Kleine Anmerkung: Die Flashbacks sind kursiv dargestellt.


 


Highlander

Die französischen Chroniken -
Die Zukunft der Unsterblichen
Band 4


von Claudia Filip

 

Mein Name ist Michelle Dubois, ich wurde als eine französische Comtesse vor über 500 Jahren in der Nähe von Paris geboren. Seither durchstreife ich unentdeckt von den Sterblichen die Jahrhunderte. Mein Meister Nostradamus prophezeite mir, dass mein Schicksal sich in den Armen eines Highlanders erfüllen wird und dass dafür ein geliebter Mensch sterben muss. 1789 opferte sich mein geliebter Henry, damit der Unsterbliche Connor MacLeod vom Clan der MacLeod und ich vor der französischen Revolution fliehen konnten. Doch Connor war nicht der mir prophezeite Highlander. Ihn traf ich auf der Beerdigung meines geliebten Freundes Darius: Duncan MacLeod vom Clan der MacLeod, Connors Cousin. Wir heirateten und gingen nach Frankreich. Dort erfuhren wir von Methos, dass die Zusammenkunft ein Mythos ist. Daher haben Methos, Richie Ryan, Connor MacLeod, Duncan MacLeod und ich uns von den Kämpfen um die Zusammenkunft zurückgezogen. Doch auch für uns gibt es Duelle, die wir nicht ablehnen können.
Dies sind unsere Abenteuer.“


 

 

1. In der Falle

 

Kanada, Vancouver, das Büro von Christopher Sikes, in der Nacht.
Sie saßen in der Falle, schoss es Duncan in den Kopf. Und so fies wie Sikes sie vom anderen Ende des Raumes aus angrinste, schien Duncan mit seiner Überlegung ins Schwarze getroffen zu haben. Der Mann, der in die Geschichte als Jack the Ripper eingegangen war, zeigte überdeutlich seine Siegessicherheit. Die MacLeods saßen auf dem Präsentierteller, er hatte sie, wo er sie haben wollte. Sikes nippte seelenruhig weiter an seinem Cognac und genoss seinen Triumph.

 

Fällt dir vielleicht auch ein, wie wir wieder hier rauskommen?“ fragte Duncan, den Blick weiterhin auf Sikes gerichtet.
Ich habe nicht den leisesten Schimmer. Du hast es auf dem Friedhof selbst gesagt, ich kann nicht kämpfen. Ich weiß nicht, ob du ihn besiegen kannst. Nach allem, was ihr mir über Sikes erzählt habt, ist er ein ernstzunehmender Gegner. Und wenn ich bei dir noch einmal eingreife, heißt es – rien ne va plus. Es gibt keine Begnadigung beim zweiten Vergehen. Darius war sehr deutlich, was das betrifft.“ Er zuckte kurz zusammen und hatte Mickys qualvolle Bestrafung am Loch Shiel wieder vor Augen. Diejenigen, also die Mächte, die die Unsterblichen auf die Erde geschickt hatten, waren ziemlich sauer gewesen, weil Micky am 20. Dezember letzten Jahres in den Kampf zwischen Duncan und einem von Christopher Sikes’ Handlangern, Paul Boyle, eingegriffen hatte. Ein Verstoß gegen das Gesetz der Zusammenkunft. Kein Unsterblicher durfte in den Kampf von zwei anderen Unsterblichen eingreifen. Die Bestrafung durch Diejenigen hatte ihr Bewusstsein von ihrem hübschen Körper getrennt, woraufhin sie Weihnachten, Silvester und ihren 507. Geburtstag im Koma im Krankenhaus der barmherzigen Schwestern in Paris verbracht hatte. Ironischerweise war sie an Henry La Portes 218. Todestag, dem 14. Juli 2007, ins Leben zurückgekehrt. Doch ihr fehlte etwas ganz Entscheidendes – Ihre Vergangenheit. Diejenigen hatten sie als Strafe für ihren Tabubruch alles vergessen lassen über sich, die Unsterblichen, die Zusammenkunft. Ihr Kopf war finsterer als die verlassene Höhle von Meister Nakano. Sie erinnerte sich nach und nach an Dinge, die Darius betrafen. Doch Duncan war ein Fremder für sie. Darius hatte sie letztlich auch nach Kanada geführt, an sein Grab und in sein ehemaliges Kloster. Vor fünf Tagen waren sie auf Mickys Wunsch nach Vancouver geflogen und hatten heute Nachmittag sein Grab besucht. Und dort waren sie auf Christopher Sikes getroffen. Joe Dawson hatte Duncan kurz nach der Begegnung mit Sikes einen Tipp gegeben, wo jener zu finden wäre. In einem Bürogebäude im Hafenviertel. Und hier standen sie nun – in Sikes’ Büro – in der Falle.

 

Ganz den guten Gastgeber spielend meinte Sikes: „Treten Sie doch bitte näher, Mr. und Mrs. MacLeod.“ Duncan legte beschützend eine Hand auf Mickys Rücken und schob sie langsam nach vorne. Er überlegte angestrengt, ob er stark genug war Sikes im Duell zu besiegen.

Wir brauchen einen Plan“, flötete Micky leise und lächelte Sikes diplomatisch entgegen. Die Comtesse steckte zu tief in ihr drin nach 507 Jahren aristokratischem Gehabe, als dass ein Gedächtnisverlust es ihr austreiben könnte.
Ich arbeite daran, Liebes.“
Dann arbeite schneller“, meinte seine Frau und sah sich interessiert in dem großen, geräumigen Büro um. An den Wänden hingen wertvolle Kunstwerke – vermutlich aus seiner geschlossenen Galerie in Paris, auf einigen Säulen standen Mingvasen. Die komplette linke Seite des Raumes war eine Panoramaglaswand. Sie bot einen Blick auf den Hafen von Vancouver, der in ein Lichtermeer getaucht war. Auf den Yachten fanden Partys statt, die Restaurants waren gut besucht. Die Menschen dort draußen ahnten nicht, was hier im Chefzimmer von
Sikes Enterprises Inc. vor sich ging. Sie wussten nichts von den Unsterblichen und der Zusammenkunft, sie hatten es gut, dachte Micky und drehte sich von der Glasfront weg. Auf der gegenüberliegenden Seite entdeckte sie eine recht eindrucksvolle Bibliothek, die aus sehr alten, ledergebundenen Folianten bestand. Wahrscheinlich hatte Sikes sie genau wie alle Unsterblichen im Laufe seines Lebens gesammelt. Neben den dunklen Bücherregalen war in die Wand eine kleine Bar eingelassen, die indirekt beleuchtet wurde. Außerdem entdeckte Micky eine Tür, die vermutlich in ein angrenzendes Badezimmer führte.

Legen Sie Ihr Schwert bitte auf den Tisch, Mr. MacLeod. Die Pistole ebenfalls. Möchten Sie beide etwas trinken?“ Duncan legte die Waffen hin, und Micky schob die Sporttasche mit ihrem Fuß zur Seite. Im Moment konnten sie nicht viel anderes machen als das Spiel mitzuspielen.
Sikes, kommen Sie einfach nur zur Sache“, knurrte Duncan, blieb stehen und verschränkte die Arme vor der Brust. Micky setzte sich lässig wie zu einem geschäftlichen Plausch in einen hellen Ledersessel gegenüber dem großen Schreibtisch und schlug die Beine übereinander.
Einen Whisky bitte. Den mag ich doch, oder Duncan?“ Ihr Mann bekam große Augen. Micky tickte wohl nicht ganz richtig. Sikes stand auf und trat an die Bar, wo er ein Glas mit der bernsteinfarbenen Flüssigkeit füllte und es Micky reichte. Er ging um den Schreibtisch herum und nahm wieder Platz. Duncan setzte sich langsam in den zweiten Sessel und schätze ihre Chancen ab.
Nun, Mr. Sikes, Sie müssen entschuldigen, dass ich mich nicht richtig an Sie erinnern kann…“ Duncans Blick wurde noch ungläubiger. „Aber ich hatte ein bisschen Ärger mit Denjenigen.“ Sie machte doch tatsächlich Konversation mit diesem Irren. Mit Jack the Ripper, mit dem Mörder von Natalie Coulins, Mickys Schülerin. Doch wenn Micky sich nicht an Natalie erinnern konnte, wie sollte sie Sikes dann hassen? Sie spielte lieber mit ihm. Und Sikes ließ sich darauf ein.
Das habe ich natürlich mitbekommen. Meine Angestellten halten mich auf dem Laufenden.“ Micky warf einen Blick auf das Splittergruppenlogo, das hinter ihm überdimensional und fast schon erdrückend an der Wand hing. Nun nickte sie wohlwollend, als wollte sie ihrem Widersacher Anerkennung für seine Leistung zollen. Sie war total durchgeknallt, dachte Duncan. Er konnte ja nicht ahnen, dass Micky auf Zeit spielte. Sie versuchte Zeit zu schinden, weil sie auf zwei Dinge hoffte. Einerseits auf ihre wiederkehrende Erinnerung oder auf eine Gelegenheit zum Kampf für Duncan. Sie sah kurz zu Duncan hinüber und zwinkerte ihm ermutigend zu. Er schüttelte ungläubig den Kopf, fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und versuchte angestrengt einen Ausweg zu finden. Sikes hatte mit einem einzigen Knopfdruck das Büro abgeriegelt. Er musste irgendwie an den Schalter kommen. Nur wie, das war hier die 100 Millionen Dollar-Frage.
Ja, Ihre Angestellten. Was genau tun Ihre Angestellten eigentlich? Wir hatten ja nun schon mit einigen das Vergnügen. Mein Mann erzählte mir von den Goodrich-Brüdern, Henry La Porte und zu guter Letzt gab es da Paul Boyle, dem ich meine Bestrafung verdanke. Allesamt nicht besonders würdige Gegner. Also, was sollen die Spielchen? Was steckt dahinter?“ Moment, dachte Duncan, er hatte ihr das nicht erzählt. Eine weiteres Puzzlestück ihrer Erinnerung, das an die Oberfläche kam. Weiter so, Micky, feuerte er seine Frau gedanklich an.
Ich finde, diese Auskunft bin ich Ihnen schuldig, Mrs. MacLeod. Da Sie beide heute Nacht sterben werden, sollten wir die Karten auf den Tisch legen.“ Er strich sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht und grinste fies. „Nach James Hortons Dahinscheiden durch die Hand von Ihnen und Ihren Freunden waren die Splittergruppenbeobachter sehr kopf- und führerlos.“
Genau das hatten wir beabsichtigt“, blaffte Duncan dazwischen. Micky schüttelte tadelnd den Kopf. Sollte er doch erzählen, sie konnten Informationen sammeln und Zeit schinden. Sikes räusperte sich und fuhr dann fort.
Ich habe der Splittergruppe erzählt, dass es für die Menschheit besser wäre, wenn ich die Zusammenkunft gewinnen würde. Dass ich mein Wissen zum Wohle des gesamten Planeten einsetzen werde.“ Er lachte so richtig fies.
Es gibt keine Zusammenkunft“, erklärten Micky und Duncan gleichzeitig und wie aus einem Mund. Sie sahen sich überrascht an und lachten los wie verliebte Teenager.

Sikes ignorierte den Gefühlsausbruch und führte seine Erklärungen weiter aus: „Ich werde die Zusammenkunft herbeiführen, und ich werde gewinnen am Ende.“
Sie wollen also alle anderen Unsterblichen töten, und warum dann diese ganzen Spielchen mit Ihren Handlangern, Sikes?“
Ganz einfach, Duncan, weil er die Energien bündeln will. So hat er weniger Arbeit“, erklärte Micky kühl und sachlich.
Was musste ich auch fragen. Mr. Sikes, hätten Sie auch einen Whisky für mich?“ Sikes stand auf und holte ein Glas für Duncan.
Aber was erzählen Sie Ihren unsterblichen Angestellten? Dass sie gegen Duncan oder mich gewinnen könnten? Bitte, das ist lächerlich!“ Nun lachte Micky. Sie spielte verdammt gut, das musste Duncan ihr lassen.
Hast du inzwischen irgendeine Idee, wie wir hier rauskommen, Micky? Ich nämlich nicht. Ich fürchte, die nicht existierende Zusammenkunft ist für uns zu Ende.“ Micky schüttelte tadelnd den Kopf.
Seit wann sind Schotten Feiglinge? Kennst du den Spruch: Und dann war da noch der Schotte, der den Teufel an die Wand malte, um Tapete zu sparen? Wir kommen hier raus, also kauf dir lieber deine Tapete und lass den Teufel in der Hölle! Und jetzt sei still, ich höre da was…“ Sie schien angestrengt nachzudenken.
Was meinst du? Ich höre nichts…“ Er lauschte ein wenig angestrengter auf das, was seine Frau zu hören meinte.
Still“, zischte sie und spitzte die Ohren. Da hörte Duncan es auch. Ein leises, rhythmisches Klopfen.
Was ist das?“ flüsterte er. Sikes stand mit dem Rücken zu ihnen und klapperte mit Eiswürfeln. Duncan erkannte, dass Micky Buchstaben mit den Lippen formte.
D-E-C-K-U-N-G“, las er von ihnen ab. Was sollte das? Was zum Teufel meinte Micky mit „Deckung“?
B-O-M-B-E“, formte ihren Lippen nun.

Draußen vor der Tür arbeiteten fieberhaft drei Männer und eine Frau an der Rettung ihrer Freunde.

Und du bist sicher, dass Micky das Geklopfe versteht?“ fragte Connor unsicher an Methos gerichtet.
Na bei der Résistance hat sie doch bestimmt den Morsecode gelernt, oder? Klopf weiter, Connor.“ Connor zuckte die Achseln und machte weiter. Immer wieder klopfte er zwei Worte „Deckung“ und „Bombe“. Währenddessen hantierte seine Freundin Isabelle mit einer kleinen Menge Plastiksprengstoff herum.
Methos, ich habe nicht die geringste Ahnung, was ich hier mache. Ich bin nicht beim Bombenkommando, sondern bei der Sitte.“ Connors unsterbliche Freundin und gleichzeitig seine Schülerin war Leiterin einer Sondereinsatztruppe, die Christopher Sikes gejagt hatte. Natürlich hatte sie ganz zu Anfang nicht gewusst, dass der Frauenmörder von Paris so hieß oder dass er ein Unsterblicher war, der bereits im 19. Jahrhundert als Jack the Ripper in die Presse und in die Analen der Geschichte eingegangen war.

Methos grinste und überprüfte die Bombe. Durchaus eine ordentliche Arbeit. Sie hatte sich exakt an seine Anweisungen gehalten. Glücklicherweise hatte Joe alles für den Bau des kleinen Türöffners besorgen können. Er war bestürzt gewesen, als kurz nach Mickys und Duncans Aufbruch zu Sikes - natürlich ohne ihre Handys, mit denen man sie hätte warnen können – die restliche Clique eingetrudelt war und ihm von der Falle berichtet hatte.

Das Kabel noch da hin und dann ist sie fertig. Geht in Deckung. Und Richie, nimm deine Rübe aus dem Weg. Deine Meisterin tritt mir in den Hintern, wenn dir was passiert!“ Sie lachten über den Scherz, doch dann wurden sie wieder ernst. Wenn Micky sich doch nur erinnern könnte, dachten sie alle zur selben Zeit. Richie rutschte traurig zur Seite, er vermisste die bösen, bissigen Kommentare seiner Meisterin. Genauso so vermisste er es, wie sie ihn beim Training triezte und piesackte und ihn damit zu immer besseren Leistungen antrieb.

Richie griff in seinen Rucksack und holte eine Pistole heraus. Er lud sie durch und zog sein Schwert unter dem Mantel hervor. Von ihm aus konnte es losgehen.

Leg los, Alter. Holen wir Micky und Mac da raus.“ Methos aktivierte den Timer. Alle sprangen auf und suchten hinter dem Tisch von Sikes’ Vorzimmerdame Schutz vor der Explosion.

 

Duncan riss Micky grob von ihrem Stuhl hoch und zerrte sie unter Sikes’ Schreibtisch. Einen Augenblick später detonierte vor der Tür die Bombe mit einem ohrenbetäubenden Knall. Die Tür zerbarst, und die Splitter flogen in alle Richtungen davon.

Methos, Connor, Richie und Isabelle kamen hinter dem Schreibtisch hervor und zogen ihre Waffen. Pistolen in der einen, Schwerter in der anderen Hand.

Mit einem wilden Schrei auf den Lippen stürmten die vier das Büro von Christopher Sikes. Der war verständlicherweise völlig überrumpelt. Im Augenblick der Explosion hatte er beide Whiskygläser – für Duncan und sich – fallen lassen. Sein teurer Armani-Anzug war durchnässt und feine Glassplitter hingen an seinen Hosenbeinen.

Sikes wusste nicht, wie ihm geschah. Aus vier zeitgleich abgefeuerten Pistolen flogen Kugeln auf ihn zu. Er grinste. Diese Runde hatte er wohl doch verloren. Aber wie willkommen und unterhaltsam, das Spiel ging weiter.

Was zum Teufel hat das Symbol an der Wand zu suchen?“ rief Methos in das Chaos hinein.
Später“, erwiderte Duncan, zog Micky auf die Füße und schubste sie in Richtung der zerstörten Tür.
Beeilung, Cousin“, drängelte Connor.
Duncan grinste frech und meinte nur: „Ah, die Kavallerie ist da. Aber wie immer zu spät.“ Er griff sich noch die Waffen und die Sporttasche und rannte hinter der Clique Unsterblicher her.

Warum erledigen wir Sikes nicht jetzt? Er ist tot, zumindest im Augenblick. Schlagen wir ihm den Kopf ab und die Sache ist erledigt“, schlug Micky vor.
Das geht nicht, Liebes. Der Kodex verbietet das. Nur wenn ein Unsterblicher durch das Schwert tödlich verwundet wird, darf er geköpft werden. Dadurch dauern die Kämpfe länger“, erklärte Duncan.
Die Spiele für Diejenigen“, stieß Methos hervor und verzog sein Gesicht. „Du willst sie doch nicht noch einmal verärgern, oder?“ Micky schüttelte den Kopf und stürmte enttäuscht zur Tür raus. So nah und doch so fern. Der Sieg über Sikes war zum Greifen nah gewesen und war doch im letzten Moment aufgrund einer blöden Regel wieder durch ihre Finger geschlüpft wie ihre verlorene Erinnerung.

Ihr hättet echt ein bisschen früher kommen können, Connor. Das war nicht sehr amüsant mit Sikes. Wenigstens wissen wir jetzt aber, was er plant.“ Sein Cousin reagierte nicht. Er überließ die frohe Botschaft, warum sie den beiden nach geflogen waren, lieber einem anderen.
Wenn wir nicht Dank der Zeitverschiebung einen Vorteil gehabt hätten, wären wir ohnehin zu spät gewesen. Hätte Papa Maurice uns nicht vor zwei Tagen informiert, dass er einen falschen Tipp über Sikes bekommen hat, hätten wir nie ein Flugzeug bestiegen.“

Sie rannten durch das Treppenhaus nach unten. Duncan packte Richie am Arm und zerrte ihn zu sich herum.

Wie meinst du das? Einen falschen Tipp? Wir haben diesen Tipp heute von Joe bekommen.“ Was in drei Teufels Namen ging hier vor sich? Joe würde sie doch nicht bewusst in eine Falle laufen lassen.
Was weiß denn ich? Papa Maurice hat gesagt, der Tipp wäre eine Falle. Nicht leicht zu erraten, sein Informant hätte sich die Zähne daran ausgebissen.“

Richie stolperte über seine Füße, während die Gruppe immer schneller die Stufen ins Erdgeschoss runter rannte. Reaktionsschnell packte Duncan ihn am Kragen und zog ihn hoch. Massenkarambolage erfolgreich verhindert.

Danke, Mac.“ Der Highlander grinste und lief weiter.
Schwing die Hufe, Junior. Ich kann schon die Sirenen hören“, rief Micky nach oben. Alle lachten amüsiert. Das klang schwer nach ihrer alten Comtesse.
Was hab’ ich denn gesagt?“ fragte Micky nach Atem ringend. Connor lachte begeistert, bremste ab und gab ihr ein Küsschen. Postwendend umklammerte Duncan das Geländer und sprang darüber. Er landete ein gutes Stück weiter unten auf dem Treppenabsatz und verpasste seinem Cousin einen Schlag auf den Hinterkopf.
Hör auf in der Vergangenheit zu schwelgen, Connor!“
Sie tut es doch auch!“ rechtfertigte Connor sich lachend. Für ihn war das alles ein großer Spaß. Alle lebten und alle hatten ihren Kopf noch. Sikes Büro war demoliert, Sikes lag erschossen darin, was er der Polizei erst einmal erklären musste, und Connor freute sich auf ein gutes Essen und eine heiße Nacht mit seiner Isabelle. „Außerdem ist es doch eine tolle Nacht! Die Rettung war erfolgreich und wir leben noch.“

Leute, wir sind unten“, meinte Isabelle, die Connors Anfall von sentimentalen Erinnerungen ignorierte. Connor hatte ja Recht, alles war prima. Isabelle öffnete die Tür einen Spalt weit und schaute vorsichtig raus. Keine Polizei weit und breit.
Ich habe doch Sirenen gehört“, meinte Micky verwundert.
Die werden vorne sein und den Haupteingang sichern“, erklärte Isabelle. „Lasst uns verschwinden, bevor sie den Hintereingang gefunden haben.“
Okay. Isabelle hat Recht. Schnell und vor allem unauffällig. Wir verschwinden in kleinen Gruppen. Micky und ich im Cabrio. Connor mit Isabelle und Methos passt auf den Junior auf.“
Hab’ ich ein Glück“, stöhnten Methos und Richie gemeinsam.
Wir treffen uns alle bei Joe, und dann will ich ein paar Antworten.“ Duncan dirigierte seine Frau zur Tür raus und zum Auto.

 

Sie fuhren durch die kanadische Nacht. Die Sterne schienen am Himmel, eine milde Brise wehte von der Bucht in die Stadt hinein. Duncan fuhr absolut vorschriftsmäßig, er wollte vermeiden von einer Polizeistreife angehalten zu werden. In seinem Kopf rotierte es. Er brauchte die alte Micky dringender denn je. Jetzt da sie wussten, wer Christopher Sikes war, war es unabdingbar. Und da Christopher Sikes wusste, dass sie sein Geheimnis und seine Pläne kannten, würde er noch schneller, in noch kürzeren Abständen zuschlagen. Ein Plan nahm allmählich Gestalt an. Vor seinem geistigen Auge lief noch einmal das Gespräch mit Anne Lindsey, Mickys Ärztin, ab. Schocktherapie konnte die Erinnerung zurückbringen. Er hatte sie ermordet in dem Wald in Frankreich, genau wie Maximilian. Doch es hatte gar nichts oder nur wenig gebracht. Sie konnte sich gerade mal an Darius erinnern, der ihnen nicht mehr helfen konnte im Kampf gegen Sikes.

Duncan, das ist doch nicht der Weg zurück zur Bar“, erkannte Micky irritiert. Ihre und Duncans Haare flatterten im Fahrtwind.
Nein, wir fahren erst noch woanders hin.“ Ihr Weg führte sie aus Vancouver heraus, immer an der Küste entlang. Micky konnte das Meeresrauschen hören, es beruhigte ihr heftig pochendes Herz. Sie war froh am Leben und Sikes’ Falle entkommen zu sein. Es war eine schöne Nacht, die sie mit ihrem Ehemann verbrachte. An den ich mich nicht erinnern kann, dachte sie erbost über sich selbst.
Duncan, was…“
Du wirst schon sehen. Vertrau mir einfach. Ich will dir helfen.“ Darius hatte das auch gesagt. Verdammt, wieso konnte sie sich an den erinnern, den sie bereits verloren hatte, nicht aber an den, der jetzt an ihrer Seite stand? Es war so frustrierend. Tränen schossen Micky in die Augen. Duncan drehte kurz den Kopf zu ihr. Er sah, wie aufgewühlt sie war. Gut, Emotionen waren wichtig. Es war ein langer Weg zurück zu Mickys altem Leben, und er würde ihr dabei helfen.
Zu leugnen was ich war, bedeutet zu leugnen was ich bin“, zitierte Duncan und ebnete den Weg für seinen Plan.
Das sagte ich im Kloster.“ Duncan nickte. „Und Darius hat es zu mir gesagt.“
Ja, genau. So, wir sind da.“ Er bremste und stellte den Motor ab. Micky sah sich um. Sie waren am Meer, an einer hochgelegenen Klippe. Am Rand stand ein weißer Leuchtturm mit einer roten Spitze. Sein Licht bestrahlte im Rhythmus der Umdrehungen das Festland und das Meer. „Ein Blick zurück nach vorn“, murmelte Duncan. Er hoffte wirklich, dass die Erinnerung hier an diesem Ort, wo er sie fast verloren hätte, zurückkommen würde.
Ich war schon einmal hier“, erinnerte Micky sich. Duncan schlug den Kofferraum zu und griff nach den Schwertern, die er herausgeholt hatte. Sein Instinkt sagte ihm, dass er sie brauchen würde, wenn sein Plan aufging.
Zweimal“, korrigierte er.
Nach Darius’ Tod“, ergänzte Micky. „Wir saßen am Leuchtturm und haben über ihn gesprochen.“
Ja, und dann waren wir noch einmal hier im August vor zwei Jahren…“ Er ging in Richtung der Klippe mit seinem und Mickys Schwert in der Hand. Schocktherapie nehme deinen Lauf. Hoffentlich lag Anne damit richtig. Aber Duncan hatte letztendlich keine andere Wahl, er brauchte seine Frau in Höchstform, um Sikes und seine verfluchten Beobachter zu erledigen.
Was haben wir hier getan?“
Ich habe dich gesucht. Du warst fortgelaufen…“ Micky blickte ihn ungläubig an. Sie war über 500 Jahre alt, da lief man doch nicht weg wie ein unartiges Kind. Sie sah, dass Duncan mit sich haderte. Was verheimlichte er vor ihr? Spontan machte Micky einen Satz nach vorne und entriss Duncan ihr Schwert. Er war überrascht, aber auch erfreut, dass ihre Reflexe noch funktionierten. Sie hielt das Toledo Salamanca in der Hand wie eine Verlängerung ihres Armes. Eine Verlängerung, die sie seit nahezu 500 Jahren hatte.
Ich glaube, du bist noch nicht soweit, Micky.“ Er versuchte sie zu provozieren und aus der Reserve zu locken.
Bist du mein Mann oder mein Vater, MacLeod?“ Sie grinste frech und ließ ihr Schwert in ihren Händen kreisen. Duncan zuckte die Achseln. Sie würde sowieso ausrasten, wenn sie von Pierre erfuhr. Dann war es vielleicht besser ein Schwert zur Verteidigung zu haben.
Also gut, Baby. Greif an.“ Sie umkreisten sich mit ihren Schwertern. Duncan beobachtete sie genau. Micky schien sich instinktiv an die Kampftechniken zu erinnern, die sie im Laufe ihres Lebens gelernt hatte.
Warum waren wir beim zweiten Mal hier?“ Duncan schluckte, er würde nicht ewig um eine Antwort herumkommen.
Du hattest einen Freund namens Pierre de Florent.“ Er schlug mit seinem Katana nach ihr, sie wehrte den Angriff ab. „Nicht schlecht, Comtesse. Aber du hast auch schon besser gekämpft.“ Sie wurde wütend, gut. Er musste sie weiter reizen, sie richtig wütend machen.
Was ist mit Pierre de Florent?“ Irgendetwas grub sich an die Oberfläche ihrer Erinnerung. Sie sah einen Franzosen in der Uniform der Musketiere. Eine lange Adlernase, graue Augen, braune Haare, die von einer blauen Schleife zusammengehalten wurden. „Pierre“, stieß sie hervor. Ihr Freund, ihr Kampfgefährte, mit ihm zusammen hatte sie Geneviève, die kleine Diebin, in Versailles gestellt.
Pierre ist tot, Micky.“ Er schlug wieder zu. Micky stolperte, fiel hin, rollte sich ab und kam wieder auf die Füße. Irritiert schüttelte sie den Kopf. Ein Restaurant am Hafen von Vancouver, ein Wiedersehen. Alles war so verwirrend und verschwommen, wie durch einen Nebel.
Was ist passiert? Was hast du getan?“ zischte sie und schlug mit ihrem Schwert nach Duncan. Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Noch bevor Duncan die schwerste Beichte seines Lebens ablegte, wusste Micky, was er sagen würde.
Ich habe mir seinen Kopf geholt. Er hat einen Freund von mir getötet und seine ganze Familie.“ Als die Worte in Mickys Verstand eindrangen, war es als zuckten tausende von gleißendhellen und brennendheißen Blitzen durch ihr Gehirn. Bilder, Namen, Orte, Erinnerungen. 507 Jahre, die innerhalb von wenigen Augenblicken wieder zurückkehrten. Micky schrie auf. Pierre. Sein Restaurant am Hafen, Duncan mit seinem Schwert, der Leuchtturm, wo er sie gefunden und um Verzeihung gebeten hatte. Und plötzlich wusste Micky wieder, wer sie war, was sie erlebt hatte, und was Duncan mit Pierre getan hatte. In ihrem Kopf hörte sie, was sie damals zu Duncan gesagt hatte:
„Ich sagte, ich liebe dich. Doch vergeben werde ich dir das nie.“

Wütend rief sie seinen Namen und stürzte sich auf ihn. Micky schlug mit einer unbezähmbaren Wut auf den Highlander ein und drängte ihn in Richtung der Klippen ab. Er ließ es geschehen, Hauptsache sie erinnerte sich.

 

Der Klippenrand kam immer näher. Micky führte einen tiefen Schlag aus, Duncan sprang in die Höhe, verlor den Halt. Er wusste, dass er fallen würde. Seine Hand schoss nach vorne und er packte seine Frau. Duncan zog sie mit sich in die Tiefe. Er hoffte jetzt würde sie sich an alles erinnern. Schocktherapie eben.

MacLeod, du Mistkerl“, schrie sie aus voller Kehle, während sich der steinige Abgrund unaufhaltsam und mit rasender Geschwindigkeit näherte.

Sie spürten noch den Aufprall, dann waren sie tot. Mit kurios verrenkten Gelenken lagen sie auf den Felsen des kleinen Küstenabschnitts. Duncan war mit einem zuversichtlichen Lächeln auf den Lippen gestorben. Die Hoffnung Micky wieder zurückzubekommen mit all ihren Erinnerungen hatte ihn zu dieser Verrücktheit bewegt.

 

Eine Stunde später setzte die Belebung ein, sie kamen allmählich zu sich. Micky setzte sich stöhnend auf und sah sich unsicher um. Sie hob den Kopf und sah weit über sich den Leuchtturm, vor sich schlug die Gischt schäumend gegen die Felsen. Sie stand mit zittrigen Beinen auf und stolperte über die spitzen, weißen Felsen. Ihre blutverschmierte Hand tauchte in das kalte Pazifikwasser und spritzte es sich ins Gesicht. Dann wusch sie sich das Blut ab und begutachtete ihre Kleidung. Sie sah einigermaßen in Takt aus. Noch immer um ihr Gleichgewicht kämpfend taumelte sie auf Duncan zu, während sie ihre Knochen knacken ließ. Vor ihrem Mann blieb sie kurz stehen und musterte ihn schwankend zwischen Wut und Fassungslosigkeit. Sie verpasste ihm einen festen Tritt in die Seite. Duncan schlug die Augen auf.

Aua“, meinte er, grinste aber schon wieder und setzte sich auf. Er hatte eine tiefe Platzwunde am Hinterkopf und sein rechter Fuß stand in einem komischen Winkel ab. Er streckte sich genau wie Micky kurz vor ihm. Alle Knochen seines gestählten Körpers knackten lautstark protestierend.
Du Arsch! Zweimal in einer Woche! Du hast mich zweimal in einer Woche umgebracht, Highlander! Stellst du dir das unter einer glücklichen Ehe zwischen Unsterblichen vor?! Dafür bin ich am Loch Shiel gestorben und aus der Zwischenwelt zurückgekommen?!“ Sie versetzte ihm noch einen Tritt. Duncan lachte über ihren Tobsuchtsanfall und stand langsam auf. Ihm tat alles weh. Es war toll am Leben zu sein.
Kannst du dich jetzt wenigstens an alles erinnern, Comtesse?“ fragte er, wobei er sich das Blut abwusch. Auf der schwarzen Kleidung sah man es nicht, so konnten sie problemlos in die Stadt zurückfahren und in die Bar gehen ohne Aufsehen zu erregen.
Ja, du Arsch!“ Er grinste zufrieden. Mehr hatte er nicht gewollt, aber auch nicht weniger. Seine Comtesse mit all ihren bösen Sprüchen, ihrem frechen Grinsen und ihrem lebensbejahenden Wesen. Seine Micky eben.
Na, dann war die Schocktherapie wenigstens beim zweiten Versuch erfolgreich. Willkommen zu Hause, Mrs. MacLeod.“
Spar dir das. Sag mir lieber, wie wieder da hoch kommen?“ Sie stapfte wütend davon und suchte einen Weg zurück nach oben. Duncan folgte ihr überaus zufrieden. Micky war wieder da!

 

 

2. Bargespräche

 

Vancouver, Kanada, Joe’s Bar, kurz nach der Sperrstunde.
So, der letzte Gast ist weg, jetzt können wir reden“, sagte Joe, während er eine große Flasche Whisky und ein Tablett mit Gläsern hervorholte. Duncan und Methos saßen an der Bar und zogen ein wenig lange Gesichter. Sie versuchten angestrengt den Abend zu verdauen, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass Sikes die Splittergruppenbeobachter anführte. Diese Erkenntnis hatte Joe fast von den Füßen gehauen. Er wusste bis jetzt nur, dass Sikes deren Anführer war und dass er seine Freunde unwissentlich in eine Falle geschickt hatte. Er hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen, weshalb er auch seinen besten Whisky großzügig ausschenkte. Richie gestikulierte wild mit den Armen und gab Joe eine Zusammenfassung der Ereignisse in Sikes’ Geschäftsräumen. Connor warf ein paar Darts auf die elektronische Scheibe und versuchte seinen persönlichen Rekord zu brechen. Er hatte sich schon ein paar Kurze zur Beruhigung der Nerven gegönnt und nach jedem weiteren wurde sein Wurf besser. Eben hatte er drei Doppelbulls hintereinander geworfen.

Im Hintergrund lief die alte Jukebox und spielte Hits aus den 1970ern. Micky und Isabelle saßen Cappuccino trinkend an einem der Tische. Sie unterhielten sich leise miteinander, hin und wieder hörte man eine der beiden Frauen lachen. Verstehe einer die Weiber, dachte Methos. Da hatten sie Micky und Mac aus höchster Gefahr gerettet, und jetzt saß die Comtesse da und plauderte mit Isabelle, als wäre nichts gewesen.

Immer wieder wurde Richie in seiner Erzählung unterbrochen. Duncan und Methos sprachen wild durcheinander, versuchten sich gegenseitig und Richie im Besonderen zu übertönen. Mit einem Mal drehte Micky sich um, rollte genervt mit den Augen und rief: „Entweder einer redet oder ihr haltet alle die Klappe!“
Hey, Comtesse, warum suchst du dir nicht mal wieder ein Duell, in das du dich einmischen kannst“, schlug Methos vor. Connor tarnte sein Lachen als Hustenanfall.
Sie war längst nicht so nervig, als sie ihr Gedächtnis noch verloren hatte“, flüsterte Duncan grinsend an Joe gerichtet. Doch er war nicht leise genug, seine Frau hatte Ohren wie ein Luchs und ihre Augen überall.
Ach, du meinst, sie kann sich wieder an alles erinnern?“ fragte Joe, während er den Whisky an seine Freunde verteilte. Mit einem raschen Blick auf den Pieper betete er, dass Emily nicht ausgerechnet heute Nacht Wehen bekommen würde. Er wollte und konnte seine Freunde jetzt nicht im Stich lassen.
Hey, Mr. ‚Ah, ich liebe Frankreich’, halt bloß den Ball flach! Du hast mich zweimal in einer Woche umgebracht!“ Natürlich, sinnierte Duncan, die blöde Geschichte mit dem Bordell konnte nicht vergessen bleiben. Er nahm das Whiskyglas und trank es in einem Zug aus. Joe schenkte sofort nach. „Selbst Isis würde das als Scheidungsgrund ansehen! Apropos, wo ist die ägyptische Natter, Methos? Oder ist sie noch immer deine Königin?“ setzte Micky noch eins drauf, sie verteilte mal wieder verbale Tiefschläge wie zu ihren besten Zeiten. Joe verfolgte höchst amüsiert den Schlagabtausch zwischen den Freunden. Ja, Micky war wieder die Alte und lief gerade zur Höchstform auf.
Ich hoffe, sie ist irgendwo in einer Grabkammer verschollen, das falsche Biest. Sitzen gelassen hat sie mich, als du im Koma gelegen hast.“

Joe trat an den Tisch der Ladys heran und gab ihnen ihre Drinks. Dann warf er Micky einen fragenden Blick zu und meinte: „Wie? Duncan, du hast sie zweimal umgebracht? Ich wusste bisher nur von dem einen Mal nachdem Micky aus dem Koma aufgewacht war“, meinte Joe und setzte sich an den Tisch zu den anderen. Die Bar war inzwischen abgeschlossen, es würde sie also niemand stören.
Ja, genau. Was habt ihr getrieben, nachdem wir von Sikes abgehauen sind? Ihr habt ja ewig gebraucht“ warf Connor nun höchst interessiert ein. Grinsend warf er einen weiteren Dartpfeil auf die Scheibe, wobei er immer noch unverwandt Micky und Duncan anstarrte. Die Scheibe gab mehrere Geräusche von sich, die einen weiteren Doppelbull verkündeten. Richie klappte beeindruckt die Kinnlade runter.

Angeber!“ maulte Duncan die Frage seines Cousins ignorierend.

Seine liebenswürdige Gattin hingegen nahm kein Blatt vor den Mund und klagte Connor ihr Leid: „Er hat mich einen Felsen heruntergeworfen!“ Die Schrammen waren inzwischen verheilt und der schwarze Hosen-Anzug hatte nur ein paar kleinere Risse. Zu Duncans Glück war es kein teures Designerstück gewesen.
Gezogen habe ich dich, um genau zu sein. Schocktherapie. Anne Lindsey hat gesagt eine Schocktherapie wird dir am ehesten auf die Sprünge helfen“, erklärte Duncan erheitert.
Wenn ich diese Anne Lindsey in die Finger bekomme, kann sie was erleben.“

Methos biss sich auf die Unterlippe und starrte überaus interessiert in sein Whiskyglas. Die Eiswürfel beim Auflösen zu beobachten war ungefährlicher, als Micky in die Augen zu sehen. Doch Methos hatte keine Chance, die anderen fingen umgehend an zu lachen.

Was ist, habe ich schon wieder etwas Komisches gesagt?“ fragte Micky ein wenig genervt.
Du kannst es Anne persönlich sagen, Liebes.“
Darauf kannst du deinen Kilt verwetten, Duncan.“ Connor verschluckte sich lachend an seinem Bier, das er eben von Joe in Empfang genommen hatte. Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie das Gespräch mit Anne ablaufen würde. Viele farbige Metaphern würde die Comtesse verwenden. Teufel noch eins, Micky würde schimpfen wie ein Rohrspatz. Und Connor würde sein letztes Hemd hergeben, um dabei sein zu können. Den Spaß wollte er sich keinesfalls entgehen lassen.
Nein, du verstehst nicht, du wirst Anne des Öfteren sehen“, erklärte Connor lachend und einen Blick auf Methos werfend. Der räusperte sich und starrte weiterhin angestrengt in sein Glas. Joe stand auf, um noch ein paar Biere zu holen. Die erste Flasche reichte er an Methos.

Trink erstmal einen Schluck, mit feuchter Kehle gesteht es sich besser.“ Methos setzte die Flasche an und tat einen tiefen Zug.
Was gestehen? Wieso kommt diese Anne überhaupt auf die Idee, ich müsste von einer Klippe geschubst werden, um mich an euch Kanaillen zu erinnern?“ Sie lachten.
Micky, sie weiß, dass wir unsterblich sind.“
Wieso weiß meine Ärztin, dass wir unsterblich sind? Neue Behandlungsmethode oder was? Methos, was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?“ Sie blickte ihm tief in die Augen. Er schluckte, sein Adamsapfel hüpfte nervös auf und ab. Micky fixierte ihn weiterhin.
Ach, lass doch diesen Nostradamus-Scheiß! Ich hasse das!“ Er hob seine Hand und versuchte seine Augen abzuschirmen. Seit sie diesen Trick von ihrem Meister gelernt hatte, setzte sie ihn gnadenlos ein, wenn sie etwas in Erfahrung bringen wollte. Und Methos war ein wenig willensstarkes Opfer.

Micky schlug die Hand aus dem Weg und blickte ihn durchdringend an.

Spuck’s aus, Mister. Sonst…“
Was sonst?“
Na ja, ich habe mein Gedächtnis wieder mit allen pikanten Details über dein Leben. Ich könnte ein paar nette Anekdoten erzählen, die nicht mal in deiner Chronik stehen.“ Methos seufzte und trank noch einen Schluck Bier.
Biest! Luder! Miststück!“ fluchte er unverblümt, wahrscheinlich hatte er während Mickys Koma ausreichend mit Isis geübt. Das Theaterstück „Der Widerspenstigen Zähmung“ war in seiner x-ten Aufführung gescheitert, wie nicht anders zu erwarten. Die Beziehung von Isis und Methos konnte man am besten mit folgendem Satz beschreiben: Sie liebten und sie schlugen sich.
Wirst du grade warm oder übst du für Scrabble? Nur weiter so. Ich könnte erzählen, was ich 1897 mit dir erlebt habe… Ich sage nur - meine Reise von Boston nach Kalifornien. Der Zug, den du mit Butch Cassidy und Sundance Kid ausgeraubt hast und was du da Hübsches anhattest.“ Sie grinste überaus fies. Trau niemals einer lächelnden Katze oder einer lächelnden Comtesse, das war noch viel gefährlicher.
Wenn du das tust, erzähle ich, was du mit Darius in Florenz getan hast!“ Duncan spitzte die Ohren. Er erinnerte sich an die Holzkiste mit den Briefen und dem abgebrochenen Geständnis seiner Frau im Kloster.
Du, Schuft! Die Ehre eines Toten ist heilig!“
Was ist dir schon heilig, Hochwohlgeboren?“ konterte Methos. Punkt für Methos, es gab nur wenige Dinge, die Micky heilig waren. Darius aber zählte unzweifelhaft dazu. Und ein Versprechen gab sie nicht leichtfertig.

Könnten wir jetzt mal wieder zum Thema zurückkehren?“ schlug Connor vor, der erkannte, dass sich das Gespräch im Kreis zu drehen begann.
Wieso, Cousin? Jetzt wird es langsam interessant.“
Komm du mir nach Hause, Duncan! Wir haben noch eine Rechnung offen! Aber zunächst ist mal Methos dran. Was ist mit Anne Lindsey?“ Sie setzte schon wieder diesen bohrenden Blick ein. Er konnte sich nicht entziehen. Also sprang Methos von seinem Stuhl auf und lief vor dem Tisch hin und her.
Sie ist meine Freundin! Zufrieden? Sie ist meine Freundin!“
Warum nicht gleich so? Außerdem habe ich das gewusst! Ich habe euch gesehen in deiner Wohnung in der Rue Mallet-Stevens.“ Methos bekam große Augen. Sein Mund formte einen Kreis.
Wie? Was? Wo?“ stotterte er völlig überrumpelt. Was hatte er denn jetzt schon wieder verpasst?
Weiter so, Methos. Fehlt noch warum und wer. Die Grundfragen, die ein guter Journalist immer stellt, habe ich bei der Chicago Tribune gelernt. Ich habe dich besucht, als ich sozusagen ein Geist war. Und dich auch, Duncan. Du hast unser Fotoalbum angeschaut mit den Bildern von Yosemite.“ Duncan erschrak, er hatte damals – nein, das konnte nicht sein. Aber in jener Nacht hätte er schwören können, dass er Mickys Anwesenheit gespürt hatte.
Hast du…? Ich meine, was hast du gesehen?“ fragte Methos mit einem komischen Gesichtausdruck, der zwischen Verlegenheit und Unglauben schwankte.
Nichts, was ich nicht schon früher an dir gesehen hätte…“, sie grinste so überaus wissend. Methos wollte sie umbringen. Ja, Micky war definitiv wieder zurück. Der Himmel möge ihnen beistehen.
Wo ist der Tequila?“ fragte Methos darauf und stürzte an die Bar. Hier konnte nur noch das harte Zeug helfen. Micky stand auf und ging zu ihm. Lachend hielt sie seinen Arm fest.
Methos, ehrlich, ich bin gegangen, bevor es dir oder Anne oder mir hätte peinlich werden können.“
Oh… Ja, dann...“ Total verwirrt ging Methos zurück zum Tisch und setzte sich.

Duncan legte den Arm um Micky und flüsterte in ihr Ohr: „Ich bin froh, dass du wieder da bist.“ Connor hob sein Glas und sagte: „Auf das fabelhafte Gedächtnis von Micky MacLeod, das immer für einen netten Abend sorgt.“ Die Freunde hoben ihre Gläser oder Bierflaschen und riefen gemeinsam: „Auf Mickys Gedächtnis.“ Joe stand auf und humpelte zu der kleinen Bühne. Die Jukebox hatte aufgehört zu spielen. Er griff nach seiner Gitarre und spielte ein paar Akkorde.

Hey, Joe, kommt da noch was Richtiges rüber? Oder wärmst du dir nur die Hände an der Gitarre?“ fragte Micky grinsend.
Irgendwelche Wünsche, Comtesse?“ Sie überlegte.
Hm, ich bin nicht auf dem neuesten Stand was die Charts angeht… Wie wäre es mit John Lennon? Imagine?“ Sie liebte das Lied, das zweifellos ein weltbekannter Klassiker der Rockmusik war. Joe nickte einverstanden und griff in die Saiten. Mit einer tiefen, rauchigen Stimme sang er die Worte, die John Lennon in den Herzen seiner Fans unvergessen gemacht hatte.

Kann es sein, dass du Elisabeth und ihr Essen vermisst?“ fragte Duncan grinsend. Er hatte noch immer seinen Arm um Micky gelegt und wiegte sich mit ihr im Takt des Liedes.
Wenn du acht Monate künstlich ernährt wirst, dann schauen wir mal, ob du nicht auch Elisabeths Küche vermisst!“

Ich vermisse sie schon nach zwei Tagen“, warf Connor ein und legte genau wie Duncan den Arm um Micky.
Du bist ja auch ein Vielfraß“, witzelte Micky.

Leute, wollten wir nicht über Sikes und die Splittergruppe reden?“ fragte Richie.
Junior“, setzte Micky an.
Ich weiß schon. Alle, die jünger als hundert sind, halten gefälligst die Klappe.“ Er seufzte und holte sich noch ein Bier.
Genau“, antworteten Micky, Duncan, Connor und Methos. Joe schmunzelte, sang aber unbeirrt weiter.


Christopher Sikes war schon vor der heutigen Nacht ein gefährlicher Gegner gewesen. Doch nun, da sie die Wahrheit kannten, schätzten sie, dass er kaum zu besiegen war. Die Splittergruppe verfügte über so umfangreiche Ressourcen, dass jeder vernünftig denkende Unsterbliche ab sofort um seinen oder ihren Kopf fürchten musste. Daher war es wahrscheinlich ganz gut, wenn die Clique eine unbeschwerte Nacht verleben konnte, bevor sie in den Krieg gegen Christopher Sikes und seine Verbündeten ziehen würden.

Und so saßen sie bis in die frühen Morgenstunden zusammen. Joe spielte auf seiner Gitarre, sang ein Lied nach dem anderen. Emily bekam zum Glück in dieser Nacht keine Wehen. Die Freunde erzählten der Comtesse, was in den vergangenen acht Monaten passiert war. Wenigstens für ein paar Stunden vergaßen sie Sikes und die Bedrohung, die unheilvoll draußen vor der Tür der Bar auf sie alle lauerte.

 

 

Kanada, Vancouver, eine Woche später.
Eine Kirche in der Nähe von Duncans Dojo schlug gerade Mittag. Sie hatten sich entschieden für die nächste Zeit in Kanada zu bleiben, um möglichst viel über Sikes in Erfahrung zu bringen. Micky wurde langsam wach und räkelte sich genüsslich zwischen den Laken. Langsam schlug sie die braunen Augen auf. Im ersten Moment wusste sie gar nicht, wo sie war. Sie hatte so tief und fest geträumt, schon wieder von Darius, dass sie ein wenig desorientiert war. Sie sah sich um, das Zimmer war von der Sommersonne Vancouvers durchflutet. Das große Schlafzimmerfenster stand weit auf, es war schon ziemlich warm und würde laut Wetterbericht heute und in den nächsten Tagen noch wärmer werden. Obwohl Micky acht Monate geschlafen hatte, ließ sie sich jede Nacht bereitwillig in Morpheus’ Arme sinken und ins Reich der Träume geleiten. Doch sie musste sich eingestehen, dass ihr die Träume von Darius zu denken gaben. Wieso suchte er sie noch immer heim, wo sie sich doch an alles erinnern konnte? Was wollte ihr alter Freund von ihr? Sie würde heute Nachmittag zu seinem Grab fahren und nach einer Antwort suchen.

Nun stutzte Micky plötzlich. Aus dem Erdgeschoss drangen Kampfgeräusche zu ihr herauf. Es war Sonntag, was bedeutete, dass Duncans Studio geschlossen war. Sie konzentrierte sich angestrengt auf ihre Wahrnehmungen und strich sich mit geschlossenen Augen über den kribbelnden Nacken. Grüblerisch trommelte sie mit ihrem Zeigefinger auf ihre Lippen und horchte mit pochendem Herzen. Mindestens zwei Unsterbliche waren dort unten. Vermutlich hatte Sikes wieder einen seinen Handlanger geschickt, und Duncan mischte ihn nun kräftig auf. Wenn der Handlanger aber stärker als der letzte war? Sie zögerte keine weitere Sekunde, sondern sprang mit der Geschmeidigkeit einer Raubkatze auf der Pirsch aus ihren seidenen Laken hervor und aus dem breiten Futonbett heraus. Auf einer Kommode neben der Schlafzimmertür lag ihr Toledo Salamanca. Sie nahm es in die Hand und verspürte sogleich die beruhigende Vertrautheit ihres Kampfgefährten. Micky berührte schon Türklinke, als ihr Blick nach links zu einem großen antiken Spiegel glitt, der bis auf den Boden reichte. Sie schüttelte den Kopf, sie war nicht gerade gesellschaftsfähig, wie sie so da stand, nur mit ihrem Schwert ausgerüstet. Nur mit ihrem Schwert. Eine Eva mit einem japanischen Schwert in der Hand. Micky schlief im Sommer immer nackt. Und letzte Nacht war es besonders heiß gewesen – in mehr als einer Hinsicht. Auf dem Stuhl vor ihrem vierhundert Jahre alten Schminktisch, den Duncan für sie auf einer Auktion in New York erstanden hatte, hing ein blaues Hemd ihres Mannes. Sie warf es sich schnell über und eilte nach unten.

Barfuss rannte sie die Wendeltreppe aus dem oberen Stockwerk runter. Sie betrat mit zum Kampf erhobenem Schwert den Trainingsraum des Dojos.

Erleichtert stieß Micky die Luft aus und ließ ihre Waffe wieder sinken. Duncan und Richie trainierten miteinander. Abwechselnd vollzogen sie Finten, Hiebe und Ausfälle. Kein Anzeichen, das auf einen unerwünschten Besucher hindeutete. Micky trat näher und beobachtete zufrieden, die Fortschritte, die sie bei Richie erkannte.

Guten Morgen“, grüßte sie die beiden.
Es ist bereits Mittag. Aber Hochwohlgeboren bekommt ihren hübschen Hintern ja nicht früher aus den Federn“, erwiderte Duncan und wich einem Schlag von Richie aus.
Der frühe Vogel fängt den Unsterblichen, oder wie das heißt.“
Witzig, Richie. Von oben hörte es sich an, als würde hier ein echter Kampf stattfinden. Aber ihr spielt ja nur miteinander, wie zwei brave Jungs.“
Auf jeden Fall geht es hier nicht so heiß her, wie gestern Nacht in eurem Schlafzimmer“, konterte Richie grinsend. Sein eigenes Zimmer lag direkt unter dem Schlafzimmer der MacLeods. Was immer sich der Erbauer dieses Gebäudes gedacht hatte, dicke Wände hatte er nicht eingeplant.

Micky bekam rote Wangen. Zugegeben, seit sie vor einer Woche ihr Gedächtnis zurückerlangt hatte, verbrachte sie die meiste Zeit des Tages und den Großteil der Nacht mit Duncan im Bett. Und der Highlander wäre gewiss der Letzte, der sich über diesen Umstand mokieren würde. Länger als ein halbes Jahr wie ein Mönch zu leben, obwohl man verheiratet war, war Duncan nicht gerade leicht gefallen. Und nachdem Micky ohne Erinnerung an ihn oder ihre gemeinsame Vergangenheit aufgewacht war, hatte es außer ein paar Küsschen und der kleinen Eskapade an der Klostermauer, bei der sie von Bruder Thadeus erwischt worden waren, nichts gegeben, dass Duncans glühende Leidenschaft für seine wunderschöne Comtesse auch nur im Entferntesten hätte befriedigen können.

Die Farbe im Gesicht steht dir wirklich gut, Liebes.“ Er grinste und band sich seinen Pferdeschwanz neu. Mickys Lippen kräuselten sich zu einem verlegenen Lächeln. Irritiert strich sie sich ihre widerspenstigen, braunen Locken aus dem Gesicht. Im selben Moment wurde ihr bewusst, dass sie nur mit Duncans Hemd bekleidet vor ihnen stand.
Ich, ähm, ich geh’ mir dann mal was Anderes anziehen.“
Gute Idee, Micky. Die anderen kommen gleich zum Brunch. Wir wollen besprechen, welche neuen Informationen über Sikes zusammengetragen wurde. Und Richie wollte uns von seiner neuen Freundin erzählen.“ Micky war bereits im Gehen begriffen, drehte sich nun aber überrascht um.
Eine neue Eroberung, Mr. Canderson?“ fragte sie leicht spöttisch. Sie erinnerte sich gut an die Schwärmerei für ihre Tochter. So schnell änderten sich die Dinge. Tempus fugit - die Zeit eilt. Und junge Leute verliebten sich schneller als die alten Unsterblichen gucken konnten. Wenigstens musste Micky sich dann keine Sorgen mehr machen. Nicht dass Richie ihrer Tochter das Herz gebrochen hätte. Eher wäre es umgekehrt gekommen. Geneviève hatte viel zu lange mit Micky zusammen gelebt und die Gewohnheit ihrer Mutter angenommen, Männer wie Gottesanbeterinnen zu verschlingen, nachdem sie sich mit ihnen vergnügt hatte, um sie anschließend fallen zu lassen wie eine heiße Kartoffel. Vor diesem Erlebnis wollte Micky ihren Schüler noch schützen, zumindest bis er ein paar Jahre mehr an Erfahrung auf dem Buckel hatte. Irgendwann würde sie nicht da sein, wenn ihre durchtriebene Tochter ihre Finger nach dem Jungen ausstreckte. Dann konnte Micky nur noch die Scherben aufsammeln. Doch hier und jetzt schien die Gefahr zunächst gebannt, was ganz gut war. Sie mussten sich auf Sikes konzentrieren und hatten keine Zeit für Herzschmerz.

Mit stolzgeschwellter Brust erklärte Richie: „Ja, und was für eine. Und das Beste ist, dass sie Eine von uns ist.“ Anscheinend hörte er schon die Glocken von Darius’ ehemaliger Kirche für sich läuten. Richie glaubte wohl, weil es bei Duncan und Micky und Connor und Isabelle funktionierte, müsste es immer auf Anhieb klappen. Augenscheinlich hatte er den letzten desaströsen Versuch von Isis und Methos aus seinem Gedächtnis gestrichen. Micky raubte ihm die Illusion nicht gerne. Sie kam näher und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
Richie, sei bitte vorsichtig. Wenn du sie nicht richtig kennst, kannst du nicht sicher sein, ob sie nicht nur an deinem Kopf interessiert ist.“
Ein anderes Körperteil wäre dem Junior lieber, glaube ich“, meinte Duncan lachend. Richie schnaubte wütend und trat mit seinem Rapier an Duncan heran. Seine Augen funkelten zornig, als er das Schwert hob.
Ihr habt doch überhaupt keine Ahnung!“ brüllte er sauer und rannte aus dem Studio. Duncan verstand die Welt nicht mehr.
Was habe ich denn gesagt?!“ Er griff nach einem Handtuch und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Micky kam lächelnd näher.
Tja, das passiert allen Eltern, wenn die Kinder flügge werden und die erste große Liebe erleben. Komm mit, Pa, ich setze schon mal einen Kaffee auf.“ Sie legte den Arm um ihn und führte ihn in Richtung der Wohnung.

 

Richie war inzwischen in seinen Mietwagen, einen schwarzen Wrangler-Jeep, gestiegen und zu seiner Freundin Jackie Summerfield gefahren. Sie wohnte in der Innenstadt von Vancouver in einer geräumigen Loft-Wohnung und verdingte sich als Fotografin. Sie hatte blaue Augen, schwarze, lange Haare und trug ansonsten auch gerne schwarze Klamotten. Äußerlich sah sie aus wie Anfang 20, war in Wahrheit aber 215 Jahre alt. Soviel wusste Richie von ihr. Er hatte sie vor fünf Tagen in einer der angesagtesten Discos von Vancouver getroffen und sich bis über beide Ohren in sie verliebt. Mac und Micky verstanden ihn einfach nicht. Die beiden waren schon viel zu lange miteinander verheiratet. 11 Jahre, das schien ihm wie eine Ewigkeit. Was vielleicht daran lag, dass Richie noch keine hundert war. Nächsten Monat würde er gerade mal 33 Jahre werden, für einen Unsterblichen war das gar nichts. Die anderen hatten schon Recht, wenn sie ihn einen Grünschnabel nannten. Er hasste es trotzdem. Genauso wie er den Gedanken hasste, dass Micky möglicherweise mit Jackie richtig liegen könnte. Jackie war so nett und im Bett eine Granate. Richie grinste beim Gedanken an ihre erste Nacht, die direkt nach ihrem Kennenlernen in der Disco stattgefunden hatte. Sie war sehr zielstrebig vorgegangen und hatte Richie mit zu sich nach Hause genommen.

Verträumt fädelte er sich in den Verkehr in der City ein und versuchte Mickys Stimme, so hörte sich seit 11 Jahren sein elendes Gewissen nämlich an, aus seinen Gedanken zu verdrängen. Du kennst sie doch gar nicht, mahnte sie. Du weißt so gut wie nichts über sie. Was ist, wenn sie für Sikes arbeitet? Ach, halt die Klappe, würgte Richie die bohrende Stimme in seinem Kopf ab.

Er hatte das Haus erreicht, in dem Jackie wohnte. Es war ein altes Lagerhaus, das zu mehreren Loftwohnungen umgebaut worden war. Ganz ähnlich wie Duncans Dojo mit dem Loft darüber. Richie stellte den Wagen ab und wollte aussteigen. Oben am Fenster zu Jackies Wohnung sah er zwei Gestalten. Eine identifizierte er eindeutig als seine Freundin. Die andere sah wie ein Mann aus. Er stutzte. In der nächsten Sekunde sah er die blanke Klinge eines Schwertes aufblitzen. Richie griff auf seinen Beifahrersitz und stieg schnell aus. Hoffentlich sah ihn niemand mit einem Schwert in der Hand mitten am Tag in das Haus rennen. Sein Rapier mit dem blutroten Rubin war auch nicht gerade das, was man als unauffällig bezeichnen konnte. Im Moment scherte Richie sich aber nicht sonderlich darum. Er rannte ins Haus und die Treppen bis in den vierten Stock hoch, wo sich Jackies Loft befand. Kampfgeräusche drangen nach draußen. Richie lauschte angestrengt. Die Nachbarn rührten sich nicht, sie waren wahrscheinlich alle auf der Arbeit oder genossen den herrlichen Sommertag am Hafen oder im Stanley Park, der mit 400 Hektar der größte Park der Stadt war.


Komm schon, Jackie, ist das alles, was du drauf hast? Du hast nicht wirklich geübt in der letzten Zeit“, hörte Richie den fremden Mann rufen, gefolgt von dem Aufeinanderschlagen der Schwerter.
Ich war beschäftigt.“
Hast wieder mal Einen an der Leine, wie? Wie jung und unerfahren ist er denn? Und wann wirst du dir seinen Kopf holen?“
Wenn ich mit dir fertig bin, Miguel!“ Er hörte wieder Kampfgeräusche. Entsetzt ging Richie ein paar Schritte rückwärts. Er musste hier weg, zu Micky, sie würde ihn schützen. Teufel, was sollte denn das? Konnte er seine Duelle nicht mehr alleine bestreiten? Wenn sie seinen Kopf wollte, würde er sich ihren holen! Er stürmte auf die Wohnungstür zu, sie war nur angelehnt. Wie ein Berserker stürmte Richie in das Loft von Jackie Summerfield, die schwarzhaarige Fotografin stand über der enthaupteten Leiche eines Mexikaners gebeugt. Miguel, vermutlich. Die Blitze begannen zu zucken und krochen über den dunklen Parkettboden auf Jackie zu. Sie nahm die Energie restlos in sich auf und drehte sich dann grinsend zu Richie um.

Hallo, Schatz. Ich musste nur gerade eben...“
Ich weiß, was du musstest. Ich habe alles gehört. So, du willst also meinen Kopf. Dann komm und hol ihn dir!“ Sie sah ihn erstaunt an, legte eine Hand aufs Herz und kam ein paar Schritte näher. Noch immer mit ihrer Waffe, einem Samuraischwert, wie er erkannte, in der Hand.
Beleidige nicht noch weiter meine Intelligenz, Jackie. Bringen wir es hinter uns. Du hast mit mir gespielt, und jetzt ist es vorbei.“ Sie blickte ihn mit einem falschen Bedauern im Gesicht an.
Schade, Schade, Richie. Ich hätte gerne noch ein bisschen länger
gespielt. Aber es sollte nicht sein.“ Sie hob ihr Schwert und griff Richie im selben Augenblick an. Richie versuchte seinen Zorn zu unterdrücken. Duncan und Micky hatten ihm immer wieder eingehämmert niemals wütend zu kämpfen. Wer wütend war, machte Fehler und wer Fehler machte, neigte dazu seinen Kopf zu verlieren. Und an dem hing Richie doch so. Er musste versuchen Jackie zu provozieren und sie aus der Reserve zu locken. Sie kämpften sich durch die untere Etage des Lofts auf die Glasfront zu. In Richies Rücken sah man eine großzügige Parkanlage, die für die Bewohner des Hauses nachträglich angelegt worden war. Wenn das Lagerhaus nicht mehr gebraucht wurde, brauchte man auch das Fabrikgelände nicht mehr. So hatte der neue Eigentümer einen Teich anlegen und viele Bäume, Sträucher und Blumen pflanzen lassen.

Ist das schon alles? Du hättest wirklich besser trainieren sollen, anstatt mit mir in der Kiste zu liegen.“ Mit einem verächtlichen Grinsen im Gesicht nickte Richie in Richtung der Balustrade, wo ein großes Bett stand. Jackie fauchte wütend. Dieser grüne Junge nahm sich ziemlich viel heraus.
Du wirst sterben, Richie. Schließ schon mal mit deinem Leben ab.“
Das glaube ich nicht!“ Richie schnellte vor und griff nach einer von Jackies teuren Kameras, die auf dem Schreibtisch lagen. Er schleuderte sie der Unsterblichen entgegen. Erzürnt schrie sie auf und aus purem Reflex versuchte sie die Kamera aufzufangen. Dadurch gab sie ihre Deckung auf. Richie nutzte seine Gelegenheit, holte weit mit seinem Rapier aus und schlug zu. Jackie konnte gar nicht mehr realisieren, dass sie verloren hatte. Der Kopf flog in Richtung Küche davon. Er blieb mit einem widerlich platschenden Geräusch vor der Theke liegen. Die Blitze schossen aus Jackies kopfloser Leiche heraus und suchten sich ihren neuen Träger. Die Wucht der Energieübertragung sprengte die komplette Glasfront des Lofts.

Keuchend stolperte Richie aus der Wohnung. An der Tür hielt er inne. Jackie hatte ihn fotografiert. Er eilte zurück und platzte in die Dunkelkammer. Alle Bilder, die ihn zeigten, riss er von den Haken, er schaltete das Licht an und riss alle Filme aus den Dosen. Die auf dem Schreibtisch liegenden Kameras packte er an den Tragegurten und rannte raus. Die Tür zur Dunkelkammer und zur Wohnung hatte er abgewischt. Sein Gefängnisaufenthalt in Boston war ihm eine Lehre gewesen. Allmählich gewöhnte er sich den Namen Canderson. Er wollte ihn nicht schon wieder wechseln.

Richie rannte zu seinem Auto, sprang rein, startete den Motor und fuhr davon.

 

 

3. Tödliche Liebe

 

Kanada, der Leuchtturm nahe Vancouver, am frühen Nachmittag.
Richie war hier herausgefahren, um sich über seine Handlung klar zu werden. Seinen Schmerz über den Verrat von Jackie und den Schrecken über seine Tat hatte er dem Meer entgegengeschleudert.

Seit Stunden saß er nun schon hier am Rande der Klippe und sinnierte über sein Leben. Immer wieder kam er bei der Frage an, wieso er auf Jackie hereingefallen war. Doch er fand keine Antwort darauf. Seine trüben Gedanken schmälerten aber nicht in geringster Weise seine Aufmerksamkeit. Eben hörte er trotz des Meeresrauschens, wie ein Auto hinter ihm bremste. Richie drehte sich um und spürte sofort, dass sich ein Unsterblicher näherte. Aus einem Cabrio stieg die Comtesse. Sie trug ein rosafarbenes, extrem kurzes Sommerkleid mit Spaghettiträgern. Es war ziemlich heiß - meteorologisch gesprochen. Für Mickys Aussehen hatte Richie im Moment herzlich wenig übrig. Er hatte Jackie getötet. Immer wieder schoss dieser Gedanke durch seinen Kopf.

Micky, was willst du?“
Wir haben stundenlang auf dich gewartet. Dann haben wir Joe gefragt, ob irgendwas passiert ist. Er sagte, dass zwei Unsterbliche tot sind. Ein gewisser Miguel Hernandez und eine Frau namens Jackie Summerfield. Diese Jackie war deine Freundin, richtig?“ Er starrte unverwandt aufs Meer, woher Micky das nun schon wieder wusste, war ihm ein Rätsel. Und es war ihm im Grunde genommen egal. „Richie?“
Was?!“ knurrte er.
Rede mit mir, das hilft. Hat Miguel Hernandez sie getötet?“ Er schüttelte den Kopf und blinzelte.
Es ist sehr windig hier oben“, meinte Micky.
Blödsinn, das ist eine Träne“, blaffte er und wischte sie weg.
Hast du sie getötet?“
JA!“ Er sprang auf und lief wutentbrannt am Rande der Klippe herum.
Weiter.“
Nichts weiter. Sie wollte meinen Kopf, es war alles nur ein Spiel für Jackie! Ich war ja so dumm!“ schrie er wütend. „Ich habe echt geglaubt, dass sie mich liebt!“
Du bist nicht dumm, Richie. Du hast sie einfach nur geliebt. Liebe ist das mächtigste Gefühl, das wir erleben. Manchmal trübt es alle anderen Sinne. Das ist mir auch schon passiert…“
Aber so blöde wie ich warst du bestimmt nicht.“ Sie lachte, Richie hatte ja keine Vorstellung. Auch nicht davon, was sie aus Rache getan hatte.
Oh doch, Richie. Das war ich. Pass auf, wo du hintrittst!“ rief sie. Richie trat rückwärts über einen losen Stein und stolperte. Micky griff nach seinem Hemd und zog ihn zu sich heran in Sicherheit, bevor er die Klippe herunter stürzen konnte.
Bleib lieber hier, Junior. Der Sturz tut verdammt weh. Und du bist eine gute Stunde lang tot.“ Sie setzte sich auf den warmen Boden, Richie gesellte sich zu ihr.
Nicht der Sturz, sondern der Aufprall bringt Einen um“, korrigierte Richie und riskierte einen kurzen Blick in die Tiefe. „Duncan hat dich da runter gezogen?“ Sie nickte grinsend.
Du kennst doch Mac, er spinnt. Ich weiß auch nicht. Man muss ihn einfach so nehmen, wie er ist.“ Richie lachte.
Da kenne ich noch jemanden, Micky.“ Sie lächelte, denn seine Worte trafen den Kern.
Richie, du steckst jetzt in einer Krise und meinst, dass es nicht weitergeht. Aber du wirst sehen, dass du an diesen Krisen wächst und heranreifst. Und wenn du erst so alt bist wie ich oder wenigstens wie Duncan wirst du sehen, dass jede Krise ein weiterer wichtiger Schritt in deiner Entwicklung zu einem erfahrenen Unsterblichen gewesen ist. Die Sterblichen müssen diese Erfahrungen alle innerhalb eines kurzen Augenblicks machen, uns steht dafür die Ewigkeit zur Verfügung…“ Er seufzte und starrte aufs Meer. „Es war dir nicht bestimmt mit Jackie durchs Leben zu gehen. Wenigstens ist es zum Kampf gekommen, bevor sie dir oder uns ernstlichen Schaden zufügen konnte…“ Sie streckte sich und ließ ihre Beine über den Rand hängen. Es war ein viel zu schöner Tag, um solch trüben Gedanken nachzuhängen.

Möwen flogen über die beiden Unsterblichen hinweg und kreischten schrill. Sie schienen sie mit ihren Rufen zu verhöhnen.

Bleibt bloß von den Autos weg, ihr Mistviecher“, rief Micky ihnen zum Gruß hinter her. „Also, Jackie war ein falscher Hase“, Er nickte und wischte sich noch eine Träne weg. „Und du hast sie geliebt. Aber du wirst sehen, du kommst darüber hinweg.“
Wie hast du mich überhaupt gefunden, Micky?“ Sie grinste über die Ablenkung, aber Richie sollte sie besser kennen. Sie würde ihn davon überzeugen, dass sie Recht hatte.
Irgendwie landen die Mitglieder unserer Familie immer an diesem Leuchtturm, wenn sie in einer Krise stecken.“
Familie?“ fragte Richie erstaunt.
Na klar, Junior. Was sind wir denn anderes? Wir hängen ständig mit einander ab, wie es heutzutage so schön heißt. Wir kämpfen Seite an Seite, das ist mehr wert als dasselbe Blut. Blut macht noch keine Familie aus. Ich für meinen Teil habe in die Familie eingeheiratet und ein 488 Jahre altes, rebellisches Balg angeschleppt plus Onkel Methos. Und dann wäre da noch Isabelle, die Schwiegercousine sozusagen. Und du bist unser Junior. Du logierst in meinem Loft, arbeitest in meiner Galerie, hast meine Tochter angemacht… Okay, falscher Zeitpunkt Geneviève in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Nun, Connor und Duncan sind Cousins. Und obwohl sie vom gleichen Clan sind, sind sie doch nicht wirklich blutsverwandt. Du weißt doch, dass Duncan so eine Art Findelkind ist, das in den MacLeod-Clan aufgenommen wurde. Genauso haben wir dich aufgenommen. Wir sind eine Familie, und daher wusste ich, wo ich dich finde. Und ich weiß auch, was du gerade durchmachst. Mir ist dasselbe passiert.“
Wie? Was meinst du?“ Er versuchte noch damit klarzukommen, dass Micky ihn als Familienmitglied ansah und schon kam die nächste Eröffnung, die ihn zweifeln ließ, ob er die Comtesse nach 11 Jahren Freundschaft auch nur annähernd kannte. Wie Christian Morgenstern gesagt hatte:
„Einander kennen lernen, heißt lernen, wie fremd man einander ist.“ Es gab noch soviel, das er von Micky und den anderen nicht wusste.
Erinnerst du dich an Maximilian?“ Er nickte, die Story ihrer Trennung hatte er nach Darius’ Begräbnis als krass bezeichnet. Was nicht mal annähernd zutraf, wie er gleich feststellen sollte.
Was hast du mit ihm angestellt?“
Ich habe ihn getötet, für das, was er mit mir getan hat. Und danach bin ich zu Nostradamus gerannt und habe mich ausgeheult. Sein Hemd war triefendnass.“ Sie lächelte bei der Erinnerung an Nostradamus. Die Jahre, bevor er Marie geheiratet hatte und sie, Michelle, während seiner Ehe mit ihr durch Europa von Meister zu Meister gezogen war, waren die schönsten mit ihm gewesen. Sie waren annähernd gleich alt gewesen, und Michelle hatte – obwohl es völlig unmöglich war - gehofft, es würde ewig so weiter gehen. Bis zum Tage der Zusammenkunft mit ihrem Michel durch Frankreich zu ziehen, Parfum zu produzieren, Salben anzurühren, die Kranken zu heilen, sich nachts zu lieben. Und alles von ihn zu lernen, was er wusste und bereitwillig an sie weitergab.
Erzähl“, bat Richie.
Wenn es dir hilft, in Ordnung. Es war im Sommer 1531…“

 

 

Frankreich, Marseille, 28. Juni 1531, am späten Abend.
Michelle Dubois begleitete ihren Lehrmeister und Geliebten Michel de Notredame auf seiner Wanderschaft durch Frankreich. Sein Studium an der Universität von Montpellier hatte er erfolgreich abgeschlossen. Bis vor wenigen Wochen hatte er engen Kontakt mit François Rabelais, einem ehemaligen Mönch und Gelehrten gehalten, der genau wie Michel Medizin studiert hatte. Durch ihn war Michel auf einige interessante Heilmethoden gestoßen, mit denen er allerdings bei der Obrigkeit in Ungnade gefallen war, besonders da er mittlerweile den allseits praktizierten Aderlass ablehnte und neue Behandlungsmethoden gegen den Schwarzen Tod anwendete. Daher hatte er nach seinem Examen mit seiner jungen, unsterblichen Geliebten sein Säcklein gepackt und streifte seither mit der Comtesse Dubois durch das ganze Königreich. Er brachte ihr alles bei, was er über Astrologie, Alchemie und die anderen okkulten und von der katholischen Kirche verbotenen Wissenschaften wusste. Auf dem Gebiet der Medizin lehrte er sie alternative Heilmethoden, die Michelle vielleicht irgendwann einmal ihr wohlgesinnten Sterblichen angedeihen lassen konnte.

Heute hatten sie am frühen Abend Marseille erreicht, und Michelle war sofort losgezogen, um eine alte Rechnung zu begleichen. Ihr hellseherischer Geliebter wusste, was sie plante, obwohl sie es vor ihm zu verbergen versucht hatte. Doch das gelang ihr einfach nicht. Zunächst hatte er versucht es ihr auszureden. Doch Michel konnte sie verstehen und ebenso ihre Beweggründe. Er hatte seiner Gefährtin viel Glück gewünscht und den Namen der Herberge genannt, in der er auf ihre sichere Rückkehr warten würde.

 

Nun wanderte Michelle in einen schwarzen Mantel gehüllt durch die düsteren Gassen der französischen Hafenstadt auf der Suche nach einem vergangenen Teil ihres Lebens. Vor einem Jahr war sie in Marseille an Land gegangen, nachdem sie aus China zurückgekehrt war und zunächst Maximilian und dann Michel de Notredame vor die Füße gelaufen.


Marseille war ungefähr 600 vor Christus durch den Einfluss der Griechen unter dem Namen Massalia entstanden. Eine Legende besagte, die Stadt wäre gegründet worden, weil an diesem Ort die Tochter von König Alkinoos den gestrandeten Odysseus mit nach Hause ins Haus ihres Vaters nahm. Nausikaa und Odysseus erbauten Massalia aus Liebe. Welche Ironie, dass Michelle heute Nacht hier aus Liebe töten würde. Genauer gesagt aufgrund einer mörderischen, falschen Liebe, die sie vor sechs Jahren unsterblich gemacht hatte.


Um Michelles makellosen Hals hing ein kleiner Beutel mit einer Mixtur aus Belladonna, Arsen und dem Gift, der in allen Meeren lebenden Kegelschnecke. In ihrer Hand hielt sie fest umklammert ihr Schwert, das sie vor fünf Jahren in Japan geschmiedet hatte. Zweihundert Mal gefalteter Stahl. Was für eine elende Plackerei war es gewesen, und bis jetzt hatte sie noch kein einziges Duell damit bestritten. Angeblich gab es eine nicht zu überschauende Zahl von Unsterblichen auf der Welt, aber sie kreuzten einfach nicht Michelles Weg. Schade eigentlich. Nakano hatte ihr von der Energieübertragung erzählt, wenn die Kraft des Enthaupteten auf den Sieger überging. Sie fragte sich, wie es sich wohl anfühlte. Es wäre schmerzhaft, hatte er gesagt, besonders bei starken Gegnern, die schon viele Duelle gewonnen hatten. Michelle kam das merkwürdig vor. Sollte die Energieübertragung nicht eine Belohnung für den gewonnenen Kampf sein? Wieso dann also Schmerzen? Nakano hatte ihr keine Antwort darauf gegeben. Entweder hatte er es nicht gewusst oder die unerfahrene Michelle dieser Information für nicht würdig erachtet. Außer Nakano hätte sie noch Darius fragen können. Doch der war in der Nacht vor ihrem Zusammentreffen mit Nakano ohne ein Wort verschwunden. Es war nahezu unmöglich ihn zu finden, denn die Welt war groß. Sowohl die neue als auch die alte Welt. Michelle grübelte oft darüber nach, wohin Darius gegangen sein könnte. Sie vermutete, dass er ein spanisches oder portugiesisches Schiff bestiegen hatte und nun in Amerika die Einheimischen vom christlichen Glauben überzeugen wollte. Das wäre eine plausible Möglichkeit.

Führe mich nicht in Versuchung, oh Herr, sondern möglichst weit weg von der Comtesse, mochte Darius damals seinen Gott auf Knien im Schatten des Berges Niri angefleht haben. Wenn Darius nicht mitten in der Nacht sang- und klanglos verschwunden wäre, hätte sie ihr Weg dann über Peking nach Marseille und in die Arme ihres geliebten Namensvetters geführt? Und wäre sie für die Gesellschaft eines unsterblichen Diener Gottes, der sie nie so berühren durfte, wie Michel es Nacht für Nacht mit ihr tat, bereit gewesen auf die Liebe dieses Sterblichen zu verzichten? Vor einem Jahr hätte sie es ohne zu zögern und aus vollem Herzen bejaht, von der Liebe hatte sie nur verächtlich gesprochen. Damals hatte sie nicht geglaubt oder auch nur zu hoffen gewagt, jemals wieder dieses Gefühl einem Mann entgegenzubringen, egal ob unsterblich oder nicht. Maximilian hatte sie für Geld ermordet, und Darius war trotz der Liebe, die er für sie empfunden hatte, davon gelaufen, um einen Gott zu dienen, der Michelle so brutal zu einer Unsterblichen gemacht hatte. Wenn Michelle damals schon gewusst hätte, dass man nur durch einen gewaltsamen Tod unsterblich wurde, hätte es vermutlich nichts an ihrer Einstellung Gott gegenüber geändert. 156 Jahre später hatte Methos sie über diesen Umstand aufgeklärt. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich ihre Meinung über Gott oder Diejenigen, die die Unsterblichen auf die Welt geschickt hatten, so festgefahren, dass sie nicht mehr davon abzubringen war. Die Kirche bedeutete heiligen Boden und somit Schutz vor anderen Unsterblichen - mehr nicht.

Schutz brauchte sie auch vor der Liebe. Denn sie war ein zweischneidiges Schwert. Sie konnte einem Menschen, unsterblich oder nicht, tödlichere Wunden beibringen als ein japanisches Schwert, das in einer dunklen Höhle so oft gefaltet worden war, dass man vor Schmerzen die Hände nicht mehr zu Fäusten ballen konnte. Doch irgendwie machte man weiter mit dem Schmieden und dem Leben. Die Hände heilten ebenso wie das Herz, das hatte Michelle in den vergangenen sechs Jahren begriffen. Und obwohl Maximilian sie verraten und ermordet und Darius sie verlassen hatte, empfand sie eine unendlich tiefe Liebe für den hellseherischen Arzt aus Saint-Rémy-de-Provence. Wie hatte Paracelsus, dessen Thesen und Methoden Notredame sehr schätzte, so schön gesagt: Liebe war der höchste Grad der Arznei. Wenn es ein Mittel gegen Michelles gebrochenes Herz gab, dann war es schlichtweg die Liebe. Und zwar die Liebe von Michel de Notredame, der der außergewöhnlichste Mensch war, den sie ihrem bisherigen Leben getroffen hatte. Das stand ganz außer Frage. Sie würde das Kapitel um ihren mörderischen Exverlobten zu einem unumstößlichen Ende bringen und dann zu ihrem geliebten Lehrmeister zurückkehren.

Michelle sah sich um, sie war am Ziel. Es war ein zweistöckiges Steinhaus in einer der feineren Gegenden der Hafenstadt. Kein Unrat lag auf den Straßen, in den meisten Häusern brannte wenigstens ein Licht. Arme Leute schliefen um diese Zeit, Kerzen kosteten Geld. Maximilian hatte offensichtlich genug davon, das obere Stockwerk war hell erleuchtet. Sie hob ihre Hand und klopfte. Angst überkam sie plötzlich. War das rechtens? Stand es ihr überhaupt zu ihren Mörder zu richten, nur weil sie nun unsterblich und dazu in der Lage war? War es nicht sogar so, dass sie Maximilian zu Dank verpflichtet war? Sie war in einem perfekten Alter unsterblich geworden und durch seine Anklage, sie wäre eine Hexe, war sie im vergangenen Jahr direkt in die Arme von Michel de Notredame gelaufen. Etwas Besseres hätte ihr damals gar nicht passieren können. Nun gut, sie würde ihm dafür danken, während er seine letzten Atemzüge tat.

Die Tür ging auf, und sie standen sich gegenüber.

Du?!“ keuchte er völlig fassungslos und wurde im selben Moment kreidebleich. Entsetzen und Unglaube standen deutlich in seinem Gesicht geschrieben. Michelle zog ihr Schwert und bedrohte Maximilian damit.
Einen Mucks und du bist tot, Maximilian! Auch wenn du mir nicht glaubst, ich kann mit dem Schwert umgehen. Es ist ein Toledo Salamanca, das ich persönlich angefertigt habe. Der Kaiser von China war mit meinen Diensten als Leibwächterin überaus zufrieden.“ Und ich habe noch andere Dinge gelernt, die sogar den erfahrenen Michel in verzücktes Erstaunen versetzt haben, setzte sie gedanklich hinzu.

Sie drängte Maximilian entschlossen zurück ins Haus. Der Weg war gewählt und musste nun bis zum bitteren Ende beschritten werden.

Die Tür flog ins Schloss, Maximilian wurde mit Hilfe des Schwertes in seinen Salon dirigiert.

Setz dich“, befahl Michelle mit einer eisigen Stimme. Maximilian wunderte sich über die Entschlossenheit der Comtesse. Als er sie vor sechs Jahren kennen gelernt hatte, war sie so naiv und schüchtern gewesen. Er vermutete, dass der Fürst der Hölle sie derart verändert von den Toten zurückgeschickt hatte.
Wieso lebst du noch? Du bist mit dem Teufel im Bunde, habe ich nicht Recht?“ Sie lachte. Der Gedanke erheiterte Michelle, dass Gott und sein Gegenspieler die Unsterblichen zu ihrem Vergnügen lenkten. Wie hätte sie ahnen können, dass sie damals schon dicht an der Wahrheit dran gewesen war?
Ich erkläre es dir gleich. Zuerst trinken wir ein Glas Wein auf unser Wiedersehen. Du freust dich doch mich wiederzusehen, oder?“ Er nickte schnell, während Michelle sich daran machte zwei Becher zu füllen. Sie stand seitlich mit dem Rücken zu Maximilian. Allerdings sah sie aus dem Augenwinkel, dass er Anstalten machte aufzustehen. Sie schnellte herum und hielt ihm die Spitze ihres Schwertes an die Kehle. „Lass das!“ Er ließ sich kapitulierend in den Sessel zurückfallen. Michelle griff von Maximilian ungesehen an ihren Hals und holte das Pulver aus dem Beutel heraus. Die Mischung aus Belladonna, Arsen und dem Gift der Kegelschnecke. In den Becher für Maximilian schüttete sie soviel Gift herein, dass es ihn umbringen würde. Allerdings langsam. Mit den beiden silbernen Bechern in der Hand wandte sie sich um und reichte einen an Maximilian. Sie erhob ihren Becher und sagte: „Auf unsere Wiedervereinigung, mein Lieber.“ Sie trank den Wein in einem Zug aus. „Ah, das tat gut.“ Auch Maximilian hatte seinen Becher auf einmal ausgetrunken. Nun hielt er ihn ihr hin.
Schenkst du noch einmal nach, Michelle?“ Sie nahm den Becher entgegen und stellte ihn auf den Tisch. Dann setzte sie sich im gegenüber ganz langsam in einen Sessel, der auch mit Blick zum Kamin stand, in dem ein gemütliches Feuer brannte und wartete. „Und nun?“ Sie lächelte süffisant über seine Frage. Maximilian erschauderte und spürte so ein merkwürdiges Kribbeln in den Armen und Beinen, als wären sie eingeschlafen.
Nun warten wir.“
Worauf?“
Auf deinen Tod, Maximilian. Du musst wissen, dass du gerade einen kleinen Gifttrank zu dir genommen hast, der dich innerhalb der nächsten zwei bis drei Stunden auf äußerst qualvolle Weise töten wird. Zuerst wird dein ganzer Körper in eine Lähmung verfallen. Dann wirst du halluzinieren, Weinkrämpfe bekommen und sehr redselig werden. Die Lähmung wird allmählich deine Organe befallen, dann dein Kreislaufsystem und zuletzt die Atmung. Das ganze kann auch länger als drei Stunden dauern, ich habe es noch nicht ausprobiert.“ Sie lächelte immer noch. Maximilian sprang entsetzt auf und wollte fortlaufen. Doch Michelle verpasste ihm einen Kinnhaken, so dass er wieder zurück in den Sessel fiel.
Wieso?“ brachte er mit flehender Stimme hervor. Die Vorstellung konnte beginnen.
Das nennt sich ausgleichende Gerechtigkeit, Chérie. Du hast mich getötet. Dafür töte ich dich.“
Aber wieso lebst du noch?“ Er zitterte. Das Gift der Kegelschnecke verteilte sich unaufhaltsam in seinem Blut und somit im ganzen Körper. In Japan, wo sie 1525 an Land gegangen war, hatten ein paar Fischer ihr von dem Tier erzählt. Durch einen bedauerlichen Unfall hatten die Dorfbewohner erfahren, dass das Gift der Kegelschnecke innerhalb von vier Stunden töten konnte. Eine entsprechende Mischung mit Belladonna und Arsen beschleunigte die Wirkung noch. Und sie verstärkte die Qualen. Also genau das Richtige für den Comte Maximilian Porté.
Weil ich eine Unsterbliche bin, Maximilian. Woher wir kommen, wissen wir nicht. Wir leben für ein Ereignis, das sich die Zusammenkunft nennt. Das Einzige, was uns töten kann, ist ein Schwert, das den Kopf von den Schultern trennt. Alles andere überleben wir. Wir bekämpfen uns gegenseitig, der Sieger nimmt die Lebensenergie des Verlierers in sich auf. Allerdings habe ich noch in keinem Duell gekämpft. Ach ja, ich wollte dir auch noch danken, dass du mich vor sechs Jahren getötet hast. Die Unsterblichkeit beginnt erst ab dem Zeitpunkt des ersten Todes, wenn die Belebung zum allerersten Mal einsetzt. Ich danke dir, dass du mich im Alter von 25 in meinem Blut hast verrecken lassen, du elender Bastard! Ich werde bis in alle Ewigkeit eine 25-jährige Comtesse sein. Und du wirst in ein paar Stunden Geschichte sein, mein Lieber.“ Sie lächelte zuckersüß. Maximilian wimmerte ängstlich.
Bitte, es muss doch noch einen anderen Weg geben…“ Er streckte seine Hand nach ihr aus, doch die Hand gehorchte ihm nicht länger. Er versuchte einen Fuß nach vorne zu schieben, doch der blieb an Ort und Stelle, als wäre er festgebunden. „Ich kann mich nicht bewegen“, jammerte er.
Sehr gut, die Lähmung setzt ein. Liebling, du hättest dir überlegen sollen, was du tust. Damals im Wald vor sechs Jahren. War es das wert? War das bisschen Geld, das du meinem Vater gestohlen hast, es wert nur noch so kurze Zeit zu leben? Schau nicht so verwundert. Ich bin über alles informiert, was in Chateau Dubois passiert. Ich habe den Titel und die Ländereien an mich selbst vererbt, an eine entfernte Cousine gleichen Namens, die in Marseille gelebt hat.“
So intelligent warst du doch früher nicht.“
Doch das war ich! Doch du hast meine Intelligenz nie zu schätzen gewusst, Maximilian! Du wolltest mich nur in einem warmem Bett nach Belieben bespringen können und Unmengen Geld zum Verprassen.“ Sie schenkte sich noch einen Becher Wein ein und nippte genüsslich daran. Maximilian leckte sich über die Lippen. „Habe ich vergessen zu erwähnen, dass dein Mund und dein Rachen austrocknen, während du stirbst? Das kommt von der Belladonna.“
Waaa… Was…“, versuchte er zu sprechen. Doch der Rachen schwoll allmählich zu. Michelle stand auf und gab ihm einen Schluck Wein zu trinken. Er wehrte sich.
Da ist kein Gift mehr drin. Du sollst langsam sterben.“ Sie nahm den Becher und trank selbst daraus. „Siehst du? Ich trinke doch kein Gift.“
Du… bist… un….“, stammelte er mit Tränen in den Augen, er konnte sie nicht länger unterdrücken und hasste sich dafür.
Unsterblich? Wolltest du das sagen? Ich bin doch nicht so dumm, dass ich mich selbst vergifte! Da hätte ich mich letztes Jahr auch als Hexe verbrennen lassen können, als du mich denunzieren wolltest. Aber das muss ja nicht sein. Ich kann mir vorstellen, dass ein Unsterblicher dabei den Verstand verliert. Der Gestank und die Schmerzen. Am Ende bist du ein verkohltes Stück Fleisch, das von der Belebung ins Leben zurückgerufen wird. Das wolltest du mir antun, Maximilian. Glaube mir, dann wäre dein Tod sehr viel qualvoller gewesen.“ Er zitterte jetzt heftiger, aus seinen Augen schossen immer mehr Tränen hervor. Micky sah mit dem größten Vergnügen, dass das Gift seine Wirkung tat.
Hexe“, rief er unter größter Anstrengung.
Nein, Chérie, nur dein Todesengel.“ Nun stand sie auf und warf einen Blick auf Maximilians Bibliothek. „Du erlaubst doch, dass ich mich ein wenig umsehe?“ Sie wartete nicht auf eine Antwort.

Die Bücher waren allesamt langweilig. Sie widmete sich seinem Schreibtisch. In den ersten Schubladen war nichts Interessantes. Dann fand sie eine verschlossene Lade. Sie fragte gar nicht erst nach einem Schlüssel, sondern trat die Schublade mit aller Gewalt auf. Zum Vorschein kamen einige Schmuckstücke. Diebesgut. Stutzend hielt Michelle inne. Die Kamee ihrer Großmutter. „Du Bastard! Das war das eines der wenigen Stücke, die mir von Großmutter geblieben sind. Alles andere hatte mein nichtsnutziger Bruder Philippe verspielt!“ Die Kamee zeigte Michelles Mutter Ann-Marie, sie war vier Jahre vor ihrem Tod angefertigt worden.

Traurig realisierte Michelle, dass sie das Antlitz ihrer geliebten Maman schon fast vergessen hatte. Sie kannte ja nur die Kamee und ein Porträt, das in Chateau Dubois hing. Beide Bildnisse ihrer Mutter hatte sie seit sechs Jahren nicht mehr gesehen. Sie steckte die Kamee behutsam in ihre Manteltasche.

Sie stand wieder auf und ging langsam auf Maximilian zu. Er versuchte vor ihr zurückzuweichen. Seine Augen waren geweitet. Vor Angst und durch die Wirkung der Belladonna. Michelle hatte davon gehört, dass europäische Frauen sich den Saft der Tollkirsche in die Augen träufelten. Die Pupillen wurden dadurch erweitert und erhielten einen dunkles, glänzendes Aussehen, wodurch die betreffenden Frauen überaus attraktiv wirkten. Daher kam der Name „Bella Donna“, was im Italienischen „Schöne Frau“ bedeutete. Ihren ehemaligen Verlobten fand sie aber auch unter der Wirkung der Belladonna nicht wirklich attraktiv.

Hast du was zum Essen im Haus? Ich war den ganzen Tag auf dem Pferd unterwegs und habe offen gestanden einen Bärenhunger… Bleib’ ruhig sitzen, ich finde die Küche schon selbst.“ Sie ging raus und entdeckte nach einigen Augenblicken die Küche. Sie nahm sich ein großes Stück Brot, eine Gänsekeule und ein Stück Käse. Das alles legte Michelle auf einen Silberteller und trug es in Maximilians Salon zurück. Sie stellte es auf dem Schreibtisch ab und begann zu essen. Genüsslich schmatzend warf sie einen Blick auf die Uhr.
Tut mir leid, aber für eine Henkersmahlzeit ist es zu spät. Es bringt nichts, wenn ich dir noch etwas gebe, du kannst es ohnehin nicht mehr schlucken. Du würdest daran ersticken. Denn das Gift verhindert, dass du dich übergeben kannst. C’est la vie, mein Lieber.“ Sie aß weiter.

Als sie das letzte Stück Brot heruntergeschluckt hatte, bemerkte sie, dass Maximilians Atem nur noch stoßweise kam. Sie ging zu ihm und fühlte seinen Puls. Er hatte die Augen geschlossen und röchelte.

Nun denn, es ist so weit. Mein Lieber. Gleich ist es vorbei.“ Er schaffte es ein Auge zu öffnen und sah sie hasserfüllt an. Michelle kam ganz dicht an sein Gesicht heran und starrte ihm tief in die geweiteten Augen. „Fahr zur Hölle, Maximilian. Du wirst auf ewig brennen für den Mord an der Comtesse Michelle Dubois.“ Sie schnellte vor und drückte ihm einen Kuss auf die Lippen. Dann ergriff sie ihr Schwert, zog die Kapuze ihres schweren, schwarzen Samtmantels tief ins Gesicht und rannte in die Nacht davon.

 

 

Kanada, der Leuchtturm nahe Vancouver, die Gegenwart.
Tja, und das war das Ende des Comte Maximilian Porté“, endete Micky und strich sich gedankenverloren über die Lippen. „Als ich bei Michel ankam, waren meine Lippen taub von dem bisschen Gift, das ich bei dem Kuss abbekommen hatte.“
Also eines ist klar, Comtesse – im Hinblick auf dein Wissen über Gifttränke und die Wirkung der Belladonna - ist mit dir nicht gut Kirschen essen.“ Sie sah ihn einen Augenblick verblüfft an und lachte dann los.
Der war gut, Richie. Der war wirklich gut. Und was wollte ich dir mit der Geschichte sagen?“ Er zuckte die Achseln und warf einen Stein in den Abgrund.
Ich habe nicht den leisesten Schimmer.“
Du wirst dich wieder verlieben, Richie. Auch wenn du jetzt im Augenblick glaubst, dass du keiner Frau je wieder vertrauen und dir ihr Herz öffnen wirst. Du wirst die Richtige schon noch finden.“
Ich dachte, Jackie wäre die Richtige. Aber offensichtlich hatte sie nur auf meinen Kopf abgezielt.“
Frauen, die lange ein Auge zudrücken, tun es am Ende nur noch, um zu zielen“, erwiderte Micky lächelnd.
Was?“
Das hat einer der wenigen Frauenversteher gesagt. Zumindest im Film war er einer. Es ist ein Zitat von Humphrey Bogart“, erklärte Micky amüsiert.
Manchmal glaube ich, dass ich eindeutig zu spät geboren bin. Du kannst immerhin behaupten, dass du Casablanca bei der Uraufführung gesehen hast.“
Wohl kaum, Richie. 1942 steckte ich mitten im Widerstand gegen das dritte Reich. Im besetzten Paris ist der Film, immerhin ein amerikanischer Propagandafilm gegen die Nazis, nicht gezeigt worden. Ich habe ihn erst ein paar Jahre später gesehen, während des Koreakrieges anlässlich eines Bogart-Filmabends in meinem M.A.S.H.“
Du hattest hoffentlich genug Oreos an dem Abend dabei.“ Sie lachten über seinen Scherz.

 

Am Horizont türmten sich urplötzlich und mit einer fast schon unheimlichen Geschwindigkeit dunkle Gewitterwolken auf. Der Himmel nahm eine rötliche Färbung an, es roch extrem nach Ozon. Das vom Wetterdienst angekündigte und von der Bevölkerung der Gegend heiß ersehnte Gewitter würde gleich losgehen

Ja, hatte ich, Richie. Und hör mal, niemand außer dir weiß davon…“
Du meinst von Bogart und den Oreos?“ Sie gab ihm einen Klaps auf den Hinterkopf.
Nein, Stupido. Von dem Mord an Maximilian. Methos habe ich es nie erzählt. Bei ihm bin ich mir aber nicht ganz sicher, wegen seiner Arbeit bei den Beobachtern. Aber ich glaube, er weiß es auch nicht. Ebenso wenig Connor und Duncan. Ich schätze, es steht in meiner Chronik. Also weiß es Joe, aber der ist zum Schweigen verpflichtet. Darum möchte ich dich auch bitten. Sag es ihnen nicht, es passt nicht zu dem Bild, das sie von mir haben… An dem Tag, als Methos mir sagte, Darius wäre tot und ich sagte, ich will den Kopf des Mörders, meinte er, ich wäre doch nicht rachsüchtig. Verstehst du, es könnte ihr Weltbild erschüttern. Sie müssen ja auch nicht alles von mir wissen.“
Du liebst es verrucht zu sein!“ erkannte Richie lachend.
Ja, das hat schon was. Und jetzt lass uns zurückfahren, es wird gleich Hunde und Katzen regnen.“ Wie aufs Stichwort tat es einen Ohren betäubenden Donnerschlag und Sekunden später blitzte es. Sie gingen schnell zu ihren Autos und fuhren nach Vancouver zurück.

 

 

4. Wahre Freundschaft

 

Kanada, Vancouver, Duncans Dojo, am frühen Vormittag.
Es klingelte an der Hintertür des MacLeodschen Lofts. Über eine Außentreppe an der Rückseite des Gebäudes konnten Besucher die Wohnung betreten, ohne die Mitglieder des Dojos bei ihrem Training im Erdgeschoss zu stören.

Micky stand vom Schreibtisch auf, wo sie einige Angebote für Antiquitäten überprüft hatte. Eine kleine Auszeit in Kanada bedeutete noch lange nicht, dass sie auch die Geschäfte in Frankreich vernachlässigen durfte. Die Galerie war geöffnet, die Kunden erwarteten wie immer außergewöhnliche Objekte, die sie kaufen konnten. Nachdenklich durchquerte Micky den Flur, sie fragte sich, ob die goldene Inkamaske, die zum Verkauf stand, in Paris einen Käufer finden würde. Schon lange spielte sie mit dem Gedanken eine Inka-Ausstellung in ihrer Galerie zu veranstalten. Sie würde wohl zuschlagen, durch geschickte Verhandlungen konnte sie wahrscheinlich sogar noch den Preis drücken.

Duncan MacLeod?“ fragte ein junger, unsicher wirkender Mann, der die Uniform eines Kurierdienstes trug.
Nicht ganz, aber fast. Ich bin seine Frau, Micky MacLeod.“ Der Fahrer grinste, Micky ahnte wieso. „Das ist eine Kurzform von Michelle!“ blaffte sie genervt. „Oder sehe ich wie eine Maus aus?!“
Nein, nein…“, stammelte der Kurierfahrer nervös. Micky vermutete, dass er den Job noch nicht sehr lange machte. „Ich ha... habe eine Lieferung für Mr. Duncan MacLeod. Würden Sie das Paket annehmen?“ Er hielt es Micky entgegen.
Selbstverständlich.“ Sie nahm es, quittierte den Empfang und schlug dem Fahrer die Tür vor der Nase zu. Für die Anspielung auf Micky Maus konnte er ja wohl nicht allen Ernstes ein Trinkgeld erwarten. Sie trug das Paket ungehalten in die Wohnung.

Wer war an der Tür, Comtesse?“ fragte Duncan, der gerade aus der Dusche gekommen war. Er hatte sich ein weißes Handtuch um die Hüften geschlungen und rubbelte sich nun seine langen Haare trocken.
Ein blöder Kurierfahrer, der denkt, ich arbeite für Disney.“ Duncan lugte total verwirrt unter dem Handtuch hervor. „Vergiss es, nicht so wichtig. Das ist für dich gekommen.“ Er warf das Handtuch, mit dem er seine Haare getrocknet hatte zur Seite und beäugte grüblerisch das Paket. Es hatte die Größe eines Schuhkartons und war in Verona, Italien abgestempelt worden. Duncan wusste sofort, wer ihm das geschickt haben musste. Ein Mann, der schon immer einen sehr merkwürdigen Humor gehabt hatte.
Das kann einfach nicht sein“, murmelte er geistesabwesend.
Was ist es denn?“ wollte Micky wissen, während Duncan das Packpapier entfernte.
Ein ganz schlechter Scherz.“
Geht es ein bisschen genauer, Duncan?“ Er öffnete den Karton und entdeckte einen mit Juwelen besetzten Dolch. „Wow. 17. Jahrhundert würde ich so auf Anhieb sagen. Eine sehr schöne Arbeit. Sieht europäisch aus. Aber wer schickt ihn dir und aus welchem Grund?“
Ein Toter Mann…“, antwortete Duncan geheimnisvoll. „Derjenige, dem der Dolch gehörte, der müsste eigentlich tot sein.“
Das könnte man annehmen, Liebling.“
Du verstehst nicht. Er gehörte einem Freund von mir. Einem Unsterblichen. Als ich ihn zuletzt gesehen habe, ging er zu einem Duell und kam nie mehr zurück. Ich nahm an, dass er verloren hatte…“ Duncan ging in Gedanken an den Besitzer des Dolches ins Schlafzimmer.
Denkst du, dass er lebt? Aber warum schickt er dir dann ein Päckchen mit seinem Dolch und kommt nicht persönlich vorbei?“ rief Micky und ging zur Küche rüber. Sie schenkte zwei Tassen Kaffee ein und schob eine an Duncans Platz an der Theke. Duncan, der sich eine schwarze Jogginghose angezogen und seine Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, setzte sich auf einen der Barhocker und langte nach der Kaffeetasse.
Raffael hatte schon immer einen sehr merkwürdigen Humor.“
Raffael? So wie der Künstler, der ‚die Sixtinische Madonna’ gemalt hat?“ Sie grinste.
Ich weiß gar nicht, was du hast. Das war ein gängiger Name damals in Italien.“ Sie grinste immer noch, versteckte es jedoch hinter ihrer Kaffeetasse.
Und was genau hat dieser Raffael gemacht? War er auch Künstler?“ Micky bezweifelte es stark.
Man könnte sagen, er war ein Playboy und ein Spieler.“
Also die richtige Gesellschaft für dich, oder?“
Du findest doch immer was zum Meckern!“
Weißt du, Highlander, nach ein paar hundert Jahren dürftest du ein klitzekleines bisschen Kritik durchaus vertragen.“
Du bist nicht kritisch, Comtesse. Du hast nur eine extrem spitze Zunge, giftig wie von einer Königskobra.“
Heiße ich Isis?“
Glücklicherweise nicht.“

Klopf, klopf“, ertönte es von der anderen Seite des großen Raumes. Sie zuckten zusammen, Micky sah zuerst, welcher Unsterbliche sich näherte.
Komm rein, Methos. Du hast wohl dein Stichwort gehört? Wir sprachen gerade von Isis“, neckte Micky ihn. Methos stöhnte.
Dann geh ich besser wieder.“
Willst du mit uns frühstücken?“ fragte Duncan und holte Geschirr für vier Personen aus dem Schrank. Richie würde bestimmt auch gleich aufstehen. Micky las derweil einen Artikel über Christopher Sikes. Noch immer war es ihr unbegreiflich, wie Sikes sich aus dem Vorfall in seinem Büro herausgeredet hatte. In der Zeitung hatte am nächsten Tag gestanden, dass in der Nacht vom 19. Juli eine Gruppe Schläger in die Räume von Sikes Enterprises Inc. eingedrungen waren. Sie waren laut Sikes von einer Konkurrenzfirma engagiert worden, um ihn vom Aufkauf ihrer Auftraggeber abzubringen. Aus dem Artikel ging natürlich nicht schlüssig hervor, wie Sikes sich aus den vier auf ihn abgefeuerten Kugeln herausgeredet hatte. Am Rande wurde erwähnt, dass Sikes aufgrund seiner aggressiven Geschäftspolitik schon seit Jahren nicht mehr ohne kugelsichere Weste aus dem Haus ging. Die Polizei hatte keinen Grund an den Worten des ehrbaren Mr. Sikes zu zweifeln.

Heute Abend gab er in seinem Haus ein Wohltätigkeitsbankett, an dem Micky teilzunehmen gedachte. Der Haken an der Sache war, dass die anderen noch nichts von ihren Plänen wusste. Sie konnten sagen, was sie wollten, Micky würde heute Abend dort hin gehen. Dank Sikes hatte sie acht Monate im Koma verbracht und war innerhalb von einer Woche zweimal durch Duncans Hand gestorben, bevor sie sich an ihr Leben erinnern konnte. Dafür würde sie Sikes den Arsch aufreißen. Zunächst würde sie heute Abend das Haar in seiner Suppe sein.

Methos schlurfte müde in die Küche herüber.

Hast du schlecht geschlafen?“
Frag das mal deinen verdammten Cousin! Leute, wenn wir mal wieder für längere Zeit hier bleiben, sollen sich Connor und Isabelle ihr eigenes Liebesnest suchen.“ Besagtes Liebespaar war in Methos’ Wohnung aus Beobachterzeiten untergekommen, die er nie verkauft hatte. Er setzte sich und nahm von Duncan eine Tasse entgegen. Er trank den Kaffee in kleinen, schnellen Schlucken.
Oh, armer Methos“, frotzelte Micky breit grinsend. „Bist du eifersüchtig oder vermisst du deine kleine Freundin, die liebreizende Ärztin?“ Duncan schob lachend mehrere Scheiben Brot in den Toaster.
Haha. Sehr witzig. Die zwei haben letzte Nacht mehr Krach gemacht als alle Gäste auf einer Orgie von Marc Anton. Und die gingen damals ganz schön ab. Das könnt ihr mir glauben. Ich war auf etlichen dabei… Ihr braucht gar nicht so zu lachen. Richie hat mir erzählt, dass ihr das Kamasutra neu schreibt, seit die Comtesse ihr Gedächtnis zurück hat.“ Duncan verschüttete einen Schluck Milch, mit dem er seinen Kaffee verdünnte, und Micky blätterte hektisch durch die Zeitung.
Und jetzt willst du bei uns unterschlüpfen? Wo wir doch auch so laut sind, wie der Junior sagt?“ fragte Micky beiläufig, während sie die Teller auf der breiten Theke aus Kiefer verteilte. Duncan holte einstweilen mehrere Eier aus dem Kühlschrank.
Nein, lasst gut sein. Ich fliege heute Abend nach Paris zurück. Und was habt ihr zwei Hübschen heute vor?“ Duncan schlug ein Ei in eine große Schüssel und nahm das nächste in die Hand.
Ich für meinen Teil gehe heute Abend auf das Wohltätigkeitsbankett von Christopher Sikes.“ Das Ei, das Duncan in der Hand hielt, fiel platschend auf den Boden.

Er schnellte herum und schrie los: „Hast du total den Verstand verloren, Micky?! Bei unserem letzten Zusammentreffen mit diesem Irren sind wir nur durch Glück mit dem Leben davon gekommen!!“ Er bückte sich fluchend und wischte mit Küchenpapier das zermatschte Ei auf.
Glück?“ fragte Methos beleidigt über die offensichtliche Missachtung seiner und der anderen Hilfe. Er ging zum Kühlschrank und holte sich ein Glas Orangensaft, mit dem er sich wieder an seinen Platz setzte.
Na gut, Glück und die Hilfe unserer Freunde“, ergänzte Duncan und schlug die verbliebenen Eier mit einem Schneebesen schaumig.
Danke sehr“, erwiderte Methos. Die Eier kamen in die Pfanne, es begann lecker zu duften. Die Tür, die zur Wendeltreppe und zum Erdgeschoss führte, ging auf, und Richie kam mit der Post in der Hand herein.
Wie willst du überhaupt bei Sikes reinkommen?... Morgen, Richie“, grüßte er, noch immer sauer auf seine Frau, den Mitbewohner und verteilte das Frühstück gleichmäßig auf den Tellern. Richie setzte sich an seinen Platz neben Methos und gab Micky die Post. Sie ging die Umschläge flüchtig durch, beim letzten hielt sie kurz inne. Die übrige Post legte sie unbeachtet zur Seite, griff zu einem Messer und öffnete den Umschlag. Zum Vorschein kamen zwei Eintrittskarten. Sie drehte sich um und hielt sie Duncan unter die Nase.
Na hiermit.“ Duncan ging ganz dicht an die Karten heran und las. Dann blickte er seine Frau mit tiefstem Unglauben im Gesicht an.
Er schickt dir Karten für das Bankett?! Er ist verrückt! Du bist verrückt! Ja, bin ich denn im Irrenhaus?! Lass dir eins gesagt sein, Hochwohlgeboren, wenn du heute Abend da hin gehst, fliege ich mit Methos nach Paris zurück!“ Er knallte die Pfanne auf den Herd und stürmte stinksauer in Richtung Schlafzimmer davon.
Mac ist wohl mit dem falschen Fuß aufgestanden.“
Und wenn er Recht hat, Richie? Wir wissen doch, dass Sikes ein teuflisches Spiel mit uns treibt. Die Beobachter sind seinetwegen in heller Aufregung. Er ist gefährlich. Micky, wenn du wirklich da hin willst, überlege dir genau, wie du wieder raus kommst“, gab Methos mit einem besorgten Gesichtsausdruck zu bedenken.

Micky atmete laut durch die Nase ein und aus. Ein deutliches Zeichen, dass sie sauer war. Sie legte scheppernd ihr Besteck zur Seite und rannte Duncan hinter her. Sie hörte im Schlafzimmer das Telefon klingeln. Das hinderte Micky aber nicht daran hineinzustürmen wie ein Tornado durch Kansas. Methos und Richie sahen ihr für einen Augenblick nach und machten sich dann hungrig über das Frühstück her.

Richie, wenn ich dir mal einen guten Rat geben darf: Heirate niemals. Wenn du mit dem Gedanken spielst, geh’ lieber kalt duschen und anschließend ins Kino.“
Wenn Jokser dir diesen Rat gegeben hätte, als du damals hinter Isis her gewesen bist, hättest du auf ihn gehört?“ Methos’ Mund öffnete sich, er überlegte kurz und schob sich eine Gabel voll Ei hinein.
Er hat es gesagt. Ich habe nur nicht auf ihn gehört. Allerdings hat Jokser vorgeschlagen zu den leichten Mädchen zu gehen und anschließend in die Taverne. Kino gab es ja damals noch nicht.“

Im nächsten Moment flog die Schlafzimmertür auf. Duncan stürmte vollständig angezogen heraus, mit seiner Sporttasche und seinem Katana in der Hand. Micky war ihm dicht auf den Fersen.

Ich darf nicht zu Sikes, aber du gehst zu einem Duell mit diesem Raffael?! Was ist das den für ein Haufen Pferdemist?!“ Methos und Richie lauschten interessiert dem Ehekrach der MacLeods.
Ja, ich gehe zu dem Duell. Vielleicht finde ich eine Möglichkeit mit ihm zu reden. Früher war Raffael immer sehr vernünftig.“ Micky schnaubte verächtlich.
Vernünftig? Das Telefonat klang aber ganz anders.“ Sie packte Duncan am Arm und hielt ihn fest. „Wenn du zu dem Duell gehst, gehe ich zu dem Bankett!“ Sie sah ihm tief in die dunklen Augen. Duncans Nasenflügel blähten sich auf, seine Halsschlagader pulsierte heftig. Mickys Fingernägel gruben sich tief in seinen Unterarm.
Dann fliege ich nach Frankreich!“
Fein!“ schrie Micky und zog ihre Hand weg, als ob sie sich verbrannt hätte.
Fein!“ schrie Duncan zurück und rannte aus der Wohnung. Die Eingangstür flog mit einem donnernden Knall zu.
Du riesengroßer, schottischer, elender, sturer…“, schrie sie ihm hinterher und wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. Schniefend ging sie in die Küche zurück.
Dickschädel?“ schlug Methos vor.
Halt die Klappe!“ zischte Micky und setzte sich an ihren Platz. Lustlos stocherte sie in ihren Eiern herum, Tränen liefen ihr über die Wangen. Ihr Appetit war schlagartig verflogen.
Methos reichte ihr ein Taschentuch und meinte: „Siehst du, Richie. Deswegen heirate um Himmels Willen nie.“

Ach halt doch die…“, schniefte Micky.
Die Klappe. Das sagtest du schon. Du kennst mich gut genug, um zu wissen, dass ich es nicht tun werde.“
Dann sag, was dir auf der Zunge liegt, bevor du daran erstickst.“ Methos grinste und trank zur Stärkung einen Schluck Kaffee.
Zunächst einmal wird Duncan sich schon wieder beruhigen. Ich rede nachher mit ihm, wenn er zurückkommt. Zweitens, wenn du wirklich diesen Irrsinn durchziehen und zu Sikes gehen willst, dann kannst du nicht alleine gehen.“ Das sah Micky durchaus ein.
Ich nehme Richie mit. Er wird mir Rückendeckung geben.“ Richies Kopf sauste nach oben und schwang zwischen Micky und Methos hin und her.
Ich, wieso ich? Ich habe doch viel weniger Kampferfahrung als ihr anderen.“ Richie fühlte sich schlichtweg überfordert.
Deswegen wird Sikes dir ja auch keine Beachtung schenken. Aber mich wird er den ganzen Abend nicht aus den Augen lassen. Das Bankett findet in seiner Villa außerhalb von Vancouver statt. Du wirst dich in sein Arbeitszimmer schleichen und seinen Schreibtisch und den Computer durchsuchen. Wir brauchen die Namen der Splittergruppenbeobachter. Wenn sich eine Gelegenheit bietet, werde ich ihn zum Duell fordern.“
Ähm, Micky…“, begann Methos.
Methos…“, fiel sie ihm ins Wort.
Ich weiß schon, Klappe halten. Diesmal nicht. Sikes ist zu gut für dich. Ich jage ihn schon viel länger als du. Lass mich Sikes erledigen.“ Sie lächelte gerührt über Methos’ Fürsorge.
Wolltest du nicht nach Frankreich zu deiner liebreizenden Ärztin?!“ fragte sie leicht spöttisch.
Für meine Freunde verschiebe ich den Hausbesuch ein paar Tage.“
Danke, ich nehme dein Angebot an… Unter einer Bedingung.“ Methos seufzte, es war ja auch zu einfach gewesen.
Wir stellen Sikes gemeinsam und lassen das Schicksal entscheiden, wer den ersten Schlag macht.“
Das Schicksal oder Diejenigen“, schlug Methos vor.
Diejenigen sollen nur kommen. Ich habe ohnehin noch ein Hühnchen mit ihnen zu rupfen.“ Draußen tat es einen lauten Donnerschlag, worauf die drei Unsterblichen erschrocken zusammenzuckten. Ein Blick aus dem Fenster zeigte strahlend blauen Himmel, also kein heranziehendes Gewitter.
Du solltest dir überlegen, was du über die Geschäftsleitung sagst“, bat Methos. Micky zuckte gelangweilt die Achseln.
Ein Flugzeug wahrscheinlich.“
Bist du dir da so sicher?“ Richie erschauerte über Methos’ Einwand. Er wusste nicht viel über diese geheimnisvollen Mächte, doch was er wusste genügte ihm, um sich nicht mit ihnen anzulegen.
Lass diese Gruselgeschichten von den übermächtigen Göttern, die uns lenken. Sie langweilen mich.“ Methos lachte kopfschüttelnd.
Hast du überhaupt vor irgendetwas oder irgendjemandem Respekt?!“
Ja, Methos vor meinen Freunden. Und jetzt sollten wir trainieren. Wir wollen Sikes doch eine nette Show bieten.“ Sie schlug mit beiden Händen auf die Theke und stand auf. Methos und Richie schlenderten langsam hinter ihr her.

 

 

Kanada, Vancouver, Stanley Park, am Mittag.
Duncan stellte das Cabrio vor dem Eingang des Stanley Parks ab. Der Park war Mitte des 19. Jahrhunderts vom Militär angelegt worden als Sperrgebiet, auf dem der Hafen überwacht wurde. Heute diente er der Entspannung und dem Vergnügen der Einheimischen. Es gab ausgedehnte Radwege, man konnte Reiten, faul in der Sonne liegen oder das Vancouver Aquarium besuchen, das eine beliebte Touristenattraktion war.

Raffael Benadotti hatte Duncan genau dorthin bestellt, ins Aquarium. Es beherbergte nahezu 8.000 Tiere, darunter sogar Delphine und Belugawale.

Der Park war gut besucht, was bei dem bombastischen Wetter kein Wunder war. Das Aquarium war heute geschlossen, was vermutlich der Grund dafür war, dass Raffael es als Ort für das Duell ausgewählt hatte.

MacLeod, um zwölf Uhr im Vancouver Aquarium im Stanley Park“, hörte er Raffaels Stimme in seinem Kopf.

 

Er hatte das Aquarium erreicht und rüttelte an der Tür des Haupteingangs. Verschlossen. Das wäre ja auch zu einfach gewesen. Sein Weg führte Duncan um das Gebäude herum. Die Tür des Nebeneingangs war offen, er ging hinein und spürte sofort die Anwesenheit eines Unsterblichen.

Raffael, komm heraus! Lass die Spielchen!“ rief er in die Dunkelheit. Licht ging an, er drehte sich einmal um sich selbst auf der Suche nach seinem alten Freund.
Früher hast du Spielchen immer gemocht, MacLeod. Auch mit den Frauen“, rief Raffael ihm entgegen und trat aus dem Schatten heraus. Er war annähernd zwei Meter groß, hatte hellbraune Haare und einen Vollbart.
Ich bin jetzt verheiratet, Raffael. Spiele dieser Art, spiele ich schon lange nicht mehr.“ Raffael kam mit gezogenem Schwert auf Duncan zu.
Die Spiele waren schon vorbei, als du mich in Verona im Stich gelassen hast. Die Miliz hat mich gefangen genommen und zum Tode verurteilt. Ich hatte dem Fürsten im Duell den Kopf abgeschlagen, sie griffen mich direkt nach der Energieübertragung auf. Wie hätte ich mich da raus reden sollen?“
Ein Todesurteil hättest du doch überlebt. Hast du ja auch ganz offensichtlich.“
Ich wäre geköpft worden, MacLeod. Aber seine Tochter hat für mich um Gnade gefleht. Sie war mächtig in mich verliebt. So haben sie das Urteil in lebenslange Zwangsarbeit umgewandelt.“ Er näherte sich mit dem Schwert, das er fest umklammert hielt und schlug zu. Duncan wehrte den ersten Schlag geschickt ab und griff nun seinerseits an. „42 Jahre Zwangsarbeit bei Wasser und Brot, Highlander! Bis mir endlich die Flucht gelang! 42 verdammte, elende Jahre, in denen ich gelernt habe dich zu hassen!“ Er führte einen tiefen Schlag aus, Duncan zog den Bauch ein und sprang zurück.
Raffael, komm schon. Das muss doch nicht sein. Wir waren doch Freunde!“ Der Italiener verpasste Duncan einen Schnitt am Bauch, er zuckte zurück. Blut sickerte durch das weiße Hemd.
Einen Freund lässt man nicht im Stich, MacLeod!“ schrie Raffael blind vor Zorn.
Ich dachte, du wärst tot!“
Tot wirst du gleich sein!“ Er führte eine schnelle Folge Schläge aus und drängte Duncan in Richtung eines Beckens. Es war nur mit Wasser, aber nicht mit Fischen, gefüllt. „Und dann werde ich deine Frau besuchen, deine Adresse kenne ich ja.“ Duncan dachte an Micky und verzog das Gesicht. Es war nicht gut, dass sie im Streit auseinander gegangen waren.

Raffaels nächster Schlag verfehlte Duncan. Sein Schwert blieb in einem Rohr stecken, aus dem Wasser herausschoss. Duncan erkannte seine Chance, holte aus und schlug Raffael den Kopf ab. Er atmete erleichtert auf.

Sofort krochen die Blitze über den nassen, klitschigen Boden dahin. Sie durchströmten Duncan und schüttelten ihn brutal durch. Er schrie gequält auf.

 

Wieder ein gewonnener Kampf, aber zu welch schrecklichem Preis. Eine Freundschaft so zu beenden, war schlimm und sehr schmerzhaft, denn Raffaels Lebensenergie war enorm stark. Die Blitze trafen auf das Becken und ließen es zerplatzen. Unmengen Salzwasser schossen heraus und auf Duncan zu. Das Wasser spülte ihn von wackeligen Füßen, er fiel der Länge nach hin. Die Schnittwunde, die Raffael ihm verpasst hatte, brannte wie das Feuer in Dantes Inferno, brannte wie Duncans Herz, das den Verlust des alten Freundes ein zweites Mal verkraften musste. Er versuchte wieder aufzustehen. Ein letzter Blitz durchzuckte ihn, dann war die Energieübertragung vorbei.

Mühsam und mit vor Schmerz verzogenem Gesicht kam er langsam wieder hoch, griff nach seinem Schwert und der Sporttasche. Er verstaute sein Katana und verließ den Schauplatz des Duells. Bevor er in die Sonne des kanadischen Sommers trat, zog er noch ein sauberes und vor allem nicht zerrissenes Shirt aus seiner Tasche heraus und tauschte es gegen das blutige Hemd aus. Dann ging er traurig zu seinem Auto zurück. Er war völlig durchnässt vom Salzwasser. Das neue Shirt weichte sofort wieder aufgeweicht und klebte eng am Körper.

 

Eine ältere Dame mit einem Pudel starrte ihn entgeistert an, wie er so triefendnass den Hauptweg zu seinem Auto entlang ging.

Das Wasser im See ist herrlich für eine kleine Abkühlung“, bemerkte er trocken. Die Frau schüttelte missbilligend den Kopf und zog ihren Hund von dem komischen Mann weg. Duncan ignorierte es und setzte seinen Weg fort.

 

Am Ausgang des Parks stand sein Cabrio. Er ging zu Fahrerseite und entdeckte ein Ticket. Der Tag wurde immer besser. Fluchend und genervt über die örtliche Polizei zerknüllte er den Strafzettel und warf seine Tasche auf den Beifahrersitz. Er stieg ein, drehte den Schlüssel und hielt inne. Wo sollte er jetzt hin?

Nach Hause und weiter mit seiner Frau streiten? Danach stand ihm jetzt wirklich nicht der Kopf. Er fuhr los, er wusste jetzt, wo er hin wollte.

 

Kanada, Vancouver, Joe’s Bar.
Wenig später hielt Duncan vor Joe’s Bar an. Sie war natürlich geschlossen, es war ja auch noch früh. Duncan parkte sein Auto trotzdem. Er griff nach seiner Tasche, stieg aus und ging zum Hintereingang.

Joe, bist du da?“ Duncan nahm den Eingang, der tagsüber für Lieferanten und Joes Angestellte offen stand.
Ich bin hier, Mac.“ Joe tauchte aus seinem Büro auf. „Bisschen früh für einen Drink, oder Mac?“ Er ging hinter die Theke und grinste Duncan an.
Joe, ich hatte bis jetzt einen Tag, den möchte ich am liebsten vergessen. Erst ein Riesenkrach mit meiner Frau, eben musste ich meinem Freund Raffael Benadotti den Kopf abschlagen im Vancouver Aquarium und obendrein habe ich ein Ticket wegen Parken im Halteverbot bekommen.“
Autsch. Dann hast du dir dein Bier redlich verdient. Hier, nimm.“
Ich kann’s sogar noch toppen. Micky will heute Abend zu Sikes gehen. Sie hat eine Einladung zu seinem Wohltätigkeitsbankett bekommen. Und sie will da hin gehen.“ Er trank einen Schluck Bier und schüttelte den Kopf über den Starrsinn seiner Frau.
Sie sieht eine Chance und nutzt sie, Mac.“ Duncan stellte so heftig das Bier auf den Tresen, so dass der Schaum in einer Fontäne herausschoss, wie die Lava 79 nach Christus aus dem Vesuv.
Ich dachte, du bist mein Freund, Joe?! Letzten Winter hätte ich Micky wegen Sikes fast verloren. Das hätte ich nicht verkraftet. Dafür liebe ich dieses starrsinnige, verwöhnte, blaublütige Biest zu sehr“, sagte er und zuckte zusammen. Er brauchte sich nicht umzudrehen, um zu sehen, wer gekommen war. Er roch ihr Parfum, das er ihr letzte Woche gekauft hatte.
Ich liebe dich auch, Duncan. Aber ich muss das tun.“ Duncan drehte sich um und rollte genervt mit den Augen.
Schließlich fragte er: „Woher wusstest du…“ Micky kam langsam näher.

Duncan, ich kenne dich seit 11 Jahren. Wir haben uns gestritten, folglich wolltest du nach dem Duell nicht nach Hause. Wo gehst du also hin? Zu Joe. Ganz klar.“ Er versuchte sein Lächeln zu unterdrücken. Als es ihm nicht gelang, streckte er seine Hand nach Micky aus. Sie ergriff sie und ließ sich zu ihm ziehen. Duncan legte die Arme um ihre Taille und drückte sie fest an sich.
Lass es bleiben, Micky. Bitte, es ist zu gefährlich. Ich will dich nicht verlieren.“ Er drückte sie so fest an sich, dass es fast schon wehtat, doch sie ließ ihn gewähren.
Das kann ich nicht, Duncan. Wir können nicht ewig vor Sikes davon laufen. Es muss ein Ende haben. Oder sollen wir uns etwa in einem Kloster verstecken?“ Lachend ließ Duncan sie los.

Ich würde einen schlechten Mönch abgeben, Comtesse. Ich kann doch keine fünf Minuten die Finger von deinem heißen Körper lassen.“ Jetzt lachte auch Joe.
Ihr könnt froh sein, dass Unsterbliche keine Kinder bekommen können, sonst hätte ihr unlängst einen ganzen Stall davon.“
Apropos Kinder, wann kommt endlich das Baby?“ fragte Micky. Joe hatte gerade ein paar Gläser poliert, jetzt stellte er jenes, das er gerade bearbeitet hatte ab und legte demonstrativ seinen Pieper auf die Theke.
Sie ist seit einer Woche überfällig. Ich sitze auf ultraheißen Kohlen.“
Dann wird es bestimmt ein Junge“, meinte Micky, trat hinter die Theke und machte sich einen Cappuccino.
Woher weißt du das? Wir haben keiner Menschenseele was davon gesagt!“ Ein wissendes Lächeln huschte über Mickys Gesicht.
Jahrhunderte der Erfahrung, Joe. Meine beiden Patenkinder Charles und Cesar de Notredame kamen auch zu spät. Und Michel war damals genauso nervös wie du. Hat aus Versehen in die Schönheitscreme der Gräfin Conti Knoblauch gemischt. Kein Kavalier wollte mit ihr tanzen. Das war ein Theater…“, sie lachte über die Geschichte und nippte an ihrem Cappuccino. Die beiden Nostradamus-Sprößlinge schienen das Stichwort gewesen zu sein. Der Pieper meldete sich lautstark zu Wort. Joe ließ das Bierglas fallen, das er so schön auf Hochglanz poliert hatte und stürzte auf den Pieper zu. Micky zückte gelassen ihr Handy, klappte es auf und hielt es Joe hin. Joes Hand schoss vor und packte es. Rasch und mit wild pochendem Herzen wählte er die Nummer.

Hallo? Hier ist Joe Dawson. Ich wurde angepiept. Ja, in Ordnung. Ich bin schon unterwegs.“ Er legte auf und gab Micky ihr Handy zurück. „Ich werde Vater. Oh Mann, ich werde Vater.“ Micky und Duncan strahlten glücklich. Der Streit war vergessen, zumindest im Moment. Sie begleiteten Joe ins Krankenhaus, um ihm in seiner schönsten Stunde beizustehen.

 

 

5. Die Wohltätigkeit des Christopher Sikes

 

Kanada, Vancouver, Joe’s Bar, am frühen Abend.
Und wie fühlt man sich als frischgebackener Vater?“ fragte Richie breit grinsend und ging zur Theke, um sich einen Cappuccino zu machen. Joe strahlte über das ganze Gesicht. Emily und seinem kleinen Sohn David ging es gut. Sie würden heute Abend noch entlassen werden. Joe bereitete derweil alles für einen weiteren Abend in der Bar vor. Heute gab es für jeden Gast ein Gratisgetränk. Alle sollten an seinem Glück teilhaben.
Ich kann’s immer noch nicht glauben, es ist… einfach… wow. Ich meine, bis heute gab es nur Emily und mich. Und jetzt ist da noch der Kleine…“

Richie kam mit seinem Cappuccino an den Tisch, wo auch Micky und Methos saßen. Er hob die Tasse an die Lippen und trank.

Halt!“ rief Joe. Doch zu spät, Richie schluckte den Cappuccino herunter und verzog angewidert das Gesicht.
Teufel noch mal! Willst du deine Gäste umbringen?! Was ist das für ein Zeug?!“ Er stürzte an die Bar, goss die Tasse aus und trank einen Schluck Wasser.
Cappuccino versetzt mit Reinigungsmittel. Entschuldige, Richie. Ich habe die Maschine gereinigt, aber ich war noch nicht ganz fertig.“ Methos und Micky bissen sich auf die Lippen, konnten sich das Lachen aber nicht verkneifen.
Haha, wie witzig. Bäh, igitt. Wie ekelhaft“, beschwerte Richie sich. Er legte eine Hand an den Zapfhahn und stellte ein Bierglas darunter. „Kann ich mir risikolos ein Bier zapfen oder explodiert es dann in meinem Gesicht?!“ Joe machte ein bedauerndes Gesicht und kratzte sich am Bart.
Tut mir echt leid, Richie. Wirklich. Der Zapfhahn ist in Ordnung.“ Micky und Methos konnten nicht mehr, sie lachten lauthals los.
Joe, mach’ lieber mal die Maschine fertig, bald kommen die ersten Gäste. So kannst du bestimmt keinen Kaffee verkaufen“, empfahl Micky.
Apropos verkaufen, wo ist Mac? Habt ihr den verkauft?“ fragte Joe und humpelte auf seinen Stock gestützt zur Theke, um die Reinigung der Kaffeemaschine zu beenden.
Nein, er weigert sich mitzukommen. Wenn ich diesen Irrsinn, wie er sagte, durchziehen will, muss ich es ohne ihn machen. Wenigstens sind Methos und Richie dabei.“
Micky, um noch mal auf den Kampf zurückzukommen…“, fing Methos schon wieder an, sie seufzte.
Joe, kannst du diesem 5.000 Jahre alten Babysitter sagen, dass ich ganz gut auf mich alleine aufpassen kann?“
Nein. Könnte ich, werde ich aber nicht, Micky. Weißt du eigentlich, was passieren kann, wenn ein zu schwacher Gegner einen richtig fiesen Unsterblichen kaltmacht?!“ Richie schluckte hart wegen Joes Frage. Duncan hatte ihm vor Jahren, bevor er unsterblich geworden war und Tessa und Darius noch gelebt hatten, erzählt, was dann passieren konnte.
Was denn? Werde ich dann böse? Soll ich Sikes deswegen Methos überlassen? Dann wird er am Ende wieder ein Reiter der Apokalypse! Na, ich danke schön!“
Du hältst das hier für einen Riesenspaß, oder?! Das ist es aber nicht. Es ist tödlicher Ernst!“ zischte Methos energisch.
Übertreib’ doch nicht so, Methos.“
Ich übertreibe nicht, Micky! Ich sag’ dir jetzt mal, was dein über alles geliebter Darius für ein Mensch war, lange bevor du geboren wurdest. Vor 1.500 Jahren war er einer der größten Generäle, die die Welt je gesehen hatte. Er hatte die Möglichkeit für ein ganzes Jahrtausend über Europa zu herrschen und wollte es auch tun. Es heißt, dann hätte er den damals ältesten Unsterblichen im Kampf besiegt und seine Lebensenergie aufgenommen. Dieser Unsterbliche war ein Heiliger, ein so überaus guter Mensch, dass Darius dem Krieg und dem Töten entsagte und ein Diener Gottes wurde. Was denkst du, was passiert, wenn ein schwacher Unsterblicher, ein guter Mensch, einen richtigen fiesen, abgrundtief bösen und überaus mächtigen Unsterblichen besiegt? Er wird böse, durch und durch. Wenn du Sikes besiegst, dann wirst du deine Seele verlieren, um es mal poetisch zu formulieren. Du wirst in die tiefsten Abgründe menschlicher Bosheit abstürzen, und es wird dir gefallen. Ich kann mich noch gut an meine Zeit als Reiter der Apokalypse erinnern. Ich tat es damals freiwillig und vor ein paar tausend Jahren hat es mir sogar Spaß gemacht. Heute bereue ich das zutiefst, aber ich muss mit meinen Taten und den Konsequenzen leben. Stell dir vor, du tötest im Wahn Richie, und dann kommst du irgendwann wieder zu dir. Wie willst du mit der Gewissheit weiterleben, dass du ihn getötet hast?... Sag mir das, Hochwohlgeboren.“ Micky öffnete den Mund, um einen bissigen Kommentar loszuwerden. Er blieb ihr im Halse stecken. Das hatte ihr nie jemand erzählt, selbst Darius nicht. Und sie hatte geglaubt alles von ihm zu wissen.
Ich… ich würde doch nie einem von euch… und schon gar nicht Richie“, verteidigte Micky sich stockend.
Oh doch, das würdest du, und du würdest es genießen. Und wenn du dann irgendwann einmal einen mächtigen guten Unsterblichen tötest und wieder normal wirst, wird dich die Schuld in den Wahnsinn treiben“, setzte Methos noch eins drauf.
Und wie willst du damit zurecht kommen?“ wurde Methos nun von Joe gefragt.
Du kennst doch meine Beobachterakte. Ich war schon so tief in den Abgründen der Hölle, böser kann ich gar nicht mehr werden. Deswegen bin ich der Einzige von uns, der Sikes ausschalten kann ohne böse zu werden. Und damit ist die Diskussion beendet. Wir treffen uns um acht am Dojo und fahren dann gemeinsam zu Sikes’ Villa.“ Damit stand Methos auf und verließ die Bar. Micky, Richie und Joe sahen ihm noch einen Moment schweigend nach.

 

 

Kanada, die Villa von Christopher Sikes außerhalb von Vancouver, gegen 21 Uhr.
Die imposante, weiße, dreistöckige Villa war im 19. Jahrhundert erbaut worden. Sie lag inmitten eines weitläufigen Geländes. Auf der Rückseite gab es einen großen Swimmingpool.

Micky, Richie und Methos stiegen aus dem Taxi aus und sahen sich beeindruckt um. Die Villa war hell erleuchtet, in der Auffahrt standen zahlreiche Luxuswagen. Von drinnen hörte man Unterhaltungen und eine Band, die ein langsames Lied spielte.

Alle drei hatten ihre Schwerter mitgebracht. Unter langen Mänteln, die sie lässig über den Arm gelegt hatten, versteckten sie die Waffen. Einfach um sicherzugehen. Wer konnte schon sagen, wie viele von Sikes’ unsterblichen Handlangern auf der Party herumliefen? Richie und Methos trugen beide einen Smoking. Micky hatte sich für ein dunkelrotes Abendkleid entschieden, um ihre Schultern hatte sie eine farblich passende Seidenstola gelegt. Ihre Narbe am Hals verdeckte ein Samtband mit einem kleinen Anhänger.

Richie ging vorweg, damit niemand mitbekam, dass sie zusammengehörten. Er klingelte, hinter ihm erschienen nun Micky und Methos auf der breiten Steintreppe.

Ein Butler in kompletter Livree öffnete ihnen die Tür und hieß sie steif willkommen. Richie zeigte seine Eintrittskarte und fragte sofort nach dem Weg zur Toilette. Der Plan sah vor, dass er sich von den anderen trennte und nach dem Arbeitszimmer suchte. Methos und Micky diskutierten derweil mit dem Butler, warum sie eine Eintrittskarte zu wenig dabei hatten. Auf Mickys Drängen holte der Butler Christopher Sikes an die Eingangstür.

Er trug einen schwarzen Smoking, das blonde Haar hatte er mit einem roten Samtband zusammengebunden. Methos erkannte es sofort, es hatte Annie Chapman gehört. Die junge Prostituierte, die Sikes in seiner Identität als Jack the Ripper 1888 getötet hatte. Jenes Mädchen, das Methos’ Freundin gewesen war.

Mrs. MacLeod, wie schön, dass Sie es einrichten konnten. Gibt es ein Problem?“
Ja, in der Tat, Mr. Sikes. Ich habe dummerweise die zweite Karte verloren. Aber mein lieber Freund Adam Pierson wollte unbedingt mitkommen.“ Sie lächelte zuckersüß und ignorierte den Butler, wie es sich für Leute ihres Standes gehörte. Sie hasste ein solches Verhalten, es wurde aber erwartet. Zuhause in Chateau Dubois würde sie sich nie so benehmen. Elisabeth Stern und ihr Lebensgefährte Pierre Muriel waren zwar ihre Angestellten, aber sie sah viel mehr Freunde in ihnen, denn Dienstboten.
Aber das ist doch überhaupt kein Problem, Mrs. MacLeod. Mr. Pierson ist mir willkommen. Ihre Freunde sind auch meine Freunde.“ Du elender Lügner, dachte Micky, lächelte Sikes aber wohlwollend an.
Ihre Mäntel bitte, Sir, Madam“, bat der Butler.
Wir werden nicht lange bleiben. Wir haben noch einen Termin in der Stadt. Daher behalten wir unsere Mäntel bei uns. Danke sehr“, säuselte Micky. Sikes gab dem Butler ein Zeichen, dass alles in Ordnung sei. Er legte einen Arm um Micky und führte sie in sein Reich. Sie unterdrückte ein angeekeltes Schaudern, das sie überfallen wollte. Methos folgte ihnen wachsam. Sein Blick glitt permanent von links nach rechts. Im großen Ballsaal spürte er ebenso wie Micky eine nicht überschaubare Zahl von Unsterblichen. Das konnte ja heiter werden.

Sikes reichte Micky und Methos noch ein Glas Champagner und entschuldigte sich dann.

 

Lass uns bloß schnell wieder von hier verschwinden“, flüsterte Methos besorgt und nippte an dem Champagner. „Gift ist zumindest nicht drin.“ Micky zuckte zusammen und drehte sich von Methos weg. Seit sie Richie die Geschichte von Maximilians Tod erzählt hatte, dachte sie wieder öfter an jenen Abend. Im Moment fragte sie sich, ob Methos nicht doch mehr wusste, als er ihr gegenüber zugab. Methos beobachtete Mickys Reaktion, sie ging darüber hinweg, warf einen Blick auf die Uhr und leitete den nächsten Schritt des Planes ein.
Ich schau mal nach, wo Richie abgeblieben ist. Ich vermute, das Arbeitszimmer ist im ersten Stock. Du kommst in fünf Minuten nach.“ Diplomatisch lächelnd ging sie davon. Völlig unauffällig sah Methos sich weiter im Ballsaal um und versuchte die Unsterblichen zu identifizieren. Bei einigen, die in seiner Nähe standen, gelang es ihm. Aber es waren einfach zu viele. Er kam sich vor, wie ein Schaf, das zur Schlachtbank geführt wurde. Wie hatte er sich nur auf Mickys verrückten Plan einlassen können? Es war ihm unbegreiflich, wie er sich seit 320 Jahren immer wieder von der Comtesse zu solchen Torheiten überreden ließ. In Momenten wie diesen kam ihm stets der Gedanke, dass sie eine Hexe sein musste. Wenn auch nur eine Kräuterhexe. Sie hatte bei den größten Alchimisten des Mittelalters gelernt, wer sagte denn, dass Micky dann nicht wusste, wie man andere Menschen manipulieren konnte?

Er trank seinen Champagner aus und folgte „seiner Gebieterin“ in den ersten Stock nach.

Micky sah sich auf dem Korridor um, alle Türen waren identisch. Leise rief sie Richies Namen. Sie spürte ihn in nächster Nähe, ihn oder einen anderen Unsterblichen. Ihre linke Hand lag unter ihrem Mantel und hielt ihr Schwert fest umklammert. Im nächsten Augenblick öffnete sich eine Tür und Richies blonder Lockenkopf schoss heraus.

Hi, Boss!“ Sie erschrak und schlug mit ihrer kleinen, schwarzen Handtasche auf seinen Kopf.
Du Idiot! Soll ich einen Herzinfarkt bekommen?!“
Wird dich wohl kaum umbringen“, feixte Richie. Sie gab ihm einen Schubs und folgte ihm in Sikes’ Arbeitszimmer.
Was hast du herausgefunden, Junior?“
Ich habe eine Liste mit allen Beobachtern, die für Sikes arbeiten. Er hat eine Datenbank im Computer.“
Na los, druck’ sie schon aus“, drängelte Micky und warf einen sorgenvollen Blick auf die Tür. Ein Unsterblicher näherte sich. Sie zog ihr Schwert unter dem Mantel hervor. Die dunkle Holztür ging auf, Methos trat ein.
Und?“ fragte er.
Eine Liste haben wir schon. Richie, Beeilung!“ trieb Micky ihn weiter an.
Ja, ja, ich mach’ ja schon. Hier ist noch was. Namen von Unsterblichen. Die Goodrich-Brüder…“
Sind keine Gefahr für uns, die würden wir mit links schaffen, Richie“, unterbrach sie ihn nervös.
Henry La Porte, Paul Boyle, Michael Alexander…“
Die ersten beiden habe ich enthauptet. Den letzten Name kenne ich nicht. Druck’ die Liste auch aus, schnell.“ Es näherte sich wieder ein Unsterblicher. Methos zog sein Schwert und stellte sich schützend vor Micky.
Schnell, Junior“, drängelte nun auch er. Doch es war zu spät. Christopher Sikes hatte sie erwischt. Er trat mit seinem Schwert bewaffnet ein, gefolgt von drei Unsterblichen.

Aber, aber, Mrs. MacLeod. Das ist nicht nett. So danken Sie mir meine Gastfreundschaft?!“ Er schüttelte tadelnd den Kopf. Micky kam mit ihrem Schwert auf ihn zu. Richie arbeitete unbeirrt weiter. Die Liste wurde ausgedruckt, Seite um Seite. Er schnappte sich alle Blätter, faltete sie zusammen und steckte sie in die Tasche seines Smokings. Bereit zum Kampf hielt er sein Schwert schützend vor sich.

Ich bin fertig, Boss.“ Micky drehte sich nicht um.
Hau ab, Richie. Durchs Fenster. Wir haben noch was zu erledigen.“ Richie zögerte keine Sekunde. Er öffnete das Fenster und sprang aus dem ersten Stock in den Garten. Die drei Unsterblichen, die Sikes begleitet hatten, rannten aus dem Zimmer und versuchten Richie einzuholen.
Und nun zu Ihnen, Sikes“, begann Micky und schoss vor. Sie schlug mit ihrem Schwert nach seinem und eröffnete das Duell.

Micky, nein!“ schrie Methos. Doch er durfte nicht mehr eingreifen. Micky drosch mit ihrem Toledo Salamanca auf Sikes’ Langschwert ein.

Sie sollten sich überlegen, ob Sie das Duell wirklich heute austragen wollen, Mrs. MacLeod.“
Wieso denn nicht?!“ Sie keuchte. Es war unbequem in einem hautengen Abendkleid zu kämpfen.
Ganz einfach, hochverehrte Comtesse, sollte ich heute Nacht sterben, wird anschließend bedauerlicherweise Ihr Ehemann ebenfalls seinen Kopf verlieren.“ Micky stutzte.
Was soll das?“ Sie trat ein paar Schritte zurück, ebenso wie Sikes. Beide senkten ihre Schwerter. Sikes zückte sein Handy und wählte per Kurzwahl eine Nummer. „Keine falschen Spielchen, Sikes!“ drohte sie.
Hier möchte jemand mit Ihnen sprechen“, er hielt Micky sein Handy entgegen.

Hallo?“ hörte sie starr vor Fassungslosigkeit Duncans Stimme.
Duncan? Wo bist du?“ Sie schaute Sikes mit einem zornigen Blick an.
Ich weiß es nicht. Sikes hat mir eine Falle gestellt. Ein paar seiner Leute haben mich überrumpelt und mitgenommen.“
Keine Angst, Baby. Wir holen dich da raus.“Mach’ keinen Blödsinn, Micky. Haut ab, so schnell ihr könnt. Ich liebe dich…“ Die Verbindung wurde beendet. Micky warf das Handy auf den Boden und trat mit dem spitzen Absatz ihres Pumps darauf.

Was zur Hölle wollen Sie, Sikes?“
Nicht viel. Die Zusammenkunft gewinnen.“
Es gibt keine Zusammenkunft“, sagten Methos und Micky gleichzeitig. Sie kam sich vor wie ein Papagei. Es war schon erstaunlich, wie zahlreich die Unsterblichen waren, die noch immer an das Märchen der Zusammenkunft glaubten. Wann würde Sikes endlich kapieren, dass es nur ein Mythos war? Obwohl er von einem gewissen Standpunkt aus Recht hatte, was sie ihm auch sogleich mitteilte: „Sikes, Sie haben Recht.“ Methos’ Kopf schoss herum, spann sie jetzt total? „Solange nur ein einziger Unsterblicher daran glaubt, gibt es eine Zusammenkunft. Aber, Sikes, es ist so, dass für jeden getöteten Unsterblichen ein neuer geschaffen wird.“
Sie lügen.“
Nein, es ist wahr. Wir können uns auf ewig bekämpfen, aber es wird nie zu Ende gehen. Wie erklären Sie sich die Existenz von den jungen Unsterblichen wie Richie, wenn doch angeblich, die Zusammenkunft kurz bevor steht? Wozu braucht man solch unerfahrene Grünschnäbel?“ Methos grinste. Richie würde mit Sicherheit toben, wenn er hörte, dass Micky ihn vor Sikes als Grünschnabel bezeichnete.
Ich glaube Ihnen nicht. Wie auch immer. Ich möchte Sie drei heute Abend noch nicht töten. Das Spiel erheitert mich, ich möchte noch ein wenig länger mit Ihnen spielen.“ Micky hob ihr Schwert mit beiden Händen und zuckte kurz. Sie überlegte, ob sie Sikes den Kopf abschlagen sollte. Sie ließ es bleiben.
Also, was dann?!“ fragte Methos. Er hatte Mickys Arm nach unten gezogen, so dass sie Sikes nicht mehr angreifen konnte.
Sie fahren jetzt nach Hause, dann lasse ich Duncan MacLeod vielleicht frei.“
Vielleicht?!“ tobte Micky. Methos drückte ihren Arm, sie versuchte angestrengt sich zu beruhigen. Fieberhaft überlegte Methos, welche Möglichkeiten sie hatten.
Ja, vielleicht. Im Augenblick habe ich die besseren Karten. Also, unten vor der Tür steht ein Wagen, der Sie beide nach Vancouver in das Dojo zurückbringen wird. Und vielleicht wird Mr. MacLeod bald nachkommen.“ Micky biss sich auf die Unterlippe. Was blieb ihr für eine Wahl?
Gut. In Ordnung. Wir gehen. Und Sikes, ich verspreche Ihnen, dass Sie sterben werden, und Sie werden leiden!“ Sie rauschte aus dem Arbeitszimmer davon. Methos rannte hinter ihr her.

 

Draußen vor der Villa stand eine Limousine mit laufendem Motor. Der Butler von vorhin öffnete die hintere Tür, Micky und Methos rutschten auf die Sitze. Der Wagen gab Gas. Micky entdeckte eine Bar und schenkte zwei Gläser Whisky ein. Ihre Hände zitterten. Sie dachte an Duncan, aber sie hatte keine andere Wahl gehabt. Sie kannte Sikes inzwischen so gut, dass sie ihm ohne weiteres glaubte, dass Duncan enthauptet worden wäre nach Sikes’ Tod.

Micky, alles in Ordnung?“ Sie reagierte nicht, sondern stürzte den Whisky herunter. „Sag was“, bat Methos besorgt.
Scheiße!“ fluchte sie leise.
Das war nicht ganz, was ich mir vorgestellt habe, aber immerhin ein Anfang.“ Er dachte an die Listen, mit den Richie fliehen konnte. Hoffentlich. Wenn Richie schnell genug gewesen war, hatte er die Straße erreicht, wo er am Nachmittag ein Motorrad für den Fall einer schnellen Flucht abgestellt hatte.
Ein Anfang?! Er hat uns verarscht, eiskalt verarscht. Ich bring’ ihn um dafür! Ach nein, das darf ich ja nicht, dann werde ich ja wahnsinnig und ganz böse! Tolle Aussichten!“ Methos stellte sein Glas ab und nahm Micky ihres aus der Hand.
Ist schon gut. Beruhige dich wieder, Comtesse.“ Er legte den Arm um sie und hielt sie fest. Methos hoffte inständig, dass es Duncan gut ging. „Eines Tages werde ich Christopher Sikes töten, das verspreche ich dir, Micky. Und danach musst du dich um mich kümmern, denn ich habe Angst vor dem Tag. Sikes ist ein Wahnsinniger. Ein abgrundtief böser und sadistischer Mensch. Du musst mir helfen ein guter Mensch zu bleiben, Micky. Bitte.“ Sie hob den Kopf und sah Methos erstaunt an. Eine solche Ansprache hätte sie von jedem anderen erwartet, nicht aber von ihm. Er mochte einer der ältesten Unsterblichen sein, doch die blöden Sprüche, die er den ganzen Tag von sich gab, ließen Micky die meiste Zeit an seiner anscheinend trotz allem vorhandenen Weisheit zweifeln.
Egal, wie hoch die Palme ist, auf dich ich mich selbst mal wieder vor Wut gebracht habe, du schaffst es doch immer wieder mich runter zu bringen.“ Er schmunzelte erleichtert über ihre Bemerkung und lehnte sich in die weichen Ledersitze zurück.

 

Kanada, Vancouver, das MacLeod-Dojo, eine Stunde später.
Der Wagen verschwand hinter der nächsten Straßenecke und ließ Micky und Methos zurück. Mit ihrer feinen Abendgarderobe wirkten sie am Hintereingang von Duncans Haus völlig fehl am Platz. Es donnerte, ein weiteres Sommergewitter hielt Einzug in die Stadt.

Lass uns reingehen, Micky.“
Ist gut.“ Sie wandte sich zur Tür, hielt dann aber inne. Sie hörten ein Motorrad, das Augenblicke später vor ihnen abbremste. Erleichtert erkannten sie in dem Unsterblichen Richie. Er zog den Helm von Kopf und verschnaufte.

Hi, Leute. Alles in Ordnung bei euch?“
Bei uns schon. Aber Sikes hat Duncan entführt.“ Richie wollte gerade etwas erwidern, als sie zusammenzuckten.
Duncan, du lieber Himmel!“ rief Micky und rannte auf ihren Mann zu. „Was haben Sie mit dir gemacht?“ Er sah aus wie ein einziger blauer Fleck. Sein Haar stand in alle Richtungen ab, sein Shirt hing in breiten Fetzen von seinem muskulösen Oberkörper herunter. Er hatte eine blutende Wunde am Kopf und eine aufgeplatzte Lippe. Duncan sah aus, als käme er gerade aus einem Kampf gegen die Engländer, wie sie vor etlichen Jahrhunderten an der Tagesordnung gewesen waren. Langsam humpelte er auf seine Freunde zu. Er hielt sich an einem Laternenpfahl fest, lehnte seinen pochenden Kopf dagegen und kämpfte um sein Gleichgewicht. Sikes’ Angestellte hatten ihm arg zugesetzt.
Ich fühle mich beschissen“, erklärte er. Richie und Methos griffen ihm unter die Arme und halfen ihm die graue Stahltreppe zur Wohnung rauf. Micky eilte voraus, öffnete die Tür und holte ein feuchtes Tuch. Sie legten Duncan auf das Sofa. Er zog sich das Hemd aus und warf es auf den Boden. Sein Oberkörper war mit Blutergüssen übersät. Wahrscheinlich hatten sie ihm einige Rippen gebrochen. Die Fußabdrücke auf seinem Oberkörper ließen darauf schließen.

Was machst du denn für Sachen, Duncan?“ fragte ihn seine Frau und säuberte vorsichtig sein Gesicht.
Das musst du grad fragen. Du spielst mit Sikes und ich beziehe Klassenkeile von seinen Spießgesellen. Aua, ein bisschen zärtlicher bitte.“ Er zuckte zurück, weil Micky nun nicht mehr behutsam, sondern grob an seiner Platzwunde am Hinterkopf herumfummelte. Blitzschnell, wie man es ihm aufgrund seines Zustandes gar nicht mehr zugetraut hätte, packte er Mickys Handgelenk und hielt es fest. „Lass das. Es wird schon heilen. Ich werd’s überleben."

Micky riss ihre Hand aus seinem Griff, warf das Handtuch zur Seite und ging in die Küche, wo sie erst einmal Kaffee aufsetzte.
Hattet ihr wenigstens einen schönen Abend?“ fragte Duncan seine Freunde spöttisch.
Wie man’s nimmt. Sikes hat uns ganz schön verarscht. Aber wir haben eine Liste mit den Namen der Beobachter und der Unsterblichen, die für ihn arbeiten“, informierte ihn Methos.
Haben wir nicht“, murmelte Richie. Methos drehte sich ganz langsam um. Das war doch alles ein schlechter Scherz, ein Alptraum, aus dem er jeden Moment erwachen würde.
Haben wir nicht?“ wiederholte Methos ungläubig.
Sie haben mich kurz vor dem Tor erwischt und mir die Ausdrucke wieder abgenommen. Dann haben sie mich laufen lassen.“ Micky kam mit einem Tablett zurück.
Verdammt noch mal! Das kann doch alles nicht wahr sein“, schimpfte sie und stellte den Kaffee auf den Couchtisch.
Aber wir haben zumindest einen Namen“, versuchte Richie die Wogen zu glätten.
Das ist aber viel“, murrte Duncan, der sich fragte, ob es das wert gewesen war, so verprügelt worden zu sein für einen einzigen, lausigen Namen.
Ja, stimmt. Richie hat die Namen von Unsterblichen vorgelesen. Der letzte war mir unbekannt. Er hieß… Er hieß… Es waren zwei Vornamen… Wie hieß er bloß…?“ Sie trommelte wie gewöhnlich mit dem Zeigefinger gegen ihre Lippe und dachte angestrengt nach. Methos nahm sich einstweilen eine Tasse Kaffee und trank einen tiefen Schluck daraus.
War es nicht Michael Alexander?“ fragte Richie.
Ja, genau. Michael Alexander“, bestätigte Micky und nahm sich nun ebenfalls einen Kaffee. Methos verschluckte sich. Er hustete und stellte schnell die Tasse ab. Nein, das durfte doch alles nicht wahr sein. Vorhin bei Sikes hatte er nicht richtig zugehört, als Richie die Namen vorgelesen hatte.

Mir wird ganz schlecht. Jetzt haben wir ein echtes Problem. Wenn Michael Alexander für Sikes arbeitet, dann sieht es echt übel für uns aus.“ Methos fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Das konnte nur ein Alptraum sein. Oder es war die „Wir machen Methos so richtig fertig“-Woche.
Wieso denn, Methos?“ fragte Duncan. Er hatte den Namen noch nie vorher gehört.
Weil ich diesen Michael Alexander kenne. Er ist einer der ältesten Unsterblichen. Er ist ein großer Krieger, den Namen Alexander führt er wegen Alexander dem Großen. Er war einer seiner treuesten Anhänger, begleitete ihn auf jeden Feldzug. Es gibt keinen besseren Schwertkämpfer als ihn. Bisher hatte ich Glück, er hat mich nie gefunden. Ich konnte immer rechtzeitig abhauen. Ihr müsst wissen, Michael versucht seit 4.123 Jahren mich umzubringen.“ Micky stutzte.
Seit 4.123 Jahren? Damals hast du doch Isis geheiratet…“ Ihr schwante Unheilvolles.
Ja, genau. Michael Alexander war der Mann, dem sie eigentlich versprochen war. Er war der Sohn von Pharao Neteri-ka-Rê der 8. Dynastie. Ich fand heraus, dass ihre Hochzeit kurz bevorstand. Und dann habe ich sie, na ja, aus ihrem Tempel entführt und geheiratet.“

Du hast einem Prinzen von Ägypten das Mädchen ausgespannt?“ fragte Richie, der nicht so recht wusste, ob er beeindruckt oder bestürzt sein sollte.
Ich fürchte ja. Ich konnte nicht anders, ich wollte Isis und hab’ sie mir genommen.“ Methos kratzte sich verlegen am Kopf. „Wir müssen Isis warnen. Ich muss sie finden. Sikes weiß, dass ich gegen ihn arbeite. Über seine Beobachter kommt er an Isis ran. Und durch sie kommt er letztlich an mich. Wen er mich nur ein bisschen kennt, weiß er, dass ich alles für Isis tun würde. Nur weil ich nicht mit ihr leben kann, heißt das nicht, dass ich sie sterben lassen werde. Verdammt, damit kriegen Sikes und Michael, was sie wollen... Oh Mann, wie erkläre ich diesen Schlamassel bloß Anne?!“
Hast du diesen Michael nicht informiert, nachdem ihr euch zum ersten Mal getrennt habt?“ wollte Micky wissen.
Na klar, ich habe bei der Theben Tribune in Stein meißeln lassen, dass er sie zurückhaben kann, weil sie mich nervt.“ Duncan und Richie schmunzelten über den Schlagabtausch zwischen Methos und Micky. „Ich hab’ meine Sachen gepackt und mich schleunigst nach England eingeschifft. Ich habe nämlich schon damals sehr an meinem Kopf gegangen.“ Er setzte sich auf die kleine Zweisitzer-Couch, die rechts vom großen Sofa stand.

Also im Zusammenhang mit deiner Angetrauten haben wir eigentlich immer den Eindruck, dass du ihn gar nicht schnell genug verlieren kannst.“
Komm Micky, lass Methos in Ruhe. Immerhin habe ich mir die Listen wieder abnehmen lassen.“ Duncan und Methos sahen sich perplex an. Seit wann begab Richie sich freiwillig in die Schusslinie der Comtesse?
Zu dir wollte ich eigentlich später kommen, aber wir können es auch gerne vorziehen!“ Das Telefon klingelte und gewährte Richie eine Gnadenfrist. „Glaub’ bloß nicht, dass das Telefon dich retten könnte, Junior.“ Geglaubt nicht, aber gehofft. Micky nahm ab und meldete sich. „Hi, Joe. Ja, wir haben alle noch unseren Kopf. Duncan ist ziemlich lädiert. Wir hatten zwei Namenslisten der Beobachter und der Unsterblichen, die für Sikes arbeiten. Ja, hatten. Sie wurden Richie wieder abgenommen. Und Dank Methos haben wir einen weiteren Gegenspieler namens Michael Alexander. Methos hat ihm in grauer Vorzeit seine Braut ausgespannt. Na rate mal. Genau, die charmante Priesterin Isis. Kannst du für uns herausbekommen, wo die Natter sich herumtreibt? Wir müssen sie warnen, dass sie jetzt auch auf Sikes’ Abschussliste steht. Danke dir. Gut, wir sehen uns dann morgen.“ Sie legte auf und griff nach ihrem Kaffee.
Setzt es doch gleich in die morgige Ausgabe der Vancouver Sun, dass ich vor über vier Jahrtausenden mal einen blöden, kleinen Fehler begangen habe. Ich war jung“, jammerte Methos.
Kann ich gerne machen. Vorzugsweise mit einem offenen Brief an Michael Alexander, in dem du dich für den Raub der Isis entschuldigst“, offerierte Micky ihm hämisch grinsend.
Klingt wie eine neue Hollywood-Produktion: Der Raub der Isis“, raunte Richie in Duncans Richtung, der im Schlafzimmer frische Kleidung angezogen hatte und nun wieder auf der Couch neben ihm saß.
Untertitel: Die Leiden des jungen Methos. Eine autobiografische Verfilmung über das Leben eines mesopotamischen Jünglings, der die Finger nicht von doppelzüngigen, ägyptischen Priesterinnen lassen kann“, ergänzte Duncan das heutige Kinoprogramm. Er genoss die Sticheleien nach diesem grauenvollen Tag, lenkten sie ihn doch von seinen Schmerzen ab, die Belebung sei Dank, endlich nachließen. Ein heißes Bad und sein Bett mit der Comtesse darin, und alles wäre wieder gut.
Methos ging vor sich hingrummelnd zur Tür. Er drehte sich noch einmal um und meinte: „Also, ich fahre jetzt nach Hause. Wir sehen uns dann morgen früh.“

Nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, fingen die Zurückgebliebenen prustend an zu lachen. Micky stellte ihre Tasse wieder ab, trat an die Couch heran und zog Duncan hoch. Dann legte sie den Arm um ihn und ging in Richtung Schlafzimmer.

Komm, mein tapferer Krieger. Du hast dir eine kleine Belohnung verdient.“ Duncans Miene hellte sich schlagartig auf.
Aber bitte nicht so laut“, flehte Richie.
Marsch ins Bett, Junior!“ befahl die Herrin des Hauses.
Ja, Mami.“ Lachend wünschten sie sich eine gute Nacht und verschwanden in ihren Zimmern.

 

 

6. Ein Schritt zurück nach vorn

 

Kanada, Vancouver, nachts.
Noch in derselben Nacht rief Methos Anne in Paris an und informierte sie darüber, dass er auf absehbare Zeit in Vancouver bleiben müsste. Sie sollte sich aber keine Sorgen machen, ihn jedoch sofort anrufen, falls sie verdächtige Personen in ihrem näheren Umfeld bemerken würde.

Trotz der Prügel, die Duncan bezogen hatte, dauerte es weniger als eine Minute, dass er versprochene Belohnung von seiner Frau einforderte. Die Tür war kaum geschlossen, Micky schlüpfte aus ihrem Kleid und stand in roter Spitzenunterwäsche vor ihm.

Weißt du, wenn ich immer so einen Empfang bekomme, lasse ich mich ab sofort jeden Tag verprügeln.“ Micky grinste amüsiert.
Das lässt sich einrichten, Highlander.“ Sie trat an den großen Schotten heran und half ihm dabei sein Hemd auszuziehen.
Könntest du vielleicht…“, begann Duncan. „Na ja, die Stellen küssen, die wehtun? Das hat meine Mutter immer getan, wenn ich als kleiner Junge in den Highlands verletzt war. Und Schottenkinder sind oft verletzt.“ Ihr Grinsen wurde deutlich breiter. Sie konnte sich ja so einiges bei Duncan vorstellen, aber bestimmt nicht, wie er als kleiner Junge gewesen sein mochte.
Damals wurden deine Wunden ja auch noch nicht von der Belebung geheilt, Liebling“, meinte sie ironisch, küsste aber bereits behutsam seine aufgeplatzte Lippe und drückte ihn dabei fest an sich. Duncan spürte, wie sein Verlangen wuchs. Himmel, er fragte sich, ob er in den 415 Jahren seiner Existenz eine Frau jemals so begehrt und geliebt hatte. Sofort fiel ihm Tessa ein. Doch es war anders gewesen. Duncan hatte stets gewusst, dass er sie eines Tages würde zu Grabe tragen müssen. Wer hätte ahnen können, dass dies schon 1993, wo Tessa gerade in der Blüte ihres Lebens gestanden hatte, passieren musste? Dass ein Drogensüchtiger sie und Richie wegen einer paar lausiger Dollar erschießen würde? Nein, mit Micky war es etwas ganz Anderes. Und das lag nicht nur an der Unsterblichkeit. Es war ihr Wesen, ihre Lebensfreude, die Art, wie sie Dinge managte. Und sie steckte voller Überraschungen. Duncan konnte nie mit Gewissheit sagen, ob sie nicht noch das eine oder andere Geheimnis im Ärmel hatte, das sie mit Connor, Methos oder Darius verband. Mittlerweile hatte er sich daran gewöhnt Details aus dem Leben der Comtesse ganz beiläufig beim Frühstück zu erfahren.

Warum lachst du, Duncan?“ fragte sie auf einmal und holte ihn zurück ins Hier und Jetzt, das Einzige, das wirklich zählte.
Weil ich mir klarzumachen versuche, warum ich dich so sehr liebe.“ Sie küsste ihn auf die Brust, während er sprach.
Und zu welchem Ergebnis bist du gekommen?“ Sie nahm seine Hand und zog ihn zum Bett. Duncan zündete rasch noch ein paar Kerzen an. Micky betrachtete ihn eine Weile intensiv, wie er so im Schein der Kerzen da stand. Nur mit einer Hose bekleidet, die Blutergüsse gingen allmählich zurück, seine wilde Mähne umrahmte sein Gesicht. Sie verlieh Duncan gleichzeitig etwas Engelhaftes, dem keine Frau widerstehen konnte, aber auch etwas Animalisches, vor dem eine vernünftige Frau sich fürchtete und es sich gut überlegte, bevor sie sich ganz und gar darauf einließ.
Du bist mein Schicksal, Micky. Diejenigen haben versucht uns auseinander zu bringen. Doch weder Himmel noch Hölle vermögen uns noch einmal zu trennen.“ Sie lagen jetzt nebeneinander auf dem Bett. Duncan hielt es nicht länger aus. Er musste sie haben, sie fühlen, riechen, schmecken mit all seinen Sinnen und sie letztlich verschlingen mit seiner Seele und sie nie mehr loslassen.

Duncan liebte sie in dieser Nacht zweimal. Einmal langsam und genießerisch und dann stürmisch und leidenschaftlich, wie man es von einem Sohn der Highlands erwartete.

 

Kanada, Vancouver, Duncans Dojo, der nächste Tag.
Mit einem Lied auf den Lippen, das Micky vor langer Zeit von Connor gelernt hatte, deckte sie den Frühstückstisch. Duncan war losgezogen, um Croissants und frische Brötchen zu holen. Sie waren gerade mal ein paar Tage von Zuhause fort und vermissten schon die französische Küche.

My heart’s in the highlands…“, trällerte Micky, verstummte dann aber, weil sich ein Unsterblicher näherte.
Das ist ja einfach widerlich, wie fröhlich du heute Morgen bist. Bist du die Micky MacLeod, die gestern mit uns anderen von Christopher Sikes an der Nase herumgeführt wurde?“
Dir auch einen guten Morgen, Methos.“ Er schlenderte langsam näher.

Die Wohnungstür ging noch einmal auf, Duncan kam herein. Er schmetterte mit den Händen voller Brötchentüten ein schottisches Schlachtlied.

Igitt“, rief Methos. „Du bist ja auch so gut gelaunt, obwohl Sikes dich hat halb tot prügeln lassen… Na, so tot kannst du gar nicht gewesen sein. Ich kann mir denken, weshalb ihr so gut gelaunt seid.“ Micky kicherte wie ein Schulmädchen, Duncan stellte die Tüten ab, umarmte seine Frau von hinten und küsste sie auf den Hals. Methos ging an den Kühlschrank und holte sich Saft heraus. Immer vergaßen die beiden seinen Orangensaft, und so was nannte sich Freunde!
Tja Methos, nicht jede Ehe kann so harmonisch wie die deinige verlaufen“, spottete Duncan. Methos Mundwinkel sackten nach unten, er sah seine Freunde böse an.
Es gibt Zeiten, in denen sogar wir uns vertragen“, ergänzte Micky lachend und setzte sich auf ihren Platz.

 

Bald darauf trudelte Richie ein. Das Abenteuer auf Sikes’ Wohltätigkeitsbankett hatte ihn so dermaßen mitgenommen, dass er sofort eingeschlafen war. Er hatte es noch nicht einmal mehr geschafft seine Klamotten auszuziehen.

Micky bemerkte seine Aufmachung und lachte los. Sein Hemd steckte nur auf einer Seite in der Hose, seine blonden Locken standen in alle Richtungen ab. Die Hose war eine einzige Knitterfalle und flehte geradezu nach einem Bügeleisen.

Du siehst aus, als hättest du in deinen Klamotten geschlafen, Richie.“
Könnte man sagen. Ich war weg, noch bevor mein Kopf auf dem Kissen lag… Ihr müsst doch bestimmt auch gleich eingeschlafen sein, oder?“ fragte er und nahm sich ein Brötchen.
Also“, fing Micky nun doch ein wenig verlegen an.
Nicht wirklich. Nein, wir waren noch ganze Weile wach“, antwortete Duncan an Mickys Stelle und mit einer großen Portion unverhohlenem Stolz.
Nee, oder? Mac, wie machst du das? Ich meine, die Typen haben dich halb totgeschlagen.“
Das liegt den Highlandern im Blut“, klärte Micky ihn mit einem verträumten Blick auf.
Allen?“ hakte Methos nach.
Zumindest denen, die ich ausprobiert habe.“
Ausprobiert?“ wiederholte Duncan leicht beleidigt.
Verzeihung“, sie verneigte sich übertrieben vor Duncan. „Die Schotten, bei denen ich in den Genuss ihrer Liebeskunst gekommen bin.“ Methos prustete und bemühte sich angestrengt seinen Saft herunterzuschlucken.
Eine nette Formulierung, mit der du Connor und Duncan umschreibst“, meinte er dann grinsend. „Oder gab es da noch andere Schotten, von denen wir nichts wissen, Comtesse?“
Nein, gibt es nicht. Du bist ein frecher Kerl, Methos. Reiz mich nicht so. Sonst erzähle ich, wie der sich dritte Räuber, der mit Butch Cassidy und Sundance Kid unterwegs war, immer verkleiden musste.“ Methos räusperte sich und warf schnell einen Blick auf die Uhr.
Ach, schon so spät? Wann wollten Joe und die anderen beiden Turteltäubchen denn kommen?“ Jedes Mittel war ihm Recht, um von den Geschichten über seine Raubzüge mit den beiden weltberühmten Revolverhelden abzulenken. Genauso wie seine Ehe mit Isis hakte er diese Episode seines Lebens als blöden Fehler aus grauer Vorzeit ab.
Wir haben noch Zeit, ich gehe jetzt erstmal joggen“, informierte Micky die anderen und band sich einen Pferdeschwanz.
Hattest du letzte Nacht nicht genug Bewegung, Comtesse?“ fragte Methos schmunzelnd.
"Ich muss nachdenken, und das kann ich am Besten beim Joggen.“ Sie gab Duncan einen flüchtigen Kuss.
Nimm dein Schwert mit“, rief er ihr nach.
Ich gehe joggen, Duncan. Nicht jagen.“
Micky, Sikes ist da draußen.“ Sie seufzte.
Mag sein, aber er plant noch seinen nächsten Zug. Wie gesagt, ich muss nachdenken. Also bis später.“ Sie ließ sich auf keine weiteren Diskussionen ein und ging einfach.

 

Kanada, Vancouver, der Friedhof.
Mickys Weg führte sie zu Darius’ Grab. Sie joggte in einem gleichmäßigen Tempo und ließ dabei ihren Gedanken freien Lauf. Etwas kam ihr schon die ganze Zeit eigenartig vor. Der Zugriff auf diese Listen war zu simpel gewesen. Kein Passwort hatte den Computer geschützt, das Arbeitszimmer war nicht abgeschlossen gewesen, und Richie hatte erwähnt, dass die beiden Dateien auf dem Desktop des PCs abgelegt worden waren. Fast schien es, dass sie auf jeden Fall gefunden werden sollten. Und dann standen zwei Unsterbliche, die sie bereits erledigt hatte, vor einem unbekannten Namen, den man sich zwangläufig merken musste. Vor allem so einen harmonisch klingenden wie Michael Alexander. Es war schon ein komischer Zufall, dass Sikes den größten Krieger unter den Unsterblichen anheuerte, der auch noch rein zufällig eine 4.123 Jahre alte Rechnung mit Methos zu begleichen hatte. An Zufälle dieser Art glaubte Micky schon lange nicht mehr.

Sie hatte den Friedhof erreicht und ging mit gemütlichen Schritten zu Darius’ Grab. Davor blieb sie stehen, lächelte traurig und kniete sich hin.
Kommen Sie raus, Sikes. Ich bin doch nicht blöde!“ sagte sie weiterhin auf den Grabstein schauend. Sie hatte bereits die Anwesenheit ihres Widersachers gespürt, als sie einen Fuß aus dem Haus gesetzt hatte. Sikes trat aus dem Schatten eines Baumes, mit dem üblichen, fiesen Lächeln auf dem Gesicht.
Heiliger Boden eignet sich perfekt für Treffen geschäftlicher Art… Ein herrlicher Tag, finden Sie nicht auch, Mrs. MacLeod?“
Was wollen Sie, Sikes? Wieso schicken Sie Michael Alexander vor? Sie wollten doch, dass ich den Namen herausfinde.“
Ich biete Ihnen ein Geschäft an.“ Sie lachte verächtlich.
Geschäfte mit Ihnen sind nicht sehr reizvoll.“
Dieses Geschäft schon. Das Leben von Methos im Austausch für Ihres, das der beiden MacLeod-Cousins, Ihrer Tochter, dem jungen Richie und der süßen Isabelle. Ein Leben für sechs. Ein fairer Tausch, oder?“ Sie schüttelte angeekelt den Kopf über Sikes’ Angebot.
Bedeutet Ihnen ein Menschenleben denn überhaupt nichts?!“
Diese Sterblichen sind doch nur Ameisen, die es zu zerquetschen gilt, hochverehrte Comtesse. Sie sind es nicht wert, dass man auch nur einen einzigen Gedanken an sie verschwendet. Und an den Unsterblichen interessiert mich nur die Lebensenergie… Denken Sie über mein Angebot nach, Mrs. MacLeod. Jeden Tag, der vergeht, wird es einer weniger Ihrer Freunde sein, den ich am Ende am Leben lasse.“ Er drehte sich um und ging. „Warten Sie nicht zu lange. Je länger Sie warten, desto mehr verlieren Sie“, rief er noch, dann war er fort.

Das hatte sie schon einmal gehört, vor langer Zeit. Mit einem Bedauern wie eh und je, wenn sie hier war, schaute sie auf Darius’ Grab. Sie setzte sich hin und atmete tief durch.

Darius, hilf mir. Ich brauche deine Hilfe und deinen weisen Rat“, bat sie und schloss die Augen. Sie konzentrierte sich, wie sie es vor 481 Jahren in Japan gelernt hatte. Bis zu Darius’ Tod war das Wissen darüber tief in ihren Erinnerungen verschüttet gewesen. Inzwischen konnte sie nach Belieben darauf zugreifen.
Du brauchst meine Hilfe schon lange nicht mehr.“ Plötzlich stand Darius vor ihr. Jene geisterhafte, in eine blaue Aura gehüllte Erscheinung, die sie vor 11 Jahren davon abgehalten hatte in Sacré Cœur Nicholas Cane zu stellen.
Ich rufe dich aber nur, wenn ich nicht mehr weiter weiß. Du bist und warst mein Fels, Darius. Sag’ mir, was soll ich wegen Sikes unternehmen?“
Du musst dich Michael Alexander stellen.“
Ich will aber den Kopf von Sikes!“ antwortete sie ihm wie ein trotziges Kind, er lächelte sie zärtlich an.
Manchmal muss man einen Schritt zurückgehen, um vorwärts zu kommen.“
Dieses Sammeln von Lebensenergie war mir schon immer zuwider. Ich will einfach nur in Frieden leben.“
Meine Liebe, wir bekommen nicht immer, das, was wir uns am meisten wünschen. Du und ich wissen das doch wohl am Besten.“ Ja, sie wusste es nur zu genau, immerhin hatte sie Darius zweimal verloren.
Kann dich eigentlich außer mir noch jemand sehen? Oder wirke ich für andere Friedhofsbesucher wie eine entlaufene Irre, die mit einer Eiche spricht?“ Er hatte sich an einen Baum gelehnt, sah auf sie herab und lächelte über ihren Ablenkungsversuch.
Wer an mich glaubt, der wird sehen.“
Ach, lass doch diesen biblischen Blödsinn! Er regt mich nur auf. Du weißt genau, dass ich auf Ihn auch nach Jahrhunderten noch wütend bin!“
Aber Er ist es nicht auf dich. Er verzeiht jedem. Selbst uns beiden.“
Mir braucht Er aber nicht zu verzeihen. Denn ich habe keines Seiner verdammten Gesetze gebrochen. Ich habe einfach nur geliebt! Und das ist ja wohl eines Seiner höchsten Gebote! Ich… Manchmal frage ich mich, wie unser Leben verlaufen wäre, wenn du damals… Ach, ist ja auch egal!“ Sie brach ab, weil es sinnlos war über verpasste Chancen zu diskutieren, ganz besonders mit einem Geist.
Micky, du weißt doch, wie sehr ich dich liebe. Aber Gott liebe ich noch mehr. Wir beide konnten nie aus unserer Haut raus.“
Themenwechsel, Darius. Ich muss also Michael Alexander erledigen, damit ich Sikes besiegen kann“, resümierte sie.
So Gott will.“
Darius, lass das!“ Er lächelte wieder, weil er nichts lieber tat, als sie zu necken.
Deinem Schicksal kannst du nicht entgehen.“
Wer kann das schon? Gut, dann werde ich für ein paar Tage in die Wildnis gehen und mich vorbereiten. Michael Alexander ist der größte Gegner, dem ich mich bisher stellen musste.“ Sie wandte sich von Darius ab und ging. Darius sah ihr noch einen kleinen Augenblick nach, dann verschwand er dorthin, von wo er gekommen war.

Zufrieden mit ihrer Leistung und der Antwort, die Darius ihr gegeben hatte, erinnerte sie sich an die Zeit, als sie diese Technik gelernt hatte. Meister Nakano hatte ihr eines Abends beiläufig davon erzählt, sie hatte es für ein Märchen gehalten. Erstaunlich, dass sie Darius, der nun schon seit 11 Jahren tot war, so mühelos hatte rufen können. Als Nakano ihr davon erzählt hatte, war er von seiner Schülerin belächelt worden, die bis dato nur geglaubt hatte, was sie auch mit eigenen Augen gesehen hatte…

 

Japan, Berg Niri, 1526.
Es war Abend, ein großes Feuer brannte gemütlich in der Höhle des Hexenmeisters. In einem großen Topf brodelte, wie sooft, eine große Portion Ramen.

Michelle trainierte mit verbundenen Augen, was ihr nicht gerade leicht fiel. Sie verließ sich zu sehr auf ihre Sehkraft. Diesen Fehler wollte Nakano ihr mit der neuen Methode austreiben.

Deine Augen können dich täuschen, du musst dich auf dein Herz, deine Ohren und deine Nase verlassen. Der Körper ist unbedeutend, meine Schülerin. Die Seele ist das Entscheidende.“
Aber Meister, wenn der Kopf ab ist, ist es vorbei.“ Tadelnd schüttelte er besagtes Körperteil. Die Jugend war so schwer zu überzeugen.
Du glaubst nur, was du siehst.“
Genau, wenn ich mal den Geist eines Unsterblichen treffe, werde ich glauben“, versprach sie grinsend und legte das Trainingsschwert beiseite. Sie hatte einen Bärenhunger.
Trotzdem werde ich dir beibringen, wie du die Geister der Unsterblichen rufst, wie du deinen spirituellen Berater um Hilfe bitten kannst. Dies können nur noch sehr Wenige unter uns. Die Ältesten der Alten. Nur noch in Legenden wird davon erzählt, aber ich kann es und bald auch du. Irgendwann wird es dir vielleicht von Nutzen sein. Aber jetzt essen wir. Es gibt etwas ganz Feines…“ Michelle roch es sofort.
Ramen! Mal wieder. Nudelsuppe oder roher Fisch, sie konnte es bald nicht mehr sehen. Sie sehnte sich nach der Küche ihrer Heimat.

Kann ich jeden beliebigen Unsterblichen rufen?“ Nakano schüttelte verneinend den Kopf.
Nur jemanden, der dir besonders nahe stand. Ganz besonders nahe…“ ,erklärte er und reichte Michelle eine dampfende Holzschale mit Nudelsuppe.

 

Kanada, Vancouver, der Friedhof nahe Darius' Kloster, die Gegenwart.
Besonders nahe, so konnte man ihre Beziehung zu Darius in der Tat beschreiben. Kein Unsterblicher hatte ihr näher gestanden. All jene, die Darius gekannt hatten, sagten, dass er ein ganz besonderer Mensch gewesen war. Jedoch vermochte kaum einer zu sagen, was dieses Besondere ausgemacht hatte. Es war eine Vielzahl Eigenschaften. Seine unerschütterliche Treue zu Gott, mit der er Micky immer zur Weißglut getrieben hatte. Seine Prinzipien, die er bis zum Letzten verteidigt hatte. Die Sterblichen hatte er stets geliebt und geachtet. Für einige Unsterbliche waren sie nur Eintagsfliegen, ein nettes Spielzeug, das man nach Belieben austauschen konnte. Doch Darius hatte sie alle hochgeschätzt, sich ihre Sorgen und Ängste angehört.

 

Kanada, Vancouver, Duncans Dojo, bald darauf.
Micky ging zielstrebig ins Schlafzimmer und packte eine Tasche für ihren Ausflug in die Wildnis.

Was machst du da?“ fragte Duncan erstaunt, als er ins Schlafzimmer kam.
Packen.“
Das sehe ich auch. Wieso packst du?“
Ich gehe für ein paar Tage in deine Blockhütte.“ Duncan hatte die Hütte vor 134 Jahren auf einer kleinen Insel vor der Küste gebaut. Die Stammesältesten der Lakota hatten ihm damals gestattet auf der heiligen Stätte ein Haus zu errichten. So hatte Duncan immer die Möglichkeit sich an einen heiligen Ort zurückzuziehen, wo er seine Kräfte sammeln oder sich einfach von den nie endenden Kämpfen um die Zusammenkunft erholen konnte.
Ich muss Michael Alexander töten, um an Sikes ranzukommen. Erst dann werde ich mächtig genug sein. Manchmal muss man einen Schritt zurückgehen, um einen nach vorne zu machen.“
Von wem hast du denn diese Weisheit?“
Darius hat es mir eben auf dem Friedhof gesagt“, erklärte sie leichthin und packte ihr Schwert ein.
Das muss ich jetzt aber nicht verstehen, oder? Dass du mit einem Toten sprichst und offensichtlich von ihm Antworten bekommst?!“
Nein, musst du nicht, nur daran glauben. Wenn du schon an die Unsterblichkeit glaubst, warum dann nicht auch an Geister?... Ups, mir fällt gerade auf, dass ich dieses Gespräch mit Nakano geführt habe und damals war ich der ungläubige Thomas. Wie auch immer, Darius ist mein spiritueller Berater. Wenn ich vom Weg abkomme und Zweifel habe, rufe ich ihn.“
Kannst du mir das beibringen?“ Sein plötzliches Interesse überraschte sie ein wenig.
Klar, versuchen kann ich es. Nimm nur das Nötigste mit. Wir werden viel meditieren. Und Ramen essen.“ Sie schmunzelte über Nakanos Lehrmethoden, die sie nun übernehmen würde.

 

Kanada, eine kleine Insel vor der Küste, am späten Nachmittag.
Duncan und Micky saßen sich gegenüber auf der Erde vor der Blockhütte. Sie hatten die Augen geschlossen und lauschten ihrem Atem, dem Ruf der Vögel, den Geschichten, die der Wind erzählte.

Jetzt stell’ dir Darius vor. Er steht vor dir in seiner braunen Kutte. Er sieht dich an, er lächelt. Konzentriere dich nur auf dieses eine Bild.“ Duncan befolgte Mickys Anweisungen. Sie saßen um ein Feuer herum, das leicht rauchte und einen merkwürdigen Geruch verbreitete. Micky hatte Bilsenkraut ins Feuer geworfen, eine Pflanze, die Halluzinationen auslöste und auch als Hexenkraut bekannt war. Sie hatte von Nostradamus die richtige Anwendung dieser toxischen Pflanze gelernt. Zuviel könnte tödlich sein, zuwenig und die Wirkung blieb aus. Micky hatte nach all den Jahrhunderten die perfekte Menge herausgefunden. Zu Beginn der Lehre war es nützlich und der Einsatz von Bilsenkraut notwendig, um Duncans Bewusstsein auszuschalten und nur den Gedanken an Darius zuzulassen. Micky für ihren Teil brauchte die Droge nicht mehr, nachdem sie unzählige Geister von Sterblichen beschwört hatte. Duncan jedoch erleichterte es sich zu entspannen, und Entspannung war wichtig, wenn er Erfolg haben wollte.

Duncan atmete flach und war jetzt endlich völlig entspannt, er kam sich vor wie ein Adler, der über der Insel kreiste und auf die beiden Unsterblichen herabblickte.

Jetzt öffne die Augen.“ Er sah Micky, die noch immer ihm gegenüber auf der anderen Seite des Lagerfeuers saß. Hinter ihr flackerte etwas. „Kannst du ihn sehen?“ Er zögerte, versuchte sich zu konzentrieren. „Streng’ dich nicht an, du musst deinen Geist leeren. Nur an Darius denken, an nichts anderes.“ Duncan schnappte nach Luft, aus dem Nichts war Darius aufgetaucht. Seine Augen spiegelten deutlich seinen Unglauben und sein Erstaunen wider.

Hallo Duncan, ich sehe, wie erstaunt du bist. Staunen ist eine Sehnsucht nach Wissen. Thomas von Aquin hat das gesagt. Du siehst mich, also bin ich. Glauben heißt sehen. Sehen heißt glauben, alter Freund“, sagte eine Stimme, die Duncans Gedanken erahnte. Eine Stimme, die Duncan zuletzt vor 11 Jahren gehört hatte. Hinter Micky stand nun deutlich sichtbar in seiner braunen Kutte Darius. Duncan stand leicht schwankend auf, noch immer benebelt von dem Hexenkraut.

Erstaunt registrierte Duncan, dass die Tiere des Waldes im Augenblick von Darius’ Erscheinen, verstummt waren. Nur das Rauschen des Windes und die Brandung unten am Strand waren noch zu hören.

Sag’ was“, forderte Micky ihn auf. Aber was sagte man zu einem Geist? Was sagte man zu einem Mann, der vor 11 Jahren gestorben war? Was sagte man zu einem Menschen, der einst der engste Freund gewesen war?

Was willst du wissen, mein Freund?“

Auf jeden Fall nicht dein Rezept für Mooskraut-Tee.“ Darius lachte. Mit seinen diversen Kräutertees hatte er Duncans Gaumen bei verschiedenen Gelegenheit wach gekitzelt. Duncan würde eher sagen, dass er ihn beleidigt und verschreckt hatte. Eine Sache gab es aber, die den Highlander brennend interessierte. „Also, was habt ihr zwei damals in Florenz miteinander gehabt?“ Es war das Erste, das Duncan in den Sinn gekommen war. Micky klappte die Kinnlade runter.

Du hast elf Jahr nicht mit ihm gesprochen, und das ist das Erste, was dir einfällt?!“

Ja. Also erzählt schon“, forderte Duncan. Darius ließ sich neben Duncan am Feuer nieder, Micky gesellte sich zu ihnen. Sie sah hilfesuchend zu Darius, der gab ihr stumm, kaum wahrnehmbar durch ein Nicken, sein Einverständnis. Somit war sie von ihrem Versprechen entbunden, das sie ihm vor langer Zeit gegeben hatte.

Wir hatten eine einzige Nacht…“ Dies überraschte Duncan. Daraus machten sie so ein Geheimnis? „Und dann die schönsten zehn Jahre des 16. Jahrhunderts… Nicht was du schon wieder denkst. Nach dieser einen Nacht ist nichts weiter passiert. Aber wir haben dadurch ein Band geknüpft, das keine Macht, weder sein Gott noch die Dämonen der Hölle, je wieder hätten auseinander reißen können. Darius hätte mich auf seinen Schultern in den Himmel erhoben, und ich hätte ihn ohne zu zögern aus der Hölle geholt. Eine solche Freundschaft habe ich danach nie mehr erlebt.“ Sie lächelte Darius an, er erwiderte es.

Und deshalb hast du ihn dir als Berater ausgesucht?“ mutmaßte Duncan und stocherte mit einem dicken Ast in den Flammen herum.

So einfach ist es nicht. Meister Nakano sagte damals, der spirituelle Berater kann nur jemand sein, zu dem man ein ganz besonderes Verhältnis hat. Und das hatten wir zweifellos. Du solltest übrigens nicht zwangsläufig damit rechnen, dass Darius erscheinen wird, wenn du ihn alleine zu rufen versuchst. Du kannst dir deinen Berater nicht aussuchen. Diese Entscheidung triffst du nicht bewusst, dein Herz entscheidet.“ Das war nicht gerade das, was er sich erhofft hatte. Aber er konnte damit leben. Sie hatten Darius einmal gemeinsam gerufen, vielleicht konnten sie es wiederholen?

Duncan, ich bin zwar hier, aber wir haben nicht alle Zeit der Welt. Gibt es noch irgendetwas, das du mich fragen willst?“ Duncan zuckte zusammen, als Darius ihn ansprach. Es war für ihn unbegreiflich, dass er hier auf seinem Grund und Boden am Lagerfeuer saß und mit seinem Freund sprach, der schon über ein Jahrzehnt tot war.

Was mich wirklich brennend interessiert, ist was zum Teufel hast du zehn Jahre mit ihr in Italien gemacht, wenn nichts zwischen euch gelaufen ist?“ Micky lachte, stand auf und streckte sich.
War doch klar, dass er das fragen würde. Er wird uns nicht glauben, oder was meinst du, Darius?“
Riskiere es doch einfach, Micky“, schlug Darius ruhig vor und starrte ins Feuer.
Ich habe Schachspielen von Darius gelernt“, erzählte sie. Duncan glaubte sich verhört zu haben.
Schach? Ihr habt zehn Jahre miteinander gelebt und nur Schach gespielt? Wollt ihr mich verarschen?!“
Halloho?! Er ist ein Mönch, schon vergessen?! Außerdem gab es ja immer einen Preis für eine gewonnene Partie. Der Verlierer musste beispielsweise das Abendessen besorgen, eine Herberge finden oder Strauchdiebe verprügeln, die uns überfallen wollten…“
Entschuldige, Micky. Aber ich weiß, wie du Schach spielst. Du bist grottenschlecht“, warf Duncan ein.
Daher kann ich jeden Wegelagerer innerhalb von 30 Sekunden entwaffnen und dir sagen, wo du in ganz Italien das beste Essen und die komfortabelsten Herbergen gefunden hast im 16. Jahrhundert.“ Duncan lachte, das konnte er sich nun wieder sehr gut vorstellen. Er wusste, dass Darius zu Lebzeiten ein herausragender Schachspieler gewesen war. Die beiden hatten so manche Partie miteinander ausgefochten.

Micky erzählte weiter über ihre gemeinsamen Jahre mit Darius. Schon damals war sie eine seiner wenigen Schülerinnen gewesen, die an dem Sinn und der Existenz der Zusammenkunft zu zweifeln begann. Darius’ Weg des Friedens beeinflusste sie ungemein. Duelle, mit denen sie nicht unbedingt eine offene Rechnung begleichen wollte, umging sie bereits damals soweit es in ihrer Macht stand.

Er hatte sie in Spanisch und Latein unterrichtet. Die tote Sprache hatte sie jedoch inzwischen wieder vergessen. Auch in Philosophie und Rhetorik war sie von ihm unterwiesen worden, was ihr zu einer großen Redegewandtheit verholfen hatte. Was nun Mickys Unerfahrenheit im Kampf anging, da hatte Darius, der ehemalige Krieger, der nun den Frieden liebte und auch predigte, eine höchst clevere Methode gefunden. Stets wählte er Reisewege, auf denen sie unter Garantie überfallen wurden. Während Micky sich mit Strauchdieben prügelte oder mit ihnen focht, lehnte er sich zurück und beobachtete zufrieden ihre Fortschritte. Gelegentlich trafen sie auf einen unsterblichen Freund von Darius, der Micky dann bereitwillig als Trainingspartner zur Verfügung gestanden hatte. Und durch Darius war Micky in das unglaubliche Vergnügen gekommen beim großen Galileo Galilei in die Lehre zu gehen. Der italienische Mathematiker, Physiker und Astronom unterrichtete sie in Florenz und ließ sie an seinen Experimenten und Forschungen, die zu revolutionären Entdeckungen führten, teilnehmen. Kurzum, das Jahrzehnt, das Micky in Darius’ Gesellschaft verbracht hatte, war lehrreich, voller Abenteuer und einfach nur wunderbar gewesen.

Die Nacht dämmerte bereits herauf, als sie Darius endlich wieder in seine eigene Welt verabschiedeten. Es war ein bittersüßes Wiedersehen mit dem alten Freund gewesen. Duncan hatte Dinge über ihn und seine Frau erfahren, von denen er nicht einmal in seinen kühnsten Träumen etwas geahnt hätte. Sein Kopf schwirrte vor Eindrücken, Fragen und den Geschichten, die Darius zum Besten gegeben hatte.

 

Die folgenden vier Tage verbrachten Duncan und Micky auf der Insel. Sie trainierten und meditierten, Micky konnte sich auf den Kampf mit Michael Alexander mehr als gut vorbereiten. Am fünften Tag in der Frühe entschied sie, dass es an der Zeit war in die Zivilisation zurückzugehen und Michael Alexander zu stellen. Also bestiegen sie das Boot und fuhren zurück.

 

 

7. Königliches Duell

 

USA, New York City, Central Park, in der Nacht.
Micky sagte sich, dass es sein musste, während sie durch den stockdunklen Central Park ging, der vier Kilometer lang, 750 Meter breit und 1853 angelegt worden war. Vor 11 Jahren hatten sie und ihre Freunde geschworen allen unnötigen Duellen aus dem Wege zu gehen. Der heutige Kampf zählte definitiv nicht dazu. Darius hatte es treffend formuliert, sie musste einen Schritt zurückgehen, um vorwärts zu kommen. Sie musste Alexander töten, sein Wissen und seine Energie aufnehmen, um sich und ihre Familie vor Sikes schützen zu können.

 

Es war drückend heiß, sie konnte die Luft mit ihrem Toledo Salamanca in Scheiben schneiden. Wenn Micky Glück hatte, würde das angekündigte Gewitter einsetzen, wenn sie das Duell gewonnen hatte. Der Schweiß lief ihr in Strömen runter, sie schob den Träger ihrer Sporttasche, in der ihr Schwert lag, zurecht und überlegte, welchen Weg in dem großen Park sie nun einschlagen musste, um zu dem Treffpunkt mit Alexander zu gelangen.

Die weltberühmte grüne Lunge New Yorks nahm mit schätzungsweise 340 Hektar Fläche fünf Prozent von Manhattan ein. Diese Fakten, die jeder gute Reiseführer über des New Yorkers liebste Grünanlage preisgab, waren Micky eigentlich schnuppe. Sie wollte nur auf schnellstem Wege Michael Alexander von seinem Kopf befreien, dessen Lebensenergie aufnehmen und dann endlich Christopher Sikes ausschalten. Danach dürfte die Splittergruppe endgültig zerschlagen sein. Gewissheit hatte sie darüber natürlich erst, wenn der Fall eintreten würde. Sikes war nun mal kein gewöhnlicher Unsterblicher. Dies erkannte Micky alleine schon an der Tatsache, dass er einen so großen Krieger wie Michael Alexander auf seine Seite gezogen hatte.

Zwei noch zu erledigen und dann endlich in Ruhe und Frieden leben. Der Traum war so schön, aber auch so unrealistisch. Denn sie hatten bereits geglaubt die Splittergruppe erledigt zu haben, als sie damals im Pariser Parc de Bagatelle den elenden James Horton umgebracht hatten. Doch wie bei der Hydra aus der griechischen Mythologie wuchs der Splittergruppe für jeden abgeschlagenen Kopf buchstäblich ein umso gerissener und viel gefährlicherer nach. Okay, James Horton hatte sie nicht den Kopf abschlagen, sondern ihn erschossen. Für diesen verdammten Hundesohn wäre ihr Schwert aber auch viel zu schade gewesen. In früheren Zeiten, im 14. Jahrhundert beispielsweise, hätte man James Horton für den Mord an einem Mönch aufs Rad gebunden, ihm mit einem Messer den Bauch aufgeschlitzt und die herausquellenden Gedärme von den Tieren auffressen lassen. Das wäre eigentlich die angemessene Strafe für Horton gewesen. Die beiden Gespräche mit Darius auf dem Friedhof und auf Duncans Grundstück in der Wildnis hatten ihr wieder einmal schmerzhaft vor Augen geführt, wie wichtig Darius für sie gewesen war und was sein Verlust bedeutete. Wie oft hatte sie früher mitten in der Nacht in ihrem Loft in Paris zum Telefon gegriffen und ihn im Kloster angerufen. Einfach um seine Stimme zu hören oder um ihm von ihrem neuesten Bild zu erzählen, das sie gerade malte. In den Nächten, wenn Alpträume über ihren Tod durch Maximilian oder schlicht und ergreifend der Vollmond sie plagten und vom Schlafen abhielten, war sie mit dem Hörer am Ohr eingeschlafen. Erst dann hatte Darius aufgelegt.

Sie seufzte ein wenig. Diese beiden letzten Begegnungen mit Darius hatten sie so verdammt sentimental gemacht. Schnell verdrängte sie die Gedanken an ihn wieder und versuchte sich innerlich für ihr Duell zu wappnen. Ihre Nackenhärchen stellten sich auf, Alexander war in der Nähe und das aufkommende Gewitter kündigte sich nun unumstößlich an. Die Luft war richtiggehend elektrisiert, kein Vogelgesang war mehr zu hören.

Gestern noch hätte Micky nicht damit gerechnet, dass es so schnell zu dem Duell mit dem großen Alexander kommen würde. Eigentlich war sie mit Duncan geschäftlich nach New York gekommen. Ihre Assistentin Yvonne hatte aus Paris angerufen und von einer sehr viel versprechenden Auktion erzählt. Das war sie auch in der Tat gewesen. Wäre Micky dann nicht zufällig über Alxanders Anwesenheit in New York gestolpert, hätte sie den Plan durch ihn an Sikes' Kopf zu kommen, wahrscheinlich erst einmal auf Eis gelegt. Doch wie der Zufall - ja dieses Mal musste Micky es zugeben, es zugeben, es war ein Zufall gewesen - so wollte, hatte sie erfahren, dass Alexander sich in New York aufhielt.

Ganz nach dem Motto: Wenn du jemand kennst, der jemand kennt, der jemand kennt. Einer von Mickys bevorzugten Kunden hatte sie auf Sikes’ Wohltätigkeitsbankett gesehen. Er hatte sie und Duncan heute Morgen im Foyer des Waldorf Astoria getroffen. Natürlich war er auf das Bankett zu sprechen gekommen. Micky hatte dann im Laufe der Unterhaltung ganz beiläufig erwähnt, dass ein guter Bekannter ihres Freundes Adam Pierson auf dem Bankett gewesen sein sollte, sie ihn aber vergeblich gesucht hätten. Sein Name war Michael Alexander. Bei der Bemerkung „guter Bekannter“ hatte Duncan unwillkürlich grinsen müssen. Jemand der über viertausend Jahre den Kopf von einem anderen Unsterblichen abschlagen wollte, war doch wohl alles andere als ein guter Bekannter. Vor allem wenn man sich die Geschichte mit dem „Raub der Isis“ und der nie stattgefundenen Entschuldigung ins Gedächtnis rief.
Mickys Kunde, der sich nichts dabei dachte, bestätigte, dass Michael Alexander auf dem Bankett gewesen war. Als besonderes Bonbon erzählte er Micky, dass er hundertprozentig wusste, dass Mr. Alexander ein hoch angesehener Kunstsammler war, der auf die von Micky anvisierte Auktion gehen würde.
Dort hatte ihn die Comtesse dann auch getroffen, den großen, schlanken Mann mit braungebrannter Haut und schwarzen Haaren. Auch nach Tausenden von Jahren benahm er sich wie ein Prinz von Ägypten oder enger Vertrauter eines der größten Feldherren der Geschichte. Isis hätte perfekt zu ihm gepasst und alle ihre Sorgen wären erledigt gewesen. Nun ja, fast alle. Denn da waren noch immer Sikes und die Splittergruppe. Es führte als kein Weg daran vorbei.

Ohne lange zu zögern, hatte Micky den Prinzen direkt im Anschluss an die Auktion herausgefordert und ihm großzügerweise die Wahl des Austragungsortes überlassen. Spontan hatte er den Central Park vorgeschlagen und ihr einen Handkuss aufgedrückt, was Duncan fast dazu veranlasst hätte ihm im Eingangsbereich des Auktionshauses ein Ding zu verpassen.

Was völlig unnötig war, denn seine Frau wäre nie auf solch durchschaubare Avancen hereingefallen. Im Gegenteil sie konnte nur den Kopf darüber schütteln, wie ein so weltgewandter Mann von königlicher Herkunft, der an der Seite von Alexander dem Großen geritten war, sich freiwillig und für seine perfide Rache den Befehlen eines Wahnsinnigen unterwerfen konnte. Methos hatte sie beim anschließenden Telefongespräch, in dem er sie natürlich vergeblich von dem Duell abzubringen versucht hatte, daran erinnert, dass auch Alexander der Große eine blutige Spur in der Geschichte hinterlassen hatte. Sogar seinen eigenen Vater König Philipp II. von Makedonien hatte er töten lassen, um den Thron besteigen zu können. Und dies war nicht seine einzige Bluttat geblieben. Immer wieder hatte er im Laufe seines kurzen 33-jährigen Lebens Konkurrenten, die ihm eventuell den Thron hätten streitig machen können, hinrichten lassen. Bei dem Traum von der Weltherrschaft war Alexander der Große gnadenlos vorgegangen, und genau wie er sie angestrebt hatte, griff nun Christopher Sikes nach der Herrschaft über die Welt. Doch genauso würde Sikes scheitern, Micky würde schon dafür sorgen. Denn eines war sicher, Sikes würde die Welt ins Chaos stürzen, die Sterblichen versklaven und seine Herrschaft ewig andauern lassen.

Micky atmete noch einmal tief durch, die Luft roch jetzt zweifelsfrei nach Gewitter. Und endlich hatte sie ihr Ziel auch erreicht. Im Herzen des Central Parks zwischen dem See und der Mall stand sie auf der Bethesda Terrasse. Sie ging langsam und mit weitschweigigem Blick die große Freitreppe herunter. Auf der untersten Stufe nahm sie ihre Sporttasche von der Schulter und hole ihr Schwert heraus.
Dort unten stand er und wartete auf sie, Michael Alexander. Hinter ihm erhaschte Micky einen Blick auf den Bethesda Fountain-Brunnen, der im 19. Jahrhundert anglegt worden war.

 

Guten Abend, Mrs. MacLeod“, grüßte er sie höflich. In der Ferne tat es einen gewaltigen Donnerschlag. Das Gewitter kam unaufhaltsam ihrem Standort näher. Micky kam mit hocherhobenem Schwert auf ihn zu. Sie warf ihre Tasche auf den Boden und ihre Jacke darüber. Michael Alexander musterte sie genießerisch, sie trug eine abgeschnittene Jeans und ein enges Shirt mit Spaghettiträgern. Nichts, was sie behindern konnte, ihre Füße steckten in bequemen Turnschuhen. Wenn Micky schon gegen den größten Krieger unter den Unsterblichen antrat, durfte sie nicht von unbequemer Kleidung abgelenkt werden.
Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn und spürte einen ersten Regentropfen, der auf ihr ohnehin schon nasses Haar fiel.
"Hallo, Mr. Alexander. Oder bevorzugen Sie 'Euer Hoheit'?" fragte sie leicht spöttisch.
"Das überlasse ich Ihnen, Comtesse. Können wir dann beginnen? Ich habe noch etwas vor."
"Ich auch. Im Waldorf wartet eine Massage und eine schöne, lange Dusche auf mich und dann ein Dinner mit meinem Mann."

Da wird Ihr armer Mann wohl lange warten müssen, Mrs. MacLeod“, erwiderte der große, athletische Mann und eröffnete das Duell. Er vollführte einen hohen Schlag, den Micky problemlos abblockte. Sie schlug sofort zurück und drängte ihn in Richtung des Brunnens.

In ihrer unmittelbaren Nähe donnerte es, ein Blitz schlug in einen nahe stehenden Baum ein. Weder Micky noch Michael Alexander kümmerten sich darum. Sie interessierte nur, wer von ihnen beiden lebend aus dem Duell hervorgehen würde.

Micky rannte auf ihn zu und schlug nach ihm. Alexander geriet ins Taumeln und fiel in den Brunnen. Sie ließ ihr Schwert niedersausen, doch im letzten Moment wehrte er den Tod bringenden Schlag ab. Ihre Waffen schlugen mit einer derartigen Wucht aufeinander, dass Funken flogen und Micky den Halt verlor. Sie landete mit einem lauten „Platsch“ im Wasser. Prustend kam sie direkt wieder auf die Füße und drückte mit beiden Armen Alexanders Schwertarm nach hinten. Sie schlugen nun abwechselnd aufeinander ein, wehrten aber jeden gegnerischen Schlag ab.

Sie sind gut, Comtesse“, lobte der Prinz und versuchte sie damit abzulenken.
Danke, von einem ehemaligen Feldherrn ist das wohl ein großes Kompliment. Und mit Ihrer Lebensenergie werde ich anschließend noch viel besser sein!“ Er lachte amüsiert und holte mit der Rechten aus. Mickys Schwert flog ihr in hohem Bogen aus der Hand. Er schlug direkt noch einmal zu und erwischte sie an der Hüfte, da Micky sich zu ihrem Schwert hingedreht hatte. Den brennenden Schmerz ignorierend, zögerte sie keine Sekunde, sondern sprang mit weiten Schritten durch das Wasser und aus dem Brunnen heraus. Das Gewitter war jetzt genau über dem Central Park, es donnerte und blitzte mit wenigen Sekunden Abstand.
Es ist wirklich bedauerlich, dass ich Sie töten muss, Comtesse. Sie wären eine so würdige Gefährtin für mich gewesen“, rief Alexander über das tosende Gewitter hinweg und schwang sein Schwert. Micky bückte sich schnell, hob ihr Toledo Salamanca vom Asphalt auf, drehte sich um und parierte im letzten Augenblick den Schlag. Mit beiden Händen ihr Schwert fest umklammernd schlug sie nach Alexanders muskulösen Beinen, doch der Ägypter sprang fast schon gelangweilt in die Luft und landete Augenblicke später wieder sicher auf seinen Füßen. Sein Schwert sauste gnadenlos auf die Comtesse herunter und verpasste ihr einen tiefen Schnitt am rechten Arm. Nun musste sie mit einer Hand weiterkämpfen. Doch glücklicherweise hatte er sie rechts verletzt, so war Micky nicht allzu benachteiligt.
Ich stehe nicht auf Prinzen eher auf schottische Barbaren, tut mir leid.“ Sie führte eine Finte aus, doch Alexander fiel nicht darauf herein. Wieder und wieder wehrte er erfolgreich jeden ihrer Schläge ab. Micky versuchte sich an alles zu erinnern, was sie im Laufe der Jahrhunderte gelernt hatte. Irgendwie musste er doch zu besiegen sein. Die Alternative war undenkbar. Sie hatte nicht 507 Jahre gelebt, um heute Nacht im Central Park dieses Duell zu verlieren. Nun, wahrscheinlich dachte sich Michael Alexander genau das Gleiche. Auf dem nassen Asphalt rutschte Micky aus und schlug mit dem Kopf auf. Sie schüttelte die Benommenheit ab und merkte, wie ihr Blut von einer Wunde an der Stirn mit Regenwasser vermischt neben dem linken Auge herunter lief. Ein wenig unsicher kam sie wieder zum Stehen und sah sich ihre Möglichkeiten abwägend um. Erst einmal war es wohl ratsam ein wenig Abstand zwischen sich und ihren Kontrahenten zu bringen.

Sie rannte ein paar Schritte und versuchte zu Atem zu kommen, Michael Alexander verfolgte sie gnadenlos und drosch direkt wieder mit seinem breiten, mazedonischen Schwert auf Micky ein. Er gönnte ihr keine Sekunde Ruhe. Den nächsten Schlag führte er von unten aus, doch sie wehrte ihn geschickt ab.

Micky sprintete die Stufen der großen Freitreppe herauf, Alexander war dicht hinter ihr. Blitzschnell drehte sie sich um und schlug nach ihm. Endlich hatte sie einen Treffer gelandet und den Ägypter am Arm verletzt. Wieder schlug er tief nach Mickys Beinen. Sie sprang nach vorne und trat gleichzeitig nach ihrem Gegner. Alexander verlor den Halt und fiel die Treppen herunter. Micky rannte hinter ihm her. Unten angekommen, rappelte er sich keuchend und nass bis auf die Knochen wieder auf. Unmengen von Wasser ergossen sich aus den düsteren Gewitterwolken auf die Duellanten.

Wissen Sie, Mrs. MacLeod, wir können die Sache immer noch abblasen.“
Ach, kriegen Sie endlich Angst um Ihren königlichen Hals?!“ spottete Micky.
Nein, eher um den Ihren. Es wäre so schade darum.“
Tut mir leid, Euer Hoheit. Aber ich brauche Ihre Energie, um Christopher Sikes zu erledigen. Er hängt leider immer noch dem Irrglauben nach, dass es eine Zusammenkunft gibt. Genauso wie Sie immer noch glauben, dass Isis eine gute Partie für Sie gewesen wäre.“
Lassen Sie die Prinzessin aus dem Spiel!“ knurrte Alexander. Micky stutzte kurz, doch dann erinnerte sie sich an ein Gespräch mit Methos, in dem er ihr erzählt hatte, dass Isis die Tochter von Schar-Kali-Scharri von Akkad und der ägyptischen Prinzessin Neferet und somit der Titel „Prinzessin“ durchaus korrekt war.
Wie können Sie Methos nach über viertausend Jahren immer noch böse sein, dass er an Ihrer Stelle diese Nervensäge geheiratet hat?! Isis ist schlimmer als alle biblischen Plagen zusammengenommen!“ Wütend preschte Michael Alexander nach vorne und griff Micky wieder an. Sie war völlig überrascht, dass der Mann nach so langer Zeit anscheinend immer noch in Isis verliebt war.
Sie ist keine Plage!“ schrie er voller Überzeugung. Mickys Toledo Salamanca erwischte Alexanders rechten Oberschenkel. Mit schmerzverzerrtem Gesicht sprang er einen Schritt zurück, ging aber sofort wieder zum Angriff über.
Oh doch! Sie hat Methos sitzen lassen, mehr als einmal. Zuletzt im vergangenen Winter und auch nur, weil er sich um Duncan gekümmert hat, als ich im Koma lag! Was ich auch Ihrem Freund Sikes zu verdanken hatte!“
Isis lässt nie jemanden im Stich, Sie falsche Schlange!“
Dieser Kosename trifft eher auf Isis zu!“ konterte Micky und versetzte Alexander einen Tritt vor die Brust. Er taumelte ein paar Schritte und fiel rückwärts in den Brunnen. Micky erkannte ihre Chance und sprang hinterher. Sie holte mit ihrem Schwert aus und schlitzte ihm den Bauch der Breite nach auf. Alexander keuchte erschrocken. Das Schwert hielt er unsicher in den Händen, Micky schlug es mit Leichtigkeit weg. Nun war er ohne Verteidigung und erkannte, dass er verloren hatte.
Ich verspreche Ihnen, dass ich Sikes töten werde und wenn mir Isis mal wieder tierisch auf die Nerven geht, schicke ich Sie Ihnen ohne Rückfahrkarte hinterher!“ Sie hob ihr Schwert und schlug dem Prinz von Ägypten den Kopf von den Schultern. Die Leiche landete platschend im Brunnen. Micky rang um Atem und hielt sich einen Augenblick die verletzte Hüfte. Dann sah sie die Blitze, die bereits durch das Wasser auf sie zukamen. Sie hielt ihr Toledo Salamanca mit der Linken nach oben und machte sich innerlich bereit. Ihr war ein wenig flau im Magen. Gleich würde sie das Wissen und die Energie eines über viertausend Jahre alten Unsterblichen in sich aufnehmen. Ein wenig ängstlich humpelte Micky einige Schritte zurück. Doch das war Blödsinn, dafür war sie schließlich gekommen. Sie brauchte Alexanders Energie und Wissen. Ihre Unerfahrenheit mit einem so mächtigen Gegner ließ sie vor der Energieübertragung zurückschrecken. Bevor sie sich jedoch fragen konnte, wie es sich anfühlen würde, hatte der erste Blitz sie auch schon erreicht. Sie führte beide Hände zusammen, streckte ihr Schwert hoch in den Himmel und schrie: „Sikes, dafür bringe ich dich um!“

Das Gewitter vermischte sich mit den Energieblitzen und färbte sich über dem Central Park rot. Man konnte nicht mehr unterscheiden, welche Blitze vom Himmel und welche vom Boden kamen. Das Wasser im Brunnen fing an zu brodeln und zu zischen unter der enormen Energie, die Michael Alexander verließ und sich einen neuen Träger suchte.

Es tat unbeschreiblich weh. Die schier unfassbare Menge an Energie und Wissen durchströmte Micky mit einer nicht geahnten Macht und erreichte jede Faser ihres Körpers, der fast zu zierlich dafür zu sein schien. Sie warf ihr Schwert weit von sich und fiel ins Wasser. Noch immer durchzuckten die Blitze sie und warfen Micky im Brunnen hin und her.

 

Langsam kam Duncan mit den Händen in den Hosentaschen seiner Jeans die Stufen der Freitreppe herunter, er konnte ja jetzt sowieso nichts tun. Das Gewitter ließ allmählich nach. Er war für seinen Geschmack auch schon zu nass geworden. Seinen aufgeweichten Mantel zog Duncan kurzerhand aus und ging im lockeren Jackett weiter.

Sein Weg führte ihn zu Mickys Sporttasche, wo er seinen Mantel hineinsteckte und saubere Kleidung zum Wechseln für seine Frau heraussuchte. Dann nahm er die Sachen und ging vorsichtig in die Nähe des Brunnens. Noch immer wurde die Energie von Michael Alexander auf Micky übertragen. Die Schreie, die sie ausstieß, taten Duncan in der Seele weh. Er konnte jeden Menschen leiden sehen, sich eingeschlossen, aber nicht seine Frau. Doch Darius hatte ihnen unmissverständlich klar gemacht, dass kein Weg daran vorbeiführte, wenn sie Sikes besiegen wollte. Sie brauchte die Energie und das Wissen von Michael Alexander.

 

Dann traf sie noch ein letzter Blitz, und Micky fiel völlig entkräftet in den Brunnen. Duncan ließ fallen, was er gerade in Händen hielt und rannte zu ihr. Einige Sekunden später hörte auch das Gewitter, das über New York getobt hatte, auf.

Micky, Schatz. Alles in Ordnung?“ Er hob ihr Gesicht aus dem Wasser und zog sie vorsichtig aus dem Brunnen. Ihr Kopf lag auf seinem Schoß, er strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die mit dem Blut aus der Wunde über ihrem linken Auge verklebt war. „Micky, hörst du mich?“ Er kam mit seinem Gesicht ganz nahe an sie heran. Erleichtert stellte Duncan fest, dass sie atmete. Für einen kurzen Moment war er wieder am Loch Shiel und hielt ihren leblosen Körper in den Armen. Endlich öffnete sie die Augen und schnappte nach Luft. Sie schoss nach oben, doch Duncan hielt sie fest. „Ruhig, alles okay. Du hast gewonnen. Alexander ist tot.“
Oh Mann, ich will so was nie wieder machen müssen.“ Sie stöhnte und zitterte, obwohl es noch immer sehr warm war.
Meinst du ein weiteres Duell? Du musst aber auf jeden Fall noch Sikes ausschalten…“
Nein, ich meine, einen so alten und mächtigen Unsterblichen zu töten. Es war schrecklich. Ich habe gedacht, nein falsch, gehofft, dass ich sterbe. Ich konnte es nicht ertragen. Soviel Energie, fast zuviel für einen einzelnen Unsterblichen. All die Duelle, die Michael gewonnen hat. Alles, was er erlebt hat. Ich habe alles gesehen. Wie er in Theben aufgewachsen ist, wie er Isis kennen lernte. Wie er sich Alexander dem Großen anschloss. Einfach alles, was er in dieser Ewigkeit getan und erfahren hat. Ich beherrsche durch sein Wissen jetzt Kampftechniken, davon kannst du nur träumen.“ Duncan grinste.
Dann bring sie mir bei. Ich bin dein williger Schüler“, erklärte er und half ihr aufzustehen. „Hier trockene Sachen.“
Danke. Aber weißt du, was das Erstaunlichste ist, Duncan?“
Nein, klär mich auf.“ Sie zog sich Shirt und Hose aus und sah sich den Schnitt an der Hüfte an. „Autsch, tut es sehr weh?“ fragte Duncan mitfühlend.
Die Energieübertragung war schlimmer. Hier nimm mal“, sie gab ihm die nassen Sachen und zog sich langsam wieder an. „Mir tut alles weh… Was ich sagen wollte, das Erstaunlichste an der ganzen Geschichte ist, dass Michael Alexander unsere gute Isis bis zum Schluss geliebt hat. Und er konnte Methos nicht verzeihen, dass er sie an seiner Stelle geheiratet hat. Unglaublich.“ Duncan lachte.
Micky, du bist unglaublich. Gerade fünf Minuten sind seit dem Duell vergangen, und du machst dir schon wieder Gedanken um deine Freunde.“ Sie zuckte die Achseln.
So bin ich eben. Man muss mich einfach lieben.“ Duncan steckte Mickys Schwert zu den nassen Sachen in die Sporttasche, warf sie sich über die Schulter und legte einen Arm um seine Frau.
Ich tue es auf jeden Fall, Comtesse. Jeden Tag mehr. Komm, du hast dir ein schönes Schaumbad verdient.“ Sie lächelte zufrieden. Das hatte sie in der Tat.
Warte einen Moment.“ Sie löste sich aus der Umarmung und ging zum Brunnen zurück.

Dort im rot verfärbten Wasser trieb Michaels Schwert neben seinem toten, enthaupteten Körper. Micky griff danach und holte es heraus. Der Engel, der hoch über ihnen auf der Fontäne thronte, blickte gleichmütig auf die Leiche von Michael Alexander herab, wusste keine Träne um den ehemals stolzen Prinz von Ägypten zu vergießen, während das blutige Wasser von dem Schwert zurück in den Brunnen tropfte.

Was willst du mit seinem Schwert?“ fragte Duncan erstaunt, der über ihre Schulter auf die Leiche sah. Jetzt wirkte der Prinz gar nicht mehr so königlich und großspurig, wie er es noch im Auktionshaus gewesen war.
Du glaubst doch nicht allen Ernstes, dass ich das Schwert von Alexander dem Großen hier liegen lasse, oder? Das kommt in meine Sammlung.“ Duncan sah sie ungläubig an.
Das Schwert von Alexander dem Großen? Dem richtigen Alexander, dem aus dem vierten Jahrhundert vor Christus? Woher willst du das so genau wissen? Steht da sein Name drauf?“ Micky lachte und packte es vorsichtig in die Sporttasche, deren Träger sie sich nun selbst über die Schulter hängte.
Ich weiß es eben, Duncan. Ich weiß jetzt fast so viel wie Methos“, erklärte sie und tippte sich dreist grinsend an die Stirn.
Oh Himmel, bewahre mich vor dieser Frau! Du warst ja vorher schon so rechthaberisch! Wie soll das erst mit einem jahrtausendealten Wissen werden?!“
Auf alle Fälle solltest du ab heute nie mehr mein Fachwissen über Antiquitäten in Frage stellen.“
Ich werde mich hüten. Oh Weiseste unter den Weisen, darf ich unwürdiger Unsterblicher dich in unser Hotel geleiten und dir ein Schaumbad einlassen?“ Er verbeugte sich galant und breit grinsend.
Du darfst“, erwiderte Micky und humpelte zufrieden in Richtung der Treppe.

 

 

8. Ein Ausflug ins Grüne

 

Kanada, Coast Mountains östlich von Vancouver, ein herrlich sonniger Tag im August.
Die Sonne stand hoch am Himmel und schien freundlich auf Connor und Isabelle hinab, die eine Wanderung durch die Landschaft nahe der majestätischen Coast Mountains unternahmen. Die in etwa 1.600 Kilometer lange und bis zu 200 Kilometer breite Bergkette war dicht bewaldet und von zahlreichen Fjorden durchzogen. Der höchste Berg war mit 4.016 Metern der Mount Waddington. Connor und Isabelle wanderten in Richtung einer tiefen Schlucht, durch die der längste Fluss von British Columbia, der Fraser River, floss.

Sie gingen über saftig grüne Wiesen, am Horizont sahen sie die mit ewigem Schnee bedeckten Gipfel des Gebirges. Connor hatte geplant mehrere Tage hier zu bleiben und mit seiner Freundin im Freien bei einem gemütlichen Lagerfeuer zu übernachten. Erfreulicherweise war Isabelle, obwohl ein Kind der Moderne, nicht zimperlich, sondern im Gegenteil von der Idee begeistert. Sie folgten dem Lauf des Fraser Rivers, verloren aber die von Gletschern durchzogenen Berge nie aus dem Blick. Der Fluss entsprang in den Rocky Mountains und mündete nach einer 1.368 Kilometer andauernden Reise bei Vancouver ins Meer. Das ganze Jahr über konnte man die größten Fische an Land ziehen. Und genau das hatte Connor vor. Ein paar Tage ausspannen, angeln und vergessen, was vor ihnen lag.

 

Connor, warte mal. Ich habe einen Stein im Schuh.“ Er blieb stehen und atmete tief durch. Es waren zwar nicht die Berge seiner Heimat, aber die Gegend war trotzdem überwältigend schön. Inmitten der Natur lebte er jedes Mal aufs Neue auf und sammelte seine Kräfte. Und die brauchten im Augenblick alle Unsterblichen, denn dort draußen in der Zivilisation fernab dieser friedlichen Idylle, wo sie sich heute eine Auszeit vom Kampf um ihr Überleben gegönnt hatten, lauerte wie ein unheilvoller Schatten Christopher Sikes auf sie. Er hatte getobt, als er von Michael Alexanders Ende im Central Park erfahren hatte. Diese Reaktion, die Micky von einem Spitzel berichtet worden war, den sie in Sikes’ nächster Umgebung eingeschleust hatte, löste Begeisterung bei der Comtesse aus. Die anderen fanden es ein wenig zu gewagt Sikes überwachen zu lassen, doch Micky sah darin die einzige Möglichkeit ihm einen Schritt voraus zu sein.
Connor trat hinter Isabelle und legte die Arme um sie.
Alles klar, mein Herz?“ Sie lächelte über den Kosenamen, den Connor ihr gegeben hatte. Der große Schotte trat noch ein wenig näher und schnupperte an Isabelles blondem, kräftigem Haar, das nach Kokosnuss roch. Er sog den Duft tief in seine Lungen ein und hoffte, dass der Moment ewig andauern würde. Soviel Frieden hatte er schon seit langer Zeit nicht mehr empfunden. Zuviel war passiert, seit Sikes sich zu ihrem neuen Erzfeind aufgeschwungen hatte.
Ja, alles klar, Connor. Es ist einfach herrlich hier. Wir hätten schon viel früher her kommen sollen. Die Landschaft ist unbeschreiblich schön“, schwärmte Isabelle mit einem verträumten Blick auf den Horizont.
Unbeschreiblich schön und ganz schön gruselig.“ Isabelle sah ihren Freund überrascht an.
Was?“
Es gibt eine alte Legende, in der erzählt wird, dass in den Coast Mountains ein alter Indianerschatz versteckt liegt, der verflucht ist“, erklärte Connor geheimnisvoll.
Uh, jetzt habe ich aber Angst“, sie lachte. „Connor, ich bin Polizistin. Ich habe Jack the Ripper gejagt.“
Der dich umgebracht hat und deine Schwester auch…“ Er biss sich auf die Unterlippe. „Tschuldige, es war nicht fair Natalie in diesem Zusammenhang zu erwähnen.“ Über Isabelles Gesicht huschte der Hauch eines Lächelns.
Ach Connor, es ist schon in Ordnung. Wenn wir nicht über Natalie sprechen, vergessen wir sie. Und das wäre noch viel schlimmer als sie in einem unpassenden Zusammenhang zu erwähnen. Und jetzt zieh' nicht so ein langes Gesicht, fang' mich lieber!“ Sie rannte auf die Berge zu. Connor lachte vergnügt und nahm sofort die Verfolgung auf. Ihr Weg führte über Blumenwiesen, deren Blüten von Hummeln und Schmetterlingen umschwärmt wurden. Sie hörten Vögel singen, sahen Adler hoch am Himmel kreisen.

Nach einiger Zeit hielt Isabelle atemlos an und rang nach Luft. Connor hatte sie schnell eingeholt. Da spürten beide, dass ein Unsterblicher anwesend war.

Isabelle, in Deckung!“ rief er so leise wie möglich. Sein Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an.
Was ist denn? Vielleicht ist es zur Abwechslung mal ein guter Unsterblicher.“ Connor sah sie an, als wollte er sagen, ja und an den Weihnachtsmann glauben wir auch noch, mein Schatz.
Nicht in diesen Zeiten. Ich gehe immer erst von dem Schlimmsten aus.“ Mit diesen Worten zog er sein japanisches Schwert aus seinem Rucksack heraus. Isabelle tat widerwillig das gleiche. „Und du…“
Ich weiß, ich bleibe hinter dir. Ich bin keine hundert und stehe unter deinem Schutz. Ich bin kein Kleinkind, Connor!“
Nein, aber die Frau, die ich liebe. Und ich bin verpflichtet dich zu beschützen mit meinem Schwert, meinem Körper und meinem Leben.“ Isabelle grinste neckisch.
Wenn du das so sagst, gerate ich in Versuchung dich hinzuwerfen und über dich herzufallen, du wilder Schotte.“ Connor konnte nicht anders, er musste lachen.

Dann wurde er wieder ernst, sah sich nach dem Unsterblichen um, dessen Anwesenheit sie gespürt hatten.

Vor ihnen befand sich ein Gebilde, das sie auf den ersten Blick für einen Begräbnishügel hielten. Er war geöffnet worden. Eine archäologische Ausrüstung lag ausgebreitet vor dem Eingang.

Leise schlichen sie in die kalte, feuchte Höhle, Connor vorneweg dicht gefolgt von seiner Freundin. Die Ausgrabungsstätte war von Flutlicht hell erleuchtet. Eine kleine Zahl Artefakte lag ordentlich nummeriert und katalogisiert auf dem Boden. Schriften an der Wand bestätigten Connor die beruhigende Tatsache, dass dies keine Begräbnisstätte, sondern eine Schatzkammer war. Erleichtert atmete er auf. Zumindest verstieß er dann nicht gegen ein Gesetz der Zusammenkunft, sollte sich der fremde Unsterbliche als ein Feind herausstellen.

Ist das besagter Schatz, auf dem ein Fluch liegt?“ witzelte Isabelle mit einem Blick auf die Schmuckstücke. Connor legte einen Finger auf seine Lippen und bedeutete ihr leise zu sein. Vorsichtig ging er weiter, bis er den Archäologen erreicht hatte.

Ich bin Connor MacLeod vom Clan der MacLeod“, rief Connor mit fester Stimme. Der Unsterbliche, der mit dem Rücken zu ihm gehockt hatte, griff instinktiv zu seinem Schwert, schoss nach oben und drehte sich mit den Reflexen eines Bergpumas um.
Connor MacLeod! Na, sieh mal einer an. So treffen wir uns wieder“, meinte der dunkelhaarige Unsterbliche, der äußerlich wie Mitte vierzig wirkte, in Wahrheit aber 376 Jahre alt war. Er trug einen Vollbart, eine Narbe verlief quer über dem rechten Auge, was ihm ein sehr verwegenes Aussehen verlieh. Sein langes Haar hatte er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Seine abgetragene, braune Lederjacke knarzte bei jeder Bewegung. Isabelle schmunzelte, denn er erinnerte sie in der Tat ein klein wenig an den berühmtesten Archäologen der Filmgeschichte.
Walter St. John! Es ist lange her! Was führt dich in die Coast Mountains?“ fragte Connor und zeigte mit der Spitze seines Toledo Salamanca auf den Engländer.
Ausgrabungen. Die Legende vom verfluchten Indianerschatz. Und du? Was treibst du hier? Und wen versteckst du hinter deinem breiten Kreuz?“ St. John versuchte einen Blick auf Isabelle zu erhaschen. Sie trat hinter Connor hervor.
Isabelle Coulins, sehr erfreut Sie kennen zu lernen“, stellte sie sich höflich vor, hielt aber schützend ihr Rapier, das vormals ihrer Schwester Natalie gehört hatte, vor sich.
Das glaubst auch nur du, mein Herz. Walter St. John ist alles andere als ein angenehmer Zeitgenosse. Er ist ein Lump, ein Betrüger und ein Mörder“, knurrte Connor wütend.
Pfui, MacLeod. Es ist höchst unfein einen Freund in Gegenwart einer Lady zu diffamieren.“
Isabelle ist in der Tat eine Lady, aber du bist alles andere als ein Freund, St. John.“ Sie umkreisten sich bereits mit ihren Schwertern. Der Engländer führte ein langes Breitschwert mit einem verzierten Griff. Das Wappen seiner Familie war darin eingraviert. Die St. Johns waren im 17. Jahrhundert eine angesehene Adelsfamilie gewesen. Daher war es keine Frage, dass der amtierende Earl nach Cambridge zum Studium ging. Dort hatte Connor ihn 1672 getroffen und sich mit ihm angefreundet. Diese Freundschaft hatte angedauert bis zu dem Tag, da Connor den wahren Charakter des Earls erkannt hatte.

 

Großbritannien, Universität von Cambridge, 1672.
Die Universität war laut einer Legende, von denen das britische Empire ja geradezu durchwachsen war, 1209 durch einen Auszug einer Anzahl Dozenten und Studenten aus Oxford gegründet worden. Offiziell hatte man aber das Jahr 1284 anerkannt.

Vor einigen Jahren hatte Connor sich zum Studium in Cambridge eingeschrieben. Er hielt es für an der Zeit sein barbarisches Erbe zumindest in gewissem Maße abzustreifen und sich ein wenig zu bilden. Connors Wahl war dann unter den zahlreichen Colleges, die Cambridge in sich vereinte, auf das traditionsreiche Trinity College gefallen. Es war 1546 aus dem Michaelhouse und der King’s Hall hervorgegangen. Sein Gründer war niemand Geringeres als Heinrich VIII., Vater der späteren Königin Elisabeth I., gewesen.

Besonders angetan hatte es dem lernbegierigen und lesewütigen Connor die Wren Library, benannt nach Christopher Wren. Dieser war nach dem großen Brand von London im Jahre 1666 zum Baumeister der Stadt und 1668 zum königlichen Generalarchitekten von England ernannt worden. Darin hatte er seine Berufung gefunden und mehr als 60 Kirchen und öffentliche Gebäude entworfen und errichtet.

Connor interessierte für sich eine Vielzahl von Wissensgebieten, er studierte neben Latein auch Französisch und schnupperte ein wenig in die Physikvorlesungen herein. Vor kurzem hatte ein Freund ihn auf die höchst interessante Arbeit eines ehemaligen Studenten des Trinity College aufmerksam gemacht – eines jungen Mannes namens Isaac Newton. Er sorgte in der wissenschaftlichen Welt mit seinem Werk über die Brechung des Lichts für heftige Diskussionen. Connor ahnte, dass dieser Mr. Newton sich noch zu großen, geistigen Leistungen aufschwingen würde. Und wenn er, Connor, nicht frühzeitig seinen Kopf verlor, konnte er durchaus miterleben, was der intelligente Kopf von Isaac Newton noch hervorbringen würde.

Dieser Freund, Walter St. John, war es auch, den Connor nun zum Duell gefordert hatte. Er war wie Connor ein Unsterblicher. Aber keiner von der netten Sorte, wie sich nun leider herausgestellt hatte. Im Streit um Geld hatte er einen jungen, naiven Kommilitonen ermordet. Das war etwas, das Connor nicht tolerierte. Er stellte St. John zur Rede und bat ihn die Konsequenz für sein Handeln zu übernehmen. Man hätte St. John gemäß der Gesetze des Königreiches erhängt. Das hätte den Earl aber um seinen Titel und seine Ländereien gebracht. Und darauf wollte der verwöhnte Engländer keinesfalls verzichten. Daher hatte er kurzerhand einem anderen Studenten seine Tat angehängt. Der junge Mann war durch die Güte seines reichen Onkels in den Genuss des Studiums in Cambridge gekommen. Er hatte keine Möglichkeit seine Unschuld zu beweisen. In seiner ausweglosen Situation hatte der zu Unrecht überführte Täter einen Strick genommen, sich einen Zettel mit den Worten „ich bin unschuldig“ an sein Hemd geheftet und sich an dem Baum aufgehängt, unter dem Connor und St. John sich nun duellierten. Somit hatte St. John nun zwei unschuldige Menschen auf dem nicht vorhandenen Gewissen. Eine Tatsache, die Connors schottisches Ehrgefühl unter keinerlei Umständen durchgehen lassen konnte.

Du bist ein feiges Schwein, Walter! Stell dich und du kannst deinen Kopf behalten. Ansonsten hole ich ihn mir!“ erklärte Connor mit gezogenem Schwert und seinen ehemaligen Freund bedrohend.
Ich denke ja gar nicht daran, MacLeod! Ich verzichte niemals auf die Privilegien meines Titels!“ Er schlug wutentbrannt mit seinem Schwert auf den Schotten ein. Connor trat ihm unerschrocken entgegen. Er war seit 136 Jahren ein Unsterblicher, Walter St. John hatte die Belebung erst in diesem Jahr ereilt. Seine Kampfkunst rührte also nur von dem Unterricht her, den jeder wohlerzogene junge Mann erhielt. Er hatte keine Chance gegen den Highlander, der seit seiner frühesten Kindheit gelernt hatte ein Schwert zu führen.

Doch das Schicksal wollte es anders. Gerade hatte Connor mit seinem japanischen Schwert, das er vor 57 Jahren geschmiedet hatte, einen Schlag gegen St. Johns Kopf geführt. Damit hatte er dem Engländer einen tiefen Schnitt quer über das rechte Auge verpasst. St. John blinzelte bestürzt das Blut weg und wich vor Connor zurück. Da hörten sie eine Vielzahl Stimmen, die sich dem Schauplatz ihres Duells näherten. St. John erkannte seine Chance, wandte sich um und rannte so schnell seine Beine ihn tragen konnten. Connor stieß einen wütenden, gälischen Fluch aus, suchte dann aber auch das Weite.

Am nächsten Morgen denunzierte er Walter St. John des Mordes an Ulysses Headfield und der Schuld an dem daraus resultierenden Selbstmord von Lucius Hockney. Die Beweise sprachen für sich, was zur Folge hatte, dass Walter St. John in seiner Abwesenheit des Mordes für schuldig, für vogelfrei erklärt und seiner Titel und Privilegien beraubt wurde.

 

Kanada, die Ausgrabungshöhle nahe den Coast Mountains, in der Gegenwart.
Du hast mich um mein Vermögen, meinen Titel und mein Leben gebracht, MacLeod!“
Dein Leben?! Du wurdest zum Mörder wegen Spielschulden, die der junge Headfield nicht sofort bezahlen konnte! Und dann hast du mit falschen Beweisen Lucius Hockney in den Selbstmord getrieben! Wie du mit dieser Schuld überhaupt weiterleben konntest, ist mir ein Rätsel!“ Er schlug nach St. John, der ein paar Schritte nach hinten sprang. Connor setzte ihm nach, sein Schwert wechselte in Schwindel erregender Geschwindigkeit von links nach rechts. Er drehte es ein paar Mal in der rechten Hand und griff erneut an. St. John hieb unverdrossen nach seinem ehemaligen Freund und verletzte ihn am Arm. Isabelle zuckte zusammen, meinte den Schmerz ihres Geliebten fast selbst zu spüren.
Unbedeutende Sterbliche! Du warst schon immer so widerlich edelmütig, Highlander! Die Sterblichen sind nur ein Wimpernschlag im Strom der Zeit. Was können die schon leisten im Gegensatz zu uns?!“
Und was ist mit Sir Isaac Newton? Du erinnerst dich, du hast mir 1672 seine Arbeit über die Lichtbrechung zum Studium gegeben. War Newton kein bedeutender Sterblicher? Hat er die Welt mit seinen Erkenntnissen nicht weit vorangebracht?“ schrie Connor wütend, während er Schlag um Schlag gegen St. John ausführte. Er drängte ihn immer tiefer in die Höhle hinein.

Isabelle folgte ihnen vorsichtig, um nicht aus Versehen in den Kampf zu geraten. Sie hatte keine Lust darauf das gleiche Schicksal wie Micky zu erleiden. Dennoch machte sie sich große Sorgen um Connor. Sie hatte ihn noch nie so wütend erlebt.

Sie sind trotzdem unwichtig, nur zu unserem Vergnügen und unseren Diensten auf dieser Welt.“
Das sehen zum Glück die meisten von uns anders, St. John. Ich aber sehe, dass du immer noch uneinsichtig bist! Daher lässt du mir keine andere Wahl...“
Komm schon, MacLeod. Sag' es, es kann nur Einen geben!“ schrie der Engländer erbost.
Nein, es gibt keine Zusammenkunft! Trotzdem hast du dein Recht auf Leben verwirkt, Walter St. John! Du hast dich 1672 vor deinem rechtmäßigen Urteil gedrückt, doch heute wird keine Gnadenfrist gewährt!“

Connor ließ seinem Gegner keine Chance, jetzt hob er sein Schwert und durchbohrte die rechte Schulter des Engländers. Isabelle stieß zischend die Luft aus. Das musste höllisch wehtun. Walter St. John blieb nicht allzu viel Zeit, um sich seiner Schmerzen bewusst zu werden. Sein Schwert flog ihm aus der Hand und glitt schlitternd über den Steinboden auf und davon.

Dein Mitleid mit den Sterblichen wird eines Tages dein Untergang sein!“ rief Walter St. John noch, dann verlor er seinen Kopf.
Das glaube ich nicht, St. John!“ Connor drehte sich keuchend zu Isabelle um und schrie: „Raus mit dir!“ Sie nickte und nahm die Beine in die Hand.

 

Draußen hörte Isabelle mit heftig schlagendem Herzen die Schmerzensschreie ihres Freundes. Besorgt ging sie ein paar Schritte näher an die Höhle heran. Plötzlich gab es einen lauten Knall, und der Eingang wurde von herabfallenden Felsen und Erde verschüttet.

Connor! Connor! Kannst du mich hören?!“ Sie sah sich auf dem Vorplatz der Ausgrabungsstätte um und entdeckte eine Schaufel. Entschlossen griff sie danach und begann sofort den Eingang freizulegen.

 

Es dauerte Stunden bis sie den ganzen Schutt weggeschaufelt hatte. Inzwischen war der Mond aufgegangen. Isabelle hatte kurzzeitig ihre Arbeit unterbrochen, um ein Lagerfeuer anzuzünden. Im Prinzip war es ja egal, wann sie Connor fand. Sollte ihm der Sauerstoff ausgehen, würde er zwar ersticken, durch die Belebung aber wieder zu sich kommen.

Der Durchbruch war fast gelungen, sie warf die Schaufel weg und grub mit den Händen weiter.

Connor! Connor! Alles klar bei dir?!“ Sie hörte unverständliche Worte und Husten. Dann schoss eine kräftige Männerhand aus der Erde hervor, die den Eingang verschlossen hatte. Isabelle schrie erschrocken auf und sprang einen Schritt zurück. Das war ja wie in einem billigen Horrorfilm. Als sie sich beruhigt hatte, trat sie näher und packte Connors Hand. Ein paar Mal kräftig gezogen, und er kam zum Vorschein. Connor stolperte über den Schutt vor dem Eingang und fiel mit Isabelle gemeinsam ins weiche Gras.
Guten Abend, mein Herz. Was gibt es zum Abendessen?!“ Er lag auf ihr, dreckig, mit zahlreichen Schrammen im Gesicht, Jacke und Hose waren zerrissen. Mit der Rechten hielt er sein Toledo Salamanca fest umklammert. Isabelle sah ihn ungläubig an und brach dann in schallendes Gelächter aus.
Was es zum Abendessen gibt?! Ich grabe stundenlang, um dich zu befreien, und du fragst mich allen Ernstes, was es zum Abendessen gibt?!“ Connor stand grinsend auf und klopfte sich den Dreck vom Körper. Ein Bad im nahe gelegenen Fluss war wohl eine vernünftigere Methode, um wieder sauber zu werden.
Ja, klar. Ich habe großen Hunger.“ Isabelle rollte mit den Augen und beschimpfte ihn in seiner Muttersprache. Connor hob einen Finger, sie verstummte augenblicklich.
Du verbringst definitiv zu viel Zeit mit mir, mein Herz.“
Da hast du wohl Recht. Und ich habe mich der Illusion hingegeben, dass das hier ein ganz normaler Ausflug ins Grüne werden könnte. Aber das ist bei dir einfach nicht möglich… Grins’ nicht so frech. Geh’ dich gefälligst waschen. So bekommst du überhaupt nichts zu essen! Und Connor, bring’ Forelle mit!“ Connor salutierte lachend, griff nach seiner Angelausrüstung und machte sich auf den Weg zum Fraser River, wo er zuerst ein ausgiebiges Bad nahm.


 

 

 

9. Wer Wind sät, wird Sturm ernten

 

Kanada, Vancouver, Duncans Dojo, ein Freitagmorgen Ende August.
Micky, Richie, Connor, Isabelle und Methos saßen beim Frühstück in der Küche. Gerade kam Duncan mit einem Paket, das ein Kurier für seine Frau abgegeben hatte.

Was bringst du da?“ fragte sie ihn neugierig.
Ein Paket für dich.“ Er stellte es vor Micky auf der Küchentheke ab. Sie studierte die Kiste auf der Suche nach einem Absender.
Wird ja wohl keine Bombe sein?“ scherzte Methos, während er sich noch ein Croissant nahm.

Micky nahm das Paket und ging quer durch den Raum zu ihrem Schreibtisch. Mit einer Schere zerschnitt sie das Paketband und riss das Packpapier herunter. Zum Vorschein kam eine schwarze, glänzende Holzkiste mit einem goldenen Schnappverschluss. Auf der Kiste lag eine handgeschriebene Karte. Irritiert las Micky die Botschaft, die Christopher Sikes ihr geschickt hatte: „Die beste Weise Fische zu beobachten, besteht darin selber zum Fisch zu werden. Jacques Cousteau. Meine hochverehrte Comtesse, wenn Sie mich überlisten wollen, müssen Sie selbst in meine Haut schlüpfen und keine zweitklassigen Spitzel in meine Reihen einschleusen. Mit hochachtungsvollen Grüßen Christopher Sikes.“ Sie verstand den Sinn seiner Worte nicht so wirklich, ahnte aber, dass es wohl bedeutete, dass Sikes ihren Spitzel entdeckt hatte. Neugierig geworden öffnete sie die Kiste. Als sie erkannte, was darin lag, trat sie mit einem spitzen Schrei auf den Lippen einen Schritt zurück. Duncan und die anderen sprangen vom Frühstückstisch auf und rannten zu ihr.

Ach du heilige Scheiße!“ rief Richie, der zuerst einen Blick auf den Inhalt der Kiste geworfen hatte. „Was ist das?“ fragte er fassungslos.
Du meinst, wer war das“, korrigierte Micky ihn. „Das war Jeremy Benning. Mein Spitzel“, erklärte sie mit einem bedauernden Blick auf den abgetrennten Kopf des jungen Mannes. Seine azurblauen Augen schienen sie vorwurfsvoll anzustarren. Duncan trat vor und schlug mit einem lauten Knall die Kiste zu.
Der ist doch echt pervers!!“ rief Duncan empört. „Und du bist verrückt, weil du immer noch sein krankes Spiel mitmachst, Comtesse. Damit muss endlich Schluss sein!“

Ganz meine Meinung, Duncan. Ich wollte Sikes ja schon nach dem Duell mit Michael Alexander fordern. Aber unser Mister-‚bei der Theben Tribune in Stein gemeißelt’ behauptet ja immer noch, dass ich dann meine Seele verlieren und Richie den Lockenkopf abschlagen würde!“ schrie sie wütend mit heißen Tränen in den Augen. Sie wusste, dass Sikes die Sterblichen nichts bedeuteten, dass sie für ihn kaum mehr als Spielzeug waren. Für Micky war Jeremy ein wertvoller Mitarbeiter und beinahe ein Freund gewesen. Sein Tod war ein großer Verlust. Dafür würde Sikes büßen. „Ich gehe joggen!“ rief sie noch auf dem Weg zur Tür, die sogleich lautstark ins Schloss fiel.
Richie, geh’ ihr unauffällig nach mit deinem und ihrem Schwert“, befahl Duncan, griff nach der Kiste und trug sie aus dem Raum.
Alles klar, Boss.“ Richie rannte runter ins Dojo, holte die beiden Schwerter und folgte Micky durch den unteren Ausgang.

 

Mit einer Sporttasche über der Schulter ging Richie der Comtesse in einem großzügigen Abstand nach. An einer roten Ampel blieb sie stehen, lief aber nicht weiter, als diese wieder grün wurde. Sie drehte sich um, Richie sprang in eine Seitenstraße.

Komm raus, Richie. Das ist lächerlich“, rief sie ihm entgegen. Verlegen dreinblickend kam der Junior auf die Hauptstraße zurück und ging geknickt auf sie zu.
Es ist unfair mit dem Frühwarnsystem. Wie soll ich dich laut Macs Anweisung beobachten, wenn du mich spürst? Das ist doch beschissen!“ Er ging schnell neben Micky her, die in einem gemütlichen Tempo joggte.
Nicht beschissen, aber eine sehr liebe Geste von Duncan. Er macht sich Sorgen, dass ich etwas Dummes tue.“
Zum Beispiel?“
Oh, zu Sikes ins Büro stürmen und ihn für heute Abend zum Duell fordern…“
Wolltest du das?“
Nein, heute ist im Starlight-Kino das Bogart-Festival. Das möchte ich um nichts in der Welt verpassen“, erklärte sie mit ernstem Gesichtsausdruck. Richie schüttelte lachend den Kopf, wobei seine Locken bei jeder Bewegung mitschwangen. Er war viel zu sehr um Micky besorgt, sonst hätte Richie bemerkt, dass einige junge Frauen ihm schwermütige Blicke nachwarfen. Doch aufgrund der hinreißenden Frau an seiner Seite hielten sie ihre Chancen für verschwindend gering.
Micky, du bist unmöglich.“
Anders wirst du auch nicht so alt, Junior. Da vorne biegen wir links ab.“ Er nickte und folgte ihr eine zeitlang schweigend.

 

Nach einigen hundert Metern erreichten sie ein mehrstöckiges, altes Einkaufszentrum, das im Abriss begriffen war. Die Fensterfronten waren größtenteils eingeschlagen, die Wände waren mit den Insignien diverser Straßenbanden verziert. Ein großes Schild der Baufirma informierte interessierte Passanten, dass die Arbeiten am kommenden Montag beginnen würden. Der perfekte Ort für eine ungestörte Trainingseinheit. Sie gingen um das Gebäude herum. Auf der Rückseite entdeckte die Comtesse, wonach sie gesucht hatte. Micky nahm Richie die Sporttasche ab, betrat einen Lastenaufzug und bedeutete ihm ihr zu folgen. Richie stieg achselzuckend in den Lift. Was blieb ihm schon für eine Wahl?

Rumpelnd fuhr der Aufzug bis ins oberste Stockwerk, wo Micky und Richie schließlich ausstiegen.

Mein Schwert bitte, Junior.“ Er öffnete die Sportasche, zog die Waffen und reichte Micky ihre.
Wann hörst du auf mich Junior zu nennen, Micky?“ Sie warf einen Blick auf die Uhr.
In knapp 72 Jahren, Junior. Wenn wir noch so lange leben. Hör zu, ich werde Sikes herausfordern. Egal was Methos sagt. Wenn der unwahrscheinliche Fall eintritt, dass ich wirklich durchdrehe, gehst du in Darius’ Kloster und versteckst dich dort. Da kann ich dir nichts tun.“
Micky, ich glaube nicht, dass du so was könntest.“
Du hättest auch nie gedacht, dass ich Maximilian mit einem Giftcocktail ins Jenseits befördert habe.“ Richie legte den Kopf widerwillig zustimmend auf die Seite.
Aber…“
Kein aber. Jetzt trainieren wir. Und wenn es soweit ist, tust du, was ich dir gesagt habe. Du versteckst dich im Kloster. Erst wenn dir Methos, Connor, Duncan und all die anderen bestätigt haben, dass ich nicht irre bin, dann kommst du zurück. Schwöre es mir.“
Ja“, meinte er leichtfertig, worauf Micky sofort zum Angriff überging. Sie schlug nach seinem linken Bein, das Richie immer weit nach vorne stellte.
Wie oft habe ich dir gesagt, dass du auch deine Beine decken musst!“ Er sprang in die Luft, machte einen Salto, der Micky insgeheim imponierte. Er musste heimlich mit Duncan geübt haben. Wutschnaubend aber sicher landete Richie auf seinen beiden Beinen und kam auf sie zu gerannt, wobei er sein Schwert ein paar Mal in der Hand drehte. Er führte eine Folge von Schlägen aus, die Micky allesamt voraussah. „Wie ein blutiger Anfänger, Junior! Wenn du willst, dass ich dich nicht mehr so nenne, musst du dich schon ein bisschen mehr anstrengen!“

Sie sprang auf Richie zu, versetzte ihm einen Stoß, so dass er auf einen Haufen mit Bauschutt fiel. Ein herausragendes Rohr ritzte ihm die rechte Seite auf. „Na komm schon, Junior. Steh’ auf und kämpfe weiter. Wenn ich wirklich nach dem Kampf mit Sikes meine Seele verliere, stehst du nicht gut da!“ Wütend und seinen Schmerz ignorierend sprang Richie wieder auf die Füße. Während Micky einen gelangweilten Blick auf ihre Fingernägel warf, schmetterte sie seinen neuerlichen Angriff ab. Richie reizte sie damit, genau wie beabsichtigt, noch mehr. Er stürmte mit seinem Rapier nach vorne, schlug nach Mickys Kopf.

Die Comtesse duckte sich lange bevor sie das Schwert näher kommen sah. Der Schlag an und für sich war gut ausgeführt, was sie ihrem Schüler aber nicht mitzuteilen gedachte. Als Nächstes griff sie wieder an, Schlag um Schlag wehrten die Meisterin und der Schüler die gegnerischen Angriffe ab. Bis sie schließlich ganz dicht bei einander standen und mit aller Kraft ihre Schwerter gegeneinander drückten. Micky sah Richie tief in die Augen, versuchte darin zu lesen und ihn zu verunsichern.
„Hast du Angst, Junior?!“ Sie drückte ihn mit einer Kraft, die Richie von der zierlichen Französin nicht erwartet hatte, weg. Er fiel schon wieder hin, langsam kotzte es ihn richtig an.

Es reicht!“ schrie er sauer, worauf Micky nur belustigt grinste.
Dann hindere mich doch daran, JUNIOR!“ Er sprang auf und griff sie erneut an, in dem er einen tiefen Schlag vortäuschte, dann aber nach Mickys Brust schlug. Dieses Mal hatte sie nicht damit gerechnet. Er verletzte Micky, sie stolperte ein paar Schritte rückwärts, blickte beeindruckt an sich herab.
Na also, es geht doch! Du wirst ab heute jeden Tag eine Stunde mit Methos, dann mit Duncan und abschließend mit Connor trainieren. Ich weiß zu genau, wie du angreifst. Wir müssen sicher gehen.“ Endlich sah sie in Richies Gesicht, dass er begriff, wie ernst das war, was sie ihm begreiflich machen wollte. Er senkte sein Rapier und nickte. Schweiß strömte den beiden aus allen Poren.
Okay. Ich habe verstanden. Drei Stunden zusätzliches Training jeden Tag und wenn du Sikes besiegt hast, gehe ich ins Kloster bis klar ist, dass du nicht mehr durchgeknallt bist, als es im Moment der Fall ist.“ Sie nickte zufrieden, kam näher und gab ihm mit dem Schwert einen Klaps auf den Hintern.
Sehr gut, Richie. Das war der beste Trainingskampf, den ich bisher mit dir ausgetragen habe. Ehrlich.“ Zufrieden grinsend holte er aus der Sporttasche zwei Handtücher hervor. Eines warf er Micky zu, die es gekonnt auffing.

Danke, Micky. Du wirfst ja nicht gerade mit Komplimenten um dich. Da kann ich mir heute echt was drauf einbilden.“ Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Das kannst du in der Tat, Richie. Das kannst du wirklich… Und es tut mir leid, dass ich dich eben so hart ran genommen habe, aber der Tod von Jeremy hat mich mehr mitgenommen, als ich im ersten Moment zugeben wollte…“ Richie trat näher und umarmte Micky.
Schon okay, Boss. Mac hat mich nicht ohne Grund hinter dir her geschickt. Noch dazu mit unseren Schwertern. Ich schätze, er hat geahnt, was in dir vorging und was die beste Therapie war.“ Sie gingen nebeneinander her, Richie nahm Mickys Waffe und verstaute sie gemeinsam mit seiner in der Sporttasche, die er sich wieder über die Schulter warf.
Gehen wir irgendwo ein Eis essen, Richie. Ich lade dich ein.“
Okay. Und dann erzählst du mir, wann und wie du Sikes den Arsch aufreißen willst.“

 

Zwei Stunden später kehrten sie in das Loft der MacLeods zurück. Fröhlich und scherzend betraten Richie und Micky das Wohnzimmer.

Hey Leute, was ist los?“ fragte die Comtesse.
Methos ist weg“, erklärte Duncan kurz angebunden.
Wie weg?“ Micky verstand kein Wort.
Er ist zu Sikes, um ihn zu stellen“, ergänzte Connor die Ausführung seines Cousins.
Was? Dieser Idiot! Das glaub’ ich nicht!“ Micky zog ihr Schwert aus der Sporttasche, schnappte sich die Schlüssel für das Cabrio und stürmte direkt wieder aus der Wohnung. Richie sah ihr mit offenem Mund hinter her.
Wollt ihr sie nicht aufhalten? Mac, geh’ ihr nach! Du musst sie aufhalten! Wenn sie eingreift, dann... Es gibt keine Begnadigung beim zweiten Vergehen, das hat sie doch selbst gesagt!“ rief Richie aufgeregt.
Was soll ich denn machen? Sie ans Bett fesseln, ihr den Kopf abschlagen?“ fragte Duncan und verblüffte Richie mit seiner an den Tag gelegten Gleichgültigkeit.
Was?! Ihr tickt ja wohl alle nicht mehr ganz richtig!“
Micky wird schon das Richtige tun.“
Wenn du meinst, Connor. Ich tue auf jeden Fall, was sie mir gesagt. Ich packe eine Tasche und gehe in Darius Kloster, bis klar ist, dass sie nicht wahnsinnig geworden ist.“
Das ist sie doch ohnehin schon“, bemerkte Connor trocken.
Unwiderlegbar, Cousin. Ich schätze mal, sie wird, wenn sie den Kampf gewinnen sollte, zu meiner Hütte fahren, um zu meditieren.“
Mac, wieso glaubst du, dass sie kämpfen wird?“
Weil Methos sein Schwert zu Hause gelassen hat. Er wollte Sikes für heute Abend herausfordern. Aber Micky wird direkt auf ihn losgehen nach dem Mord an Jeremy. Richie, nimm bitte Isabelle mit. Wir beide werden hier den Ausgang des Kampfes abwarten.“ Richie nickte einverstanden. Isabelle umarmte Connor, gab ihm einen Kuss und folgte Richie ins Erdgeschoss.

 

Kanada, die Villa von Christopher Sikes außerhalb von Vancouver.
Ein kurzer Anruf in der Chefetage von Sikes Enterprises Inc. hatte Micky darüber informiert, dass der Boss in seiner Villa anzutreffen war.

Sie parkte den Wagen vor der breiten Treppe, die zum Haupteingang der Villa führte. Micky schloss die Augen und atmete einige Male tief durch, bevor sie nach ihrem Schwert griff und ausstieg.

Für Höflichkeiten hatte Micky heute keine Zeit, daher verkniff sie sich zu klingeln. Die Tür sah nicht wirklich stabil aus. Kurz entschlossen hob sie ihr linkes Bein und trat gegen die weiße Holztür. Splitternd gab sie nach. Micky stieß sie auf und betrat die Eingangshalle von Sikes’ Manor, wie sie das Anwesen verächtlich getauft hatte.

Sikes!“ rief sie. Undeutlich hörte sie Stimmen, die aus dem Garten kamen. Schnell begab sie sich dort hin.
Guten Tag, Comtesse“, grüßte ihr Erzfeind sie freundlich. Zwei seiner Schläger hielten Methos fest, während ein dritter ihn gerade mit sichtlichem Vergnügen zu Brei schlug.
Hi, Micky“, presste er keuchend hervor.
Du bist ein solcher Idiot, Methos.“
Ich freue mich auch dich zu sehen, Baby“, erwiderte er zwischen zwei Schlägen, die er gerade kassierte.
Lassen Sie Methos gehen und wir tragen es hier und jetzt aus, Sikes!“
Micky, nein!“ rief Methos, wurde aber sofort mit einem weiteren Schlag in den Magen zum Schweigen gebracht.
Ach, Comtesse. Es ist gerade so amüsant“, meinte Sikes enttäuscht. Micky zuckte gleichmütig mit den Schultern, zog eine Pistole, die sie sich am Auto in den Hosenbund gesteckt hatte und erschoss die drei Kerle, die Methos traktiert hatten. Heute war kein Tag, um zimperlich zu sein. Methos schwankte einen Moment bedenklich, schaffte es aber senkrecht zu bleiben. Mit der Handoberfläche wischte er sich Blut aus dem Mundwinkel. Die andere Hand prüfte, wie viele Rippen diese Arschgeigen ihm letztendlich gebrochen hatten.
Lass uns verschwinden, Micky. Bitte.“
Nein. Warte im Auto.“ Sie warf die Pistole ins Gras. Methos ging ein paar Schritte darauf zu und war einen kurzen Augenblick versucht sie zu ergreifen und Micky damit zu erschießen. Einen anderen Weg sie von diesem Wahnsinn abzubringen, sah er nicht. Natürlich tat er nichts dergleichen.
Den Teufel werde ich tun! Ich gehe nicht ohne dich.“
Dann nimm dir eine Tasse Tee und genieße das Schauspiel. Sikes, ich bin bereit. Ihr Schwert bitte.“ Zielstrebig ging sie auf Sikes zu. Dieser ergriff nun seine Waffe, die frisch geschliffen auf einem weißen Gartentisch bereit lag. Micky und Sikes näherten sich bis auf wenige Schritte einander an, ließen zur Begrüßung ihre Schwerter seitlich an sich herunter gleiten und nahmen sofort eine Kampfstellung ein.
Und so beginnt es“, meinte Sikes verheißungsvoll.
Nein, so endet es, Sikes“, rief Micky und griff ihn an. Schlag um Schlag führten sie gegeneinander aus. Zwei gleichstarke Gegner, dank der Energie und des Wissens, die Micky von Michael Alexander aufgenommen hatte.
Sie irren sich, Comtesse. Ich bin nicht das Ende. Ich bin nur die Spitze des Eisberges. Sollten Sie mich heute tatsächlich töten und in meine Haut schlüpfen, werden Sie vielleicht erkennen, wie falsch Sie bisher gelegen haben.“
Das Gebrabbel eines alten Mannes. Sie sind viel zu langsam, um mich zu besiegen, Sikes!“ Sie sprang auf ihn zu, versetzte ihm einen Tritt vor die Brust. Sikes fiel eine steinerne Treppe hinunter, die in den unteren Bereich des Gartens führte. Micky rannte hinter her. Methos folgte ihnen kopfschüttelnd. In seine Haut schlüpfen, hatte Sikes gesagt. Methos schauderte es bei dem Gedanken, was dann aus der Comtesse werden könnte.

Unten angekommen, sah Methos mit Erschrecken, dass Sikes seine Freundin mit seinem Langschwert in der Zange hielt und versuchte ihr die Luft abzudrücken. Doch er kam nicht lange in dem Genuss die Oberhand zu haben. Micky rammte ihm ihr Knie mit aller Kraft zwischen die Beine. Der Griff lockerte sich, sie hob ihr Schwert und zerschmetterte mit dem noch immer verfärbten Griff ihres Toledo Salamancas den Kiefer von Sikes. Vor Schmerz brüllend stolperte er einige Schritte seitlich, schüttelte seinen Kopf und ging sofort wieder zum Angriff über. Micky grinste zufrieden.

Das war für meinen Tod am Loch Shiel, Mr. Sikes. Und jetzt kommen wir zum Mord an Jeremy Benning!“ rief sie und stürmte mit ihrem durch die Luft kreisenden Schwert auf ihn zu. Sikes blockte die Hiebe rückwärts gehend ab. Plötzlich hatte er einen hohen Blumenkübel im Rücken. Mickys Schwert schnellte hervor und durchbohrte erbarmungslos seinen Bauch. Sikes fiel hin, rappelte sich aber sofort wieder auf.
Dann wäre da noch meine Schülerin Natalie Coulins!“ zählte Micky einen weiteren Posten ihrer Abrechnung mit Sikes auf. Ihre Schwerter schlugen auf einander, durch die Wucht verloren beide Kontrahenten gleichzeitig ihre Waffen. Micky machte einen Sprung mit dem Kopf voraus über den Blumenkübel. Sie rollte sich ab und hatte ihr Schwert wieder in der Hand. Gerade rechtzeitig, denn Sikes stand über ihr und wollte ihr den Kopf abschlagen. Auf dem Rücken liegend verteidigte Micky sich so gut, dass Methos einen anerkennenden Pfiff ausstieß. Er lehnte an einer den oberen Teil des Anwesens abgrenzenden Mauer, auf der ein steinerner Löwe thronte und beobachtete zutiefst besorgt den Kampf. 

Es war kein Vergnügen, er hatte wirklich Angst um die Comtesse. Beide Optionen machten ihm zu schaffen: Ihr Sieg oder ihre Niederlage. Beides konnte gleichermaßen schreckliche Konsequenzen für ihn und seine Freunde nach sich ziehen. Von Micky ganz zu schweigen.

Sikes gewährte ihr gnädigerweise die Möglichkeit wieder aufzustehen. Doch diese Geste hatte ihren Preis. Er hieb mit seinem Langschwert nach Mickys rechtem Oberschenkel und traf auch. Micky schrie auf, Methos zuckte angesichts des Treffers zusammen.

Für wen war nun dieser Treffer von mir, meine liebe Comtesse?“ fragte Sikes hämisch. „Für Isabelle Coulins, die ich nicht wirklich getötet habe? Die durch mich unsterblich wurde?“ Micky fluchte wütend und ging wieder in die Offensive. Ihrer beider Schläge wurden nun so kraftvoll, dass die Schwerter Funken schlugen. Sikes drängte Micky an den Rand einer weiteren breiten Treppe, die noch tiefer in den Garten hinunter führte. Verbissen duellierten sie sich. Schlag um Schlag. Dem Gegner den Sieg nicht gönnend. Micky stolperte über einen Stein, der auf der Treppe lag und fiel Verwünschungen ausrufend runter. Sikes grinste zufrieden, rannte hinter ihr her.

Methos folgte ihnen weiterhin in sicherem Abstand.

Ihr tat jede Faser ihres Körpers weh, Micky verfluchte den heutigen Tag. Wieso war sie nicht im Bett geblieben?

Werden Sie langsam müde, Michelle? Wie schade, es fing gerade an mich zu amüsieren.“ Unaufhaltsam kam Sikes näher. Sie kämpften jetzt so nahe bei einander, dass Micky sein teures Aftershave riechen konnte. Seinen Schlägen ausweichend vollführte Micky eine komplette Drehung und stand nun mit dem Rücken zu Methos. Zufrieden entdeckte sie ein Hindernis in Sikes’ unmittelbarem Weg. Sie atmete tief durch, schloss für den Bruchteil einer Sekunde ihre Augen und wappnete sich innerlich für das Finale. Nun gab es kein Zurück mehr. Schlag auf Schlag dirigierte sie Sikes auf sein unausweichliches Ende zu.

Unsicher und Mickys Schwert stets im Auge behaltend schwankte er rückwärts nahezu atemlos den steilen Abhang hinunter. Sein rechter Fuß blieb in einer Gartenharke hängen, die ein achtloser Gärtner vergessen hatte. Sikes verlor das Gleichgewicht und fiel. Er landete in einem Haufen zusammengerechten Grases. Verblüfft erkannte er im nächsten Augenblick, dass seine Brust durchbohrt war. Auf der anderen Seite des Grashaufens hatte ein weiterer Rechen gelegen. Dieser hatte sich durch den kraftvollen Sturz von Sikes von hinten in seinen Körper gebohrt.
Es ist zu Ende, Sikes. Fahren Sie zur Hölle!“ Sie holte aus und schlug Sikes den Kopf, der immer noch sein diabolisches Grinsen zeigte, von den Schultern.

 

Der Himmel verfinsterte sich im selben Augenblick. Die Leiche wurde in die Luft gehoben, Blitze schossen daraus hervor und griffen gierig nach Micky. Sie schaffte es noch nicht einmal mehr zu Atem zu kommen, bevor der erste Energieblitz sie traf. Der kopflose Körper glühte und wurde von der austretenden Lebenskraft durchflutet. Micky ließ schreiend ihr Schwert fallen und ging in die Knie. Blitz um Blitz strömte in ihren Körper. Sie sah mit ihren Augen, welche Gräueltaten Sikes in seinem über tausendjährigen Leben verbrochen hatte. Jeden Mord, den er begangen und dabei genossen hatte. Gepeinigt schrie sie, wieder und wieder, streckte hilfesuchend eine Hand nach Methos aus. Doch der konnte nur dabeistehen und zusehen.

Minutenlang musste er hilflos mit ansehen, wie Micky die Energie von Christopher Sikes in sich aufnahm, sein Wissen, seine Erfahrungen, seine sadistische Bosheit und Unmenschlichkeit.

 

Als es endlich zu Ende war, kam Methos mit gezogener Pistole auf seine alte Freundin zu. Sie wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, hob den Kopf und grinste ihn teuflisch und abgrundtief böse an.

Hallo, Methos“, sagte Micky mit einer Stimme, die Lichtjahre von der Stimme entfernt war, die ihm seit 320 Jahren fast genauso vertraut war wie seine eigene. Sie kam schwankend auf die Füße und sah sich nach ihrem Schwert um. Bedauernd wandte Methos kurz den Blick ab. Der Ausdruck in Mickys seelenlosen Augen ließ ihn keine weitere Sekunde zögern, er zielte mit der Pistole auf ihr Herz und drückte ab.
Fluchend und kopfschüttelnd schnappte Methos sich Mickys Schwert und warf sich die tote Comtesse über die Schulter.

Sie konnte ja nicht auf mich hören! Was weiß ich denn schon von dem Bösen?! Vom Verlust der Seele?! Die Reiter der Apokalypse sind ja nette Burschen, die sich jede Mutter als Schwiegersöhne wünscht! Ich habe ja keine Ahnung davon, was man als seelenloser Unsterblicher alles zu tun bereit ist.“ Zornig warf er die tote Micky auf den Beifahrersitz des Cabrios. Das Schwert der Comtesse verstaute er im Kofferraum, dort fand er die bereitgelegten Handschellen.

Noch immer fluchend setzte Methos sich auf den Fahrersitz und legte Micky die Handschellen an, die er zur Sicherheit noch am Türgriff festmachte. Er hatte ja geahnt, dass es passieren würde. Daher hatte er die Handschellen in den Kofferraum gelegt und sich überlegt, wie er mit einer seelenlosen Micky MacLeod umzugehen hatte. Seufzend zog Methos sein Handy und wählte Duncans Nummer.

Es ist passiert, mein Freund.“
Ich hatte gehofft, diesen Anruf würdest du nie machen müssen, Methos.“
Sei froh, dass sie nicht tot ist. Bringt Richie und Isabelle in Sicherheit. Ich fahre jetzt wie besprochen mit ihr zu deiner Hütte. Das Auto lasse ich an der Anlegestelle. Keine Schwerter auf der Insel, klar?“ Duncan antwortete nicht sofort, er versuchte noch immer zu verarbeiten, dass seine Frau jetzt böse war. Und zwar so böse, dass sie jedem Einzelnen unter ihnen ohne zu zögern den Kopf abschlagen würde, sollte sich ihr irgendwie die Gelegenheit dazu bieten.
Ja, ich habe verstanden. Kümmere dich gut um sie, Methos. Sie ist trotz allem noch meine Frau.“ Methos warf einen raschen Blick auf die Leiche neben sich.
Mal sehen, was Micky davon hält, wenn sie wieder lebendig ist… Ich melde mich, Duncan. Kopf hoch, ich bin auch wieder ein guter Mensch geworden.“ Er legte auf, startete den Wagen und fuhr in Richtung Stadt davon.




 

10. Seelenlos

 

Kanada, Duncans Hütte auf der Insel vor der Küste Vancouvers, am Nachmittag.
Die Belebung setzte von jetzt auf gleich ein, und holte Micky mit einem Donnerschlag ins Leben zurück. Sie sog erschrocken die Luft ein, als Herz und Lungen wieder ihre Arbeit aufnahmen. Noch immer benommen, öffnete Micky langsam die Augen. Allmählich kehrte die Erinnerung zurück. Sie hatte den elenden Wurm Christopher Sikes im Duell besiegt. Sie fühlte sich großartig. Noch mehr Wissen, noch mehr Energie, die sie in sich aufgenommen hatte. Wieso hatten alle sie davon abhalten wollen? Ihr ging es blendend. Wahrscheinlich hatte Methos diese Gaben für sich selbst gewollt, ja so musste es sein.

Micky versuchte aufzustehen, doch es gelang ihr nicht. Da realisierte sie, dass sie gefesselt war. Ungläubig erkannte sie, dass sie auf dem Boden saß und an den uralten Indianerfelsen festgebunden war, der auf Duncans Grundstück auf der Insel vor der Küste Vancouvers stand. Sie hatten sie also auf heiligen Boden geschafft. Das war doch einfach lächerlich. Sie war noch immer die gleiche Person, nur um Vieles stärker und wissender als vor dem Duell mit Sikes. Und das war doch wirklich kein Verbrechen.

Dieser elende, kleine Drecksack“, zischte Micky wütend, während sie an dem extrem widerstandsfähigen Seil zog, mit dem man sie angebunden hatte. Es gab kein bisschen nach.

 

Die Tür zur Blockhütte öffnete sich, und Methos trat mit sorgenvollem Blick und einer Tasse Kaffee in der Hand heraus. Er bemerkte, dass Micky wiederbelebt war und ging langsam die Treppen zu ihr herunter. Dicht vor ihr blieb er stehen, überlegte einen Moment lang und ging schließlich vor ihr in die Hocke.

Da bist du ja wieder. Und wie ist das werte Befinden so als seelenloses Monster?“
Mir geht es bestens, du mesopotamischer Schlappschwanz. Bind’ mich los!“ fauchte sie mit einem hasserfüllten Ausdruck in den Augen. Methos versuchte sich nichts anmerken zu lassen, aber seine alte Freundin in diesem schrecklichen Zustand zu sehen, zerriss ihm schier das Herz.
Ich kann mir denken, dass du dir gerne meinen Kopf holen würdest. Und wahrscheinlich interessiert dich in deinem derzeitigen Zustand auch nicht, dass wir uns auf heiligem Boden aufhalten. Du solltest aber wissen, dass es keine Schwerter auf der Insel gibt“, erklärte Methos und beobachtete ihre Reaktion genau. Sie schielte an ihm vorbei und starrte angestrengt auf den großen Stapel Feuerholz, der fein säuberlich an der Front der Blockhütte aufgestapelt war. „Du suchst vergeblich. Die Axt ist auch weg. Ich habe alles vorher weggeschafft. Aber keine Sorge, wir können hier notfalls überwintern, es gibt genug Vorräte. Egal wie lange es dauert, um dir die Dämonen auszutreiben und deine Seele zurückzuholen. Ich habe Zeit.“ Er sah ihr tief in die Augen. Sie starrte ihn wild und arglistig an, mahlte mit dem Kiefer.
Ich brauche keine Seele, Methos. Binde mich jetzt sofort los! Es geht mir gut!“ Er schüttelte ablehnend den Kopf.
Wieso konntest du denn bloß nicht auf mich hören, Micky?“
Ich habe mir noch nie von feigen Drecksäcken was sagen lassen.“
Nur weiter so. Sprich dich ruhig aus. Ich weiß ja, dass du es eigentlich gar nicht so meinst.“ Sie grinste ihn böse an.
Oh doch, ich meine jedes Wort genauso wie ich es sage, Schlaffi! Und jetzt binde mich endlich los, damit ich dir dein verräterisches Herz rausreißen kann!“ zischte sie.
So wie du dich aufführst, müssen wir wohl wirklich hier überwintern.“ Sie starrte ihn noch hasserfüllter an und zerrte wieder an ihren Fesseln. Methos hatte den Knoten so fest gemacht, dass das Seil bereits in ihre Handgelenke schnitt. Micky fing in den verschiedensten Sprachen an zu fluchen. Überrascht stellte Methos fest, dass seine alte Freundin dies auch in Mundarten tat, die sie nie gelernt hatte. Das diabolische Vermächtnis von Christopher Sikes.
Nett. Ich muss schon zugeben, ein paar feine Wörter hast du von Sikes gelernt, Hochwohlgeboren.“ Sie spuckte ihn verächtlich an. Methos erhob sich bedächtig, wischte sich über sein Gesicht und ging in Richtung der Hütte davon.
Wenigstens bin ich von edler Herkunft und kam nicht aus einem mesopotamischen Schlammloch gekrochen, wie du vor fünftausend Jahren!! Wo willst du hin, Methos? Ist es dir schon zu blöd geworden, du Lusche? Fallen dir keine Antworten mehr ein oder erträgst du einfach nur die Wahrheit nicht?!“
Nein, ich muss Abendessen machen. Duncan wird bald kommen. Er will so ein Schamanen-Austreibungs-Dings mit dir durchziehen.“
Oh, wie kultiviert du dich auszudrücken verstehst, Arschkriecher“, beschimpfte sie ihn.
Dito.“
Kriege ich auch was zum Essen oder willst du mich hier verhungern lassen?“ Methos stand auf der obersten Treppenstufe und dachte über ihren Vorschlag nach.
Wäre eine echte Alternative.“ Etwas lauter sagte er zu Micky: „Du bekommst nachher etwas, wenn Duncan da ist. Connor bringt ihn her. Es ist kein Boot da, falls du abhauen willst. Wir haben an alles gedacht.“ Ihr Kopf schoss herum und suchte das Ufer ab. Methos sagte die Wahrheit, es lag kein Boot am Anlegesteg, der vor einigen Jahren von Duncan gebaut worden war. „Und falls du schreien willst, tu dir keinen Zwang an. Außer uns ist niemand auf der Insel. Du lockst vielleicht ein paar Pumas an, die dir kräftig in den Hintern beißen!“
Mach’ mich jetzt endlich los, du primitives Würstchen! Du solltest dich schämen! Und so was war mal ein Reiter der Apokalypse! Kein Wunder, dass Isis dich verlassen hat!“ Methos ignorierte sie. Die Tür zur Blockhütte fiel mit einem ohrenbetäubenden Schlag in den Rahmen.

 

Irgendwann musste sie eingeschlafen sein. Denn mit einem Mal spürte Micky die Anwesenheit eines weiteren Unsterblichen in ihrer unmittelbaren Nähe. Sie schlug die Augen auf und entdeckte Duncan, der ihr gegenüber mit ernster Miene im Schneidersitz auf dem Boden saß.

Oh, der große Highlander!“ Er erschrak über Mickys Anblick. Ihre hübschen, braunen Augen hatten ihn noch nie so feindselig angeschaut. Selbst damals nicht, als Duncan sich den Kopf von Pierre de Florent geholt hatte. Man sagte, die Augen wären der Spiegel der Seele. Was Duncan in den Augen seiner Frau sah, gab ihm die fürchterliche Gewissheit, dass sie keine mehr hatte.
Wie geht es dir, Micky?“ fragte er besorgt. Er trug eine Jeanshose und ein Jeanshemd, dessen Ärmel er bis zu seinen muskulösen Oberarmen hoch gerollt hatte. Sein offenes Haar wurde von einer Brise umspielt, die vom Meer landeinwärts zog.
Wieso fragt mich heute jeder, wie es mir geht, verdammt? Hast du in deiner Hütte ein Sanatorium für Unsterbliche aufgemacht?!“
Ich mache mir einfach Sorgen um dich, Micky. Wir alle tun das.“
Mir geht es gut, Duncan. Ich bin der gleiche Mensch wie eh und je. Stärker und weiser, aber ansonsten deine gute, alte Comtesse“, beteuerte sie. Doch in ihren Augen sah Duncan, dass er nicht mit der Frau sprach, in die er sich vor elf Jahren verliebt hatte. Diese Frau war fort. Was er jetzt darin sah war das unendlich Böse. „Bind’ mich los, Duncan. Der mesopotamische Verräter, der das Abendessen kocht, weigert sich. Mach’ du mich los.“
Damit du was genau tun kannst?“
Vorzugsweise um dir mit einem Schwert deinen elenden Kopf vom Hals zu schlagen“, brüllte sie ihm entgegen. Aus den Bäumen flogen panikartig ein paar Vögel auf und davon.
Nett, sehr charmant. Doch, ich muss schon sagen, du sprichst sehr farbenreich.“
Ach, leck mich doch!“
Nein danke. Hier ist übrigens dein Abendessen.“ Er hielt ihr eine dampfende Holzschüssel und einen hölzernen Löffel entgegen. Nichts, womit sie sich befreien könnte. Möglicherweise konnte sie ihn aber becircen. Mühsam rang sie sich ein freundliches Lächeln ab, das ihr fast im Halse stecken blieb.
Könntest du mir wenigstens eine Hand losbinden?“ Er zögerte, traute dem Gesäusel seiner Frau nicht im Mindesten.
Wenn du mich fütterst, trete ich dir zwischen die Beine, dass du die Glocken der St. Giles Kathedrale von Edinburgh läuten hörst!!“ Nun stand Duncan unberührt von ihren Drohungen und Beschimpfungen auf, umrundete den Felsen und band Mickys rechte Hand los. Mist, er als ihr Mann wusste natürlich, dass sie mit links kämpfte. Die Ehe mit diesem Schottenweichei war ein bedauernswerter Umstand, der schon viel zu lange anhielt und den es bei nächster Gelegenheit zu ändern galt. „Was gibt es denn Gutes?“ fragte sie scheinheilig lächelnd.
Ramen“, antwortete Duncan kurz angebunden und hielt ihr die Schüssel hin.
Willst du mich verarschen?!“ schrie sie.
Das hast du früher mal ganz gerne gegessen.“
Ja, genau. Früher war ich auch mal so bescheuert, dass ich dich geheiratet habe. Man kann Fehler immer noch korrigieren.“
Du hast mich sogar zweimal geheiratet, mein Schatz. Als du noch eine Seele hattest.“
Dafür gehöre ich eigentlich geschlagen.“ Duncan war eine Sekunde versucht ihrer Bitte nachzukommen. "Mir geht es gut, verflixt noch mal! Ich brauche keine Seele! Ich bin stärker als je zuvor!“
Du bist ein elendes Miststück! Das bist du. Ein bösartiges Monster, das nichts mehr mit der Frau gemein hat, in die ich mich verliebt habe“, brüllte Duncan sie an. Fassungslos vor Wut kniete er vor ihr und ballte seine Hände zu Fäusten.
Und du bist ein ehrenloser Hundesohn, Duncan MacLeod!“ Seine Rechte schoss noch ehe er es verhindern konnte nach vorne und verpasste Micky einen Kinnhaken. Sie stellte die Schüssel auf ihren Oberschenkel und wischte sich das Blut ab, das ihr aus dem Mundwinkel floss. Vor Zorn bebend stand Duncan auf und ging zum Haus zurück.Was bist du doch für ein starker Highlander! Schlägst eine gefesselte Frau!“ Er beachtete sie nicht. „Ich esse diesen Mist nicht!“ schrie sie ihm hinter her. Jetzt blieb er stehen, atmete tief durch und rang um seine Fassung. Das war alles ein wenig zu viel für ihn. Alle hatten Micky wieder und wieder gewarnt, was passieren würde. Doch sie hatte wie immer alles für einen großen Spaß gehalten und nicht hören wollen. Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als er all die Bosheiten noch einmal hörte, die sie ihm eben an den Kopf geworfen hatte.

Methos hatte ihm versichert, dass sie Micky zurückholen konnten. Doch so wie sie reagierte, war Duncan sich da gar nicht mehr so sicher. Endlich drehte er sich um und schrie ihr seine Antwort zu: „Fein! Wenn du völlig entkräftet bist, haben Methos und ich es leichter bei dem Dämonen-Austreibungs-Ritual!“

Oh, wie gebildet der große, starke Schotte sich ausdrücken kann! Besser als die mesopotamische Memme! Sag’ deinem Freund Methos, dass er ein Weichei ist! Ich musste Michael Alexander für ihn erledigen, weil er einfach nicht den Mut dazu hatte! Und jetzt gönnt ihr alle mir meine neue Stärke nicht, die ich von Sikes übernommen habe!“ Duncan ignorierte Mickys Gekeife und Gezeter und ging hoch zu Methos, der in der Tür lehnend die Szene beobachtet hatte.

Glaubst du, dass es klug war sie zu schlagen?“ fragte Methos ihn, mühsam ein Grinsen unterdrückend. Er konnte Duncan durchaus verstehen, er hatte ein ähnliches Bedürfnis verspürt seit Micky wieder unter den Lebenden weilte.
Es hat mir in dem Moment richtig gut getan. Außerdem hatte sie es verdient.“
Da könnte durchaus was dran sein. Lass uns essen, ich habe so das Gefühl, dass wir jedes bisschen Kraft brauchen, um ihr die Dämonen auszutreiben.“

 

Micky hatte es irgendwie geschafft die Holzschüssel so auf ihrem Schoss zu platzieren, dass sie essen konnte. Genervt begann sie zu löffeln. Doch einen letzten bitterbösen Kommentar konnte sie sich nicht verkneifen. Einfach um die Herren daran zu erinnern, dass sie auch noch da war.

Ja, geht in eure komfortable Hütte, ihr Arschgeigen und lasst mich hier draußen hocken!“ Das linke Fenster öffnete sich, Methos steckte den Kopf raus und zielte mit der Pistole auf sie.
Wenn du jetzt nicht mal fünf Minuten dein mieses Mundwerk hältst, erschieße ich dich gerne noch einmal, Micky!“ Sie blickte ihm gleichgültig entgegen. Schließlich streckte sie ihm wie ein unartiges Gör die Zunge raus, aß dann aber stillschweigend die Nudeln.


 

Drinnen war es angenehm ruhig. Nur ein uraltes Grammophon spielte leise Musik aus längst vergangenen Zeiten, was eine sehr beruhigende Wirkung auf die beiden Unsterblichen hatte. Auf dem fast genauso alten Herd, den Duncan selbst wieder auf Vordermann gebracht hatte, brodelte in einem großen Topf die Nudelsuppe nach Meister Nakanos Rezept. Daneben stand eine Kanne mit Kaffee. Im Kamin brannte ein Feuer, Kerzen lagen für die Nacht bereit, da es keine Elektrizität gab. Duncan und Methos lehnten aufatmend an einen großen Holztisch, den Duncan selbst entworfen und aus Hölzern der Insel zusammengebaut hatte.

Das wird ein hartes Stück Arbeit“, meinte Duncan und beobachtete, wie Methos höchst konzentriert die Pistole säuberte und neu lud. So wie seinen Freund die Musik beruhigte, stellte sich bei ihm durch das Reinigen der Waffe die gleiche Wirkung ein. Und Ruhe brauchte er nach dem verbalen Ringkampf mit „Mohammed Micky“ auf jeden Fall erst einmal.
Ja, da kommt einiges auf uns zu. Aber ich schwöre, wenn sie mich weiter so reizt, erschieße ich sie hiermit noch mal.“ Duncan biss sich auf die Lippe, er versuchte erfolglos sich sein Grinsen zu verkneifen.
Bei den Ausdrücken, die sie heute drauf hat, helfe ich dir sogar! Meine arme Mutter würde sich im Grabe umdrehen, wenn sie hören könnte, wie ihre Schwiegertochter mich tituliert.“ Trotz der ernsten Situation lachten die beiden Männer. Es war befreiend und tat einfach nur gut. Vor allem lenkte es die beiden Freunde für einen kurzen Moment von der vertrackten Situation ab. Sie wussten nicht genau, wie sie Micky helfen konnten. Dennoch es stand natürlich ganz außer Frage, dass sie einen Weg finden mussten.
Glaubst du, dieses Dämonen-Austreibungs-Ding funktioniert bei unserer Comtesse? Wie sie uns ansieht, ist schaurig. Da läuft es sogar mir eiskalt den Rücken runter. Sie erinnert mich ungemein an meine Zeit als apokalyptischer Reiter… Ich meine, sie flucht ja schlimmer als Dschingis Khan beim Schlussverkauf.“ Duncan lachte.
Ach, gab es denn schon Schlussverkäufe im 12. Jahrhundert in Asien?“
Haha. Aber mal ernsthaft. Denkst du wirklich, dass wir Micky zurückbekommen? Die alte Micky, die uns mit ihrer spitzen Zunge, ihren Verrücktheiten und ihrer Durchgeknalltheit in den Wahnsinn treibt? Das kleine, adlige Biest, das wir so lieben?“ Duncan und Methos lächelten bekümmert angesichts der augenblicklich aufsteigenden Erinnerungen.
Ich hoffe, dass wir unsere Comtesse gegen dieses böse, verachtenswerte Monster, das dort draußen an dem heiligen Felsen angebunden ist, eintauschen können. Ich hoffe es wirklich, Methos... Wenn wir es aber nicht schaffen, sollten wir uns darüber im Klaren sein, was wir tun müssen.“ Methos hob blitzschnell den Kopf und starrte Duncan fassungslos über dessen Worte an.
Duncan, das meinst du doch nicht im Ernst! Wir können sie doch nicht…! Nein, das ist doch trotz allem noch Micky!“ entrüstete er sich.
Ist sie das wirklich? Diese Frau da draußen hat wenig Ähnlichkeit mit meiner Ehefrau oder der Frau, die du seit 320 Jahren kennst. Wenn mir das passiert wäre, Methos, hättest du dann nicht darüber nachgedacht? Es zumindest in Erwägung gezogen?“ fragte Duncan kaum hörbar und von Methos abgewandt. Es fiel ihm gewiss nicht leicht diesen Gedanken bis zu seinem logischen, aber auch schrecklichen Schluss zu denken. Doch vielleicht blieb ihnen am Ende einfach keine andere Wahl.
Darüber will ich jetzt nicht nachdenken. Zieh’ du erstmal dieses Indianer-Ding durch, und dann sehen wir weiter. Ich kann mir wirklich Vieles vorstellen in meinem Leben, aber nicht, dass ich Micky den Kopf abschlagen soll. Und schon gar nicht, dass ich ohne sie leben soll und mit dem Wissen, dass ich sie getötet habe…“
Du redest, als wärst du ihr Mann und nicht ich.“
Du weißt genau, was ich für Micky empfinde. Sie ist meine beste Freundin, die einzige Konstante in meinem Leben. Ich bin mit einer ägyptischen Natter verheiratet, die ich einem Prinzen ausgespannt habe. Ich war ein Reiter der Apokalypse, ein Wild West-Bandit und noch viel mehr, auf das ich alles andere als stolz bin. Ich habe in 5.000 Jahren soviel Mist gebaut, den ich am liebsten vergessen würde. Aber deine Frau hat sich trotz allem nie von mir abgewendet. Nein, ohne sie bin ich genauso verloren wie du. Lieber lasse ich mir den Kopf von ihr abschlagen, bevor ich sie töte. Du kannst echt alles von mir verlangen, Mac. Aber da mache ich nicht mit.“
Na ja, zumindest wäre sie wieder ein guter Mensch, wenn sie dir den Kopf abschlägt. Aber ohne dich ist das Leben genauso langweilig wie ohne unsere Micky. Also müssen wir uns was Anderes überlegen.“
Ich bin zutiefst gerührt, dass du auf Keinen von uns verzichten willst, Mac. Und jetzt sollten wir essen, bevor die kreischende Walküre in deinem Vorgarten sich zu neuen Höchstleistungen aufschwingt.“

 

Mit Einbruch der Nacht begann Duncan mit den Vorbereitung für die Austreibung. Methos entzündete ein großes Lagerfeuer in der Nähe des Felsens. Micky döste vor sich hin, sie konnte ja nicht weglaufen. Als der Vollmond hoch am Himmel stand, trat Duncan aus der Hütte heraus. In seiner Hand hielt er ein kleines Ledersäckchen. Damit ging er zu seinem Freund und instruierte ihn, was er mit dem Inhalt tun sollte.

Micky öffnete die Augen und erkannte, dass die beiden Männer irgendetwas rund um den Felsen legten.

Was macht ihr beiden Pfeifen da?“
Sei still.“
Hab’ ich dich verärgert, Duncan? Das tut mir gar nicht leid.“ Er reagierte nicht auf ihre Bosheiten, sondern konzentrierte sich voll und ganz auf die vor ihm liegende Aufgabe. „Oh, das sind Obsidiane. Ich verstehe. Die Indianer haben sie benutzt, um Dämonen auszutreiben. Das wird nichts bringen. Ich bin nicht besessen.“ Duncan konnte es fast nicht glauben, dass nur der Funken des Bösen, wie die Energie eines schlechten, enthaupteten Unsterblichen in den alten Legenden genannt wurde, auf sie übergesprungen war.

Der Highlander nahm ein Töpfchen roter Farbe in die Hand und malte sich traditionelle Stammeszeichen aus Respekt vor den Ahnen der Lakota auf die Wangen, bevor er begann.

Das wird sich zeigen“, erwiderte Duncan kühl, ging rüber zum Feuer und warf ein paar Kräuter in die Flammen. Es gab eine kleine, zischende Verpuffung, gefolgt von blauem, emporsteigendem Rauch. „Geister der Himmel, hört mich an“, sagte Duncan eine uralte Formel auf, seine Hände hoch in den Himmel gestreckt. „Geister der Himmel, seht diese Frau braucht eure Hilfe…“
Einen Scheiß brauche ich!“ Duncan gab Methos ein Zeichen, der rannte rüber zu Micky und stopfte ihr einen Knebel in den Mund. Viel besser. Mehr als „Hmpf“ brachte sie jetzt nicht mehr zustande.
Geister der Himmel, erinnert euch, wie Micky MacLeod war bevor der Funken des Bösen auf sie übersprang und ihr die Seele raubte. Geister der Himmel, erinnert euch an den guten Menschen, der sie einst war. Dann nahm sie Kräfte in sich auf, die sie zu beherrschen glaubte. Doch nun beherrschen die Kräfte sie. Böse Kräfte, die tief in die Unterwelt verbannt gehören. Geister der Himmel, gewährt uns eure Hilfe, entzündet die Flamme der Liebe wieder in ihrem Herzen!“ Mit den letzten Worten warf Duncan noch einmal eine Hand voll Kräuter in die Flammen. Die Luft wurde von einem merkwürdigen Rauschen erfüllt, das durch die Bäume kroch und sich seinen Weg über den Vorplatz der Blockhütte suchte. Micky rutschte nervös hin und her. Sie drückte sich ängstlich näher an den Felsen heran. Es war nicht so, dass die drei wirklich etwas sahen. Nichts direkt Greifbares, es war ein kaum erkennbares Leuchten, das aus den Flammen kam und über den Boden dahin glitt wie Nebelschwaden. Sie spürten, wie es sich auf Micky zu bewegte. Die Erscheinung streckte ihre gütigen Fühler nach ihr aus, durchbrach mühelos die Barriere des Obsidiankreises. Dann stoppte es unmittelbar vor dem Körper der Comtesse, hielt inne und zog sich schließlich wieder zurück, um in den Wäldern zu verschwinden.
Das war wohl nichts“, bemerkte Methos schlicht.
Es war ein Versuch. Ich habe aber noch eine Idee. Überprüfe ihre Fesseln. Ich hole derweil aus der Hütte ein wenig Bilsenkraut.“
Was zum Teufel willst du mit Bilsenkraut?!“ fragte Methos.
Ein Ferngespräch führen. Schau nicht so. Der Einzige, der uns jetzt noch helfen kann, ist Darius.“
Darius? Klar, Darius. Ich rufe ihn auch immer an, wenn ich nicht weiter weiß“, spottete Methos und zog an Mickys Fesseln.
Oh, ihr Ungläubigen! Du glaubst an die Unsterblichkeit aber nicht an die Kontaktaufnahme mit einem Geist? Das ist schwach, selbst für dich, Methos.“ Er biss sich auf die Zunge. Noch vor ein paar Tagen hatte er genau dieses Gespräch in seinem Schlafzimmer mit Micky geführt. Damals war er der Ungläubige gewesen. Die Erinnerung schien aus dem Leben eines anderen zu stammen.

 

Auf dem Vorplatz der Hütte hatten sie keine Ruhe angesichts der wütend durch ihren Knebel fluchenden Micky. Somit verlegte Duncan die Beschwörung auf die Rückseite seines Hauses.

In einem Steinkreis schichtete Methos Brennholz auf und entzündete es schließlich.

Und du weißt, was du tust, Mac?“ fragte Methos seinen Freund zweifelnd, während dieser sich zu erinnern versuchte, wie viel Bilsenkraut Micky beim letzten Mal verwendet hatte. Duncan hielt kurz inne und seufzte lautstark.
Ehrlich gesagt nein, Methos. Ich war nur ein Zuschauer. Einen anderen Weg sehe ich aber nicht…“
Nakano hat ihr also wirklich beigebracht, wie sie ihren Geistratgeber ruft“, meinte Methos beeindruckt. Duncan sah ihn perplex an.
Wenn du die Technik kennst, warum lässt du mich dastehen wie ein Vollidiot?!“ fragte Duncan gereizt, worauf Methos ein wenig gehässig kicherte.
Komm schon, Mac. Ich wollte einfach sehen, wie du dich da rausredest. Ich fand deine Erklärung höchst aufschlussreich.“
Dafür haben wir jetzt keine Zeit! Pflanz’ deinen Adoniskörper ans Feuer und konzentrier’ dich auf Darius.“ Methos gähnte gelangweilt, ächzend ließ er sich nieder.
Ich weiß, ich weiß. Ich habe das bestimmt schon hundert Mal gemacht.“ Duncan keuchte ungläubig.
Du weißt, wie es geht und lässt mich hier rätseln?“
Ein bisschen Gehirnakrobatik ab und an schadet auch dir nicht, Mac.“
Pass auf, dass ich dir deins nicht mit der Pistole aus dem Schädel puste, nur um zu sehen, wie schnell die Belebung einsetzt! Verarschen kann ich mich immer noch selbst!“
Ja, aber keiner kann’s so gut wie Micky.“ Sie zuckten zusammen und wurden wieder ernst. „Lass uns anfangen. Nur weil Darius tot ist, steht er nicht Gewehr bei Fuß und wartet, dass wir ihn rufen.“ Duncan nickte einverstanden und setzte sich auch auf den Boden. Mit geschlossenen Augen lauschte er seinem klopfenden Herzen. Würde es ihm gelingen? Und konnte Darius ihnen den Weg zeigen, wie sie Micky retten konnten? Duncan streifte die, sich im Kreis bewegenden Gedanken, ab und leerte seinen Kopf bis auf seinen Wunsch Darius zu sehen.

Er konnte nicht sagen, wie lange es gedauert hatte. Aber irgendwann hörte Duncan die Stimme seines toten Freundes: „Ihr habt gerufen, hier bin ich, meine Freunde.“ Duncan und Methos öffneten gleichzeitig die Augen und stellen zufrieden fest, dass es ihnen gelungen war. Mit dem Rücken zur Blockhütte stand Darius vor ihnen, gehüllt in eine blaue Aura.

Darius, wir brauchen deine Hilfe. Micky, sie…“
Ja, ich weiß. Sie hat ihre Seele verloren, Duncan.“ Der Highlander nickte bestätigend.
Kannst du uns sagen, wie wir sie retten können?“
Methos muss mit ihr kämpfen“, erklärte er schlicht. Duncan bekam große Augen.
Was?! Soll sie Methos töten? Darauf wären wir auch alleine gekommen.“
Nein, du verstehst nicht, Duncan. Sie soll gegen ihn kämpfen. Und kurz bevor sie ihn töten will, erkennt sie, was sie zu tun beabsichtigt. Und dann wird sie hoffentlich zurückkommen.“
Hoffentlich?“ fragte Duncan.
Warte mal, Mac. Die Idee ist gar nicht so schlecht.“
Methos, du spinnst. Und wieso sollst überhaupt du mit ihr kämpfen? Ich bin ihr Mann!“
Duncan, das ist eine Sache der Logik“, begann Darius, während er sich neben seinen alten Freund setzte.
Meine Frau hat ihre Seele verloren, der Funke des Bösen hat von ihr Besitz ergriffen! Was ist daran verdammt noch mal logisch?! Und schau nicht so, weil ich fluche, Darius. Ich hatte einen echt miesen Tag!“
Es ist aber logisch, dass sie mit Methos kämpft. Sieh mal, Micky hat schon den einen oder anderen Ehemann oder Gefährten zu Grabe getragen. Sie hat es jedes Mal verkraftet. In ihrem jetzigen Zustand würde sie dich ohne zu zögern töten. Aber Methos, er ist ihr bester Freund. Und ihren besten Freund zu verlieren durch ihre eigene Hand, das würde sie nicht können. Vertrau mir.“
Dir kann ja nichts passieren. Du bist schon tot, Darius.“ Der Mönch legte lächelnd den Kopf zur Seite.
Dem kann ich nicht widersprechen. Aber erinnere dich, wie mein Tod sie aus der Bahn geworfen hat.“
Dich hat sie doch geliebt!“ konterte Duncan, um sein Argument zu bekräftigen.
Ja, aber in den letzten zwei-, dreihundert Jahren bin ich zu ihrem Freund, einem sehr engen Vertrauten geworden. Einem Bruder. Methos muss gegen sie antreten. Einen anderen Weg gibt es nicht.“ Duncan gab sich seufzend geschlagen.
Wenn sie ihn tötet, werde ich...“
Was? Mir eine Postkarte ins Jenseits schicken?!“ witzelte Methos, während er sich ein wenig besorgt über den Hals strich. Seit über 5.000 Jahren saß sein Kopf genau da, wo er hingehörte. Er hatte sich an ihn gewöhnt. Aber was tat man nicht alles für seine Freunde?
Meine Gebete begleiten euch“, sprach Darius einen letzten Gruß und verschwand wieder.

Duncan und Methos löschten das Feuer und gingen nebeneinander zurück zur Vorderseite der Blockhütte.

Also wen rufst du? Wer ist dein Ratgeber?“ wollte Duncan wissen.
Dr. Spock“, witzelte sein Freund.
Haha. Ernsthaft. Wen rufst du? Ich kann mir vorstellen, dass es bei Connor sein erster Lehrer Ramirez wäre.“
Es ist auch Ramirez. Also bei Connor, meine ich“, klärte Methos ihn auf. Duncan blieb stehen, legte seine rechte Hand auf Methos’ Brustkorb und starrte ihn ungläubig an.
Kann das hier jeder außer mir? Das glaube ich doch nicht! Bis Micky die Nummer zum ersten Mal abgezogen hat, hatte ich noch nicht mal davon gehört! Und jetzt erzählst du mir, dass zwei Mitglieder meiner Familie und mein bester Freund das können?“
Ach, dein bester Freund kann es auch?“ scherzte Methos.
Den Titel kann ich jederzeit neu vergeben, Methos. Also lass die dummen Sprüche…“ Er verstummte, weil sie den Vorplatz erreicht hatten. Das Feuer war nahezu heruntergebrannt. Duncan sah sich suchend um. Etwas fehlte hier, etwas ganz Wichtiges. Er blieb kurz stehen, setzte dann aber zu einem Sprint an.
Du bist ein solcher Idiot, Methos!“ rief er mit dem Seil in der Hand, das seine Frau bis vor kurzem an den Indianerfelsen gefesselt hatte.
Sag’ nicht, dass sie weg ist.“
Sie ist weg.“
Ich hab’ doch gesagt, dass du es nicht sagen sollst, Mac. Ich rufe Connor an, damit er uns abholt. Und er muss Richie und Isabelle warnen.“ Er wartete Duncans Antwort nicht ab, sondern rannte die Treppenstufen zur Hütte rauf. Duncan hob den Kopf und sah den Mond an.
Egal wo du steckst, Micky, ich finde dich und ich werde dich erlösen. So oder so.“ Eine Sternschnuppe verglühte in der Atmosphäre. Duncan hoffte, dass es ein gutes Omen war für die Jagd nach der Seele seiner Frau.

 

 

11. Das größte Opfer

 

Kanada, Duncans Grundstück auf der Insel vor der Küste Vancouvers.
Connor stellte den Motor des Bootes ab, sein Cousin und Methos kamen mit ihren Taschen zum Anlegesteg gerannt. Der Wind rauschte laut durch die Bäume, ein Uhu schrie. Aus weiter Ferne hörte er einen Wolf heulen. Connor kam sich vor wie ein Statist in einem billigen B-Movie. Dummerweise waren es immer die Statisten, die schnell und blutig ihr Leben verloren. Die erfolgreiche Flucht der Comtesse bestärkte ihn nicht gerade in dem Glauben, dass alles wieder gut werden würde.

Zu spät wie immer“, rief ihm Duncan scharf zur Begrüßung entgegen. Connor stieß empört die Luft aus und machte eine wegwerfende Handbewegung, die seinen Unmut über die Art der Begrüßung kundtun sollte.
Ihr lasst die Comtesse abhauen und scheißt mich an, weil ich erst jetzt komme? Ich glaub’, ich steh’ im Wald!“ Methos grübelte kurz. Dann drehte er sich einmal um sich selbst, sah sich um und nickte bestätigend.
Könnte man so sagen, Connor. In einem hübschen, kanadischen Wäldchen. Da stehen Weißkiefern, kanadische Weißfichten, dort hinten Schwarzfichten, und hinterm Haus haben sich vor grauer Vorzeit ein paar niedliche Douglas-Tannen niedergelassen.“ Duncan versetzte ihm einen Stoß und schob ihn zum Boot.
Methos, du bewegst dich jetzt sofort und stillschweigend auf das Motorboot, sonst haue ich dir die Rübe ab“, drohte Duncan, während er seinem Cousin das Gepäck reichte.
Seid ihr denn überhaupt sicher, dass sie abgehauen ist? Habt ihr die Insel abgesucht?“ Duncans und Methos’ Blicke schienen zu fragen, ob Connor sie für Vollidioten hielt.
Natürlich. Was denkst du, das wir die letzten drei Stunden gemacht haben? Schach gespielt? Topflappen gehäkelt?“ knurrte Duncan genervt.
Ich wollte ja nur fragen.“
In der Nähe sind wir auf einen Camper gestoßen, der vom Weg abgekommen war. Eigentlich wollte er auf eine ganz andere Insel. Ich wette, inzwischen wünscht er sich, er hätte sich nicht verirrt. Micky hat ihn mit einem dicken Ast niedergeschlagen und sein Boot geklaut. Das heißt, sie dürfte inzwischen in Vancouver sein.“
Dann sollten wir uns beeilen, Freunde.“ Methos und Duncan sprangen in das Boot, Connor ließ den Motor an und gab Gas.

 

Kanada, Vancouver, das ehemalige Kloster von Darius, in der selben Nacht.
Richie lief in der Bibliothek nervös auf und ab, schwang sein Rapier, das ihm ein kleines Gefühl von Sicherheit gab. Ein verschwindend kleines. Er hatte noch immer seine Lederjacke an, da er mit dem Motorrad zum Kloster gefahren war. Seit dem Anruf von Duncan war er aufbruchbereit. Sein Helm und seine Tasche lagen bei der Tür, ein Flug für ihn und Isabelle nach Frankreich war gebucht. Seine Begleiterin hatte ihr Rapier vor sich auf dem Tisch liegen in Reichweite. Beide wussten, dass sie im Kloster nicht kämpfen durften. Sie fühlten sich aber sicherer beim Anblick ihrer Waffen.

Isabelle blätterte in einem sehr alten Buch, war aber viel zu abgelenkt, um auch nur ein einziges Wort erfassen zu können, das Mönche vor langer Zeit aufgeschrieben hatten.

Was machen wir, wenn sie auftaucht?“ fragte Richie. Connors Freundin blickte von den reich illustrierten Seiten auf, zuckte die Achseln.
Ich habe nicht den blassesten Schimmer, Richie. Hoffen wir, dass Duncan, Methos und Connor sie vorher finden.“ Sie spürten einen Unsterblichen, der sich der Bibliothek näherte. Die schwere Eichentür ging auf. Ein Luftzug löschte einige der Kerzen, die im Raum verteilt aufgestellt waren. Isabelle legte das kostbare Buch aus der Hand und wartete zunächst ab.
Die Hoffnung ist im Allgemeinen ein schlechter Führer, aber ein guter Gesellschafter“, sagte Micky mit einem Furcht erregenden Lächeln auf den Lippen und zitierte damit Lord Halifax, der seines Zeichens im vergangenen Jahrhundert Vizekönig von Indien gewesen war.
Micky“, Richies Stimme kam wie ein kehliges Krächzen heraus. Er hob sein Schwert und starrte seinen Boss, seine Lehrmeisterin, seine Freundin mit weit aufgerissenen Augen an. Er schluckte einen großen Kloß im Hals herunter.
Hallo, Junior. Hallo, Isabelle.“ Sie trug einen schwarzen Hosenanzug, darüber eine schwarze Lederjacke und ebenso schwarze Stiefel mit spitzen Pfennigabsätzen. Sie hatte sich extra für den besonderen Anlass umgezogen. Richie erinnerte sich unwillkürlich an das Ende von Maximilian. Micky wirkte auch heute Nacht wie ein Todesengel. Richies Todesengel. Sie erkannte, was in ihrem Schüler vorging und nickte zustimmend. Langsam kam Micky näher und schwang dabei ihr japanisches Schwert durch die Luft. Richie zuckte zusammen und wich unsicher ein paar Schritte zurück. Isabelle griff nach ihrem Rapier und stellte sich neben Richie. Er schob sie weit hinter sich.
Rührend, der Junior will Connors Betthäschen beschützen. Ich mach’ dir einen Vorschlag, Richie. Du kommst jetzt mit, dafür lasse ich Isabelle am Leben.“ Isabelles Hand schoss vor und umklammerte seinen Oberarm.
Hör’ nicht auf sie, Richie. Lass mich nicht allein.“ Richie und Micky ignorierten ihre Bitte.
Ein Leben für ein Leben, Richie. Ein überaus fairer Tausch. Du hast eine Minute.“ Sie zeigte auf ihre Armbanduhr. Tausend Gedanken schossen dem jungen Unsterblichen in diesen 60 Sekunden durch seinen Kopf. Er musste Isabelle beschützen. Er war doch erst 32. Micky würde ihm doch nicht wirklich den Kopf abschlagen. Er war noch gar nicht in Venedig gewesen. Seit er Jackie Summerfield getötet hatte, war er mit keinem Mädchen mehr zusammen gewesen. Er wollte eine Motorradtour über den Highway No. 1 machen. Er war noch nicht bereit zum Sterben. Wie fühlte es sich an, wenn man den Kopf verlor?
Okay. Schwöre mir, dass du Isabelle am Leben lässt. Und ich will einen fairen Kampf.“ Micky sah sich einen Moment um. Dann zog sie aus dem Bücherregal zu ihrer Rechten ein Buch hervor. Richie sah, dass es die Bibel war. Er hatte keine Einwände und nickte. Zufrieden legte sie ihre Hand darauf. Mit der Bibel hatte sie keine Probleme, zumindest was einen falschen Schwur betraf.
Ich schwöre. Und jetzt komm endlich.“ Sie warf das Buch gelangweilt auf den Boden. Angesichts der verheerenden Situation, in der er mit Isabelle steckte, vergaß Richie, dass Micky ein gespaltenes Verhältnis zu Gott und der Kirche hatte. Ein Schwur auf die Bibel bedeutete weder der seelenlosen noch der guten Micky etwas. Doch daran dachte er im Augenblick nicht. Er umarmte Isabelle zum Abschied und folgte dann seiner Meisterin. Nein, seinem Todesengel, korrigierte er sich.

 

Sie gingen durch die dunklen Korridore des Klosters, das lange Zeit die Heimat von Darius gewesen war. Die Brüder schliefen alle in ihren bescheidenen Zellen und ahnten nicht, was sich in ihren Mauern ereignete. Nur ein Bruder ruhte in dieser Nacht nicht. Einer der Brüder diente nicht nur Gott, sondern war nebenbei für einen weltlichen Arbeitgeber tätig.

Bruder Thadeus, der nette Mönch, der vor Wochen Micky die Kiste mit den Briefen von Darius übergeben hatte, schlich leise durch die steinernen Räume mit den gewölbten Decken. Seinen mächtigen Bauch vor sich herschiebend, legte er ein beachtliches Tempo an den Tag. Unbemerkt beobachtete er die beiden Unsterblichen und ging damit seiner Haupttätigkeit nach. Was nämlich keiner seiner Mitbrüder oder überhaupt ein Mensch, der ihn kannte, ahnte, war die Tatsache, dass der Bruder ein Beobachter war. Als solcher musste er die erschreckende Verwandlung der Comtesse natürlich dokumentieren und festhalten. Mehr konnte und durfte er nicht tun. Selbst wenn er körperlich dazu in der Lage gewesen wäre Richie zu helfen, hätte sein Status als Beobachter ihm verboten einzugreifen. Thadeus gehörte nicht zu der Sorte Mensch, der Befehle missachtete und Regeln verbog, wie Joe Dawson oder Maurice Pinoteaus es taten.

Sie hatten das Tor erreicht, das die schützende Grenze des heiligen Bodens markierte. Micky gab ihm einen Schups.

Nach dir, Junior.“ Er ging voran, sein Herz schlug bis zum Hals. Beide bemerkten, dass sie nicht mehr alleine waren. Mickys Blick suchte den Vorplatz des Klosters ab.
Lass den Jungen gehen. Er ist es nicht, den du willst!“ rief eine vertraute Stimme. Richie atmete erleichtert auf. Aus dem Schatten einer Seitenstraße trat Methos hervor.

Sieh an, sieh an. Methos, der große Krieger ist gekommen, um sich seinem Schicksal zu stellen. Wie willst du mich besiegen? Ich bin jetzt stärker als du.“
Trotzdem kämpfe ich ungefähr 4.500 Jahre länger. Energie von Unsterblichen ist nicht alles. Erfahrung ist entscheidend. Und im Vergleich zu mir, bist du eine lausige Anfängerin.“ Sie schrie wütend auf und stürzte sich mit dem Schwert auf Methos. Richie ging Schutz suchend drei Schritte rückwärts bis er wieder auf dem Gelände des Klosters stand. Neben ihm standen auf einmal die MacLeods. Er war noch nie so froh gewesen Connor und Duncan zu sehen wie in dieser Nacht. Die beiden hielten ihre Schwerter in Händen und warteten ab. Richie registrierte, wie ruhig sie waren.
Was machen wir jetzt? Wir können doch nicht zulassen, dass sie Methos tötet!“
Ganz ruhig, Richie. Darius hat gesagt, dass es der einzige Weg ist, sie von dem Bösen zu befreien.“ Richie sah Duncan ungläubig an und machte einen Satz nach vorne. Duncan hielt ihn an der Kapuze seines Sweatshirts zurück. „Nein, nein. Darius sagte, dass sie ihn nicht töten kann.“
Also wird Methos sie töten?“ Das war ja genauso schrecklich. Er machte wieder einen Satz nach vorne, und wieder hielt Duncan ihn fest. Wie sollte ein Toter wissen, wie eine seelenlose Micky reagieren würde? Das war doch einfach lächerlich, selbst für ihre Verhältnisse und die Ereignisse, in die er und seine Freunde regelmäßig verstrickt waren.
Nein. Laut Darius wird sie aufhören, weil sie erkennt, dass sie Methos nicht töten kann… Weil er doch ihr bester Freund ist.“ Richies Gesichtsausdruck zeigte überdeutlich, dass er nicht verstand, wovon Duncan da redete. Für ihn hörte es sich total durchgeknallt an. Kapitulierend gab er nach und wandte sich dem bevorstehenden Kampf zu. Sein Herz schlug noch immer bis zum Hals, obwohl es doch Methos war, der nun um seinen Kopf kämpfen musste und nicht mehr Richie selbst. Er fühlte sich schuldig, weil er in der Sicherheit des Klostergeländes stand und beobachten konnte, was passieren würde.

Methos hielt sein Langschwert mit beiden Händen fest im Griff und näherte sich geschmeidig der Comtesse. Er betete inständig, dass Darius sich nicht geirrt hatte. Denn eines war sicher, er würde Micky nicht töten. Niemals.

Ich überlasse dir den ersten Schlag, Micky.“ Das ließ sie sich nicht zweimal sagen. Mit einem wilden Kampfschrei auf den Lippen preschte sie vor und griff Methos an. Im letzten Augenblick sprang Methos zur Seite, drehte sich um und rannte Micky hinter her. Sie standen jetzt in einer engen, dunklen Seitenstraße.
Ist das alles, was du drauf hast? Dann war es vielleicht doch gut, dass ich den Ex deiner Frau erledigt habe. Du hättest ihn nie besiegt.“
Und du bist übermütig, dadurch arbeitest du an deinem eigenen Untergang, meine Liebe.“ Er kannte jede Bewegung, die Micky ausführen konnte. So dachte er. Überrascht stellte Methos fest, dass er doch nicht alle kannte. Sie führte Finten aus, die ihn total aus dem Konzept brachten. Schläge, die er sie noch nie hatte ausführen sehen. Micky wehrte seine Angriffe mit einer Leichtigkeit ab, die ihm ein eiskaltes Schaudern über den Rücken laufen ließ.

Das Wissen von Sikes und Alexander, schoss es ihm in den Kopf. Er musste aufhören sich in Sicherheit zu wiegen.

Der nächste Schlag streifte Methos’ Brustkorb, er sprang zurück und fiel über eine Mülltonne. Connor, Duncan und Richie schrieen erschrocken seinen Namen. Duncan setzte einen Fuß über die Grenze des Klostergeländes und verließ als Erster den Schutz des heiligen Bodens. Connor und Richie folgten ihm ohne zu zögern.

Mir geht es gut!“ versicherte Methos ihnen mit einem bedauernden Blick auf sein Lieblingshemd, das ein breiter, blutiger Riss verunstaltete.
Nicht mehr lange!“ rief die Comtesse. Mickys Schwert sauste auf ihn zu, Methos drehte sich blitzschnell nach links weg. Er rappelte sich auf und führte sein Langschwert wieder beidhändig. Sofort ging er zum Angriff über, die Schwerter schlugen Funken durch die Wucht des Aufpralls. Der nächste Schlag verfehlte Mickys Schwert. Aus der Steinmauer, in die Methos geschlagen hatte, flogen Splitter. Die Comtesse sprang erschrocken zurück und fuhr sich über die linke Wange und ihren Hals, ihre Hand war blutig. „Wenn Narben zurückbleiben, bringe ich dich um!“
Das tust doch sowieso. Da kann ein kleines Souvenir von deinem besten Freund nicht schaden. Du musst doch etwas von mir haben, wenn ich tot bin und du wieder eine Seele hast!“ Sie verharrte einen kurzen Moment, überlegte. Methos nutzte die Gelegenheit, um zu verschnaufen, bevor sie wieder angriff. Schlag um Schlag drängte sie Methos durch die schmale Seitenstraße. Es fing an zu regnen, das Kopfsteinpflaster verwandelte sich in ein rutschiges Tanzparkett. Donner grollte, Blitze zuckten in der Ferne. Micky schlitterte mit ihren Pfennigabsätzen, drosch aber unverändert hart auf ihren alten Freund ein. Methos war genauso benachteiligt wie sie. Seine Schuhe waren für rutschigen Untergrund nicht geeignet. Er verlor den Halt, fiel hin, sprang wieder auf, wehrte dabei jeden Angriff der Comtesse ab. Sie ließen die Gasse hinter sich und erreichten einen großen Platz. Keine Menschenseele weit und breit.

Duncan, Connor und Richie rannten ihn hinter her. Die beiden Duellanten umkreisten sich unschlüssig, schlugen probeweise nacheinander. Wieder rutschte Methos aus, Micky zögerte nicht. Sie schlug nach ihm, Methos Hand schoss von hinten hoch und parierte den Schlag.

Ich muss schon sagen, es ist ein echtes Vergnügen mit dir zu kämpfen, Methos.“ Er keuchte vor Anstrengung, sie ließ ihm keine Sekunde Ruhe und das Sommergewitter, das sich über der Stadt entlud, war auch nicht gerade ein Segen.
Ich halte deine Komplimente im Augenblick für sehr fragwürdig, Comtesse. Da du absolut und vollkommen durchgeknallt bist.“ Methos sprang auf die Füße und brachte ein wenig Distanz zwischen sich und Micky.
Ach, kramst du mal wieder deinen Doktortitel hervor? Willst du mich mit deiner Analyse beeindrucken, Doktor Freud?“ Sie tat so, als würde sie überlegen. „Funktioniert nicht!“ Und schon wieder schlug sie nach Methos.
Schließlich befanden sie sich am Ende einer breiten Treppe, die zu einer Bibliothek führte.

Wie passend, du wirst dein Ende im Beisein von verstaubten alten Werken der Sterblichen finden!“ Er führte einen kraftvollen Schlag aus, der von Micky überraschend leicht abgeblockt wurde. Sie hob ihr linkes Bein und trat Methos mit dem spitzen Absatz ihres Stiefels vor die Brust. Es raubte Methos den Atem, desorientiert strauchelte er und fiel rücklings auf die hellen Steinstufen. Sein Schwert machte den Abflug und landete scheppernd vor Mickys Füßen. Sie hob es auf und näherte sich jede Sekunde auskostend ihrem Gegner. Methos erkannte, dass er besiegt war. Jetzt galt es. Der alles entscheidende Moment war gekommen. Entweder würde er aufgrund seiner bevorstehenden Niederlage Micky vom Funken des Bösen befreien oder nach 5.000 Jahren durch die Hand der Frau, die er einmal geliebt hatte, seinen Kopf verlieren und ihr so seine Seele wiedergeben. Methos war bereit für Micky das größte Opfer zu bringen – sein eigenes Leben. Es tat ihm nur leid, dass er von ihr und seinen übrigen Freunden Abschied nehmen musste. Aber wie sagte ein französisches Sprichwort: Abschied war immer ein wenig wie sterben.
Schicksal, nimm deinen Lauf“, murmelte er. Seltsamerweise verspürte Methos keine Angst. Nur die Gewissheit, dass er ein gutes Leben gehabt hatte. Die meisten Fehler hatte er korrigieren können und Himmel, was hatte er für einen Spaß gehabt. Tu’s doch, bring’ es zu einem Ende. Aber schnell, bitte“, rief Methos laut.
Die hohen Gebäude warfen ein gespenstisches Echo zurück. Das ferne Donnergrollen kam unaufhaltsam näher genau wie Methos’ Ende. Micky hob ihr Toledo Salamanca mit Zorn und Hass in den Augen, langsam kam sie näher. Kurz vor Methos blieb sie stehen, hob es über den Kopf und setzte zum Schlag an. Millimeter vor seinem dünnen Hals bremste die Klinge ab. Methos’ Adamsapfel hüpfte auf und ab, mit tiefem Unglauben in den Augen starrte er zu hier rauf. Micky wich einen Schritt zurück, dann noch einen und noch einen. Entsetzt sah sie auf Methos herab. Es schien einen Augenblick, als würde sie aus einem Traum aufwachen. Ihr Blick klärte sich, Tränen schossen in ihre Augen. Entsetzt ließ Micky ihr Schwert fallen und stürzte vor Methos auf die Knie.

Methos! Methos! Was ist denn nur passiert?!“ Sie weinte wie ein kleines Kind. Erleichtert stieß Methos die Luft aus und umarmte Micky.
Beruhigend strich er ihr über den Rücken und murmelte immer wieder: „Alles in Ordnung, ma Belle.“ Der Kosename aus alter Zeit war ihm herausgerutscht, ehe er es verhindern konnte. Sie sah ihn überrascht an.

So hast du mich seit 212 Jahren nicht mehr genannt… Sag’ mir bitte, was passiert ist. Wieso wollte ich dir den Kopf abschlagen?!“ Sie weinte noch immer fassungslos über ihr Vorhaben.
Das war der Funke des Bösen. Sikes’ schlechte Energie hat dich überwältigt.“ Sie schluckte, als ihr bewusst wurde, was sie nach dem Duell gegen Christopher Sikes getan und gesagt hatte.

Von der anderen Seite des Platzes näherten sich Duncan, Connor und Richie. Zu sagen, sie wären erleichtert, wäre die Untertreibung des Jahrhunderts. Eine zeitlang hatte es so ausgesehen, als würde Micky es wirklich durchziehen und sich Methos’ Kopf holen.

Nun hatten sie Methos und Micky erreicht, die sich noch immer in den Armen lagen. Micky heulte Methos’ zerrissenes Lieblingshemd voll, es war ihm einerlei. Duncan schaute auf die beiden herab, gönnte ihnen noch einen Moment. Dann trat er behutsam näher, löste Micky aus Methos’ Umarmung und drehte sie um. Bebend strich er über die blutige Wange und den Hals. Dabei sah er ihr tief in die Augen und erkannte sie.

Micky, oh Micky.“ Er drückte sie fest an sich. „Micky, endlich. Ich hatte die Hoffnung schon verloren.“
Connor half derweil Methos auf die Füße und nahm die Schwerter an sich.

Mann Alter, kannst du kämpfen, wenn es um deinen Kopf geht“, bemerkte Richie anerkennend.
Hier ging es nicht um meinen Kopf, Richie, sondern um Mickys Seele. Ich war bereit für sie zu sterben. Wenn sie anders ihre Seele nicht hätte wiederbekommen können. Aber eigentlich war ich mir sicher. Darius hat nie Mist erzählt.“ Connor klopfte ihm kameradschaftlich auf den Rücken.
Ja, Darius hat anscheinend gewusst, wovon er sprach. Aber ich glaube nicht, dass du dir auch sicher warst, Methos.“
Klar war ich mir sicher, Connor“, log Methos. „Ich wusste genau, dass Micky es nicht fertig bringt mich zu töten.“ Connor sah ihm tief in die Augen, dort las er, was Methos nicht ausgesprochen hatte. Doch auch er sagte es nicht.

Micky ließ Duncan los, wandte sich zu den Freunden um und schniefte. Sie hielt Daumen und Zeigefinger ihrer linken Hand dicht zusammen.

Ich war so kurz davor, Methos. Es war wie ein innerer Zwang. Ich konnte nicht anders… Und all die schlimmen Dinge, die ich zu euch sagte. Es tut mir so leid.“ Sie machten wegwerfende Handbewegungen, zuckten die Schultern, als wäre es nicht erwähnenswert, dass Micky sich wie eine Furie aufgeführt hatte.
Ich kann mich gar nicht mehr erinnern“, versicherte Duncan und warf Methos einen eindringlichen Blick zu.
Genau, ich auch nicht. Außerdem wussten wir doch, dass das gar nicht du warst.“ Micky atmete ein wenig erleichtert auf, legte den Arm um Duncan und folgte ihren Freunden zurück zum Kloster, wo Isabelle sie erwartete.

 

 

12. Der liebeskranke Prinz

 

Frankreich, Paris, am Ufer der Seine, 20. September 2007.
Micky und Methos gingen schweigend mit einigen Einkaufstüten in der Hand an der Seine entlang. Am Flussufer flanierten Pärchen, sausten Jogger vorüber, gingen Leute mit Hunden oder Kinderwagen spazieren. Es war ein schöner Tag. Nicht irgendein Tag, sondern Richies Geburtstag.

Zu diesem Anlass planten die Freunde eine Überraschungsparty auf dem Hausboot. Duncan besorgte die Getränke, Connor kümmerte sich mit Isabelle um das Essen. Und Micky organisierte mit Methos alles, was sonst noch zu tun war.

Und Richie ahnt wirklich nichts von seiner Party?“ vergewisserte Micky sich noch einmal. Sie wollte einfach, dass der Abend perfekt ablief. Richie hatte sich einen unvergesslichen Geburtstag verdient, den Micky ihm schenken wollte. Nicht zuletzt konnte sie damit ihr schlechtes Gewissen etwas beruhigen, weil sie unter dem Einfluss von Sikes’ schlechter Energie hinter seinem Kopf her gewesen war.
Na hör mal, du kennst mich doch!“ empörte Methos sich den Beleidigten spielend.
Ja, eben deswegen frage ich ja. Was man dir anvertraut, erfahren ehe man sich’s versieht alle anderen oder es geht verloren.“
Wie bitte? Was man mir anvertraut, ist wohlbehütet!“ Micky lachte.
Ja, klar, so wie die vestalischen Jungfrauen, die nach der Orgie mit dir arbeitslos und anschließend tot waren.“ Micky spielte auf einen Vorfall an, der sich im Jahre 90 vor Christus ereignet hatte. Im alten Rom waren die Vestalinnen während ihrer dreißigjährigen Dienstzeit zu absoluter Keuschheit verpflichtet gewesen. Der Verlust der Jungfräulichkeit einer Vestalin galt als böses Omen. Eine unkeusche Vestalin wurde stets mit dem Tode bestraft, ebenso wie ihr Mittäter. Methos hatte die sechs Vestalinnen eigentlich beschützen sollen. Dummerweise war ihm seine Leidenschaft wie immer in die Quere gekommen. Während einer mehrere Tage andauernden Belagerung hatte er eine nach der anderen überzeugt, dass es sich nicht lohnte als Jungfrau zu sterben und sie schließlich verführt. Wer hatte ahnen können, dass die Römer siegen würden? Die somit unkeuschen Vestalinnen waren zum Tod durch den Sprung vom Tarpeischen Felsen, einem steilen im Südosten von Rom gelegenen Abhang, verurteilt worden. Methos hingegen hatte man, wie damals üblich, zu Tode gepeitscht.

Er könnte sich noch heute auf die Zunge beißen, weil er Micky irgendwann einmal davon erzählt hatte. Dummerweise vergaß die Comtesse nie etwas. Vor allem nicht die pikanten und für ihn peinlichen Geschichten, die ihm nach einem Glas Wein zu viel herausgerutscht waren.

Also jetzt hör mal…“, begann er, verstummte aber alsbald wieder.
Ja? Sprich dich ruhig aus.“
Erstens ist es nicht nett, dass du mir immer noch vorwirfst, dass ich mich damals nicht zügeln konnte. Und außerdem… Das… Das war was ganz Anderes.“
Das habe ich doch gemeint. Du kannst dein Schandmaul nicht halten und deine gierigen Finger nicht bei dir lassen.“
Also, das ist aber… Fast könnte man meinen, du hättest schon wieder deine Seele verloren… Wieso stellst du die Tüten ab? Micky, was soll das? Komm nicht näher!“ Micky drängte ihren Freund in Richtung des Wassers. Flink riss sie Methos seine Tüten aus der Hand, stellte sie ab und verpasste ihm einen Tritt. Er fiel nach hinten in die Seine, ging kurz unter, um einen Moment später wieder prustend aus dem Wasser zu schießen. Vorbeiziehende Passanten kicherten und zeigten auf ihn, was dem uralten Unsterblichen natürlich überhaupt nicht gefiel.
Das war für deinen geschmacklosen Witz, Methos.“
Ach, aber du fandest diese Aktion witzig, wie?“ fragte er mit den Armen rudernd.

Grinsend ging Micky in die Knie und streckte ihm ihre Hand entgegen.

Eigentlich schon…“
Wenn das so ist…“ Er griff danach und zog Micky zu sich in den Fluss. Micky schwamm neben ihm auf der Stelle. „Warum ziehst du mich immer noch damit auf? Du bist ja noch nicht mal dabei gewesen!“
Ja, aber die Geschichte machte damals im gesamten Mittelmeerraum die Runde. Unser Freund Michael Alexander hatte auch davon gehört. Daher habe ich zumindest einen Bericht aus zweiter Hand. Und wenn ich heute Abend auch nur den geringsten Verdacht habe, dass Richie etwas von seiner Party ahnt, dann fahre ich mit dir nach Rom und lasse ich dich vom Tarpeischen Felsen hüpfen.“ Sie stemmte sich aus dem Wasser empor und stieg ans Ufer.
Na und? Dann bin ich tot. Jetzt hab’ ich aber Angst“, meinte Methos gelangweilt und folgte ihr.
Ich stelle unten ein paar spitzte Pfeile auf, die dich durchbohren. Und Isis, die zu deiner Belebung mit einer Tasse Kaffee auf dich wartet.“

So böse bist selbst du nicht.“ Micky zögerte kurz mit ihrer Antwort. Die Erinnerung an ihre seelenlose Zeit war noch zu frisch, als dass sie schon locker Witze darüber reißen konnte.
Nein, inzwischen wohl nicht mehr.“ Sie griff nach den Tüten und ging weiter zum Hausboot. Methos folgte ihr schweigend und tropfend.

 

Frankreich, Paris, Duncans Hausboot, wenig später.
Micky sah ihn, noch ehe sie ihn spürte. Ein zweiter Blick bestätigte ihr, dass sie richtig sah.

Oh nein“, rief sie genervt und auch ein wenig besorgt.
Kennst du ihn?“ fragte Methos interessiert.

Am Hausboot wartete Unsterblicher auf sie. Er war schon ein wenig älter, hatte wasserstoffblonde, längere Haare, die er offen trug. Er strahlte etwas Geheimnisvolles, Majestätisches aus. Sein schwarzer Mantel flatterte im Wind, darunter entdeckte Micky seinen Degen aus alten Tagen.

Erinnerst du dich an Jean-Paul? Ich habe dir mal von ihm erzählt.“ Methos grübelte einen Moment. Sich 5.000 Jahre Namen und Gesichter merken zu müssen, war nicht gerade einfach. Doch dann fiel es ihm wieder ein. Jean-Paul Valois hatte nie eine Aussicht auf den Thron Frankreichs gehabt, da Katharina Medici nach 11 fruchtlosen Jahren ihrem Mann König Heinrich insgesamt zehn Kinder geschenkt hatte. Jean-Paul hatte sich damit problemlos abgefunden. Womit er hingegen ein Problem gehabt hatte, war die Zurückweisung der Comtesse Dubois gewesen. Denn er hatte sie auserwählt als Frau an seiner Seite.
Der Valois-Prinz?“ meinte er, worauf Micky bestätigend nickte.
Genau der. Er war ein entfernter Cousin von Heinrich II. Als ich an Katharinas Hof lebte, war Jean-Paul hinter mir her. Ein unerträglicher Schatten. Er ließ mir keine Luft zum Atmen. Ständig schickte er mir Juwelen, Blumen, Pralinen.“
Ja, einfach schrecklich. So ein ätzender Typ“, spottete Methos, worauf Micky genervt mit den Augen rollte.
Er war total besitzergreifend. Nach Katharinas Tod habe ich meinen eigenen inszeniert und ging nach Italien. Kurz darauf wurde Jean-Paul selbst unsterblich und erfuhr, dass ich zum selben Verein gehörte. Er setzte Himmel und Hölle in Bewegung, um mich zu finden.“
Und hat er?“
Oh ja, immer wieder, Methos. Immer wieder.“ Sie griff unter ihren Mantel und holte ihr Schwert hervor. Der Valois-Prinz stieß sich von der Wand des schwarzen Bootes ab und kam der Comtesse entgegen. Methos ging einen Schritt schneller.

Jean-Paul, was willst du hier? Und wie hast du mich schon wieder gefunden?“ Sie stellte die Einkaufstaschen ab und hielt ihren unerwünschten Gast mit ihrem Toledo Salamanca in Schach.
Du kannst nie lange von der Heimat fernbleiben, Geliebte.“
Nenn’ mich nicht so, Jean-Paul!“

Methos stellte die restlichen Tüten ab, zog nun ebenfalls sein stattliches Langschwert und musterte den Fremden argwöhnisch. Er legte sich sein Schwert über die Schulter und verfolgte die Unterhaltung weiter höchst interessiert.

Stellst du uns vor, Micky?“
Natürlich. Methos, das ist seine Hoheit, Jean-Paul, Prinz von Valois. Ein lausiger Liebhaber, ein besitzergreifendes Arschloch und letztes Mitglied eines ausgestorbenen Königshauses.“ Methos konnte sich nur mit Mühe ein Grinsen verkneifen.
Methos? Ich hörte, Sie wären eine Legende.“
Ja, im Bett ist er in der Tat legendär.“ Methos und Jean-Paul sahen Micky gleichermaßen fassungslos an. Methos öffnete seinen Mund und setzte zu einer Antwort an. „Halt die Klappe, Methos!“
Ist er dein Gefährte?“
Nein, Jean-Paul. Das war einmal.“
Zweimal“, verbesserte Methos und hielt dabei zwei seiner dünnen, langen Finger unter Mickys Nase. Sie schlug sie weg.
Ich sag’s doch, Schandmaul!... Jean-Paul, bevor du auf Ideen kommst, ich bin verheiratet.“ Jean-Paul lächelte erheitert.
Na, ich habe Zeit. Dein Mann wird alt und irgendwann sterben. Und dann werde ich bereit sein.“ Nun lächelte Micky ihn amüsiert an.
Er ist ein Unsterblicher, Jean-Paul. Bei deinen Nachforschungen dürfte dir doch aufgefallen sein, dass ich jetzt MacLeod heiße. Mein Mann ist Duncan MacLeod vom Clan der MacLeod. Er ist ein großer Krieger. Ein größerer als du je sein wirst. Und jetzt: hit the road, Jean-Paul and don’t you come back no more!“ Damit schnappte sich Micky ihre Einkäufe stieg aufs Boot und ging unter Deck.

Methos kam fünf Minuten später. Micky packte wütend vor sich hinfluchend die Einkäufe für die Party aus.

Hast du noch Smalltalk mit ihm betrieben, oder was?“ fauchte sie ihren alten Freund an. Methos stellte die Tüten ab und hob abwehrend die Hände.
Man kann sich nicht aussuchen, wen man liebt. Das solltest du am doch am Besten wissen.“
Du kannst doch Jean-Paul nicht mit Darius vergleichen. Das ist ein Unterschied wie…“
Ja?“
Egal. Es geht ja auch darum, dass Jean-Paul seit dem 16. Jahrhundert nicht einsehen will, dass ich nichts für ihn übrig habe. Darius und ich waren immerhin Freunde.“
Gib ihm ne Chance.“ Wütend warf sie eine Packung mit Strohhalmen auf den Esstisch, die sogleich aus ihrer Schachtel schossen und sich überall großzügig auf dem Parkett verteilten. Micky stöhnte genervt über die Situation.
Mit einer Freundschaft gibt er sich nun mal nicht zufrieden! Das ist ein Kampf gegen Windmühlen, aber ist er die Dulzinea!!“
Warum fangt ihr nicht noch mal von vorne an?“
Oh, ergießt du mal wieder deine Weisheit über mich, Methos? Bitte, ich bin unwürdig!“ frotzelte sie. „Ich hab’s so satt! Ich will einfach nur in Frieden leben! Immer wieder passiert was! Horton bricht aus dem Knast aus, wir töten ihn, Sikes übernimmt die Beobachter. Dank Sikes lande ich als Geist in der Zwischenwelt. Ich komme zurück und leide unter Amnesie. Duncan tötet mich zweimal, bis ich mich erinnere. Dann schaffe ich es endlich Sikes zu töten und verliere meine Seele. Und jetzt dachte ich, dass endlich alles in Ordnung ist und da taucht mein unsterblicher Schatten auf: Seine Hoheit Prinz Jean-Paul Valois. Ich geh’ bald ins Kloster!“ Methos lachte über ihre Ansprache.
Daran zweifle ich doch stark. Oder hast du schon mal von einer Nonne mit deiner Libido gehört?“ Sie warf eine Packung Servietten nach ihm.
Als wir zusammen waren, hast du dich nie über meine Libido beschwert. Und außerdem weißt du doch ganz genau, dass ich schon immer auf schottische Barbaren und nicht auf Prinzen stand. Und da Jean-Paul meine Freundschaft nicht reicht, ist das Thema hiermit beendet!“ Methos grinste, während er die Strohhalme vom Boden aufhob. Er liebte diese Neckereien zwischen sich und der Comtesse.
Ich sag’ ja schon nichts mehr, Micky. Es ist deine Entscheidung.“
Ganz genau! Und ich entscheide, dass Jean-Paul zur Hölle gehen soll! Und jetzt beeil dich bitte, wir haben noch soviel zu tun.“

 

Frankreich, Paris, der Weg an der Seine zu Duncans Hausboot, am Abend.
Richie und Micky gingen nebeneinander her. Es war bereits dunkel, Richie drängelte seine Begleiterin zur Eile. Sie lächelte amüsiert über seine Hektik.

Warum hast du auch die Karten auf dem Boot liegen lassen? Wir werden zu spät kommen“, nörgelte Richie. Micky hatte ihn mit der Versprechung zum Hausboot gelockt, dass sie Karten für ein Simply Minds-Konzert hatte, die heute und morgen in Paris auftraten. Sie biss sich auf die Lippe, damit Richie ihr verräterisches Grinsen nicht sehen konnte.

Endlich hatten sie das Hausboot erreicht. Wie besprochen lag es in völliger Dunkelheit. Richie betrat den Steg und schaltete die Außenbeleuchtung an. Da bemerkten beide einen sich nähernden Unsterblichen. Wahrscheinlich Connor, der wie immer zu spät kam, dachte Micky. Sie wartete kurz.

Geh’ nur, ich komme gleich.“ Suchend sah Micky sich am Ufer um und entfernte sich vom Boot. Richie beschlich ein ungutes Gefühl.
Hey Boss, komm lieber her und hol’ dein Schwert. Wer weiß, wer da kommt.“ Micky ignorierte ihn und ging am Ufer auf und ab. Im nächsten Moment hörte sie aus der Ferne ein Pfeifen.
Deckung!“ rief sie Richie entgegen. Er warf sich auf das Deck des Hausboots und sah, wie Micky von einer Kugel getroffen zu Boden sank. Links blendeten Scheinwerfer auf, ein Wagen fuhr zu ihr. Die Fahrertür schwang auf, ein Unsterblicher stieg aus, schnappte sich Micky und rauschte mit ihr in die Nacht davon.
Richie zögerte keine Sekunde, er sprang hoch und rannte die Einstiegsluke herunter. Das Licht ging an und eine große Gruppe Leute, Sterbliche und Unsterbliche bunt gemischt, riefen gemeinsam: „Überraschung!“ Richie sprang zurück.

Wow! Ich, äh, Leute, ich bin echt gerührt. Mac, ich muss dich sprechen.“ Duncan kam zu ihm und sah ihn fragend an. Richie schilderte schnell und in kurzen Worten, was sich draußen ereignet hatte.
Ich hatte es für die Fehlzündung eines Autos gehalten. Hast du gesehen, wer es gewesen ist? Oder ein Kennzeichen?“ Richie schüttelte bedauernd den Kopf.
Was ist denn mit euch los? Ich dachte, das hier ist eine Party und keine Beerdigung!“ fragte Methos.
Micky ist entführt worden. Gerade eben. Richie hat nicht gesehen, wer es war.“ Methos verzog das Gesicht. „Was? Was ist denn?“
Ich kann mir denken, wer es war.“
Wer?“ fragten Duncan und Richie.
Jean-Paul.“
Wer zum Teufel ist Jean-Paul?“ fragten sie wieder gemeinsam.
Ihr solltet damit auftreten, wirklich. Das ist lustig.“ Methos verstummte, als er Duncans bösen Blick sah. „Schon gut. Heute Mittag tauchte er auf. Jean-Paul Valois.“
Valois?“
Ja, Richie. Ehemalige, französische Herrscherfamilie. Er war ein Cousin von König Heinrich II. und ist seit Jahrhunderten hinter Micky her.“
Du meinst hinter ihrem Kopf“, vergewisserte Duncan sich, worauf Methos den Kopf schüttelte.
Nein. Es ist, wie ich’s sage. Er ist hinter Micky her. Er liebt sie und will sie für sich. Ein Nein akzeptiert er nicht.“
Na herrlich. Sie kann doch nicht mal einen normalen Verehrer haben, der nach achtzig Jahren in der Kiste landet. Nein, es muss ein unsterblicher Prinz sein.“ Er ging in Richtung Schlafzimmer und kam Augenblicke später mit Mantel und Schwert zurück.
Was soll das denn?“ fragte Methos irritiert.
Na, ich hole mir den Kopf von dem Kerl! Und ihr feiert Richies Geburtstag. Ich bin im Handumdrehen mit der Comtesse zurück. Was denkt der, wer er ist?!“
Ein Prinz. Und was denkst du, wo er ist?“
Wo lebten die Valois während ihrer Herrschaft?“ fragte Duncan im Gegenzug und ließ seine Freunde einfach stehen.

 

Frankreich, Paris, der Louvre, wenig später.
Heute beherbergte die ehemalige Königsresidenz, die eigentlich im 12. Jahrhundert zur Verteidigung des rechten Seineufers erbaut worden war, das weltweit größte Museum. König Heinrich II. hatte während seiner Regentschaft den Louvre zum Hauptwohnsitz der königlichen Familie bestimmt. Der moderne, klassizistische Bau war im 17. Jahrhundert entstanden und bestand aus drei Flügeln, die nach Denon, Sully und Richelieu benannt worden waren. 200 Jahre später hatte man den Bau, der auch teilweise im Renaissance-Stil errichtet worden war, mit den Tuilerien verbunden und zu seiner heutigen Form ausgebaut. Im 20. Jahrhundert hatte der Architekt Ieoh Ming Pei die weltberühmte Glaspyramide in den Innenhof des Louvre gebaut, die zum einen Spott und zum anderen bewunderndes Staunen ausgelöst hatte. Micky hatte all diese Umbauten und Veränderungen miterlebt im Laufe ihres Lebens. Es ging ihr ähnlich wie der berühmtesten Bewohnerin des Louvre - Da Vincis Mona Lisa. Sie belächelte die Veränderungen und die Reaktionen der Sterblichen. Waren sie doch relativ unbedeutet im Lauf der Zeiten.

Worüber sie hingegen nicht lächeln konnte, war wenn sie erschossen und entführt wurde. Ganz und gar nicht. Langsam öffnete sie die Augen und wollte sich ihren dröhnenden Schädel festhalten, als sie bemerkte, dass sie gefesselt war. Ihr schwarzes Kleid war staubig und ihre Hochfrisur war total durcheinander geraten. Sie hasste solche Aktionen.

Was zum Teufel soll das hier?“ rief sie. Der große Innenhof des Louvre warf ihren wütenden Ruf zu ihr zurück. Aus dem Schatten heraus trat Jean-Paul auf sie zu.
Hallo, Michelle. Meine Geliebte. Verzeih, aber das war notwendig.“
Notwendig?! Hast du sie noch alle? Ich bin verheiratet, Jean-Paul! Verheiratet! Wann kapierst du endlich, dass ich nicht dir gehöre?! Ich bin ein freier Mensch! Ich entscheide selbst, mit wem ich die Ewigkeit verbringen möchte! Mach’ mich los, dann bringen wir es hier und heute zu Ende!“ Er kniete sich vor die gefesselte Micky und strich durch ihr Gesicht, sie entzog sich ihm. Beide spürten einen sich nähernden Unsterblichen. Micky hoffte inständig, dass es einer ihrer Freunde war.

Hände weg von meiner Frau!“ Jean-Paul stand auf und ging mit seinem Schwert auf Duncan zu.
Sie liebt mich, MacLeod. Und Sie stehen mir im Weg.“ Duncan holte unter seinem Mantel sein Katana hervor und ging mit schnellen Schritten auf den Prinzen zu.
Himmel, sind Sie blind! Sie hat sie nie geliebt! Sie war einfach nur nett zu Ihnen. Also sein Sie vernünftig und lassen Sie meine Frau gehen!“
Nein!“ rief Jean-Paul und griff Duncan an. Beide Männer kämpften aus voller Überzeugung und um die Liebe einer Frau. In diesem Moment war die Belebung, die Zusammenkunft, überhaupt alles unwichtig. Es zählte einzig und alleine Micky. Duncan hatte sie und Jean-Paul wollte sie. Er kämpfte wie ein Bär um die Gunst seiner Herzensdame. Duncan stolperte und fiel vor Micky hin. Er grinste Micky frech an und küsste sie. Jean-Paul brüllte wütend seinen Namen.

Ich wusste, dass du kommen würdest, Duncan.“
Wieso, habe ich dir etwa gefehlt? Obwohl du königliche Gesellschaft hattest?“
Hol’ mich hier raus, und ich zeige dir zuhause, wie sehr du mir gefehlt hast.“ Duncan zog die Augenbrauen nach oben, sprang auf die Füße und parierte einen Schlag von Jean-Paul. Er drehte sich einmal um seine Achse und verpasste dem Prinzen einen Schnitt entlang des Bauches. Unglauben stand Jean-Paul deutlich ins Gesicht geschrieben. Er war doch ein Prinz, er konnte nicht verlieren. Nicht gegen einen barbarischen Bauerntölpel aus Schottland. Duncan grinste zufrieden, was er normalerweise nicht tat. Aber das hier ging eindeutig zu weit. Es ging nicht an, dass irgendwelche Kerle, königlich oder nicht, seine Frau entführten, weil sie in sie verliebt waren. Er verpasste Jean-Paul einen Kinnhaken, dieser ließ darauf seinen Degen fallen. Duncan fing ihn auf und schlug ihm mit seinem Katana den Kopf ab. Mit beiden Schwertern in den Händen nahm er die Energie des Valois-Prinzen in sich auf.

Als die Energieübertragung vorbei war, warf Duncan die überflüssige Klinge beiseite und ging zu seiner Frau. Er schnitt ihre Fesseln durch und umarmte sie.

Warum hast du auch immer so verrückte Freunde?“ fragte er tadelnd.
Ich habe es heute schon den ganzen Tag lang Methos erklärt, er war nicht mein Freund. Damit hat er sich ja nicht zufrieden gegeben. Und jetzt ist er mausetot.“ Sie gingen Arm in Arm über den Innenhof des Louvre. Duncan warf noch einen letzten Blick auf die Leiche.
Ich würde sagen, jetzt ist das Haus Valois endgültig ausgestorben.“

 

 

13. Tanz auf dem Hochseil

 

Frankreich, Paris, Duncans Hausboot, am Morgen.
Richie kam mit der Zeitung in der Hand in die Wohnküche der MacLeods und fand sie leer vor.

Micky, Mac?“ rief er und lauschte gespannt. Aus dem Badezimmer hörte er die beiden laut lachen. Er setzte sich an den Küchentisch und schenkte Kaffee ein. Das konnte dauern.

Überrascht sah Richie fünf Minuten später von der „Le Monde“ auf, weil die Turteltäubchen in Bademäntel gehüllt und noch immer lachend aus dem Bad kamen.

Morgen, Richie. Was gibt es?“
Der Zirkus ist in der Stadt“, antwortete Richie auf Duncans Frage. Duncan sah ein wenig erschrocken auf.
Welcher Zirkus?“ Ihm graute vor der Antwort.
Ganz ruhig, Mac. Bernado Ronaldo. Nicht Diana Moreno Bormann." Duncan setzte sich erleichtert hin und nahm sich ebenfalls eine Tasse Kaffee.

Micky, wir haben doch mal über eine bessere Alarmanlage für die Galerie gesprochen.“ Micky sah verwundert vom Kulturteil der Zeitung auf, in dem ihre heute beginnende 14-tägige Ausstellung angepriesen wurde. Ein Foto der Inkamaske, dem absoluten Highlight war groß abgebildet.
Wieso? Was ist denn los?“

Nichts. Ich mache mir nur Sorgen wegen der Inkamaske.“ Micky überlegte kurz und nickte schließlich.
Such’ mir nachher mal die Angebote von den Sicherheitsfirmen raus, dann entscheide ich mich“, sagte sie und ging ins Bad, um sich die Haare zu fönen.

Duncan und Richie warteten, bis die Tür deutlich hörbar ins Schloss gefallen war. Dann begannen sie aufgeregt zu tuscheln.

Glaubst du Amanda taucht auf und will die Maske stehlen?“
Richie, sie ist und bleibt nun mal eine Meisterdiebin. Das ist ihre Natur. Sie kann gar nicht anders. Mit Amanda ist es wie mit dem Skorpion, der sich von dem Frosch über den Fluss bringen lässt. In der Mitte des Flusses sticht er den Frosch, obwohl er weiß, dass er nun auch ertrinken muss. Der Frosch weist ihn darauf hin. Doch der Skorpion erwidert nur, dass es eben seiner Natur entspricht. Verstehst du? Amanda kann gar nicht anders. In allen Zeitungen steht etwas über die Inkamaske. Amanda ist der Skorpion. Die Maske stehlen zu wollen, liegt in ihrer Natur...“ Noch leiser und eindringlicher als bisher flüsterte Duncan nun: „Aber sag’ Micky nichts. Ich will ein Duell zwischen ihr und Amanda unbedingt vermeiden.“ Richie gab Duncan einen diskreten Wink, er drehte sich um. Micky stand wie zur Salzsäure erstarrt mit der Haarbüste in der Hand da.
Sind die Haare schon trocken? Da sehe ich noch eine nasse Locke“, meinte Duncan verzweifelt um einen Witz bemüht. Micky konnte überhaupt nicht darüber lachen. Sie griff sich blitzschnell ihr Schwert und hielt es ihrem Mann an den Hals.
Amanda?! Habe ich richtig gehört?! Amanda Montrose ist in der Stadt?!“ Duncan rutschte verlegen mit den Achseln zuckend auf seinem Stuhl nach hinten. Möglichst weit weg von der fein gezackten Klinge des japanischen Schwertes.
Ich bin mir nicht sicher. Man kann aber davon ausgehen, wenn der Zirkus in der Stadt ist. Ich rufe mal Papa Maurice an. Ich kriege es schon raus“, versprach Duncan und rückte noch ein wenig weiter nach hinten. Richie grinste nur über die Szene. Es erinnerte ihn stark an seine erste Begegnung mit Amanda und wie eifersüchtig Tessa auf sie reagiert hatte.
Wenn diese Hochseiltänzerin noch einmal Hand an dich legt oder auch nur ihre Krallen nach dir ausstreckt, kann sie ihrem Kopf au revoir sagen! Ist das klar, Duncan?!“ Er nickte schnell, Micky ließ zufrieden ihr Schwert sinken.
Wenn sie wirklich auftaucht, sorge ich dafür, dass sie nichts stiehlt und keinen Ärger macht“, versicherte Duncan und reichte seiner Frau eine Tasse Kaffee. Richie fing an zu lachen.
Der war gut, Mac. Du schaffst es genauso wenig, Amanda davon abzuhalten Ärger zu machen, wie Micky daran zu hindern in China erschossen zu werden.“ Micky und Duncan sahen ihn böse an. Richie stand auf, räusperte sich und sagte nur noch: „Ich fahre dann mal in die Galerie und überwache die letzten Vorbereitungen. Wir sehen uns dann bei der Eröffnung.“ Damit verschwand der junge Unsterbliche und überließ die MacLeods ihren Diskussionen über Amanda.

 

Frankreich, Paris, Duncans Hausboot am Nachmittag.
Die Eröffnung der lang erwarteten Inka-Ausstellung war ein Erfolg auf der ganzen Linie gewesen. Micky hatte über die Jahrhunderte hinweg die unterschiedlichsten Artefakte zusammengetragen. Die Maske, die sie in Amerika gekauft hatte, war noch das Tüpfelchen auf dem „I“, das für ihre Ausstellung, die sie sich schon lange wünschte, gefehlt hatte.

Duncan, Richie und Micky betraten nacheinander das Hausboot. Sofort spürten sie einen Unsterblichen.

Ist Methos geflogen?“ fragte Richie, hatte aber bereits die Hand unter seiner Jacke. Die MacLeods zogen nun ihrerseits ihre Schwerter und durchsuchten gemeinsam das große Hausboot.

Einen Augenblick später ging die Tür zum Badezimmer auf, und nur mit einem winzig kleinen Handtuch bekleidet, das gerade mal die wichtigsten Stellen verdeckte, erschien Amanda auf der Bildfläche.

Ich bring’ sie um“, fauchte Micky und stürmte mit ihrem Schwert auf Duncans Verflossene zu.
Micky, nein“, rief ihr Mann und ging mit seinem Schwert dazwischen. Micky traute ihren Augen und Ohren nicht. Sie zog ihre Klinge zurück und stieg die Einstiegsluke rauf. Richie folgte ihr in sicherem Abstand. In diesen Streit wollte er sich gewiss nicht einmischen, und vom Oberdeck würde er genauso gut hören, was Duncan und Amanda sich zu sagen hatten.

Duncan spürte einen weiteren Unsterblichen und erkannte Methos’ Stimme, die nun vom Oberdeck her ertönte. Er verstand nicht jedes Wort, ein Satz war aber nicht zu überhören. Duncan war sich sicher, dass sie ihn mit voller Absicht so laut herausgeschrieen hatte.

Du kannst Duncan MacLeod ausrichten, dass er ein Arsch ist!“ Duncan zog zischend die Luft ein und warf Amanda einen abstrafenden Blick zu.

Nun kam Methos die Treppe herunter und entdeckte sofort Amanda. Angesichts ihrer Aufmachung entfuhr ihm ein anerkennender Pfiff.

Ist Micky weg?“ fragte Duncan geknickt.
Ja. Sie sagt, dass du...“
Ich hab’s gehört. Ich bin ein Arsch.“ Methos grinste.
Und sie sagte auch, solange du Amandas Zirkusclown spielst, brauchst du nicht ins Chateau oder in ihre Nähe zu kommen.“ Duncan starrte seinen alten Freund ungläubig an.
Sie wirft mich raus?! Sie wirft mich raus! Bist du nun endlich zufrieden, Amanda?! Himmel, zieh’ dir was an! Mir ist es egal, ob du dir den Tod holst. Aber du solltest besser angezogen sein, wenn ich dich verhaften lasse!“ Amanda klappte die Kinnlade herunter, Methos grinste weiterhin aufs Äußerste amüsiert.
Verhaften?! Ich habe nichts getan!“
Abgesehen von Einbruch in mein Hausboot noch nichts weiter. Aber du willst die Inkamaske, das ist klar.“ Sie lächelte verlegen.
Ach, Duncan. Kein Mann hat mich je so gut verstanden wie du. Und keiner hat sich je so gut um mich gekümmert wie du“, säuselte sie verführerisch. Methos trat neben Duncan.
Sie erinnert mich an meine Frau, das linkische Biest.“ Amanda wurde hellhörig, sie war eine gute Freundin von Isis. Gleich und gleich gesellte sich auch unter den Unsterblichen gern.
Wie geht es Isis denn? Ich habe lange nichts von ihr gehört“, bemerkte Amanda, noch immer ihr knappes Handtuch festhaltend.
Ach, habt ihr euch nicht beim Jahrestreffen der Meisterdiebe getroffen?“ fragte Methos hämisch.
Methos, du warst mal so ein toller Mann. Aber Duncans edle Anwandlungen haben dich total verdorben.“ Duncan reichte es jetzt.
Wenn du nicht in fünf Minuten angezogen und von meinem Boot verschwunden bist, werfe ich dich nackt über die Reling!“
Das würdest du nicht“, erwiderte Amanda gelassen und selbstsicher.
Oh doch, das würde ich! Meine Frau hat mich deinetwegen buchstäblich aus ihrem Schloss rausgeworfen. Also sieh’ zu, dass du endlich Land gewinnst! Und komm’ mir die nächsten hundert Jahre nicht mehr in die Quere! Und halte dich von der Galerie fern!“ Methos kam das alles so bekannt vor. Unterhaltungen wie diese hatte er bestimmt in über 4.000 Jahren viele hundert Mal mit Isis geführt. Amanda verschwand kommentarlos im Badezimmer, um Minuten später das Boot mit flatterndem Mantel und tödlich beleidigter Miene zu verlassen.

Duncan war sich sicher, dass es noch nicht vorbei war. Wenn Amanda sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, konnte man sie nur schwerlich wieder davon abbringen. Und es gab mit großer Wahrscheinlichkeit einen Partner. Amanda führte ihre Diebeszüge nie im Alleingang aus. Das schmälerte zwar den Gewinn, bedeutete aber mehr Sicherheit und größere Aussicht auf Erfolg. Bei ihrem letzten, großen Coup war Amandas Partner der Unsterbliche Zachary Blaine gewesen. Sie hatten eine Original Gutenberg-Bibel gestohlen, die den Wert von mehreren Millionen Dollar gehabt hatte. Amandas Partner hatte es den Kopf gekostet, und das Buch hatte Duncan zurück ins Museum gebracht.

Duncan ging davon aus, dass Amanda mal wieder dringend Geld brauchte, weil ihr das europäische Pflaster zu heiß geworden war. Und wahrscheinlich war ihr auch langweilig. Der Frau ihres Verflossenen, den sie nie so ganz hatte vergessen können, etwas so Wertvolles zu stehlen, hatte einen gewissen Reiz. Duncan verspürte große Lust Amanda den Kopf abzuschlagen, nicht ernsthaft natürlich. Aber der Ärger, den er im Augenblick mal wieder Dank ihr hatte, ließ ihn fast vergessen, dass Amanda ihm Trost und Kraft in Zeiten gespendet hatte, die alles andere als lustig gewesen waren.

 

Wen setzen wir auf Amanda an?“ riss Methos ihn aus seinen trüben Gedanken heraus. Duncan grübelte kurz über ihre Möglichkeiten nach.
Wie wäre es mit Isabelle? Von Observationen versteht sie ja aus beruflichen Gründen etwas. Außerdem kennt Amanda sie noch nicht. Als wir das letzte Mal das Vergnügen mit ihr hatten, war Isabelle noch nicht unsterblich.“
Gute Idee. Besser als Richie auf sie anzusetzen. Da kann man auch gleich Feuer mit Benzin löschen, wenn du verstehst was ich meine…“ In der Tat war Richie von der ersten Begegnung an sprichwörtlich Feuer und Flamme für Amanda gewesen.
Und was machen wir beide dann in der Zwischenzeit?“ wollte Duncan wissen.
Wie wäre es mit einer Runde Monopoly?“ schlug Methos vor. Duncan stöhnte.
Oh nein! Du rufst doch in jeder Runde wieder nur: Miete, Miete. Egal, ob und wer Geld bekommt!“
Strippoker?“ lautete Methos’ nächster Vorschlag.
Nun mach’ aber mal einen Punkt! Das kannst du mit Anne spielen. Oder auch mit Anne und Isis.“ Methos’ Gesicht nahm einen verträumten Blick an. Duncan verpasste ihm einen Schlag auf die Schulter.
Du bist vielleicht der älteste Unsterbliche, aber du bist auch so was von versaut, dass es auf keine Kuhhaut mehr passt, Methos!“ Sein alter Freund lachte über den Vorwurf, obwohl er doch der Wahrheit entsprach.
Na, du musst es ja wissen. Lässt deine Ex unter die Dusche.“ Duncan verschluckte sich, er hatte in der Zwischenzeit Tee gekocht.
Du tickst wohl nicht mehr ganz richtig! Entstaube mal dein Gedächtnis. Seit ich mit Micky zusammen bin, habe ich nichts mehr mit Amanda gehabt. Sie hat sich hier rein geschlichen, um Micky eins auszuwischen.“
Du hättest ihr vielleicht mal klipp und klar sagen sollen, dass sie nicht mehr bei euch auftauchen soll!“
Methos“, fing Duncan allmählich sauer werdend an.
Ich ahne, was du sagen willst.“
Halt die Klappe!“
Du und Micky, ihr verbringt eindeutig zuviel Zeit miteinander. Auf meine besten Vorschläge bekomme ich von euch in letzter Zeit immer diese Antwort.“
Dann tu’s doch zur Abwechslung einfach mal! Solange bis du bessere Ideen hast. Damit ich in Ruhe nachdenken kann.“ Methos grinste. Er wäre nicht der Mann, der er war, wenn er jetzt still sein würde. Er lümmelte sich auf die Couch und ließ sich von Duncan Tee einschenken.
Micky ist eifersüchtig, Duncan. Und wer kann es ihr bei einer Frau wie Amanda verdenken? Zumal du ihr nie eindeutig gesagt hast, dass es aus ist. Also Amanda meine ich. Die ist eine Frau, die ein Ehering nicht abhält sich zu nehmen, was sie will... Und du wolltest eine kleine Genugtuung, weil Micky zu mir und deinem Cousin ein sehr spezielles Verhältnis hat. Du genießt es, wenn Ex-Freundinnen, wenn möglich sogar Unsterbliche, von dir auftauchen und ihre Finger nach dir ausstrecken. Schau mich nicht so an, Mac. Ich kenne Micky und ich kenne dich. Ihn Wahrheit liebt ihr diese kleinen Sticheleien. Aber auch hier gibt es Grenzen, und Amanda hat hier und heute mit ihrem
Handtuch-Tanz diese Grenzlinie definitiv überschritten.“ Duncan wusste, dass Methos Recht hatte. Mit allem. Amanda war zu weit gegangen, er hatte sich über Mickys rasende Eifersucht gefreut wie ein Schneekönig. Und ja verdammt, an manchen Tagen war er auf Methos und Connor eifersüchtig, weil sie eine viel längere Vergangenheit mit seiner Frau teilten als er selbst. Connor hatte ihn früher immer damit geneckt, dass Duncan stets den größten Spaß und die besten Frauen abbekommen würde. Was nun Micky anging, sie alle drei hatten den Spaß mit der besten Frau überhaupt… Nein, diesen Gedanken führte er besser nicht zu Ende.
Ich geh’ ein bisschen spazieren, Methos.“
Und Amanda beobachten, nehme ich an.“
Methos, such’ dir ein Hobby oder mal wieder einen Beruf. Du wirst langsam deinen Freunden gegenüber richtig ätzend!“ Methos lehnte sich grinsend auf der gemütlichen Couch zurück.
Ein Job pro Jahrhundert reicht. Mein Geld arbeitet für sich selbst. Außerdem habe ich als euer Babysitter einen Fulltimejob übernommen.“
Duncan zog seinen Mantel an und nahm sein Katana in die Hand.

Dann mach’ deinen verdammten Job und pass’ auf meine Frau auf!“ Damit verließ Duncan das Hausboot und machte sich auf die Suche nach Amanda.

 

Frankreich, Paris, 12. Arrondissement, Place de la Bastille, drei Uhr nachts.
Amanda fuhr mit dem Glasschneider einen perfekten Kreis in dem Fenster der Hintertür nach. Sie fing das runde Glasstück lässig auf und legte es leise auf den Boden. Sie war völlig schwarz gekleidet und von den Schatten der Nacht kaum zu unterscheiden. Vorsichtig glitt ihre Hand durch das Loch und öffnete die Türklinke. Die Tür ging auf, Amanda schnappte sich ihre Tasche mit der Ausrüstung und betrat die Galerie. Sie hatte nur ein paar Sekunden, bevor die Alarmanlage losgehen würde. Bevor dies geschehen konnte, schloss sie einen Codeknacker an die Anlage an. Binnen Minuten kannte sie die fünfstellige Kombination, die den Alarm ausschaltete.

Mit einer Taschenlampe ausgerüstet schlich die Meisterdiebin durch das untere Stockwerk der MacLeod-Galerie. In der Mitte des großen Raumes stand ein weißer Sockel, und auf dem Sockel in einem Glaskasten war die Inkamaske ausgestellt.

Zufrieden mit sich ging Amanda darauf zu. Sie legte ihre Hände darauf und zuckte zusammen.

Der Skorpion, der nichts gegen seine Natur tun kann. Ich wusste, dass du es heute Nacht versuchst.“
Hallo, Duncan.“
Weg von der Maske, Amanda.“ Sie machte einen Schritt zur Seite. „Was soll ich nur mit dir machen? Du hast mir schon vor über 200 Jahren versprochen, dass du mit dem Klauen aufhören willst.“ Sie zuckte verlegen die Achseln.
Was soll ich dazu sagen? Manchmal ist die Versuchung einfach zu groß. Und der Gedanke, deiner Frau das da wegzunehmen… Nun, da konnte ich eben nicht widerstehen.“ Sie zuckte entschuldigend mit den Schultern und lächelte zuckersüß.
Ich dachte mir schon so was. Wenn du jetzt verschwindest, lasse ich dich gehen. Keine Anzeige. Aber lass’ die Finger in Zukunft von der Galerie. Sonst bekommst du großen Ärger.“ Sie stand jetzt dicht vor Duncan und strich mit ihren Fingern über seine stattliche Brust. Mit klimpernden Wimpern und kokett lächelnd sah sie ihn an.
Ich mochte schon immer deine forsche Art, Duncan.“ Er packte Amandas Handgelenk und schlug es weg.
Finger weg, Amanda. Treib’ es nicht zu weit. Geh’ jetzt, bevor Micky noch hier auftaucht.“
Ich bin schon da!“

Micky kam die Treppe aus dem ersten Stock herunter. Natürlich mit ihrem Schwert in der Hand. Sie hatten den anderen Zugang auf der oberen Ebene gewählt.

Guten Abend, Micky“, grüßte Amanda.
Amanda, ich dachte, ich hätte mich klar genug ausgedrückt, was passiert, wenn Sie noch mal in Duncans Nähe auftauchen! Vor fünf Jahren in Istanbul habe ich Sie gehen lassen, aber jetzt ist Schluss! Vor die Tür mit Ihnen!“
Ach, mal wieder ein kleiner Schaukampf? Wie amüsant“, witzelte Amanda. Mit einer Geste bedeutete sie Micky voranzugehen. Doch sie blieb mit verschränkten Armen stehen. Amanda war es gleich, dann ging eben sie vor. Heftig mit den Hüften wackelnd ging sie an den MacLeods vorbei. Duncan sah absichtlich nicht hin, obwohl die Versuchung groß war.

Er ging neben Micky zum Hinterausgang her. Kurz vor der inzwischen wieder geschlossenen Tür hielt er ihren Arm fest und drehte sie zu sich um.

Micky, lass’ sie bitte gehen. Es ist doch nichts passiert.“
Nichts passiert?! Als wir in Istanbul von dem Botschaftsempfang kamen, lag sie nackt in unserem Bett! Heute kommt sie nur mit einem Handtuch bekleidet aus unserem Badezimmer! Und du sagst, es ist nichts passiert!“ Ach, da war der Hase begraben. Duncan begriff allmählich. In Wahrheit ging es hier gar nicht um die Maske.
Du fürchtest Amandas Konkurrenz. Du hast Angst, sie könnte mich dir wegnehmen.“ Micky blinzelte ein paar Mal schnell.
Natürlich habe ich davor Angst! Sie ist viel verführerischer, sie hat viel mehr Lebenserfahrung. Sie ist mindestens Mal 650 Jahre älter als ich… Welche Frau hätte da keine Angst?! Und Richie hat mir erzählt, wie Tessa wegen ihr ausgeflippt ist. Und Tessa war ja wohl nie eifersüchtig! Amanda begehrt dich noch immer. Und es sieht ganz danach aus, als könnte ich sie nur davon abhalten dich mir wegzuschnappen, indem ich mir ihren Kopf hole.“ Duncans Griff um Mickys Handgelenk wurde noch ein wenig fester.
Trotz allem ist sie eine Freundin, Micky. Bitte, wir beide haben schon zu viele Freunde in diesem beschissenen Spiel verloren.“ Duncan sah, wie heftig es in seiner Frau arbeitete. Sie sah strickt an ihm vorbei in die dunkle Galerie hinein, um Duncan nicht in die Augen schauen zu müssen.
Zwei Bedingungen“, er nickte, würde zu allem „ja“ sagen, solange es Amandas gewieften Kopf retten würde. „Ich darf ihr Angst einjagen und dafür, dass ich sie heute gehen lasse, habe ich was gut bei dir. Ganz egal, worum ich dich bitte, du wirst zustimmen.“
Ich weiß schon jetzt, dass ich es bereuen werde. Aber für das Leben eines Freundes tue ich alles.“


 

Sie gingen gemeinsam in den Hinterhof der Galerie. Unter einer kleinen Topfpalme lag auf einer Sonnenliege, auf der Micky für gewöhnlich ihre Siesta hielt, Amanda mit geschlossenen Augen, verschränkten Beinen und zog genüsslich an einer Zigarette.

Seit wann rauchst du wieder?“ fragte Duncan und plötzlich erinnerte er sich an die Nacht, in der seine Lordschaft Finnigan in sein Leben geplatzt war. Duncan hatte Micky eine Gauloise rauchend in der Küche von Chateau Dubois vorgefunden. Und dann erinnerte er sich, wie er sich gefühlt hatte, als Micky mit dem attraktiven und ungemein charmanten Lord nach London abgehauen war. Zornentbrannt war Duncan ihnen nachgereist, um Lord Finnigan zu töten. Später hatte er von Finnigan im Verlauf eines denkwürdigen Gelages in seiner Lordschaft Hotelsuite erfahren, dass er und Micky nur aus dem Grund nach London geflogen waren, weil Micky den Mörder ihrer Freundin Amy Barclay stellen wollte. Den Unsterblichen Nathaniel Barclay. Und dann fiel Duncan Pierre de Florent ein. Trotz Mickys Flehen hatte er sich den Kopf ihres Freundes geholt. Für einen mehrfachen Mord, den Pierre im Auftrag seines Königs ausgeführt hatte. Eigentlich hatte er kein Recht, Micky um Amandas Leben zu bitten. Und doch hatte er es getan, und sie hatte zugestimmt. Micky wollte ihm den Schmerz ersparen, den sie wegen Pierres Verlust empfunden hatte. Duncan hatte Recht, die Zusammenkunft hatte sie schon zu viele Freunde gekostet.

Schluss mit dem Smalltalk“, blaffte Micky und griff Amanda an. Ihre Kontrahentin sprang durch den Hinterhof mit den Reflexen einer Katze. Den Großteil des vergangenen Jahrhunderts hatte Amanda beim Zirkus verbracht, vorwiegend als Hochseilartistin und als Meisterdiebin arbeitend.

Duncan beobachtete den Kampf und erkannte, dass Micky nur auf fünfzig Prozent lief. Seit sie Christopher Sikes besiegt hatte, trainierte sie vorwiegend mit Methos, da die übrigen Freunde mit ihr nicht mehr mithalten konnten. Natürlich unterrichtete sie Richie weiterhin. Daran hatte sich nichts geändert, außer dass der Junior jetzt noch schneller stinksauer mit dem Schwert am Hals am Boden lag.

Wenn Micky wirklich gewillt gewesen wäre, hätte Amanda binnen Minuten ihren hübschen Kopf verloren. Daran gab es nicht den geringsten Zweifel. Erleichtert atmete Duncan auf und ging in die Hocke, um weiter den Kampfverlauf zu verfolgen. Zumindest konnte er durch die Beobachtung lernen.

Amanda bekam es allmählich mit der Angst zu tun. Duncans Frau war verdammt gut, vielleicht sogar zu gut. Und vielleicht war das hier doch kein bloßer Schaukampf.

Wo hat sie so verdammt gut kämpfen gelernt?“ rief sie ihrem alten Freund und ehemaligen Liebhaber zwischen zwei tiefen Schlägen der Comtesse entgegen.
Sie hat zwei der besten Kämpfer besiegt“, erklärte Duncan mit unverhohlenem Stolz.
Zwei?“
Ja, genau. Zwei.“
Zur Verdeutlichung hob er zwei Finger und grinste. „Michael Alexander und Christopher Sikes falls dir die Namen etwas sagen.“ Amanda hielt einen kurzen Augenblick inne.

Michael der Große? Sie haben wirklich den Prinz von Ägypten besiegt?“ fragte Amanda ungläubig und geschockt. Sie rang um Atem und ihre Fassung. „Ich kannte Michael. Er war sehr gut. In mehr als einer Hinsicht… Wenn Sie erlauben, Micky, verschwinde ich jetzt. Sie sind zu gut für mich.“ Duncan grinste. Sie hatte schnell begriffen.
Micky senkte ihr Toledo Salamanca.

In Ordnung, Sie können gehen, Amanda. Dieses Mal.“ Selbstherrlich lächelnd wackelte Amanda mit ihren schmalen Hüften, während sie auf die Mauer zuging, die die Grenze zur Galerie markierte.

An der hohen Backsteinmauer verharrte sie kurz, wandte sich zu den MacLeods um und meinte zu Micky: „Sie sollten den Griff ersetzen. Sieht nicht schön aus…“ Die Comtesse warf einen Blick auf den verkohlten Griff, der die Form eines Bären hatte und schüttelte den Kopf.
Nein, Amanda. Er erinnert mich daran, dass es Grenzen gibt, die wir unter keinen Umständen überschreiten sollten. Wenn wir es doch tun, könnte der Preis fast zu hoch sein. Denken Sie an meine Worte.“
Wie auch immer, ich wünsche noch eine angenehme Nacht“, verabschiedete sich die attraktive Meisterdiebin. Sie warf ihr Schwert über die Mauer, schwang die Arme ein paar Mal nach hinten und sprang aus dem Stand darüber.

 

Duncan und Micky gingen gemächlich zurück in die Galerie und schalteten das Licht an.

Das glaub’ ich doch nicht!“ rief Micky und war nach ein paar wenigen Schritten an dem Sockel angekommen. Der Glaskasten stand auf dem Boden daneben, von der goldenen Maske fehlte jede Spur.
Tja, ich würde sagen, sie hat mal wieder bewiesen, dass der Skorpion nicht aus seiner Haut kann.“ Micky fuhr wütend herum und starrte Duncan finster an.
Deine blöden Weisheiten kannst du dir wirklich schenken! Du klingst schon genau wie Methos! Ihr verbringt zuviel Zeit miteinander!“ Duncan platzte ein Lachen heraus.
Genau das hat Methos heute zu mir gesagt über dich und mich. Vielleicht sollten wir mal wieder Urlaub machen“, schlug Duncan vor.
Wozu, Duncan? Den verbringen wir alle doch sowieso wieder zusammen! Sag’ mir lieber, wie wir die Maske wiederbekommen! Sie ist zwar versichert, es ärgert mich aber einfach, wenn Amanda dieses schöne Stück an den Meistbietenden verschachert!“
In Duncans Kopf reifte ein Plan heran.

Und wenn wir die Meistbietenden sind?“ Micky keuchte wütend auf.
Ich soll mein Eigentum zurückkaufen? Das ist ja schlimmer als eine Partie Monopoly mit Methos.“ Duncan grinste.
Nein, wir finden heraus, wann und wo sie die Maske anbietet und schicken jemanden hin, den sie nicht kennt. Dann schnappt die Falle zu.“ Micky legte die Arme um Duncan und den Kopf auf seine Brust.
Darf ich ihr dann endlich den Kopf abschlagen?“ fragte sie mit einem sehr kindlichen Tonfall, worauf Duncan wieder zu lachen anfing.
Nein, aber du darfst ihr einen Tritt in den Arsch verpassen, Liebling!“
Das nenne ich ein Angebot, Highlander. Und jetzt beseitigen wir unsere Spuren. Wir müssen ja den Einbruch melden. Wenn wir die Maske zurückbekommen, lasse ich Amanda und ihren Partner laufen. Ansonsten, wenn die Polizei sie vor uns erwischt, wandern die beiden in den Knast.“ Er nickte einverstanden und holte einen Lappen, um die Spuren wegzuwischen.

 


14. Zwei Frauen für Methos

 

Frankreich, Paris, Rue Mallet-Stevens, eine Nacht im September.
Methos war noch wach und dachte nach. Bis auf die Tatsache, dass sie Amanda noch nicht erwischt hatten, war das Leben schön. In seinen Armen lag die bildhübsche Ärztin Anne Lindsey, seine derzeitige Freundin. Während Mickys Koma hatte sie sich um die Comtesse gekümmert, und Methos hatte sich in sie verknallt. Er konnte nicht sagen, wo ihn die Beziehung hinführen würde. Es war Methos auch ehrlich gesagt einerlei. Er wusste, dass Anne eines Tages sterben würde. Außerdem konnte jederzeit seine vermaledeite Ehefrau wie ein Sommersturm über ihn hinweg fegen und sein bisheriges Leben mal wieder aus der Bahn werfen.

Behutsam, um sie nicht zu wecken, strich Methos durch ihr kräftiges, dunkelbraunes Haar, das sie immer in einem modischen Kurzhaarschnitt trug.

Nun stutzte Methos kurz, denn er meinte ein feines Kribbeln im Nacken zu spüren. Eines jener untrüglichen Zeichen, dass sich ein Unsterblicher in der Nähe befand.

Den linken Arm beschützend um Anne gelegt, tastete Methos mit der anderen nach dem Schalter der Nachttischlampe.

Ich hoffe, das ist ein Alptraum, aus dem ich jeden Moment erwache…“ Sein Gegenüber schüttelte grinsend den Kopf. „Sag’ was du willst, und dann verschwinde ganz schnell wieder!“, flüsterte Methos eindringlich. Warum hatte er auch gedacht, dass sein Leben eigentlich schön war? Ein untrügliches Gesetz besagte, wenn in einem Bereich des Lebens alles glatt lief, stürzte ein anderer zusammen. Vor Methos tat sich ein Abgrund auf, tiefer als der griechische Hades.
Was ich will? Na, ich bin deine Frau.“
Toll. Davon habe ich in den letzten 4.000 Jahren nicht viel gehabt. Nein, stimmt nicht. Eine Sache hatte ich in Massen. Und zwar Ärger! Also, verschwinde, Isis!“ Die Ägypterin mit den langen, schwarzen Haaren tat natürlich wie immer das Gegenteil. Sie trat ans Bett heran und beobachtete die schlafende Anne mit interessiertem Blick einen Moment lang.
Wer ist die Sterbliche? Ein neuer Zeitvertreib?“
Sie ist meine Freundin, Isis. Und jetzt sage ich es zum letzten Mal, verschwinde. Wir können uns morgen bei Maurice auf einen Kaffee treffen.“ Das Problem an der Situation war nämlich, dass Anne nie von Isis erfahren hatte, weil er sich vor ihrer letzten Trennung zu große Sorgen um Micky gemacht hatte. Und danach hatte er wie üblich jede Erinnerung an seine Gemahlin in die hinterste Schublade seines Gedächtnisses verbannt und den Schlüssel weggeworfen.

Noch ehe Isis etwas erwidern konnte, schlug Anne die Augen auf, geweckt von dem Gemurmel der beiden Unsterblichen. Erstaunt setzte sie sich im Bett auf.

Wer ist das, Methos? Wer sind Sie?“ Sie zog die Bettdecke weit unters Kinn hoch und sah Isis, die wie immer in einen edlen Pelz gehüllt war und ein teures Parfum verströmte, misstrauisch an. Methos war froh, dass er Isis keinen Unterhalt zahlen musste. Bei ihrem Lebenswandel würde er sich garantiert wieder einen Job suchen müssen.
Also, Anne… Das ist so…“, er lachte verlegen und kratzte sich am Kopf. „Ich weiß nicht, wie ich’s sagen soll… Sie ist…“ Isis sprang kurzerhand vor und streckte Anne ihre Hand mit den langen, rot lackierten Fingernägeln entgegen.
Ich bin Prinzessin Isis von Ägypten. Tochter von König Schar-Kali-Schari von Akkad und Prinzessin Neferet von Ägypten. Und ich bin Methos’ Ehefrau.“ Anne schnappte nach Luft, starrte erst Methos und dann Isis ungläubig an.
Was? Ich meine, seit wann? Was soll das? Wieso bist du verheiratet?!“ schrie sie auf einmal Methos an. Und da war der Sturm über ihn hereingebrochen, wie üblich.
Meine Liebe, wir sind seit 4.123 Jahren verheiratet“, erklärte Isis milde lächelnd, als würde sie Anne den kleinen unwissentlichen Ehebruch mit ihrem Mann gnädigerweise verzeihen.
Ich bin nicht Ihre Liebe!“ schrie Anne noch lauter. Ihr Kopf schoss blitzschnell zu Methos herum. „Was soll das, Methos? War ich bloß ein netter Zeitvertreib? Eine kleine Affäre, um die Ehe aufzufrischen?!“ Wütend sprang Anne aus dem Bett und griff sich ihre Kleider. Methos versuchte sie am Arm zu packen, aber Anne entwischte ihm. Schnell kam auch er nun aus dem Bett. Isis’ genussvolles Lächeln rief ihm ins Gedächtnis, dass er nichts anhatte. Er nahm die Bettdecke und schlang sie sich um die Hüften.
Anne, warte doch. Lass’ mich erklären“, begann er. Anne zog sich weiterhin unbeirrt an.
Da gibt es nichts zu erklären! Du bist verheiratet, du Schuft!“
Wir leben getrennt!“ verteidigte Methos sich, doch Anne lachte nur verächtlich.
Diese Ausrede benutzen alle Ehemänner. Es ist bedauerlich, dass du meine Intelligenz so wenig zu schätzen weißt!“
Aber das tue ich doch überhaupt nicht! Wir leben wirklich getrennt. Seit über 2.000 Jahren. Ab und zu braust sie in mein Leben und macht nur Ärger…“ Er drehte sich zu Isis um. „Nun sag’ ihr doch die Wahrheit, Isis.“ Aber Isis hielt ausnahmsweise ihren Mund.
Ich will kein weiteres Wort hören, Methos! Es ist aus! Lass’ dich nie wieder bei mir blicken!“ Mit diesen Worten stürmte Anne aus Methos’ Schlafzimmer und warf die Tür mit einem Schlag, der Tote aufgeweckt hätte, ins Schloss.

 

Ein paar Minuten lang sah Methos ihr irritiert nach, dann widmete er sich seinem anderen Problem. Seiner Ehe. Er kniff die Augen zusammen und knurrte ihren Namen. Schließlich setzte er sich mit zusammengesunkenen Schultern auf die Bettkante.

Nenne mir nur einen Grund, wieso ich dich nicht auf der Stelle umbringen soll!“ Isis setzte sich neben ihn, schob die Bettdecke ein Stück hoch und streichelte zärtlich Methos’ Oberschenkel. Die Reaktion seines besten Stücks verfluchend rutschte er ein Stück von ihr weg.
Ich nenne dir sogar zwei, Liebling. Erstens, weil ich weiß, wo Amanda die Inka-Maske versteckt und zweitens, weil du mich sowieso nicht umbringst. Du liebst mich.“ Er zog ein Gesicht, das Isis zeigte, wie goldrichtig sie damit lag. Dieses elende Biest.
Und was willst du für die Maske haben? Meine Seele? Die habe ich dir schon zur Hochzeit auf einem Silbertablett serviert.“
Nein, nur den blauen Diamanten des Sonnenkönigs“, erklärte Isis schlicht, als wäre ihr Wunsch eine Kleinigkeit.
Hast du dich in letzter Zeit mal auf Gehirnschwund untersuchen lassen? Der Diamant befindet sich in Versailles. Gut bewacht.“
Na und? Wir sind damals in Versailles ein- und ausgegangen. Wir beide kennen jeden Geheimgang, jede verborgene Tür. Und wenn du nicht reingeplatzt wärst in der Ballnacht anno 1703, hätte Louis mir den Diamanten geschenkt und nicht Madame de Montespan. Sie hat das Kollier mit dem blauen Diamanten ihrem Kloster gestiftet. Und die haben es irgendwann an das Museum von Versailles zurückverkauft. Aber der Diamant gehört mir!“ entrüstete Isis sich. Methos rollte zweifelnd mit den Augen und sprang wütend aus dem Bett auf, die Decke noch immer fest an sich gedrückt.
Du wolltest mich mit dem König von Frankreich betrügen, du Biest! Wie hätte ich mich da verhalten sollen? Die Szene war mehr als eindeutig!“ Isis lachte amüsiert.
Du bist ja eifersüchtig, Methos. Das steht dir wirklich sehr gut. Aber lass’ mich dir erzählen, was damals tatsächlich passiert ist.“ Methos zog sich Hose und Shirt an.
Aber zuerst erzähle ich dir, meine liebe Ehegattin, wie es tatsächlich war. Bevor ich mir deine Lügen anhöre und wie immer auf sie hereinfalle.“

 

Frankreich, Versailles, im Frühjahr 1703.
Zornig eilte Methos, den man hier am Hof des Sonnenkönigs als Adam Pierson kannte, durch die Gänge auf der Suche nach seiner Frau Isis. Einer der Diener hatte ihm, allerdings nur unter Androhung von körperlicher Gewalt, verraten, dass seine Frau Imogen Pierson, wie sie sich bei Hofe nannte, in die Gemächer seiner Majestät begeben hätte.

Völlig in Gedanken bemerkte er fast nicht, dass mindestens ein Unsterblicher in der Nähe war.

Methos?“ hörte er seinen Namen und starrte verstört sein Gegenüber an, während er wie angewurzelt stehen blieb.
Michelle?“ fragte er seinen Augen nicht trauend. Vor ihm stand Michelle Dubois in einem eleganten Ballkleid aus schwerer, dunkler Seide. An ihrer Seite stand ein ihm unbekannter, unsterblicher Musketier. Die Comtesse bemerkte den fragenden Blick, den Methos an den Tag legte.
Methos, das ist Pierre de Florent. Ein guter Freund. Pierre, das ist Methos. Du hast bestimmt schon von ihm gehört. Er ist legendär“, meinte sie mit einem zweideutigen Unterton. Methos ging zu Michelles Verwunderung nicht auf das Wortspiel ein.
Michelle, entschuldige mich. Ich bin auf der Suche nach den Gemächern des Königs.“
Dort vorne geht es lang, aber du kannst nicht unangemeldet beim König von Frankreich auftauchen. Was willst du überhaupt von ihm? Hat er dir eine Audienz gewährt?“
Nein, aber meine Begleiterin ist mit ihm dorthin verschwunden.“ Michelle und Pierre sahen verlegen auf den makellosen Marmorboden.
Dann solltest du sie lieber abschreiben. Man kommt einem König nicht ins Gehege“, riet Michelle ihm und strich ihr blaues Kleid glatt. Um ihren Hals hing ein farblich passendes Band mit einer zierlichen, tropfenförmigen Perle daran. Methos dachte an den Abend, als sie zu der Narbe gekommen war, die sie mit dem Halsband versteckte. Es war 1687 in Madrid gewesen. Der Unsterbliche Adrian Lastrada war damals als Frauenmörder durch die spanische Stadt gezogen und hätte fast die Comtesse erwischt. Erfreulicherweise war sie auf ihrer Flucht Methos in die Arme gelaufen. Lastrada hatten sie zwar nie erwischt, ihn aber wenigstens aus Madrid vertreiben können.
Einem Ehemann kommt man besser auch nicht ins Gehege!“ grollte Methos wütend und rannte in Richtung der königlichen Gemächer davon.
Hat er gerade Ehemann gesagt, Pierre?!“
Ja, hat er. Wie gut bist du denn mit ihm befreundet, dass du so etwas nicht weißt, verehrte Freundin?“ fragte Pierre und bot Michelle seinen Arm an. Von weitem hörten sie die festliche Musik aus dem großen Ballsaal aufspielen, wo der Hofstaat sich vergnügte, während der König sich anderweitig amüsierte.
Grüblerisch kaute Michelle auf ihrer Unterlippe herum. Pierre beobachtete sie und lachte erheitert auf.

Was ist denn, Pierre? Was ist so lustig?“
Kaust du an der Ehe deines Freunde herum?’“ Michelle öffnete den Mund, sagte aber nichts, sondern klopfte sich ein paar Mal grübelnd auf das Dekolté. Sie musste Methos vor einer schrecklichen Dummheit abhalten.
Ach so. Nein, das ist mir einerlei. Warum auch immer, er es mir nicht erzählt hat. Vielleicht war er 1687 auch nicht verheiratet? Das ist auch völlig irrelevant, Pierre. Wenn er Louis so dermaßen bloßstellt, das wird schrecklich. Folge ihm, Pierre. Schlag’ ihn bewusstlos, was auch immer, nur halte ihn davon ab beim König reinzuplatzen.“ Der Musketier zögerte keine Sekunde. Er verbeugte sich höflich vor Michelle, gab ihr einen Handkuss und eilte zu den Gemächern des Königs.

Leider wurde Pierre noch von einigen anderen Ballgästen aufgehalten, und Methos entwischte ihm.

In der Zwischenzeit hatte Methos die königlichen Gemächer erreicht. Wenn seine Majestät mit seiner aktuellen Eroberung ungestört sein wollte, ließ er die Wachen vor der ersten Tür abtreten. Niemand in Versailles wäre so lebensmüde und schlichtweg bescheuert gewesen den König dann noch zu stören. Niemand außer Methos.

Er rannte durch die Eingangstür und fand sich im Salon des Königs wieder. Von dort führten mehrere Türen in unterschiedliche Wohnbereiche der königlichen Suite.

Hinter der Tür zu seiner Rechten hörte Methos das kokette Lachen der falschen Schlange, die er geheiratet hatte. Methos kochte innerlich vor Wut. Er hatte sich bereits viel von Isis bieten lassen, seit er sie in Waset geheiratet hatte. Doch von einem König ließ er sich gewiss nicht die Hörner aufsetzen.

Methos riss die Tür auf und schrie wüste Beschimpfungen an den König gerichtet in den Raum hinein. Der König von Frankreich stand in seine edlen Gewänder gehüllt und mit seiner Perücke geschmückt, die Methos überaus lächerlich vorkam, hinter Isis, die ein blutrotes Ballkleid trug mit einem extrem tiefen Ausschnitt, der einen eindeutigen Blick auf ihr milchweißes Dekolté gewährte. Louis verharrte erschrocken und irritiert angesichts der dreisten Störung mitten in der Bewegung. In seinen gepflegten und manikürten Händen hielt er ein üppiges Diamantkollier, an dem ein blauer Diamant hing, der die Größe eines Hühnereis hatte. Der große Stein schwebte Millimeter über Isis’ Busen.

Was erlaubt Ihr Euch, Monsieur? Dies sind Unsere Privatgemächer! Niemand hat hier ohne Einladung Zutritt!“ Methos interessierte es nicht im Geringsten. Er machte einen Schritt nach vorne und riss Isis von der Chaislonge hoch.
Und was erlaubt Ihr Euch, Euer Majestät? Dieses falsche Weib ist meine Ehefrau!“ Isis zuckte entschuldigend die Schultern und strich ihr Kleid glatt. Einige schwarze Strähnen hatten sich aus ihrer Hochfrisur gelöst und umspielten keck ihren makellosen Hals.
Methos versetzte ihr sauer einen Stoß und schubste sie in Richtung Tür.

König hin oder her. Wenn ich Euch noch einmal in der Nähe meiner Frau erwische, braucht Frankreich einen neuen Souverän!“ Der König keuchte empört auf.
Adam, was fällt dir ein?! Majestät, verzeiht bitte. Mein Gemahl ist nicht bei Sinnen. Er versteht alles falsch. Ihr wolltet mir ja nur eine Freude mit dem blauen Diamanten machen.“ Ein rascher Blick auf das Kollier, das auf die Chaiselonge gefallen war, riss Louis aus seiner Erstarrung heraus. Isis ging einen Schritt darauf zu, doch der König war schneller. Er krallte sich das Kollier und hielt es felsenfest in seiner Hand.
Hinaus!“ polterte er. Methos verneigte sich übertrieben, packte Isis grob am Arm und zerrte sie aus dem Schlafzimmer des Sonnenkönigs.

 

Frankreich, Paris, Rue Mallet-Stevens, Gegenwart.
Aber genau das meine doch, Methos. Es ist nichts passiert mit Louis.“ Methos schnaubte verächtlich.
Natürlich. Er ist ja fast in deinen Ausschnitt reingefallen! Ich habe dir damals wieder und immer gesagt, dass du solche Kleider nicht tragen sollst.“
Es ist nichts passiert. Wie oft soll ich es denn noch sagen?! Ich habe mich den höfischen Gepflogenheiten angepasst. Nichts weiter!“
Klar, Louis war ja auch für seine Liebe und Treue zur Königin weltberühmt. Deswegen hatte er auch 17 Kinder von vier verschiedenen Frauen! Zumindest in diesem Fall bestand bei dir keine Gefahr. Einen königlichen Bastard hättest du ja nicht bekommen können.“ Isis zuckte zusammen, und Methos bereute seine Worte sofort wieder.
Methos, du weißt genau, dass es mein größter Wunsch war dir einen Sohn zu schenken“ Er berührte ihre Hand, an dem sie wie seit über 4.000 Jahren ihren Ehering trug.
Ich weiß, tut mir leid. Wir streiten uns schon wieder. Das wird sich wohl nie ändern. Jetzt sind wir schon solange verheiratet, aber ein normales Gespräch ohne bissige Bemerkungen, das nicht letzten Endes in einen Streit ausartet, können wir anscheinen einfach nicht führen.“
Da sind wir aber nicht die einzigen… Um aber noch mal auf den König zu sprechen zu kommen. In einem Punkt hattest du Recht. Er wollte für das Kollier mit mir schlafen.“
Aha!“ rief Methos triumphierend und mit zufriedenem Gesichtsausdruck.
Nichts aha! Ich wollte ihm ein Schlafmittel verabreichen und mit dem Collier um den Hals verschwinden…“
Nun, zumindest verschwunden sind wir“, erinnerte Methos sich, worauf Isis schmunzelte.
Ja, es war die schnellste Abreise in der Geschichte von Versailles. Mein Plan war so gut, wenn du nicht dazwischengefunkt hättest. Louis wäre stolz auf seine Leistung gewesen, und ich hätte meinen Diamanten gehabt. Da du mich mit deiner dummen Eifersucht um mein Eigentum gebracht hast, schuldest du mir etwas.“ Methos schluckte die nächste bissige Bemerkung darüber, was er Isis tatsächlich schuldete, herunter. Er wollte die Maske zurück, er wollte Anne zurück und seine Ruhe vor Isis. Gleich drei Wünsche auf einmal. Und wahrscheinlich, wie so oft im Leben, würde höchstens einer in Erfüllung gehen. Wenn er nicht morgen früh mit Isis im Knast sitzen würde wegen Juwelendiebstahls.
Ich will die Maske, die Amanda geklaut hat, und ich will, dass du mit Anne redest. Du erklärst ihr, dass wir wirklich und wahrhaftig getrennt leben und dass du keine Konkurrenz für sie bist.“ Isis lächelte süffisant, in Wahrheit sah sie nämlich keine bedrohliche Konkurrenz für sich in Anne. Wenn sie Methos wieder haben wollte, war das leichter, als Micky MacLeod eine Inka-Maske unter den Augen wegzustehlen. Doch diesen Umstand würde sie ihrem Gatten natürlich nicht unter die Nase reiben.
Dir scheint ja wirklich etwas an dieser Sterblichen zu liegen.“
Ich habe sie sehr gerne. Versau es mir nicht, Isis. Bitte.“
Sie legte den Kopf schief, zog einen Schmollmund und sagte dann: „Abgemacht. Der blaue Diamant für mich. Die Maske für Micky und Anne für dich.“

 

Frankreich, Paris, Duncans Hausboot, am Morgen.
"Ratet mal, wer in der Stadt ist“, rief Methos zur Begrüßung in die Wohnküche hinein, aus der es bereits nach Eiern, Speck und Kaffee roch. Duncan rührte in der Pfanne, und Micky sah von der Morgenzeitung auf. Methos kam langsam und müde die Treppe runter.

Dschingis Khan, und du hast mit ihm einen Acht-Runden-Kampf ausgetragen“, mutmaßte Micky und schob ihrem Freund einen starken Kaffee entgegen. Allerdings hielt sie ihn knapp außerhalb seiner Reichweite.
Ach, hast du mal wieder Geister beschwört, Liebes?“ fragte Duncan breit grinsend. Er wusste, dass Micky im 16. Jahrhundert versehentlich den Geist des Mongolenherrschers heraufbeschworen hatte.
Nicht das ich wüsste. Also wer ist in der Stadt?“ wollte Micky nun doch wissen.
Isis ist wieder da.“
WAS?!“ fragte Micky gereizt. Sie wusste inzwischen, dass Isis und Amanda miteinander befreundet waren. Und sie hatte erfahren, wie Isis sich während Mickys unfreiwilligem Dornröschenschlaf benommen und Methos am Ende, wie unzählige Male zuvor, einfach verlassen hatte.
Methos’ lange Finger versuchten die Tasse zu greifen, doch Micky hielt sie noch immer weit genug von ihm weg.

Ja, sie stand heut' Nacht bei mir im Schlafzimmer.“
Du solltest die Schlösser auswechseln“, schlug Micky vor.
Das würde Isis doch nicht abhalten. Sie ist ja immerhin eine Meisterdiebin“, gab Methos zu bedenken.
Apropos, Meisterdiebin. Hast du was Neues bezüglich meiner Maske oder Amandas Aufenthaltsort?“
Ihr werdet staunen, ich habe in der Tat eine heiße Spur.“ Erstaunt sahen die MacLeods einander an.
Na, dann mal nicht so schüchtern, Alter. Erzähl’“, drängte Duncan.Kaffee“, sagte Methos schlicht, worauf Micky ihm gnädigerweise die große, dampfende Tasse zuschob.
Eigentlich hätte Methos nach dieser Nacht einen Schlag mit dem Vorschlaghammer gebraucht. Aber der Kaffee, der einen Menschen, der die Stärke von Mickys Todesgebräu nicht gewohnt war, aus den Socken gehauen hätte, kitzelte gerade mal ein wenig an Methos’ höheren Gehirnfunktionen, die hinter einer dicken Stahltür versteckt waren. Auf der Tür stand in allen 14 Sprachen, die Methos beherrschte „Nicht vor 12 Uhr mittags öffnen“. Ein Blick auf die antike Wanduhr im Wohnbereich zeigte Methos, dass es gerade mal neun Uhr war. Wieso Micky und Mac um diese unmenschliche Zeit schon putzmunter und fröhlich am Frühstückstisch saßen, war ihm ein Rätsel.

In knappen Worten erzählte Methos nun, was sich letzte Nacht in seinem Schlafzimmer zugetragen hatte. Normalerweise hatte er keine Probleme damit seine Bettleistungen schillernd und anschaulich kundzutun. Methos gab immer an, als wäre er der auf Erden wandelnde Gott Eros. Doch bei der heutigen Erzählung verhielt er sich sehr zurückhaltend. Es ärgerte ihn maßlos, dass Isis ihm die Beziehung mit Anne torpediert hatte.

Eine Frage, wieso erzählst du deinen Freundinnen nie, dass du verheiratet bist? In der heutigen Zeit ist ein getrennt lebender Ehemann doch keine Seltenheit“, meinte Duncan, während er das Frühstück servierte.
Verdrängung“, beantwortete Micky die an Methos gerichtete Frage.
Ist das deine fachliche Meinung, Hochwohlgeboren?“
Nein, Methos. Die meines guten Freundes Siegmund.“
Ach, lass’ mich mit Freud in Ruhe. Immer gibst du damit an, welche Berühmtheiten du getroffen und kennen gelernt hast“, versuchte Methos vergeblich vom eigentlichen Thema abzulenken, worauf Duncan gehässig lachte.
Das sagt der Richtige. Darf ich mal ein paar Zitate von dir aus den letzten Jahren bringen? Im Gegensatz zu mir hast du Brutus doch überhaupt nicht gekannt. Es ist schon ein Privileg Cäsar und die Stones live gesehen zu haben. Ich war auf einigen Orgien von Marc Anton mit dabei… Muss ich fortfahren?“
Methos und Duncan standen ganz dicht bei einander und genossen ihren Disput ganz offensichtlich.

Und was ist mit deiner Frau? Die wirft mit Königen, Kaisern, Zaren und Präsidenten um sich, als ginge es um die Mitglieder ihrer Pfadfindertruppe.“
Ich bin eine Comtesse, verdammt! Was kann ich dafür, dass ich immer in den höchsten Kreise verkehre?“
In den höchsten Kreisen verkehre“, äffte Methos sie perfekt nach und setzte sich wieder an den Esstisch. Micky gab ihm einen Knuff in die Seite.
Fass’ dich mal an die eigene spitze Nase. Du bist schließlich mit einer echten Prinzessin verheiratet.“
Womit wir wieder beim Thema wären. Erzähl’ bitte weiter, Methos“, bat Duncan, um die leidige Diskussion zu beenden. Schnell berichtete Methos noch davon, dass Isis ihm angeboten hatte die Inka-Maske zu besorgen. Von dem Diebstahl des blauen Diamanten erzählte er nichts, da er wusste, dass seine Freunde ihn für verrückt erklären würden. Und das zu Recht.
Eine so uneigennützige Tat passt zwar nicht zu Isis, aber ich nehme ihre Hilfe an. Lass’ dich nur nicht wieder mit ihr ein. Versuche lieber Anne zurückzugewinnen. Schick’ ihr Blumen, Pralinen oder noch besser ein Diamantkollier.“ Bei dem Wort „Diamantkollier“ zuckte Methos zusammen. Da in diesem Moment Connor das Hausboot betrat, schenkten die Freunde seiner Reaktion jedoch keine weitere Beachtung.

Wo hast du Isabelle gelassen?“ fragte Duncan zur Begrüßung.
Sind wir siamesische Zwillinge oder was?! Kann ich hier nicht mehr alleine auftauchen, oder was?!“ grollte Connor genervt.
Ich frag’ ja bloß. Hängt bei euch auch der Haussegen schief?“
Wieso auch, Duncan?“ Da entdeckte er den träge winkenden Methos am Küchentisch.
Was ist denn mit dir los, Alter?“ Grinsend klopfte er Methos auf die Schulter, klaute ihm ein Stück Speck vom Teller und setzte sich ihm gegenüber an den Tisch.
Isis ist wieder da. Sie stand letzte Nacht in seinem Schlafzimmer. Anne wusste nicht, dass sie eher die Nummer zwei in Methos’ Herz einnimmt als die oberste Stufe auf dem Treppchen. Da hat Anne ihn zum Teufel geschickt.“
Du bist so überaus taktvoll, Comtesse“, sagte Methos bissig.
Sagte der Leguan und biss sich selbst in den Schwanz. Wie taktvoll warst du denn, als du Anne nichts von deiner Ehefrau gesagt hast?! Du hättest Isis schon längst mal klipp und klar sagen sollen, dass es aus ist und dass sie zum Teufel gehen soll.“
Da kenne ich noch jemanden“, erwiderte Methos mit einem Seitenblick auf Duncan. Micky stand auf, griff sich Autoschlüssel und Handtasche und ging langsam zur Treppe. Kurz vor Treppe blieb sie stehen und nahm ihren Mantel vom schmiedeeisernen Garderobenständer.
Also ich gehe jetzt arbeiten. In einer halben Stunde treffe ich mich mit einem jungen, viel versprechenden Künstler.“
Ein attraktiver Mann?“ fragte Duncan hellhörig.
Nein, eine sehr attraktive Frau“, erwiderte Micky schmunzelnd. Duncan räumte beruhigt den Frühstückstisch ab. Methos stürzte inzwischen seinen Kaffee runter und eilte hinter Micky her.
Und wo genau willst du hin, Monsieur?“ fragte sie amüsiert, da sie die Antwort bereits ahnte.
Na, ich möchte natürlich deine Neuentdeckung kennen lernen.“ Micky legte eine Hand auf seine Brust und drückte ihn weg.
Das lässt du mal schön bleiben. Duncan, kommst du? Connor, wir sehen uns später.“ Ihr Mann zog sich seine Lederjacke über und drängelte sich an Methos vorbei. So schnell gab der aber nicht auf, sondern rannte hinter den beiden her. Micky und Duncan standen bereits an der Reling, Methos lehnte sich grinsend auf das Dach der Einstiegsluke.
Hey, wartet! Das ist unfair. Stellt sie mir wenigstens vor“, bettelte er.
Du solltest lieber mal die Probleme mit deinen beiden aktuellen Damen lösen, ehe du der nächsten das Herz brichst“, meinte Micky und schlug den Kragen ihres roten Mantels hoch. Es fing an gerade zu regnen, ein kalter Wind fegte über die Seine.
Welche beiden Damen? Ach so, Isis und Anne.“
Genau, du Intelligenzbolzen. Deine Ehefrau und deine Freundin… Ich kann dich ja am Krankenhaus absetzen, wenn du willst.“
Danke, mir fehlt nichts.“ Duncan lachte, Micky ließ ihren Kopf auf seine Brust fallen und stöhnte auf.
Nein, du Idiot. Du sollst mit Anne reden.“
Na gut, fahr’ mich hin.“ Er folgte Micky und Duncan, die nun getrennt zur Galerie fuhren. Auf der Fahrt zum Krankenhaus überlegte Methos, was er sagen wollte. Als er schließlich in den Fahrstuhl stieg und zu Annes Büro rauf fuhr, wusste er es immer noch nicht.

 

Frankreich, Paris, Krankenhaus der barmherzigen Schwestern, kurz darauf.
Methos stand an die Wand gelehnt neben der Tür, die zu Anne Lindseys Büro führte. Sie war nicht da, er hatte bereits nachgesehen und war offen gestanden erleichtert darüber. Er wusste noch immer nicht, was er Anne sagen sollte. Gedankenverloren starrte er auf den grauen, pflegeleichten Linoleumboden und versuchte ein Muster darin zu erkennen.

Was willst du hier, Methos?“ fragte Anne scharf und kurz angebunden. Sie bog gerade mit einem Stapel Patientenakten auf dem Arm um die Ecke. Methos hob den Kopf. Er war so in Gedanken gewesen, dass er ihr Erscheinen nicht bemerkt hatte.
Ich wollte mit dir reden.“
Es gibt nichts mehr zu reden. Das habe ich dir schon heute Nacht gesagt. Dafür ist es entschieden zu spät!“ Sie schob sich an dem Unsterblichen vorbei und versuchte ihren Schlüssel in das Schloss zu stecken. Der Aktenstapel rutschte ihr vom Arm und fiel zu Boden. Reaktionsschnell ging Methos in die Hocke und fing an die Papiere aufzusammeln. „Ach, verdammt!“ schimpfte Anne zornig, Tränen funkelten in ihren dunklen Augen.
Hier, ich helfe dir.“ Anne schlug Methos die Papiere aus der Hand. Mit einer Traurigkeit in den ansonsten so fröhlichen Augen, die Methos im Herzen wehtat, sah sie ihn an.
Ich brauche deine Hilfe nicht! Ich brauche dich nicht! Geh’ zu deiner Frau, Methos! Und lass’ mich ein für alle Mal in Ruhe!“ Sie sammelte die Unterlagen auf, stieß ihre Bürotür auf und ging hinein. Methos setzte ihr nach, doch die Tür fiel ihm vor der Nase zu. Seufzend drehte er sich um und ging zurück zum Fahrstuhl.

Auf dem Weg über den Parkplatz des Krankenhauses stellte er sein Handy an, das im selben Augenblick klingelte. Unbekannter Teilnehmer. Mit Sicherheit war es Isis.

Pierson“, meldete er sich kurz angebunden, während seine Augen die Straße nach einem Taxi absuchten.
Hier auch, zumindest offiziell.“
Isis, was gibt es? Hast du das Objekt?“
Noch nicht. Aber bald. Treffen wir uns in einer Stunde in deiner Wohnung.“
Von mir aus. Ich habe Nichts weiter vor.“ Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern beendete das Gespräch.

 

Frankreich, Paris, Rue Mallet-Stevens, gegen Vormittag.
Als Methos einige Zeit später die Tür zu seiner Wohnung in der Rue Mallet-Stevens aufschloss, spürte er, dass er bereits erwartet wurde.

Auf seinem Bett saß Isis über irgendwelche Pläne gebeugt. Sie sah ihn und machte Anstalten aufzustehen.
Bemüh’ dich nicht, Schätzchen. Ich werde die Laken später einfach verbrennen.“ Isis ging nicht darauf ein.
Ich habe die Pläne von Versailles. Die alten Geheimgänge sind nicht eingezeichnet. Ich schätze mal, dass sie noch nicht entdeckt wurden. Ziehen wir es heute Nacht durch?“ Methos schüttelte den Kopf über Isis’ so offen an den Tag gelegte Dreistigkeit. Aber eigentlich war es genau diese Eigenschaft, weswegen er sich damals in sie verliebt hatte.
Wie lange wirst du mich dieses Mal in Ruhe lassen, wenn ich dir helfe? Fünf Jahre, zehn, fünfzig? Du kommst immer wieder, raubst mir den Verstand, den letzten Nerv und brichst mir zu guter Letzt das Herz. Ich will einfach nicht mehr so weiter machen, Isis. Ich kann das nicht. Du weißt, dass ich dich liebe. Aber zusammen werden wir nie glücklich. Wir versuchen es seit so vielen Zeitaltern. Man könnte fast schon eine Epoche nach unserer Ehetragödie benennen. Gib mich endlich frei. Vier Jahrtausende sind genug.“ Mit geöffnetem Mund starrte Isis ihn an. So hatte Methos noch nie gesprochen. Normalerweise war sie es, die sich in ihrem Liebeskummer ergoss und haderte, dass sie nicht voneinander loskamen.
Aber…“
Was denn, Liebes? Sag’ mir, was wir tun können, und ich bin sofort dabei. Aber so kann es nicht weitergehen.“
Hey, ich bin Priesterin der Isis und nicht das Orakel von Delphi.“
Genau meine Rede. Wir haben schon soviel probiert, aber es funktioniert nicht mit uns…“
Willst du damit sagen, dass es aus ist, Methos?“ Er schüttelte den Kopf, weil er ja selbst nicht die Antwort auf ihre Frage kannte. „Nach über 4.000 Jahren?“ Er seufzte über ihre kindliche Naivität, durch die man ihr sagenhaftes Alter fast vergessen konnte.
Ach, mein Herz. Wenn wir ehrlich sind, war es dass doch schon vor sehr viel längerer Zeit… Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Immer wieder will ich einen neuen Versuch wagen. Und jedes Mal verschwindet einer von uns beiden.“ Zärtlich streichelte er ihre Wange, Isis schmiegte sich an ihn. Einen kurzen Moment war der alte Zauber wieder da. Methos beugte sich vor und küsste sie sanft. Seufzend meinte er dann: „Denk’ an die Worte von Horaz: Das Schlimme an der Liebe ist, dass Krieg und Frieden ständig wechseln. Besser kann man unsere Ehe eigentlich nicht beschreiben.“ Isis rückte schmunzelnd von Methos ab.
Was glaubst du denn, wer ihn zu diesem Ausspruch inspiriert hat? Die Geschichten über uns waren im Alten Rom wohl bekannt. Man hat sie sogar schon den jungen Mädchen erzählt. Ihnen wurde gedroht, wenn sie nicht brav den von den Eltern bestimmten Mann heirateten, würden sie den legendären Methos nehmen müssen.“ Methos fiel die Kinnlade herunter, Isis entfuhr angesichts seiner Reaktion ein Lachen.
Du wirst eines Tages mein Untergang sein, meine ägyptische Prinzessin.“
Und du der meine, Methos von Mesopotamien.“ Sie lächelten sich an und warfen endlich einen Blick auf die Baupläne von Versailles.

 

Frankreich, Versailles, in derselben Nacht.
Es war ein Leichtes in das Schloss reinzukommen, wenn man wie Isis und Methos Wege kannte, die nirgendwo mehr verzeichnet waren. Leise und hoch konzentriert schlichen sie durch das Labyrinth von Sälen, Gemächern und Korridoren. Beinahe meinte Methos die Musik von damals zu hören, die raschelnden Gewänder und die klirrenden Degen. Im Gegensatz zum Jahre 1703 trug Isis heute Nacht einen hochgeschlossenen schwarzen Overall, der ihre Kurven überaus aufreizend provozierte. Methos war versucht, sie auf eines der ausgestellten Betten zu werfen. Immerhin hatten diese Möbel vor Jahrhunderten nichts anderes erlebt. Wenn Micky ihn so sehen würde… Doch glücklicherweise ahnte seine Freundin nichts von dem hirnverbrannten Plan, den Methos gerade mit seiner Frau durchzog. Micky würde erst Isis und dann ihn umbringen. Die Maske war es nicht wert, dass Methos in den Knast kam. Isis schon, das war eine ganz andere Sachlage.

 

Wo müssen wir lang?“ flüsterte Methos und suchte nach gut versteckten Kameras in den Ecken der Zimmer. Auch er war völlig in schwarz gekleidet. Genau wie Isis trug er einen Kapuzenpulli und eine Maske über dem Gesicht. Isis zeigte auf die linke von zwei prunkvollen Türen, öffnete sie und ging durch. Jetzt bemerkte Methos eine Videokamera, die automatisch den hinter ihm liegenden Raum absuchte. Er zog seine Kapuze tiefer ins Gesicht und schlüpfte hinter Isis durch die Tür.

Im Nebenraum war eine ansehnliche Schmucksammlung ausgestellt. Isis schritt langsam die Glasvitrinen ab, Methos bemerkte das gierige Flackern in ihren Augen. Energisch dirigierte er sie zu dem Kasten, in dem das Kollier mit dem blauen Diamanten ausgestellt war. Isis hob den Glaskasten hoch, ein Alarm ging los. Methos fluchte, während seine Frau sich die Kette schnappte. Methos packte sie wie 1703 grob am Arm und zog sie mit sich fort. Er drückte eine verborgene Tür in der Wand auf und verschwand mit Isis im Dunkel der Nacht.

 

Frankreich, Paris, Rue Mallet-Stevens, tags darauf.
Methos saß betrübt auf dem Boden vor seinem Bett. Vor und neben ihm standen Bierdosen und leere Weinflaschen. In der einen Hand hielt er ein Foto von Anne, in der anderen eines von Isis.

Langsam hob er den hämmernden Kopf, als er spürte, wie sich ein Unsterblicher näherte. Die Schlafzimmertür ging auf, und fröhlich trat Micky ein.

Was ist passiert? Jemand gestorben?“ Sie sah die leeren Dosen und Flaschen und Methos, der die Bilder festhielt. „Methos, was ist los?“ Besorgt ging sie vor ihm in die Hocke, doch er schaute noch immer auf die beiden Fotos.
Sie ist weg.“
Isis?“ Er nickte. „Sei froh. Außerdem bin ich sicher, sie wird nicht lange weg sein. Seit 4.000 Jahren treibt ihr das Spielchen jetzt schon. Ihr könnt nicht ohne, aber auch nicht miteinander.“
Die Tragik meines Lebens“, seufzte er. „Mit der einen halte ich es nicht aus und die andere haut wegen der Ehefrau ab.“ Er hielt Micky die Fotos entgegen. „Und jetzt hat Isis, was sie wollte. So schnell kommt sie nicht wieder.“
Was meinst du?“ Methos griff hinter sich und warf Micky die Morgenzeitung vor die Füße. Die Titelstory berichtete von einem Diebstahl in Versailles. Der blaue Diamant des Sonnenkönigs war entwendet worden.
Das war Isis? Ich muss leider zugegeben, dass ich beeindruckt bin… Übrigens ist heute Nacht die Inka-Maske in der Galerie wieder auf wundersame Weise aufgetaucht. Und laut Papa Maurice ist Isis gemeinsam mit Amanda heute Morgen aus Paris abgereist. Das Leben ist doch einfach herrlich.“ Methos versuchte sich ein Lächeln abzuringen, was ihm nicht sonderlich gut gelang.
Das stimmt mich kaum nennenswert fröhlicher. Außerdem habe ich einen Kater, der sich gerade zu einem ausgewachsenen Bergpuma entwickelt.“ Micky grinste.
Wenn ich mir das hier so ansehe, verstehe ich, was du meinst. Ich koche dir erstmal einen starken Kaffee. Hier, das ist übrigens für dich.“ Micky hielt ihm eine Karte vors Gesicht. Methos erkannte das Wort „Hochzeit“.
Oh nein, du willst Duncan doch nicht schon wieder heiraten, oder?“ Sie lachte und räumte die leeren Dosen zusammen.
Ihre Vermählung geben bekannt…“, zitierte sie.
Okay, kann nicht deine sein. So geschwollen drückst du dich nicht aus, Hochwohlgeboren.“
Vielen Dank, du mesopotamischer Bauernlümmel. Und bevor du fragst, es sind auch nicht Connor und Isabelle.“
Nein? Aber wer…?“ Dann las er die Karte bis zum Ende. „Lady Gwendolyn St. Rose und Jackson Alexander Finnigan III., Lord of Lys Airt.“ Methos sah Micky staunend an.
Finn heiratet? Da brat mir einer nen Leguan und nenn’ mich Gourmet!“
Ja, so ungefähr habe ich auch reagiert… Nimmst du Anne mit?“
Nein, Frau und Freundin sind futsch. Ich mach’ mich zum Trost an die Brautjungfern ran, sofern mir Richie eine übrig lässt.“ Micky lachte und ahnte nicht, dass Methos nur versuchte damit seinen Liebeskummer zu überspielen.
Dann wird es mit Sicherheit eine denkwürdige Hochzeit im Haus des Lords!“

 

 

15. Drum prüfe, wer sich ewig bindet

 

Großbritannien, London Heathrow, einige Tage später.
Micky ging zuerst durch die Türen des Londoner Flughafens. Hinter ihr liefen Duncan, Richie und Methos, die mit den Gepäckwagen kämpften. Duncan fragte sich, wieso seine Frau zwei volle Koffer mitnahm, wenn sie im Laufe ihres Aufenthalts garantiert einen Einkaufsmarathon in der Bond Street veranstalten würde. Als junger Mann von 120 Jahren hatte er geglaubt, dass er zum jetzigen Zeitpunkt die Frauen verstehen würde. Doch dann war ihm Micky begegnet, und Duncan hatte erkannt, welchem Irrglauben er erlegen war.

Den Schluss der illustren Reisegruppe bildeten Connor und Isabelle, die so heftig miteinander flirteten, dass man beinahe glauben konnte, sie wären das Brautpaar.

Vor dem Ausgang wartete bereits eine geräumige Limousine auf sie. Die Fahrertür ging auf, der Chauffeur ging um den Wagen herum und öffnete die hintere Tür. Alle spürten einen Unsterblichen.

Micky lugte über den Rand ihrer Sonnenbrille. Es war ein sonniger Herbsttag in der britischen Hauptstadt. Außerdem hatte es etwas herrlich Dekadentes eine Sonnenbrille zu tragen und dann mit einer solchen Limousine zu verschwinden.

Finn!“ rief sie freudig, breitete die Arme aus und warf sich dem Lord of Lys Airt an den Hals.
Micky, my love! Es ist wundervoll, dass ihr gekommen seid.“ Er drückte die Comtesse fest an sich und strahlte über das ganze Gesicht. Dann ließ er sie los und widmete sich den anderen.
Duncan, alter Freund!“ Nun umarmte Finnigan Duncan, als wären sie seit Jahrhunderten die dicksten Freunde.
Duncan wollte sich doch letztes Jahr den Kopf des Lords holen? Was hab’ ich jetzt schon wieder verpasst?“ fragte Richie verwundert. Connor trat neben ihn und schlug ihm aufmunternd auf die Schulter.
Ich sag’s doch immer wieder – die spinnen, die Engländer!“ rief Connor feixend.
Auch Micky schmunzelte über die ungewöhnliche Begrüßung, die Finnigan und ihr Mann einander zuteil werden ließen. Ihr alter Freund war ein Lord ohne Furcht und Tadel, aber auch ohne Maß und Ziel. Und Duncan hatte schlichtweg ein Rad ab. Vergangenes Jahr waren sie vor Eifersucht aufeinander fast umgekommen.

Ich kann nicht glauben, dass du wirklich heiratest, Finn.“ Er strahlte die Comtesse an. Nach seinem Gesichtsausdruck zu schließen bestand jedoch kein Zweifel daran.
Warum sollten wir eigentlich nach London fliegen? Ihr Schloss steht doch in der Grafschaft Cornwall“, erinnerte Richie sich.
Am südlichsten Punkt von Großbritannien genau genommen. Am Lizard Point“, erklärte der Lord. „Wir fliegen gemeinsam nach Plymouth und von dort fahren wir mit dem Auto weiter.“
Und warum warst du nun in London?“ fragte Micky interessiert.
Ich hatte einen Termin im Palast.“
Im Palast?“ echote Micky besorgt. Sie wusste, dass Finnigan theoretisch einen Anspruch auf den britischen Thron hatte, da er das letzte lebende Mitglied des Hauses Tudor war. Und somit wäre er der rechtmäßige Herrscher, da er ein entfernter Verwandter von Elisabeth I. war. Die Windsors herrschten nur aus dem Grund, da die jungfräuliche Königin ohne offizielle Nachkommen verstorben war, und neue Herrscherhäuser den Thron Englands bestiegen hatten. Micky hatte immer die Befürchtung, dass Finnigan irgendwann auf die verrückte Idee kommen könnte den Thron zu beanspruchen. Daher wurde sie immer stutzig, wenn Finnigan den Palast oder die Royals erwähnte.
Keine Sorge, Honey. Mir steht nur eine höhere Apanage zu, wenn ich erst einmal verheiratet bin. Der Schatzmeister ist so überaus korrekt und, my goodness, so überaus steif. Er will über alles und jedes informiert werden. Das könnt ihr euch gar nicht vorstellen."
Duncan und Connor schmunzelten über Finnigans Bemerkung und sagten wie aus einem Munde: „Oh doch, können wir. Sehr gut sogar!“ Selbst Methos musste nun ein Lachen unterdrücken. Als er ein junger Mann gewesen war, hätte seine Lordschaft froh sein können, wenn er zur Hochzeit eine zusätzliche Ziege bekommen hätte. Aber heute bekam man eine Apanage.

Wie viele Ziegen bekommt man denn inzwischen, wenn man heiratet, Finnigan?“ platzte es aus Methos heraus. Die anderen sahen ihn verwundert und mit offenen Mündern an. Micky reagierte zuerst. Sie holte aus und gab ihm einen Schlag vor die Brust.
Ignoriere ihn einfach, Finn. Seine Freundin hat mit ihm Schluss gemacht, weil Isis des Nachts bei ihnen im Schlafzimmer stand.“
Oh, die nette Ärztin, die dich betreut hat? Schade, sie war sweet“, meinte der Lord mit einer Spur von Bedauern. Methos zuckte lässig die Achseln, doch in Wahrheit machte ihm die Trennung von Isis… Ach nein, böser Methos. Er biss sich auf die Innenseite seiner Wange. Anne, sie hieß Anne, Herrgott noch mal. Isis tummelte sich wahrscheinlich mit ihrer Busenfreundin Amanda in deren Haus in Griechenland und verschwendete keinen Gedanken an ihren Ehemann, dessen Herz sie wieder einmal mit einer Dampfwalze geplättet hatte.
Methos, steig’ endlich ein’! Du schlägst schon Wurzeln im Asphalt!“ rief Micky ihm aus der Limousine entgegen. Er machte eine abfällige Handbewegung, stieg aber schnell ein. Mit einem „Plumps’ warf Methos sich auf den Sitz neben die Comtesse. Micky starrte ihn von der Seite an.
Was ist denn, Hochwohlgeboren?“ fragte er gereizt.
Himmel, hast du einen Liebeskummer! Das ist ja nicht mehr feierlich. Und ich wette meine goldene Haarbüste darauf, dass es nicht um Anne geht…“ Sie drehte seinen Kopf zu sich und starrte ihm tief in die Augen. Methos schüttelte ihre Hände ab und entzog sich schnell ihrem magischen Blick.
Du Hexe! Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du diesen Nostradamus-Scheiß bei mir lassen sollst?!“ Micky biss sich grinsend auf die Unterlippe.
Wann wirst du endlich über sie hinweg kommen, Methos? Sie ist nicht gut für dich.“ Er stöhnte.
Glaubst du, dass ich weiß ich selbst nicht am Besten?! Aber was soll ich denn machen?! Und überhaupt, wie war das mit dir und Darius?“ Nun starrte Methos Micky intensiv an. Sie drehte nun ihrerseits den Kopf ganz kurz, was Methos ein triumphierendes Lachen entlockte. „Ha! Da siehst du’s! Bevor du also mir wegen der hoffnungslosen Liebe zu meiner Frau ans Bein pinkelst, fass’ dir an deine Nase wegen Bruder Darius!“
Noch bevor Micky antworten konnte, griff Finnigan ein: „Pardon me, meine Freunde. Hier pinkelt überhaupt niemand irgendjemandem ans Bein. Die Sitze wurden kürzlich neu bezogen!“ Micky und Methos sahen sich kurz verdattert an und lachten dann lauthals los. Durch Finnigans typisch britischen Akzent - der wie Duncan immer noch behauptete, mit Weichspüler behandelt worden war – hörten sich seine Worte noch komischer an. „Was habe ich denn gesagt?“ Methos und Micky konnten nicht an sich halten. Lachend schlugen sie sich auf die Knie und wischten sich die Tränen aus den Augenwinkeln.

Finnigan, ignoriere die beiden einfach. Die beruhigen sich schon wieder“, versicherte Duncan. Der englische Lord zuckte die Achseln und vertiefte sich in eine Unterhaltung mit Richie, der von den Geschichten, die Finnigan zum Besten gab, fasziniert war.

 

Großbritannien, Cornwall, die Halbinsel The Lizard.
Cornwall war seit der Altsteinzeit durchgängig besiedelt gewesen. Vornämlich Kelten hatten sich hier angesiedelt und den römischen Eroberern 40 nach Christus erbitterten Widerstand geleistet. Auch die Megalithkultur hatte ihren Anfang in Cornwall genommen. Im Mittelalter war einzig Cornwall allein nicht von Angelsachsen besiedelt gewesen. Es war und blieb keltisch. Der berühmteste König der Halbinsel war der legendäre Artus. Passenderweise hatten sich Finnigans blaublütige Vorfahren dann zum Bau des Schlosses am Lizard Point entschlossen, mit Blick auf zwei achteckige Leuchttürme. Da die gefährlichen Klippen zum Grab für unzählige Schiffe geworden waren, hatte Finnigan sich im 18. Jahrhundert zum Bau entschlossen. Einer von beiden war auch heute noch in Betrieb.

Es waren zwar nicht die Highlands, aber die MacLeod-Cousins mussten zugeben, dass es ein überwältigender Besitz war, den Finnigan sein Eigen nannte. Das Schloss mit gezackten Türmen und hohen Bogenfenstern, erbaut aus grauem Stein, ragte majestätisch inmitten des Geländes empor. Das Areal war auf der einen Seite umgeben von einem hohen Zaun und von der anderen Seite geschützt von steil abfallenden Meeresklippen. Links und rechts des Schlosses gab es Stallungen, Garagen, Zier- und Gewächshäuser.

 

Wie machst du das mit dem Erbe?“ fragte Duncan. „So wie Micky?“ Finn nickte.
So in etwa. Meistens weiß es jemand aus dem Palast, und diese Person besorgt die richtigen Papiere.“
Jemand? Etwa die Königin?“ hakte Duncan nach, während er beeindruckt auf Finnigans Heim zuging.
Nun, die Aktuelle nicht“, erwiderte Finnigan geheimnisvoll.

Die große Hauptpforte des Schlosses ging auf, eine junge Frau rannte heraus. Sie knickste vor Finnigan und richtete sogleich das Wort an ihn: „Mylord, Ladylove hat Junge bekommen, während Sie auf Reisen waren.“ Finnigan zuckte angesichts des Namens kurz zusammen.
Ladylove?“ wiederholte Micky erstaunt. So hatte Finnigan sie früher immer genannt.
Ja, meine Katze. Möchtest du ein Baby aus dem Wurf abhaben?“ Begeistert klatschte Micky in die Hände.
Oh ja, sehr gerne. Seit einiger Zeit habe ich eine schwarze Katze, die…“
Moment“, unterbrach die junge Frau sie und verschwand im Schloss.
Sie ist Tierärztin, ein bisschen schräg, aber sehr kompetent. Sie heißt Ginger MacKenzie.“
Schottin?“ fragten Duncan und Connor gleichermaßen interessiert.
Nein, Hawaiianerin! Natürlich ist die Schottin bei dem Namen!“

Wenig später kehrte Dr. MacKenzie mit einem weißen Fellknäuel auf den Armen aus dem Schloss zurück. Sie überreichte feierlich das haarige, schnurrende Bündel an Micky. Das Katzenkind schlug die Augen auf und betrachtete ihre neue Mami neugierig.

Er heißt Mr. Pantherchen.“ Die Anwesenden sahen Dr. MacKenzie fragend an. „Fragen Sie nicht. Die Namen der Babys haben Paul, der Stallbursche und ich nach zwei Flaschen Whisky vergeben.“ Das erklärte natürlich, wieso ein kleiner, weißer Kater den Namen einer schwarzen Raubkatze trug. Noch dazu in verniedlichter Form.
Wie alt ist er denn?“
Alt genug, um ihn von der Mutter zu trennen. Sie können ihn gerne mitnehmen, wenn sie abreisen, Mrs…“
Oh natürlich. Wie unhöflich von mir. Ich bin Micky MacLeod. Das ist mein Mann Duncan und sein Cousin Connor. Connors Freundin Isabelle Coulins. Unser Freund und Mitarbeiter Richie Canderson und Adam Pierson.“ Sie reichten der Ärztin nacheinander die Hände. Richie verschlang die attraktive Schottin seit ihrem Erscheinen mit seinen Blicken. Sie hatte feuerrote, lange Haare, trug ein weißes Hemd und Reiterhosen mit dazu passenden Stiefeln.

Micky reichte es nun. Sie gab Isabelle den Kater, der nicht sonderlich viel dagegen zu haben schien. Dann verpasste Micky dem Junior einen diskreten Knuff in die Seite. Er grinste verlegen.

Unterdessen war eine Unterhaltung zwischen Ginger und den MacLeods entstanden.

Woher kommen Sie?“ wollte sie von Duncan und Connor wissen.
Aus Glenfinnan. Alle beide“, erklärte Duncan. „Aber unsere Eltern sind als wir Kinder waren mit uns von dort weggezogen nach Edingburgh.“ Diese Alibigeschichte hatten sie sich schon vor Ewigkeiten zu Recht gelegt.
Glenfinnan? Na, das ist doch gar nicht weit von meiner Heimatstadt entfernt. Ich bin in Fort William geboren und aufgewachsen.“

Connor und Duncan kannten natürlich die Stadt, die im 17. Jahrhundert von Menschen rund um die damals erbaute Festung gegründet und von „Fort Inverlochy in „Fort William“ umbenannt worden war. Der Ort an und für sich führte zunächst mehrere Namen, bis er schließlich nach dem Fort benannt wurde: Maryborough Gordonsburgh und Duncansborough. Heute lebten in Fort William rund 12.000 Menschen. Die Stadt am Ufer des Loch Linnhe, war ein beliebtes Touristenziel – nicht zuletzt durch zahlreiche spannende Tagesziele wie den Ben Nevis, das Glen Nevis-Tal mit den Steall Falls, dem West Highland Museum, dem Glen Coe-Tal, der Burgruine von Old Inverlochy Castle, der Ben Nevis-Whiskybrennerei, dem dampfbetriebenen Jacobite Steam Train und dem Glenfinnan Viadukt, das durch die Harry Potter-Filme weltberühmt geworden war.

 

Duncan und Connor verspürten einen schmerzhaften Stich in der Herzgegend. Sie erinnerten sich noch viel zu gut an die Zeiten, als Fort William ein furchteinflößendes Gefängnis gewesen war, das in der Hauptsache Schotten und insbesondere jakobitische Aufwiegler beherbergt hatte.

Dann kennen Sie doch gewiss den Loch Shiel?“ fragte Ginger. Nun war es Micky, die einen feinen Stich verspürte. Sie sah deutlich vor sich, wie sie losgelöst auf ihren scheintoten Körper herabgeschaut hatte, der von Duncan festgehalten, an den Ufern des Loch Shiel gelegen hatte. Ein Schaudern überkam sie. Duncan legte beschützend einen Arm um Mickys Schultern.
Ja, natürlich. Meine Frau und ich haben sozusagen unsere zweiten Flitterwochen dort verbracht.“
Zweite Flitterwochen? Dafür sehen Sie fast ein wenig zu jung aus. Das macht man doch erst, wenn man schon uralt ist.“
Lassen Sie sich nicht von Äußerlichkeiten täuschen“, witzelte Methos. Dr. MacKenzie stockte der Atem, dann begriff sie.
Sind sie etwa alle wie Lord Finnigan? Unsterblich meine ich?“ flüsterte sie.
Micky kam einen Schritt auf Ginger zu und flüsterte schmunzelnd zurück: „Ja, das sind wir. Ich bin 507. Duncan ist 415, Methos bringt es auf stolze 5.000 Jahre, plus minus. Er weiß es selbst nicht so genau. Connor ist 489…“ Ginger bemerkte gar nicht, dass auf einmal von einer Person namens Methos die Rede war, sie hatte nur Augen für Richie.

Und Sie sind wahrscheinlich 1.500 Jahre alt?“ mutmaßte Ginger mit einem Blick auf Richie, der angetan grinste.
So weise siehst du noch lange nicht aus, Junior“, neckte Micky ihren Schüler süffisant grinsend.
Junior?“ wiederholte Ginger amüsiert.
Ja“, knurrte Richie Micky böse Blicke zuwerfend.
Ich bin noch so jung, dass ich solch dämliche Spitznamen ertragen muss.“
Und wie alt sind Sie nun?“ Sie ließ nicht locker. Richie wurde rot, Micky und die anderen sahen es und bemühten sich angestrengt nicht loszulachen.
Ich bin 33“, gestand Richie, als wäre es eine Schande unsterblich und so jung zu sein.
Ich weiß gar nicht, was du jammerst, Richie?! Ich bin 24 und habe eine Beziehung mit einem Mann, der 465 Jahre älter ist als ich“, rief Isabelle ihm nun in Erinnerung.
Methos trat einen Schritt vor und sagte: „Ich heiße übrigens Methos. Adam Pierson ist meine offizielle Identität.“ Ginger nickte und wandte sich direkt wieder an Richie.

Sagen Sie, Mr. Canderson…“
Eigentlich heiße ich Ryan. Es ist nämlich so, ich wurde in Boston versehentlich für einen Mord in den Knast gesteckt, den ich nicht begangen habe. An einem Unsterblichen, was ja eigentlich ohnehin kein Mord ist wegen der Zusammenkunft und so. Und Micky hat darauf bestanden, dass ich mich aufhänge, damit ich aus dem Knast rauskomme. Deswegen ist Richie Ryan offiziell in Boston gestorben….“
Richie, du plapperst“, rief Micky dazwischen. Er verstummte mitten im Satz.
Lassen Sie ihn ruhig plappern. Ich finde das süß. Nun gut, Mr. Ryan. Oder lieber Richie?“ Er nickte. „Gut, Richie. Wollen Sie heute Abend mit mir ins Pub gehen?“ Richies Herz schlug um etliche Takte schneller. Normalerweise machten solche Klassefrauen wie Ginger einen Bogen um Richie, wenn ihnen seine Unbeholfenheit bewusst wurde.
Gerne. Ja, auf jeden Fall.“ Ginger nickte zufrieden.
Ich hole Sie nachher ab. Und jetzt muss ich los. Bei Pächter Williams ist eines der Pferde krank“, bemerkte sie mit einem verführerischen Lächeln, das definitiv Richie galt. Mit schnellen Schritten ging Ginger zum nahe gelegen Stall davon.

 

Großbritannien, Cornwall, Schloss Lys Airt, am Abend.
Micky und finnigan standen mit einem Glas Whisky auf dem Balkon und unterhielten sich, während Methos und Duncan im angrenzenden Salon Poolbillard spielten. Connor und Isabelle waren gemeinsam mit Ginger MacKenzie und Richie ins Pub nach South End gefahren, das nicht weit weg vom Schloss lag. Es war ein winziges Dörfchen mit gerade mal zweihundert Einwohnern, wovon die meisten im Schloss arbeiten oder auf den Pächterhöfen des Lords. Alle kannten und schätzten Finnigan sehr, der stets darum bemüht war den Dorfbewohnern ein angenehmes, abgesichertes Leben zu ermöglichen.

Nebel lag über der Bucht, man konnte kaum den Leuchtturm sehen, der unermüdlich sein Licht hinaus aufs Meer trug. Micky kam sich vor wie in dem Film „The Fog“, sie schauderte und zog die breite, wärmende Wollstola fest um ihre Schultern, die Elisabeth für sie gestrickt hatte.

Wann kommt deine Verlobte eigentlich, Finn?“ Der Lord löste seinen Blick von der Nebelwand, die allmählich auf das Schloss zu gekrochen kam.
Verliebt lächelnd antwortete er: „Morgen, Mylady.“ Sie lächelte über die Anrede, die zwar ihrem Titel angemessen war, aus Finnigans Mund aber eine ganz andere Bedeutung haben konnte.

Weiß sie eigentlich von uns? Ich meine von den Unsterblichen?“ ergänzte Micky rasch, bevor Finnigan auf falsche Gedanken kommen konnte.
"Nein, ich habe ihr nichts gesagt. Sie denkt, ich bin 30.“ Micky nippte nachdenklich an dem vorzüglichen Whisky, den Finnigan anlässlich des Besuchs der MacLeods und ihrer Freunde besorgt hatte.
Du musst es ihr sagen, Finn!“
Warst du zu deinen Männern immer ehrlich?“
Zu jenen, mit denen ich eine längere Beziehung geführt habe, ja. Nostradamus hat es sofort gewusst. Henry habe ich es vor unserer Verlobung gesagt. Richard wusste es, Brian war viel zu sehr auf Drogen, um es wirklich zu kapieren. Aber ja, alles in allem, habe ich immer die Wahrheit gesagt.“ Sie sah, wie Finnigan mit sich kämpfte. „Finn, was ist, wenn sie sich Kinder wünscht? Es ist unfair ihr gegenüber.“
Du hattest Kinder mit Richard“, konterte der Lord.
Ja, Rebecca und David waren unsere große Freude. Aber Richard hat mir zuliebe auf eigene Kinder verzichtet.“
Heute gibt es doch ganz andere Möglichkeiten als noch im 19. Jahrhundert.“ Micky wusste, worauf Finnigan anspielte.
Aber Gwen führt doch keine Ehe mit einer Petrischale, sondern mit dir.“ Finn seufzte.
Also gut, ich rede gleich morgen mit ihr, wenn sie eintrifft. Morgen Abend findet ein großer Ball statt als Einstimmung auf die Hochzeit. Bis dahin hat sie es hoffentlich verdaut.“ Zufrieden trank Micky ihr Glas aus und ging zurück in den Salon, wo sie Duncan und Methos beim Billardspiel beobachtete.


 

Großbritannien, Cornwall, Schloss Lys Airt, am nächsten Tag.
Der Lord betrat völlig aufgelöst Mickys und Duncans Gästesuite, die aus mehreren Zimmern einschließlich eines großen Bads bestand und annähernd 60 Quadratmeter groß war.

Finnigans rotbraunes Haar hatte sich in alle Richtungen davon gemacht, als wäre es elektrisiert worden. Micky lag auf dem Bett, Mr. Pantherchen auf dem Schoß und las „Die drei Musketiere“ von ihrem guten Bekannten Alexandre Dumas. Auch nach Jahrhunderten fand sie es immer wieder erheiternd ihre gemeinsamen Abenteuer mit Pierre de Florent in Person des D’Artagnan wieder zu erkennen.

"Finn? Was ist denn passiert? Kommst du von einem Duell?“ Sie lachte, der kleine Kater maunzte empört angesichts der Störung seines Mittagsschläfchens. Der Lord schüttelte traurig den Kopf. Micky legte das Buch aufgeschlagen mit dem Rücken nach oben auf die Tagesdecke.
Ich habe mit Gwen geredet“, begann Finnigan und setzte sich auf den Rand des breiten Bettes. Aus dem Badezimmer hörte er nun Wasserrauschen.
Wie hat sie es aufgenommen?“ So wie Finnigan aussah, wie er sich verhielt, war das Gespräch alles andere als glücklich verlaufen.
Gar nicht gut. Nein, gar nicht gut. Sie war völlig empört, und dann war sie auf und davon.“
Wie auf und davon?“
Na, die Hochzeit ist abgesagt. Sie ist nach Truro zurück gefahren in ihr Apartment. Micky, kannst du nicht mit ihr reden? Mein Chauffeur bringt dich hin. Bitte, vielleicht hört sie auf dich. Erzähle ihr von Richard, wie es für ihn war. Wie glücklich ihr zusammen wart. Und von euren Kindern. Bitte, ich brauche deine Hilfe.“ Micky seufzte, sie hatte sich auf eine romantische, ganz normale Hochzeit und ein paar ansonsten ereignislose Tage gefreut nach den ganzen Aufregungen in der letzten Zeit.
Ich…“ Im selben Moment ging die Badezimmertür auf. Duncan kam nur mit einem Handtuch um die Hüften gewickelt raus.
Hi, Finn. Alles klar?“ fragte er lässig und verschwand nebenan im Ankleidezimmer, wo in einem riesigen, begehbaren Kleiderschrank seine und Mickys Kleidungsstücke ordentlich aufbewahrt wurden. Micky dachte, dass ihr Mann noch im vergangenen Sommer ausgeflippt war, wenn finnigan auf demselben Bett wie sie gesessen hätte. Doch heute war das alles kein Problem mehr. Heute hatte sie ganz andere Probleme.
Also gut, ich fahre nach Truro und rede mit ihr. Hoffentlich bringt es etwas.“ Micky stand vom gemütlichen Bett auf und ging nach nebenan, um Duncan über die jüngsten Ereignisse zu unterrichten…

 

Fortsetzung folgt….

 

 

 

 


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