Kleine Anmerkung: Die Flashbacks sind kursiv dargestellt.


 






Highlander

Die französischen Chroniken -
Die Zukunft der Unsterblichen
Band 3


von Claudia Filip


 

 

Mein Name ist Michelle Dubois, ich wurde als eine französische Comtesse vor über 500 Jahren in der Nähe von Paris geboren. Seither durchstreife ich unentdeckt von den Sterblichen die Jahrhunderte. Mein Meister Nostradamus prophezeite mir, dass mein Schicksal sich in den Armen eines Highlanders erfüllen wird und dass dafür ein geliebter Mensch sterben muss. 1789 opferte sich mein geliebter Henry, damit der Unsterbliche Connor MacLeod vom Clan der MacLeod und ich vor der französischen Revolution fliehen konnten. Doch Connor war nicht der mir prophezeite Highlander. Ihn traf ich auf der Beerdigung meines geliebten Freundes Darius: Duncan MacLeod vom Clan der MacLeod, Connors Cousin. Wir heirateten und gingen nach Frankreich. Dort erfuhren wir von Methos, dass die „Zusammenkunft“ ein Mythos ist. Daher haben Methos, Richie Ryan, Connor MacLeod, Duncan MacLeod und ich uns von den Kämpfen um die„Zusammenkunft“ zurückgezogen. Doch auch für uns gibt es Duelle, die wir nicht ablehnen können.
Dies sind unsere Abenteuer.“


 

 

1. Unverhofft kommt oft!

 

Frankreich, Chateau Dubois in der Nacht.
Micky lief hektisch auf und ab und betrachtete gedankenverloren die blauen Kacheln ihrer ansonsten gemütlichen Landküche. Heute Nacht verbreitete sich das Gefühl von Geborgenheit nicht, das sie sonst hier empfand. Sie war nervös und kochte vor Wut. Vielleicht lag es auch an den fünf Tassen Kaffee, die sie seit ihrer Ankunft im Chateau heruntergestürzt hatte? Der Sinn hatte ihr eher nach Whisky gestanden, doch der betäubte nur die Sinne. Sie musste bei klarem Verstand bleiben, da sie jederzeit mit einem Anruf rechnete. Bis dahin war sie zur Untätigkeit verdammt, die Micky mehr als alles andere hasste.

 

Christopher Sikes alias Jack the Ripper alias der „seriöse“ Kunsthändler Christoph Simoné und ehemaliger Geschäftspartner der MacLeod-Galerie, der bis vor kurzem sein Geschäft in direkter Nachbarschaft von Mickys an der Place de la Bastille in Paris unterhalten hatte, hatte Mickys Adoptivtochter, die Unsterbliche Geneviève Dubois, entführt.

Bis heute Abend hatte Micky das Ganze mehr oder minder als Spiel angesehen. Der nächtliche Überfall auf das Hausboot und der Angriff auf Connor und Duncan durch die Goodrich-Brüder waren noch akzeptabel und in Mickys Augen sogar halbwegs amüsant gewesen. Es war deutlich erkennbar gewesen, dass Christopher Sikes nur mit ihnen gespielt hatte. Der Mord an Natalie Coulins, Mickys Schülerin und Methos’ letzter Freundin, war Christopher Sikes’ erster Fehler gewesen. Der Verlust von Natalie hatte in Micky den Wunsch geweckt Christopher Sikes mit ihrem Toledo Salamanca in kleine, handliche Häppchen zu hacken und ihn im Garten zwischen den Rosen zu verscharren. Der Mord an ihrer Schwester Isabelle hingegen war unumgänglich gewesen, um sie zu einer Unsterblichen zu machen. Connors Freundin stand als dessen Schülerin nun unter seinem Schutz. Heute Nacht jedoch war Sikes mit Genevièves Entführung definitiv zu weit gegangen.
 

Micky hatte die augenscheinlich 18-jährige Geneviève 1703 im Alter von 182 Jahren adoptiert, nachdem diese versucht hatte die Juwelen des Hofstaates von Louis XIV. zu stehlen. Micky war von dem Mädchen beeindruckt gewesen und hatte auch eine Spur Mitleid für das ihr aufgezwungene Leben einer heimatlosen Diebin empfunden. Sie hatte Geneviève kurzerhand in ihr Chateau gebracht.

Dort hatte sie erfahren, dass Geneviève irgendwo in der Nähe von Toulouse geboren worden war. Ihre Eltern, an deren Namen sie sich nicht mehr erinnern konnte, waren adlig gewesen, das zumindest wusste das Mädchen noch. Eines Tages war Geneviève dann im Alter von neun Jahren von Zigeunern aus dem Park des elterlichen Chateaus geraubt worden. Ihre restliche Kindheit hatte sie in deren zwielichtiger Gesellschaft verbracht. Mit 18 Jahren war Geneviève bei einem Überfall auf eine Postkutsche von Soldaten exekutiert worden. Im Wald war sie zu sich gekommen und hatte zunächst nicht gewusst, wieso sie nicht tot war. Sie gehörte zu den wenigen Unsterblichen, die keinen Begleiter bekamen. Niemand kannte den Grund dafür. Manchmal passierte es einfach, so wie in den 1960ern Brian, Mickys damaligem Freund.

Bei den Zigeunern konnte Geneviève nach ihrem „Tod“ nun nicht mehr leben. Also schlug sie sich fortan alleine durch. Bis zum Jahre 1547, als Heinrich II. gemeinsam mit Katharina von Medici den Thron Frankreichs bestieg. Damals traf sie in Montpellier auf den Unsterblichen Jaques de Peyrou, der sie über die Unsterblichen und die „Zusammenkunft“ aufklärte. Er brachte ihr den Schwertkampf bei und bot ihr ein Zuhause an. Die nächsten 50 Jahre kümmerte er sich gut um Geneviève. Dann verlor er eine Begegnung und die junge Frau stand wieder alleine da. Abgesehen vom Diebeshandwerk hatte sie nichts gelernt. Jaques hatte ihr aber eine Form von Erziehung vermittelt, sie beherrschte jetzt neben ihrer Muttersprache auch Italienisch, Spanisch und Englisch. Außerdem legte Geneviève ein kultiviertes Auftreten an den Tag, konnte tanzen und sticken. So fiel es ihr verständlicherweise nicht schwer in vornehme Häuser zu gelangen und diese dann auszurauben. Sie schlug sich damit mehr oder weniger recht gut durch, doch irgendwann verließ sie das Glück. Die Musketiere des Königs übernahmen nach und nach die Aufgaben der Polizei und sorgten für Ordnung auf den Straßen. Die Häuser der Reichen wurden immer besser bewacht und Geneviève konnte ihren Lebensunterhalt nicht mehr ausreichend bestreiten. Letzten Endes musste sie sogar ihr Schwert, das Jaques de Peyrou ihr geschenkt hatte, zur Pfandleihe bringen. Und so war sie ohne Schwert und mit knurrendem Magen Micky und Pierre de Florent im Garten von Versailles in die Arme gelaufen.

 

„Ich finde dich, Geneviève“, flüsterte Micky und starrte auf die weiße Spitzentischdecke vor ihr.

Im nächsten Augenblick ging die Schwingtür zur Küche ging auf und Connor trat mit besorgtem Gesichtsausdruck ein. Tiefe Ringe hatten sich wie Maulwürfe unter seinen Augen eingegraben. Der ansonsten lebenslustige, aufgeweckte Schotte wirkte alt und müde.

Connor kannte Geneviève seit 1773. In Boston kurz vor der legendären Boston Tea Party war er einer Einladung Mickys gefolgt und hatte in deren Haus das junge, sprunghafte Mädchen kennen und schätzen gelernt. Schnell hatte er sich an seine Rolle als „Onkel“ Connor gewöhnt.
 

„Wie geht es dir, Comtesse?“
„Ich bin wütend auf mich selbst, weil ich nicht besser auf sie aufgepasst habe... Ich bin wütend, weil er mir mein Kind unter der Nase weggeschnappt hat. Ich weiß, ich habe Geneviève nicht geboren. Ich kannte sie nicht, als sie noch klein war. Sie war 182 Jahre alt, als ich sie adoptiert habe. Aber sie ist meine Tochter, meine kleine Tochter.“ Micky schniefte und wischte sich eine Träne weg. Eigentlich war sie ja viel zu taff zum Weinen, doch die Sorge um Geneviève wühlte sie ungemein auf.

Connor stürzte zu seiner lieben, langjährigen Weggefährtin und ging vor ihr in die Knie. Ihre zittrigen Hände ruhten auf ihrem schwarzen Abendkleid, das ihr guter Freund Karl Lagerfeld letzten Monat für sie entworfen hatte. Tränen tropften auf die edle Seide, für die unzählige Raupen ihr Leben gelassen hatten.

Connor umfing Mickys zierliche, manikürte Finger mit seinen starken Händen, die das Schwert in Kriegen geführt, den Acker seines Landes in Schottland bestellt und zahlreiche Frauen geliebt hatten. Zuversichtlich drückte er sie. Sie hob leicht den Kopf, sah dem Cousin ihres Mannes in die treuen, brauen Augen und versuchte zu lächeln. Connor war ihr während ihrer mehr als 200-jährigen Freundschaft stets eine Stütze gewesen, ein Fels in der Brandung. Er hatte sie 1789 vor der Torheit bewahrt sich direkt nach Henrys Tod auf der Guillotine ebenfalls köpfen zu lassen, wodurch Henrys Tod, der Connor und Micky retten sollte, ja völlig sinnlos gewesen und auch entehrt worden wäre.

In Connors Augen entdeckte Micky tiefe, kameradschaftliche Liebe und Loyalität für sie und schluckte ihre Tränen herunter. Joe Dawson, Duncans und ihr Beobachter hatte die Männer - Duncan, Connor, Methos und den jungen Heißsporn Richie – einmal zum Spaß als Mickys Musketiere bezeichnet. Aber bei Gott, er hatte Recht gehabt. Wenn jemand in der Lage sein sollte, Geneviève aus den Händen dieses Wahnsinnigen, dieses Serienmörders, dieses kranken Monsters zu befreien, dann Mickys Musketiere.


„Hey, Micky. Es ist doch nicht wichtig, ob du sie geboren hast. Du liebst Geneviève. Wir alle tun das. Du hast einer Herumtreiberin und Diebin ein Zuhause und Liebe gegeben. Du bist ihre Mutter. Und wenn du dir was Anderes einredest oder gar, dass du an der Entführung Schuld bist, trete ich dich so dermaßen in deinen knackigen, süßen Po, dass du bis nach Paris fliegst!“ Sie lachte auf. „Na siehst du, du kannst schon wieder lachen. Wir finden sie. Sikes will doch genau das und dann werden wir alle zusammen ihm den Garaus machen.“
„Genau!“ Micky sah hoch, um zu erkennen, wer da zur Tür hereingekommen war.

Connor stand auf und drehte sich um. In der Tür stand Methos mit seinem Langschwert, es war frisch geschliffen und poliert. Methos hatte zwei große Rechnungen mit Christopher Sikes zu begleichen, drei, wenn man Genevièves Entführung mitzählte. Am 8. September 1888 hatte er in seiner Rolle als Jack the Ripper Methos’ damalige Freundin, Annie Chapman im Londoner Elends- und Rotlichtviertel Whitechapel ermordet, bevor Methos sie von ihrem Zuhälter hatte freikaufen können. Am 13. August diesen Jahres hatte der unsterbliche Frauenmörder Methos’ letzte Freundin, die gerade zur Unsterblichen gewordene Natalie Coulins, die ihn Undercover gejagt hatte in der Rue Blondel, dem Rotlichtviertel von Paris, brutal ermordet. Er hatte sie in eine Seitengasse gelockt und dort enthauptet.
 

„Ihr wisst gar nicht, was es mir bedeutet, dass ihr mir beisteht.“
„Jede Menge Champagner, das ist mal klar“, witzelte Methos. Micky schüttelte lachend den Kopf.
„Du hast doch immer irgendeinen blöden Spruch auf den Lippen, Methos.“
„Anders erträgt man dieses hohe Alter auch nicht, Comtesse. Das kannst du mir glauben. Bekomme ich hier einen Kaffee oder muss ich Elisabeth aus dem Bett jagen?“
„Hier, fang.“ Methos ließ mit einem gewaltigen Scheppern sein Schwert fallen und fing die Kaffeetasse auf, die Connor ihm zuwarf.
„Spinnst du?“ rief Micky erschrocken und fixierte Connor böse.
„Mach dich locker, war doch nicht das Meißner Porzellan“, beruhigte Methos sie. „Schau mal, die hat eh schon einen Sprung.“ Micky stürzte auf Methos zu und entriss ihm die dunkelblaue Kaffeetasse. Fast liebevoll stellte sie sie auf den Küchentisch und begutachtete das Porzellan nach eventuellen Schäden. Dann schnellte ihr Kopf blitzschnell zu Methos um, sie fixierte ihn böse.
„Du Arsch!“ zischte sie.
„Ist doch nur eine olle Kaffeetasse“, verteidigte Methos sich, hob sein Schwert auf und holte sich aus dem Geschirrschrank eine andere Tasse.
„Diese Tasse war ein Geschenk von Jack!“ empörte Micky sich.
„Was denn für ein Jack?“ fragte Methos und Connor grinste, da er genau wusste, wer gemeint war. Er war nur froh, dass Methos den Groll der Comtesse abbekam und sein Wurf offensichtlich schon wieder vergessen war. An irgendjemand musste sie ihren Zorn über Sikes auslassen. Und anscheinend hatte sie Methos dafür auserkoren.
Na, Jack Kennedy, du Idiot! Du 5.000 Jahre alter Torfkopf! Diese Tasse hat mir Präsident John Fitzgerald Kennedy geschenkt – JFK – klar?! Siehst du nicht das Wappen der Vereinigten Staaten, du hirnloser Blindfisch, und die Jahreszahl 1962?! Die habe ich nach der Kubakrise von Jack bekommen. Und den Sprung hat der Präsident persönlich rein gemacht. Er hat sie fallen gelassen, als wir bei ihm im Wohnzimmer saßen einen Tag nach Beendigung der Krise. Wir saßen mit Jacky zusammen. Zum ersten Mal seit Wochen haben wir ausgelassen Kaffee getrunken und Kekse gegessen. Er war noch ziemlich nervös wegen der Kubakrise. Als er mit die Tasse überreichen wollte, fiel sie zu Boden. Dabei ist die Ecke raus gesprungen.“
„Warum steht das gute Stück dann nicht in einem Glaskasten in deinem ‚Mausoleum’?“ fragte Methos beleidigt, während er sich Kaffee einschenkte. Mit „Mausoleum“ meinte er ein Zimmer im ersten Stock des Chateaus, in dem Micky ihre persönlichsten Erinnerungsstücke aus ihrem 506-jährigen Leben aufbewahrte: eine Schnupftabakdose von Peter dem Großen, eine mit Edelsteinen besetzte Haarbürste von Elisabeth I. von England, ein vergoldeter Fächer von Katharina von Medici, eine Gutenbergbibel mit persönlicher Widmung des großen Meisters Johannes, eine theosophische Abhandlung von Martin Luther, ein Samuraischwert von Kaiser Jianjing und viele weitere persönliche Geschenke der größten Herrscher, bedeutenden Persönlichkeiten und Gelehrten der Menschheitsgeschichte.
„Weil abgesehen von dir und dem bescheuerten Cousin meines Mannes...“
„Moment mal!“ rief Connor.
„...alle übrigen Gäste und Bewohner dieses Hauses persönliches Eigentum respektieren! Eigentlich verdienst du dafür eine Abreibung von mir. Für den Schwertkampf bin ich zu müde. Ich würde mich aber gerne geistig mit dir duellieren, Methos, doch ich sehe du bist unbewaffnet!“ stichelte Micky hämisch grinsend.
„Wenn du dich da mal nicht täuschst! Ein gescheiter Mann muss so gescheit sein, Leute einzustellen, die viel gescheiter sind als er!“

„Ach, hast du Connor als deinen Gagschreiber engagiert?!“ fragte Micky und verschränkte abwartend die Arme vor ihrer Brust. Das Medallion ihrer Großmutter, das an einem schwarzen Samtband hängte und ihre Narbe – ein Souvenir des unsterblichen Serienmörders Adrian Lastrada – verdeckte, ruhte auf ihrem milchweißen Dekolté.

„Nein, ich habe deinen hochgeschätzten Boss JFK zitiert, Hochwohlgeboren!“ erwiderte Methos selbstherrlich.

„Wann soll er das denn gesagt haben?!“

„Das weiß ich nicht mehr, aber dein Kaiser der Franzosen sagte: Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist es nur ein Schritt.“ Er nickte energisch, wie um zu sagen: So jetzt hab ich dir’s aber gegeben, Mädel.

„Oh schweig still, Kaiser Jianjing hat etwas viel Weiseres gesagt: Wer Menschenkenntnis besitzt, ist gut; wer Selbsterkenntnis besitzt, ist erleuchtet. Du bist noch weit von der Selbsterkenntnis entfernt, dass du ein Idiot bist, Methos!“ Connor lachte laut auf und griff nach der Kaffeekanne.
 

Bevor er etwas Geistreiches oder auch nur Freches erwidern konnte - darüber war Methos sich noch nicht im Klaren - schwang die Tür ein weiteres Mal auf, Yvette trat ein und meldete: „Madame, da ist ein Besucher für Monsieur Methos eingetroffen.“

Methos sah von seiner Kaffeetasse auf, in die er reingegrinst hatte. Irritiert stand er auf. Wer wollte ihn mitten in der Nacht besuchen? Und die wirklich interessante Frage war, woher wusste der ominöse Besucher, dass Methos sich im Chateau Dubois aufhielt?

„Dann führe den Besucher rein, Yvette.“ Das Hausmädchen trat einen Schritt zur Seite, die Unsterblichen zuckten zusammen. Methos griff geistesgegenwärtig nach seinem Schwert auf dem Küchentisch. Irgendwie hatten sie alle Christopher Sikes erwartet. Mit ihm hätten sie eher gerechnet als mit jenem nächtlichen Besucher, der durch die pendelnde Küchentür gerauscht kam.
„DU! Ihr Götter steht mir bei! Was zum Teufel machst du hier?!“ rief Methos, ließ sich erschrocken auf den Stuhl zurückfallen und hielt sein Schwert fest umklammert. „Micky, hier nimm mein Schwert und schlag’ mir den Kopf ab! Anders komme ich von dem Weib nicht los!“

 

In der Tür stand Isis in all ihrer Pracht in einen dicken Nerzmantel gehüllt auf schwarzen, hohen Stöckelschuhen. Das lange, schwarze Haar war von goldenem Glitzerspray umhüllt. Sie strahlte noch immer diese königliche Würde aus wie seit Tausenden von Jahren. Sie war schön wie der aufgehende Morgen, gleichzeitig aber verschlagen und tödlich wie eine Königskobra. Mit der Linken fuhr sie sich durchs Haar, wobei ihr Ehering im Licht der Küchenlampe funkelte.
 

„Hör mal, Methos, Liebe ist das charmanteste Unglück, das uns zustoßen kann. Vielleicht hat es einen guten Grund, dass sie gerade jetzt aufgetaucht ist?“ gab Micky zu bedenken und bot Isis einen Stuhl und eine Tasse Kaffee an.

Connor trat hinter sie und nahm ihr den Nerz ab, den er sogleich Yvette in die Arme legte. Diese rümpfte die Nase über Isis’ schweres Parfum, das sie wie einen unsichtbaren, aber deutlich riechbaren Schutzschild umhüllte. Mickys feine Nase erkannte es sofort als Davidoff Silver Shadow – 82 Euro die Flasche. Der Duft betörte die Sinne und schwebte lange im Raum. Es war eine Kombination aus Amber, Safran, Bitterorange, Zimtblättern, Nelken und Siamesischer Benzoe. Bei diesen Düften dachte man sofort an Tausendundeine Nacht und Sheherazade. Isis oder Imogen Sanders, wie sie sich lieber nannte, war die pure, orientalische Verführung – geboren 2233 vor Christus in dem Land, das in die Geschichte als Mesopotamien eingegangen war. Isis hatte das Licht der Welt während der kurzlebigen Herrschaft der Akkad erblickt in dem Land zwischen Euphrat und Tigris, von denen die Bibel berichtete, diese Flüsse wären im Garten Eden entsprungen. Sie war die Tochter des Königs Schar-Kali-Scharri von Akkad und der ägyptischen Prinzessin Neferet - die Tochter des Pharao Unas der 5. Dynastie des Alten Reiches. Neferet war ein Geschenk an den König von Akkad, um die guten diplomatischen Beziehungen zu pflegen. Die Geschichte sollte ihm Recht geben, Pharao Unas hatte mit seiner Politik Erfolg. Einzig ein Feldzug gegen die Schasu-Beduinen wurde dokumentiert. Isis’ Großvater zeichnete sich eher durch den Pyramidenbau aus. Seine Pyramide befand sich südlich in der Nähe derer von Pharao Djoser. Sein Grabmahl war erstmals in der Geschichte mit Texten und Inschriften versehen. Seine Ehefrauen, unter ihnen auch Isis’ Großmutter wurden hingegen noch in Mastabas bestattet.

Isis hatte ihre königliche Herkunft nie vergessen und auch nie wirklich ablegen können. Wo sie auftauchte, beherrschte sie den Raum und setzte gnadenlos ihren Willen durch. Sie bezauberte und beherrschte die Männer, umgarnte und lenkte die Frauen. Ihre Eltern hatten ihr die Stärke Mesopotamiens und die Anmut und Magie des alten Ägypten in die Wiege gelegt.

 

Micky war überzeugt davon, dass Isis – wäre sie nicht als Prinzessin geboren worden - eine perfekte Eva abgegeben hätte, die jeden Mann, hauptsächlich Methos, ins Verderben stürzte.

„Sie will mich in den Wahnsinn treiben, den Strick, den sie in der Antike um meinen Hals gelegt hat, noch enger ziehen.“ Er drehte den Kopf nach links und rechts und versuchte dem imaginären Seil zu entkommen.
„Du hast gesagt, dass ich wieder kommen darf, wenn ich mich geändert habe.“
„Das glaube ich erst, wenn in der Hölle so viel Schnee liegt, dass dort die ansässigen Politiker und Anwälte Snowboard fahren können.“
„Dann dreh’ dich mal um, Methos“, meinte Micky und zeigte zum Küchenfenster. Es schneite in dichten Flocken.
„Das ist kein Zeichen!“ rief Methos und rückte sicherheitshalber von seiner Frau weg, die ihn verführerisch anlächelte. „Das ist kein Zeichen“, brabbelte er. „Nein, das ist kein Zeichen.“ Connor tätschelte ihm beruhigend die Schulter, Methos fuhr herum und starrte ihn mit dem Blick eines getretenen Hundes an. „Es ist kein Zeichen und wenn dann kein gutes!“
„Alles was du sagst, Kumpel... Ähm, Micky, haben wir irgendwo noch Baldrian?“ fragte Connor.
„Der braucht was Stärkeres“, erklärte die Comtesse, stand auf, umrundete den Küchentisch und trat an den Schrank. Sie öffnete die Tür und holte eine Flasche Krepkaja Wodka raus.
„Trink das, Methos!“ sie setzte ein volles Glas, in das 300 Milliliter Wodka passten, vor ihrem alten Freund ab und schob es zu ihm hin. „Aber langsam.“ Methos ergriff es ohne zu zögern, setzte an und trank das Glas in einem Zug aus. Seine Augen schienen aus den Pupillen zu treten. Er stellte das Glas ab, griff sich an den Hals und hechelte nach Luft. Seine Zunge hing heraus, wie bei einem verdurstenden Bernadiner.
„Langsam“, rief Micky erschrocken. Connor warf einen Blick auf das Etikett und meinte nur beeindruckt: „Ui!“

Dann griff er nach Methos’ Glas und schenkte sich einen kleinen Schluck ein. Der Boden war knapp mit der durchsichtigen Flüssigkeit bedeckt. Er roch an dem hochprozentigen Alkohol, das feurig-scharfe Aroma stach ihm beißend in die Nase. Vorsichtig nippte er und schluckte ganz langsam. Er stieß die Luft aus, der Wodka brannte wie eine flackernde Kerze in seinem Rachen oder wie die Zündschnur einer Stange Dynamit, die unaufhaltsam abfackelte.

„Der hat es aber in sich, holla! Micky, hast du den bei dem letzten Russland-Aufenthalt aus dem Land geschleust?“ fragte Connor mit leicht heiserer Stimme. Micky nickte lachend.
„Was ist das?!“ keuchte Methos heiser. „Gift?!“ Micky schüttelte noch immer lachend den Kopf, ihre braunen Locken schwangen wie Wäsche auf der Leine hin und her, die von einer Frühlingsbrise umspielt wurde.
„Nein, 56-prozentiger Wodka. Der stärkste, den es in Russland gibt. Michails Hausmarke. Den trinkt man langsam, du Weichflöte! Der sollte dich beruhigen und nicht töten! Aber so schnell, wie du ihn abgezogen hast, wer weiß?“ Sie grinste.
„Ich bin ruhig, ich bekomme nur keine Luft!“ keuchte er noch immer, Tränen traten ihm in die Augen.
„Was ist eigentlich damals in Kairo zwischen euch passiert? Du kamst zurück und hast dich geweigert etwas zu erzählen“, erinnerte Connor sich. In diesem Moment ging die Tür auf und Duncan erschien auf der Bildfläche. Er warf einen Blick in die Runde.
„Hallo, Isis“, grüßte er völlig unbekümmert Methos’ Frau. „Oh, du hast den guten Stoff rausgeholt?“ fragte Duncan und griff nach dem Wodka, doch Micky schlug ihm auf die Hand.
„Finger weg, du hast den schon in Moskau nicht vertragen.“
„Gar nicht wahr!“ verteidigte Duncan sich.
„Oh doch. Nachdem ich Iwan Fjodor Volkow erledigt hatte, haben wir uns bei Michail versteckt bis unser Flug nach Peking ging, müsst ihr wissen“, erklärte sie an die Gruppe gerichtet. Duncan zog ein beleidigtes Gesicht. „Ich habe mit ihm auf die alten Zeiten angestoßen mit dem hier“, sie zeigte auf den hochprozentigen Wodka. „Und Duncan war nach dem zweiten Glas ausgeknockt!“
„Gar nicht wahr!“
„Du hörscht disch an wie ein Babagei“, nuschelte Methos dümmlich grinsend, während er sich ein weiteres Glas einschenkte.
„Langsam, alter Junge“, meinte Micky und wollte ihm die Flasche wegziehen, doch nun schlug Methos ihr auf die Finger.
„Wag’ disch, Hochwohl… Also… Hochwohlge… Verdammt, was bist du noch mal?“ Er starrte Micky eindringlich an, Micky fühlte sich an eine Szene aus „Dinner for one“ erinnert. Sie biss sich auf die Lippe, konnte ihr Lachen aber nicht wirklich lange zurück halten. „Hochwohlgeboren! Ha, so heischt du! Genau, Hochwohlge… Ischt ja auch egal! Mein geliebtes Eheweib kann man nur ertragen, wenn man sie sisch schön säuft! Auf die Llleiber der hübschesten Weiber!“ lallte er und stürzte das zweite Glas herunter. Er schaffte es gerade noch das Glas auf den Tisch zu stellen, dann fiel er mit dem Kopf voraus auf die Tischplatte. Micky griff nach der Flasche und stellte sie in den Schrank zurück.
„Seht ihr, Jungs, das kommt davon, wenn ihr meint, ihr könntet mit Russen saufen.“
„Aber du, Comtesse?“ fragte Connor grinsend.
„Genau, ich habe lange genug am Zarenhof gelebt, zweimal. Und während meiner Dienstzeit als Jacks Leibwächterin gab es den einen oder anderen Empfang in der russischen Botschaft. Schafft den liebeskranken Trottel ins Bett.“ Connor und Duncan standen auf und griffen Methos unter die Arme, der sie unverständlich angrunzte. Die beiden Cousins schleiften ihren Freund feixend aus der Küche.
„Isis, ich zeige dir, wo du heute Nacht schlafen kannst. Ich glaube nicht, dass dein Mann noch einmal vor morgen früh zu sich kommt.“ Isis stand auf und folgte Micky aus der Küche heraus.

 

Frankreich, Chateau Dubois, der nächste Morgen.
„Na, lebst du noch?“ fragte Micky und beugte sich weit über Methos. Die roten, schweren Vorhänge im Gästezimmer waren gnädigerweise noch zugezogen.

„Oh“ stöhnte Methos. „Mein Kopf fühlt sich an wie eine Eckkneipe. Und meine Zunge wie eine Kaschmirkatze. Oh, oh.“

Er drehte den Kopf zu Micky und öffnete die Augen nur einen winzigen Spalt breit. Oh, diese Schmerzen! Schnell schloss er die Augen wieder. Methos konnte sich nicht erinnern, während seiner mehr als 5.000-jährigen Existenz jemals einen so schlimmen Kater gehabt zu haben. Er wollte sterben. Wenn das nur so einfach wäre. Zwei so große und vor allem randvolle Gläser dieses Teufelsgesöffs hätten jeden Sterblichen garantiert umgebracht. Doch so viel Glück hatte Methos nicht, er lebte und fühlte sich einfach furchtbar. Wo war sein Schwert? Das könnte man doch schnell hinter sich bringen und dann wären diese schrecklichen Kopfschmerzen vorbei.

Er konnte sich nicht mehr an alles erinnern, was gestern Nacht passiert war. Aber an den Wodka, an den konnte er sich messerscharf erinnern. Eben dieses Messer schnitt sich gerade einen Weg durch seine Großhirnrinde und hinterließ kleine, handliche Häppchen, die munter pulsierten und hüpften in seinem Schädel. Auf und ab, hoch und runter. Oh Gott, dachte er, bloß nicht bewegen. Warum drehte sich das Zimmer nur so rasend schnell?

„Schlag mir den Kopf ab, bitte!“, bettelte er und presste sich sein Kissen über den hämmernden Schädel, in dem ein ganzer afrikanischer Volksstamm mit Kriegstrommeln kommunizierte.
„Das hatten wir doch gestern erst.“
„Tu’s bitte damit die Schmerzen aufhören! Mann, das war ein mörderisches Gesöff! Und dann diese Träume! Einer war besonders schlimm! Ich habe geträumt, Isis hätte auf einmal in deiner Küche gestanden.“ Micky drehte sich um und riss erbarmungslos die Vorhänge auf, worauf Methos schnell die Augen zusammenkniff. Langsam öffnete er sie wieder und sah sich in dem Zimmer um. Die Bettdecke verrutschte. Methos sah an sich herunter und bemerkte, dass seine trainierte Brust unbekleidet war.
„Keine Angst, Connor und Duncan haben dich ausgezogen.“
„Du wärst mir lieber gewesen.“ Micky lachte.
„Die Zeiten sind ein für alle Mal vorbei, Methos. Übrigens hast du nicht geträumt.“
„Was meinst du?“ Seine Gastgeberin trat zur Seite und gab den Blick auf einen hohen Ratansessel frei, der vor dem Fenster stand. Dort räkelte sich die falsche Schlange, mit der er verheiratet war.
„Nein!“ rief Methos und sprang im Bett hoch. Die Decke verrutschte noch weiter und er erkannte, dass er völlig nackt war. „Raus! Alle beide!“ knurrte er. Connor und Duncan konnten etwas erleben, wenn er je wieder klar denken und ein Schwert würde halten können. Irgendwann nächsten Monat oder so.

Micky ging gemächlich zur Tür, Isis machte keine Anstalten ihr zu folgen. „Raus, habe ich gesagt!“ blaffte Methos seine Frau an.

„Da ist nichts, was ich nicht schon tausend Mal gesehen hätte.“
„Da ist nichts, wozu du die Erlaubnis hättest, es je wieder zu sehen, also raus hier!“ Er zeigte mit ausgestrecktem Zeigefinger drohend auf die Tür. „Und, Micky!“ Die Comtesse drehte sich grinsend zu ihm um. „Sag’ den beiden Schotten, dass ich sie dafür kaltmache.“ Micky lachte.
„Wenn du überhaupt auf die Füße kommst, glaube ich nicht, dass du nach mehr als einem halben Liter von Michails Rachenputzer ein Schwert halten kannst. Das du nicht tot umgefallen bist, ist ein göttliches Wunder.“ Eher ein teuflisches, fuhr es Methos in den Sinn, während Micky die Tür öffnete und aus dem Gästezimmer verschwand. Isis schwebte wie eine ätherische Erscheinung durch den Raum und war im nächsten Moment entschwunden. Ihr schweres Parfum blieb und verstärkte den Kater ihres Mannes noch. Er rümpfte die Nase über diese Geruchsbelästigung.
„Frauen! Mein Freund José Ortega y Gasset hatte schon Recht. Eine Frau ist kein Raubtier, sondern die Beute, die dem Raubtier auflauert. Isis lauert und will mich wieder einmal verschlingen. Warum war ich so blöd und habe ihr in Kairo dieses Angebot gemacht?“ fragte er sich selbst und schüttelte den Kopf. Ganz schlechte Idee. Das Zimmer begann sich schon wieder zu drehen, Methos ließ sich übervorsichtig zurück in die weichen Kissen sinken und erinnerte sich...

 

Ägypten, Kairo, Ägyptisches Museum, 3. Januar 2006 in der Nacht.
Das Ägyptische Museum war im Jahre 1900 von der britischen Kolonial-Regierung als Aufbewahrungsstätte für Fundstücke erbaut worden. Mit dem Bau sollten insbesondere Grabplünderungen aufgehalten werden und das wertvolle Kulturerbe für Ägypten erhalten bleiben. Die größte und bedeutendste Sammlung ägyptischer und griechisch-römischer Altertümer hatte ihren Sitz am Tahrir-Platz in Kairo.

Kairo, was für eine Stadt! dachte Methos. Touristen, die zum ersten Mal nach Kairo kamen, registrierten erstaunt, dass es von der Metropole zu den Pyramiden von Gizeh nur ein Katzensprung war. Sie lagen am Rande der Weltstadt und beobachteten das Fortschreiten der Jahrhunderte ebenso gelassen, wie es Methos seit 5.000 Jahren tat. Ein altes Sprichwort besagt, die Sterblichen fürchten die Zeit. Die Zeit aber fürchtet die Pyramiden. Eine wirklich interessante Frage war jedoch, fürchteten die Pyramiden vielleicht die Unsterblichen und ganz besonders jene, die so alt waren wie Methos oder Isis und schon vor der Errichtung der Pyramiden über die noch blutjunge Erde gewandert waren? Leider gaben die in Stein gehaunen Zeugnisse menschlicher Höchstleistungen Methos keine Antwort, egal wie oft er nach Ägypten kam.

Kairo – die Siegreiche, wie sie im Arabischen hieß, hatte sich ausgebreitet bis hin zu den kühlen Schatten, die die jahrtausendealten Weltwunder warfen. Das Leben pulsierte facettenreich durch die Straßen der ägyptischen Hauptstadt, Antike und Moderne begegneten sich in der Stadt am Nil. Einst bestand Kairo aus einer Vielzahl von Dörfern, die sich in grauer Vorzeit zu einer Stadt vereinigt hatten. Heute war sie mit vielen Millionen Einwohnern weit von den Dörfern entfernt, aus denen sie einst entstanden war. Ein Teil des heutigen Kairo wurde zu Zeiten Kaiser Trajans von römischen Soldaten gründet und hieß damals „Babylon in Ägypten“. Im 7. Jahrhundert hatten dann die Araber die ehemalige Römer-Festung, die inzwischen innerhalb einer Burganlage eine Vielzahl Kirchen, große Türmen und Bastionen beherbergte, annektiert. Nördlich der Festung wurde von den Eroberern Amr ibn al-As gegründet. Die beiden Siedlungen wuchsen an der Stelle der heutigen Altstadt von Kairo zusammen. Die vorwiegend islamische Altstadt gehörte seit 1979 zum Weltkulturerbe der UNESCO. Im 16. Jahrhundert wurde Kairo von den Osmanen eingenommen, sie blieben mehr als zwei Jahrhunderte. Dann kam das britische Empire im 19. Jahrhundert und lockte distinguierte Briten an. Dadurch entwickelte sich „die Siegreiche“ zur Kulturstadt. Bis zum Beginn des ersten Weltkriegs sprühte sie gerade zu vor künstlerischem Schaffen. 1922 hatte „die Siegreiche“ dann aber genug von der „fürsorglichen Art“ des Empire und setzte ihre Unabhängigkeit durch. Inzwischen kamen jährlich mehrere Millionen Touristen ins Land, um die Zeugnisse eines versunkenen Imperiums ehrfürchtig zu bestaunen.

Einige dieser Artefakte hatte Methos in seinem Reisegepäck zurück nach Ägypten geschmuggelt, um sie an seinen rechtmäßigen Platz zurückzubringen. Er hatte sich von Isis breitschlagen lassen, die erbeuteten Artefakte, die sie mit dem Unsterblichen Amun-Men-Refi gestohlen hatte, wieder in das Museum zurückzubringen und zwar so, dass die Verantwortlichen des Museums es nicht mitbekamen. Morgen sollte in den Tageszeitungen nur stehen, dass die gestohlenen Stücke auf wundersame Weise ins Museum zurückgebracht worden waren. So sah zumindest der Plan aus.

Isis, wenn wir heil hier rauskommen, will ich dich nie mehr wieder sehen“, zischte Methos, während er sich auf das Dach des Museums hochzog. Seine Frau stand bereits oben, blickte verführerisch lächelnd auf Methos herab. Seine Mundwinkel rutschten nach unten. Er hievte erst das rechte, dann das linke Bein auf den kühlen Stein. Isis schlug ihr langes, schwarzes Haar nach hinten. Sie trug einen schwarzen, hautengen Hosenanzug, in dem sie sich geschmeidig wie eine Raubkatze bewegte.
Ach, komm schon, Methos, ich habe mich geändert“, Methos lachte höhnisch.
Deswegen hast du wohl auch das Museum bestohlen, um mir deinen wahren Charakter zu demonstrieren, oder wie darf ich das verstehen?“ fragte er mit einem höchst sarkastischen Unterton.
In der Tat.“ Er blickte sie fragend an und schüttelte mit dem Kopf.
Hast du Fieber oder hat dich eine Sandviper gebissen?“ Isis ging nicht auf seinen Sarkasmus ein.
Hast du dir die Sachen mal genau angesehen?“
Natürlich nicht.“
Dann tu es“, sie hielt ihm herausfordernd den schwarzen Nike-Rucksack hin. Methos griff genervt danach und öffnete den Reißverschluss.
Erkennst du die Sachen?“ fragte sie lächelnd. Er wühlte mehr oder weniger behutsam in der Tasche herum und zog die Artefakte hervor. Fassungslos erkannte Methos, dass er alle Stücke schon einmal gesehen hatte.
Das ist der Schmuck, den ich dir nach der Hochzeit geschenkt habe.“
Genau. Ich habe Urlaub hier in Kairo gemacht und bin ins Museum gegangen. Vielleicht war ich ein wenig sentimental an dem Tag. Schwer verwunderlich, es war ja unser Hochzeitstag.“
Denn feiere ich seit unserer Trennung nicht mehr.“
Das kann ich dir noch nicht mal übel nehmen.“ Sein Kopf flog überrascht nach oben und starrte Isis abschätzend an. „Dann habe ich den Schmuck entdeckt und mich erinnert, wie glücklich wir damals waren in Waset“, sie seufzte schwermütig.
Warum hast du ihn denn weggegeben? So sehr kannst du gar nicht daran gehangen haben.“
Die Stücke wurden mir gestohlen, Methos. Ich hätte sie niemals hergegeben. Sieh doch, was ich hier trage.“ Sie hielt ihre rechte Hand hoch. Methos fiel die Kinnlade herunter. Dort prangte Isis’ goldener Ehering, in den ein geschliffenes Stück Jade eingearbeitet war. Leuchtendgrün wie Isis’ Augen. Er hatte den Ring damals extra für sie anfertigen lassen.
Den hast du eben wieder angezogen!“ warf Methos ihr vor. Sie umfasste entschlossen mit den Fingern ihrer linken Hand den Ring und ruckte und zog daran. Er ging nicht ab, erst unter Zuhilfenahme von Spucke löste er sich von ihrem Ringfinger. Sie warf ihn Methos vor die Füße und hielt ihm den Finger unter die Nase. Der Abdruck, den der Ring hinterlassen hatte, war eine tiefere Furche als der Marianengraben im Pazifischen Ozean.
Ich habe ihn seit unserer Hochzeit nicht mehr abgenommen, Methos. Ich habe dich damals aus Liebe geheiratet und das hat sich seit 4.122 Jahren nicht geändert.“ Tränen funkelten in ihren grünen, geheimnisvollen Augen. Methos pfiff durch die Zähne, während sie ihren Ehering ergriff und ihn wieder überstreifte.
Sind wir wirklich schon so lange verheiratet?!“
Ich weiß, dir kommt es wie eine Ewigkeit vor, Methos.“ Er streckte die Hand aus und wischte eine Träne von Isis’ Wange.
Es ist eine Ewigkeit. Ich vergesse immer, wie alt wir eigentlich sind... Isis, wenn du... Ich... Wenn du dich wirklich geändert hast, vielleicht sollten wir es noch einmal versuchen.“
Treib’ keine Scherze mit mir, Methos. Du hast mir einmal das Herz gebrochen, ein zweites Mal ertrage ich nicht.“
Ich mache keinen Scherz. Bringen wir das hier zu Ende und dann sehen wir weiter.“

Methos verpackte die Schmuckstücke in einen reißfesten Beutel. Dank der Handschuhe, die er und Isis trugen, konnte die örtliche Polizei sie nicht anhand ihrer Fingerabdrücke identifizieren. Den Beutel band Methos an einem Seil fest. In der Zwischenzeit machte Isis ein Loch mit einem Glasschneider in eines der Fenster, die in die Kuppel des Gebäudes eingelassen waren. Sie setzte die Saugglocke an und bewegte den Schneider in der perfekten Form eines Kreises einmal komplett herum. Sie zog das Glas heraus und legte es vorsichtig auf den Fenstersims. Der Sims, auf dem Methos und Isis knieten war etwa so breit wie ein Schreibtisch und befand sich auf der Straßen abgewandten Seite des Museums. Vorsichtig ließ Methos den Beutel herunter gleiten in den dunkeln Schlund des Gebäudes.

Einige Minuten später bemerkte er, wie der Beutel auf dem Boden aufsetzte. Er ließ das Seil fallen und drehte sich zu Isis um. Zufrieden mit sich selbst und seiner Genialität schritt er zur Vorderseite des Gebäudes und erkannte seinen Fehler. Er hatte ihr einziges Seil in das Museum geworfen.

Das wäre geschafft. Aber wie kommen wir jetzt runter ohne Seil?“ fragte er und blickte nach unten, sie standen auf dem Dach des dreistöckigen Gebäudes, wovon der Keller den Touristen nicht zugänglich war.

Springen?“ schlug Isis vor.
Willst du sterben?“ erwiderte Methos.
Dazu braucht es schon etwas mehr. Du bist eine sumerische Memme!“ rief Isis nahm Anlauf zur Vorderseite des Gebäudes und sprang. Methos wartete auf den dumpfen Schlag, wenn sie mitten auf dem Vorplatz landen und mit zerschmettertem Körper liegen bleiben würde. Doch der Aufprall blieb aus. Zögerlich trat Methos an den Rand des Dachs heran und sah nach unten. Dort stand Isis, wischte sich ihren Hosenanzug sauber und winkte, als wäre nichts gewesen. Sie musste eine Hexe oder eine Dämonin aus der Unterwelt sein. Jede normale Frau, wäre tot gewesen. Unsterblich oder nicht.
Komm runter, trau dich, Methos. Es ist nicht hoch.“ Nein, natürlich nicht. Allein der torartige Eingang war knapp 38 Meter hoch. Wie zum Teufel hatte sie das geschafft?
Ich bleibe hier sitzen, besorg’ eine Leiter.“
Feiges Huhn“, gackerte Isis. „Wie Jokser es mit dir ausgehalten hat, ist mir ein Rätsel“, stichelte sie unverfroren und grinsend weiter. Sie wusste ganz genau, dass Jokser große Stücke auf Methos gehalten hatte.
Du elendes Biest.“
Komm doch runter und dreh’ mir endlich den Hals rum“, forderte Isis ihren Mann heraus und wackelte provozierend mit ihren Hüften.
Genau das werde ich jetzt tun.“ Methos ging nach hinten, nahm Anlauf und sprang. In dem Augenblick, da er den Boden unter den Füßen verlor, sah es aus, als würde er auf der Luft weiterlaufen. Fast wie der Coyote, den der Roadrunner ein weiteres Mal über den Rand der Klippe gejagt hatte. Und dann erkannte Methos ganz genau wie der Coyote, dass er einen Fehler gemacht hatte. Er hatte zuviel Anlauf genommen. Methos fiel mit der Brust voraus auf den schwarzen Eisenzaun, der das Gebäude umgab. Sein Herz wurde durchbohrt, doch er hatte noch soviel Schwung drauf, dass sein tödlich verletzter Körper von dem Zaun abprallte und laut auf den Vorplatz krachte.
Dafür bring’ ich dich um!“ stieß Methos der über ihn gebeugten Isis entgegen, bevor sein Herz aufhörte zu schlagen. Er schloss die Augen und im letzten Moment bevor er starb, sah er aus seinem Blickwinkel, wie Isis in der Dunkelheit der Nacht verschwand.

 

Als die Belebung eingesetzt hatte, setzte er sich ruckartig auf. Es war immer noch Nacht, die Sterne standen hoch am Firmament über Kairo. Methos griff sich an die Brust und fühlte getrocknetes Blut und einen klaffenden Riss in seinem schwarzen Shirt. Er sah sich auf dem Vorplatz des Museums um, keine Spur von Isis. Es war doch wirklich unglaublich, so ein Biest! Sie hatte ihn einfach tot hier liegen lassen. Methos rappelte sich auf, er stand noch etwas unsicher auf den Beinen. Rasend, fast schon überschäumend vor Wut machte er sich auf den Weg zu seinem Hotel, wo er Isis den Hals umdrehen würde. Nein, er würde ihr den Kopf abschlagen und dann wäre diese unsägliche Ehe endlich vorbei, geschieden auf eine recht effektive Weise, wenn man unsterblich war.


Natürlich hatte Isis nicht auf ihn gewartet im Grand Hyatt Cairo, wo sie sich ein Zimmer als Mr. und Mrs. Pierson geteilt hatten. Geändert hatte sie sich mit Sicherheit nicht, das hatte ihr wenig glanzvoller Abgang in Kairo überdeutlich bewiesen.


 

Frankreich, Chateau Dubois, die Gegenwart.
Langsam und seinen pochenden Kopf festhaltend – der afrikanische Urstamm war jetzt zu einem fetzigen Beat a là Metallica übergegangen – setzte Methos sich auf und schwang die Beine in Zeitlupe über den Rand des gemütlichen Gästebettes. Der Raum drehte sich nicht mehr, er kreiste mit Warpgeschwindigkeit um Methos herum. Langsam und vorsichtig stand er auf und legte sich einen Plan zu recht für den unwahrscheinlichen Fall, dass ihm nicht sofort sein Kopf von den Schultern fallen würde. Erst einmal würde er sich ganz, ganz langsam anziehen und dann in die Küche schleichen. Wenn Methos Micky von der Eskapade in Kairo erzählte, würde sie sicherlich einsehen, dass Methos dieses mesopotamische Biest nicht an seiner Seite ertragen konnte. Für einen kurzen Moment hatte er in Kairo ihren Worten sogar Glauben geschenkt. Als sie ihm den Ehering gezeigt hatte, den sie seit der Heirat 2116 vor Christus nicht mehr abgenommen hatte. Aber Methos wagte zu bezweifeln, dass sie über 4.000 Jahre wie eine Nonne gelebt hatte. Er war ja auch kein Mönch, dafür gab es so edle Unsterbliche wie Darius. Nein, nicht eine so lebenshungrige Frau wie seine Isis. Er lachte und hielt sich gleich wieder den pulsierenden Schädel. Ja, lebenshungrig das war sie.

Er war fast versucht, Isis noch eine allerletzte Chance zu geben. Das Problem an der Sache war, dass er einerseits noch nicht klar denken konnte. Michails Rachenputzer betäubte besser als das Lachgas beim Zahnarzt. Andererseits wusste Methos genau, dass er bei der nächstbesten Gelegenheit wegen Isis erschossen, aufgespießt oder ertränkt werden würde. Nachdenklich strich er sich über seine Bartstoppeln. Augenblick Mal, Duncan machte das seit zehn Jahren mit und er liebte Micky immer noch. Wieder schüttelte Methos den Kopf. Erst einmal viel Kaffee. Wenn er das Frühstück mit Isis hinter sich bringen konnte, ohne seine Frau erwürgen zu wollen, war das vielleicht schon mal ein gutes Zeichen und ein möglicher Neuanfang. Wenn ja, dann würde der nächste Hochzeitstag - der 4.123. – verdammt teuer werden. Alleine die Blumen würden ein Vermögen kosten! Vielleicht konnte er Teilhaber in Mickys Galerie werden, das Leben mit Isis war im alten Ägypten schon sehr aufwendig gewesen. Und damals hatte er in einem Land mit einer stabilen Währung gelebt. Sein Kopf hämmerte noch stärker, während er sich anzog und in die Küche runter schlich.



 

2. Nachwehen


Frankreich, Chateau Dubois wenig später.
Micky stand auf dem Balkon vor ihrer Bibliothek. Die Balkontüren waren bis auf einen Spaltbreit zugezogen, um die eisige Novemberkälte draußen zu halten.

Ihr Blick war in die Ferne gerichtet und schweifte über die umliegenden Dörfer, die seit Jahrhunderten zu Chateau Dubois gehörten. Aus den Schornsteinen der Häuser stiegen Rauchsäulen, der Winter hielt unaufhaltsam Einzug in Frankreich. Die Wolken hingen schwer und tief am Himmel, es sah stark nach Schnee aus. Micky fasste sich an ihren Hals, die Narbe schmerzte und fühlte sich an als würde sie sich zusammenzuziehen. Ein untrügliches Zeichen, dass sich wieder Niederschlag ankündigte. Sie fröstelte in ihrem hellblauen Jogginganzug und schlang sich den dicken grauen Wollschal enger um ihren schmalen Hals. Geneviève, dachte sie traurig. Ihre Tochter war irgendwo dort draußen in der Kälte, genau wie vor drei Jahrhunderten.


„Wuff“, bellte Angus und trottete mit wedelndem Schwanz und heraushängender Zunge auf sie zu. Seine Krallen klackerten über die Steinfließen des Balkons. Mit der unerschütterlichen Treue, die nur Hunde an den Tag legten, blickte er sein Frauchen aus seinen eisblauen Augen an und ließ seine Zunge wieder im warmen Maul verschwinden. Sein Schwanz wedelte noch aufgeregter, er freute sich auf den Morgenlauf, das Wetter entsprach allmählich seinen Vorstellungen. Sein Frauchen zog das Sommerklima dem aktuellen Wetter mehr vor, wenn sie braungebrannt im Bikini an ihrem Pool lag, der sich auf der Rückseite des Chateaus befand.

Micky lächelte, Angus hatte das unvergleichliche Talent immer dann vor ihr aufzutauchen, wenn sie ein emotionales Tief durchlebte.

„Ja, wir gehen gleich los, Angus. Braver Junge“, gedankenverloren kraulte sie den breiten Kopf des Huskys. In ihrer Brusttasche spürte sie ihr Handy, sie warteten immer noch auf einen Anruf von Christopher Sikes, der den nächsten Spielzug ankündigen würde. Weder Joe noch Papa Maurice hatten etwas über Genevièves Aufenthaltsort in Erfahrung bringen können. Genevièves Beobachter Victor Johnson war in heller Aufregung über ihr Verschwinden.

„Micky.“ Sie drehte sich um und grinste Methos breit entgegen. Er sah aus wie eine wandelnde Leiche. Sollte die Filmindustrie je über einen dritten Teil von „Die Mumie“ nachdenken, brauchten sie Methos nur mit einer Flasche Krepkaja Wodka abfüllen und schon hatten sie den perfekten Imothep. Schwerfällig, als hätte er Zementschuhe an, hob Methos seine Füße, die sich kaum vom Boden lösten. Er schlurfte in Zeitlupe durch die Bibliothek und auf den Balkon raus. Durch die kalte Luft fing er sich ein Brett, er taumelte ein paar Sekunden lang und ließ sich dann auf einem Stuhl nieder. Die Polsterbezüge waren schon eingelagert bis zum nächsten Frühjahr, die Stühle, Tische und Bänke hatte man auf Mickys Anweisung noch stehen lassen.

„Alter, siehst du beschissen aus.“ Das Grinsen der Comtesse wurde noch ein bisschen breiter.
„Ach, sei doch still. Du bist ja dran schuld. Du hast Isis reingelassen und du hast mir den Wodka vorgesetzt.“
„Klar, jetzt ist es wieder meine Schuld. Als du sie vor über 4.000 Jahren geheiratet hast, war ich noch nicht mal geboren, alter Junge.“ Methos schnaufte und rieb sich die roten Augen, er wusste, wie schlimm er aussah – der Spiegel im Gästebad hatte ihm die Wahrheit gnadenlos unter die Nase gerieben. Ein Blick auf Angus und ihm kam der passende Gedanke: Er fühlte sich hundeelend. Der starke Kaffee von Elisabeth war leider nicht lange genug in seinem Magen geblieben, um ihn richtig aufzuwecken oder zu ernüchtern.
„Lass mich bitte nie wieder, also wirklich nie mehr wieder in die Nähe von diesem Teufelszeug“, flehte er.
„Komm, wir drehen eine Runde durch den Park“, schlug Micky vor.
„Bring’ mich doch einfach gleich um.“ Methos stand träge auf. „Ich hole schon mal dein Schwert.“ Sie grinste fast schon schadenfroh.
„Nichts da, du kommst jetzt mit. Frische Luft und Bewegung sind das Beste bei einem Kater.“
„Ich will ein notariell anerkanntes Dokument, das deine Behauptung belegt.“ Aber Micky ließ nicht locker. Sie packte ihn am Arm und zog den wehrlosen Methos hinter sich her und aus der Bibliothek raus.


 

Frankreich, Chateau Dubois, der Schlosspark, kurz darauf.
Chateau Dubois war im Jahre 1460 erbaut worden. Das Geschlecht der Dubois gab es bereits seit dem 14. Jahrhundert, doch hatten sie bis zum hundertjährigen Krieg gegen die Engländer nur in einem herrschaftlichen Haus gelebt und keinen Adelstitel besessen. Mickys Vorfahre Godefroi-Thierry Dubois war ein treuer Untertan der Krone und hatte in der Armee, die Jeanne D’Arc, die jungfräuliche Soldatin Gottes, angeführt hatte, für die Freiheit seines Vaterlandes und die Vertreibung der Engländer zurück auf ihre Insel gekämpft. Im November 1453 hatte König Karl VII. der Familie Dubois zum Dank für ihre Königstreue den erblichen Grafentitel verliehen, ihnen eine großzügige Apanage gezahlt und die ersten Ländereien, auf denen nach Kriegsende Chateau Dubois erbaut worden war, für alle Zeiten geschenkt. Natürlich war im Laufe der Zeit das Chateau noch umgebaut und erweitert worden, spätere Herrscher wie Katharina von Medici, Louis XIV. und Napoléon hatten die Ländereien um viele Hektar und eine ansehnliche Zahl Dörfer erweitert.

Den prächtigen Schlosspark hatte Mickys Großvater Marc-Louis Dubois anlegen lassen. Ein vom ihm beauftragter talentierter, junger Gärtner hatte den ehemaligen Sumpf mit mühevoller Arbeit und viel Schweiß in ein botanisches Märchenland verwandelt. Fast das ganze Jahr über blühte etwas im Park. Für die Tiere gab es Hecken, die Beeren trugen und Bäume, von denen Eicheln, Kastanien und Nüsse hernieder fielen.

Einige wenige der alten Bäume, an denen Methos und Micky während ihres Trainings vorüber liefen, waren gepflanzt worden, als die Comtesse ein kleines Mädchen gewesen war. Vom Balkon der Bibliothek aus konnte man den Stolz der Parkanlage sehen, einen Mammutbaum, der nach Mickys Rückkehr aus Schottland 1844 als junger Setzling aus Nordamerika hergebracht worden war. Auf dem Schiff, das sie von Edinburgh nach Calais gebracht hatte, war ein junger Botaniker mitgereist, der den nordamerikanischen Kontinent auf eigene Faust erkundet hatte. Micky hatte dem Wissenschaftler sofort einen der jungen Küstenmammutbäume abgekauft in der Hoffnung, er würde sich Frankreich wohl fühlen. Küstenmammutbäume kamen in Amerika hauptsächlich in den regenreichen und nebelfeuchten Küstenstreifen sowohl am Pazifik als auch am Atlantik vor, sie konnten mehr als hundert Meter hoch werden.

Etliche französische Naturschutzvereine hatten Micky Urkunden verliehen, weil sie die alten Bäume so vorbildlich hegen und pflegen ließ. Diese Urkunden hingen in Chefgärtner Pierre Muriels Arbeitszimmer, dem der Großteil der Lorbeeren zustand.

Das Zentrum des Schlossparks bildete ein großer Brunnen aus dem 16. Jahrhundert, in dessen Mitte eine weiße Marmornymphe stand. Überall im Park verteilt gab es Bänke und Tränkstellen für die Pferde des Chateaus. Die Auffahrt zum Haupthaus war eine zwei Kilometer lange von Eichen und Kastanien gesäumte Allee. Sie wurde videoüberwacht seit die Splittergruppe der Beobachter ins Chateau eingedrungen war. Das Schlossgelände mit dem Park, das auch eine kleine Kapelle, den Familienfriedhof, den großen Fuhrpark, die Ställe, Treib- und Gewächshäuser und Unterkünfte der Angestellten beherbergte, war etwa 19 Hektar groß und beschäftigte neben Chefgärtner Pierre Muriel eine kaum überschaubare Schar von Gesellen, Gehilfen und Auszubildenden.

 

Micky hatte Methos gnadenlos durch den Park gejagt, jetzt saßen sie auf einer Parkbank und verschnauften. Vom Himmel fielen die ersten Schneeflocken herab und landeten in Mickys Pferdeschwanz und Methos’ dunklen, ungekämmten Haaren. Angus bellte den Schnee an und versuchte danach zu schnappen.

„Angus, Platz“, befahl Micky mit strengem Blick und Angus gehorchte sofort. Sie streichelte sein Fell und widmete sich wieder ihrem müden Begleiter. Süffisant grinsend meinte Micky: „War doch ein ganz nettes Training.“
„Ich bring’ dich um, Hochwohlgeboren“, nörgelte Methos und legte sich lang. Sein Kopf landete auf Mickys Schoss. Seine Augen blitzten wütend, soweit er dazu noch in der Lage war. Micky blickte auf ihn herab, ihr Atem hing als weiße Wolke vor ihrem Mund, ihre Nase war ebenso rot wie ihre Wangen. Sie sah aus wie das strahlende Leben, ganz im Gegensatz zu ihrem Gefährten.
„Ich glaube nicht, dass du das heute noch schaffst, Methos. Es...“ Sie spitzte die Ohren genau wie Angus, der neben der Bank Platz gemacht hatte. Jetzt stellte er sich auf die Hinterpfoten und lauschte angespannt. Ein Auto näherte sich, man hörte deutlich wie Reifen über den Kiesweg fuhren.
Methos setzte sich auf und ließ den Blick schweifen.
„Da!“ rief Micky, Methos zuckte zusammen.
„Nicht so laut“, zischte er und hielt sich einen langen, dünnen Finger an die Lippen und mit der anderen Hand den Kopf fest.

In der Ferne erkannte sie einen ihrer Geländewagen, die die Gärtner benutzten, um das weitläufige Anwesen zu bewirtschaften.

„Was wohl passiert sein mag?“ fragte Micky grübelnd. Im nächsten Moment sprang sie auf und Methos knallte mit seinem Kopf auf die harte Bank.
„Hey!“ rief er empört, setzte sich auf und rieb sich den Kopf, das würde eine Beule geben.
„Das ist Duncan. Steh’ auf. Vielleicht bringt er Neuigkeiten über Geneviève.“ Methos war schlagartig wach und nüchtern. Über seinen Ärger mit Isis hatte er die Entführung aus seinen Gedanken verdrängt. Doch jetzt stand ihm das teuflische Grinsen von Annies und Natalies Mörder wieder überdeutlich vor Augen. Methos stand schnell von der Bank auf und torkelte ein wenig. Sein Kreislauf hielt heute nicht viel von zu schnellen Bewegungen. Nie wieder würde er dieses Zeug anfassen. Ehrlich.

Der Jeep bremste ab, Duncan stieg aus und kam auf die beiden zu.

„Was ist passiert?“
„Sikes hat sich gemeldet. Du sollst nach Paris kommen, in den Park André Citroën jetzt gleich. Liebling, sei bitte vorsichtig. Wer weiß, was er vorhat. Vielleicht hat er sein Schwert schon in der Hand.“
„Er will sich am helllichten Tag mit mir duellieren? Das kann ich mir nicht vorstellen.“
„Du solltest trotz allem vorsichtig sein. Er hat gesagt, du sollst alleine kommen.“ Man sah es Duncan überdeutlich an, dass ihm diese Tatsache überhaupt nicht passte.
„Dann fahrt ihr zehn Minuten nach mir los und versteckt euch im Park.“ Duncan sah seine Frau überrascht an.
„Du willst uns mitnehmen?“
„Duncan, seit wann rennt die Comtesse Dubois ohne ihre Musketiere in eine Falle? Ich bin vielleicht verrückt, aber nicht bescheuert.“ Methos und Duncan grinsten und stiegen in den Jeep ein.

Auf der Fahrt zurück zum Chateau gab Micky einige Anweisungen, was passieren sollte, falls Sikes auch sie entführen sollte oder es versuchen würde. Sie rechnete nicht ernsthaft damit, dass er den Kampf bei Tage in einem gut besuchten Park austragen wollte. Er würde im November zwar nicht stark besucht sein, aber die Bewohner der umliegenden Häuser gingen auch im Winter durch den Park

 

Duncan bremste den Jeep vor der Vorderseite des Chateaus ab, Micky sprang heraus und rannte ins Haus hinein.

„Und Alter, wie war das Training?“ fragte Duncan grinsend und öffnete per Fernbedienung das Garagentor.
„Frag’ nicht, Duncan. Wenn deine Frau keine von uns wäre, würde ich denken, sie war in einem früheren Leben Großinquisitor. Torquemada vorzugsweise. Sie hat ähnliche Methoden wie der Spanier.“ Duncan lachte und stellte den Wagen neben den übrigen Jeeps ab.


Eine viertel Stunde später trat Micky zur Tür raus, geduscht und umgezogen. Sie trug enge, schwarze Lederhosen, einen weißen Rollkragenpulli und ihren weißen Lackledermantel mit der Halterung für ihr Schwert. Das Toledo Salamanca, ihren treuen Begleiter, hatte sie fest mit der linken Hand umklammert. Zielstrebig ging Micky MacLeod auf ihre riesige Garage zu. Es hupte, Micky sah sich um und entdeckte ein ihr unbekanntes Auto.

Ein blauer Mustang mit weißen Rennstreifen. Der Wagen bremste kurz vor ihr ab, aus der Fahrgastzelle grinste sie Richie spitzbübisch durch seine silberfarbengetönte Sonnenbrille an. Ah ja, die letzte Provision war offensichtlich schon wieder investiert. Richie öffnete die Fahrertür und stieg aus, stolz wie Oskar auf seine Neuerwerbung.

„Hi, Boss.“
„Junior, du hast dir wohl ein neues Spielzeug gekauft, wie? Männer“, seufzte sie. Doch Richie ließ sich nicht ärgern. Sein neues Auto war ein Traum. Die Strecke von Paris nach Chateau Dubois war er mehr geflogen als gefahren.
„Boss, dazu sag’ ich nicht viel. Nur das hier“, er entriss Micky die Fernbedienung für das Garagentor. Langsam fuhr das graue Metalltor in die Höhe und gab den Blick frei auf den beeindruckenden Fuhrpark der MacLeods. Mickys BMW Z3, ihr neues BMW 6er Cabrio, Duncans Thunderbird, ein roter Ferrari F308 QV Baujahr 1984, ein silberfarbener Aston Martin, ein roter Mazda MX-5, den Connor sich angeschafft hatte, drei Harleys und Mickys ganzer Stolz ein Rolls Royce Phantom VI Baujahr 1977.
„Okay, ich liebe Sportwagen und Luxusschlitten. Ich bin ja auch eine Comtesse, Richie. Ich muss standesgemäß vorfahren.“ Er grinste über Mickys Antwort.
„Und womit willst du heute vorfahren?“ Micky schritt die Reihe ihrer Autos ab, die Jeeps und Dienstfahrzeuge ihrer Angestellten ignorierte sie. Die Jeeps und BMWs hatten alle ein Emblem, das zu auffällig für ihr Treffen mit Christopher Sikes war. An jedem dieser Autos klebte ein Aufkleber mit dem Schriftzug „CD“ – Chateau Dubois – und dem Logo des Chateaus. Seit Micky auch ins Wein- und Champagnergeschäft eingestiegen war, war das Bild einfach zu bekannt. Also blieben ihr nur der Z3, das 6er Cabrio, der Ferrari, der Aston Martin DB 5 - das Dienstauto von James Bond, das zu den beliebtesten Sammlerstücken dieses Herstellers zählte, der Thunderbird, der MX-5 oder der Rolls. Wobei der Rolls zu protzig war. Den brauchte sie eher, wenn sie zu einem Botschaftsempfang fuhr oder mit den Mitgliedern des monegassischen Fürstenhauses verkehrte.
„Die Qual der Wahl.“
„Mit allen Autos bist du auf jeden Fall schnell wieder verschwunden, falls du ihm den Kopf abschlagen solltest.“
„Das werde ich bestimmt nicht tun, solange ich meine Tochter nicht wieder habe... Ich glaube, ich nehme den Mazda. In zehn Minuten kommt ihr nach.“
„Wir?“
„Ja, Richie. Ich brauche Rückendeckung. Sikes ist gefährlich, da brauche ich jeden aus meiner Truppe.“
„Auch den ungezügelten Heißsporn?“ fragte Richie ungläubig, aber grinsend.
„Den ganz besonders. Richie, ich mag dich immer wegen deines Alters und deiner wenigen Lebenserfahrung aufziehen. Aber eines weiß ich ganz genau, ich kann mich hundertprozentig auf dich verlassen.“ Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange und ging zu ihrem Auto. Richie verstand zwar die Welt nicht mehr, während er sich über seine Wange strich, aber was soll’s, dachte er.

 

Duncan kam gefolgt von Methos und Connor aus dem Chateau, ihre Stiefel knirschten und hinterließen tiefe Abdrücke auf der weißbedeckten Auffahrt. Ein Blick gen Himmel zeigte, dass es noch lange nicht aufhören würde zu schneien. Die Wolken waren dunkel, nicht ein Sonnenstrahl kam durch. Der Schnee fiel in immer dickeren Flocken auf sie herab. Die Männer trugen dicke Mäntel und hatten sofort eine weiße Mütze aus Schnee auf dem Kopf. Duncan trug seine Haare heute offen und sah nach einigen Minuten aus wie der Weihnachtsmann. Connor fing an zu lachen, worauf sein Cousin in seine Manteltasche griff und ein Haargummi herauszog. Er wischte sich den Schnee vom Haar und band sich schnell einen Pferdeschwanz, bevor Connor noch so einen charmanten Spruch bringen konnte. Doch zu spät, Connor startete in die nächste Runde.

„Gibst du heute Santa oder Methusalem?“
„Haha. Na, Richie, nett dein neues Auto.“ Doch Richie ging nicht auf die Bemerkung ein, er dachte noch immer über Mickys Bemerkung nach.
„Mac, ich werde die Frauen vielleicht mal verstehen, wenn ich tausend oder so bin. Aber deine Frau, echt, deine Frau, die werde ich nie – auch in fünftausend Jahren nicht verstehen“, meinte Richie kopfschüttelnd.
„Da seht ihr’s, der Junior gibt mir sogar noch Recht. Egal wie alt sie sind, sie treiben uns in den Wahnsinn.“ Methos fühlte sich in seiner Schimpftirade, die er gerade in der Küche über Isis losgelassen hatte, bestätigt.
„Nein, das meine ich doch gar nicht. Micky hat mich nur überrascht, weil sie mir gesagt hat, dass sie sich hundertprozentig auf mich verlässt. Das hat mich einfach von den Socken gehauen.“ Duncan grinste Methos an.
“Siehst du, Methos. Nicht jede Frau ist wie deine ägyptische Plage. Und jetzt lasst uns verschwinden.“

 

Connor ging an den Männern vorbei in die Garage und geradewegs auf sein Auto zu. Mitten im Gehen blieb er stehen und drehte sich forsch um. Wütend starrte er seinen Cousin an.

„Hey, deine Frau hat meinen Mazda genommen!“, regte er sich auf. „Von wegen, sie respektiert das Eigentum der anderen Schlossbewohner. Pah!“
„Komm, wir nehmen ihren Aston Martin. Mein Auto braucht noch Winterreifen. Marcel wollte sich heute darum kümmern.“
„Ich würde dann ja schon eher den Ferrari nehmen“, stichelte Methos Connor noch zusätzlich an. Im Moment war ihm jede Frau Recht, an der er seinen Ärger über Isis auslassen konnte. Connor steuerte an das Schlüsselbrett, wo alle Autoschlüssel unter der entsprechenden Bezeichnung hingen. Er griff nach dem Schlüssel, der unter dem Schildchen „Robin 1“ hing.

Mickys Autos waren alles samt und sonders Sammlerstücke, die sie hegte und pflegte, wie Pierre Muriel seine Rosen. Ihrem Ferrari, dem Modell, das Thomas Magnum gefahren hatte, hätte sie gerne auch offiziell das Kennzeichen „Robin 1“ gegeben. Doch in Frankreich hatten die Kennzeichen acht Stellen, die aus ein bis vier Ziffern, maximal drei Buchstaben und der Nummer des Departments, in dem der Wagen zugelassen war, bestand. Den Aston Martin hatte sie nach dem James Bond-Modell aus dem Film „Goldfinger“ nachbauen lassen. Natürlich ohne die Sonderausstattung wie Schleudersitze und Maschinengewehr .
„Ihren ‚Robin 1’? Methos, du magst ja Todessehnsucht haben wegen Isis, aber ich glaube, du tickst nicht mehr ganz richtig! Ihr ‚Robin 1’ ist heilig.“
„Und was ist mit meinem Mazda?“ fragte Connor gereizt.
„Mazda?! Connor, du spinnst. Mickys Ferrari ist ein Sammlerstück. Das Magnumauto. Der letzte Wagen, der die Dreharbeiten überlebt hat. Den hat sie auf einer Wohltätigkeitsauktion ersteigert! Wir nehmen den Aston Martin und Methos fährt bei Richie mit.“
„Mein Beileid!“ rief Connor noch, griff sich die Schlüssel zum Aston Martin und ging zum Auto davon.
„Häh? Wieso Beileid?“ fragte Richie irritiert Duncan.
„Isis ist seit gestern Nacht wieder da. Ich bring’ sie um, ich bring’ sie um! Du glaubst nicht, was sie...“, Richie stöhnte laut auf.
„Oh Shit. Ich will nicht, lass ihn laufen“, rief Richie Duncan nach.
„Danke, macht mich doch alle fertig. Ihr wisst doch gar nicht, wie es ist, mit ihr verheiratet...“
„Oh doch, das wissen wir!“ riefen Richie und Duncan gleichzeitig. Methos ging zu Richies Mustang, stieg ein und schmiss gereizt die Beifahrertür zu.
„Das wird bestimmt eine tolle Fahrt nach Paris. Zum Glück schafft mein Baby 238 km/h.“ Duncan lachte über Richies Bemerkung.
„Schmeiß ihn nur nicht während der Fahrt auf der Autobahn raus.“

 

Frankreich, Paris, Park André Citroën, am Vormittag.
Der Park André Citroën war ungefähr 14 Hektar groß, er lag im 15. Arrondissement von Paris auf dem Gelände der ehemaligen Citroën-Automobilfabrik, wo er im Jahre 1992 gestaltet worden war. Er zählte zu den postmodernen Grünanlagen. Der Park verband die Seine mit den neu entstandenen Wohnungen und war eine Oase der Ruhe in der teilweise hektischen Weltmetropole. Das Besondere an diesem modernen Park waren zwei riesige Glashäuser und eine Vielzahl Themengewächshäuser. Es gab große Wasserflächen und Wiesen, die sich zur stolzen Seine hinunter ausbreiteten. Auf den Wiesen wuchs alles, was die Natur hergab: Gänseblümchen, Löwenzahn und vieles mehr.


Das Gelände lag unter einer dichten Schneedecke verborgen und war menschenleer. Der kalte Wind, der schon seit Tagen Paris und das Umland fest in seinem erbarmungslosen Griff hielt, wehte den Schnee auf. Am Eingang des Parks stand der rote Mazda von Connor, Micky stieg aus und griff sich ihr Toledo Salamanca und ihre Handtasche.

Sie schloss den Wagen ab und hängte das Schwert in die Halterung ihres Mantels. Ihren Schal zog sie eng um den Hals, überprüfte noch einmal ihr Schwert und schloss alle Knöpfe des Lackledermantels. Langsam ging sie über den gestreuten und frei geräumten Kiesweg, während sie das Gelände nach ihrem Widersacher absuchte. In den nahe gelegenen Wohnhäusern brannte kaum ein Licht, die Mehrheit der Bewohner war auf der Arbeit.

„Nichts zu sehen von Sikes.“ Im nächsten Moment zuckte Micky zusammen und drehte sich einmal um sich selbst. Ihr Blick war die ganze Zeit in die Ferne gerichtet und glitt von links nach rechts, um möglichst viel zu sehen.
„Hier bin, hochverehrte Comtesse.“ Sikes stand in einen langen, schwarzen Mantel gehüllt zwischen zwei Bäumen.
„Es geht los“, flüsterte Micky und dann lauter: „Wo ist meine Tochter, Mr. Sikes?“
„Es geht ihr gut, Mrs. MacLeod.“
„Danach habe ich nicht gefragt, sondern wo sie ist. Also?“
„In der Nähe.“
„Dann lassen Sie Geneviève laufen und wir können es hinter uns bringen.“ Sikes kam ein paar Schritte näher, Micky griff nach ihrem Mantel und öffnete die Knöpfe. Sie hielt den Griff ihres Schwertes umklammert und ging weiter auf Christopher Sikes zu.
„Das geht mir viel zu schnell. Ich schätze die Gesellschaft einer schönen Frau, Mrs. MacLeod.“
„So wie die von Annie Chapman 1888? Oder von den Coulins-Schwestern? Dumm nur, dass Isabelle jetzt unter dem Schutz von Connor MacLeod steht. Und ich schwöre, wir werden Jack the Ripper ein für alle mal das Handwerk legen.“
„Ihre Tochter habe ich auch mühelos geschnappt.“
„Meine Tochter hat keinen Meister mehr. Außerdem wusste sie nicht, was Sie treiben, Sikes... Den Schlitzer von Madrid habe ich auch erledigt. Adrian Lastrada - falls Ihnen der Name etwas sagt.“ Seine steinernen Gesichtszüge ließen nicht erkennen, ob er die Geschichte kannte. „Also, sagen Sie mir, was der nächste Spielzug ist.“ Sikes grinste.
„Sehr gut, Sie haben endlich eingesehen, dass es ein Spiel ist. Sehr gut, meine Hochachtung, Mrs. MacLeod.“
„Micky, wir haben sie. Geneviève ist in Sicherheit.“ Micky fasste sich an ihr linkes Ohr. Die Übertragung war tadellos.

Duncan und die anderen waren mit Funkgeräten und Ohrstöpseln ausgestattet, um Micky sofort über die Rettung ihrer Tochter informieren zu können. Micky hatte alles sehr gut geplant. Sie wollte Sikes im Park ablenken, während die Männer nach Geneviève suchen sollten. Es sollte nicht sonderlich schwer sein, sie im Umkreis des Parks aufzuspüren.

Und tatsächlich, sie hatte gut verschnürt im Kofferraum von Christopher Sikes BMW gelegen. Er hatte noch nicht einmal einen der Goodrich-Brüder zu ihrer Bewachung abgestellt. Sikes war sich seiner Sache zu sicher gewesen. Man sollte eben die Comtesse und ihre Musketiere nie unterschätzen.

„Verstanden. Wartet am Auto, ich bin gleich da.“ Sie griff planmäßig in ihre weiße Handtasche und holte ihre Armeedienstwaffe hervor, die sie nach dem Koreakrieg behalten hatte. Über diesen Teil des Plans hatte sie Duncan natürlich nicht informiert. Sie wollte sich einfach nur ihren Vorsprung sichern und in aller Ruhe mit Geneviève verschwinden können.

„Diesen Zug haben Sie verloren, Sikes. Meine Tochter ist in Sicherheit. Und ich verschwinde jetzt.“
„Was reden Sie da?“ Doch Micky reagierte nicht mehr auf seine Worte. Sie zielte auf Sikes und drückte ab. Die Kugel löste sich mit einem ohrenbetäubenden Knall aus der Waffe. Sie sah sich kurz um, doch niemand hatte den Schuss registriert. Kein Fenster war aufgegangen.

Ein dermaßen verblüfftes Gesicht hatte Micky schon lange nicht mehr gesehen. Ihr Widersacher sah die Kugel aus der Baretta auf sich zufliegen und erkannte, dass er verspielt hatte. Doch ein Christopher Sikes gab nicht so leicht auf.

„Der nächste Zug wird der meine sein“, rief er und im selben Moment traf ihn die Kugel. Er brach zusammen, Micky zögerte keine Sekunde. Sie verstaute die Pistole in ihrer Handtasche und nahm die Beine in die Hand.

 

Am Ausgang des Parks standen sie alle und warteten auf die Comtesse. Methos und Duncan standen an ein Auto gelehnt und waren – sehr zum Leidwesen von Duncan - in eine Diskussion über Isis vertieft. Connor prüfte nach, ob an Geneviève auch noch alles dran war und Richie beobachtete Mickys Tochter mit einem verträumten Hundeblick, der selbst Angus neidisch gemacht hätte.

„Wir haben einen Schuss gehört“, bemerkte Duncan mit einem leicht vorwurfsvollen Ton. Seine Frau lächelte wie die Unschuld vom Lande. Es erinnerte ihn schwer an ihre erste Begegnung vor zehn Jahren. Die niedliche Comtesse Dubois konnte auf den ersten Blick doch kein Wässerchen trüben. Spätestens nach ihrer Eröffnung, sie hätte ein Verhältnis mit Connor und Methos gehabt, glaubte Duncan nicht mehr daran.

„Da wird wohl irgendwo ein Auspuff eine Fehlzündung gehabt haben“, erklärte Micky unschuldig.
„Natürlich, Liebling... Musstest du Sikes noch extra provozieren, indem du ihn im Park abknallst?“
Sie reagierte nicht auf seinen Vorwurf, sondern meinte nur gelassen: „Lasst uns von hier verschwinden.“
„Wer fährt mit wem?“ fragte Richie, er wollte Methos verständlicherweise gegen Geneviève austauschen.
„Also ich will meinen Mazda wieder haben“, Connor streckte Micky die leere Hand entgegen.
„Dann rück’ ganz schnell die Schlüssel von meinem Aston raus“, konterte sie im Gegenzug.
„Die hab’ ich“, meinte Duncan und gab ihr die Schlüssel.
„Dein Glück, dass du nicht meinen ‚Robin 1’ genommen hast, das hätte dich deinen Kopf gekostet.“
Grinsend stieß Duncan seinen Cousin an und meinte nur: „Ich hab’s dir doch gesagt.“
„Frauen!“ rief Methos und stieg zu Richie in den Mustang.
Die Scheibe an der Fahrerseite glitt herunter, Richie steckte den Kopf raus und rief: „Hey, ich dachte eigentlich, dass Geneviève mit mir fährt.“
„In deinen Träumen, Junior. Schlag’ dir meine Tochter aus dem Kopf, sonst schlage ich bei dir zu aber mit dem Schwert. Sie fährt mit Onkel Connor.“
„Ach, Mama.“
„Schweig still, Kind und steig ein. Richie ist zu jung für dich. Das grenzt ja schon Kindesverführung.“ Richie rief empört etwas, doch es ging im Röhren des Motors unter. Dann fuhr der Mustang.

 

 

3. Adel verpflichtet!

 

Frankreich, Chateau Dubois, in derselben Nacht.
Alle Schlossbewohner schliefen schon seit Stunden. Die Kamine verbreiteten eine gemütliche Wärme, draußen im Park drehte Pierre mit seinen Söhnen und den Wachhunden eine letzte Kontrollrunde. Alle waren in Erwartung von Christopher Sikes nächstem Spielzug zu Bett gegangen. Geneviève störte sich nicht daran, sie schlief tief und fest in ihrem alten Zimmer.

 

Das Telefon klingelte schrill. Duncan schlug mit seiner flachen Hand auf den Nachtisch, bis ihm dämmerte, dass es nicht der Wecker war, der solch durchdringende Geräusche von sich gab.

„Telefon“, murmelte er.
„Geh’ doch ran“, nuschelte Micky undeutlich. Was machte Duncan in ihrem Traum? Und wieso wollte er, dass sie ans Telefon ging? Mitten auf einer einsamen Insel in der Südsee, genauer gesagt auf der Insel, auf der die Darsteller aus „Lost“ abgestürzt waren? Und vor allem gerade, während sie mit Jack, dem süßen Hauptdarsteller, einen Spaziergang am Strand machte?
„Geh’ du doch ran“, raunte sie noch einmal verschlafen, doch ihre Hand tastete schon rein automatisch zu ihrem Nachttisch und dem schnurlosen Telefon. Sie zog den Hörer, der ihr müde wie sie war, bleischwer erschien, zu sich aufs Bett. Mit geschlossenen Augen drückte sie die Annahmetaste.
„MacLeod.“
„Micky, nicht auflegen. Hier ist Methos.“
„Was willst du?“ Sie schlug ein Auge auf und erhaschte einen Blick auf ihren Wecker. 3:12 Uhr. „Und wieso willst du es mitten in der Nacht?“
„Wer will was?“ fragte Duncan halb im Schlaf, doch seine Frau ignorierte ihn. Mitten aus dem Schlaf gerissen konnte sie sich nur auf eine Sache konzentrieren – nämlich das Telefonat mit Methos.
„Micky, du musst mich abholen. Ich bin auf dem Polizeirevier in Montmartre. Ich habe im ‚Nouveau Moulin Rouge’ zu viel gefeiert.“ Micky setzte auf, Angus kam zu ihr auf das Bett gesprungen und wollte seine ihm zustehende Streicheleinheit.
„Bist du betrunken?“
„Nicht mehr so richtig.“
„Warum fährst du dann nicht selbst?“
„Der Lappen ist weg, okay? Also kommst du?“
„Ja“, presste sie lachend hervor. „Ich bin unterwegs.“ Sie legte auf und schob Angus von ihrem Schoß herunter. „Duncan, ich muss nach Paris.“
„Was’n los?!“ murmelte er verschlafen. Micky drehte den Dimmer an der Wand auf und tauchte das Schlafzimmer in eine schwache Beleuchtung. Es reichte, um den Weg zu ihrem begehbaren Kleiderschrank zu finden und dem Hund auszuweichen.
„Methos ist verhaftet worden. Hat wohl zu intensiv die Heimkehr der verlorenen Ehefrau gefeiert.“ Duncan drehte sich um und sah seine Frau an.
„Mann, dein Grinsen muss man ja schon wegoperieren. Soll ich mitkommen?“ Sein Freund konnte bestimmt Hilfe gegen seine Frau und ihren bösartigen Sarkasmus gebrauchen.
„Nein, nein, diesen Augenblick möchte ich voll auskosten.“
„Biest“, meinte er und legte sich wieder in die warmen Kissen zurück.
„Ich habe keinen von euch Männern darum gebeten in mein Leben und ganz besonders nicht in mein Bett zu kommen.“
„Verhext hast du uns, alle drei.“
„Ja, ja. Träum schön weiter, Highlander.“ Sie griff sich aus dem Kleiderschrank einen dicken fransigen Wollmantel, der orange-grün-rot-meliert war, ein schwarzes Kleid, Stiefel und einen Hut.

 

Frankreich, Paris, Polizeirevier Montmartre, eine Stunde später.
Micky betrat das Polizeirevier und zog sofort die Aufmerksamkeit aller Männer auf sich. Sie hatte bereits auf den Treppen ihren Mantel geöffnet. Das Revier war schwülwarm, wie die tropische Insel, auf der sie bis vor kurzem in ihren Träumen noch mit Jack lustgewandelt war. Ihr schwarzes Wollkleid schmiegte sich eng an Mickys durchtrainierten Körper, die Absätze ihrer Stiefel klapperten auf dem Steinboden. Sie trat an den Tresen.

„Bonjour, Monsieur. Mein Name ist Micky MacLeod, Comtesse Dubois“, setzte sie hinzu, weil sie ignoriert wurde. Der junge Gendarm sprang von seinem Stuhl auf und nahm Haltung an. Eine echte Comtesse betrat nicht jeden Tag sein Polizeirevier.
„Was kann ich für Sie tun, Madame La Comtesse?“
„Ich möchte einen Freund von mir abholen, Monsieur Adam Pierson.“ Der Polizist nickte eifrig und hackte in die Tastatur seines Computers. Micky schlüpfte aus ihrem Mantel und beugte sich über den Tresen, sodass der junge Mann einen kleinen Einblick in ihren Ausschnitt erhaschen konnte. Am besten tauchte man in der Menge unter, indem man auffiel. Keiner würde sich mehr groß an Methos erinnern nach Mickys Auftritt.
„Ah ja, hier ist er. Adam Pierson in Gewahrsam genommen nach einer Verkehrskontrolle. Er hatte 0,78 Promille. Nach seiner eigenen Aussage hat er zwei Bier getrunken und ein Glas Wein...“ Der Gendarm sah zweifelnd vom Monitor auf und blickte Micky direkt in die Augen. „Er...“, stotterte er und räusperte sich. „Er darf heute nicht mehr fahren.“
„Deswegen bin ich doch hier, Monsieur. Ich bringe Monsieur Pierson nach Hause.“
„Er hat wohl zu viel gefeiert.“
„Ich glaube, er hat eher versucht zu vergessen, dass seine Frau wieder da ist“, bemerkte Micky grinsend, während sie dem Gendarm in den Wartebereich folgte.
„Frisch verliebt?“ fragte sie der Polizist, wobei Micky sich nicht wirklich sicher war, wen er denn nun meinte.
„Nein, er ist schon ewig mit der alten Hexe verheiratet.“
„Und Sie, Madame La Comtesse?“ Micky hob ihre rechte Hand, wo ihr silberner Ehering, den ein blutroter Rubin zierte, prangte. „Oh“, meinte er nur und räusperte sich wieder. „Monsieur Pierson muss vier Wochen auf seinen Führerschein verzichten und eine Strafe zahlen.“ Micky nickte, am besten quartierte sie den Dummkopf im Chateau ein und Isis konnte sich ein Hotelzimmer in Paris nehmen.

Der Gendarm ging vor, er war einen Kopf größer als Micky. Somit hatte Methos noch für einen kurzen Moment die Hoffnung, dass auch Duncan mitgekommen war. Hoffnungsvoll legte er die Zeitung, in der er geblättert hatte, auf den Beistelltisch, stand auf und sah sich suchend nach seinem Freund um.


„Du brauchst gar nicht nach Duncan Ausschau zu halten. Der liegt daheim im Bett, Chérie.“ Sie grinste breit über das ganze Gesicht. „Musst du dich freuen, dass Isis wieder da ist!“
„Ach, sei doch still.“ Der Polizist drehte sich um und ging zurück zu seinem Arbeitsplatz. Micky und Methos schien er keine Beachtung mehr zu schenken.
„Ich kann dich auch gerne laufen lassen in die Rue Mallet-Stevens. Ich glaube aber, du solltest besser mit ins Chateau kommen.“
„Zu der alten Hexe? Niemals.“
„Ich schicke sie ins Hotel. Du weißt doch, dass es besser ist, wenn wir wegen unserem Freund Christopher alle zusammen sind.“
„Schieß Isis auf den Mond. Immer wenn sie auftaucht, habe ich Ärger am Hacken. So wie 1808, da habe ich sie in Kairo wieder getroffen direkt nachdem ich von Bord eines Schiffes gegangen bin, das ich in Amerika bestiegen hatte.“
„Ach du meinst, also du vor Walker geflohen bist, nachdem du eine heiße Nacht mit seiner Sklavin Charlotte verbracht hast?“
„Ja genau, ich wollte nicht kämpfen nachdem er Charlotte getötet hatte und bin auf das erstbeste Schiff, das noch in der Nacht ausgelaufen ist. Wie konnte ich ahnen, dass mich das Schiff nach Kairo und direkt in Isis’ Arme treiben würde?“

Sie hatten das Auto erreicht. Micky hatte den Z3 genommen, den sie am besten kannte und bei jedem Wetter fahren konnte. Der Ferrari war ihr zu schade gewesen, um ihn bei diesem Schneegestöber aus seiner schützenden Garage zu fahren.

"Methos, was ist das mit euch beiden? Ich meine, du meckerst nur über sie, lässt dich bis aufs Blut reizen von ihr, willst sie ständig umbringen. Du hast sie im Laufe von 4.000 Jahren wie oft weg geschickt und doch kommt sie immer wieder. Wieso?“ Sie stiegen ein, Micky drehte den Schlüssel im Zündschloss und stellte das Licht und die Heizung an. Schneeflocken tanzten in dem kleinen Lichtkreis, den die Scheinwerfer erzeugten.
„Warum schickt Duncan dich nicht zum Teufel, obwohl du nur Schwierigkeiten machst? Warum macht er deine ganzen Eskapaden mit? Die Sache mit der Triade, dem Romanow-Verräter, jetzt mit Geneviève, mit Sikes, mit dem Propheten, der von der Kirche gejagt wurde, den Duellen unter den Brücken von Paris und nächtlichen Besuchen bei Karl Lagerfeld, der eine neue Kampfgarderobe für dich schneidern will?“ Seine Augen waren zu schmalem Schlitzen zusammengekniffen und seine lange, spitze Nase schwebte dicht vor Mickys Gesicht.
„Weil er mich liebt, Methos.“ Sein Kopf wich ein Stück zurück.
„Genau.“
„Und du...“
Methos seufzte und fuhr sich übers Gesicht. Schließlich sah er Micky wieder an und gestand sich selbst und seiner Freundin ein: „Ich liebe Isis! Alle Engel des Himmels und sämtliche Dämonen der Hölle mögen mir beistehen, aber ich liebe Isis seit ich sie das erste Mal in Waset gesehen habe.“ Diese Erkenntnis erschütterte das Bild, das Micky seit über 300 Jahren von Methos hatte, enorm.
„Aber was war das dann mit uns in Madrid und in Charleston und Natalie und all die anderen Frauen?“
„Ein Versuch von ihr wegzukommen, eine Therapie sozusagen. Du hättest es fast geschafft, aber eben nur fast.“
„Ich habe ja schon immer gesagt, dass du ein liebeskranker Trottel bist. Habt ihr es schon mal mit einer Eheberatung versucht?“
„Natürlich, die erste hatten wir bei den Amun-Priestern. Die haben sich einfach in alles eingemischt bis Echnaton ihnen das göttliche Wasser abgegraben hat. Du weißt ja sicherlich, dass Amun die lokale Gottheit Thebens war seit der 11. Dynastie 2010 vor Christus.“
„Wusste ich nicht, aber egal. Ihr wart also bei der damaligen Variante der Eheberatung.“ Sie fuhr das Auto aus der Stadt heraus und nach kurzer Zeit befanden sie sich auf dem kleinen Stück Autobahn, bevor der Rest des Weges sie über Landstraßen führen würde. „Und was hat man euch geraten?“ Sie warf einen kurzen Blick auf Methos, der die Augen geschlossen hatte und leise schnarchte. Sie lächelte, der arme Kerl tat ihr ja doch irgendwo leid. Micky griff nach ihrem Headset, steckte sich den Kopfhörer ins Ohr und wählte über Kurzwahl die Nummer des Chateaus.
„Chateau Dubois, Pierre Muriel am Apparat.“
„Hallo Pierre, hier ist Mrs. MacLeod. Ich habe Methos abgeholt. Ist im Chateau alles in Ordnung?“ Schweigen am anderen Ende der Leitung. Sie ahnte, dass etwas geschehen war. „Pierre, was ist passiert?“
„Wir haben einen Eindringling geschnappt.“ Micky schluckte, hoffentlich keiner von der Splittergruppe.
„Hat er seinen Namen genannt?“ Sie fuhr von der Autobahn ab und auf die Landstraße. Wenn sie ordentlich Gas gab, konnten sie in knapp vierzig Minuten da sein.
„Ja, Madame. Er sagt, er wäre der Lord of Lys Airt, Jackson Alexander Finnigan III.“
„Finnigan? Na, herrlich. Hat mein Mann ihn schon gesehen?“
„Ich fürchte ja, Madame. Lord Finnigan war wohl nicht damit vertraut, dass Madame wieder geheiratet hat und hat sich... nun ja nicht wirklich wie ein Gentleman benommen.“ Bei Finnigan kein Wunder, dachte Micky.
„Sperren Sie Lord Finnigan in die Bibliothek und mein Mann soll erst mal kalt duschen. Wir beeilen uns. Bis gleich.“ Sie beendete das Gespräch und trat das Gaspedal ganz durch.
„Finnigan ist wieder da?“ fragte Methos, er grinste mit geschlossenen Augen.
„Ja, anscheinend. Und er hat auch schon Duncan kennen gelernt.“ Methos öffnete ein Auge und beobachtete Micky.
„Wird das so eine Geschichte wie mit Richard damals?“ Micky griff ins Handschuhfach und holte ein Päckchen Gauloises und ein Feuerzeug heraus. Sie steckte sich eine in den Mund und zündete sie an. Ihre Notreserve. Duncan ahnte nicht, dass sie rauchte. Aber nur in Notsituationen. Sie hatte es sich im Koreakrieg angewöhnt, wo jeder Tag, jede Stunde eine Notsituation gewesen war.
„Ich sehe schon, es wird wohl so werden.“
„Ich hoffe nicht. Richard und Finnigan haben eine Woche das Bett hüten müssen. Oh, bitte nicht so eine Geschichte wie 1860. Dafür gibt es nicht genug Zigaretten auf dieser Welt. Vielleicht sollten wir Isis mit Finnigan verkuppeln? Dann hätten wir alle Probleme gelöst.“ Sie zog hektisch an der Gauloise und schnippte die Asche aus dem geöffneten Fenster, während ihre Gedanken zu dem in vielerlei Hinsicht schicksalhaften Tag zurückkehrten.

 

Nordamerika, Boston, 6. November 1860.
Abraham Lincoln war am heutigen Tage zum 16. Präsidenten in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt worden. Bereits vor dreißig Jahren hatte er in öffentlichen Schriften seinen Unmut gegenüber der Sklaverei und der menschenunwürdigen Behandlung der farbigen Bevölkerung kundgetan. Alle Amerikaner – Nord- wie Südstaatler – fest davon überzeugt dass er nun als Präsident gegen die Sklaverei vorgehen und versuchen würde sie abzuschaffen. Die Südstaaten drohten bereits massiv mit dem Ausscheiden aus dem Staatenbund, die Nordstaatler hingegen begrüßten Lincolns Politik.

 

Micky Dante ging am Arm ihres Verlobten, des jungen, erfolgreichen Bostoner Anwalts Richard Cunningham, durch die Straßen der Stadt und beobachtete die ausgelassen feiernden Menschen. Auf einem großen Platz wurde ein Feuerwerk abgeschossen. Ringsum den Platz stießen Lincolns wohl situierten Anhänger mit Champagner an.

In ihrer Hand, die ein fein gearbeiteter Lederhandschuh wärmte, hielt Micky das Manuskript eines Romans, den ein guter Bekannter von ihr veröffentlichen wollte. In St. Louis hatte Micky im vergangenen Jahr einen jungen Flusslotsen namens Samuel Langhorne Clemens getroffen. Er hatte den Kopf voll fantastischer Ideen, die meisten waren allerdings noch nicht richtig ausgereift. Seine erste fertige Geschichte gefiel Micky an und für sich sehr gut. Ein Junge, der von seiner Tante Polly aufgezogen wurde und sich mit einem heimatlosen, herumstromernden Waisenjungen anfreundete und mit ihm viele Abenteuer erlebte. Doch mit den Namen der beiden Protagonisten „Tom Finn“ und „Huckleberry Sawyer“ konnte sie sich noch nicht so recht anfreunden. Sie würde Samuel raten zumindest noch einmal über die Namen der beiden Jungen nachzudenken. Und vielleicht auch über einen Künstlernamen. Nichtsdestotrotz würde Micky ihr Versprechen halten und einem befreundeten Verleger die Geschichte vorlegen. Sie waren unterwegs zu einem Abendessen bei Richter Robert Wallace und aufgrund des Sieges von Abraham Lincoln gehobener Stimmung.

Comtesse Dubois? Michelle? Ich traue meinen adligen Äuglein nicht!“ In der Sekunde, als Micky angesprochen wurde, bemerkte sie die Gegenwart eines Unsterblichen. Sie drehte sich in die Richtung, aus der sie den Ruf gehört hatte.

Vor einem Schaufenster, in dem wunderhübsche Hüte und Handtaschen ausgestellt waren, stand er. Seine Lordschaft Finnigan. Genauer gesagt, ihr alter Freund Jackson Alexander Finnigan III., Lord of Lys Airt, wie seine kleine Halbinsel „The Lizard“ im Südwesten Großbritanniens im Cornischen hieß und was schlichtweg „Hohes Gericht“ bedeutete. Er war ein eher unbedeutender Lord, der vor seiner ersten Belebung 1634 bloß an fünfundzwanzigster Stelle in der englischen Thronfolge gestanden hatte. Nichtsdestotrotz verhielt der Lord of Lys Airt sich, als würde er bereits morgen auf dem Thron des Vereinigten Königreiches Großbritannien und Irland, des Commonwealth und allen Kolonien sitzen und nicht mehr Queen Victoria. Mit der amtierenden Königin, die aus dem Hause Hannover stammte, das mit King George I. 1698 seinen Einzug in England gehalten hatte, war er noch nicht einmal mehr verwandt. Seine Ansprüche hatten sich auf eine entfernte Verwandtschaft mit dem Hause Tudor und Elisabeth I. begründet und war mit ihrem Tode 1603 eigentlich erloschen. Eigentlich. Doch der Lord of Lys Airt, Herrscher über die kleine im Distrikt Kerrier in der Grafschaft Cornwall gelegene Insel scherte sich nicht sonderlich um diesen Fakt.

Michelle, Honey, my Love! Lass dich drücken!” Richard wurde völlig ignoriert, doch verfolgte er die Szene mit wachem Blick. In seinen eisblauen Augen sprühten bereits Funken der Eifersucht. Finnigan ging auf Micky zu, verbeugte sich seinem und ihrem Adelstand angemessen, drückte ihr einen Handkuss auf, nahm sie in die Arme, warf Micky nach hinten und küsste sie lange, heiß und innig.
Sir, was erlauben Sie sich?!“ entrüstete Richard sich. Finnigan ließ Micky los und schätzte Richard mit seinem Blick ab. Richard war in etwa gleich groß und gut gebaut. Er hatte blondes Haar, breite Schultern, eben ein ganzer Mann. Der Lord of Lys Airt hatte rotbraunes Haar, das ein schwarzes Samtband zusammenhielt. Er trug einen Schnauzbart und sein Schwert unter dem Mantel.
Ich begrüße die Comtesse Dubois angemessen. Eben wie es sich gehört, Sir. Im Übrigen erwarte ich Respekt von Ihnen! Ich bin Jackson Alexander Finnigan III. Lord of Lys Airt, und ich stehe in der Thronfolge für den Thron des Vereinigten Königreiches Großbritannien und Irland, des Commonwealth und aller Kolonien.“
An 25. Stelle, aber auch nur, wenn es das Haus Tudor noch geben würde“, raunte Micky ihrem Verlobten hinter vorgehaltener Hand zu. Richard grinste.
Nun, wenn das so ist“, er ging zielstrebig auf Finnigan zu, holte weit mit der Rechten aus und rammte dem armen Lord die Faust so hart ins Gesicht, dass die Nase brach.

Finnigan ließ diesen Schlag nicht auf sich sitzen. Er hob die Fäuste, immerhin hatte er an der altehrwürdigen Universität von Oxford geboxt.

Richard, Finnigan, lasst doch den Blödsinn! Die Leute schauen schon her! Außerdem müssen wir zum Richter, das Abendessen, Richard!“ rief sie ermahnend, doch die beiden Streithähne hatten den Grund für ihren Streit, die Gunst der hübschen Comtesse, bereits vergessen. Das Adrenalin und niedrige Instinkte ließen sie sich gebaren, wie die Neandertaler, von denen sie abstammten. Mit einem wütenden Schrei stürzte Richard sich auf den Lord.

Im nächsten Moment wälzten die Männer sich im Staub vor dem Hutgeschäft, dabei wollte Micky sich eigentlich morgen hier neue Hüte kaufen. Das konnte sie nun getrost vergessen.

In der Ferne hörte sie die Trillerpfeife eines Polizisten, die schnell näher kam. Richard und Finnigan schlugen munter weiter auf einander ein.

Bis der Schutzmann endlich eintraf, hatten sich die beiden halb bewusstlos geschlagen. Micky organisierte eine Kutsche und brachte die Heißsporne in ihr Haus, das sie schon zu Zeiten der Boston Tea Party besessen hatte. Allerdings schaffte sie die Herren diskret durch den Hintereingang herein, der sonst den Dienstboten vorbehalten war. Ein kaum würdevoller Auftritt für einen Lord und einen angesehenen Anwalt.


Das Manuskript ihres Freundes Sam „Die Abenteuer von Tom Finn und Huckleberry Sawyer“ war völlig vergessen und erreichte an diesem Abend den Verleger nicht mehr. Doch Samuel Langhorne Clemens ließ sich nicht ermutigen, er feilte noch ein bisschen an seiner Geschichte, machte am Ende zwei Bücher daraus und veröffentlichte unter dem Namen Mark Twain, was in der Seemannssprache „Zwei Faden“, also die Wassertiefe bezeichnete, nach etlichen anderen Werken 1876 „Die Abenteuer von Tom Sawyer“ und 1884 einen weiteren Klassiker der Literatur „Die Abenteuer von Huckleberry Finn“.

 

Frankreich, Chateau Dubois, am frühen, sehr frühen Morgen.
Micky betrat die große Eingangshalle und fröstelte, Methos schloss die Tür und runzelte die Stirn.

„Hast du die Heizölrechnung nicht bezahlt oder warum würde sich hier nur ein Inuit wohl fühlen?“ Von Ende der Halle hörten sie ein Bellen. „Oder dein Hund, zugegeben für den ist das Klima ideal.“ Angus kam aufgeregt auf Micky zugerannt und wedelte mit dem buschigen Schwanz. Gedankenverloren kraulte sie ihren kleinen Liebling und sah sich suchend nach ihrer Haushälterin um.
„Elisabeth?“ Die Türen zur Bibliothek, zur Küche und zu Duncans Arbeitszimmer gingen gleichzeitig auf. Elisabeth, Finnigan und Duncan kamen heraus. „Warum ist es hier so kalt, Elisabeth?“
„Die Heizung ist ausgefallen, Madame. Mein Sohn Antoine kümmert sich bereits darum.“ Micky nickte und hoffte, dass es bald wieder warm werden würde. Eine ausgefallene Heizung nach diesem drastischen Wintereinbruch war das letzte, was sie gebrauchen konnten. Doch mit so etwas musste sie leider jederzeit rechnen als Schlossherrin eines alten Gemäuers war.


Finnigan, der große, unverschämt gut aussehende Engländer entdeckte Micky und lächelte. Duncans Mundwinkel rutschten nach unten, er biss sich auf die Innenseite der Wange, an seiner Schläge pulsierte eine Ader. Anscheinend hatte dem Kerl die Begrüßung durch Duncan noch nicht gereicht.

„Comtesse, wie lovely du wieder aussiehst!“ rief Finnigan und stürmte auf Micky zu. Duncan trat näher, die Hände zu Fäusten geballt. Er mochte diesen gelackten Engländer mit dem butterweichen Akzent nicht, der ihn als Mitglied des britischen Adels auswies. Connor sagte dazu „Weichspülerakzent“.
„Hallo, Finnigan.“ Sie umarmte den Lord und gab ihm ein Küsschen links und rechts auf die Wangen. Duncan zuckte bei jeder Berührung Mickys mit dem Engländer zusammen. Von hinten legte sich eine Hand auf seine Schulter.
Ruhig Blut, Cousin. Sonst legt die Comtesse dich an die ganz kurze Leine.” Duncan schnaubte, der sollte nur so weiter machen, dann würde seine Lordschaft das Tageslicht nicht mehr wieder sehen.
Connor trat aus Duncans Schatten auf Methos zu. „Und Alter, Alkohol am Steuer, das wird teuer, gelle?!“ versuchte Connor von Finnigan abzulenken, nicht ohne ein fieses Grinsen im Gesicht.
„Connor, ich mag dich ehrlich, aber wenn du nicht sofort dieses dümmliche Grinsen abstellst, verpasse ich dir so ein Ding, dass du glaubst, die Metro hätte dich gestreift.“ Connor lachte nur über die Drohung seines Freundes. Er hatte allerdings das Gefühl, dass sein Cousin im Gegensatz zu Methos in den nächsten Minuten handgreiflich werden würde. Und zwar gegen den Gast der Comtesse.

Duncan ignorierte alle anderen und stieß zischend die Luft aus, als Finnigan seiner Frau galant einen Kuss auf die Hand gab.

„Micky, kann ich dich mal kurz unter vier Augen sprechen?“ Er wartete ihre Antwort gar nicht erst ab, sondern umklammerte fest Mickys Arm und zog sie in sein Arbeitszimmer. Die Tür flog mit einem lauten Knall zu.


„Was denn?“ Sie setzte sich grinsend in den Sessel vor dem Kamin und beobachtete die Flammen, wenigstens hier war es warm.
„Was denn?! Du fragst ‚Was denn’? Der Kerl taucht hier auf, sagt er wäre seine Lordschaft Jackson Alexander Finnigan III.“, dabei verbeugte Duncan sich theatralisch, um gleich wieder gereizt im Raum auf und ab zu laufen. „Und dass ihr alte Freunde seid!“
„Stimmt! Und du hast den Titel ‚Lord of Lys Airt’ vergessen.“
„Mehr hast du nicht dazu zu sagen?!“ Er schnaubte wütend.
„Dann sind wir ja jetzt quitt“, erklärte Micky unverblümt. Duncan sah sie stutzend an, verstand ihre Anspielung nicht. „Erinnert dich das vielleicht an den Tag, als ich Amanda kennen gelernt habe?! Die hat dich auf der Theke in Joe’s Bar fast schon vergewaltigt! Und du regst dich über einen schlichten Handkuss von Finnigan auf?! Das ist lächerlich!“ meinte sie und provozierte Duncan mit ihren Worten und ihrem Grinsen noch mehr. Es juckte ihn schon in den Fingern, wieder einmal verspürte Duncan den Wunsch ihr den schönen, schwanengleichen Hals umzudrehen. Warum hatte er sich bloß in sie verliebt? Prophezeiung hin oder her, sie würde noch sein Untergang sein. Zum Glück konnten Unsterbliche keine grauen Haare bekommen, sonst wäre Duncan nach zehn Jahren Ehe mit der Comtesse bereits schneeweiß.
„Sei still, Weib!“
„Vor die Tür?“ fragte Micky grinsend. Hatte ja auch beim letzten Mal funktioniert. Sie stand langsam aus dem Sessel auf und machte eine einladende Bewegung in Richtung Tür.
„Ja, und hör auf so zu grinsen, du Biest.“
„Ich hole mein Schwert.“
„Nicht nötig“, auf dem Schreibtisch lagen das Toledo Salamanca und das Katana, beide blank poliert. Duncan reichte Micky ihr Schwert und folgte ihr aus dem Arbeitszimmer heraus.

 

Auf dem Korridor standen noch immer Connor, Methos, Finnigan und Elisabeth. Irritiert sah Finnigan auf die Schwerter in den Händen der MacLeods. Hilfesuchend wollte er sich an Methos und Connor wenden, doch die grinsten in sich hinein.

„Micky, Honey, ich hoffe, dass ist jetzt nicht meinetwegen. Ich wäre sehr traurig, wenn ich solche Unstimmigkeiten zwischen dir und deinem Gatten ausgelöst hätte.“ Duncan stürmte auf Finnigan zu und hielt ihm die Klinge an den Hals.
„Sie kommen auch noch dran, Euer Lordschaft. Comtesse, beweg’ deinen Hintern in den Garten. Elisabeth, halten Sie Ihre Tochter vom Porzellan fern, bis wir fertig sind. Und machen Sie mal Kaffee und Tee, hier ist es eisig kalt.“ Mit diesen Worten brauste Duncan wie ein Tornado aus der Halle, durch die Küche und in den Garten.

 

Der Garten war in ein merkwürdiges Licht getaucht. Schnee hatte die Eigenart die Umgebung in eine diffuse Helligkeit zu tauchen, obwohl doch finsterste Nacht herrschen müsste. Im Augenblick schneite es nicht, der Himmel hatte aufgeklart, wodurch die Temperaturen weit unter null gefallen waren. Oben am Himmel funkelten die Sterne. Duncan entdeckte mit dem geübten Auge eines jahrhundertealten Reisenden den Großen Wagen, Pegasus und Kassiopeia mit Leichtigkeit. Doch auch die Sterne am Firmament konnten ihm keine Erklärung liefern oder auch nur Trost spenden. Also hob er sein Schwert und schritt auf seine Frau zu.


„So und jetzt leg los. Ich will ein umfassendes Geständnis. Ich kann mich noch messerscharf erinnern, dass du in unserer ersten Nacht in meinem Dojo erzählt hast, du hättest sechs Gefährten gehabt.“ Sie umkreisten sich, die Schwerter schützend vor den Körper gehalten.
„So liebeskrank wie du gewesen bist, zweifle ich stark an, dass dein Verstand messerscharf gearbeitet hat“, erwiderte sie. Duncan fluchte auf Gälisch. „Pfui, Duncan, schäm dich. Solch unfeine Worte in Gegenwart einer Dame.“
„Erstens: Seit wann kannst du Gälisch? Und zweitens: Wo ist hier eine Dame?!“ Sie sprang auf Duncan zu und schlug mit dem Schwert nach ihm.
„Connor hat’s mir beigebracht, du Schuft!“ Er parierte ihre Schläge nahezu mühelos, erfreulicherweise wurde den beiden dabei allmählich warm. Doch ihre Höchstform hatten sie noch lange nicht erreicht.
„Und was bist du, Hochwohlgeboren?“
„Moment! So darf mich höchstens Methos nennen.“
„Nur weiter so, dann haben wir ja immerhin schon zwei von deinen zahlreichen Bettgefährten!“ Sie führte einen klassischen Dachschlag aus, doch Duncan kannte ihre Angriffstaktiken zu gut durch das tagtägliche Training. Er hielt sein Schwert an der Seite und zog es erst hoch, kurz bevor ihre Klinge ihn treffen konnte.
„Das musst grade du sagen, Mr. ‚Ah ich liebe, Frankreich!’“ Aus der Ferne hörten sie Gelächter. Micky warf einen raschen Blick zum Haus. Vor der Küchentür standen Connor, Methos, Finnigan und Isis, die von Methos umarmt wurde. Die Kälte musste Mickys Verstand betäuben. Methos würde nie freiwillig den Arm um seine Frau legen. Nicht mal unter dem Versprechen der Enthauptung, die er sich in ihrer Gegenwart immer so sehr wünschte.

Was Micky nicht wissen konnte, Methos hatte Isis, als sie die Treppen aus dem ersten Stock herunter gekommen war, vorgeschlagen einen neuen Versuch zu starten. Einen vorsichtigen: getrennte Wohnungen, gelegentliche Verabredungen zum Essen und lange Spaziergänge. Isis hatte glücklich zugestimmt.

„Weiter so, Micky!“ feuerte Finnigan sie an, Duncan drehte sich um und warf dem Lord böse Blicke zu. Seine Frau nutzte die günstige Gelegenheit und entwaffnete Duncan. Sie ließ ihr Schwert fallen und stürmte auf den großen Schotten zu. Micky hob ihr Bein und trat Duncan vor die Brust. Er stolperte nach hinten, bekam aber noch ihre Hand zu fassen und riss sie mit sich auf den klirrendkalten Boden. Dort angekommen, wälzten sie sich im Schnee wie zwei junge Hunde. Gelegentlich hörte man von einem der beiden einen empörten Aufschrei, doch keiner gab auf oder auch nur ein bisschen nach.

„Sollten wir jetzt so langsam mal dazwischen gehen? Was meinst du?“ fragte Methos an Connor gerichtet.
Duncans Cousin kratzte sich nachgrübelnd am Kopf und warf einen Blick auf seine Armbanduhr.
„Gib ihnen noch ein paar Minuten Zeit.“
„Okay.“ Er lehnte sich gemütlich an die Hauswand und beobachtete weiter das Schauspiel. „Ich muss zugeben, das ist besser als eine griechische Tragödie... Oder ein Boxkampf. Pass auf, Micky.“ Doch zu spät, Duncans Faust traf sie ungebremst und mit voller Wucht im Gesicht.

„Autsch“, hörte er das Publikum rufen und dann sah Duncan, dass er seiner Frau einen Schlag aufs rechte Auge verpasst hatte, das augenblicklich anschwoll.

„Tut mir leid, Micky. Komm, ich helfe dir auf.“ Er streckte ihr die Hand entgegen. Sie griff danach und ließ sich hochziehen. Als sie Duncan dicht gegenüberstand, holte sie mit ihrem Knie aus und trat mit aller Kraft in die schottischen Kronjuwelen.

Das „Autsch“ vom Publikum war deutlich lauter als bei Duncans Treffer vor wenigen Augenblicken. Micky grinste schon wieder zufrieden, besonders weil sie bemerkte, dass Connor, Methos und sogar Finnigan sich schützend eine Hand über den Schritt hielten. Sie hatte klar und deutlich gezeigt, wer die Herrin dieses Chateaus war. Wieder einmal.

 

Duncan betrat zuletzt die Küche und bestaunte das Ergebnis seines Schlages. Das Auge seiner Frau schillerte in den herrlichsten Farben, war aber bereits wieder am abheilen. Gepriesen sei die Belebung. In einer Stunde spätestens würde man nichts mehr davon sehen. Und Duncans edle Teile taten auch kaum noch weh. Er grinste zufrieden. Der Kampf hatte richtig gut getan und wieder einmal die Luft gereinigt im Chateau. Die MacLeods, Micky eingeschlossen, verabscheuten Gewalt und Blutvergießen, aber gegen einen guten Fight unter Freunden hatte niemand von ihnen etwas einzuwenden.

Erst jetzt entdeckte Duncan überrascht, dass Micky eine Gauloise rauchte. Sie pustete kleine Kringel in die Luft, das konnte demnach nicht ihre erste Zigarette sein.

Seit wann rauchst du?“ fragte er mit einem Seitenblick auf Methos, der auch eine Zigarette in der Hand und seine Frau – Duncan rieb sich über die Augen – doch, Tatsache, seine Frau auf dem Schoß sitzen hatte. Duncans Hand schwebte kurz über einer Kaffeetasche, dann ging er entschlossen an den Küchentrank und holte seinen persönlichen Whiskyvorrat raus. Er schenkte zwei Gläser 21 Jahre alten Balvenie Port Wood Whisky ein. Duncan liebten den charakteristischen Geschmack dieses ausgezeichneten Single Malt, der in Eichenfässern heranreifte und in Portweinfässern endgelagert wurde.

Verträumt schnupperte Duncan am Glas, schloss die Augen und sah vor sich die Weite der schottischen Highlands. Die nicht enden wollenden Berge, spärlich bewachsen von Gras. Entlang des Great Glen, dem Tal, das die Highlands in die Northwest Highlands und die Grampian Mountains teilte, lagen die schottischen Seen, die Lochs. Er roch das Gras, die Herden der vorüber ziehenden Kyloes – der robusten Hochlandrinder, spürte den Wind in seinem Haar, der vom Ben Nevis, dem höchsten Berg Großbritanniens, herab ins Tal zu den Lowlandern wehte.

Nach einer Ewigkeit, wie es ihm schien, öffnete er die Augen wieder. Connor und Micky grinsten ihn an, sie wussten genau, was er gesehen hatte. Micky hatte lange genug mit Connor in Glenfinnan gelebt – mehr als vier Jahrzehnte -, um sich vorstellen zu können, was er gesehen hatte.

Hast du vielleicht einen Schluck für deinen durstigen Cousin? Ich möchte auch ein bisschen von der Heimat träumen“, fragte Connor. Duncan drehte sich um und schenkte ein weiteres Glas ein, das er Connor gab. Das verbliebene Glas reichte er Micky – ein klares Friedensangebot. Sie nahm das Glas und die Einladung an.
Also, ich frage noch einmal, Comtesse, seit wann rauchst du?“

Seit dem Koreakrieg, aber nur, wenn meine Nerven blank liegen. So wie heute. Isis taucht auf und eben umarmt Methos sie auch noch. Ich dachte, ich hätte Pupillenschwund. Vorher betreibt Methos Kummersaufen und sitzt anschließend im Knast...“
„Hey, ich war nur in Gewahrsam, bis du mich abgeholt hast.“
„Ja, und jetzt darfst du vier Wochen Tretroller fahren bis du deinen Lappen wieder bekommst.“ Methos erwiderte nichts, er verschränkte die Arme vor der Brust und schmollte. Isis auf seinem Schoß strich ihm zärtlich durchs Haar. Ein Anblick, an den Micky sich mit ziemlicher Sicherheit nicht so bald gewöhnen würde.
„Und dann steht auch noch seine Lordschaft Finnigan vor meiner Pforte und bittet um Einlass.“
„Er hätte ja auch draußen bleiben können“, knurrte Duncan.
„Wollen wir noch mal vor die Tür?!“ fragte Micky, legte die Zigarette in den Aschenbecher und nippte an dem Whisky. Er ging lang und weich ab mit einem köstlichen Geschmack nach Malz, Torf und viel Portwein.
„Danke, aber nein danke. Nur eine Frage habe ich noch. Wie viele Geheimnisse trägst du noch mit dir rum?“
„Viele, Baby, viele.“ Duncan stöhnte und setzte sich auf den letzten freien Stuhl am Küchentisch.
„Ich bin zu alt für so was“, meinte er und blickte hilfesuchend zu seinen Freunden.
„Lass uns aus dem Spiel, wir sind froh, dass du die Comtesse genommen hast.“
„Genau, lass uns darauf trinken, Freund Methos“, schlug Connor vor.
„Methusalem bekommt die nächsten vier Wochen nur noch Sojamilch“, rief Micky.
„Wenn das so ist, gehe ich ins Bett. Kommst du mit, meine Königin?“ fragte er Isis. Sie nickte und stand vom Schoß ihres Mannes auf.

 

Nachdem die beiden verschwunden waren, fragte Duncan: „Was im Namen der Gebeine von Bonnie Prince Charlie...“
„Auf das Wohl des Prinzen“, rief Connor dazwischen und nippte wieder an dem Whisky.
„Also noch mal, was hast du mit Methos gemacht? Wieso ist er jetzt so...“, er suchte nach dem passenden Wort und erstickte fast dran. „...nett zu Isis? Der ist doch nicht mehr ganz sauber!“ Micky zuckte die Achseln und starrte in ihr Whiskyglas, doch darin würde sie keine für Duncan befriedigende Antwort finden, höchstens Trost.
„Er sagt, er liebt sie und dass er es einfach nicht schafft von ihr loszukommen.“
„Kommt mir irgendwie bekannt vor“, der Blick, den Connor seinem Cousin zuwarf, sprach mehr als tausend Worte. Mit Micky ging es Duncan, Methos und Connor ganz genauso. Die Frau war ein Biest, sie brachte sich nonstop in Schwierigkeiten, aber alle drei liebten sie Micky auf die eine oder andere Art. Warum sollte es zwischen Methos und Isis da anders sein? Es war nicht leicht für die Unsterblichen einen Weggefährten zu finden, mit dem man die Ewigkeit durchstehen konnte. Schon gar nicht einen unsterblichen Weggefährten. Wenn man diesen Partner einmal gefunden hatte, tat man gut daran ihn oder sie nie mehr loszulassen und alles für dessen Wohlergehen zu tun.
„Ich geh’ zurück ins Bett und du bleib bloß’ hier, wenn du mich nur aufziehen willst.“
„In Ordnung. Connor, geh’ bitte mal an den Küchenschrank. In der obersten Reihe steht mein Linkwood Whisky, 26 Jahre alt. Schmeckt nussig und nach Mandarinen mit einem Hauch von Bourbon. Hol’ ihn her und lass uns Schottland lieben.“ Duncan reagierte nicht auf den abgewandelten Witz, sondern verließ ohne ein weiteres Wort die Küche und überließ seinen Cousin und seine Frau sich selbst und ihren Spinnereien.


 


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4. Der Traum des Sklaven


 

Frankreich, Chateau Dubois, 1. Advent 2006, am Morgen.
Micky saß mit Finnigan am Küchentisch und frühstückte in aller Ruhe. Allmählich wurde es eng beim gemeinsamen Frühstück in der gemütlichen, aber kleinen Küche. Besonders an den Tagen, wenn Isabelle mit Connor gemeinsam im Chateau übernachtete. Da Micky keinen Wert auf ein pompöses Frühstück im Esszimmer legte, stand sie vor den anderen auf. So konnte sie ungestört einige Zeit mit Finnigan verbringen, gegen den Duncan eine nicht übersehbare Abneigung hatte. Finnigan hatte es sich mit seinem blasierten Gehabe und einem nicht gerechtfertigten Anspruch auf Micky bei Duncan restlos und unwiderruflich verscherzt. Duncan hatte ihm klar zu verstehen gegeben, dass er hier nur aufgrund der Gastfreundschaft der Comtesse geduldet war und das Duncan ihn beim geringsten Anlass mit Freuden enthaupten und im Garten verscharren würde. Finnigan, ganz der englische Lord und Gentleman, der er ja nun mal war, hielt sich diskret zurück und versprach eine baldige Abreise gen London, wo ihn Geschäfte erwarteten.

„Bist du soweit, Euer Lordschaft?“
„Sicher dat“, meinte Finnigan und stellte seine leere Kaffeetasse auf den Tisch. Er war ein echtes Sprachgenie und konnte eine nicht überschaubare Anzahl von Dialekten nahezu perfekt imitieren.
Micky stand grinsend auf und sagte: „Dann erhebe deinen edlen, blaublütigen Körper und folge mir. Die Natur ruft.“ Finnigan stand übertrieben ächzend vom Tisch auf. In Wahrheit machte es ihm großen Spaß hinter Micky herzujoggen und über die alten Zeiten zu schwadronieren.
„Allons enfants de la Patrie“, sang Finnigan den Anfang der Marseillaise.
„Wirst du jetzt patriotisch, Finn?“ flaxte Micky und trat durch die Küchentür. Finnigan reagierte nicht und trällerte munter weiter. Micky begann mit ihren Dehnübungen, Finnigan schloss sich ihr an.
„Wenn du aufhörst zu singen, hast du mehr Pust zum Rennen!“ schlug Micky vor und rannte schließlich los. Sie war Patriotin durch und durch, keine Frage. Aber die Marseillaise bereits zum Frühstück war selbst der Comtesse ein wenig zu patriotisch.

 

Finnigan hatte ein Einsehen und versuchte es mit leichter Konversation. Immer wieder gerne erinnerte er sich an ihr Wiedersehen auf Barbados. Seine Lordschaft hatte sich auf den Weg gemacht eine „Lady of Lys Airt“ zu suchen, wenn möglich natürlich eine Unsterbliche. Die Brautwerbung war einfach zu anstrengend. Es gab wichtigere Dinge, mit denen sich ein englischer Lord beschäftigen sollte. Fuchsjagd, Bälle, Empfänge und lange Ausritte über seine Ländereien. Daher war er natürlich besonders erfreut Micky ein weiteres Mal über den Weg zu laufen. Doch die Comtesse dachte nicht im Traum daran seinen Antrag anzunehmen, weder damals noch heute. Finnigan diesen Umstand begreiflich zu machen, war allerdings nicht gerade einfach. Bei seiner Ankunft im Chateau hatte er sogleich nach seinem „Honey Michelle“ gefragt, was Duncan natürlich nicht auf sich hatte sitzen lassen. Er hatte seiner Lordschaft unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er Mickys Ehemann wäre und außer ihm niemand seine Frau mit Kosenamen dieser Art titulieren durfte. Auf jeden Fall nicht ungestraft. Finnigan wollte die Herausforderung natürlich annehmen und stichelte fröhlich weiter, wo sein „Sweetheart“ denn wäre. Duncans Blut hatte stärker gerauscht, als der Wind, der über die schottischen Lochs brauste und das Wasser aufwirbelte. Finnigans erster Fehler waren die diversen Kosenamen gewesen, die Duncan zur Weißglut brachten. Sein zweiter Fehler war die Tatsache, dass Finnigan Engländer war. Duncan als Schotte war ein englischer Lord und ehemaliger Großgrundbesitzer ein ewiger Dorn im Auge, auch noch im 21. Jahrhundert. Wenn er sich dann auch so versnobt präsentierte wie der Lord of Lys Airt, platzte einem stolzen Schotten wie Duncan der Kragen. Damit flehte er ja praktisch schon um ein Duell.

Es fehlte nicht mehr viel und Duncan würde ihn köpfen und im Garten verscharren. Dummerweise hatten schon zu viele Personen im Chateau den Lord gesehen, so dass Micky zumindest von seinem Besuch irgendwie erfahren würde. Und seiner Frau erklären zu müssen, er hätte ihren alten Freund wegen seines blasierten Auftretens und der Verwendung unangemessener Kosenamen für sie enthauptet, das wäre gar nicht gut gekommen. Die Sache mit Pierre de Florent war nur deswegen gerade so glimpflich ausgegangen, weil Micky Duncans Wunsch nach Rache irgendwie nachvollziehen konnte. Den Sonnenkönig konnte Duncan für den Mord an seinem Freund Alexandre und dessen Familie nicht bestrafen. Also hatte er sich an seinem unsterblichen Handlanger gerecht. Und durch diese Tat hätte er fast seine Frau verloren. Also blieb Duncan nur die Möglichkeit alles zu erdulden. Wenn nichts mehr half, konnte er seiner Frau immer noch den Hals umdrehen. Methos hatte mit seinen Verwünschungen vielleicht gar nicht so Unrecht. Es war einerseits ein Segen eine unsterbliche Frau an seiner Seite zu haben, andererseits konnte es auch ein Fluch sein. Besonders mit einer Frau wie Micky.

 

Connor hatte ihr die Geschichte in allen schillernden Details noch in derselben Nacht in der Küche erzählt. Die Flasche Whisky wurde eins ums andere Glas geleert und die Geschichte mit jedem Glas immer amüsanter. Micky war so in der Erinnerung an Connors Erzählung über das Zusammentreffen von Duncan und Finn gefangen, dass sie die Frage des Lord überhörte.

„Wie? Was hast du gesagt? Ich war in Gedanken.“ Finnigan winkte ab, seinem „Sweetheart“ verzieh er einen solchen Fauxpas. Normalerweise verlangte er die ungeteilte Aufmerksamkeit, der Personen, die sich in seinem glanzvollen Wesen sonnen durften.
„Weißt du noch in Bridgetown? Was hatten wir für einen Spaß auf deiner Plantage.“
„Ja, aber nur bis der Sklave Nathaniel meine beste Freundin Amy Barclay ermordet hat!“ warf Micky ein und sprintete den schneebedeckten und gefrorenen Hügel herunter und am Pool vorbei.

 

Der Pool war über den Winter leer gepumpt und wirkte so tot und leer wie alles zu dieser Jahreszeit. Micky sehnte sich nach dem Sommer, wenn sie ihn wieder benutzen konnten und auch wieder öfter auf dem Hausboot schlafen würden. Es war im Winter einfach zu ungemütlich auf dem Hausboot, wenn die Seine von eisigen Böen aufgepeitscht wurde und der Wind ums Boot heulte. Die Stimmen der Toten sprachen durch den Wind, das hatte zumindest Mickys Ehemann Stolzer Hirsch ihr damals erzählt, wenn die kalten Winde durch ihr Dorf zogen, das auf dem Gebiet des heutigen Minnesota gelegen hatte. Vermutlich war da sogar etwas dran. Denn in manchen Nächten kam es Micky so vor, als würden sie zu ihr sprechen und nicht alles, was die Toten zu sagen hatten, musste zwangsläufig freundlich sein.

Finnigan musste ganz schön Gas geben, um mit Micky Schritt halten zu können. Sie kannte die Strecke im Schlaf. Jeden Morgen joggte sie eine Stunde durch den Park, Sommer wie Winter. Sie genoss die Ruhe in der großzügigen, weiten Anlage. Nicht viele Menschen, auch nicht viele Unsterbliche, konnten behaupten einen eigenen Schlosspark zu haben, in dem man beim Joggen nur gelegentlich einen der angestellten Gärtner traf.

Seit einer Woche hatte es nicht mehr geschneit, aber es war so kalt geworden, dass der Schnee gefroren war und den Park in eine weiße, gefrorene Märchenlandschaft verwandelt hatte. Überall an den Bäumen hingen Futterkästen für die Vögel. Raureif bedeckte die blattlosen Sträucher und Bäume.

Pierre hatte wie in jedem Jahr einen prächtigen Weihnachtsbaum geschlagen. Es war wirklich praktisch seinen eigenen kleinen Wald zu haben. Selbstverständlich wurde für jeden Weihnachtsbaum oder das benötigte Kaminholz für die große Anzahl Kamine sofort Ersatz gepflanzt. Micky hatte vor auch noch in weiteren 500 Jahren Ausritte mit Methos durch ihren Wald zu unternehmen und sich während eines Herbststurmes nach Hause tragen zu lassen. Sie lachte, während sie sich an Methos dummes Gesicht erinnerte, nachdem er herausgefunden hatte, dass sie ihn hereingelegt hatte. Finnigan fragte, worüber sie lachte. Also erzählte sie ihm die Geschichte, worauf Finnigan in ihr Lachen mit einfiel.



Frankreich, Paris, Montmartre, am Vormittag.
Der Montmartre Hügel war die höchste Erhebung in Paris, bereits von weitem sah man sein Wahrzeichen Sacré-Cœur. Die römisch-katholische Wallfahrtskirche zeichnete sich als höchster Punkt von Paris nach dem Eiffelturm aus. Im 8. Jahrhundert waren hier mehrere Kirchenvertreter enthauptet worden, was dem Hügel den Namen „Märtyrerberg“ oder im Französischen "Mont des Martyrs" eingebracht hatte. Während der so genannten „Belle Époque“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte es viele inzwischen weltberühmte Künstler wie Renoir, Matisse oder Picasso auf den „Märtyrerhügel“ verschlagen, wo sie einige der bedeutendsten Kunstwerke der Moderne geschaffen hatten.

Außerdem fand man hier den einzigen Weinberg der Stadt. Er befand sich in städtischem Besitz und produzierte jährlich die durchaus ansehnliche Menge von 900 Litern Wein. Jedes Jahr am ersten Oktoberwochenende wurde die „Fête de vendanges“, das traditionelle Weinernte-Fest, gefeiert. Stände wurden oben und unten am Hang errichtet, wo Besucher aus allen Departments Frankreichs und ihrer Weinbruderschaften den Wein erwerben konnten – 40 Euro für einen halben Liter. Der Erlös kam sozialen Projekten im 18. Arrondissement zugute, dem der Montmartre angehörte. Chateau Dubois spendete zu diesem Fest nicht nur eine ansehnliche Geldsumme, sondern auch den hauseigenen Champagner zum Verkauf durch einen oder mehrere der berühmten Weinpaten. Bei Tanz, Folklore und regionalen, aber auch Köstlichkeiten aus anderen Teilen Frankreichs, die es auf der Place de Tetre zu kaufen gab, wurde ausgelassen gefeiert.

 

In Montmartre blühte Mickys Künstlerseele immer wieder auf. Bei manchem Besuch verspürte sie sogar der Wunsch wieder einmal selbst zu Pinsel und Farbe zu greifen. Doch Montmartre verlor allmählich seinen alten Glanz, den er noch in der Jugendstilzeit gehabt hatte. Inzwischen fand man hier fast schon mehr Touristen denn junge, aufstrebende Künstler. Der Montmartre entwickelte sich langsam aber sicher zur Touristenattraktion. Auf der Place de Tetre, knapp 200 Meter von Sacré-Cœur entfernt, konnte man sich sogar günstig porträtieren lassen und anschließend in eines der vielen kleinen Restaurants oder Cafés einkehren. Früher wäre das nicht möglich gewesen, damals lebten die Künstler hier unter sich, suchten ihre Muse und eventuell Käufer, die ihre Werke hochschätzen und ihnen den Sprung in die angesehene Kunstszene verschafften. Deswegen hatte Micky sich auch dort das Loft gekauft, nachdem sie im 20. Jahrhundert in so viele große Kriege verwickelt gewesen war. Sie wollte einige Jahre verschnaufen, wieder zu sich selbst zurückfinden, sich zurückziehen und einfach nur malen. Ihr Loft war eine kleine Oase, in der sie sich mit anderen Künstlern getroffen und in dem sie gelebt hatte, bis sie Duncan über den Weg gelaufen war. Zu dem Zeitpunkt war sie bereit gewesen wieder am Weltgeschehen teilzunehmen. Drei Jahrzehnte hatten ausgereicht, um zu einer inneren Ruhe zurückzufinden, die sie in den Wirren der Welt-, Korea- und Vietnamkriege und der darauf folgenden kalten Kriegsjahre verloren hatte. Jetzt wohnte Richie dort und zahlte natürlich keine Miete für das 120 Quadratmeter große Juwel. Ihn störten die Touristen nicht, er flirtete mit den hübschen Europäerinnen und gelegentlich konnte er einer sogar seine Briefmarkensammlung zeigen.


 

Egal, dachte Micky seufzend und sah sich auf dem Antiquitätenmarkt um, der heute in Montmartre stattfand. Der kalte Winter hielt weder die Einheimischen noch Touristen davon ab ein Schnäppchen zu erwerben. Einige Stände verkauften Glühwein und heiße Schokolade, somit sollte niemand Frostbeulen beim Geldausgeben davon tragen. Eigentlich war der Markt eher eine Mischung aus Floh-, Künstler- und Antiquitätenmarkt und für jeden Geschmack war etwas dabei. Und je länger der Ausflug dauern würde, umso besser.

Um Finnigan möglichst von Duncan fernzuhalten, unternahm Micky viel mit ihm und möglichst weit weg vom Chateau. Solange Duncan den Lord nur zum Abendessen zu Gesicht bekam, konnte Micky die Situation immer noch irgendwie entschärfen. Duncan mochte Finnigan nicht und schien eifersüchtig auf ihn zu sein. Oh, du grünäugiges Monster, genannt Eifersucht. Duncans Eifersucht konnte Micky nicht verhindern. Was sie aber verhindern konnte, war, dass ihr lieber Freund seinen Kopf verlor solange er Mickys Gastfreundschaft genoss.

„Sieh mal, Finnigan, das ist Kunsthandwerk aus der Karibik… Verzeihen Sie, Monsieur, haben Sie etwas aus Barbados?“ fragte sie den Verkäufer. Im nächsten Augenblick ließ sie eins der Stücke fast fallen. Sie zuckte zusammen und sah sich besorgt auf dem Platz um. Dicht gedrängt standen Touristen, Einheimische und Verkäufer überall - feilschten, handelten und riefen laut und in vielen Sprachen durcheinander.
„Wo?“ raunte Finnigan noch immer Ausschau haltend, auch er hatte die Gegenwart eines anderen Unsterblichen gespürt.
„Mon Dieu! Das glaube ich nicht!“ rief Micky erschrocken.
„Was? Was ist denn, Mylady?“
„Da ist Nathaniel!“ sagte sie. Im gleichen Moment sauste ihre Hand hoch und ihr Finger zeigte auf einen über zwei Meter großen, sportlichen Farbigen. Er trug ein dunklen Mantel und dunkle Hosen und war somit schwer in der Menge auszumachen. Doch Micky hatte sein Gesicht nie vergessen, nicht nach dieser Nacht auf Amy Barclays Plantage. Ein Schaudern überlief sie und sie musste es sich eingestehen, Micky verspürte leichte Angst vor dem ehemaligen Sklaven, der ihre Freundin so brutal ermordet hatte.
„Der deine Freundin Amy getötet hat?“ flüsterte Finnigan nun ebenfalls besorgt. Dieses Ereignis hatte Micky so mitgenommen, dass sie ihre Plantage verkauft hatte und nach Europa zurückgekehrt war.
„Ja, komm schnell!“ Sie griff Finnigans Hand und schob sich durch die Menschenmenge. Nathaniel ließ sie dabei nicht aus den Augen.

 

Während Micky sich immer weiter vorwärts arbeitete, kehrte die Erinnerung an jenen grauenhaften Tag zurück. Der Tag, an dem Amy Barclay für den irrsinnigen Traum eines Sklaven hatte sterben müssen. Für einen Traum, der sich letztendlich für Nathaniel erfüllt hatte. Allerdings ganz anders als von ihm geplant.

 

Westindische Inseln, Barbados, 1686.
Was ist passiert?“ schrie Michelle gegen den tropischen Sturm an, der gerade über die Insel hinwegfegte.

Die Palmen bogen sich bedenklich hin und her. In unmittelbarerer Nähe des Haupthauses flogen mehrere große Palmwedel vorbei. Aus den Sklavenbehausungen schimmerte schwach das Licht herüber zu Michelles Haus. Wenn das Unwetter vorüber war, würde sie ihren Aufseher hinschicken, damit er sich überzeugen konnte, dass es den Sklaven gut ging. Eigentlich war es Michelle zuwider Sklaven zu halten, dennoch war es unumgänglich, zumindest überall in der Neuen Welt. Doch auf kaum einer Plantage der Westindischen Inseln ging es den Farbigen besser als bei Michelle. Sie bekamen ebenso gutes Essen wie ihre Herrin, niemand wurde geschlagen und die gerechte Arbeitszeit ließ ihnen genug Zeit für ihre Familien.

Es geht um Misses Amy“, schrie der junge Richter Jeremy Williams ebenso laut wie Michelle, in der Hoffnung den Tropensturm zu übertönen. Der dunkelhaarige, junge Engländer schaute normalerweise regelmäßig auf Michelles Plantage „Le petit paradis“ vorbei, weil er ihr den Hof machte. Michelle ignorierte es tunlichst, im Augenblick war sie an einer Ehe nicht im Geringsten interessiert. Doch heute führte ihn sein Beruf als Richter von Bridgetown, der Hauptstadt von Barbados, her. Und eine traurige Pflicht. Richter Williams wusste, dass Amy Barclay die beste Freundin von Michelle Dubois gewesen war, einer reichen Französin, die vor 34 Jahren in Brigdetown an Land gekommen war und sich eine prächtige Zuckerrohrplantage gekauft hatte. Amy Barclay war die Witwe eines englischen Plantagenbesitzers. Ihr Mann Jonathan war fünf Jahre zuvor am Fieber erkrankt und nach kurzen aber heftigen Leiden gestorben und Amy hatte seitdem nicht wieder geheiratet. Sie genoss ihr Leben als Herrin von „Barclays Landscape“. Hatte es genossen, wohl eher.
Misses Amy ist tot, Misses Michelle“, erklärte Richter Williams und drückte die Verandatür mit aller Wucht zu. Michelle bekam große Augen. Sie keuchte entsetzt und ging einige Schritte rückwärts in die trockene Halle.
Michelle, Honey, was ist passiert?“ fragte Finnigan, der einen Kopf aus der Salontür gesteckt hatte. Richter Williams musterte den Konkurrenten abschätzend. Er konnte den eingebildeten Engländer nicht leiden, der Jeremys Herzensdame ebenfalls den Hof machte. Was der Richter nicht ahnen konnte, Michelle hatte nicht die Absicht, weder dem einen noch dem anderen die Tür aufzumachen und eine Mrs. Williams oder Lady of Lys Airt zu werden. Es genügte ihr vollauf die Comtesse Dubois zu sein.
Amy Barclay. Sie ist tot!“ Finnigan stieß die Tür auf und stürmte auf Michelle zu.
My Goodness, das ist ja schrecklich. Wie ist das passiert, Euer Ehren?“ fragte er den Richter, den er auf einer von Michelles regelmäßig stattfindenden Gesellschaften kennen gelernt hatte. Ein unerwünschter Konkurrent, die beiden konnten sich nicht leiden, wahrten aber die Form. Zumindest in Gegenwart ihrer Herzensdame.
Einer der Sklaven, Nathaniel, hat irgendein teuflisches Voodoo-Ritual durchgeführt. Als er aufgegriffen wurde, hat er immer wieder beteuert, er wollte durch Misses Amys Blut unsterblich werden.“ Michelle und Finnigan warfen sich einen besorgten Blick zu, den der Richter nicht bemerkte. Warum wünschten sich die Sterblichen immer das, was Michelle und Finnigan bereits besaßen? Nathaniel würde sicher nicht mehr so denken, wenn er von der „Zusammenkunft“ und den Kämpfen wüsste.
Was wird jetzt passieren, Jeremy?“
Er wird aufgeknüpft und zwar gleich. Und da Misses Amy keine Verwandten hat und Sie, Misses Michelle, waren mit Verlaub, ihre beste Freundin. Würden Sie als Zeugin anwesend sein?“ Michelle schluckte und packte sich unwillkürlich an den Hals. Finnigan legte vertraulich eine Hand auf ihre Schulter. Der Richter knurrte leise, die Herrin von „Paradis“ ignorierte es geflissentlich.
Also gut, es gibt zwar genügend nach dem Sturm auf ‚Paradis’ zu tun, aber das bin ich Amy schuldig. Kommst du mit, Finnigan?“
Surely. Ich lasse dich doch in finsterster Stunde nicht allein, Mylady!“ Der unsterbliche Lord hatte Michelle im Jahre 1634 in der englischen Grafschaft Cornwall kennen gelernt und ihr schon damals den Hof gemacht. Und auch schon damals hatte Michelle nicht im Traum daran gedacht die Lady of Lys Airt zu werden. Sie hatte ihre Rundreise wieder aufgenommen, wohlwissend alleine und war schließlich im darauf folgenden Jahr auf Connor gestoßen, der mit einem Strick um den Hals auf seine Hinrichtung als Pferdedieb wartend den Heiligen Abend verbracht hatte. Vor vier Jahren schließlich hatte seine Lordschaft Finnigan sie auf Barbados aufgespürt und umgarnte Michelle seitdem wieder mit all seinem Charme. Er mochte eine Landplage sein und Michelle ganz schön auf Trab halten, aber in der Not hielt er zu der Freundin.


Kurz darauf hatten sie ‚Barclays Landscape’, ebenfalls eine Zuckerrohrplantage, erreicht. Das Herrenhaus war hell erleuchtet, es schmiegte sich vertrauensvoll an einen steilen Abhang umgeben von Palmen. In einem der Zimmer war vermutlich gerade die Leiche von Amy aufgebahrt und harrte der letzten Ehrerbietung der angesehenen Bridgetowner Gesellschaft.

Traurig und auch ein wenig verstört stieg Michelle aus ihrer Kutsche und ergriff Finnigans dargebotene Hand. Der Sturm war endlich vorüber. Richter Williams stieg vom Pferd und marschierte zielsicher einen Abhang herunter. Vor der höchsten Palme auf Amy Barclays Plantage stand eine Gruppe Sklaven, Amys Sklaven. Oder inzwischen wohl herrenlose Sklaven, die mit dem gesamten Nachlass von Amy veräußert werden würden. Auf einem Pferd saß ein riesiger, beinahe furchteinflößender Sklave. Er war über zwei Meter groß, die Feldarbeit hatte ihm einen muskulösen Körper beschert. Er trug kein Hemd, sondern nur eine kurze, zerrissene Hose, die von Blut, Amys Blut, durchtränkt war.

Ich wollte doch nur die Unsterblichkeit“, beteuerte Nathaniel mit dem Strick um den Hals immer wieder.

Richter Jeremy Williams schritt auf den Verurteilten zu, musterte ihn kurz angewidert angesichts der fassungslosen Bluttat und drehte letztendlich sein Gesicht zur Menge.

Der Sklave Nathaniel hat Misses Amy Barclay brutal während eines heidnischen und streng verbotenen Rituals ermordet. Misses Amy war immer gut zu euch, was jetzt aus euch wird, weiß nur Gott, der Herr.“ Der Richter drehte sich wieder zu Nathaniel um, sein Blick zeigte unverhohlene Abscheu. „Was aus dir wird, Nathaniel, weiß nur Satan, der dich für deine Tat empfangen wird.“ Er gab dem Pferd einen festen Schlag auf das Hinterteil, es tat einen Satz nach vorne. Nathaniel versuchte noch sich mit den Füßen festzukrallen, doch das Pferd war schneller. Er verlor den Halt und begann zu zappeln.


Nach Meinung des Richters war es viel zu schnell vorüber, Michelle war es nicht schnell genug gegangen. Vor etwas mehr als einem halben Jahrhundert hatte sie den Schotten Connor MacLeod davor bewahrt als Pferdedieb von englischen Soldaten aufgehängt zu werden. Ihre erste Begegnung am Weihnachtsabend in der Grafschaft Surrey. Es war eine äußerst unangenehme Art zu sterben. Zugegeben, es war weniger schmerzhaft als die 27 Messerstiche, an denen Michelle gestorben war oder der Schwerthieb, der Connor auf dem Schlachtfeld getötet hatte. Dennoch es war barbarisch, eine Kugel wäre viel schneller gegangen. Wenn Michelle nicht um ihren guten Ruf besorgt gewesen wäre, hätte sie eine Ohnmacht vorgetäuscht um der Hinrichtung zu entkommen. Aber sie wollte nicht als schwaches Weib gelten, besonders nicht im Hinblick auf die „Zusammenkunft“. Unsterbliche, die stur Köpfe jagten und Begegnungen zählten, könnten das als Einladung verstehen.

 

Endlich schnitt Amys Vorarbeiter den toten Nathaniel auf Geheiß des Richters herunter. Als die Leiche auf den nassen Boden fiel, blickte Jeremy Williams auf ihn herab und meinte nur: „Viel zu schnell und zu gut für dich. Lasst euch das eine Lehre sein, Leute. Mord wird sofort bestraft. Gott sei mit euch.“ Er schritt davon, Finnigan folgte ihm. Michelle wechselte einige Worte mit den Sklaven. Sie wollte sie beruhigen wegen ihrer ungewissen Zukunft, einige von ihnen konnte sie kaufen, aber nicht alle. Außerdem kam es ihr merkwürdig vor, dass ein so unauffälliger Sklave wie Nathaniel auf einmal zum Mörder wurde. Vielleicht wusste einer der Sklaven etwas.


Während Finnigan die Kutsche holen ließ, schlich sich die Herrin von „Paradis“ in den schlichten Holzschuppen, wo man Nathaniels Leiche aufgebahrt hatte. Die Befragung der verängstigten Sklaven hatte nichts gebracht, jetzt wollte sie einen letzten Blick auf Amys Mörder werfen und nach Hause fahren. Nathaniel würde wahrscheinlich von seinen Leuten irgendwo begraben werden. Auf jeden Fall nicht auf dem Friedhof. Einem verurteilten Mörder wurde ein christliches Begräbnis verweigert, doch eine Bestattung nach den Riten seines Volkes verwehrte der Richter ihnen nicht.


Die Tür zum Schuppen ging knarrend auf, Michelle hielt ihre Lampe vor sich ausgestreckt in die Dunkelheit hinein. Sie stolperte über auf dem Boden liegendes Werkzeug und fluchte. Es gab ein reißendes Geräusch, Michelle fluchte wieder vor sich hin und ließ dabei die Lampe an ihrem Kleid herunter gleiten. Ein Riss verlief über die komplette Länge des Rockes.

Merde!“ Da würde ihre Schneiderin Überstunden machen müssen. Michelle hatte aber auch ein Pech mit ihrer Garderobe. Hoffentlich würde sich das in den kommenden Jahrhunderten ändern.

Jetzt stand sie unmittelbar vor Nathaniels Leiche. Sie stellte die Lampe auf einen Sockel und drehte sie weiter auf. Sofort wurde der Schuppen in ein helles, freundliches Licht getaucht. Langsam schritt sie an dem Leichnam entlang und untersuchte ihn oberflächlich. Am Gesicht angekommen, hielt Michelle inne und musterte den friedvollen Gesichtsausdruck. Nathaniel war nie auffällig gewesen. Wieso hatte er so etwas tun können?

Jesus!“ schrie Michelle mit einem Mal. Augen, schwarz wie Kohlen und eindringlich starrend. Sie stürzte zurück. Der Leichnam schnappte nach Luft.
Was ist passiert, Missus?“ fragte Nathaniel mit der typischen Singsang-Stimme der Sklaven. „Wo bin ich? Wieso bin ich nicht tot?“
Glaub’ mir, du wirst es gleich endgültig sein!“ rief Michelle und rannte aus dem Schuppen. Mit einem Riegel verschloss sie die Türen und beeilte sich zu ihrer Kutsche zu kommen. Ihr Herz pochte heftig in ihrer Brust, während sie den Weg zurück rannte. Wenig damenhaft hatte sie ihre Röcke gerafft, um schneller zu sein.

An der Kutsche angekommen, stürzte sie auf den hinteren Teil zu. Dort in einer Truhe zwischen Werkzeugen für eine Wagenpanne lag ihr Schwert. Sie holte ihr Toledo Salamanca hervor. Die Klinge blitzte im hellen Vollmond. Finnigan war nirgendwo zu sehen. Umso besser, dann konnte sie die Sache alleine und vor allem schnell hinter sich bringen.
 

Als sie den Schuppen erreichte und den Riegel entfernte, erwartete sie das vertraute Zusammenzucken, Erschaudern oder was auch immer vor der Gegenwart eines anderen Unsterblichen warnte. Doch nichts dergleichen geschah. Vielleicht dauerte es, bis das Frühwarnsystem aktiv wurde? Michelle war bis jetzt noch nicht auf einen frisch auferstandenen Unsterblichen getroffen.

Sie zog die Tür auf und schritt mit vor sich ausgestrecktem Schwert in den Holzschuppen rein.

Nathaniel, komm raus und lass es hinter uns bringen. Für dich gibt es keine ‚Zusammenkunft’. Aber einen schnellen Tod, wenn du dich stellst.“ Hinter ihr raschelte es, Michelle fuhr herum. Eine Maus sauste davon und versteckte sich im Stroh.
Ich sag’s zum letzten Mal, Nathaniel, komm raus.“ Sie hatte das andere Ende des Schuppens erreicht. Ein Fenster war eingeschlagen, Blut war auf den Boden getropft. Der Sklave war getürmt.
Verdammt!“ fluchte Michelle, drehte sich um und mit rauschenden Röcken rannte sie aus dem Schuppen und Finnigan direkt in die Arme.
Langsam, Mylady. Was ist denn los?“ Michelle war so wütend, sie trat Finnigan mit voller Wucht auf den Fuß. Der hüpfte auf und ab wie ein Storch im Salat.
Er ist einer von uns! Verdammt noch mal!“
Das ist kein Grund, um mich grob Körper zu verletzen! So wirst du nie die Lady of Lys Airt!“
Herrgott noch mal, Finnigan. Wer sagt, dass ich das überhaupt sein will!“ Er blickte sie erstaunt an, seine Mundwinkel sackten ins Bodenlose als hätte sie ihm gerade erklärt, dass Großbritannien ab morgen Republik sein würde und kein Empire mehr. Er war ein reicher, englischer Lord und stand in der Thronfolge für das mächtige britische Empire. Keine Frau konnte einem solchen Angebot widerstehen. Michelle schon. Vor allem interessierte sie ihm Moment ein Mann wesentlich mehr, aber nur weil sie seinen Kopf wollte.
Ich finde dich, Nathaniel Barclay und wenn es das letzte ist, was ich… Herrgott, Finnigan, ich habe dir keine Kanonenkugel auf den Fuß fallen lassen. Los, wir müssen ihn finden.“ Sie packte den Engländer am Arm und zog ihn mit sich fort.

 

Frankreich, Paris, die Gegenwart.
Doch in dieser Nacht hatten sie Nathaniel nicht mehr gefunden und auch später nicht mehr. Bis heute hatte Micky nie wieder von Nathaniel Barclay gehört.

Während sie hinter dem großen, nicht zu übersehenden Farbigen her rannten, hämmerte Mickys Herz wie verrückt. All die Wut und der Zorn auf den Mörder ihrer Freundin waren auch nach 320 Jahren noch längst nicht verschwunden. Nathaniel hatte für einen teuflischen Wunsch eine gütige, liebevolle Frau ermordet. Viele von Amys Sklaven hatten darunter zu leiden gehabt. Einige hatte Micky damals kaufen können, doch die meisten waren an Plantagenbesitzer verkauft worden, die mit ihren Sklaven weniger gut umgegangen waren. Und schlussendlich waren sie auch Mickys Schutz entzogen worden, weil sie nach Amys Tod nichts mehr auf Barbados gehalten hatte.


Finnigan beobachtete, wie Amys Mörder in aller Seelenruhe ein Taxi bestieg und selbiges losfuhr. Es fädelte sich in den Verkehr der französischen Hauptstadt ein. Micky schwang sich hinter das Steuer ihres Z3, der Lord schaffte es gerade noch die Tür zu schließen, da gab sie auch schon Gas.

Als Leibwächterin von JKF hatte sie sich einen rasanten Fahrstil angewöhnt, der ihr jetzt sehr nützlich war. Im dichten Verkehr verlor Micky das Taxi nie aus den Augen.

 

Sie fuhren an der Brücke Alexandre III. vorüber. Sie war nach dem russischen Zaren Alexander III. benannt und verband die Esplanade des Invalides mit dem Champs-Elysées. Alexanders Sohn Nikolaus II. hatte die Brücke, die als Symbol für das russisch-französische Bündnis erbaut worden war, feierlich eingeweiht. Micky hatte keine Ahnung, wohin die Fahrt führen würde. Eines war aber sicher, am Ziel der Reise würde sie Nathaniel Barclay töten.

 

Die Fahrt führte sie immer weiter aus der Stadt heraus. Allmählich dämmerte es ihr.

„Er will zum Flughafen!“ rief sie.
„Was? Bist du sicher?“
„Natürlich. Das Taxi fährt zum Charles de Gaulle. Ein Glück habe ich meine Tasche mit dem Schwert und meine Reisepapiere dabei. Und wie sieht es mit dir aus, Finn?“
„Ich gehe nie ohne meinen Ausweis aus dem Haus. Und mein Schwert liegt in deinem Kofferraum, Mylady. Aber sollten wir nicht besser…“
„Nein“, fuhr sie den Engländer an. Er zuckte die Achseln und genoss die Aussicht. Diese Frau war stur und von einem Plan nur mit Gewalt wieder abzubringen. Finnigan gab sich in ihre hübschen Hände und fügte sich in sein Schicksal.

 

Frankreich, Paris, Flughafen Charles de Gaulle, 40 Minuten später.
Micky fuhr ihren BMW ins Parkhaus des nordöstlich von Paris gelegenen Flughafens und rannte dicht gefolgt von Finnigan ins Terminal 1. Dort gab es einen Informationsschalter und eine freundliche Angestellte, die bereitwillig Auskunft erteilte.

Excusez moi, Madame. Ein lieber, alter Freund mir, Nathaniel Barclay, ist eben hier vorbei gekommen. Ich möchte ihn am Gate verabschieden, können Sie mir sagen, wohin er fliegt?“ Die Flughafenangestellte gab den Namen in ihren Computer ein.
„Er fliegt nach London, Madame. Die Maschine fliegt in einer halben Stunde. Es ist ein Direktflug nach Heathrow.“
„Danke sehr, Madame. Komm, Finnigan.“ Sie griff sich ihre Reisetasche und rannte zum Flugschalter.
„Guten Tag, Madame. Zwei Plätze auf der Maschine, die nach London Heathrow fliegt.“
„Gerne, Madame. Ihre Kreditkarte bitte. Raucher oder Nichtraucher?“
“Nichtraucher, erste Klasse.“ Die junge Frau zog Mickys Mastercard durch den Scanner.
„Sehr gerne, Mrs. MacLeod. Ihre Ausweise bitte.“ Micky legte ihren und Finnigans Personalausweis auf den Tresen. „Euer Lordschaft, es ist eine Ehre, dass Sie mit uns fliegen“, bemerkte die Frau in Richtung von Finnigan und grinste kokett. Micky stöhnte. Wahrscheinlich überlegte sie, ob es eine Lady Finnigan gab. Was fanden die Frauen nur an einem Adelstitel? Micky hatte ihren seit ihrer Geburt und benutzte ihn in der Regel nur, wenn sie einen Vorteil daraus schlagen konnte. Okay, es hatte seine Vorzüge adlig zu sein, doch für gewöhnlich nannte sie sich nur Mrs. MacLeod. Apropos, MacLeod. Sie sollte Duncan eine Nachricht hinterlassen, damit er sich nicht unnötig Sorgen machte. Sie zückte ihr Handy und wählte Duncans Nummer. Die Mailbox ging ran. Nun, dann würde sie drauf sprechen.
„Duncan, hier ist Micky. Ich fliege mit Finnigan nach London. Ich melde mich später.“ Sie schaltete das Handy aus, klappte es zusammen, steckte es weg und rannte mit Finnigan zum Check-Inn.


Duncan hörte die Nachricht eine halbe Stunde nachdem der Flieger Charles de Gaulle in Richtung London verlassen hatte ab.

„Ich bring’ sie um. Dieses Mal ist sie zu weit gegangen“, rief Duncan. Er ging ins Schlafzimmer, warf wahllos ein paar Kleidungsstücke in seine kleine, handliche Reisetasche, holte sein Katana und stürmte in Richtung der Garage davon.
„Was glaubt sie eigentlich?! Dass sie mit dem gelackten Affen in ein fröhliches Wochenende fliegen kann und ich bleibe als gehörnter Ehemann zu Hause im Schloss hocken? Da hat sie die Rechnung ohne den wütenden Schotten gemacht! Einer von ihnen wird den Kopf verlieren!“
„Hey, Duncan, was ist denn los?“ rief ihm Connor verwundert hinter her. Er sah nur die Reifen des Thunderbird im Schnee durchdrehen. Das Auto hatte doch gar keine Winterreifen, was zum Teufel ging hier vor? Eigentlich wollte Connor es gar nicht wissen. Er würde lieber in die Küche gehen und nachsehen, ob Elisabeth schon etwas zum Mittagessen gezaubert hatte. Seinem Magen nach zu urteilen, war jetzt Essenszeit.

 

 

5. Der Tod wartet im Tower

 

Großbritannien, London Heathrow, am Nachmittag.
„Du kannst ihn nicht sofort erledigen, Mylady.“
„Das ist mir auch klar, Finnigan.“ Sie schoben sich an den anderen Passagieren vorbei. Mit Handgepäck kamen sie recht zügig durch die Flughafenkontrollen, genauso schnell wie Nathaniel Barclay. Er hatte auch nur eine kleine Tasche dabei.
„Na, dann ist es ja gut. Fahr’ du ihm hinterher und ich miete für uns eine Suite im Dukes Hotel. Die freuen sich immer, wenn ich dort nächtige.“ Micky grinste, das konnte sie sich lebhaft vorstellen. Finnigan war im Stande in einer einzigen Nacht ein Vermögen durchzubringen. Als steinalter, englischer Lord hatte er wahrlich genug Geld, das sich praktisch von selbst vermehrte. Wiederholt hatte er Micky angeboten die Lady of Lys Airt zu werden, aber sie legte auch heute noch keinen Wert auf diesen Titel.
„Gut, ich sehe dich dann später, Eure Lordschaft. Bleib’ sauber.“
„Du auch, Mylady.“ Er gab Micky einen Handkuss und schlenderte zum Dutyfreeshop. Für einen kleinen Einkaufsbummel war immer Zeit.


Micky schulterte ihre Reisetasche und folgte Nathaniel Barclay in sicherem Abstand. Es war ihr unbegreiflich, dass er noch immer den Namen seiner ehemaligen Besitzerin trug. Früher war es üblich gewesen, die Sklaven zwecks Unterscheidung mit einem für gewöhnlich biblischen Vornamen und dem Nachnamen des Plantagenbesitzers zu versehen. Da Nathaniel Amy ermordet hatte, war Micky eigentlich davon auszugehen, dass er mit dem Namen Barclay nichts mehr zu tun haben wollte. Doch er trug ihn auch nach über drei Jahrhunderten noch. Die arme Amy würde sich im Grabe umdrehen, davon war Micky überzeugt, während sie in ein Taxi stieg. In das erste in der langen Reihe schwarzer Fahrzeuge war Nathaniel Barclay eingestiegen.

„Folgen Sie dem Taxi“, wies Micky den Fahrer auf Englisch an. Der Taxifahrer bemerkte Mickys leichten Akzent und vermutete in ihr eine Touristin. Es verwunderte ihn daher, dass sie ein Taxi verfolgen wollte. Doch der Kunde war König oder in diesem Fall war die Kundin Königin.

 

Micky war schon so oft in London gewesen. Mehrere Rundreisen durch Großbritannien hatten sie stets in die englische Hauptstadt geführt. Während ihrer Zeit bei der französischen Résistance hatte sie das Hauptquartier des MI6 mehrfach besucht. Einmal hatte sie einen Deutschen und seine Familie hier abgeliefert. Für seine erfolgreiche Flucht aus Nazideutschland hatte er dem MI6 einen wichtigen Dechiffriercode gegeben. Doch ganz besonders das „Elisabethanische Zeitalter“ war Micky unvergessen geblieben. Elisabeth I. hatte England zu der herrschenden Seemacht Europas gemacht. Leider hatte Micky nur noch die letzten Jahre der Herrschaft der „jungfräulichen Königin“ erlebt. Ihre Loyalität zu Katharina von Medici hatte ihr quasi verboten den Hof Elisabeths zu besuchen, da diese einen der Söhne Katharinas, den absonderlichen François-Hercule de Valois, Herzog von Alençon, als Mann an ihrer Seite abgelehnt hatte. Es stand aber völlig außer Frage, dass es für Elisabeth die klügste Wahl gewesen war. Zumal der Herzog im jungen Alter von 29 Jahren kinderlos und unverheiratet an Tuberkulose gestorben war.

 

Bedingt durch den Schutz und die Unterstützung der Königin Katharina war Micky damals natürlich ihr verpflichtet gewesen und nicht der Königin Elisabeth. Daher hatte sie den Geschichten aus England zwar fasziniert gelauscht, ihr Reisefieber unterdrückt. Doch die Erzählungen über die Heldentaten des Piraten Ihrer Majestät, Sir Francis Drake, oder ihres Liebhabers Robert Dudley, dem Grafen von Leicester, waren bis nach Frankreich vorgedrungen und hatten die Comtesse über die Jahre gefesselt und den Wunsch nach einem Besuch in England gestärkt . Und so hatte Micky sich nach einem Jahrzehnt in der Gesellschaft von Darius entschlossen sich den legendären Hof der Tudor-Königin doch noch mit eigenen Augen anzusehen.

 

Wenn man unsterblich war, hatte das den nicht von der Hand zu weisenden Vorteil, dass man die grandiose Entwicklung einer Stadt zur Hauptstadt eines Empires und schließlich zur Weltstadt beobachten konnte. Man sah immer mehr Bauwerke entstehen, die schon bald einen historischen Charakter bekamen. Die meisten der Sehenswürdigkeiten Londons hatte Micky während ihres langen Lebens schon besichtigen können. Wenn sie Barclay erledigt hatte und noch etwas Zeit blieb, konnte sie eine noch ausführlichere Stadterkundung als während ihrer letzten Besuche unternehmen und ein wenig shoppen gehen. Zum Beispiel fand sie in Notting Hill, dem Künstlerviertel, das durch den gleichnamigen Film berühmt geworden war. Und dort in der Portobello Road auf dem Antiquitätenmarkt einige interessante Objekte erwerben, die sie in ihrer Galerie verkaufen konnte.


Nach einer kurzen Fahrt ins Londoner Zentrum fuhr Barclays Taxi an den Straßenrand, der Fahrer wurde bezahlt und Barclay stieg aus. Seelenruhig begann der Mann nun mit einem Einkaufsbummel in den exklusiven Geschäften und Boutiquen der britischen Hauptstadt. Micky bezahlte ihren Fahrer und kaufte sich an einem Stand in der Nähe eine Tüte „Fish & Chips“. Sie ließ Barclay nicht eine Minute aus den Augen. Wenn ihr Blick aber doch mal für einen kurzen Augenblick an der exquisiten Auslegeware eines der Schaufenster hängen blieb, entdeckte sie den großen Mann mühelos in der Menge wieder.

Barclays Weg durch good, old London führte von Geschäft zu Geschäft. Irgendwann stellte Micky fest, dass sie in der Bond Street stand. In dieser weltberühmten Einkaufsstraße und auch in der Old Bond Street fand man einige der teuersten und exklusivsten Geschäfte Londons. Wäre Micky nicht so vom Jagdfieber gepackt gewesen, hätte sie durchaus ein Auge für die fantastischen Designerstücke, die angesehenen Kunstgalerien, Schmuck- und Antiquitätengeschäfte gehabt. Doch so hakte sie die Bond Street zunächst einmal ab, bis sie sich Nathaniel Barclays Kopf geholt haben würde.

 

Der Nachmittag verstrich unaufhaltsam und machte ganz langsam dem Abend Platz. Micky atmete erleichtert auf. Im Dunkeln konnte sie Barclay in eine düstere Seitenstraße locken und ihn zum Duell fordern. Die ganze Zeit über hatte sie sich außerhalb des Frühwarnradius gehalten, doch jetzt überschritt sie die unsichtbare Grenze. Sie sah, wie Nathaniel zusammenzuckte und sich nachdenklich in alle Richtungen umsah. Micky hob eine Augenbraue und lächelte ihm entgegen, als er sie entdeckte. Dieses Lächeln konnte man keinesfalls als freundlich bezeichnen.

„Sie!“ rief Nathaniel und sah sich suchend nach einem Ausweg um. Micky beschleunigte ihren Schritt und stand im nächsten Augenblick vor dem farbigen Unsterblichen, zu dem sie aufblicken musste. Doch seine Größe und der durchtrainierte Körper würden sie nicht von ihrer Rache abhalten.
„Ja ich, Nathaniel. Ich will eine alte Rechnung überbringen. Eine Rechnung, die dir Richter Williams schon einmal zugestellt hat.“ Der ehemalige Sklave verzog keine Miene.
„Was wollen Sie tun? Mich mitten auf der Bond Street köpfen? Lady, ich glaube, so verrückt sind Sie nicht.“
„Das hat nichts mit verrückt sein zu tun, Nathaniel.“ Sie trat noch einen Schritt näher und stand direkt vor ihm. Sie konnte die Schweißperlen sehen, die sich trotz der britischen Kälte auf seiner Stirn bildeten. „Ich fordere dich zum Duell. Nicht hier. Heute Abend, 21 Uhr im Tower. Und ich rate dir zu kommen. Ich finde dich, egal, wo du dich versteckst. Suche an der Westseite der Mauer nach dem Zeichen der Tudors, dort findest du einen geheimen Eingang.“ Sie ging zur Straße und hob ihren linken Arm. „Taxi“, rief sie und schon hielt eines vor ihr. Sie öffnete die Tür und meinte noch: „Sei pünktlich, Nathaniel. Sonst komme ich und hole dich.“

 

Großbritannien, London, der Tower, kurz vor 21 Uhr.
Die Grundsteine für den Tower von London waren bereits im 11. Jahrhundert gelegt worden. Er war ein überaus vielseitiges Gebäude, beherbergte er zum einen einst unter anderem Gefangene, zivile und königliche wie Elisabeth Tudor, bevor sie Königin von England geworden war. Zum anderen war er in alter Zeit Festung, Münze, Staatsarchiv, Waffenarsenal und sogar Observatorium gewesen. Heute beschützte er die Kronjuwelen und offenbarte dem interessierten Besucher ein beeindruckendes Waffenarsenal.

Bis zur Regentschaft von König Jakob I. hatten alle englischen Könige und Königinnen für kurze Zeit im Tower gewohnt. Das Krönungsritual hatte verlangt, dass der Monarch vor dem Tag der Krönung im Tower übernachtete und dann in feierlichem Zug durch die Stadt nach Westminster ritt. Elisabeth I. hätte bei ihrer Inthronisierung sehr gerne auf diese Tradition verzichtet. Immerhin war sie dort nach der Wyatt-Verschwörung – an der sie entgegen der blühenden Fantasie der Königin und ihrer Ratgeber nicht beteiligt gewesen war - wegen Verrats an ihrer königlichen Halbschwester Maria I. (auch genannt „Bloody Mary“ wegen ihrer blutigen Verfolgung der ketzerischen Protestanten) inhaftiert worden. Trost hatte Elisabeth alleine in Robert Dudley gefunden, der zeitgleich mit ihr dort arretiert gewesen war und ihr sein Herz geschenkt hatte.

 

Charles II. („The Merry Monarch“) war von einer alten Legende, die das Ende des Königsreiches bedeuten sollte, wenn die Raben jemals den Tower verlassen, dermaßen bestürzt gewesen, so dass er verfügt hatte, immer eine gewisse Anzahl Raben im Tower festzuhalten. An der Tradition hielten die Engländer noch immer fest, genauso wie man an der Monarchie festhielt. Heute in modernen Zeiten wurden den Raben – Tierschützer dürfen erleichtert aufatmen - in einem schmerzfreien Verfahren die Flügel gestutzt, um sie vom Verlassen des Towers abzuhalten. Die tierischen Wächter der britischen Monarchie mussten dort auf dem königlichen Rasen aber nicht etwa darben. Ein Mitglied der Beefeaters-Garde – der so genannte Ravenmaster - war ausschließlich für das Wohl der Raben zuständig.

Jenen Raben, die seit den 1950er Jahren verstarben, wurde außerdem am Burggraben eine Gedenktafel errichtet. Hierzu gab es ein strikt einzuhaltendes Beerdigungszeremoniell. Die lebenden Raben - derzeit neun an der Zahl - bewohnten sogar ein eigenes Rabenhaus, das neben dem Wakefield-Tower stand. Somit war die britische Monarchie nicht in Gefahr zu verschwinden. Denn die Raben saßen auch zukünftig Tower und eine weitere Elisabeth auf dem Thron.

 

Ein Schaudern überkam Micky in der klammen Kälte Londons, während sie nach dem jahrhundertealten und keinem Sterblichen mehr bekannten Geheimgang suchte. Der Tower war eine Festung und wie beinah jede Festung verfügte auch diese über eine nicht überschaubare Anzahl an Geheimgängen. Da Micky ihn bereits im 17. Jahrhundert in Begleitung von Finnigan, einem bekanntermaßen entfernten Verwandten der Tudors, besucht hatte, war ihr die Lage von zumindest einem geheimen Zugang, der bei einer aussichtlosen Belagerung der Stadt dem König und seinen Getreuen eine Flucht hätte ermöglichen sollen, noch gut im Gedächtnis. Im Schutz des dunklen Winterabends suchte Micky die Westseite der im Jahre 1078 von Wilhelm dem Eroberer ursprünglich errichteten Burganlage ab, die die Normannen vor den Londonern und die Stadt London grundsätzlich schützen sollte. Natürlich war sie im Laufe der Jahrhunderte immer weiter ausgebaut worden, und seit 1988 gehörte der Tower von London zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Viele Historiker, Forscher und Archäologen hatten den Tower besucht, erforscht und versucht all seine Geheimnisse zu ergründen. Doch keiner unter ihnen war auf alle und ganz besonders nicht jenen Geheimgang gestoßen, den Micky gerade suchte. Wie auch? War er doch nur noch ganz wenigen Menschen bekannt – und eben nur noch einigen wenigen Unsterblichen.

 

Endlich hatte Micky den Eingang gefunden. Sie drückte einen unscheinbaren schwarz verfärbten Stein nach hinten, der sich auf den ersten Blick nicht von den übrigen unterschied. Wer wusste, wonach er suchen musste, fand den Zugang allerdings mit Leichtigkeit. Eine kleine stark verblasste rot-weiße Tudor-Rose. Sie war das unverwechselbare Symbol für das Ende der blutigen Rosenkriege und der Vereinigung der Häuser Leicester und York, aus denen die Tudors und somit sechs Regenten Englands hervorgegangen waren: Heinrich VII., Heinrich VIII., Eduard VI., Jane Grey (die Neuntagekönigin), Maria I. (auch genannt „die Katholische“) und zu guter Letzt Elisabeth I., die den Beinamen "die jungfräuliche Königin" trug. Da Elisabeth I. nicht heiraten und einem Mann Macht über sich und ihr Königreich hatte einräumen wollen, verlöschte die Linie der Tudors 1603 mit dem Tod von Elisabeth I. Zwar gab es noch seine Lordschaft Finnigan, aber wie sollte man den Windsors, allen voran Elisabeth II. und dem britischen Volk begreiflich machen, dass ein weit entfernter Cousin der Tudors, der das in ihren Augen erstaunliche Alter von 405 Jahren hatte, Anspruch auf den britischen Thron erheben konnte? Dass es auf unbestimmte Zeit, eigentlich bis in alle Ewigkeit sofern Finnigan nicht den Kopf verlor, „Jackson Alexander der Erste, von Gottes Gnaden des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland und seiner anderen Königreiche und Territorien König, Oberhaupt des Commonwealth, Verteidiger des Glaubens“ heißen und dass man ja eigentlich „God save the King“ singen müsste.

Über diese durchaus sinnige, jedoch nicht zu lösende Frage versuchte Micky nicht nachzudenken, während sie durch den feuchten und stockfinsteren Tunnel schlich, den sie zuletzt mit Finnigan durchstreift hatte. Was sie lösen konnte, war der Kopf von Nathaniel Barclay von seinen Schultern, um Amy endlich zu ihrem ewigen Frieden zu verhelfen.

Ein modriger Geruch lag in dem Korridor. Micky zog die Nase kraus und warf einen Blick auf ihre Lederstiefel von Prada. Sie waren schlammverkrustet. Bei ihrer überstürzten Abreise aus Paris hatte sie nicht viel mehr Kleidung dabei gehabt, als was sie am Körper getragen hatte. Ursprünglich war ja auch nur ein Ausflug nach Montmartre geplant gewesen und keine Exkursion durch einen alten Geheimgang im Tower von London. Vor über dreihundert Jahren hatte ihr und Finnigan eine Fackel den Weg erhellt. Jetzt durchflutete das Licht einer leistungsstarken Taschenlampe den Korridor. Auf dem staubigen Boden entdeckte sie frische Fußabdrücke, die einem sehr großen Menschen gehören mussten. Also war Nathaniel bereits eingetroffen. Ihr Herz pochte schnell und verteilte, das für die Auseinandersetzung dringend benötigte, Adrenalin durch ihren geschmeidigen Körper.

 

Der schmale Tunnel führte nicht direkt in den Innenhof des Towers, sondern erst eine Zeit lang durch die Mauer hindurch in Richtung des alten Schafottplatzes, wo insgesamt neben vier „gewöhnlichen Gefangenen“ auch die Königinnen Anne Boleyn, Katharina Howard und Jane Grey hingerichtet worden waren. Die Königinnen Anne und Katharina waren Frauen von Heinrich VIII. gewesen, die ihm nicht den erhofften Thronfolger geboren und somit ihr Leben verwirkt hatten. Anne hatte nur Elisabeth Tudor das Leben geschenkt und wurde der Hexerei angeklagt, um die dritte von insgesamt sechs Ehen des Königs zu ermöglichen. Katharina hatte ihr Schicksal geteilt, weil sie nicht nur keinen Thronerben geboren, sondern auch die Ehe mit dem bereits stark gealterten König gebrochen hatte und somit Platz für Ehefrau Nummer sechs, die bereits zwei Mal verwitwete Catherine Parr machen musste.

Heinrichs einziger Sohn, der ewig kränkliche Eduard wurde mit zehn Jahren zu König Eduard VI. gekrönt. Eduard war wie seine Halbschwester Elisabeth protestantisch erzogen worden. Einzig seine ältere Halbschwester Maria, die Tochter der erzkatholischen Katharina von Aragón war streng katholisch erzogen worden. Sollte sie auf den Thron gelangen, drohte die neu gegründete anglikanische Kirche, deren Oberhaupt der junge Eduard VI. nach dem Tod seines Vaters geworden war, gnadenlos und blutig zerschlagen zu werden. Nun hätte Eduard seine Schwester Elisabeth als Erbin proklamieren können, doch die vier Jahre ältere Schwester war offiziell als Bastard einer Hexe gebrandmarkt und folglich nicht gesellschafts- oder gar regierungsfähig. Eduards erster Berater, John Dudley, Lord Lisle, wusste Rat, da er selbst nach Macht strebte. In weiser Voraussicht hatte Lord John seinen Sohn Guilford mit Eduards Großnichte Jane Grey, einer protestantischen Fürstin königlicher Abstammung, verheiratet. Schnell war der junge Kindkönig von John Dudleys Vorschlag überzeugt. Nachdem der sechszehnjährige Eduard aufgrund seiner immens schlechten Gesundheit erkannt hatte, dass er keine siebzehn mehr werden würde, bestimmte er in seinem Testament Jane Grey zur offiziellen Thronerbin. Er wollte damit unter allen Umständen verhindern, dass der Papst und der Katholizismus, den sein Vater so entschlossen aus England vertrieben hatte, nicht wieder mit seiner katholischen Halbschwester Einzug halten konnte. Die papsttreuen Anhänger von Maria Tudor putschten jedoch gegen Königin Jane, schafften sie in den Tower, wo sie auf Geheiß von Maria der Katholischen nach nur wenigen Tagen Regentschaft als letzte königliche Gefangene hingerichtet wurde. Sie ging in die Geschichte als „die Neuntagekönigin“ ein, obwohl sie offiziell dreizehn Tage mit ihrem jungen Gemahl Guilford an der Seite regiert hatte.


Zumindest inoffiziell war Guilfords jüngerer Bruder Robert, der spätere Graf von Leicester, länger „König“ als Guilford. Während der gemeinsamen Inhaftierung im Tower hatten er und Elisabeth sich in einander verliebt. Nach Marias Tod und Elisabeths Inthronisierung ernannte sie den Geliebten kurzerhand zum Oberstallmeister. Er saß bei Ratssitzungen mit am Tisch und sein Wort hatte durchaus Gewicht bei der Königin. Eine erste Prüfung erfuhr ihre Liebe, als Elisabeth erfuhr, dass Robert verheiratet war und Elisabeth von ihren Beratern zu einer Ehe gedrängt wurde. Noch sträubte sie sich gegen die Ratschläge und gegen die üblen Gerüchte, die über Dudley im Palast kursierten. Doch nach dem mysteriösen Tod von Roberts Frau Amy sank er stetig in Elisabeths Gunst. Diese hatte er wohl gänzlich verloren, als Elisabeth ihn 1563 ihrer Großcousine Maria Stuart, ihrerseits Königin von Schottland und Konkurrentin um den englischen Thron als potentiellen Heiratskandidaten unterjubeln wollte. Mit diesem genialen Schachzug wollte Elisabeth, da Robert Protestant war, die zweite katholische Maria in ihrem Umfeld politisch mundtot machen. Maria lehnte es strikt ab den abgelegten Bettgefährten ihrer Kontrahentin zu ehelichen. Das königliche Geplänkel, in dessen Verlauf zahlreiche Komplotte aufgedeckt wurden, ging noch Jahrzehnte weiter. Die Attentatsversuche wurden allesamt Maria Stuart angelastet. Ob dies der Tatsache entsprach oder der Geheimdienstchef Francis Walsingham nachgeholfen hatte, konnte nie definitiv geklärt werden. Schließlich wurde sie 1587 auf Befehl von Königin Elisabeth auf dem Schafott hingerichtet.


All diese Ereignisse hatte Micky nur aus zweiter oder dritter Hand erfahren, da sie an Katharina Medicis Hof gelebt hatte und anschließend mit Darius durch Italien gezogen war. Als sie schließlich 1601 Elisabeths Hof erreichte, war der Ruf der englischen Königin bereits legendär, aber ihre Glanzzeit war vorüber. Die Liebe ihres Lebens, Robert Dudley, war zu diesem Zeitpunkt schon seit 15 Jahren tot. In Gnaden hatte sie ihn wieder am Hofe aufgenommen und das Kommando über ihre Bodentruppen im Kampf gegen die spanische Armada erteilt. Die Spanier hatten aber nie einen Fuß auf englischen Boden gesetzt und so war Robert Dudley kurz nach der Seeschlacht wenig rühmlich in der Nähe von Oxford an Malaria gestorben. Zu diesem Zeitpunkt hatte Micky noch als Hofdame bei Katharina Medici gedient.

 

Ja, ja, dachte Micky und seufzte. Die gute, alte Zeit. Nicht, dass das 21. Jahrhundert nicht toll war. Wenn Micky ein heißes Bad nehmen wollte, musste ihr Personal nicht mehr Eimer für Eimer durch das Chateau tragen und die Wanne füllen. Sie musste nur den Hahn aufdrehen. Aber die Zeiten waren damals schon irgendwie glanzvoller gewesen. Zumindest wenn man dem Adel angehört hatte. Micky war klar, dass die Bevölkerung heute ohne Frage besser dran war. Aber noch einmal einen Empfang am Hof des Sonnenkönigs erleben zu können, das wäre schon was. Noch eine einzige rauschende Ballnacht in Versailles oder den Tuilerien… Noch ein einziger Tag mit Nostradamus als er noch ein junger Mann gewesen war.

Großer Schöpfer, 506 Jahre - ein wenig jung für eine Midlifecrisis. Eigentlich dauerte das ein paar tausend Jahre. Zumindest war es bei Methos so gewesen. Er hatte seine Midlifecrisis 1969 gehabt. Micky war auf den völlig abgedrehten Methos auf der Wiese nahe Bethel während des Woodstock-Festivals gestoßen, wo er genauso sinnlos vor sich hingebrabbelt hatte, wie bei seinem letzten Wiedersehen mit Isis. Damals hatte ihm selbst eine gute Flasche Wodka oder auch ein Joint nicht mehr helfen können. Sein Aussehen an und für sich war schon merkwürdig gewesen. Eine rot gefärbte Sonnenbrille, ein weites Hemd und Haare bis in den Nacken. Sie hatte ihn fast nicht erkannt. Gut, damals waren viele merkwürdige Typen auf den Wiesen herumgelaufen und hatten „Peace“ und „Make love not war“ gerufen. Aber der Anblick von Methos als Hippie war ein richtiger Kulturschock für Micky gewesen.

Doch sein Verhalten hatte sein Outfit bei weitem übertroffen. In einem fort hatte er den Sinn seiner unsterblichen Existenz hinterfragt und sich in eine längst vergangene Zeit zurück gewünscht.

Und nun steuerte Micky offensichtlich geradewegs auf ihre höchst eigene Midlifecrisis zu. Und natürlich kam sie zu einem höchst unpassenden Zeitpunkt. Sie war glücklich verheiratet, sie hatte eine Familie. Ihre Tochter war nach zehn Jahren aus der Versenkung aufgetaucht. Ihre Galerie lief Dank Duncans Erfahrung und Richies tatkräftiger Unterstützung besser denn je.

Vielleicht war es dieser Ort, vielleicht waren es die Ereignisse des vergangenen Jahres? In wenigen Wochen würde sich 2006 seinem Ende zuneigen und Micky würde bald schon 507 Jahre alt werden. Durfte sie da nicht einen Moment innehalten und ihr Dasein hinterfragen? Natürlich durfte sie das. Nur nicht gerade jetzt und hier.

Zunächst musste sie Nathaniel erledigen, dann würde immer noch genug Zeit zum Philosophieren bleiben. Eventuell sollte sie einen kleinen Ausflug nach Whitelake im Staat New York machen, wo das allererste Woodstock-Festival stattgefunden hatte und nachsehen, was aus der Farm von Max Yasgur geworden war? Der gute Max hatte gegen das stolze Honorar von 50.000 Dollar sein 243 Hektar großes Grundstück an die Veranstalter vermietet. Leider hatte der Farmer nicht viel davon gehabt, wurde er doch im Anschluss an Woodstock von seinen Nachbarn auf Schadensersatz in Höhe von 35.000 Dollar verklagt wegen Schäden, die die Festival-Besucher verursacht hatten. Wie gewonnen, so zerronnen.


Endlich hatte Micky entdeckt, wonach sie gesucht hatte, während ihre Gedanken gen Woodstock abgedriftet waren. Vor sich entdeckte sie den Ausgang aus der Mauer und auf den Hof hinaus. Sie drückte nacheinander eine bestimmte Kombination von Steinen, ein Nichteingeweihter würde hier nie wieder rauskommen. Doch Micky verfügte zum Glück über ein fotografisches Gedächtnis. Heute würde man wohl sagen, ihr Verstand arbeitete wie ein Computer. Was sie einmal gelesen oder gesehen hatte, war unwiderruflich gespeichert. Besonders ausgeprägt war ihr räumliches Gedächtnis. Daher entdeckte sie auch im Inneren der Mauer die Tudor-Rose, die hier genauso wie an der Außenseite die Tür markierte, mit Leichtigkeit.

Ein tiefes Grollen durchzog die altehrwürdigen Mauern, während die Geheimtür gemächlich wie Methusalem zur Seite glitt und den Blick auf den ehemaligen Schafottplatz freigab. Aber offensichtlich war es nicht nur die Geheimtür gewesen, sondern auch Mickys Magen. Die Tüte „Fish & Chips“ hatte nicht wirklich lange vorgehalten. Nun ja, wenn sie das Duell gewonnen hatte, war ja wohl ganz klar, dass sie den Zimmerservice im Dukes Hotel bemühen und ein langes, heißes Bad nehmen würde. Sie fröstelte. In dem muffigen Geheimgang war es ein klein wenig wärmer als auf dem früheren Hinrichtungsplatz gewesen.


Entschlossen trat Micky heraus und sah sich kurz um. Der Innenhof lag in völliger Finsternis. Micky zuckte zusammen, aber nicht, weil sie Nathaniel Barclay gespürt hatte, sondern weil die Tür mit einem schaurigen Geräusch wieder zugeschlagen war. Komisch, dachte sie. Aufgleitet sie wie eine alte, scheintote Mumie und zu schlägt sie so schnell, als hätte sie noch einen Termin zur Maniküre einen Tag vor Silvester bekommen. Verstehe einer die Architekten des Mittelalters. Micky tat es gewiss nicht. Erstaunt hatte sie im 17. Jahrhundert festgestellt, dass Chateau Dubois ebenfalls über einen Geheimgang verfügte, der unterirdisch in die Kirche des Dörfchens „Petit Chateau Dubois“ führte. Offensichtlich hatte ihr Vorfahre Godefroi-Thierry Dubois bei der Errichtung des Chateaus 1460 dem Abzug der englischen Besatzer nicht so ganz getraut und vorsorglich einen Fluchtweg bauen lassen. Micky hatte den Tunnel während ihrer Zeit bei der Résistance benutzt, um von den Nazis ungesehen das Schloss betreten und wieder verlassen zu können.

Irgendwo rechts von ihr krächzten die königlichen Raben. Elende Viecher. Totenvögel hatte ihr Vater sie immer genannt, wenn sie im Winter, während das Land totengleich brach gelegen hatte, auf den Äckern nach etwas Fressbarem suchten.

Verdammt war das kalt. Also dass Thermometer, das sie auf der Taxifahrt hierher an einer Apotheke entdeckt hatte, musste etwas Falsches angezeigt haben. Minus zwei Grad Celsius, die spinnen die Briten, kam es ihr in den Sinn. Minus zehn Grad, das traf es schon eher. Sie fühlte sich an die Nacht während des ersten Weltkriegs erinnert, als sie auf dem Feld erfroren war. Es schauderte sie.

„Denk lieber an die heiße Wanne nachher“, sprach sie sich Mut zu und zog den Reißverschluss an ihrem Rollkragenpulli bis ganz nach oben. Langsam ließ Micky den Gurt ihrer kleinen Reisetasche von der Schulter gleiten. Möglichst leise öffnete sie den Reißverschluss der Tasche und holte ihr Schwert hervor. Die Echos, die von den dicken Verteidigungsmauern zurückgeworfen wurden, kamen ihr so laut wie die Geräuschkulisse während eines Footballspiels vor.

Im nächsten Moment gingen Flutlichter an und tauchten den Platz in grelles Licht. Mickys Herz schlug etliche Takte schneller. Wieso hatte sie plötzlich Angst? Das war doch lächerlich! Sie hatte schon so viele Duelle überstanden und so viele Racheschwüre erfüllt. Sie fühlte sich wie bei ihrem ersten Duell 1544 in Wittenberg. Lächerlich, das war es in der Tat. Seither war sie eine gute Kämpferin geworden, die die meisten Duelle mühelos bestand. Doch heute war es irgendwie anders. Die Dreistigkeit mit der sie Barclay auf der Bond Street gefordert hatte, war verflogen.

„Jetzt reiß dich aber mal zusammen, Dubois! Das ist doch albern!“ ermahnte sie sich selbst, wobei sie sich im Kreis um sich selbst drehte und nach Nathaniel Barclay Ausschau liegt.

Aber war es wirklich so lächerlich vor dem Duell mit Nathaniel Angst zu haben? Vor dem Schlitzer hatte sie ja auch Angst gehabt. Zumindest beim ersten Zusammentreffen 1687, als er sie durch die dunklen Gassen von Madrid gejagt hatte.

Bei Nathaniel lag die Sache dahingehend anders, als dass er im 17. Jahrhundert ein fanatischer Voodoo-Anhänger gewesen war. Dies hatte ihn letztlich auch zu dem bestialischen Mord an Amy bewogen. Während ihrer Zeit als Herrin von „Le petit paradis“ hatte Micky an einigen Voodoo-Zeremonien teilgenommen. Der Unterricht in Kräuterkunde war eine willkommene Erweiterung ihrer Kenntnisse. Doch manche der Rituale waren einfach nur schaurig. Noch heute gruselte sie die Erinnerung daran. Wenn im Fernsehen ein Film lief, der eine derartige Zeremonie darstellen sollte, wurde sie ganz blass und still bei der Erinnerung an die tatsächlichen Rituale. Noch nicht einmal die versehentliche Beschwörung von Dschingis Khan war so erschreckend gewesen wie manche Rituale der Voodoo-Anhänger auf Barbados.

„Mistress Dubois, ich bin hier!“ rief jemand nach ihr. Micky drehte sich nach links und sah Nathaniel auf sich zukommen. Seine Stiefel knirschten im festgetretenen Schnee, wo die Spuren unzähliger Besucher die Beliebtheit dieser Londoner Sehenswürdigkeit verdeutlichten.

Der riesige Unsterbliche trug einen schwarzen Mantel, der im aufkommenden Wind flatterte. Mit einem Mal riss der Himmel auf und gab die Sterne frei. Nathaniels kohlengleiche Augen blitzten auf, Micky schluckte. Er sah immer noch so furchterregend aus wie damals. Sie fühlte sich in der Zeit zurück versetzt und glaubte plötzlich wieder in jenem Schuppen zu stehen, über die Leiche von Amys Mörder gebeugt. Doch heute stand ihr Nathaniel gegenüber, riesig und einschüchternd. Wie hatte Amy ihn nur so lange bändigen können? Es war Micky ein Rätsel.

Sie musterte sein Erscheinungsbild kritisch. Jede Einzelheit wollte sie sich einprägen und immer an diese Nacht zurückdenken können. Sein krauses Haar war relativ kurz geschnitten, nur in seinem Nacken trug er eine Strähne, die zu einem dünnen Zopf geflochten war. Diese Strähne hatte er seit dem Tag, an dem er die Unsterblichkeit und die Freiheit erlangt hatte, wachsen lassen. Ab und an kürzte er ihn auf eine akzeptable Länge, um unnötige Fragen zu vermeiden.

„Hallo, Nathaniel. Es freut mich, dass du pünktlich bist. Ich habe lange gewartet, um dich in die Hölle zu schicken.“ Beide zogen sie ihre Schwerter und näherten sich. Das Licht des Mondes fing sich in ihren Klingen. Die Comtesse hatte sich auf dem Weg zum Duell einen Pferdeschwanz gebunden, die langen brauen Haare wippten auf und ab, während sie auf ihren Kontrahenten zuschritt. Ihr weißer Lackledermantel leuchtete wie das Licht eines Leuchtturms im Innenhof des Towers.
„Warum, Mistress? Warum muss das hier sein?“ Micky traute ihren Ohren nicht, das war ja wohl die Höhe!
„Das fragst du allen Ernstes, Nathaniel?!“ Sie spuckte auf den Boden. Wenig ladylike, zugegeben, aber im Moment interessierte sie sich nicht für feine Manieren, sondern nur für ihre Rache und Amys Seelenfrieden.
„Was auf Barbados passiert ist, ist doch schon so lange her… 300 Jahre. Können wir es nicht vergessen und ich lade Sie zum Abendessen ein?“ Micky schnappte ungläubig nach Luft. Dieser Mistkerl hatte Amy Barclay, einer jungen, wunderschönen Witwe, die noch ihr halbes Leben vor sich gehabt hatte, die Kehle durchgeschnitten und lud Micky nun als Friedensangebot zum Essen ein? Wo lebte sie denn? Vor 324 Jahren wäre er aufgeknüpft worden. Ich weiß, was ihr denkt, geschätzte Leser: das wurde er ja auch. Aber wer hätte damals ahnen können, dass man Nathaniel damit seinen Herzenswunsch erfüllen und ihm die Unsterblichkeit bescheren würde? Richter Williams bestimmt nicht, der hatte zu seinen Lebzeiten nichts von den Unsterblichen erfahren. Für ihn war Nathaniel ein entflohener Sklave, ein Mörder einer weißen Frau, der mittels Voodoo um seine Hinrichtung herumgekommen war. Doch was Richter Williams nicht mehr hatte zu Ende bringen können, würde Micky heute Nacht erledigen.
„Ich glaube, dein Gehirn braucht Sauerstoff! Seitdem du aufgehängt wurdest, ist es wohl chronisch unterversorgt, Nathaniel! Wenn ich dir den Kopf abgeschlagen habe, kommt aber wieder genug rein!“ Sie näherte sich mit einer unbeschreiblichen Wut im Bauch. Ihr Herz hämmerte, das Adrenalin rauschte in den Adern. Sie hatte sich noch nie so sehr einen Kampf gewünscht wie heute Nacht. Nach dieser Unverfrorenheit war auch die Angst vor ihrem Gegner verflogen.
„Wie wäre es mit ein paar Diamanten? Ich bin reich.“ Sie lachte unbeeindruckt. Hatte er vergessen, dass sie eine Comtesse war?
„Ich bin reicher, Nathaniel! Nichts was du hast, kann mich davon abbringen mir deinen Kopf zu holen und Amys Tod zu sühnen.“ Sie hob ihr Toledo Salamanca und schlug auf ihn ein. Nathaniel hob rasch sein eigenes Schwert, ein Langschwert, das riesig war, um sich zu verteidigen.
„Tun Sie dass, weil ich schwarz bin?“
„Nein, weil du ein Mörder bist! Du hast Amy die Kehle durchgeschnitten! Sie hat alle Sklaven immer gut behandelt. Wir konnten euch damals nicht freilassen, nur gut für euch sorgen. Und du hast sie zum Dank dafür getötet! Egal, welche Hautfarbe du hast, ich würde dich um den ganzen Globus jagen dafür!“

Die Klingen berührten sich und klirrten scheppernd. In der Ferne krächzten die Raben aufgeregt und schlugen mit ihren gestutzten Flügeln.

„Ich mach dich fertig, Nathaniel! Du Dreckschwein! Du hast meiner Freundin den Hals durchgeschnitten und jetzt schlag’ ich dir den Kopf dafür ab! Ausgeblutet ist sie! Du hast sie ausbluten lassen wie ein Tier! Du Monster!“ Während sie all ihre schmerzhaften Erinnerungen in Worte packte, die sie Nathaniel brutal entgegenschleuderte, schlug sie unerbittlich auf ihn ein. Nathaniel zuckte bei Mickys Worten immer wieder zusammen. Er erinnerte sich an die Nacht seiner ersten Belebung. Micky registrierte es nicht, sie war zu sehr in den Kampf vertieft. Ihr Körper befand sich im Blutrausch, in Momenten wie diesen konnte sie Duncan und Connor verstehen, wenn sie von den Schlachten erzählten, die ihre Clans in den Highlands geschlagen hatten. Und wenn sie ehrlich war, hätte sie verdammt gerne an ihrer Seite gekämpft. Wenigstens ein einziges Mal.
„Aber muss es jetzt so enden, Mistress?“
„Oh ja!“ schleuderte sie ihm entgegen und wehrte einen Schlag mit seinem Langschwert ab. Langsam wurden ihre Arme schwer. Nathaniel war nicht nur ein Riese, sondern auch ein wandelndes Muskelpaket. Micky hatte das Gefühl ihre Arme würden ihr gleich abfallen. Nathaniel machte einen für seine Verhältnisse kleinen Schritt und stand ihm nächsten Moment direkt vor Micky. Er holte aus und versetzte ihr einen Kinnhaken mit dem reich verzierten Griff seines antiken Schwertes. Micky stolperte über die Pfennigabsätze ihrer weißen Prada-Lederstiefel, die ohnehin die ganze Zeit in der gefrorenen Erde stecken blieben.
„Verdammt!“ fluchte sie. Barclay kam mit seinem Schwert auf sie zu. Irgendwo klingelte ein Handy. Micky erkannte verwirrt, während sie auf die Füße kam und ein paar Schritte nach hinten auswich, dass es ihr eigenes war. Sie haderte kurz mit sich, ob sie rangehen sollte. Aber das penetrante und nicht enden wollende Klingeln lenkte sie enorm ab. Also griff sie schnell in ihre Manteltasche und fischte ihr Handy heraus. Barclay sah sie irritiert an.
„Kaffeepause?“ fragte er grinsend. Seine weißen Zähne blitzten ihr vom Mondlicht künstlich aufgehellt entgegen.
„Gleich geht’s weiter. Mach’ dir keine falschen Hoffnungen, Nathaniel.“ Der Riese stützte sich auf den Griff seines Langschwertes und machte einen vergnügten Eindruck.
„MacLeod!“ meldete sie sich genervt.
„Hier auch.“ Verdammt, Duncan. Den hatte sie ja total vergessen. Seit sie am Mittag nach London aufgebrochen war, hatte sie keinen Gedanken mehr an ihn verschwendet. Er war wahrscheinlich ziemlich in Sorge über ihr plötzliches Verschwinden.
„Hi, Baby. Ich bin beschäftigt…“
„Kann’s weitergehen, Mistress Dubois? Ich hab’s eilig.“ Micky stöhnte genervt.
„Beschäftigt!“ brüllte ihr Duncan nun ins Ohr. Sie hielt den Hörer ein wenig weiter weg und zuckte Nathaniel mit den Schultern entschuldigend entgegen.
Sie legte kurz eine Hand auf das Telefon und flüsterte: „Mein Mann.“ Nathaniel grinste.
„Hallo, hallo?!“ tönte es ihr entgegen. Micky nahm ihre Hand weg und hielt sich das Handy wieder näher ans Ohr.
„Ja, Duncan. Ich bin hier. Wie gesagt, ich bin beschäftigt…“ Er fluchte auf Gälisch, Micky bekam rote Ohren. Und das hatte nicht alleine etwas damit zu tun, dass es saukalt war und gerade wieder angefangen hatte zu schneien.
„Du hinterlässt eine Nachricht auf meiner Mailbox, dass du nach London fliegst mit Finnigan und sonst nichts! Und wie beschäftigt bist du?! Liegst du mit seiner Lordschaft in der Kiste?!“ Seine Frau schnappte angesichts dieses ungeheuerlichen Vorwurfs deutlich hörbar nach Luft.
„Duncan!“ rief Micky empört. Aus dem Augenwinkel sah sie Nathaniels Langschwert auf sich zu kommen. Geistesgegenwärtig parierte sie den Schlag. Mit der Spitze verpasste er ihr einen Schnitt am linken Bein. Sie stieß zischend die Luft aus. Verdammt, das tat weh!
„Was zum Teufel war das? Duellierst du dich gerade?!“
„Wie kommst du nur da drauf!? Muss Schluss machen!“ Wo hin jetzt mit dem elenden Handy? Nathaniels Schwert sauste schon wieder auf sie zu. Kurz entschlossen warf Micky ihr Mobiltelefon neben sich auf den Boden und umklammerte ihr Schwert mit beiden Händen.
„Micky! Micky!“ rief Duncan besorgt, das Handy lag aufgeklappt im Schnee und sog die Nässe in sich ein. In Chateau Dubois hörte Duncan gedämpft durch den Schnee die konfusen Kampfgeräusche an sein Ohr dringen.
„Au, verdammt!“ rief Micky. Nathaniel hatte ihr das Schwert aus der Hand geschlagen und einen Schnitt am linken Arm verpasst. Duncan rief wiederholt ihren Namen, doch Micky war so in den Kampf vertieft, dass sie es nicht bemerkte.
„Lady, wir können immer noch aufhören. Ich will Sie nicht töten. Sie waren immer gut zu meinen Brüdern und Schwestern.“ Erschrocken hörte Duncan, was Mickys Gegner gesagt hatte.
„Nimm sein Angebot an!“ flehte er laut und eindringlich in sein Telefon hinein. Er konnte nur erahnen, in was für einen Schlamassel seine Comtesse sich da mal wieder hinein manövriert hatte. Und er war nicht da, um ihr beizustehen.
„Niemals!“ schleuderte Micky Nathaniel entgegen. Mit der Rechten, die bei weitem nicht so geschult im Umgang mit dem Schwert war, wie ihre eigentliche Schwerthand, die Linke, hob sie ihr Schwert auf, schlüpfte aus ihren Stiefeln und stürmte in Nylonstrümpfen auf ihren Gegner zu. Nun war sie zwar noch einmal gut zehn Zentimeter kleiner als er, doch ihr Stand war ohne die Pfennigabsätze wesentlich sicherer.
„Bekommen Sie jetzt kalte Füße, Mistress?“ lachte Nathaniel. Wenn sie unbedingt bis zum Äußersten gehen wollte, konnte Nathaniel sie ohnehin nicht davon abhalten. Die Comtesse Dubois hatte seinerzeit in Bridgetown den Ruf gehabt mit dem Kopf durch die Wand zu gehen. Wahrscheinlich hatten die Männer der Stadt das als ihre anziehendste Eigenschaft angesehen. Nathaniel war es egal. Wenn sie unbedingt sterben wollte, konnte und würde er nachhelfen.
„Willst du kämpfen oder Sprüche klopfen, Nathaniel?“ knurrte Micky gereizt. Ihre Zehen fühlten sich an wie Eiswürfel. Zum Glück würde die Belebung etwaige Frostbeulen und Erfrierungserscheinungen alsbald regenerieren. Immerhin hatte Micky vor auch im kommenden Sommer wieder offene Schuhe von Manolo Blahnik zu tragen.

Nathaniel holte aus, er war absolut siegessicher. Doch Micky erkannte, was er vor hatte und schloss ihre Verteidigung. So traf er nur Mickys Klinge. Die Wucht des Aufpralls schlug ihm das lange Schwert aus der Hand. Micky zögerte keine Sekunde. Sie holte aus und verpasste Nathaniel einen Hieb entlang des Bauches. Nathaniel keuchte und sackte ihn die Knie. Jetzt war er auf einer für Micky bequemen Höhe. Sie empfand keine Reue, während ihr Schwert sich allmählich immer weiter nach oben erhob.

„Jetzt fährst du zur Hölle, Nathaniel.“ In seinen Augen lag Bedauern, wie es schien.
„Ich wollte doch nur die Unsterblichkeit“, beteuerte er genau wie vor 324 Jahren auf Barbados.
„Die hattest du, aber der Preis war zu hoch!“ Sie holte weit aus mit beiden Händen, die Führung lag aber in der rechten. Der linke Ärmel ihres teuren Mantels war blutgetränkt. Karl würde ganz bestimmt wieder die Krise kriegen, wenn er den Schlamassel zu sehen bekam.

Zielsicher und mit rasender Geschwindigkeit schoss das Schwert auf Nathaniels Kopf zu. Die scharfe Klinge des asiatischen Schwertes, die sie in ihrer anstrengenden Abschlussprüfung 200 Mal gefaltet hatte – genau wie Connor – durchtrennte die Sehnen und Muskeln an Nathaniel Barclays Hals. Der Kopf fiel platschend in den Schnee, der Körper folgte im selben Augenblick nach.


Micky stellte sich aufrecht hin, hob ihr Schwert mit rechts nach oben und wartete auf die Blitze. Sie zuckten bereits aus dem toten Körper, krochen über den verschneiten Hof des Towers und suchten sich ihren neuen Wirt. Micky schrie nicht, als der erste Blitz sie packte. Es war zu riskant. Den Kampf mochten der Ravenmaster oder die Sicherheitskräfte des Towers vielleicht verpasst haben, aber wer sagte, dass sie von Mickys Schreien nicht auf den Plan gerufen werden würden.

Hoch in den nächtlichen Himmel zuckten die Blitze. Immer mehr durchströmten Micky.


Und dann endlich war es vorbei. Micky kroch erschöpft auf allen Vieren zu ihren Stiefeln. Wenigstens die waren noch heil. Sie stülpte sich das wärmende Leder über die taub gefrorenen Füße und suchte nach ihrem Handy. Einige Schritte von ihr entfernt lag es, Micky griff danach und bekam einen Stromschlag verpasst.

„Autsch!“ fluchte sie. Das war wohl hinüber. Schnee und die Blitze der Energieübertragung waren zuviel für ihr Handy gewesen. Schade. Aber hier lassen konnte sie es nicht. Mit den Fingerspitzen griff sie danach und schob es ihre Manteltasche. Möglicherweise konnte man wenigstens noch die Telefonnummern retten, die auf dem Chip gespeichert waren. Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Wannenbad. Genau, ab ins Hotel und in die warme Wanne. Aber irgendwas war doch noch. Genau. Micky kam unsicher schwankend auf die Füße und ging auf Nathaniels enthauptete Leiche zu. Vorhin, während sie mit Duncan telefoniert hatte, war ihr etwas an seinem Hals aufgefallen. Sie bückte sich und entdeckte sogleich, was sie gesehen hatte. Eine goldene Kette mit einem Medallion. Micky zog es von dem blutigen Halsstumpf und trat einen Schritt zurück. Sie musterte die Kette, die ihr seltsam vertraut war. Komisch, Nathaniel hatte sie zuletzt als Leiche gesehen in jenem Schuppen auf Amys Plantage. Sklaven trugen aber damals keinen Schmuck. Da Nathaniel ihr keine Fragen mehr beantworten konnte, öffnete sie kurzerhand das Medallion. Sie fuhr erschrocken zusammen. Von einem Bild sahen ihr Amy und Jonathan Barclay glücklich lächelnd und bekleidet mit ihrem Hochzeitsstaat entgegen. Also war Nathaniel nicht nur ein Mörder, sondern auch ein Dieb gewesen.

Micky hängte sich die goldene Kette um den Hals und drückte sie kurz. Jetzt war Amy gerächt und konnte in Frieden ruhen.

 

So, alle Sachen zusammen suchen und dann nichts wie weg hier, dachte sich Micky und ging sogleich ans Werk. Sie wischte ihr Schwert mit Nathaniels Mantel ab und versteckte es wieder in ihrer Tasche. Sie hatte den Schnee ganz schön vollgeblutet. Nun, dagegen konnte sie nichts ausrichten. Die englischen Behörden würden sich die Zähne daran ausbeißen. Womit sollten sie die Probe auch vergleichen? Mit dem Laken, auf dem sie 1526 durch den chinesischen Kaiser ihre Unschuld…. Okay, Midlifecrisis ganz eindeutig. Schwamm drüber und weg von hier. Micky wandte sich zur Mauer und der Geheimtür. Ein Frösteln überkam sie. Vor der nun wieder offenen Geheimtür stand eine Frau. Das konnte niemand vom Sicherheitsdienst sein. Die Frau schien eher von einem Kostümball zu kommen, was sie da trug war schon seit langem total aus der Mode. Seit 300 Jahren ungefähr. Und vor allem, war es zu kalt für London. Der dünne, hellblaue Stoff wäre eher für eine der britischen Kolonien in der Karibik geeignet gewesen. Das konnte unmöglich… Micky näherte sich einige Schritte und streckte ihre linke Hand aus. Sofort verzog sie ihr Gesicht. Die Belebung hatte noch nicht richtig eingesetzt, die Wunde schmerzte ziemlich stark. Doch Micky ging weiter mit ausgestreckter Hand auf die Frau zu.

„Amy?“ flüsterte sie und griff nach dem Medallion, das um ihren Hals hing. Die Frau drehte sich um, ging durch die Geheimtür und verschwand.

Was oder wer auch immer es gewesen war, Micky fand den Tunnel in der Towermauer verlassen vor. Keine Fußspuren außer ihren und Nathaniels. Und diese verwischte sie nun vorsorglich. Man konnte ja nie wissen, ob nicht ein übereifriger Chiefinspector die Tudor-Rose entdeckte, reinzufällig die Steine in der richtigen Reinfolge drückte und dabei auf den Geheimgang stieß.

 

Nachdem Micky den Korridor durchschritten und den Geheimgang verlassen hatte, zog sie ihren Mantel aus und steckte ihn in die Reisetasche zu ihrem Schwert. Sie fing an zu zittern, sie war unterkühlt, müde und hungrig. Wie freute sie sich jetzt auf das Dukes. Ein kurzer Blick auf ihren Pullover zeigte ihr, dass sie so zum Hotel fahren konnte, ohne großes Aufsehen zu erregen.

Der Pullover war schwarz, darauf sah man das Blut weniger deutlich als auf dem weißen Ledermantel. Sollte der Nachtportier des Dukes sie darauf ansprechen, würde sie sagen, sie wäre überfallen worden. Zufrieden über den Ausgang des Duells ging Micky an der Westseite des Towers entlang und suchte nach einem Taxi.

 

An der Hauptstraße entdeckte sie erfreulicherweise eines, winkte es heran und ließ sich müde auf den Rücksitz fallen.

„Dukes Hotel, bitte und schnell.“ Der Fahrer nickte, die Kundin war Königin.

 

 

6. Ein Schotte auf Irrwegen

 

Großbritannien, London, Notting Hill, der nächste Tag.
Micky schlenderte mit einer aktuellen Ausgabe der britischen Tageszeitung über die Portobello Road in Notting Hill. Die reguläre Auflage von schätzungsweise 650.000 Lesern, dürfte die Times heute locker gesprengt haben. Die Redakteure der Zeitung hatten vermutlich Sonderschichten geschoben, um die Story noch auf die Titelseite zu bekommen. In großen, geschwungenen Lettern hieß es dort: „Okkulter Sektenmord im Tower – In Londons beliebter Sehenswürdigkeit lauerte gestern Nacht der Tod“.

Der Leitartikel berichtete groß von einer enthaupteten Leiche, die am frühen Morgen im Tower gefunden worden war. Der Tote war von New Scotland Yard als Nathaniel Barclay, ein erfolgreicher Börsenspekulant aus New York, identifiziert worden. Mr. Barclay, laut Personalausweis 36 Jahre alt – wer’s glaubt. 360 traf es da schon eher, dachte Micky und las weiter. Mr. Barclay war nur eines von vielen Opfern, die in den vergangenen Jahrzehnten überall auf der Welt gefunden worden waren, hieß es in dem Artikel. Brutal geköpft mit einem Schwert. Bei jeder dieser Leichen war ein Schwert mit dessen Fingerabdrücken gefunden worden, nicht aber die Tatwaffe. Genauso verhielt es sich im Mordfall Barclay. Was hatte ihn spät am Abend in den Tower geführt? Wie war er hinein gekommen? Alle Zugänge waren verschlossen. Es gab keine Anzeichen auf eine Kletterausrüstung. Was war dort passiert mit Nathaniel Barclay? War er in die Fänge einer barbarischen Sekte geraten, die blutrünstigen, heidnischen Ritualen nachging? Der Mord konnte nur einen okkulten Hintergrund haben, davon waren die Behörden überzeugt.

 

So ganz Unrecht hatte der Verfasser des Artikels damit eigentlich nicht. Nathaniel wollte durch den Gebrauch von Voodoo unsterblich werden. Dafür war er über Amys Leiche gegangen. So gesehen war ein okkultes Ritual Nathaniels Todesurteil gewesen.

Sollten die Zeitungen schreiben, wonach ihnen der Sinn stand. Micky war es egal, sie hatte ihre Rache, das Leben ging weiter. Was sollten sie ihr schon beweisen? Gut, ihr Schwert konnte sie nicht mit dem Flugzeug zurück nach Paris bringen, das war ein wenig heikel. Alternativ konnte sie in der Waterloo Station – welche Ironie, Napoleons Niederlage sollte ihr ein weiteres Mal den Weg nach Hause bereiten – den Eurostar besteigen und nach Paris zum Gare du Nord fahren. Dort konnte sie sich ein Taxi schnappen und ihr Auto aus dem Parkhaus des Flughafens abholen. Doch zum aktuellen Zeitpunkt verspürte sie noch keine Lust zu ihrem tobenden Ehemann nach Hause zu fahren. Duncan konnte ruhig noch ein wenig länger in seinem Saft schmoren. Er sollte sich schämen solche unglaublichen Vorwürfe überhaupt in Worte zu fassen, während sie bei einem Duell um ihr Leben kämpfte. Nein, darauf hatte sie wirklich keine Lust. Eher stand ihr der Sinn nach einem kleinen Einkaufsbummel. Daher hatte sie sich ein Taxi geschnappt und war nach Notting Hill gefahren. Finnigan hatte sich ausnahmsweise nicht für eine Shoppingtour begeistern können.


Zugegeben, es war wieder sehr kalt heute Vormittag, und sie konnte den Lord verstehen, dass er lieber im warmen Hotel geblieben war. Doch Micky hatte es hinaus gezogen. Wer konnte schon sagen, wann sich wieder einmal die Gelegenheit für einen ausführlichen Besuch von London bot? Und trotz der klirrenden Kälte fand erfreulicherweise ein Künstler- und Flohmarkt in Notting Hill statt. Neben Schnäppchen, Nippes und echten Kunstwerken gab es warme Getränke und Snacks zu kaufen. Mit einer heißen Schokolade und einer Tüte ofenfrischer Ingwerkekse ausgestattet las Micky aufmerksam den Artikel über Nathaniel. Vorsorglich, damit sie nicht den entscheidenden Hinweis verpasste, dass ihr die Polizei am Ende doch auf die Spur kam. Wobei das völlig unmöglich war. Normalerweise gelang es den Behörden nie einen Mord unter den Unsterblichen aufzuklären. Nur einmal war es einer Expertin für antike Schwerter namens Brenda Wyatt gelungen Connor auf die Schliche zu kommen. Er hatte ihr dann einfach von den Unsterblichen erzählt und sie nach dem erfolgreichen Duell gegen Kurgan nach Schottland gebracht und dort geheiratet. Micky grinste, während sie sich an Connors unkonventionelle Methoden im Umgang mit der Polizei erinnerte.

Sie stand an einen hohen weißen Bistrotisch gelehnt und nippte an der köstlichen Schokolade, die sie erstmals am Hofe des Sonnenkönigs getrunken hatte. Louis XIV. hatte damit in Adelskreisen einen neuen Trend gesetzt, und bereits nach kurzer Zeit war heißer Kakao der letzte Schrei in den europäischen Herrscherhäusern gewesen. Nur unter der normalen Bevölkerung hatte sich die Schokolade damals noch nicht durchsetzen können. Es galt lange Zeit als snobistisch und nur den vornehmen Leuten angemessen heißen Kakao zu trinken, obwohl die Pflanzen doch bereits 1528 von spanischen Eroberern aus der Neuen Welt nach Europa gebracht worden waren. Doch damals und weit bis ins 19. Jahrhundert war Kakao ein Luxusgut gewesen, das sich nur Adlige leisten konnten. Heute im 21. Jahrhundert war das delikate Getränk ein alter Hut, konnte an jeder Ecke gekauft werden. Doch Micky konnte sich noch gut an die Zeiten erinnern, da man auf eine Lieferung aus der Neuen Welt oder später aus dem Bremer Hafen warten musste. Zeiten, zu denen sie Unsummen für den Kakao bezahlt hatte. Zeiten, als sie mit Joséphine in Malmaison am Kamin mit einer Tasse Kakao gesessen und auf einen Brief vom Kaiser gewartet hatte. Ja, sie liebte das Getränk und die damit einhergehenden Erinnerungen nach wie vor.

Aufmerksam las sie nun über den Stand der Ermittlungen. The Yard hatte zwar Blut gefunden gut konserviert im Schnee, das vermutlich vom Täter stammte und auch Fußspuren. Für das Blut hatten sie aber keine Vergleichsmöglichkeiten. Wie denn auch, Micky hatte ihren Mantel erst auf der anderen Seite der Mauer ausgezogen. Im Hotel hatte sie das Blut abgewaschen und ihn noch am selben Abend in ein Geschäft ihres Freundes Karl Lagerfeld gebracht, wo der Mantel umgehend wieder in seinen Ursprungszustand zurückversetzt worden war. Zunächst ohne Standpauke seitens der Angestellten, aber Micky war sich sicher, dass diese noch folgen würde, wenn sie Karl das nächste Mal traf.

Sie las weiter und versuchte den Gedanken, an Karl und seine Betteleien nach einer speziellen Kampfgarderobe zu verdrängen. Wenn sie dieser Bitte nachgab, würde Duncan ihr wahrscheinlich wirklich den Hals umdrehen.

Definitiv wusste die Polizei nur, dass das Blut am Tatort nicht von Nathaniel Barclay stammte. Und im Bezug auf die Fußspuren standen die Behörden vor einem Rätsel. Man konnte diese aufgrund der Vielzahl der Touristen, die tagtäglich den Towerhof mit ihren Spuren verunstalteten, nicht eindeutig dem Täter zuordnen. Vor allem, da sie direkt vor der Innenmauer des Towers endeten. Der Mord war für die Behörden eine harte Nuss. In der Nähe von Nathaniel Barclay war ein Langschwert gefunden worden - überzogen mit Barclays Fingerabdrücken. Das Schwert hatten Experten auf das frühe 15. Jahrhundert datiert. Allerdings war dieses 120 cm lange Exemplar nicht die Tatwaffe. Barclay war mit einer deutlich schmäleren Klinge, und vor allem nicht mit einem solchen Langschwert, geköpft worden. Micky grinste wieder, ein solches Langschwert hätte sie auch kaum tragen, geschweige denn damit kämpfen, können. Aus Interesse hatte sie einmal Methos’ Langschwert in die Hand genommen, das stolze 6,5 Kilogramm wog. Sie war fast zusammengebrochen unter dem Gewicht, Methos und die anderen Kerle hatten sich halb tot gelacht. Barbaren, alle samt! Außerdem war ein Langschwert nichts für eine Lady. Ihr schönes Toledo Salamanca, ihr ganzer Stolz, wog etwas über ein Kilo, das war akzeptabel.

Na, viel Spaß beim Suchen nach einem Experten, der euch sagt, dass es ein Toledo Salamanca war, das 200 Mal gefaltet worden ist, dachte Micky erheitert. Diese Technik hatte es offiziell im Jahre 1526 noch gar nicht gegeben. Aber Nakano hatte diese Art der Herstellung schon damals beherrscht und das Wissen darüber an all seine Schüler – Micky und Connor eingeschlossen – weitergegeben. Das wusste nur heutzutage kaum jemand. Dr. Miranda Pierce, die Nakanos Höhle freigelegt hatte, wusste es, allerdings nicht offiziell. Connor und Micky hatten ihr viele Dinge über Nakano erzählt, die sie leider nicht publik machen konnte. Diese Details würde ihr ohnehin niemand glauben. Schon gar nicht die Story über Nakanos Leibspeise – die berühmte Nudelsuppe.

Somit gab es im Prinzip niemanden, der Micky auf die Spur kommen konnte. Tatsache war, dass der einzige Mensch, der dazu fähig gewesen wäre die Partikel an Nathaniels Hals so genau zu bestimmen, Brenda MacLeod gewesen war. Doch Brenda war 1987 bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Leider. Connor hatte sie sehr geliebt, dass wusste Micky. Er hatte lange gebraucht, um über den Verlust hinweg zu kommen. Ja, die Unsterblichen hatten es nicht leicht mit der Liebe.

Apropos Liebe, sie musste sich noch überlegen, wie sie Duncan wieder zur Vernunft bringen konnte. Bevor er wie eine Dampfwalze auf LSD durch London stürmte auf der Suche nach ihr. Micky hielt diese Vorstellung für durchaus realistisch, wenn man bedachte, was sie gestern Abend erfahren hatte. Als sie im Chateau angerufen hatte, war ihr von Connor mitgeteilt worden, dass ihr Göttergatte nachdem er ihre Nachricht abgehört hatte, sofort abgehauen war. Nach Paris zum Flughafen, wie Connor später durch einen Anruf seines Cousins herausbekommen hatte. Sprich irgendwo in der Millionenstadt London lief ein tobender Schotte durch die Straßen auf der Suche nach seiner Ehefrau, die er in den Armen eines englischen Lords vermutete. Wie er auf diese bescheuerte Idee gekommen war, konnte Micky sich nicht zusammen reimen. Zugegeben, sie hatte Duncan nie darüber aufgeklärt was zwischen ihr und Finnigan passiert war. Aber dass er allen Ernstes an ihrer Treue zweifelte, war schon ein starkes Stück. Ganz besonders während sie sich im Tower von London einen Schwertkampf lieferte, bei dem selbst König Artus beeindruckt gewesen wäre. Immerhin war sie durch ihre Prada-Stiefel gehandicapt gewesen. Das durfte man nicht vergessen. Sie sah auf den Boden und seufzte, die guten Stiefel. Na ja, sie waren nicht wirklich zu schaden gekommen. Im schlimmsten Fall kaufte sie sich nachher noch Ersatz.

 

Micky faltete die Zeitung zusammen und begann mit ihrer Suche nach einigen hübschen Mitbringseln, neuen Stiefeln und eventuell auch einigen Stücken für die Galerie.

Zwischenzeitlich wurde seine Lordschaft Finnigan bei seinem Morgenschlaf zwischen dem ersten und zweiten Frühstück gestört.


Großbritannien, London, Dukes Hotel, am frühen Vormittag.
„Ja, ja, ich eile schon“, rief Finnigan und ging gemächlich und seinem Stande angemessen zur Tür seiner Luxussuite, die direkt neben Mickys lag. Er trug einen roten, seidenen Bademantel und hielt eine noch nicht angezündete Havanna in der Hand.

Mit der freien Hand öffnete Finnigan die Tür und erwartete eigentlich den Zimmerservice, der ihm sein zweites Frühstück bringen sollte.

„Stellen Sie es bitte hier…“ Weiter kam der Lord nicht. Er sah eine Faust mit rasender Geschwindigkeit auf sich zu kommen. In der nächsten Sekunde traf selbige sein Gesicht.

„Wo ist sie?“ brüllte Duncan ihm entgegen und verschaffte sich Eintritt in die Suite des Lords. Finnigan lag auf dem Boden und hielt seine Nase fest, aus der munter Blut heraussprudelte.

„Wer ist bitte wo, mein lieber Freund?!“ fragte Finnigan noch immer höflich, aber ein bedauernder Blick auf die zerbröselte Zigarre auf dem Boden ließ seine Laune schlagartig in den Keller sinken. Finnigan war zwar kein geiziger Schotte, aber für solch eine Verschwendung hatte er nichts übrig. Er kam stolpernd auf die Füße und ging sogleich ins Bad, wo er seine blutende Nase verarzten wollte. Duncan hängte das „Bitte nicht stören“-Schild von außen an die Tür und schmiss sie mit einem lauten Rums zu.
„Finnigan, kommen Sie raus, Sie Schuft. Sie schamloser Verführer! Wo ist meine Frau? Wo ist Micky?“ Duncan stürmte ins Badezimmer und packte Finnigan am Schlawitschel. Mühelos hob er den Engländer von den Füßen. Er zappelte heftig, versuchte aber noch immer seine angeborene Würde zu bewahren.
„Aber, mein hochgeschätzter Mr. MacLeod, was treibt Sie zu dem kolossalen Irrtum Ihre Frau Gattin wäre hier?“
„Finnigan, hören Sie auf so vornehm zu schwafeln. Sonst verpasse ich Ihnen ein Ding, dass Sie glauben, sämtliche Jakobiten mitsamt Bonnie Prince Charlie stehen auf der Matte!!“ Finnigan zog empört die Nase kraus. Solche Barbarei und Androhung von nackter Gewalt waren ihm ein Gräuel.
„Sie ist nicht hier, Ihre Gattin. Sie ist shoppen gegangen.“ Duncan stieß die Luft aus. Typisch. Sie war shoppen. Diese Eröffnung hatte ihm ein wenig den Wind aus den Segeln genommen. Finnigan wurde unsanft wieder auf die Füße gestellt. Duncan griff nach einem Handtuch mit dem Emblem des Hotels darauf und warf es dem Lord zu.
„Machen Sie sich sauber, Euer Lordschaft und dann reden wir mal Tacheles über Sie und meine Frau Gattin!“ knurrte Duncan und rauschte nach nebenan.

Während Finnigan sich das blutige Gesicht abwusch, abtupfte und einige Wattenbällchen in seine edle Nase stopfte, hörte er, wie Duncan draußen mit Gläsern hantierte.

„Ein Drink ist eine vorzügliche Idee, mein Guter. Sie haben mir ganz schön den Riechkolben verbogen.“
„Ich verbiege Ihnen gleich noch mehr, Finnigan, wenn Sie mir nicht erzählen, was Sie mit meiner Frau am Laufen haben.“ Zur Verdeutlichung seiner Worte zog Duncan seinen schwarzen Mantel aus und legte sein Samuraischwert auf den Couchtisch, bevor er sich setzte und an dem Whisky nippte, den er sich eben eingeschenkt hatte.
„Wie meinen Sie das, was ich mir Ihrer Frau am Laufen haben, mein Guter?“
„Sind Sie wirklich so blöd? Ist das durch den Jahrhunderte andauernden Inzest in den Adelshäusern bedingt oder sind Sie durch Zufall so begriffsstutzig, Finnigan?!“
„Kein Grund gleich meinen Stammbaum niederzumachen, Mr. MacLeod! Zu Lebzeiten von Elisabeth I. stand ich immerhin in der Thronfolge des Empires!“
„Soll mich das beeindrucken? Mein Cousin und ich haben an der Seite von Bonnie Prince Charlie gekämpft. Aber das tut alles nichts zur Sache. Was mich wirklich interessiert ist, haben Sie oder haben Sie kein Verhältnis mit meiner Frau?“ Finnigan schnappte nach Luft und stürzte auf die Bar zu. Er schüttete sich eilends ein Glas Sherry ein und trank es in einem Zug aus.
„Das ist ja wohl der Gipfel der Unverschämtheit, MacLeod! Sie kommen hierher, hauen mir eins auf meine königliche Nase und jetzt unterstellen Sie mir solche Ungeziemtheiten! Was erlauben Sie sich?!“ Duncan war von der Couch aufgesprungen, hatte Finnigan erneut am Kragen gepackt, seine Faust schwebte bedrohlich dicht vor dessen angeschwollener Nase.
„Ich warte auf die Antwort. Und wenn sie mir nicht gefällt, können Sie sich zu Weihnachten einen neuen Riechkolben wünschen, Euer Lordschaft!“ Finnigans Blick huschte ängstlich zwischen der Faust und Duncans wildem Schottenblick hinter her.
„Kein Wunder, dass wir Ihr barbarisches Land einfach so dem Empire einverleiben konnten.“ Zur Unterstreichung seiner Behauptung schnippte Finnigan mit dem Finger.
„Falsche Antwort, Finn!“ sprach’s und in derselben Sekunde steckte Duncans Faust schon wieder in Finnigans Gesicht.
„Jetzt reicht es aber, MacLeod.“
„Dann reden Sie! Sind Sie meiner Frau an die Wäsche gegangen?“
„Pfui, wie vulgär. Nein, bin ich nicht, MacLeod. Ich habe Ihre Frau höflich wie immer gefragt, ob Sie nicht endlich die Lady of Lys Airt werden will.“
„Und was hat sie geantwortet?“ fragte Duncan wütend, aber auch ein wenig besorgt.
„Dass sie noch immer kein Interesse daran hat. Dass sie eher, wenn Sie, geschätzter MacLeod, Ihren Kopf verlieren sollte, sich wieder mit der Nervensäge Methos abgeben würde als die Lady of Lys Airt zu werden.“ Duncan öffnete den Mund, um etwas zu erwidern. Dann verzogen sich seine Mundwinkel zu einem Grinsen.
„Fein. Und jetzt noch eine Frage… Moment, sie würde lieber Methos nehmen, wenn ich tot wäre, als zu Ihnen zu… Wow! Sie müssen ganz schön nervig sein… Egal. Zweite Frage, gleiche Chance auf einen Nasenbeinbruch wie vorher. Haben Sie in der Vergangenheit jemals Ihre manikürten Gichtgriffel an die Comtesse gelegt?“ Finnigan verzog beleidigt das Gesicht und schob die Wattenbällchen tiefer in seine heftig pochende Nase.
„Nein, Sir. Habe ich nicht. Ihre Frau hat meinen Avancen nie nachgegeben. Ich bin wohl, so muss ich leider zugeben, nicht der Typ, der Mickys Herz höher hüpfen lässt. Ich bin ein Don Quichote, den seine Dulcinea nie erhören wird…“ Traurig über diese Erkenntnis ließ Finnigan sich auf die Couch fallen. In Duncans Kopf ratterte es. Relativ entspannt schenkte er nun zwei Gläser voll mit Whisky und reichte eines an den betrübten Finnigan.
„Kopf hoch, Finnigan. Und nun erzählen Sie mal, was Sie beide in London gemacht haben.“

 

Großbritannien, London, Dukes Hotel, fünf Stunden später.
„Finnigan, ich bin wieder da!“ rief Micky fröhlich. Sie drückte dem Hotelpagen ein staatliches Trinkgeld in die Hand, der sorgsam ihre unzähligen Tüten im Wohnzimmer der Suite abgestellt hatte. Micky legte ihren Mantel aufs Bett und ging nach nebenan. Das Wohnzimmer ihrer Suite war mit Finnigans verbunden. Sie klopfte kurz an, bekam aber keine Antwort. Sie hörte aber Stimmen, wahrscheinlich schaute er sich einen Film an. Micky drehte den Türknauf und betrat Finnigans Suite. Sie glaubte im falschen Film zu sein.

„Was bei allen toten Monarchen Englands geht hier vor?“ fragte sie. Auf der Couch fläzten sich Duncan und finnigan, von ihrer bis dato an den Tag gelegten Feindschaft keine Spur. Sie waren voll wie eine ganze Kompanie. Was Micky gehört hatte, war nicht etwa der Fernseher, sondern der Gesang der beiden Männer. Sie sangen - Micky traute ihren Ohren nicht - schottische Schlachtlieder. Hatte Finnigan vergessen, dass er keinen Kilt trug? Hatte Duncan vergessen, dass der Lord auf der falsche Seite der Highlands lebte? Ganz offensichtlich.

„Hallo, Micky!“ lallten die beiden die Comtesse an. Ihr wehte eine Alkoholfahne entgegen, mit dessen Gehalt sie ein ganzes Lazarett desinfizieren könnte.
„Was zum Teufel treibt ihr hier? Ihr seid ja besoffen wie Holzwürmer in einem Whiskyfass! Genauso riecht es hier auch so nebenbei bemerkt. Also, noch mal, was tut ihr hier?“
„Unsere neue Freundschaft feiern“, lallten sie kaum verständlich.
„Ich brauche was zu trinken“, meinte Micky darauf.
„Gude Idee“, erkannte Duncan und versuchte aufzustehen. Er fiel mit einem klangvollen Plumps zurück auf die Couch. Finnigan und er brachen in infantiles Gelächter aus.
„Das denke ich nicht. Ihr bekommt jetzt Kaffee, Wasser und viel Aspirin.“ Sie griff zum Telefon und bestellte alles beim Zimmerservice.
„Spielverderberin!“ nuschelte Finnigan. „Du bist mit einer Spielverderberin verheiratet, mein Freund.“
„Isch weisch“, antwortete Duncan noch immer dümmlich grinsend. „Aber isch lieeebe sie troschdem.“

Mit dem Hörer am Ohr drehte Micky sich um, machte ein genervtes Gesicht und meinte dann: „Hab’ ich ein Glück… Nein, ich habe nicht Sie gemeint. Ich hätte gerne noch einen Krug Orangensaft. Danke.“

 

„Geht’s euch jetzt besser?“ fragte Micky eine Stunde später hämisch grinsend.

Finnigan und Duncan hielten sich ihren hämmernden Schädel. Kaffee und Aspirin taten allmählich seine Wirkung. Der Rausch war verflogen, was blieb waren unmenschliche Kopfschmerzen. Aber wahre Männerfreundschaften konnten nicht ohne Verluste geschlossen werden. In diesem Fall war es der Verlust von mehreren Flaschen Whisky, die Duncan und Finnigan zusammen geleert hatten. Danach hatte Duncan seinem neuen Freund ein paar Lieder seines Clans beigebracht, die sie Micky zur Begrüßung entgegengeschmettert hatten.

„Brüll doch nicht so, wir sind nicht taub“, flüsterte Duncan.
„Ich brülle überhaupt nicht, aber du, mein Lieber, hast einen handfesten Kater… So wie du aussiehst, ist es schon eher ein ausgewachsener Puma.“
„Was auch immer, ich fühle mich beschissen.“
„Und du, Finn?“ fragte Micky weiterhin grinsend.
„Dito. Bitte leise und ich fühle mich dein Mann. Obwohl ich Ausdrücke dieser Art nicht in den Mund zu nehmen pflege.“
„Aristokratenpfeife“, meinte Duncan.
„Ungehobelter Bauernbursche“, konterte Finnigan.
„Haltet euch zurück, Jungs. Finnigans Nase sieht endlich wieder normal aus. Ich dachte, ihr hättet während meines kleinen Ausflugs nach Notting Hill Frieden geschlossen.“
„Klein? Was verstehst du unter klein? Wie viele Tüten liegen in deiner Suite, Comtesse?“ fragte Duncan und nahm einen großen Schluck Kaffee zur Stärkung.
„Ach so zwanzig…“
„Finn, ich sag’ dir jetzt mal was im Vertrauen…“ Finnigan rückte näher an Duncan heran, gespannt auf die Worte, die da kommen sollten. „Sei froh, dass du sie nicht geheiratet hast. Sie würde dich um den Verstand bringen.“
„Du hast doch deinen noch. Außerdem bevor ich dich um den Verstand bringe, hast du ihn dir schon im Whisky ertränkt. Und jetzt gehe ich baden.“ Mit diesen Worten stand Micky auf und überließ Finnigan und Duncan sich selbst.

 

Im großzügigen Badezimmer ihrer Suite ließ Micky sich ein Schaumbad in die Marmorwanne ein. Sie entzündete ein paar Kerzen und stellte klassische Musik an.

Das Dukes war ein Hotel der gehobenen Klasse und daher genau das Richtige für die Comtesse und seine Lordschaft. Alle Zimmer waren individuell und sehr edel eingerichtet. Es lag mitten im Herzen Londons, zu Fuß konnte man bequem die Bondstreet und die Theater erreichen. Heathrow war eine halbe Autostunde entfernt.

Die bequemen Suiten verfügten über ein Schlafzimmer und einen Salon – sprich ein Wohnzimmer, das mit erlesenen Antiquitäten möbliert war, ganz nach Mickys Geschmack. Eine exklusive Adresse in Englands Hauptstadt. Diskret, ein bevorzugter Tagungsort, mit einem ausgezeichnetem Wellness-Bereich.

Die große, runde Badewanne war endlich voll gelaufen. Ein gigantischer, angenehm duftender Schaumberg türmte sich darin auf. Micky schlüpfte aus ihren Kleidern und glitt in das heiße Wasser.

„Herrlich“, seufzte sie zufrieden. Einfach herrlich. „Jetzt fehlt nur noch ein Glas Champagner zur Glückseeligkeit.“

Die Tür zum Bad ging auf und Duncan stand dort mit nacktem Oberkörper, einem Handtuch um den Nacken gelegt und eines um die stattlichen Hüften gebunden.
„Was führt dich denn hier her?“ fragte Micky, sie lugte über den riesigen Schaumberg hinweg, der sich in der Wanne aufgetürmt hatte.
„Ich will dafür sorgen, dass du mir auch weiterhin gewogen bleibst, Comtesse.“ Sie grinste amüsiert.
„Bist du überhaupt in der Lage dazu? Du hast einiges gebechert, mein schöner Schotte.“
„Dazu fehlt mir nie die Kraft“, erklärte Duncan sehr von sich überzeugt. Micky hob grinsend eine Augenbraue.
„Ich bin bereit den Beweis mit dir anzutreten.“
„Dein Wunsch ist mir Befehl, Mrs. MacLeod.“ Duncan warf beide Handtücher auf den Boden und öffnete seinen Pferdeschwanz.
„Ich sehe schon das Motto deines Clans müsste eher lauten: Allzeit bereit“, bemerkte Micky während sie sich genüsslich über die Lippen leckte und ihren Blick nach unten schweifen ließ. „Das ist definitiv besser als Champagner. Es hat schon was Mrs. MacLeod zu sein…“


 

„Apropos Mrs. MacLeod“, begann Duncan einige Zeit später. Sie lagen aneinander geschmiegt im Bett. Micky stützte sich auf die Ellenbogen, strich sich eine braune Haarsträhne aus dem Gesicht und blickte ihm interessiert entgegen.
„Wie belieben?“

„Folgendes. Du musst doch zugeben, dass die vergangenen zehn Jahre ein ständiges Auf und Ab waren. Besonders seit letztem Jahr scheinen sich die Ereignisse zu überstürzen. Die Geschichte mit Pierre de Florent…“, begann Duncan.
„Wir haben gesagt, dass wir nie wieder darüber reden, Duncan.“
„Ich weiß. Ich weiß aber auch, dass ich dich deswegen fast verloren hätte… Und dann taucht deine Tochter auf. Die sehr nett ist, was ich so von ihr mitbekommen habe… Amanda hat sich auch nicht sehr löblich eingeführt…“
„Willst du damit was Bestimmtes sagen?“
„Ja, in der Tat. Ich war ja noch gar nicht fertig. Außerdem haben wir nie geflittert. Daher wollte ich dich fragen, ob du mich heiraten willst.“
„Wie meinen? Habe ich was verpasst? Mir war so, als hätten wir am 16. Juli 1996 bereits geheiratet. Meine zwei Verflossenen Methos und Connor, nebst unserer Freunde Richie und Joe waren anwesend, die ja fleißig bezeugt haben, dass wir damals bescheuert waren.“
„Ja, aber ich möchte dich noch einmal heiraten. Nach einem ganzen Jahrzehnt wissen wir ja nun, dass es keine alberne Verrücktheit war, sondern Liebe. Ich möchte dich noch mal heiraten und zwar in Glenfinnan und dort mit dir flittern. Wir könnten uns ein kleines Cottage mieten für ein Woche oder zwei…“
„Na ja, in Glenfinnan war ich schon länger nicht mehr. Vor allem noch nicht mit diesem MacLeod.“
„Eben. Also…“ Duncan schwang sich nackt wie er war vom Bett und kniete nieder. Micky fing an zu lachen.
„Duncan, bitte. Das ist lächerlich.“
„Schweig still, Weib. Einen echten Heiratsantrag habe ich schon lange nicht mehr gemacht. Vor zehn Jahren war das eher ein Zustand geistiger Umnachtung.“
„Mach nur so weiter, Duncan. Hier gibt es bestimmt ebenso viele Scheidungsanwälte wie Kreide an den Felsen von Dover.“
„Jetzt halt doch mal für einen Augenblick deinen hübschen Mund. Also…“ Er räusperte sich, sah Micky feierlich an und fragte: „Michelle Dubois, möchtest du mich heiraten? Und mit mir in meiner Heimat in Glenfinnan flittern?“ Micky war gerührt, er meinte das tatsächlich ernst. Sie kroch über das breite Bett und die weichen Seidenlaken. Ihr Gesicht war unmittelbar vor Duncans. Sie sah ihm tief in die brauen Augen.
„Duncan MacLeod vom Clan der MacLeod, ich habe dich vor zehn Jahren geheiratet und ich heirate dich jetzt auch ein zweites Mal.“ Duncan grinste zufrieden und küsste sie.
Dann sprang er auf und fragte: „Wie schnell kannst du packen?“
„Ich fange sofort an. Aber wie kommen wir nach Glenfinnan?“
„Mit dem Zug fahren wir bis nach Inverness, dort mieten wir uns einen Jeep mit Allradantrieb und fahren durch die Highlands nach Glenfinnan.“
„Oh ja“, quietschte Micky vergnügt. „Dann hole ich mir am Bahnhof den aktuellen Harry Potter Band und lese ihn endlich mal. Bei den ganzen Duellen kommt mein liebstes Hobby viel zu kurz.“
„Ich dachte, Einkaufen wäre dein liebstes Hobby“, bemerkte Duncan grinsend.
„Na ich kaufe das Buch doch am Bahnhof. Also zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Können wir in King’s Cross abfahren?“ Duncan griff zum Telefon und fragte beim Portier nach der Zugverbindung. Zufrieden legte er einige Minuten später auf.
„Wir fahren heute Abend in King’s Cross ab Richtung Inverness. Und dann wird geflittert.“
„Sehr schön. Dann müssen wir ja nur im Chateau Bescheid sagen und uns von Finnigan verabschieden. Er wird bestimmt in sein Schloss nach Cornwall zurückkehren.“
„Ja, schade. Aber beim Flittern würde er nur stören.“ Micky ließ fallen, was sie gerade in Händen hielt.
„Hab’ ich mich verhört?’! Willst du mir allen Ernstes erzählen, dass du Finnigan jetzt auf einmal magst?!“
„Ja, natürlich. Wir haben uns ausgesprochen. Und Finnigan hat mir alles erzählt.“ Micky hatte sich mit dem Rücken zu Duncan ihrem Koffer gewidmet, den sie in Notting Hill für ihre Neuerwerbungen gekauft hatte.
Nun schoss sie in die Höhe, drehte sich um, schluckte und fragte erschrocken: „Alles?“
„Ja, alles. Auch die amüsante Geschichte eurer ersten Begegnung.“
„Jetzt muss ich mich setzen. Bist du an meiner Sicht der Dinge interessiert?“ Duncan grinste und setzte sich neben seine Frau aufs Bett. „Also, zu meiner Verteidigung: Dieser Mönch mit dem ich mich im Gras gewälzt habe war gar kein Mönch.“
„Ach? Interessant. Na, dann erzähl’ mal, aber zügig. In zwei Stunden fährt unser Zug. Und bei dem, was du alles eingekauft hast, dauert das Packen fast genauso lang.“ Micky ignorierte die unpassende Kritik.
„Es war der 14. Mai 1634. Ich war auf meiner Rundreise in Cornwall angekommen. Und dann war da dieser attraktive junge Mann, der eine Mönchskutte trug. Mein Pferd lahmte, und erst wollte er mir helfen, aber dann…“

 

Großbritannien, Cornwall, nahe der Halbinsel The Lizard, 14. Mai 1634.
Es war ein schöner, warmer Tag an der Küste von Cornwall. Michelle befand sich auf einer Rundreise durch England. Sie beglückwünschte sich zum wiederholten Male zu ihrer Idee, das Inselkönigreich auf eigene Faust zu erkunden. Viel zu lange hatte sie in ihrem Chateau herumgesessen, obwohl es eine ganze Welt zu entdecken gab. Also hatte sie ihre Dienstboten darüber informiert, dass sie wieder einmal auf Reisen gehen würde. Auf unbestimmte Zeit. Die Dienstboten hatte ihr alles Gute gewünscht und Michelle war davon geritten. Und zu ihrer großen Freude und Überraschung war ihre Reise bisher reibungslos verlaufen.

Doch eben schien es, als würde sie das Glück verlassen. Fluchend sprang Michelle von ihrem Pferd, einer weißen Stute. Das Tier hatte gerade eben angefangen zu lahmen. Wahrscheinlich hatte es sich einen Stein eingetreten.

Komm her, meine Kleine. Lass mal sehen.“ Sie hob das linke Vorderbein, begutachtete es kurz und entdeckte den Übeltäter – einen Stein. Da knackte ein Ast irgendwo hinter ihr. Sie schnellte herum.
Madame, kann ich Euch helfen?“ Vor ihr stand ein junger, überaus attraktiver Mann, der verschmitzt lächelte. Bedauernd erkannte sie, dass er ein Mönch war.
Mein Pferd ist in einen Stein getreten. Das schaffe ich schon.“
Seid Ihr sicher?“ Er trat näher. In Michelle stieg ein ungutes Gefühl hoch. Hier stimmte etwas nicht.
Ja, ich bin sicher. Vielen Dank.“ Im nächsten Moment zückte der junge Mönch ein Messer und bedrohte Michelle damit. Sie war weder besorgt noch sonderlich beeindruckt. Angesichts ihres Schwertes, das im Übrigen gut sichtbar neben ihrer bestickten Reisetasche an ihrem Sattel festgebunden war, war sie eher erheitert. Der Junge musste verrückt sein.
Her mit dem Geld, Lady.“ Michelle holte mit der Linken aus und verpasste ihm einen Haken. Er fiel ehe er sich’s versah auf den Hintern. Benommen schüttelte er den Kopf. Michelle nutzte seine Verwirrung, zog ihr Schwert und hielt es ihm unter das Kinn.
Was willst du mit dem kleinen Messerchen, Bursche? Das ist doch keine Waffe. Das hier ist eine Waffe.“ Er wich vor ihrem Toledo Salamanca zurück, rutschte ängstlich rückwärts an den Rand der Klippe. Die Frauen waren auch nicht mehr so wie früher. Seit wann führte eine vornehme Dame ein solches Schwert mit sich? Vor allem hatte er in England eine Waffe dieser Art noch nie gesehen.Beeindruckend nicht wahr? Ich habe es selbst angefertigt, als deine Eltern von dir noch nicht mal zu träumen gewagt haben.“ Wie viel Wahrheit dahinter steckte, konnte der falsche Mönch sich nicht mal im Entferntesten vorstellen. „Dann erzähl mal, du bist kein Mönch, oder?“ Er nickte.
Ich bin ein Dieb. Mein Name ist Michael Miller.“ Also der Sohn eines Müllers. Wahrscheinlich aus irgendeinem der umliegenden Dörfer. Michelle konnte sich die Geschichte von Michael Miller schon zusammenreimen. Die Mutter war seit ihrer Hochzeit mit zwölf oder dreizehn Jahren jedes Jahr schwanger gewesen. Michael hatte schätzungsweise zehn Geschwister bekommen, wovon sieben nicht das Erwachsenenalter erreicht hatten. Der Pachtzins an den hiesigen Großgrundbesitzer ließ der Familie nicht genug zum Leben, also war Michael ausgezogen, um ein bisschen Robin Hood zu spielen. Sie teilte Michael ihre Vermutung mit, der hin und wieder bestätigend nickte. Im Alter von 134 Jahren hatte Michelle einiges an Menschenkenntnis dazu gewonnen, um einen so jungen Burschen zu durchschauen.
Soweit so gut. Kommen wir zum nächsten Punkt. Arbeitest du alleine?“ Wieder nickte er. Michelle glaubte, den jungen Burschen unter Kontrolle zu haben. Doch da überraschte er sie. Er sprang auf die Füße und schlug ihr das Schwert aus der Hand. Sie keuchte verblüfft. Michael stürmte auf Michelle zu, verpasste ihr einen Tritt und Michelle lag mit ihrem blauen Reisekleid im Dreck.
Mistkerl“, zischte sie. Das Schimpfwort hatte sie bei ihrem kurzen Aufenthalt im Hafen von London aufgeschnappt. Wenig angemessen für eine feine Dame, die sie war. In der derzeitigen Situation aber durchaus anwendbar. Michael Miller war davon allerdings wenig beeindruckt. Der junge Kerl warf sich auf sie. „So einer bist du also. Na warte.“ Sie drückte ihn mit Leichtigkeit weg. Er schrie verblüfft auf. Angst hatte sie keine vor ihm. Es war eher ein Spaß. Die beiden wälzten sich im Gras hin und her, aber glücklicherweise von der tief abfallenden Klippe weg. Im nächsten Moment war Michelle oben, drückte Michael die Arme auf den Boden und grinste süffisant.
Lady, Sie gehen aber ganz schön ran.“
Tja, ich habe morgen Geburtstag. Anscheinend bist du mein Geschenk.“ Sie beugte sich herunter und küsste ihn genießerisch. Es war ein Spiel, und Michelle liebte Spiele.

Da hörten sie ein Pferd wiehern. Auf diesem saß ein Engländer in feiner Kleidung. Sie erkannte in ihm einen Unsterblichen.

My Goodness! Was tut Ihr mit diesem Diener Gottes?“ rief er bestürzt, sprang vom Pferd und zerrte Michelle von dem falschen Mönch herunter. Es war ihr ziemlich gleich, dass der feine Herr den Eindruck haben konnte, sie würde einen Mönch auf offener Landstraße vergewaltigen.

Sie rammte dem Engländer ihren Ellenbogen in den Magen, drehte sich um und sagte: „Erstens ist das kein Mönch, sondern ein Strauchdieb, mit dem ich gerade abrechnen wollte. Und zweitens bin ich die Comtesse Michelle Dubois. Wollt Ihr ein Duell?“ Sie bückte sich, griff nach ihrem Schwert und zeigte mit der Spitze auf den Mann. Mit der freien Hand klopfte sieden Staub von ihrem Samtkleid. Der Engländer hielt sich den Bauch, grinste aber im nächsten Augenblick schon wieder. Er nahm seinen Hut vom Kopf und verneigte sich. Seine langen, rotbraunen Locken hatte er mit einem schwarzen Samtband zusammen gebunden. Die brauen Augen glitten kritisch prüfend an Michelles Körper hinab.

Wenn die Lage so ist, erlaubt, dass ich mich vorstelle, Mylady. Mein Name ist Jackson Alexander Finnigan III. Lord of Lys Airt. Mein Schloss steht auf der Halbinsel The Lyzard. Darf ich Euch dorthin einladen?“ Sie nickte huldvoll.
Gerne, aber zunächst kümmere ich mich um den falschen Bruder hier.“ Sie wandte sich um und erkannte, dass ihr „Geburtstagsgeschenk“ gerade Fersengeld gab.
Ich glaube, daraus wird nichts, Mylady.“
Tja, da muss ich mir ein anderes Geburtstagsgeschenk suchen…“, bemerkte sie seufzend und widmete sich dem Huf ihrer Stute.
Vielleicht kann ich Abhilfe schaffen. Ich suche zurzeit eine Lady of Lys Airt.“
Schön und gut, Lord Finnigan. Aber ich suche keinen Ehemann. Ich trauere noch.“
Wie lange ist Euer letzter Gemahl verschieden?“ Er strich sich nachdenklich über den Bart, so schnell gab er nicht auf.
Seit 68 Jahren, aber er war nicht mein Gemahl, sondern mein Geliebter. Ich pflege nicht zu heiraten. Das ist mir mit 27 Messerstichen bei meiner ersten Belebung durch meinen damaligen Verlobten gründlich vermiest worden.“ Lord Finnigan klappte die Kinnlade herunter.
My Goodness! Welche Barbarei! Verständlich, dass Ihr dann der Ehe abgeneigt gegenüber steht“, bemerkte er. „Nun denn, auch wenn Ihr nicht an einer Ehe interessiert seid, kann ich Euch vielleicht mit einem Abendessen und einem heißen Bad gefällig sein?“ Auf Michelles Lippen huschte ein Lächeln.
Eure Lordschaft wissen, wie man eine Frau überzeugt. Einem heißen Bad konnte ich noch nie widerstehen. Reitet voran.“ Sie warf den Stein fort, schwang sich auf ihr Pferd und gab ihm die Sporen.

 

Großbritannien, London, die Gegenwart.
Duncan hatte sich während der Geschichte bequem auf dem Bett zurückgelegt, jetzt setzte er sich auf und lachte.

„Dann kann ich ja froh sein, dass du mich sogar schon zum zweiten Mal heiratest.“ Micky stand auf und fischte aus dem Koffer einen dicken, weißen Rollkragenpullover heraus. In den Highlands würde es bestimmt bitter kalt sein. Sie zog ihn sich über und schlüpfte in ihre neuen Prada-Stiefel. Schwarzes Wildleder mit flachen Absätzen, der Reinfall im Tower war ihr eine Lehre gewesen. Als hätte sie es geahnt. In den Highlands konnte sie ja nicht mit Pfennigabsätzen herumhüpfen.
„Ja, das kannst du in der Tat. Und jetzt sage mir, hat seine Lordschaft dir das Gleiche erzählt?“ Eigentlich kannte sie die Antwort ja schon. Seit sie Finnigan vor 372 Jahren erstmals getroffen hatte, wusste sie, dass er sich die Vergangenheit gerne so zu Recht bog, wie es seinen Vorstellungen gelegen kam.
„Nein, ich schätze, seine Sicht der Dinge lag ein wenig anders. Vor allem, deine Erklärung mit dem Mönch war sehr aufschlussreich.“
„Das kann ich mir denken. Wahrscheinlich hat er dir besonders das Ende anders geschildert. Er versucht gerne zu verdrängen, wie oft er seit damals bei mir abgeblitzt ist. Und jetzt müssen wir uns beeilen. Wir müssen doch unseren Zug erwischen.“ Duncan stand auf und packte Mickys restliche Neuerwerbungen in den Koffer. Kopfschüttelnd. Eine Shoppingtour nach Mickys Geschmack. Ein Erfolg auf der ganzen Linie. Wenigstens hatte sie Kleidung eingekauft, die sie auch in den Highlands tragen konnte. Duncan hatte in seiner Tasche nicht viel Brauchbares dabei. Er musste sich noch ein paar Hosen und dicke Pullover in Inverness kaufen, bevor sie in die schottische Wildnis aufbrechen würden.

 

 

7. Tabu

 

Schottland, Glenfinnan, 6. Dezember 2006.
Die frostige Erhabenheit eines Wintermorgens, kam es Micky in den Sinn, als Duncan den Jeep am Aussichtspunkt des berühmten „Glenfinnan Monument“ an der Spitze des Loch Shiels abstellte. Er öffnete die Tür, stieg aus und warf sie zu. Duncan atmete tief durch und ließ seinen Blick über die Weiten des Lochs schweifen.

„Endlich zu Hause“, seufzte er zufrieden. Die Sonne ging gerade weit hinten am Horizont auf und tauchte den See in ein fast schon magisches Licht. Micky stellte sich neben Duncan, er legte den Arm um sie.
„Wunderschön. Ich vergesse immer, wie schön es hier ist, Duncan.“ Sie schmiegte sich eng an ihn.
„Ja, das stimmt. Einem echten Schotten passiert das nicht. Wir haben das Land im Blut, die Berge, die Lochs, die Weite…“
„Wofür wurde das Monument noch mal errichtet?“ Duncan grinste über die Frage, so etwas konnte nur eine Nicht-Schottin fragen – eine „Sassenach“ wie es in seiner Muttersprache hieß.
„Hier an dieser Stelle versammelte Bonnie Prince Charlie am 19. August 1745 alle Clans, um sie gegen die Engländer zu vereinen und in die Schlacht zu führen“, erklärte Duncan stolz, aber auch mit einer Spur von Traurigkeit. Die Niederlage, die knapp ein Jahr später am 16.04.1746 im Moor von Culloden beinahe alle großen Highland-Clans fast vollständig vernichtet hatte und deren Schmach ihnen eine Jahrhunderte lange Unterdrückung durch die Engländer gebracht hatte, konnte er nicht vergessen.
„Warst du an dem Tag dabei?“
„Aye, ich war 1745 beim Prinzen und mobilisierte die Clans mit ihm. Ich habe in der Schlacht von Culloden gekämpft und ich habe dem Prinzen zur Flucht verholfen.“
„Ich wollte nicht… Ich meine, ich wollte die schlechten Erinnerungen nicht hochbringen.“ Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste Duncan. Gerade wollte sie sich wieder von ihm lösen, da legte er seine rechte Hand um ihren Hinterkopf und hielt sie fest. So standen sie minutenlang in einen innigen Kuss vertieft, während hinter ihnen die Sonne glutrot an den fernen Ufern von Loch Shiel emporstieg und den verlorenen Sohn der Highlands willkommen hieß.

Micky schnappte nach Luft, als Duncan endlich seine Hand zurückzog. Sie taumelte ein wenig, Duncan streckte die Hand aus und stützte sie.

„Meine Güte, du überraschst mich immer wieder.“
„Ich habe noch eine Überraschung für dich. Ich werde dich im Kilt heiraten.“ Micky sah ihn fragend an.
„Dein Kilt ist in Frankreich, falls du das vergessen hast.“
„Expresslieferung. Ich habe Connor vom Zug aus angerufen. Wir treffen ihn in der ‚Church of our Lady and St. Finnan’. Einen Trauzeugen brauchen wir ja wenigstens. Und bevor du Angst hast, dass Connor unsere Flitterwochen stören könnte. Er reist morgen wieder ab.“ Sie lächelte und biss sich auf die Unterlippe. Er hatte wirklich an alles gedacht. Moment, an fast alles.
„Wenn du schon so perfekt planst, hast du denn auch daran gedacht, dass ich ein Kleid brauche?“
„Natürlich, mein Herz. Das hat Connor auch dabei.“
„Oh je, wahrscheinlich hat er irgendetwas aus dem Kleiderschrank gezogen.“ Duncan grinste spitzbübisch und schüttelte den Kopf.
„Nein, das Kleid ist sozusagen auch eine Expresslieferung.“ Micky verstand kein Wort. „Komm wir fahren zum Hotel.“ Weiter wollte er sich nicht über das Kleid auslassen. Micky zuckte die Schultern, spätestens im Hotel würde sie ja erfahren, was Duncan und Connor gemeinsam ausgeheckt hatten.

 

Sie fuhren durch das schneebedeckte Glenfinnan. Noch immer war es ein kleines, malerisches Dorf, ganz so wie Duncan es in Erinnerung hatte. Da gab es die Kirche, eine Poststation, ein Museum, das der Eisenbahn und Bonnie Prince Charlie gedachte, die katholische Kirche, in der Duncan und Micky heute heiraten würde, eine handvoll kleiner Geschäfte, ein Pub und ein paar Häuser. Nicht viel, aber Duncans Heimat. Zu etwas mehr Berühmtheit war Duncans Heimatdorf in den letzten Jahren durch die „magische Welt“ gelangt. Der Glenfinnan-Viadukt war bereits in vier überaus erfolgreichen Kinofilmen von einem weltweit bekannten Zug befahren worden. Dem „Hogwarts Express“.

Nun kamen ein paar mehr Touristen in das verträumte Dörfchen, blieben ein paar Stunden, fotografierten das Monument zu Ehren des Prinzen an den Ufern des Loch Shiels und verschwanden wieder. Das 30 Kilometer westlich gelegene Fort William war für Touristen interessanter. Vor allem Wanderurlauber machten hier Halt, um den Ben Nevis zu besteigen, der mit 1.343 Metern der höchste Berg Großbritanniens war.

 

Die meisten Häuser lagen in Dunkelheit, da der Großteil von Glenfinnans Bevölkerung bereits auf dem Weg zu ihrer Arbeit in Fort William war. Duncan fuhr über die Hauptstraße, wich einem Hund aus und hielt kurz darauf vor dem neu eröffneten Bed & Breakfast „Glenfinnan Inn“. Hier hatte er sich mit Connor verabredet. Duncan stellte den Motor ab, stieg aus, holte das Gepäck und dirigierte Micky die Stufen zu dem hübschen, kleinen Hotel hoch.

Der Empfang war ein kleiner Tresen, dahinter sah man zehn Postfächer für die Gäste. Eine ältere Dame mit tief sitzender Lesebrille sah von ihrem Strickwerk auf und lächelte freundlich.

„Guten Morgen, mein Name ist Duncan MacLeod und das ist meine Frau Michelle.“ Micky blickte ihn irritiert an. „Mit dem Namen Micky kann man hier nichts anfangen, Liebling“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Ich habe ein Doppelzimmer reserviert.“ Die Inhaberin legte ihren angefangenen Pullover zur Seite und widmete sich intensiv ihrem kleinen Gästebuch.
„Guten Morgen. Ich bin Mrs. Fraiser. MacLeod sagen Sie?“ Duncan nickte. „Es gab hier mal MacLeods. Im 16. Jahrhundert lebten so einige hier in Glenfinnan.“ Micky grinste. So faltig und zerfurcht wie die alte Dame war, hatte sie das wahrscheinlich persönlich miterlebt.
„Das waren Vorfahren von mir, Madame.“
„Sprechen Sie denn auch noch die Sprache Ihrer Vorfahren, Mr. MacLeod?“ fragte die Alte, lugte über ihre Brille hervor und prüfte ihn kritisch. Duncan antwortete ihr in perfektem Gälisch. Micky verstand nur ein paar Worte. Connor hatte ihr in erster Linie fluchen beigebracht, das würde Mrs. Fraiser aber wohl kaum imponieren. Wohl eher würde es ihr einen Herzinfarkt bescheren.
„Nun gut, Mr. MacLeod. Hier sind die Schlüssel. Ihr Cousin ist bereits in der Kirche. Er hat für Sie und Ihre Frau etwas in Ihrem Zimmer deponiert.“
„Na, hoffentlich hat Connor ein vernünftiges Kleid mitgebracht“, meinte Micky und ging die Treppen in den ersten Stock hoch, wo die zehn Gästezimmer lagen. Mrs. Fraiser schmunzelte wissend. Mrs. MacLeod würde ihr blaues Wunder erleben.

Der erfreute Aufschrei, der fünf Minuten später aus dem ersten Stock in die Empfangshalle drang, bestätigte ihre Vermutung.


„Duncan, was ist das für ein Kleid?“ Am Kleiderschrank hing ein Traum aus cremefarbener Seide. Das Kleid wirkte wie aus einer längst vergangenen Zeit. Es hatte weite Ärmel, einen tiefen mit Spitzen unterlegten Ausschnitt. Auch der Rücken war tief ausgeschnitten und wurde von einer kleinen Schleife gekrönt. Die Korsage war herzförmig und mit vielen kleinen Perlen bestickt.

Duncan lehnte sich zufrieden an die geschlossene Zimmertür, er griff nach seinem Haargummi und öffnete seinen Pferdeschwanz.

„Gefällt es dir?“
„Gefallen? Das trifft es nicht annähernd. Es ist atemberaubend schön! Aber woher hast du es? Das ist nicht aus meinem Kleiderschrank. Aber irgendwie kommt es mir bekannt vor…“ Sie dachte angestrengt nach, wo sie es schon einmal gesehen hatte.
„Stimmt, du hast die Vorlage davon schon einmal getragen. Dieses hier ist von deinem Lieblingsdesigner.“ Mickys Hand zuckte von den Perlen zurück, sie drehte sich blitzschnell um. Ihre Augen weiteten sich.
„Karl?!“, fragte sie ungläubig. Duncan biss sich grinsend auf die Lippen. Die Überraschung schien gelungen zu sein. Er nickte bestätigend.
„Als du im Zug an der Bar gesessen hast, habe ich ein langes Gespräch mit Karl geführt. Er war ganz begeistert von der Idee, dass wir ein zweites Mal heiraten. Dann habe ich ihm erklärt, dass ich meinen Kilt tragen werde und du ein angemessenes Kleid brauchst, das einen historischen Charakter haben soll. Connor hat ihm ein altes Porträt von dir geliehen, dass du ihm vor ein, zweihundert Jahren mal geschenkt hast.“ Micky lachte entzückt. Das war ja eine Verschwörung allererster Güte.
„Ich…, mein Gott, ich weiß nicht, was ich sagen soll…“
„Mach dich einfach fertig. Im Schrank ist noch die Unterwäsche“, er grinste genießerisch. „Und ein kleiner Schleier.“ Mit diesen Worten verschwand er im angrenzenden Badezimmer, um sich seinen Kilt, den Tartan und alles Weitere anzuziehen, das ihn unverkennbar als Sohn der Highlands kennzeichnete.


Schottland, Glennfinnan, Church of our Lady and St. Finnan, 11 Uhr vormittags.
Duncan öffnete die Tür zu der kleinen Kirche und ließ Micky eintreten. Sie fühlte sich wie in der Zeit zurück versetzt. Die gute, alte Zeit, als es etwas bedeutet hatte eine Comtesse Frankreichs zu sein. Als es für die Männer Schottlands Stolz, Ehre und vieles mehr bedeutet hatte den Kilt und die Farben ihres Clans zu tragen. Ihres Clans, für den ihre Väter, Brüder und alle Vorfahren in die Schlacht gezogen waren.

Vorne am Alter stand Connor in seinen Kilt und Tartan gehüllt. Micky bedauerte einen kurzen Augenblick, dass er keine langen Haare mehr trug, so wie Duncan. Dessen braune Mähne ruhte auf seinen Schultern und wogte sanft im Rhythmus seiner Schritte, die auf dem Boden der alten Kirche widerhallten.

Connor drehte sich um, ihm stockte der Atem, als er Micky registrierte. Gott, war sie schön. Wie der strahlende Morgen. Wie eine Königin. Fast beneidete er seinen Cousin, dass er diese Frau nun bereits zum zweiten Mal heiraten durfte. Micky lächelte, als könnte sie erahnen, was Connor in diesem Moment dachte. Doch, die beiden hatten so viel gemeinsam durchgemacht, dass sie es sich mit Leichtigkeit vorstellen konnte.

„Warte hier, bis die Musik einsetzt.“
„Der Hochzeitsmarsch von Mendelssohn?“ fragte Micky über das alte Klischee grinsend.
„Wart’s ab“, antwortete Duncan weiterhin geheimnisvoll und ging nach vorne zum Altar, wo Connor und der Reverend warteten.
„Sie sieht einfach toll aus, Duncan“, bemerkte Connor noch immer überwältigt.
„Ich weiß. Und danke, Connor, dass du mir geholfen hast.“
„Hey, das hab’ ich einzig für Micky getan. Ich will, dass sie glücklich ist.“ Duncan lachte leise.
„Und mein Glück interessiert dich wohl überhaupt nicht, Cousin?“
„Doch, aber ihres liegt mir mehr am Herzen.“ Duncan zuckte die Achseln, damit konnte er leben.
„Können wir beginnen?“ fragte der Reverend nun.
„Sofort, Reverend. Da fehlt noch jemand“, erklärte Connor nun ebenfalls geheimnisvoll.
„Wen meinst du?“ fragte Duncan. Im selben Augenblick ging die Kirchentür auf und Geneviève trat ein, gefolgt von einem Mann, den Duncan in der dunklen Kirche nicht sofort erkennen konnte.
„Du kannst sie doch nicht heiraten, ohne, dass ihre Tochter anwesend ist“, meinte Connor, während Geneviève ihrer verblüfften Mutter am Eingang der Kirche einen Kuss auf die Wange hauchte. Micky begutachtete ihre Tochter. In der letzten Zeit hatte sie Geneviève immer nur in ihrem Indiana Jones-Outfit gesehen und vor allem nicht in so einem Traum von Kleid. Es war blassrosa, schmiegte sich eng an die Taille ihrer Tochter, ihre braunen Haare waren zu Schillerlocken aufgedreht. Wie eine Reise in die Vergangenheit. Micky war sich sicher, das Kleid war garantiert auch eine Kreation von Karl. Ihr Blick glitt an ihrer Tochter vorbei und verharrte auf einer Gestalt, die hinter ihr im Zwielicht der Kirche stand.

Nun hörte Duncan seine Frau erfreut aufschreien. Er sah angestrengt in ihre Richtung und erkannte den zweiten Überraschungsgast. Natürlich, wer auch sonst.

„Hallo, Karl“, rief Duncan und winkte. Karl Lagerfeld, in einen feinen Anzug gekleidet, mit seiner typischen Sonnenbrille ausgerüstet, winkte zurück und setzte sich in Bewegung. Vorne in der ersten Reihe nahm er Platz.
„Jetzt können wir beginnen“, erklärte Connor dem Reverend. Der hob die Hand zu einem Zeichen. Neben dem Taufbecken trat ein Schotte mit Dudelsack hervor. Er spielte ein langsames Lied, Geneviève und Micky setzten sich nacheinander im Takt der Musik in Bewegung. Duncan blieb beinahe das Herz stehen. Wie schön sie war, wie anmutig sie durch die Kirche schritt, deren Glockenturm aufgrund des Geizes ihres Erbauers nachträglich außerhalb errichtet worden war. Der edle Spender hatte sein Vermögen lieber an den Vatikan direkt abgetreten. Doch die kleine Kirche verfügte über genug Charme, der fehlende Glockenturm fiel nicht ins Gewicht.

Am Altar angekommen, stellte sich Geneviève neben ihren „Onkel“ Connor und Micky neben Duncan.

„Wir sind heute hier zusammen gekommen, um das Band, das dieser Mann und diese Frau vor zehn Jahren geschlossen haben zu festigen. Ihre Freunde haben damals gesagt, sie wären verrückt, kannten sie sich doch kaum. Nur ein paar Tage gar.“ Connor grinste angesichts der Worte des Reverends. Er traf damit des Pudels Kern. „Aber“, fuhr der Reverend fort. „Ihre Herzen haben einander inmitten unserer schnelllebigen Zeit erkannt und eine Wahl getroffen. Und heute im Angesicht des Herrn, ihrer Familie und ihrer Freunde wollen sie ihr Gelöbnis erneuern und bekräftigen.“ Er ließ einen schicksalsschwangeren Augenblick verstreichen, eher er weiter sprach. „Und so frage ich dich, Duncan MacLeod vom Clan der MacLeod, willst du diese Frau, die Comtesse Michelle Dubois erneut zu deiner Frau nehmen und damit das Gelübde, das du ihr vor zehn Jahren geleistet hast, bekräftigen und erneuern?“

Duncan ergriff Mickys Hand und sah ihr fest in die Augen.

„Micky, ich liebe dich. Egal, wie viele Katastrophen oder Kämpfe noch auf uns warten. Egal, mit wie vielen Tüten du von einem Besuch bei Karl wiederkommst, ich bleibe immer an deiner Seite.“ In der ersten Reihe lachte Karl erst und wischte sich dann gerührt eine Träne weg mit seinem seidenen Taschentuch. Der Reverend nickte zufrieden.

„Und du, Michelle Dubois, willst du Duncan MacLeod vom Clan der MacLeod nach zehn Jahren erneut die Treue und Liebe schwören wie schon einmal?“ Micky atmete tief durch.

„Ja, ich will immer bei dir bleiben und alle Kämpfe mit dir gemeinsam bestehen. Und ich gelobe, nicht mein ganzes Vermögen beim Shopping auszugeben.“ Wieder lachte Karl und nickte der Reverend zufrieden. Es war ein außergewöhnliches Gelübde. Aber er hatte so das Gefühl, dass dies auch ein außergewöhnliches Brautpaar war.

„So erkläre ich euch zu Mann und Frau, zum zweiten Mal. Du darfst deine Braut küssen.“ Duncan lüftete den Schleier und küsste Micky auf die vollen, roten Lippen. Im Hintergrund seufzte Geneviève zufrieden und drückte Connors Hand. Gerührt wischte sie sich eine Träne weg. Karl erhob sich von der Kirchenbank und applaudierte.

 

Jetzt spielte der Dudelsack eine fröhliche, schottische Weise, die „Mairi's Wedding“ hieß. Der Reverend gratulierte noch rasch und zog sich dann diskret zurück. Micky nahm die Glückwünsche ihrer Tochter, Connors und Karls entgegen. Dann verließen sie gemeinsam die Kirche.


Schottland, Glenfinnan, einige Stunden später.
Am Abend saßen die MacLeods gemeinsam mit Geneviève im Pup und feierten die Hochzeit. Karl war nach Paris zurückgeflogen, da er an seiner neuen Kollektion weiter arbeiten musste.

„Oh Mama, du warst eine wunderschöne Braut.“
„Ja, auf jeden Fall war es ein schöneres Kleid als beim ersten Mal“, erwiderte Micky. Und mit einem Blick auf Duncan fügte sie noch hinzu: „Also die Überraschung ist dir gelungen, Duncan.“ Er erhob sein Bier und stieß mit Connor an.
„Geneviève und ich verschwinden morgen nach Hause, dann könnt ihr in Ruhe flittern. Wann dürfen wir denn mit euch beiden Hübschen wieder in Chateau Dubois rechnen?“
„In einem Monat oder zwei“, bemerkte Duncan und spielte mit den Locken seiner Frau.
„Was?“ fragte Geneviève. „Was wollt ihr denn so lange hier machen? In dem Dorf ist doch nichts los! Keine Action! Nicht mal eine Ausgrabung könnte man hier auf die Beine stellen.“
Connor grinste und stieß die Vicomtesse an. „Ich denke, deine Mutter und Duncan finden schon eine Beschäftigung.“ Duncan hob breit grinsend seine Flasche Bier und stieß noch einmal mit seinem Cousin an.
„Oh“, machte Geneviève.
„Himmel, Kind. Du bist jetzt 485 Jahre alt“, flüsterte Micky. „Da wird dich doch wohl die Vorstellung nicht umbringen, dass deine Mutter Sex hat!“ Connor und Duncan lachten, Geneviève bekam rote Wangen. „Also bitte. Du siehst aus wie 1703, als ich dir gesagt habe, dass du von dem Tag an Kleider anstelle von Hosen zu tragen und regelmäßig zu baden hast.“ Die Wangen wurden noch röter und die Männer lachten noch lauter. Geneviève stand auf.
„Ich gehe ins Bett. Hier ist ja ohnehin nichts los. Und seid nachher bloß nicht so laut, mein Zimmer liegt neben eurem.“ Sie rauschte aus dem Pub, verfolgt von dem Gelächter ihrer Familie.

 

Schottland, Glenfinnan, zwei Wochen später.
Vorübergehend hatte Tauwetter eingesetzt, was Micky und Duncan sofort aus ihrem Flitterwochenbett gelockt hatte. Die beiden machten einen Spaziergang entlang der Ufer des Loch Shiels. Sie hatten ihre Schwerter mitgenommen, um ein wenig zu trainieren. Auch wenn sie in den Flitterwochen waren, drehte sich die Welt dort draußen doch weiter. Christopher Sikes war weiterhin auf freiem Fuß und die Splittergruppe der Beobachter stellte auch ohne die Führung durch James Horton eine nicht zu unterschätzende Bedrohung dar.

An einem ruhigen Fleckchen legten sie also ihre Mäntel ab und zogen die Schwerter. Umgeben von der Stille und Friedlichkeit des Sees und der schützenden Weite der Highlands konnten sie sich ganz ihren Gedanken hingeben und die Waffen kreuzen. Vertieft in das Training bemerkten sie zu spät, dass sich ein Unsterblicher näherte. Micky hatte sich zwar mehrfach über den kribbelnden Nacken gestrichen, aber nicht weiter darauf reagiert. Duncan hatte sich ein paar Mal umgesehen, jedoch nichts Auffälliges dabei entdeckt.

Erst als der Unsterbliche dicht bei ihnen stand und nach ihnen rief, erkannten sie die Lage.

„MacLeod!“ rief ein großer Mann mit grauen Haaren. Sie drehten sich zu ihm um.
„Hier“, riefen beide.
„Nach dir, Liebes“, bot Duncan an, ganz Kavalier der er war.
„Nein, nach dir, Duncan.“ Er nickte einverstanden und ging mit gezogenem Schwert auf den Fremden zu, der Jeans und eine lange, hellbraune Wildlederjacke mit Fellkragen trug.
„Nun, Sir. Sie kennen meinen Namen und sind damit klar im Vorteil. Würden Sie sich jetzt bitte auch noch vorstellen, bevor wir anfangen?“
„Paul Boyle. Unser gemeinsamer Freund Christopher Sikes schickt mich.“
„Was für eine Überraschung“, rief Micky.
„Die werden Sie jetzt erleben“, konterte der untersetzte Mann und stürmte mit seinem Schwert auf Duncan zu. Dieser hob sein Katana zur Verteidigung und wehrte die ersten Schläge des Angreifers nahezu mühelos ab.


Es ging einige Minuten hin und her, ohne dass sich ein Sieger abzeichnete. Micky hatte sich auf einen am Ufer liegenden Baumstumpf gesetzt und schrieb mit ihrem Schwert Duncans Namen in den Sand. Der Kampf schien reine Routine zu sein.

Doch da passierte das Unvorstellbare. Boyle stürzte und Duncan glaubte seinen Sieg erlangt zu haben. Doch Boyle dachte nicht daran sich geschlagen zu geben. Er griff neben sich und warf Duncan eine Handvoll Sand ins Gesicht. Micky sprang bestürzt auf. Duncan hatte völlig überrumpelt von dem plötzlichen Angriff sein Schwert fallen lassen. Er tastete danach und versuchte sich gleichzeitig den Sand aus den Augen zu wischen. Blinzelnd schaute er sich nach seinem Gegner um.

Wie in Zeitlupe sah Micky nun das Schwert von Paul Boyle auf den Hals ihres Mannes zu rasen. Was sollte sie tun? Es war gegen den Kodex in einen laufenden Kampf einzugreifen. Aber das konnte doch nicht das Ende sein!

„NEIN!“ schrie sie, stürzte mit ihrem Toledo Salamanca nach vorne und setzte zum Schlag an. Ihr höheres Denken war völlig von ihrem Instinkt Duncan zu schützen ausgeschaltet worden. Sie sah nur ihren Mann in Bedrängnis, der kurz davor stand seinen Kopf und damit sein Leben zu verlieren.

Mickys Schwert berührte das von Boyle. Der Mann war viel zu überrascht, um reagieren zu können. Sie schlug ihm das Langschwert mühelos aus der Hand. Mit grenzenlosem Zorn in den Augen und im Herzen holte Micky weit aus und schlug ihm den Kopf vom Körper. Sie atmete erleichtert auf und drehte sich kurz zu Duncan um. Sie erkannte, dass es ihm gut ging. Daher bereitete sie sich innerlich auf die Energieübertragung vor.


Derweil war Duncan an das Ufer des Loch Shiels gekrochen und hatte sich den Sand aus den Augen gewaschen. Nun kam er noch etwas benommen auf seine Frau zu. Er sah immer wieder von Micky zu dem enthaupteten Paul Boyle. Er begriff erst langsam, was er da sah.

„Micky, was in Gottes Namen hast du getan?! Du weißt doch, dass es verboten ist! Ein Tabu. Genauso wie ein Kampf auf heiligem Boden!“ Micky sackte maßlos erschrocken über ihren Eingriff in das Duell in die Knie. Was aber hätte sie Anderes tun können? Hätte sie Duncan sterben lassen sollen? Doch ihr blieb keine Zeit zum Nachdenken. Der erste Blitz löste sich aus Paul Boyles Leichnam und kroch unaufhaltsam auf sie zu. Wie gewöhnlich ergriff Micky ihr Schwert, stand auf und streckte die Arme weit von sich.
„Micky, nein! Egal, was du tust, bleib’ um Gottes Willen weg von den Blitzen!“ Duncan ahnte, dass sie diese Energie nicht in sich aufnehmen durfte. Darius hatte ihn immer wieder eindringlich davor gewarnt. Er hatte von einer schlimmen Strafe gesprochen für diese beiden Übertretungen -Intervention in den Kampf eines anderen und den Kampf auf heiligem Boden. Doch nie hatte er sich genau über die Art der Strafe ausgelassen. Duncan hatte es nicht darauf angelegt zu erfahren, was dahinter steckte. Noch kein Unsterblicher hatte diese Tabus gebrochen. Niemand unter ihnen wusste, was passieren würde. Doch die alten Legenden sprachen von einer schrecklichen Strafe für den Frevel.

Duncan kam nicht mehr dazu weitere Mutmaßungen anzustellen, es war längst zu spät. Ein unaufhaltsamer Prozess hatte sich in Gang gesetzt, um die Strafe für den Tabubruch einzuleiten. Mächte aus grauer Vorzeit, die selbst ein so erfahrener Unsterblicher wie Methos fürchtete, krochen aus den Schatten der Vergangenheit hervor und streckten ihre rachsüchtigen Finger nach Micky aus.

 

Langsam, aber ihr Ziel nicht aus den Augen lassend, fanden die Energieblitze ihren Weg. Giftig und bissig wie tödliche Schlangen züngelten sie über die sandigen Ufer des Loch Shiels. Darauf bedacht, Micky die Strafe angedeihen zu lassen, die sie in den Augen der Macht, die die Unsterblichen seit Urzeiten leitete, verdient hatte. Keine Gnade kannten sie und keine Gnade sollte die Unsterbliche, die es gewagt hatte, das Gesetz zu brechen, erhalten.

Der Blitz traf sie mit einer nicht gekannten Wucht und warf Micky von den Füßen. Brennend kroch er durch ihren Körper. Sie dachte noch, komisch, das fühlt sich so anders an als sonst. Und dann wurde sie von grauenhaften Schmerzen gepackt in die Luft gehoben. Duncan stand fassungslos mit ausgestreckter Hand dabei und musste hilflos das Geschehen verfolgen. Hoch in den Himmel zuckten die Blitze, weiß wie der Schnee, der noch vor wenigen Tagen das Dorf in ein Märchenland verwandelt hatte. Doch das Märchen war zu Ende. Der Traum vorbei. Micky hatte einen schweren Fehler begangen. Sie hatte es gewagt, eines der obersten Gesetze der Unsterblichen zu brechen. Und nun musste sie den Preis dafür zahlen. Die Blitze schleuderten sie immer wieder brutal in den Sand, um sie anschließend grob in die Höhe zu werfen. Duncan hörte ihre gepeinigten Schreie, hörte, wie sie seinen Namen rief, wie sie um seine Hilfe flehte. Doch was konnte er tun?

Seine Beine setzten sich in Bewegung, er rannte auf Micky zu, streckte seine muskelbepackten Arme nach ihr aus. Ein Grollen war aus weiter Ferne zu hören. Der Himmel verfinsterte sich, gigantische Wolken türmten sich auf. Das Grollen wurde immer stärker, es schien fast als wären es Worte, die da vom Himmel gesandt wurden. Doch Duncan wollte sie nicht hören, er wollte und musste seiner Frau helfen, seiner großen Liebe.

Er hatte es fast geschafft, beinahe konnte er sie greifen und von den Blitzen fortreißen, die sie fest und unnachgiebig in ihren bestialischen Klauen hielten. Dann aber wurde er von einem dieser Blitze getroffen und weit von Micky fortgeschleudert. Duncan fiel schmerzhaft auf den harten Boden, er hob den Kopf und sah, dass es noch immer nicht vorüber war. Dann wurde ihm schwarz vor Augen.


Endlose, weitere Minuten wurde Micky von den Blitzen, die sie nie hätte heraufbeschwören dürfen, gequält. Dann endlich ließen sie von ihr ab. Nach einer Ewigkeit wie es schien. Duncan kam allmählich zu sich. Er stützte sich ab und kam schwankend auf die Füße. Er war völlig benommen. Wenn schon ein einziger dieser Blitze ihm so dermaßen zugesetzt hatte, was hatten dann erst alle Blitze zusammen seiner Micky angetan? Mit Angst im Herzen stürzte er zu ihr. Panik überkam ihn, als er kannte, dass Micky bewusstlos war. Was war geschehen? Was hatte die Bestrafung bewirkt? Sie konnte, sie durfte nicht tot sein! Nur das Schwert, das den Kopf vom Körper trennte, konnte uns töten, sagte Duncan sich wieder und wieder. Sie war nicht tot, sie war nicht tot. Das hoffte er, das wünschte er. Doch glaubte er es auch?

„Micky, Micky! Wach auf, verdammt noch mal! Du stures, französisches Biest! Komm endlich zu dir!“ flehte er und hielt seine bewusstlose Frau umklammert. Seine offenen Haare flatterten in der Brise, die vom Loch Shiel herüberwehte. Er sah in den Himmel, Tränen traten ihm in die Augen.

„Nein!“ rief er aus vollem Herzen, die Wahrheit nicht akzeptierend. Er kannte nicht ohne sie leben. Schon einmal war an dem Verlust eines geliebten Menschen fast zugrunde gegangen. Doch Tessas Tod war nur eine Frage der Zeit gewesen. Die Erinnerung an Tessas Verlust stieg in ihm hoch, zusammen mit einer nie gekannten Angst. Micky durfte nicht fort sein. Sie durfte ihn nicht verlassen.

„Nicht meine Frau! Du hast mir schon so viel genommen! Meinen Clan, meine Familie! Tessa! Was denn noch?! Was willst du von mir, verdammt?! Keinem Kampf bin ich ausgewichen und das ist jetzt meine Belohnung?! Nimm mich, aber nicht Micky! Nicht meine Micky!“ Er nahm sie in die Arme und wiegte sie wie ein kleines Kind in den Schlaf und schrie seinen Schmerz in die Weiten der Highlands hinaus. Die Berge fingen sein Wehklagen auf, reichten es weiter an die Vögel, die es bis an die Küste und wieder zurück trugen.


Duncan kniete verzweifelt im Sand, umringt von den Bergen seiner geliebten Heimat, die ihm heute zum ersten Mal in all den Jahrhunderten keinen Trost spenden konnte. Seine Gedanken rasten, überschlugen sich regelrecht. War sie denn wirklich tot? Er musste sich überzeugen, denn noch fühlte seine geliebte Micky sich so warm an. Als würde sie jeden Augenblick die Augen aufschlagen und ihn frech angrinsen, wie sie es immer schon getan hatte.

Gab es einen Arzt in Glenfinnan? Konnte er ihr überhaupt helfen? Verängstigt untersuchte er sie zunächst einmal selbst, bezweifelte aber stark, dass er helfen konnte. Wieso hatte das passieren müssen? Alles war gut gewesen, endlich. Und dann war das Schicksal so grausam zu ihm. Hatte er es nicht verdient glücklich zu sein? Zehn Jahre, was war das schon? Was war ein Jahrzehnt, wenn man unsterblich war?

„Micky“, flüsterte er stockend mit bebenden Lippen immer wieder ihren Namen. Ihren Namen, der ihm sonst so süß wie Honig oder ein schwerer Wein an den Lippen hing. Doch jetzt wollte er nicht wirklich herauskommen, aus Angst es könnte ein Abschiedsgruß sein.

Sie bewegte sich nicht. Duncan beugte sich dicht über sie und stutzte. Sie atmete. Kaum wahrnehmbar, aber sie atmete. Solange sie atmete, gab es noch Hoffnung, sagte er sich. Er tastete nach ihrem Puls, der kaum zu fühlen war. Aber sie lebte, ja sie lebte. Nur warum wurde sie dann nicht wach? Was war mit ihr? Duncans Herz raste. Was wenn die Energieübertragung so stark gewesen war, dass ihr Gehirn Schaden genommen hatte? Was wenn sie bis in alle Ewigkeit schlafen würde? Tränen sammelten sich in Duncans Augen, er wischte sich rasch darüber. „Ein Highlander weint nicht, Lass sie los, so ist nun mal der Lauf der Dinge“, hörte er im Kopf die Stimme seines Vaters, die er sogleich wütend zur Seite drängte.

Es war sinnlos, er konnte ihr nicht helfen. Er wusste nicht was ihr passiert war und wie er diesen Effekt umkehren könnte. Methos wusste vielleicht Rat. Darius hätte es mit Sicherheit gewusst. Doch beiden waren sie nicht da. Der eine war weit weg in Frankreich, der andere unwiederbringlich fort. Und jetzt drohte er auch noch Micky zu verlieren.

„Seit Anbeginn der Zeit haben wir uns gefragt, was die Strafe dafür ist. Aber warum musste es ausgerechnet meine Frau sein? Warum meine Frau?“ schrie er in den Himmel.

Duncan klagte niemand Bestimmtes an mit seiner Frage und doch eigentlich die gesamte Welt, das Universum, Gott oder Denjenigen, der die Unsterblichen auf die Erde geschickt hatte, damit sie sich zu seinem Vergnügen in einem nie enden wollenden Kampf gegenseitig die Köpfe abschlugen. Ewig dauernde Kämpfe unterbrochen von kurzen Augenblicken des Glücks, das war der Inhalt ihrer verfluchten Existenz.

Wenn du ein wahrer Highlander bist, dann hör’ auf zu heulen wie ein schwaches Weib. Wenn du sie liebst und sie retten willst, reiß dich zusammen und schaff’ deine Frau in ein Krankenhaus“, hörte er seinen Vater nun fordern. Dieses Mal lies Duncan ihn gewähren und hörte sich an, was die Stimme in seinem Kopf zu sagen hatte.


 

Unsicher kam Duncan wieder auf die Füße. Wie in Trance ging er zu den Mänteln, warf seinen über und hielt Mickys fest umklammert. Er hob ihn an sein Gesicht und roch ihr Parfüm. Eine Träne tropfte auf das weiße Leder. Dann suchte er nach den Schwertern. Er holte sein Katana und sah erstaunt, dass etwas mit Mickys Schwert passiert war. Der mit einem Bären verzierte Griff ihres Toledo Salamanca war schwarz verfärbt. Mit zitternden Händen steckte Duncan die beiden Waffen in seinem Mantel fest. Dann ging er mit großen Schritten zu seiner Frau zurück. Er kniete sich nieder und strich zärtlich über ihre Wange. Als würde sie schlafen, dachte er. Doch das tat sie nicht. Was immer die Energieübertragung ihr als Strafe angetan hatte, sie war bewusstlos und irgendetwas sagte Duncan, dass sie nicht mehr aufwachen würde. Behutsam hob er Micky auf seine starken Arme und trug sie von den Ufern des Loch Shiels fort.

 

 

8. Das Herz des Highlanders


Frankreich, Paris, vier Wochen später.
Vor dem großen, weißen Gebäudekomplex des modernen Krankenhauses der barmherzigen Schwestern inmitten des Pariser Zentrums hielt ein schwarzer Jeep mit Pariser Nummernschild. Das Krankenhaus war im vergangenen Winter neu eröffnet worden. Auch dank der großzügigen Spende einer gewissen Comtesse Dubois. Es verfügte über eine exzellente Forschungsabteilung, eine Frühchenstation mit den besten Ärzten des Landes und einer hervorragenden Behandlung von Komapatienten. Und genau das brauchte die edle Spenderin jetzt.

 

Methos und Joe Dawson stiegen langsam aus dem Auto aus. Doch sie blieben noch einen Moment stehen und schlugen ihre Mantelkragen hoch. Als ein Auto an ihren vorbeiraste, hielt Joe schützend seine Hand vor den Strauß Blumen, den er wie jeden Tag auf dem Montmartre extra für Micky gekauft hatte.

Grimmig dachte Joe, dass es eigentlich ein freudiger Anlass für das Wiedersehen hätte sein sollen. Doch das neue Jahr hatte genauso begonnen, wie das alte zu Ende gegangen war. Kalt und herzlos, mit einschneidenden Veränderungen. Aber nicht durch etwas, das die Weltpolitik betraf, sondern Methos’ und Joes ganz persönliches Umfeld. Dabei hatte zunächst alles wie ein Märchen geklungen. Joe hatte im Chateau angerufen, um seinen Freunden zu berichten, dass er im kommenden Sommer Vater werden würde. Seine Frau Emily war schwanger. Bei dem Gespräch hatte er von Elisabeth Stern erfahren, dass Duncan und Micky in Glenfinnan waren, um ihr Ehegelübde nach zehn Jahren zu erneuern. Es schien alles perfekt zu sein. Und dann war am 20. Dezember die schreckliche Nachricht aus Schottland eingetroffen. Micky hatte in den Kampf zwischen Duncan und Paul Boyle eingegriffen und war durch die Blitze der Energieübertragung verletzt worden. Seither lag sie im Koma. Sofort nach Neujahr hatte Joe seine Bar geschlossen und war nach Paris aufgebrochen. Leichtfällig hatte er seine schwangere Frau gewiss nicht in Kanada zurückgelassen. Doch die Aufregung fürchtete er, könnte seinem ungeborenen Kind schaden. Außerdem hätte Emily ohnehin nichts ausrichten können. Joe zumindest hatte die Informationen für die Chronik der beiden MacLeods aus erster Hand parat und konnte diese nebenbei weiterführen, um sich von der nervenaufreibenden Warterei abzulenken.

„Es ist so…“, setzte Methos an und zog ein gequältes Gesicht. Er rieb sich über die müden, geröteten Augen. Er schlief wenig in letzter Zeit und wenn dann sehr schlecht. Zu allem Überfluss hatte er sich mit Isis wieder zerstritten, worauf sie beleidigt abgereist war. Aber gerade jetzt hätte er seine Frau an seiner Seite gebraucht, wo doch seine Freundin Micky im Koma lag. Doch genau das hatte Isis nicht einsehen können.

„Was habt ihr nur alle mit ihr? Micky hier, Micky da. Duncan, Connor und du ihr springt, sobald sie nach euch ruft.“
„Sie ist unsere Freundin“, hatte er erwidert.
„Freundin! Pah! Wenn’s nur das wäre! Ihr drei liebt sie! Wenn Isabelle damit umgehen kann, von mir aus! Ich kann es nicht und ich will es auch nicht!“ Dann war sie aufgesprungen und aus der Wohnung in der Rue Mallet-Stevens gerannt.
„Es gibt verschiedene Arten von Liebe, du ignorante, ägyptische, starrsinnige Prinzessin, du!!!“ hatte Methos ihr noch hinter hergerufen, doch Isis hatte nicht reagiert. Micky war seine beste und älteste Freundin, doch das konnte Isis irgendwie nicht verstehen. Er hatte es nicht leicht gehabt in seinem hohen Alter Freundschaften aufrecht zu erhalten. Es war doch nur logisch, dass er dann irgendwann einen erlesenen Kreis unsterblicher Freunde um sich herum aufgebaut hatte zu dem Connor, Duncan, Richie und allen voran natürlich die Comtesse gehörten. Wie konnte man darauf nur eifersüchtig sein?

 

„Unbefriedigend?“ schlug Joe vor mit seinem Strauß Lilien in der Hand. „Weil wir nichts tun können, als jeden Tag an ihr Bett zu eilen und auf eine Reaktion zu hoffen?“
„Ja, das ist es…“ Er fuhr sich mit der Hand über sein Gesicht, fühlte die Bartstoppeln. Zum Rasieren hatte er heute Morgen einfach nicht die Kraft gefunden.
„Irgendwas von Isis gehört?“ Joe wusste natürlich schon von dem Streit. Methos nahm die Hand weg und sah seinen Freund eindringlich an.
„Musst du mich immer daran erinnern, dass du ein Beobachter bist? Man könnte dich ansonsten fast gern haben.“
„Aber nur fast“, feixte Joe und klopfte Methos kameradschaftlich auf die Schulter.
„Es ist eigentlich weniger Isis, die mir derzeit Sorgen macht. Die beruhigt sich schon wieder. Und wenn nicht gibt es noch genug schöne Frauen auf der Welt.“ Joe nickte, er wusste, an wen Methos dachte.
„Du meinst Duncan, stimmt’s?“
„Joe, er ist total fertig. Er isst nichts. Er schläft nicht. Ich mache mir langsam echt Sorgen um ihn.“ Sie stießen sich vom Jeep ab und setzten sich in Richtung Krankenhaus in Bewegung. Die Sonne schien, es hätte ein schöner Tag sein können, wenn da nicht die Sorge um die MacLeods gewesen wäre.
„Methos, was erwartest du denn? Seine Frau liegt wie Dornröschen seit vier Wochen dort oben im vierten Stock des Krankenhauses. Sie ist völlig gesund und doch wacht sie nicht auf. Die Ärzte stehen vor einem Rätsel. Gut, Duncan musste ihnen erzählen, sie hätte einen Schlag auf den Kopf bekommen. Aber wie hätte er die Sache mit der Energieübertragung auch erklären sollen? Sie reagiert auf nichts. Nicht auf Musik, Gerüche, Geräusche. Selbst unsere Stimmen dringen nicht zu ihr durch. Wir haben es doch alle schon versucht: Connor, Geneviève, Richie, Finnigan, Elisabeth und Pierre, selbst Amanda. Was sollen wir denn noch tun?“ Methos seufzte frustriert.
„Ich weiß es nicht, Joe. Ich weiß nur, dass es mir das Herz zerreißt die Comtesse so zu sehen. Nacht für Nacht liege ich in meiner Wohnung wach und frage mich, wo sie gerade ist.“
„Was meinst du? Sie liegt da oben.“ Joe zeigte auf die Fassade des Krankenhauses.
„Ihr Körper ja, aber was ist mit ihrem Verstand, ihrem Bewusstsein, ihrer Seele oder wie du es nennen willst? Damit muss etwas bei der Bestrafung passiert sein.“
„Ich hasse es, wenn du es so nennst.“
„Aber das war es doch verdammt! Sie hat die Regeln gebrochen und der Witzbold, der uns auf die Erde geschickt hat, hat ihr das angetan!“ brüllte Methos, weil ihm vor lauter Hilflosigkeit der Kragen platzte.
„Deswegen musst du ja nicht gleich so brüllen“, ermahnte ihn Joe, weil sie gerade das Krankenhaus betreten hatten.

 

Duncan stand auf dem Korridor vor Mickys Zimmer und trank einen Kaffee. Er war tief in Gedanken versunken und starrte in den Styroporbecher. Dann blickte er auf und sah sich um, es näherte sich ein Unsterblicher. Seit der Sache am Loch Shiel passte er doppelt so gut auf und rechnete ständig mit Christopher Sikes und seinen Männern. Doch die hielten sich erfreulicherweise bedeckt. War auch besser für sie, dachte Duncan bitter. Sie hatten ihm und seiner Frau genug angetan.

Joe und Methos bogen um die Ecke und winkten ihm.

„Hey, Mac. Wie geht es ihr?“ fragte Joe besorgt über Duncans Anblick.
„Unverändert. Die Ärzte wissen nicht, was sie tun sollen. Es gibt keine Erklärung für ihren Zustand. Habt ihr etwas in den Chroniken gefunden?“ Sie schüttelten bedauernd den Kopf.
„Ich geh’ schon mal rein“, meinte Joe. Duncan nickte und zog Methos zur Seite.
„Hast du was in den anderen Chroniken gefunden?“ wollte Duncan von Methos wissen. Er hatte ihm die Kombination zu Mickys Safe gegeben und gebeten in Nostradamus’ Prophezeiungen nachzusehen. Methos schüttelte bedauernd den Kopf.
„Was heißt das? Es muss doch etwas drin stehen. Ob sie gesund wird oder ob es für immer so bleibt…“
„Mann, Duncan. Du verstehst nicht. Die Seiten waren leer.“
„Was?“ fragte Duncan und drückte Methos forsch gegen die Wand. „Red keinen Scheiß, Methos! Wie können die Seiten leer sein?! Er war ihr gottverdammter Meister und ihr Geliebter! Er wollte, dass Micky die Zukunft kennt.“
„Merkst du was? Er wollte, dass Micky die Zukunft kennt, aber nicht wir. Vielleicht muss sie eine spezielle Formel sprechen, bevor sie das Buch aufschlägt. Oder ein paar Tropfen ihres Blutes auf die verdammten Seiten träufeln. Was weiß denn ich? Ich bin nicht der brennende Busch, Duncan.“
„Schöner Freund bist du!“
„Jetzt mach mal halblang, Mac! Ich habe nicht in einen laufenden Kampf eingegriffen, sondern deine Frau. Ich meine, ich bin froh, dass du noch unter uns weilst, damit du mich an die Wand drücken kannst und so weiter. Aber sie hat gewusst, was sie tat.“ Duncan ließ Methos los, er rutschte ein Stück die sterile Krankenhauswand hinunter.
„Nein, hat sie eben nicht. Sie hat aus Liebe gehandelt. Mit dem Herzen, verstehst du und nicht mit ihrem Verstand. Deswegen ist sie jetzt da drin.“ Duncan blinzelte eine Träne weg. Dann drehte er sich um und ging zum Fahrstuhl.
„Wo willst du hin?“
„Mir Rat holen.“ Er hämmerte auf den Knopf ein. Methos seufzte.
„Du hast doch die Ärzte schon befragt.“
„Die können mir nicht helfen. Pass auf meine Frau auf.“
„Aber…“, meinte Methos, doch Duncan war schon im Fahrstuhl verschwunden.

 

Frankreich, Paris, Meister Unterhausers Esoterikladen, kurz darauf.
„Bin sofort da“, ertönte eine ältliche Fistelstimme aus den Hinterräumen des Ladens. Im nächsten Augenblick raschelte der Vorhang. „Verdammt, wo ist denn jetzt bloß der Ausgang?“, wetterte Berthold Unterhauser. „Sie wollen ja wohl nicht meinen Kopf, oder? Wäre ein bisschen peinlich enthauptet zu werden, während ich in einem Vorhang stecke.“ Duncan lachte in seine Hand.
„Nein, ich bin es, Duncan MacLeod.“ Endlich hatte Meister Unterhauser den Ausgang aus dem roten Samtvorhang gefunden.
„Oh. Oh! Mr. MacLeod. Der Mann von Michelle. Ja, ja. Genau.“ Gedankenverloren räumte er einige Dosen und Schachteln von links nach rechts. Im selben Augenblick da er Duncan als den Mann an der Seite seiner ehemaligen Schülerin erkannt hatte, hatte er ihn auch schon wieder aus seinem Gedächtnis geworfen.
„Ähm, Meister. Ich bin aus einem bestimmten Grund hier.“ Unterhausers Kopf schoss in die Höhe. Seine kleinen, flinken Augen lugten durch die Gläser der sichelförmigen Brille. Wie immer trug er den blauen mit Sternen verzierten Mantel. Duncan grinste, als er sich an Mickys erste Beschreibung des Meisters erinnerte: Eine Mischung aus Gandalf, dem Grauen und Professor Dumbledore.
„Bisschen früh für die jährliche Geisterbeschwörung zu Michelles Geburtstag. Aber ich habe alles da.“, krächzte er erheitert.
„Meister, deswegen bin ich nicht gekommen.“ Mit dem „Meister-Gerede kam er sich vor in einem „Star Wars“-Film. Nun ja, immerhin war Unterhauser genauso zerstreut wie Yoda, aber noch nicht ganz so alt.
„Und weshalb seid Ihr dann gekommen, Monsieur MacLeod?“
„Micky steckt in Schwierigkeiten.“ Unterhauser musterte Duncan.
„Nun, das überrascht mich überhaupt nicht. Dazu neigte das kleine Äffchen schon im 16. Jahrhundert.“
„Ich weiß, aber dieses Mal ist es ernst. Sehr ernst. Sie hat das Gesetz gebrochen.“
„Französisches?“
„Nein, unseres, Meister. Eines unserer obersten Gesetze. Der Unsterblichen. Ich war in einem Kampf und es sah wirklich schlecht für mich aus. Und da ist Micky… Sie ist dazwischen gegangen und hat den anderen enthauptet.“
„Bei Methusalems Bart! Nein, so bescheuert…. Verzeiht mir. Aber so dumm ist doch selbst Michelle nicht.“ Unterhauser ließ sich schwer und müde auf seinen Hocker hinter der Theke fallen. In dem Moment ging die Ladentür auf. Duncan und Unterhauser schauten, wer da den Laden betrat. Es war ein weiterer Unsterblicher. Soviel konnten sie spüren. Duncan fasste instinktiv an den Griff seines Katana. Als er den Besucher erkannte, ließ er es wieder los.

„Was machst du denn hier?“
„Ich habe Methos im Krankenhaus getroffen. Er sagte, du willst zum alten Unterhauser. Da dachte ich, du könntest Hilfe gebrauchen.“

„Großer Gott, noch ein Schotte! Ist hier ein Nest?“ fragte Unterhauser an Connor gerichtet.

Connors Augen blickten traurig, genau wie Methos hatte er es nicht geschafft sich zu rasieren.

„Auf der anderen Seite des Meeres, Meister Unterhauser. Da ist unser Nest. Was ist, hast du ihn schon gefragt?“
„Ich war gerade dabei, als du hier reingestürmt kamst, als wären alle britischen Soldaten bei Culloden hinter dir her.“
„So viele waren das doch gar nicht.“
„Witzbold, es hat gereicht, um uns und allen übrigen Clans ein für alle Mal das Genick zu brechen.“ Unterhauser stand von seinem Hocker auf und rückte seine kleine Lesebrille zurecht.

„Worum geht es hier überhaupt? Ich kann keine Zeitzauber. Konnte ich noch nie.“
„Ich habe es Ihnen doch erklärt. Micky hat sich in meinen Kampf eingemischt. Und dafür wurde sie bei der anschließenden Energieübertragung bestraft. Seither liegt sie im Koma. Seit vier Wochen.“
„Und da kommt Ihr erst jetzt?!“ Unterhauser rannte von vorne nach hinten und kreuz und quer durch seinen Laden und suchte Kräuter, Kerzen und andere okkulte Dinge zusammen.
„Wir hatten die Hoffnung, dass sie auch so wieder zu sich kommt“, verteidigte Duncan sich. „Sag du doch mal was, Connor.“
„Was“, meinte er schlicht, worauf Duncan ihm eine Kopfnuss verpasste.
„Hey, meine Haare.“ Duncan warf einen Blick darauf.
„Lässt du sie etwa wieder wachsen? Wie kommt’s?“
„Ich dachte, Micky gefällt es vielleicht.“
„Pass bloß auf, Cousin. Sie ist immer noch meine Frau.“
„Das weiß ich, aber jetzt stell’ dir doch mal vor, dass sie dadurch wach wird. Und denk mal, ich hätte es nicht getan.“ Duncan stöhnte.
„Himmel, Connor, wo hast du heute Morgen dein Hirn gelassen? So eine gequirlte Scheiße ist mir schon lange nicht mehr untergekommen! Wenn du deine Haare unbedingt wieder lang tragen willst, nimm meine Frau nicht als Vorwand.“
„Haare - ja genau. Haben Sie ein Haar Ihres Gegner, den Michelle geköpft hat?“ fragte Unterhauser völlig unvermittelt, während er weiterhin durch den Laden raste in einem für sein Alter erstaunlichen Tempo.
„Natürlich nicht. Die Leiche haben wir in Schottland gelassen. Wieso? Wäre das wichtig gewesen?“
„Weiß nicht“, meinte Unterhauser. „Ich habe so was noch nie gemacht.“ Duncan sprang auf ihn zu und hielt Unterhauser fest.
„Wie meinen? Sie haben so was noch nie gemacht?“ Der Alchimist blickte verängstigt drein. Connor tippte seinem Cousin vorsichtig auf die Schulter. Der Kopf sauste herum.
„Was?“
„Schon vergessen? Micky war die erste, die das Gesetz gebrochen hat. Wie hätte Väterchen Unterhauser da bis dato schon mal einen solchen Zauber ausprobiert haben können?“
„Meister Unterhauser, bitte. Soviel Zeit muss sein. Wenn ich Ihrer beider Väterchen wäre, würde ich nach Wittenberg auswandern ohne Nachsendeantrag.“ Connor und Duncan sahen sich verwirrt an.
„Witzig, Meister Unterhauser“, betonte Duncan dessen Titel extra stark. „Sind Sie soweit?“„Ja, gehen wir. Tragen Sie die Ausrüstung.“ Das war keine Bitte, soviel war klar. Unterhauser entschwebte seinem Laden und ließ Duncan und Connor zurück.

Auf der Theke standen zwei große Kartons mit Kristallkugeln, Kräutern, Kerzen und allerlei anderem okkultem Schnickschnack.

„Meinst du, die lassen uns mit dem Kram ins Krankenhaus?“ fragte Connor nachdenklich.
„Ich kenne da so eine Ärztin. Dr. Anne Lindsey. Sie bringt uns rein.“
„Ist sie hübsch?“ fragte Connor und schnappte sich eine der beiden Kisten.
„Ja, aber du bist vergeben.“
„Du auch, vergiss das bloß nicht, Duncan.“
„Sie hat mich getröstet“, verteidigte Duncan sich.
„So fängt das immer an“, bemerkte Connor, worauf er von seinem Cousin mit einem Tritt in den Hintern aus dem Laden herausgejagt wurde.

 

Frankreich, Paris, Krankenhaus der barmherzigen Schwestern, zwei Stunden später.
„Und?“ fragte Methos erwartungsvoll, als Duncan sich erschöpft aus Mickys Krankenzimmer schleppte. Seit geschlagenen zwei Stunden hatte Meister Unterhauser irgendwelche Zauberrituale abgezogen, in der Hoffnung Micky würde zu sich kommen. Der Gestank der Räucherstäbchen, der auf den Korridor gewabert war, hatte Methos fast aus den Schafwollsocken gehauen.
„Nichts. Rein gar nichts. Null. Nicht mal gezuckt hat sie“, gestand Duncan resigniert. Connor drückte sich von der Wand ab und schlurfte zum Fahrstuhl. „Wohin gehst du?“ rief ihm Duncan nach.
„Nach Hause ins Bett. Da solltest du im Übrigen auch hingehen. Wenn etwas passiert, rufen sie uns schon an. Allen voran deine Dr. Lindsey.“ Duncan setzte zu einer giftigen Erwiderung an, doch Methos hielt ihn zurück.
„Sag jetzt nichts, was du später bereust, Mac. Wir sind alle mit den Nerven fertig. Komm, wir fahren zum Hausboot. Connor hat Recht, du musst schlafen. Ich bleibe bei dir.“ Duncan schlug gereizt die Hand von Methos weg, die auf seiner Schulter lag.
„Ich brauche keine Amme.“
„Aber einen Freund.“

Duncan gab sich geschlagen. Er schlich in Richtung Fahrstuhl, Methos folgte ihm beruhigt. So würde sein Freund wenigstens nicht hier im Krankenhaus zusammen brechen.

 

Frankreich, Paris, Duncans Hausboot, am frühen Abend.
Die Sonne ging gerade unter, als Methos mit einer Tüte in der Hand das Hausboot betrat. Vorsichtig stieg er die Stufen herunter, um das Abendessen nicht versehentlich fallen zu lassen.

„Duncan?“ rief er.
„Ich bin hier.“ Methos trat näher und stellte die Papiertüte auf den Küchentisch.
„Was machst du?“ Überall lagen Papiere und Aktentaschen verteilt. Was zum Teufel hatte Duncan angestellt, als Methos mal kurz wegfahren war, um Abendessen zu besorgen? Duncan hatte einen Stapel Papiere in der Hand, mit dem er herum hantierte.
„Aufräumen. Ordnung in mein Leben bringen.“
„Da kommst du ein paar hundert Jahre zu spät, Mac.“
„Charmant wie immer, Methos. Was ist in der Tüte?“ Er zeigte mit der Aktentasche auf den Küchentisch.
„Unser Abendessen. Lauter ungesundes Zeug, das Micky dich nie essen lassen würde. Bier, Cola, Popcorn, Pizza.“
„Und du meinst, so was will ich essen?“
„Ob du willst, tut hier nichts zur Sache. Du brauchst Energie und die bekommst du am besten und schnellsten durch Zucker.“
„Dann schaffe ich vielleicht den ganzen Papierkram aus der Galerie. Übermorgen wird eine neue Ausstellung eröffnet. Karl ist eingeladen. Großer Gott, er weiß noch gar nichts. Micky hatte erwähnt, dass er seine neue Kollektion fertig stellen muss. Da wollte ich ihn nicht beunruhigen. Seine Modenschau ist inzwischen gelaufen. Vielleicht sollte ich es ihm doch besser sagen...“ Er wedelte mit besagten Papieren vor Methos’ langer Nase herum.
„Vielleicht. Aber erst einmal essen wir. Komm, wir gehen auf Deck oder fürchtest du Frostbeulen?“ fragte Methos lachend.
„Nicht wirklich. Eher die Einsamkeit. Ich schätze deswegen bin ich auch die letzten Wochen nicht ins Chateau gefahren. Ich konnte die Vorstellung nicht ertragen alleine in unserem Ehebett zu schlafen.“
„Komm bloß nicht auf Ideen, Alter. Ich schlafe auf der Couch.“
Duncan lachte, schnappte sich die Tüte und schob seinen Freund die schmalen Stufen zum Oberdeck des Hausbootes herauf.

Der Himmel war Wolken verhangen. Duncan blickte nach oben, während er an einem Stück Pizza herumkaute.

„Micky hat immer so gerne hier gesessen und die Sterne beobachtet.“
„Und sie wird auch wieder hier sitzen, Mac. Da bin ich ganz sicher.“ Sie seufzten. Ohne das quirlige Wesen der Comtesse fehlte einfach etwas in ihrem Leben. Die Würze, ja die fehlte definitiv.
„Gib mir mal das Popcorn, Methos. Ich brauche was Süßes.“ Lachend reichte Methos die Tüte an seinen Freund und trank einen großen Schluck Bier.
„Was ist das nur mit Micky? Was hat sie mit uns allen angestellt? Eigentlich macht sie doch nur Ärger, hab’ ich nicht Recht? Aber wir sind alle total verrückt nach ihr, stimmt’s, Mac?“
„Stimmt. Ich meine, schon als ich sie kennen gelernt habe. Als erstes nach Darius’ Begräbnis duellierten wir uns. Und dann küssten wir uns. Und dann nur drei Tage später heirateten wir. Ich meine nach nur drei Tagen! Echt verrückt.“ Sie lachten und warfen sich Popcorn in den Mund.
„Ja genau. Ich war immerhin dabei. Ich habe alles miterlebt. Und was macht sie mit mir? Ich rette sie vor dem Schlitzer und sie hält mich die nächsten 309 Jahre so dermaßen zum Narren, um sich schließlich in deine Arme zu werfen. Ich meine, ich hätte sie nach Darius’ Tod auch trösten können. Aber ich war ja nicht der prophezeite Highlander… Dieser Nostradamus, echt was ein Kerl…“ Er seufzte und trank sein Bier aus.
„Hast du noch was raus gefunden?“ fragte Duncan und reichte ihm ein weiteres Bier.
„Nein. Nicht die Bohne. Keine Ahnung, wie sie das Buch liest. Alles was in der Zukunft liegt, ist nicht da. Unsichtbar. Nur weiße Seiten.“
„Aber ich habe gesehen, dass sie darin gelesen hat“, gab Duncan zu bedenken.
„Ich doch auch, Mac. Aber alles, was morgen passiert, steht nicht da drin… Nur für Micky. Dieser Nostradamus war schon ein gewiefter Fuchs.“
„Hat er gewusst, ob sie zu mir zurückkommt?“ fragte Duncan mit einem dicken Kloß im Hals. Methos ließ sein Bier sinken und stellte die Flasche auf das Deck des Hausbootes. Die Wellen der Seine umspülten das schwankende Heim, das Duncan heute und in den letzten Wochen Trost und Obdach gespendet hatte.
„Mit Sicherheit, aber uns offenbart er sich nun mal nicht. Das müssen wir akzeptieren.“
„Aber wie soll ich akzeptieren, wenn sie… Ich meine, falls sie nicht… Ich meine…. Ach, verflucht noch mal!“ Duncan sprang von seinem Klappstuhl auf und trat dabei sein Bier um. Er starrte in den Himmel. Die Wolken rissen auf, die Sterne und der Mond erschienen am Firmament. „Wieso?“ rief Duncan. „Wieso? Verdammt noch mal? Warum meine Frau?!“ schrie Duncan anklagend. Methos stand auf und legte den Arm um seinen Freund. Duncan schubste ihn weg. Doch Methos legte gleich wieder den Arm um ihn. „Geh weg, lass mich.“
„Nein“, meinte Methos schlicht.
„Wieso? Wieso meine Micky?“ fragte er klagend. Duncan warf seine Arme um Methos und weinte. Noch nie hatte er das in Gegenwart eines anderen Menschen, gar eines Mannes oder eines seiner Freunde getan. Ein Highlander tat so etwas nicht. Doch die Verzweiflung hatte sich im letzten Monat so unermesslich aufgebaut. Er konnte sich einfach nicht vorstellen ohne seine Micky weiterzuleben. Auch das Herz eines Highlanders konnte nur einen gewissen Grad an Kummer ertragen. Methos murmelte beruhigende Worte und drückte seinen besten Freund fest an sich.

Nach einigen Augenblicken ließ Duncan ihn los und räusperte sich.

„Dan… Danke, Mann.“
„Kein Problem, wozu hat man Freunde“, meinte Methos bereits wieder grinsend und nach Bier suchend.
„Aber wenn du das jemand erzählst, Methos, ertränke ich dich in der Seine wie einen räudigen Hund.“ Methos hob abwehrend die Hände und reichte seinem Freund ein neues Bier.
„Wie käme ich denn dazu?“
„Im Alkoholrausch zum Beispiel. Nach zwei Bier weißt du doch nicht mehr, was du erzählst.“
„Dann nimm dich besser in Acht, MacLeod. Ich habe schon mein drittes Bier.“ Sie lachten ausgelassen über Methos’ Witz.
„Jetzt mal im Ernst, Methos, was soll ich nur tun, wenn sie nicht zu mehr zu mir zurückkommt? Ich meine, wie soll ich leben ohne sie? Wie soll mein Herz das verkraften? Ich liebe sie so, das kannst du dir nicht vorstellen.“ Methos lächelte wohlweislich.
„Oh doch, Mac. Das kann ich mir vorstellen. Oh doch, das kann ich sogar sehr gut.“

 

 

9. Durch den Nebel

 

Schottland, Loch Shiel, 20. Dezember 2006.
Die Blitze hatten aufgehört, Micky fühlte sich wie gerädert. So schlimm war die Energieübertragung noch nie gewesen. Aber sie hatte ja auch noch nie das Gesetz gebrochen. Wo war Duncan? Schwankend kam sie auf die Füße und sah sich suchend nach ihm um.

Ah, da war er ja am Ufer des Sees. Er wusch sich gerade den Sand, den Paul Boyle nach ihm geworfen hatte, aus den Augen. Jetzt stand er auf und suchte nach ihr. Sie winkte ihm.

„Duncan, hier bin ich. Alles okay.“ Er reagierte nicht. Jetzt rannte er an ihr vorbei und schmiss sich auf den Boden. Was sollte das denn?

Micky, Micky! Wach auf, verdammt noch mal! Du stures, französisches Biest! Komm endlich zu dir!“

„Aber ich bin doch hier, Duncan! Und hör’ auf mich zu beschimpfen!“ rief sie ihm entgegen, während sie zu ihm lief. Da entdeckte sie, dass Duncan jemanden in den Armen hielt. „Was zum Teufel geht hier vor?“ Sie trat näher. Das war ja sie. Micky sah auf sich selbst herab. Sie hatte einige Kratzer im Gesicht, ansonsten sah es aus, als würde sie schlafen.

Nein!“ rief Duncan aus vollem Herzen. Micky fröstelte, kalter Wind wehte vom Loch Shiel herüber. Sie verstand nicht, was hier vor sich ging. Nachdenklich streckte sie ihre Hand aus und wollte Duncan berühren, doch sie glitt einfach so durch ihn hindurch. Erschrocken zuckte sie zurück.

Nicht meine Frau! Du hast mir schon so viel genommen! Meinen Clan, meine Familie! Tessa! Was denn noch?! Was willst du von mir, verdammt?! Keinem Kampf bin ich ausgewichen und das ist jetzt meine Belohnung?! Nimm mich, aber nicht Micky! Nicht meine Micky!“ Er nahm sie in die Arme und wiegte sie wie ein kleines Kind in den Schlaf und schrie seinen Schmerz in die Weiten der Highlands hinaus. Micky war gerührt über seine Worte und seine Opferbereitschaft. Dennoch verstand sie einfach nicht, was hier vor sich ging. War das etwa das Leben nach dem Tod? Fühlte man sich so, wenn man tot war? Aber was genau fühlte sie? Mal sehen. Ihr war kalt, sie war müde, ihr tat alles weh von dem Kampf und sie hatte einen Bärenhunger. Und sie war verwirrt, soviel stand fest. Sogar ziemlich stark, wenn sie auf die Idee kam tot zu sein. Denn das konnte ja nicht sein. Oder? Nein, nur wenn sie geköpft wurde, konnte sie sterben. Das war alles sehr merkwürdig. Sie umrundete Duncan und ihren leblosen Körper und grübelte über ihre Möglichkeiten.

Micky“, flüsterte er stockend.

„Ich bin hier, Duncan. Wenn du mich doch nur hören könntest… Was machst du denn? Ich lebe also noch“, mutmaßte Micky, als sie sah, wie ihr Atem Duncans Haarsträhnen ganz leicht bewegte und er anschließend ihren Puls ertastete. „Soweit so gut. Aber wieso ist mein Körper da und der Rest von mir steht hier blöd in der Gegend rum? Verdammt ist das kalt. Wo ist mein Mantel?“ Sie sah sich um und bemerkte, dass Duncan schon wieder etwas sagte.

Seit Anbeginn der Zeit haben wir uns gefragt, was die Strafe dafür ist. Aber warum musste es ausgerechnet meine Frau sein? Warum meine Frau?“ schrie er mit dem Blick zum Himmel gerichtet. Micky wischte sie eine Träne weg, er war so lieb, wie er sich um sie sorgte. Allmählich begann sie sich aber auch Sorgen über ihren Zustand zu machen. Sie ging in Richtung des Sees und griff nach ihrem Mantel und voll hindurch.

„Verdammt! Mir ist kalt!“ rief sie in den Himmel. „Moment, wenn mir kalt ist, kann ich nicht tot sein. Also, witzig ist das nicht.“

Jetzt stand Duncan auf. Langsam, wie von Kummer gebeugt ging er zu den Mänteln, warf seinen über und hielt Mickys fest umklammert. Er hob ihn an sein Gesicht und roch ihr Parfüm. Eine Träne tropfte auf das weiße Leder. Dann holte er die Schwerter.

Micky warf einen Blick auf ihren treuen Kampfgefährten aus 200 Mal gefaltetem Stahl und bekam einen Schreck.

„Was ist denn mit meinem Schwert passiert?! Oh nein!“ Der mit einem Bären verzierte Griff ihres Toledo Salamanca war schwarz verfärbt. Nun befestigte Duncan die beiden Waffen in seinem Mantel und ging mit großen Schritten zu Mickys Körper zurück. Er kniete sich nieder und strich zärtlich über ihre Wange. Behutsam hob er den Körper auf seine starken Arme und trug sie von den Ufern des Loch Shiels fort.

Micky erkannte, dass es keinen Sinn haben würde, Duncan nach zu laufen. Sie setzte sich auf den Baumstumpf, auf dem sie schon vorhin gesessen hatte und dachte nach…


Sie musste eingeschlafen sein oder so ähnlich. Micky war sich sicher, dass ihr irgendwann die Augen kurz zu gefallen waren. Wie auch immer, nun stand sie in ihrem Chateau in Frankreich. Cool, es hatte schon seine Vorteile eine ätherische Erscheinung zu sein.

„Elisabeth? Jemand zu Hause?“ Sie ging durch die Eingangshalle. Ihre Schritte warfen wider Erwarten kein Echo vom Steinboden zurück. Merkwürdig. Vielleicht war Connor im Salon oder Geneviève? Sie griff nach der Türklinge und bekam sie nicht zu fassen.
„Och Menno!“ quengelte sie. Moment Mal, wenn ich ein Geist bin, müsste ich doch… Sie ging auf die Tür zu und einfach durch. Wie im Film.
„Cool! Ich kann durch Türen gehen. Keiner da. Aber es brennt ein hübsches Feuer im Kamin.“ Sie setzte sich auf die Couch und grübelte über ihre Situation. Duncan hatte ihren Körper vermutlich in ein Krankenhaus geschafft.
„Na, ich würde zu gerne hören, was er den Ärzten für einen Bären aufbindet. Meine Frau, wissen Sie, die ist am Loch Shiel auf den Kopf gefallen“, frotzelte sie amüsiert.
„Ja, so etwas in der Art hat er den Ärzten erzählt.“ Micky drehte sich auf der Couch um und bekam einen kleinen Schreck.
„Darius!“ rief sie überrascht. „Was zum Teufel…“
„Du sollst nicht fluchen!“ Er kam näher in der für ihn typischen Mönchskutte.
„Ist doch egal, wenn ich tot bin, muss ich ja keine Punkte mehr sammeln. Jetzt geht’s ans Einlösen. Ist das der Himmel oder die Hölle? Obwohl, wenn du da bist, muss ich was richtig gemacht haben…“
„Das ist weder Himmel noch Hölle. Es ist eine Zwischenwelt. Deine Strafe für den Tabubruch.“
„Ja, aber was machst du dann hier? Du bist vor zehn Jahren enthauptet worden. Du hast kein gottverdammtes Gesetz gebrochen.“ Bei dem Wort „gottverdammt“ zuckte Darius zusammen. Micky stand auf und entdeckte ein Teegeschirr, das bis vor wenigen Augenblicken noch nicht da gewesen war.
„Ich bin der Darius deiner Erinnerung. Ich soll dir helfen dich mit deiner Situation abzufinden, während du deine Strafe verbüßt.“ Micky griff nach der Teekanne und bekam sie zu fassen. Na wenigstens musste sie nicht verdursten. Sie schenkte zwei Tassen voll und griff nach einem Keks. Klappte auch prima.
„Mich abfinden? Hiermit? Darius, du kennst mich lange genug. Ich bleibe bestimmt nicht hier. Duncan hat meinen Körper fortgebracht und da will ich wieder rein.“ Darius seufzte und griff nach einer Tasse Tee.
„So einfach ist das nicht, Michelle. Du bist nicht länger Herrin über deinen Körper. Du hast die Regeln der Zusammenkunft gebrochen und dafür wurdest du bestraft.“ Sie stellte mit einem heftigen Knall die Teetasse ab, so dass sich der Earl Grey auf dem dunkelbraunen Couchtisch verteilte. Darius zog seelenruhig ein Taschentuch hervor und wischte den verschütteten Tee auf.
„Verdammt, es gibt keine Zusammenkunft! Sie ist ein Mythos! Seit Jahrtausenden bringen wir uns völlig umsonst gegenseitig um! Hätte ich dafür meinen Mann sterben lassen sollen? Für ein Märchen? Du spinnst doch, Darius!“
„Jetzt beruhige dich erst mal wieder, Michelle. Auch wenn es die Zusammenkunft nicht gibt, was du anscheinend glaubst, so gibt es doch die Regeln, die jene aufstellten, die uns auf die Erde geschickt haben. Die Kämpfe gehen weiter, ob mit dir oder ohne dich. Entweder wird einer übrig bleiben oder nicht.“
„Aber wozu das alles, Herrgott noch mal!? Schau nicht so! Ich fluche, soviel und so oft ich will. Du reizt mich alleine schon mit deiner Anwesenheit dazu zu fluchen.“ Darius lachte.
„Genau das habe ich immer so an dir geliebt. Du hast dich nicht um Regeln und Konventionen geschert. Aber sieh dich um, wo es dich letztlich hingebracht hat.“ Sanft und ein wenig schüchtern streichelte er ihre Wange und fuhr mit einem Finger die Konturen ihrer Lippen nach.
„Ach, hör auf mir Komplimente zu machen. Das hilft uns auch nicht weiter. Also, wie komme ich hier raus?“ bohrte sie unverbissen weiter.
„Michelle, versteh’ doch bitte. Das hier ist deine Strafe. Deine Seele wurde von deinem Körper getrennt. Es gibt kein Zurück.“
„Erzähl’ keinen Scheiß. Es gibt immer einen Weg, das hast du mir doch beigebracht. Damals in Italien.“ Darius verschluckte sich an seinem Tee und stellte schnell die Tasse ab. Er wusste, worauf Micky anspielte.
„Keine Sorge, Darius. Ich habe es nie jemanden erzählt. Nicht mal Duncan weiß davon. Es ist unser Geheimnis. Außerdem heißt es doch: Einmal ist keinmal, oder?“ Darius schlug rasch ein Kreuz. Auch wenn er nur der Darius meiner Erinnerung ist, benimmt er sich sehr katholisch, sinnierte Micky amüsiert.
„Das ist typisch für dich, Michelle. Du steckst in einer Zwischenwelt fest, getrennt von deinem Körper und dir kommen Erinnerungen an Italien.“
„Tja, Duncan liebt Frankreich und ich liebe eben Italien…“ Darius sah sie fragend an. „Ach, entschuldige, das kannst du ja nicht wissen. Damit ziehe ich Duncan immer auf, weil er doch damals in Frankreich in einem Freudenhaus gelandet ist ohne es zu merken. Die anschließende Beichte hätte ich gerne miterlebt.“ Darius räusperte sich verlegen, während er noch einmal beide Tassen mit Tee füllte.
„Meine war ziemlich lang, das kannst du mir glauben. Glücklicherweise legte ich sie bei einem Bruder ab, der Verständnis hatte für das schwache Fleisch und einen Mitbruder, der in Liebe zu einer schönen Französin entbrannt war.“ Eine schamhafte Röte schlich sich auf Mickys Wangen. Eine einzige Nacht in Sünde hatten sie beide miteinander in Florenz verbracht, aber sie hatte es nie vergessen. Doch es gab wichtigere Dinge, als eine Liebesnacht, die schon 415 Jahre zurücklag.
„Darius, um jetzt noch mal auf mein aktuelles Problem zu sprechen zukommen. Wie verflucht noch mal, komme ich hier raus?“
„Gar nicht. Es ist deine Strafe.“
„Du klingst wie ein Papagei… Kann ich die Strafe nicht irgendwie anders verbüßen? Okay, ich habe einen Fehler gemacht. Aber hättest du Duncan sterben lassen? Mal ehrlich. Duncan MacLeod, deinen besten Freund?“ Darius stand auf und durchschritt den großen Salon. Micky nahm sich noch einen Keks und knabberte daran herum. Darius ließ sich Zeit mit einer Antwort. Doch offensichtlich war Zeit das einzige, wovon sie genug hatte.
„Natürlich nicht. Ich wäre auch dazwischen gegangen“, gab der Mönch nach einer Ewigkeit zu.
„Na prima, dann sind wir ja zumindest einen Schritt weiter. Wie verkraftet Duncan es? Geht es ihm gut?“
„Wie man’s nimmt, er ist die meiste Zeit über an deinem Bett im Krankenhaus in Paris. Schläft wenig, isst noch weniger. Methos macht sich große Sorgen um ihn…“ Der gute Methos, wenigstens hatte Duncan ihn und Connor und Richie, die sich um ihn kümmern konnten. Doch sie musste sich selbst davon überzeugen, dass er einigermaßen zu Recht kam ohne sie.
„Kannst du mich zu ihm bringen? Nur ganz kurz? Bitte.“
„Wenn du so bettelst, wie soll ich da nein sagen? Also komm schon.“ Darius ergriff Mickys Arm, zog sie vom Sofa hoch und im nächsten Augenblick standen sie auf dem Hausboot. Der Vollmond schien, es war mitten in der Nacht.

 

Duncan saß alleine auf seinem Klappstuhl auf Deck und blätterte langsam ein dickes in Leder gebundenes Fotoalbum durch. Neben ihm stand eine Flasche Chateau Dubois, die er bereits zur Hälfte geleert hatte. Kummersaufen, fuhr es Micky in den Sinn. Wenigstens tat er es mit Stil.

„Oh, Duncan. Wenn ich dir doch nur sagen könnte, dass es mir soweit gut geht.“ Sie ging vor ihm in die Hocke und sah ihn intensiv an. Er musste sich seit Tagen nicht rasiert haben. Das würde ganz schön kitzeln, wenn sie… Tja, sie würde es ja ohnehin nicht spüren.

Bitte, komm zurück zu mir“, flüsterte er.

„Ich versuche es, glaub’ mir, Duncan. Ich werde nichts unversucht lassen.“

Duncan blätterte Seite für Seite im Album um. Immer wieder hielt er inne und betrachte das eine oder andere Foto genauer. Eine Dekade seines langen Lebens, eine Dekade mit Micky. Viel zu kurz war es gewesen. Zärtlich strich er über die Fotos und rief die Erinnerungen wach.

Weißt du noch, da waren wir campen an Silvester“, meinte er lachend. Micky sprang verblüfft in die Höhe. Hatte er sie gesehen oder gehört?

„Er hört dich nicht, Micky. Er stellt sich nur vor, dass du da bist. Das macht es leichter für ihn“, erklärte Darius.

Auf dem Bild, das er so intensiv betrachtet hatte, waren sie zum Bergsteigen in Yosemite gewesen zum Millennium. Sie hatten sich den Hintern abgefroren im Park, und der Ranger hatte sie für verrückt erklärt, weil sie im Dezember dort campieren wollten. Aber zum Jahreswechsel 1999 auf 2000 hatte die ganze Welt gesponnen. Da war es auf ein Ehepaar aus Frankreich, das auf einem Berggipfel feiern wollte, auch nicht mehr angekommen.

Duncan klappte seufzend das Album zu, trank einen Schluck Champagner und trat an die Reling. Er lehnte sich darüber und starrte in das schwarze Wasser, auf dessen Oberfläche sich der Mond spiegelte. Er wirkte so traurig und verloren. Micky trat neben ihn. Sie wollte ihm sanft durch sein langes Haar fahren, wie sie es immer so gerne getan hatte. Doch sie glitt einfach hindurch.

 

Micky zog sich in die Schatten zurück und bemerkte nicht, wie Duncan zusammenzuckte. „Darius, es muss doch noch einen anderen Weg geben, um mich zu bestrafen…“ Sie konnte und wollte nicht so schnell aufgeben. Darius bewunderte ihren Starrsinn.
„Ich kann mal nachfragen, vielleicht lassen sie mit sich reden.“
„Sie?“ fragte Micky interessiert.
„Ja, unsere Geschäftsleitung sozusagen. Ist ein bisschen kompliziert. Nennen wir sie einfach Diejenigen, die uns auf die Erde schickten zum Anbeginn der Zeit.“
„So lange ich zu Duncan zurück kann, ist es mir eigentlich relativ egal, ob es Engel, Teufel, Götter oder die Zeugen Jehovas sind, die uns auf die Erde geschickt und sich den Blödsinn mit der Zusammenkunft ausgedacht haben. Ich will nur wieder zu Duncan zurück. Mehr nicht.“
„Egal wie?“ fragte Darius, worauf Micky entschlossen nickte.
„Abgesehen von lebendig und gesund, die beiden Bedingungen stelle ich. Ja, egal wie.“ Darius nickte.
„Möchtest du in der Zwischenzeit noch jemand anderes besuchen?“
„Methos vielleicht. Ja, Methos.“
„In Ordnung. Konzentriere dich auf ihn.“ Sie tat es, während Darius im Nebel der Nacht verschwand, um ein Gespräch mit der Geschäftsleitung zu führen.

Und schon stand Micky in Methos’ Apartment in der Rue Mallet-Stevens.

Hast du schon etwas Neues herausgefunden?“ fragte Methos eine Micky unbekannte Frau und spielte mit ihren brauen, kurzen Haaren. Sie lag in seinem breiten französischen Bett, das in der Mitte des Schlafzimmers stand. Methos saß an der Bettkante.
Nein, nichts. Ich habe keine Erklärung dafür, wieso sie nicht aufwacht. Du sagtest, die Blitze wären stärker gewesen als bei den üblichen Energieübertragungen und sie hätten auch anders ausgesehen?“
Ja, Anne. Zum hunderttausendsten Mal. So hat Duncan es gesagt. Ich meine, er hatte es dir doch selbst bis ins kleinste Detail erzählt, als er dir sein Herz ausgeschüttet hat.“

Micky wurde hellhörig. Duncan hatte also dieser Frau sein Herz ausgeschüttet. Wer war sie? Und wieso lag sie dann bei Methos im Bett? Kaum war sie mal außer Gefecht gesetzt, spielten ihre Kerle verrückt.

Der arme Duncan. Er macht sich solche Gedanken um seine Frau. Ihr Zimmer ist ein einziges Blumenmeer.“
Hey, hey. Einige Sträuße sind auch von mir. Und von Joe und Connor und Richie und Karl.“

Der liebe, gute Karl, dachte Micky gerührt.

Wann sagen wir es Duncan endlich? Findest du nicht, dass er wissen sollte, dass die Ärztin seiner Frau ein Verhältnis mit seinem besten Freund hat?“
Wieso denn, Dr. Lindsey? Leidet etwa deine Arbeit darunter?“
Er schaut mich manchmal etwas merkwürdig an. So als wäre da etwas zwischen uns oder hätte sollen sein. Ich weiß auch nicht, wie ich es besser erklären soll. Auf jeden Fall wirkt er ziemlich irritiert, wenn mein Halstuch verrutscht und er meinen neuesten Knutschfleck sieht.“ Methos lachte und Micky fiel mit ein. Schnell schlug sie sich eine Hand vor den Mund, bis er dämmerte, dass die beiden sie ja nicht hören konnten. Sie quietschte vor Lachen, Methos der sumerische Eros lief mal wieder zu Höchstformen auf. Aber wo war Isis? Der neue Versuch hatte wohl doch nicht geklappt.

Warum hast du ihm auch erzählt, dass du keinen Freund hast? Selbst schuld.“
Als ich Duncan kennen lernte, war ich Single. Und dann bist du mir mit einem Becher heißen Kaffee direkt in die Arme gerannt“, verteidigte Anne sich. Methos öffnete die Knöpfe ihrer Bluse und lugte hinein.
Lass mal nachschauen, ob man noch etwas von den Hautirritationen, oder wie das auch immer heißen mag, sieht.“ Anne lachte.
Du bist unmöglich, Methos.“
Immerhin habe ich dich sofort trocken getupft und die Reinigung für deinen Kittel übernommen“, verteidigte Methos sich, während er weiter an den Knöpfen der roten Bluse herumfummelte.


„Okay, jetzt wird’s heikel. Darius! Darius, ich will zurück ins Chateau!“ Ein Ruck durchfuhr Micky und eine Sekunde später stand sie in ihrem Salon.

„Besser als beamen“, meinte sie und ging zu ihren vollen Bücherregalen. Wenn sie hier schon warten musste, dann doch bitte schön mit einem guten Buch. Zumindest der Salon schien auf die Bedürfnisse eines Geistes abgestimmt zu sein. Noch immer brannte das Feuer im Kamin, es gab frischen Tee und ein Tablett mit Sandwiches. Hungrig griff sie danach. Sie hatte seit einer Ewigkeit nichts mehr gegessen. Erschrocken erkannte sie, dass sie tatsächlich keine Ahnung hatte, wie lange sie schon hier in der Zwischenwelt war. Duncan hatte ein T-Shirt getragen, es konnte also nicht mehr Winter sein. Sommer also. Aber in welchem Jahr?

„Ich kann dir drei Möglichkeiten anbieten.“ Micky fuhr erschrocken zusammen. Sie hatte sich in das Buch, das sie aus dem Regal gezogen hatte, so dermaßen vertieft, dass sie alles um sich herum ausgeblendet hatte.
„Himmel, Darius, du hast mich zu Tode erschreckt.“ Sie legte das Buch beiseite und stand auf.
„Das glaube ich kaum. Einen Geist kann man nicht zu Tode erschrecken, weil ein Geist nicht lebt im herkömmlichen Sinn. Wie auch immer, ich hatte Erfolg. Also, es gibt drei Möglichkeiten zu deiner freien Wahl. Erstens du gibst Duncan auf. Das heißt, sie schicken dich zurück, du darfst ihn aber nicht wieder sehen. Er wird vergessen, dass er dich gekannt hat.“
„Vergessen, dass er mich gekannt hat? Wir sind verheiratet! Scheiß-Vorschlag. Weiter zum nächsten bitte.“ Darius war von Vorneherein klar gewesen, dass sie ablehnen würde. Diejenigen hatten aber verlangt, dass er ihr alle drei Möglichkeiten unterbreitete, bevor sie ihre Wahl treffen würde.
„Der wird dir noch weniger gefallen… Du bleibst hier für 500 Jahre.“
„Und wenn er in der Zwischenzeit seinen Kopf verliert? Oder noch schlimmer sich in eine andere Frau verliebt?“ Darius schmunzelte und spielte mit seinem Kruzifix.
„Michelle, du solltest ganz dringend deine Prioritäten klären.“
„Klär’ mich lieber auf, was die dritte Möglichkeit ist.“ Er musterte nachdenklich sein Kruzifix und ließ Micky ein wenig zappeln, damit sie auf jeden Fall den dritten Vorschlag annehmen würde.

Ja, das hatten Diejenigen ebenfalls vorausgesehen. Sie hatten bewusst zwei unmögliche Forderungen gestellt, damit Micky die dritte zwangsläufig nehmen musste. Micky hatte ihren großen Plan gestört. Sie selbst war wichtig dafür, Duncan MacLeod wäre entbehrlich gewesen. Wenn sie ihren Highlander aber unbedingt wieder haben wollte, musste sie einen Preis bezahlen. Und keinen zu niedrigen. Und wer weiß, vielleicht wurden die kommenden Zeiten doch noch recht unterhaltsam, jetzt da der Highlander überlebt hatte, obwohl es Diejenigen ursprünglich anders geplant hatten. Das war ja das Amüsante an der Zeit – man wusste nie, was daraus wurde.

„Die Dritte wird dir noch weniger gefallen. Sie schicken dich zurück, du bekommst so eine Art Bewährung. Wenn du noch einmal eines der Gesetze brichst, gibt es keine Begnadigung.“
„Damit kann ich leben.“
„Langsam, es gibt noch ein Aber…“


 


 

10. Ein Leben voller Erinnerungen


 

Frankreich, Paris, Krankenhaus der barmherzigen Schwestern, Sommer 2007 am Mittag.
„Was genau haben sie denn am Telefon gesagt, Mac?“ fragte Richie zum wiederholten Male, während sie über den nassen Parkplatz des Krankenhauses rannten. Es war ein kurzer heftiger Schauer, der den Parisern ein wenig Abkühlung bringen sollte. Sobald die Regenwolken sich verzogen haben würden, war es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Schwimmbäder, Cafés und Plätze der französischen Hauptstadt wieder mit Leben füllen würden. Joe hinkte den Pfützen ausweichend auf seinen Stock gestützt hinter den beiden her. Sein Herzklopfen, das der Anruf aus dem Krankenhaus bewirkt hatte, versuchte er zu ignorieren.
„Dass wir kommen sollen, es wäre etwas mit Micky. Mehr wollte Anne nicht sagen.“
„Typisch Ärzte. Wäre ja auch mal eine tolle Idee konkrete Angaben zu machen. Aber das können diese Götter in weiß nicht“, meckerte Richie und schlüpfte durch die Eingangstüren.
„Anne ist eine gute Ärztin“, blaffte Duncan.
„Würdet ihr bitte etwas langsamer machen! Ein alter Mann ist doch kein ICE!“ rief Joe ihnen hinter her. „Ich bin nicht so jung wie ihr und gehe am Stock! Aber das scheint ihr vergessen zu haben.“ Duncan und Richie blieben stehen und warteten auf Joe.
„Für den Junior mag das ja zutreffen, aber ich bin fast vierhundert Mal älter als du, Joe. Und jetzt beeil’ dich bitte ein bisschen.“

Duncan eilte vorne weg und drückte hektisch den Knopf des Aufzugs.

„Davon kommt er auch nicht schneller, Mac.“
„Ich nehm’ die Treppe, warte bitte auf Joe.“ Er wartete gar nicht erst auf Richies Antwort.
„Mac, es werden schon keine schlimmen Nachrichten sein“, rief Richie ihm noch hinter her.
„Das glaube ich allerdings auch nicht. Sonst hätte Anne gesagt, dass er alleine kommen soll. Jetzt ruf doch endlich den Fahrstuhl, Junge“, drängte Joe. Er warf einen Blick auf die Uhr. Er musste bald zum Flughafen. Emily wartete in Vancouver auf ihn und seine heißgeliebte Bar hatte er auch lange genug sträflich vernachlässigt. Einzig seine Arbeit als Beobachter war nicht in Mitleidenschaft gezogen worden, bekam er doch die Informationen über die MacLeods aus erster Hand mit.

„Ich bin nicht Meister Unterhauser, ich kann nicht zaubern.“
„Aber vielleicht richtig drücken, Richie. Der fährt runter. Wir wollten nicht in die Pathologie. Oder möchtest du schon wieder eine neue Identität, weil dir der Name Canderson nicht mehr gefällt?“ „Bloß nicht, jetzt habe ich mich endlich an den neuen Namen gewöhnt, da gebe ich ihn nicht schon wieder auf.“ Joe drückte schmunzelnd auf den richtigen Knopf und sie warteten noch ein Weilchen länger auf den Fahrstuhl.


In der Zwischenzeit war Duncan bereits durch das Treppenhaus die vier Stockwerke herauf gerannt und stand jetzt vor der Krankenzimmertür, neben der nun schon so lange „Micky MacLeod, Comtesse Dubois“ geschrieben stand.

Langsam drückte Duncan die Tür zu Mickys Zimmer auf und steckte vorsichtig den Kopf herein. Ungläubig weiteten sich seine Augen. Er warf sich gegen die Schwingtür und stürmte ins Zimmer.

„Sie ist ja wach!“ rief er Methos völlig verdattert entgegen, der neben Micky am Bett saß und mit ihr sprach. Micky hatte sich aufgesetzt und fuhr mit ihrer Bürste aus der Sonnenkönig-Ära durch ihr langes, braunes Haar.

Mit dem Rücken zur Tür stand Connor und starrte aus dem Fenster. Besorgt fixierte er die Regentropfen, die gegen das Fenster prasselten. Seine liebe Freundin war zwar endlich aufgewacht, doch die Diagnose von Dr. Lindsey war alles andere als erfreulich.

Der Regen ließ nach und am Horizont baute sich ein großer, schillernder Regenbogen auf. Ein Hoffnungsschimmer, Connor seufzte und drehte sich um. Hoffnung war es auch, was er in den Augen seines Cousins las.

„Ja, ist sie. Aber Duncan, da ist etwas, dass du wissen solltest.“ Doch Duncan ignorierte ihn und stürzte an Mickys Bett. Mit noch stärkerem Herzklopfen als vorher ergriff er ihre Hände und strahlte sie glücklich an.

„Micky, Liebling. Ich bin so froh, dass es dir wieder gut geht. Mein Gott, ich habe gedacht, du würdest ewig im Koma liegen.“
„Wer sind Sie?“ fragte Micky ein wenig ängstlich.

Duncans Kopf schoss herum und starrte Methos an.
„Was soll das? Wieso erkennt sie mich nicht?“
„Das war’s, was ich dir gerade sagen wollte. Komm, wir gehen mal kurz vor die Tür. Micky, entschuldige uns bitte.“ Sie nickte Methos einverstanden zu.

Duncan wurde von Methos rasch aus der Tür geschoben, bevor er noch etwas zu Micky sagen konnte.


Draußen auf dem Flur polterte er dann los: „Was sollte das denn? Wieso schiebst du mich aus dem Zimmer meiner Frau?“
„Sie hat einen kompletten Gedächtnisverlust, Duncan. Die Ärzte wissen nicht, was ihn ausgelöst hat. Geschweige denn, was sie dagegen tun können.“ Er legte beschwichtigend eine Hand an Duncans Arm, der ihn gleich wieder abschüttelte.
„Wie stark ist der Gedächtnisverlust?“
„Sie weiß nichts mehr.“
„Du meinst, was vor dem Kampf mit Boyle war?“
„Nein, gar nichts mehr. Sie weiß nicht wer sie ist oder wer wir sind. Sie hat alles vergessen. Sie weiß nichts von den Unsterblichen oder dass sie selbst unsterblich ist.“ Duncan fuhr sich nachdenklich durch die Haare.
„Aber dich hat sie mit Namen angesprochen.“ Methos nickte.
„Ja. Ich habe ihr gesagt, wer ich bin und dass ich ein Freund bin. Das hat sie akzeptiert. Und ich habe ihr gesagt, dass sie verheiratet ist und ihr Mann gleich vorbeikommt. Ich wollte sehen, ob sie dich erkennt.“ Und so setzte sich das Puzzle für Duncan allmählich zusammen. Micky hatte alle Details ihres 507-jährigen Lebens vergessen. Sie wusste nicht wer oder was sie war. Sie kannte Duncan nicht mehr, sie wusste nicht, welche Vergangenheit sie mit den Männern in ihrem Krankenzimmer verband.
„Und...“, Duncan schluckte einen großen Kloß im Hals herunter. „Und was machen wir jetzt?“
„Anne hat gesagt, wir sollen sie nach Hause bringen. Sie hofft, dass Micky in der vertrauen Umgebung des Chateaus ihre Erinnerungen zurückbekommt.“ Duncan seufzte, das würde ein hartes Stück Arbeit werden. Und da waren immer noch die Splittergruppe und der wesentlich gefährlichere Christopher Sikes.
„Und hat Anne auch vorgeschlagen, wie wir meiner Frau verklickern sollen, dass sie eine Unsterbliche ist? Und das möglichst, bevor Christopher Sikes oder ein anderer aus seiner Truppe auftaucht und sie herausfordert?“
„Am Wirkungsvollsten wäre es wohl sie zu töten.“ Duncan drehte sich überrascht um.
„Anne, das meinen Sie doch nicht ernst.“ Doch die Ärztin nickte, um ihre Worte zu unterstreichen.
„Oh doch. Schocktherapie ist meist sehr erfolgreich bei Amnesie. Sie können sie auch einfach nur verletzen. Aber ich glaube, es wird nicht ausreichen. Sie muss sterben, um zu akzeptieren, dass sie unsterblich ist.“
„Aber nicht gleich heute, oder?“ Duncan war so froh, dass Micky wach und gesund war. Die Vorstellung ihr ein Messer ins Herz zu rammen oder sie zu erschießen, war einfach zu abartig, nachdem er so lange auf ihre Genesung gewartet hatte.
„Duncan, Sie haben es doch selbst gesagt. Sie wissen nicht, wann Ihre Frau zum nächsten Duell gefordert wird. Also warten Sie nicht zu lange. Ich bereite Mickys Entlassungspapiere vor. Und, Duncan. Immer hübsch der Reihe nach. Zu viele Informationen auf einmal, könnten Ihre Frau im wahrsten Sinne des Wortes umhauen. Bis später.“ Anne ging davon, um die Papiere auszufüllen. Über die Lautsprecher des Krankenhauses wurden verschiedene Ärzte ausgerufen, Krankenschwestern eilten geschäftig über die Gänge mit Tabletten, Teekannen und Infusionen bewaffnet. Methos aber hatte nur Augen für Anne. Er seufzte verliebt, was Duncan überhaupt nicht mitbekam. Verständlich, wenn man die Diagnose bedachte, die Anne gestellt hatte. Von der vorgeschlagenen Heilmethode mal ganz abgesehen, die geradezu makaber war. Er sollte seine Frau töten, damit sie ihre Unsterblichkeit akzeptieren und sich vielleicht an ihn und ihr gemeinsames Leben erinnern würde.

„Anne ist echt klasse“, schwärmte Methos. Duncan schreckte aus seinen Gedanken hoch.
„Was hast du gesagt? Ich war in Gedanken.“ Methos grinste verständnisvoll.
„Ich sprach von Anne. Sie ist eine bemerkenswerte Frau und so was von sexy in dem weißen Kittel“, meinte Methos verträumt. Duncan versetzte ihm einen Stoß in die Seite.
„Du bist verheiratet. Apropos, was von Isis gehört? Ich meine, sie ist ja schon seit Januar verschwunden.“
„Nein, keine Nachricht. Ist mir auch egal. Jetzt ist es erst einmal wichtiger, dass wir Micky wieder auf Vordermann bringen. Du, sage mal, Freund Duncan, weißt du, ob Anne einen Freund hat?“ Duncan zuckte die Achseln.
„Kann schon sein. Ab und zu kam sie mit Knutschflecken am Hals in Mickys Zimmer. Aber was geht es uns an, was geht es dich an?“ Er fixierte Methos mit seinem Adlerblick.
„Interessiert mich einfach. Ich werde mal schauen, ob ich ihr bei den Papieren helfen kann.“ Und schon war Methos verschwunden.
„Sie ist viel zu intelligent für dich“, rief Duncan ihm nach.

Nun trat Connor aus Mickys Zimmer heraus.

„Wer ist zu intelligent für Methos?“ fragte er amüsiert.
„Anne Lindsey.“
„Duncan, man merkt, dass du in letzter Zeit nur deine Frau im Kopf hattest. Methos und Anne…“
„Was ist mit den beiden?“ Connor lachte über Duncans Unwissenheit.
„Die beiden sind ein Paar, Duncan. Schon längere Zeit. Sie wollten es dir nur schonend beibringen. Aber ich denke, jetzt da Micky wieder auf dem Damm ist… Sie meinten wohl, du hättest Probleme damit, dass Methos ihre Ärztin… na ja, mit seiner Gunst beglückt“, flüsterte Connor breit grinsend und stieß seinen Cousin dabei an. Duncan klappte die Kinnlade herunter.
„Anne und Methos? Nein, oder?“ Er kratzte sich am Kopf. „Anne und Methos. Ich dachte wirklich, sie hätte einen besseren Geschmack.“
„Gönn’ es Methos. Diese ägyptische Natter hat ihm das Herz gebrochen. Mal wieder. Und ich glaube Anne ist die richtige Medizin für ihn. Im Übrigen solltest du dir jetzt Gedanken über den Geisteszustand deiner Frau machen.“
„Das klingt, als gehöre sie in ein Sanatorium.“
„Erholung wird sie auf alle Fälle noch brauchen. Und wir müssen ihr alles schonend beibringen. Mann, das wird sie ganz schön umhauen. Ich meine, da vergisst du dein ganzes Leben...“, bemerkte Connor nachdenklich.
„Und sie hat Weihnachten, Silvester und ihren Geburtstag verschlafen. Wir sollten vielleicht nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen, indem wir ihr sagen, sie wäre im Mai 507 geworden.“
„Da hast du wahrscheinlich Recht, Duncan. Komm, wir bringen die Comtesse jetzt nach Hause.“ Er schob seinen Cousin behutsam in Mickys Zimmer zurück, wo sie ihre Sachen zusammenpackten und auf Anne mit den Entlassungspapieren warteten.

 

Frankreich, Autobahn Richtung Chateau Dubois, am frühen Nachmittag.
Duncan lenkte seinen Thunderbird auf die Autobahn, dicht hinter ihm folgte Connor mit Methos in dessen Jeep. Micky rutschte unsicher auf ihrem Sitz hoch und runter. Gelegentlich warf sie dem großen, gut aussehenden Schotten neben sich einen Seitenblick zu. In ihrem Kopf schwirrten tausend Fragen, auf die sie eine Antwort suchte. Sie riskierte einen weiteren Seitenblick auf Duncan. Jetzt da der Sommerregen aufgehört hatte und die Sonne mit ihrer ganzen Stärke auf Paris herunter schien, hatte Duncan das Verdeck des Thunderbirds geöffnet. Sein Haar hatte er zusammengebunden, der Fahrtwind zupfte aber immer wieder diese oder jene Haarsträhne aus dem Zopf heraus und spielte damit. Micky überkam ein unerklärliches Verlangen genau wie der Fahrtwind mit Duncans Haaren zu spielen. Was sollte das? Sie kannte diesen Mann, der am Steuer dieses alten, aber in einem Topzustand befindlichen Wagens saß, ja überhaupt nicht. Obwohl Methos ihm etwas anderes gesagt hatte.


„Du bist also mein Ehemann?“ fragte sie nach einer Weile unverblümt.
„Was hast du gesagt, Micky?“ Er hatte sich ganz aufs Fahren konzentriert.
„Ich sagte, du bist also mein Ehemann?“
„Ja, seit zehn Jahren. Das erste Mal haben wir am 16. Juli 1996 geheiratet. Da kannten wir uns ganze drei Tage.“ Micky keuchte überrascht. Was sagte das über ihren Charakter aus? War sie betrunken gewesen zu diesem Zeitpunkt? Und wieso hatte er gesagt, das erste Mal? Nun, eine Frage nach der anderen.
„Das erste Mal? Also haben wir uns danach scheiden lassen?“
„Aber nein. Es war Liebe auf den ersten Blick. Oder auf den zweiten. Wir haben uns angegiftet, duelliert, geküsst und nachdem wir Horton für den Mord an Darius in den Knast gebracht haben, geheiratet.“ Darius? Bei dem Namen klingelte etwas. Er war ihr so merkwürdig vertraut, dieser Darius. Irgendetwas sagte ihr, dass sie vor kurzem mit ihm gesprochen hatte.
„Wow, klingt als hätte ich ein ziemlich bewegtes Leben gehabt.“ Duncan lachte. „Was ist so witzig?“
„Ein bewegtes Leben, das ist gut. Ach, Micky, wenn du wüsstest. Am besten frage mich alles, was du wissen willst.“
„In Ordnung. Wieso haben wir uns duelliert und womit?“ Verdammt, Fragen solcher Art wollte er nicht im Auto erörtern.
„Später. Frag’ mich was anderes.“ Micky stutzte, das war schon merkwürdig. Hatte er nicht vor einer Sekunde gesagt, er würde alle ihre Fragen beantworten? Gut, dann etwas Einfacheres.
„Wann haben wir zum zweiten Mal geheiratet? Und wieso.“
„Am 6. Dezember 2006 in meinem Heimatdorf Glenfinnan in Schottland. Wir haben ein zweites Mal geheiratet, weil wir unser Gelübde erneuern wollten. Da wir ja inzwischen wussten, dass es Liebe war und keine vorübergehende Geistesgestörtheit.“ Er lachte über seinen eigenen Witz. Micky beobachtete ihn genau und ging dann direkt zur nächsten Frage über, um den gigantischen Turm, so hoch wie Babel, auf dem sich Frage über Frage in ihrem Kopf auftürmte, allmählich abzutragen.
„Und heute haben wir?“
„Den 14. Juli 2007. Der französische Nationalfeiertag. Für dich hat er eine besondere Bedeutung, nichts Patriotisches. Du und Connor, das ist mein Cousin, der hinter uns herfährt mit Methos, ihr habt an diesem Tag immer einem gemeinsamen Freund gedacht, der vor vielen Jahren gestorben ist.“ Immer hübsch der Reihe nach, hatte Anne gesagt. Dass besagter Freund Henry war, der bereits 1789 gestorben war, konnte er ihr später noch erklären.
„Und wie alt bin ich?“ Verdammt, schon wieder so eine blöde Frage. Duncan bremste leicht ab. Ein Stück voraus kam eine Abfahrt zu einem kleinen, verschwiegenen See, an dem man spazieren gehen konnte. Wenn sie die Wahrheit erfahren würde, konnte sie dort im Schutz der hohen Bäume soviel toben und schreien, bis sie heißer sein würde.
„Ich glaube, es wird Zeit für einen Spaziergang. Warte mal kurz.“ Er wählte mit dem Autotelefon Methos’ Wagen an. Sein Freund erkannte die Nummer und meldete sich augenblicklich.

„Was gibt es, Mac?“
„Ich gehe mit Micky spazieren. Fahrt ihr schon mal vor. Connor muss die Sache mit Henry dieses Jahr alleine erledigen.“
„Geht klar, Duncan. Bis später.“ Sie beendeten die Verbindung, Duncan wechselte die Spur und fuhr von der Autobahn ab.

Die Sache mit Henry, dachte Micky. Was meinte er damit? Blumen auf das Grab dieses Henry legen? Eine Kerze in der Kirche anzünden? Ja, sagte sie sich, so was in der Art würde es wohl sein.

Sie beobachtete, wie sie die Autobahn hinter sich ließen und auf einen Waldweg einbogen. Sie fuhren noch eine Weile weiter, drangen immer tiefer in den Wald ein. Das Sonnenlicht drang flackernd durch die Bäume. Micky schirmte ihre Augen gegen das blendende Licht aus.

Ein paar Minuten später stellte Duncan den Wagen an einem kleinen, idyllischen See ab. Vögel zwitscherten, Bienen summten. Und keine Menschen weit und breit. Sehr gut, hier konnte er Micky alle ihre Fragen beantworten. Ein Blick auf seine wunderschöne Frau sagte ihm, dass ihr davon tausend und abertausend auf den koketten Lippen lagen.

Duncan stieg aus, ging um das Auto herum und öffnete Micky die Tür.

„Gehen wir ein paar Schritte.“ Sie griff nach seiner Hand und ließ sich aus dem Thunderbird ziehen.
„Also, Duncan. Dann erzähl mal. Warum fühle ich mich in deiner Gegenwart so komisch? Und in Connors und Methos? Da ist so ein komisches Kribbeln, wenn ihr in meine Nähe kommt.“
„Das nennen wir Frühwarnsystem. Es warnt uns, wenn Unseresgleichen in der Nähe auftaucht.“ Er ging mit Micky am Arm auf einen kaum betretenen Pfad, der zum Ufer des Sees führte.
„Unseresgleichen?“
„Ja. Unsterbliche, Micky. Du bist die Comtesse Michelle Dubois. Du wurdest am 15. Mai 1500 in Chateau Dubois geboren. Am 23. März 1525 wurdest du ermordet und dadurch unsterblich. Micky, dieses Jahr bist du 507 Jahre alt geworden.“ Micky keuchte entsetzt auf und geriet ins Wanken – zusammen mit ihrem Weltbild. Die Wahrheit verleugnend schüttelte sie den Kopf. Tränen schossen ihr in die Augen. Das konnte nicht sein. So etwas gab es nicht in Wirklichkeit. Das war ein schlechter Scherz. Ein Alptraum.
„Und wer bist dann du? Und will alt behauptest du zu sein?“ Duncan biss sich auf die Unterlippe, er hatte auch nicht erwartet, dass sie ihm auf Anhieb glauben oder gar sich an ihn erinnern würde.
„Ich bin Duncan MacLeod vom Clan der MacLeod. Ich wurde am 21. Dezember 1592 in Glennfinnan, Schottland geboren. Am 02. Oktober 1622 wurde ich im Kampf getötet und seitdem bin ich unsterblich. Genau wie Connor und Methos.“
„Und was ist mit Joe?“
„Der ist ein Sterblicher. Er arbeitet für eine Gruppe namens Beobachter. Diese Leute schreiben seit ewigen Zeiten Chroniken über unsere Erlebnisse auf. Joe Dawson ist mein und dein Beobachter und unser Freund.“ Micky hob abwehrend die Hände und schüttelte heftig den Kopf. Ihre braunen Locken flogen wild umher. Gott, sie ist so wunderschön, dachte Duncan. Er war so glücklich, dass sie wieder bei ihm war. Doch eine innere Stimme sagte ihm, dass es noch nicht überstanden war. Und er sollte Recht behalten.
„Nein, das ist alles nicht wahr. Ein schlechter Scherz oder so.“ Duncan schüttelte bedauernd den Kopf.
„Doch, es ist wahr. Alles. Und noch viel mehr. Anne hat gesagt, dass du mir so nicht glauben würdest. Ich hatte gehofft es zu vermeiden.“
„Was meinst du?“ Plötzlich bekam Micky Angst. Sie ahnte, dass gleich etwas passieren würde. Vorsorglich wich sie ein paar Schritte vor Duncan zurück. Im Bruchteil einer Sekunde zog er unter seinem Mantel sein Katana hervor und rammte es Micky in den Bauch.

Sie schrie entsetzt auf. Vögel flatterten panikartig aus den Bäumen auf.
„Was hast du getan?“ presste sie hervor und drückte eine Hand auf den blutenden Bauch mit der klaffenden Wunde.
„Es ging nicht anders, Baby. Sonst glaubst du mir nie.“ Duncan warf sein Schwert beiseite und fing Micky auf, die vorne über zu fallen drohte. Sie versuchte noch ihn wegzustoßen, doch die Kraft verließ sie ebenso schnell wie das Leben.
„Wieso“, hauchte sie gleichzeitig mit ihrem letzten Atemzug.


Minuten später keuchte sie und bäumte sich auf.

„Ruhig, Schatz. Ganz ruhig. Gleich ist es vorbei.“, flüsterte er beruhigend auf Gälisch. Der vertraute Klang der Worte beruhigte sie tatsächlich ein wenig. Duncan hielt sie fest im Arm und wischte mit einem feuchten Taschentuch das getrocknete Blut von ihrem Bauch. Zum Glück hatte sie ein Top getragen, das bauchfrei und somit heil geblieben war.
„Ganz ruhig, Micky. Alles in Ordnung. Das ist nur die Belebung. Gleich geht es dir wieder gut.“ Sie schlug nach ihm und versuchte ihn zu kratzen, um von Duncan loszukommen. Schließlich kämpfte sie sich aus seiner Umarmung frei, drehte sich um und verpasste ihm eine schallende Ohrfeige. Sie kroch von ihm weg und atmete heftig durch die Nase ein und aus. Ihre Nasenflügel bebten. Oh, wie Duncan diesen Anblick liebte. Nichts ging über seine wütende Micky. Erfreut rieb er sich die brennende Wange.
„Du Mistkerl!“ schrie sie so laut, so dass die Vögel, die sich gerade wieder beruhigt hatten, erneut aufgeschreckt in den Himmel davon stoben.
„Oh gut, du bist sauer. Also kannst du dich erinnern.“ Er stand erleichtert auf und kam auf sie zu, um sie zu umarmen.
„Einen Scheiß kann ich“, schleuderte sie ihm die Worte entgegen. Duncan hielt inne.
„Schade. Aber fluchen kannst du schon wieder wie meine kleine Comtesse.“ Micky sprang auf die Füße und lief wütend auf und ab.
„Spar’ dir das! Du hast mich mit deinem gottverdammten Schwert umgebracht!“ keifte sie. Ein Name – Darius – flackerte kurz in ihrem Gedächtnis auf, als sie das Schimpfwort „gottverdammt“ in den Mund genommen hatte, um sogleich wieder zu verschwinden. Im nächsten Moment hielt sie stutzend inne. Duncan grinste zufrieden.
„Stimmt genau. Ich habe dich erstochen mit meinem Katana. Und dennoch lebst du. Wie erklärst du dir das?“ Sie fluchte auf Gälisch ohne es zu bemerken. Aber Duncan merkte es und grinste noch zufriedener. Unbewusst fluchte sie in seiner Muttersprache, wie immer, wenn sie so richtig stinksauer war. Das war ein gutes Zeichen. Sie fuchtelte mit den Armen, doch allmählich machte sich in ihrem Kopf die Vorstellung breit, dass alles, was Duncan MacLeod ihr gesagt hatte, der Wahrheit entsprach. Sie war…
„Unsterblich?! Ohne Scheiß? Das ist ja cool! Und ich bin eine Comtesse? Eine echte Adlige?“ Ihre Augen leuchteten wie die eines Kindes im Schlussverkauf bei Toys’R’Us.
„Ja, wie ich gesagt habe. Dürfte ich vorschlagen, dass wir zu Hause im Chateau weiter reden? Connor und Methos werden sich schon Sorgen machen. Und Geneviève wartet auch auf dich.“
„Wer ist Geneviève?“
„Deine Tochter“, rutschte es Duncan unkontrolliert heraus. Er biss sich auf Zunge und verfluchte sein loses Mundwerk. Aber er war zufrieden mit der teilweise erfolgreichen Schocktherapie. Immerhin hatte sie akzeptiert, dass sie eine Unsterbliche war.
„Meine Tochter?“ fragte Micky völlig überrumpelt. „Ich habe eine Tochter? Wie alt ist sie?“ Ihre Augen leuchteten. Duncan ahnte, dass sie vor ihrem geistigen Auge ein kleines Baby oder ein Kleinkind mit blonden Locken sah. Diese Illusion musste er leider zerstören.
„Also ganz langsam. Zunächst einmal ist sie deine Adoptivtochter. Wir Unsterblichen können nämlich keine eigenen Kinder bekommen. Hat für dich den Vorteil, dass du dich mit Flügelbinden oder Wechseljahren nicht herumärgern musst. Sie ist genau wie wir unsterblich. Außerdem ist sie kein kleines Kind, wie du vielleicht gehofft hast. Unsterbliche werden erst sagen wir mal geschaffen, wenn sie volljährig sind, damit sie sich selbst versorgen können. Geneviève ist 485 Jahre alt...“
„Oh“, meinte sie ein wenig enttäuscht. „Aber wieso habe ich sie adoptiert, wenn sie volljährig war?“
„Sie konnte zu dem damaligen Zeitpunkt aufgrund besonderer Umstände nicht für sich selbst sorgen. Und du brauchst ab und zu ein kleines Projekt, das dich so richtig fordert.“ Na, das klang ja alles sehr geheimnisvoll. Duncan sah die Verwirrung in Mickys Gesicht. Wahrscheinlich hatte sie ein Bild von einem wilden, verwahrlosten Punkermädchen im Kopf.
„Halb so wild. Geneviève ist klasse, du wirst sie mögen.“
„Was macht sie so? Ich meine hat sie jetzt Arbeit?“
„Also, früher war sie eine notorische Diebin. Dann hast du sie 1703 adoptiert, nachdem sie dich und den halben Hofstaat des Sonnenkönigs Louis XIV. ausgeraubt hatte und seit kurzem hat sie einen Doktor in Archäologie und spielt Indiana Jones in den Anden.“
„Heiliger Bimbam! Ich glaube, jetzt haut’s mich aus den Socken“, meinte sie und fiel im selben Augenblick in Ohnmacht. Duncan sprang zu seiner Frau und hob sie hoch. Er ärgerte sich über sein Plappermaul, während er die ohnmächtige Micky zu seinem Wagen trug. Hätte er doch auf Anne Lindsey gehört, sie hatte ihn gewarnt, dass es Micky umhauen würde.

 


 

11. Erkenntnisse am Pool

 

Frankreich, Chateau Dubois, kurz darauf.
„Wir sind da!“ rief Duncan in die große Eingangshalle und zog den Schlüssel wieder aus dem Schloss. Er stieß die Tür weit auf und schob Micky herein. Es kam keine Antwort. „Komm rein, Liebes. Vielleicht sind sie im Garten beim Pool. Connor wollte heute Abend grillen.“ Pool? dachte Micky, das wurde ja immer besser.

 

Ihre Umgebung genau betrachtend folgte sie Duncan in die Küche und hinaus in den riesigen Garten. Das gehört alles mir? dachte sie ungläubig. Bei so einem Chateau und solch einem Anwesen musste sie eine ziemlich wohlhabende Comtesse sein.

Vor ihr her lief Duncan den Weg hinunter zum Swimmingpool. Dort auf den Liegen aalten sich Methos, Connor, Richie, Isabelle und Geneviève in der Sonne. In der Ferne wuselten Pierre Muriel und seine Gärtner emsig wie Bienen umher und pflegten die prachtvolle Gartenanlage von Chateau Dubois.

„Leute, ich bringe euch eure Comtesse“, rief Duncan. Geneviève sprang von ihrer Sonnenliege auf und rannte auf ihre Mutter zu. Sie trug einen knappen blauen Bikini, den Richie die ganze Zeit fasziniert bewundert hatte. Wäre Micky sie selbst, hätte sie den Junior schon in den Pool geworfen für Blicke dieser Art. Doch so bemerkte sie es nicht und war viel zu gefangen genommen von der Vielzahl Eindrücke, die auf sie einstürzten.

„Mama!“ rief Geneviève glücklich und warf sich in Mickys Arme. Die irritierte Micky umarmte die junge Frau und sah hilfesuchend zu Duncan.

„Das ist Geneviève“, erklärte Duncan seiner Frau.
„Ach ne. Das habe ich mir auch fast gedacht. Hör mal, Geneviève, ich kann mich an nichts erinnern.“ Geneviève ließ ihre Mutter los und nickte traurig.
„Ich weiß, Onkel Connor hat es erzählt.“ Duncan zog scharf die Luft ein und warf einen Blick auf seinen Cousin. Der zuckte nur die Achseln. Klar, die Arbeit alles zu erklären, würde ja nicht er haben, sondern Duncan.
„Onkel Connor? Ach so, du nennst ihn Onkel, weil er Duncans Cousin ist.“ Sie sah fragend zu dem anderen MacLeod am Pool, dem Onkel, wie sie gerade erfahren hatte.
„Also eigentlich ist das so, weil du und Onkel Connor mal was…“
„Geneviève, das ist noch ein wenig zu früh“, fiel ihr Duncan vorbeugend ins Wort, aber zu spät. Micky hatte bereits Lunte gerochen. Jede winzig kleine Information über ihr Leben und ihre Vergangenheit sog sie auf wie ein Schwamm. Gierig alles zu erfahren und nie mehr zu vergessen.
„Was ist zu früh? Was hatte ich mit Connor?“
„Na genau das. Du hattest was mit Connor. Eine Beziehung, ganz schön lange“, plapperte Geneviève munter drauf los. „Und mit Methos“, setzte sie noch eins drauf. Micky bekam große Augen, während Duncan seine Stieftochter am Arm packte und zur Seite zog.
„Du kriegst gleich Hausarrest, meine kleine Vicomtesse, wenn du nicht sofort die Klappe hältst.“
„Ich bin älter als du, Duncan. Eher könnte ich dir Hausarrest geben. Zumal du ja kein Comte bist.“ Methos, Connor und Richie lachten auf ihren Sonnenliegen vor sich hin.
„Aber ich bin dein Stiefvater, also kann ich dir durchaus das eine oder andere sagen. Und außerdem ist deine Mutter vorhin schon umgekippt, als sie bloß von deiner Existenz erfahren hat. Was meinst du, was passiert, wenn sie begreift, dass sie eine Beziehung mit Connor und Methos hatte?“ zischte er eindringlich.
„Mit Connor und Methos?“ fragte Micky, die jedes Wort verstanden hatte und steif wie ein Zombie auf die Liegen zuging. „Mit Connor und Methos?“ Sie setzte sich auf eine freie Liege und lehnte sich zurück. „Ich bin ja eine Schlampe“, stieß sie hervor.
„Na so hart würde ich es nicht ausdrücken, Micky“, tröstete Methos sie und hielt ihre Hand. Connor ergriff die andere. Tröstend und fürsorglich tätschelten sie die manikürten Hände der Comtesse.
„Du bist eher lebenshungrig. Und manchmal in den 507 Jahren deines Lebens ist dir ein Mann über den Weg gelaufen, der die gefallen hat und den hast du dann…“, Connor suchte nach den richtigen Worten.
„Verschlungen wie eine Gottesanbeterin?“, schlug Methos vor, was mit einer Kopfnuss von Duncan belohnt wurde.

„Möchtest du eine Limonade?“ fragte Richie ablenkend und hielt ihr ein Glas unter die Nase.
„Aber mit dir hatte ich nichts oder, Richie?“ Duncan lachte los und kam näher.
„Nein, Micky. Ich bin dein Schüler und du meine Meisterin, weil ich noch keine hundert Jahre alt bin. Du trainierst mich im Schwertkampf. Und ich arbeite für dich und Mac in eurer Galerie.“
„Aber mit Methos und Connor hatte ich... Das ist ja… Weiß meine Mutter davon?“ Die Männer mussten sich das Lachen verkneifen. Sie war so süß, so unwissend.
„Micky, deine Mutter ist seit Jahrhunderten tot. Und mal ehrlich, du bist eine echt klasse Frau. Sie wäre stolz auf dich“, meinte Duncan mit einer eigenen Portion Stolz auf seine süße Frau.
„Genau. Du hattest ja nicht gleichzeitig etwas mit uns. Und immer hübsch verteilt über knapp 500 Jahre“, bestätigte Connor.
„Genau. Immer hübsch der Reihe nach. Mit mir 1687 und 1795. Wir haben zusammen einen Frauenmörder in Madrid gejagt und da ist es halt passiert“, erklärte Methos.
„Und mit mir ab 1635 immer mal wieder. Aber nur, wenn wir nicht anderweitig vergeben waren. Du hast mich davor bewahrt als Pferdedieb aufgehängt zu werden.“
„Oh Gott. Oh Gott. Und Duncan hat damit keine Probleme?“ Sie drehte ihren Kopf in seine Richtung. Duncan zuckte hilflos die Achseln, er hatte ja zehn Jahre Zeit gehabt, um sich an den Gedanken zu gewöhnen. Für Micky war das alles neu. Aber jetzt war das Kind in Brunnen gefallen. Was sollte er dazu noch sagen?
„Ach quatsch, bleibt doch in der Familie“, meinte Connor achselzuckend.
„Bleibt doch in der Familie“, wiederholte Micky und schüttelte den Kopf. Das war echt der Hammer.

Methos stand auf und sprang Kopf voraus in den Pool. Er schwamm auf der Stelle und grinste über die Situation. Normalerweise war es Micky, die verbale Tiefschläge und kleine Spitzfindigkeiten austeilte. Sie in der derzeitigen Lage zu sehen, fand er durchaus amüsant.

Connor trat an den Rand des Swimmingpools und sprang auch hinein. Er brauchte jetzt ganz dringend eine Abkühlung.

„Habt ihr was zu trinken für mich?“ fragte Micky unsicher. Sie wusste ja noch nicht mal, was sie trinken wollte.
„Whisky oder Champagner?“ fragte Duncan zuvorkommend.
„Ich trinke Whisky?“
„Ja, sogar sehr gerne. Und du produzierst deinen eigenen Champagner.“ Micky schüttelte den Kopf, das war alles wie in einem Traum.

„Madame, hier ist ein Besuch.“ Micky drehte sich um. Vor ihr stand eine stattliche Frau um die 50, so wie sie gebaut war, schien sie den leiblichen Genüssen gerne nachzugeben. Sie trug ein geblümtes Kleid und gestärkte Schürze.

„Wer ist das?“ fragte sie Duncan.
„Elisabeth Stern. Unsere Haushälterin. Eine wahre Perle. Sie arbeitet seit 1973 für dich… Schicken Sie den Gast her, Elisabeth und bringen Sie meiner Frau bitte einen Whisky.“
„Ja, Monsieur Duncan. Gerne.“ Sie lächelte erfreut, dass die Comtesse endlich wieder zu Hause war und Elisabeth sie nun wieder bemuttern konnte.


Im nächsten Moment trat Maurice Pinoteaus aus der Küchentür und kam wogend wie ein Weihnachtsmann beim Strandurlaub den Weg zum Pool herunter. Über seinem Bauch trug er ein bunt gemustertes Hawaiihemd. Außerdem schmückten ihn Bermudashorts und Birkenstocklatschen. Unter seinem Arm klemmte ein dickes, braunes Buch mit Ledereinband.

„Hallo, Papa Maurice“, wurde er von der Gruppe begrüßt. Micky sah fragend zu Duncan.
„Das ist Papa Maurice, eigentlich Maurice Pinoteaus. Richies Beobachter.“
„Ach so. Aber hast du mir nicht erklärt, dass die Beobachter uns in Ruhe lassen und nur aufschreiben, was wir tun?“
„Das stimmt schon, aber genau wie Joe ist auch Maurice unser Freund. Er ist ein Spitzentyp.“

Micky schirmte ihre Augen gegen die Sonne ab, beobachtete Maurice und versuchte sich an ihn zu erinnern. Doch nichts tat sich. Sie seufzte enttäuscht.


"Hallo, Leute. Hallo, Micky. Hier ist die Chronik. Vielleicht hilft das ihrem Gedächtnis auf die Sprünge“, meinte er zu Duncan und legte Micky ihre offizielle Chronik – genauer gesagt das Pariser Duplikat - auf den Schoss, sie keuchte unter dem Gewicht auf.
„Viel Spaß beim Lesen“, meinte er. „Ich muss dann wieder los. Im Restaurant ist die Hölle los. Heute Abend ist eine Geburtstagsfeier geplant, das gibt gut Trinkgeld.“ Damit drehte er sich um und ging den Weg zum Chateau zurück.
„Äh, ja danke. Dann werde ich mal lesen, was ich alles so gemacht habe“, meinte Micky gedankenverloren. Sie stand auf und trug ihre Chronik ins Chateau. Duncan und die anderen sahen ihr nach. Es war gut, dass sie wieder da war. Doch noch lieber wäre es ihnen, sie könnte sich an alles erinnern.

„Ich frage mich...“, murmelte Duncan und setzte sich auf die Liege, auf der bis eben seine Frau gelegen hatte.
„Was fragst du dich, Cousin?“ rief ihm Connor zu, während er sich aus dem Swimmingpool hoch drückte und dann eine Wasserspur hinter sich herziehend zu seiner Liege ging.
„Was mit ihr passiert ist bei der Energieübertragung. Das frage ich mich seit jenem schrecklichen Tag im Dezember. Und wer ihr das angetan hat. Was soll das für eine Strafe sein? Ein totaler Gedächtnisverlust. Was soll das bloß?“
„Die Wege des Herrn sind unergründlich“, gab Methos zu bedenken und stieg jetzt auch aus dem Pool raus.
„Hör doch auf mit diesem religiösen Unsinn. Dafür war Darius immer zuständig.“
„Meinst du Darius war der einzige, der etwas über unsere Geschäftsleitung wusste?“ Er grinste verschmitzt. Duncan schoss von der Liege auf und packte Methos grob am Arm.
„Was weißt du?“ knurrte er.
„Erst mal lass mich los.“ Duncans Hand zuckte zurück, als hätte er sich verbrannt. „Schon besser. Ich kenne nur die alten Legenden, die auf der Erde kursierten, als ich noch ein junger Hüpfer war. Man nennt sie Diejenigen. Keine Ahnung, woher der Name stammt, aber aus dem Sumerischen wird er so übersetzt. Keiner weiß, woher sie kommen und was sie geritten hat, uns zu erschaffen. Wie auch immer, sie haben uns hierher auf die Erde geschickt und die Regeln um die Zusammenkunft aufgestellt. Und sie haben klar und deutlich gesagt, dass jene Unsterblichen bestraft werden, die die Regeln brechen. Die Art und Weise der Bestrafung und die Dauer variieren, wie es ihnen beliebt.“ Methos griff nach der Limonade und trank einen großen Schluck.
„Wie es ihnen beliebt?“ blaffte Duncan wütend. „Sie haben das Micky angetan, weil sie mich gerettet hat?“ Methos nickte.
„Sie hat ihre Pläne durchkreuzt und das können Diejenigen nun mal nicht leiden. So sagt es zumindest diese alte Legende.“
„Du redest so, als wäre es dir lieber, sie hätte nicht eingegriffen und ich wäre jetzt tot.“ Connor stand auf und legte seine Hand auf die Schulter seines Cousins. Duncan schüttelte sie wütend ab.

„Das habe ich nicht gesagt. Großer Gott, Duncan. Du bist mein Freund, mein Bruder. Ihr seid meine Familie. Glaubst du, ich will einen von euch an dieses Scheißspiel verlieren? Denn mehr ist nicht für Diejenigen. Es ist ein beschissenes Spiel, bei dem nur sie gewinnen können.“ An Duncans Hals pulsierte eine Ader.

„Duncan, Methos hat Recht.“ Er drehte sich um und starrte seinen Cousin an. „Wir sind alle froh und dankbar, dass Micky sich für dich geopfert hat. Und noch glücklicher sind wir, dass sie wieder zu uns zurückgekehrt ist. Aber sie muss den Preis zahlen für ihre Entscheidung. Wir können ihr nur helfen sich in unserer Familie zurechtzufinden.“ Duncan atmete heftig ein und aus. Als er die Wahrheit hinter den Worten seines Cousins und seines besten Freundes erkannte, erkannte er, dass ihm keine Wahl blieb. Sie mussten akzeptieren, dass Diejenigen – oh, wenn er nur einen von ihnen in die Finger bekommen könnte, er würde diesem Wesen das Herz aus der Brust reißen – entschieden hatten. Und wenn es so sein sollte, würde Micky sich an alles erinnern, was gewesen war. Und wenn nicht, nun, sie hatte sich bereits einmal in ihn verliebt. Vielleicht tat sie es ein weiteres Mal. Ihm war es egal, ob er Micky einmal, zweimal, dreimal oder gar hundert Mal heiraten würde. Er liebte sie, sie war für ihn durch die Hölle gegangen und jetzt würde er alles für sie tun, was in seiner Macht stand.

 

Frankreich, Chateau Dubois, ein Uhr in der Nacht.
Duncan klopfte an die Tür zur Bibliothek, Micky bat ihn herein. Im Kamin brannte ein Feuer, der CD-Player spielte Frank Sinatra. Duncan kam es so vor, als wären die Ereignisse von Loch Shiel nur ein böser Traum. Instinktiv hatte Micky eine ihrer Lieblings-CDs ausgewählt. Sie hatte sich unter den drei Decken, die in der Bibliothek immer bereit lagen, ihre Lieblingsdecke ausgesucht. Eine Patchworkdecke, die Elisabeth mit ihren geschickten Händen für sie zum 500. Geburtstag angefertigt hatte. Liebevoll hatte sie Teil um Teil der Decke bestickt mit Szenen aus Mickys Leben, dem Wappen der Dubois, Bildern von den Wäldern und ihren Abenteuern. Es war ein Meisterwerk.

„Und erinnerst du dich an irgend etwas?“ fragte er hoffnungsvoll angesichts der Szenerie, die sich ihm bot und trat näher. Micky seufzte frustriert und schüttelte den Kopf.
„Nein, nichts. Und das habe ich wirklich alles erlebt?“
„Wie weit bist du denn?“ Er beugte sich über die Lehne von Mickys bequemem Lesesessel und lugte in das große, schwere Buch.
„1591, Florenz. Ich habe gerade diesen Darius wieder getroffen… Weißt du, es ist eigenartig. Ich kann mich an niemand von euch erinnern. Aber immer wenn ich diesen einen Namen höre oder lese, klingelt etwas bei mir. Als hätte er eine ganz besondere Rolle in meinem Leben gespielt.“ Duncan kam herum und kniete sich vor Micky hin. Er sah ihr fest in die Augen und hoffte darin ein Erkennen zu sehen. Irgendein Zeichen, dass sie wusste, wie sehr er sie liebte für alles, was sie war und was sie getan hatte.
„Das liegt vielleicht daran, dass du von ihm gefunden wurdest. Du hast doch gelesen, dass er dein Begleiter war. Er hat dich erwartet, nachdem Maximillian dich… Na ja, dich erstochen hat.“
„Das war ein ganz schöner Scheißkerl, dieser Comte Porté.“ Duncan blickte überrascht auf.
„Erinnerst du dich an ihn?“ Wäre immerhin ein Anfang. Nicht gerade ein Lob an ihn als Ehemann, aber besser als gar nichts.
„Nein. Aber nach der Aufzeichnung zu schließen, muss er das gewesen sein“, sie seufzte.
„Macht nichts, Liebes. Willst du nicht schlafen gehen? Komm, wir gehen zu Bett.“ Sie schluckte.
„Duncan?“
„Ja?“
„Hör mal, solange ich mich… Also, solange ich mich an nichts erinnern kann. Ich meine, an uns und so. Wäre es okay, wenn ich in einem eigenen Schlafzimmer schlafe?“ Duncan versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie enttäuscht er war. Nicht dass er auf den Gedanken gekommen wäre, sie würde in der ersten Nacht mit ihm schlafen. Nein, natürlich nicht, du Idiot, schalt er sich. Damals hatte sie es ja auch getan. Aber da war wohl die Begierde und eine Prophezeiung der Vater des Gedanken gewesen. Was würde sie erst denken, wenn sie in ihrer Chronik am 12. Juli 1996 angekommen wäre? Oh je, das konnte noch heiter werden.
„Nein, nein. Das verstehe ich. Dann erlaube, dass ich dich zu deinem Zimmer bringe.“ Sie lächelte erleichtert und schlug ihre Chronik zu. Die nächsten Jahrhunderte konnten auch bis zum nächsten Morgen warten. Sie hakte sich bei ihm ein und ließ sich durch die dunklen Korridore ihres ach so fremden Zuhauses führen.

 

Frankreich, Chateau Dubois, in der Nacht.
Micky träumte. Zumindest glaubte sie, dass sie träumte. Sie war im Salon ihres Chateaus und unterhielt sich mit Darius. Über eine Strafe. Irgendein Gesetz hatte sie gebrochen, weil sie Duncans Leben gerettet hatte. Und jetzt sollte sie bestraft werden. Und man ließ ihr sogar die Wahl, wie sie bestraft werden sollte. Die ersten beiden Möglichkeiten standen außer Frage. Duncan nie wieder sehen oder erst 500 Jahre später zurückkehren. Unmöglich. Aber die dritte war akzeptabel. Eine Bewährungsprobe. Aber die Begnadigung hatte einen Preis. Ihr Gedächtnis. Doch was war schon ihr Gedächtnis für ein Leben mit Duncan? Ihr Herz würde ihn erkennen, ganz gewiss.

 

Micky schreckte hoch, sie sah sich im dunkeln Gästezimmer um. Verwirrende Bilder flackerten in ihr auf, ihr Herz pochte heftig in ihrer zierlichen Brust. Sie legte eine Hand darauf. Was hatte sie da eben geträumt? Sie konnte sich nicht erinnern. Ein Fluch war das mit dem Erinnern. Je mehr sie sich anstrengte, desto verschwommener wurde alles.

Angus, ihr Husky, den sie in Montmartre gekauft hatte, wie Duncan ihr erklärt hatte, sprang auf das Bett und leckte ihr über die Hand. Er wusste genau, wer sie war, auch wenn Micky es selbst nicht wusste.

„Guter Hund. Komm, ich muss mit Herrchen reden.“

In einem rosafarbenen Seidennachthemd mit Spaghettiträgern schlich Micky über die dunklen Gänge des ersten Stockwerks. Obwohl sie sich nicht an ihr Leben in diesen Mauern erinnern konnte, kannte sie den Weg. Hinter dieser Tür schlief Connor mit seiner Freundin Isabelle. Sie schlich auf Zehenspitzen vorbei. Das nächste Zimmer war für Methos reserviert und das danach für Richie. Dann kam Genevièves Zimmer. Wieso wusste sie das alles, aber nichts darüber, was sie mit diesen Namen und Gesichtern verband? Was sie mit ihnen erlebt hatte? Sie blieb stehen und starrte sich selbst in einem Spiegel an. Sie atmete schnell und heftig, während ihre linke Hand über das Gesicht im Spiegel strich.

„Wer bist du?“ flüsterte sie. Frustriert zog sie die Hand zurück und schlich weiter über die Flure des Chateaus. Nach wenigen Schritten war sie vor ihrem eigentlichen Schlafzimmer angekommen. Sie hob die Hand, um anzuklopfen und ließ sie gleich darauf wieder sinken. Das war doch lächerlich. Das war immerhin ihr Haus, ihr Schlafzimmer und hinter der Tür schlief ihr Ehemann, auch wenn sie sich an all diese Tatsachen nicht erinnern konnte.

Leise drückte Micky die Türklinke herunter und schlüpfte von Angus gefolgt hinein. Der Hund trottete gemütlich auf seinen Stammplatz vor dem Kamin. Er ließ sich auf alle Viere nieder und legte seinen breiten Kopf auf seine Vorderpfoten.

Micky setzte sich sachte an den Bettrand und beobachtete Duncan. Seine Haare waren offen und umrahmten seinen Kopf, wie ein schützender Kokon.

„Was ist denn? Kannst du nicht schlafen?“ fragte er mit geschlossenen Augen. Sie schreckte zurück, doch Duncan packte ihr Handgelenk und hielt sie sanft. aber fest bei sich.
„Woher wusstest du? Ach ja, richtig. Das Frühwarnsystem.“ Duncan öffnete schmunzelnd die Augen. Zumindest das Kurzzeitgedächtnis funktionierte.
„Hattest du einen Alptraum? Oder hat dir dein Mann gefehlt?“
„Duncan, wo ist Darius? Ich habe von ihm geträumt. Und von einer Strafe, die ich verbüßen muss, weil ich dich gerettet habe. Ich muss mit Darius sprechen. Ich glaube, dass er der Schlüssel zu allem ist.“ Duncan setzte sich im Bett auf, das Mondlicht der lauen Sommernacht schimmerte auf seiner muskulösen, beharrten Brust. Beruhigend tätschelte er Mickys Hand.
„Micky, also das ist so...“, begann er vorsichtig.
„Was denn? Hatte ich mit ihm auch eine Affäre und er ist böse auf mich?“ witzelte sie.
„Wohl kaum. Er war ein Mönch. Er hatte sich in dich verliebt, aber du wolltest nicht, dass er seinen Glauben für dich verrät.“
„Er war? Wieso sprichst du in der Vergangenheit von ihm?“ Duncan seufzte, hoffentlich verkraftete sie die Sache mit Darius schon.
„Weil Darius tot ist, Micky. Er wurde vor zehn Jahren, am 10. Juli 1996 enthauptet von James Horton, einem abtrünnigen Beobachter. Deswegen haben wir uns ja überhaupt erst kennen gelernt. Wir beide waren – unabhängig von einander - mit ihm befreundet und kannten uns überhaupt nicht. Wir trafen uns auf Darius’ Beerdigung am 12. Juli 1996 in Vancouver. Dort habe ich damals gelebt.“
„Aber wie kann er denn tot sein? Nein, das kann nicht sein. Ich sehe ihn so deutlich vor mir. Ich könnte ihn aus dem Gedächtnis zeichnen. Die kurzen braunen Haare, das freche, spitzbübische Lächeln. Ständig hat er mich ermahnt nicht zu fluchen…“ Duncan bekam große Augen, unterbrach sie aber nicht in ihren Erinnerungen. „Und Kreuze geschlagen. Und eine Mönchskutte getragen… Ich erinnere mich an Darius.“ Sie lächelte zufrieden. Duncan drückte ihre Hand. Es war ein Anfang. „Aber wieso erinnere ich mich an ihn, wenn er tot ist. Er scheint wichtig zu sein. Ich dachte, er wäre die Lösung. Ich war mir so sicher.“ Duncan streichelte ihr übers Haar.
„Baby, es tut mir leid.“ Micky schlug sich eine Hand vor den Mund. Sie wandte sich von Duncan ab und starrte in das Kaminfeuer.
„Aber wieso träume ich dann gerade von Darius und einer Bestrafung und dem allen?“
„Wer weiß schon, was dir passiert ist, als du im Koma gelegen hast. Vielleicht hast du Darius getroffen, dort wo du gewesen bist? Ich weiß es nicht, Micky. Vielleicht kommt auch mit der Zeit die Erinnerung daran zurück? Das kann man unmöglich sagen.“ Sie drehte sich zu Duncan um und sah ihm tief in die Augen.
"Ich muss zu Darius.“
„Baby, er ist tot.“
„Ich muss zu Darius“, wiederholte sie felsenfest von ihrer Meinung überzeugt. Dieser französische Sturkopf. Aber genau das liebte er so an seiner kleinen Comtesse.
„Es gibt nur ein Grab auf dem Friedhof in der Nähe seines Klosters in Vancouver. Dort wo wir das erste Mal geheiratet haben.“
„Dann bring mich bitte zu seinem Grab. Darius ist die Antwort. Ich weiß es.“ Duncan nickte. Anne hatte gesagt, er solle auf alle Wünsche von Micky eingehen. Egal, wie verrückt sie ihm vorkommen mochten. Die Beschreibung von Darius war ein erster Schritt. Und wenn sie zu Darius’ Grab reisen wollte, würde er sie hinbringen.
„Okay. Aber lass mich bitte noch ein bisschen schlafen, bevor wir zum Flughafen fahren. Soll ich dich zu deinem Zimmer bringen?“ Sie schüttelte zu Duncans Überraschung den Kopf.
„Kann ich hier bleiben?“ Er lächelte überrascht, aber hoch erfreut. Sie streckte ihre Hand aus und legte sie um Duncans Kopf. Ihr Gesicht ruhte an seinem. In diesem Moment war sich Duncan sicher, dass sie sich erinnern würde. Langsam, Schritt für Schritt. Und für jene Erinnerungen, die unwiderruflich verloren waren, würde er neue mit ihr erschaffen. Bessere und schönere.
„Aber natürlich.“ Sie lächelte glücklich, krabbelte auf ihre Seite und schlüpfte unter die Decke. Duncan wartete bis sie eingeschlafen war. Sie hatte sich in die Embryostellung zusammengerollt. Dann kuschelte er sich an sie, seufzte ein wenig erleichtert und schlief im Nu wieder ein.

 

 

12. Schatten auf einem Grabstein


 

Kanada, Vancouver, der Friedhof.
„Und du sagst, hier habe ich dich zum ersten Mal gesehen?“ fragte Micky ungläubig. Sie starrte unverwandt auf den großen, grauen Grabstein. „Bruder Darius, ruhe in Frieden“, stand dort in geschwungenen Lettern. Kein Geburtsdatum, nur sein Todestag: der 10. Juli 1996. Ein Schauern überkam Micky, obwohl es angenehm warm war. Der Friedhof in Vancouver wurde von einer sanften Sommerbrise umspielt. Vögel zwitscherten in den hohen, alten Bäumen.
„Ja, und du trägst genau das gleiche Kleid wie damals“, erklärte Duncan grinsend, während er den Tag der Beerdigung wieder vor Augen hatte. Ein schwarzes, ärmelloses Kleid, das sich eng an ihre Hüften schmiegte. „Methos stand dort hinten bei einer Eiche und beobachtete das Begräbnis. Er lebte damals noch offiziell als Adam Pierson unter den Beobachtern und vervollständigte seine eigene Chronik.“ Micky lachte.
„Das passt zu ihm.“
„Wie kommst du darauf?“ hakte Duncan nach. Anne hatte ihm vorgeschlagen immer ein wenig zu bohren, wenn Micky sich an etwas erinnerte. Sie zuckte die Achseln und fuhr mit ihren Fingernägeln Darius’ Namen nach auf dem kalten Stein.
„Keine Ahnung. Ich weiß es einfach. So wie du weißt, dass du mich liebst.“ Er lächelte über ihre Worte und bedauerte gleichzeitig ein wenig, dass ihr nicht über Lippen kam, dass sie das Gleiche für ihn empfand. Sie schien zu ahnen, was in ihm vorging, denn als nächstes sagte sie: „Du hast es wirklich nicht leicht mit mir, Duncan. Du gibst dir so eine Mühe, verwöhnst mich, liest mir jeden Wunsch von den Augen ab, und ich kann es dir nicht mal mit dem Wissen danken, dass ich das Gleiche für dich empfinde, wie du für mich…“
„Mach dir keine Sorgen, Micky.“ Er ging auf sie zu und legte den Arm um sie. Immerhin diese kleine Geste ließ sie inzwischen geschehen ohne vor ihm zurückzuweichen.

Vor fünf Tagen waren sie in Vancouver angekommen. Obwohl es Mickys Wunsch gewesen war Darius’ Grab zu besuchen, hatte sie bis heute Angst davor verspürt, und Duncan hatte sie nicht gedrängt. „Kommt Zeit, kommt Rad, kommt Wannenbad“, meinte Duncan, worauf Micky loslachte.
„Wo hast du denn diesen blöden Spruch her, Duncan?“ Sie bog sich lachend wie eine Pappel im Wind.
„Von dir, Baby. Das ist dein Lieblingsspruch. Nach einem gewonnenen Duell hast du so die Eigenart ein heißes Bad zu nehmen.“
„Das letzte habe ich wohl verschlafen.“ Duncan zuckte zusammen. „Entschuldige, manchmal kommen mir diese blöden Sprüche über die Lippen, bevor ich es verhindern kann.“ Er lachte.
„Aber genau, dass liebe ich so an dir, Micky. Als wir uns kennen lernten, habe ich dich ganz dreist gefragt, ob du mit allen Unsterblichen ins Bett steigst, die dir über den Weg laufen.“ Micky schnappte nach Luft. Die Frau, von denen Duncan und die anderen ihr erzählten, kam ihr vor, wie eine völlig Fremde.
„Und was habe ich geantwortet? Ich hoffe, ich habe dir eine geschmiert.“ Lachend schüttelte Duncan den Kopf.
„Nein, wie aus der Pistole kam deine Antwort herausgeschossen. Ich werde das nie vergessen. Ich glaube, in genau dem Moment habe ich mich in dich verliebt. Du sagtest: ‚Nein, MacLeod nur mit Methos und Connor MacLeod.’ Richie und Joe haben sich nicht mehr eingekriegt vor Lachen. Ich habe dich vor die Tür gezerrt, wo wir uns duelliert haben. Kurz darauf lagen wir uns küssend in den Armen.“ Er lächelte verträumt bei der Erinnerung.
„Für mich klingt das alles, wie das Leben einer anderen.“ Duncan gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Es gehört aber keiner anderen Frau, sondern meiner wunderschönen Frau. Komm, jetzt fahren wir zu Joe und trinken einen Kaffee.“

Arm in Arm liefen sie den grünen Hügel herunter zu ihrem geparkten Auto. Duncan hatte ein rotes Cabrio für die Dauer ihres Aufenthaltes gemietet.

Plötzlich zuckten beide zusammen.

„Was ist das?“ Micky nahm die Warnung vor einem sich nähernden Unsterblichen noch nicht als etwas Normales hin und erschrak jedes Mal davor.
„Ein Unsterblicher. Geh rückwärts. Schnell. Der Friedhof ist heiliger Boden, da dürfen wir nicht kämpfen. Wir sind sicher. Du bist sicher.“
„Hallo, Mr. MacLeod und oh, ich sehe Mrs. MacLeod ist auch wieder auf den Beinen.“ An der Grenze des Friedhofs stand ein großer Mann mit längeren, blonden Haaren.
„Sikes!“ knurrte Duncan zornig. Er war ganz in schwarz gekleidet und unter seinem langen Mantel lugte ein Schwert hervor.
„Haben Sie das Grab Ihres Freundes Darius besucht, MacLeod? Wie rührend.“

„Wer ist das, Duncan?“ fragte Micky und schob sich an ihrem Mann vorbei.
„Bleib’ stehen, geh’ nicht weiter, Micky. Hier bist du sicher. Geh zum Kloster rüber.“
„Aber…“ Duncan drehte seinen Kopf zu ihr und blickte ihr fest in die Augen, um seinen Willen sie zu schützen durchzusetzen.
„Geh zum Kloster“, Duncans Stimme nahm einen Befehlston an, der Micky überhaupt nicht gefiel. Ohne dass sie sich dessen bewusst war, meldete sich ihr alter Trotz und wollte sich Gehör verschaffen. Sie ließ sich von keinem Mann befehlen, was sie zu tun oder zu lassen hatte. Seit Maximilian sie in den Wäldern von Chateau Dubois ermordet hatte, traf sie ihre eigenen Entscheidungen und ließ sich nicht von einem Mann herumkommandieren. Sie verschränkte trotzig die Arme vor der Brust und wartete erst einmal ab.

„Warum so schüchtern? Ich beiße nicht. Bisher waren die Begegnungen mit Ihnen immer überaus amüsant, Mrs. MacLeod. Nur beim letzten Mal haben Sie mich verärgert.“

„Was habe ich getan?“ fragte sie Duncan. Sie war sich keiner Schuld bewusst. Wie konnte sie auch ahnen, dass sie und Sikes ein teuflisches Spiel miteinander spielten?
„Er hatte Geneviève entführt. Nachdem wir sie befreit haben, hast du ihn erschossen.“ Ein inneres Gefühl sagte Micky, dass sie gut daran getan hatte. Eine weitere Lektion wäre vielleicht angebracht. Doch da hörte Micky in ihrem Kopf die Stimme von Darius, die sie eindringlich warnte: „Es gibt keine Begnadigung beim zweiten Vergehen. Dann wirst du ihn für immer verlieren.“ Sie drückte fest Duncans Arm.
„Komm mit mir, Duncan. Bitte. Ich habe teuer bezahlt, damit ich zu dir zurück konnte. Bitte.“

Am Himmel türmten sich urplötzlich tiefschwarze Gewitterwolken auf, es grollte laut. Duncans Nackenhärchen stellten sich auf. Er spürte die nahende Elektrizität, die vom Himmel auf sie hernieder zu kommen drohte. Die Szene erinnerte ihn stark an den Vorfall am Loch Shiel.

Duncan schwankte innerlich zerrissen zwischen dem Wunsch Sikes in Stücke zu reißen und Micky in Sicherheit zu bringen. Ihm lag auf der Zunge zu sagen: „Ich bin ein Highlander, ich laufe nicht vor einem Kampf davon.“ Dann sah er Mickys flehenden Blick und sagte nichts. Sämtliche Muskeln seines Körpers spannten sich an und verkrampften sich, seine Hand zuckte nervös in Richtung seines Katanas. Es war ihm schlichtweg zuwider davonzulaufen und Sikes diesen Triumph zu gönnen – der Gedanke an Letzteres war nahezu unerträglich für ihn.

„Na kommen Sie schon, MacLeod. Zuerst erledige ich Sie, dann Ihre Frau Gattin und dann gönne ich mir noch ein bisschen Spaß mit dem Fräulein Tochter.“ Micky keuchte bestürzt. Was war das für ein schrecklicher Mensch? Sie setzte sich in Bewegung, aber auf Sikes zu und nicht von ihm weg. Duncans Hand schoss im Bruchteil einer Sekunde vor und hielt ihren Arm felsenfest umklammert.

„Und was genau meinst du, dass du da tust?“ Sein Blick ging Micky durch und durch. Tief aus der Dunkelheit ihrer gelöschten Erinnerung warnte sie eine kleine, aber sehr eindringliche Stimme, dass es keine gute Idee war einen Schotten, einen Highlander und ganz besonders nicht dieses Exemplar zu erzürnen. Doch Micky kümmerte sich einen feuchten Kehricht darum – wie auch nicht anders zu erwarten.
„Duncan, ich mag mich vielleicht nicht an meine Familie erinnern, aber ich weiß verdammt noch mal, was Ehre ist! Der Schweinekerl will sich an meiner Tochter vergehen und dafür verliert er seinen Kopf.“ Für einen kurzen Moment schien die alte Micky durchzubrechen. Duncan sah etwas in ihren Augen, das ihm so schmerzhaft vertraut war und das er die vergangenen acht Monate weit über die Grenzen des Erträglichen hinaus vermisst hatte.
„Du weißt doch gar nicht mehr, wie man kämpft. Wir wollten erst hier in Vancouver mit dem Training anfangen. Er schlägt dir deinen Kopf runter, bevor du dein Schwert überhaupt gezogen hast!“ Micky versuchte sich seinem Griff zu entwinden. Sie war sich sicher, dass unter dem Ärmel des schwarzen Mantels, der ihr Toledo Salamanca verbarg, in diesem Moment ein dicker, blauer Fleck entstand. Schon einmal hatte ein Mann sie so grob angefasst, Maximilian, wie sie sich jetzt erinnerte. Und Maximilan hatte dafür gebüßt. Das hatte sie in ihrer Chronik gelesen. Ein Jahr nachdem sie in Marseille an Land gegangen und von ihrem ehemaligen Verlobten als Hexe bezichtigt worden war, hatte er bekommen, was er verdient hatte. Einen überaus qualvollen Tod.
„Lass mich los“, herrschte sie ihren Mann mit vor Zorn sprühenden Augen an. Kein Mann durfte sie so behandeln, schon gar nicht dieser.
„Das kannst du vergessen.“
„Was ist jetzt? Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit. Kommen Sie auf die Straße runter und wir erledigen diese leidige Angelegenheit“, schlug Sikes mit einem überaus gelangweilten Blick auf seine Rolex vor.

Micky versuchte sich weiter Duncans Griff zu entwinden. Sie überlegte, ob sie ihm einen Tritt zwischen die Beine verpassen sollte, um loszukommen. Irgendwie wusste sie, dass sie damit schon einmal Erfolg gehabt hatte.

Im nächsten Augenblick ertönte ein Donnerschlag, der das Ende der Welt einzuleiten schien. So laut wie die Explosion einer Bombe. Micky und Duncan zuckten erschrocken zusammen und sahen nach oben. Der Himmel öffnete seine Schleusen und ergoss eine Sinnflut über ihnen. Das ausgedörrte Gras sog gierig jeden einzelnen Regentropfen auf und verwandelte den Friedhofshügel minutenschnell in eine matschige Angelegenheit. Micky nutzte die Verwirrung und entschlüpfte mit ihrem aufgeweichten Ärmel Duncans nasser, rutschiger Hand.

Sie machte einen Satz nach vorne. Duncan entschlüpfte ein derber, gälischer Fluch.

„Micky!“ rief er, sprang ihr hinterher, umfasste ihre Knie und warf sich seine tobende Frau über die Schulter. Es war ein demütigender Abgang, aber die einzige Möglichkeit. Mit großen Schritten entfernte sich Duncan von Sikes. Zielstrebig hielt er auf das Schutz bietende Kloster zu. Schutz vor Sikes und vor dem Unwetter, das wie ein drohendes Strafgericht über sie hinweg fegte, das Diejenigen zur Erinnerung an die Folgen eines erneuten Gesetzesbruch geschickt hatten. Wahrscheinlich lachten Diejenigen sich gerade einen Ast über die demütigende Szene. Der große Duncan MacLeod rannte vor einem Duell davon mit seiner Frau über die Schulter geworfen, die heftiger tobte als Cäsars Ehefrau Calpurnia, die gerade von Kleopatras Beziehung zu ihrem Mann erfahren hatte.

„Lass mich runter! Du elender, schottischer Dickschädel!“ Sie trommelte mit ihren zierlichen Händen auf Duncans breites Kreuz, während er mit ihr über den Friedhof durch das Sommergewitter rannte. Immer weiter entfernte sich Duncan von Christopher Sikes und brachte seine Frau in Sicherheit. Sie dankte es ihm, indem sie immer wüstere Beschimpfungen gegen ihn ausstieß. Vorwiegend auf Gälisch. Zumindest dahingehend schien ihr Gedächtnis wieder zu funktionieren. Die Worte klangen unschwer erkennbar nach Connors farbenreichem Wortschatz.

 

Endlich hatte er die Außenmauer des Klosters erreicht, Darius’ ehemaliges Zuhause. Er stellte Micky sanft auf die Füße und drehte sich um. Mit dem Blick eines Adlers schaute Duncan über das weitläufige Friedhofsgelände. Von Christopher Sikes war nichts zu sehen. Erleichtert atmete Duncan auf und wandte sich zu seiner Frau um.

Da stand sie bis auf die Knochen durchnässt, das Kleid zeichnete ihre Körperumrisse nach. Sie war stinksauer auf ihn, das sagte ihm die Erfahrung und ihre bebenden Lippen und die heftig pulsierende Halsschlagader. Duncan spürte ein unbändiges Verlangen in sich aufsteigen. Er streckte seine Hand aus, zog sie aber gleich wieder erschrocken zurück. Er hatte ihr versprochen, sie nicht zu drängen. Doch wie ihre weiße Brust sich vor Erregung hob und senkte, es war nicht leicht für einen gestandenen Mann wie Duncan einer war. Er biss sich auf die Lippen bis er Blut schmeckte. Micky keuchte erschrocken auf, sie trat auf Duncan zu und wischte ihm das Blut von den Lippen. Da schnellte er hervor und küsste sie.

„Tut mir leid“, entschuldigte er sich einen Augenblick später. Sie lächelte über sein schuljungenhaftes Verhalten.
„Duncan, bloß weil ich mich an unsere Vergangenheit nicht erinnern kann, heißt das nicht, dass es mir nicht gefällt, wenn du mich küsst oder mich berührst.“ Duncan musterte sie lange und intensiv. In ihren Augen lag etwas, das ihn so stark eine seine alte Micky erinnerte. Er konnte sich nicht länger beherrschen.

Er schnellte hervor, drückte Micky grob an die Wand und küsste sie leidenschaftlich. Eigentlich hatte er erwartet, dass sie sich erschrocken zurückziehen würde. Doch sie drückte sich immer enger an ihn. Seine Hände bekamen ihre Hüften zu fassen, er hielt sie umklammert und küsste seine geliebte Frau mit einer lange vermissten Leidenschaft. Der Regen, der nach wie vor auf sie herunter prasselte, störte weder ihn noch Micky. Sie vergaßen die Welt um sich herum völlig. Nichts war mehr wichtig, nur sie beide. Nichts existierte außer ihnen.

„Ähm, Verzeihung!“ ertönte es plötzlich. Duncan zog seine Hände von Mickys wohl gerundeten Hüften, als hätte er sich an einer heißen Herdplatte verbrannt. Soweit war der Vergleich gar nicht hergeholt, Micky hatte vor Leidenschaft geglüht, wie zu Beginn ihrer Ehe vor zehn Jahren. Getrieben von einem unbändigen Verlangen und bestätigt durch eine Prophezeiung ihres Meisters Nostradamus.

„Was zum…“, setzte Duncan an und erkannte, dass ihnen ein Mönch von Darius’ Orden gegenüberstand. Der Ordensbruder war schon alt, seine Tonsur wurde von einem ergrauten Kranz geziert, recht korpulent und um einiges verlegender wirkend als Duncan und Micky es angesichts der Situation, in die der Mönch hereingeplatzt war, hätten sein sollen.

„Verzeihen Sie, ich wollte nicht stören. Aber Sie befinden sich auf Kircheneigentum und dies ist wohl kaum der richtige Ort für…“ Der Mönch sah zwischen Duncan und Micky hin und her. Hektische, rote Flecken tanzten auf Mickys Wangen, die so heiß brannten wie ein Feuer in der Hölle. Sie strich ihre tropfnassen Haare glatt und lächelte entschuldigend.

Duncan sah zwischen dem Mönch und Micky hin und her. Dann fing er an zu lachen. Über die Situation, über sein und Mickys Verhalten über das Glück am Leben zu sein. Was auch immer. Es war ihm egal, auf jeden Fall hatte das Lachen etwas Befreiendes. Micky ließ sich davon anstecken. Sie lachte ein helles, engelsgleiches Lachen. Sie lachten bis ihnen beiden die Tränen kamen. Es war kindisch, gewiss – vor einem Mönch loszulachen, der sie in einer eindeutigen Situation auf dem Gelände eines Klosters, das für derart weltliche Dinge nichts übrig hatte, erwischt hatte.

„Mister, geht es Ihnen gut?“

Duncan schnappte nach Luft und stützte sich an der Klostermauer ab. Micky beruhigte sich langsam auch wieder.

„Ja, danke, Bruder. Mir geht es gut. Es ist nur so, meine Frau und ich, wir haben hier… Wir haben uns hier kennen gelernt vor zehn Jahren beinahe auf den Tag genau. Ich schätze, wir haben alte Erinnerungen aufgefrischt.“ Der Bruder verstand kein Wort. „Wir waren Freunde von Bruder Darius“, erklärte Duncan dann. Der Mönch trat näher an Duncan heran und unterzog sein Erscheinungsbild einer genauen Überprüfung.
„Natürlich!“ rief er schließlich begeistert. „Sie sind Duncan MacLeod! Darius’ schottischer Freund! Und Sie, meine Liebe, sind Michelle Dubois! Darius’ adlige Freundin aus Frankreich! Heureka!“ Er tippte sich zufrieden an die kahle Stirn. „Der alte Denkkasten funktioniert noch! Natürlich… Sie sagten, Sie und Ihre Frau? Haben Sie beide geheiratet?“
„Ja, Bruder. Drei Tage nach Darius’ Beerdigung.“
„Ähm, Duncan“, meldete Micky sich zu jetzt zu Wort.
„Ja, Liebes?“ Als er bemerkte, dass Micky mit den Zähnen klapperte, war ihm klar, was sie von ihm wollte. „Oh“, meinte er verstehend. „Guter Bruder, könnten wir uns im Kloster ein wenig aufwärmen? Wir versprechen uns auch zu benehmen. Ich fürchte anderenfalls könnte sich meine Frau den Tod holen.“ Der Bruder schmunzelte, Micky verpasste Duncan einen Schlag vor die Brust, worauf er sie frech angrinste.
„Natürlich, im Übrigen darf ich mich noch vorstellen. Ich bin Bruder Thadeus. Und nun folgen Sie mir. Ich habe Tee für Sie und ein paar Handtücher.“ Er streifte sich die Kapuze seiner Mönchskutte über und ging voran.

„Du bist unmöglich, Duncan MacLeod“, zischte Micky, während sie Bruder Thadeus ins Kloster hineinfolgten.
„Das weißt du doch. Oder etwa nicht?“ Sie seufzte.
„Nein, nicht wirklich. Es ist so verwirrend. Die Erinnerungen kommen immer noch nicht so richtig zu Tage, eher Eindrücke an alte Gefühle. Ich weiß nicht, wie ich es besser umschreiben.“ Er lächelte verständnisvoll. „Aber Duncan, als wir uns geküsst haben, das Gefühl kam mir sehr vertraut vor.“ Duncan legte einen Arm um Micky. Das war immerhin ein Anfang.

 

Bruder Thadeus hatte sie im Refektorium alleine gelassen mit heißem Tee und ein paar Keksen. Er wollte etwas holen und gleich wieder zurückkommen. Duncan ging durch den großen Saal, in dem die Mönche ihre Mahlzeiten einzunehmen pflegten.

Das Kloster war im 16. Jahrhundert gegründet worden, es war eine kleine Enklave mit nur zwölf Ordensbrüdern, die sich dem Gebet und ihrem Gemüsegarten widmeten. Darius hatte zu seinen Lebzeiten hier einen vielseitigen Kräutergarten unterhalten. Eine nicht überschaubare Zahl kurioser Getränke hatte er Duncan im Lauf der Jahrhunderte vorgesetzt. Im Gegensatz zu seinem Mooskraut-Tee war Duncan seinem Geheimrezept für Met überaus zugetan gewesen. So manchen Rausch hatte er sich an der jahrhundertealten Mixtur angetrunken. Vertieft in die Erinnerung an das köstliche Gebräu schnalzte Duncan mit der Zunge. Fast meinte er den Met zu schmecken.

Er umrundete den langen, schlichten Holztisch und bemerkte ein Buch darauf. Anscheinend war es in diesem Kloster auch üblich während der Mahlzeiten vorzulesen.


„Was hast du da, Duncan?“ Er erschrak und legte schuldbewusst das Buch zurück.
„Die Essenslektüre der Brüder. Die Offenbarungen des Johannes.“
„Feuer und Schwefel zum Mittagessen, na ich danke“, meinte Micky erheitert.
„Du kleine Heidin“, witzelte Duncan.
„Immerhin bin ich getauft worden.“ Er trat näher.
„Weißt du das oder vermutest du das?“
„Das weiß ich zur Abwechslung mal. Wenn auch kaum mehr.“ Sie erschauderte.
„Ist dir kalt, Liebes?“ Sie schüttelte den Kopf und rieb sich über die Schultern.
„Nein, es ist dieser Ort. Ich fühle mich so komisch. Als könnte ich Darius hier spüren.“
„Immerhin hat er ziemlich lange hier gelebt.“
„Das wird’s wohl sein. Bestimmt“, meinte Micky, worauf Duncan sich wieder dem Buch mit den Offenbarungen widmete. „Zu leugnen, was ich war, bedeutet zu leugnen, was ich bin." Duncan ließ das Buch fallen und sprang auf Micky zu.
„Was hast du gesagt?“
„Zu leugnen, was ich war, bedeutet zu leugnen, was ich bin. Wieso, sagt dir das etwas?“
„Ja, in der Tat. Darius hat das mal zu mir gesagt“, erklärte Duncan, worauf Micky mit den Schultern zuckte.
„Vielleicht auch zu mir. Ich war doch mit ihm befreundet. Immerhin bin ich zehn Jahre mit ihm durch Italien gezogen. So steht es zumindest in meiner Chronik.“
„Ich wüsste gerne, was du da mit ihm getrieben hast. Ein ganzes Jahrzehnt lang.“ Auf Mickys Wangen schlich sich eine verräterische Röte, wie vorhin als Bruder Thadeus sie beim Knutschen an der Klostermauer erwischt hatte.
„Micky“, rief Duncan schockiert. Sie räusperte sich und rieb sich über die Nase.
„Ich weiß nicht, was du meinst.“
„Oh doch, ich kenne diesen Blick. Den hast du immer drauf, wenn du bei etwas Verbotenem erwischt worden bist. Was hast du mit Darius in Italien gemacht?“ bohrte Duncan nach. Er hatte sich neben Micky auf die Holzbank gesetzt und starrte sie unverhohlen an. Verdammt, das blöde an verlorenen Erinnerungen war, dass sie immer zu den unpassendsten Momenten wieder kommen konnten.
„Ich… Gar nichts. Ich bin mit ihm durch Italien gereist und er hat mich unterrichtet. So steht es doch in meiner Chronik.“ Duncan glaubte ihr kein Wort.
„Micky.“
„Nein, ich sage kein Wort mehr.“
„Micky.“
„Verflucht noch mal, was willst du denn hören?“ Duncan zuckte zusammen, ihre Worte hallten laut von den steinernen Klostermauern wider.
„Die Wahrheit wäre mal ein Anfang.“
„Ich hab’s ihm versprochen…“ versuchte sie sich rauszureden.
„Woher weißt du das so genau?“
„Ich weiß nicht, woher ich das weiß. Ich weiß es eben. Du nervst.“ Sie rührte nervös in ihrem Tee rum. Duncan ergriff ihre Hand, so dass Micky den Löffel in die Tasse fallen ließ.
„Ich habe Verständnis für alles, aber ich will die Wahrheit wissen. Ich meine, ich kann’s mir ja denken. Ich weiß doch, dass er dich geliebt hat“, flüsterte er. Zu seiner Überraschung sah er, dass Tränen über Mickys Wangen liefen. „Was ist denn?“
„Wieso kann ich mich daran erinnern, dass Darius mich geliebt hat und ich ihn? Aber nicht an uns? Das ist so ungerecht.“ Sie schlug mit der Faust ihrer linken Hand auf den Holztisch, so dass ihre Teetasse kurz abhob und hüpfte. Duncan griff danach, bevor sie umfallen konnte.
„Das haben Strafen so an sich, Liebes. Diejenigen wollten wohl, dass du dich an eine verlorene Liebe erinnerst nicht aber an die, die du im Moment hast.“
„Macht dir das nichts aus? Ich meine, ich weiß was mit Darius war. Es kommt alles zurück, seit ich hier sitze. Aber was mit dir war, das liegt so tief verschüttet wie unter Tonnen von Geröll.“ Duncan seufzte und wischte seiner Frau die Tränen von den Wangen. Er rückte dich an Micky heran und legte den Arm um sie. Sofort spürte er, wie die Anspannung von ihr abfiel.
„Zugegeben, toll ist das nicht für mich. Aber, hey, ich nehme, was ich kriegen kann. Und eine pikante Story über den tugendhaften Bruder Darius ist nicht schlecht für den Anfang.“ Sie gab ihm einen Knuff in die Seite.
„Schuft.“

„Verzeihung“, meldete sich Bruder Thadeus zurück. Micky löste sich aus Duncans Umarmung.
„Hallo, Bruder Thadeus.“
„Hier, das ist für Sie, Mrs. MacLeod. Darius wollte, dass Sie die Kiste bekommen. Aber sie waren damals so rasch abgereist nach der Beerdigung. Und ich habe es ehrlich gesagt, vergessen. Die grauen Zellen arbeiten nicht mehr so gut.“
„Danke“, stotterte Micky. Was sollte sie denn jetzt wieder davon halten? Ein Vermächtnis von Darius? Nervös öffnete sie die kleine, unscheinbare Holzkiste und klappte den Deckel auf. In ihrem Inneren lag ein großer Stapel Briefe. In Darius’ und Mickys Handschrift. Briefe, die sie sich im Laufe der Jahrhunderte kreuz und quer über die ganze Welt geschickt hatten. Micky holte sie hervor und begann den obersten zu lesen.

Meine über Alles geliebte, Michelle. Wenn du diese Zeilen liest, bin ich wohl letzten Endes doch dem Schwert eines Unsterblichen zum Opfer gefallen. Wahrscheinlich bei meinem monatlichen Ausflug ins Kino. Hüte dich vor den Lastern der modernen Welt...“ Lachend wischte Micky sich eine Träne weg. Sie sah Darius so deutlich vor sich, wie er im Schein einer Kerze in seiner Zelle diese Zeilen niedergeschrieben hatte. „Ich hoffe, dir geht es soweit gut und du hast dich an meinen Rat gehalten und die Regeln um die Zusammenkunft nicht gebrochen. Es gibt einige wenige unter uns, die wissen, welche Strafe auf die unter uns warten, die das Gesetz brechen. Und da ich weiß, was für ein heißblütiges Frauenzimmer – entschuldige den Ausdruck – du bist, kann ich mir denken, dass du irgendwann in die Lage kommst, wo du auf heiligem Boden kämpfst oder in den Kampf eines anderen eingreifst.“ Wie Recht hatte er doch mit beidem. Sie erinnerte sich, dass sie in Paris vor zehn Jahren fast in Sacré Cœur mit Nicolas Cane das Gesetz gebrochen hätte und ihn auf heiligem Boden gefordert hätte. Wieso hatte er das gewusst?

„Er hatte manchmal Visionen nachts im Schlaf“, erklärte Duncan, als hätte er Mickys Gedanken geahnt. „Und er kannte dich wahrscheinlich besser als jeder Andere.“

Micky antwortete nicht, sondern las weiter.

Ich bete nur zu meinem Gott, an den du ja nicht mehr glaubst, dass du nicht in den Kampf eingegriffen hast, dem ich zum Opfer gefallen bin. Ich bin jetzt bei meinem Herrn und werde auf seiner grünen Aue gelabt.“

„Christlicher Unsinn! Oh, damit hat er mich immer zu Weißglut gebracht. Selbst meine Küsse konnten ihm das hirnlose Geplapper nicht austreiben“, platzte es aus Micky heraus, bevor sie es noch verhindern konnte. Sie schlug sich erschrocken über ihre Worte eine Hand vor den Mund. Duncan grinste. Also doch. Sein Tod hatte Micky damals viel zu sehr mitgenommen, als da nichts zwischen ihnen gewesen sein konnte.
Ich hab’… ich meine. Ach so ein Mist.“ In diesem Moment klingelte Duncans Handy und befreite Micky aus der peinlichen Lage die Geschichte mit Darius erzählen zu müssen.

Hallo, Joe. Was gibt’s?“
Hi, Mac. Ich habe einen Hinweis über Christopher Sikes erhalten.“
Den haben wir eben am Friedhof getroffen und meine Angetraute wollte mit geschlossenen Augen in sein Schwert laufen.“ Micky stampfte mit dem Fuß auf, Duncan ignorierte es.
Könnt ihr in die Bar kommen? Ich versuche noch ein bisschen mehr herauszufinden. Aber stellt euch schon mal auf einen nächtlichen Ausflug ein.“
Gut, wir sind auf dem Weg.“ Duncan beendete das Gespräch und steckte das Handy weg. „Komm, wir müssen zu Joe. Er hat Informationen über Sikes.“ Micky verstaute die Briefe in der Holzkiste und verschloss sie sorgsam.

Ist das gut oder schlecht?“ fragte Micky und folgte ihm.
Kann ich jetzt noch nicht sagen. Aber, Micky…“ Er blieb stehen und sah sie scharf an. „Halt dich zurück. Du kannst nicht kämpfen, du hast alles vergessen. Sikes wird dich ohne zu zögern töten.“
Das kommt mir irgendwie bekannt vor.“
So was in der Art hast du mal zu Natalie gesagt.“ Er bemerkte ihren fragenden Blick. „Schülerin von dir. Sie ist Sikes letztes Jahr geradewegs in die Falle gelaufen.“
Oh.“
Ganz Recht. Oh. Und ich möchte vermeiden, dass er dich erwischt. Also, wenn ich dir das nächste Mal sage, du sollst weglaufen, dann tu es verdammt noch mal!“ Die bissige Antwort, wo Duncan sich diese Anordnung hinschieben konnte, schluckte sie herunter.

 

Kanada, Vancouver, Joe’s Bar, wenig später.
Also, jetzt leg’ mal los, Joe“, bat Duncan, legte seinen Mantel ab, trat hinter die Bar und zapfte sich ein Bier. Das konnte sich auch nur herausnehmen, wer mit dem Chef der Bar befreundet war.
Ich habe einen Tipp bekommen, wo wir Sikes finden. Er hat Räume in einem Büroturm am Hafen gemietet. Hier ist die Adresse.“ Er schob den Zettel routinemäßig Micky zu, die ihn verwundert ansah. Joe zuckte die Achseln und gab Duncan die Adresse. „Alte Gewohnheit, Micky. Früher konnte ich den Zettel gar nicht schnell genug loslassen, wie du ihn dir gekrallt hast.“ Duncan schmunzelte. Micky nahm es als gegeben hin.
Hast du eine Ausrüstung für uns, Joe? Dunkle Klamotten, Taschenlampe, Dietrich und so weiter?“
Liegt hinten in meinem Büro. Ihr könnt euch umziehen, wenn es dunkel ist. Ich habe über einen alten Freund die Baupläne des Gebäudes bekommen. Hier seht sie euch an.“ Er legte Baupläne eines zehnstöckigen Bürogebäudes auf den sauber gewischten Tresen.
Und wo hat unser Freund Sikes sein schnuckeliges Domizil?“ wollte Duncan wissen, während er sich tief über den Plan beugte.
Na rate mal. Im obersten Stockwerk. Aber keine Angst, ihr könnt durch den Hintereingang rein und durchs Treppenhaus.“
Super zehn Stockwerke, da sind wir ja schon aus der Puste bevor wir vor Sikes stehen. Ich nehme mal an, du kommst nicht mit, oder Joe?“
Nein, Mac. Tut mir leid. Das ist erstens euer Kampf und zweitens traue ich mich nicht soweit von Emily weg. Ich habe mir schon so einen elenden Piepser gekauft.“
Ist es bald so weit?“
Jeden Moment.“
Wer ist Emily?“
Joes Frau. Sie haben letztes Jahr geheiratet und jetzt wird der gute Joe Papa.“ Joe grinste stolz. Das hätte er sich in seinem Alter auch nicht mehr träumen lassen. Sich so zu verlieben und dann klappt’s auch noch gleich mit dem Nachwuchs.
Außerdem bis ich im zehnten Stock angekommen bin, wird mein Kind eingeschult. Mit denen Bein.“ Er zeigte auf seine steifen Beine.
Was hast du da eigentlich, Joe?“
Alte Kriegsverletzung. Vietnam. Ich bin auf eine Landmine getreten, das Baby hat mir beide Beine weggerissen. Im Feldhospital wurde ich wieder wach. Dann bekam ich diese hübschen Prothesen…“, er klopfte verdeutlichend mit seinem Stock dagegen. „…und bewerbe mich seitdem jedes Jahr für das Musical ‚A chorus Line’ – ohne Erfolg.“ Duncan lachte über Joes schwarzen Humor.
Du liebe Güte, Joe, ich hatte ja keine Ahnung.“
Wie auch, in deiner Chronik steht nichts über deinen Beobachter drin, Comtesse.“ Er zapfte Bier für einen neuen Gast und brachte es ihm. „Wollt ihr noch was essen, bevor ihr aufbrecht? Ich habe eine neue Pizza auf der Karte. Joe’s Speziale. Scharf wie die Hölle, treibt euch die Tränen in die Augen.“
Klar, warum nicht“, meinte Duncan mutig. Micky lehnte dankend ab.

 

 

12. Die Wahrheit über Christopher Sikes


Kanada, Vancouver, Hafenviertel, Mitternacht.
Duncan hatte das auffällige Cabrio ein paar Straßen weiter abgestellt und war den Rest des Weges mit Micky zu Fuß gegangen.

Jetzt standen sie am Hintereingang des zehnstöckigen Bürogebäudes und Duncan versuchte sich mit den diversen Dietrichen Zugang zu verschaffen.

Gib mal her, lass das einen Profi machen“, meinte Micky und riss ihm den Dietrich aus der Hand.
Wie bitte?“ fragte Duncan und steckte sich den Finger in den Mund und saugte daran. Seine Frau ging nicht gerade zimperlich mit ihm um. Sie hatte ihm den Dietrich so grob aus der Hand gerissen, dass sie ihm einen Schnitt am Zeigefinger verpasst hatte.
Na immerhin war ich doch in der Résistance während des zweiten Weltkriegs. Was glaubst du, in wie viele Häuser von Nazis ich eingestiegen bin?“ Sie rüttelte ein paar Mal am Schloss und die Tür sprang auf. „Voilà.“
Ich bin beeindruckt. Und jetzt erzähl’ mal, in wie viele Häuser bist du denn schon eingestiegen?“ Er grinste begeistert über ihre Erinnerung.
Keine Ahnung“, sie kratzte sich verwundert am Kopf. „Das ist mir eben eingefallen. Ich habe gar nicht drüber nachgedacht…“ Duncan drückte ihr einen Kuss auf die Wange und öffnete die Tür.

 

Eine Ewigkeit später waren sie im zehnten Stock angekommen. Duncan war leicht außer Atem, aber Micky war ziemlich fertig. Kein Wunder, wenn man acht Monate im Koma lag, löste sich auch die eisernste Kondition in Wohlgefallen auf.

Er gönnte seiner Frau eine Verschnaufpause und holte in der Zwischenzeit sein Katana aus der mitgebrachten Sporttasche heraus und schob sich eine Pistole in den Hosengürtel. Man konnte nie wissen.
Bist du soweit, Baby?“
Allzeit bereit.“
Ach, Pfadfinderin warst du wohl auch noch?“
Nein, du Witzbold.“ Lachend schob sie sich durch die Treppenhaustür, die Duncan ihr galant aufhielt.

Nach wenigen Schritten standen sie vor den Geschäftsräumen, die sie gesucht hatten. In großen Lettern stand daran „Sikes Enterprises Inc.“. Micky pfiff beeindruckt.

Na so toll ist das auch nicht. Ich bin sicher Finnigan hat mehr Mäuse als Sikes.“
Wer ist Finnigan?“ fragte Micky.
Später. Ist eine zu lange Geschichte. Da kommt ein Mönch drin vor, ein mordender Sklave, ein eifersüchtiger Schotte und ein Duell im Tower.“
Ich glaube, ich will es gar nicht wissen“, erklärte Micky, während sie sich am Schloss zu Sikes’ Büroräumen zu schaffen machte. „Na also, es geht doch“, meinte sie zufrieden und stieß die Tür auf. Es war dunkel. Duncan tastete nach dem Lichtschalter und folgte seiner Frau in das Büro.

 

Das Licht ging an und Duncan zog im selben Augenblick sein Schwert. Dort an einem überdimensionalen Schreibtisch aus Tropenholz saß Christopher Sikes. Er grinste diabolisch wie eh und je und nippte an einem Glas Cognac. Die Tatsache, dass sie geradewegs in Sikes’ Falle gelaufen waren, war noch nicht einmal das Schlimmste. Hinter Sikes an der Wand hing ein leuchtendes Emblem, übergroß und von kleinen Halogenstrahlern beleuchtet.

Duncan, dieses Zeichen habe ich schon einmal gesehen“, sagte Micky.
Mir wird ganz schlecht, wenn ich daran denke, wo du das schon mal gesehen hast und was es bedeutet, Liebes.“
Nun sag schon“, drängelte Micky.
Es befand sich an der Wand unseres Schlafzimmers in Chateau Dubois. Gemalt mit getrocknetem Blut.“ Micky sah zwischen Duncan und dem Zeichen an der Wand hin und her. Ein ihm wohlbekannter Kreis, den er von Joes Tätowierung kannte. Joe Dawsons Dienstausweis sozusagen. Mit einem kleinen Unterschied, hier war eine Ecke des Kreises herausgesplittert.

Und da kroch eine weitere Erinnerung aus den dunklen Tiefen von Mickys Bewusstsein an die Oberfläche. Sie ging unsicher ein paar Schritte zurück. Sikes drückte einen Knopf an seinem Schreibtisch und die Tür fiel unwiderruflich ins Schloss. Sie saßen in der Falle.

Die Beobachter. Die Splittergruppe!“ rief Micky bestürzt. „Christopher Sikes ist der Kopf der Beobachter!“

Herzlich willkommen zum Endspiel, Mr. und Mrs. MacLeod.“

 

Fortsetzung folgt….

 

 


 

 





 


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