Kleine Anmerkung: Flashbacks von den Unsterblichen sind kursiv hervorgehoben!

 

 

 

 

 

Die französischen Chroniken -

Die Zukunft der Unsterblichen

Band 1

 

von Claudia Filip

 

 

Mein Name ist Michelle Dubois, ich wurde als eine französische Comtesse vor über 500 Jahren in der Nähe von Paris geboren. Seither durchstreife ich unentdeckt von den Sterblichen die Jahrhunderte.

Mein Meister Nostradamus prophezeite mir, dass mein Schicksal sich in den Armen eines Highlanders erfüllen wird und dass dafür ein geliebter Mensch sterben muss. 1789 opferte sich mein geliebter Henry, damit der Unsterbliche Connor MacLeod vom Clan der MacLeod und ich vor der französischen Revolution fliehen konnten.

Doch Connor war nicht der mir prophezeite Highlander. Ihn traf ich auf der Beerdigung meines geliebten Freundes Darius: Duncan MacLeod vom Clan der MacLeod, Connors Cousin.

Wir heirateten und gingen nach Frankreich. Dort erfuhren wir von Methos, dass die „Zusammenkunft“ ein Mythos ist. Daher haben Methos, Richie Ryan, Connor MacLeod, Duncan MacLeod und ich uns von den Kämpfen um die „Zusammenkunft“ zurückgezogen. Doch auch für uns gibt es Duelle, die wir nicht ablehnen können.

Dies sind unsere Abenteuer.“

 

 

1. Anruf aus der Vergangenheit

 

Frankreich, Chateau Dubois in der Nähe von Paris, 14. Juli.
Die Sonne schien kräftig an diesem Morgen und brach sich in den bunten Glasfenstern des nahegelegenen Hauses. Micky schritt mit einem Strauß Lilien zum Grab. Sie trug schwarze Reiterhosen, ein weißes Hemd und einen langen schwarzen Mantel. Ein kühler Wind wehte durch den Park, Tau lag auf dem Gras.

Es war wieder einmal soweit. Heute beging das französische Volk seinen Nationalfei­ertag. Ein Fest zur Freude über das Ende der verhassten Monarchie. Doch für Micky hatte dieses historische Ereignis nur Kummer bedeutet. Und jedes Jahr, während Frankreich feierte, wurde ihr Herz von Trauer erfüllt. Im letzten Jahrhundert war sie am 14. Juli oft fern ihrer französischen Heimat gewesen, Kriege hatten sie fern gehalten, ihre Abenteuerlust hatte sie im Laufe ihres langen Lebens auf jeden Kontinent der Welt geführt. Doch dieses Jahr gab es keine Verpflichtung und auch kein Duell. Vor ein paar Tagen hatte sie einem anderen geliebten Menschen gedacht, den sie zu Grabe getragen hatte. Darius. Er war nun schon seit neun Jahren tot. In der kleinen Kapelle, die auf ihrem Chateau stand, hatte sie mit Duncan gemeinsam eine Kerze angezündet und ein Zwiegespräch mit dem toten Freund geführt.

Die Gedanken an Darius hatten sie noch trauriger gemacht. Mit feuchten Augen ging sie den mit Kies ausgelegten Weg zum Grab runter. Bevor sie um die Ecke bog, zuck­te Micky MacLeod auch schon zusammen. Dort stand er, in einen beigen Trenchcoat gekleidet.

 

„Guten Morgen, Comtesse.“ Sie lächelte. Ihren Adelstitel hörte sie nicht sehr oft in diesen modernen Zeiten. Nur von den Männern, die sie liebte. Und natürlich von ihren Bediensteten. Sie hatte es bisher mühelos geschafft ihren Titel und ihre Besitztümer an sich selbst weiter zu vererben und das seit annähernd fünfhundert Jahren. Es gab immer eine entfernte Verwandte, die auftauchte, sobald die amtierende Comtesse Dubois das Zeitliche gesegnet hatte. Kein Notar schöpfte Verdacht. Die Dienstboten wurden bis zu einem gewissen Grad eingeweiht oder rechtzeitig ausgetauscht. Natürlich hieß sie nicht immer Michelle Dubois. So nannte sie sich von Zeit zu Zeit oder gab sich ihren Vornamen gerne auch als Zweitnamen.
„Guten Morgen, Connor. Du bist pünktlich. Nun ja, in den letzten zwei Jahrhunderten hat dich nicht wirklich viel abhalten können, um deine Schuld abzutragen.“ Sie legte die Lilien beiseite und umarmte den großen Schotten. Sie musste sich auf die Zehen­spitzen stellen, um ihm einen Kuss auf die Wange zu drücken. Connor erwiderte die Umarmung herzlich. Er drückte ihr einen Kuss auf die Stirn und musterte sie.

 

Von beiden unbemerkt stand Duncan MacLeod am Schlafzimmerfenster im ersten Stock und blickte vom Chateau herab auf die Szene, die sich an Henry La Portes Grab abspielte.

Er machte sich nicht wirklich Gedanken um die Treue seiner Frau. Doch die merk­würdige Vertrautheit zwischen den beiden hatte ihm in den neun Jahren seiner Ehe mit Micky immer ein wenig zu schaffen gemacht.

Er seufzte und drehte sich vom Fenster weg. Da war nichts zu machen. Sein Cousin bestand darauf die Schuld an Henry La Portes Tod Jahr für Jahr ein klein wenig zu schmälern. Und jedes Jahr seit er die Comtesse geheiratet hatte, bemerkte Duncan, wenn Henrys Todestag sich näherte, eine seltsame Mischung aus Freude und Trauer, die Michelle mit jeder Pore ihres bildschönen, athletischen Körpers ausstrahlte. Freude darüber, dass sie für ein paar Tage Connor wiedersah. Denn gewöhnlich blieb sein Cousin einige Tage, in manchem Jahr sogar einige Wochen, um dann wieder dorthin zu verschwinden, wo er sich das ganze Jahr über herumgetrieben hatte. Trauer weil ihr wieder bewusst wurde, wie sehr sie Henry geliebt hatte. Und daran hatte auch die Liebe, die Duncan ihr entgegenbrachte in den vergangenen neun Jahren nichts ändern können. Der Franzose musste ein außergewöhnlicher Mensch gewesen sein. Duncan konnte nur Vermutungen anstellen. Connor und auch Micky hielten sich be­deckt, wenn er den Namen „Henry La Porte“ ins Spiel brachte. Sie blickten ihn traurig an und schüttelten den Kopf. Duncan versuchte es bei seiner Frau mit Vernunft, Hen­ry wäre inzwischen ohnehin schon lange tot. Sie erwiderte, er wäre aber nicht auf der Guillotine gestorben, wenn er sie und Connor nicht gekannt hätte. Gegen ihren Starrsinn kam auch ein schottischer Dickschädel wie Duncan nicht an. Doch eines musste er ihr zugestehen, sie hatte ihr Wort gehalten und hielt sich aus allen unnö­tigen Kämpfen raus. Sie hielten sich bedeckt und suchten keine neuen Konflikte. Wie Methos gesagt hatte, tauchten für jeden getöteten Unsterblichen neue Vertreter ihrer Art auf. Nur von ihren alten Fehden ließ Micky sich nicht abbringen. Sie war eben nicht nur hübsch sondern auch heißblütig. Duncan konnte seine Frau verstehen, ge­nauso wie sie hatte auch er noch einige Fehden, die er zu Ende führen wollte.

 

An Henrys Grab, das nicht weit von dem ihrer Eltern entfernt lag, unterhielt sich Micky mit Connor ein wenig über die vergangenen Monate seit ihrem letzten Zusammentreffen. Dann blickte Micky ihm ernst in die Augen.

„Es wird Zeit, Connor.“ Er nickte. Micky legte die Lilien nieder und kniete sich hin. Connor hatte eine einzelne weiße Rose in der Hand, diese legte er auf das gepflegte Grab und kniete sich neben Micky hin. Vom Chateau sah es aus, als würden die beiden beten. Micky zückte einen Dolch mit einem verzierten Elfenbeingriff, Connor hielt seine rechte Hand hin. Er zuckte kurz zusammen, als die Comtesse ihn damit ritzte. Dann wiederholte sie das selbe mit ihrer Hand. Blut tropfte auf das frische, satte Gras. Connor und Micky führten ihre Hände zusammen, drückten fest zu und hielten sie über Henrys Grab.
„Hier sind wir, Henry. Unsere Hände sind mit deinem Blut bedeckt. Du bist gestor­ben, damit wir leben können. Seitdem sind 216 Jahre vergangen. Doch wir haben dich nicht vergessen. Und wir werden es nie tun.“ Micky blickte dem Schotten auf­munternd entgegen. Er nickte, er war bereit seinen Text zu sprechen, den er auch fernab von Henrys Grab jedes Jahr sprach.
„Henry, ich kann nicht gut machen, dass du für mich auf die Guillotine gestiegen bist. Aber ich habe geschworen deine Comtesse zu schützen. Aye, das tue ich, jedes Jahr bis in alle Ewigkeit. Bei meinem Blut und der Ehre meines Clans.“ Sie drückten noch einmal fest zu, dann ließen sie los. Micky steckte den Dolch, zu dem sie im 17. Jahr­hundert in Madrid gekommen war, in ihre Manteltasche. Elegant kam sie auf die Füße.
„Weißt du, für eine Frau, die 505 Jahre alt ist, bist du ziemlich gelenkig!“ Connor grinste frech. Micky schlug mit der unverletzten Hand nach ihm, Connor sprang ein Stück nach hinten und fiel auf den Hintern. Sie lachte, während Connor wieder auf die Füße kam.
„Und weißt du, Connor, für einen Mann, der 18 Jahre jünger ist als ich, bist du eben sehr ungeschickt auf deinem knackigen Hintern gelandet!“ Noch immer lachend rannte sie zurück zu dem Kiesweg. Connor war ihr dicht auf den Fersen. Sie flitzten an einem Springbrunnen vorbei in dessen Mitte eine schöne weiße Marmor-Nymphe stand. Einige Vögel flogen erschrocken auf, als sie ein paar sehr alte Eichen passierten. Micky erinnerte sich noch, sie war ein Kind gewesen, als der Gärtner sie gepflanzt hatte.

Der Park, der zum Chateau gehörte, war beeindruckend groß. Die Dubois waren un­ter dem Kleinadel schon seit alters her einer sehr reiche Familie gewesen. Micky beschäftigte eine ganze Schar von Gärtnern und Hauspersonal.

 

Kurz vor der Tür zur Küche erwischte Connor Micky und hielt sie fest. Sie quiekte vergnügt, während er ihre Hüften umfasste und sie kitzelte. Sie benahmen sich wie die Kinder, die sie schon seit einigen hundert Jahren nicht mehr waren.

Die Küchentür ging auf und das Hausmädchen, bekleidet mit einem schwarzen Kleid und einer gestärkten weißen Schürze, warf einen irritierten Blick auf ihre Herrin.

„Madame, ist alles in Ordnung?“ Sie blickte besorgt auf den großen Mann, der ihre Herrin festhielt. Sie arbeitete erst seit vier Monaten hier und kannte Connor noch nicht.
„Ja, Yvette. Alles in Ordnung. Lege bitte noch ein zusätzliches Gedeck für Monsieur auf. Und sage meinem Mann, dass sein Cousin eingetroffen ist.“ Die junge Frau nick­te diensteifrig, ein wenig erleichtert über die Identität des Fremden, knickste und eilte davon.
„Und nun, Comtesse? Ihr seid mir schutzlos ausgeliefert.“ Spielerisch streckte Connor seine Finger nach ihr aus, bereit sie erneut zu kitzeln. Doch Micky griff kurz unter ih­ren Mantel und zog ihr Toledo Salamanca hervor. Selbst auf ihrem Landsitz war sie nie unvorbereitet. Und so eine zusätzliche Trainingsstunde konnte gewiss nicht schaden.
„Sei dir da mal nicht so sicher, Connor! Engarde!“ Connor nahm die Herausforderung an. Er zog nun sein ebenfalls sein Schwert und griff an. Die Klingen kreuzten sich. Drinnen hörte man Geschirr zerbrechen. Micky und Connor kümmerten sich nicht darum. Yvette musste sich erst noch an das Schwertergeklirre gewöhnen. Sie ließ je­des Mal fallen, was sie gerade in Händen hielt, wenn Micky und Duncan trainierten. Warum sollte es heute Morgen anders sein?

Die beiden lieferten sich einen erbitterten Kampf. Für Unsterbliche gab es keine Vergnügungsduelle. Klar machten sie jetzt nur Spaß, doch jedes Duell konnte das letzte sein. Zusätzliches Training war immer willkommen, auch wenn man sich zu­rückgezogen hatte, so wie Micky und Duncan.

 

Nun ging die Tür zur Küche ein weiteres Mal auf und Duncan trat heraus. „Sagt mal, müsst ihr die arme Yvette so zu Tode erschrecken? Sie hat das gute Porzellan fallen lassen, weil eure Schwerter plötzlich klirrten.“ Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt.

„Sag das Connor, er hat mich gekitzelt.“ Duncan blickte seinen Cousin böse an.
„Dafür verlange ich Satisfaktion. Ihr habt die Ehre meiner Gattin befleckt.“ Connor verneigte sich galant und ließ sich auf das Spiel ein.
„Wann beliebt es Euch, Monsieur Le Conte?“ Micky wollte eigentlich Einspruch erheben, dass Duncan durch die Heirat nicht automatisch zum Conte Dubois ge­worden war. Die Zeiten, in denen man schöne, junge Comtessen zwangsverheiratete um des Titels Willen waren zum Glück schon lange vorbei. Das Chateau, der Adels­titel und die dazugehörigen Ländereien gehörten ihr alleine. Doch sie ließ es bleiben, die Szene war einfach zu amüsant.
„Nach dem Frühstück. Ich habe Hunger, Connor!“ Nun lachte Duncan und schlug sei­nem Cousin auf die Schulter. „Aber dann verlange ich Widergutmachung.“
„Aber nur, wenn die Croissants akzeptabel sind, Duncan“, erklärte Connor ebenfalls lachend.

 

In der Küche duftete es nach frischem Kaffee und besagten Croissants. Micky ging an den antiken Schrank und holte zwei Gläser Brombeermarmelade und Lavendel­honig hervor, beides hatte sie selbst hergestellt.

Ihre Gärtner brachten ihr das ganze Jahr über alle erdenklichen Obstsorten, die im Park oder in den Treibhäusern wuchsen. Der Großteil wurde natürlich an die um­liegenden Dörfer verkauft. Doch ab und zu stand Micky mitten in der Nacht auf, nur mit einem Nachthemd bekleidet und kochte in ihrer gemütlichen, alten Küche Mar­melade ein. Ein wenig wehmütig dachte sie dann an ihren Meister Nostradamus.

Sie wusste, dass seine erste Frau Marie, dies auch immer getan hatte. Vielleicht hatte sich dieses Ritual bei Micky im Laufe der Jahre eingebürgert, weil sie ein Stück der Vergangenheit zurück holen wollte. Sie wusste natürlich, dass es noch immer Not­redames gab, direkte Nachfahren ihres Meisters. Doch das war etwas anderes. Mi­chel war fort, aber die Erinnerung an ihn lebte weiter. Auf der ganzen Welt lasen die Menschen seine Cieclen mit einem angenehmen Schauer über den Rücken laufend. Micky hatte eine eigene Erstausgabe in ihrer Bibliothek in einem Glaskasten und die Cieclen der Unsterblichen, in ihrem Safe hinter einem Portrait ihres Vaters, von denen kaum jemand unter ihnen wusste. Das war auch ganz gut so, wenn man be­dachte, dass die Beobachter nach wie vor ein Auge auf die Comtesse warfen. Joe Dawson hielt sie in regelmäßigen Abständen auf dem Laufenden.

 

Mit verträumtem Blick stellte Micky die Gläser auf den Tisch und schenkte den Männern Kaffee ein. Gerade wollte sie sich setzen, als das Telefon klingelte.

„Ich gehe hier ran, Yvette.“ Sie nahm ab. „Chateau Dubois, MacLeod am Apparat.“ Sie lächelte Duncan und Connor entgegen und bedeutete ihnen schon einmal anzu­fangen, bevor die Croissants kalt wurden.

„Hier ist Michel Notredame. Ich möchte mit der Comtesse Dubois sprechen.“ Mickys Herz setzte kurz aus. Sie griff sich an die Kehle und fühlte, wie sich ihr Hals zu­schnürte. Diese Stimme. Sie kam sich vor, als wäre sie annähernd 500 Jahre in die Vergangenheit geschleudert worden. Genauer gesagt ins Jahr 1530. Diese Stimme, das war unglaublich. Er hörte sich genauso an. Sie schüttelte kurz den Kopf, um ihre Fassung wieder zu erlangen.
„Ich... Ich bin dran. Ich heiße seit neun Jahren MacLeod. Sie sind ein Nachfahre nehme ich an?“ Ihr Herz hämmerte heftig in ihrer Brust. Es war erschreckend, als käme der Anruf wirklich aus einer anderen Zeit.
„Ja, das bin ich. Der wie vielfache Urenkel ich bin, kann ich aus dem Stehgreif nicht sagen. Aber ich bin sein Nachkomme. Ich habe die Unterlagen von meinem Vater Philippe Notredame geerbt. Er war Arzt in Salon.“ Mickys Nackenhaare stellten sich auf bei den Worten „Er war Arzt in Salon“. Sie sah alles wieder deutlich vor sich. Das kleine Haus, die Königin Katharina saß auf einem Stuhl in der Küche, Cesar und Charles, Anne, sie alle hatten auf Micky gewartet. Und oben in seinem Bett hatte ein anderer Notredame, der auf den Namen Michel hörte, sie herbeigesehnt, um in Frie­den sterben zu können.

„Sie wissen also, was ich bin?“ Einen Moment dachte Micky der Anrufer, dessen Stimme sie so erschreckt hatte, hätte aufgelegt. Fast schon hoffte sie es.
„Ja, ich weiß es. Und ich weiß auch, dass Sie meiner Familie etwas geschworen haben. Aber vielleicht sollten wir das nicht am Telefon besprechen. Können Sie nach Salon kommen?“ Diese Stimme, es war unglaublich, fast schon unheimlich. Sie sah sein Gesicht ganz deutlich vor sich. Das ihres Michels. Der lange, braune Bart, die schwarzen, wallenden Gewänder, in die er sich ein Leben lang gehüllt hatte.

Micky zögerte kurz, sie warf einen Blick auf Duncan und Connor. Beide wussten, dass sie Nostradamus' Schülerin und noch mehr gewesen war. Aber wieso sie dem Seher letztlich die Treue geschworen hatte, wussten sie nicht. Würden sie es verstehen und würden sie Micky begleiten? Aber das war ohnehin egal, sie hatte es geschworen und nicht nur an Michels Todestag. Diesen Schwur nahm sie genauso wichtig wie jenen, den sie Henry Jahr für Jahr aufs Neue leistete.

„Also gut, ich komme. Ich muss erst nach Paris rüber fahren und dann steige ich in das nächste Flugzeug nach Marseille. Dort nehme ich mir dann einen Mietwagen. Treffen wir uns in der Kirche. Ich war schon lange nicht mehr an seinem Grab.“ Sie schauderte bei der Erinnerung an die kleine Kirche, in der seine Gebeine ihre letzte Ruhe gefunden hatten.
„Ich werde Sie dort erwarten, Comtesse. Au revoir.“ Sie verabschiedete sich und leg­te mit zitternder Hand den Hörer wieder auf. Nachdem seine Stimme der von No­stradamus schon so glich, mochte Micky gar nicht wissen, wie sein Nachfahre aus­sah. Oder was er von ihr wollte. War er vielleicht der geistige Sohn, den ihr alter Meister in seinen Cieclen erwähnt hatte? Er sollte angeblich zu Beginn des 21. Jahr­hunderts auftauchen. Es würde passen. Wie auch immer, sie würde es schon noch früh genug erfahren.

„Micky, was ist los? Du siehst du aus, als hättest du mit einem Geist gesprochen!?“ Duncan blickte sie besorgt an.
„Was willst du in Marseille?“ fragte Connor, während er sich ein Croissant dick mit Marmelade bestrich.
„Ich will nicht nach Marseille sondern nach Salon en Provence.“ Nun blickte Duncan noch besorgter, wenn das überhaupt möglich war. Es gab für Micky nur einen Grund nach Salon zu fahren. Er wusste natürlich, dass dort ihr alter Meister gelebt hatte und auch gestorben war.
„Wer war das?“ fragte Duncan eindringlich. Doch seine Frau ging darüber hinweg.
„Würdet ihr mich begleiten? Vielleicht brauche ich eure Hilfe. Und ich würde mich wohler fühlen. Ich war seit über hundertfünfzig Jahren nicht mehr an seinem Grab.“ Connor nickte nur einverstanden und schob sich das Croissant zwischen die Zähne. Sein Appetit hatte sich in all den Jahrhunderten nicht verändert.
„Wessen Grab? Was ist hier los, Micky?! Ich gehe nirgendwo hin, wenn du mir nicht erklärst, was das alles soll!“ Eigentlich wollte er es gar nicht bestätigt wissen, denn er ahnte, dass ein Nachfahre von Nostradamus sich nur bei der Comtesse meldete, wenn er in großen Schwierigkeiten steckte. Und darauf hatte Duncan wahrhaftig keine Lust. Joe würde wieder einen Haufen Arbeit haben, das alles in Duncans Chronik niederzuschreiben. Von Mickys ganz zu schweigen. Nach der Heirat hatte Joe auch die Chronik der Comtesse übernommen, es war einfacher die ständigen Quer­weise von einer Person vornehmen zu lassen.
„Der Anrufer war Michel Notredame... Schau nicht so, Duncan. Natürlich nicht der Nostradamus. So gut war selbst er nicht, dass er den Tod überlisten konnte. Es war sein Nachfahre. Er braucht meine Hilfe. Und ich muss gehen. Ich habe einen Schwur geleistet...“
„Aber das war vor mehr als 400 Jahren! Wieso bist du noch immer daran gebunden?“
„475 um genau zu sein. Und ja, ich bin noch daran gebunden. Denn Nostradamus hat mir das Leben gerettet. Oder besser gesagt, er hat mich vor dem Scheiterhaufen gerettet. Und dass Verbrennen einen Unsterblichen in den Wahnsinn treiben kann, wissen wir ja. Ich kenne die Geschichte über die Verbrennung von Marcus Karolus und was danach mit ihm passiert ist. Und mir wäre es im Jahr 1530 fast genauso ge­gangen.“

 

Frannkreich, der Hafen von Marseille, 3. April 1530.
Michelle Dubois war gerade aus Asien eingetroffen. Sie hatte eine aufregende Zeit in Japan und danach in China erlebt. Nach fünf Jahren fern der Heimat sehnte sie sich nun nach ihrem Chateau und dem gemächlichen Leben in Frankreich. Ihr Schiff hatte in Marseille angelegt. In China hatte sie sich die Haare rot gefärbt. Ein Zeichen ihres Status. Als erste Leibwächterin des Kaisers Jianjing hatte sie eine besondere Stellung inne gehabt. Diese hatte sie noch gestärkt, indem sie mehr als bereitwillig sein kaiserliches Bett geteilt hatte. Der 19-jährige Monarch der Ming-Dynastie hatte sie mit seinem Charme und seiner Macht verzaubert, als sie 1526 an seinen Hof gekom­men war. Die roten Haare hatten klar gemacht, dass keiner sie anrühren durfte, abgesehen vom Kaiser. Als sie nun in Marseille an Land ging, erregte sie unerfreuli­cherweise Aufsehen. Sie hatte auf dem Schiff schon Geschichten über die neue und verschärfte euro­päische Hexenverfolgung gehört. Sie war nicht erpicht darauf der heiligen Inquisition in die Arme zu laufen. Sie musste schleunigst in ein Gasthaus und ihre Haare neu färben. Blond wäre vielleicht nicht schlecht, auf jeden Fall ungefährlicher als rot. Die Europäer kannten sich damit nicht aus, doch sie hatte noch einige Mixturen in China erworben, vorsorglich.

Michelle ging von Bord und wollte sich nach einem Gasthaus erkundigen, als ein Tu­mult entstand. Jemand rief ihren Namen, es klang wie ein Fluch. Sie ließ ihren Blick über den Hafen und das geschäftige Treiben schweifen. Überall Matrosen, Pferde, kleine Kutschen. Waren wurden auf- und abgeladen. Als sie entdeckte, wer ihren Namen gerufen hatte, blieb kurz ihr Herz stehen. Dort vor ihr stand Maximillian, er hatte laut aufgeschrieen und zeigte nun mit dem Finger auf sie. Was zum Teufel tat er in Marseille? Und wie hatte er sie erkannt? Sie trug ein chinesisches Gewand und die roten Haare hatten ihr Aussehen stark verändert. Außerdem war sie für Maximilli­an tot, er hatte sie ermordet und anschließend im Wald liegen lassen.

Zu ihrem Entsetzen sah Michelle, dass sich einige Soldaten auf sie zu bewegten. Sie zogen ihre Schwerter und riefen, sie solle stehen bleiben. Was blieb Michelle anderes übrig? Während sie wartete, konnte sie sich überlegen, wie sie Maximillian klar ma­chen konnte, dass siebenundzwanzig Messerstiche sie nicht umgebracht hatten. Mi­chelle hatte bei Meister Nakano viel Nützliches gelernt, aber hier stand sie vor einem nahezu unlösbaren Problem.

Französische Soldaten ergriffen sie und führten sie ab. Maximillian rief nach ihr. Er schrie ein Wort, das gefährlich war in dieser Zeit. „Hexe!“ Und schon wurde das Wort aufgegriffen und verbreitete sich auf dem Platz wie ein Lauffeuer. Die Hände packten sie fester, krallten sich in ihr Seidenkleid. Langsam machte sich Michelle Sorgen. Denn sie hatte auf dem Schiff gehört, dass Hexen inzwischen besvorzugt auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Leider würde sie das überleben, doch sie mochte sich nicht einmal vorstellen, wie es sein musste verbrannt zu werden und doch nicht sterben zu können.

 

Ich bin keine Hexe! Lassen Sie mich los! Ich kenne diesen Mann überhaupt nicht! Ich war einige Jahre in Japan und China! Was wollen Sie von mir?!“ Sie hoffte vorge­schützte Unwissenheit konnte sie retten. Doch die Soldaten zerrten sie weiter in Richtung des bischöflichen Palastes. Die Kaserne wäre ihr lieber gewesen. Aus einer Zelle wäre sie leichter rausgekommen als aus einem Kerker. Sie hätte auch kämpfen können. Am Kaiserhof hatte sie täglich mit den Männern der Leibwache trainiert. Sie war eine hervorragende Kämpferin. Doch das würde die Soldaten nur in ihrem Ver­dacht bestätigen und wenn sie Michelle dann in die Finger bekämen, würde sie nichts mehr vor dem Scheiterhaufen bewahren können. Während man sie unerbitt­lich immer weiter Richtung Palast zerrte, sprach Michelle einige Passanten an und bat um einen Beistand, wenigstens einen juristischen. Doch sie wurde von den meis­ten ignoriert. Bestenfalls spuckte man sie an und warf faules Obst nach ihr. Hatten die Leute denn immer welches griffbereit in ihren Taschen? Anscheinend, den Mi­chelles Kleid war die Zielscheibe von mehreren Angriffen geworden.

 

Plötzlich reagierte ein gutaussehender Mann mit braunem Bart in der Robe eines Studenten auf ihre Rufe.

Madame, kann ich Euch behilflich sein?“ Sie nickte und ergriff für einen Augenblick seinen Mantel.
Monsieur, helft mir, man behauptet, ich sei eine Hexe. Ich bin eben von Bord eines Schiffes gekommen, das in China war. Bitte, Monsieur, helft mir!“ Sie schrak kurz vor seinem durchdringen Blick zurück, mit dem er sie musterte. Doch er war ihre einzige Chance dem Feuer zu entgehen. Im Moment würde sie sogar einen Pakt mit dem Teufel dafür eingehen.
Nun, seid Ihr vielleicht krank, Madame? Durch die Seereise? Ihr seht ein wenig krank aus. Ich bin nämlich Student der Medizin, müsst Ihr wissen.“ Er blickte sie eindringlich an. Michelle hatte sich immer durch einen wachen Verstand ausgezeich­net. Sie nickte.
Ja, Monsieur. Ich fühle mich in der Tat nicht wohl. Mir wird ganz schwach.“ Gekonnt ließ die Comtesse sich in Ohnmacht fallen. Ihr unverhoffter Retter gab sofort professionelle Anweisungen. Die Soldaten waren völlig überrumpelt. Das wurde ih­nen jetzt doch zuviel. Der Anführer blaffte den jungen Studenten an: „Nehmt sie mit und versorgt sie, Monsieur. Sollte sie sich als Hexe erweisen, schickt uns Nachricht, wir übergeben sie dann dem hiesigen Inquisitor.“
Ja, selbstverständlich, Sergeant.“ Er nickte treuergeben. Dann wandte er sich der noch immer scheinbar bewusstlosen Michelle zu. Er beugte sich tief hinunter und tat, als würde er sie abhorchen. „Sie sind weg, Madame. Bleibt noch ein wenig ohn­mächtig. Ich bringe Euch weg.“ Er hob Michelle auf die Arme und trug sie durch die Straßen.

Der junge Student schob sich durch die Menschenmenge und schlug den Weg zu dem Gasthof ein, in dem er abgestiegen war. Da er nur einige Tage in Marseille weilte, bestand keine Gefahr, dass die Soldaten ihn wegen der Rettung behelligen konnten.

Vorsichtig trug er Michelle die knarrende Holztreppe zu seinem Zimmer hinauf. Dem dicken Gastwirt hatte er ein großes Trinkgeld gegeben, damit er den Mund hielt. Goldstücke lehnte niemand in diesen Tagen ab.

Sorgsam legte er sie auf sein Bett und sagte: „Ihr seid in Sicherheit.“ Michelle mach­te die Augen auf und sah sich um. Der Raum war ein typisches Gastzimmer. Ein schmales, aber erfreulicherweise sauberes Bett, ein Waschtisch und ein Kruzifix an der Wand. Nun, an diesen Gott hatte sie ihren Glauben an jenem Morgen vor 5 Jah­ren im Wald verloren. All ihr Glaube an das Gute im Menschen und einen gütigen, gerechten Gott war ihr mit 27 Messerstichen ausgetrieben worden. Nur manchmal traf sie auf die berühmten Ausnahmen. Sie musterte ihren Retter abschätzend und fragte sich zu welcher Sorte er wohl gehörte.

Es war vielleicht ein wenig voreilig mich gleich in Euer Bett zu legen, Monsieur.“ Sie setzte sich auf und legte die Hand an ihr Schwert, das unter ihrem Reisemantel her­vorlugte.
Eurer Schwert braucht Ihr nicht, Madame. Erlaubt, dass ich mich vorstelle. Michel de Notredame, Student der Medizin.“ Er lächelte verschmitzt, seine Augen blitzten. Und für einen Moment war es, als sehe er Michelle in ihre Seele. Im Nachhinein war ihr klar, dass Nostradamus natürlich genau das getan hatte.
Wer oder was seid ihr? Ihr seid schon einmal gestorben, das konnte ich sehen. Aber das alles verstehe ich nicht. Ihr seid nicht reinkarniert, sondern einfach immer noch da.“ Michelle schluckte. Das wurde ihr langsam unheimlich. Doch irgendwie wusste sie, dass sie diesem Mann vertrauen konnte, bedingungslos.
Mein Name ist Michelle Dubois, Comtesse Dubois... Ja, Ihr habt Recht, ich bin schon einmal gestorben. Und zwar vor fünf Jahren. Und dadurch wurde ich... unsterblich.“ Michel nahm sich einen Stuhl und setzte sich gegenüber dem Bett hin. Er spielte mit seinem Bart.
Dann lasst mal hören, Comtesse. Ich bin immer für eine gute Geschichte aus der übernatürlichen Welt zu haben.“

 

„Und so haben wir uns kennen gelernt. Es war ein Glücksfall, denn Nostradamus war nur für ein paar Tage in Marseille, um einen Freund zu besuchen. Er studierte zu dem Zeitpunkt an der medizinischen Fakultät von Montpellier. Bei Nacht und Nebel brachte er mich aus der Stadt heraus. Ich begleitete ihn nach Montpellier und blieb zunächst bei ihm.“
„Richie würde jetzt wieder sagen, wow Nostradamus. Aber mir fällt da eine andere Bemerkung ein: Bist du gleich bei ihm in die Lehre gegangen?“ Micky grinste, sie wusste genau, worauf ihr Mann hinaus wollte.
„Warum fragst du nicht, was dich wirklich interessiert. Ob ich gleich zu ihm ins Bett gestiegen bin?“ Duncans Ohren wurden ein klein wenig rot. Connor lachte und schob sich ein weiteres Stück Croissant in den Mund. Er genoss die Unterhaltungen zwi­schen ihnen, seit sein Cousin und die Comtesse sich kennen gelernt hatten.
„Ich wollte nicht...“ Micky machte eine wegwerfende Bewegung und nahm einen tiefen Schluck Kaffee.
„Schon in Ordnung, Duncan. Ja, bin ich. Er war einfach zu faszinierend. Erinnere dich, wie es mit uns gewesen ist. Wir lernten uns kennen, duellierten uns und stiegen ins Bett. Glaubst du, so wäre ich erst im letzten Jahrhundert geworden? Meine unerfreulichen Erfahrungen mit Maximillian haben mich Männer in einem anderen Licht sehen lassen. Wenn ich einen wollte, nahm ich ihn mir. Wenn er mir lästig oder gar gefährlich wurde, verschwand ich. Nur dummerweise funkte mir man­chmal die Liebe dazwischen.“
„So wie bei mir, meinst du?“ Er blickte sie herausfordernd an, doch Micky ignorierte den Einwurf.
„Und bei mir und Methos“, setzte Connor grinsend hinzu. Gieß doch noch Benzin ins Feuer, dachte Micky und funkelte ihn böse an.
„Ja, genau. Wie war das mit dir und Methos?“ wollte Duncan plötzlich wissen.
„Ein ander’ Mal, Duncan. Wir müssen ein Flugzeug erwischen.“

 

 

2. Das Grab des Sehers

 

Frankreich, Salon en Provence am selben Nachmittag.

Micky stieg aus dem gemieteten feuerroten Mazda MX-5 aus. Sie war schweigsam und wirkte besorgt. Duncan und Connor folgten ihr mit einigem Abstand.

Die Luft war zum Schneiden dick, es war unerträglich schwül. Am Himmel bauten sich dicke, tiefschwarze Wolken auf. Ein Sommergewitter kündigte sich an und würde der Stadt hoffentlich ein wenig Linderung bringen.

 

Micky schritt die Treppen zur Dominikanerkirche von St. Laurent hinauf und legte die Hand auf den Türgriff. Sie zog sie auf und ein Schwall kühler Luft wehte ihr ent­gegen. Sie atmete tief ein, das tat gut. Langsam und bedächtig betrat sie das Gotteshaus. Heiliger Boden, der letzte Zufluchtsort für einen Unsterblichen. Aber nicht für Darius, fuhr es ihr traurig in den Sinn.

Rasch ging sie am Weihwasserbecken vorbei. Sie schlug kein Kreuz, dieses Ritual überließ sie den wirklich gläubigen Menschen. Wenn es einen Gott gab, würde sie ihn als Unsterbliche ohnehin nie treffen. Wozu ihm Demut entgegen bringen, wenn er ihr immer nur Schmerz bereitete und ihr jeden nahm, der ihr etwas bedeutete? Eine Kir­che war ein sicherer Ort für sie, mehr nicht. Sie sprach auf ihre Weise mit den Toten.

Die hohen Absätze ihrer schwarzen Pumps klapperten auf dem alten Steinboden. Die Tür wurde ein weiteres Mal geöffnet, ein Luftzug wehte ihren Mantel und ihr kurzes Sommerkleid hoch. Sie brauchte sich nicht umzudrehen, sie wusste, dass ihre beiden Begleiter eingetreten waren. Ein kalter Schauer lief Micky über den Rücken. Lag es daran, dass der Schweiß unter dem Mantel trocknete oder an der Tatsache, dass sie nach so langer Zeit wieder vor dem Grab ihres Meisters und Geliebten stand?

 

Dann sah sie auch schon einer unscheinbaren Steintafel gegenüber. Michels Geburts- und Todestag und sein Name. Frischen Blumen standen in einer Wandvase. Ein schlichtes Grab für den größten Seher der Menschheit, einen der wenigen erfolgrei­chen Kämpfer gegen die Pest. Aber Micky war sicher, es hätte ihm gefallen. Michel war nie auf Pomp und Glamour versessen gewesen, sonst wäre er mit Sack und Pack an den königlichen Hof gezogen. Katharina von Medici hatte ihn mehr als einmal dar­um gebeten. Doch er war in seinem kleinen Haus in Salon geblieben, mit Frau, Söhnen und den gelegentlichen Besuchen seiner diskreten Geliebten.

Zärtlich strich Micky über den kalten Stein und flüsterte seinen Namen. Hier lag er nicht seit seinem Tod. Im Jahre 1700 hatte man das ursprüngliche Grab geöffnet, in dem Nostradamus bis dato 134 Jahre lang geruht hatte. Auf seinem Skelett hatte eine Plakette gelegen, welche die Zahl 1700 trug. Selbst als Toter erlaubte er sich noch einen Scherz auf Kosten der unwissenden Menschen. Während der Franzö­sischen Revolution war seine Ruhestätte geschändet worden, anschließend hatte man ihn hier ein zweites Mal bestattet, dieses Mal endgültig.

„Comtesse?“ Sie zuckte erschrocken zusammen, drehte sich um und bekam große Augen. Micky strauchelte und stützte sich an der Wand ab. Michels Gebeine gaben ihr die nötige Kraft.

„Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, muss ich ihm wirklich sehr ähnlich sehen.“ Er nickte in Richtung der Inschrift. Micky schluckte und ging zu der ersten Reihe Kir­chenbänke, schwer ließ sie sich darauf fallen. Sie warf einen kurzen Blick zum Aus­gang der Kirche. Connor und Duncan saßen dort und beobachteten alles. Man konnte ja nie wissen.

„Monsieur Notredame, Sie sehen ihm nicht nur sehr ähnlich. Sie... Ich kann es kaum glauben, es ist, als wäre Michel wieder aus seinem Grab auferstanden. Verzeihen Sie, dass ich Sie so anstarre, aber dieses Gesicht habe ich seit seinem Todestag nicht mehr gesehen. Wie alt sind Sie?“

„27, Comtesse.“ Sie keuchte und war in Gedanken wieder im Jahr 1530 und bei ihrer ersten Begegnung mit Nostradamus. Und diese Augen, dachte sie. Sie bohrten sich in ihre Seele, genau wie damals in dem Gasthaus. Sie wandte den Blick ab zu der Tafel und legte eine Hand auf ihr kaltes, beruhigendes Schwert. Genau wie damals.

„So alt war er, als ich ihn kennen lernte. Deswegen bin ich so erschrocken. Sie könn­ten er sein. Wenn jetzt noch Maximillian auftaucht, drehe ich, glaube ich, durch.“

„Ich denke, dass ist unwahrscheinlich, er ist schon lange tot. Ebenso mein berühmter Ahnherr. Aber ich lebe. Und daher brauche ich Ihre Hilfe. Ich habe die Prophezei­ungen übersetzt.“

„Das haben doch schon viele vor Ihnen, Monsieur. Weshalb sollte da Ihr Leben in Gefahr sein?“ Doch sie ahnte die Antwort. Ihre Ahnung, dieser Michel könnte der prophezeite geistige Sohn sein, schlich sich wieder ein ihre Gedanken. Und sie wurden im nächsten Moment bestätigt.

„Weil ich den richtigen Schlüssel habe. Und jetzt ist eine ziemlich wichtige Instanz hinter mir her. Sie wollen verhindern, dass die Welt alles erfährt.“

„Wer?“

„Der Vatikan und ganz besonders der Papst.“ Michelle lachte ein wenig schrill auf. Connor und Duncan rutschten unruhig auf ihrer Kirchenbank hin und her. Sie verstanden nicht viel. Aber Micky verhielt sich mehr als merkwürdig, die beiden Schotten machten sich langsam Sorgen um sie.

„Papst Alexander? Monsieur Notredame, die Inquisition ist lange vorbei.“ Eine Ironie des Schicksals, dass sie nun den Nachfahren ihres einstigen Retters vor der selben Instanz retten sollte.

„Seien Sie sich da mal nicht so sicher. Offiziell mag sie einen anderen Namen haben, aber sie existiert noch immer. Der Vatikan wartet seit fast fünfhundert Jahren darauf, dass der echte Schlüssel auftaucht. Es gibt eine Unterabteilung innerhalb der Glau­benskongregation, die sich genau dieser Aufgabe gewidmet hat. Die Suche nach dem geistigen Sohn des Nostradamus und dem richtigen Schlüssel. Sie wollen wissen was passiert, es aber nicht der Menschheit sagen. Sie wollen so die Gläubigen kon­trollieren. Ihnen etwas von Gottes Wort erzählen. Wenn die Prophezeiung dann ein­trifft, war es Gottes Wille. Sie wollen so die Menschen wieder in den Arm der Kirche treiben. Und sie wollen wissen, wie lange es bis zum jüngsten Tag dauert. Wenn ich aber den Schlüssel und die wahre Bedeutung der Cieclen der ganzen Welt zugänglich mache, können Sie das nicht mehr... Mein Vorfahre wollte das Wissen der ganzen Menschheit vermachen, damit sie es noch abändern können. Doch der Vatikan will einfach abwarten, bis die Prophezeiungen eintreten und Nutzen daraus schlagen.“ Genau das, was ich mit den Prophezeiungen der Unsterblichen tue, dachte Micky reuevoll. Mit dem Wissen hätte sie Darius retten können. Aber um den Preis ihrer Liebe zu einem Barbaren aus den Highlands.

„Ja, aber warum, setzen Sie die Cieclen und die Bedeutung nicht ins Internet, dann wäre der Plan doch verhindert?!“ Er schüttelte den Kopf und Micky sah sich wieder in die Vergangenheit zurückversetzt. Schon verrückt, wie die Gene bestimmte Eigenschaften und Gesten über Jahrhunderte hinweg in einer Familie von Generation zu Generation weiter vererbten.

„Ich bin noch nicht soweit. Aber der Vatikan ist mir auf den Fersen. Ich brauche noch ein paar Tage, dann kann ich es veröffentlichen. Können Sie mich bis dahin verste­cken?“

„Wenn Sie mit auf mein Chateau kommen, geht das in Ordnung. Doch bevor wir wieder zurückfliegen, möchte ich noch einmal zu seinem Haus.“ Sie stand auf und wartete die Antwort nicht ab. Michel Notredame folgte ihr dicht auf. Am Ausgang der Kirche nickte sie ihrer Familie zu, sie standen auf und folgten ihr.

Draußen tobte ein starkes Gewitter. Wenn ich jetzt einem Unsterblichen den Kopf ab­schlage, merkt es es keiner. Die Sterblichen würden es für das Sommergewitter hal­ten. Dummerweise gewitterte es nie, wenn einer von ihnen ein Duell hatte. Da hieß es hinterher die Beine in die Hand nehmen und abhauen, bevor die Polizei kam, auch wenn man verletzt war.

Sie rannten zu dem Mietwagen. „Fliegen wir heim?“ fragte Duncan.

„Noch nicht, Liebling. Ich will erst noch zu seinem Haus in der Rue Nostradamus. Es geht ganz schnell. Hat das Museum noch auf, Monsieur Notredame?“ Er schüttelte den Kopf.

„Leider nein, aber als Salons berühmtester Sohn wird der Kurator für mich noch ein­mal öffnen.“ Sie lächelte den jungen Mann dankbar an und schwang sich hinter das Steuer des schnittigen Wagens. Connor stieg mit Notredame hinten ein. Micky und drehte den Schlüssel um und fuhr durch die Straßen von Salon.

 

Kurz darauf stellte sie das Auto vor dem Museum ab, das in der Nähe des Rathauses lag. Sie stiegen aus und blickten zu einer Gedenktafel hoch.

 

„In diesem Haus lebte und starb Michel Nostradamus, Astrologe, königlicher Arzt, Autor der 'Almanache' und der unsterblichen 'Centurien'“, las Micky laut und ein klein wenig ehrfürchtig vor. „So, Monsieur. Klingeln Sie den Kurator raus?“ Er nickte und ging zur Seitentür.

 

Es war nicht sonderlich schwer gewesen. Michel Notredame genoss in der Stadt einen gewissen Ruf. Er war immer zu PR-Terminen bereit und schüttelte zahlreichen Nostradamus-Anhängern Jahr für Jahr die Hand. Wenn er nun eine Sonderführung für gute Freunde verlangte, hatte Monsieur Claudel St. Germain keine Einwände.

 

Micky betrat die alte Küche, die zugleich Wohnstube gewesen war. Sie wartete, bis der Kurator wieder verschwunden war, dann machte sie eine weit ausholende Geste.

„Hier war es, hier kamen wir immer zusammen und lernten von Michel.“ Sie lächelte verträumt. „Und hier erwarteten mich an seinem Todestag Anne, Cesar, Charles und die Königin. Michel hatte sich schon von allen verabschiedet und wartete nur noch auf mich. Und dann ging ich hoch in sein Schlafzimmer.“ Sie folgte ihrem Weg von damals. Sie stieg die Treppe hinauf und öffnete die Tür. Fast glaubte sie, dort hinter lege er und warte auf sie. Doch natürlich war das Bett leer. Mit tränenfeuchten Augen sah sie sich um. Schließlich seufzte sie und drehte sich zur Tür. Dort stand Duncan mit verschränkten Armen und beobachtete sie.

 

„Du hattest ein sehr bewegtes Leben, Comtesse“, bemerkte Duncan.

„Das ist wohl die Untertreibung des Jahrtausends, Duncan! Aber das ist ja auch nicht schwer, wenn man soviel rumkommt wie ich. Es gibt kaum einen Ort, den ich noch nicht gesehen habe und viele zu verschiedenen Zeiten. Doch hier hat sich nichts verändert, außer dass er fort ist.“ Duncan trat ein und legte den Arm um sie. Dann stellte er sich vor Micky und blickte ihr tief in die Augen.

„Du hast mit vielen Männern das Lager geteilt, Comtesse. Sie sind gestorben und haben dich allein gelassen. Du hast gesehen, wie sie älter wurden und du nicht. So ist der Lauf der Dinge. Aber ich werde für immer an deiner Seite stehen. Ich werde dich beschützen und lieben mit meinem Körper, meiner Seele und meinem Leben. Das schwöre ich dir.“ Micky lächelte und nickte schließlich.

„Duncan, ich weiß nicht, was du damals mit mir angestellt hast, als wir uns kennen gelernt haben. Aber seitdem bin ich sehr, sehr glücklich und an meinem Kopf hänge ich mehr denn je. Ich möchte keinen Tag ohne dich sein.“ Er beugte sich runter und küsste sie. Erst zärtlich und behutsam, dann stürmischer und leidenschaftlich.

„Also, könnt ihr euch noch beherrschen bis wir wieder Zuhause sind, oder wollt ihr diesen 'heiligen' Ort entweihen?“ Connor stand breit grinsend in der Tür. Micky und Duncan ließen sich los und schnaubten ihm ungehalten entgegen.

„Du furchtbar unsensibler... Schotte, du!“ rief Micky. Connor lachte nur.

„Oh, was für eine Beleidigung! Ich bin entsetzt, Comtesse. Seit ich dich kenne, hast du es noch nicht geschafft mir eine deftige Beleidigung an den Kopf zu werfen!“

„Ich bin ja auch eine Dame!“ Beide Männer lachten laut auf, was Micky dazu ver­anlasste ihre Hände in die Seiten zu stemmen und sie böse anzufunkeln.

„Wenn ich euch nicht so gerne hätte, würde ich mich mit euch duellieren. Aber wir müssen jetzt gehen. Wir müssen uns um Monsieur Notredame kümmern.“ Noch immer lachend gingen Duncan und Connor die Treppe hinunter. Sie bugsierten ihren Schutzbefohlenen zur Tür hinaus, stiegen in das Auto und fuhren gemächlich zurück nach Marseille. Dort bummelten sie noch ein wenig über den Wochenmarkt und kaufen einige Dinge ein. Mit drei bewaffneten Unsterblichen an seiner Seite fühlte Michel Notredame sich gleich viel sicherer. Sie erreichten gerade noch das letzte Flugzeug nach Paris.

 

In der Hauptstadt feierten die Menschen noch immer das Ende der Monarchie. Durch die Aufgabe den jungen, unfreiwilligen Propheten vor den Fängen der modernen In­quisition zu bewahren, war Micky glücklicherweise von den Erinnerungen an die Re­volution abgelenkt. Sie gönnte ihren Landsleuten die Feierlichkeiten, das Land hatte den Wandel gebraucht. Doch auf beiden Seiten waren damals zu viele Unschuldige gestorben.

 

Erschöpft erreichten sie bald darauf mit Duncans Thunderbird und einem Taxi, das ihnen hinterher fuhr das Chateau Dubois. Micky verabschiedete sich direkt ins Bett und überließ die Männer sich selbst. Duncan zeigte Notredame noch rasch die Biblio­thek und sein Zimmer, dann folgte er seiner Frau. Er hoffte, sie war noch nicht zu müde. Connor leistete dem Propheten noch ein wenig Gesellschaft.

 

Duncan schlüpfte leise ins Schlafzimmer. Vor dem Kamin zusammengerollt schlief Angus, ein Husky, den Micky letztes Jahr in einer Tierhandlung in Montmatre als Wel­pen entdeckt hatte. Er war einfach zu süß mit seinen eisblauen Augen und dem verträumten Blick. Micky konnte gar nicht anders und hatte ihn auf der Stelle gekauft. Angus fühlte sich auf dem weitläufigen Gelände des Chateaus natürlich pudelwohl. Besonders der letzte schneereiche Winter hatte Angus sehr gut gefallen, er hatte sich den ganzen Tag im Park getrollt und Schneehasen gejagt. Das Chateau war ideal um einen solchen Hund zu halten.

 

Als Duncan die Schlafzimmertür wieder schloss, hob Angus den Kopf, legte ihn schief und blickte ihn kurz fragend an. Duncan ging auf ihn zu und streichelte ihm den Kopf. Er murmelte ein paar beruhigende Worte auf gälisch. Er kam nicht oft dazu in seiner Muttersprache zu reden, doch im Lauf seines Lebens hatte er erkannt, dass zwei Sorten Lebewesen besonders auf die guturalle Sprache der Highlands anspra­chen: Tiere und Frauen.

„Wenn du mir genauso zärtlich ins Ohr flüsterst wie dem Hund eben, könnte das noch ein interessanter Abend werden.“ Micky hatte sich aufgesetzt und grinste ihrem Mann herausfordernd entgegen.

„Willst du auch hören, dass du ein schönes Fell hast, Comtesse?! Das klingt auf gä­lisch sehr schön, hast du ja gerade gehört.“ Micky warf ein Kissen nach Duncan, der es geschickt fing und sich vor die Brust hielt.

„Unverschämter Kerl! Keinen Sinn für Romantik habt ihr Schotten. Warum ich dich geheiratet und mir nicht deinen Kopf geholt habe, wird mir wohl auf ewig ein Rätsel bleiben.“

„Dito!“ erklärte er lachend und warf das Kissen zurück auf seine Seite des Bettes. Dann zog er sein Hemd aus und ließ es unbeachtet auf den Boden fallen. So stand er einige Minuten vom Kaminfeuer in seinem Rücken angestrahlt.

Mickys Herz schlug ein paar Takte schneller, sie leckte sich über die Lippen. Schließ­lich hielt sie es nicht mehr aus und bewegte sich auf dem Bett wie eine kleine Wild­katze auf allen vieren vorwärts.

„Komm, mein Highlander, zeig mir, dass ihr Barbaren aus dem kalten Norden wisst, was eine Frau sich wünscht.“ Sie streckte ihm die Hand hin, Duncan ergriff sie und ließ sich aufs Bett ziehen. Das Zimmer wurde nur vom Kaminfeuer erhellt, es warf den Schatten der beiden Liebenden an die Wand. Sie sanken in einen tiefen Kuss und in die weichen Daunenkissen hinein. Zunächst waren sie sehr zärtlich und vor­sichtig zueinander, doch irgendwann errang die Leidenschaft den Sieg. Während außerhalb ihres Schlafzimmers ganz Frankreich seine Freiheit feierte, feierten Duncan und Micky das Leben an sich und ihre Liebe zu einander.

 

Spät in der Nacht erwachte Micky aus einem wirren Traum. Sie war wieder bei No­stradamus und zur selben Zeit war sein Nachfahre, der im Westflügel des Chateaus schlief, auch anwesend gewesen. Nostradamus hatte ihr die Prophezeiungen der Uns­terblichen übergeben und sie ermahnt, sie immer gut zu verwahren, sie wären wichtig.

Micky blickte durch den Raum, das Feuer im Kamin war ausgegangen, Angus lag aber noch immer zusammengerollt davor. Doch der Hund war gleichsam wach. Er spitzte angestrengt die Ohren. Er hörte etwas. Micky stand auf und schlüpfte in ihren seidenen Morgenmantel, sie hatte ein ganz ungutes Gefühl. Auf dem Toilettentisch aus der Ära des Sonnenkönigs lag ihr Schwert. Sie griff danach und schlich zur Tür. Erst jetzt fiel ihr auf, dass Duncan nicht mehr im Bett lag.

„Angus, du bleibst hier... Schau mich nicht so vorwurfsvoll an. Ich bin hier die Uns­terbliche von uns beiden.“ Er legte den Kopf schief und schien sich zu fragen, ob sein Frauchen wusste, wovon sie da redete.

Leise öffnete Micky die hohe Tür und schlüpfte barfuß hinaus. Der Parkettboden war angenehm kühl.

 

Auf leisen Sohlen schlich sie durch den Korridor. Das war gar nicht gut, bisher hatte sie keiner in ihrem Schloss heimgesucht. Kein Unsterblicher traute sich auf das riesige Anwesen. Die zivilisierten Vertreter unter ihnen riefen an oder schrieben eine E-Mail und forderten sie zum Duell. Doch wer immer hier in ihr Chateau einge­drungen war und den Frieden ihres Hauses und ihrer Familie gestört hatte, würde es be­reuen. Sie bog um die Ecke und stieß mit jemanden zusammen.

„Was zum...?!“ fluchte sie leise zischend. „Richie! Was in aller Welt tust du hier?! Du hast mich zu Tode erschreckt!“ Die Anwesenheit der beiden Highlander hatte verhindert, dass Micky einen weiteren Unsterblichen registrierte. Sie hatte daher eher mit Connor oder Duncan gerechnet. Nur nicht mit dem, der da vor ihr stand.

 

„Duncan hat mich angerufen und gesagt, dass ich herkommen soll. Er meinte, ihr habt einen Schützling und es könnte Ärger geben. Also hab ich mein Schwert ge­schnappt, mich auf meine Harley geschwungen und bin gekommen... Und ich glau­be, der Ärger ist schon da. Ich hab gesehen, wie ein Wagen mit ausgeschalteten Scheinwerfern durch den Park zum Haus gefahren ist.“ Mickys Schultern versteiften sich. Die Leute von der Glaubenskongregation waren verdammt schnell, das musste man ihnen lassen.

„Verdammt! Und ich dachte, ich hätte ein bisschen mehr Zeit, um wenigstens her­auszufinden, was genau sie wollen. Komm lass uns nach Connor und Notredame se­hen.“ Sie ging voran.

„Notredame? Ich verstehe kein Wort.“ Micky seufzte.

„Ich habe einen Nachfahren von Nostradamus hier, er hat mich um Schutz gebeten. Und jetzt komm endlich, Richie!“ zischte sie ungehalten. Sie wollte wieder zurück in ihr gemütliches Bett. Wenn einer der Dienstboten mitbekam, dass ihre Herrin nachts mit nichts als ihrem Morgenmantel bekleidet und einem Toledo Salamanca im An­schlag durch die Korridore ihres Chateaus schlich, würde das unangenehme Fragen auslösen. Nicht alle wussten von Mickys Unsterblichkeit. Es war besser nicht zu viele Mitwisser zu haben.

 

Sie eilten die Stufen zum ersten Stock hinunter. Micky kannte jeden Winkel ihres Hauses auch blind im Dunkeln. Doch Richie lief ein wenig unbeholfen die ungewohn­ten Treppen hinab.

Im Hauptkorridor war es stockfinster, jedoch unter der Tür zur Bibliothek schien Licht durch. Vielleicht arbeitete Notredame noch immer an den Übersetzungen? Micky gab Richie ein Zeichen hinter ihr zu bleiben. Doch der unbesonnene Junge schob sich an ihr vorbei, bevor sie es verhindern konnte. Richie öffnete mit einem Ruck die Tür und stürmte in die Bibliothek. Dort auf einem Stuhl saß Notredame und blickte angst­erfüllt zur Tür. Richie zuckte kurz zurück, er spürte die Gegenwart eines Unsterbli­chen. Auch Micky spürte es, atmete ein paar Mal schnell durch die Nase ein und aus und wappnete sich für den bevorstehenden Kampf.

„Ah, wie schön! Die Schlossherrin gibt sich persönlich die Ehre. Treten Sie nur näher, Comtesse. Und wer ist der junge Mann?“ Richie trat vor.

„Richie Ryan. Und wer sind Sie? Und wieso sind Sie hier eingebrochen?“ Micky be­rührte ihren jungen Beschützer am Arm und zog ihn zurück. Sie deutete mit dem Kopf in die Ecke, dort lag Duncan. Er war bewusstlos, vor ihm lag eine zertrümmerte Ming-Vase. Micky bedauerte den Verlust einen kurzen Augenblick. Es war ein persön­liches Geschenk von Kaiser Jiajing gewesen. Aber besser die Vase als das Leben ih­res Mannes.

„Mein Name ist Michael Valerius Angelus, ich bin der oberste der 'Wächter der Prophezeiungen'. Und dieser Mann wird uns begleiten.“ Er zeigte auf den ängstlichen Notredame. Nun, vielleicht war er seinem Vorfahren doch nicht so ähnlich? Oder er ahnte, wie gefährlich Angelus ihm werden konnte?

„Ach, Sie und welche Armee will mit dem Propheten an mir vorbei?!“ Sie zeigte mit dem Schwert auf Angelus. Der große, gutgebaute Italiener trug schwarze Kleidung und der Priesterkragen wirkte fast unscheinbar. Seine schwarzen Augen funkelten wütend und schätzten Micky ab. Dann legte Angelus den schwarzen Mantel ab und zog ein Schwert, das Micky seltsam vertraut vorkam aus Museen. Wenn das Schwert aus seiner Zeit stammte, musste der finster dreinblickende braunhaarige Mann mit dem Vollbart wesentlich älter als sie alle hier sein.

„Nun mal Klartext, wer sind Sie?“ Sie umkreisten sich mit ihren Schwerten. Im Hin­tergrund wurde Duncan wach. Er blickte auf die Scherben der Vase, schüttelte kurz den Kopf und versuchte den Bienenschwarm zu ignorieren, der sich in selbigem nie­derlassen hatte und unablässig summte. Er sah Richie fragend an, der mit seinem Florett zu den beiden sich umkreisenden Unsterblichen deutete. Duncan war augen­blicklich wach, er sprang auf die Füße und griff nach seinem Schwert. Bis jetzt hatte keiner von beiden den ersten Schlag getan, er konnte also immer noch eingreifen.

 

„Ich bin ein Tempelritter, verehrte Comtesse. Ich wurde im Jahre 1102 in Rom gebo­ren. 1148 schloss ich mich den Templern an und diene seitdem der Kirche und Gott. Und jetzt nehme ich den Propheten mit mir. Deus lo vult – Gott will es, Madame.“

 

„Aber ich will es nicht! Und Monsieur Notredame ist Gast in meinem Haus und unter­steht meinem persönlichen Schutz.“ Sie sprang vor und griff den Templer an. Micky attackierte den Templer mit blitzschnellen Bewegungen. Im Hinterkopf kam ihr der Gedanke, dass sie ihn aus dem Haus drängen musste, wenn hier in der Bibliothek die Energieübertragung stattfinden würde, könnte das halbe Chateau in die Luft fliegen. Ganz abgesehen davon waren viele der Bücher ein Vermögen wert, weil es Erstaus­gaben aus den vergangenen Jahrhunderten waren. Duncan und Richie schienen den gleichen Gedanken gehabt zu haben. Sie drängten sich an den Duellanten vorbei und öffneten die Tür zum Balkon. Micky hieb unablässig auf Angelus wesentlich breiteres Schwert ein und drängte ihn Schritt für Schritt zur Tür. Der Italiener erkannte, dass er bald mit dem Rücken zum Geländer stehen würde. Er schlug nach Micky, drehte sich um und sprang in den unter ihm liegenden Garten. Mit der freien Hand rollte Angelus sich elegant ab und kam auf die Füße. Micky rannte hinterher. Duncan sprintete vor und packte sie am Arm. Er blickte ihr eindringlich in die Augen, Micky wusste genau, was er dachte. Sie schüttelte energisch den Kopf.

 

„Das ist mein Kampf! Schafft den Propheten hier raus. Bringt ihn fort. Ich rufe dich an!“ Sie wartete nicht auf Duncans Antwort, sondern nahm Anlauf und sprang über das Geländer. Im Fallen verlor sie ihr Schwert. Duncan stöhnte auf. Geistesgegen­wärtig schaltete er die Außenbeleuchtung ein. Der Garten wurde von Flutlicht erhellt. So konnte Micky wenigstens ihr Schwert schnell wieder finden. In dem Moment als der Templer zu einem tödlichen Schlag ausholte, ergriff Micky ihr Toledo Salamaca und wehrte ihn ab. Sie rollte sich zur Seite und sprang auf die Füße. Verdammt, sie knickte weg. Ihr Knöchel war gebrochen. Es tat höllisch weh. Auf den Knien wehrte sie sich gegen die immer schneller auf sie niedersausenden Schwerthiebe des Italieners. Angelus war sich seines Sieges schon gewiss. Auf dem Balkon im ersten Stock umklammerte Duncan das Geländer bis seine Knöchel weiß hervortraten. Noch heute Morgen hatte sie mit Connor hier zum Spaß gekämpft. So schnell änderten sich die Dinge. Wo zum Teufel war Connor überhaupt?! Er drehte sich um und schickte Richie auf die Suche nach ihm.

 

Im Garten ging unterdessen der Kampf weiter. Micky konnte wegen des gebro­chenen Knöchels nicht aufstehen. Angelus holte weit aus, um ihr den Kopf von den Schultern zu schlagen. Diesen Moment nutzte Micky. Mit ihrem Schwert schlitzte sie Angelus den Bauch auf. Erschrocken blickte er an sich herunter. Aus seiner zerfetz­ten Priestertracht sickerte Blut. Unter einem schmerzvollen Aufschrei kam Micky auf die Füße. Sie holte aus und schlug Angelus den Kopf ab. Dann versagten ihre Beine ihr den Dienst. Sie fiel auf die Knie und streckte ihr Schwert von sich. Augenblicklich begann die Luft zu knistern, es roch nach Ozon gemischt mit frischem Blut. Als der erste Blitz von Angelus auf Micky überging, brach am Himmel ein Gewitter los. Erleichert atmete Duncan auf. Dann würden die Ange­stellten nichts mitbekommen.

 

Blitze erfassten die Leiche und hoben sie in die Luft. Duncan sprang über das Ge­länder und landete auf seinen Füßen. Mit wenigen Schritten war er in Mickys Nähe. Aber er blieb in sicherem Abstand. Die Lebensenergie des Templers gehörte ihr alleine. Sie hatte sie sich mehr als verdient. Für einen kurzen Augenblick hatte Dun­can schon gefürchtet, es wäre aus. Als Micky nicht mehr auf die Füße gekommen war, hatte er sie schon enthauptet auf der Wiese liegen gesehen.

 

Micky hob unter sichtbaren Anstrengungen ihr Schwert in die Höhe und ließ die Energie in ihren Körper hinein. Sie schrie, jede Übertragung war mit Schmerzen ver­bunden. Im Augenblick war ihr gebrochener Knöchel das geringste ihrer Probleme.

 

 

Nach einigen Minuten war alles vorbei. Duncan ging zu ihr, nahm ihr das Schwert aus der Hand und hob sie hoch. Er schritt mit seiner Frau im Arm auf die Küchentür zu. Sie ging auf und einer verschlafener Connor blickte ihm entgegen. Hinter ihm stand Richie und legte einen unverständlichen Stolz an den Tag, weil er Connor endlich ge­funden hatte.

„Du kommst reichlich spät, Cousin!“ knurrte Duncan wütend. „Verdammt, du hättest selbst die Schlacht von Culloden verschlafen, wenn die Kanonen der Engländer nicht so laut gewesen wären.“ Connor zuckte unschuldig die Achseln.

„Bist du in Ordnung, Micky?“ fragte er sie verschlafen. Sie nickte.

„Der Knöcheln ist gebrochen. Dürfte in Kürze wieder verheilt sein.“ Duncan schob sich an Connor vorbei in die Küche. Er warf einen Blick über seine Schulter und sagte zu ihm: „Schafft die Leiche weg.“ Dann drehte er sich wieder nach vorne und trug Micky ins Wohnzimmer.

 

Zwei Tage später veröffentlichte Michel Notredame die Prophezeiungen im Internet. Einige wenige Passagen ließ er weg. Niemand brauchte zu wissen, wann der Tag des jüngsten Gerichts kommen würde oder ob überhaupt. Die „Wächter der Prophezei­ungen“ konnten ihn nun nicht mehr behelligen. Vor allem da sie nun ohne Führer da standen. Notredame fuhr nach Paris, bestieg ein Flugzeug nach Marseille und kehrte in seine Heimatstadt zurück. Wieder einmal hatte Michelle ihren Schwur, den sie No­stradamus geleistet hatte, mehr als erfüllt.

 

In ihrem Safe waren die anderen Prophezeiungen, die nicht für fremde Augen bestimmt waren sicher unter Verschluss und das würden sie auch bleiben. Keiner konnte sie zwingen ihre eigene Zukunft zu kennen. Im Moment war das Leben schön, sie war glücklich mit dem Highlander. Sie fürchtete ein Blick in die „Chronik der Unsterblichen“ könnte ihr die Illusion rauben, es würde ewig so weiter gehen. Sie schickte ein Gebet an ihren alten Meister ab und bat um sein Verständnis für ihre Entscheidung.

 

Draußen donnerte es mal wieder. Der Sommer war drückend heiß, keines der Gewitter brachte wirklich Abkühlung. Doch ein Spaziergang war vielleicht gar keine so schlechte Idee. Sie verließ die Bibliothek und betrat kurz darauf den weitläufigen Garten. Angus kam ihr entgegen gerannt, er suchte Schutz vor dem nahenden Gewitter. Sie lächelte, als der Hund unbeirrt an ihr vorbei und ins sichere Haus davon sprintete.

 

Ihr Weg führte sie zu den Gräbern, gedankenverloren streifte sie Henrys Grabstein und ging dann weiter zu den Ruhestätten ihrer Eltern und ihres Bruders. Der alte Conte würde sich vermutlich im Grabe umdrehen, wenn er sehen könnte, wie seine geliebte Tochter ihre Tage verbrachte. Sie lächelte, ihr gefiel ihr Leben, wie es war. Sie setzte sich neben den Grabstein ihres Vaters, umschlang die Knie mit ihren Armen und wartete auf das Gewitter.

 

 

3. Der Schlitzer von Madrid

 

Frankreich, Paris. Einige Wochen später. Duncans Hausboot.
Das Telefon im Schlafzimmer klingelte mitten in der Nacht. Duncan grunzte unwirsch und drehte sich weg. Micky schüttelte benommen den Schlaf ab, sie warf einen Blick auf die Digitalanzeige ihres Weckers.

Sie hatten in Paris auf dem Hausboot übernachtet, da es für eine Rückfahrt zum Cha­teau schon zu spät gewesen war. Micky hatte in ihrer Galerie eine neue Ausstellung eröffnet, die so bombastisch eingeschlagen hatte, dass sie noch vor zwei Stunden mit dem Künstler gefeiert hatten. Jetzt war es viertel vor fünf. Wer zum Teufel rief um diese unmenschliche Zeit an? Nicht dass sie an Schlafmangel sterben könnte, aber sie war so hundemüde. Am liebsten würde Micky das Telefon aus der Wand reißen und in der Seine versenken. Aber das würde sie natürlich nicht wirklich tun. Es konnte ja etwas Wichtiges sein. Wehe wenn nicht. Wenn Richie irgendwie in der Pat­sche saß, würde sie ihn ein bisschen mit ihrem Schwert kitzeln.

Ungehalten tastete Micky nach dem schnurlosen Telefon und drückte auf die Annahmetaste.

„Wer zum Teufel ist da?“ knurrte sie in den Hörer.
„Micky? Hier ist Joe Dawson.“
„Joe! Was soll das? Weißt du wie spät es jetzt in Paris ist? Es ist viertel vor fünf am Morgen!“ Duncan setzte sich im Bett auf und wischte sich über die Augen. Wieso rief Joe in aller Herrgottsfrühe an?
„Was will er?“ Micky winkte ab, das würde sie schon erfahren.
„Es geht um Methos. Er ist entführt worden... Er hat der Polizei bei einer Ermittlung geholfen. In Vancouver geht ein Serienmörder um. Er entführt junge Frauen aus rei­chem Haus und schneidet ihnen die Kehlen durch.“ Micky schrie auf und fuhr sich über ihren eigenen Hals. Sie erinnerte sich an einen ähnlichen Fall, der sich 1687 in Madrid ereignet hatte und in den sie und Methos involviert gewesen waren. Den Täter hatten sie nie stellen können. Doch sie hatte zwei Souvenirs behalten. Eine kleine Narbe an ihrem Hals und den Dolch, mit dem er seine Opfer gemeuchelt hatte.
„Micky, ich will dich keinesfalls beunruhigen, aber ich war bei Methos zu Hause und habe mir seine Unterlagen angesehen. Es scheint, als sei der Schlitzer von Madrid der Täter. Und ich fürchte, er hat Methos und als nächstes wird er dich suchen.“ Sie keuchte. Duncan hatte nichts verstanden, Joe hatte zu leise gesprochen. Doch er sah etwas, das ihm Sorgen bereitete, in den Augen seiner unerschrockenen Frau stand Todesangst. Sie hatte die Hand fest um ihren Hals gelegt und massierte die kleine Narbe, über die er immer zärtlich strich. Er vermutete, sie stammte von einem Duell.
„Bist du dir ganz sicher?“ fragte sie mit bebenden Lippen. Duncan sah, wie heftig ihre Halsschlagader pulsierte. Auf der anderen Seite der Leitung nickte Joe energisch.
„Ja, so leid es mir tut. Euer alter Gegenspieler Adrian Lastrada ist wieder da und will Rache.“ Micky griff unter ihr Kopfkissen und zog den Dolch hervor, mit dem sie und Connor ihren Blutschwur geleistet hatten. Die Mordwaffe des Schlitzers. Sie um­klammerte den Elfenbeingriff fest und blickte in die Dunkelheit, die wie schwere Tü­cher auf dem Hausboot und seinen Bewohnern lag.
„Joe, wir nehmen das erste Flugzeug nach Vancouver. Sorge bitte dafür, dass ein Wagen bereit steht und die Wohnung hergerichtet ist.“
„Ich hole euch persönlich ab. Kommt Richie auch mit?“ Micky überlegte kurz. Der Junge war zwar immer noch hitzköpfig und heißblütig, aber schaden konnte es nicht. Vor über 300 Jahren war es ihr und Methos nicht gelungen den Wahnsinnigen zu stellen. Vielleicht konnten Richie und Duncan den Ausschlag geben?
„Ja, wir nehmen ihn besser mit. Wir sehen uns dann am Flughafen.“ Sie legte auf und blickte den entgeisterten Duncan an.
„So und jetzt mal ganz langsam, Comtesse. Was zum Teufel ist hier los?!“ Micky hol­te tief Luft. Vielleicht war jetzt der Zeitpunkt gekommen ihm die Geschichte zu erzäh­len, wie Micky direkt in die Arme des ältesten Unsterblichen gelaufen war.

Sie stand auf und schaltete das Licht an. „Ich mache Kaffee und dann erzähle dir alles. Wir müssen uns beeilen. Wenn Joe Recht hat, schwebt Methos in Lebens­gefahr... Und ich auch.“ Sie hatte sich zur Küche gewandt und blickte ihn bei den letzten Worten wieder an. Duncan bekam große Augen. Ihm lag auf der Zunge zu sagen, dann verstecken wir uns. Doch er wusste genau, dass Micky weder Himmel noch Hölle abhalten konnte, um Methos zu retten. Es gab nicht viele Menschen, an denen ihr etwas lag, doch Methos zählte dazu ebenso wie er selbst, Connor, Richie und Joe Dawson. Er gab sich erst einmal geschlagen und ging die Stufen, die den Schlafbereich von der restlichen Wohnung abgrenzten, hinunter und holte ein paar Kaffeetassen aus dem Küchen­schrank. Dann setzte er sich an den Tisch und wartete.

Micky hantierte mit dem Kaffeepulver an der Maschine herum, ihre Hände zitterten. Sie machte sich große Sorgen um Methos. Adrian Lastrada war eine kaltblütige Bestie und im Jahre des Herrn 1687 hatten Methos und Michelle Dubois ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Und heute 318 Jahre später wollte er diese Rechnung offensichtlich begleichen.

 

Spanien, Madrid. 1687.
Michelle lebte seit einigen Jahren in Madrid und verkehrte in den besten Kreisen. Sie war gern gesehen bei den abendlichen Veranstaltungen, eine junge, unverheiratete französische Comtesse. Sie wurde umschwärmt von den jungen Männern und die unverheirateten Frauen warfen ihr missgünstige Blicke zu. Wenn sie wüssten, dass Michelle inzwischen 187 Jahre alt war, würden sie ihr ihre makellose Haut und Figur wahrscheinlich noch mehr neiden. Es war durchaus von Vorteil mit 25 Jahren die Unsterblichkeit zu erlangen - in der Blüte ihrer Jugend. Sie konnte das Leben, gelegentlich unterbrochen von den Kämpfen um die Zusammenkunft, in vollen Zügen genießen. Und kaum eine Stadt eignete sich besser als Madrid.

Heute Abend fand ein Konzert bei Gräfin Esperenza della Florentina statt. Michelle war schon reichlich spät, weil sie noch ein kleines Duell hinter sich gebracht hatte. Seit sie mit einem durchlöcherten Kleid zu Nostradamus’ Totenbett geeilt war, achte­te sie tunlichst darauf sich noch einmal umziehen, wenn ihr Äußeres unangenehme Fragen aufwerfen konnte. Den Schutz der Königin Katharina hatte sie verloren, sie war seit 98 Jahren tot. Außerdem war hier Spanien und obwohl Katharina ihre Toch­ter Margot mit dem König von Navarra verheiratet hatte, war das Verhältnis zwischen Spanien und Frankreich noch nie das beste gewesen.

 

Das Haus der Gräfin lag nicht weit von Michelles derzeitigem Domizil entfernt. Sie ging zu Fuß, ihr Schwert hatte sie heute ausnahmsweise zu Hause gelassen. Da sie gerade erst von einem Duell kam, rechnete sie nicht ernsthaft damit, dass schon wieder etwas passieren würde.

Sie bog um eine Ecke und hörte mit einem Mal Schritte hinter sich. Ein rascher Blick über die Schulter brachte keine Klarheit, sie hörte jemanden, sah aber nicht wer es war. Michelle ging einen Schritt schneller, was nicht verkehrt war, denn die Gräfin hasste Unpünktlichkeit.

Die unheimlichen Schritte kamen näher und hörten sich nun auch schneller an. Michelle zögerte nur kurz, raffte ihre Röcke und rannte los. Sie meinte schon den Atem des Verfolgers in ihrem Nacken zu spüren und im nächsten Moment zuckte sie zusammen. Die War­nung, dass ein Unsterblicher in der Nähe war, ließ sie aufschrecken. Sie drehte sich um und sah einen Schatten, der sie verfolgte. Im nächsten Augenblick war er deut­lich zu sehen, ein großer Mann mit finsterem Aussehen. Er trug schwarze Kleidung und einen langen Mantel. Und Michelles Schwert lag zu Hause.

Merde!“ fluchte sie wenig damenhaft. Ihre Mutter würde sich im Grabe umdrehen. Doch wenn sie nicht demnächst neben ihr ruhen wollte, musste Michelle sich et­was einfallen lassen. Wenn ihr Verfolger wenig von dem inoffiziellen Ehrenkodex der Unsterblichen hielt, würde er sie ohne zu zögern enthaupten.

Sie rannte um die nächste Ecke und presste sich mit heftig schlagendem Herzen an die Wand eines Hauses. Es lag im Dunkeln, die Bewohner schliefen vermutlich schon oder waren zu arm, um sich Kerzen leisten zu können. An der Wand lehnten einige Holzbretter, sie schnappte sich eins und umklammerte es mit beiden Händen.

Als ihr Verfolger um die Ecke bog, holte Michelle mit aller Kraft aus und rammte ihm das Brett vor die Brust.

Uff!“ entfuhr es ihm zusammen mit der Luft aus seinen Lungen. Doch der Fremde hatte sich schnell wieder gesammelt. Er griff nach vorne und bekam Michelles Um­hang zu fassen. Er zerrte sie unbarmherzig zu sich. In seiner Hand blitzte etwas. Doch für ein Schwert war es zu klein. Sie kniff die Augen zusammen und erkannte einen Dolch mit Elfenbeingriff, den er fest umklammerte. In der nächsten Sekunde schnitt er damit in Michelles Kehle, doch irgendwie gelang es ihr sich loszureißen. Der rote Samtumhang gab nach und riss. Sie stolperte rückwärts, drehte sich um und rannte um ihr Leben.

 

Michelle spürte, wie das warme Blut aus dem sechs Zentimeter langen und glückli­cherweise nicht sehr tiefen Schnitt in ihren Ausschnitt floss. Das würde eine Narbe geben, der Hals war die einzige verletzliche Stelle einer Unsterblichen und regene­rierte sich nicht wie der Rest des Körpers.

Während Michelle noch darüber sinnierte, ob sie künftig Halsbänder tragen musste, rannte sie in einen anderen Mann hinein. Im selben Moment bemerkte sie, dass auch er ein Unsterblicher war.

Señora, seid Ihr verletzt?“ Der Unsterbliche blickte ihr besorgt in die Augen. Sie nickte zitternd.
Einer von uns ist mit einem Dolch auf mich los, helft mir!“ Er nickte, zögerte keine Sekunde.
In Ordnung. Kommt, ich bringe Euch erst einmal in eine Kirche, da können wir in Ruhe reden. Mein Name ist übrigens Methos.“ Er verbeugte sich galant und legte dann beschützend einen Arm um sie und die andere Hand auf den Griff seines Schwertes.
Comtesse Michelle Dubois... Methos? Ich habe Euren Namen schon einmal gehört. Ich dachte, Ihr wärt eine Legende.“ Er grinste amüsiert.
Ist nicht schlecht, ein Mythos zu sein. Ich arbeite hart daran, verehrte Comtesse. Ich arbeite hart daran.“

 

Duncan lachte über Methos’ Kommentar.

„Ja, das hat er in der Tat. Alleine die Tatsache, dass er in den letzten Jahren von den Beobachtern unbemerkt seine eigene Chronik vervollständig hat, ist der Knaller schlechthin.“ Er blickte auf den schmalen Hals seiner attraktiven Frau. Seine Hand schnellte vor und streifte über die Narbe, Micky schreckte zurück.
„Ich habe mich immer gefragt, wie du zu der Narbe gekommen bist, Liebes. Eigent­lich hätte ich auch von selbst darauf kommen können, dass du dich sogar mit Serien­mördern anlegst.“ Sie nippte an ihrem Kaffee und schüttelte mit dem Kopf.
„Darauf habe ich es wirklich nicht angelegt. Aber immerhin bin ich dadurch Methos dreihundert Jahre früher über den Weg gelaufen. Auf Darius’ Beerdigung wären wir uns zwangsläufig begegnet, wir alle. Irgendwie erinnert mich das an die Musketiere. Methos, Connor und du seid Aramis, Portos und Athos. Und ich bin D’Artagnan. Der Wildfang, der sich immer in Schwierigkeiten bringt.“ Sie lachte. „Witzigerweise kann­te ich Alexandre Dumas, ein tragische Figur. Er schrieb wunderschöne Geschichten, starb aber als armer Mann. Ich lernte ihn kennen, als er 'Die drei Musketiere' schrieb, 1844 war das.“

„Nun, D'Artagnan, du hast ein einmaliges Talent dich in Schwierigkeiten zu bringen, aber du bist nicht die Jüngste von uns vieren.“ Sie lachte.
„Stimmt. Und daher sollten wir den alten Mann schnellstens retten... Es ist zwar noch früh, aber wir packen jetzt und fahren zu meinem Loft. Richie kann auf dem Flug noch ein wenig schlafen.“

 

Vancouver, Kanada. Joe Dawson’s Bar.
Duncan und Micky brüteten über einem Glas Whisky, während Richie ein paar Dart­pfeile warf und an einem Bier nippte.

Joe hatte seine Stellung hinter der Theke verlassen und überließ die Bewirtung der „normalen“ Gäste seinen Angestellten. Er lehnte sich auf seinen Stock und musterte die beiden.

„Mac, was wollen wir tun? Ich habe keine Ahnung, wo wir nach Methos suchen sollen.“ Duncan antwortete nicht, er blickte hilfesuchend zu seiner Frau. Sie kannte Methos wesentlich länger als alle Anwesenden. Und was noch wichtiger war, sie als Einzige hatte Erfahrungen mit Adrian Lastrada.
„Zunächst gehen wir in die Bibliothek und recherchieren, was die Zeitungen über den Serienmörder herausgefunden haben. Und vielleicht könntest du, Joe, uns die Un­terlagen aus Methos’ Wohnung besorgen? Das würde uns sehr helfen. Wenn es wirklich der Schlitzer von Madrid ist, wird das nicht einfach. Vor allem können wir nicht davon ausgehen, dass es erledigt ist, wenn ihn einer zum Duell stellt. Das letzte Mal ist der feige Hund einfach davon gelaufen, obwohl Methos ihn schon attackiert und den Kampf eröffnet hatte.“ Die Regeln besagten, dass in ein begonnenes Duell nicht von einem anderen Unsterblichen eingegriffen werden durfte. Doch nirgendwo hieß es, dass einer der Duellanten nicht die Beine in die Hand nehmen durfte. Nur war abgesehen von Adrian Lastrada in der gesamten Geschichte der Unsterbli­chen noch keiner auf diese feige Idee gekommen.

 

Michelle und Methos verbrachten die folgenden Wochen miteinander. Sie erzählten sich ihre Geschichten und fanden heraus, dass sie sehr viel gemeinsam hatten. Auch eine gewisse gegenseitige Anziehungskraft konnten sie nicht abstreiten. Michelle hielt es wie immer, Methos gefiel ihr, also holte sie ihn kurzerhand in ihr Bett. Ihre Suche nach dem Schlitzer von Madrid, wie ihn die feine Gesellschaft genannt hatte, verlief sehr harmonisch. Genauso harmonisch wie die Zeit, die sie unter dem selben Dach verbrachten. Nachdem Methos genug Vertrauen zu ihr gefasst hatte, erzählte er ihr von seiner Zeit, da er über die blutjunge Erde gezogen war als einer der Apokalyp­tischen Reiter.

Als der Tod hatte er seinerzeit Angst und Schrecken unter den Menschen verbreitet. Er versicherte Michelle, dass er seine Taten bereute, doch sie war so entsetzt, dass sie ihn kurzerhand in ein anderes Zimmer in ihrem Haus einquartierte. Sie sprach nur über die Suche nach dem Killer mit ihm und ignorierte ihn ansonsten. Sie hatte gewiss auch Dinge getan, auf die sie nicht stolz war. Sie hatte im Namen ihres Kaisers Jianjing getötet, sie hatte mit Nostradamus jahrzehntelang die Ehe gebrochen und sich in Brüssel und Wittenbergen in der schwarzen Magie ausbilden lassen. Doch das alles war nicht vergleichbar mit den Gräueltaten der Apokalyptischen Reiter. Kein Wunder, dass sie Einzug in die Bibel genommen hatten und das man mit ihrer Rückkehr das Ende der Welt in Verbindung brachte. Wie würden die Sterblichen reagieren, wenn sie wüssten, dass sie unter ihnen lebten?

 

„Ich weiß, was du empfunden hast, Micky. Ich war auch entsetzt, als Methos mir die Geschichte erzählt hat. Ich habe es nicht verstehen können. Er hat einmal etwas sehr Passendes gesagt: 'In unserer Vergangenheit gibt es immer Dinge, die wir lieber vergessen würden.' Ich glaube das trifft es am Besten.“
„Aber hier lag die Sache noch ein bisschen anders, Duncan. Ich habe mit ihm das Bett geteilt. Du bist nur sein Freund. Wieder einmal hatte mich ein Mann maßlos ent­täuscht. Aber die Suche nach Adrian Lastrada hielt uns zusammen. Und das war auch ganz gut so. Wir mussten uns irgendwie arrangieren und zusammenraufen. Wäre die Suche nicht nötig gewesen, hätte ich ihn wahrscheinlich sofort nach dieser Eröffnung aus dem Haus geworfen...“

 

Doch so war Michelle keine andere Wahl geblieben. Sie patroullierten nachts gemein­sam durch die Straßen von Madrid auf der Suche nach dem skrupellosen Frauen­mörder. Während dieser Zeit kühle sich Michelles erhitztes Gemüt ein wenig ab. Me­thos jetzt noch für etwas zu verdammen, dass er vor Tausenden von Jahren getan hatte, fand sie unfair. Er hatte sie immerhin gerettet und sie hatten eine schöne Zeit verlebt, bis er ihr alles über seine Vergangenheit erzählt hatte. Selbst wenn sie sich nun nicht mehr vollkommen unbefangen in seiner Gegenwart fühlte, musste sie sich eingestehen, dass sie ihn sehr gerne hatte.

 

Joe grinste wissend, Methos hatte so eine Art an sich, mit der er alle Frauen rum­kriegte. Er hatte ihn lange genug in seiner Identität als Adam Pierson erlebt und wusste, wie leicht Methos eine Unschuld an den Tag legte, die ihm letztlich jede Frau ins Bett brachte. Dennoch hatte er genau wie die übrigen am Tisch Methos ins Herz geschlossen, und er würde alles in seiner Macht stehende tun, um den Freund zu retten.

„Wie ging es dann weiter, Micky? Ihr habt also alle Gassen und dunklen Ecken nach ihm abgesucht. Und dann?“ Richie hatte sich aufgrund der interessanten Geschichte vom Dartbrett losreißen können und blickte ihr gespannt entgegen.
„Joe, ich hätte gerne noch mal das selbe.“ Er winkte dem Barkeeper, der sofort eine Flasche Whisky brachte und sie vor Micky und Duncan auf den Tisch stellte. Die beiden griffen gleichzeitig danach und lachten los.
„Ich bin Selbstversorger, Duncan“, erklärte sie feixend.
„Und ich bin ein Gentleman, also lass die Flasche los.“ Beide zogen daran, keiner wollte nachgeben. Joe sah die beiden schon wieder mit ihren Schwertern nach draußen stürzen, sich duellieren und anschließend küssen. Ein Glück waren sie schon verheiratet. Noch einmal eine solche Überraschung wäre zu viel für einen Mann in seinem Alter.

Plötzlich ergriff Richie die Flasche und entriss sie den beiden. Er öffnete sie und schenkte den Streithähnen, die ihn mit offenen Mündern anstarrten, einen großen Schluck der bernsteinfarbenen Köstlichkeit ein.

„So, und jetzt erzähl, Micky, und spann mich nicht so auf die Folter!“
„Unverschämter Kerl! Mein Vater hätte dich so was von übers Knie gelegt, auch noch in deinem Alter! Aber ich will mal nicht so sein.“

 

Irgendwann hatten Methos und Michelle dann Glück. Sie gingen durch die dunklen Straßen von Madrid und unterhielten sich, als sie plötzlich einen gellenden Schrei hörten. Eindeutig eine Frau. Sie zogen ihre Schwerter und rannten los.

Doch sie kamen zu spät, das jüngste Opfer des Schlitzers von Madrid lag mit durch­geschnittener Kehle auf dem nassen Boden. Ihr Mörder beugte sich über sie und be­gutachtete sein Werk. Dann wischte er zufrieden die Klinge seines Dolches an ihrem Kleid ab und wandte sich um. Er erstarrte mitten in der Bewegung, als er die beiden Unsterblichen mit gezogenen Schwertern auf sich zu stürmen sah.

Methos war mit seinen langen, schlanken Beinen Michelle gegenüber klar im Vorteil.

Mit einem wilden Kampfschrei auf den Lippen stürmte er auf den Mann los. Adrian Lastrada zog sein Schwert und hielt es schützend vor sich. Die Klingen trafen sich, von der Wucht des Aufpralls erschüttert, ließ Lastrada seine Mordwaffe fallen. Michelle sprang hervor und ergriff den Dolch mit ihrer behandschuhten Hand. Methos trieb den Killer in die Enge, doch Lastrada war nicht beunruhigt, er kannte Madrid wie seine Westentasche. Er schlug einmal kurz nach Methos und drehte sich um. Mit einem Satz war er über die Wand gesprungen und in der Nacht verschwunden.

Nach diesem Vorfall hatte es keine weiteren Morde an jungen Frauen mehr in Madrid gegeben. Michelle und Methos gingen irgendwann getrennte Wege. Sie blieben sehr gute und enge Freunde und hielten über die kommenden Jahrhunderte immer Kon­takt miteinander.

 

Auf dem Tisch stand eine Schüssel mit Süßigkeiten. Richie griff rein und erklärte: „Nach dieser spannenden Geschichte brauch ich was Süßes!“ Er schüttete sich eine Tüte Kaubonbons in den Mund und verzog das Gesicht. „Wow, scheiße, sind die sauer!“ Die anderen brachen in schallendes Gelächter aus, Richie spülte mit einem Schluck Bier nach. Die nächste Tüte unterzog einer kritischen Analyse der Zutaten, bevor er sie runterschlang.

Micky fuhr sich nachdenklich über die Narbe an ihrem Hals. „Ich möchte zu gerne wissen, wo er Methos versteckt hält? Ich gehe hin und mache ihn fertig. Heute habe ich viel mehr Kampferfahrung als 1687. Da war ich ja noch so jung.“ Joe grinste, Ri­chie lachte. Sie versetzte ihm einen Klaps hinter die Ohren. „Flegel, du sollst das Alter ehren. Wenn du 500 Jahre alt bist, reden wir weiter, Grünschnabel.“ Sie griff nach ihrem Glas und trank den Whisky auf ex. „So, lasst uns ins Studio gehen und ein wenig trainieren. Der Junior braucht eine Abreibung von mir, er wird mir ein wenig zu aufmüpfig!“ Sie grinste Richie an, schnappte sich ihren Mantel, drückte Joe einen Kuss auf die Wange und tänzelte aus der Bar. Duncan gab Joe die Hand und ging seiner Frau lachend hinter her. Richie zuckte die Achseln und klopfte Joe kameradschaftlich auf die Schulter.

„Junge, pass auf dich auf. Und damit meine ich nicht die Comtesse. Dieser Lastrada ist eine Nummer zu groß für dich. Ich habe mir die Unterlagen über ihn angesehen. Tu was Duncan und Micky dir sagen.“ Er reagierte nicht, sondern eilte hinter den MacLeods her. Joe schüttelte mit dem Kopf. „Dieser Junge bringt sich noch in Teufels Küche.“ Er räumte den Tisch ab und humpelte auf seinen Stock gestützt hinter den Tresen zurück.

 

In Duncans Sportstudio war der Unterricht für heute beendet. Richie kämpfte sich durch seine erste Runde mit Micky. Er war sehr konzentriert und gab sich die größte Mühe. Doch im Gegensatz zu Duncan hielt Micky sich nicht zurück. Der Junge musste lernen, dass es in den Kämpfen um seinen Kopf ging. Er musste endlich kapieren, dass es ganz schnell vorbei sein konnte. Die Geschichte über Lastrada hatte er sich in Joes Bar angehört wie einen spannenden Kinofilm über längst vergangene Zeiten. Doch es war die harte Realität, dort draußen ging ein Serienmörder um, der dazu auch noch unsterblich war.

Richie wurde unachtsam, er hatte ein Geräusch gehört. Micky machte einen Ausfall­schritt und holte mit ihrem Schwert aus. Es sauste mit erbarmungsloser Geschwin­digkeit auf Richies Kopf zu. Wenige Milimeter vor seinem Hals bremste sie ab und ließ es nach unten sinken. Richie atmete schnell, Schweiß drang ihm aus allen Poren.

„Was sollte denn das jetzt?“ Er griff nach einem Handtuch und funkelte sie böse an.
„Was das sollte?! Verdammt, Richie. Du hast dich ablenken lassen, wäre ich Lastrada, wärst du jetzt tot! Kapier doch endlich, das ist tödlicher Ernst. Siehst du diese Narbe hier?“ Sie stand ganz dicht vor Richie, er starrte auf die Narbe an ihrem Hals. Unsi­cher blickte er ihr in die Augen, reckte aber dennoch trotzig das Kinn hervor. „Das war nicht irgendein Duell, das war Lastrada! Ich stand auf seiner Abschussliste und weil ich unvorsichtig war, hätte er mich fast erwischt. Nur weil ich auf Methos getroffen bin, habe ich an jenem Abend überlebt!“ Sie packte seinen Arm und sprach eindringlich: „Dort draußen gibt es genug Verrückte, die unseren Kopf wollen. Auch wenn wir uns zurückgezogen haben, müssen wir allzeit bereit sein. Nur weil wir nicht kämpfen wollen, heißt das nicht, dass wir es auch nicht mehr können sollten.“
„Micky, Joe hat was gefunden! Dieser Irre hat sich doch tatsächlich unter seinem richtigen Namen in einem schäbigen Hotel einquartiert.“ Er musterte seine Frau mal wieder mit diesem eindringlichen Blick, Joe trat hinter ihm hervor und reichte Micky den Zettel mit der Adresse, sie griff schnell danach. „Dass es eine Falle ist, muss ich ja wohl nicht ausdrücklich betonen, oder?!“
„Ist mir egal, Duncan. Ich bringe es heute zu Ende. Joe, wir nehmen dein Auto.“ Er griff in seine Hosentasche und warf Micky seine Schlüssel zu. Gekonnt fing sie den Bund auf, warf sich ihren Mantel über und klemmte ihr Schwert unter den Arm. Ri­chie ging Richtung Ausgang. „Und wo genau willst du hin, Mister?“
„Na, ich komme natürlich mit.“
„In deinen Träumen. Dich lenkt schon eine knarrende Türschwelle ab, wenn ich La­strada gewesen wäre, würde dein Kopf jetzt nicht mehr auf deinen Schultern sitzen. Du bleibst hier.“ Mit diesen Worten ließ sie den verdutzten Richie stehen. Duncan war schon aus der Tür gestürmt. Joe blickte Richie fragend an und hoffte, er würde auf Micky hören. Doch Richie dachte nicht im Traum daran. Er schnappte sich sein Schwert und ging zur Tür. Joe packte ihn am Arm.
„Du solltest besser auf sie hören, Richie. Der Mann ist unberechenbar. Wenn er schon Methos überwältigt hat, was meinst du, wie leicht er dich dann schnappt?! Die beiden müssen sich darauf konzentrieren Methos zu befreien. Sie können sich nicht um deine Sicherheit sorgen.“
„Joe, Mann, ich hasse es, wenn sie mich behandeln wie ein Baby.“ Er schnaubte.
„Richie, damit hat es doch gar nichts zu tun. Die beiden haben schon ein paar hundert Be­gegnungen überlebt. Und du? Kannst sie noch mit den Händen abzählen nicht wahr?! Wer hat also mehr Erfahrung? Deine Stunde wird auch noch kommen, doch heute ist das Mickys Kampf und vielleicht noch der von Methos. Je nachdem, wer schneller mit dem Schwert ist.“

 

Duncan und Micky erreichten das Hotel, in dem Lastrada abgestiegen war. Sie gingen durch die Tür, der Empfang war unbesetzt. Das war ja fast schon eine Einladung. Duncan ging um den Tresen rum und suchte im Gästebuch nach der Zimmernum­mer.

„426.“ Mehr brauchte es nicht. Micky nahm zwei Stufen auf einmal. Duncan blickte ihr ärgerlich hinter her und rannte dann auch die Treppen hinauf. Im vierten Stock brannte kein Licht auf dem Gang. Was für ein Zufall! Konnte so ein Irrer nicht mal im Hilton absteigen, warum musste es immer die mieseste Absteige der Stadt sein? Wahrscheinlich ein ungeschriebenes Gesetz.

Sie erreichten die Tür, Micky zögerte keine Sekunde, sie trat sie mit Wucht ein. Dort auf einem Stuhl saß der gefesselte und geknebbelte Methos. Er erkannte Micky und versuchte zu sprechen. Es kam nur unverständliches Genuschel raus. Sie achtete nicht darauf und stürmte ins Zimmer. Aus einer dunklen Ecke sprang Lastrada auf sie zu. Er packte sie und hielt einen neuen Dolch an ihren Hals. Er roch an ihrem Haar.

„Du benutzt immer noch das gleiche Shampoo? Ich bin überrascht. Vielleicht sollte ich noch bisschen Spaß mit dir haben, bevor ich dir die Kehle durchschneide.“
„Da habe ich aber etwas dagegen!“
„Wer sind Sie?!“
„Ich bin ihr Mann, Duncan MacLeod vom Clan der MacLeod. Und jetzt lassen Sie meine Frau los.“ Lastrada zuckte, der Dolch ritzte Mickys weiße Haut auf, Blut rann ihren Hals herunter. Er hatte sie an der gleichen Stelle verletzt. Micky kam sich vor, als wäre sie in der Zeit zurück versetzt worden. Doch heute war sie besser trainiert, älter und erfahrener als beim ersten Mal.
„Na komm doch, MacLeod. Rette deine kleine Frau, oder traust du dich nicht?“ Dun­can grinste.
„Nein, dass ist es nicht. Ich will nur sehen, wie Micky Sie fertig macht, Sie Schwein!“ Der Mann stutzte. Micky nutzte den Moment aus. Sie holte aus und rammte ihm ihr Bein dorthin, wo es so richtig weh tat. Er lockerte seinen Griff nur wenig. Doch es reichte ihr, um sich zu befreien. Sie hob ihr Schwert auf.
„Stell dich in die Tür, dieses Mal kommt er hier nicht raus.“ Sie ging zu Methos, schnitt seine Fesseln durch und befreite ihn vom dem Knebel.„Was hast du vorhin gebrabbelt?“
„Das ist eine Falle“, wiederholte Methos, während er sich einige Fusseln von der Zunge pulte.
„Nein, du bist ein richtiges Genie! Natürlich war das eine Falle. Möchtest du?“ Sie deutete auf Lastrada.
„Bitte, nach dir, Comtesse. Ich hatte meine Chance in Madrid. Jetzt bist du an der Reihe.“ Micky verneigte sich elegant. Dann drehte sie sich um und schlug mit ihrem Schwert nach Lastradas Waffe. Die Klingen berührten sich, der Kampf hatte be­gonnen. Weder Methos noch Duncan durften nun noch eingreifen. Die beiden deck­ten die Fluchtwege, damit er dieses Mal nicht entkommen konnen.

Micky und Lastrada umkreisten sich in dem kleinen Zimmer. Methos hatte den Stuhl, auf dem er wie auf dem Präsentierteller gesessen hatte, aus dem Weg geräumt.

Sie schritt auf ihn zu und mit ihrem Herzschlag im Einklang ließ sie ihr Toledo Sala­manca unerbittlich auf den Mörder unzähliger unschuldiger, junger Frauen nieder­sausen. Er kämpfte gut, das musste sie ihm lassen. Er parierte jeden Schlag. Micky kam langsam ins Schwitzen. Sie musste es mit einer anderen Taktik versuchen.

„Ist das alles, was du drauf hast? Kein Wunder, dass du dich an wehrlosen Frauen vergreifst. Sobald sie sich wehren können, bist du überfordert.“ Er stöhnte auf und Micky wusste, sie hatte einen Weg gefunden. Provokation war eine hervorragende Ablenkungsmethode.
„So ein Schlappschwanz. Ist doch klar, dass er sich wehrlose Opfer sucht.“ Sie lachte laut. Duncan verstand, was seine Frau vorhatte. Er fiel in ihr Lachen ein und gab Me­thos ein Zeichen. Auch er lachte Lastrada aus. Der wurde von einer unbändigen Wut gepackt. Er griff ohne Sinn und Verstand an. Micky hatte nun leichtes Spiel mit ihm. Sie holte aus und trennte den Kopf mit einem sauberen Schlag vom Rumpf. Der Kör­per fiel nach vorne um. Sofort wurde die Energie freigesetzt. Micky kniete sich hin und stützte sich auf ihr Schwert. Sie nahm Lastradas Kräfte in sich auf und die all seiner unsterblichen Opfer. Das Fenster zerbarst, als sich die lilafarbenen Blitze einen Weg suchen.

Sobald die Übertragung fertig war, zogen Methos und Duncan die erschöpfte Micky auf die Füße und schoben sie aus dem Zimmer. Von weiter Ferne hörte man schon Sirenen.

„Weißt du, Liebes, mit wird es nie langweilig. Irgendwie stolpern wir von einer Katastrophe in die nächste. Und immer ziehe ich dich wieder auf die Füße oder trage dich nach Hause“, erklärte Duncan zufrieden grinsend über ihre Leistung.

Micky warf einen Blick auf Methos und meinte: „Das nächste Mal machst du das wieder, Methos. Ich hab so was von die Schnauze voll davon!“ Er lachte und umarm­te seine Freundin.
„Werd erstmal so alt wie ich, meine Kleine. Wenn du dann sagst, dass du die Schnauze voll hast von den Energieübertragungen, will ich dir gerne glauben.“ Sie lachte ein wenig gequält.

 

Draußen vor der Tür stand Richie an Joes Wagen gelehnt. Er hatte die Arme verschränkt und wartete. Micky schüttelte mit dem Kopf.

„Wenn du einmal machen würdest, was man dir sagt. Sei froh, dass ich im Moment zu schwach bin, sonst würde ich dir jetzt kräftig in den Hintern treten!“ Er grinste.
„War ein hübsches Feuerwerk, Comtesse. Ist der Kerl jetzt endlich erledigt?“
„Ja und zwar endgültig. Aber siehst du das hier?“ Sie zeigte auf den neuen Schnitt. „Er hat mein Souvenir ein klein wenig vertieft. Zwei Schnitte, zwei Dolche.“ Sie holte aus ihrer Manteltasche den Dolch hervor, mit dem er sie vor kurzem erneut ge­schnitten hatte. Sie trat an Richie heran und piekste ihn mit dem Dolch. „Und ich rate dir, Mister, wenn du nicht willst, dass du auch mal so hübsche Andenken trägst wie ich, dann höre gefälligst das nächste Mal auf uns!“ Um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, gab sie ihm noch einen Klaps auf den Hinterkopf. Dann stieg sie ins Auto und wartete auf die anderen.
Duncan grinste. „Schau mich nicht so hilfesuchend an, Richie. Du hast es doch gut! Ich bin mit ihr verheiratet! Und es gibt noch nicht mal die Möglichkeit auf ein 'Bis das der Tod uns scheidet.'“
„Wenn ich nicht gleich ein Glas Rotwein bekomme und ein heißes Schaumbad, lässt sich das einrichten, Highlander.“ Duncan, Richie und Methos stiegen ins Auto. Duncan startete den Motor und rauschte im selben Moment davon, als Feuerwehr, Polizei und Krankenwagen vorfuhren.

Die Frauenmorde hörten umgehend auf. Die örtliche Presse mutmaßte, dass der „Jack the Ripper von Vancouver“ einfach das Revier gewechselt hatte. Auf Seite 5 bei den Lokalmeldungen stand, dass die Leiche eines enthaupteten Mannes in einer bil­ligen Absteige gefunden wurde. Er hatte keine Papiere und konnte nicht identifiziert werden.

 

Am Abend legte Micky die beiden Dolche in einen Glaskasten und stellte diesen in Duncans kleine Waffenkammer in seinem Sportstudio. Hier waren sie am besten auf­gehoben und konnten keinen Schaden mehr anrichten. Adrian Lastrada war ausge­schaltet. Das Leben konnte weitergehen, bis der nächste Verrückte ihren Kopf wollte.

 

 

4. Eheliche Differenzen

 

Vancouver. Ein Restaurant am Hafen.
Duncan betrat hinter seiner Frau ein kleines französisches Restaurant, das letzte Woche neu eröffnet hatte. Es lag direkt am Hafen und verfügte über eine großzügige Terrasse. Verrückt, da flogen sie nach Kanada und landeten abends wieder bei französischem Essen, das sie zu Hause in Paris ohnehin jederzeit haben konnte. Doch die Restaurantkritiker hatten das „Chez Pierre“ in den kulinarischen Himmel gehoben, und das wollten sich die MacLeods keinesfalls entgehen lassen. Wenn man mehrere Jahrhunderte lebte, entwickelte man einen verwöhnten Gaumen.

 

Der Kellner führte sie an einen Tisch im Freien mit Blick auf den Hafen, zahlreiche kleine Schiffe und Boote kreuzten im Wasser, Möwen kreisten. Der Himmel färbte sich allmählich zimtfarben, der Tag machte dem Abend Platz.

Micky und Duncan setzten sich und nach einem kurzen Blick in die Weinkarte hatte Duncan sich entschieden und einen guten Tropfen bestellt.

Einige Minuten später wurde ihnen der Wein gebracht. Micky ergriff das Glas, dann zuckte sie zusammen. Auch Duncan hatte es gespürt, ein Unsterblicher war in der Nähe. Sie blickten sich suchend um. Da trat er zur Tür des Restaurants heraus und auf ihren Tisch zu. Micky sprang auf, die mit Wein und Wasser gefüllten Gläser schwankten bedenklich. Sie stürmte auf den Fremden zu, Duncan wunderte sich ein wenig. Sie würde doch nicht in einer Menschenmenge einen Kampf anfangen?! So verrückt war Micky nicht, oder doch?

„Pierre?! Was tust du denn hier?“ Sie warf sich dem Unbekannten um den Hals und gab ihm – Französin durch und durch - drei Küsschen zur Begrüßung.
„Michelle? Michelle Dubois? Da soll mich doch der Schlag treffen!“ Er umfasste ihre Hände, schob sie ein wenig von sich und musterte sie. „Olala, du siehst umwerfend wie eh und je aus. Ich war ja schon immer der Meinung, weniger Stoff, mehr schöne Frau!“ Sie trug ein rotes Abendkleid, das am Rücken tief ausgeschnitten war und passende Pumps mit hohen Absätzen.
Lachend winkte Micky ab. „Ach Pierre, du bist immer noch der selbe Schmeichler. Aber sag mal, das ist doch nicht dein Restaurant, n'est pas? Wie kommt ein Musketier zur Nouvelle Cuisine?“ Duncan war er die ganze Zeit irgendwie bekannt vorgekommen, er konnte sich nur nicht erinnern, wo er den Mann schon einmal gesehen hatte. Doch als Micky ihn als Musketier bezeichnete, wusste er es wieder. Er stöhnte auf. Das konnte nicht sein. All die Jahre hatte er gehofft den Mann noch einmal zu treffen und jetzt stellte er sich als Freund seiner Frau heraus. Verdammt, das war mal wieder so typisch. Wenn alles gut lief, musste mit einem Tropetenschlag alles aus den Fugen geraten.
„Duncan, hey, träumst du?“ Er blickte erschrocken auf. Er hatte tatsächlich geträumt, oder genauer gesagt, sich erinnert. Aber es waren keine angenehmen Erinnerungen.
„Entschuldige, Liebes. Was hast du gesagt?“ Er lächelte und hoffte, sie würde ihm nicht ansehen, dass etwas nicht stimmte.
„Ich sagte, das ist Pierre de Florent. Er war Musketier beim König von Frankreich. Wir haben uns am Hof des Sonnenkönigs kennen gelernt.“ Duncan hörte nur mit halbem Ohr zu. Er erinnerte sich wieder ganz genau an diesen Mann.
„Entschuldige, Micky, ich fühle mich nicht wohl. Ich fahre in unsere Wohnung. Ich nehme ein Taxi, du kannst den Wagen haben.“ Er drückte ihr einen Kuss auf die Wange und ließ seine irritierte Frau sitzen.
„Also, was sollte das denn?! Entschuldige, Pierre, so ist Duncan sonst nicht. Ich verstehe das überhaupt nicht. Aber jetzt erzähl doch mal, wieso bist du Zivilist, du warst doch Musketier mir Leib und Seele?“ Er lächelte und schenkte sich Wein ein. Dann winkte er einen seiner Kellner herbei und bestellte Micky eine Auswahl Leckerbissen seines Chefkochs.
„Tja, nach dem Louis das Land so heruntergewirtschaftet hatte, waren selbst wir Musketiere nicht mehr sehr angesehen...“
„Und Adlige schon gar nicht, ich weiß. Ich bin nach Madrid gegangen. Aber deswegen musstest du doch nicht die Musketiere verlassen oder für immer Zivilist werden. Die Uniform stand dir so gut...“ Sie lächelte verträumt. „Weißt du, ich habe Alexandre Dumas von dir erzählt und unseren kleinen Abenteuern. Wir haben ihn zur Figur des D'Artagnan inspiriert.“ Sie lachte. „Das hast du nicht gewusst, nicht wahr?! Aber es ist so. Hm, was ist das? Köstlich!“ Sie machte sich mit großem Appetit über den Vorspeisenteller her. Duncan war nicht ganz bei Trost, dass er sich diese Leckereien entgehen ließ.

 

Zur gleichen Zeit saß Duncan in einem Park und grübelte. Er hatte Methos angerufen und ihn um ein Gespräch gebeten.

„Was gibt es denn, alter Freund?“ Methos setzte sich neben Duncan auf die Bank und blickte ihm fragend entgegen. Duncan seufzte.
„Mann Methos, ich stecke so was von Tief im Mist, dass ich das Tageslicht nicht mehr sehen kann.“ Sein Freund verstand verständlicherweise kein Wort. „Ich war mit Micky in diesem neuen französischen Restaurant, das alle Kritiker so bejubeln 'Chez Pierre'. Plötzlich spürten wir, dass ein Unsterblicher da war. Sie sprang wie von der Tarantel gestochen vom Tisch auf und stürmte auf ihn zu. Einen Moment dachte ich, sie hätte den Verstand verloren. Aber ihr Schwert liegt zum Glück zu Hause. Meins auch, zum Glück für ihn. Als ich ihn erkannt habe, wünschte ich, ich hätte es dabei gehabt.“ Methos verstand immer noch kein Wort.
„Ja, aber was soll das denn alles bedeuten, Mac? Hast du zuviel Chardonnay intus?“
„Wenn's nur so wäre, dann könnte ich vielleicht vergessen. Dieser Mann, Pierre de Florent, er war Musketier am Hof des Sonnenkönigs. Da hat er Micky kennen gelernt. Und ich hatte auch mit ihm zu tun... Er hat einen sehr guten Freund von mir auf Geheiß des Königs ermordet. Ihn und seine gesamte Familie.“ Methos bekam große Augen.
„Oh Scheiße! Jetzt verstehe ich, was du gemeint hast. Du willst seinen Kopf und er ist Mickys Freund. Mac, das kannst du nicht machen. Die Comtesse reißt dir den Kopf ab und das meine ich wörtlich. Sie nimmt ihre Freundschaften sehr ernst.“ Duncan sprang von der Parkbank auf.
„Ich nehme meine auch sehr ernst, Methos. Dieser Florent hat fünf Menschen auf Geheiß seines Königs getötet! Einen Mann, seine Frau und drei Kinder!“ Er lief wütend vor Methos auf und ab und gestikulierte wild mit den Armen.
„Mac, wie viele hast du im Namen von Bonnie Prince Charlie und bei der Schlacht von Waterloo getötet? Du hast auch nur die Befehle deines Monarchen und Kommandanten befolgt. Und wie viele Engländer hast du zur Verteidigung der Highlands und deines Clans niedergestreckt? Es ist schlimm, dass er das getan hat, aber er hatte seine Befehle. Ein Musketier hat geschworen sein Leben für seinen König zu geben. Und das Wort des Königs war Befehl. L'état, c'est moi (Der Staat bin ich), Louis' Motto durfte niemand zuwider handeln.“ Duncan fixierte ihn wütend.
„Ja, genau das war ja der Grund, weshalb der blaublütige Bastard meinen Freund ermorden ließ. Er hatte etwas gesagt, dass Louis verärgert hatte. Nichts weiter. Und dafür wurde er beseitigt!“ Methos blickte ihn eindringlich an, er hielt seinen Arm fest umklammert.
„MacLeod, ich kenne Michelle schon seit mehr als 300 Jahren, und eines kann ich dir mit absoluter Gewissheit sagen, wenn du ihren Freund tötest, verlierst du sie.“
„Methos, du hast mich doch gelehrt, dass die Zeit alles vergeben kann. Du warst einst ein Reiter der Apokalypse und sie hat dir verziehen.“ Er nickte.
„Verziehen, ja das hat sie. Aber ich habe ihre Liebe verloren. Es gibt nur noch zwei Männer, die sie aufrichtig liebt. Der eine ist Connor. Und der andere bist du. Zuviele Männer haben sie in ihrem Leben enttäuscht, angefangen bei ihrem Verlobten, der sie wegen Geld ermordet hat. Wer sie verrät, kann froh sein, wenn sie dann überhaupt noch mit ihm befreundet ist. Willst du riskieren, dass sie nur noch dein Freund sein will? Denn mehr bin ich nicht mehr für sie.“
„Sie ist ohne zu zögern in eine Falle gerannt, um dich zu retten.“ Duncan grinste, als er sich erinnerte, wie sie Lastrada das Bein in den Schritt gerammt hatte.
„Ja, genau das meine ich doch. Weil ich ihr Freund bin und außerdem hatte ich noch einen gut bei ihr, weil ich sie damals vor Lastrada gerettet habe. Jetzt sind wir quitt. Überleg es dir, Mac. Rache ist es nicht wert, das Wertvollste im Leben zu verlieren: Die Frau, die dich über alles liebt.“ Er klopfte ihm ermutigend auf die Schulter und ging zum Ausgang des Parks.

Duncan saß lange auf der Parkbank und sah, wie die Sonne unterging. Er erinnerte sich an den Tag, am dem Pierre de Florent seinen Freund Alexandre Valant und seine Familie getötet hat.

 

Frankreich 1661. Ein Chateau in der der Nähe von Versailles.

Duncan war zu Besuch bei seinem guten Freund Alexandre Valant, der junge Vicomte lebte mit seiner hübschen Frau Amelie in der Nähe von Versailles, hielt sich aber im Allgemeinen von dem verschwenderischen Hofleben des Sonnenkönigs fern. Dies lag in letzter Zeit besonders daran, dass Alexandre den König beleidigt hatte. Wer dem Sonnenkönig nicht nach dem adligen Munde redete, konnte ganz schnell in Ungnade fallen. Alexandre hatte auf einem Ball in Versailles die Verschwendungssucht des Königs angeprangert, während das Volk von Paris kaum einen Kanten Brot hatte. Alexandre hatte rasch Zuhörer gefunden, was Louis noch mehr erbost hatte.

Im Moment ging Duncan im Park des Chateaus spazieren, er war bereits auf dem Rückweg, denn das Essen würde bald serviert werden.

Plötzlich hörte er Schreie vom Haus her. Er zog sein Schwert und rannte los. Sein Herz schlug heftig, er fürchtete das Schlimmste. Und das zu Recht. Je näher er dem Haus kam, desto mehr spürte er die Gegenwart eines Unsterblichen. Gerade als er um die Ecke bog, sah er das Gesicht des Unsterblichen überdeutlich, es brannte sich für immer in sein Herz ein. Er trug die Uniform eines Musketier und schwang sich auf sein Pferd.

Ich bin nicht wegen Euch hier, Monsieur. Ich habe nur einen Befehl meines Königs ausgeführt.“ Er gab seinem Pferd die Sporen und preschte davon.

Duncan eilte ins Haus und erkannte, was der Mann damit gemeint hatte. In der Halle fand er die Leichen von Alexandre, Amelie, den zwei Söhnen von zwölf und fünfzehn und der Tochter von dreizehn Jahren. Von blindem Zorn gepackt rannte er aus dem Haus, doch der Musketier war auf und davon.

 

Er hatte nie herausgefunden, wer der Mörder der Familie Valant gewesen war. Es gab zu viele Musketiere, und da er auf Befehl des Königs gehandelt hatte, stand er auch unter dessen Schutz. Doch heute kannte Duncan den Namen. Pierre de Florent.

 

Spät in der Nacht kehrte Duncan in seine Wohnung zurück. Er ließ alle Lichter aus und war bemüht leise zu sein. Im Wohnzimmer legte er seinen Mantel ab und öffnete den obersten Knopf an seinem Hemd.

 

„Was zum Teufel ist in dich gefahren?!“ Seine Frau saß im Dunkeln auf der Couch. Nun griff sie nach der Tischleuchte und es wurde hell. Duncan zuckte zusammen. Er hatte sich dermaßen an sie gewöhnt, so dass er ihre Gegenwart nicht mehr durch die Gabe zusätzlich registrierte.
„Tut mir leid, ich musste nachdenken.“
„Worüber? Weißt du, es war wirklich nicht nett, einfach so zu verschwinden. Pierre hätte dich wirklich gerne kennen gelernt.“ Er zuckte zusammen, Micky stand auf und ging zu ihm.
„Ich bin mir da nicht so sicher.“
„Okay, jetzt aber raus mit der Sprache.“ Duncan drehte sich zur Bar um und schenkte aus einer Kristallkaraffe Whisky in zwei Gläser. Ein Glas reichte er Micky und trank seines in einem Zug aus. Er setzte sich gegenüber in einen Sessel und erzählte ihr in kurzen Worten, wie er das erste Mal in Frankreich Pierre de Florent begegnet war.

 

Kaum hatte er geendet, sprang Micky entsetzt auf. „Nein, Duncan. Das lasse ich nicht zu.“ Sie griff nach ihrem Schwert und rannte zur Tür hinaus und die Treppe hinunter. Duncan ging ins Schlafzimmer, zog für den Kampf geeignetere Kleidung an, holte sein Katana und verließ das Studio.

 

Der Morgen dämmerte bereits herauf, als er sich sein Auto setzte und zum Restaurant am Hafen fuhr.

Er wusste genau, dass er den Musketier dort finden würde. Ihn und Micky.

Das Restaurant war unverschlossen, also erwarteten sie ihn. Er trat ein und zog sein Schwert. Keiner da. Er ging durch den Raum, die Tische waren schon wieder für den kommenden Geschäftstag gedeckt.

Draußen auf der Terrasse fand er sie. Micky hatte die Arme um sich geschlungen, das Schwert ruhte auf ihren Knien. Pierre de Florent saß neben ihr, zwei leere Flaschen Wein und zwei Gläser standen auf dem Tisch. Duncan sagte kein Wort, Micky blickte ihn mit Tränen in den Augen an.

Duncan, geh wieder. Lass ihn leben. Unsere Ehe ist zu kostbar! Dieses Band hält uns am Leben. Also zerbrich es nicht. Wenn du ihn tötest...“ Sie ließ den Satz unausgesprochen zwischen ihnen stehen. Duncan hob sein Schwert. Micky stand auf und ging in Stellung. Duncan versuchte an ihr vorbei zu kommen, doch sie schützte Pierre mit ihrem Körper. Sie wollte ihn partout nicht vorbei lassen. Doch Duncan war schon zu weit gegangen, es gab kein Zurück mehr. Er musste Alexandre und seiner Familie den Frieden verschaffen, der ihnen zustand. Plötzlich hob Duncan das Schwert und schlug zu. Seine Klinge berührte Mickys. Bestürzt keuchte sie auf, sie konnte nicht glauben, dass er es tatsächlich getan hatte. Duncan schlug wieder zu, Micky ließ ihr Schwert sinken. Duncan konnte den Schlag nicht mehr abfangen, er verletzte sie am Arm. Ohne auf die Schnittwunde zu achten, die ihren zerfetzten Shirtärmel durchnässte und ohne ein weiteres Wort ging Micky von der Terrasse weg.

„Bringen wir es schnell zu Ende, Mr. MacLeod. Sie sollten Ihre Frau nicht zu lange alleine lassen.“ Pierre stand auf und zog sein Florett aus seiner Zeit als Musketier. Er griff Duncan direkt an, doch er kämpfte nicht um zu gewinnen. Es war viel zu leicht. Duncan drängte ihn in Richtung der Tische, einer fiel um, Geschirr zerbrach. Pierre stolperte gegen den nächsten Tisch und verlor das Gleichgewicht. Er hob sein Schwert, doch Duncan schlug es ihm aus der Hand. Pierre sah ihn bittend an, er flehte um ein schnelles Ende. Viel zu gut für dich, dachte Duncan. Eigentlich musste er fünf Mal sterben oder länger leiden für den Mord an der Familie Valant. Doch Duncan zeigte Gnade. Er holte weit mit seinem Schwert aus und trennte den Kopf mit einem sauberen Schlag ab.

Duncan nahm die Energie von Pierre auf, die erhoffte Befriedigung seiner Rachegefühle blieb aus. Er fühlte sich leer und ausgebrannt. Die Leiche ignorierend eilte er aus dem Restaurant. Er musste schnellstens Micky finden und versuchen seine Ehe zu retten.

Es gab eigentlich nur einen Ort, an den sie gefahren sein konnte. Duncan wusste genau, wo er Micky finden würde. Er hatte ihr den Leuchtturm vor neun Jahren gezeigt, als sie sich kennen gelernt hatten. Hier hatten sie gesessen und über Darius gesprochen.

 

Sie saß am Rande der Klippe, die Beine baumelten über den Rand. Unter ihr brach sich schäumend die Brandung. Sie trat einen Stein lose, der schnell in die Tiefe stürzte. Sie registrierte die Höhe nicht wirklich. Gut, der Sturz und der Aufprall auf der Wasseroberfläche würden höllisch weh tun, sie aber nicht töten. Und körperliche Schmerzen würden sie vielleicht von der Pein ihres Herzens ablenken? Wenn man unsterblich ist, macht man sich keine Gedanken über gefährliche Abgründe. Vielleicht aber über solche, die ihre Seele zu überwinden hatte? Der kühle Seewind versuchte vergeblich ihre Tränen zu trocknen, ihr schwarzer Mantel wehte ebenso wie ihre braunen Locken, das Schwert lag neben ihr. Als Micky seine Gegenwart spürte, drehte sie sich um und blickte ihm mit feuerroten Augen hasserfüllt entgegen.

„Und Highlander, bist du nun zufrieden? Sind deine Rachegelüste befriedigt?!“ Sie sprang blitzschnell auf die Füße und ballte die Hände zu Fäusten. Nicht schlecht für ihr Alter, würde Connor witzeln. Doch nicht schnell genug um Pierre zu retten. Sie hätte den Kampf gegen Duncan nie gewinnen können. Er war zu gut, und das hätte sie auch nie gewollt. Es war undenkbar gegen den eigenen Mann zu kämpfen. Und doch hatte sie das Schwert gehoben, es war doch für einen Freund gewesen. Doch manchmal musste das Herz eine egoistische Entscheidung treffen. Für den Ehemann und gegen den Freund. Pierre hatte für seine Taten gebüßt, die er im Namen seines Königs verübt hatte. Doch nun musste Duncan büßen und gewiss würde er von ihr seine Absolution erbitten. Aber allzu leicht würde sie es ihm nicht machen, nein ganz gewiss nicht.
„So einfach ist es nicht, Micky.“ Er streckte eine Hand aus, doch sie schreckte zurück.
„Fass mich nicht an!“ Sie betonte jedes Wort einzeln und atmete heftig durch die Nase ein und aus, die Hand um ihr Schwert gepresst.
„Willst du damit sagen, dass es das war? Neun Jahre Ehe aus und vorbei?“ Sie antwortete nicht. Duncan musterte sie und versuchte zu ergründen, was sie dachte. Er glaubte nicht, dass noch etwas von ihr kommen würde. Resigniert drehte er sich um und ging zurück zu seinem Wagen. Er hätte nie gedacht, dass er sie je verlieren könnte. Seine Füße bewegten sich zum Auto, obwohl sein Herz zu ihr strebte. Er wollte sie packen und schütteln, ihr entgegenschreien, dass er sie doch liebte und ihm alles so leid tat. Doch er tat keins von beidem, er lief unaufhaltsam weiter zum Auto. Alles aus und vorbei.
„Nein, dafür liebe ich dich zu sehr, verdammt!“ Sie hatte fast schon geflüstert. Er blieb stehen, drehte sich aber nicht um. Hatte sie etwas gesagt, oder hatte er sich das nur eingebildet?! „Hast du gehört, du Mistkerl?! Ich sagte, ich liebe dich!!“ Jetzt drehte er sich um, der Wind löste Haarsträhnen aus seinem Pferdeschwanz, die weiten Ärmel seines weißen Hemdes bauschten sich auf.
„Heißt das, du vergibst mir?“ Da war ein kleiner Funken Hoffnung, vielleicht gab es noch eine Chance für ihre Ehe.
„Nein.“ Er schluckte, seine Augen glitzerten. Er wollte die Comtesse nicht verlieren, sie war sein Leben, seine große Liebe. „Ich sagte, ich liebe dich. Doch vergeben werde ich dir das nie.“ Sie rannte auf ihn zu, ließ auf dem Weg ihr Schwert fallen und öffnete die Arme. Mit Tränen in den Augen warf sie sich in Duncans Arme und schluchzte laut auf. Sie vergrub ihren Kopf in seinem Hemd, ihre Tränen durchweichten den Baumwollstoff sofort. Es war ihm egal. Erleichtert seufzte er auf. Eine einzelne Träne lief über seine Wange, er wischte sie rasch weg. Ein Highlander weinte nicht, das war ein Zeichen von Schwäche. Sein Vater hatte ihm diesen Satz eingebläut, wieder und wieder. Und obwohl er schon seit hunderten von Jahren tot war, hörte Duncan ihn immer noch.

Hin- und hergerissen zwischen der Trauer um Pierre und den Zorn auf Duncan, wusste Micky nicht, wie ihr geschah. Der Mann, den sie mehr liebte als alles auf der Welt, hatte sie bitter enttäuscht. Seine Rache hatte er über ihre Ehe gestellt, ihr kaltblütig ihre Bitte um Gnade abgelehnt. Doch Micky liebte ihn zu sehr und genau das war ihr großes Problem. Sie konnte sich nicht vorstellen auch nur einen einzigen Tag ihrer unsterblichen Existenz ohne Duncan MacLeod zu verbringen. Vielleicht würde sie ihm in fünfzig oder hundert Jahren vergeben können. Man sagte doch, die Zeit heile alle Wunden. Vielleicht auch die von Unsterblichen?!

Ducan strich ihr mit zitternder Hand über den Kopf und flüsterte auf Gälisch einige Kosenamen in ihr Haar: „Mo chride (Mein Herz), mo maise (meine Schönheit), a luaidh (mein Schatz). Ich hoffe, irgendwann kannst du mir verzeihen...“ Es tat ihm unendlich leid, doch er hatte nicht anders gekonnt.

„Connor sagte einmal zu mir 'Das Leben beinhaltet Hoffnung und Schmerz, aber Rache wird niemals zur Erlösung führen.' Ich hoffe, diese Weisheit hast du endgültig begriffen, Highlander!“

Duncan wusste nicht, was er sagen konnte oder auch sagen sollte. Kein Wort in irgendeiner Sprache dieser Erde konnte seine Schuld schmälern. Er hatte aus blinder Rache gehandelt, einen Mann getötet für etwas, das er vor 344 Jahren getan hatte. Und darüber hätte er fast die Liebe seiner Frau verloren. Es gab Dinge im Leben, die einen zu hohen Preis hatten.

„Kommst du jetzt mir heim, Comtesse?“ Sie nickte, Arm in Arm gingen sie zum Wagen.

 

 

 

5. Begegnung mit einem Druiden

 

Duncan und Micky trainierten im Sportstudio und machten dabei ausgelassene Witze. In einer Stunde würden die erste Schüler kommen und die Kurse beginnen. Duncans nackter Oberkörper war von einem glänzenden Schweißfilm überzogen. Sein Pferdeschwanz löste sich aus dem Haarband, seine gutgebaute Brust lenkte Micky ein klein wenig ab.

 

Micky trug ein hautenges und tiefausgeschnittenes Top und eine Trainingshose. Sie hoffte, auch Duncan ein bisschen Konzentration abjagen zu können. Ihre Schwerter kreuzten sich, schlugen gelegentlich Funken, Duncan grinste siegessicher. Doch Micky dachte nicht daran, es ihm so leicht zu machen. Sie zog sich einige Schritte zurück und setzte dann zu einem Sprung an. Der Highlander war völlig überrumpelt, sie streckte ihr Bein aus und setzte ihn mit einem Fußfeger außer Gefecht. Sein Schwert schlitterte über den gebohnerten Boden auf und davon. Micky hielt ihr Toledo Salamanca an seinen Hals und grinste hämisch.

„Du siehst, Duncan, ich bin besser geworden.“ Er nickte.
„Ich bin derzeit nicht in der Lage dir zu widersprechen, Comtesse. Würdest du dein Schwert zur Seite legen und über meine Kapitulation verhandeln?“ Micky legte es neben sich und setzte sich rittlings über Duncan. Sie umfasste seine Handgelenke und drückte sie runter. Genießerisch beugte sie sich noch tiefer über ihn.
„Und, was bietest du an, Highlander? Ich höre...“
„Mein Leben, meine Seele, meinen Körper?!“ Er grinste dreist. „Such dir was aus.“ Sie zuckte die Achseln, tat desinteressiert.
„Ach, dein Körper ist vielleicht ein ganz gutes Angebot. Für den Anfang.“ Sie lockerte ihren Griff und wollte aufstehen. Duncan wirbelte sie herum, jetzt lag Micky auf dem kalten Holzboden und Duncan saß über ihr. Er beugte sich herunter und küsste sie heftig.
„Habt ihr dafür nicht ein Schlafzimmer?“ Duncan schreckte hoch und drehte sich um. Er stieg von Micky runter, reichte ihr eine Hand und zog sie auf die Füße.
„Das haben wir, aber das Dojo ist noch geschlossen und wir haben ein wenig trainiert.“
„Ach so nennt man das im 21. Jahrhundert. Also in der guten alten Zeit hieß das noch bei einer Frau liegen. Oder mit Dr. Ruths Worten, das sah mir stark nach einem Vorspiel aus!“ Er lachte ihnen entgegen und trat näher.
„Methos, komm zur Sache, sonst hat das gestörte Vorspiel für dich ein Nachspiel!“ Micky hatte ihr Schwert aufgehoben und zeigte mit der Spitze auf ihn. Er hob abwehrend die Hände.
„Ruhig Blut, Michelle. Ich wollte euch zu einer kleinen Reise einladen. Nach England. Zum Wintersonnenwendfest nach Stonehenge.“
Micky warf Duncan einen fragenden Blick zu, der zuckte mit den Schultern.„Von mir aus, warum nicht?! Kommt deine Vertretung noch ein wenig länger in der Galerie zurecht, Liebes?“
„Ich denke schon, wenn wir in Paris sind, bin ich doch auch nicht ständig da. Gut, Methos, wir kommen mit. Wann fliegen wir?“
„Heute Abend. Wir treffen uns um 18 Uhr am Flughafen. Zieht euch dicke Pullis an, in England schneit es schon. Und jetzt verschwinde ich, bevor das tatsächlich noch ein Nachspiel für mich hat.“ Er drehte sich zur Tür der Trainingshalle, doch Micky hatte noch eine Idee, sie rief seinen Namen.
„Methos, warte. In drei Tagen ist Weihnachten. Wir feiern im Chateau, Connor und Richie kommen auch. Willst du uns begleiten?“ Sie blickte ihn bettelnd wie ein kleines Mädchen an. Plötzlich war sich Methos sicher, dass sie als Kind von ihrem Vater alles bekommen hatte, was sie sich wünschte.
„Gut, dann feiern wir zusammen Weihnachten. Bis später am Flughafen, spielt schön weiter, ihr zwei!“

Micky ging lachend die Treppen zur Wohnung hoch. Die Dusche wartete auf sie und die Kapitulationsverhandlungen mit ihrem Mann versprachen interessant zu werden.

 

Stonehenge. Wenige Stunden bis zum Sonnenwendfest.

Methos, Micky und Duncan stiegen aus ihrem Mietwagen, die Scheinwerfer strahlten das imponierende Bauwerk aus grauer Vorzeit an. Micky ging zum Kofferraum und holte für alle Taschenlampen heraus. Es war noch stockfinster, der Himmel war sternenklar, die Luft war so eisig, dass man seinen Atem sehen konnte. Sie machten die Lampen an und blickten auf Stonehenge, das seit 1986 zum Weltkulturerbe gehörte.

„Die Ausrichtung erfolgte so, dass am Morgen des Mittsommertags die Sonne direkt über dem Fersenstein aufging und die Strahlen der Sonne in exakter Linie ins Innere des Bauwerks eindrangen.

Es glt als wahrscheinlich, dass diese Ausrichtung beabsichtigt war. Der Fersenstein rahmte aufgrund der exakten Berechnungen der Druiden den Sonnenaufgang ein.

Stonehenge könnte unter anderem dazu benutzt worden sein, die Sommer- und Wintersonnenwende und die Frühlings- und Herbsttagundnachtgleiche vorauszusagen. Die Druiden benutzten dieses Wissen, um den Dorfbewohnern zu signalisieren, wenn sie die Saat ausbringen und die Früchte ernten sollten. Stonehenge war wahrscheinlich ein Kalender und diente zur Vorhersage der verschiedenen Jahreszeiten anhand der Positionen von Sonne und Mond zur Erde.“ Micky las vor, was das Internet über Stonehenge zu sagen hatte, sie hatte sich vor ihrer Abreise ins Internet eingeloggt und einige interessante Seiten ausgedurckt.

Methos umschritt die Steine und nahm die Stimmung ehrfürchtig in sich auf. Schließlich drehte er sich zu seinen Freunden um und erklärte: „Comtesse, wenn du etwas über Stonehenge wissen willst, frage nicht das Internet. Frage jemanden, der vor mehreren Tausend Jahren ein Sonnenwendfest hier mit erlebt hat. Das war zwar im Sommer gewesen, aber vielleicht noch um einiges beeindruckender als die Wintersonnenwende. Mit echten Druiden, in grauer Vorzeit.“ Micky machte eine einladende Kopfbewegung, Methos trat in den Steinkreis, er lehnte sich mit dem Rücken an einen der kleineren Steine und reiste gedanklich in eine weit zurückliegende Zeit. Zur Morgendämmerung der Menschheit, als die Zivilisation noch in den Kinderschuhen steckte.

 

Stonehenge an einem 21. Juni vor ca. 2.500 Jahren.
Die Vorbereitungen für das Sonnenwendfest liefen auf vollen Touren. Die Druiden rannten aufgeregt hin und her und verteilten Befehle. Es war stockfinster, doch der Steinkreis und der Weg dorthin wurden von zahlreichen Fackeln erhellt.

Methos stieg von seinem Pferd und legte ihm Fußfesseln an, es begann sofort zu grasen. Er holte sich einen Druidenmantel aus seinem Sack und warf ihn sich über, sein Schwert trug er sichtbar in der rechten Hand.

Er hatte in einem entfernten Dorf gehört, dass das jährliche Sonnenwendfest ein beeindruckendes Schauspiel war. Die Menschen in der Umgebung glaubten, an diesem Tag stiegen die Götter vom Himmel herab, um das Ende des Sommers und den Beginn der Ernte zu verkünden. Methos lebte nun schon so lange auf der Erde, so dass er an so etwas wie Götter nicht mehr glaubte. Die Druiden hatten einen perfekten Kalender geschaffen, er fing die Strahlen der Sonne ein. Den Kalender hatten sie wohlwissend berechnet. Den ungebildeten Dörflern stellten sie es als die Allmacht der Götter dar. Doch Methos ließ sie gewähren. Das einfache Volk war leichter zu kontrollieren mit einem Hauch von Göttlichkeit.

Ah Methos., wie schön, du hast es geschafft. Komm, komm. Es dauert nicht mehr lange.“ Der Druide, ein Unsterblicher, den Methos schon seit einigen Jahren kannte, legte einen Arm um ihn und führte ihn in den Steinkreis. Vom Dorf näherte sich ein Fackelzug.
Sieh, da kommen die Jungfrauen und die Dorfältesten, die den Segen der bevorstehenden Ernte erbitten wollen.“ Methos drehte den Kopf und sah den Fackelzug.
Wozu die Jungfrauen? Gibt es noch eine kleine Feier anschließend?“ Er grinste, vielleicht würde für ihn auch ein Mädchen abspringen.

 

Micky schlug nach ihm. „Methos, schäm dich!“
„Hey, Comtesse. Ich bin 5.000 Jahre alt. Du glaubst doch nicht allen Ernstes, ich hätte die ganze Zeit als Möch gelebt?! Das habe ich doch lieber Darius überlassen.“ Micky zog ein Gesicht, das zwischen Schockiertheit und Amüsement schwankte.
„Gut, erzähl schon weiter, die Jungfrauen marschierten an und du warst schon ganz begierig sie in die Kunst der Fleischeslust einzuführen.“ Duncan lachte, er konnte sich die Szene genau vorstellen. Der unscheinbare Methos hatte bei seinen Freunden zurecht den Ruf als Frauenheld und Verführer. Wer die Gunst von Duncans Frau genossen hatte, musste schon einiges zu bieten haben.

 

Vielleicht kann ich etwas arrangieren, Methos. Doch eine von ihnen wird den Göttern geopfert.“ Methos blieb teilnahmslos. Er wusste, dass er gegen diese barbarische Sitte nichts unternehmen konnte. Die Zeiten waren nun einmal so und wenn man seinen Kopf behalten wollte, musste man sich den örtlichen Gepflogenheiten anpassen.

Der Fackelzug hatte inzwischen den Steinkreis erreicht, die Priester stimmten einen choralen Gesang an, Die Jungfrauen führten das auserwählte Opfer in die Mitte des inneren Kreises, das Mädchen legte sich auf den Steinaltar. Ihre Familie würde in den kommenden Jahren gut da stehen. Sie genossen durch das bereitwillige Opfer hohes Ansehen in der Gemeinschaft. Im inneren Kreis wurde ein großes Feuer angezündet. Der unsterbliche Oberdruide stellte sich davor, hob die Arme und sprach geheimnisvolle Worte.

 

„Okay, den Rest kann ich mir vorstellen. Sie haben dem armen Mödchen den Hals durchgeschnitten und so weiter. Hast du dir das bis zum Ende angesehen?“ Sie rubbelte sich die Hände warm, ihre Handschuhe hatte sie im Hotel vergessen. Duncan ergriff sie und wärmte sie mit seiner eigenen Wärme wieder auf. Es war unglaublich, er war immer warm selbst jetzt mitten im kneucheltiefen Schnee. Schotten und ganz besonders Highlander mussten eingebaute Hochöfen haben.
„Ja, ich musste, sonst hätte ich wahrscheinlich Ärger mit dem Oberdruiden bekommen. Ich schätze, wenn nachher die Esoteriker kommen, wird es kein jungfräuliches Opfer geben. Die sind ganz cool drauf, schlagen ihre Trommeln, verbrennen Weihrauch und tanzen ein bisschen. Aber es ist schon ein interessantes Schauspiel. Kommt, wir sehen uns ein bisschen um. Die Leute werden bald hier sein und dann ist es mit der Besinnlichkeit dieses Ortes vorbei.“ Sie standen auf und erkundeten jeder für sich das Monument.

Micky entfernte sich von den Männern und umrundete die hohen Felsblöcke. Sie richtete die Taschenlampe nach oben und bekam fast Genickstarre. Doch das Monument war einfach zu überwältigend, als dass man den Blick so einfach davon lösen konnte.

 

Sie schaltete die Taschenlampe wieder aus und lehnte sich gegen einen der Monolithen. Über ihr funkelten die Sterne. Ein rascher Blick auf die leuchtenden Zeiger ihrer Uhr zeigte, dass in einer Stunde die Sonne aufgehen würde. Micky spürte einen Unsterblichen, es konnte ja nur Methos oder Duncan sein. „Stell dich zu mir und genieß den Blick in die Unendlichkeit.“ Er trat hinter sie. Und dann ging alles ganz schnell. Sie wurde unsanft herumgerissen und wer auch immer hinter ihr stand, presste ihr seine Hand auf den Mund. Das war weder Methos noch Duncan. Sie wusste, wie die beiden sich anfühlten und wie sie rochen. Das war ein ihr unbekannter Unsterblicher. Und offensichtlich hatte er nicht die besten Absichten. Er schleifte sie mit sich fort, Micky wehrte sich nach besten Kräften. Doch der Fremde war viel stärker als sie und hatte sie schlichtweg übertölpelt.

Er zerrte sie unerbittlich weiter. Micky stolperte, fiel der Länge nach in den Schnee. Die Hand um ihren Mund löste sich einen kurzen Moment.

„Hiiiiillllllffffeeeeee!“ Der Steinkreis trug ihren Ruf weit über den Hügel, hoffentlich bis vor die Füße von Methos und Duncan. Klugerweise hatten sie alle ihre Schwerter mitgebracht. Sie lagen im Kofferraum des silbernen Aston Martin.

Ducan und Methos zuckten zusammen. „Was hat deine Frau denn jetzt schon wieder angestellt?“ Sie rannten zum Auto und holten ihre Schwerter.
„Das fragst du mich? Du kennst sie schon viel länger als ich. Sie ist dir auf der Flucht vor einem Serienkiller in die Arme gelaufen. Und da fragst du noch, was sie schon wieder angestellt hat?! Wenn ich raten sollte, würde ich tippen, dass sie mal wieder jemand umbringen will.“ Methos zog ein Gesicht, er vermutete genau das selbe. Sie rannten in die Richtung aus der die Schreie gekommen waren.

 

Allmählich dämmerte der Tag herauf, der Unsterbliche musste sich beeilen. Unbeirrt zerrte er die Frau weiter. Endlich standen sie vor dem Hügelgrab, er stieß sie die Stufen hinunter.

Kurz darauf standen sie in einer Grabkammer, die von Fackeln erleuchtet wurde. Es roch nach Weihrauch. Der Fremde zog Micky weiter in das Grab hinein. Auf einem Stein lag ein Seil, er griff danach und fesselte sie damit. Die Schnur schnitt in Mickys Handgelenke. Sie versuchte nach ihm zu treten, unbeeindruckt fesselte er auch noch ihre Beine und legte sie auf einen länglichen Stein. Allmählich schwahnte Micky was er vorhatte.

„Ich bin aber keine Jungfrau mehr, wäre ein bisschen peinlich in meinem Alter!“
„Uninteressant, ich will deine Energie. Ich habe herausgefunden, wenn ich die Begegnung auf eines der alten Sonnenwendfeste lege, ist die Übertragung viel intensiver! Und dieses Jahr hast du die Ehre mein Opfer zu sein! Ich bin bei allen großen Sonnenwendfesten in Stonehenge in der Hoffnung, dass einer von uns mir in die Falle läuft!“ Er drehte sich um und suchte sein Schwert.
„Suchst du das hier, Lucas?“ Der Angesprochene drehte sich blitzschnell um und blickte Methos in die Augen., der Lucas' Schwert hoch hielt.
„Methos? Was tust du denn hier?... Egal, du kommst genau richtig zur Zeremonie. Wie in alten Zeiten, was alter Junge?“ Methos schüttelte den Kopf.
„Das denke ich nicht, sie ist meine Freundin.“
„Pech für dich, sie ist mein Opfer.“
„Kämpfen wir um sie! Dem Gewinner gehört sie!“ Im selben Moment warf er Lucas dessen Schwert zu. Der Druide schrie erbost auf und fing es gekonnt im Flug ab. Er hatte keine Zeit für diesen Blädsinn, aber bitte, wenn sein alter Freund sein Leben für eine unwichtige Frau opfern wollte. Dann hatte er dieses Jahr wirklich das große Los gezogen. Mit Methos' Energie würde er der mächtigste Unsterbliche werden.

Ihre Schwerter trafen sich, sie registrierten nichts mehr um sich herum. Duncan ergriff die Gelegenheit und rannte an den beiden Kontrahenten vorbei zu seiner Frau. Er befreite sie von den Fesseln und stellte sich dann schützend vor sie. Sie versuchte an Duncan vorbeizusehen und einen Blick auf den Kampf zu werfen. Sie hoffte, dass Methos sich nicht überschätzte. Dieser Lucas schien sehr mächtig zu sein.

Doch gegen Methos kam er nicht an. Es wurde allmählich klar, wer die Oberhand gewinnen würde.

„Raus hier, es wird gleich mächtig krachen!“ rief Methos seinen Freunden zu.

Duncan ergriff Mickys Hand und zog sie hinter sich aus der Grabkammer raus.

 

Draußen angekommen warteten sie auf die Übertragung. Es dauerte noch einige Minuten. Duncan warf einen hektischen Blick rüber zu den Steinkreisen. Er hoffte, die Esoteriker würden noch ein wenig auf sich warten lassen. Diese Lightshow würde sonst spätestens morgen in der Zeitung stehen. Und sie drei würden die Hauptrollen spielen. Schwer erklärbar, was zwei angesehene Antiquitäten- und Kunsthändler und ein – was machte Methos eigentlich genau seit er seine Chronik vervollständigt hatte? - hier zu früher Stunde mitten in einem Blitzinferno zu suchen hatten.

Plötzlich züngelten Blitze aus dem Hügelgrab, die MacLeods sprangen ein Stück zurück. Dann tat es einen ohrenbetäubenden Donnerschlag und das Grab explodierte. Micky und Duncan wurden ein Stück weit nach hinten in den Schnee geschleudert. Duncan hatte sich im Augenblick der Explosion schützend über seine Frau geworfen. Eigentlich unnötig, ihr würden nur alle Knochen weh tun. Aber seine Mutter hatte eben einen Gentleman großgezogen. Micky schob Duncan von sich herunter, er lag auf ihrer Brust und schnürte ihr die Luft ab. Duncan stand leicht benommen auf und zog Micky hoch. Hustend kam sie wieder auf die Füße. Sie klopften sich den Schnee von der Kleidung und blickten sich suchend um. Aus dem zerstörten Grab taumelte endlich Methos hervor.

„Los weg hier!“ keuchte er. Duncan trat näher, ergriff Methos' Schwert, reichte es an seine Frau und zog seinen Freund die Stufen hoch. Sie stützten Methos auf dem Weg zum Auto.
„Danke, Methos... Du kanntest ihn, oder?“ fragte Micky, worauf Methos nickte.
„Der Druide, von dem ich euch im Steinkreis erzählt habe. Ich hab ja schon immer geahnt, dass er durchgeknallt war. Ich vermute, er hat diese Show jedes Jahr abgezogen zu den großen Sonnenwendfesten... Tut mir leid, Comtesse. Eigentlich sollte das hier ein vergnüglicher Ausflug werden.“ Sie zuckte die Achseln und grinste.
„Ach, das wäre doch viel zu langweilig geworden. War doch wie in alten Zeiten!“ Sie lachte. „Komm, wir entstauben dich ein bisschen und dann genießen wir das Schauspiel. Da schau, die Sonne geht gleich auf.“ Sie deutete auf Stonehenge, wo sich die ersten Sonnenstrahlen durch den Streiskreis bahnten. Ein neuer Tag hatte begonnen.

 

 

6. Ein unvergessliches Fest

 

Chateau Dubois. Heiligabend.
Sie saßen im Wohnzimmer, wenn man den 50 Quadratmeter großen Saal mit 3,20 Metern bis zur Decke so nennen konnte. Die Räume waren entsprechend dem Baustil riesig. Doch Micky hatte es dank ihrer besonderen Talente geschafft, den Raum heimelig zu gestalten. Das Zentrum bildete der große Kamin, wo ein prasselndes Feuer eine gemütliche Stimmung verbreitete. In der Nähe stand ein Klavier mit einigen Fotografien darauf. Über dem Kamin hing ein Familienportrait, das sie mit ihren Eltern und ihrem Bruder zeigte. In einer kleinen gemütlichen Ecke stand eine kuschelige Sitzgruppe und ein Breitbildfernseher nebst einer kleinen DVD-Sammlung. Auf der Fensterseite stand ein 2,50 Meter hoher Weihnachtsbaum, an dem echte Bienen­wachskerzen brannten und einen angenehmen Duft verbreiteten. Den schönen Baum hatten die Gärtner des Chateaus im nahegelegenen Wald selbst geschlagen und Micky hatte ihn gemeinsam mit Ducan, Methos und Connor geschmückt. Sie hatten sich aufgeführt wie Kinder. Connor hatte Micky mit Lametta beworfen; Duncan und Methos hatten mit den Baumkugeln jongliert, was mit einem Donnerwetter der Hausherrin belohnt wurde. Die Kugeln waren mundgeblasen und über 200 Jahre alt. Kleinlaut hängten sie die kostbaren Schmuckstücke an den Baum, Micky war wieder milde gestimmt.

 

Eben betrat Richie das Wohnzimmer mit einem Arm voller Brennholz. Er klopfte sich den Schnee von den Schuhen und schüttelte sich das weiße Pulver aus den Haaren. Draußen schneite es seit Stunden unablässig. Angus hatten sie fast nicht mehr ins Haus bekommen. Der Hund hatte vergnügt im Schnee getollt und mit Connor und Duncan Fangen gespielt. Methos hatte mit Micky gemeinsam Kakao trinkend die Szene vom Balkon der Bibliothek aus beobachtet. Da sie den Ausflug nach Stonehenge unbeschadet überstanden hatten und auch der Tod von Pierre unter den Tisch gekehrt war, feierten die Freunde recht ausgelassen Weihnachten. Gegen Nachmittag war dann auch endlich Richie aus Paris eingetroffen. Er hatte noch einmal die Buchführung in der Galerie überprüft und sich dann auf den Weg zum Chateau gemacht.

„Warum lässt du das nicht das Personal machen, Richie? Die werden noch Angst haben, dass sie demnächst arbeitslos sind.“
„Ach, ich kann nicht nur rumsitzen. Früher musste ich an Weihnachten immer zusehen, dass ich ein Dach über dem Kopf und was zu essen hatte.“
„Was war das ungewöhnlichste Weihnachten, das du erlebt hast?“ fragte Micky und schenkte sich ein Glas Wein ein.
„Du meinst abgesehen von denen, die ich mit Menschen verbringe, die zwischen 5.000 und 500 Jahre alt sind?“ Er grinste, Micky warf ein kleines Sofakissen nach ihm. „Danke.“ Er stopfte es sich ins Kreuz. Zwischenzeitlich hatte er sich zu ihr auf das gemütliche Sofa aus der Zeit des Sonnenkönigs gesetzt. Jene Epoche hatte Micky besonders gut gefallen und daher hatte sie viele Möbel aus der Zeit in ihr Chateau gebracht. „Also, ich erinnere mich, es war zwei Jahre bevor ich in Duncans Antiquitätenladen eingestiegen bin. Es war saukalt, schneite schon seit Wochen. Ich wusste nicht wohin. Ich lief durch die Straßen und stand plötzlich vor einem Haus, in dem kein Licht brannte. Ich sagte mir, was soll's, die Besitzer sind vielleicht in Urlaub nach Florida geflogen. Also suchte ich mir einen Weg hinein durch eines der Fenster. War ganz leicht. Ich machte mich gleich über den Kühlschrank her, ich hatte ein Sandwich in der Hand und im Mund, als plötzlich das Licht anging. Vor mir stand eine alte Frau, eine nette alte Dame im Morgenrock. Sie lächelte mich an und fragte mich, ob ich Hunger hätte. Ich war so perplex, ich habe nur genickt. Da hat sie mir ein Essen gekocht und Milch und Kekse hingestellt.“ Die anderen bekamen große Augen.
„Sie hat dich nicht der Polizei übergeben?!“ fragte Micky überrascht.
„Nein, sie sagte, es wäre doch Weihnachten. Ich durfte noch zwei Tage bei ihr bleiben und auf der Couch schlafen. Ich hab ein paar Reparaturen an ihrem Haus vorge­nommen und dafür hat sie mir sogar noch ein paar Dollar gegeben. Tja, und bis Mac mich aus der Gosse geholt hat, war das so ziemlich das Netteste, was jemand, bei dem ich ursprünglich eingebrochen bin, für mich getan hat.“ Er lächelte und griff nach der Weinflasche. „Und jetzt du, Micky. Was war dein außergewöhnlichstes Weihnachten?“ Sie warf einen Blick auf Connor und der fing an zu lachen. Richies Blick wechselte zwischen den beiden irritiert hin und her. Doch auch Methos und Duncan grinsten nun. „Hey, ist das ein Insiderwitz oder warum lacht hier jeder außer mir?“
„Mein außergewöhnlichstes Weihnachten habe ich mit Connor verbracht, Richie. Genauer gesagt, ich habe ihn davor bewahrt als Pferdedieb von den Engländern aufgeknüpft zu werden.“ Richie blickte verblüfft zwischen Connor und Micky hin und her. Micky trank noch einen kräftigen Schluck Wein. Ihr Blick schweifte zum Kamin und ihre Gedanken reisten zurück ins Jahr 1635.

 

England. Grafschaft Surrey, Weihnachten 1635.
Michelle befand sich auf einer Rundreise durch Großbritannien. Das Königreich war wirklich faszinierend, besonders die schottischen Highlands hatten es ihr angetan. Jetzt war es Zeit für eine Rast, es schneite und war eisig kalt und dunkel. Micky war durchgefroren. Sie hatte aber immer noch kein Rasthaus entdeckt, daher entschied sie sich Holz zu suchen und ein Feuer zu machen. In ihren Satteltaschen hatte sie noch genug zu essen für sich und das Pferd. Sie stieg ab, legte ihm Fussfesseln an und eine handvoll Hafer vor das Tier. Ziemlich schnell hatte sie genug Reisig zusammen und ein gemütliches, großes Feuer prasselte. In ihren Mantel gekuschelt, aß sie ein paar Äpfel und ein Stück Brot. Seit Nostradamus tot war, führte sie mehr oder weniger ein Nomadendasein, sie streifte durch Europa und war auf der Suche. Doch sie konnte nicht sagen, was sie suchte. In ihrem Inneren gab es eine Leere, die sich nicht mehr ausfüllen ließ, seit der geliebte Seher gestorben war.

In der Nähe hörte sie Männerstimmen, Michelle stand auf und zog aus der Halterung an ihrer Satteltasche ihr Toledo Salamanca hervor. Leise schlich sie in die Richtung, aus der sie die Stimmen gehört hatte. Sie suchte hinter einem Busch Deckung und beobachtete die Szene. Drei englische Soldaten standen herum. Ein verdammt gutaussehnender Mann saß auf einem Pferd, ein Strick hing um seinen Hals. Michelle bemerkte, dass er ein Unsterblicher war. Ihre Blicke kreuzten sich, er lächelte verschmitzt. Er wusste ja, dass er nicht sterben würde. Doch es war unangenehm aufgehängt zu werden, wenn das Genick gebrochen war, dauerte es seine Zeit bis die Belebung einsetzte. Michelle zögerte keine Sekunde. Sie rannte mit gezogenem Schwert aus der Deckung und stürmte auf die völlig überraschten Soldaten zu. Die Engländer wussten gar nicht, wie ihnen geschah. Die Comtesse streckte sie mit jeweils einem Streich nieder. Sie stieg über die drei Leichen hinweg und trat an das Pferd, das schon scheute. Sie redete beruhigend auf das Tier ein, trat dann herum und schnitt dem Unsterblichen die Hände los. Er löste den Strick um seinen Hals und sprang herunter. Elegant verbeute er sich, das lange, braune Haar wurde vom Wind zerzaust.

Connor MacLeod vom Clan der MacLeod.“ Michelle hielt ihre Hand hin, die er charmant küsste.
Comtesse Michelle Dubois aus Frankreich. Ich befinde mich auf einer Rundreise. Mein Lager ist dort vorne.“ Sie deutete zum Schein ihres Feuers. Connor bot ihr galant seinen Arm, sie stiegen über die Leichen hinweg. Mit seiner freien Hand packte er die Zügel und zog das Pferd hinter sich her. „Sir, warum wollten die Engländer Euch aufhängen?“ Er grinste frech.
Ich bin ein Pferdedieb.“ Er lachte über ihren verblüfften Gesichtsausdruck und zuckte entschuldigend mit den Schultern.

Michelle teilte ihre Vorräte mit Connor und die ganze Nacht hindurch erzählten sie sich von ihrem bewegenden Leben. Irgendwann legte sie sich in ihre Mäntel gehüllt und sich gegenseitig wärmend schlafen.

Danke, dass Ihr mich gerettet habt, Comtesse.“ Sie lächelte.
Gern geschehen, Highlander. Bon Noel, fröhliche Weihnachten.“

 

„Und jetzt du Methos. Dein außergewöhnlichstes Weihnachten.“ Richie hielt ihm die Rotweinflasche hin. Methos starrte darauf und fing dann auch an zu lachen. Er warf einen Blick auf Micky, die ahnte schon, was er dachte. Sie stöhnte theatralisch auf. „Was ist denn? Erzähl schon, Methos“, drängelte Richie.
„Darf ich, Comtesse? Du spielst ja immerhin eine der Hauptrollen.“ Eine leichte Röte hatte sich auf ihre Wangen geschlichen. Sie breitete eine Decke über sich aus und blickte verlegen zu Duncan, der die Geschichte auch noch nicht kannte. Es war schon ein wenig kompliziert, Weihnachten zu feiern mit den drei Unsterblichen, mit denen man im Laufe der Jahrhunderte abwechselnd das Lager geteilt hatte. Schließlich nickte sie einverstanden. Duncan würde schon damit klar kommen.
„Also gut, mein außergewöhnlichstes Weihnachten erlebte ich 1795 in Charleston.“

 

Nordamerika, Charleston, Weihnachten 1795.
Methos lebte in der Nähe von Charleston als Besitzer einer ansehnlichen Baumwoll­plantage. Anders als die meisten Plantagenbesitzer behandelte er die Sklaven überaus fair. Niemand wurde geschlagen, alle hatten genug zu essen. Die Plantage warf genug ab, damit Methos ein überaus priviligiertes Leben führen konnte. Gelegentlich wurde ihm angetragen zu heiraten. Doch Methos hielt es wie die meiste Zeit seines Lebens, warum die Kuh kaufen, wenn man die Milch so haben konnte? Er hatte eine Art, die ihm alle Frauen zu Füßen legte. Derzeit war seine Favouritin die Ehefrau eines Nachbarn. Die beiden verhielten sich sehr diskret, die Sklaven waren zum Stillschweigen ermahnt.

Im Augenblick lag die süße Annabell Slaughton in seinem Bett und brach gerade begeistert die Ehe mit ihm.

Einen Moment später klopfte es an der Schlafzimmertür. Methos schnaubte ungehalten, zog sich aber ein Hemd über und bat den Wartenden herein. Es war sein Majordomus Noah.

Was ist denn, Noah?“
Master, in der Halle wartet eine junge Herrin auf Euch.“ Methos grinste, das wurde ja immer besser. Annabell war noch nicht mal weg, da wartete schon die nächste Südstaatenschönheit auf ihn.
Gut, ich komme.“ Er schloss die Tür und drehte sich zu Annabell um. „Meine Liebe, ich habe Besuch bekommen. Wir verschieben unsere Unterhaltung auf morgen Abend. Ich schicke dir Eve, sie hilft dir mit dem Korsett.“ Sie nickte einverstanden und suchte ihre Kleider zusammen.

Methos zog sich rasch an und eilte runter. Nichts in der Welt hätte ihn auf die Begegnung vorbereiten können, als er gut gelaunt seine Bibliothek betrat. Er merkte, dass sie eine Unsterbliche war.

Den Hausherren ignorierend stand die Besucherin mit dem Rücken zur Tür und stäberte in seinen Büchern.

Interessiert Ihr Euch nur für meine Bücher?“ Sie drehte sich um, das blaue Reisekleid fegte über den Steinboden und wehte einige kleine Staubflusen auf. Ihre braunen Locken waren angemessen unter einer Haube verborgen, die Wangen leicht gerötet.
Hallo, Methos.“
Jetzt muss ich mich setzen. Himmel noch eins, mit jeder Frau aus der Nachbarschaft von Charleston hätte ich gerechnet, aber nicht mit dir!“ Er plumpste in den Sessel und griff nach einer der zahlreichen Karaffen.
Bietest du mir auch ein Glas an?“
Natürlich. Was bei allem, das mir nicht heilig ist, führt dich nach Charleston, hochverehrte Comtesse Dubois? Oder wie du im Moment heißen magst?“ Methos reichte ihr ein Glas, sie setzte sich. Der blaue Samtstoff stand ihr unverschämt gut, betonte ihre Augen und verlieh ihr etwas Geheimnisvolles.
Michelle Dante heiße ich im Moment, Mister Adam Lawson. Ich komme direkt von den Westindischen Inseln. Nachdem der Unabhängigkeitskrieg so gut für Amerika ausge­gangen ist, dachte ich, ich versuche mal hier mein Glück. Und du beglückst, wie ich in Charleston hörte, jede Frau, die einen Fuß über deine Schwelle setzt?!“ Sie sah ihn überaus provozierend und auch ein wenig kokett an, wie sie das Sherryglas mit ihren behandschuhten Fingern festhielt, den kleinen Finger elegant abgespreizt.

Bevor Methos antworten konnte, ertönte draußen ein Höllenlärm. Er sprang vom Sessel auf, als er Annabell schreien hörte. Michelle war ihm dicht auf den Fersen, als er in die Eingangshalle stürmte. Beide zuckten zusammen, ein Unsterblicher war gekommen. Er hielt die kleinen Hände von Annabell umklammert, zerrte sie in Richtung der Tür und beschimpfte die Frau wüst.

Sir, haltet ein! Was erlaubt Ihr Euch in meinem Haus?“
Was erlaubt Ihr Euch mit meiner Frau, Sir?“ Michelle entfuhr ein Lachen. Methos drehte sich um und warf ihr einen bösen Blick zu. Sie trat diskret zur Seite, damit er sein Schwert holen konnte.
Ich nehme an, Ihr verlangt Satisfaktion. Hier entlang bitte, Mister Slaughton.“ Er führte den Unsterblichen zur Tür hinaus und hinter das Haus. Michelle empfahl der jungen Dame im Haus zu warten. Sie wusste nicht, ob diese von der Unsterblichkeit ihres Gatten etwas ahnte. Sicherheitshalber ging Michelle zu ihrer Kutsche und holte aus ihrem Koffer, den ein Sklave bereits abgeladen hatte, ihr Toledo Salamanca hervor. Sie fluchte, weil sie ihr bestes Reisekleid trug, es hatte ein Vermögen gekostet. Doch falls der hitzköpige, gehörnte Ehemann zu gut für Methos war, musste sie sich seinen Kopf holen. Das stand ganz außer Frage.

Sie bog um die Ecke und hörte, wie die beiden Kontrahenten sich höflich vorstellten.

Ich bin Methos, falls Sie schon einmal von mir gehört haben?“
Soll ich mich jetzt geehrt fühlen, weil eine Legende meine Frau verführt hat? Dafür, dass Ihr so alt seid, habt Ihr keinen Funken Moral im Leib! Ich bin im übrigen Michael Slaughton aus Irland. Zwar nicht so alt wie Ihr, Methos, doch mit wesentlich mehr Ehrgefühl und Anstand!“ Er zog sein Schwert und griff Methos an. Dieser sprang mit einem Satz zurück und parierte den Schlag. Michelle lehnte sich entspannt an die kühle Wand des Haupthauses. Der Kampf war überaus unterhaltsam. Michael Slaughton ließ sich von seiner Wut leiten, ein großer Fehler. Eines hatte Michelle in den vergangenen zwei Jahrhunderten gelernt, niemals wütend in einen Kampf gehen. Während sie noch darüber sinnierte, führte Methos einen sauberen Schlag aus. Der Torso von Slaughton sackte zusammen und fiel vorne über.

Auch wenn er laut seiner Aussage nicht so alt war wie Methos, musste er doch viele Begegnungen gewonnen haben. Die Energieentladung war gigantisch. Die lilafarbenen Blitze tauchten die Plantage in helles Licht, das noch etliche Meilen weit zu sehen war.

 

Wenig später ging Michelle zu Methos und half ihm auf die Füße, sein Hemd war zerfetzt, er hatte eine klaffende Wunde auf der Brust.

Da siehst du, was passiert, wenn man sich mit verheirateten Frauen einlässt, Methos!“
Ich bin im Moment außerstande dir zu widersprechen, verehrte Comtesse. Würdest du mich freundlicherweise ins Bett schaffen?“
Ist das eine Einladung?“ Sie grinste amüsiert und hatte nichts dagegen ihre Beziehungen aus Madrid wieder aufzunehmen.
Wenn du mir meine Vergangenheit als Reiter der Apokalypse nicht mehr übel nimmst?“
Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, Methos. An ein bisschen Spaß um der alten Zeiten Willen hätte ich nichts auszusetzen. Sieh es als Weihnachtsgeschenk.“ Sie legte seinen Arm um ihre Schulter und stützte ihn auf dem Weg zum Haus.

 

„Na, das nenne ich eine Bescherung, was bekomme ich denn später?“ fragte Duncan lachend. Zur Antwort warf ihm seine Frau ein weiteres Sofakissen entgegen. Genau wie Richie fing er es auf und steckte es hinter sich.

Methos hatte sich verlegen eine Zeitung gegriffen und blickte konzentriert darauf.

Wenigstens nahm Duncan die Geschichte mit Humor und Richie drängte schon darauf dessen ungewähnlichsten Weihnachtsabend zu erfahren. Duncan räusperte sich verle­gen und rutsche unruhig auf dem Sofa auf und ab. Connor grinste breit über sein ganzes Gesicht.

„Na los, Duncan, nichts so schüchtern. Ich bin sicher, deine Frau möchte die Geschichte mit Miss Kissy Malloy überaus gerne hören!“ Micky setzte sich auf und blickte ihm amüsiert und auch überaus interessiert entgegen.
„Also gut, mein ungewöhnlichstes Weihnachtsfest erlebte ich in Paris. Ich befand mich auf meiner ersten Reise. Connor hatte mich 1631 losgeschickt die Welt zu entdecken. Und wer bin ich denn, dass ich eine Empfehlung meines geschätzten Cousins in den Wind schlage?“

 

Frankreich, Paris, Weihnachten 1634.
Duncan war gerade in Paris angekommen und machte sich auf die Suche nach einer Unterkunft. Er entdeckte ein Kloster und hoffte die freundlichen Mönche würden ihm ein Gasthaus empfehlen.

Tut mir leid, Monsieur MacLeod. Mit diesen weltlichen Dingen kenne ich mich nicht aus. Aber wenn Ihr möchtet, könnt Ihr hier morgen an der Messe teilnehmen. Wenn Ihr vorher beichtet, könnt Ihr die Sakramente empfangen. Daran liegt Euch doch sicherlich viel so fern der Heimat?“ Sein Blick durchbohrte Duncan fast, der räusperte sich kurz und brachte gerade mal ein „Aye“ heraus. Der Mönch klopfte ihm freundlich auf die Schulter. „Gut, sehr gut. Dann zeige ich Ihnen anschließend ein paar interessante Plätze in dieser herrlichen Stadt.“

 

Richie rollte mit den Augen und rief: „Toll, Seightseeing mit einem Mönch! Ehrlich, Mac, wie ungewöhnlich kann das schon sein?“ Micky hätte eigentlich mal wieder einen Vortrag über die Ungeduld der Jugend halten können.
Stattdessen rief sie: „Richie, alle die jünger als zweihundert Jahre alt sind, halten die Klappe!“ Die anderen lachten, Richie ließ ein sehr schottisches „Mmpfh“ vernehmen, was Connor und Duncan losprusten ließ. Der Junge verbrachte ganz eindeutig zuviel Zeit mit den beiden.

 

Duncan ließ das Kloster hinter sich und erkundete Paris erst einmal auf eigene Faust. Er sprach einige Bewohner an und fragte nach einem Gasthaus. Seine fremdartige, schottische Kleidung ließ die meisten verschreckt das Weite suchen. Er hatte die Hoff­nung fast schon aufgegeben, da rannte ein hübsches Mädchen in seine Arme. Er ver­beugte sich elegant.

Verzeiht, Mademoiselle. Mein Name ich Duncan MacLeod und ich suche eine Unter­kunft für heute Nacht.“ Sie lächelte ihm kokett entgegen und schwang spielerisch ihre Hüften. Sie musterte ihn und schätzte die Lage ab. Schließlich ergriff sie seinen Arm und zog ihn mit sich.
Dann kommt, Monsieur MacLeod. Ich weiß, wo Ihr schlafen könnt.“ Er lächelte dankbar und ließ sich von ihr zu dem erhofften Gasthaus führen.

Das junge Mädchen stellte sich ihm als Kissy Maloy vor. Sie war Irin und vor Jahren mit ihrer Familie nach Frankreich ausgewandert. Die harten Winter auf der grünen Insel trieben viele Familien fort oder in den Hungertod.

 

Endlich hatten sie das Gasthaus erreicht. Kissy führte Duncan sogleich hoch in den ersten Stock. Dort angekommen ließ sie eine Wanne mit heißem Wasser füllen und Duncan setzte sich in das dampfende Bad.

Er genoss es sichtlich von der jungen Dame verwöhnt zu werden. Es wunderte ihn zwar ein wenig, dass sie einem Fremden gegenüber so offenherzig war. Doch er vermutete dahinter schlicht die französische Lebensweise.

Während er sich abtrocknete, deckte Miss Maloy den Tisch. Duncan zog sich an und machte sich mit einem Bärenhunger, der für einen Hochlandschotten typisch war, über das Essen her.

Als Duncan sich den Mund abwischte, nestelte die junge Frau an ihrem Kleid herum. Sie zog die Schnüre auf und stand schließlich nackt vor ihm. Die langen, blonden Locken vielen über ihre zarten, kleinen Brüste. Er seufzte zufrieden und legte sein Schwert ab.

Später lagen die beiden Arm in Arm neben einander und Duncan murmelte verschlafen: „Ah, ich liebe Frankreich.“

 

Am nächsten Morgen stand er zeitig auf und zog sich leise an. Er wollte seine Verabredung mit dem freundlichen Mönch keinesfalls verpassen. Kissy wachte auf und blickte ihn fragend an.

Wo willst du hin, Duncan?“ Er erklärte es ihr. „Oh gut, aber vorher musst du bei Monsieur Tremille noch die Rechnung bezahlen. Du hattest mich die ganze Nacht.“ Er blickte sie verwundet an. Sie lächelte freundlich. Schließlich schlug sich Duncan an die Stirn. Das war kein Gasthaus, er hatte sich in ein Freudenhaus führen lassen. Und jetzt wartete die Beichte auf ihn. Sein Gesicht lief rot an, er stammelte ein paar Abschieds­worte und nahm die Beine in die Hand. Im Erdgeschoss bezahlte er noch schnell Monsieur Tremille und war auf und davon.

 

Micky kugelte sich vor Lachen. „Ah, ich liebe Frankreich!“ ahmte sie ihren Mann nach. Sie prustete und schnappte nach Luft. „Wie kann man nur so von sich selbst überzeugt sein? Kommt in Paris an und meint, alle Frauen liegen ihm zu Füßen! Herrlich!“ Duncan sprang auf und gestikulierte mit den Armen. Methos lugte grinsend über die Tageszeitung hinweg.
„Und was ist mit Methos, dem werfen sich die Frauen haufenweise an den Hals! Warum sollte mir das nicht auch so gehen?“ Nun grinste Methos, ein Lob ließ er sich natürlich gerne gefallen. Doch zu früh gefreut.
„Ja, natürlich. Aber Michael Slaughton wollte seinen Kopf dafür, dass er dessen Frau verführt hat. Und wen hatte er an diesem Abend letztendlich ins Bett gekriegt? Mich. Keine neue Eroberung, eine alte Flamme. Meine Herren, ihr müsst noch viel über Frauen lernen!“ Methos schob seinen Kopf wieder Schutz suchend hinter die Zeitung.

Im selben Moment ging die Tür zum Wohnzimmer auf und Yvette meldete, dass das Abendessen serviert sei. Sie wünschte den Herrschaften „Fröhliche Weihnachten“ und empfahl sich.

 

 

7.  Die ägyptische Priesterin

 

Frankreich, Paris, Neujahrmorgen.
Es hatte wieder geschneit über Nacht, die Stadt der Liebenden lag unter einer bezaubernden, weißen Puderzuckerdecke.

In Mickys Galerie hatte gestern eine kleine Silvester-Vernissage stattgefunden. Jetzt war sie mit Methos zusammen auf dem Weg in eine kleine Brasserie, wo sie mit Duncan, Connor und Richie gemeinsam frühstücken wollten. Micky hatte Methos in seiner Wohnung in der Rue Mallet-Stevens abgeholt und die Gelegenheit für einen kleinen Spaziergang genutzt.

 

Die Luft war klar und eisig, die Sonne spiegelte sich auf der Seine. Arm in Arm schlenderten die beiden am linken Fluss-Ufer entlang. Wer sie nicht kannte, konnte meinen sie wären frischverliebt. Doch es war nur äußerer Schein. Spätestens nach ihrer neubelebten Affäre 1795 hatten Methos und Micky erkannt, dass es immer genau das bleiben würde - eine Affäre. Sie gingen jeder ihrer Wege und waren fortan die allerbesten Freunde.

 

„Weißt du, so friedlich kann es von mir aus die nächsten 500 Jahre bleiben. Eine Woche ohne Duelle ist eine gute Woche.“ Methos grinste über den Kommentar seiner Freundin.
„Da hast du...“ Methos erstarrte. Micky sah in die selbe Richtung wie er. Bis eben hatte sie ihren Blick über die Seine schweifen lassen.
„Was ist, Methos?“ Er gaffte mit heruntergefallener Kinnlade unbeirrt auf eine überaus attraktive Frau. Sie hatte langes, schwarzes Haar und grüne katzengleiche Augen. Ihre tolle Figur, an die er sich sofort erinnerte, hatte sie unter einem dicken Pelzmantel versteckt und vermutlich auch ihr Schwert. Sie war eine Unsterbliche, die er leider nur allzu gut kannte. Micky registrierte ihre Unsterblichkeit und dachte: ‚Soviel zu den guten Wochen ohne Duelle.’

„Hallo, Methos.“ Ihre Stimme wehte betäubend rüber wie das schwere Parfum, das sie aufgelegt hatte. Er stöhnte auf.
„Hallo, Isis.“ Micky blickte von Methos zu der geheimnisvollen Isis und zurück zu ihrem Freund.
„Methos, wer ist das?“ Isis trat einige Schritte auf Micky zu und streckte die Hand aus.
„Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle. Mein Name ist Isis, aber offiziell nenne ich mich Imogen Sanders. Ich bin Methos’ Ehefrau!“ Micky schüttelte ihre Hand wie in Zeitlupe und blickte immer wieder zwischen den beiden hin und her. Das war ja mal ein erfrischender Jahresbeginn – so voller Überraschungen. Methos flehte gedanklich: ‚Komm nicht auf Ideen, Comtesse. Halt einfach deinen kleinen, süßen Mund.’ Doch Micky wäre nicht Micky, wenn sie sich daran halten würde. Sie ließ Isis’ Hand wieder los und stellte sich nun ebenfalls vor.
„Ich bin die Comtesse Michelle Dubois. Offiziell, wie so schön sagten, nenne ich mich Micky MacLeod.“
„Interessant, wieso gerade ein schottischer Name?“
„Nun, ich bin mit einem Schotten verheiratet.“ Isis stutzte.
„Aber Methos ist doch kein Schotte.“ Micky verstand und lachte los, was mit bösen Blicken von Seiten ihres Begleiters belohnt wurde.
„Was ist an der Vorstellung mit mir verheiratet zu sein so komisch, wehrte Comtesse?!“ Micky sah ihn an und lachte wieder los.
„In Tausend Jahren nicht, Methos!“ Sie wischte sich einige Tränen weg.
„Und was war 1687 und 1795?!“ Er stemmte die Arme in die Seite und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Wie das Strafgericht Gottes blickte er auf Micky herab.
„Tja, da habe ich wohl mit mehr als einem Mann die Ehe gebrochen... 500 Jahre sind verdammt lange, um permanent moralisch einwandfrei zu handeln. Isis, darf ich Sie zum Frühstück einladen? Mein Mann und unsere Freunde würden Sie sicherlich gerne kennen lernen.“ Methos stöhnte erneut auf. Er konnte sich nur zu gut vorstellen, wie Duncan und Connor ihn damit aufziehen würden.
„Sehr gerne, aber bitte nennen Sie mich Imogen. Die ägyptischen und sumerischen Namen sind doch so was von aus der Mode.“ Sie warf einen süffisanten Blick auf Methos, der ließ die Stichelei nicht unbeantwortet im Raum stehen.
„Ach, weißt du, nach 5.000 Jahren gewöhnt man sich an den Namen, Isis“, sprach’s im Hinblick auf das fast gleichhohe Alter seiner Gattin und zog Micky vorwärts. Sie schüttelte mit dem Kopf und fing wieder an zu lachen.

 

Sie gingen einige Minuten schweigend weiter und mit einem gewissen Abstand zu Isis. Mickys Verstand ratterte wie ein Uhrwerk, während sie zahlreiche kleine Geschäfte passierten.

„Du bist also...“
„Ja“, unterbrach er sie, sie grinste. Die Situation war einfach zu köstlich.
„Wann hast du....“
„2116 vor Christus im alten Ägypten.“
„Und Isis war damals...“
„Eine Priesterin der gleichnamigen Göttin. Könntest du die Fragerei jetzt bitte lassen?! Ich muss erst einmal verdauen, dass sie wieder da ist.“ Sie nickte, noch immer grinsend.
„Eine letzte Frage noch, wann hast du sie das letzte Mal gesehen?“ Methos seufzte genervt.
„Vor ca. 2.500 Jahren. Wegen ihr bin ich nach England abgehauen. Verdammt, ich weiß nicht, wie sie mich gefunden hat.“ Sie liefen an einem Antiquitätenhändler vorbei. Der Blick auf die ägyptischen Götterbüsten brachte die Erinnerung an ihre erste Begegnung wieder ans Tageslicht.

 

Ägypten, Waset (Theben), 2116 vor Christus.
Methos schlenderte durch die Straßen von Waset, dem künftigen Theben. Überall wurde gefeilscht, geschrieen, Hühner gackerten aufgeregt. Neben ihm schritt sein Freund Jokser, ein Soldat der ägyptischen Palastwache.

Im nächsten Moment ertönten Fanfaren. Jokser zog seinen Freund von der Straße weg. Als er Methos’ fragenden Blick sah, deutete er nach links. Dort erschien eine reich verzierte Sänfte, getragen von vier muskulösen dunkelhäutigen Sklaven. Methos zuckte gelangweilt die Achseln, wieder irgend eine augenscheinlich wichtige Persönlichkeit. Er war unbeeindruckt. Dies änderte sich jedoch, als die Sänfte an ihm und Jokser vorbei getragen wurde. Der Vorhang war ein Stück verrutscht und gab einen Blick auf den Passagier frei. Methos verschlug es den Atem. Sie war die schönste Frau, die er jemals in seinem Leben gesehen hatte. Ihr schwarzes Haar war mit Goldstaub überzogen. Sie trug einen weißen Hauch von Nichts, der einen großzügigen Blick auf ihre wohlgeformten Brüste freigab. Sie registrierte Methos und Jokser, nickte gönnerhaft und lächelte.

Die Sänfte war vorüber gezogen und Methos schüttelte seinen Freund am Arm.

Wer war das?“ stammelte er liebestrunken.
Die Priesterin Isis. Aber lass die Finger von ihr, Methos. Sie wird dein Untergang sein. Kein Mann ist ihr gewachsen. Sie kaut auf ihnen herum und spuckt nur ihre Knochen wieder aus.“ Methos lachte amüsiert.
Das hat doch durchaus etwas Reizvolles, Jokser!“ Er schlug seinem Freund auf die Schulter und zog ihn in das nächste Wirtshaus.
Wenn du dich da mal nicht täuschst, Methos. Wenn du dich da mal nicht täuschst.“

 

Hätte er damals doch nur auf Jokser gehört. Doch liebestoll wie er gewesen war, war er geradewegs in ihre Venusfliegenfalle getorkelt.

 

Sie hatten die Brasserie erreicht, Richie winkte ihnen aufgeregt zu. Er hatte gestern Abend persönlich ein teures Gemälde an einen der hiesigen Sammler verkauft und war verständlicherweise allerbester Stimmung. Die Provision war bombastisch. Micky gönnte es Richie von Herzen. Die Arbeit in der Galerie machte ihm sichtlich Spaß, er hatte sogar sein Nomadendasein aufgegeben. Und er konnte sich mit dem Geld eine finanzielle Grundlage schaffen, was gerade am Beginn einer unsterblichen Existenz sehr wichtig war. Micky und Duncan hatten soviel Vermögen, letztlich auch durch Mickys Adelstitel, dass sie auf die Provisionen gut und gerne verzichten konnten.

Methos wollte Micky am Arm packen und sie daran hindern mit der Geschichte über Isis sofort ins Haus zu fallen. Doch Micky schien die Lunte gerochen zu haben. Sie machte einen Satz nach vorne und war schon in die Brasserie geschneit. Duncan, Connor und Richie registrierten sofort, dass hinter den beiden noch ein dritter Unsterblicher kommen musste.

Ehe Methos auch nur einen Ton sagen konnte, donnerte Micky auch schon los: „Ihr glaubt nicht, wer uns über den Weg gelaufen ist. Isis, das sind mein Mann Duncan MacLeod, sein Cousin Connor MacLeod und unser Freund Richie Ryan. Männer, das ist Isis oder wie es gerne hätte Imogen. Methos’ Ehefrau.“ Die Gesichter der drei waren zum Schreien. Das Lächeln verschwand, die Mundwinkel machten einem erstaunten Gesichtsausdruck Platz. Im nächsten Moment kräuselten sich die Lippen von Duncan und Connor zu einem Lachen. Klugerweise räusperten sie sich schnell, so dass es darin unterging.

„Hey Methos, wo und wieso hast du eine so scharfe Frau vor uns versteckt?!“ fragte Richie.

Nun konnte Micky sich nicht mehr halten. Sie lachte los und flitzte zur Damentoilette, um sich frisch zu machen.

Ganz unten in einer Pyramide, lag es Methos auf der Zunge. Stattdessen erklärte er: „Wir leben getrennt. Seit 2.500 Jahren.“ Er blickte giftig in Isis’ Richtung, als er die Jahre ihrer Trennung benannte.
„Du hast mich sitzen lassen, Methos“, verteidigte sie sich, zog einen süßen Schmollmund und nahm Platz.
„Du hast mich mehr als einmal fast meinen Kopf gekostet. Dass ich so alt geworden bin, verdanke ich einzig der Tatsache, dass ich dich verlassen habe!“ bemerkte er und hängte ihren Pelzmantel an der Garderobe auf.
„Warum lasst ihr euch nicht scheiden?“ fragte Richie nun.
„Erklär doch mal einem Scheidungsrichter, dass du die Ehe mit einer ägyptischen Priesterin wegen unüberbrückbarer Differenzen beenden willst, die zu allem Überfluss im Jahr 2116 vor Christus geschlossen wurde. Wir haben ja noch nicht mal eine Heiratsurkunde. In irgendeinem Museum liegt vielleicht noch der Papyrus, auf dem steht, dass ich als Mitgift ihrem Tempel 20 Schafe und eine Kuh gespendet habe. Das ist aber auch schon alles. Nein, solange nicht einer von uns den Kopf verliert, ist diese Ehe leider rechtsgültig.“ Isis streckte die Hand aus und wollte Methos’ Haare verstrubbeln wie früher. Er fing die Hand mit den langen, roten Fingernägeln ab und schlug sie zurück. „Führe mich nicht Versuchung, Weib!“ Zur Unterstreichung seiner Worte legte Methos die Hand auf sein Schwert und zeigte es ihr. Beleidigt verschränkte Isis die Arme vor der Brust und bestellte ein Glas Champagner.
„Wieso habt ihr euch denn getrennt?“ wollte Micky wissen, die von ihrer Flucht auf die Damentoilette zurückgekehrt war. Sie setzte sich neben Duncan und gab ihm einen Begrüßungskuss. Fann lehnte sie sich auf die andere Seite und schenkte auch Connor drei Küsschen. Richie umarmte sie über den Tisch hinweg. Somit war die Begrüßung abgehandelt, das Frühstück im Kreis der Familie konnte beginnen.

Micky schätzte diese Familientreffen sehr. Connor hatte sich sogar ein Zimmer im Chateau ganz nach seinem Geschmack eingerichtet und lebte jetzt mit ihnen zusammen. Er war das Herumziehen satt und hatte sich dazu entschlossen sich in der unmittelbaren Nähe seiner Familie niederzulassen. Richie bewohnte das Loft in Montmatre und leistete hervorragende Arbeit in Mickys Galerie. Das Leben war herrlich. Doch Methos machte ihm Moment nicht den Eindruck, als wäre er ebenfalls dieser Meinung.

 

Ein Kellner brachte eine Kanne Kaffee und eine Platte mit ofenfrischen Croissants. Micky griff nach den duftenden Hörnchen und meinte mit einem verklärten Blick, der in Duncans Richtung ging: „Ah, ich liebe Frankreich.“ Er zog ein Gesicht, Connor und Richie lachten. Seit dem Weihnachtsabend war dieser Satz zu einem geflügelten Wort innerhalb der Clique geworden. Wenn einer von ihnen etwas toll fand, versuchte er Duncan möglichst perfekt nachzuahmen. Das ganze natürlich möglichst auch in dessen Gegenwart.

„Wieso lachen Sie alle?“
„Isis, das war so...“ setzte Methos an.
„Ist doch jetzt egal, alter Junge. Du wolltest uns gerade erzählen, wieso du und Isis euch getrennt habt“, lenkte Duncan erfolgreich von seinem amourösen Abenteuer in dem Pariser Freudenhaus ab.

Methos blickte ihn böse an, er war dankbar über die Ablenkung gewesen. Doch anscheinend kam er nicht darum herum. Er trank einen Schluck Kaffee und erzählte.

 

Ägypten, Theben, 495 vor Christus.
Methos hatte die Nase gestrichen voll von Isis und ihren Allüren. Ständig machte sie Schwierigkeiten. Sie legte sich mit irgendwelchen Unsterblichen an, und Methos musste sich dann mit ihnen duellieren. Natürlich war es gut, dass er durch die Begegnungen immer mächtiger wurde. Doch ein paar Mal war es für ihn echt knapp gewesen. Isis tat jedes Mal so, als wäre nichts. So ging das schon seit ihrer Heirat im Jahr 2116 vor Christus. Er hatte nicht auf Jokser gehört und sich direkt vor ihre Füße geworfen. Isis war natürlich angetan von dem jungen Mann, der sogar eine zeitlang in der Gunst des Pharaos Djer gestanden hatte und von dem unsterblichen Herrscher gebeten worden war, dessen Nachfolge anzutreten. Inzwischen warf ihm Isis jedoch bei jedem Streit vor, dass er ein Königreich weggeworfen hätte, weil er nach Djers Tod einfach untergetaucht war.

 

Gerade rauschte Isis mit wehenden Gewänder in ihr Schlafgemach. Methos war dabei seine Kleider und persönliche Sachen in eine Tasche zu packen. Er schulterte sie und drehte sich zur Tür.

Wo willst du hin, Methos?“ Sie versuchte ihn mit ihren grünen Katzenaugen zu verzaubern. Anders konnte er sich nicht erklären, wie er sie überhaupt hatte heiraten können. Es musste ein Zauber dahinter stecken.
Ich verlasse dich, ich habe die Nase gestrichen voll. Du machst nur Ärger, Weib! Du kannst alles behalten. Mach dir eine schöne ewige Existenz damit. Wobei, so wie du dich permanent in Duelle verstrickst und ich nicht mehr da sein werde, um dir deinen hübschen Hals zu retten, kann das mit der Ewigkeit nicht allzu weit her sein!“ Mit diesen Worten schob er sich an Isis vorbei, eilte zum Hafen und bestieg ein Schiff, das ihn auf die andere Seite des Meeres tragen sollte.

 

„Aber du siehst, ich habe eine ganz schön lange Zeit überlebt.“
„Ja, womit wir bei der Frage wären, was du von mir willst? Das ganze Vermögen kannst du unmöglich durchgebracht haben. Also?“
„Ich habe da ein kleines Problem. Klitzeklein, eigentlich unbedeutet.“ Sie hielt ihre langen, dünnen Finger dicht bei einander und unter Methos’ Nase.
„Wenn du nicht augenblicklich deine roten Krallen aus meinem Gesicht nimmst, meine liebe Gattin, hacke ich dir die Hände ab.“ Sie zog die Hand weg und rümpfte beleidigt die Nase. „Und jetzt sag, was ich für dich tun soll. Ich stehe ja leider in deiner Pflicht.“ Sie lächelte, so gefiel ihr das schon viel besser. Micky kam ein bekannter Spruch in den Sinn: Trau niemals einer lächelnden Katze. Wenn Isis lächelte, war - nach Methos’ Reaktion zu schließen – Ärger im Anmarsch.
„Ich hab ein kleines Problem. Ein Unsterblicher namens Amun-Men-Refi hat mir vor zweitausend Jahren etwas gestohlen. Jetzt habe ich ihn aufgespürt und es mir zurückgeholt. Er ist er auf der Suche nach mir und will es wieder haben. Und er will meinen Kopf.“ Methos schnaubte. Typisch. Er hatte es gewusst, er hätte sie in die Seine werfen und dann verschwinden sollen.
„Nein.“
„Methos, bitte. Es ist das letzte Mal. Ehrlich. Danach verschwinde ich und du siehst mich nie wieder.“ Sie blickte ihn eindringlich an.
„Das hat man von Napoleon auch behauptet und er kam von Elba zurück und riss Europa ins Chaos.“ Er schüttelte den Kopf und verschränkte abwehrend die Arme vor der Brust.
„Ich bin aber nicht Napoleon.“
„Ja, du bist größer, attraktiver und viel gefährlicher als er! Nein, sage ich.“ Damit stand er auf und verließ die Brasserie.

 

Micky und die anderen hatten die Szene fasziniert beobachtet und dabei ihre Croissants mehr auf den Tellern herumgeschoben, als dass sie tatsächlich davon gegessen hätten.

Jetzt herrschte betretenes Schweigen am Tisch. Schließlich räusperte Duncan sich und erklärte abwiegelnd: „Der beruhigt sich schon wieder, Is... Imogen. Ich fahre nachher zu seiner Wohnung und rede mit ihm. Haben Sie eine Unterkunft?“ Sie schüttelte den Kopf. „Wo bringen wir sie unter, Micky? Sie braucht offensichtlich Schutz.“ Micky war von der Galanterie ihres Mannes ein klein wenig genervt. Sie wollte gerade erwidern, dass die gute Frau ihre Duelle gefälligst selbst bestreiten sollte. Doch sie verkniff es sich. Immerhin hatte sie Isis angeschleppt.
„Bring sie ins Chateau und ich rede mit Methos. Ich glaube, ich bin ein klein wenig feinfühliger als ein Mann.“ Sie trank ihren Kaffee aus und eilte hinter Methos her.
Connor lachte und schüttelte den Kopf. „Was ist denn?“ fragte ihn sein Cousin.
„Deine Frau und feinfühlig! Das ist gut! Seit ich sie kenne, fällt die gute Comtesse buchstäblich bei jedem mit der Tür ins Haus!“ Duncan musste ihm zustimmen und grinsend an seine erste Begegnung mit der Comtesse denken, die in einem Duell und einer heißen Liebesnacht geendet hatte.
Connor ergriff sein Champagnerglas und prostete Duncan auf schottisch zu: „Slàinte! Auf die feinfühlige Comtesse. Oder um es mit deinen Worten zu sagen: Ah, ich liebe Frankreich!“ Dann hob er auch schon die Hand und bestellte beim Kellner noch einmal Champagner. Wer das Zitat unbedingt bringen musste, hatte eine Runde zu spendieren. Micky war vorhin die erste gewesen. Aber eine Runde Champagner war Duncans rote Ohren auf jeden Fall wert.
Duncan hob sein Glas. „Auf die Frauen, die uns mit ihrer Liebe in den Wahnsinn treiben, Slàinte!“ Dabei blickte er spöttisch grinsend zu Isis herüber.

 

Währenddessen eilte Micky durch die Straßen von Paris und suchte Methos. Sie ging den Weg zurück zu seiner Wohnung ab.

Dann entdeckte sie ihn, wie er sich über die Brüstung einer Brücke beugte und auf das glitzernde Wasser starrte.

„Lass es, du holst dir nur einen Schnupfen, mehr nicht. Kein Gewässer auf diesem Planeten kann uns gefährlichen werden. Und schon gar nicht die gute, alte Seine.“ Er drehte sich um, sagte aber nichts. „Methos, tut mir leid, hätte ich gewusst, dass diese Frau nur Ärger macht, hätte ich sie nicht eingeladen.“ Er lachte.
„Michelle, du machst auch nur Ärger, aber ich habe dich in Madrid trotzdem gerettet. Sie ist meine Ehefrau, natürlich helfe ich ihr. Eine Ehe schließt man nicht leichtfertig. Schon agr nicht unter Unsterblichen, das solltest du wissen! Ich hatte nur gehofft, dass sie sich nach 2.500 Jahren ein klein wenig geändert hat.“ Micky stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste Methos auf die Wange. Es fing wieder an zu schneien, dichte Flocken verfingen sich in Haaren und Kleidung der beiden.
„Komm, Methos. Gehen wir zurück in die Brasserie und und trinken einen Kakao. Es ist verdammt kalt. Ich bin im 1. Weltkrieg schon einmal erfroren, das macht keinen Spaß!“ Ihre Nase lief rot an. „Mal sehen, wie viele Runden Connor und Richie schon ausgeben mussten, weil sie Frankreich so lieben.“ Er lächelte, legte den Arm um sie und ging mit Micky zurück zur Brasserie.

 

Sie betraten die Brasserie gerade, als ihre Freunde im Aufbruch begriffen waren.

„Oh, du hast ihn gefunden“, bemerkte Duncan, worauf seine Frau nickte.
„Wie kommen wir jetzt zum Chateau?“ gab Connor zu bedenken. Die Autos, Duncans Thunderbird und Mickys schwarzer Z3, standen am Pier beim Hausboot.

Also machte sich die Truppe auf den Weg, sie gingen in Richtung des Jardin de Tuileries. Micky erinnerte sich, als Katharina von Medici den heute 25 Hektar großen Park als englischen Garten in Auftrag gegeben hatte. Die Gartenanlage umfasste mittlerweile zwei große Bereiche, die von einer zentralen, von großen skulpturen­geschmückten Beeten gesäumten Allee durchquert wurden. Durch diese Allee schritt die Clique nun wie in einem alten Western. Alle mit flatternden Mänteln und ihren Schwertern darunter verborgen.

Connor wie immer in einem beigen Trenchcoat, Duncan, Methos und Richie in langen, schwarzen Mänteln, Micky in einem schicken, weißen Lackledermantel und die Priesterin in ihrem sündhaft teuren Pelzmantel.

Plötzlich zuckten sie zusammen, irgendwo in der Nöhe lauerte ein Unsterblicher. Sie blickten sich kurz um, ob sich andere Menschen in dem verschneiten Park befanden. Da niemand in der Nähe war zogen die sechs Unsterblichen gleichzeitig ihre Schwerter. Connor und Micky ihre Toledo Salamancas, Richie sein Florett, Methos sein uraltes Langschwert, Duncan sein Katana. Isis zog ein altägyptisches Schwert, dessen Griff eine elfenbeinerne Königskobra zierte.

Sie suchten mit ihren Augen die nächste Umgebung ab. Duncan und Methos nahmen die beiden Damen in die Mitte, Richie ging hinter ihnen, Methos vorne weg. Micky als die kleinste war nun wieder klar im Nachteil. Sie konnte nicht sehen, aus welcher Richtung der Unsterbliche angreifen würde.

Und da sprang er auch schon hinter einer Statue vor mit gezogenem Schwert. Der Ägypter war annähernd zwei Meter groß. Muskeln spannten die Ärmel seines Mantels, während er mit gezogenem Schwert und wildem Kampfschrei auf die Truppe zu rannte. Micky schob sich an den Männern vorbei. Doch Methos war schneller, seine Klinge berührte die des Fremden, der Kampf hatte begonnen.

„Sie sind Amun-Men-Refi, nehme ich an?“ rief Methos, wobei er mit dem Hünen kämpfte.
„Ja, der bin ich und ich will den Kopf dieser falschen Schlange.“ Methos zog eine Augenbraue hoch.
„Das ist aber nicht nett, wie Sie von meiner Ehefrau sprechen.“ Er hob den Zeigefinger seiner linken Hand und gestikulierte damit „nein, nein, nein“..
„Ihre... Ehefrau ist eine gemeine Diebin. Sie ist mit unserer gemeinsamen Beute abgehauen, die wir im Ägyptischen Museum in Kairo geklaut haben.“ Methos drehte sich verwundert um und blickte seiner Frau vorwurfsvoll entgegen. Das gegnerische Schwert wehrte er ab ohne hinzusehen. Er schimpfte mit Isis und kämpfte gleichzeitig weiter.
„Du hast was?!“ brüllte er wütend. Isis zuckte zusammen und hob entschuldigend die Achseln.
„Zugegeben, wir beide sind in das Museum eingestiegen. Aber er hat mich betrogen und ist mit meinem Anteil abgehauen. Da bin ich ihm hierher nachgereist und hab ihm im Gegenzug seinen Anteil und meinen geklaut.“ Methos stöhnte auf, Isis benahm sich genau wie früher.
„Du falsche Schlange! Fast hätte ich dir geglaubt!“ Er drehte sich um, sprang auf eine Parkbank. Jetzt war er wieder größer als sein Gegner. Er wollte den Kampf schnell zu Ende bringen und seiner 'geliebten' Frau den Hals umdrehen.

Methos sprang hoch, als der Ägypter nach ihm schlug. Mit dem nächsten Schlag verpasste er ihm einen tiefen Schnitt quer über die Brust. Amun-Me-Refi strauchelte. Methos holte mit seinem Langschwert weit aus und schlug ihm den Kopf von der Brust. Er sprang von der Parkbank und hob die Arme gen Himmel. Die Blitze zuckten gleißend über den weißen Schnee, der im Umkreis der Energieentladung wie in einem Ofen wegschmolz.

Die anderen hielten sicheren Abstand bis Methos die komplette Energie seines besiegten Gegners aufgenommen hatte.

Connor löste sich aus der Gruppe und stützte den geschwächten Methos. Dieser drehte sich um und funkelte mit maßloser Wut in den Augen seine Frau an.

„Du, ich drehe dir den Hals um.“ Er streckte die Hände nach Isis aus, doch Connor hielt ihn zurück.
„Methos, wie wäre es, wenn sie die Beute zurückgibt?“ schlug Duncan vor.
„Sobald sie uns aus den Augen ist, wird sie mit den erbeuteten Stücken abhauen“, knurrte Methos wütend.
„Flieg doch mit nach Ägypten“, schlug Micky vor. Er blickte seine Freundin ungläubig an. Obwohl, es war logisch gesehen die einzig vernünftige Möglichkeit. Dann konnte er sicher sein, dass Isis die gestohlenen Stücke wieder ins Museum bringen würde.
„Okay, aber ich will nicht, dass sie in ein ägyptisches Gefängnis kommt.“ Isis lächelte verführerisch. „Obwohl sie es verdient hätte, mehr als einmal.“ Ihre Mundwinkel rutschten nach unten. „Wir fliegen nach Kairo und brechen in das Museum ein. Dort deponieren wir die Stücke und hauen wieder ab. Und dann Gnade dir Gott, Isis, wenn du mir noch einmal in den nächsten Tausend Jahren unter die Augen kommst.“ Er verstaute sein Schwert und marschierte unflätig fluchend zum Ausgang des Parks

 

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8. Rache für die Romanows

 

Russland, Moskau, Internationaler Flughafen.
„Siehst du unsere Koffer, Duncan?“ Das Gepäckband war zum Bersten voll. Über Lautsprecher hörten sie Ansagen auf Russisch und Englisch. Obwohl es erst neun Uhr morgens Ortszeit war, ging es auf dem Internationalen Flughafen Sheremetjevo in Moskau schon ziemlich hektisch zu.
Micky suchte nach ihrem und Duncans Koffer und warf dabei immer wieder einen flüchtigen Blick auf ihre Uhr.
Sie hatten in der Innenstadt einen Termin mit einem wichtigen Kunsthändler. Er hatte Mickys Galerie ein paar Picassos zu einem unglaublich günstigen Preis per Mail angeboten.
„Gefunden!“ rief Duncan und griff sich ihr Gepäck. Micky vor sich her schiebend drängte er zur Zollabfertigung.

 

Draußen vor dem Flughafen atmete er beruhigt auf, weil die Schwerter keine Probleme am Zoll verursacht hatten. Die MacLeods konnten sich als seriöse Pariser Kunst- und Antiquitätenhändler ausweisen. Und Richie hatte sich als kleines Fälschungsgenie erwiesen. Er hatte ihnen Kaufurkunden für Mickys 481 Jahre altes Toledo Salamanca und Duncans 428 Jahre altes Katana angefertigt, die jeder Zollprüfung auf diesem Planeten standhalten würden. So konnten sie relativ unbehelligt mit ihren Schwertern auch in Zeiten von Al Qaida und Terrorangst auf Flughäfen rund um den Globus reisen.

„Wie oft genau warst du noch mal in Russland?“ fragte Duncan, während er vor der Tür Ausschau nach einem Taxi hielt. Er stülpte den Kragen seines Mantels hoch. Es war extrem kalt und schneite stark, ein typisch russischer Winter eben. Kein Vergleich zu ihrem schönen Frankreich oder einem Winter in seinen geliebten Highlands. „Und was fandest du an diesem eisigen Land so reizvoll?“
„Zwei Mal war ich in Russland Das erste Mal lebte ich am Hof von Peter dem Großen und das zweite Mal am Hof der Romanows. Und reizvoll ist das Land auf jeden Fall. Die Winter verbrachte ich in St. Petersburg im Winterpalast, da ist es nicht ganz so kalt wie in Moskau... 1917 während der Februarrevolution bin ich geflohen. Damals war ich das letzte Mal Gast von Mütterchen Russland... Im Moment verwirrt mich das Kyrillische noch etwas, aber das kommt schon wieder... Da ist ein Taxi!“ Sie winkte es heran. Plötzlich zuckte Micky zusammen und ihr entfuhr ein kleiner Schrei. Duncan hatte auch bemerkt, dass ein Unsterblicher in der Nähe war. „Oh, nein!“
„Was ist denn, Micky? Kennst du ihn?“ Sie nickte, während sie wie gebannt auf den circa 50 Jahre alten Russen starrte. Wie alt er tatsächlich war, wusste sie nicht, nur dass er ein Verräter war.
„Es war doch gut unsere Schwerter einzupacken“, bemerkte Micky, worauf Duncan seufzte.
„Was hast du vor? Ich dachte, das wäre eine Geschäftsreise?“ Sie stiegen ins Taxi. Micky fragte den Fahrer, ob er auch Englisch spreche.
„Njet“, war die Antwort. So konnten sie sich ungestört in Englisch unterhalten.
„Diesen Mann, Iwan Fjodor Volkov, hoffe ich schon seit 1917 in die Finger zu bekommen. Er hat die Romanows ans Messer geliefert! Er hat sie an Lenin und sein Erschießungs­kommando übergeben. Nur mein Patenkind, die sechzehnjährige Anastasia, konnte ich retten und außer Landes schaffen.“

 

Russland, St. Petersburg, März 1917.
Nachdem sie der Einladung des russischen Zarenpaares im Jahr 1900 zu einem Besuch gefolgt war, lebte Michelle unter ihrem richtigen Namen am russischen Zarenhof. Sie war eine gute Freundin von Zarin Alexandra geworden, die sie liebevoll „Alescha“ nannte.

Vor zehn Jahren als der kleine Zarewitsch Alexej mit dem Tode gerungen hatte, war sie nicht von der Seite der Zarin gewichen, die Tag und Nacht am Bett ihres geliebten Sohnes gebetet hatte.

Michelle war nun schon über 400 Jahre alt und hatte von zahlreichen Alchimisten, Schamanen und Voodoo-Priestern alternative Heilmethoden und Kräuterkunde erlernt. Doch gegen die Bluterkrankheit, die sich die Romanows durch generationenlange Inzucht eingehandelt hatten, war sie machtlos.

Bestürzt hatte sie bemerkt, wie sich der verrufene Rasputin in das verzagte Herz ihrer Freundin Alescha geschlichen hatte. Michelle hatte sie immer wieder eindringlich beschworen, nicht auf den faulen Zauber des Wanderpropheten reinzufallen. Doch die Zarin war auch eine Mutter und dementsprechend handelte sie. Mit der Verzweiflung und der Gewissheit des nahenden Todes ihres geliebten Zarewitsch, der einst das russische Zarenreich führen sollte, hatte sie sich an Rasputin gewendet.

Michelle konnte sie verstehen. Sie war auch schon Mutter gewesen, zwar keine biologische. Doch sie hatte ihre Adoptivkinder geliebt wie ihre eigenen, die ihr ja leider aufgrund ihrer Unsterblichkeit verwehrt waren. Ihr Cheyenne-Sohn Kleiner Hirsch war von einer Kavallerie-Einheit 1797 erschossen worden zusammen mit seinem gesamten Stamm. Und dann waren da noch Rebecca und David. Das Zwillingspärchen hatte sie 1861 gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann Richard Cunningham adoptiert. Dann war Richard in den Sezessionskrieg gezogen und hatte sie mit den zweijährigen Zwillingen zurückgelassen. Als in Boston 1863 die Grippe ausbrach und ihre Kinder sich ansteckten, hatte sie ebensolche Todesangst ausgestanden, wie die Zarin jetzt.

Doch ihren Kindern hatte sie mit ihrem Alchimisten- und Kräuterwissen helfen können. Sie wuchsen heran, heirateten und bekamen selbst Kinder. Als Michelle Cunningham ihren eigenen Tod inszenierte, war sie sechszehnfache Großmutter und vierfache Urgroßmutter.

Der dreijährige Zarewitsch Alexej hatte sich beim Spielen am 7. Oktober 1907 zu schnell aufgerichtet, was zu einem heftigen Bluterguss in der Leistengegend geführt hatte. Die Ärzte waren machtlos, sie konnten die Blutung nicht stoppen, der Zarewitsch litt höllische Schmerzen und bekam Morphium. Nach sieben Tagen Qualen für Mutter und Kind gestanden die Ärzte ihre Machtlosigkeit ein und verkündeten Alexejs Tod binnen zwei Tagen. Daraufhin empfahl Anastasia der Zarin den Wunderheiler Rasputin zu holen. Zwar war Alescha skeptisch und hätte fast auf die Einwände von Michelle gehört, die sich zum ersten Mal mit ihrem Patenkind uneinig war. Doch ihr Mutterherz siegte letztendlich. Die Zarin schickte nach ihm und er kam auch: Grigori Jefimowitsch Rasputin.

 

Rasputin betrat das Krankenzimmer des Zarewitsch, kniete nieder und betete. Zu diesem Zeitpunkt wurde Michelle aus dem Zimmer geschickt, sie wandte sich noch einmal an ihre Freundin und legte ihr ans Herz den Heilprediger vor die Tür zu setzen und nach Sibirien zu jagen. Wie dem auch sei, die Zarin hörte nicht auf Michelle und tat alles, was Rasputin verlangte. Sie betete mit ihm Stunde um Stunde.

Als Rasputin in der ersten Nacht erschöpft und ausgelaugt schlafen ging, ergriff Alexandra mit Tränen in Augen Michelles Hände und rief aus vollem Herzen: „Gott hat uns einen heiligen Mann geschickt! Der Zarewitsch wird wieder gesund!“ Michelle blieb weiterhin misstrauisch. Bis nach einigen Tagen Alexej tatsächlich auf seinen eigenen Beinen aus seinem Zimmer trat und fröhlich lachend in Michelles Arme rannte. Sie wusste nicht, was der dubiose Rasputin mit dem Kind angestellt hatte, ebenso wenig wussten es die Ärzte der Zarenfamilie. Nur eines wusste Michelle mit Sicherheit, dieser Mann war gefährlich. Er ging am Zarenhof von nun an ein und aus und stellte unverschämte Forderungen an Zar Nikolaus. Der aber brauchte den Mann, die Bluterkrankheit des Zarewitsch durfte dem russischen Volk ja nicht bekannt werden. Schwäche konnte die Romanows den Thron kosten. Doch Nikolaus nahm den Unmut im Volk ernst. Er legte Rasputin nahe, St. Petersburg für eine Weile zu verlassen und nach Prokowskoje heimzukehren.

1912 holte Alescha den Heiler wieder heimlich ohne Wissen der Ärzte und der Hofleute nach St. Petersburg und läutete damit langsam aber sicher das Ende der Romanow-Ära ein. Rasputin versprach der Zarin so lange er lebte, wären sie sicher. Und es sollte sich bewahrheiten.

Er führte ein skandalöses Leben und brachte sich und die Zarenfamilie dadurch im Laufe der folgenden Jahre mehr als einmal in Verruf. Michelle redete händeringend auf Alescha ein. Sie hielt ihr vor Augen, wie viele Dynastien im Laufe der Jahrhunderte untergegangen waren. Die Medici, die Bonnapartes, die Stuarts, die Valois. Natürlich wusste ihre Freundin nicht, dass Michelle alle diese Dynastien persönlich gekannt hatte. Wenn Michelle überzeugt gewesen wäre, ihr unsterbliches Zeitzeugendasein hätte Alescha umstimmen können, hätte sie sich offenbart. Doch sie sah keine Möglichkeit mehr und ließ betrübt dem Schicksal ihren Lauf. Für die Zarin war Rasputin ein Heiliger und ein Held, für das Volk, das sie mit Nikolaus regierte oder in deren Augen unterjochte, war er ein gefährlicher Scharlatan. Das Wort Rasputins schien Alescha am Ende wichtiger zu sein als das Wort Gottes oder von Mütterchen Kirche.

Der Unmut der Bevölkerung gipfelte in der Ermordung Rasputins am 16. Dezember 1916. Er wurde von einer Gruppe Verschwörer mit Zyankali vergiftet, erschossen, noch einmal erschossen, verschnürt und in die Newa geworfen, wo er unter einer Eisscholle schlussendlich ertrank. Im Nachhinein ahnte Michelle, dass auch hier der Unsterbliche Iwan Fjodor Volkov seine Hände mit im Spiel gehabt haben musste. Doch um den Schurken Rasputin tat es ihr nicht im Mindesten leid. Er hatte die Romanows mit in seinen Strudel aus Alkohol, Hurerei, Verleumdung und düsteren Machenschaften gezogen und sie mit in den Untergang gerissen. Sein qualvoller Tod war in Michelles Augen eine gerechte Strafe für ihn und seinen Lebenswandel. Doch sein Fluch sollte sich bewahrheiten; jene Prophezeiung, dass die Zarenfamilie Zeit seines Lebens in Sicherheit sein würde – und nur Zeit seines Lebens.

Als die Bolschewiken den Winterpalast stürmten, auf den Lippen die Marseillaise mit neuem Text, spielte Michelle gerade mit ihrem Patenkind Anastasia Schach in deren Gemächern.

Sie hörte den Tumult und die gesungenen Worte: „Lasst uns die alte Welt verdammen! Lasst uns ihren Staub von den Füßen schütteln! Wir sind die Feinde der goldenen Abgötter! Wir verabscheuen die Herrscherpaläste! Unter die leidenden Brüder wollen wir uns begeben, zu dem hungernden Volk werden wir gehen; Mit ihm zusammen werden wir den Missetätern fluchen und werden es aufrufen, mit uns zu kämpfen: Steh auf, erheb dich, Arbeitervolk! Steh auf gegen den Feind, hungernder Bruder! Vorwärts! Vorwärts! Lass den Schrei der Rache des Volkes ertönen!“

Bei diesen Worten wusste Michelle tief in ihrem Herzen, dass die Zeit der Romanows vorüber war und auch die Zeit der Monarchie in Russland. Ein weiteres Mal in ihrem unsterblichen Leben musste die Comtesse Dubois fliehen. Wäre da nicht Anastasia gewesen, hätte sie sich köpfen lassen. Sie war der Flucht, des Krieges und der Kämpfe um die Zusammenkunft so müde.

Doch dann sah sie den flehenden Blick ihres Patenkindes und der Moment der Verzweiflung ging vorüber. Sie musste Anastasia aus Russland rausschaffen, sie musste die Dynastie der Romanows bewahren. Während sie noch ihre Gedanken ordnete, spürte Michelle, dass ein Unsterblicher im Palast anwesend war. Sie vermutete Iwan Fjodor Volkov, einen engen Vertrauen des Zaren. Vermutlich wollte er die Familie in Sicherheit bringen. Michelle bat Anastasia zu warten. Sie schlüpfte in ihr Zimmer, packte schnell ein paar Sachen und ihr Schwert ein. Dann holte sie die verängstigte Großfürstin ab und schlich mit ihr durch das Schloss.

Michelle spähte um eine Korridorecke und schreckte zurück. Mit ihrer freien Hand schob sie Anastasia in die andere Richtung und drängte sie zum Geheimgang, der unter dem Schloss ans Ufer der Newa führte.

Bei den Bolschewiken stand in erster Reihe Iwan Fjodor Volkov mit einer Pistole und seinem gezogenen Schwert. Offensichtlich hatte er nicht nur die Romanows verraten, sondern wollte nun auch noch den Kopf der Comtesse Dubois.

Michelle zog die verängstigte Anastasia fort, floh mit ihr in einem Boot über die Newa und weiter nach Frankreich. Der Weg führte sie durch Italien, da Deutschland in den Wirren eines Weltkrieges steckte. Mit einem Schiff setzten sie von Venedig nach Marseille über und reisten über Land weiter zu Michelles Chateau. Begünstigt durch das Chaos des Krieges versteckte sie Anastasia Romanow unter neuem Namen in Frankreich.

 

19 Monate nach dem Tode Rasputins wurde die gesamte Zarenfamilie von den aufständischen Bolschewiken ermordet. Offiziell brachte man sie in die Verbannung in die Nähe von Jekaterinburg.

Unter der Weltbevölkerung hielt sich auch noch 1979 hartnäckig das Gerücht, Anastasia hätte überlebt, als in einem Wald die Gebeine der Romanows nahe Jekaterinburg entdeckt wurden. Ein Jahr später starb Anastasia in einem kleinen Haus in der Provence, in der Hand ein Portrait ihrer Familie. Die Haushälterin informierte Michelle. Sie war neben der treuen Haushälterin die einzig andere Anwesende auf der Beer­digung der Letzten der Romanows.

 

„Also war an den Gerüchten doch etwas dran, dass ein Mitglied der Familie überlebt hat“, schlussfolgerte Duncan.
„Ja, und sie hätten alle im Exil überleben können, wenn Volkov den Bolschewiken nicht den Geheimgang gezeigt hätte. Irgendwie hätte ich Alescha schon zur Flucht überreden können.“
„Meinst du wirklich sie wäre mitgegangen?“ Micky schüttelte traurig den Kopf. Sie waren vor 88 Jahren ermordet worden. Doch Micky hörte noch immer ihre Stimmen, das Lachen der Kinder, besonders das engelsgleiche von Anastasia.
„Nein, wahrscheinlich nicht. Es tut nur gut sich das einzureden. Dadurch fühle ich mich weniger schuldig, weil ich sie nicht gerettet habe...“ Duncan legte einen Arm um seine Frau, zog sie zu sich heran und umarmte sie liebevoll. Der Taxifahrer lächelte in den Rückspiegel. Duncan fragte sich, ob er das auch noch tun würde, wenn er von Mickys Rolle in der Februarrevolution und ihrer Treue zu den verhassten Romanows gewusst hätte. Wahrscheinlich würde er ihnen Steine an die Füße binden und sie in den eisigen Fluten der Moskwa versenken. Doch im Gegensatz zu Rasputin würden die MacLeods nach kurzer Zeit ihrem nassen Grab wieder entsteigen.
„Also, dieser Kunsthändler hat wirklich 3 Picassos für uns?“ lenkte Duncan das Gespräch in eine andere Richtung.
„Ja, Duncan. Ich habe ihn überprüft, er ist in Ordnung. Und er sprach von einem interessanten Kontakt in China.“
„Willst du da auch jemanden enthaupten?“ Sie lachte und schüttelte den Kopf. Braune Locken lösten sich aus ihrer „Ich bin eine seriöse Geschäftsfrau“-Frisur.
„Nein, keine alten Fehden im Reich der Mitte. Vor ungefähr 50 Jahren hatte ich dort nur ein bisschen Trouble mit einer echt fiesen Triade.“ Duncan stöhnte.
„Micky, ehrlich, gibt es irgendein Land der Erde, wo du dir keinen Ärger eingehandelt hast?“ Grinsend zuckte sie die Achseln.
„Du solltest mich doch inzwischen gut genug kennen, um zu wissen, dass die Antwort nein lautet... Jetzt kaufen wir erst einmal die Picassos und erledigen die Zollformali­täten. Dann erledige ich Volkov und dann sehen wir weiter... Ich hatte einen Freund beim KGB, als ich für Kennedy gearbeitet habe. Er war ungefähr in meinem Alter.“ Duncan zog fragend eine Augenbraue hoch.
„Tatsächlich? 460 Jahre plus minus?!“ Sie schlug mit ihrer Handtasche nach ihm.
„Blöder Kerl! Anfang 20 war er damals. Also dürfte er jetzt um die 60 und pensioniert sein. Aber seine alten Kontakte pflegt Michail garantiert noch.“
„Wie willst du ihm denn erklären, dass du nicht älter geworden bist?“ Sie überlegte kurz.
„Geheime Experimente der Regierung? Keine Ahnung, mir fällt schon was ein. So wie ich Michail kenne, würde er sogar die Wahrheit über die Unsterblichen und die ‚Zusam­menkunft’ verkraften. Wenn wir eine gute Flasche Wodka mitbringen, natürlich.“
„Natürlich“, stimmte Duncan lachend zu. Im Vollrausch konnte man einem Russen im dicksten Winter Bademoden verkaufen. Dann würde Micky ihrem alten KGB-Freund wahrscheinlich auch, ohne bei ihm einen Herzinfarkt zu verursachen, die Sache mit der Unsterblichkeit verklickern können.

 

Das Geschäft mit dem russischen Kunsthändler ging ohne größere Schwierigkeiten über die Bühne. Er ließ sich sogar noch um einige Tausend Euro runterhandeln und lud die MacLeods anschließend zum Essen ein. Während sie auf ihre Getränke warteten, zückte Micky ihr Handy und rief Michail an. Sie hatte seine Nummer und Adresse bei der Auskunft herausbekommen.

„Michail, Towarisch. Hier spricht Micky Dante. Wie geht es dir?... Ja, ich bin in Moskau. Hör mal, können wir uns bei dir zu Hause treffen? Ich brauche deine Hilfe, um der alten Zeiten Willen.... Ja, natürlich bringe ich eine Flasche Wodka mit.“ Besser zwei, dachte Duncan, als er das Gespräch verfolgte. Der Schock würde ziemlich groß sein, nach 40 Jahren immer noch der 25-jährigen Micky gegenüber zu stehen. Die beiden waren sich einmal 1962 in der russischen Botschaft in Washington auf einem Empfang persönlich begegnet. Natürlich würde er eine 40 Jahre ältere Micky erwarten.

Sie klappte ihr Handy zusammen und verstaute es in ihrer Handtasche.
„Alles in Ordnung, wir treffen Michail im Anschluss an das Essen.“ Sie griff nach ihrem Glas, meinte „Nastrowije!“ und stürzte den Wodka runter. Duncan bewunderte die Trinkfestigkeit seiner Frau immer wieder aufs Neue. Sie müsste eigentlich Schottin sein, soviel wie sie vertrug und noch immer ein Schwert führen konnte. Wie gerne hätte er in der Schlacht von Culloden an ihrer Seite gekämpft. Er fragte sich, wie viele verfluchte Engländer mehr sie beide in Tod hätten reißen können?

 

Zwei Stunden später saßen Duncan und Micky in einem Taxi und waren auf dem Weg zu Michails Wohnung. Ihr Herz pochte heftig. Sie würde gleich wieder eine Reise in die Vergangenheit machen. Mit Micky Dante hatte sie am Tage von Präsident Kennedys Beerdigung abgeschlossen, als Junior tapfer seinem toten Daddys salutiert hatte. Seither war sie immer nur Michelle oder Micky Dubois und zuletzt Micky MacLeod gewesen.

Das Taxi hielt vor dem Haus, Duncan stieg aus, bezahlte den Fahrer und half seiner Frau aus dem Wagen.

„Bist du nervös, Comtesse?“
„Ich mach mir vor Aufregung fast in die Hosen, Highlander!“ bemerkte sie trocken und klingelte. Der Türsummer gab den Weg frei, sie gingen die Stufen bis in den zweiten Stock hoch.
Micky klopfte, ihre Halsschlagader pulsierte vor Aufregung. Sie strich sich noch einmal hektisch über ihre Frisur und ihr dunkelblaues Kostüm. Nervös wippte sie in ihren Lederpumps auf und ab.

Im nächsten Moment wurde die Tür aufgerissen. Da stand Michail, ein alter Mann. Doch in seinen Augen sah sie noch immer Spuren des abenteuerlichen Russenjungen, der eine große Leidenschaft für James Bond-Filme hatte. Sein Favorit war natürlich „Liebesgrüße aus Moskau“.

„Heiliges Mütterchen Russland! Micky?! Micky Dante?!“ Er stockte, blickte fragend zu Duncan und wieder zu Micky.
„Towarisch, lass uns reingehen. Und dann erzähle ich dir eine Geschichte, dagegen kommt dir ‚Liebesgrüße aus Moskau’ wie eine Verlesung der Tagesordnung der Duma vor.“ Sie umarmte Michail, schob sich schnell an ihm vorbei und trat in die Wohnung ein.

 

Michail stürzte gerade seinen dritten oder vierten Wodka hinunter, um die Geschichte, diese unglaubliche Geschichte, die Micky Dante – nein, sie hieß ja jetzt MacLeod – ihm da erzählt hatte. Doch eines wusste er von dieser Frau, so etwas würde sie nicht erfinden. Und dann hatte sie sich zur Verdeutlichung ihrer Unsterblichkeit in den Arm geschnitten. Und der Schnitt war binnen Minuten verheilt, als hätte er nie existiert. Auf einen selbst inszenierten Tod hatte Micky wohlweislich verzichtet. Das machte eine Riesensauerei auf dem Teppichboden. Außerdem sie hasste die Belebung schon bei den Duellen, so dass sie auf eine zusätzliche keinen Wert legte.

Ihr alter Freund glaubte ihr glücklicherweise auch ohne diese letzte, drastische Demons­tration ihrer Unsterblichkeit. Michail war zwar kein Fan der Romanows, doch Mickys Wunsch nach Rache für den Verrat eines der Unsterblichen konnte er verstehen. Er versprach seine Kontakte beim neuen russischen Geheimdienst zu nutzen und die Adresse von Iwan Fjodor Volkov in Erfahrung zu bringen. Das könnte allerdings bis morgen Nachmittag dauern. Damit hatte Micky kein Problem. sSie war seit der Februar­revolution nicht mehr in Russland gewesen und wollte sehen, wie sich das Land nach dem Ende des Kommunismus verändert hatte.

 

Am nächsten Tag ließen sie und Duncan sich von Michail die Stadt zeigen. Der alte Russe flirtete auf Teufel komm raus mit Micky wie in den 1960ern auf dem Botschafts­empfang. Micky machte das Spiel mit. Sie war froh, den alten Mann glücklich zu machen. Duncan ließ ihn amüsiert gewähren. Fasziniert hörte er sich die Erzählungen der beiden über ihre gemeinsame Zusammenarbeit während der dramatischen Ereig­nisse der Kubakrise an.

Micky hatte damals mit Engelszungen auf Kennedy eingeredet nicht übereilt zu handeln. Michail hatte seinerseits versucht seine Vorgesetzten in der Sowjetunion von Kurzschlusshandlungen abzubringen. Nachdem die Krise nach zwei Wochen beendet war, hatten die beiden sofort über eine sichere Leitung miteinander telefoniert. Sie hatten sich nicht gegenseitig auf die Schultern geklopft, weil die Menschheit an einem 3. Weltkrieg vorbeigekommen war, sondern vor Erleichterung miteinander geweint, Tausende von Kilometern von einander entfernt in zwei verfeindeten Ländern. Nach Kennedys Tod war der Kontakt dann abgerissen, weil Micky untergetaucht war. Micky Dante, ehemals eine der Spitzenkräfte des Sicherheitsdienstes des Weißen Hauses war über Nacht nicht mehr auffindbar, auch nicht für den KGB. Michail hatte vermutet, dass sie auf einer Geheimmission gestorben war. Er hatte eindeutig zu viele James Bond-Filme gesehen.

 

Am frühen Nachmittag hatte er die Adresse von Volkov herausbekommen. Duncan ließ vorsorglich ihr Gepäck zum Flughafen bringen und buchte einen Flug nach Shanghai am selben Abend. Er vermutete, dass sie schnell die Kurve kratzen mussten, wenn Micky diesem Volkov den Kopf abgeschlagen hatte. Zumal sie erfahren hatten, dass er ein hohes Tier innerhalb der Duma war. Die Presse würde den Mord wahrscheinlich auf die Russenmafia schieben. Wer sollte auch zwei angesehene Pariser Geschäfts­reisende verdächtigen?

Sie fingen Volkov ab, als der gerade aus seinem Haus ging. Sie folgten ihm noch eine Weile und dann stellte Micky ihn. Glücklicherweise standen sie an einem Eingang zu einer U-Bahn-Station, die wegen Renovierungsarbeiten geschlossen war. Nun, wenn der Kampf vorüber sein würde, hätten die Moskauer Stadtwerke wirklich etwas zu renovieren.

„Iwan Fjodor Volkov!“ Er drehte sich um, als er seinen Namen hörte. Seine unsterblichen Verfolger hatte er natürlich schon gespürt, nachdem er sein Haus verlassen hatte. Doch er wollte sehen, wie weit sie gingen.
„Comtesse Dubois? Wie reizend, komme ich endlich doch noch zu dem Vergnügen mir Ihren Kopf zu holen? Bei der Februarrevolution bot sich mir leider keine Möglichkeit. Aber ich habe alle Romanows erwischt, bis auf die niedliche Anastasia!“ Er sprach in gebrochenem Englisch und starkem russischen Akzent.

Michelle schrie wütend auf und sprintete mit gezogenem Schwert auf den Russen zu. Doch sie schlug nicht nach ihm. Sie setzte zu einem Tritt an, erwischte ihn an der Brust, und Volkov purzelte die Ste.intreppe zur U-Bahn hinunter. Duncan staunte nicht schlecht. Seine Frau war wirklich gut, wenn sie wütend war. Und im Moment schien sie verdammt wütend zu sein.

Micky flitzte grazil und sicher auf ihren hochhackigen Pumps die Treppe hinunter, ihr Mantel wehte hinter ihr her. Duncan eilte den beiden Kämpfern nach, doch immer mit genügend Abstand. Das war nicht sein Kampf.

 

Unten in der U-Bahn-Station leisteten sich Micky und Volkov einen fanatischen und unerbittlichen Kampf. Ducans Frau warf dem Russen die wüsteten Beschimpfungen in dessen Muttersprache zu, so dass es so manchem Landsmann von Volkow in den Ohren geklingelt hätte. Sie fluchte, sie trat, sie drosch mit ihrem Toledo Salamanca auf ihn ein. All der Zorn über den Verrat an der Zarenfamilie und ihre eigene Hilflosigkeit entlu­den sich in diesem Duell.

Schließlich geriet Volkow ins Taumeln und fiel auf die Gleise. Micky sprang hinter her und wollte zum entscheidenden Schlag ausholen. Doch Volkov hatte sich schon wieder aufgerappelt und wehrte ab. Im nächsten Moment aber täuschte Micky eine Finte vor, die ihr einst Pierre de Florent beigebracht hatte. Volkov fiel darauf rein und verlor seine Deckung. Sie holte aus und schrie auf russisch: „Für die Romanows!“ Sein Kopf fiel auf die Gleise, sofort setzte die Energieentladung ein. Micky richtete ihr Schwert in die Luft und ließ die Kraft des Verräters in sich übergehen.

 

Nachdem es vorüber war, trat Duncan an den Rand des Gleises und reichte seiner Frau eine Hand. In diesem Moment ertönte ein Zugsignal. Beide blickten rechts und links in den Tunnel, und Tatsache da kam ein Zug. Mit rasender Geschwindigkeit kam er näher. Micky versuchte sich mit einer Hand hochzuziehen, rutschte aber immer wieder mit ihren Pumps an dem glatten Stein ab. Sie warf ihr Schwert auf den Bahnsteig und ergriff mit beiden Händen Duncans starken Arm. Er zog sie im selben Moment hoch, da der Zug durch die U-Bahn-Station rauschte.

Micky ließ sich auf den Bahnsteig fallen und versuchte zu Atem zu kommen.

„Verdammt, das war knapp! Da soll noch mal einer sagen, Zugfahren wäre eine sichere Art zu reisen!“ Micky strich ihren Rock glatt und sprang gekonnt auf die Füße. Duncan lachte erleichtert und reichte seiner Frau ihr Schwert. Sie steckte es unter ihren Mantel und schritt Richtung Ausgang. Duncan warf einen flüchtigen Blick auf die Leiche Volkovs.
„Na wenigstens müssen wir uns keine Sorgen machen, dass man uns mit Volkows Tod in Verbindung bringt, Comtesse.“ Sie drehte sich noch einmal zu den Gleisen um.
„Da wird nicht mehr viel übrig sein von dem Verräter. Ein gerechter Tod für einen Mann, der eine ganze Zarendynastie auf dem Gewissen hat!“

 

 

9. Big Trouble in Little China

 

China, Shanghai am nächsten Nachmittag.
Das Flugzeug setzte eben zur Landung in Shanghai an. Micky hatte auf dem nächt­lichen Flug von Moskau nach Peking und dann weiter nach Shanghai erst einmal einen großen Whisky getrunken. Die Stewardess hatte sie ein wenig ungläubig gemus­tert, weil sie auf einem Flug im russisch-asiatischen Raum das schottische National­getränk verlangt hatte. Doch im Laufe ihres langen Lebens hatte Micky die beruhi­gende Wirkung des Getränks schätzen gelernt.

 

„Und, werden wir den Aufenthalt in Shanghai ohne Schwierigkeiten durchstehen, Comtesse?“ Er grinste seiner Frau spöttisch entgegen.
„An mir liegt das nicht“, erklärte sie sich keiner Schuld bewusst.
„Nein, an dir liegt es nie, Micky! Du rennst immer nur Kopf voraus in die nächste Katastrophe. Aber bitte halte dich in China mal ein bisschen zurück, ja?!“
„Ich werde mir die größte Mühe geben, Duncan. Ich glaube nicht, dass die Triaden noch herrschen, mit denen ich 1955 Ärger bekommen habe.“
„Aber vielleicht Nachfahren von ihnen? Sei einfach vorsichtig, aye?“ Sie nickte.
„Wir sehen uns die Kunststücke an, verhandeln mit diesem Mr. Li und fliegen zurück nach Hause. Versprochen, Duncan.“ Er würde ihr so gerne glauben. Aber mehr als den Tag auf sich zukommen zu lassen, konnte Duncan nicht. Seit er mit Micky verheiratet war, hatte er sich angewöhnt stets das Unerwartete zu erwarten.

 

Auch in China gab es keine Probleme mit den eingeführten Schwertern. Bevor Micky und Duncan sich bei Mr. Li meldeten, bei dem sie schon von dem russischen Kunst­händler angekündigt worden waren, nötigte Micky ihren Mann zu einer ausgiebigen Shopping Tour. Wie jede Frau hatte Micky nichts im Kleiderschrank zum Anziehen. Duncan verdrehte die Augen und dachte an den begehbaren Kleiderschrank in ihrem Chateau und an die diversen Modeschauen, die Micky in regelmäßigen Abständen in Paris und Mailand besuchte. Zugegegen, die Klientel ihrer Galerie war sehr exklusiv, und daher musste Micky als Gastgeberin entsprechend auftreten. Aber er hasste den Gedanken trotzdem, mit ihr stundenlang durch Shanghai und jede exklusive Mode­boutique zu tingeln auf der Suche nach einem neuen Cocktailkleid und den dazu passenden Schuhen, obwohl sie doch 200 Paar Designerstücke daheim in Frankreich stehen hatte. Feinsäuberlich aufgereiht auf Mahagonibrettern.

 

Wider Erwarten wurde Micky recht schnell fündig. Mit mehr als einem Dutzend Tüten bewaffnet bestiegen die MacLeods gut drei Stunden und fünf Cappuccini für Duncan später ein Taxi und fuhren zum Four Seasons, wo sie sich eine Suite reserviert hatten.

Sie machten sich schnell ein wenig frisch. Micky rief Mr. Li an und bat um ein Treffen in der Lounge des Hotels. Doch Mr. Li war augenscheinlich ein wenig exzentrisch, denn er weigerte sich sein Haus zu verlassen. Kurzerhand bestiegen die MacLeods also wieder ein Taxi und fuhren zu seinem Domizil. Nach den Worten des russischen Kunsthändlers zu schließen musste dieser Mr. Li wirklich einige außergewöhnliche Kunstwerke und Objekte in seiner Sammlung haben. Und was noch viel wichtiger war, er war bereit einige davon zu verkaufen.

 

Schon als das Taxi die Auffahrt zu dem beeindruckenden Anwesen hochfuhr, überkam Micky eine ungute Ahnung. Es war ein riesiges, weitläufiges Gelände, das auch eine große traditionelle Parkanlage beinhaltete. Irgendwie war Micky das ganze merk­würdig vertraut. Sie stiegen aus dem Taxi aus und ließen den Zauber des alten China auf sich wirken.

Micky sah sich um und entdeckte einige chinesische Schriftzeichen auf einer Säule. Sie trat näher und strich mit dem Finger drüber. Plötzlich wusste sie wieder, wieso ihr das alles so bekannt vor kam. Sie war hier schon mal anlässlich einer Observation mit einem chinesischen Polizisten gewesen. Und zwar im Jahr 1955.

„Verdammt!“ fluchte sie. Duncan zuckte zusammen.
„Was ist denn?“ flüsterte der Schotte. Er wusste, wie viel Wert die Chinesen auf ihre Ruhe und ihren Frieden legten.
„“Wir sollten ganz schnell die Beine in die Hand nehmen. Ich bin hier schon mal gewesen. Ich habe dir doch von der Triade erzählt.“ Er konnte nicht glauben, was er da hörte.
„Micky MacLeod, ich schwöre, wenn du nicht irgendwann deinen Kopf im Duell verlierst, bringe ich dich um! Du treibst mich in den Wahnsinn.“ Hinter sich hörte Duncan Schritte. Er drehte sich um und verneigte sich vor den eingetroffenen Chinesen.
Vielleicht erkennt er mich ja nicht. Vielleicht ist es auch gar nicht der Mr. Li, dem ich vor 50 Jahre das größte Drogengeschäft in der Geschichte der Triaden vermasselt habe.“ Duncan stöhnte auf, das war doch alles nicht zu fassen. Er wollte nach Hause, worauf hatte er sich da nur wieder eingelassen? Während er noch über diverse Methoden nachgrübelte, wie er seiner Frau das Genick brechen, sie im Yangtse ertränken oder ganz einfach nur erschießen sollte, erinnerte sie sich an ihre erste Begegnung mit der Triade von Mr. Li Zhou Huang.

 

China, Shanghai, Frühjahr 1955.
Micky hatte gerade ihren letzten noch fehlenden Gürtel in Karate erhalten, jetzt lief sie gutgelaunt durch die Straßen Shanghais. Es war ein schöner Frühlingstag. Sie überlegte, dass sie in Kürze ihre Zelte in China abbrechen und nach Amerika abreisen würde.

Völlig in Gedanken registrierte sie nicht, dass jemand ihren Namen rief. Erst als ihr dieser jemand seine Hand auf die Schulter legte und sie den Fremden mit einem Karategriff auf den harten Asphalt schickte, hatte sie gemerkt, dass sie nicht alleine war. Überrascht erkannte sie Komissar Han Yu Lee, einen sympathischen Chinesen, den sie in ihrem Karatekursus kennen gelernt hatte. Gelegentlich hatte sie ihm bei seinen Fällen geholfen. Dies war zwar vom kommunistischen Regime nicht gerne gesehen, wurde aber doch bis zu einem gewissen Grad toleriert. Zuletzt hatten die beiden daran gearbeitet eine Triade, die Drogen in ganz China verkaufte und jetzt eine Expandierung nach Amerika plante, zu zerschlagen. Micky hatte auf einen neuen Einsatz gewartet und der war jetzt offensichtlich gekommen. Sie zog Lee auf die Füße und entschul­digte sich.

Alles in Ordnung, Lee?“ Sie sprach mit ihm Chinesisch, das sie während der zwei Jahre ihres Aufenthalts nahezu perfekt gelernt hatte. Eines ihrer Talente war es unwahr­scheinlich schnell eine neue Sprache zu erlernen. Im Laufe ihrer fast fünfhun­dertjährigen Existenz hatte Micky neben ihrer Muttersprache noch Englisch, Italienisch, Spanisch, Russisch, Japanisch und zuletzt Chinesisch gelernt.
Ja, alles in Ordnung. Du bist sehr gut, Dante Micky Nüshi.“ Sie musste immer noch grinsen, wenn er sie auf Chinesisch als Frau – als Nüshi – titulierte und ihren Nach­namen an die erste Stelle setzte. Doch sein Kompliment nahm sie dankend an und verbeugte sich respektvoll.
Warum bist du gekommen, Lee?“
Wir haben die Erlaubnis die Triade von Li Xiansheng (Herrn Li) zu zerschlagen, ehrenwerte Freundin. Das heißt du...“ Er zeigte auf sie. „...und ich!“ Und schlug sich dabei stolz auf die Brust.
Na, dann wollen wir mal so richtig die Puppen tanzen lassen, Lee! Ich folge dir!“ Es erinnerte sie stark an die Zeit, als sie mit einem anderen Polizisten in Chicago Al Capone das Schwitzen gelehrt hatte.

Lee stellte den Kurieren von der Triade Li eine Falle und sie liefen direkt hinein. Eine ganze LKW-Ladung mit Drogen bereit zum Versand ging der Polizei von Shanghai in die Falle. Zwar waren die Knastvägel nicht bereit zu verraten, dass Li Zhou Huang ihr Boss war. Doch der erfolgreiche Einsatz von Lee und Micky kostete ihren Boss ein Vermögen. Und das hatte Mr. Li offensichtlich nicht vergessen.

 

Man führte die beiden auf die Rückseite des Gartens, wo Mr. Li sie erwartete.

Es machte keinen Sinn sich zu verstellen, er erkannte Micky sofort. Es war ihm egal, wie sie es angestellt hatte, nach 51 Jahren keinen Tag gealtert zu sein. Er hatte sie damals von seiner verdunkelten Limousine aus gesehen und Mr. Li vergaß nie ein Gesicht.

„Sie müssen Mr. und Mrs. MacLeod sein.“ Der Chinese stand auf und gab ihnen die Hand. Dabei musterte er Micky genau. „Obwohl ich Ihre zauberhafte Gattin unter einem ganz anderen Namen kenne. 1955 habe ich sie als Micky Dante kennen gelernt. Sie hat mir das größte Geschäft meiner Karriere verdorben. Ich hätte fast mein Gesicht verloren. Wenigstens konnte ich diesen elenden Kommisar Han zerquetschen wie einen Wurm. Er starb sehr qualvoll und langsam!“ Micky zuckte kaum merklich zusammen, sie hatte Lee sehr geschätzt. Er hatte etwas Besseres verdient, als für die Erfüllung seiner Pflicht zu Tode gefoltert zu werden. Und genau das traute sie Mr. Li ohne Weiteres zu.
„Machen Sie es nicht so spannend, Mr. Li. Was wollen Sie?“ Er ignorierte Mickys Frage und setzte sich auf eine Steinbank, wo er in aller Seelenruhe Sake einschenkte. Es schien ihn nicht sonderlich zu stören, dass Micky keinen Tag gealtert war. Da saßen sie und tranken Reiswein wie alte Freunde. Dabei konnte Micky sich vorstellen, was der schurkische Verbrecher mit ihnen vorhatte. Triaden verstanden keinen Spaß. Schon gar nicht, wenn man ihnen einen Geschäft versaute. Mr. Li mochte an die 80 Jahre alt sein, doch er strahlte eine Kraft aus, die beängstigend war.
„Ihren Tod, meine Liebe. Und leider auch den Ihres Gatten. Wie heißt es so schön im westlichen Ehegelübde: In guten wie in schlechten Zeiten und bis dass der Tod Sie scheidet? Nun, ich fürchte, dass wird schneller eintreten, als Sie beide geahnt haben.“ Er schnippte mit dem Finger, zwei chinesische Kleiderschränke traten aus dem kleinen Pavillon und rissen die MacLeods unsanft auf die Füße.

Sie drückten Micky und Duncan Pistolen ins Kreuz und schoben sie zu ihren Wagen, silberfarbene 5er BMWs. Diese Killer hatten wenigstens Stil, fuhr es Duncan in den Sinn. Gott, er hasste das. Wahrscheinlich würden sie mit den beiden in ein stilles Waldstück fahren und sie dort erschießen. In ein, zwei Stunden würden die beiden wieder zu sich kommen und irgendwie zum Four Seasons trampen und dann schnellstens das Land verlassen müssen.

Sie fuhren mit ihnen durch die ganze Stadt, es wurde schon dunkel. Die faszinierende Skyline von Shanghai tauchte am Horizont auf.

 

Am Hafen hielten die Wagen, Duncan und Micky wurden rausgezerrt. Dann ging alles sehr schnell. Sie erschossen erst Duncan, wahrscheinlich damit Micky unter seinem Tod noch einen kleinen Moment leiden und ihm dann nachfolgen sollte. Dann war sie an der Reihe. Der Schuss zerstörte ihr schönes, sündhaftteures Chanel-Kostüm. Mr. Lis Killer warfen die MacLeods in die Hafenbucht.

 

Einige Stunden später, es war inzwischen mitten in der Nacht, wurden sie an den Strand gespült. Duncan wurde als erster wieder wach. Er hustete und fischte sich Seetang aus den Haaren, sein Haargummi war auf und davon geschwommen. Er sah wie ein Schotte aus, der gerade aus einem Nahkampf mit englischen Soldaten kam.

Noch immer hustend machte er sich auf die Suche nach seiner Frau. Einige Meter entfernt lag sie auf dem Rücken. Autsch, das Kostüm war hinüber. Na ja, das hatte sie sich selbst zu zuschreiben. Was zog sie auch ihre teuren Designerklamotten an, wenn sie in China unterwegs waren? Und was musste sie sich auch unbedingt mit Triaden anlegen und auf die Empfehlungen eines russischen Kunsthändlers hören, bloß weil er sie in Moskau in das beste Restaurant der Stadt eingeladen hatte?

Duncan beugte sich über seine Frau. Sie wurde wach und blinzelte gegen den Vollmond an, der Duncan in einen Schatten hüllte.

„Bist du nun zufrieden, Micky?! Herrgott, wir sind nass bis auf die Knochen, wurden erschossen; und dein Kostüm kannst du nicht mal mehr der Wohlfahrt spenden!“ Er streckte seine Hand aus, sie griff danach und er zog sie unsanft auf die Füße. „Mit dir fliege ich noch mal irgendwo hin! Das kannst du glatt vergessen, Comtesse!“ Er drehte sich weg und stapfte zur nahegelegenen Straße. Micky packte ihn an der Schulter, drehte ihn um und küsste ihn. Dann streckte sie den Kopf zum Himmel und lachte den Vollmond an.
„War doch ein Riesenspaß!“ Duncan starrte sie ungläubig an. Er rückte seine Krawatte zurecht und schloss das Jackett, damit man die eigentlich tödliche Schussverletzung nicht sah. Trotz der Dunkelheit zog er seine Sonnenbrille auf und schloss auch den Mantel seiner Frau ober- und unterhalb des Einschussloches. Dann grunzte er unge­halten und schnappte sich die Comtesse. Micky wehrte sich vergeblich, Duncan ignorierte ihre Flüche, warf sie sich über die Schulter und trug sie in die chinesische Nacht davon. Er würde sie nicht mehr aus den Augen lassen, bis sie wieder franzö­sischen Boden betreten hatten.

 

 

10. 2 Geister, 95 Thesen und 506 Geburtstagskerzen

 

Frankreich, Paris, 15. Mai.
Der Wonnemonat macht seinem Namen auch in diesem Jahr alle Ehre. Überall blühten Blumen, Vögel sangen von morgens bis abends. Und auch die Stadt der Liebenden wurde ihrem Namen mehr als gerecht. Entlang der Seine turtelten verliebte Pärchen aus aller Herren Länder.

Schon wieder klingelte das Handy. „MacLeod“, meldete sich Micky schwankend zwischen der Belustigung darüber, dass ihr anscheinend die Hälfte der Pariser High­society zum Geburtstag gratulieren wollte und einer leichten Gereiztheit, weil sie bereits seit vier Stunden verzweifelt versuchte ihre Besorgungen für die Party am Abend zu erledigen. Natürlich würde den Großteil der Partyservice übernehmen. Doch es gab auch eine Veranstaltung, für ganz erlesene Gäste und um diese Vorbereitungen kümmerte sich Micky persönlich. Zumindest versuchte sie es in den wenigen Augenblicken, wenn ihr Handy mal nicht klingelte. Neben den Glückwünschen hatte ihre Assistentin aus Galerie schon fünf Mal angerufen, weil ein bestelltes Bild noch nicht geliefert war. „Ich habe es nicht in meiner Handtasche, Yvonne!“ witzelte Micky jedes Mal.

„Hallo, Geburtstagskind, ich bin’s Joe. Mein Flieger hat Verspätung, ist aber schon kurz vor Paris. Danke für den First Class-Flug. Also, du verstehst es wirklich deine Partygäste angemessen einzufliegen!… Ich muss jetzt Schluss machen, der Geschäftsmann neben mir braucht das Bordtelefon. Irgendwelche Aktien sind gerade in den Keller gerauscht. Also bis später!“ Micky lachte.
„Gut, bis dann, Joe. Sag Bescheid, wenn du gelandet bist. Duncan holt dich ab. Salut.“ Sie beendete das Gespräch, klappte das Handy zu und verstaute es zum x-ten Mal an diesem Vormittag in ihrer Handtasche.

Micky blickte sich um und bemerkte, dass sie am Ziel war. „Monsieur Barnabas Esoterikladen“ las sie die Inschrift, die quer über das verdunkelte Fenster verlief. Sie trat durch die Tür, ein Glöckchen bimmelte, und gleich darauf hörte sie ein freundliches „Ich komme schon.“ In dem Geschäft roch es nach Weihrauch und anderen Kräutern.

Monsieur Barnabas trat durch einen roten Samtvorhang in seinen Verkaufsraum, und Micky traf der Schlag. Auch der ominöse Monsieur Barnabas hatte sie erkannt. Eigentlich kannte sie ihn unter dem Namen Berthold Unterhauser, und eigentlich müsste er seit mehr als 400 Jahren tot sein. Völlig in Gedanken um ihre Party hatte Micky nicht auf das Kribbeln im Nacken geachtet. Jenes unbestimmte, von Mal zu Mal variierende Gefühl, das auf einen anderen Unsterblichen in ihrer nächsten Umgebung hinwies.

„Meister Unterhauser?“ fragte sie ungläubig.
„Michelle Dubois? Sie leben, Kind? Das ist gut!“ Er trat näher und musterte sie mit diesem gleichen durchdringenden Blick, den sie noch von Nostradamus gut in Erinnerung hatte.
„Versteht mich nicht falsch, Meister. Aber müsstet Ihr nicht tot sein? Seit...“, sie rechnete kurz. „...seit ungefähr 460 Jahren?“ Er nickte.
„Die Belebung ereilte mich ein Jahr nach dem Sie zu Ihrer nächsten Ausbildungsstation aufgebrochen sind.“ Micky setzte sich auf den ihr angebotenen Stuhl und versuchte das gerade Erfahrene zu verarbeiten.
„Aber dann seid Ihr so ziemlich der älteste Unsterbliche, den es gibt! Ich dachte, das geht gar nicht!? Wie alt wart Ihr, Meister?“ Er lächelte über ihre Respektsbezeugung.
„Die Belebung ereilte mich im Alter von 75 Jahren. Ja, ja, das ist in der Tat kurios.“
Kurios war in der Tat das erste Wort, das dem Betrachter bei Monsieur Barnabas’ oder Meister Unterhausers Erscheinungsbild in den Sinn kam. Sein eisgrauer Bart reichte weit auf die Brust, die kristallblauen Augen lächelten verschmitzt und verrieten dem aufmerksamen Betrachter sein wahres Alter. Er trug einen langen, blauen Mantel, auf den gelbe Sterne aufgenäht waren und eine tiefsitzende, winzig kleine Lesebrille. Micky schmunzelte.
„Was ist so lustig, liebes Kind?“ Sie erschrak.
„Verzeiht, Meister. Ich überlege nur gerade, an wen Ihr mich mehr erinnert. An Professor Dumbledore aus den Harry Potter-Filmen oder an Gandalf, den Grauen?!“ Er lachte amüsiert auf.
„Ich fühle mich geehrt, dass du mich mit so mächtigen, wenn auch rein fiktiven Zauberern vergleichst, liebes Kind. Doch ich bin nur ein bescheidener Alchimist.“ Jetzt waren sie endgültig in die Meister-Schüler-Rollen zurückgefallen. Micky verwendete das mittelalterliche „Ihr“ und Barnabas das der Schülerin und ihrem Status angemessene „Du“.
„Meister, ich möchte Euch nicht beleidigen, aber im Hinblick auf die 'Zusammenkunft' (an die Micky ja nicht mehr glaubte), könnt Ihr überhaupt noch ein Schwert führen?“ Er stand auf und trat durch den Samtvorhang. Micky befürchtete ihn wirklich beleidigt zu haben. Doch im nächsten Augenblick trat er wieder mit einem schmucken Florett, das Richies nicht unähnlich war, hervor. Er bewegte es gekonnt auf und ab und stellte sein Geschick unter Beweis.
„Ich gehe in die Rue de Longchamp.“ Sie blickte ihn fragend an. „Ins Fitness-Studio“, erklärte der alte Mann stolz. Micky entfuhr ein Lachen. Sie schlug sich auf den Mund und sah ihn entschuldigend an. „Ja, ja, die jungen Dinger sind total verrückt nach mir, wenn ich da in meinem Trainingsanzug auftauche!“ Micky biss sich auf die Unterlippe, das Bild deutlich vor sich sehend.

Sich räuspernd erinnerte Micky sich an den ursprünglichen Grund für ihren Besuch in dem Esoterikladen.

„Meister, weshalb ich gekommen bin...“ Er legte das Schwert auf den Tresen.
„Natürlich, was kann ich für dich tun, liebes Kind? Ah, es ist dein Geburtstag. Natürlich, natürlich. Du beschwörst also immer noch an diesem Tag die Geister?! Wer ist es denn in diesem Jahr?“
„Eine Frau, der ich treu gedient habe.“
„Katharina von Medici, die italienische Giftmischerin auf dem Thron der Valois?“ Die Bezeichnung „Giftmischerin“ war durchaus als Kompliment gemeint. Barnabas bewun­derte Leute, die aus Kräutern und Elixieren wirksame Waffen zur Verwirklichung ihrer Ziele machen konnten. Er war einer der Alchimisten, die man im Mittelalter der schwarzen Magie bezichtigt hatte..
„Nein, jemand anderes. Ich habe im Winter den Verräter der Romanows enthauptet und das möchte ich meiner Freundin Alescha, also der Zarin Alexandra, jetzt sagen und wenn sie nicht reagiert, versuche ich es mit meinem Patenkind Anastasia.“ Er nickte und rannte sofort wie ein aus dem Schlaf gerissenes Murmeltier in seinem Laden hin und her und packte alles für die Beschwörung zusammen.
„Möchtet Ihr dabei sein, Meister?“ Er drehte sich zu Micky um.
„Das gibt aber keine Wiederholung von 1544, oder? Der Auftritt von Dschingis Khan hat mich zu Tode erschreckt! Du wolltest ja eigentlich deinen Vater rufen und dann tauchte er aus dem Äther auf!“ Er lachte, als er sich an den Gesichtsausdruck von Dschingis Khans Geist erinnerte und wie der Mongole getobt und unverständlich geflucht und geknurrt hatte.
„Nein, Meister, in den letzten Jahrhunderten bin ich besser geworden. Viel besser. Also, ein Wagen holt Euch dann um 19 Uhr ab.“ Sie schnappte sich die Pakete, legte ein paar Euroscheine auf die Theke und rauschte mit wehendem Mantel davon.

Barnabas lachte belustigt auf. Sie mochte 506 Jahre als sei,. doch sie verhielt sich nach wie vor wie das aufgedrehte Äffchen, als das er sie 1544 in Wittenberg kennen gelernt hatte.

 

Deutschland, Wittenberg, Mai 1544.
Michelle Dubois stieg erschöpft und hungrig aus der Kutsche. Endlich war sie da, in Wittenberg. Nostradamus schickte sie seit 1530 von einem Alchimisten zum nächsten in die Lehre, kreuz und quer durch Europa. Kreuz und lahm, das traf es schon eher. Sie streckte sich, dass ihre Knochen schmerzhaft knackten. Äußerlich mochte sie 25 sein, doch am morgigen Tag würde Michelle ihren 44. Geburtstag feiern. Ihre eigene Mutter war nicht so alt geworden. Sie war im Kindbett zwei Tage nach Michelles Geburt im zarten Alter von 27 Jahren gestorben. In drei Tagen würde Michelle eine Messe für sie lesen lassen oder sie würde an einem Gottesdienst der Lutheraner teilnehmen. Vielleicht hatte sie Glück und der berühmte Martin Luther würde persönlich predigen.

 

Luther hatte die Zeichen der Zeit erkannt und einen Wandel der Kirchendoktrin eingeleitet. Er, ein ehemaliger Augustiner-Mönch, hatte gegen den Papst und seine Scheinheiligkeit rebelliert. Sogar geheiratet hatte er, eine ehemalige Nonne namens Katharina von Bora. Und Kurfürst Friedrich der Weise hatte ihm das ehemalige Schwarze Kloster als Schule für seine neuen Lehren und Wohnsitz für seine Familie geschenkt.

Ja, Michelle würde ihn sehr gerne treffen und mit ihm sprechen. Sicherlich würden seine 95 Thesen und seine Reformen Einzug in die Geschichtsbücher halten. Und Michelle könnte in ein paar hundert Jahren sagen, dass sie Martin Luther gekannt hatte. Natürlich immer vorausgesetzt, sie würde ihren Kopf so lange behalten. Leider kam durch ihre umfangreichen Studien ihr Schwerttraining ein wenig zu kurz. Meister Nakano würde sich im Grabe umdrehen, wenn er sehen würde, wie viel sie schon wieder verlernt hatte.

 

Sie blickte sich suchend um. Da stand ein Kaufmann, den sie nach dem Weg fragen konnte.

Entschuldigt, mein Herr. Ich suche das Haus von Meister Berthold Unterhauser.“ Er blickte sie finster an, weil sie mit starkem französischen Akzent sprach. Fremden gegenüber war man in diesen Zeiten zunächst einmal misstrauisch.
Da vorne wohnt der alte Wirrkopf. Haltet Ausschau nach buntem Rauch, dann hat er es geschafft und endlich sein Haus in die Luft gesprengt! Was wollt Ihr von dem alten Zausel, junges Fräulein?“
Bei ihm in die Lehre gehen, mein Herr“, erklärte Michelle frech grinsend. Dem Kaufmann klappte die Kinnlade hinunter.
Dann stehe Euch Gott, der Allmächtige bei!“ rief er erschrocken aus und machte eiligst auf dem Absatz kehrt.
Der Herr ist immer an meiner Seite!“ rief sie dem deutschen Kaufmann noch hinter her, drehte sich nun ihrerseits auf dem Absatz um und rannte direkt in die Arme von Martin Luther.
Langsam, langsam, junges Fräulein. Wohin so eilig?“ Sie starrte den Reformator mit großen Augen an. In Paris hatte sie ein Porträt des jungen, unkonventionellen Theologen gesehen. Er mochte inzwischen zwar 61 Jahre alt sein, doch die Augen erkannte sie. Michelle versank in ihnen und versuchte in Luthers Seele zu blicken, so wie Nostradamus es sie gelehrt hatte. Doch dafür war sie bei weitem noch nicht gut genug, nicht annähernd so gut wie ihr Meister.
Martin Luther!“ rief Michelle, als sie endlich ihre Stimme wieder gefunden hatte.
Na, das nenne ich aber einen Zufall! So heiße ich auch!“ bemerkte Luther lachend.
Wie? Was? Ach so, verzeiht.“ Sie vollführte einen eleganten Knicks und reichte Luther ihre Hand zum Kuss. „Ich bin die Comtesse Michelle Dubois aus Frankreich, und ich soll bei Meister Unterhauser in die Lehre gehen.“
Interessant. Und wer hat das verfügt?“ Sie machte auf Luther nicht Eindruck, als würde sie sich von irgendjemand und ganz besonders nicht von Männern herumkommandieren lassen.
Mein Meister Nostradamus!“ erklärte Michelle unverblümt und auch ein klein wenig stolz einen solch berühmten Seher Meister nennen zu dürfen.
Interessant. Dürfte ich Euch vor Eurem Antrittsbesuch bei Meister Unterhauser zu einem Mittagsmahl in das Schwarze Kloster einladen?“ Sie nickte einverstanden und ergriff den ihr dargebotenen Arm Luthers.
Professor Luther, würdet Ihr, wenn ich Euch von Nostradamus erzähle, mit mir ein wenig philosophieren?“
Worüber, hochverehrte Comtesse?“
Über Gott und die Unsterblichkeit, Herr Professor Luther!“ Er blickte sie verblüfft an, nickte dann aber einverstanden.

 

Micky lächelte, während sie sich an ihre erste Begegnung mit Martin Luther erinnerte. Viele weitere hatte es bis zu seinem Tod zwei Jahre später in Eisleben gegeben. Sie hatte sich nie als Unsterbliche offenbart, sondern dass beliebte Spiel „Was wäre wenn“ mit ihm gespielt. Was wäre, wenn auf der Erde Unsterbliche unentdeckt durch die Jahrhunderte streiften? Hatte Gott sie geschickt und wenn ja wieso? So erheiternd und lehrreich die Diskussionen mit Martin Luther auch gewesen waren, Michelle war hinter her im Hinblick auf ihre unsterbliche Existenz keinen Deut schlauer als bei ihrer Ankunft in Wittenberg.

 

 

Chateau Dubois am selben Abend.
Die Party war in vollem Gange. Der Festsaal war gefüllt mit Kunden, Freunden und Bekannten der MacLeods. Pausenlos hatten sie Hände geschüttelt und Küsschen verteilt.

Jetzt hatten sie sich für einen kurzen Moment in die Bibliothek zurückgezogen. Methos und Joe Dawson warteten mit ihnen gemeinsam auf Connor und Richie. Eben ging die Tür zur Bibliothek auf. Connor betrat mit einer riesigen After Eight-Torte den Raum. Hinter ihm folgte der grinsende Richie mit einem Tablett voller Champagnergläser.

Connor stellte den Kuchen ab und gratulierte Micky noch einmal. Sie beugte sich über den Kuchen und pustete die Kerzen aus.

„Hey, Comtesse, wieso sind da auf deiner Torte nur 11 Kerzen? Du bist doch 506 geworden!“ Das war Richie live und in Höchstform, wie er einer Frau zu schmeicheln versuchte.
„Richie, ist es nicht nett eine Frau auf ihr Alter anzusprechen...“ Sie drehte sich zu ihrem Mann um. „....Duncan, hast du ihn nicht ein bisschen erzogen, nachdem du ihn von der Straße geholt hast?!“ Sie blickte grinsend ihren Mann an, der nur entschuldigend die Achseln zuckte. „Und Richie, es stimmt doch. Du kannst nur nicht richtig zählen. Eine große Kerze steht für 100 Jahre und eine kleine für jeweils 1 Jahr. 5 große und 6 kleine ergeben 506 Jahre!“
„Und wie machst du das, Methos? Bei 5.000 Jahren sind das doch auch mit dieser Methode ziemlich viele Kerzen?“
Methos grinste Richie an und erklärte: „Ganz einfach, Junior. Mit verdammt viel Puste!“ Sie lachten und griffen nach den Champagnergläsern. Sie prosteten sich in Französisch, Englisch und Schottisch zu.
„Mhm, das ist ein guter Tropfen. Wo hast du den aufgegabelt, Connor? Der ist nicht vom Partyservice geliefert worden“, stellte das Geburtstagskind fest.
„Das ist ein Chateau Dubois, Jahrgang 2003. Dein erster eigener Champagner, Comtesse.“ Micky hatte sich ein Weingut in der gleichnamigen französischen Provinz gekauft und vertrieb den edlen Tropfen nun auf ihren Vernissagen. Natürlich gönnte sie sich auch gerne mal ein Gläschen.
„Na, dann können wir ab heute ja alle Frankreich so oft lieben, wie wir wollen!“ lachte Micky und alle hoben ihre Gläser, grinsten in Duncans Richtung und riefen aus einem Munde: „Ah, ich liebe Frankreich!“
Sie stellten die Gläser ab und Micky ergriff ein weiteres Mal das Wort.
„So, meine lieben Freunde. Jetzt darf ich euch bitten zu verschwinden. Ich möchte meine Seance abhalten. Duncan, würdest du bitte Meister Unterhauser zu mir bringen?“ Er nickte, die anderen umarmten Micky und gingen dann wieder zur Party zurück.

Einige Minuten später betrat Berthold Unterhauser die Bibliothek, er trug einen schwarzen Smoking. Micky war sich ziemlich sicher, dass der Zauberumhang ihm besser gestanden hatte. Sie ging zu einem kleinen Schrank und holte zwei Mäntel heraus, reichte einen an ihren Meister und schloss die Tür ab.

Auf einen kleinen Kaffeetisch stand ein Ouija-Brett. Unterhauser zündete die Kräuter an und sprach einige Formeln, in einer Sprache, die nur er und seine Schülerin verstanden. Micky dachte noch kurz, hoffentlich schaffte sie es wirklich Alescha oder Anastasia zu rufen und nicht wieder Dschingis Khan oder irgend einen anderen ungeladenen Geist.

Voll konzentriert setzte sich an den Tisch und legte die Fingerspitzen auf den Zeiger. Sie richtete ihr geistiges Auge auf die Romanows, sah sie so deutlich vor sich, als wäre sie wieder im St. Petersburger Winterpalast 1917.

„Alescha, bist du da?“ Das Brett reagierte nicht. Sie konzentrierte sich noch ein wenig mehr, langsam wirkte der Weihrauch. Er benebelte das Bewusstsein und öffnete das Unterbewusstsein. Die übrigen von Meister Unterhauser zusammengemischten Kräuter versetzten Micky und ihn in einen tranceähnlichen Zustand.
„Alescha, meine Freundin, Alexandra Romanow, hörst du mich? Hier ist die Comtesse Dubois.“ Jetzt reagierte das Brett, der Zeiger glitt über die Buchstaben und beschrieb die Worte „Ich bin hier.“ Micky beeilte sich. Mit dem Ouija-Brett war es so eine Sache, man wusste nie, wer da draußen rumkurvte. Dschingis Khan war vielleicht noch der harmloseste Geist. Normalerweise beschwor sie die Geister im Kaminfeuer, doch das war ihr heute mit ein paar Hundert Gästen im Chateau zu gefährlich.
„Alescha, ich habe Iwan Fjodor Volkow getötet. Der Verräter hat gebüßt.“ Wieder blickte sie mit einem leeren Blick auf das Brett, registrierte aber die neu entstehenden Worte.
„Das ist gut, liebe Freundin. Anastasia vermisst dich.“ Eine einzelne Träne lief über Mickys Wange. Unterhauser berührte ihre Hände, signalisierte, dass es Zeit wurde.
„Leb wohl, Alescha. Grüß meine Eltern, meinen Bruder und Nostradamus.“ Der Zeiger schwebte zum „Ja“ hinüber, dann war die Verbindung unterbrochen.
„Bis zum nächsten Jahr“, flüsterte Michelle. Dann räusperte sie sich, um ihre Fassung wieder zu erlangen und packte zügig das Brett zusammen. Meister Unterhauser räumte die Kräuter und die Verbrennungsschale weg. Man konnte nie wissen, ob vielleicht ein Partygast sich verirrte und etwas sah, dass nicht für seine Augen bestimmt war.

 

Micky und Meister Unterhauser gingen wieder in den Festsaal und gesellten sich zu Methos und Connor.

„Eine Frage, Monsieur. Wie kamen Sie auf den Namen Barnabas?“ fragte Methos interessiert. Der alte Mann schmunzelte schelmisch und griff nach einem Glas Wein.
„Nun, Monsieur Methos, wo würden Sie Ihre Zutaten für den Hexensabbat eher kaufen? Bei Herrn Berthold Unterhauser oder bei Monsieur Barnabas, benannt nach einem gesteinigten Märtyrer, der durch Handauflegung heilen konnte? Was klingt wohl mysteriöser?“ Methos lachte, da war etwas was Wahres dran. „Erlauben Sie mir eine Frage im Gegenzug, Monsieur Methos. Wie sind Ihre Eltern auf diesen ungewöhnlichen Namen gekommen?"
„Das kann ich Ihnen nicht sagen, Meister Unterhauser. Ich kann mich nicht an meine Eltern erinnern. Ich hieß auch nicht von Anfang an Methos. Ich kenne meinen richtigen Namen nicht. Ebenso wenig meinen genauen Geburtstag, vor 5.000 Jahren gab es noch keine Abreißkalender. Und den Namen Methos gab ich mir selbst. Ich war auf einer Wanderung durch Mesopotamien, da flüsterte mir ein Windhauch den Namen ins Ohr. So bin ich zu meinem Namen gekommen.“ Diese Geschichte kannte selbst Micky noch nicht.
„Und wann genau bläst du dann deine 5.000 Kerzen aus?“ fragte Richie, der sich der Gruppe angeschlossen hatte.
„Immer dann, wenn ich Lust habe. Comtesse, wo ist dein hauseigener Champagner? Ich glaube, ich möchte heute meinen Geburtstag mit dir zusammen feiern! Und außerdem, Duncan, komm doch mal her!“ Er winkte den Freund zu sich rüber.
„Was gibt es denn, alter Junge?“ Er konnte es sich fast schon denken, als Connor jedem ein Glas Chateau Dubois in die Hand drückte.
„Ich wollte nur noch eines zu diesem vergnüglichen Abend sagen, Duncan...“ Der Schotte grinste wohlwissend.
„Lass mich raten. Ah...“ Und sie stimmten alle mit ein. „Ich liebe Frankreich!“ Die Freunde stießen mit ihren Champagnergläsern an und lachten herzlich.

 

 

11. Eine Französin im Koreakrieg mit „Oreos“ im Gepäck

 

Frankreich, Paris, MacLeod Kunst-Galerie.
„Es hängt schief, Richie.“ Micky kniff das linke Auge zusammen und fixierte das Bild, das Richie gerade für die nächste Vernissage aufhängte.

Die Tür ging auf und ein Unsterblicher trat ein. Micky und Richie ignorierten ihn, es konnte ja nur einer der MacLeods oder Methos sein.

„Major Dante, nehmen Sie Haltung an!“ Micky schnellte herum in die Richtung, aus der der Befehl gekommen war. Sie blickte den Mann um die 40 an und salutierte.
„Colonel Barton, Sir!“ rief sie in perfektem Armeeton. Er erwiderte den Salut.

Dann lachten beide los, Micky machte einen kleinen Satz in die Höhe und rannte los. Sie fiel dem Fremden um den Hals und umarmte ihn stürmisch. Richie kümmerte sich nicht darum. Inzwischen war er es gewohnt, dass sein Boss nicht richtig tickte. Er war nur Froh, dass sie Macs Frau und nicht seine war. Die Comtesse war auf die Dauer viel zu anstregend. Man wusste nie, was sie im nächsten Moment anstellte.

„Was bei General MacArthurs Unterhosen machst du in Paris, Colonel?“ Er grinste.
„Ich sehe schon, du bist noch genauso ein Biest wie 1952 in Korea. Und das ist dein Mann?“ Er zeigte auf Richie. Und Micky lachte.
„Nein, Colonel. Er ist mein Angestellter und der Protegé meines Mannes. Richie Ryan, das ist Colonel Jack Barton.“
„Sag mal, Micky, was hat dich von der Krankenpflege und erotischen Armeeunterhosen zur Kunst geführt?“ Er grinste sie frech an.
„Du warst Krankenschwester in Korea, Micky?!“ staunte Richie. Von dem Krieg, den Amerika im Namen der Demokratie von 1950 bis 1953 in Korea geführt hatte, wusste er nur aus den Geschichtsbüchern. Und die hatte Richie auf der Highschool erfolgreich gemieden.
„Jungchen, vor dir steht die verdammt beste Oberschwester die das M.A.S.H. 2035 je gesehen hat!“
„M.A.S.H.?!“ fragte Richie, worauf Micky lachte.
Und das will die Fernsehgeneration sein, Jack ! M.A.S.H. bedeutet Mobile Army Surgical Hospital. Das war ein chirurgisches Feldlazarett der US-Armee, das in Frontnähe gebaut wurde, um Soldaten schnell versorgen zu können. Hast du nie etwas von der Fernseh­serie mit Alan Alda alias Captain Hawkeye Pierce gehört?!“ Richie zuckte entschul­digend wegen dieser offensichtlichen Bildungslücke mit den Schultern.
„Was doch die viel interessantere Frage ist, Boss, wie habt ihr euch kennen gelernt?“

 

Korea, M.A.S.H. 2053, 1952.
Micky schleppte sich hundemüde aus dem OP-Zelt. Sie hatte seit 3 Tagen nicht mehr geschlafen. Der kontinuierliche Strom von verwundeten US-Soldaten riss einfach nicht ab. Nun, zumindest konnte sie nicht an Schlafmangel sterben.

Der Weg führte sie ins Messezelt zu einem sehr späten Frühstück. Ihre schlanken Beine trugen die unsterbliche Oberschwester des M.A.S.H. 2053 schon rein automatisch zur Kaffeekanne. Gang rein, los laufen, vor der Maschine abbremsen. Sie griff nach der Kanne und spürte, wie sich eine Hand auf die ihre legte.

Captain Walters, ich war zuerst da. Also, Finger weg von meinem Kaffee!“ Seine Hand lag immer noch auf ihrer, seine blauen Augen glitzerten frech.
Warum heute so förmlich, Micky?“
Ganz einfach, Jeff, ich habe seit 72 Stunden nicht mehr geschlafen. Abgesehen davon bin ich Major, Captain. Und bloß weil du Arzt bist und ich Schwester, Oberschwester wohl gemerkt, kannst du dich nicht einfach so vordrängeln. Also nimm deine Hand da weg, sonst lasse ich dich vor ein Erschießungskommando stellen!“ Bei diesen Worten lächelte Micky zuckersüß.
Ich liebe es, wenn du auf deinen Rang pochst, Baby!“ Er tätschelte ihren runden Hintern, der fest und knackig in ihrer Uniform saß. Auch eine Unsterbliche konnte eitel sein, Micky trainierte regelmäßig mit den Hanteln der Ärzte und joggte im Umkreis des Lagers. Da es auf absehbare Zeit keine Schwertkämpfe geben würde, musste sie sich alternativ fit halten.
Kommst du später zu einer kleinen ‚Besprechung' in mein Zelt, Major Dante?“
Was ist mit Captain Johnson?“ Sie legte keinen Wert auf Publikum, schon gar nicht auf Jeffs Wohnkameraden. Es war schon schwer genug sich in einem M.A.S.H. ein wenig zu vergnügen, ohne dass das halbe Lager anschließend alle pikanten Details ihrer Liaison in der Messe beim Frühstück diskutierte.
Der ist mit Schwester Briggs in Seoul. Hat irgendeinem Colonel eine Kugel aus dem Hintern geholt. Dafür hat er einen 3-Tage-Urlaubsschein bekommen.“
Vielleicht hättest auch du deine Hand auf diesen Hintern anstatt auf meinen legen sollen?!“ Sie grinste, Jeff zog seine Linke mit einem beleidigtem Gesichtsausdruck weg. „Schau nicht so, Jeff. Ich komme ja. Ich mach mich ein bisschen frisch und dann bin ich da.“ Jetzt grinste auch Jeff Walters wieder.

 

Sie waren gerade so richtig bei der Sache. Teile ihrer Uniformen waren im ganzen Zelt verstreut. Micky saß auf Jeff, ihre Hundemarke hingen zwischen ihren hellen, vollen Brüsten, mit denen er spielte.

Micky hatte eines gleich zu Anfang in Korea gelernt, schlafen und ganz besonders miteinander schlafen, immer dann, wenn es gerade möglich war.

Es klopfte an der Zelt-Tür.

Wir haben derzeit keine Sprechstunde!“ rief Jeff.
Captain Walters, Sir, wir bekommen Verwundete. Die Hubschrauber sind schon unterwegs.“ Jeff seufzte, soviel zu seiner ungestörten „Besprechung“ mit Oberschwester Dante.
Wie lange, Miller?“ Tommy Miller war die rechte Hand des Lagerkommandanten, ein cleverer Yale-Student. Nur leider nicht clever genug, um am Krieg vorbeizukommen.
Zehn, 15 Minuten, Sir. Sir, der Colonel hat gesagt, ich soll auch Major Dante suchen.“
Sie haben mich gefunden!“ rief Micky ungehalten. „Und jetzt verschwinden Sie, Corporal Miller!“ Dieser salutierte der Zelttür, drehte sich um und flitzte davon.
Und nun zu Ihnen, Captain Walters. Wo waren wir stehen geblieben?“ Sie grinste spitzbübisch.
Zehn Minuten? Ich fühle mich geehrt, dass du soviel Vertrauen in meine Fähigkeiten setzt, Major Dante!“ Sie lachte und biss ihm in den Hals. Dann blickte sie ihm provo­zierend in die Augen.
Die Schwestern nennen dich nicht ohne Grund 'Flash', oder?“ Er grinste, packte Micky an den Schultern und riss sie runter. Mit einem lauten Rums und lachend fielen die beiden aus dem schmalen Feldbett.

 

Gut zehn Minuten später betrat Major Dante dicht gefolgt von Captain Walters das OP-Zelt. Jeff war nicht verheiratet. Also konnten die anderen ruhig wissen, dass sie eine Affäre hatten. Und was Jeff vielleicht noch mit den anderen Schwestern trieb, war Micky egal. Der 30-jährige Texaner konnte im Gegensatz zu ihr in diesem Krieg jederzeit getötet werden. Er sollte ruhig jeden einzelnen Tag in vollen Zügen genießen.

 

„Moment mal, in dieser Nacht vor neun Jahren in Duncans Dojo hast du gesagt, du hättest sechs Gefährten gehabt.“ Sie nickte zustimmend in Richies Richtung, während sie ihren Kaffee umrührte. Die drei saßen in Mickys Büro, das im ersten Stock der Galerie lag.

„Stimmt ja auch. Jeff war eine Affäre, mehr nicht. Da war sogar die Geschichte mit Methos ernster als die Sache mit ihm. Es war Krieg, Richie. Alle Soldaten, Ärzte und Schwestern rechneten jeden Tag damit zu sterben. Wer hielt denn die Koreaner ab ein M.A.S.H. anzugreifen? Die roten Kreuze waren ja praktisch Einladungen für die Bomberpiloten. Außerdem waren wir immer in direkter Frontnähe stationiert, es war also wirklich brisant. Gerade weil ein M.A.S.H. sehr schnell abgebaut und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden konnte, konnten wir dem Frontverlauf folgen. Mein M.A.S.H. ist den drei Kriegsjahren fünf Mal umgezogen, andere sogar ein Dutzend Mal. Trotz der Gefahr garantierten wir eine sehr schnelle Versorgung der Verwundeten in Frontnähe. Die Hubschrauber mussten nur kurze Wege zurücklegen, wodurch die Erfolgsquote bei der Behandlung erheblich verbessert wurde. Ohne die mobilen Lazarette wären viel mehr Soldaten gestorben und meine Mädels, also mein Schwesternstab, die konnten arbeiten wie die Tiere...“ erklärte sie stolz. „Um noch mal auf Jeff zurück zu kommen, als der Krieg am 27. Juli 1953 offiziell endete, flog Jeff zurück nach Houston. Wahrscheinlich hat er eine hübsche Texanerin geheiratet, viele Kinder bekommen und Rinder gezüchtet. Und ich bin nach Japan gereist zu Meister Nakanos Höhle und anschließend nach China.“
„Wo du die Triade von diesem Mr. Li aufgemischt hast, der euch Anfang des Jahres hat erschießen und in den Yangtse werfen lassen?“ kombinierte Richie. Colonel Barton wurde hellhörig.
„Triaden? Erschießen? Ich sehe schon, Oreo, du bist noch genauso... sagen wir mal... aktiv wie in Korea!“ Der Colonel lachte und umarmte Micky.
Wieso denn Oreo?“
„Weil die Füllung an mir das Beste ist, Richie!“ bemerkte Micky lachend.
Barton klopfte sich laut lachend aufs Knie. „Der war gut! Deinen Humor hast du dir auf jeden Fall bewahrt, Oreo!“ Noch immer lachend schenkte er sich einen weiteren Kaffee ein.
„Richie, jeder Arzt und jede Schwester in einem M.A.S.H. bekam damals einen richtig bescheuerten Spitznamen. Meistens wurde man damit sogar im OP angesprochen, besonders wenn es schnell gehen musste. Dann hieß es nur: Hey Oreo, reich mir mal das Skalpell!!
„Ja, aber wieso wurdest du nach einem Keks benannt?“ Richie ließ nicht locker.
„Na ja, Jeff hieß Flash nach der Comicfigur, weil er... so schnell war. Und ich wurde von ihm im Gegenzug Oreo getauft, weil ich süchtig nach diesen Keksen bin.“ Zur Demonstration öffnete sie eine Schublade, die bis oben hin mit Oreo-Schachteln in allen Geschmacksrichtungen gefüllt war. „Ich habe Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, damit in meinen Carepaketen regelmäßig Oreos mit dabei waren.“
Richie griff sich einen Keks mit der klassischen Cremefüllung und musterte ihn fasziniert.
„Gibt es die denn schon so lange?“
„Ja, Richie. Die ersten Oreos habe ich 1920 in Chicago gegessen. Seit 1912 werden sie in Amerika produziert.“ Sie drehte geschickt einen Keks auf und leckte genüsslich erst auf der einen und dann auf der anderen Hälfte die Füllung raus. Nachdem sie die beiden blankgeschleckten Kekshälften gegessen hatte, funkelte sie Richie warnend an. „Ach und, Richie.“ Er grinste, konnte sich schon denken, was sie sagen wollte. „Komm niemals, wirklich niemals auf die Idee mich Oreo zu nennen. Sonst hat dein Kopf die längste Zeit auf deinen Schultern gesessen!“
Er lachte und erklärte: „Ich werde mich hüten, Boss!“
„Sie haben mich auch so genannt, weil ich wirklich in jeder Situation eine Packung Oreos aus meiner Uniform gezogen habe. Die Lautsprecher meldeten sich nähernde Hubschrauber mit Verletzten. Ich packte erstmal meine Oreos aus. Bevor ich in den OP ging, packte ich meine Oreos aus. Beim Kinoabend aßen alle Popcorn und ich Oreos. Ich hab in Koreo praktisch von den Keksen gelebt.“ Richie lachte.
„Okay, ich hab's kapiert. Aber jetzt erzähl bitte weiter, wie du Colonel Barton getroffen hast.“
„Als ich ihn das erste Mal sah, befand er sich gerade in der Horizontalen mit einer grässlichen Wunde quer über den ganzen Brustkorb. Natürlich spürte ich sofort, dass er ein Unsterblicher war. Aber erklär das mal deinem diensthabenden Chirurgen!“

 

Micky wartete im Vorraum des OPs auf die eintreffenden Verwundeten und stellte sich auf eine weitere Nacht ohne Schlaf ein. Sie schreckte zusammen, ein Unsterblicher war in der Nähe. Na prima, und ihr Schwert lag zu Hause in New York. Micky hätte im Leben nicht damit gerechnet in Korea, mitten im Krieg, ein Duell austragen zu müssen.

Im nächsten Moment wurde der Unsterbliche auf einer Bahre hereingebracht. Er war bewusstlos und hatte eine böse Wunde. Verdammt, wie sollte sie erklären, dass er in ein paar Stunden wieder fit sein würde? Die Soldaten stellten ihn ab und rannten raus, um die nächsten Verwundeten aus den Hubschraubern zu holen. Da schlug er auch schon die Augen auf, glücklicherweise war gerade niemand in der Nähe.

Jack Barton, Major”, stellte er sich vor und setzte sich auf.
Bleiben Sie liegen, Colonel. Sonst müssen Sie einige unangenehme Fragen beant­worten.“ Sie flüsterte zischend und drückte ihn gerade wieder rechtzeitig runter, als ein Arzt vorbei ging.
Hey, Oreo, ist der da bewusstlos? Dann kümmere dich erst mal um die dringenden Fälle!“
Sofort, Sir!“ Der Arzt nickte und eilte in den OP. Der Unsterbliche hatte gegrinst, als er ihren Spitznamen gehört hatte.
Fragen Sie nicht, Sir. Ist nur ein blöder Spitzname.“
Und mit wem genau habe ich denn nun die Ehre?“ So wie er sprach, war er wohl auch schon ein paar Jahrhunderte ein Unsterblicher. Witzigerweise verfielen die Unsterblichen immer in ihre ursprüngliche Ausdrucksweise, wenn sie sich einander das erste Mal vorstellten.
Comtesse Michelle Dubois aus Frankreich. Aber hier bin ich Major Micky Dante. Und jetzt schaue ich, dass ich Sie hier rausschaffe, Colonel.“ Sie half ihm auf die Füße und blickte sich hektisch um. „Kommen Sie mit. Ich verstecke Sie in meinem Zelt. Unser Colonel müsste die gleiche Größe haben wie Sie. Ich besorge eine Uniform und dann hauen Sie zu Ihrer Einheit ab.“ Sie packte seinen Arm und schleifte den Colonel hinter sich her.

Eine halbe Stunde später hatte sich endlich die erhoffte Gelegenheit ergeben eine Uniform des Lagerkommandanten aus der Wäscherei zu klauen. Micky reichte sie Barton, der sich rasch anzog. Sie passte wie angegossen.

Sie haben ein gutes Augenmaß, Major. So, dann werde ich verschwinden. Es ist jetzt dunkel genug draußen.“
Colonel, halten Sie sich östlich Auf der Rückseite des Lagers liegen einige Minen.“ Er nickte.
Sollte ich jemals das Bedürfnis haben mit Ihnen ein kleines Veteranentreffen abzuhalten, wo werde ich Sie finden?“
Höchstwahrscheinlich in Paris unter dem Namen Michelle Dubois, den habe ich schon lange nicht mehr geführt. Und wenn nicht dort, dann irgendwo in Amerika unter dem Namen Micky Dante.“
Dann leben Sie wohl, Comtesse Dubois. Passen Sie auf Ihren hübschen Kopf auf.“ Er drehte sich um und verschwand in der Nacht.

 

„Und das Bedürfnis hast du jetzt verspürt, ja?“ Er grinste nur.
„Habt ihr euch danach nie mehr gesehen?“
„Doch nach Kriegsende sind wir uns in New York noch einmal über den Weg gelaufen, als ich meine dortige Wohnung aufgelöst habe und nach Paris abgereist bin. Der gute Jack lebte damals nämlich auch in New York.“
„Nach dem Motto: Die Welt ist ein Dorf oder wie?“ fragte Richie schmunzelnd.
Micky warf einen Blick auf die Uhr an der gegenüberliegenden Wand. Inzwischen war es schon fünf Uhr nachmittags.
„Lasst uns etwas essen gehen.“ Sie steckte die Oreos wieder in die Schublade und stand auf. Richie ging nach nebenan, räumte seinen Schreibtisch auf und holte seinen Mantel.

 

Die MacLeod-Galerie lag im 12. Arrondissement im Osten von Paris. Es sprach schon für Mickys merkwürdigen Sinn für Humor und ihren Sarkasmus, dass sie ihre Galerie ausgerechnet an der Place de la Bastille errichtet hatte. Jenem Ort, an dem Henry La Porte 1789 den Tod gefunden hatte. Aber vielleicht wollte sie dem einstigen Gefährten dadurch nur ein klein wenig näher sein und nicht vergessen, welchen Anteil sie als Unsterbliche an seinem Schicksal mittrug.

 

Micky, Richie und Jack Barton gingen durch den Bois de Vincennes-Park. Dieser Park war im Stil englischer Landschaftsarchitektur angelegt und hatte eine Fläche von knapp zehn Quadratkilometern.

Im nächsten Moment zuckten die drei Unsterblichen zusammen und griffen unter ihre Mäntel. Sie zogen ihre Schwerter und blickten sich suchend nach dem Fremden um, vor dem sie ihre Gabe gewarnt hatte.

Er kam aus dem Schatten eines Baumes getreten und rief: „Jack Barton!“ Der Colonel erkannte den Mann und stöhnte auf. Jack Barton wusste nur zu gut, wer er war und was er von ihm wollte. Sie bekämpften sich seit annähernd dreihundert Jahren.

„Wer ist das, Jack?“
„Mein Bruder Damian“, erklärte der Colonel.
„Und was will er?“ fragte Micky, die sich über das gezogene Schwert von Damian Barton wunderte.
„Meinen Kopf!“ antwortete Jack und schritt mit seiner einsatzbereiten Waffe auf seinen Bruder zu.

 

 

12. Ein unsterbliches Intermezzo

 

„Dein Bruder?!“ rief Micky ihm noch nach, doch Jack reagierte nicht. Er rannte mit gezogenem Schwert auf Damian zu. Richie wollte ihm nach. Doch Micky drückte ihre Hand auf seine Brust und hielt ihn zurück. Zu spät, der Kampf hatte begonnen.

 

Die beiden Brüder lieferten sich einen verbissenen Kampf, die Schwerter schlugen unerbittlich auf einander ein. Micky konnte Jacks Gesicht nicht sehen, doch Damian schien der Kampf Spaß zu machen. Er legte eine perverse Freude an den Tag, die Micky und Richie anwiderte. Damian Barton drosch mit seinem Langschwert zielstrebig auf seinen Bruder ein, drängte ihn immer weiter zurück. Jack erkannte, dass der Kampf aussichtslos war. Er drehte sich einen kurzen Augenblick zu Micky und Richie um. Sie blickte ihm in die traurigen Augen und begriff, dass es ein Abschied war.

„Immer auf den Hals aufpassen, Oreo!“ rief er, dann senkte er seine Waffe und Damians Schwert sauste unumstößlich auf Jack Barton nieder.

Micky schrie schockiert auf. Richie wollte sie festhalten, als Damian die Energie seines Bruders in sich aufnahm. Doch er rutschte an dem kalten, glatten Leder des Mantels ab. Richies Finger umschlossen nur die Luft, Micky war mit einem gigantischen Satz nach vorne gesprungen auf Damian Barton zu. Dieser nahm noch immer die Blitze in sich auf. Bevor er irgendetwas tun konnte, hatte Micky mit ihrem Schwert nach seinem geschlagen und ein neues Duell eröffnet.

Richie stand mit heruntergefallener Kinnlade da und traute seinen Augen nicht. Er griff instinktiv zu seinem Handy und wollte Duncan anrufen, doch was sollte der schon tun? Micky war in einen Blutrausch verfallen, kalter Zorn hatte sie gepackt. Richie erinnerte sich, dass die Comtesse ihm vor jeder Trainingsstunde eine Sache immer wieder ins Gedächtnis rief: Kämpfe nie zornig, dann verlierst du!

Er griff nach seinem Handy und wählte die Kurzwahltaste für Duncan.

„Alter, komm sofort in den Bois de Vincennes... Ist mir egal, was du gerade machst. Deine Frau ist total ausgetickt. In der Galerie tauchte ein Freund von ihr aus dem Koreakrieg auf. Und eben hat dessen Bruder ihn hier im Park geköpft. Und jetzt ist Micky völlig ausgerastet! Noch während der Energieübertragung ist sie auf ihn losgegangen!“ Er sprang zur Seite, weil die beiden Duellanten auf ihn zu kamen. „Wow, das war knapp. So was hab ich noch nicht gesehen. Fast hätten sie mir auch noch den Kopf runter gehauen. Ja,... ich gehe in Deckung. Beil dich, Mac.“ Er klappte sein Handy zusammen und trat noch ein paar Meter zur Seite.

Verblüfft registrierte Richie, dass die beiden Widersacher sich unterhielten, während sie mit den Schwertern unbeirrt auf einander einschlugen.

 

„Wieso?“ rief Micky über das metallische Scheppern hinweg.
„Ist doch klar, die Zusammenkunft rückt näher. Und mein Bruder war sehr mächtig. Er hat weit über 400 Begegnungen gewonnen!“ Micky schrie empört auf. Wie konnte jemand seinen eigenen Bruder für die Energie töten? Sie hatte kein Verständnis dafür, sie, die ihre komplette sterbliche Familie in jungen Jahren verloren hatte.
„Es gibt keine Zusammenkunft, Damian! Sie ist ein Mythos!“ Er taumelte zurück.
„Sie lügen!“ Micky zog ein Gesicht, das zwischen Belustigung und unmäßigem Zorn schwankte.
„Es ist wahr. Sie haben Ihren eigenen Bruder umsonst getötet! Sie elender Kretin!“ Nun stöhnte Damian auf und büßte seine Konzentration ein, während sein Gehirn daran arbeitete, dass die Zusammenkunft eine Erfindung sein sollte.

Micky erkannte ihre Chance, die Verwirrung stand Barton deutlich ins Gesicht geschrieben. Sie machte einen Satz auf ihn zu und holte mit dem Schwert aus. Verblüffte erkannte Damian Barton sein unausweichliches Ende nähern.

Der finale Schlag traf Damian mit einer niederschmetternden Wucht. Sein Kopf flog in weitem Bogen in die Büsche. Micky sackte mit Tränen in den Augen auf die Knie, hob ihr Schwert in die Höhe und nahm nun die Energie von Damian und Jack Barton und allen Unsterblichen, die die beiden im Laufe von über dreihundert Jahren getötet hatten, in sich auf. Es war die größte Energieübertragung, die Micky je über sich hatte ergehen lassen müssen. Richie blickte sich ängstlich um, ob irgendjemand ihre Schreie hörte. Er war sich ziemlich sicher, dass sie nicht nur wegen der Energieübertragung schrie, sondern auch aus Kummer über Jack Bartons sinnloses Ende.

 

Nachdem alles vorüber war, blickte Micky Richie mit verheulten Augen an und meinte: „Damit geht wieder ein Kapitel im Leben von Micky Dante zu Ende.“ Sie schniefte und wischte sich über ihre laufende Nase.

„Wieso eigentlich „Dante“, Boss? Das habe ich mich schon die ganze Zeit gefragt.“ Sie beugte sich über Jacks kopflose Leiche und durchwühlte die Taschen, Richie beobachtete sie verwundert. Schließlich holte sie einige Orden aus seiner Manteltasche und schloss ihre manikürten Finger darum. Sie drückte fest zu, die spitzen Enden schnitten tief in Mickys Fleisch, Blut tropfte auf den sandigen Parkweg.
„Dante Alighieri. Seinen Vornamen trage ich als Nachnamen. Er war ein Dichter im 13./14. Jahrhundert in Italien. Er schrieb ein weltberühmtes Werk ‚Die göttliche Komödie’, das später sogar von Botticelli gemalt wurde. Und sag mir eines, Richie, was ist unsere unsterbliche Existenz denn anderes als ‚Die göttliche Komödie’?!“ Sie zeigte mit ihrer leeren Hand auf die beiden enthaupteten Leichen der Barton-Brüder. „Ist das nicht eine Ironie? Jack Barton wurde von seinem Bruder für etwas getötet, das ein Mythos ist. Und jetzt habe ich unfreiwillig mehr Energie von Unsterblichen in mir aufgenommen als Connor und Duncan zusammen. Ich, die ich nicht mehr an die Zusammenkunft glaube. Das, mein lieber, Richie, nenne ich eine ‚göttliche Komödie’!“ Sie lächelte bitter und schritt mit blutender Hand, die Orden, Auszeichnungen von Jack Bartons Tapferkeit im Koreakrieg, eisern umklammert auf den Ausgang des Parks zu. Dort trat Duncan durch das Parktor. Erleichtert registrierte er, dass seine Frau noch lebte. Er sah Richie fragend an, doch der schüttelte nur den Kopf. Dazu gab es nicht mehr zu sagen. Micky hätte es nicht besser formulieren können. Was war ihrer aller Existenz wenn nicht eine „göttliche Komödie“?!

 

Fortsetzung folgt...

 

 

 

  


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