.
Ach, nein. So ein Mist. Warum ausgerechnet jetzt?! Gut, ich ziehe mich um. Rufen Sie bitte Monsieur Connor MacLeod an und sagen Sie ihm, dass ich noch einen Einsatz in der Rue Blondel habe. Sagen Sie ihm, er soll dort hinkommen. Das ist ganz wichtig, Amelie.“ Ihre Sekretärin nickte und ging schnell zurück an ihren Schreibtisch, um den Anruf zu tätigen.

Wenig später verließ Isabelle angezogen wie eine Professionelle in extrem kurzen und aufreizenden Kleidern das Polizeirevier und machte sich auf den Weg zu ihrem Einsatz.

Es war typisch, dass ein heißer Tipp ausgerechnet dann auf dem Revier einging, wenn Isabelle einen romantischen Abend mit Connor geplant hatte. Nach all der Hektik vor, während und nach der Hochzeit von Finnigan und Gwendolyn war kaum Zeit für die Beziehung von Connor und Isabelle geblieben. Doch es lohnte sich nicht jetzt auch nur einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden. Der Dienst ging nun einmal vor. Fast war Isabelle in Versuchung, Connors Vorschlag wahr zu machen und aus dem aktiven Dienst auszuscheiden. Sie konnte genauso gut als Kopfgeldjägerin oder Privatdetektivin arbeiten, für mehr Geld und vielleicht sogar gemeinsam mit Connor. Sie würde nur ein paar Mal kokett die Wimpern aufschlagen und ihm süße Nichtigkeiten ins Ohr säuseln müssen und schon hätte sie ihn überzeugt.

Viel zu sehr mit ihren Problemen und dem schwierigen Fall beschäftigt, bemerkte Isabelle den unscheinbaren silberfarbenen Wagen nicht, der ihr folgte, während sie in Richtung des Pariser Rotlichtviertels fuhr, in dem sich ihr Schicksal erfüllt hatte.

Zur selben Zeit erreichte Amelie Chevalier endlich Connor im Restaurant, wo er bereits auf Isabelle wartete und teilte ihm mit, dass die Kommissarin zu einem Einsatz in die Rue Blondel aufgebrochen war. Connor zögerte keine Sekunde, er griff sich seine Autoschlüssel und rannte nach draußen. Auf dem Parkplatz stand sein roter Mazda. Er stieg schnell ein, startete den Motor und raste in Richtung Rotlichtviertel davon. Er hatte eine schlimme Vorahnung. Sein Herz verkrampfte sich und schlug schnell, immer schneller. Er trat das Gaspedal durch, Strafzettel interessierten ihn nicht. Eine innere Stimme sagte ihm, dass Isabelle in Todesgefahr schwebte. Connor überfuhr eine rote Ampel nach der anderen, ignorierte das Hupkonzert der anderen Verkehrsteilnehmer und versuchte schneller als das Schicksal zu sein.

 

Frankreich, Paris, Rue Blondel.
Während Connor noch auf dem Weg war, hatte Isabelle ihr Ziel bereits erreicht. Sie parkte ihren Mercedes in einer Seitenstraße und ging den Rest des Weges zu Fuß. Sie entsprach genau dem Opferprofil mit ihrer rothaarigen Kurzhaarperücke, den vollen, geschminkten Lippen, dem aufreizenden Bustier, passendem Minirock und Lacklederstiefeln mit hohen Absätzen.

Er war irgendwo in der Nähe, das spürte Isabelle. Er wartete, lauerte. Auf sein neues Opfer. Nimm mich, dachte sie. Ich kann nicht sterben, nicht wirklich. Connor hatte gesagt, dass es wehtat, aber besser sie, als eines der armen Mädchen, die hier ihr Geld verdienen mussten. In ihrer Handtasche hatte sie ihre Dienstwaffe und Marke, unter ihrem Lackledermantel, der ihrer Schein-Identität entsprechend abgetragen aussah, trug sie ihr Schwert. Sicher war sicher.

Im nächsten Augenblick zuckte sie zusammen, irgendwo war ein Unsterblicher. Wahrscheinlich hatte Connor sie gefunden und wachte nun über sie. Beruhigt lächelte Isabelle und atmete auf. Doch schon im nächsten Moment erstarb ihr das Lächeln auf den Lippen, als sie hinter sich ein Klicken hörte. Eine Pistole, die durchgeladen wurde und auf ihren Hinterkopf zielte.

Ihre Waffen bitte, Mademoiselle Coulins“, befahl eine tiefe, männliche Stimme. Langsam holte sie ihre Pistole hervor, bückte sich und legte sie auf den Boden. „Und Ihr Schwert. Bitte.“ Das konnte unmöglich der Prostituiertenkiller sein. Ihre linke Hand griff unter ihren Mantel und holte das Rapier heraus, das einmal ihrer Schwester gehört hatte. Kleine Schweißperlen standen auf ihrer Stirn. Das war übel, echt übel. Connor, wenn du in der Nähe bist, ich brauche dich, dachte sie. Micky und Duncan konnten spüren, wenn der andere in Gefahr schwebte. Sie hoffte, dass dies auch auf Connor zutraf.
Und nun gehen wir in diese Seitenstraße, Mademoiselle.“ Sie blieb wie angewurzelt stehen.
Was wollen Sie von mir?“ Der Mann, der sie in Schach hielt, ignorierte ihre Frage und schubste sie vorwärts. „Ist ja schon gut, ich gehe.“ Langsam, um Zeit zu schinden und vielleicht von jemandem, der bereit und in der Lage war zu helfen, gesehen zu werden.

Sie bogen in eine Sackgasse ein, dort im spärlichen Licht einer Straßenlaterne warteten zwei weitere Unsterbliche auf sie. Ein Schlägertyp und einer, der wie ein Gentleman auftrat. Isabelle ahnte, dass von ihm die wahre Gefahr ausging. Die beiden Schläger konnte sie wahrscheinlich im Duell besiegen. Aber der Dritte, das könnte schwierig werden.

Noch bevor sie ihre Chancen weiter abwägen konnte, wandte der Anführer sich direkt an Isabelle: „Guten Abend, Mademoiselle Coulins. Erlauben Sie, dass ich mich vorstelle. Mein Name ist Noah Woodhouse.“ Sie zog zischend die Luft ein. Das war gar nicht gut. Das war übel, ganz übel.

Instinktiv wollte sie rückwärts gehen, wurde aber in seine Richtung gedrängt. Woodhouse, wie immer in einen weißen Anzug gekleidet, den Vollbart ordentlich gestutzt, zog ein antikes Langschwert hinter seinem Rücken hervor und bedeutete dem Revolvermann, Isabelle ihr eigenes Schwert zurückzugeben. „Und jetzt werden Sie sterben.“
Connor, wo bleibst du nur“, flüsterte Isabelle, ihr war schlecht vor Angst. Mit einem Frauenmörder wurde sie fertig, leicht. Aber Noah Woodhouse? Der Mann, für den Sikes gearbeitet hatte? Doch welche Wahl blieb ihr? Sie war alleine in einer Sackgasse mit drei Unsterblichen. Sie machte sich keine falschen Vorstellungen, dass sie Woodhouse schlagen konnte. Aber kämpfen musste sie, das stand außer Frage. Denn sollte sie sich weigern, würde er – dessen war Isabelle sich sicher - ohne Skrupel auch kampflos ihren Kopf nehmen.

 

Connor bremste scharf in der Rue Blondel, stellte den Motor ab und sprang mit seinem Schwert in der Hand aus dem Wagen. Es kümmerte ihn nicht, dass er das Auto nicht abgeschlossen hatte. Er musste zu Isabelle. Sie war in großer Gefahr, er konnte es mit jeder Faser seines Körpers spüren. Ebenso wie er mindestens vier Unsterbliche in seiner Umgebung spüren konnte. Er sah sich prüfend nach der Richtung um. Dann entdeckte er eine Seitenstraße, die nicht so ruhig war, wie sie sein sollte. Er hörte Schwerter, die mit großer Wucht aufeinander trafen. Eilig rannte er darauf zu.

Das Schwert hoch erhoben schlich er auf die Seitenstraße zu. Er setzte kaum den Fuß um die Ecke, da sauste eine Faust in sein Gesicht und ließ ihn drei Schritte rückwärts taumeln. Sein Toledo Salamanca noch immer fest umklammert, schüttelte er den Kopf, um ihn wieder klar zu bekommen. Revolvermann nahm ihm das Schwert ab, während sein Kollege ihn mit einer Pistole in Schach hielt. Sie dirigierten ihn in die Straße hinein, damit er den Kampf beobachten konnte.

 

Isabelle kämpfte währenddessen wie eine Löwin um ihr Leben. Sie versuchte sich an jede einzelne Unterrichtsstunde zu erinnern, die Connor ihr erteilt hatte. Hochkonzentriert kämpfen, keine Wut zulassen. Die Deckung nicht aufgeben. Sie führte ihr Schwert bei den kraftvollen Schlägen, die sie ausführte mit beiden Händen, wie Connor es sie gelehrt hatte. Doch sie kämpfte nur defensiv und beging damit den gleichen Fehler wie ihre Schwester Natalie, die auch nur auf ihre Verteidigung gebaut und nicht selbst angegriffen hatte. Besorgt sah Connor, dass Isabelle mehr und mehr an Boden verlor. Er machte einen Schritt nach vorne. Revolvermann hob Connors Schwert und hielt es seitlich an seinen Hals.

Keine Bewegung, MacLeod. Unser Boss möchte, dass du dir den Kampf von hier aus ansiehst.“ Er sprach so dicht an Connors Ohr, dass er seinen heißen Atem spüren konnte. Er stank nach Zwiebeln.
Versuch’s mal mit einem Kaugummi, du Stinkmorchel“, grollte Connor und versuchte wieder näher an den Kampf heran zu kommen. Der zweite Unsterbliche verpasste Connor einen Schlag zwischen die Nieren. Mit einem „Uff“ sackte Connor in die Knie und spürte im nächsten Moment zwei starke Hände auf seinen Schultern, die ihn brutal nach unten drückten. Er wollte den Blick abwenden, denn Isabelle rannte direkt in eine Falle. Doch es wurde ihm nicht gegönnt. Revolvermann packte Connors Pferdeschwanz und zog daran, sein Kopf schoss schmerzhaft in die Höhe.
Du sollst alles sehen, MacLeod. Jede einzelne Minute. Also sieh gefälligst hin!“ Connor schluckte, sein Herz schlug heftig und schnell, es schien fast zu zerspringen. Er war zu Hilflosigkeit verdammt, vielleicht das Schlimmste, was man einem Krieger antun konnte.

Woodhouse sah kurz zu Connor und grinste zufrieden, während er Isabelle in Richtung einer steinernen Wand abdrängte, die das Ende der Sackgasse markierte.

Isabelle, pass auf hinter dir!“ rief Connor und versuchte verzweifelt auf die Beine zukommen. Doch die beiden Unsterblichen hielten ihn mit einem eisernen Griff fest.

Isabelle erkannte erleichtert, dass Connor letztendlich doch noch gekommen war. Sie sah ihn, konnte aufgrund der Kampfgeräusche aber nicht verstehen, was er ihr zugerufen hatte.
Zu spät, wie immer, Connor“, rief sie ihm lächelnd entgegen. Jetzt hatte sie wieder Hoffnung. Sie würde Woodhouse besiegen, Connor würde die beiden anderen erledigen, und sie konnten nach Hause gehen. Alles würde gut werden.
Oder aber auch nicht. Denn im nächsten Moment erfasste sie ein heißer, brennender Schmerz, hinter sich spürte sie harten, kalten Stein. Isabelle sah verstört an sich herab und erkannte, dass ihre Brust durchbohrt war. Ein Stahlrohr, das aus der Mauer der Sackgasse ragte, hatte ihren zierlichen Körper aufgespießt. Blut floss unaufhörlich aus der Wunde, das Atmen fiel ihr mit jeder Sekunde schwerer.

Isabelle“, schrie Connor bestürzt.
Connor, ich…“ stammelte sie, und dann sah sie das teuflische Grinsen von Noah Woodhouse Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt. Sie wusste, sie hatte verloren.
Spiel, Satz und Sieg, Mademoiselle Coulins.“
"Bringen Sie es schnell zu Ende“, bat sie. Sie hatte nicht wirklich Angst, sie war völlig ruhig. Nie hatte Isabelle damit gerechnet lange genug am Leben zu bleiben, um das Ende der Zusammenkunft mitzuerleben. Ein letzter Blick auf Connor. Ihre Lippen formten ein stummes „Ich liebe Dich“. Was konnte sie auch sonst tun, als mit ein bisschen Würde und hoch erhobenen Hauptes zu sterben wie eine Kämpferin?

Woodhouse hob sein Langschwert weit nach oben in den dunklen Abendhimmel und ließ es auf Isabelles schlanken Hals sausen.

ISABELLE!!!“ schrie Connor entsetzt und sackte in sich zusammen. „ISABELLE!!“

Es war vorbei. Revolvermann und sein Kompagnon hielten den sich heftig wehrenden und aus vollem Halse schreienden Connor auch weiterhin fest, während Woodhouse auf seine Belohnung wartete. Die enthauptete Leiche seiner Gefährtin wurde in die Luft erhoben, die sofort vor Elektrizität zu prickeln anfing. Connors Nackenhärchen stellten sich auf. Er schloss einen kurzen Moment die Augen und kämpfte um seine Fassung. Er biss die Zähne zusammen und zählte bis zehn. Vor diesen Mistkerlen würde er gewiss keine Tränen vergießen. Er atmete tief durch und öffnete die Augen wieder. Die Energieübertragung begann. Blitze strömten aus Natalie heraus und suchten sich ihren neuen Träger. Woodhouse rekelte sich genussvoll, während er die Energie seines Opfers in sich aufnahm.

Jeder Blitz, der von Isabelles Körper auf Woodhouse überging, verkrampfte Connors Herz und raubte ihm den Atem. Er starb – so kam es ihm vor - mit ihr, Sekunde für Sekunde, Blitz für Blitz ein klein wenig mehr. Alles Schöne im Leben, alles, was seinem Leben einen Sinn und einen Reiz gegeben hatte, war nun fort. Lag dort als tote, kalte Hülle auf dem Boden. Das, was Isabelle Coulins ausgemacht hatte, ihr Wissen, ihr Verstand, ihr Witz, ihre Liebe, ihr Frohsinn gingen in diesen unbekannten Unsterblichen über.

Glücklicherweise war es schnell vorbei. Doch für Connor schienen Ewigkeiten vergangen zu sein. Noch immer drückten die beiden Handlanger ihn nach unten, noch immer kniete er auf dem harten Kopfsteinpflaster. Noah Woodhouse wischte sein Schwert mit einem Seidentaschentuch sauber und kam gemächlichen Schrittes auf Connor zu. Zufrieden blieb er schließlich vor ihm stehen und sah auf den Highlander herab. Er wusste genau, was er mit Isabelles Tod ausgelöst hatte.

Na los, töten Sie mich. Es ist mir gleich. Selbst wie Sie heißen, interessiert mich nicht.“
Aber, Monsieur MacLeod. Das wäre unsportlich. Zug um Zug, wie beim Schach.“ Da wusste Connor, wer Isabelle getötet und ihm das Herz aus dem Leib gerissen hat. Sein Herz, seine Isabelle. Die Frau, die er so geliebt hatte wie einst Heather.
Noah Woodhouse. Sie perverses Schwein. Jetzt weiß ich, von wem Christopher Sikes gelernt hat… Ich schwöre. Sie werden leiden und dann werden Sie sterben. Sie werden mich anflehen, dass ich Ihnen den Kopf nehme.“

Er versuchte aufzustehen, doch die beiden Unsterblichen drückten ihn noch immer zu Boden.

Sollen wir ihn erledigen, Boss?“ Sie schienen ganz versessen darauf zu sein. Denn auch auf Connors Kopf hatte das Konsortium eine ansehnliche Prämie ausgesetzt. Doch alles zu seiner Zeit.
Nein“, sagte Woodhouse kühl. „Nicht heute. Dafür ist nicht der rechte Zeitpunkt. Aber wir werden uns wieder sehen, Monsieur MacLeod. Bis dahin, leben Sie wohl.“ Er schnippte mit dem Finger. Revolvermann holte schnell eine Zigarre aus seiner Jacke hervor, reichte sie seinem Boss und zündete sie an. Seelenruhig schritt Woodhouse an Connor vorbei. Revolvermann und sein Kumpan hielten ihn noch lange genug fest, bis Woodhouse außer Reichweite war. Dann schlugen sie einige Male auf ihn ein. Connor wehrte sich nicht, er blieb am Boden liegen und wünschte sich den Tod. Doch er wusste, dass die beiden sich hüten würden, gegen Woodhouses Befehle zu handeln.

Endlich ließen sie von ihm ab und verschwanden aus der Seitenstraße.

Connor kam langsam und schwankend wie ein Betrunkener auf die Füße, wischte sich Blut aus dem Mundwinkel und durchquerte die Gasse. Sein Verstand arbeitete auf Hochtouren und versuchte ihm klar zu machen, dass Isabelle tot war. Sein Herz schrie verleugnend, dass es nicht der Wahrheit entsprach. Doch die Worte seines Verstandes, die Worte der Wahrheit waren mächtiger und brannten sich wie ein glühendes Eisen in sein Herz und versengten es.

Schritt für Schritt näherte er sich Isabelles Leiche. Er trat an die Mauer direkt neben dem Rohr und glitt herunter. Ein kehliges Schluchzen entfuhr ihm. Die Wahrheit verleugnend schüttelte er heftig den Kopf.

Nein, nein. Das kann nicht sein.“ Er rutschte immer tiefer und saß schließlich auf dem Boden. Er stieß einen Schrei tiefer Trauer aus und versuchte zu begreifen, dass Isabelle tot war.

 

Wie lange Connor so da saß und mit Tränen in den Augen Isabelles toten Körper anstarrte, wusste er nicht zu sagen. Sekunden, Minuten, Stunden, Tage. Zeit war relativ, und heute Abend war sie unbedeutend geworden.

Connor erinnerte sich an jede Einzelheit, die Isabelle und ihre gemeinsame Zeit betraf. Er erinnerte sich an die Nacht im „Nouveau Moulin Rouge“, als er sie kennen gelernt hatte. Die Nacht, als er zum ersten Mal mit ihr geschlafen hatte. Die Nacht, als sie durch Sikes Hand gestorben und zu einer Unsterblichen geworden war. Ganz deutlich sah er Isabelle vor sich, wie sie danach auf seinem Bett gesessen hatte, nackt, verunsichert, aber bildschön und in den Plaid seines Clans gehüllt. Er hatte geschworen sie zu beschützen - mit seinem Schwert, seiner Liebe und notfalls mit seinem Leben. Er war gescheitert, hatte versagt.

 

Verzweifelt und von unbändiger Wut auf Noah Woodhouse gepackt, erinnerte Connor sich, was er ihr noch versprochen hatte. Sie zur Frau zu nehmen. Er sah auf den zierlichen Ring an ihrem Finger. Ihren Verlobungsring. Seine Hand war erstaunlich ruhig, als er ihn ihr abstreifte und in die Hosentasche seiner Jeans steckte.

Mit einem Mal hatte Connor auch wieder die Nacht vor Augen, als er sie gebeten hatte, seine Frau zu werden. Er hatte ihr auf Schloss Lys Airt den Antrag gemacht. Völlig beiläufig hatte er sie im Bad gefragt. Isabelle hatte zunächst gar nicht reagiert, sondern war an der Wanne, in der Connor saß, vorbeigelaufen in Richtung Schlafzimmer. Mitten in der Bewegung war sie stehen geblieben, hatte sich in Zeitlupe umgedreht und ihn mit weit aufgerissenem Mund angesehen. Connor hatte seine Frage wiederholt und sie hatte nur genickt, völlig überrascht.

Um Finnigan nicht die Schau zu stehlen, hatten sie geschwiegen und mit der Verlobungsfeier warten wollen, bis Duncan und die anderen aus Kanada zurückgekehrt wären. Doch nun war alles zu spät. Die Zeit hatte ihnen ein Schnippchen geschlagen. Er hatte sie verloren, wie er einst Heather verloren hatte. Nun gab es nur noch Eines zu tun. Er musste sie zu Grabe tragen, genau wie Heather. Er stand auf und suchte etwas, worin er ihre Leiche verstauen konnte.

 

Kanada, Vancouver, Joe’s Bar, die Gegenwart.
Entsetzt und ungläubig starrte Duncan auf seine Hände. Sie hatten sich während Joes Erzählung in eine gemütliche Ecke der Bar auf Ledersofas und Sessel gesetzt.

Micky stand hinter Joe und schüttelte ungläubig den Kopf. Isabelle konnte nicht tot sein, nein, das stimmte nicht. Es war ein schlechter Scherz. Doch ihr Verstand sagte ihr, dass Joe die Wahrheit gesprochen hatte. Und dann begannen die Schuldgefühle. Sie fühlte sich für die Gruppe verantwortlich, sie hätte alle eindringlicher vor Noah Woodhouse warnen sollen. Und vor allem hätten sie sich nicht trennen dürfen; die Familie musste zusammen bleiben, wenn sie Woodhouse besiegen wollten. Isabelle hätte auf heiligem Boden sein müssen, sie hätte gar nicht arbeiten dürfen. Wieso hatte Connor sie nicht daran gehindert? Fassungslos ging sie hinter dem dreisitzigen Sofa auf und ab.

Wo…“, krächzte Duncan mit erstickter Stimme ohne Joe anzusehen. „Wo ist Connor jetzt?“ Micky kam zu ihm, setzte sich, lehnte sich an ihn und schluchzte leise. Erst Natalie und jetzt Isabelle. Beide Frauen tot, eine ganze Familie ausgelöscht. Wie grausam konnten Diejenigen eigentlich sein? Sehr grausam, das stand fest. Wenn Micky doch nur Einen von ihn in die Finger bekommen könnte.
Maurice sagte mir am Telefon, dass Connor sie neben Heather begraben will“, erklärte Joe und starrte nun seinerseits auf seine Hände. Er konnte auch noch nicht begreifen, was sich in Paris ereignet hatte, was seinen Freunden passiert war. Früher war es leichter gewesen, als er „nur“ Macs Beobachter gewesen war. Doch 15 Jahren Freundschaft ließen ihn nicht unbehelligt, was Duncan und die anderen betraf.
Wir brauchen einen Flug nach Schottland und zwar so schnell wie möglich“, sagte Duncan nach Minuten des Schweigens. Nun sah er Joe an, er war mehr als entschlossen. Diesen Weg durfte er seinen Cousin nicht alleine gehen lassen. Joe stand auf und humpelte auf seinen Stock gestützt an die Bar. Er ging herum, griff unter die Theke und holte einen Umschlag hervor, den er Duncan, der ihm gefolgt war, entgegen schob.
Zwei Flüge für morgen, alle anderen waren ausgebucht.“
Danke, Joe. Du bist ein echter Freund.“ Joe versuchte zu lächeln, doch es gelang ihm nicht. Er hatte getan, was nötig war und was in seiner Macht stand, den schweren Gang seiner Freunde zu unterstützen. Auf dem weiteren Weg konnte er sie nicht begleiten, das mussten sie alleine bewerkstelligen.

 

 

6. Asche zu Asche

 

Schottland, Glenfinnan, einen Tag früher aber eigentlich später.
Es war früher Nachmittag, als sie Duncans Heimatdorf erreichten. Micky steuerte den Mietwagen auf die Hauptstraße von Glenfinnan. Sie versuchte sich an der schönen Landschaft zu erfreuen, doch es gelang ihr nicht. Die Trauer um Isabelle hatte ihr Herz fest im Griff.

Wo wollen wir nach ihm suchen?“ fragte sie, um die bedrückende Stille, die seit Stunden zwischen ihr und Duncan herrschte, endlich zu brechen.
Einen trauernden Schotten? Bestimmt nicht in der Kirche. Im Pub. Hundertprozentig.“ Micky verzog die Mundwinkel, klar, wo auch sonst? Wie aufs Stichwort fuhren sie an der Church of our Lady and St. Finnan vorbei, wo sie am Mittag des 6. Dezember 2006 ein zweites Mal geheiratet hatten. Micky lächelte bei der Erinnerung an die Zeremonie. Ihre Tochter war dabei gewesen, Connor und ihr lieber Freund Karl. Es war wie im Märchen gewesen, bis zu dem Tag, als sie in das Duell zwischen Paul Boyle und Duncan eingegriffen hatte. Denn jedes Märchen musste einmal enden, auch im mystischen Schottland.
Du denkst an den Kampf am Loch Shiel, oder?“ fragte Duncan, der mal wieder ihre Gedanken kannte.
Du sollst nicht immer zuhören, wenn ich denke“, tadelte Micky ihn mit einem spöttischen Grinsen auf den Lippen, worauf Duncan lachte. Es war ein Running-Gag zwischen ihnen. Im Laufe ihrer Ehe hatten die beiden gelernt, die Gedanken des anderen zu kennen. Micky begann „Amazing Grace“ zu summen und hielt Ausschau nach dem kleinen Hotel, in dem sie ihre Flitterwochen verbracht hatten. Ob es Mrs. Fraiser gut ging? Micky war sicher, dass sie es alsbald herausfinden würde. Denn Duncan hatte im Glenfinnan Inn ein Zimmer reserviert.

Micky bremste den Wagen abrupt vor dem Pub ab, das ebenfalls an der Hauptstraße lag. Sie stiegen aus und spürten sofort, dass ein Unsterblicher irgendwo in der Nähe war.

Bingo“, meinte Duncan schlicht. Micky schloss das Auto ab und folgte ihrem Mann hinein.

Der Pub war spärlich beleuchtet und ebenso spärlich besucht. Gegenüber der Bar flackerte ein gemütliches Kaminfeuer. In der einzigen wirklich dunklen Ecke saß über einen Krug Ale gebeugt eine Person, die entfernt an Duncans Cousin erinnerte.

Connor.“ Er reagierte nicht auf seinen Namen. Duncan wollte auf ihn zugehen, aber Micky legte ihm eine Hand auf die Brust.
Lass mich, bitte.“ Resignierend ließ er die Hände in den Hosentaschen verschwinden. Welches Band auch immer zwischen Connor und seiner Frau bestand, hier konnte es wahrscheinlich sehr hilfreich sein. Er nickte einverstanden und ging zur Bar rüber, um etwas zu trinken zu holen.

Vorsichtig trat Micky näher. Sie sprach leise seinen Namen aus, er reagierte noch immer nicht. Langsam ging sie auf seinen Tisch zu und sah auf ihn herab. „Connor, mo chride (mein Herz). Es tut mir so leid.“ Unabsichtlich hatte sie ihn mit dem Kosenamen angesprochen, den Connor stets für Isabelle verwendet hatte. Sein Kopf schoss hoch, seine Augen waren rotgerändert, ein brauner Bart begann zu sprießen. Das Haar stand ihm wirr in alle Richtungen ab, er schien seit Isabelles Tod nicht mehr geschlafen zu haben. Erschrocken erkannte Micky, wie alt Connor aussah, alt und besiegt. Sie kämpfte um ihre Fassung. Noch nie hatte sie Connor in einer solch schrecklichen Verfassung gesehen, das Herz wurde ihr schwer. Schwerer als es ohnehin schon war.
Nein, nenn’ mich nicht so. Mein Herz ist mit ihr gestorben. Sie… Sie war alles... Sie war mein Leben.“ Langsam setzte Micky sich Connor gegenüber und ergriff seine Hand. „Und jetzt kann ich sie noch nicht einmal dort begraben, wo sie hingehört.“ Micky sah ihn verständnislos an.
Was meinst du?“
Dort, wo ich einst Heather begrub, soll ein Hotel gebaut werden, ein gottverdammtes Hotel!!“ Er schlug die geballte Faust auf die Tischplatte. Micky zuckte zusammen. Duncan trat hinter sie, stellte zwei tönerne Bierkrüge ab und sah besorgt auf seinen Cousin herab.
Weißt du, wo die Stelle ist?“ fragte sie ihren Mann. Er nickte. „Fahren wir, ich will mir das selbst ansehen.“

 

Schottland, Glen Coe, Heathers Grab, einige Zeit später.
Glen Coe lag etwa eine halbe Autostunde südlich von Glenfinnan entfernt, im Nordwesten des Tals – was auf Schottisch Glen hieß - an der Mündung des Flusses Coe in den Loch Leven. Heute war der Ort weithin für seine Ski- und Wanderangebote bekannt. Zu weit trauriger Berühmtheit war er durch das Massaker von Glen Coe gelangt, wo am 13. Februar 1692 die Campbells auf die MacDonalds getroffen waren. Nach dem gescheiterten Jakobineraufstand, bei dem die schottischen Clans ihren König Jakob II. auf den Thron setzen wollten, wurden sie von König Willhelm III. zu einem Treueid gezwungen, den sie bis zum 1. Januar 1692 zu leisten hatten. Durch bis heute ungeklärte Umstände kam der Clan der MacDonalds zu spät. Die Männer des Campbell-Clans ermordeten daraufhin das Clanoperhaupt Alexander MacDonald, Männer, Frauen und Kinder. Der Großteil des MacDonald-Clans, nahezu 300 Schotten, konnte fliehen. Dieses Ereignis hatte zur Folge, dass die übrigen Clans - aus Angst vor einem ähnlichen Schicksal - folgsamer und von den Engländern besser zu kontrollieren geworden waren. Weder Duncan noch Connor hatten das Massaker von Glen Coe miterlebt, da sie zu diesem Zeitpunkt nicht in Schottland gewesen waren. Doch auch in der Neuzeit sprach man noch über das Massaker, bei dem zwar nicht viele Menschen getötet worden, die Verräter aber Schotten gewesen waren.


Connor MacLeod hatte es schon 156 Jahre vor dem Massaker nach Glen Coe verschlagen, allerdings auch durch ein dramatisches Ereignis, seinen Tod im Jahre 1536. Nach seiner Vertreibung aus der Heimat war Connor schließlich hier gelandet. Auf einem kleinen Bauernhof im Schatten eines Steinturmes lebte damals eine junge, bildschöne Frau namens Heather MacDonald zusammen mit ihrem Vater Angus. Sie boten Connor im Tausch gegen seine Arbeitskraft Essen und eine Dach über dem Kopf. Angus lehrte ihn die Schmiedekunst. Aber nicht nur ein Dach über dem Kopf und Arbeit hatte Connor in Glen Coe gefunden, sondern etwas viel Wichtigeres: die Liebe seines Lebens. Heather. Die gütige, verständnisvolle, zärtliche, leidenschaftliche Heather, die ihn durch ihre Liebe lehrte, das Leben wieder als lebenswert zu erachten.

Der Wagen hielt vor einem umzäunten Baugelände. Micky sprang raus und ging auf den Zaun zu.

Hey, Sie. Ich will den Bauleiter sprechen!“ rief sie energisch einem Mann mittleren Alters entgegen. Er reagierte nicht. „Hey, Freundchen, ich rede mit Ihnen!“ Micky stand mit dem nächsten Schritt am Zaun und rüttelte daran. Endlich reagierte der Mann.
Warum zum Teufel brüllen Sie so? Ich bin nicht taub!“
Offensichtlich schon, sonst hätten Sie doch auf die Worte meiner Frau reagiert. Wir wollen zum Grab von Heather MacLeod.“
Geht nicht, Baugebiet.“
Was soll der Scheiß?! Ich bin ein MacLeod. Sie war die Frau eines meiner Vorfahren. Wir haben ein Recht, das Grab zu sehen.“ Duncan wurde wütend.
Sie und der Irre, der hier seine Frau begraben wollte. Ist irgendwo ein Nest von euch?“ fragte er abfällig.
Ja, hier in Schottland, du Idiot. Also, wem gehört das Grundstück?“ Duncan ignorierte Micky, die am Ärmel seiner Jeansjacke zog. Sie rüttelte unbeirrt weiter. Schließlich fragte er sie genervt: „Was, was ist denn?!“ Sie zeigte stumm auf ein Firmenschild, das groß und gut lesbar am Zaun prangte. Duncan begriff und stieß einen üblen, schottischen Fluch aus. Auf dem Metallschild stand, dass dies ein Bauprojekt der Woodline Coorperation war. Diese Firma war ihrerseits eine Tochtergesellschaft von Woodhouse Enterprises.
Dieser elende Drecksack. Er will Connor fertig machen.“ Micky schüttelte den Kopf über Duncans Aussage.
Nein, er will uns entzweien. Er weiß, dass wir als Familie zu stark sind. Mit Isabelles Tod hat er uns einen schlimmen Schlag versetzt. Aber wenn er es schafft uns zu trennen und Connor von uns entfernen, dann ist er seinem Ziel, uns alle zu vernichten, einen Schritt näher gekommen.“
Und wie sollen wir es ermöglichen, dass Connor Isabelle neben Heather begraben kann?“
Mir fällt schon was ein, fahren wir.“ Sie hatte das Kleingedruckte auf dem Schild gelesen und wusste daher, wo sich der Sitz der Woodline Coorperation befand. Mit energischen Schritten ging Micky zurück zum Auto.

 

Als sie nach einer Fahrt mit halsbrecherischem Tempo endlich in Glenfinnan hielt, sah Duncan sie fragend an.
Steig aus“, bat Micky ihren Mann.
Wie meinen?“
Steig aus. Ich will dich nicht dabei haben, bei dem, was ich vorhabe. Du musst auf Connor aufpassen.“
Weißt du, wo Woodhouse ist?“ fragte er grollend.
Ja, aber ich will nur mit ihm reden. Duncan, ich habe es dir geschworen, und ich halte meine Versprechen. Ich will ihn nur… keine Ahnung. Mir fällt schon was ein.“ Er lächelte gequält. Ja, ihr würde etwas einfallen, aber Duncan würde es wahrscheinlich überhaupt nicht gefallen.

 

Schottland, Fort William, Woodline Coorperation.
Guten Tag, ich möchte zu Mr. Woodhouse“, sagte Micky zu der Sekretärin in der Chefetage der Woodline Coorperation.
Haben Sie einen Termin, Ms…?“ Sie musterte Micky von oben bis unten, die in Bluejeans und ihrer abgetragenen Lederjacke nicht gerade wie eine Geschäftspartnerin von Noah Woodhouse wirkte.
Nein, sagen Sie ihm einfach Mrs. Michelle MacLeod, die Comtesse Dubois, möchte ihn sprechen.“ Der Blick ihres Gegenübers sagte Micky, dass sie ihr nicht wirklich abnahm, dass Micky eine Adlige war.
Lady, wenn Sie keinen Termin haben…“ begann die blonde Frau herablassend.
Sagen Sie es ihm einfach“, wurde Micky forscher. Zur Unterstreichung ihrer Worte zog sie hinter ihrem Rücken ihr Toledo Salamanca hervor und hielt es Woodhouses Vorzimmerdame vor die Nase. Sie keuchte erschrocken auf und wich zurück.
Was… was wollen Sie?“
Ich.. will… mit… Noah… Woodhouse… sprechen… Sofort!!!“ betonte Micky jedes einzelne Wort und schwang dabei im Takt ihrer Worte ihr Schwert durch die Luft. Die Sekretärin keuchte noch einmal auf und nickte schließlich.
Ist ja schon in Ordnung.“ Sie betätigte mit zitternden Händen die Sprechanlage und teilte ihrem Boss mit, dass Besuch für ihn da wäre. Als Woodhouse hörte, wer ihn da sprechen wollte, wurde es kurz still, dann bat er jedoch seine Sekretärin Mrs. MacLeod hereinzuführen, keine Telefonate durchzustellen und auch Niemanden in sein Büro zu lassen.
Na, bitte. Es geht doch. Ich finde den Weg alleine, lackieren Sie mal schön Ihre Nägel weiter, Miss“, sagte Micky äußerst spöttisch und ging mit schnellen Schritten auf die Tür von Woodhouses Büro zu.

Sie öffnete ohne anzuklopfen, trat ein und warf die Tür mit einem lauten Knall ins Schloss.

Sie kleines, mieses….“ setzte Micky zu einer Schimpftirade an, die sie sich zurecht gelegt hatte, als sie in Glenfinnan losgefahren war. „Oh mein Gott! Du?!“ Micky ging unsicher weiter und starrte Noah Woodhouse an, den sie vor einem Jahrhundert unter einem anderen Namen kennen und fürchten gelernt hatte. Er war ein Teil ihrer Vergangenheit, einer der unschönen Art. Er war schuld an ihrer Klaustrophobie. Denn er hatte Micky damals etwas Schreckliches angetan, nachdem sie den kurzen Urlaubsflirt während eines USA-Besuches mit ihm beendet hatte. Doch einen Mann wie Kyle Wittmore oder Noah Woodhouse – wie er sich heute nannte – verließ man nicht ungestraft. Sie unterdrückte ein Schaudern, als sie sich an jene grauenvolle Nacht erinnerte. Die längste Nacht ihres Lebens.
Hallo, Michelle. Setz dich doch bitte und lass uns wie zivilisierte Menschen mit einander plaudern.“ Micky kam näher und setzte sich lässig in einen Ledersessel wie einst in Christopher Sikes’ Büro.
Zivilisiert ist so ziemlich das letzte Wort, das mir im Bezug auf dich einfällt, Kyle. Oder Noah, wie du ja inzwischen heißt. Du steckst also hinter dem Konsortium.“
Ja, ich bin der Vorsitzende. Aber das hat dir Sikes doch sicherlich verraten, oder?“ Er sah Micky wissend an. Sie hielt kurz inne und lauschte in sich hinein, keine Antwort, kein frecher Kommentar. Gut so. Das konnte sie im Augenblick am allerwenigsten gebrauchen.
Du hast das alles geplant, auch, dass ich Sikes besiege, oder?“ Sie hörte kurz in sich und schnappte dann überrascht nach Luft. „Du hast gewusst, was mit mir passieren würde! Das gehört alles zu deinem perfiden Plan! Du hast Sikes absichtlich geopfert! Was bist du doch für ein kranker Mensch!“ In aller Seelenruhe öffnete Kyle eine Schublade, holte eine Zigarre heraus und zündete sie an.
Sikes wusste, worauf er sich einlässt, wenn er sich von dir besiegen lässt. Wie geht es dir denn so mit ihm? Sie mich nicht so überrascht an. Ich weiß alles, was du tust, wann du es tust und wo. Es hat sich nichts geändert.“
Oh doch, Kyle. Es hat sich viel geändert. Ich bedauere nur, dass ich meinem Mann geschworen habe, dich nicht zu töten und dich Methos zu überlassen.“ Woodhouse lächelte süffisant.
Ach ja, Methos. Richtig, da werden dich noch einige Überraschungen erwarten, meine Süße.“
Was meinst du?“
Frag’ mal deinen Geistberater. Der wird es dir sagen. Es wird dich Methos in einem gänzlich anderen Licht sehen lassen. Es wird dich an deiner Beziehung und deinen Gefühlen zu ihm zweifeln lassen.“ Es war erschreckend was ihr Gegenüber, ihr Erzfeind alles über sie und ihre Familie wusste. Micky hatte nicht den geringsten Zweifel, dass er die Wahrheit sprach.
Nichts, was Methos getan hat oder tun könnte, würde etwas daran ändern, dass er mein bester Freund ist und dass ich ihn wie einen Bruder liebe.“
Mich hast du auch mal geliebt.“
Nein, gefürchtet. Liebe war das nie, Kyle. Du wolltest mich nur besitzen. Aber deswegen bin ich nicht herkommen. Ich will, dass du dein Bauprojekt aufgibst auf dem Gelände, wo Heather MacLeod begraben liegt.“ Woodhouse grinste wieder.
Unter einer Bedingung.“
Natürlich, bei dir war noch nie etwas umsonst. Meine Freiheit kostete mich damals auch mein Leben. Und es war kein schöner Tod. Also, was willst du?“
Einen Kampf.“ Micky schnaubte.
Ich kann nicht gegen dich kämpfen. Das habe ich dir doch gesagt.“
Nein, das wäre auch nicht reizvoll. Ich will dich nicht töten. Du sollst im Spiel bleiben.“ Micky ließ ihren Blick durch das Büro schweifen und versuchte nicht allzu interessiert auszusehen. Sie bemerkte an einer der Wände ein kunstvoll geschmiedetes Schwert, das älter war als alle, die sie je gesehen hatte.
Nettes Schwert.“
Danke. Es ist sehr alt, ein so genanntes Schwert der Macht. Es hat für mich einen hohen, persönlichen Wert.“
Schwert der Macht? Spielst du ‚Masters of the Universe’? Wie auch immer, wer soll gegen wen antreten?“
Connor MacLeod gegen einen von mir bestimmten Gegner. Noch heute Nacht am Ufer des Loch Shiel…“ Sie zuckte kurz zusammen. Kyle war noch immer ein Sadist, er war - wenn das überhaupt möglich war - noch schlimmer geworden.
Jetzt weiß ich, von wem Sikes all die kranken Ideen hatte…“ Woodhouse ging nicht darauf ein, sondern fuhr unbeirrt fort.
Wenn er gewinnt, geht das Grundstück für alle Zeit in seinen Besitz über. Das gebe ich dir schriftlich und notariell beglaubigt.“ Micky stand auf und streckte Woodhouse ihre Hand entgegen. Er schlug ein, schnell zog Micky ihre Hand zurück und wischte sie angeekelt über diesen unfreiwilligen Pakt mit dem Teufel an ihrer Jeans ab.
Einverstanden. Und um meinen Satz von vorhin zu Ende zu bringen, du bist ein kleines, mieses Arschloch, und du wirst ein schreckliches Ende finden, dafür sorge ich.“ Micky drehte sich um, hielt kurz inne, machte noch einmal kehrt und wischte mit ihrem Toledo Salamanca alles herunter, was auf dem großen Schreibtisch mit Marmorplatte gestanden hatte. „Schönen Tag noch, Kyle.“ Mit einem Ausdruck von tiefer Genugtuung im Gesicht stolzierte Micky aus dem Büro und an der verstörten Sekretärin von Kyle alias Woodhouse vorbei. Jetzt waren die Fronten wenigstens geklärt. Jetzt wusste Micky mit wem sie es zu tun hatte. Doch leichter machte es den Kampf oder das Spiel, wie Kyle es nannte, auch nicht. Im Gegenteil Micky hatte auch ohne das Wissen, wer Woodhouse in Wirklichkeit war, Probleme genug.

 

Schottland, Glenfinnan, in derselben Nacht.
Micky stellte den Mietwagen vor dem Pub ab, in dem noch Licht brannte. Sie trat ein und entdeckte Connor und Duncan an dem gleichen Tisch sitzen wie zuvor. Sie hoben die Köpfe, als sie Mickys Gegenwart spürten.

Oh du lebst noch. Gut. Hast du auch noch deine Seele?“ fragte Duncan leicht bissig, aber auch erleichtert sie wiederzusehen.
Ja, habe ich. Und ich habe einen Erfolg zu verzeichnen. Ein Kampf. Wenn er gewonnen ist, gehört das Grundstück mit Heathers Grab für alle Zeiten den MacLeods. Genauer gesagt Connor.“ Connor starrte Micky verständnislos an.
"Was?“ fragte er.
Rede ich Chinesisch? Du musst zum Loch Shiel. Dort erwartet dich ein von Woodhouse bestimmter Gegner. Wenn du ihn besiegst, gibt er dir Brief und Siegel für das Grundstück und die Bauarbeiten werden sofort gestoppt.“
Wie hast du das geschafft?“ wollte Duncan beeindruckt wissen.
Taktisches Verhandlungsgeschick. Wir sollten aufbrechen. Wahrscheinlich erwartet man uns schon.“
Du willst noch einmal an den Loch?“ fragte Duncan überrascht. Er hatte erwartet, dass Micky keinen Fuß mehr an den See setzen würde. Doch wie schon so oft hatte er sich auch dieses Mal wieder geirrt.
Natürlich, ich habe den Kampf arrangiert, also komme ich auch mit. Aber keine Angst, ich werde nicht eingreifen. Connor, bist du nüchtern genug?“
Hey, ich bin Schotte. Vor und nach einem Kampf einen ordentlichen Schluck und wir kämpfen am Besten.“
Dann lasst uns fahren. Aber Connor, egal, was heute Nacht passiert. Finger weg von Noah Woodhouse. Du darfst dich nicht von deiner Rache leiten lassen. Du musst einen kühlen Kopf bewahren. Dein Tod wird Isabelle nicht zurückbringen, aber uns einen nie wieder gutzumachenden Verlust bescheren. Du bist zu wichtig, als dass wir auf dich verzichten könnten.“ Sie war dicht an Connor herangetreten, sah zum ihm auf und hatte ihre Linke auf sein Herz gelegt. Connor nahm die Hand, führte sie zum Mund und küsste die Handfläche.
Keine Angst, Micky. Ich bin nicht so lebensmüde, wie ich vielleicht wirke. Duncan und du, ihr gebt mir die Kraft weiterzumachen.“ Er streckte die Hand nach seinem Cousin aus, der auf ihn zu trat und eine Hand auf Connors Schulter legte.
Einer für alle?“ fragte Micky hoffnungsvoll.
Verschmitzt grinsend antworteten Duncan und Connor gleichzeitig: „Und alle für einen. Für unsere Comtesse.“ Sie lachten alle drei, fielen sich kurz in die Arme und brachen dann zu dem Kampf am Loch Shiel auf.

 

Schottland, am Ufer des Loch Shiel, in der Nacht.
Duncan, Connor und Micky stiegen aus dem Wagen aus, spürten, dass sie bereits erwartet wurden. Alle drei hatten ihre Schwerter mitgebracht. Es war besser, auf alles vorbereitet zu sein.

Guten Abend, wir kommen von der Volkszählung und wollten mal fragen, ob hier jemand mit einem Kopf zu viel rum läuft!“ rief Micky in die Nacht hinein. Duncan und Connor sahen sie zweifelnd an. „Was denn? Allzeit bereit für einen blöden Spruch. Das verunsichert den Gegner.“
Uns auch“, erwiderte Duncan vorwurfsvoll.
Ich bin ja schon still.“

Aus dem Schatten der Bäume trat ein fast zwei Meter großer Hüne hervor. Muskelbepackt jeder Zentimeter seines athletischen Körpers. Er hatte ein großes Langschwert in seinen riesigen Pranken.
Ach du Schande, wo hat er denn den Kleiderschrank aufgegabelt?!“ platzte es aus Micky heraus, noch ehe sie es verhindern konnte.
Du wolltest doch still sein“, erinnerte Duncan sie, worauf Micky ein beleidigtes Gesicht zog, die Antwort aber herunterschluckte.

Connor ignorierte die beiden und griff seinen Gegner an. Er legte einen kurzen Sprint hin, stand vor ihm und drosch mit seinem Toledo Salamanca auf die Klinge des anderen ein. Funken sprühten, landeten auf der Wasseroberfläche und verwandelten den Loch Shiel in einen silbrig glänzenden Spiegel.

Der von Woodhouse bestellte Gegner parierte Connors Schläge mit dem Schwert. Der Faustschlag, der ihn am Kinn traf, überraschte ihn aber so sehr, dass er ihn von den Füßen riss. Er landete rücklings und mit den Armen rudernd im kalten Wasser. Connor watete sofort hinter her. Während der Hüne noch nach seinem Schwert suchte, verpasste Connor ihm wütend einen Tritt ins Gesicht, er fiel noch einmal ins Wasser. Die Klinge des Toledo Salamanca schoss zielstrebig auf den unter Wasser befindlichen Kopf zu. In letzter Sekunde tauchte das Schwert des Gegners auf und blockte den Schlag ab. Er holte nach hinten aus, verpasste Connor einen Schnitt auf der Brust und sprang aus dem Wasser. Connor schritt unsicher ein paar Schritte rückwärts.

Komm ans Ufer!“ brüllte Duncan aus voller Kehle, was sein Cousin auch sofort tat. Leicht außer Atem spürte er den festen Boden unter seinen Füßen. Der Hüne war ihm dicht auf den Fersen, trat Connor in den Rücken, ließ sich fallen, rollte sich ab und stand im nächsten Augenblick wieder fest auf den Füßen. Trotz seiner Größe war er flink wie ein Kaninchen und machte es Connor sehr schwer, der sich mühsam wieder hoch kämpfte.
Dreh’ dich um!“ rief ihm Duncan eine Warnung zu. Connor hob sein Schwert, lächelte zuversichtlich und drehte sich mit Schwung um. Das Schwert glitt durch den muskulösen Oberkörper des Hünen wie durch Butter. Er ließ seine Waffe fallen, ihm knickten tödlich verwundet die Beine ein. Connor war im nächsten Moment über ihm und schlug ihm den Kopf von den Schultern.

Micky und Duncan traten erleichtert einige Schritte zurück. Rechts von ihnen glühte etwas, Woodhouse trat mit einer Zigarre im Mund zwischen den Bäumen hervor. Er klatschte übertrieben in die Hände.

Bravo, bravo. Connor MacLeod, Sie haben mich beeindruckt.“ Connor reagierte nicht, er breitete die Arme aus und nahm die Energiestöße in sich auf.

Er richtete seinen Blick in den Himmel, eine Sternschnuppe fiel herab und verglühte irgendwo in den Bergen. Vielleicht war es ein leiser Gruß von den beiden Frauen, die er geliebt und deren letzte Ruhestätte er nun für alle Zeiten gewonnen hatte.

 

Als es vorüber war, kam er sein Schwert durch den Sand hinter sich herschleifend auf die anderen zu. Er atmete ein paar Mal tief durch, die Nachtluft war eisig und klar. Keine Wolke war am Himmel. Die Energieübertragung musste man meilenweit gesehen haben.

Also, Mr. Woodhouse, Sie kleines, mieses…“
Connor, das hatten wir schon…“ ging Micky beschwichtigend dazwischen.
Hier ist das Dokument, das Sie zum Eigentümer über das Baugrundstück macht. Für alle Zeiten, unanfechtbar, notariell beglaubigt.“ Connor riss es ihm aus der Hand und studierte es genau.
Woodhouse trat einen Schritt auf Micky zu und strich ihr zärtlich über die Wange. „Bis demnächst, meine Süße. Ich freue mich schon.“ Er drehte sich um und verschwand in der Nacht.

Duncan stand mit offenem Mund da und fragte sich, was da gerade zwischen seiner Frau und ihrem Erzfeind abgelaufen war.
Süße?!“ fragte er ungläubig. „Süße?! Der darf dich ungestraft ‚Süße’ nennen?!“
Fahren wir“, sagte Micky und ignorierte Duncans Bemerkung.
Connor ging an ihnen vorbei und fragte an Micky gerichtet: „Kennst du ihn von früher?“
Diese Frage war Micky bereit zu beantworten: „Ja, ich wusste es nicht bis ich vor ihm stand. Aber das erzähle ich später. Wir müssen eine Beerdigung vorbereiten.“

 

Schottland, Glen Coe, das ehemalige Baugrundstück von Noah Woodhouse, am nächsten Tag.
Der Priester war schon gegangen. Connor, Duncan und Micky standen um die zwei Grabsteine von Heather und Isabelle versammelt und nahmen jeder auf die eigene Weise von ihr Abschied.

Was wirst du jetzt tun?“ fragte Micky Connor, die Antwort bereits ahnend. Connor berührte Isabelles Ring, den er an einer Kette hängend um den Hals trug und strich zärtlich darüber.
Ich werde eine Weile fortgehen und um sie trauern. Lasst mir ein wenig Zeit, zu den wichtigen Kämpfen bin ich wieder da. Ich habe eine Rechnung mit Noah Woodhouse oder wer auch immer er sein mag, die verdammt hoch ist.“ Micky schluckte runter, was ihr auf der Zunge lag. Dass es extrem wichtig war, dass Methos diesen Kampf austrug. Nicht nur wegen ihres Versprechens.
Du hast immer ein Zuhause bei uns, Connor. Ich hoffe, das weißt du“, sagte sein Cousin. Connor rang sich ein Lächeln ab und nickte.
Pass gut auf die Lady hier auf, ja Cousin?! Sonst bekommst du Ärger mit mir.“ Duncan lachte, trat dich an Connor heran und umarmte ihn lange und fest. Es war kein Abschied für immer, aber wie jedes Mal war es kein leichter.
Ich kann ganz gut auf mich selbst aufpassen“, bemerkte Micky und wischte sich über die Augen.
Hey, hey, wer wird denn weinen, Comtesse? Spätestens am 14. Juli sehen wir uns wieder. So wie jedes Jahr. Ich brauche nur ein wenig Zeit für mich, um damit klar zukommen, dass sie fort ist.“ Connor warf einen traurigen Blick auf den neuen Grabstein. Ruhe in Frieden, mein Herz – stand dort auf Schottisch in geschnörkelter Schrift über Isabelles Namen, Geburts- und Todesdatum. In diesem Moment fühlte er wieder die Einsamkeit und Leere in sich nagen. Er musste fort von allem, was ihn an Isabelle erinnerte. Irgendwann in einigen Monaten würde es ein klein wenig leichter werden. Hoffte er.
Bringen wir’s hinter uns. Umarme mich und dann verschwinde, damit ich losheulen kann“, schniefte Micky. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und fiel Connor mit einem unterdrückten Schluchzen um den Hals.
Ich bleibe nicht lange fort. Haltet fest zusammen, bis ich wieder da bin. Wir werden Woodhouse und das Konsortium besiegen…“ Er ließ Micky los, schlug seinem Cousin noch einmal zum Abschied auf die Schulter. Dann drehte er sich um und stieg den Hügel hinunter.
Micky und Duncan sahen ihm noch eine Weilen ach. Dann gingen auch sie  zurück zu ihrem Auto.

 

 

 

7. Erschreckende Erkenntnisse

 

Frankreich, Paris, Rue Mallet-Stevens, eine Woche später.
Micky klingelte Sturm bei Methos, der erst vergangene Nacht mit Richie aus New York zurückgekehrt war. Nichtsdestotrotz musste sie dringend mit ihm reden.

Endlich hörte sie den Summer, drückte die Eingangstür auf und rannte die Treppen zu Methos’ Wohnung hoch.

Verschlafen öffnete er ihr die Tür. Er fuhr sich durch die verstrubbelten Haare und rieb sich ein paar Mal über die Augen. Endlich erkannte er Micky.

Was willst du denn hier?“
Mit dir reden. Zieh’ dich an.“ Ihr Ton duldete keinen Widerspruch.
Och nö!“ stöhnte Methos. „Hat Hochwohlgeboren schon mal was von Jetlag gehört?“
Ist mir egal. Es ist wichtig. Wir machen einen kleinen Spaziergang.“ In ihrem Blick lag eine eisige Kälte. Methos sah sie erstaunt an.
Bist du sauer auf mich, oder warum siehst du mich so an? Habe ich irgendwas verbrochen, von dem ich nichts weiß?“ Ganz genau, mein Freund, dachte sie bitter und erinnerte sich an die Unterhaltung, die sie vergangene Nacht mit Darius in ihrer Bibliothek geführt hatte…


Frankreich, Chateau Dubois, letzte Nacht.
Ich will wissen, wer Methos wirklich ist. Kyle hat ein paar merkwürdige Andeutungen gemacht.“ Sie sah Darius fragend an. Er wird dich anlügen, hörte sie die hämische Stimme in ihrem Kopf, die sie seit längerem begleitete. Sei still, dachte sie frustriert. Seit sie Kyle als Woodhouse identifiziert hatte, meldete er sich wieder häufiger zu Wort.
Michelle, ich kann nicht.“
Verflucht, Darius! Ich muss es wissen. Und was hat es mit Denjenigen auf sich?“

Darius seufzte und sah auf das Schachspiel, das zwischen ihnen auf einem kleinen Tisch stand. Es war die letzte Partie, die Micky mit Connor begonnen, aber bis zu ihrer Abreise nach Cornwall nicht beendet hatte. Wie lange das Brett mit den filigranen Glasfiguren so stehen bleiben würde, war noch nicht abzusehen.

Es war eine Wette. Der Grund, weshalb wir Unsterblichen ursprünglich auf die Welt kamen. Es gab sieben von Denjenigen zu Beginn. Und sieben sind es auch heute noch. Vier Männer und drei Frauen. Sie philosophierten eines Tages darüber, ob die Menschheit, damals noch in den Kinderschuhen steckend, fähig sein würde, sich zum Guten zu entwickeln. Die drei Frauen sagten ja, die Männer nein. Es gab nur die Möglichkeit dies festzustellen, indem sie unerkannt durch die Jahrhunderte wandeln konnten.“
Waren sie Götter?“ fragte Micky, froh endlich klare Antworten zu erhalten.
So was Ähnliches, ja. Sie gingen nach dem Abschluss der Wette in die Welt hinaus und kennzeichneten Frauen und Männer, die ihnen dienen sollten. Sie wurden zu den ersten Unsterblichen. Irgendwann nach ein, zwei Tausend Jahren hatte sich die Kennzeichnung verselbstständigt. Sie trat willkürlich und unkontrollierbar auf. Damit es aber nicht immer mehr Unsterbliche auf der Welt gab, bestimmten die Diejenigen, dass sie gegeneinander im Kampf antreten sollten. Nur die stärksten sollten ihnen dienen dürfen. Sie setzten den Preis für die Zusammenkunft aus. Ihr Ziel ist es aber noch immer, die Wette zu gewinnen.“
Was passiert, wenn sie feststellen, dass die Menschheit nicht zum Guten fähig ist? Wenn die falsche Seite gewinnt?“ fragte Micky zögerlich, die Antwort fürchtend.
Die Welt würde in der Finsternis versinken, die in der Bibel als Armageddon bezeichnet wird. Es wäre das Ende der Welt, wie wir sie kennen. Die Menschheit würde zu Sklaven Derjenigen werden, verdammt zu einem trostlosen Dasein.“ Wäre doch ganz interessant, hörte sie wieder die hämische Stimme.
Sie ignorierte den Kommentar und fragte Darius: „Wer sind Diejenigen?“

Woodhouse“, gab Darius stockend zu.
Das ist mir auch klar. Wer sind die übrigen sechs?“
Michelle, du solltest wissen, dass einige von ihnen im Laufe der Jahrtausende vergessen haben, wer sie sind. Sie wissen nicht mehr, was sie getan haben. Sie sind ganz andere Menschen geworden. Sie wandeln unter uns wie gewöhnliche Unsterbliche und können genauso getötet werden…“
Und Diejenigen, die es wissen?“
Können nur mit dem so genannten Schwert der Macht getötet werden. Das waren ihre ursprünglichen Schwerter, die sie vor mehr als fünftausend Jahren geschmiedet haben aus einem ganz besonderen Metall, das es heute nicht mehr auf der Erde gibt.“
Schwert der Macht!“ rief Micky verblüfft aus. Sie hatte es für ein Wortspiel gehalten, einen von Kyles blöden Witzen. „Woodhouse hat eines in seinem Büro in Fort William. Das brauche ich demnach, damit er getötet werden kann.“ Darius nickte zaghaft. „Also, spuck’s aus, Darius. Wer sind die anderen sechs?“ Darius drehte den Kopf und starrte in die flackernden Kaminflammen. Er wollte es nicht sagen, doch er kannte Micky zu gut. Sie würde immer weiter bohren. „Darius!“
Also gut, ich sage es dir einen weiteren Namen. Aber ich warne dich. Du musst die Namen geheim halten. Vor allen. Auch vor Duncan. Sonst…“

Sie hob die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen. Es war nicht nötig, dass Darius zu Ende sprach. Sie kannte die Strafe für Regelverletzungen der Zusammenkunft. Und sie war noch immer auf Bewährung.
 

Frankreich, Paris, eine kleine Kirche in der Nähe von Methos’ Appartement, Gegenwart.
Micky saß neben Methos auf der harten Kirchenbank und berichtete ihm, was Darius vergangene Nacht erzählt hatte. Das meiste zumindest. Sie hielt Wort und wahrte das Geheimnis über die Identität Derjenigen. Er wurde immer blasser.

Das ist doch echt krank. Eine Wette?! Und wenn die Guten verlieren, geht die Welt unter?! Wer kommt auf so eine kranke Idee?!“ Micky verzog das Gesicht, sagte aber nichts. „Und wie kommen wir an dieses Schwert?“
Wir stehlen es, Methos. Du musst Isis und Amanda finden. Wir brauchen die besten Meisterdiebe, die wir kennen. Denn ich glaube nicht, dass es noch in seinem Büro hängt. Er wird es weg geschafft haben, jetzt da ich weiß, was es bedeutet und es scharf bewachen lassen.“
Glaubst du, er weiß, dass du es weißt?“
Oh ja, er weiß es…“, sie zögerte kurz und haderte mit sich. Doch Methos musste wissen, mit welchem Gegner er es zu tun hatte. „Methos, da ist noch mehr. Noah Woodhouse, ich kenne ihn. Er ist Kyle Wittmore.“ Methos schnappte nach Luft.
Kyle Wittmore? Der Kyle? Er… ich meine… du willst doch nicht sagen, er ist der Kyle, der dich damals kurz vor dem Erdbeben lebendig in einem Sarg begraben hat, weil du ihn verlassen hast?“ Sie nickte und erinnerte sich im gleichen Augenblick wie Methos an diese schreckliche Nacht. Die schrecklichste ihres gesamten, langen Lebens.

 

Nordamerika, San Francisco, 18. April 1906, 5 Uhr morgens.
Michelle erwachte aus einem Alptraum, noch immer spürte sie die Beklemmung. Sie hatte geträumt, lebendig begraben worden zu sein. Schaudernd wollte sie sich ausstrecken in ihrem Hotelbett. Heute wollte sie nach Russland zurückkehren an den Zarenhof zu den Romanows, zu ihrer Freundin, der Zarin Alexandra.

Was zum…“, setzte Michelle zu einem Fluch an, weil sie sich nicht ausstrecken konnte. Unmittelbar hinter ihrem Kopf war das Ende des Bettes. Wieso war es so dunkel? Sie suchte tastend nach der Nachttischlampe. Sie war nicht da. Sie wollte die Beine von dem gemütlichen französischen Bett schwingen und schlug gegen etwas Hartes. Panik ergriff sie. Was war hier los zum Teufel? Sie konnte sich dunkel erinnern, dass sie gestern ihrer Urlaubsbekanntschaft Kyle Wittmore mitgeteilt hatte, dass sie nach Russland abreisen würde. Er war nicht begeistert gewesen, ganz und gar nicht. Da er ein Unsterblicher war, hatte Michelle gefürchtet, er könnte sie zum Duell fordern. Doch überraschenderweise hatte er sie zum Essen eingeladen. Sie hatten Unmengen Rotwein getrunken. Michelle konnte sich nicht mehr erinnern, wie sie ins Hotel, geschweige denn ins Bett gekommen war. Sie hob die Hände und spürte unmittelbar über ihrem Kopf Samt und etwas Hartes. Sie ballte die Linke zu einer Faust und pochte dagegen. Holz. Holz? Nein. Nein, das konnte nicht sein. Ihre Beine streckten sich nach unten und trampelten gegen Holz. Er hatte sie in einen Sarg gelegt. Dieses kranke, perverse Schwein hatte sie lebendig begraben, weil sie den Urlaubsflirt beendet hatte.

Okay, keine Panik, Dubois. Du hast schon Schlimmeres überstanden.“ Was zum Beispiel? fragte ihr Unterbewusstsein gehässig. Den Tod von Henry mit ansehen zu müssen beispielsweise. Das Massaker ihres Cheyenne-Stammes. Immer war ihr Überleben bedingt durch die Erneuerung schlimmer als mit den anderen, die sie geliebt hatte, gemeinsam zu sterben, das Schlimmste gewesen. Aber mal ehrlich, was gab es Schlimmeres, als lebendig begraben zu werden? Wenn sie niemand fand, würde sie wieder und wieder ersticken müssen. Sicher, das war nicht so schmerzhaft wie ihr erster Tod. Aber in der Dunkelheit, in der Einsamkeit nur mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, zu merken wie das Gehirn immer langsamer arbeitete und alle Organe aufgrund des Sauerstoffmangels nach und nach ihre Arbeit einstellten.

Oh Gott“, stöhnte sie. An den glaubst du nicht, sagte ihr Unterbewusstsein noch ein klein wenig gehässiger. Sie zählte stumm bis zehn, sog Unmengen an Sauerstoff in ihre Lungen und schrie aus vollem Halse: „Hilfe! Hilfe! Hört mich jemand?“ Sie war sicher, dass Kyle irgendwo in der Nähe war. Er wollte sie bestrafen, weil sie den Urlaubsflirt, der in seinen Augen offenkundig mehr gewesen war, beendet hatte. Sie schrie und schrie, bis ihre Lungen leer waren. Dann holte sie Luft und schrie erneut. Wer würde sie retten, wer finden? Dann erinnerte Michelle sich an etwas von früher. In den alten Tagen hatten wohlhabende Leute sich mit Glöckchen begraben lassen und jemanden bezahlt, der sich tagelang ans Grab setzte. Für den Fall, dass der vermeintliche Tote doch nicht tot war. Michelle tastete an sich herunter und fand ihre Hosentasche. Und darin ihre Zigaretten und Streichhölzer. Sie legte sich beides auf die Brust, steckte sich eine Zigarette in den Mund und zündete sie mit einem Streichholz an. Sie nahm einen tiefen Lungenzug.

Die Dinger werden mich noch mal umbringen“, bemerkte sie und verfiel kurzzeitig in ein hysterisches Gelächter. „Oh wie interessant, der Sauerstoffmangel setzt langsam ein. Hihi, so, dann schauen wir mal, ob Kyle mir wenigstens eine kleine Chance gegeben hat.“ Sie tastete mit der freien Hand beide Wände zu ihrer Rechten und Linken ab. Und tatsächlich, da war eine Schnur. Sie zog daran und im selben Augenblick begann die Erde zu beben.

 

Nordamerika, San Francisco, 18. April, 5:12 Uhr.
Wow, ich bin echt stark“, bemerkte Michelle kichernd. Der Sauerstoffmangel setzte ihr allmählich mehr zu, als ihr lieb war. Doch das begriff sie nicht mehr wirklich. Ihr Körper bereitete sich darauf vor zu sterben. Langsam aber sicher. Sogar die Zigarette war schon ausgegangen. An dem Streichholz hatte sie sich die Finger verbrannt. Sie zog wieder und wieder an der Schnur. Oben, sechs Fuß über ihr auf dem Grundstück, das Kyle Wittmore, der erfolgreiche Geschäftsmann bewohnte, läutete das Glöckchen. Doch das Erdbeben, das San Francisco nahezu vollständig zerstören sollte, war lauter als jedes Glöckchen, lauter als jede Sirene oder jeder Angstschrei, der an diesem Aprilmorgen im Paris des Westens, wie San Francisco genannt wurde, zu hören war.

Immer heftiger wurden die Erschütterungen, die Michelle in ihrem Grab spürte. Steine, Holzbalken, Glasscheiben fielen auf das frische Grab und begruben sie mehr und mehr.

Scheißart zu sterben“, trällerte Michelle immer noch lachend. Sie verspürte Müdigkeit, die langsam durch ihre Knochen und Richtung Gehirn kroch. Weit entfernt verriet ihr Verstand ihr, dass sie bald tot sein würde. Müde, schlafen, nicht denken….


Nach Luft schnappend erwachte Michelle und trat heftig um sich. Jetzt nahm sie sich keine Zeit für logische Überlegungen. Sie schrie wie am Spieß, riss an dem Seil mit der Glocke.

Irgendwann schlief sie vor Erschöpfung ein und starb ein weiteres und ein weiteres Mal den qualvollen Erstickungstod.

 

Nordamerika, San Francisco, 10 Uhr morgens.
Und ein weiteres Mal wurde sie wiederbelebt. Über sich hörte Michelle ein Scharren und Graben.

Hilfe! Hilfe! Ich bin hier! Ich bin am Leben!“ Sie trat und schlug und schrie, damit sie Derjenige, der dort oben war, finden würde.
Endlich wurde der Sargdeckel aufgerissen, sie schnappte nach Luft. Hustete, denn es roch verbrannt und nach austretendem Gas.

Sag’ mal, Hochwohlgeboren, was zum Teufel machst du in einem Sarg?“ Über sie gebeugt hockte Methos und streckte ihr eine Hand entgegen. Zitternd nahm sie sie und ließ sich aus ihrem Grab ziehen.
Was…“, hustete sie. „Was… soll die doofe Frage?“, wieder hustete sie.
Na ja, wir haben unser Schiff verpasst, meine Liebe. Du kamst nicht, also bin ich zu deinem Hotel gegangen. Dort sagte man mir, du wärst mit diesem Kyle weggegangen. Ich habe seine Adresse raus gefunden und mich auf den Weg gemacht. Und irgendwann ist dann die Welt untergegangen oder zumindest San Francisco.“
Was meinst du?“ Er zog Michelle auf die Füße und dann erkannte sie mit Entsetzen, dass Methos keinen Witz gemacht hatte. San Francisco war dem Erdboden gleich gemacht.
Wir sollten uns irgendwo einen Unterschlupf suchen. Ich glaube in den nächsten Tagen wird kein Schiff nach Europa auslaufen. Zumindest nicht von San Francisco aus.“ Er zog seinen Mantel aus, legte ihn Michelle um die Schultern und führte sie von der Ruine weg, die bis vor wenigen Stunden noch das Zuhause von Kyle Wittmore gewesen war.

 

Frankreich, Paris, die Gegenwart.
Das kann alles nur ein schlechter Traum sein“, meinte Methos, doch irgendetwas sagte ihm, dass es kein Traum war.
Das habe ich vor einhundert Jahren auch gedacht, als ich in dem Sarg aufgewacht bin. Jetzt weißt du, mit was für einem Irren wir es zu tun haben.“ Und er wusste, dass er Micky nie mehr mit einem Schwert in Kyles Nähe lassen durfte. Sollte sie ihn im Duell besiegen, wäre sie nicht mehr zu retten. Ihre Seele wäre auf ewig verloren. Was seine Seele anging, er glaubte, stark genug zu sein, um mit der Belastung fertig zu werden. Ein ehemaliger Reiter der Apokalypse war hart im Nehmen.
Und wie geht es dir seit du weißt, wer Noah Woodhouse ist?“ Er sah seine Freundin besorgt an.
Ich... Ich habe schon manch andere Hiobsbotschaft verkraftet, Methos.“ Aber keine traf dich härter als die letzte Nacht, hörte sie die Stimme. Sie ballte hinter ihrem Rücken eine Hand zur Faust und grub die Nägel ins Fleisch, um sie zum Schweigen zu bringen.
Dann sollte ich mich auf den Weg machen. Vielleicht wissen Joe oder Maurice, wo Amanda und mein geliebtes Eheweib sind.“ Bei dem Gedanken, mit Isis zusammenarbeiten zu müssen, verkrampfte sich sein Magen. Glücklicherweise konnten Unsterbliche keine Magengeschwüre bekommen, ansonsten würde er seines schon seit seinem ersten Hochzeitstag mit sich rumschleppen.
Wissen werden sie es schon, aber ob sie es dir sagen, ist eine andere Sache. Frag’ Papa Maurice. Ich denke, er wird gesprächiger sein als Joe … Kommst du heute Abend zum Hausboot? Dann können wir unsere Informationen austauschen.“
Kommst du nicht mit?“
Nein, ich möchte noch einen Augenblick alleine sein.“
Du bist nie alleine, hörte sie die höhnische Stimme in ihrem Kopf. Micky unterdrückte ein Schaudern und rang sich ein Lächeln ab. Methos stutzte einen Moment, doch was Micky auch immer sonst noch Sorgen bereiten mochte, sie sagte es nicht.

Daher nickte er nur einverstanden, hauchte ihr einen Kuss auf die Wange und verließ mit flatterndem Mantel die Kirche. Micky sah ihm einen Augenblick hinter her, dann glitt er Blick zum Altar und blieb an dem Kreuz hängen. Endlich war Darius einmal großzügig gewesen und hatte ihr mehr erzählt, als sie zu träumen gewagt hatte. Mehr, als ihr ehrlich gesagt, lieb gewesen war.

Bis er die beiden gefunden hat, wird es schon zu spät sein. Der kriegt doch nie was gebacken. Außerdem wird Woodhouse das Schwert besser bewachen lassen als die Queen die Kronjuwelen im Tower von London, hörte sie die Stimme in ihrem Kopf. Micky fluchte erst in Gedanken, dann platzte ihr der Kragen.
Halt die Klappe, Sikes! Halt einfach die Klappe! Ich kann dein ewiges Gemecker nicht mehr ertragen."
Was willst du tun? Uns in der Seine ersäufen? Wird nicht lange anhalten. Du hast mich an der Backe kleben, meine Süße. Ich bin ein Teil von dir, verehrte Comtesse.

Ja, aber ich habe die Kontrolle, Sikes. Du bist nur noch ein stiller Beobachter. Und so wird es auch bleiben.“ Er lachte fies.
Klar, sehr still. Meine Einwürfe während deines kleinen Disputs mit Duncan haben den Streit erst richtig angefacht und dich zum Kochen gebracht.

Ja, dank dir wäre meine Ehe fast in die Brüche gegangen. Aber das lasse ich nicht zu, Sikes. Niemals, hörst du!“

Methos drehte sich mit der Hand am Türgriff des Kirchenportals um und lauschte. Hatte er da gerade den Namen „Sikes“ gehört? Sein Adamsapfel hüpfte hektisch auf und ab. Das konnte nicht sein.

Leise schlich er zu einer Säule und spitzte die Ohren. Micky unterhielt sich. Aber mit wem? Die Kirche war leer. Da fiel wieder der Name. Er hatte sich nicht verhört. Methos stöhnte auf, das durfte doch alles nicht wahr sein. Er hatte gedacht, Sikes wäre erledigt und die Zeit der schwarzen Seele vorüber. Doch wie es schien, war Micky zwar nicht seelenlos, musste sich aber ihren Körper mit Sikes teilen. Gerade hörte Methos, wie sie sagte, dass Sikes nur ein stiller Beobachter wäre. Dennoch war das eine echt üble Sache.

Sikes, ich rate dir, in nächster Zeit, den Ball flach zu halten. Ich habe keinen Nerv dafür. Ich muss mich um Diejenigen und das Konsortium kümmern. Und vielleicht finde ich nebenbei einen Weg, dich endgültig loszuwerden… Ich…“ Sie verstummte. Die Kirchentür war in dieser Sekunde erst zugefallen. „Oh nein, glaubst du Methos hat uns gehört?“
Und wenn schon. Was glaubst du, dass er tun wird? Zu deinem lieben Gatten rennen? Erinnere dich, als ich die Kontrolle hatte. Er hatte sich geweigert, deinen Kopf zu nehmen. Es war Duncan, der es tun wollte. Glaubst du, da wird er zu ihm rennen und brühwarm erzählen, dass ich noch da bin? Bestimmt nicht.

Sikes, du bist zwar ein Dreckschwein. Aber was du sagst, entbietet nicht einer gewissen Logik.“
Danke für die Lorbeeren.

Höfliche Konversation kannst du dir sparen. Ich werde dich irgendwie los. Und wenn…“
Es dich deinen Kopf kostet? Wäre schade, ich habe mich daran gewöhnt, mit deinen Augen zu sehen. Er lachte. Lange, laut und richtig fies. Das Echo halte noch in Mickys Kopf nach, als sie sich langsam auf den Weg zum Ausgang machte.

Methos trat durch die Kirchentür ins Freie, völlig verstört. Er konnte nicht glauben, was er da gerade gehört hatte. Sikes war noch da. Seine Seele, seine Präsenz lebte in Micky weiter. Sie schien ihn zwar unter Kontrolle zu haben. Aber für wie lange? Was würde passieren, wenn sie mal richtig wütend werden würde? Was sollte er tun? Zu Duncan konnte er nicht, noch nicht. Er musste eine Möglichkeit finden ihr zu helfen, das war er Micky schuldig.

Gottverfluchte Scheiße!“ entwischte ihm die Verwünschung, bevor er es verhindern konnte.

Er hob den Kopf und sah in das tadelnde Gesicht einer Nonne in voller Ordentracht. Verlegen kratzte Methos sich am Kopf und murmelte: „Entschuldigung, Schwester. Ich habe gerade einen Brief vom Finanzamt bekommen.“ Die Schwester schüttelte missbilligend den Kopf und schlug das Kreuz.

Dann ging sie in die Kirche hinein, und Methos hatte sie schon wieder vergessen. Er hatte Wichtigeres zu tun. Micky musste von Sikes’ Präsenz ein für alle Mal befreit werden. Doch wie sollte er das bewerkstelligen? Darius hätte es vielleicht gewusst. Ihn rufen konnte er aber nicht, nur gemeinsam mit Duncan oder Micky. Dumm gelaufen.

Doch dann kam Methos ein Gedanke. Er wusste, wer vielleicht helfen konnte. Darius hatte ihm einmal gesagt, wenn er oder die anderen Hilfe bräuchten, sollte Methos sich an einen Freund von Darius wenden. An Bruder Michael. Einen Unsterblichen, einen Mönch, wie Darius es gewesen war. Und sein Konvent befand sich zufälligerweise hier in Paris.

Taxi!“ rief Methos und sprang an den Straßenrand.

 

 

8. Zwei Seelen schlagen, ach, in meiner Brust!

 

Frankreich, Paris, Rue Geoffroy Saint Hilaire, am Vormittag.
Micky hatte ihren Z3 auf der Rückseite des Jardin des Plantes, dem Botanischen Garten von Paris, geparkt und ging nun zu Fuß zu ihrem eigentlichen Ziel. Die Anlage hatten vor langer Zeit Jean Herouard und Guy de La Brosse, ihres Zeichens Leibärzte von Louis XIII., angelegt als königlichen Heilkräutergarten.

 

Ein kalter Herbstwind gepaart mit feinem Nieselregen hatte Mickys geliebte Stadt fest im Griff. Sie schlug den Kragen ihres Mantels hoch und machte große Schritte. Die spitzen Absätze ihrer Lederstiefel klapperten über das Kopfsteinpflaster. Während sie eine Hand auf ihr Schwert gelegt hatte, das sicher unter ihrem langen, gefütterten Mantel verborgen war, hielt sie die andere Hand von sich weggestreckt, um ihr Gleichgewicht zu halten. Das Kopfsteinpflaster war rutschig und machte ihr den schweren Weg nicht gerade leichter.

Sie ging die Straße weiter entlang und hielt Ausschau nach ihrem Ziel. Zwischen einer Boulangerie und einem Blumengeschäft lag es leicht versteckt und war auch nur Insidern bekannt. Noch wenigen Schritten stand Micky endlich vor dem Geschäft, wo sie sich Hilfe versprach. Sie stieß die Ladentür auf, ein Glöckchen bimmelte über ihrem Kopf und kündigte ihr Erscheinen an. Doch der Besitzer des Ladens hätte auch ohne diese Vorwarnung gewusst, dass Micky da war.

Ich komme sofort“, hörte sie eine krächzende, alte Stimme aus dem hinteren Bereich des Ladens. Micky knöpfte ihren Mantel auf und schüttelte sich den Regen aus dem Haar.
Was zum Teufel wollen wir hier, Comtesse? hörte sie Sikes verblüfft.

Hilfe suchen für mein Problem“, erwiderte sie.
Problem? Was für ein Problem? Du hast doch gar keine Probleme.

Du bist mein Problem, Sikes“, zischte sie gereizt.

Ein schwerer Samtvorhang wurde zur Seite geschoben und hindurch huschte Meister Unterhauser gekleidet in seinen typischen blauen Umhang mit aufgenähten Sternen. Er erkannte Micky und strahlte über das ganze von Falten zerfurchte Gesicht.

Michelle, meine Schülerin! Was für eine Freude! Was kann ich für dich tun? Komm näher. Komm, komm. Ich habe gerade frischen Mooskrauttee gekocht.“ Micky versuchte, ein Grinsen zu unterdrücken.
Meister, mit dem Tee wollte Darius mich auch immer vergiften.“ Unterhauser quiekte vergnügt wie eine Maus.
Ja, ja. Darius, der alte Schlingel. Mein Rezept hat er sich einfach so unter den Nagel gerissen. Hihi. Ich vermisse den alten Kuttenträger schon irgendwie.“ Er sah Micky einen kurzen Augenblick eindringlich an. „Hast kürzlich mit ihm gesprochen, wie?“
Ja, letzte Nacht.“ Sie spürte einen feinen Stich in der Herzgegend. Darius war jetzt seit elf Jahren tot. Doch sie vermisste ihn noch immer wie zu Beginn. Und an manchen Tagen war der Schmerz so stark wie während des Fluges zu seiner Beerdigung. Und mehr noch. Mit jedem Treffen und jedem Ratschlag, den er ihr erteilte, wurde der Schmerz schlimmer und ein wenig unerträglicher.
Was also führt dich zu mir? Komm, wir gehen nach hinten. Ich schließe nur kurz ab.“ Er huschte flink wie ein Wiesel – was man ihm angesichts seiner augenscheinlichen Gebrechlichkeit gar nicht mehr zutraute - an Micky vorbei und schloss die Ladentür ab. Dann schob er seine ehemalige Schülerin keinen Widerspruch duldend in das Hinterzimmer seines Esoterikladens.

Ein vertrauter Geruch lag in der Luft. Eine Mischung aus getrockneten Kräutern und muffigen alten Büchern. Und Tatsache - überall waren alte, teils handgebundene Bücher, Nachschlagewerke, Zauberbücher und Gläser mit irgendwelchen getrockneten Tierteilen und Kräutern verteilt und gestapelt. Es sah genauso aus wie damals in Wittenberg. Nur die moderne Heizung und die Senseo-Maschine passten so gar nicht zu dem Bild, das Micky nun vor Augen hatte. Meister Unterhauser verstand es offensichtlich, das Beste aus seiner Vergangenheit und der heutigen Zeit miteinander zu verbinden.

Sie griff gerade nach einem Geisterbeschwörungsbuch, mit dem sie seinerzeit gelernt hatte – es war exakt das Exemplar, wie sie erstaunt bemerkte – sie erkannte es an dem Stich. Ihr erster unsterblicher Gegner Thomas von Budenberg hatte mit einem Dolch auf ihr Herz gezielt und ihn nach ihr geworfen. Das Buch hatte ihr das Leben gerettet. Wie sie erst vor einigen Jahren von Joe Dawson erfahren hatte, war Thomas von Budenberg der Typ Mann gewesen, der nicht lange fackelte. Er hätte Micky den Kopf genommen, ehe sie wieder zu sich gekommen wäre.

Mit dem Buch in der Hand drehte sie sich zu zwei gemütlichen Sesseln um. Dort von einem Regal aus starrte sie ein Totenkopf an. Sie fragte sich, ob das ein alter Bekannter von Unterhauser gewesen war. Vielleicht Michael Kaufmann? Nicht drüber nachdenken, verwarf sie den Gedanken gleich wieder.

Micky schlüpfte aus ihrem roten gemütlichen Mantel, hing ihn in die Nähe der Heizung, neben einen Ledermantel, der so gar nicht zu Meister Unterhausers Stil zu passen schien. Keinen weiteren Gedanken an den Mantel verschwendend setzte sie sich in einen der beiden bequemen Ohrensessel. Mit ruhiger Hand schenkte Unterhauser nun zwei Tassen Tee ein und schob Micky eine Dose mit Ingwerkeksen zu.

Ich hätte lieber einen Kaffee, Meister.“ Er schüttelte den Kopf.
Bei der Problemlösung ist Mooskrauttee hilfreicher als Kaffee. Nimm einen Keks, die hast du doch früher immer so gerne gegessen.“ Lächelnd griff Micky danach und musterte nachdenklich das Gebäck in ihrer Hand, sagte aber nichts.
Rückst du jetzt endlich mal damit raus, was dich bedrückt oder muss ich mich in mein Schwert stürzen vor Langeweile?“
Zwei Seelen schlagen, ach, in meiner Brust, Meister“, zitierte sie und hörte Sikes im Hintergrund hämisch lachen. Sie musste sich zwingen, nicht die Hand, mit der sie den Keks hielt, zur Faust zu ballen und ihn zu zerbröseln.
Faust? Seit wann interessierst du dich denn für Goethe, meine Liebe?“
Das hat mit Eurem Landsmann wenig zu tun, Meister. Ich bin besessen.“
Unterhauser rückte näher heran und starrte Micky äußerst intensiv über die Ränder seiner halbmondförmigen Brillengläser hinweg an.

So siehst du aber nicht aus, Kind.“
Ich bin’s aber, Meister. Na ja, nicht richtig besessen. Es ist eher so, dass in meinem Körper eine zweite Seele wohnt.“
MPS“, diagnostizierte Unterhauser sofort und sichtlich zufrieden. „Da solltest du eher zu einem Psychiater gehen als zu einem Alchimisten.“
Meister, ich leide nicht unter Multipler Persönlichkeitsstörung. Und selbst wenn, soll ich dem Psychiater vielleicht sagen: Hallo, ich bin Micky MacLeod, ich bin 507 Jahre alt und ich habe MPS? Das hätte vielleicht bei Freud funktioniert, mit ihm habe ich ja so einen ähnlichen Scherz abgezogen, als wir uns kennen lernten. Aber nein, ich habe keine MPS. Ich habe die Seele von Christopher Sikes in mir.“
Mann, der alte Tattergreis kapiert ja null. Hol’ dir seinen Kopf und wir verschwinden.

Halt die Klappe!“ platzte es aus Micky raus, noch ehe sie es verhindern konnte.
Wie?!“ fragte Unterhauser erschrocken.
Nein, nicht Ihr, Meister. Ich meinte Sikes. Er machte eine freche Bemerkung über Euch. Ich kann ihn nur zum Schweigen bringen, wenn ich ihm laut antworte. Das nervt erstens, und es könnte mich irgendwann in ziemliche Schwierigkeiten bringen. Er hat vor einiger Zeit einen ziemlich heftigen Streit mit Duncan provoziert.“ Unterhauser kräuselte die Nase und schob seine Brille zurecht.
Ich weiß nicht, wie ich dir helfen könnte, Kind. Ich bin nur…“
Ich weiß, ein bescheidener Alchimist. Aber Ihr ward mein Meister. Und davon leben leider nicht mehr viele. Nakano ist tot, ebenso Nostradamus und Adam Lee. Und Darius, tja, der erzählt immer nur, wozu er gerade Lust hat.“ Und manchmal mehr, als Micky auf einen Schlag verdauen konnte.
Verstehe, du musst dich also mit mir zufrieden geben“, meinte Unterhauser, den Beleidigten spielend. Micky schüttelte heftig den Kopf.
Aber nein, Meister. Ich war so froh, als ich Euch an meinem Geburtstag getroffen habe. Und Euer Rat und Eure Freundschaft sind mir ebenso wichtig wie die meiner anderen Meister. Erinnert Ihr Euch noch an den Kaufmann in Wittenberg, der Euch immer niedergemacht hat?“ Unterhauser kicherte.
Ja, den hast du dann ganz schön niedergemacht, weil er seinen Mund nicht halten konnte.“ Micky stimmte in Unterhausers Lachen mit ein und nahm sich mit einem sehnsuchtsvollen Blick auf die Kaffeemaschine noch einen Keks.
Stimmt. Er kam mir gerade Recht. Ich kam von meinem ersten Duell, mein Kleid war zerrissen und schmutzig, ich hatte eine böse Schulterverletzung. Ich war so richtig stinkig, sehnte mich nach einem heißen Bad. Und ich war bei Martin Luther und seiner Frau Katharina im Schwarzen Kloster zum Abendessen eingeladen. Kaufmann lästerte wieder über Euch. Da hab’ ich ihn mit einem Kinnhaken zu Boden geschickt, dass sein Kiefer nur so gescheppert hat.“
Ja, hihi. Danach hat er nie wieder ein schlechtes Wort über mich verloren. Er war ja nur sauer, weil er von seiner Frau nach sieben Töchtern einen Sohn haben wollte. Das Mittel, das ich ihr gegeben habe, hat ihr aber nur einen Damenbart beschert. Was wusste ich schon von Frauenheilkunde? Ich bin doch Alchimist. Aber das hat den Michael Kaufmann nicht interessiert, nein, den nicht…“ Sein Blick blieb an dem Totenkopf hängen. Also doch, dachte Micky. „Er war es, durch dessen Hand ich unsterblich wurde. Nachdem du mit Adam Lee fort gegangen warst, hat er mich überfallen und erdolcht. Ihm gingen die Witze über seine Frau wohl doch ein wenig zu sehr auf die Nerven.“ Das hatte Micky nicht gewusst. „Und jetzt muss er mir für alle Zeiten Gesellschaft leisten, nicht wahr, Michael?“ Er kicherte wieder und warf einen bedeutungsvollen Blick auf den Totenkopf. Meister Unterhauser mochte wie ein liebenswürdiger, alter Narr aussehen, doch man sollte ihn besser nicht unterschätzen.

Micky schluckte hart an dem Keks und dem Kloß, der sich gerade in ihrem Hals gebildet hatte, sagte aber nichts. „Aber ich schweife ab, Michelle. Wir waren bei deinem Problem. Also definitiv keine MPS. Hast du es schon mal mit einem Exorzismus versucht?“
Meister, ich glaube nicht an Gott, und ich bin auch nicht vom Teufel besessen. In mir lebt die Seele eines wahnsinnigen Unsterblichen weiter, den ich enthauptet habe.“
Hey, ich bin nicht wahnsinnig! empörte Sikes sich.

Natürlich bist du wahnsinnig! Du warst Jack the Ripper! Du bist ein perverser Spinner, der viel zu lange auf der Erde sein Unwesen getrieben hat! Du hast mit uns allen dein krankes Spiel gespielt. Und außerdem bist du ein elender Sadist gewesen!“ Sie sah Unterhausers irritierten Blick. „Äh, ich rede mit Sikes…“ Unterhauser stand kommentarlos auf und ging zur Kaffeemaschine. Kaffee war wohl doch eine gute Idee.
Jetzt werd’ mal nicht gleich ausfallend, Schätzchen.

Dann sei still!!“ fauchte sie. Sikes zog sich zurück, Micky seufzte erleichtert. „Er ist weg. Also nicht wirklich, aber er hat sich zurückgezogen. Wir können jetzt ungestört reden.“ Unterhauser hantierte derweil an der Maschine herum, es zischte und fauchte, was wieder in dieses altertümliche Alchemielabor passte, und wenige Augenblicke später hatte Micky eine kleine Tasse feinsten Kaffees vor sich stehen.
Tja, also, ich könnte mal meine alten Bücher wälzen. Aber ich sehe da nicht viele Möglichkeiten. Vielleicht im Necronomicon...“
Damit die Götter mir den Tod gewähren, ehe die Alten wieder über die Erde herrschen?“ zitierte Micky aus dem Zeugnis des wahnsinnigen Arabers.
Na wenigstens hast du nichts von dem verlernt, was ich dir beigebracht habe.“ Wenn er nur wüsste, dass das Zitat schnell wahr werden könnte, wenn ich nicht dieses Schwert der Macht finde, dachte Micky besorgt.
Aber vielleicht ist zu sterben wirklich nur die einzige Möglichkeit…“ grübelte Micky und nahm sich einen weiteren Keks.
Bist du gestorben, seit dieser Sikes bei dir zur Untermiete eingezogen ist?“ Solche Gespräche waren zwischen Micky und Unterhauser normal, jeder andere, selbst ihre Freunde hätten die Stirn in Falten gelegt und wahrscheinlich doch den Psychiater angerufen.
Ja. Methos hat mich direkt nach der Belebung erschossen, weil er gesehen hatte, dass ich nicht mehr ich selbst war. Dann haben wir gegeneinander gekämpft, und ich bekam zumindest die Kontrolle über meinen Körper wieder. Allerdings dachten wir da noch, er wäre wirklich weg. Und dann am Abend von Richies Geburtstagsfeier wurde ich noch einmal erschossen. Seit dem nichts mehr.“
Und seit wann hörst du ihn?“ Sie überlegte, horchte kurz in sich hinein. Doch Sikes antwortete nicht. Er war beleidigt.
Keine Ahnung. Er war einfach irgendwann da. Was soll ich nur machen? Er treibt mich in den Wahnsinn.“ Meister Unterhauser nickte mitfühlend und tätschelte ihre zierlichen Hände.
Ich versuche dir zu helfen, mein Kind. Geh’ spazieren. Komm’ heute Abend wieder vorbei. So gegen zehn.“ Sie nickte, trank den Kaffee aus und stand auf. Ein letzter von wohligem Schaudern begleiteter Blick auf den Totenkopf, dann nahm ihren Mantel und ging.

 

Frankreich, Paris, Kloster St. Claude, zur selben Zeit.
Das Kloster war im 16. Jahrhundert gegründet worden und bot Bruder Michael fast schon ebenso lange ein Obdach. Darius hatte ihn hier zu seinen Lebzeiten oft besucht. Es war ein kleines Kloster, das gerade einmal zwanzig Brüdern ein Obdach bot. Es war ein beschaulicher Ort entspannter Meditation und gottgefälliger Arbeit.

Methos klopfte an die hölzerne Klosterpforte, die sogleich geöffnet wurde. Ein hagerer Mönch mit spitzer Nase starrte ihm missmutig aus grauen und hellwachen Augen entgegen.

Wir kaufen nichts.“ Er warf die Tür ins Schloss. Methos seufzte und klopfte erneut.Wir kaufen nichts“, war wieder die Antwort. Doch bevor dieses Mal das Tor ins Schloss fallen konnte, drückte Methos es weiter auf.
Ich verkaufe auch nichts. Ich möchte zu Bruder Michael.“ Der Mönch seufzte nun seinerseits, allerdings sehr ungehalten.
Bruder Michael ist nicht zu sprechen.“ Er wollte das Tor schon wieder schließen, doch Methos drückte dagegen.
Sagen Sie ihm, mein Name ist Methos. Ich war ein Freund von Darius. Und ich brauche seine Hilfe.“ Der Mönch überlegte kurz. Besucher gab es nicht viele, aber es gab klare Anweisungen, wenn sie vor der Tür standen und um Einlass baten.
Warten Sie hier.“ Nun ließ Methos es zu, dass er die Tür schloss.

Es war ein ekliger Herbsttag, doch was tat Methos nicht alles für seine Freunde. Er hatte den Kragen hochgeschlagen und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Jetzt wartete er schon zehn Minuten. Diese Mönche hatten echt die Ruhe weg. Gut, das hatte Darius auch gehabt. Ihn hatte nichts aus der Ruhe bringen können, und mit dieser Einstellung hatte er meistens die anderen aus der Ruhe gebracht.

Im nächsten Moment spürte Methos die Gegenwart eines Unsterblichen. Dann öffnete sich die Klosterpforte erneut.

Bruder Michael?“ fragte er den grauhaarigen Mönch, der ihm im Gegensatz zu seinem Mitbruder interessiert entgegen sah.
Ja, der bin ich. Sie waren ein Freund von Darius?“
Ja, das war ich. Er sagte mir einmal, wenn ich oder einer meiner Freunde dringend Hilfe bräuchte, sollte ich mich an Sie wenden.“
Ja, das habe ich ihm versprochen. Er hat mir das Leben gerettet, vor langer Zeit. Dafür versprach ich ihm diesen Gefallen. Also, wer braucht Hilfe? Sie?“
Nein, eine Freundin. Meine beste und älteste Freundin.“ Der Mönch bat Methos herein. Sie schritten gemeinsam durch den Kreuzgang und gingen in die kleine Bibliothek des Klosters, wo er Methos am prasselnden Kaminfeuer einen Tee anbot.
Dann erzählen Sie mal, Methos. Von Ihnen habe ich natürlich gehört. Man sagt, Sie seien eine Legende.“ Methos grinste, wie üblich, wenn das Gespräch auf seinen Ruf zu sprechen kam und warf vier Stücke Würfelzucker in seinen Tee.
Tja, nach 5.000 Jahren kommt man zu einem gewissen Ruf. Aber wie gesagt, es geht nicht um mich. Es geht um meine Freundin Michelle.“ Methos sah dem Mönch an der Nasenspitze an, dass er schon von der Comtesse gehört hatte. Was ihn nicht wirklich überraschte. Mit wem hätte Darius auch sonst über sie reden können, wenn nicht mit einem anderen Mönch?
Ah ja, Michelle Dubois. Seine große Liebe neben Gott. So hat er sie immer genannt. Wussten Sie, dass er manchmal die ganze Nacht am Telefon über ihren Schlaf gewacht hat, wenn sie von den Alpträumen ihrer Vergangenheit geplagt wurde? Ja, Darius war ein wahrer Freund.“ Methos lächelte und versuchte sich die Szene vorzustellen, was ihm auch ganz gut gelang.
Das bin ich auch, Bruder Michael. Deswegen bin ich hier. Haben Sie schon mal vom Funken des Bösen gehört?“ Bruder Michael zuckte kurz zusammen und fuhr sich nachdenklich durch den grauen Vollbart. „Ihrer Reaktion entnehme ich, dass es so ist. Micky war davon besessen. Auf Darius’ Anraten habe ich mich ihr zum Kampf gestellt und war bereit mich zu opfern. Zum Glück kam es nicht dazu. Wir dachten, sie wäre geheilt. Doch das war ein Irrtum…“ Methos erzählte, was er in der Kirche mit angehört hatte.

Als er geendet hatte, trank Methos seinen inzwischen kalt gewordenen Tee in einem Zug aus.

Nun, was sagen Sie, Bruder Michael?“
Es gibt nur einen Weg, Methos. Und das ist kein leichter.“ Methos seufzte, das kannte er ja nun schon seit 320 Jahren.
Nichts, was mit Micky zu tun hat, ist leicht“, bemerkte er grinsend.
Sie muss sterben.“ Methos’ Teetasse landete scheppernd auf dem Unterteller.
Hey, mal halblang. Ich werde ihr nicht den Kopf nehmen. Niemals! Ich bin wirklich bereit alles für sie zu tun. Aber das auf keinen Fall! Damit könnte ich unmöglich weiterleben. Damit könnte ich Duncan und den anderen nie wieder unter die Augen treten.“
Nein, nein. Sie missverstehen mich, Methos. Sie muss sterben und dann die Belebung erfahren. Es darf in der näheren Umgebung kein Unsterblicher sein, auf den seine Seele übergehen könnte. Sie muss allein sein. Aber sie kann sich nicht selbst töten. Sie müssen ihr helfen. Und es muss ein traumatischer Tod sein. Das ist die einzige Möglichkeit.“
Traumatisch? Da gibt es nur zwei Möglichkeiten. Das erste Mal, als sie unsterblich wurde, wurde sie erdolcht. Aber da könnte er auf mich überspringen. Das andere war fast genauso schlimm. Sie starb mehrmals in einer Nacht. In einem Sarg, lebendig begraben.“
Dann muss es das sein.“ Methos seufzte. Das war nicht gerade, was er sich unter Hilfe für Micky vorgestellt hatte.

 

 

Frankreich, Paris, Duncans Hausboot, halb zwölf in der Nacht.
Micky saß alleine mit einer Flasche Bier auf Deck und starrte aufs Wasser. Das Gespräch mit Unterhauser war aufschlussreich, aber nicht gerade ermutigend gewesen. In einen Sarg sollte sie sich legen, freiwillig und sterben. Es war nicht gerade das Ergebnis, das sie sich versprochen hatte. Aber es war eine Möglichkeit, sollte sie Sikes nicht länger unter Kontrolle halten können. Doch soweit war es noch nicht.

Sie spürte einen Unsterblichen und hob den Kopf. Sie hoffte, es wäre Duncan, der vor einigen Stunden zu einem Duell aufgebrochen war.

Oh du“, sagte sie enttäuscht, als Methos das Boot betrat.
Ja, ich. Können wir reden?“
Wir reden doch schon. Nimm dir ein Bier.“ Er setzte sich neben Micky und nahm die Flasche entgegen.
Ist Duncan da?“ Sie nippte an ihrer Flasche und schüttelte den Kopf. Das lange, offene Haar flatterte im Wind. Micky schlang ihre blaue Strickjacke enger um ihre Schultern und sah Methos erwartungsvoll an. „Dann können wir ja ungestört reden. Ich weiß von Sikes. Ich habe euch gehört in der Kirche.“ Micky verschluckte sich, wischte sich Bierschaum vom Kinn. Vielleicht konnte sie es aussitzen. Also trank sie trank einen weiteren Schluck ohne ihn anzusehen. „Hast du mich gehört, Michelle?“ Mist, aussitzen war wohl nicht. Doch jetzt war ein schlechter Zeitpunkt darüber zu diskutieren. Sie sorgte sich um Duncan.
Und?“ grummelte sie und lauschte. Doch Sikes war noch immer beleidigt und schwieg. Hallelujah! dachte sie.
Ich kann dir helfen.“
Wie?“
Du musst sterben.“
So weit bin ich auch schon, Methos. Ich war bei Unterhauser. Und von wem hast du es?“
Bruder Michael, ein alter Freund von Darius.“
Klar“, lachte sie bitter. „Darius. Sein Sinn für Humor war schon immer etwas eigenartig und makaber. Als hätte er mir letzte Nacht nicht schon genug Sorgen bereitet.“ Sie griff nach einer neuen Flasche Bier. Solange Sikes weg war, brauchte sie keinen klaren Kopf. Sie wollte sich einen Rausch antrinken und dann in das Bett unter Deck fallen. Eine Nacht ohne Alpträume verschlafen können, das wäre einfach herrlich.
Was hat er dir gesagt? Ich meine, den Teil, den du mir nicht erzählen willst.“
Kann ich dir nicht sagen. Diejenigen würden mir die Haut bei lebendigem Leib abziehen oder etwas ähnlich Nettes… Also, wie soll ich denn nun sterben?“ fragte sie gespielt heiter. Sie vermutete, dass dieser Bruder Michael Methos das Gleiche geraten hatte wie Meister Unterhauser ihr.
Du hast nen Knall. Ich hoffe, das weißt du.“ Wieder dieses bittere Lachen von Micky.
Ja, ja. Wenigstens nicht MPS, wie Unterhauser erst diagnostiziert hatte. Also?“
Ich darf nicht in der Nähe sein, wenn er deinen toten Körper verlässt. Und du musst richtig Angst haben. Da bleibt nur eine Möglichkeit. Ein Sarg.“
Alleine, in einem Sarg, sechs Fuß Erde über mir? Chérie, glaub’ mir, ich werde eine Scheißangst haben. Aber dazu bin ich noch nicht bereit. Ich kann nicht… Es war zu schrecklich vor 100 Jahren. Diese Nacht war die längste meines Lebens. Wenn du mich nicht gefunden hättest, wer weiß, für wie lange ich in dem Sarg gelegen hätte… Es ist eine Möglichkeit, sollte sich keine andere finden lassen. Aber erst, wenn Sikes sich nicht mehr kontrollieren lässt… Sieh mich bitte nicht so an, Methos.“ Methos erwiderte eine Zeitlang nichts, beide lauschten den Wellen, die gegen das Hausboot schlugen.
Was willst du sonst machen? Dir bleibt keine Wahl. Also wann wollen wir es durchziehen?“ Micky schwieg. Sie dachte an die Nacht des großen Bebens zurück. „Micky, sag’ was.“
Verdammt, Methos. Ich weiß es doch auch nicht. Morgen, nächste Woche. Keine Ahnung. Es ist ja nicht so, dass er mich kontrolliert. Ich kontrolliere ihn und meinen Körper.“
Für wie lange? Was ist, wenn du mal richtig wütend wirst, Comtesse? Hast du dich und ihn dann immer noch unter Kontrolle?“
Micky setzte zu einer Erwiderung an, da klingelte ihr Handy. Sie ging ran. Methos versuchte zu erraten, wer der nächtliche Anrufer war. Es gelang ihm nicht. Also nahm er sich noch ein Bier und wartete gespannt.

Wer war es?“ fragte er in derselben Sekunde, als Micky das Handy zusammenklappte. Sie starrte ihn entgeistert an. „Was ist denn jetzt schon wieder passiert? Ach, ich will es eigentlich gar nicht wissen… Nein, sag’s schon“, drängelte er. Unter normalen Umständen wäre Micky über seine Unentschlossenheit amüsiert gewesen. Doch in letzter Zeit war nichts mehr normal, was ihr passierte.
Das war Papa Maurice. Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht.“
Die gute, bitte.“
Er hat Isis und Amanda gefunden.“ Methos verzog das Gesicht und nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche.
Was ist denn dann bitte schön die schlechte?“
Joe liegt im Krankenhaus.“
Was?!“ Methos traute seinen Ohren nicht.
Er ist schwer, sehr schwer verletzt. So wie es aussieht, ist er von Kyles Leuten auf dem Weg zur Bar abgefangen worden. Sie haben ihn halb totgeschlagen. Kyle ist… Oh, dieser Mistkerl. Seine Schachzüge sind genial. Er will uns von allen Freunden und Helfern trennen. Dieser elende Mistkerl. Aber das wird ihm nicht gelingen.“
Was machen wir? Können wir Joe besuchen?“ Sie schüttelte bedauernd den Kopf.
Nein, Emily will keinen von uns in seiner Nähe sehen. Sie ist völlig ausgerastet, gibt uns die Schuld an dem Überfall. Ich kann sie sogar verstehen. Wir müssen Gras über die Sache wachsen lassen. Die Beobachter passen schon auf ihn auf.“ Methos schüttelte missbilligend den Kopf über die mangelnden Fähigkeiten seiner ehemaligen Arbeitskollegen.
Das hat man ja jetzt gesehen, wie gut sie auf ihre Mitarbeiter aufpassen. Soll ich nicht doch nach Kanada fliegen? Ich muss mich ja nicht sehen lassen, wenn Emily in der Nähe ist…“
Nein, Methos. Wir müssen uns das Schwert der Macht holen und Kyle zum Kampf fordern. Das heißt, du wirst ihn fordern. Ich trainiere mit dir. Ich weiß, wie Kyle kämpft. Ich habe damals mit ihm trainiert. Nicht lange, aber ich weiß noch, wie er das Schwert führt. Und der Stil von Michael Alexander könnte uns auch helfen.“
Methos überging den Hinweis auf den ehemaligen Verlobten seiner Frau. Stattdessen fragte er: „Was hat es mit diesem Schwert denn nur auf sich?“

Ich habe dir doch gesagt, dass man manche Unsterbliche nur mit diesem besonderen Schwert töten kann. Diese Regel wurde vor langer Zeit festgelegt. Und Kyle ist einer von ihnen.“
Was wird aus Sikes?“
Der muss warten. Sobald Isis und Amanda eingeweiht sind, fliegen wir nach Schottland und holen uns das Schwert.“
Micky…“
Nein, ich habe ihn unter Kontrolle. Und kein Wort zu Duncan. Das ist unser kleines Geheimnis.“ Was Methos überhaupt nicht passte.
Du bist schrecklich. Du weißt genau, dass ich dich nie verraten würde. Aber eins schwöre ich dir, sobald ich nur ein kleines Anzeichen sehe, dass du die Kontrolle verlierst, liegst du schneller in einem Sarg als du ‚Totengräber’ sagen kannst.“
Einverstanden“, sagte Micky und stieß mit dem Boden ihrer Bierflasche an die Flasche ihres Freundes an, um den Pakt zu besiegeln. Sie kam sich allmählich wirklich vor wie Faust, der um seine Seele kämpfte. Doch wer war in diesem Drama der Mephisto?

 

 

9. Die Vergänglichkeit des Seins

 

Frankreich, Paris, Duncans Hausboot, am nächsten Morgen.
Die sanfte Herbstsonne kroch durch die zugezogenen Vorhänge im Schlafbereich des Hausbootes und kitzelte Mickys Verstand ins Bewusstsein zurück. Sie reckte und streckte sich, bekleidet mit einem seidenen, dunkelroten Pyjama. Dann schlug sie die Augen auf und stieß einen erschrockenen Schrei aus. Neben ihr lag Duncan, oder eher das, was von ihm übrig war. Das Duell in der vergangenen Nacht mochte er zwar gewonnen haben, aber er sah aus, als käme er aus einer Schlacht längst vergangener Tage. Anscheinend war er in der vergangenen Nacht zu erschöpft gewesen, um sich das zerrissene blutige Hemd auszuziehen und sich wenigstens zu waschen.

 

Er lag auf dem Bauch, eine Hand hing über den Bettrand und lag in der Nähe seines griffbereiten Schwertes. Der ewige Krieger, dachte Micky belustigt. Als sie bemerkte, wie das Bett aussah, war es mit ihrer Belustigung und ihrer adligen Besonnenheit allerdings vorbei.

Oh Duncan, pfui. Du hast die Laken vollgeblutet!“ rief sie empört und gab ihm einen rüden Schups.
Häh?“ grunzte er verschlafen und schlug die Augen auf. Seine Knochen knackten schmerzhaft. „Oh, was für ein Kampf.“ Micky rollte genervt mit den Augen.
Geh’ duschen, du Ferkel, damit ich die Betten abziehen kann.“
Lass doch, die Putzfrau kommt nachher.“ Sie machte ein spöttisches Gesicht angesichts Duncans Vorschlags.
Und wie willst du ihr die Blutflecken erklären?“ fragte sie vorwurfsvoll.
„’Tut mir leid. Frank Shoemaker hat mir ganz schön zugesetzt, bevor ich mir seinen Kopf holen konnte.“
Das sieht man. Schon wieder ein Hemd hinüber. Ich rufe nachher Karl an, damit er dir ein paar neue anfertigt. Und jetzt unter die Dusche mit dir.“ Duncan stand auf und streckte sich, mit den Fingerspitzen berührte er die Decke.
Eine Frage noch, was macht Methos auf unserer Couch?“ Er drehte seinen Kopf und nickte in Richtung Wohnzimmer, wo auf dem schwarzen Ledersofa Methos lag, eingekuschelt in seinen Mantel und selig träumend wie ein Kleinkind. Leise Schnarchlaute drangen zu ihnen herüber.
Er wollte nicht gehen, solange du nicht da warst. Er war in Sorge wegen Noah Woodhouse, dachte seine Leute könnten hier auftauchen und auch mich überfallen…“ Duncan hatte die Überreste seines Hemdes ausgezogen, seine Haare geöffnet und durchsuchte seinen Kleiderschrank nach frischer Unterwäsche und einem Shirt. Er war noch nicht richtig wach, daher dauerte es einen Augenblick länger, bis er begriff, was Micky gesagt hatte. Nun drehte er sich um und sah sie fragend an.
Was heißt auch?“
Micky hatte damit angefangen, die Bettwäsche abzuziehen und warf die Laken auf einen Haufen zu seinen Füßen. Sie hielt kurz inne und sah ihn betrübt an.

Er hat Joe überfallen und schlimm zusammen schlagen lassen.“ Duncan ließ sich mit einem verblüfften Ausruf auf das Futonbett fallen.
Was? Und das sagst du mir erst jetzt? Wie schwer ist er verletzt? Wann ist das passiert? Was ist mit Emily und seinem Sohn? Geht es den beiden gut?“ Seine Stimme wurde immer lauter, Micky sah kurz zu Methos, der aber noch immer schlief.
Sie sprach deutlich leiser als Duncan, um ihn ein wenig zu beruhigen: „Emily und dem Baby geht es gut. Emily ist sehr aufgebracht, sie gibt uns die Schuld an dem Überfall. Und Joe, er ist sehr schwer verletzt. Wirklich sehr schwer.“ Duncan sprang vom Bett auf.

Ich fliege hin. Heute noch.“ Er war fest entschlossen, nichts konnte ihn davon abhalten. Auch nicht Emily Dawson. Wenn er erst einmal im Krankenhaus war, konnte er sie bestimmt überzeugen, dass Duncan keine Schuld an Joes Zustand trug. Sondern dass er sie und das Baby beschützen konnte, bis Joe wieder auf den Beinen wäre.
Duncan, sie will keinen von uns sehen.“
Ist mir egal, er ist mein Freund. Ich verdanke ihm so viel. Er hat mir immer geholfen. Er hat uns beiden geholfen, Horton ins Gefängnis zu bringen für den Mord an Darius. Du verdankst ihm auch viel. Er hat für uns immer wieder die Regeln der Beobachter gebrochen, wenn wir Informationen brauchten. Ich bin es ihm schuldig hinzufliegen.“ Sie nickte verständnisvoll.
Ich weiß, Duncan. Ich weiß.“ Sie ging zu ihm und umarmte ihn. Dann sah sie zu ihm auf und sagte: „Aber ich kann dich nicht begleiten. Wir wissen, wo Isis und Amanda sind. Methos und ich müssen nach Schottland und ein Schwert holen, mit dem er Kyle besiegen kann…“ Mickys Pläne überraschten ihn nicht wirklich. Er hatte geahnt, dass die Auseinandersetzung mit Woodhouse bald seinen Höhepunkt erreichen würde.
Kyle, ist das der wahre Name von Noah Woodhouse? Raus mit der Sprache, Micky. Du hast am Loch Shiel versprochen, dass du mir erzählst, wer er wirklich ist.“
Du solltest mit der Wahrheit rausrücken“, hörten sie Methos aus dem Wohnbereich rufen, der von ihrer lautstarken Unterhaltung wach geworden war, sich aufgesetzt und zu ihnen umgedreht hatte.
Halt die Klappe, du verdammter, mesopotamischer Querulant!! Bevor ich dir den Hals umdrehe!“ Sie schlug sich die Hand vor den Mund, Sikes war wieder da und hatte sie übertölpelt. Sie fluchte stumm. „Tut mir leid, Methos.“ Duncan verstand überhaupt nichts mehr. Seit wann entschuldigte seine Frau sich bei Methos für ihre frechen Sprüche? Hier stimmte etwas ganz und gar nicht.
Was läuft hier? Redet!“ Mickys Kopf schoss herum, sie sah Methos warnend und beschwörend an.
Methos, du bist still. Fahr’ nach Hause. Ich rufe dich nachher an.“ 
"Bekomme ich noch nicht mal einen Kaffee als Lohn für meine Wache auf der Couch?“ fragte er motzig.
Methos, bitte.“
Schon gut, bin schon weg. Mach’s gut, Mac. Hochwohlgeboren, bis später!“ Duncan sah seinem alten Freund entgeistert hinter her. Dann wandte er sich höchst interessiert seiner Frau zu.
So und jetzt, Madame la Comtesse, rede, sonst werde ich richtig sauer.“
Du gehst unter die Dusche und ich rede, während ich die Waschmaschine anstelle.“ Sie hob die Bettwäsche auf und schob Duncan keinen Widerspruch duldend in Richtung Badezimmer davon. Dort erzählte sie ihm, wer Kyle war und was er ihr vor 100 Jahren angetan hatte.

 

Frankreich, Paris, Flughafen Charles de Gaulle, am selben Vormittag.
Duncan hatte in Windeseile eine Tasche gepackt und sich von Micky zum Flughafen fahren lassen. Der Abschied war kurz und schmerzlos gewesen. Beide hatten sie nun Wege vor sich, wobei der Ehepartner nicht helfen konnte. Wenigstens wusste Duncan nun über Noah Woodhouse alias Kyle Wittmore Bescheid. Er konnte ihn nun besser einschätzen. Micky hatte ihm auf dem Hausboot die Wahrheit über Kyle gesagt. Zumindest wusste Duncan jetzt das Gleiche, was Methos über ihn wusste. Warum Micky und Methos sich aber so merkwürdig verhielten, erklärte sich dadurch nicht. Doch Duncan war im Augenblick viel zu sehr in Sorge um Joe, als dass er einen Gedanken an das Verhalten der beiden verschwenden konnte.

Er nahm von der freundlichen Flughafenangestellten am Schalter der Air Canada sein Ticket entgegen, schulterte seine Reisetasche und ging weiter zum Terminal. Gelegentlich warf er einen Blick über die Schulter auf der Suche nach dem einen oder anderen Schatten, der ihm vielleicht folgte.
Die Sorgen um Joe standen ihm deutlich ins Gesicht geschrieben, als er sich auf seinen Platz in der Premium Economy Klasse setzte. Die
freundliche Stewardess fragte ihn direkt nach dem Start, ob er etwas trinken wollte. Er bestellte einen Kaffee. Ein klarer Kopf war jetzt dringend nötig. Er musste mehr als wachsam sein, wenn er in Vancouver ankam. Sicherlich würden Kyles Leute schon am Flughafen auf ihn warten. Wenn das Informationsnetz des Konsortiums so gut arbeitete, wie er vermutete, standen er und alle seine Freunde unter deren Beobachtung. Seit er wusste, dass eine Belohnung auf seinen Kopf ausgesetzt war, lebte Duncan in ständiger Wachsamkeit. Und da er alleine nach Kanada flog, galt es doppelt wachsam zu sein. Er hatte derzeit keine Rückendeckung. Micky würde bald nach Schottland fliegen, um mit Methos, Amanda und Isis dieses geheimnisvolle Schwert zu stehlen, mit dem Methos dann angeblich Woodhouse würde töten können. Richie musste sich um die Galerie kümmern. Und Connor war noch immer mit seiner Trauer um Isabelle beschäftigt. Papa Maurice hatte gemeldet, dass seine Beobachterin, Helen Hudson, ihn in Rom aufgespürt hatte. Doch genauso wie die Sorge um seine Frau, war die Sorge um Connor nun zugunsten einer viel größeren Sorge zur Seite geschoben worden. Der Sorge um das Wohl eines Freundes, eines sterblichen Freundes, wie er sich in Erinnerung rufen musste. Joe war schon seit vielen Jahren ein so fester Bestandteil seines Lebens, dass er fast vergessen hatte, dass er auch ihn eines Tages verlieren würde.

Um sich abzulenken, schlug Duncan die heutige Ausgabe der „Le Monde“ auf und blätterte bis zum Kulturteil. Ah ja, da war der Artikel über die neue Ausstellung in ihrer Galerie. „MacLeod & Canderson Kunstgalerie“, so hieß ihr Geschäft inzwischen. Da Richie vom Angestellten zum Partner aufgestiegen war, hatten sie den Namen vor einiger Zeit geändert. Richie war ein gleichwertiger Partner geworden und trug genauso viel Verantwortung wie Micky und Duncan. Zwar sollte er was den Kauf von Gemälden oder Antiquitäten anging, noch immer den Rat der beiden einholen, ansonsten ließen sie ihm aber freie Hand.

Ein wenig makaber war der Titel der Ausstellung – „Die Vergänglichkeit des Seins“ - schon, vor allem, weil Micky einige Fotografien von Gräbern ausgestellt hatte, die sie gemeinsam mit einem alten Freund von Duncan, Gregor Powers, geschossen hatte. Duncan war Gregors erster Lehrer gewesen und vor einigen Jahren hatte er ihm aus einer tiefen emotionalen Krise geholfen, die ihn andernfalls vielleicht den Kopf gekostet hätte. Gregor war von dem Gedanken besessen gewesen, zu erfahren, wie sich der Tod wirklich anfühlte. Er vollführte damals wagemutige Stunts mit seinem Motorrad und lebte auch ansonsten sehr gefährlich. Duncan hatte ihn durch ein Duell, das er nicht beendet hatte, auf den rechten Weg zurückgeführt. Seitdem hatte Gregor wieder Gefallen am Leben, auch dem unsterblichen, gefunden und sich wieder der Kunst gewidmet. Dass er jetzt aber mit Duncans Frau Gräber auf dem Friedhof Père-Lachaise, wo Natalie Coulins und auch James Horton beerdigt waren, fotografierte, gab Duncan Gründe zur Sorge. Die Fotos waren schön, keine Frage. Aber da war wieder diese Faszination für den Tod, die Gregor schon einmal fast den Verstand gekostet hätte. Und Micky? Das verstand Duncan nun überhaupt nicht. Bisher hatte sie immer nur gemalt. Sonnenuntergänge, Stillleben oder Kohlezeichnung von ihm oder ihrer Tochter. Aber Fotografie war nie ein Thema für sie gewesen. Schnappschüsse im Urlaub, das schon. Aber Fotos, die sie in eine ihrer Ausstellungen integrierte, das war neu. Aber wie auch immer, dies war ein weiteres Problem, mit dem er sich beschäftigen würde, wenn er aus Kanada heimkehren würde.

Duncan trank seinen Kaffee aus, faltete die Zeitung zusammen und nahm sich ein Kissen. Er streckte die Beine aus und schloss die Augen. Er träumte von Joe und ihrer ersten Begegnung.
 

Kanada, Vancouver, Duncans und Tessas Antiquitätenladen, Sommer 1992.
Ein Mann mit graumelierten Haaren, Vollbart und gestützt auf einen Stock betrat das Geschäft von Duncan und Tessa. Richie stellte den Besen zur Seite, mit dem er gerade den Ausstellungsraum gefegt hatte.

Guten Tag, meine Name ist Richard Ryan. Willkommen bei MacLeod & Noel Antiques. Was kann ich für Sie tun?“
Guten Tag, Mr. Ryan. Ich möchte gerne Duncan MacLeod sprechen.“ Richie nickte.
Ich hole ihn, warten Sie hier.“ Er drehte sich um und ging in Richtung Büro davon.

Hey, Mac. Draußen ist ein Typ, der dich sprechen will.“ Duncan sah von den Einfuhrpapieren einer chinesischen Vase der Ming-Dynastie auf.
Ein Unsterblicher?“
Woher soll ich das denn wissen? Ihr lauft ja nicht gerade mit Schildern an der Brust herum, wie alt ihr seid.“ Duncan grinste schief über Richies Antwort.
Ich rede mit ihm.“ In der Bürotür blieb er kurz stehen und meinte: „Einer von deinen Leuten, kein Unsterblicher. Mal sehen, was er will. Sag’ ihm, ich komme gleich.“ Richie nickte einverstanden und ging voraus.

Duncan kam eine Minute später nach und stellte sich vor. Guten Tag, ich bin Duncan MacLeod.“
Ich weiß. Sie sind Duncan MacLeod vom Clan der MacLeod. Geboren in Glenfinnan, Schottland am 21. Dezember 1592. Gestorben am 02. Oktober 1622. Sie sind ein Unsterblicher.“ Richie schnappte nach Luft. Duncan jedoch blieb ganz cool.
Ich weiß nicht, was Sie meinen, Mr…“
Joe Dawson“, er streckte Duncan die Hand entgegen, die dieser vorsichtig schüttelte. „Ich bin ein Beobachter. Genauer gesagt, ich bin Ihr Beobachter, MacLeod. Seit 1979.“
Beobachter?“ fragte Duncan amüsiert mit vor der Brust verschränkten Armen. Joe nickte, um seine Aussage zu bekräftigen.
Ganz genau. Wir sind eine Gruppe Sterblicher, die alle Tätigkeiten der Unsterblichen aufzeichnen und festhalten, uns aber nie einmischen. Seit Ammaletu, der Arkadier, vor 4.000 Jahren die Belebung von Gilgamesch gesehen hat, sind unsere Aufzeichnungen nahezu lückenlos.“
Seit Gilgamesch?“ fragte Duncan amüsiert. Der Typ wollte ihn wohl verscheißern?
Ja, genau. MacLeod, es mag sein, dass Sie mir nicht glauben. Aber Sie sind in großer Gefahr. Ein Unsterblicher namens Markus Galt ist hinter Ihnen her. Er ist sehr stark, er ist gnadenlos.“
Sagten Sie nicht gerade, dass Sie und Ihre Leute sich nicht in unsere Belange einmischen?“
Tun wir auch nicht. Sehen Sie, Mr. MacLeod“, Duncan horchte auf, da dieser Dawson ihn zum ersten Mal „Mister“ nannte. „Ich beobachte Sie nun schon seit 13 Jahren, und Sie sind ein viel versprechender Kandidat, um die Zusammenkunft zu gewinnen. Ehrlich gesagt, wünsche ich mir, dass Sie am Ende übrig bleiben. Und nicht Leute vom Schlage Galts oder Kurgans. Deswegen will ich Sie warnen. Er wird kommen und zwar bald. Wenn Sie Interesse an meiner Hilfe haben, hier ist meine Karte. Kommen Sie vorbei.“ Damit drehte sich Joe um und humpelte zur Tür. Richie machte einen Satz nach vorne, überholte ihn und öffnete ihm die Tür. Joe bedankte sich bei ihm und ging hinaus.

 

Der Luftraum über dem Atlantik, die Gegenwart.
Duncan erwachte aus seinem Traum und bestellte sich noch einen weiteren Kaffee und ein Essen. Er erinnerte sich, dass Markus Galt in dieser Nacht eine Botschaft im Antiquitätenladen hinterlassen hatte. Er hatte Richie verprügelt und den Ausstellungsraum verwüstet. Der Sachschaden ging in die Tausende. Aber noch schlimmer, er hatte Tessa eine Todesangst gemacht. Richie hatte sie am nächsten Morgen auf die Insel zu Duncans Haus gebracht. Und Duncan war zu Joe Dawsons Buchladen gefahren, um seine Hilfe in Anspruch zu nehmen. Er lächelte und dachte an die folgenden Jahre, in denen ihre anfangs rein geschäftliche Beziehung zu einer Freundschaft geworden war.

Ein Penny für Ihre Gedanken“, sagte die Frau auf dem Nachbarsitz.
Wie?“ fragte Duncan überrascht.
Dachten Sie gerade an Ihre Frau, weil Sie so gelächelt haben?“ Sie strich sich durch die langen, blonden Haare und deutete auf Duncans silbernen Ehering. Er berührte ihn kurz.
Oh, nein. Ich dachte an einen Freund. Meinen engsten Freund und wie wir uns kennen gelernt haben. Er hat mir damals das Leben gerettet mit einer Information. Und jetzt liegt er im Krankenhaus. Wahrscheinlich durch meine Schuld.“ Eher durch Mickys, dachte er kurz, verwarf den Gedanken dann aber wieder. Ohne ihn, Duncan, hätte Micky Joe nie kennen gelernt. Wenn Joe nicht ein so guter Mensch wäre, hätte er Duncan vor 15 Jahren nicht vor Markus Galt gewarnt, und er hätte vielleicht seinen Kopf verloren.
Oh, das tut mir aber leid.“
Ach, der wird schon wieder. Joe ist hart im Nehmen“, versicherte Duncan mehr sich als seiner Sitznachbarin.
Ich bin übrigens Charlie Grant.“ Sie streckte ihm ihre Hand entgegen. Duncan ergriff und schüttelte sie. Dabei verrutschte der Ärmel ihres rosafarbenen Blazers. Ein Tattoo wurde sichtbar. Ein Duncan wohlbekanntes.
Sie sind eine Beobachterin.“ Sie zuckte entschuldigend die Schultern.
Schuldig im Sinne der Anklage. Papa Maurice hat gesagt, Sie könnten Rückendeckung brauchen.“ Sie grinste ihn an. Duncan schüttelte lachend den Kopf.
Papa Maurice, na klar. Keiner lehnt sich so weit aus dem Fenster wie er.“
Stimmt. Ich bin auf jeden Fall ihre Beobachterin bis Joe… Na ja, bis er selbst wieder übernehmen kann. Also machen Sie es mir nicht unnötig schwer, Mr. MacLeod.“
Sagen Sie, Duncan oder Mac.“ Mit ihren hellblauen Augen strahlte sie Duncan erleichtert an.
Gerne, Duncan…“ Sie sah auf die Zeitung, in der Duncan vorhin gelesen hatte.
Sie wissen vermutlich schon, dass wir eine neue Ausstellung haben.“ Sie nickte. „Hätte mich auch erstaunt, wenn es nicht so gewesen wäre. Ich hoffe, Richie schafft alles. Micky wird bald nach Schottland aufbrechen.“
Amanda und Isis landen heute Abend in Paris“, informierte Charlie ihn im Gegenzug. Die beiden sprachen miteinander, als würden sie sich schon seit Ewigkeiten kennen. Duncan war überrascht über die merkwürdige Vertrautheit, die er Charlie gegenüber empfand. Wäre sie keine Beobachterin gewesen, hätte ihm dies vielleicht zu denken gegeben. Doch so schob er es einfach auf ihr Wissen aus seiner Chronik.
Also, Charlie… Wie kommt eine Frau wie Sie zu so einem Namen?“ Sie lachte.
Eigentlich heiße ich Charlene. Aber Charlie gefällt mir besser. Und bevor Sie fragen, Duncan, Maurice hat mich angeworben. Meine Mutter hat während ihres Studiums bei ihm gekellnert. Sie arbeitet auch für die Beobachter, allerdings lebt sie in Vancouver bei ihrem Unsterblichen, dessen Chronik sie führt.“
Es war Ihnen also in die Wiege gelegt, eine Beobachterin zu werden.“
Ja, genau. Ich habe gerade meine Ausbildung abgeschlossen. Und da bekomme ich als ersten Auftrag Sie und Mrs. MacLeod.“ Mrs. MacLeod wird über diese hübsche, junge Beobachterin wenig begeistert sein, dachte Duncan, sagte aber nichts. Er grübelte wieder über Joe und wie er ihm helfen könnte. Nachdenklich strich er sich mit einem Finger über die Schläfe.

Charlie holte inzwischen einen Laptop hervor und begann eifrig zu tippen.

Was schreiben Sie?“
Über unser Gespräch. Notizen für mich. Die werden nicht in die Chronik einfließen. Damit würde ich mich ja selbst belasten, unsere Regeln zu brechen.“ Duncan lachte.
Charlie, ich verspreche, es Ihnen nicht zu schwer zu machen. Aber schreiben Sie bitte nicht jedes Wort auf, das ich sage, okay?“
Okay.“ Sie klappte den Laptop zu und räumte ihn weg.

 

Kanada, Vancouver International Airport, am Abend.
Es war merkwürdig mit seinem Beobachter neben sich aus dem Flughafengebäude zu treten. Merkwürdig, weil es nicht Joe Dawson war. Joe war seit 1979 sein Schatten, und seit 1992 wusste Duncan um diese Tatsache. Er hatte sich daran gewöhnt. Charlie war nett, nicht aufdringlich. Aber sie war eben nun mal nicht Joe.

Ich fahre jetzt in mein Dojo. Wollen wir uns ein Taxi teilen?“
Ja, gerne. Ich wohne im Holiday Inn.“ Duncan pfiff beeindruckt und sah auf Charlie herab, die einen ganzen Kopf kleiner war als er.
Die Beobachter lassen sich wohl nicht lumpen. Ah, da hinten kommt ein Taxi.“ Er hob die Hand und winkte. In dem Moment schoss ein Wagen an ihnen vorbei. Duncan hörte ein Zischen und ging automatisch in die Hocke. Das Taxi gab Gas und fuhr davon. „Charlie, Deckung!“ rief er und riss sie runter auf den Boden. Ihr weißes Shirt färbte sich blutrot. „Nein, oh, nein. Charlie!“ Sie war tot. Verdammt. Duncan wusste, dass die Beobachter keinen Ärger mit der Polizei oder den Behörden haben wollten. Er hob Charlie auf seine Arme und trug sie davon. Ob jemand den Schuss gehört hatte, interessierte ihn nicht sonderlich. Er würde Charlies Leiche verstecken und Papa Maurice anrufen. Er würde ihm sagen können, was er mit dem Leichnam tun sollte.


 

Duncan war inzwischen zwei Straßenzüge weit mit Charlies totem Körper gelaufen. Seine Arme taten ihm ein wenig weh. Glücklicherweise war sie leicht und gut gebaut gewesen. Er hielt inne, was hatte da gezuckt? Er schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich hörte er schon das Gras wachsen. Da, wieder ein Zucken. Mit einem Mal bäumte Charlie sich auf, schnappte nach Luft und versuchte, wild um sich zu schlagen. Duncan stellte sie geistesgegenwärtig auf die Füße und trat einen Schritt zurück.

Ganz ruhig. Ich kann es erklären!“
Charlie schwankte unsicher einen Schritt zurück und sah ihn mit großen Augen an.

Was?“ fragte sie erschrocken, verwirrt. „Was ist passiert? Duncan, was haben Sie...? Wie komme ich hierher?“
Unter den gegebenen Umständen sollten wir jetzt vielleicht zum ‚Du’ übergehen.“ Sie nickte, ihr war alles Recht, solange Duncan ihr sagte, was passiert war. „Ich würde mal sagen, du bist jetzt eine von uns, Charlie. Das hat es wohl auch nicht gegeben. Abgesehen von Methos kenne ich keinen unsterblichen Beobachter.“
Häh?“ fragte sie. Duncan ergriff behutsam ihre Hand.
Komm mit, Charlie. Ich bring’ dich erst mal in mein Dojo. Dort kannst du duschen, und wir reden darüber, was passiert ist.“ Sie ließ sich widerstandslos von Duncan fortziehen.

 

Kanada, Vancouver, Duncans Dojo, kurze Zeit später.
Charlie trug einen von Mickys Bademänteln und rubbelte sich die lange, blonde Mähne trocken. Duncan stand am Tresen in der Küche und bereitete ein paar Rühreier zu.

Ich habe dir im Gästezimmer eine Hose und Shirt von meiner Frau rausgelegt. Müsste dir passen.“
Hast du schon mit Paris gesprochen?“ Mit Papa Maurice lautete die eigentliche Frage, die Duncan heraushörte.
Nein, ich wollte erstmal warten, wie du es verkraftest. Und, wie verkraftest du es?“ Er stellte ein Glas Rotwein vor Charlie, die mittlerweile ihm gegenüber am Küchentresen Platz genommen hatte.
Es geht. Es ist ein wenig verwirrend. Ich war ja nicht darauf vorbereitet, dass ich zu den Unsterblichen gehöre. Aber was mich viel mehr interessiert, wer hat mich erschossen?“ Darüber hatte Duncan auch schon nachgedacht.
Da kommt eigentlich nur einer in Frage. Noah Woodhouse alias Kyle Wittmore.“
Noah Woodhouse?“ fragte Charlie mit schriller Stimme.
Nicht er persönlich. Aber er war wohl der Auftraggeber.“
Was habe ich ihm denn getan? Ich bin doch nur eine Beobachterin!“
Falsch, du warst eine Beobachterin. Den Job kannst du abhaken. Deine Leute, also deine ehemaligen Kollegen wissen mit Sicherheit schon Bescheid, was am Flughafen passiert ist. Du bist arbeitslos. Und außerdem bist du meine neue Schülerin.“ Er stellte einen Teller mit Rühreiern vor ihr ab.
Schülerin? Was denn für eine Schülerin?“
Iss.“
Nein. Was meinst du mit Schülerin?“
Iss.“
Nein. Sag’ mir erst, was du meinst, dann esse ich.“ Duncan seufzte, das konnte ja heiter werden. Ein störrischer Esel war eine Wohltat dagegen. Seine Frau war eine Wohltat dagegen. Seine Frau! Micky. Er musste sie anrufen und sagen, dass er gut gelandet war. Mehr oder weniger. Und ihr besser von Charlie erzählen, bevor sie es von Papa Maurice erfuhr. Der Franzose hatte ein Lästermaul, dagegen wirkte die Regenbogenpresse wie eine Bibelstunde.
Wenn jemand unsterblich wird, ist für gewöhnlich ein erfahrener Unsterblicher in der Nähe, um sich seiner anzunehmen. Tja, schuldig durch geographische Anwesenheit. Ich bin ab heute dein Meister.“ Sie hatte die Gabel mit Rührei kurz vor dem Mund, den sie bereits geöffnet hatte.
Ich werde dich bestimmt nicht Meister nennen!“ Duncan lachte.
Duncan reicht, Charlie. Und jetzt rufe ich meine Frau an. Mann, wird die begeistert von dir sein!“
Ich kenne deinen komischen Humor, Duncan MacLeod. Ich habe deine Chronik in einer einzigen Nacht gelesen. Ich weiß, wann du sarkastisch bist!“ rief sie ihm nach, während er ihre Bemerkung ignorierend in sein Arbeitszimmer ging.

 

Duncan hatte die Beine auf seinen Schreibtisch gelegt und sich in seinem Stuhl zurückgelehnt. Der Arm, mit dem er den Hörer festhielt, war weit, so weit es ging von seinem Ohr entfernt. Obwohl sie ein ganzer Ozean trennte, polterte Mickys Stimme so laut, dass er schon froh war, nicht taub werden zu können. Er hatte ihr in knappen Worten den Vorfall am Flughafen geschildert und erklärt, dass Charlie Grant sein neuer Schützling war.

Wie, du hast eine neue Schülerin? Sie ist unsere Beobachterin! Das geht doch nicht.“
Micky, es ist, wie ich sage. Sie war unsere Beobachterin. Die Leute von deinem Freund Kyle haben sie auf dem Flughafen erschossen.“ Micky fluchte.
Er ist nicht mein Freund Kyle!“
Ja, tut mir leid. War ein blöder Spruch. Auf jeden Fall ist es nicht zu ändern. Sie ist jetzt meine Schülerin, und wir beide sind derzeit beobachterlos.“
Dann gib sie ab.“
Man gibt seine Schüler nicht einfach so ab.“
Richie hast du doch auch an mich abgegeben!“ schimpfte Micky. Duncan grinste. Hätte er sie darauf angesprochen, hätte sie abgestritten eifersüchtig zu sein. Aber er konnte sie förmlich Funken sprühen sehen auf der anderen Seite des Atlantiks.
Richie konnte ich auch nicht mehr allzu viel beibringen. Aber Charlie wurde mir zugeteilt. Also bilde ich sie aus.“
Ist sie hübsch?“ Er grinste über ihre Frage.
Nein, hässlich wie die Nacht. Hat einen Buckel auf dem Rücken. Eine Warze auf der Nase.“ Micky lachte, das war gut.
Duncan MacLeod, du warst schon immer ein schlechter Lügner. Aber für diese Beschreibung liebe ich dich umso mehr.“
"Ich liebe dich auch, Comtesse. Pass auf deinen Kopf auf.“
Und du auf deinen und natürlich auf Charlie“, sie seufzte. „Noch ein Küken, um das wir uns kümmern müssen. Wie alt ist sie?“
22.“ Schweigen. Das passte ihr natürlich nicht. Nicht nur, dass sie jünger war als Micky bei ihrem Tod. Sie war auch rein äußerlich jünger. Verflucht, das würde zu Reibereien führen, da war Duncan sich sicher.
Na gut, wir können sie ja mal mit meiner Tochter zusammen bringen. Vielleicht verstehen sie sich ganz gut.“
Ja, das machen wir. Ich lege jetzt auf. Es war ein harter Tag. Pass bitte wirklich auf dich auf, Baby. Ich will mir nicht ständig Sorgen machen müssen.“ Duncan konnte sehen, wie sie jetzt auf dem Hausboot mit dem schnurlosen Telefon auf Deck saß und lächelte.
Schwindler, du machst dir nie Sorgen.“
Doch... Um dich seit dem Tag, als wir uns kennen lernten. Du rennst nämlich immer Kopf voraus und mit geschlossenen Augen in die nächste Katastrophe.“
Das war mein Stichwort. Ich habe nachher ein Duell. Einer von Kyles unbedeutenden Handlangern.“
Sei vorsichtig.“
Bin ich. Schlaf gut, Highlander.“

Du auch, Comtesse.“ Er legte auf und sah Charlie in der Tür zum Arbeitszimmer stehen. Sie hatte sich inzwischen umgezogen.
Wenn man euch so hört, könnte man meinen, ihr wärt schon hundert Jahre verheiratet.“ Duncan lachte.
Manchmal kommt es mir so vor. Sie hat heute noch ein Duell.“
Warum erzählst du mir das? Ich bin doch arbeitslos, hast du selbst gesagt.“ Der Vorwurf in ihren Worten war nicht zu überhören.
Charlie, ich habe die Pistole nicht in der Hand gehabt und abgedrückt.“
Ich weiß, tut mir leid. Es ist nur alles so verwirrend, erschreckend. Ich glaube, dafür gibt es nicht genug Adjektive.“ Duncan lachte wieder. „Findest du das komisch?“
Nein, überhaupt nicht. Du hast doch meine Chronik gelesen. Dann weißt du ja, wie es mir ergangen ist. Was mein Vater getan hat?“
Ja, er hat dich verstoßen.“
Genau. Und bevor Connor MacLeod mich 1625 aufgespürt hat, wusste ich überhaupt nicht, was mit mir passiert war. Du hast es sofort gewusst, weil du eine Beobachterin warst.“ Sie ließ sich seufzend Duncans Schreibtisch gegenüber auf einen Stuhl fallen.
Ja, ich war eine Beobachterin. Und was fange ich nun mit meinem Leben an, Duncan? Wovon soll ich leben?“ Duncan hatte Verständnis für Ihre Verzweiflung angesichts der Ereignisse und ihrer wenig ermutigenden Zukunftsperspektive.
Er lächelte aufmunternd und sagte: „Wir werden eine Lösung finden.“ Charlie schnaubte wütend.

Ihr habt gut reden mit eurer Galerie und den Schweizer Bankkonten! Aber ich? Ich bin doch erst 22!“
Ja und? Richie wurde mit 19 unsterblich. Das ist jetzt gerade mal 14 Jahre her. Er lebt auch gut.“
Ja, von den Einnahmen eurer Galerie.“
Charlie, ich kann dich ehrlich verstehen. Aber es ist alles halb so schlimm, wenn man sich erst mal damit arrangiert hat, ewig zu leben. Sieh mal, Geneviève war sogar erst 18, als sie unsterblich wurde. Sie hat sich mehr als 100 Jahre als Diebin durchgeschlagen und von der Hand in den Mund gelebt, bis meine Frau sie adoptiert hat.“
Ich will nicht von der Wohltätigkeit deiner Frau leben, Duncan!“
Red’ doch keinen Blödsinn! Geneviève verdient schon lange ihr eigenes Geld!“
Langsam wurde er ärgerlich. Seine neue Schülerin hatte sogar noch mehr Temperament als seine Frau. Ihm graute vor der Vorstellung, wenn Micky und Charlie sich begegnen würden.

Ich sollte jetzt schlafen gehen. Vielleicht ist morgen alles besser, vielleicht wache ich auf und alles war nur ein schlechter Traum.“ Diese Hoffnung hatte Duncan schon vor langer Zeit begraben. Doch er sagte es nicht, sondern wünschte seinem Schützling eine gute Nacht.

 

 

10. Wenn aus Schülern Meister werden

 

Frankreich, Paris, die MacLeod & Canderson Kunstgalerie, am nächsten Abend.
Die Eröffnung der neuen Ausstellung war wieder einmal ein voller Erfolg gewesen. Micky schloss die Galerie ab, rückte ihre Stola zurecht und hängte sich bei Richie ein. Vergnügt und ausgelassen machten sie sich auf den Weg zum Parkplatz. Gregor Powers folgte den beiden schweigend, aber aufmerksam die Unterhaltung verfolgend.

Hey Boss, hast du gesehen, wie deine Tochter mit Karl geschäkert hat?“ Obwohl Richie der Partner der MacLeods war, war es ihm so in Fleisch und Blut übergegangen Micky noch immer „Boss“ zu nennen. Genauso wie sie ihn noch immer „Junior“ nannte.
Das hat sie nur gemacht, weil sie ihren Begleiter eifersüchtig machen wollte. Dieser Geschichtsdozent, mit dem sie gekommen ist. Pierre, heißt er, glaube ich. Sie wollte ihn aus der Reserve locken. Geneviève ist ein solches Biest.“ Sie schmunzelte über das Verhalten ihrer Tochter, ihr war klar, von wem die Vicomtesse es gelernt hatte.
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“, bemerkte Gregor grinsend, während er sich eine dunkelbraune Strähne aus der Stirn strich.
Greg, sie ist adoptiert.“
Dein Verhalten hat abgefärbt“, warf nun Richie ein.
Richie, Klappe halten. Sonst…“
Schon klar, sonst gibt es morgen zwei Stunden extra Training. Ich gehe schon mal den Wagen holen.“ Er legte Mickys Hand auf Gregors Arm. „Pass schön auf die Comtesse auf, Greg. Sonst bekommst du Ärger mit Mac.“ Gregor grinste.
Uh, da hab’ ich aber Angst, Richie.“ Der sah ihn nur ernst an. Richie mochte Gregor Powers nicht sehr, bei ihrer ersten Begegnung hatte er ihn noch bewundert. Damals war er auch nur ein neunzehnjähriger Sterblicher gewesen, der noch nichts vom Leben gewusst hatte. Inzwischen wusste Richie aus schmerzlichen Erfahrungen, dass alte Freunde, kannten Mac und Micky sie auch noch so lange, sich im Laufe von Jahrhunderten veränderten. Er war ja auch nicht mehr derselbe Richie wie 14 Jahre zuvor.
Gregor bemerkte Richies bösen Blick und hob beschwichtigend die Hände. „Ist schon okay.“ Er wischte sich beiläufig einen Tropfen von der Stirn und sah in den Himmel. Es fing an zu regnen.
Richie, beeil’ dich bitte, mir ist kalt“, drängelte Micky. Sie trug nur ein dünnes hautenges Abendkleid aus schwarzer Seide. Außerdem war sie müde, wollte auf das Hausboot und endlich ins Bett.
Bin schon unterwegs, Micky.“
Micky drehte sich zu Gregor um und sah ihn interessiert an.

Nun, Mr. Powers. Bist du mit der Eröffnung der Ausstellung zufrieden?“
Du scheinst es zu sein, Mrs. MacLeod.“ Micky lachte und ging mit Gregor am Arm einen Schritt schneller in Richtung Parkplatz.
Natürlich. Die meisten der Gemälde haben schon wieder Käufer und unsere Fotos wurden in den höchsten Tönen gelobt.“
Vom Lob kann ich mir kein Brot kaufen“, spöttelte Gregor.
Warum so negativ? Hast du nicht wie fast alle Unsterblichen ein Schweizer Bankkonto?“
Ich bin leider keine französische Comtesse, meine Verehrte.“ Er machte übertrieben gespielt einen Diener vor Micky.
Duncan auch nicht, und er steht trotzdem finanziell ganz gut da.“
Ja, der große Highlander ist auch gut zweihundert Jahre älter als ich. Er war im Import-/Exportgeschäft und Antiquitätenhändler. Ich hingegen habe die meiste Zeit als Arzt gearbeitet. Die haben in der Regel keine Schweizer Bankkonten.“
Heutzutage schon“, meinte Micky amüsiert und blieb stehen. Sie hatten das Auto erreicht. Richie saß hinter dem Steuer von Mickys Cabrio.
Rutsch’ rüber, Junior. Ich fahre.“ Richie schüttelte entschlossen den Kopf.
Du bist zu müde, Micky. So lasse ich dich nicht fahren. Außerdem sitze ich schon.“ Sie seufzte. Je länger sie mit Richie diskutierte, desto später würde es werden, bis sie in ihr gemütliches Bett käme und sich von den sanften Wellen der Seine in die Arme von Morpheus geleiten lassen konnte.
Also gut, du fährst.“ Sie ging um ihr Auto herum und stieg ein. „Fahr’ los, Junior. Aber angemessen. Ich habe keine Lust, heute Nacht mit der Gendarmerie aneinander zu geraten.“ Aufgrund ihrer zahlreichen Duelle gerieten die MacLeods sowieso regelmäßig mit der Polizei in Konflikt. Leider gelang es ihnen nicht jedes Mal, rechtzeitig den Tatort zu verlassen. Und manchmal stolperten sie einfach so in einen Juwelenraub oder einen Anschlag auf einen Diplomaten, wenn sie einfach nur ein paar Baguettes kaufen wollten.
Kein Problem, Boss“, sagte Richie breit grinsend und tippte sachte das Gaspedal an. Mickys Auto schnurrte wie Kätzchen. Zufrieden schloss sie die Augen.

 

Frankreich, Paris, Duncans Hausboot, wenig später.
Richie stellte den Motor ab und wollte aussteigen. Sie spürten sofort, dass sie nicht alleine waren.

Schwerter, schnell“, zischte Micky. Schlagartig war sie wieder hellwach und spürte wie Adrenalin durch ihren Körper gepumpt wurde und sie kampfbereit machte. Richie stieg aus, rannte um den Wagen herum und holte aus dem Kofferraum sein Rapier und Mickys Toledo Salamanca heraus. Gregor Powers hatte sein Langschwert mit goldverziertem Griff bei sich auf dem Rücksitz liegen gehabt. Lässig lehnte er sich auf das Dach des Autos und hielt Ausschau nach dem oder den Unsterblichen, die ihnen auflauerten.

Im nächsten Augenblick hörten sie Schüsse. Micky und Richie warfen sich auf den Boden, suchten aber weiterhin in der Dunkelheit der Nacht nach den Angreifern. Gregor Powers hatte sich gemütlich auf der Beifahrerseite des BMWs herunter gleiten lassen und ließ sein Schwert in den Händen kreisen.

Aus Richtung der Notre-Dame-Brücke sahen sie jemanden geduckt auf sie zu rennen.

Micky stieß eine Warnung aus, schon wieder hallten Schüsse über den Platz. Die Kugeln prallten vom Kopfsteinpflaster ab. Einer der Querschläger traf Mickys Fensterscheibe auf der Fahrerseite.

Merde!“ fluchte sie.
Besser das Auto als wir“, rief Richie über den Krach hinweg.
Michelle, hey Michelle! Alles klar bei dir?“ rief eine Männerstimme. Eine vertraute Stimme. Sie stutzte. Im nächsten Moment ging vor Micky ein alter Bekannter in die Hocke und suchte Deckung. Sie erinnerte sich an eine andere Begebenheit, bei der sie beide in Schwierigkeiten gesteckt hatten.

 

Nordamerika, Boston, 1862.
Michelle schlug mit ihrem Schwert nach Daniel. Lachend sprang er einige Schritte rückwärts, streckte gleichzeitig die Hand nach ihr aus und riss Michelle mit sich auf den Boden. Er landete auf dem Rücken im weichen Gras von Michelle Cunninghams Hinterhof. Sie warf ihr Schwert zur Seite, um sich abzustützen und nicht auf Daniel zu fallen. Das Training an sich war schon unschicklich. Sich aber als verheiratete Frau mit ihm im Gras zu wälzen, wäre völlig unangebracht.

Also wirklich, Daniel! Was sollte denn das?“ Sie sprang auf die Füße, verpasste ihm einen leichten Tritt in die Seite und klopfte sich Erde von ihren Reiterhosen. Darüber trug sie eines von Richards ihr natürlich viel zu weiten, weißen Hemden, das sie unter ihrem Busen zusammen geknotet hatte. Die Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Abgerundet wurde Michelles Erscheinungsbild von schwarzen auf Hochglanz polierten Reitstiefeln.
War doch nur ein Spaß!“ verteidigte Daniel sich lachend. Seine blaugrauen Augen blitzten schelmisch.
Wir trainieren hier für die Zusammenkunft, Daniel. Das ist kein Spaß. Du willst doch überleben, oder?“
Er verschränkte die Arme vor der Brust und machte ein bedrücktes Gesicht. Seine Muskeln spannten sich unter dem engen, braunen Hemd, das er trug, an. An seinem Kopf pulsierte eine Ader. Er konnte es nicht leiden, wenn Michelle ihn maßregelte. Immer wollte sie nur trainieren und sich nie auch nur ein klein wenig amüsieren.

Daniel, das ist kein Grund eingeschnappt zu sein!“
Bin ich doch gar nicht.“ Mit noch immer gesenktem Kopf machte er nun einen Schritt auf Michelle zu und stand dicht vor ihr. Im nächsten Moment umfassten seine Hände ihre Hüften und kitzelten sie. Sie schrie vergnügt wie ein kleines Mädchen. Sie kapitulierte, da sie nichts Verwerfliches an ihr beider Verhalten sah. Sie genoss den Spaß, ohne sich groß Gedanken zu machen. Es war Krieg verdammt noch mal, da konnte ein bisschen Spaß wirklich nicht schaden.

Verzeihung!“ hörten sie eine erboste Stimme hinter sich. Sie drehten sich erschrocken um. In der Hoftür stand ein Major der Unionsarmee, den man offensichtlich auf Heimaturlaub geschickt hatte. Michelle entfernte sich blitzartig drei Schritte von Daniel und starrte ungläubig den Besucher an.
Richard!“ rief sie verblüfft, erfreut und auch ein klein wenig verlegen. Ihr Ehemann war aus dem Krieg heimgekehrt. „Es ist nicht das, was du denkst…“, setzte Michelle zu einer Verteidigung an. „Wir haben nur trainiert.“ Richard starrte Daniel wütend an.

 

Frankreich, Paris, die Gegenwart.
Was zum…? Daniel?“ rief sie ungläubig. „Was macht der denn hier?“
Wer ist Daniel?“ fragte Richie überrascht, während er mit Micky auf die Rückseite des Autos kroch. Sie setzten sich auf das kalte Kopfsteinpflaster und lauschten.
Ein Kopf tauchte neben der Stoßstange des BMWs auf.
Micky schrie erschrocken, dann holte sie aus und verpasste dem fremden Unsterblichen einen Schlag auf die Schulter.

Daniel, Herrgott noch mal! Musst du mich so erschrecken? Kannst du mir erklären, was zum Teufel du hier willst? Willst du mich wieder in Schwierigkeiten bringen wie 1862?!““
Ich will dich weder erschrecken, noch dich in Schwierigkeiten bringen, Michelle. Ich will dich einfach nur besuchen und gerate mitten in einen Schusswechsel. Vielen Dank.“ Der junge Mann, augenscheinlich Mitte zwanzig, zog ein beleidigtes Gesicht, das Micky nur zu gut kannte. Er hatte mittelbraunes Haar, das über seine Ohren hing. Er trug es ungefähr so lang wie Gregor Powers. Seine blaugrauen Augen wurden umrahmt von einem schmalen Brillengestell. Anders als 1862 trug er keinen Bart mehr, was ihn deutlich jünger machte. Er sah wieder wie 25 aus. Das Alter, in dem er unsterblich geworden war.
Er sah Micky kritisch und erwartungsvoll an.

Was? Was willst du hören? Ich komme gerade von meiner Ausstellungseröffnung, will einfach nur ins Bett und werde vor meiner Haustür beschossen!“ rief sie empört.
Daniel sah sich auf der Uferpromenade um und meinte schließlich: „Ich sehe hier kein Haus. Nur so einen schäbigen, alten Kahn.“ Er deutete auf das Hausboot.

Der schäbige, alte Kahn ist mein Zuhause, Daniel! Das Boot gehört meinem Mann!“
Genau, seien Sie froh, dass Mac nicht hier ist. Er würde Ihnen für diesen Spruch den Arsch aufreißen!“, knurrte Richie sauer. Mickys Bekannter war ihm auf den ersten Blick unsympathisch, mehr sogar noch als es Gregor Powers war.
Über ihre Köpfe sausten weitere Kugeln hinweg.

Richie!“ Mehr Tadel konnte sie gewiss nicht in seinen Namen legen.
Was denn? Er hat das Boot, Macs Boot niedergemacht!“
Richie“, sie sprach seinen Namen so dermaßen gedehnt, dass er abwehrend seine Hände hob.
Ich bin ja schon still. Aber wer ist der Kerl überhaupt?“ Er sah Daniel missbilligend und misstrauisch an.
Verzeih’ mir bitte, Richie, dass ich angesichts der explosiven Umstände dieser Begegnung meine gute Erziehung vergessen habe…“, sagte Micky mit einem äußerst spöttischen Gesichtsausdruck. „Richie Ryan, Gregor Powers, das ist mein ehemaliger Schüler Daniel Prescott.“ Weitere Kugeln wurden abgefeuert und bohrten sich in Mickys Auto. „Oh, jetzt reicht’s! Jetzt bin ich echt sauer!“ Sie sprang hoch, Richie versuchte sie festzuhalten, seine Hände rutschten aber an dem glatten Seidenstoff ab.
Hey! Hört sofort auf, mein Auto zu beschießen und kämpft wie echte Krieger!“ Sie trat hinter dem BMW hervor, das Toledo Salamanca schwang sie dabei in weitenden, kreisenden Bewegungen durch die Luft.

Aus Richtung der Treppen, die hoch auf die Brücke führten, traten zwei Unsterbliche aus den Schatten.


Richie, ich könnte Hilfe gebrauchen.“ Richie stand ohne zu zögern auf und kam mit seinem Rapier, das locker auf seinem Schwertarm ruhte, hervor. Er stellte sich neben Micky, breitbeinig und kampfbereit. Sie wirkten ein wenig deplaziert, Micky in ihrem seidenen Abendkleid und Richie mit seinem Smoking.

Sein Jackett zog er nun aus und legte es neben sich auf den Boden. Micky warf ihre Stola dazu und näherte sich ihren Gegnern. Zwei große, grobschlächtige Kerle, die mit zweihändigen Langschwertern aus dem 16. Jahrhundert bewaffnet waren. Mickys Toledo Salamanca und Richies Rapier wirkten im Vergleich dazu lächerlich klein.
Ähm, Boss. Kann ich mir vielleicht ein neues Schwert aussuchen?“ fragte Richie mit einem unsicheren Blick auf die Waffen ihrer Gegner. Micky grinste.
Wenn wir das hier überleben, gerne. Ich hätte ein schönes Samuraischwert aus dem 14. Jahrhundert. Wenn du den Rechten besiegst, schenke ich es dir.“ Richie nickte mehrmals einverstanden.
Okay, let's fetz, Boss! “ Mit einem wilden Kampfschrei auf den Lippen preschte Richie nach vorne. Micky war ihm dicht auf den Fersen. Aus dem Augenwinkel beobachtete sie Richie einige Sekunden lang. Voller Stolz registrierte Micky, dass es nichts an seiner Kampftechnik auszusetzen gab. Die vielen Stunden, in denen sie ihn auf die Matte geschickt und angebrüllt hatte, er sollte wieder aufstehen und sein Schwert nehmen, hatten sich bezahlt gemacht.
Richie.“
Ja, Micky?“
Wenn ich dich jemals wieder niedermache wegen deiner Art zu kämpfen, darfst du mich an diese Nacht erinnern.“ Er grinste sie zufrieden an und führte mehrere hohe Schläge gegen seinen Gegner aus. Micky umtänzelte während dessen ihren Gegenspieler. Dann blieb sie in ihrem Kleid hängen, stolperte und fiel hin.
Micky!“ rief Richie. Er sprang vor sie, stellte dem anderen ein Bein. Dadurch konnte Micky den tödlichen Schlag, der für bestimmt war, mit ihrer Klinge abfangen. In Sekundenschnelle streifte sie ihre schwarzen Leder-Pumps mit Pfennigabsätzen von den Füßen und ließ sich von Richie hochziehen. Richie ging sofort wieder in die Offensive und drängte seinen Gegner in Richtung des Flusses ab. Micky verpasste ihrem Duellanten einen Schnitt, der längs über dessen breite Brust verlief. Der große Mann taumelte einen Moment, schüttelte benommen den Kopf. Er stieß einen wütenden Schrei aus und stürmte mit dem Schwert voran auf Micky zu.

Sie waren mittlerweile in der Nähe des Hausboots angelangt. Die Seine glitzerte, angestrahlt von den Lichtern der nahe gelegenen Häuser. Da morgen früh die Mülltonnen geleert würden, hatte Micky sie schon vor Stunden auf die Straße gestellt. Jetzt griff sie nach einer der beiden und schleuderte sie ihrem Verfolger vor die Füße. Er sah die Tonne zu spät und fiel darüber. Er überschlug sich, rollte sich auf die Seite. Während er noch versuchte auf die Füße zu kommen, war Micky über ihm. Sie hob ihr Toledo Salamanca mit beiden Händen hoch in die Luft und ließ es mit aller Kraft auf den langen Hals des Mannes niedersausen. Der Kopf landete neben dem Torso. Micky verschnaufte, drehte kurz den Kopf, um nach Richie zu sehen. Sie bemerkte, dass jeder von Richies Schlägen ausschließlich auf den Kopf des anderen Unsterblichen zielte.

Richie, schlag’ nach seinem Bauch oder nach den Beinen!“ rief sie auf Französisch und in der Hoffnung, dass die Kerle nur Englisch sprachen. Richie nickte, hatte die Worte in Mickys Muttersprache verstanden. Er hob sein Schwert wieder, sein Gegner schlug danach. Funken flogen, so dass der nasse Boden unter ihren Füßen glitzerte wie von einem Feuerwerk erhellt. Dann machte er einen Schritt zurück und zielte auf Richies Kopf. Der duckte sich, hob sein rechtes Bein und trat seinem Gegner gegen den Brustkorb. Taumelnd um sein Gleichgewicht bemüht, ruderte er wild mit den Armen. Er rutschte auf dem nassen Kopfsteinpflaster aus und verlor sein Schwert. Hektisch sah er sich nach allen Seiten um, doch es war außerhalb seiner Reichweite.

Micky hatte ihr Schwert in der Linken, sie sah den ersten Blitz, der aus der Leiche kam und auf sie zu kroch. Er züngelte wie eine Schlange über den Boden. Blitzschnell und schmerzhaft, aber auch irgendwie belebend. Die Blitze erfassten Micky, sie hob ihr Schwert gen Himmel und schrie den Schmerz in die Nacht hinaus. Hoch in den Pariser Nachthimmel zuckten die Strahlen der Energieübertragung, tauchten die Uferpromenade und das vor Anker liegende Hausboot in ein Lichtermeer.

Zur gleichen Zeit, als Micky ihre Energieübertragung erhielt, ließ Richie sein Rapier auf den Hals des am Boden liegenden Unsterblichen sausen. Kurz vor der Halsschlagader hielt er inne.

Für wen arbeitet ihr?“ rief er über den Krach hinweg. Der besiegte Unsterbliche reagierte nicht. „Für wen arbeitet ihr?“ brüllte Richie noch einmal und zuckte mit dem Schwert in Richtung Hals. „Rede, dann lassen wir dich laufen!“ Micky kam mit leicht wackeligen Schritten auf die beiden zu.
Beantworte seine Frage. Arbeitet ihr für Noah Woodhouse?“ Er reagierte immer noch nicht. Micky seufzte, aus dem Kerl war nichts rauszukriegen. „Bring’s zu Ende, Richie. Hol’ dir seinen Kopf, du hast es dir verdient.“ Richie nickte, hob das Schwert über seinen Kopf und schlug zu. Micky trat ein paar Schritte zurück und wartete die Energieübertragung ab. Richie hielt sein Schwert mit der rechten Hand fest, atmete ein paar Mal tief durch und wartete auf den ersten Blitz. Sie schossen regelrecht aus dem toten Körper heraus und warfen Richie um. Micky trat noch ein paar Schritte zurück. Die Energie seines Gegners durchflutete Richie, machte ihn stärker und stärker. Endlich kam er wieder auf die Füße, ein letzter Schrei, dann war es vorüber.

Micky atmete erleichtert auf und trat zu ihm. Sie klopfte ihm anerkennend auf die Schulter.
Gut gemacht, Junior.“ Er lächelte verschmitzt.
Musst du mich dann immer noch ‚Junior’ nennen?“
Mal sehen. Du hast dir heute Nacht ein neues Schwert verdient. Für einen neuen Spitznamen musst du dir noch ein paar Köpfe mehr holen. Los, wir müssen die Leichen loswerden, bevor jemand mitbekommt, was hier passiert ist.“ Sie zog ihre Schuhe wieder an und suchte nach einer geeigneten Stelle am Fluss, wo sie die beiden Kerle hineinwerfen konnten.

 

Mit den Rücken zur Uferpromenade standen Daniel Prescott und Gregor Powers. Sie sahen auf den Fluss hinaus.
Nun was sagst du, Daniel?“ Der Angesprochene warf einen Blick über seine Schulter und nickte zufrieden.
Viel versprechend. Es dürfte sehr interessant werden. Sie hat einiges dazu gelernt seit ich ihr Schüler war. Aber wenn sie denkt, dass ich noch immer ein Schüler bin, wird sie ihr blaues Wunder erleben.“ Er grinste, aber das Grinsen hatte wenig Sympathisches an sich.
Und der Junge? Ich kann ihn nicht einschätzen. Als ich ihn kennen lernte, war er noch sterblich. Aber MacLeod hat ihn bewacht, als wäre er sein Vater. Und deine alte Meisterin wacht noch schärfer über ihn. Es wird nicht leicht sein, ihn von den MacLeods fortzulocken. Das ausgerechnet er Walter bekommen hat, ist schade“, meinte Gregor bedauernd.
Wieso denn, Greg? Die Comtesse ist stark genug. Vergiss nicht, dass sie Michael Alexander und Christopher Sikes besiegt hat. Wenn der Junge zu schwach ist, wird es zu schnell vorüber sein. Sie soll leiden für die Demütigungen, die ich ertragen musste. Sie soll leiden, soll zusehen, wie ihr Schüler stirbt, wie ihr Mann stirbt. Und dann wenn sie am Ende ist, dann werde ich mir ihren Kopf holen.“ Gregor Powers zuckte mit den Schultern.
Sie hat eine Tochter. Eine Unsterbliche namens Geneviève Dubois“, informierte Gregor seinen Freund. Ein bösartiges Lächeln schlich sich auf Daniels Gesicht.
Gut, sehr gut.“ Er schlug Gregor anerkennend auf die Schulter. „Dann wird es noch ein klein wenig interessanter.“ Je länger Michelle leiden würde, umso besser. Er hatte eine Rechnung mit ihr offen, von der er ihr nicht einen einzigen Posten erlassen würde. Sie würde zahlen, sie würde bluten und am Ende würde sie sterben. Das Spiel hatte gerade erst begonnen.

 

 

 

11. Adam

 

Frankreich, Paris, Duncans Hausboot, am nächsten Morgen.
Morgen, Richie“, grüßte Micky und legte die heutige Ausgabe der „Le Monde“ und eine Tüte mit frischen Brötchen auf den Küchentisch. Sie war bereits seit zwei Stunden wach und hatte ihre Joggingstrecke mit dem Gang zum Bäcker verknüpft.
Morgen, Micky.“
Gut geschlafen auf der Couch?“ fragte sie und lächelte ihn dankbar an. Richie war genau wie Methos der Meinung, dass Micky solange Duncan in Kanada war, auf dem Hausboot nicht alleine übernachten sollte. Da sie aber mit der Galerie und den Vorbereitungen für die Abreise nach Schottland so viel zu tun hatte, wollte sie nicht die weite Strecke bis Chateau Dubois raus fahren, um Nacht für Nacht einsam in ihrem großen herrschaftlichen Schlafzimmer wach zu liegen. Das Hausboot verband sie viel mehr mit Duncan als ihr Chateau. Das Boot strahlte seine Stärke und gleichzeitige Ruhe aus, er hatte ihm seinen eigenen Stil aufgedrückt. Wenn Micky abends mit einer Flasche Bier in der Hand auf Deck saß und die Augen schloss, konnte sie ihn hören und fast schon sehen.

Richie setzte sich auf und legte die Decke zusammen, die Micky in der Nacht über ihm ausgebreitet hatte. Er kratzte sich über das stoppelige Kinn und grinste.

Ja, klar. Dieses Geschaukel, da hab’ ich früher schon geschlafen wie ein Stein... Trotzdem hätte ich sofort gespürt, wenn ein Unsterblicher aufgetaucht wäre“, setzte er schnell hinzu. Micky trat zu ihm, bückte sich und hauchte ihm ein Küsschen auf die Wange.

Sie verschwieg ihm bewusst, dass Methos um drei Uhr nachts auf Deck gestanden hatte, um nach ihr zu sehen. Der Überfall der beiden unbekannten Unsterblichen war über Papa Maurice bis zu ihm durchgedrungen. Da Methos in Sorge gewesen war, zumal er von der Ankunft Daniel Prescotts gehört hatte, war er von der Rue Mallet-Stevens herüber gefahren. Methos war sogar noch skeptischer was den plötzlichen Besuch von Mickys ehemaligem Schüler betraf. Er hatte sich jahrzehntelang nicht bei ihr blicken lassen, und auf einmal stand er vor dem Hausboot. Hätte Micky ihn und Gregor nicht direkt nach dem Kampf mit einer Verabredung zum Abendessen in den nächsten Tagen verabschiedet, hätte Methos ihn sich direkt zur Brust genommen und herausgefunden, was er von Micky wollte.

Da Micky nicht hatte schlafen können, war sie in eine dicke Decke gekuschelt nach oben gegangen und hatte gerade mit Duncan in Kanada telefoniert, als Methos eingetroffen war. Er hatte auch noch einige Worte mit seinem Freund gewechselt. Nach einem Bier war Methos dann wieder einigermaßen beruhigt nach Hause gefahren. Richie hatte von alldem nichts mitbekommen. Da er sich aber in der letzten Nacht gegen den unbekannten Unsterblichen so wacker geschlagen hatte, wollte sie ihm ausnahmsweise einmal keinen Tiefschlag verpassen.

Nachdem Frühstück werde ich frische Blumen auf Natalies Grab legen. Ich war schon länger nicht mehr da. Ich will nicht, dass es verwahrlost.“
Trauerst du immer noch deiner kleinen Schülerin nach
, hörte sie Sikes hämische Frage in ihrem Kopf. Micky überging sie.
Soll ich dich begleiten?“ fragte Richie.
Gerne, ich glaube, in der nächsten Zeit sollte ich nicht zu oft alleine sein. Da fängt man nur an zu grübeln.“ Sie rang sich an Lächeln ab.

 

Frankreich, Paris, Friedhof Père-Lachaise, am Vormittag.
Es war der erste trockene, sonnige Herbsttag seit einer Woche. Zwar hatte in den vergangenen Tagen die Sonne immer mal wieder zwischen den Wolken hervorgelugt, doch war sie nie lange geblieben und dem Regen gewichen.

Micky sog die Luft, die nach herabgefallenem Laub, modriger Erde, aber auch frischen Blumen auf den Gräbern roch, tief in ihre Lungen ein. In der Hand hatte sie einen Strauß weißer Lilien, die sie auf Natalies Grab legen wollte. Richie ging neben ihr, sein Kopf glitt wachsam von der linken Seite Gräber zur rechten Seite und zurück. Dann spürten sie es. Sie waren nicht mehr alleine. Richies Muskeln spannten sich augenblicklich an. Micky legte beruhigend eine Hand auf seinen Arm.

Bleib’ cool, Junior. Hier kann uns nichts passieren. Wir sind auf heiligem…“ Sie brach mitten im Satz ab, glaubte ihren Augen nicht zu trauen. Sie keuchte und schüttelte den Kopf. Jetzt werde ich langsam wirklich verrückt, dachte sie. Schloss die Augen, aber er war immer noch da.
Was ist? Micky, du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“ Sie ließ den Blumenstrauß fallen, machte unsicher einen Schritt vorwärts, dann noch einen und noch einen. Schließlich rannte sie quer über den Kiesweg auf den unbekannten Unsterblichen zu. Richie nahm die Beine in die Hand und folgte ihr, mehr als besorgt.

Micky blieb vor einem nahezu zwei Meter großen blonden Hünen stehen. Er trug eine schwarze Lederjacke und Jeans. Ungläubig starrte sie ihm in die blauen Augen. Tränen schossen in ihre.

Adam?“, wisperte sie. „Adam? Bist du es wirklich? Ich dachte, du bist tot!“ Eine Träne lief über ihre Wange, er strich sie behutsam fort.
Inzwischen hatte Richie Micky eingeholt.

Würde mir bitte mal jemand sagen, was hier vor sich geht?“ Micky starrte Adam mit offenem Mund an.
Adam…“, wiederholte sie seinen Namen.
Michelle, lass mich erklären.“
Erklären?!“ Jetzt wurde Micky wütend. Sie drosch mit ihren kleinen Fäusten auf seine stattliche Brust ein. „Erklären! Du hast mir deinen Tod vorgetäuscht! 77 Jahre hast du mich in dem Glauben gelassen, Richard Tarsis hätte dich getötet!!“ Richie stutzte, den Namen Tarsis hatte er schon einmal gehört. Mac hatte ihm von einem Unsterblichen erzählt, den er 1930 enthauptet hatte. Und zwar hier in Paris.
Ich dachte, 1930 hättest du in Chicago gelebt, Boss?“ fragte Richie.
Ja, habe ich auch. Aber auch damals reiste ich in regelmäßigen Abständen nach Hause. Chateau Dubois musste ab und an von seiner Comtesse besucht werden. Und 1930 habe ich Adam, meinen ehemaligen Mentor hier in Paris besucht. An dem Tag, als ich ihn zuletzt gesehen habe, ist er zu einem Duell und wollte danach mit mir essen gehen. Doch dazu ist es nie mehr gekommen…“ Sie sah Adam vorwurfsvoll an und erinnerte sich.

 

Frankreich, Paris, ein Freudenhaus im Quartier Latin, 16. Januar 1930.
Warum zum Teufel, schleifst du mich zu einem Freudenhaus, Adam? Was willst du hier in einem Etablissement von solch zweifelhaftem Ruf?“ fragte Michelle ihren Mentor.
Hast du mitbekommen, dass vor ein paar Stunden die Montparnasse-Filiale der Bank von Frankreich ausgeraubt wurde?“
Ja, aber was hat das mit dir und diesem Freudenhaus zu tun?“
Die Täter sind Unsterbliche. Und einer von ihnen, Richard Tarsis, war 1843 mein Schüler.  Er war schon damals ein Dieb. Er wurde unsterblich, weil ein englischer Lord ihn erschossen hat, als er dabei war sein Anwesen auszurauben. Ich habe versucht, ihn auf den rechten Weg zu bringen…“
Du, der einstige kriegerische, keltische Stammesführer aus grauer Vorzeit?“ Sie lachte erheitert.
Spotte nicht, meine Kleine. Es wäre mir fast gelungen. Fast… Leider hat er sich einen eigenen Schüler namens Kagan gesucht und auch ihn vom rechten Weg abgehalten. Ich muss ihn aufhalten. Er hat heute bei dem Überfall unschuldige Menschen getötet. Er muss gestoppt werden. Ich werde ihn stoppen. Warte hier auf mich. Das ist nicht dein Kampf, Comtesse.“ Sie setzte zu einer Erwiderung an, dass sie den Teufel tun und hier warten würde. Doch sein durchdringender Blick duldete keinen Widerspruch.

Adam zog sein Schwert und ging mit großen Schritten in Richtung Freudenhaus davon.

Eine Minute später bemerkte Michelle, dass ein weiterer Unsterblicher hier war. Sie sah, wie ein gutaussehender, stattlicher Mann mit Hut, Anzug und braunen kurzen Haaren denselben Weg wie Adam ging und das Freudenhaus betrat.

Von da an wartete Michelle Minute um Minute. Es fing an zu schneien, langsam aber sicher fror Michelle. Sicher, sie hatte versprochen zu warten, aber nicht zu einer lebenden Eisskulptur zu werden. Nach einer weiteren halben Stunde kam Adam immer noch nicht wieder raus, Tarsis auch nicht. Ebenso wenig der unbekannte Unsterbliche.

Irgendwann war Michelle das Warten leid. Sie rannte quer über die Straße und stürmte in das Bordell. Es gab keine Spur eines Kampfes, keine Leiche, keine Unsterblichen. Sie entdeckte einen Hinterausgang, lief die komplette Gasse rauf und runter. Nichts. Irgendwann gab sie auf und fuhr mit ihrem Wagen nach Chateau Dubois.

 

Frankreich, Paris, Friedhof Père-Lachaise, die Gegenwart.
Eine Krähe stieß ihren durchdringenden Schrei aus und holte Micky aus ihren Erinnerungen zurück. Sie legte den Kopf in den Nacken und sah Adam durchdringend an. Sie versuchte zu ergründen, warum er sie angelogen und seinen Tod inszeniert hatte. Sie sah nichts. Adam war einer der wenigen Unsterblichen, bei denen die Tricks, die Nostradamus ihr beigebracht hatte, nicht funktionierten.

Also musste sie ihn fragen: „Warum hast du dich nicht bei mir gemeldet, Adam? Warum ließt du mich glauben, du wärst tot?“ fragte sie ihn vorwurfsvoll.
Ich war die Kämpfe leid, Michelle. Tut mir leid. Wenn man mehr als 2.000 Jahre gelebt hat.... Ich brauchte eine Auszeit von allem.“ Richie stutzte, die Geschichte kam ihm so bekannt vor.
Micky, kann es sein, dass du damals Duncan gesehen hast, ohne es zu wissen?“ Sie sah Richie verständnislos an. „Ich weiß zufällig, dass Duncan am 16. Januar 1930 einen Unsterblichen getötet hat. Der Kerl hat an demselben Tag einen Banküberbefall begangen, als Duncan dort Geld abheben wollte. Es wurden mehrere Sterbliche getötet. Duncan ist ihm gefolgt und hat ihn gestellt. Und zwar in einem Freudenhaus im Quartier Latin.“
Das war Duncan?“ Sie schloss die Augen und versuchte sich zu erinnern. Mit einem Mal stand das Bild des Unsterblichen deutlich vor ihrem inneren Auge. Er hatte sich kurz umgedreht, bevor er das Bordell betreten hatte, sie aber nicht entdeckt.Ja. Ja, tatsächlich. Du hast Recht, Richie. Das war Duncan.“ Sie lachte. „Wer hätte das gedacht, da bin ich vor 77 Jahren schon einmal meinem zukünftigen Ehemann begegnet, ohne dass wir es auch nur ahnten. Adam, was ist damals passiert?“
Ich suchte Tarsis in den Zimmern des Bordells. Bis mir endlich eines der Mädchen sagte, dass er unten wäre, hatte der andere Unsterbliche, wie ich jetzt weiß, dein Mann Duncan MacLeod, ihn zum Kampf gefordert. Ich eilte den beiden hinter her und beobachtete den Kampf. Als MacLeod die Energie von Tarsis in sich aufgenommen hatte, kam sein Kompagnon Kagan in den Hof gestürmt. MacLeod sagte ihm, dass er kein Problem mit ihm hätte und dass er gehen könnte. Kagan war einverstanden, er brachte Tarsis’ Leichnam weg, MacLeod ging, und ich schlich mich nach ein paar weiteren Minuten ebenso wie die beiden durch den Hinterausgang hinaus. Und von dort aus reiste ich per Bahn und Schiff nach Irland in meine Heimat, wo ich mich auf heiligen Boden zurückzog. Ich baute mir ein Haus auf dem Grund einer ehemaligen, keltischen Begräbnisstätte meines Stammes.“
Und wieso bist du jetzt zurückgekommen?“ fragte Micky skeptisch.
Weil du meine Hilfe brauchst.“
Wobei? Du hast seit 77 Jahren nicht mehr gekämpft. Du bist wahrscheinlich rostiger als die Rüstung meines Urgroßvaters.“
Adam ging über die spöttische Bemerkung seiner ehemaligen Schülerin hinweg, trat dicht an Micky heran, beugte sich herunter und flüsterte in ihr Ohr: „Ich weiß von Christopher Sikes.“ Richie versuchte zu verstehen, was der Hüne gesagt hatte. Vergeblich.

Ich weiß nicht, wovon du redest, Adam.“
Zwei Seelen schlagen, ach, in meiner Brust?“ fragte er wohlwissend.
Du warst da?“ fragte Micky überrascht. Sie war viel zu sehr mit ihrem Problem beschäftigt gewesen, als dass sie auf die Zeichen bewusst geachtet hätte. Das Kribbeln im Nacken hatte sie Meister Unterhauser zugeordnet. Wie hätte sie auch ahnen können, dass Adam nach 77 Jahren aus dem Reich der Toten zurückkehren würde?
Adam grinste amüsiert und erklärte: „Du weißt doch, dass ich ein alter Freund von Unterhauser bin. Ich habe ich dich damals in Wittenberg abgeholt für deine weitere Ausbildung, erinnere dich, meine Kleine.“ Richie verstand kein Wort.

Was geht hier vor zum Teufel?!“ fragte er aufgebracht. Richie hasste es, wenn Leute in einer Art Geheimsprache kommunizierten, die er nicht verstand.
Nichts, Richie. Fahr’ in die Galerie. Ich komme später nach. Ich muss mit Adam alleine reden.“
Micky, du hast gesagt, ich soll dich nicht alleine lassen.“
Ich bin nicht alleine, Richie. Adam ist hier.“ Er schnaubte verächtlich.
Ja, toll. Ich soll dich bei einem Kerl lassen, der dich 77 Jahre in dem Glauben gelassen hat, er wäre tot?! Super Gesellschaft, Micky.“
Junge, ich passe schon auf sie auf. Das habe ich schon getan, da warst du noch nicht einmal geboren.“
Was wissen Sie schon, wann ich geboren wurde?“ blaffte Richie ihn sauer an. Er hasste es über alle Maßen wegen seines Alters verspottet zu werden, ganz besonders von Typen, die er nicht kannte.
Richie Ryan, geboren am 20. September 1974. Unsterblich seit dem 23. Oktober 1993. Auf deinen Kopf sind 10.000 ausgesetzt.“ Richie klappte die Kinnlade runter.
Woher wissen Sie das, Mann?“ fragte er völlig platt.
10.000 was, Adam? “
Dollar.
Kieselsteine passen nicht ins Portemonaie, meine Kleine.“
Und woher weißt du das, wenn ich mal bescheiden fragen darf?“ fragte Micky und starrte erwartungsvoll zu Adam hinauf.
Nun ganz einfach: Ich habe das Datennetz von deinem alten Bekannten Noah Woodhouse geknackt. Ich weiß, auf welche Unsterblichen er es abgesehen hat und was er über sie weiß.“
Und du stehst ziemlich weit oben auf seiner Liste?“ fragte Micky, die Antwort ahnend.
Natürlich, ich bin ja auch mit am längsten auf der Erde.“ Wenigstens nicht seit der Zeit Derjenigen, dachte Micky erleichtert. Adam war nur einer ihrer ersten Nachfahren, die sich durch die spontane Kennzeichnung verbreitet hatten. Er war genauso entstanden wie Micky 2.500 Jahre später.
Und was machst du so? Beruflich, meine ich?“ Er grinste und ging ein paar Schritte weiter über den Friedhof. Micky hielt mit ihm Schritt, Richie bildete die Nachhut. Heiliger Boden, schön und gut, er würde trotzdem nicht nachlässig sein.
Was soll ich sagen, Michelle? Ich bin mit der Zeit gegangen. Weißt du, ich war vielleicht mal ein hervorragender Krieger und keltischer Stammesführer. Aber heutzutage gibt es für mich in diesem Berufsbild nicht mehr viele Stellen in Irland.“ Micky grinste. „Inzwischen bin ich als Computerhacker ziemlich gut. Ich bin so eine Art Robin Hood der Datenautobahnen geworden. Ich zweige von den Geschäftskonten dubioser Unternehmen Gelder ab und verteile sie an Spenden- und Wohlfahrtsverbände. Nach Abzug eines kleinen Unkostenbeitrages für mich, versteht sich…“ Micky grinste immer noch, Adam zuckte entschuldigend die Achseln und meinte nur: „Irgendwie muss man sich ja seinen Lebensunterhalt verdienen. So stieß ich auch auf die Woodline Cooperation und die ganzen Subunternehmen. Ich habe ihn schon um viel Geld erleichtert.“
Weißt du, wo das Schwert ist?“
Nicht in Schottland“, erklärte Adam.
Wo dann? Überhaupt irgendwo in Großbritannien?“ Er nickte.
Zum Donnerwetter noch mal, wovon redet ihr die ganze Zeit? Zwei Seelen? Schwerter? Sikes? Klärt mich bitte mal auf.“ Richie wurde langsam wirklich sauer.
Später, Richie. Lass mich jetzt bitte mit Adam alleine.“
Micky, das passt mir überhaupt nicht.“ Sie trat mit einem ehrlichen Lächeln auf dem Gesicht dicht an Richie heran und küsste ihn auf die Wange.
Ich weiß, Junior. Für deine Sorge um mein Wohl bin ich dir sehr dankbar. Aber bei Adam bin ich in Sicherheit. Vertrau' mir, bitte.“ Richie seufzte, gegen soviel französischen Starrsinn und zwei Meter irische Muskelmasse kam er nicht an.
Okay, ich bin in der Galerie.“ Micky hielt ihn am Arm fest.
Danke, Richie.“ Er nickte und wandte sich dem Weg zu, der vom Friedhof hinausführte. „Ach, Richie.“ Er drehte sich erwartungsvoll zu Micky und Adam um.
Ja, Boss?“
Fahr’ bitte vorher bei Maurice vorbei und frage ihn, was er über Daniel Prescott hat. Da stimmt irgendetwas nicht. Er ist zu plötzlich aufgetaucht.“ Richie nickte wieder und machte sich auf den Weg.

 

 

12. Requiem

 

Kanada, Vancouver, Duncans Dojo, am nächsten Morgen.
Duncan öffnete ein Auge und schielte auf den Wecker. Sechs Uhr. Er schnaubte. Der Jetlag und die Sorge um Joe ließen ihn nicht schlafen. Die ganze Nacht hatte er es versucht, war immer wieder aufgestanden, hatte ferngesehen, noch einmal mit Micky telefoniert, die Bücher des Dojos überprüft.

Ach, was soll’s“, fluchte er leise und sprang aus dem Bett. Schnell zog Duncan sich T-Shirt und Trainingshose an und ging die Treppen zur Trainingshalle hinunter. Ebenso wie die Besuchszeit im Krankenhaus erst in Stunden beginnen würde, würde das Dojo erst später aufmachen. Also konnte er in Ruhe trainieren und seine Gedanken ordnen.


Er hatte bereits eine halbe Stunde trainiert, als Charlie mit dem Lastenaufzug herunterkam. Sein gesamter Körper war mit einem feinen Schweißfilm überzogen, einzelne Haarsträhnen hatten sich aus seinem Pferdeschwanz gelöst. Duncan sagte nichts, er führte weiter die Übungen aus. Charlie setzte sich auf eine Bank auf der rechten Seite der Trainingshalle und beobachtete seine Bewegungen.

Nach ein paar weiteren Minuten sprach er sie schließlich an: „Wir fangen am Besten sofort mit deinem Training an, Charlie.“
Okay“, sagte sie, schlug sich auf die Oberschenkel und stand auf. Sie trug Trainingskleidung von Micky, die Duncan ihr rausgelegt hatte.
Dann schauen wir mal, was du so drauf hast“, meinte Duncan ermunternd. „Greif’ mich an.“ Er nahm eine Verteidigungsstellung ein und wartete gespannt ab. Schneller als Duncan realisieren konnte, lag er auf der Trainingsmatte. Charlie bückte sich und streckte ihm grinsend eine Hand entgegen. Er ließ sich bereitwillig hochziehen.
Habe ich vergessen zu erwähnen, dass ich einen schwarzen Gürtel habe?“ Duncan lachte über Charlies Bemerkung.
Ja, hast du. Aber du solltest dich nicht zu sicher fühlen, bloß weil du mich gleich beim ersten Mal auf die Matte geschickt hast.“
Schon klar, Duncan. Aber meinen Triumph koste ich trotzdem aus.“ Mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht griff sie Duncan wieder an. Jetzt da er wusste, dass Charlie schon gewisse Vorkenntnisse hatte, war er wachsamer, packte sie weniger sanft als zuvor an und schickte sie eins ums andere Mal auf die Matte. Jedes Mal blaffte er in knappem Befehlston: „Steh’ auf!“
Okay, das war klar und deutlich. Ich hab’ kapiert, dass ich noch viel lernen muss“, schnaufte Charlie irgendwann atemlos und auf der Matte liegend. „Können wir jetzt aufhören?“ Duncan lachte.
Charlie, wir haben noch nicht einmal angefangen. Das war zum Aufwärmen.“ Er bemerkte das Gesicht, das sie zog. „Na gut, ich will ohnehin ins Krankenhaus und Joe besuchen.“
Gib mir fünf Minuten.“
Wie?“
Na, ich komme natürlich mit. Du brauchst doch Rückendeckung.“ Sie stemmte die Hände in die Seiten und sah ihn herausfordernd an.
Charlie“, er trat dicht vor sie.
Ja?“ fragte sie süffisant lächelnd.
Wer von uns beiden ist gestern erschossen worden?“ Ihr Gesichtsausdruck verfinsterte sich.
Das war nicht nett.“ Sie zog einen Schmollmund und stapfte in Richtung Lastenaufzug davon. Duncan schüttelte lachend den Kopf und folgte ihr. Bevor er den Aufzug betreten konnte, schob sie das Gitter herunter und drückte breit grinsend den Knopf.
Hey, was soll das?“
Während du die Treppen nimmst, kannst du überlegen, ob du mich nicht doch mitnehmen willst.“ Damit setzte sich der Aufzug in Bewegung.
Du Biest! Du bist noch schlimmer als meine Frau! Du bleibst trotzdem hier!“ Fluchend ging er zum Treppenhaus davon.

 

Kanada, Vancouver, Victoria Memorial-Krankenhaus, am Vormittag.
Duncan betrat alleine das Foyer des Krankenhauses, er sah sich kurz um und entdeckte einen Informationsschalter, wo eine freundlich wirkende Krankenschwester Auskünfte erteilte. Mit drei großen Schritten war er bei ihr.

Guten Tag, ich möchte Joe Dawson besuchen.“ Die Krankenschwester sah ihn interessiert an, nickte und tippte den Namen in den vor ihr stehenden Computer ein.
Da haben Sie aber Glück. Er lag bis vergangene Nacht auf der Intensivstation. Heute Morgen wurde er verlegt und kann Besuch empfangen.“ Duncan atmete erleichtert auf.
Oh Mann, Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr mich das freut. Wo liegt er?“
Im dritten Stock, Zimmer 321. Die Aufzüge sind dort vorne.“ Sie beugte sich über den Tresen und zeigte in die entsprechende Richtung. Duncan ging schnellen Schrittes zum Fahrstuhl davon.

 

Einige Augenblicke später befand er sich im dritten Stock und las an den Türschildern die Zimmernummern und Namen ab. Endlich hatte er Joes Zimmer gefunden. Er drückte die Schwingtür auf und trat ein.

Duncan erschrak, als er Joe, klein und zusammengesunken in dem riesig wirkenden Bett entdeckte. Er bekam eine Infusion, sein freundliches Gesicht war ein einziger Bluterguss. Über der rechten Augenbraue hatte er eine große Platzwunde, die genäht worden war.
Heilige Scheiße!“ entwischte Duncan ein Fluch. Glücklicherweise lag Joe in einem Einzelzimmer. „Ich werde Woodhouse umbringen“, schwor er entschlossen.
Das lässt du mal schön bleiben“, hörte Duncan eine vertraute Stimme heiser krächzen. Er vermutete, dass Joe bis letzte Nacht künstlich beatmet worden war.
Joe, egal, was du sagst, Woodhouse wird dafür bezahlen.“ Joe verzog seine Mundwinkel zu einem gequälten Lächeln. Duncan nahm sich einen Stuhl und setzte sich nah an das Bett. Die Hand seines Freundes tastete auf dem Beistelltisch nach einem Glas Wasser. Duncan begriff, nahm das Glas und führte es vorsichtig an Joes Lippen heran.
Schön, dass du gekommen bist, Mac“, flüsterte Joe, nachdem er getrunken hatte.
Hey, Ehrensache. Du bist mein Freund, Joe. Ich wäre auch vom anderen Ende der Welt gekommen. Du bist mir sehr wichtig.“
Du mir auch, Mac. Woodhouse mag zwar die Runde gewonnen haben, aber nicht den Krieg. Und ein altes mongolisches Sprichwort sagt:
Der Sieger hat viele Freunde, der Besiegte hat gute Freunde.“ Duncan lächelte und drückte vorsichtig Joes Schulter.
Wie haben Sie dich erwischt?“ wollte Duncan nun wissen und stellte das Glas zurück auf den Tisch.
Ich hatte den Schlüssel schon in der Tür zur Bar stecken, als sie über mich herfielen. Ich habe nicht aufgepasst“, gestand Joe kleinlaut und noch immer ärgerlich über seine Nachlässigkeit.
Joe, es tut mir echt leid.“
Duncan, du hast keine Schuld.“ Er sah Duncans Blick und setzte schnell hinzu: „Und Micky auch nicht, ist das klar!“ In seinen Worten lag eine unerwartete Stärke.
Sie hat doch diesen irrsinnigen Feldzug gegen Sikes und Woodhouse gestartet! Es hat uns schon Isabelle gekostet, und jetzt liegst du hier im Krankenhaus, sieh dich an!“
Sie hat gar nichts gestartet, Mac. Es ist ganz anders, es ist auch nicht Micky, auf die Woodhouse es abgesehen hat.“
Kannst du mal Tacheles reden, Joe? Alle benehmen sich seit Wochen wie das Orakel von Delphi.“
Das du nicht kanntest“, neckte ihn Joe und versuchte zu grinsen.
Jetzt klingst du schon wie Methos. Haben sie dir eins über den Schädel gezogen?“ fragte Duncan nun ebenfalls grinsend.
Das kann man wohl sagen... Drei Rippen haben sie mir auch noch gebrochen... Nun schau nicht schon wieder wie ein geprügelter Hund, Mac. Dieses Mal bin ich dem Sensenmann von der Schippe gesprungen.“ Duncan sah noch bestürzter und sorgenvoller aus als vor einem Augenblick. Joes rechte Hand legte sich auf Duncans Arm. „Du solltest du dich nach 15 Jahren langsam an den Gedanken gewöhnt haben, dass ich nicht ewig da sein werde. Allerdings habe ich die Hoffnung gehabt, dass ich meinen Sohn noch aufwachsen sehe...“
Joe...“ begann Duncan und sah dabei hilfesuchend auf seine Hände, die Hände eines Kriegers, die nicht in der Lage gewesen waren, seinen Freund zu schützen. In diesem Moment fühlte Duncan sich elend, schwach und hilflos.
Mac. Du weißt, dass ich irgendwann sterben werde. Nicht heute, nicht morgen. Aber langsam fange ich an, mich alt zu fühlen. In jedem anderen Job hätte man mir schon eine goldene Uhr geschenkt und mich in Rente geschickt. Aber bei meinem Verein heißt es – einmal ein Beobachter, immer ein Beobachter. Bis zum bitteren Ende. Emily und David geben mir zwar hin und wieder einen kleinen Energiekick, aber ein junger Mann bin ich schon lange nicht mehr. Eigentlich seit Vietnam nicht mehr...“ Er warf einen wehmütigen Blick auf die Bettdecke und die darunter verborgenen Prothesen. „Aber egal, die Beobachter haben immer für mich gesorgt. Ich komm’ schon wieder auf die Beine.“ Er grinste schief über seinen letzten Satz.
Ach, Joe... Lass das doch bitte. Ich möchte heute nicht übers Sterben sprechen. In letzter Zeit haben wir zu viele Freunde verloren.“ Er dachte an Isabelles sinnlosen Tod und Connors Fortgang.
Na gut, reden wir über Charlie Grant. Wie macht sie sich als meine Vertretung?“ Duncan zuckte kurz zusammen, räusperte sich und sah ein wenig verlegen zum Fenster hinaus. „Mac, was ist passiert?“ Er kannte Duncan gut genug, um zu wissen, dass mit Charlie etwas nicht stimmte.
Eigentlich wollten wir nicht übers Sterben sprechen, aber wenn du schon fragst. Sie ist seit...“ er sah kurz auf seine Armbanduhr. „...22 Uhr gestern Abend eine Unsterbliche.“
Was?!“ rief Joe und versuchte sich im Bett aufzusetzen.
Sie ist hier am Flughafen erschossen worden, ich habe ihre Leiche mitgenommen, weil ich deinen Leuten Ärger ersparen wollte. Nachdem ich sie ein paar Straßen weit getragen hatte, kam sie wieder zu sich.“
Ach, du Schande. Sie ist... du meinst echt, sie ist eine Unsterbliche?“ Duncan sah Joe schief an; wie sollte es darüber einen Zweifel geben?
Joe, eine Kugel mitten durchs Herz überlebt man nicht. Außer man ist oder wird unsterblich.“
Und wie geht es ihr? Wo ist sie?“
Sie ist gestern ziemlich durcheinander gewesen. Ich bin übrigens ihr Meister, nur für Ihre Chronik. Und für meine, Micky kocht wegen Charlie vor Eifersucht…“ Joe lachte. „Mal ehrlich, Joe, was hat meine Frau nur? Glaubt sie nach elf Jahren etwa immer noch, dass ich sie für eine andere verlassen würde?“
Vielleicht für eine Jüngere?“ mutmaßte Joe, was Duncan zu einem typisch schottischen Schnauben veranlasste, das etwa wie „Hmpf“ klang. „Charlie ist erst 22, wenn ich mich recht erinnere?“
Das ist doch Blödsinn, Joe!“
Tessa war auch nach 12 Jahren noch in Sorge, Mac.“
Sie war ja auch sterblich. Sie wurde älter und ich nicht. Micky sieht äußerlich immer noch wie 25 aus, obwohl sie 92 älter ist als ich.“
Äußerlich, du sagst es, Mac. Sie weiß, dass es nun mal nicht so ist. Sie weiß, dass sie fast ein Jahrhundert mehr auf dem Buckel hat als du.“ Duncan schüttelte verständnislos den Kopf.
Wann wird sie endlich einsehen, dass ich sie genau dafür liebe? Sie hat Abenteuer erlebt, als ich noch nicht einmal geboren war. Kannte Leute wie Nostradamus, Martin Luther und Katharina Medici. Dagegen kommt mir mein Leben phasenweise richtig langweilig vor. Und obwohl sie manchmal zu Herrschern gehalten hat, die größenwahnsinnige Despoten waren, achte ich sie doch sehr für ihre Loyalität ihrem König und ihrem Land gegenüber.“ Joe rang sich ein weiteres Lächeln ab. Allmählich wurde er müde.
Dann sag’ ihr das vielleicht mal hin und wieder und am Besten bevor Amanda das nächste Mal halbnackt durch dein Hausboot tänzelt.“ Duncan schüttelte lachend den Kopf und erinnerte sich an das letzte Mal.
Ich denk’ drüber nach, Joe… Jetzt ist erst einmal Charlies Training wichtig. Sie muss vor allem lernen, mit einem Schwert umzugehen. Heute früh haben wir schon ein wenig trainiert. Hat mir natürlich keiner gesagt, dass sie den schwarzen Gürtel hat... Ich habe sie im Dojo gelassen. Da kann ihr eigentlich nichts passieren.“ Er bemerkte Joes zweifelnden Blick. „Komm schon, Joe. Der Laden ist jetzt voller Leute. Da wird es niemand wagen, sie zu überfallen. Außerdem, wozu? Sie hat noch keinen Kampf gewonnen, keine Erfahrung, keine Energie. Das lohnt sich selbst für Woodhouse nicht. Einen Preis hat er bestimmt auch noch nicht auf ihren Kopf ausgesetzt... Ich frage mich sowieso, was er eigentlich plant. Eine wilde Kopfgeldjagd kann nicht sein wirkliches Ziel sein.“
Ist es auch nicht“, erwiderte Joe und biss sich auf die Zunge.
Dann mal raus mit der Sprache, alter Freund.“ Doch Joe schüttelte den Kopf.
Mac, ich darf nicht. Die Regeln.“
Da pfeif’ ich drauf. Deine Leute haben nicht verhindert, dass du fast umgebracht wurdest, und du hältst dich trotzdem noch an euren dämlichen Kodex?“
Du hältst dich doch auch an die Regeln der Zusammenkunft, oder Mac?“ fragte Joe leicht pikiert. Er nahm seine Arbeit immer schon ernst. Und die Missachtungen seiner Arbeitsvorschriften waren ihm seit jeher unangenehm gewesen.
Du wirst höchstens arbeitslos, Joe. Wenn wir die Regeln brechen, gibt es verheerende Vulkanausbrüche wie in Pompeji oder meine Frau fällt ins Koma und wacht mit totaler Amnesie wieder auf. Das ist wohl doch ein Unterschied, findest du nicht?“
Schon gut, Mac. Was ich dir sagen kann, ist, dass es nicht du bist, hinter dem Noah Woodhouse tatsächlich her ist. Und es ist auch nicht Micky.“
Wer denn dann? Es muss ein mächtiger Unsterblicher sein. Jemand, der viele Begegnungen gewonnen hat oder durch wenige viel Energie und Wissen in sich aufgenommen hat. Da würde mir zuerst Micky einfallen, sie hat ganz schön aufgeholt im vergangenen Jahr. Oder... Darius. Aber der ist tot. Methos - dann kann es nur Methos sein. Er will seinen Kopf richtig?“ Joe sah Duncan unverwandt an, sagte aber nichts. „Komm schon, Joe.“
Ich kann dir nichts sagen. Die Leute, die wissen, weshalb Woodhouse hinter Methos her ist, sind entweder tot oder dürfen bzw. wollen nichts sagen.“
Weiß Methos es? Den Grund, warum Woodhouse ihm an den Kragen will?“ Joe schüttelte den Kopf.
Nein, und wenn er es wüsste, wäre er nicht der Mann, den du Freund nennst. Dann würdest du dir seinen Kopf holen wollen.“ Duncan verstand kein Wort, genervt sprang er von seinem Stuhl auf.
Herrgott, könnt ihr nicht einmal aufhören in Rätseln zu sprechen! Es ist ja fast so, als wäre Darius noch am Leben. Ich möchte einmal auf meine Fragen eine klare Antwort.“
Die wirst du von mir nicht bekommen, Mac. Und jetzt möchte ich ein bisschen schlafen. Emily kommt sicher bald mit dem Baby. Und du solltest dann besser nicht hier sein. Du weißt vielleicht, dass sie euch die Schuld gibt.“
Ja, Micky hat so etwas erwähnt. Ich komme morgen wieder, spätestens. Vielleicht willst du mir ja dann erzählen, was mit Methos und Woodhouse los ist.“ Joe lachte amüsiert über Duncans Starrsinn. Dann schloss er die Augen und schlief fast augenblicklich ein.

 

Kanada, Vancouver, eine Seitenstraße in der Nähe des Victoria Memorial-Krankenhauses, kurz darauf.
Duncan schloss die Tür seines Mietwagens auf und sah sich nach allein Seiten um. Fast sofort stellten sich seine Nackenhaare auf. Die Erfahrung des jahrhundertealten Kriegers sagte ihm, dass er nicht mehr alleine war. Hinter seinem Rücken hörte Duncan, wie der Hahn einer Pistole gespannt wurde.

MacLeod, steigen Sie ein. Wir wollen mit Ihnen reden.“ Duncan wollte sich zum Besitzer der heißeren Stimme umdrehen, doch der Fremde stieß ihn mit dem Gesicht voran gegen das Auto.
Nehmen Sie die Hände weg, Freundchen! Ich habe keine Zeit für so etwas! Sagen Sie, was Sie von mir wollen oder verschwinden Sie!“ Er versuchte, sich ein weiteres Mal umzudrehen und wurde wieder grob angefasst. Jetzt reichte es Duncan. Im Bruchteil einer Sekunde drehte er sich um. Seine Hand schnellte vor und entwaffnete den Mann. „Also jetzt werde ich gleich richtig sauer! Was soll das?!“ Duncan sah erstaunt auf das Handgelenk des Mannes. „Sie sind Beobachter! Sie dürfen sich nicht einmischen! Und schon gar nicht Unsterbliche mit Waffen bedrohen!“ schrie Duncan sauer.
Sie sollten ein wenig netter zu meinem Kollegen sein, MacLeod, und tun, was er sagt!“ hörte Duncan hinter sich eine weitere männliche Stimme. „Geben Sie ihm seine Pistole zurück!“ Duncan wog kurz seine Möglichkeiten ab, er wollte die beiden Beobachter keinesfalls verletzen oder gar töten. Es missfiel ihm allerdings, wie sie ihn behandelten. Doch hier war weder der rechte Platz, noch die rechte Zeit, um diesen beiden Beobachtern Manieren und ein anständiges Geschäftsgebaren beizubringen. Duncan gab die Pistole ab und hob langsam die Hände.
Nach Ihnen, Gentlemen.“ Er wurde ein weiteres Mal gegen seinen Mietwagen gestoßen, was seiner Laune noch abträglicher war. „Soll ich fahren?“ fragte Duncan süffisant grinsend, als er einen Schlag auf den Hinterkopf erhielt und alles um ihn herum schwarz wurde.

 

Kanada, Vancouver, eine Lagerhalle am Hafen, einige Zeit später.
Wachen Sie auf!“ brüllte eine Stimme, dann bekam Duncan einen Eimer kalten Wassers ins Gesicht. Er schüttelte den Kopf und prustete. Als er sich einige triefendnasse Haarsträhnen aus dem Gesicht streichen wollte, bemerkte er, dass er mit Handschellen an den Stuhl gefesselt war, auf dem er saß.
Was soll denn dieser ganze Mist, Leute? Ich bin freiwillig mitgekommen und Ihr fesselt mich?“
Warum haben Sie Charlene Grant getötet?“
Was?“ fragte Duncan völlig überrumpelt. Der Beobachter, der ihn mit der kalten Dusche aus dem Reich der Träume geholt hatte, wiederholte die Frage. „Ich weiß nicht, wovon Sie beide reden! Charlie ist wohlauf… Ich meine, sie ist zwar erschossen worden…“
Sie geben also zu, dass Sie Ms. Grant gestern Abend nach ihrer Ankunft in Vancouver erschossen haben!“ fiel ihm der andere Beobachter ins Wort.
Nein, ich habe sie nicht erschossen! Seid Ihr Typen taub oder einfach nur blöd?!“ schrie Duncan lautstark zurück und versuchte, von dem Stuhl hochzukommen.
Sitzen bleiben!“ Den Befehl unterstrich der erste Beobachter mit einem Schwert, das auf Duncans Hals zielte.
Hey, vorsichtig. Ihr seid doch Beobachter, ihr dürft euch nicht einmischen. Also legen Sie gefälligst das Schwert beiseite und machen mir die Handschellen ab!“ Die beiden Beobachter lachten los.
Sie sind nicht in der Position etwas zu befehlen! Außerdem haben Sie zuerst die Regeln gebrochen, MacLeod, indem Sie Ms. Grant erschossen haben!“
Zum x-ten Mal, ich habe Charlie nicht erschossen! Sie ist wohlauf! Sie ist eine….“ Weiter kam Duncan nicht, das Licht ging aus. Im nächsten Moment hörte er zwei dumpfe Schläge. Dann stöhnten die beiden Beobachter. Aufgrund des platschenden Geräuschs, das Duncan nun hörte, ging er davon aus, dass sie ohnmächtig zu Boden gefallen waren.
Wer ist da?“ fragte Duncan mit zusammengekniffenen Augen und versuchte in der Dunkelheit vergeblich etwas zu sehen. Er spürte, dass es ein Unsterblicher war. Er bekam keine Antwort, nur eine Taschenlampe flackerte auf und umtanzte hektisch die Körper der beiden Beobachter. „Hallo, wer ist da?“ fragte Duncan noch einmal.
Ich bin’s“, hörte er eine vertraute Stimme hinter sich. Die Handschellen wurden geöffnet und fielen scheppernd auf den Boden.
Charlie! Wie hast du mich gefunden?“ Sie leuchtete ihm mit der Taschenlampe ins Gesicht, er blinzelte.
Einmal eine Beobachterin, immer eine Beobachterin, Mac. Ich bin dir gefolgt“, erklärte sie zufrieden grinsend. „Und jetzt lass’ uns von hier verschwinden, bevor die beiden aufwachen.“ Sie wollte in Richtung Ausgang davongehen, doch Duncan hielt sie am Arm fest.
Warte. Die glauben, ich hätte dich erschossen. Warte bis sie wieder aufwachen, dann können wir Ihnen beweisen, dass du noch lebst.“ Zu Duncans Erstaunen schüttelte sie den Kopf.
Nein, Mac. Die Typen arbeiten für meine Mutter, mit denen kann man nicht reden. Lass es gut sein. Ms. Charlene Grant ist gestern Abend gestorben. Das ist besser für alle Beteiligten, Vertrau’ mir bitte. Ich baue mir in Paris eine neue Identität auf. In einer Stunde werden die Beobachter einen leeren Sarg begraben und einen Grabstein mit meinem Namen darauf errichten. Und dann suche ich mir auf dem Friedhof den Namen eines Kindes, das nur einen Tag oder so gelebt hat. So macht ihr… machen wir das doch für gewöhnlich, oder?“ Duncan nickte stumm. Er war zu verblüfft über Charlies Entschlossenheit und weitsichtige Planung.
Dann lass uns gehen und dir einen hübschen Namen aussuchen.“ Mit einem großen Schritt stieg er über den bewusstlosen Beobachter hinweg, der ihm den Eimer Wasser ins Gesicht geschleudert hatte. Kurz war Duncan in Versuchung, ihm einen Tritt zu verpassen. Doch davon hätte er aufwachen können. Also ging er einfach davon.

 

Kanada, Vancouver, der Friedhof bei Darius’ ehemaligem Kloster, eine Stunde später.
Gut versteckt hinter einer hundert Jahre alten Eiche beobachtete Charlie Grant ihre eigene Beerdigung. Sie sah ihre Mutter, Clarice Grant, ganz in schwarz gekleidet und neben ihr Charlies Schwester Jenny. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Charlene Grant war tot. Ihr neuer Name lautete Justine Moore und hatte einem Mädchen gehört, dass 1951 zwei Tage nach der Geburt gestorben war. Papa Maurice würde dafür sorgen, dass es über Charlie keine Beobachter-Akte geben würde, sondern nur über Justine Moore. Auf seine und Joes Verschwiegenheit konnte Charlie zählen.

Ist komisch, oder?“ fragte Duncan behutsam.
Ja, irgendwie schon. Aber es ist besser so. Meine Mutter würde es nicht verstehen. Sie hat keine ganz unvoreingenommene Meinung, was die Unsterblichen betrifft.“
Sie gehört doch nicht etwa zur Splittergruppe, oder?“ Charlie fixierte wütend ihre Mutter auf der anderen Seite des Friedhofs und nickte stumm. Die Lippen hatte sie zu schmalen Schlitzen zusammengepresst.
Ich und mein vorlautes Mundwerk“, stöhnte Duncan und packte Charlies Arm. „Wir gehen“, sagte er knapp und bestimmt.
Ja, gut. Ich habe genug gesehen. Ich habe meinen neuen Namen. Was hält mich noch hier?“ Sie warf einen letzten, wehmütigen Blick auf ihre Mutter, die nicht damit würde umgehen können, dass ihre Tochter jetzt auf der anderen Seite, der Seite der zu observierenden, gefährlichen Subjekte stand, wie sie immer gesagt hatte. Da ihre Mutter seit Jahren ein aktives und auch hochrangiges Mitglied der Splittergruppe der Beobachter war, hatte Charlie keine andere Möglichkeit gehabt, als offiziell für tot erklärt zu werden und ihrer Mutter einen weiteren Grund zu liefern, die Unsterblichen zu hassen.
Ich möchte noch bei einem alten Freund vorbei.“ Eine Brise kam auf und flatterte durch Duncans schwarzen Mantel, als er dicht neben Charlie in die entgegengesetzte Richtung davon ging.
Oh, das hätte ich mir eigentlich denken können“, bemerkte Charlie mit einem Blick auf das Grab.
Ich komme immer hier her, wenn ich in Vancouver bin. Darius war ein sehr wichtiger Mensch in meinem Leben. Du hast ja bestimmt gelesen, dass ich auf seiner Beerdigung die Comtesse kennen gelernt habe.“ Er lächelte ein wenig verträumt, als die Erinnerung an diesen Tag hochkam.
Warum nennt ihr sie eigentlich ‚die Comtesse’? Oder ‚Hochwohlgeboren’?“ Duncan lachte.
„’Hochwohlgeboren’ nennt Methos sie. Er will sie damit aufziehen. Und sie nennt ihn im Gegenzug einen mesopotamischen Bauernlümmel. Sie wollen sich wahrscheinlich damit in Erinnerung rufen, wo sie herkommen.“ Duncan zuckte noch immer lachend die Achseln. „Ich hab’ keine Ahnung. Irgendwann fielen diese Namen und seitdem nennen wir Micky so…“ Duncan war in der Hocke und schaute auf Darius’ Todestag. Er vermisste nicht nur seinen alten Freund. „Ich hoffe, es geht Joe bald so gut, dass wir nach Hause fliegen können. Sie fehlt mir trotz allem, was wir in der letzten Zeit durchgemacht haben. Ich meine, sie nervt, sie treibt mich in den Wahnsinn mit ihrem Feldzug gegen Woodhouse, sie… ach keine Ahnung. Ich hatte wahrscheinlich schon keine Chance mehr, als ich ihr vor elf Jahren direkt nach Darius’ Beerdigung meinen Namen genannt habe. Komm, wir verschwinden, bevor deine ehemaligen Kollegen dich vielleicht doch noch erkennen.“

 

 

 

13. Die Fäden laufen zusammen

 

Frankreich, Paris, die Bar von Papa Maurice, am frühen Abend der folgenden Woche.
Die Bar war bereits gut besucht, nichtsdestotrotz gab es immer einen freien Tisch für Micky und ihre Freunde in der Bar, die Papa Maurice am Quai de Conti in unmittelbarer Nähe der Pont Neuf betrieb. Sie saßen an ihrem Stammtisch in einer spärlich beleuchteten Ecke: Micky, Methos, der ein wachsames Auge auf sie hatte und auf jedes Wort, das eventuell von Sikes und nicht ihr selbst stammen konnte, ganz besonders gut achtete, Richie und Adam. Sie waren heiter und machten ausgelassen Witze. Doch Mickys gute Laune täuschte Methos nicht über die Sorgen hinweg, die sie im Hinblick auf Woodhouse und ihren Untermieter in ihrem Kopf hatte.

Mitten im Gespräch verstummten die drei und drehten die Köpfe zum Eingang, wo ein Unsterblicher erschienen war.

Oh seht, da ist Geneviève“, rief Micky und winkte ihre Tochter an ihren Tisch heran. Adams Kopf schoss herum, er stand so schnell auf, dass er den Stuhl umwarf. Geneviève blieb wie angewurzelt stehen und starrte genau wie ihre Mutter bei ihrem Wiedersehen auf dem Friedhof Adam an, als hätte sie eine Erscheinung. Adam ging langsam auf Mickys Tochter zu, die während der vergangenen Woche Freunde in Nizza besucht hatte und erst letzte Nacht nach Paris zurückgekehrt war.
Geneviève, lass es mich bitte erklären.“ Sie schüttelte mit zornigen Tränen in den Augen den Kopf.
Deine Tochter kennt Adam?“ fragte Methos überrascht, worauf Micky mit den Achseln zuckte.
Ich bin nicht der Hüter meiner Tochter. Es kann sein, dass sie sich flüchtig…“
Nach flüchtig sieht mir das aber nicht aus“, meinte Methos grinsend. Geneviève hatte Adam zunächst eine so schallende Ohrfeige verpasst, dass jedes Gespräch in der Bar im gleichen Augenblick verstummt war. Nun lag sie in seinen Armen, genauer gesagt schwebten ihre Füße zehn Zentimeter über dem polierten Parkettboden, weil Adam sie hochgehoben hatte und nun küsste. Bevor Micky und die anderen die Szene weiter kommentieren konnten, spürten sie zum zweiten Mal an diesem Abend jemand Unsterbliches eintreffen.
Hey, Hände weg von Geneviève!“ hörten Micky und die anderen Sekunden später eine vertraute, aber erboste Stimme aus dem Eingangsbereich rufen. Jetzt war Micky es, die wie vom Blitz getroffen von ihrem Stuhl aufsprang.

Sie rannte los und warf sich nun ihrerseits einem Mann in die Arme. Ihrem Mann. Duncan war endlich wieder da.

Verdammt, das ist ja besser als ein römisches Theaterstück, und davon habe ich seinerzeit viele gesehen!“ meinte Methos lachend und bestellte eine Runde Champagner bei Maurice.
Ja, alle haben ihr Mädchen, nur ich gehe mal wieder leer aus!“ beschwerte Richie sich und trank seine Bierflasche leer.
Junior, ich poliere dir gleich deine Pupillen oder siehst du irgendein Mädchen, das in meiner Begleitung hier ist?“ Richie drehte sich suchend in Richtung Eingang und hielt verdutzt inne. Der Abend entpuppte sich zu einem wahren Unsterblichentreffen.
Tauch ab, Alter. Unter den Tisch, aber ganz schnell.“
Was, wieso, was ist denn?“ fragte Methos und sah nun seinerseits zum Eingang. „Gottverfluchte Scheiße! Oh nein, sie kommen hier her!“ Im nächsten Augenblick standen zwei Frauen vor dem Tisch und sahen grinsend auf Methos und Richie herab.
Hallo, Methos, mein Schatz!“ sagte die eine der beiden Frauen, und Methos sah sich verzweifelt nach einem Fluchtweg um.
Isis“, stöhnte er mit einem zugegebenermaßen beeindruckten Blick auf seine Angetraute. Sie trug schwarze, hautenge Lederhosen, einen langen Lackledermantel und einen cremefarbenen Spitzenbody. „Und Amanda. Klar, wie damals bei Bonnie und Clyde. Oder Little John und Robin Hood. Wo die eine ist, ist die andere nicht weit. Setzt euch, nehmt euch was zu trinken, und dann kannst du meiner Frau helfen, mein Herz mit einem Silberlöffel zu verspeisen.“ Richie versuchte ein Lachen zu unterdrücken, was ihm nicht wirklich gelang. „Junior“, sagte Methos drohend.
Schon gut, Alter. Ich geh’ mal für junge Unsterbliche.“ Lachend machte sich Richie in Richtung Toilette davon und überließ Methos seinem Schicksal.

Währenddessen hatte Micky von Duncan abgelassen und Charlie hinter ihm entdeckt. Ihre anfängliche Freude wich Eifersucht. Als sie dann auch noch Amanda, die zur Abwechslung eine blonde Kurzhaarfrisur trug, entdeckt hatte, war ihre gute Laune ins Bodenlose abgesackt.

Oh, die Meisterdiebinnen sind eingetroffen“, meinte sie gereizt.
Darf ich dich daran erinnern, dass du die beiden nach Paris zitiert hast, weil du mit Methos irgend so ein komisches Schwert finden willst?“ fragte Duncan sie mit einem genussvollen Grinsen im Gesicht.
Du meinst das Schwert der Macht. Ja, ich weiß, dass wir sie dafür brauchen. Eine Woche lassen sie sich nicht blicken. Ausgerechnet heute, wo du zurück bist, tauchen sie auf. Genausogut hätten sie auch morgen früh in die Galerie kommen können… Wie ich sehe, trägt Amanda mal wieder blond“, meinte sie mit einem spitzen Unterton, der Duncan zusammenzucken ließ. Er trat näher an seine Frau heran und sah ihr tief in die Augen.
Du hast doch nicht vor, eine Szene zu machen, oder Comtesse?“
Nein, nicht hier und heute. Meinen Ausraster hatte ich auf dem Flug von Boston nach Paris, als wir Richie aus dem Knast geholt haben. Das hattest du dir ja fein ausgedacht, mir in einem Flugzeug zu gestehen, dass die geheimnisvolle Frau in unserem Zimmer im Ambassador Hotel in Instanbul Amanda war. Wenn ich das damals schon gewusst hätte, als sie bei Joe aufgetaucht ist, hätte ich ihr einen anderen Empfang bereitet. Ich verstehe bis heute nicht, wieso ich sie nicht erkannt habe in der Nacht vor fünf Jahren und nicht nach ihrem Namen gefragt habe.“
Duncan lachte, beugte sich über seine Frau und flüsterte in ihr Ohr: „Das, mein Schatz, lag an den drei Flaschen Wein, die wir getrunken haben...“ Sie schlug ihm auf die Brust.

Du sei friedlich, sonst überlege ich mir doch noch, ob ich eine Szene mache. Grund genug hätte ich, wo deine ehemalige Bettgespielin und deine blutjunge Schülerin in ein und dem selben Lokal sind.“
Ich geh' ins Kloster, gleich morgen früh!“ sagte Duncan lachend.
Tust du ja sowieso nicht, Mac“, neckte ihn seine Frau und widmete sich seiner Schülerin, die versucht hatte, möglichst unbeteiligt zu wirken während der Unterhaltung.

Vielleicht war Micky wirklich wegen Amanda so sauer auf Charlie. Sie projezierte ihre Wut auf das erst beste Opfer, das ihr vor die Füße lief. Und das Opfer entsprach genau dem Profil, das Micky in den Kram passte. Sie war jung, hübsch und blond.

Micky stemmte die Hände in die Hüften und warf gereizt einen prüfenden Blick auf Duncans Schützling.

Sie sind also Charlie?“ Charlie trat vor und streckte freundlich lächelnd ihre Hand aus.
Ja, ich bin Charlie. Aber mein neuer Name lautet Justine Moore.“ Micky dachte nicht im Traum daran, Charlies Hand anzunehmen. Duncan schüttelte den Kopf, sollten die beiden das unter sich ausmachen. Er ging zu Methos, nahm sich ein Bier und setzte sich mit dem Rücken zu seiner Frau und Charlie hin.
Micky wartete bis Duncan außer Hörweite war, dann legte sie einen Finger auf Charlies Brust und sagte leise zischend: „Hören Sie, Lady, ich weiß, dass Sie unter Duncans Schutz stehen, aber wenn ich nur ein Mal, ein einziges Mal, mitbekommen sollte, dass Sie ihre kleinen, 22-jährigen Fingerchen nach meinem Ehemann ausstrecken, ist der Kopf ab. Klar?“ Charlie nickte stumm mit offenem Mund. Auf ihrer Zunge lag ein Kaugummi. Jetzt schloss sie beinahe ehrfürchtig den Mund und schluckte hart. „Dann ist es ja gut. Herzlich willkommen in Paris“, sagte Micky, drehte sich um und wandte sich Adam und Geneviève zu.

So, und nun zu euch beiden. Wäre ich nicht so alt wie ich nun mal bin und würde ich dich…“, sie zeigte auf Adam. „Und dich“, sie zeigte auf ihre Tochter. „so gut kennen, hätte mich diese Szene jetzt überrascht. 1930 hatte Geneviève urplötzlich keine Ambitionen mehr die Comtesse Dubois zu sein, während ich in Chicago lebte. Von jetzt auf gleich verließ sie Paris und begann ein Geschichtsstudium an der Universität von Chicago. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, kann da nur ein Mann dahinter gesteckt haben. Nach ihrer Abreise aus Paris hatte sie keinen Gefährten oder Lebenspartner mehr, geschweige denn einen Ehemann. Also rate ich jetzt mal so ins Blaue hinein, Adam…“, bei diesen Worten sah sie ihn eindringlich an. „Du hast meiner Tochter das Herz gebrochen, du Schuft.“
Mama…“
Nein, Geneviève. Er hat sich benommen wie… da gibt es keine Worte für. Mich, seine Schülerin, hat er in dem Glauben gelassen, dass er tot wäre. Aber dich…“
Michelle, ich liebe deine Tochter.“
Also, Adam… Was..
Was hast du da grade gesagt?“
Ich sagte, ich liebe deine Tochter. Ich musste damals fort, es ging nicht anders. Ich habe es ihr gerade erklärt, als du Duncans kleine Schülerin so erschreckt hast, dass sie erst mal auf die Toilette verschwunden ist.“ Mickys Kopf schoss herum und bemerkte, dass Charlie nirgendwo zu sehen war. „Wo dein Schüler übrigens auch gerade hin gegangen ist.“
Richie wird schon wissen, was er tut. Lasst uns an den Tisch gehen, bevor Methos wieder auf den Sirenengesang seiner Frau reinfällt“, meinte Micky.
Er ist immer noch mit ihr verheiratet?“ fragte Adam mit einem überraschten Blick auf Methos. Angesichts seines hohen Alters hätte er ihn für weiser gehalten.
Ja, er sagte mir, er könnte sich nicht scheiden lassen, weil es damals nur einen Papyrus über die Spende von Kühen und Schafen an ihren Tempel gab und keine Heiratsurkunde. Wenn ihr mich fragt, er liebt sie einfach nur. Wenn er sie wirklich loswerden wollte, brauchte er ihr nur den Kopf abzuschlagen.“ Geneviève klappte die Kinnlade runter. Solch harte Worte war sie von ihrer Mutter nicht gewöhnt.
Also echt, Mama!“ Kopfschüttelnd ging sie vor.
War das Sikes’ Meinung?“ fragte Adam leise, damit Geneviève nichts mitbekam.
Nein, das war ausnahmsweise mal meine. Adam, ich sehe mir jetzt seit zwei Jahren an, wie der arme Kerl vor blinder Liebe leidet. Und das läuft jetzt schon seit Jahrtausenden in dieser Form ab. Letztes Jahr hat er sich mit Krepkaja Wodka fast ins Nirwana befördert. Im Jahr davor ist er in Kairo wegen ihr auf dem Gelände des ägyptischen Museums zu Tode gekommen. Zuletzt hat sie ihn erpresst, mit ihr ein Diamantcollier aus Versailles zu stehlen, das ihr angeblich fast vom Sonnenkönig geschenkt worden wäre. Außerdem hat sie seine Beziehung mit einer sehr netten, sterblichen Ärztin sabotiert. Durch ihre bezirzende Art ist Methos nicht in der Lage eine andere längerfristige Beziehung aufzubauen. Sobald Isis auftaucht, lässt er jede andere Frau fallen und wird dann wieder mit gebrochenen Flügeln zurückgelassen.“
Das habe ich nicht geahnt. Aber du solltest trotzdem nicht so was sagen“, tadelte er Micky.
Adam, ich bin nicht mehr deine Schülerin. Ich habe selbst schon den einen oder anderen Unsterblichen unterwiesen, seit du mich ausgebildet hast. Apropos, der Junior ist verdammt lange auf der Toilette.“ Sie wandte sich in die Richtung, Adam hielt sie am Arm fest.
Lass ihn. Vielleicht kümmert er sich um diese Charlie, und du hast heute Abend ein Problem weniger.“ Micky seufzte.
Na gut, aber glaub’ ja nicht, dass meine Probleme damit kleiner werden. Charlie von Duncan fernzuhalten ist einfach. Richie von ihr fernzuhalten, ist umso schwieriger. Er wählt sich mit Vorliebe die Frauen aus, die die größten Probleme bereiten. Ich habe dir doch von der Tierärztin in Cornwall erzählt… Ich bin nur froh, dass er die Finger von meiner Tochter gelassen hat.“
Bestand da jemals Gefahr?“ fragte Adam hellhörig geworden, während sie sich dem Tisch der Freunde näherten.
Nein, ich habe es ihm gleich am Anfang ausgeredet“, erklärte sie lachend.
Das kann ich mir vorstellen, Michelle. Sehr gut sogar.“

 

Frankreich, Paris, Duncans Hausboot, in der Nacht.
Ich bin so froh, dass du wieder da bist“, säuselte Micky verträumt und strich mit ihren Fingern zärtlich über Duncans Brust. Duncan drehte den Kopf zu ihr und lächelte. Mit seinem rechten Zeigefinger stupste er Mickys kleine Aristokratennase an.
Ich auch. Du hast mir gefehlt. Ich wäre gerne früher gekommen, aber ich wollte Joe nicht alleine lassen.“ Micky lächelte verständnisvoll.
Das ist doch in Ordnung, Mac. Ehrlich. Joe ist unser Freund, und was ihm passiert ist, war schrecklich. Ich bin so froh, dass er nicht… na ja…“
Sag’ es ruhig, dass er nicht tot ist. Ja, ich auch. Es gibt nichts, was ich an dem Leben als Unsterblicher so sehr hasse, wie die Tatsache, dass die Sterblichen, die du liebst, irgendwann fortgehen, und du wieder alleine dastehst. Umso wichtiger ist es, dass wir unsere eigenen Leute schützen und gut ausbilden.“ Micky drehte den Kopf und sah zur Luke hinaus. Der Mond stand hoch am Himmel, draußen war es eisig kalt. Aber auch hier im Schlafzimmer der MacLeods sackte die Temperatur gerade dem Nullpunkt entgegen.
Du meinst deine Schülerin damit.“ Ihre Augen leuchteten zornig. Wie sie das Wort „Schülerin“ betonte, war als Provokation gedacht, und Duncan sprang darauf an. Er setzte sich an den Bettrand mit dem Rücken zu Micky, die liegen blieb.
Ich schicke sie nicht weg, egal, was du sagst. Sie ist jetzt meine Schülerin. Außerdem kann sie nirgendwo hin, Micky. Ihre Leute und die Beobachter halten sie für tot. Sie denken, ich hätte sie erschossen.“
Was?!“ Jetzt saß auch Micky aufrecht im Bett. Mit knappen Worten, aber noch immer ohne Micky anzusehen, erzählte er ihr von Clarice Grant und ihrer Einstellung den Unsterblichen gegenüber. Clarices Zugehörigkeit zu den Splittergruppebeobachtern und den Vorfall mit den beiden Schlägern inklusive seiner Rettung durch Charlie verschwieg er zunächst noch. Duncan wusste, dass er irgendwie da raus gekommen wäre. Auch ohne Charlies Hilfe. Seine Frau würde das aber nicht interessieren. Sie war auf Charlie eifersüchtig, seit sie erfahren hatte, dass sie Duncans neue Schülerin war.
Ich weiß, warum du so gereizt auf Charlie reagierst.“
Gar nichts weißt du, Mac.“ Sie sprang aus dem Bett auf, schlüpfte in ihren seidenen Bademantel und stapfte barfuss und wütend in Richtung Küche davon.
Du tapfere, kleine Comtesse. Du hast so dermaßen Angst, dass ich dich wegen Amanda oder einer anderen verlassen könnte, oder?“ Sie blieb wie angewurzelt stehen, sah ihn aber nicht an. „Du warst noch nie mit einem Unsterblichen verheiratet und auch nie länger als höchstens einige Jahrzehnte mit einem von uns zusammen.“ Er dachte an Connor. „Prophezeiung hin oder her, du hast Angst vor der Ewigkeit, weil es bei uns beiden kein „bis dass der Tod uns scheidet gibt!“
Duncan.“ Er trat hinter Micky und drehte sie behutsam um.
Ich liebe dich, du verrücktes Weib. Der Himmel möge mir beistehen, aber es ist so. Was soll ich mit so einem jungen Küken wie Charlie Grant? Wo ich doch eine Frau mit soviel Erfahrung und Lebensfreude wie dich haben kann?“
Und was ist mit Amanda? Sie ist fast doppelt so alt wie ich und hat dadurch auch mehr Erfahrung! Und erzähl’ mir bloß nicht, dass du sie nicht mehr anziehend findest. Ich sehe doch, wie du sie manchmal ansiehst.“ Er seufzte.
Das wird sich vielleicht nie ändern, aber zwischen Liebe und Anziehung besteht doch ein meilenweiter Unterschied, oder? Dich liebe ich, Micky. Sie hat mir im Laufe der Jahrhunderte nur immer wieder den Kopf verdreht. Sie hat mir aber auch durch schlimme Phasen meines Lebens geholfen, als es niemand sonst konnte. Sie hat mich nach Tessas Tod getröstet. Dafür bin ich ihr sehr dankbar, und Dankbarkeit kannst du mir nicht krumm nehmen, oder?“ Tessa, eine weitere Konkurrentin gegen die sie anzukämpfen versuchte. Und eine Tote hatte mehr Macht als Amanda sie je haben konnte. Ihre Vorgängerin, von der sie wusste, wie sehr Duncan sie geliebt hatte und die Amanda zu ihren Lebzeiten auch nicht über den Weg getraut hatte.

Da Micky nicht reagierte und noch immer tief in Gedanken versunken war, hob Duncan ihr Kinn hoch, damit sie ihn ansehen musste.
Wahrscheinlich hast du Recht. Dennoch werde ich Amanda im Auge behalten. Und deine kleine Schülerin hat nichts von mir zu befürchten, solange sie ihre Finger von dir lässt, Mac.“ Lachend gab er ihr einen Klaps auf den Po und ging in Richtung Badezimmer. Zumindest für heute Nacht waren die Fronten mal wieder geklärt.

 

 

14. Quo vadis, Methos?

 

Irland, ein Schloss in der Grafschaft Kildare, Mitte November in der Nacht.
Eine Gruppe Unsterblicher, alle in schwarz gekleidet und mit ihren Schwertern bewaffnet, schlich durch die sternenklare Nacht. Der Mond hing hoch am Himmel als glutrote Scheibe. In der Ferne hörten sie ein Käuzchen schreien. Mitten in dieser Atmosphäre, die einem Geisterroman entliehen schien, schlich sich diese Gruppe Unsterbliche durch die Nacht, um einem anderen Unsterblichen ein besonderes Schwert zu stehlen, mit dem man ihn töten konnte.

Keine Wachen, das ist komisch. Das gefällt mir nicht. Es passt auch überhaupt nicht zu Kyle“, meinte Micky skeptisch. Sie und Duncan führten die Gruppe an. Ihnen folgten Isis, Amanda, Richie, Charlie, Methos, Adam und Geneviève. Anfangs war der Plan gewesen, dass Micky mit Methos und den beiden Meisterdiebinnen nach Irland fliegen und das Schwert holen würde. Doch Adam, der ihnen gesagt hatte, wo das Schwert zu finden wäre, hatte darauf gedrängt, dass alle gingen oder wahrscheinlich keiner zurückkehren würde.
Seien Sie doch froh, Micky“, meinte Amanda, was mit einem abfälligen Schnauben der Comtesse honoriert wurde.
Wie hat sie solange überlebt mit dieser Einstellung?“ fragte Micky ihren Mann flüsternd, der leise lachte. „Adam, geh’ vor. Du hast gesagt, du kennst den Weg.“ Adam nickte und übernahm die Führung der Truppe. Adam hatte 77 Jahre in Irland gelebt, genauer gesagt gar nicht weit von dem Schloss entfernt, das Noah Woodhouse sich gekauft hatte. Er hatte den Unsterblichen beobachtet und jeden seiner Schritte aufmerksam verfolgt. Er hatte gewusst, dass dieser Tag früher oder später kommen würde.

Sie hatten die richtige Stelle an der Schlossmauer erreicht.
Hier geht’s rein“, flüsterte Adam und drückte ein rostiges Tor auf, das in das Schloss hineinführte. Nacheinander huschten sie hinein, Adam ließ als letzter das Tor so leise wie möglich zufallen.

Vorsichtig, nach allen Seiten Ausschau haltend huschten sie durch den Gang, der immer tiefer hinein in das Gebäude führte.

Micky machte sich Sorgen. Sie waren zu leicht hier eingedrungen. Sie waren auf keinerlei Widerstand gestoßen, keine Wachen auf den Türmen. Ihr wurde ganz flau im Magen. Es roch so sehr nach einer Falle, man musste schon blöde sein weiter in die Höhle des Löwen einzudringen. Oder verzweifelt. Micky und ihre Freunde waren vielleicht beides zusammen, aber auch wild entschlossen.

Bist du sicher, dass das der richtige Weg ist?“ fragte Micky.
Es ist der Weg, der zu unserem Schicksal führt.“
Oh, Adam, lass diesen mystischen Blödsinn!“ meinte Micky genervt.
Er führt euch in eine Falle
, hörte sie Sikes. Micky schüttelte ihren Kopf und versuchte Sikes zu verdrängen.
Alles klar?“ fragte Duncan besorgt, Methos horchte auf.
Ja, ja. Alles in Ordnung. Geht weiter…“ Sie sah Methos’ Gesichtsausdruck. „Methos, es ist alles okay.“
Sie glauben dir nicht länger, meine Süße.
Wieder schüttelte Micky leicht den Kopf.

Du hast doch was“, hakte Duncan nach.
Nein, es ist nichts! Und jetzt geh’ endlich weiter!“ sagte sie in einem deutlich schärferen Ton, der Methos alles andere als beruhigte. Micky wartete ihre Reaktion nicht länger ab, sie ging einen Schritt schneller und ließ Methos und Duncan hinter sich zurück. Sie hatte Methos’ Wort, er würde nichts sagen.
Was ist los mit ihr, Methos? Du weißt doch etwas. Rede bitte mit mir, du bist doch mein Freund.“ Sie waren in einem breiten Tunnel mit einer gewölbten Decke angelangt. Seufzend und unentschlossen blieb Methos in der Dunkelheit stehen.
Ich darf nicht, Mac. Vertrau’ mir und vertrau’ ihr. Es wird alles gut werden.“
Das habe ich schon häufiger gehört. Ich will wissen, was sie hat.“
Später. Wir dürfen die anderen nicht verlieren.“ Ohne eine Erklärung ließ Methos Duncan in der Dunkelheit stehen und auch weiterhin im Dunkeln tappen.

Wir sind da“, sagte Adam endlich und drückte ein schwere, hohe Tür auf. Nacheinander und mit kampfbereiten Schwertern trat die Gruppe ein. Sie waren in einer großen Halle angelangt, dem ehemaligen Rittersaal der Burg. Auf der anderen Seite des Saales in einem Glaskasten lag das Schwert, weswegen sie gekommen waren.
Amanda, Isis, ihr seid dran“, sagte Micky kurz angebunden. Die beiden Frauen verstauten ihre Schwerter und gingen auf den Kasten zu.

In diesem Moment flog die Tür hinter ihnen ins Schloss. Eine Tür auf der anderen Seite des Saales öffnete sich und eine Gruppe Unsterblicher kam herein.

Eine Falle! Amanda, Isis, kommt zurück!“ rief Micky. Sie und die anderen hoben ihre Schwerter und nahmen eine Verteidigungsstellung ein. „Charlie, Richie, Geneviève, ab in die zweite Reihe.“ Die drei leisteten keine Widerworte, sondern ließen Methos und Adam vortreten.
Heilige Scheiße!“ rief Richie mit einem Blick auf die Gruppe, die sich vor ihren Augen formierte.
Es waren Noah Woodhouse, Kate Devaney, Ginger MacKenzie und mehrere unbekannte Unsterbliche.

Richie, halt dich zurück“, sagte Micky.
Ja, Richie, halt dich zurück. Das konntest du letztes Mal schon nicht“, rief Ginger von der anderen Seite herüber. Richie machte einen Schritt nach vorne, doch an Methos kam er nicht vorbei.
Ginger, du wartest bis du an der Reihe bist“, maßregelte Kate ihre junge Schülerin, die nur stumm dazu nickte. Micky erkannte, dass sich ihre schlimmsten Befürchtungen im Bezug auf Richies Möchtegernfreundin bewahrheitet hatten.

Als Duncan Kates Namen rief und Micky ihn verblüfft ansah, sah Kate Devaney Duncan hasserfüllt von der anderen Seite des riesigen Saales an.

Woodhouse ignorierte die aufgewühlten Emotionen seiner Mitstreiter und Gegenspieler. Er wollte nur das Spiel vorantreiben. Genüsslich strich er über seinen frisch gestutzten Bart, zündete sich eine Zigarre an und ging ein paar Schritte auf Mickys Gruppe zu.

So, da wären wir also. Endlich. Drei von euch werden nun den ihnen gebührenden Platz einnehmen, oder aber alle werden heute Nacht sterben“, erklärte Noah Woodhouse kalt und sachlich.
Was meinen Sie, Woodhouse? Keiner von uns wird sich freiwillig Ihrem lächerlichen Konsortium anschließen“, rief Duncan mit einem besorgten Blick auf seine Frau. Woodhouse hob einen Finger und machte eine klassische „Nein, nein, nein“-Geste.

Ich rede auch nicht vom Konsortium. Ich rede von Denjenigen. Du weißt, wen ich meine, nicht wahr, Michelle?“ Fragte Woodhouse nun an Micky gerichtet.
Ich kenne zwei Namen und einer davon ist deiner.“
Was sollen die Spielchen, Noah?! Du hast gesagt, ich darf mir ihren Kopf holen!“ sagte eine große, rothaarige Frau mit einem Langschwert in der Hand.
Dann kommen Sie her, Lady. Aber sagen Sie erst, wer Sie sind und was ich Ihnen getan habe.“ Die Angesprochene sprang mit einem wütenden Schrei auf den Lippen nach vorne und war nach einigen Schritten bei Micky.
Ich bin Madeleine Alexander! Ich war die Ehefrau von Michael Alexander. Und du, Miststück, wirst heute Nacht sterben.“
Mit der Treue hat Ihr Mann es aber nicht sonderlich gehalten! Kurz bevor ich mir seinen Kopf geholt habe, bot er mir an, seine Gefährtin zu werden.“ Wütend schrie die unsterbliche Witwe auf. Der Hass in Madeleines Augen stachelte die Wut in Micky noch weiter an.
Er war ein jämmerlicher Kämpfer! Ein Schaumschläger. Jeder Anfänger hätte Michael den Großen besiegen können! Also komm, du große, königliche Gemahlin! Komm nur her! Ich bringe dich schneller zu deinem Mann als du dir vorstellen kannst, du kleines Stück Dreck!“ rief sie und hob ihr Schwert bereit zum Kampf.
Micky!“ rief Methos und ging dazwischen.
Du sei still! Du mesopotamischer Schwächling, du Verräter! Du Hundesohn! Das alles ist alleine deine Schuld!“ Die anderen schnappten nach Luft. Sie hatten schon öfters in der Falle gesessen und kurzzeitig keinen Ausweg gewusst. Noch nie war Micky deswegen so ausgeflippt. „Komm schon her, Schlaffi. Erst mache ich dich fertig, dann die Tussi von Michael dem Großen und am Ende Kyle. Alles kein Problem!“ Es war fast, als wäre sie eine andere. Methos war als einziger von den Worten unbeeindruckt. Er wusste, dass es nicht Micky war, die da zu ihm sprach, sondern Sikes. Er holte mit seiner zur Faust geballten Hand weit aus und sah ihr fest in die Augen. Was er darin sah, verstärkte seinen Entschluss noch. Wenn sie jetzt kämpfen würden, würden sie alle sterben. So konnte er vielleicht einige von ihnen retten. Mit der Geschwindigkeit eines TGV sauste seine Faust in Mickys Gesicht.
Tut mir leid, Comtesse“, sagte Methos aufrichtig bedauernd, und mit einem rechten Haken haute er Micky von den Füßen. Ihr Schwert fiel scheppernd auf den Steinboden. Duncan sprang nach vorne, hob es auf und reichte es an Richie weiter.
Methos, bist du irre geworden?!“ Methos hob die bewusstlose Micky auf seine Arme.

Methos, du sollst deinen dir zustehenden Platz einnehmen als einer Derjenigen!“ forderte Noah Woodhouse ihn auf. „Ebenso Adam und deine liebreizende Gattin Isis. Dann können die anderen gehen. Andernfalls werdet ihr alle heute Nacht sterben.“ Isis drehte sich um und sah ihren Mann ungläubig an.
Du hättest ein Wort sagen können, du…“
Sprich dich aus, meine liebreizende Gemahlin. Wenn ich Glück habe, bin ich morgen früh tot und muss dich dann nicht mehr ertragen!“ Sie schnappte beleidigt nach Luft.
Methos, was soll das? Wovon redet ihr?“ Duncan verstand kein Wort. Er ahnte aber, dass hier eine ganz üble Sache ablief.
Duncan, hör’ zu. Wir haben nicht viel Zeit. Nimm Micky. Sie ist immer noch von Christopher Sikes besessen. Sie hatte ihn weitestgehend unter Kontrolle. Aber wenn sie wütend wird oder unkonzentriert ist, kann er durchdringen. Ihr müsst sie lebendig begraben und sterben lassen, dann verschwindet er.“
Okay, okay. Jetzt mal langsam. Er ist… Er ist noch da?“ Methos nickte, platzierte Micky auf seinen Armen anders. „Aber was soll das mit Denjenigen? Du gehörst doch nicht zu denen. Ich meine, du warst mal ein Reiter der Apokalypse, aber du hast dich geändert. Du bist mein Freund. Du… nein.“ Methos schüttelte bedauernd den Kopf.
Doch, es stimmt leider. Adam hat es mir erzählt vor unserer Abreise aus Paris. Ich gehörte mal zu Denjenigen. Vor über 5.000 Jahren als alles angefangen hat. Ebenso Adam und Isis. Deswegen kann ich auch nicht von ihr ablassen. Sie hat mich bekehrt, mich dazu veranlasst, die Seiten zu wechseln. Dadurch haben wir auch vergessen, wer wir in Wirklichkeit waren.“
Aber…“, stammelte Duncan, unfähig zu begreifen, was er da gerade erfahren hatte.
Mac, du hast einmal gesagt, dass ich dein Freund bin, obwohl du nicht weißt, wer ich bin. Ich weiß es auch nicht. Aber vielleicht finde ich es hier raus. Vielleicht finde ich raus, wer wir alle sind. Nimm die Comtesse, begrabt sie auf heiligem Boden. Sie wird schreien, sie wird flehen, sie wird deinen Namen verfluchen. Aber du darfst sie nicht aus dem Sarg rauslassen. Du musst sie begraben, sechs Fuß tief. Dann musst du gehen, sie muss alleine sein, wenn sie stirbt. Kein anderer Unsterblicher darf in ihrer Nähe sein, nur so wird es klappen. Dann wir sind Sikes los.“ Duncan nickte stumm und nahm seine bewusstlose Frau von seinem Freund entgegen.
Okay, Noah. Adam, Isis und ich bleiben hier. Dafür lässt du die anderen gehen.“
Methos, das kannst du nicht machen!“ rief Duncan entsetzt.
Hey, Mac. Ist schon in Ordnung. Lass mich einmal in meinem Leben selbstlos sein!“ Er grinste schief, küsste Isis lange und nahm ihre Hand, ohne auf ihr verblüfftes Gesicht zu achten. Er nickte Duncan zum Abschied zu und durchquerte mit Isis den Saal. Adam stellte sich vor Duncan, der Methos folgen wollte.
Machen Sie genau, was Methos Ihnen gesagt hat. Wir kommen hier schon raus.“
Haben Sie es ihm tatsächlich gesagt?“ Adam nickte.
Ich bin aber nicht auf Noahs Seite. Ich war schon immer das Gleichgewicht in der Gruppe. Ich habe mich herausgehalten. Deswegen verschwand ich auch 1930. Noah war mir auf die Spur gekommen. Sie haben mir mit dem Duell gegen Richard Tarsis sehr geholfen, MacLeod.“ Er sah Duncans fragenden Gesichtsausdruck. „Micky wird es ihnen erklären. Und jetzt leben Sie wohl. Aber keine Angst, wir werden uns wieder sehen.“
Ja, wenn die Welt in Dunkelheit versinkt“, meinte Duncan bitter.
Nein, dazu werde ich es nicht kommen lassen“, versprach Adam, drehte sich um und folgte Methos und Isis.

 

Mit der bewusstlosen Micky auf den Armen ging Duncan an den anderen vorbei.

Hey, Mac. Wir können doch nicht einfach so gehen. Wir müssen Methos und den anderen helfen.“
Nein, Richie. Nicht heute Nacht. Heute müssen wir Micky helfen.“
Was meinst du mit helfen? Sie ist doch nur bewusstlos.“
Sie ist immer noch von Sikes besessen.“ Richie machte einen Schritt zurück. Erschrocken erinnerte er sich an die Nacht, als Micky ihn zu töten versucht hatte.
Was wird aus Methos?“ Duncan drehte sich mit der Comtesse auf den Armen um und sah seinem Freund nach.
Wir helfen ihm. Aber erst morgen.“ Die Tür zum Rittersaal wurde aufgestoßen, und Connor MacLeod stürmte mit gezogenem Schwert herein.
Als sein Gehirn verarbeitete, was seine Augen da sahen, blieb er mitten im Angriffssturm stehen. „Du kommst zu spät, Cousin. Wie immer. Wir gehen. Los Leute, Rückzug.“ Er warf einen letzten Blick auf Methos, der einen Arm beschützend um Isis gelegt hatte. Duncan kämpfte um seine Fassung. So durfte es nicht enden. Er musste einen Weg finden, Methos zu befreien. Isis und diesen Adam würde er natürlich auch nicht liegen lassen. Aber in erster Linie ging es ihm um seinen Freund.

Ich habe Papa Maurice angerufen. Er sagte, ihr wärt alle zusammen nach Irland geflogen, um irgend so ein Schwert zu suchen. Duncan, was geht hier vor?“ fragte Connor.
Heute Nacht haben wir die Schlacht verloren, Connor. Aber der Krieg hat gerade erst angefangen.“
inst du? Duncan, rede mit mir!“ Doch ohne ein weiteres Wort ging Duncan an seinem sprachlosen Cousin vorbei. Er hatte im Augenblick keine Möglichkeit Methos zu helfen. Er konnte nur hoffen, dass er morgen noch derselbe Mensch sein würde. Doch was wusste Duncan, was wussten die anderen wirklich über Methos? Was würde ein Wiedersehen mit Denjenigen bei ihm bewirken? Was würde es bei dem guten Menschen, der Methos im Laufe der Jahrtausende geworden war, anrichten? Würde es ihn überhaupt verändern? Oder würde er morgen bereits tot sein, weil er sich weigerte, sich Noah Woodhouse anzuschließen?

Duncan und die anderen hatten gerade den Schlossplatz erreicht, es regnete und stürmte heftig. Der blutrote Mond hatte sich hinter tiefschwarzen Wolken verzogen. In diesem Moment kam Micky wieder zu sich.

Was ist denn passiert?“ fragte sie und sah sich desorientiert um. „Connor? Was machst du denn hier?“ Doch Connor war selbst von den Ereignissen viel zu überrascht, als dass er imstande gewesen wäre zu antworten.
An seiner Stelle schleuderte sein Cousin Micky eine Antwort entgegen: „Was passiert ist? Fragst du das oder Christopher Sikes? Sieh mich nicht so an, Comtesse! Ich weiß Bescheid! Sikes ist noch da! Und jetzt kommst du, wie Methos da drinnen gesagt hat, in einen Sarg, damit wir ihn endgültig loswerden!“ Micky schnappte nach Luft und versuchte, von Duncans Armen runter zu rutschen.

Den Teufel werde ich, Duncan! Du spinnst ja wohl! Ich habe ihn unter Kontrolle! Lass mich runter!“ Sie fing an zu treten und nach Duncan zu schlagen.
Was geht hier vor?“ fragte Connor, der mit jeder Minute immer weniger verstand.
Du sollst mich runterlassen, Duncan MacLeod! Sonst wirst du es bereuen!“ Duncan schnaubte wütend und ließ seine Frau an Ort und Stelle fallen. Micky zögerte keine Sekunde, sie entriss dem verdatterten Richie ihr Schwert und hielt Duncan und die anderen damit auf Abstand.
Spinnt ihr jetzt völlig?!“ rief Connor über den tobenden Herbststurm, der sich aufgebaut hatte und tosend über das Land fegte, hinweg. Micky und Duncan ignorierten ihn und die anderen. Sie hielten ihre Schwerter in Händen, das Herz schlug ihnen beiden bis zum Hals.

Bleib’ wo du bist, Duncan! Ich meine es ernst!
Micky, was soll das? Wir können über alles reden“, versuchte Duncan sie zu beruhigen. Er machte einen Schritt auf sie zu.
Bleib’ wo du bist, Duncan! Ich sage es nicht noch einmal! Ich verschwinde jetzt und überlege mir, wie ich Methos und die anderen aus Kyles Händen befreien kann!“
Das kann ich nicht zulassen, Micky. Du bist gefährlich! Du hast Sikes nicht unter Kontrolle! Das haben wir da drinnen gesehen!“ Er hob sein Schwert.
Duncan, du willst doch nicht allen Ernstes gegen deine eigene Frau kämpfen!“ rief Connor ungläubig. „Micky, Duncan, das ist doch Wahnsinn!“ rief Connor noch einmal.
Duncan hörte nicht auf die Worte seines Cousins, sondern wandte sich noch einmal an seine Frau: „Micky, ich liebe dich. Ich will dich doch nur beschützen. Notfalls auch vor dir selbst.“ Sie lachte bitter.

Du willst mich in einen Sarg legen. Toller Schutz, Duncan. Keiner von euch kann sich vorstellen, wie es ist, lebendig begraben zu sein. Keiner. Und bevor ich das noch einmal mitmache, muss ich erst herausgefunden haben, ob es nicht doch noch einen anderen Weg gibt. Bis es so weit ist, werde ich mich schon irgendwie mit Sikes arrangieren. Kyle Wittmore hat mir das vor 100 Jahren angetan und dafür wird er sterben! Sollte mir jemals ein Mann das noch einmal antun, wird ihm das Gleiche passieren! Das schwöre ich!““ Duncan schnaubte wütend, ließ sein Schwert aber erst einmal sinken. Ein Kampf gegen seine Frau war keine Lösung, nur eine Verzweiflungstat. Und genau wie Micky war auch Duncan zu einem solchen Schritt nicht bereit.

Jetzt trat Geneviève aus dem Schutz der Gruppe heraus und auf ihre Mutter zu. Richie hatte sich vor sie gestellt, um sie, vor was auch immer gleich passieren würde, zu beschützen.

Mama, du brauchst Hilfe. Wir alle haben gesehen, dass du da drinnen total ausgerastet bist. Wie wollen wir Onkel Methos, Isis und Adam retten, wenn du...“ Tränen glitzerten in den Augen von Mickys Tochter. Es war alles ein wenig zu viel für Geneviève. Trotz ihres beträchtlichen Alters von 486 Jahren wirkte sie im Moment wie ein ängstlicher Teenager. Und wer konnte es Geneviève verdenken? Ihre große Liebe kehrte nach 77 Jahren aus dem Reich der Toten zurück und war kurz darauf ein Gefangener von Noah Woodhouse. Methos, der wirklich seit Jahrhunderten wie ein Onkel für sie gewesen war, stellte sich als einer Derjenigen raus. Ihre Mutter war immer noch besessen und stand kurz davor ein Duell gegen ihren Ehemann auszutragen. Die Welt war verrückt geworden.
Wenn ich was?! Ich habe Sikes unter Kontrolle. Ab und zu, wenn ich wütend werde oder noch nicht richtig wach bin, gelingt es ihm für einen kurzen Augenblick die Oberhand zu bekommen. Aber nie für lange. Und solange dieser Status anhält, lege ich mich nicht – unter keinen Umständen – in einen Sarg!!“ Sie machte einige Schritte rückwärts.
Micky, bleib' stehen. Wir können dich nicht gehen lassen.“
Willst du mich daran hindern, Duncan? Ich verschwinde jetzt. Wenn ich einen Weg weiß, wie wir Methos und den anderen helfen können, melde ich mich.“
Micky, bitte tut das nicht“, bat Duncan traurig und hob sein Schwert wieder.
Duncan, lass' es bleiben. Wir werden nicht gegeneinander kämpfen. Ich gehe jetzt.“ Mit diesen Worten drehte Micky MacLeod sich um und verschwand in der stürmischen Nacht. Zurück blieben ihre Freunde und ihre Familie, ratlos, hilflos und kaum imstande zu begreifen, was heute Nacht alles schief gelaufen war.

 

Duncan setzte sich auf den Boden, warf sein Schwert zur Seite und kämpfte um seine Fassung. Der ganze Plan hatte sich in eine Katastrophe gewandelt. Sie hatten kein Schwert, Methos, Adam und Isis waren in Gefangenschaft geraten und Micky… Er konnte jetzt nicht über sie nachdenken, sonst würde er durchdrehen. Sie hat Sikes unter Kontrolle, versuchte Duncan sich mit dieser Behauptung, von der er wusste, dass es eine Lüge war, zu beruhigen. Aber warum war sie dann fortgelaufen? Er hätte sie doch entscheiden lassen, ob sie die Sache mit dem Sarg durchziehen wollte oder nicht.

Duncan schüttelte den Kopf, um ihn klar zu bekommen, es half nichts.

Duncan, steh’ auf. Wir müssen gehen“, sagte sein Cousin und legte ihm eine Hand auf die Schulter, die Duncan sofort wieder weg schlug. Er fixierte einen Punkt weit hinten am Rande eines Wäldchens, der immer kleiner wurde.

Micky!“ rief er ihr verzweifelt nach. Sie blieb kurz stehen. Dann - nur den Bruchteil eines Augenblicks später - war Micky nicht mehr zu sehen.

 

 

Fortsetzung folgt…

 


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