Kleine Anmerkung: Flashbacks von den Unsterblichen sind kursiv hervorgehoben

 

 

 




Highlander

Die französischen Chroniken – Der Zorn der Götter

Band 7

von Claudia Filip


 

,,Ihr Name ist Micky MacLeod, geboren 1500 in Frankreich in der Nähe von Paris. Sie ist unsterblich. Seit Jahrhunderten bereist sie die Welt auf der Suche nach der Frage, woher die Unsterblichen kommen. Traf dabei große Freigeister wie Nostradamus und Martin Luther, große Herrscher wie Katharina Medici und Napoléon. Sie war eine Kämpferin, Geliebte, Alchimistin, Hofdame, Krankenschwester, Spionin und vieles mehr.

 

1996 traf sie auf Duncan MacLeod, den Highlander, verliebte sich in ihn und blieb als seine Frau an seiner Seite. Obwohl sie unsterblich sind, versuchen sie, ein normales Leben zu führen.

In Vancouver und in Paris. Von den nie enden wollenden Kämpfen um die Zusammenkunft haben sich die MacLeods und ihre Freunde zurückgezogen. Doch sie haben Feinde, deren Pläne sie stören und die nun ihre Auslöschung planen: Diejenigen, die die Unsterblichen vor Jahrtausenden auf die Erde schickten.

 

Mein Name ist Joe Dawson, ich bin ihr Freund, aber ich bin auch ihr Beobachter."

 

 

1. Schuld

Frankreich, Chateau Dubois, am Nachmittag.
Die schweren, blutroten Samtvorhänge der Bibliothek waren zugezogen. Kein Sonnenlicht drang herein, keine Spur des sonnigen Tages konnte Einzug halten. Die Schönheit und Fröhlichkeit des Tages sollten draußen bleiben und Micky MacLeod in ihrer Trauer alleine lassen.

Dort in einer Ecke saß sie, in einem alten, hohen Ohrensessel mit angezogenen Knien. In ihrer linken Hand hielt sie eines der beiden Schwerter der Macht, die sie nun besaß und starrte es an, in der Hoffnung auf eine Antwort. Sie wusste heute mehr als gestern, sie wusste, dass sie die Welt gerettet hatte, aber sie hatte einen schrecklichen Preis dafür gezahlt. Denn gestern noch war es das Schwert von Adam Lee gewesen, ein keltisches Langschwert, geschmiedet aus einem Metall, das es heute auf der Erde nicht mehr gab. Ein Metall, das die Macht besaß Diejenigen zu töten. Ebenso wie Mickys Toledo Salamanca, das sie neu geschmiedet hatte. Waffen, die sie noch brauchen würde, wenn sie Kyle Wittmore alias Noah Woodhouse töten wollte. Den Mann, der sie vor einem Jahrhundert, in einem jungen, unwissenderen Leben, in einen Sarg gelegt hatte, wo sie Tausend und einen Tod gestorben war. Während über ihr San Francisco zu Staub zerfallen war am Tag des großen Bebens. Und ihn töten - das wollte sie, bei allem was ihr heilig war. Doch nicht heute und auch nicht morgen. Erst einmal wollte sie um Adam trauern - und das tat sie mit Stil. Auf dem Boden stand eine Flasche 50 Jahre alter Whisky, die sie schon halb geleert hatte. Er brannte eine wohlige Wärme in ihren Magen und kroch weiter hinunter in ihre Füße. Ihr Kopf war schon leicht benebelt, aber noch lange nicht benebelt genug, um sie schlafen und die Schuldgefühle für eine paar Stunden verschwinden zu lassen.

 

Plötzlich klopfte es an der Tür und riss sie aus ihren kummervollen Gedanken. Doch Micky wollte niemanden sehen. “Verschwindet! Ich will alleine sein!” grollte sie und wischte sich die Tränen weg, die über ihre Wangen liefen. Der Schmerz über den Verlust von Adam und die Tatsache, dass er durch ihre Hand gestorben war, gehörten ihr allein. Sie wollte ihren Kummer im Alkohol ertränken und versuchen zu vergessen. Doch die Erinnerung an das, was um vier in der Frühe auf dem Schrottplatz außerhalb von Paris passiert war, kam immer wieder hoch...

 

Frankreich, ein Schrottplatz außerhalb von Paris, vergangene Nacht.
Adam, was soll das? Arbeitest du jetzt für Kyle? Bist du deswegen im Schloss geblieben?” Micky hatte ihr Schwert unter dem Mantel hervorgeholt. Breitbeinig stand sie da und wartete auf seinen nächsten Schritt.

Wenn ich dich nicht überzeugen kann, dich ihm anzuschließen, muss ich dich ausschalten und zwar endgültig.” Micky versuchte in seinen Augen zu ergründen, was dieser Irrsinn sollte. Doch seine blauen Augen blieben unergründlich wie der tiefe Ozean.

Adam, überleg dir, was du da sagst. Ich werde es dir nicht leicht machen. Und du weißt, welche Gegner ich in den letzten Jahren besiegt habe. Michael Alexander, Christopher Sikes, Daniel Prescott, um nur einige zu nennen.”

Ich habe keine Wahl.” Er ließ das riesige Schwert nahezu mühelos in seiner rechten Hand kreisen und näherte sich entschlossen seiner ehemaligen Schülerin.

Jeder hat eine Wahl, Adam. Du kommst jetzt mit ins Chateau, und wir reden über alles.”

Niemand hat eine Wahl. Wir sind alle Kyles Marionetten.”

Du bist einer Derjenigen! Was ist mit dem Gleichgewicht? Du kannst für die Rettung der Welt eintreten.”

Micky reagierte rein instinktiv, als Adam sie von einer Sekunde auf die andere attackierte. Beide hielten ihre Schwerter fest mit zwei Händen umklammert. Micky begriff traurig, dass es für Worte nun endgültig zu spät war. Schlag auf Schlag folgte innerhalb von Sekunden. Sie näherten sich einem Autowrack, Adams nächste Attacke warf Micky dagegen. Er holte aus, doch sie blockte das Schwert weit von ihrem Hals entfernt ab. Einen Funkenregen fiel auf sie nieder, brannte Löcher in ihre Mäntel.

Micky hob ihr rechtes Bein und trat Adam mit aller Kraft vor die Brust. Während er rückwärts stolperte, rappelte sie sich auf und entfernte sich von dem Auto, das ihr zwar Rückhalt aber keinen Schutz bot. Sie drehte ihr Toledo Salamanca ein paar Mal in der Hand und ging dann in die Offensive. Zu spät sah sie, dass Adam sein Schwert gedreht hatte und ihr nun mit dem Knauf einen Kinnhaken verpasste, der sie von den Füßen riss.

Schlag auf Schlag attackierten die ehemaligen Freunde und Kampfgefährten einander. Schüler gegen Mentor. Den letzten Schlag schmetterte Micky mit einem weiten Bogen ab, so dass Adam seine Deckung verlor. Eine Spur Traurigkeit in Erwartung des Endes lag in seinem Blick. Micky sprang vor und stieß die Klinge in seinen Bauch. Er verzog kurz schmerzverzerrt das Gesicht und ließ sein Schwert sinken.

Adam, ich will das nicht tun”, flehte Micky mit Tränen in den Augen. Ihr Herz krampfte sich zusammen, fast als wollte es nicht mehr weiter schlagen angesichts dieser irrsinnigen Tat.

Dann wirst du sterben, und die Welt wird zum Teufel gehen. Kyles Seite wird gewinnen, willst du das?” schrie er zornig.

Nein, aber ich will auch nicht, dass du deswegen sterben musst. Außerdem, wie kann ich dich töten?! Das hier ist ein ganz gewöhnliches Schwert. Kein Schwert der Macht.” Er versuchte zu grinsen, verzog aber wieder schmerzverzerrt die Mundwinkel nach unten.

Probier es einfach aus. Vielleicht erlebst du eine Überraschung.” Sie schüttelte zornig den Kopf.

Warum sollst ausgerechnet du sterben? Es gibt sieben von euch, verflucht noch eins! Ich will, dass Kyle stirbt, dass er leidet und schließlich durch meine Hand stirbt!” Es war ihr gleich, dass Duncan ihre Worte hörte, es war ihr gleich, dass sie mit diesen Worten ihr Versprechen brach, das sie ihm in der Nacht ihrer Versöhnung gegeben hatte.

Das schaffst du nicht. Aber wenn du nicht willst, dann...” Allmählich kam Adam wieder zu Kräften. Er schaffte es bereits, sein Schwert zu heben und versuchte aufzustehen.

Micky, zum Teufel noch mal, überleg nicht lange! Er tötet dich sonst!” Duncan schaffte es irgendwie sie wachzurütteln, die Trance, die sie eingehüllt hatte, zu durchstoßen. Bevor sie noch groß darüber nachdenken konnte, nahm Micky ihr Toledo Salamanca fest in beide Hände, holte bis weit über ihrem Kopf aus und schlug zu.

Adams kopfloser Leichnam sackte auf die Seite. Micky warf entsetzt ihr Schwert von sich und ging in die Knie.

Nein, nein!” schrie sie, Tränen flossen in Strömen über ihre Wangen.


Frankreich, Chateau Dubois, die Gegenwart.
Sie griff nach der Flasche und nahm einen tiefen Schluck, während sie versuchte, das Klopfen zu ignorieren.

Micky, lass mich rein“, bat Methos. Sie sprang blitzschnell hoch, die Flasche noch immer in der Hand und schmetterte sie gegen die Tür.

Lasst mich in Ruhe!“ Dann packte sie ihr Schwert, riss die Tür auf und stürmte an Methos vorbei, der ihr mit offenem Mund hinterher starrte. Er hatte Micky schon oft am Rande der Verzweiflung erlebt, aber diese Reaktion kam sogar für Methos unerwartet. Er kratzte sich ratlos am Kopf und schlug den Weg zur Küche ein.

Dort in der gemütlichen Landhausküche brütete Duncan über einer Tasse Kaffee. Als die Schwingtür aufgestoßen wurde und Methos eintrat, schaute Duncan kurz hoffnungsvoll auf.

Und?“ fragte er. Methos ließ sich auf dem Stuhl neben Duncan nieder und schenkte sich einen Kaffee ein, bevor er sich einen Keks griff.
Na ja, sie hat zwar die Tür nicht aufgemacht, aber eine Flasche Whisky danach geworfen, als ich um Einlass bat. Und dann riss sie die Tür doch noch auf und stürmte an mir vorbei wie ein Tornado.“
Und du denkst, dass das eine angemessene Reaktion ist?“ fragte Duncan zweifelnd.
MacLeod, versetz' dich mal in ihre Lage. Sie hat ihren ehemaligen Lehrer umgebracht, einen Freund und Kampfgefährten. Und das nur, um die Welt zu retten. Die Welt der Sterblichen. Und zum Dank will ihre Tochter sich jetzt ihren Kopf holen.“
Ich glaube nicht, dass Geneviève es ernst meint. Nicht nach allem, was Micky für sie getan hat“, meinte Duncan überzeugt.
Da kennst du Geneviève aber schlecht“, meinte Methos ebenso überzeugt, da er Mickys Adoptivtochter nun doch schon etwas länger kannte als Duncan.
Können viele gute Taten eine schlechte Tat aufwiegen, Mac? Okay, in meinem Fall habt ihr wohl Gnade vor Recht ergehen lassen wegen der Sache mit den Reitern. Aber bei Geneviève und ihrer Mutter sieht die Lage doch ein wenig anders aus. Es war der Mann, den Geneviève von ganzem Herzen geliebt hat. Sollte sie der Comtesse wirklich verzeihen, wird das wohl verdammt lange dauern. Darauf verwette ich meinen Lieblingsmantel.“

Bevor Duncan etwas erwidern konnte, wurde die Küchentür aufgestoßen und eine aufgelöste Yvette trat mit einem Zettel in der Hand ein. Sie trat neben Duncan und hielt ihm die Nachricht entgegen.

Was ist das, Yvette?“
Eine Nachricht von Madame La Comtesse, Monsieur Duncan.“ Er riss ihn Yvette förmlich aus der Hand. Sie trat einen Schritt zurück und wartete auf weitere Anweisungen. Sie wusste um das Geheimnis der Unsterblichen. Nachdem ihre Eltern am Heiligen Abend des vergangenen Jahres von den Unsterblichen Daniel Prescott und Gregor Powers kaltblütig ermordet worden waren, hatte sie die Aufgabe ihrer Mutter übernommen und führte nun den gräflichen Haushalt.

Duncan las die Nachricht ein zweites und auch noch ein drittes Mal, aber selbst dann konnte er sie noch nicht glauben.

Ich brauch was zu trinken“, meinte er nur und ließ den Zettel auf den Küchentisch fallen. Methos griff ihn sich und las.

Duncan, sei bitte nicht böse, ich muss erst einmal wieder zur Ruhe kommen und meine Gedanken ordnen. Alleine. Such mich bitte nicht. Und lass die Finger von Kyle, er gehört nur mir. Micky.“

Ich nehm auch einen Schluck“, sagte Methos, faltete die Nachricht ganz langsam zusammen und legte sie auf den Tisch.
Wo denkst du, wird sie hingehen, Methos?“ fragte Duncan und schob ihm ein Glas Whisky entgegen.
Keine Ahnung.“
Blödsinn! Niemand kennt Micky so gut wie du. Also, wohin geht sie?“ Methos überlegte.
Ins Kloster.“ Duncan lachte spöttisch über die Antwort, doch Methos schüttelte mit dem Kopf. „Nein, ernsthaft. Wo kann ein Unsterblicher in Ruhe nachdenken? Auf heiligem Boden.“
Mag sein, Methos, aber du weißt doch, was Micky von der Kirche hält. Ich denke, eine Kirche oder ein Kloster wäre der letzte Ort, wo meine Frau zur Ruhe kommen will.“ Methos zuckte mit den Achseln und ließ sich noch einen Whisky nachschenken.
Dann weiß ich es auch nicht. An irgendeinen Ort, der ihr etwas bedeutet. Abgesehen von Chateau Dubois natürlich. Ein Ort, wo du sie nicht finden wirst, weil sie nicht gefunden werden will, MacLeod.“

 

 

Nordamerika, South Dakota, irgendwo in der Prärie, einen Tag später.
Micky hielt ihren gemieteten Jeep an, sie hatte ihr Ziel erreicht. Hier in der Nähe des Flusses hatte sie einst gelebt. Vor mehr als 200 Jahren. Bis zu jenem Tag als der Unsterbliche General Nicholas Cane den Cheyenne-Stamm, dem sie sich angeschlossen hatte, brutal niedergemetzelt hatte. Ihr Glück an jenem Tag, sofern man es denn so bezeichnen wollte, war es gewesen, dass ein Kavalleriesoldat sie erschossen hatte, bevor sich Cane ihren Kopf hatte holen können.

Sie stieg aus und ging zur Ladefläche, als sie bemerkte, dass sie nicht länger alleine war. Eigentlich hatte sie sich schon gefragt, wie lange es dauern würde, bis er auftauchte.

Und was genau glaubst du hier zu finden, Michelle?“ fragte Darius, der buchstäblich aus heiterem Himmel neben ihrem Jeep erschienen war. Wie gewöhnlich umgab ihn eine blau leuchtende Aura.
Antworten. Frieden. Ruhe“, erwiderte sie ohne Darius anzusehen und zog ihr Zelt von der Ladefläche.
Das hättest du auch Zuhause haben können. Wieso bist du fortgelaufen? Bist du nicht zu alt für so etwas?“ Wütend warf Micky das Zelt und ihren Schlafsack auf den Prärieboden, so dass Staub aufgewirbelt wurde.
Was weißt du schon, Darius? Du hast dich schon vor viel zu langer Zeit aus den Kämpfen zurückgezogen, freiwillig! Zu einem Zeitpunkt als alle unserer Art noch an die Zusammenkunft glaubten! Als niemand von uns ahnte, dass Götter für unsere Existenz verantwortlich sind und tatsächlich noch über die Erde wandeln. Und das war lange, bevor ich geboren wurde! Also spiel' dich nicht als Moralapostel auf!“ Sie schlug mit den Fäusten auf die metallene Ladefläche, Schmerz durchdrang sie. Ganz weit hinten in ihrem Unterbewusstsein hörte sie ein hämisches Lachen, das sie nur zu gut kannte. Erschrocken ging sie drei Schritte zurück und schüttelte kurz den Kopf. Das musste an ihrem Kater liegen, anders konnte sie sich diese Halluzination nicht erklären. Dann fuhr sie zornig herum und fixierte Darius. „Versteh doch, Darius! Ich habe Schuld auf mich geladen! Ich habe getötet!“
Du hast schon oft getötet in deinem langen Leben. Meist ohne Gewissensbisse.“ Sie lachte bitter und begann damit das Zelt aufzustellen.
Oh ja, manchmal hat es mir sogar Genugtuung verschafft und die Kämpfe haben mich befriedigt. Aber dieses Mal nicht. Dieses Mal ist es anders. Es war doch Adam.“ Darius ging einige Schritte und stand nun neben Micky. Hätte er sie berühren könnte, hätte er eine Hand auf ihre Schulter gelegt. So musste er versuchen, ihr mit Worten Trost zu spenden.
Du solltest seine Tat anerkennen, sie ehren und nicht dadurch schmälern, indem du feige davon läufst, jetzt, wo du eine Waffe gegen Kyle in der Hand hältst. Das ist es doch, was du immer gewollt hast. Dem allen ein Ende zu setzen und dann in Frieden mit Duncan leben zu können. Adam Lee hat dir dies ermöglicht. Er hat sich bereitwillig geopfert. Für das Wohl der Menschheit.“
Oh ja, die hat es ja auch verdient gerettet zu werden. Uns Unsterblichen wird ja auch jeden Tag gedankt, wenn wir etwas Gutes tun.“ Darius schüttelte tadelnd den Kopf über Mickys Sarkasmus.
Hör auf den Kopf zu schütteln. Ich wollte die Welt ja retten, aber nicht zum Preis von Adams Leben.“
Deine Loyalität zu Adam spricht für dich. Aber manchmal schadet Loyalität mehr als sie nutzt. Wenn ihr den Gott des Krieges besiegen wollt, müsst ihr alle zusammen halten. Sonst werdet ihr fallen und nicht mehr aufstehen.“ Micky fuhr herum und funkelte Darius wütend an.
Spar' dir deine Prophezeiungen. Davon hat mir Nostradamus genügend hinterlassen. Ich weiß schon, warum ich die gottverdammten Cieclen in meinem Safe vermodern lassen. Hätte ich gewusst, dass Adam durch meine Hand stirbt, wäre ich nie zu dem Treffen erschienen. Aber ich war mal wieder so verdammt hochnässig und von mir und meinen edlen Taten so überzeugt, dass ich erst hinter her reingesehen habe. Und jetzt verschwinde!“ Darius erkannte, dass er hier zunächst nicht weiterkommen würde und verschwand so leise wie er gekommen war.

 

Frankreich, Chateau Dubois, der Trainingsraum.
Duncan trainierte bereits seit Stunden alleine. Er versuchte nicht an seine starrsinnige Frau zu denken, die solche Probleme mit einer Tat hatte, die im Rahmen der Zusammenkunft ganz normal gewesen wäre. Sicher, Adam Lee war ihr Mentor und ihr Freund gewesen. Aber sie hatte doch ohnehin fast das gesamte 20. Jahrhundert angenommen, er wäre bereits tot.

Hey, Mac. Bist du da?“ Duncan absolvierte weiter seine Übungen. Wieder rief der Störenfried nach ihm. Duncan seufzte genervt und griff nach einem bereitliegenden Handtuch.
Ich bin hier, Richie. Was willst du?“ Richie schien direkt von der Arbeit zu kommen, er trug einen dunklen Anzug. Im Schlepptau hatte er seine blinde, unsterbliche Schülerin Ginger MacKenzie, die ihn eigentlich hatte enthaupten wollen, weil er sie gegen ihren Willen zu einer Unsterblichen gemacht hatte. Mittlerweile war sie aber nicht nur Richies erste Schülerin, sondern auch seine Assistentin in der Galerie und seine platonische Mitbewohnerin im Loft.
Ich wollte mit dir und Micky über die neue Ausstellung sprechen. Ich habe ein paar interessante Angebote erhalten.“ Duncan zog sich einen Pulli über und schlug den Weg zum Haupthaus ein.
Du wirst mit mir Vorlieb nehmen müssen. Micky ist fort.“ Richie blieb einen Augenblick irritiert stehen, dann machte er einen Satz nach vorne und packte Duncan am Arm. Der blieb eher widerwillig stehen und drehte sich um.
Was meinst du damit, sie ist fort? ‚Fort’ wie sie hat dich verlassen?“
Du weißt doch, dass Adam Lee tot ist und dass Micky es war, weil er sie dazu gezwungen hat?“
Ja klar, habt ihr deswegen Stress?“
Ich nicht. Ich kannte diesen Lee ja kaum. Aber Micky hat sich nur Vorwürfe gemacht. Vor allem nachdem Geneviève gedroht hat sie zu töten…“ Richie schnappte nach Luft. Auch das war neu für ihn. Durch Papa Maurice hatte er zwar von dem nächtlichen Duell erfahren, als er auf dem Weg zur Arbeit noch schnell einen Kaffee trinken wollte. Doch was danach alles passiert war, waren wirklich erschütternde Neuigkeiten.
Das verstehe ich nicht. Geneviève kann doch nicht allen Ernstes ihre Mutter töten wollen. Ich meine, Micky hat ihr damals das Leben gerettet, ihr ein Leben im Luxus und eine gute Ausbildung ermöglicht. Sie adoptiert und aufgenommen. Und Micky verstehe ich auch nicht, wieso haut sie ab? Sie hat doch nichts falsch gemacht. Verstehst du die Frauen, Mac?“ Duncan, der inzwischen weiter zum Haupthaus gegangen war, blieb unvermittelt stehen.
Gelegentlich verstehe ich sie, aber auch nicht alle. Und eine Frau, die ich nie verstehen werde, ist meine Frau. Sie hat ihren Kummer in Whisky ertränkt und ist dann einfach abgehauen. Hat Yvette einen Zettel in die Hand gedrückt, dass sie alleine sein will und ich sie nicht suchen soll.“ Sie betraten die Küche, wo Yvette gerade das Abendessen vorbereitete.
Yvette, wir haben zwei Gäste zum Essen. Ihr bleibt doch?“ Richie schaute kurz zu Ginger, die nur nickte.


 

Frankreich, Chateau Dubois, Duncans Arbeitszimmer, am späten Abend.
Während die meisten Bewohner und Angestellten des Schlosses sich allmählich zur Ruhe begaben, verzog Duncan sich in sein Arbeitszimmer, um die Bücher der Galerie zu überprüfen, die Richie am Nachmittag vorbei gebracht hatte.

Im Kamin prasselte ein Feuer und aus dem CD-Player klang klassische Musik. Aber so recht konnte Duncan sich nicht auf die phänomenalen Gewinne konzentrieren, die ihre Galerie in letzter Zeit erwirtschaftet hatte.

Duncan.“ MacLeod wunderte sich, wer ihn sprechen wollte, hatte er doch keine Tür aufgehen hören. Als er von den Geschäftsbüchern aufsah, wurde ihm aber sofort klar, warum er kein Geräusch gehört hatte. Natürlich, nur Darius konnte sich lautlos anschleichen. Und wenn er bei Duncan auftauchte, musste die Lage ernst sein.
Was ist passiert? Hat Kyle Micky in die Finger bekommen?“ Darius hob beschwichtigend die Hände.
Nein, zumindest noch nicht, aber so wie deine Frau auf Rache aus ist, kann das nur eine Frage der Zeit sein, mein Freund.“ Duncan schnaubte.
Das würde mich auch nicht im Mindesten überraschen. Ich würde ihr ja sogar bei ihrem Wahnsinnsplan helfen. Immerhin sind wir schon einmal in das Schloss von diesem Möchtegerngott eingedrungen. Das schaffen wir sicherlich noch ein zweites Mal.“
Wenn du dich da mal nicht täuschst. Er ist mächtig, wird jeden Tag mächtiger. Kein Wunder, wenn man sich die Konflikte auf der Welt ansieht. Natürlich, ihr habt jetzt zwei Schwerter der Macht und Kyle hat noch nicht alle Derjenigen versammelt, aber der Preis auf euren Kopf ist gestiegen, und ich fürchte, er wird Hilfe von unerwarteter Seite erhalten.“ Duncan verzog die Mundwinkel.
Weißt du, was ich noch nie an dir leiden konnte in den all den Jahrhunderten, die wir uns schon kennen? Deine verdammten Rätsel. Die habe ich noch mehr verabscheut als deinen fürchterlichen Mooskrauttee. Warum kannst du nicht wie ein normaler Mensch reden?“ Darius' Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln.
Nun, ein Mensch bin ich schon lange nicht mehr, wie du ja weißt...“
Also, kommen wir zum Grund deines Besuchs. Du hast ja nicht ewig Zeit oder? Ach entschuldige, du hast die Ewigkeit Zeit, aber meine Frau wohl nicht, wenn ich deine Andeutungen richtig deute. Willst du mir verraten, wo sie ist oder wie ich Kyle einen Kopf kürzer machen kann?“ Darius seufzte, es war ja nicht so, dass er nicht helfen wollte. Aber er hängte sich ganz schön weit aus dem Fenster, in dem er Duncan überhaupt aufsuchte. Wenn Diejenigen mitbekamen, dass er gegen die Regeln verstieß und seinem alten Freund half, konnte das für ihn schlimm ausgehen. Wenn der Kriegsgott erst zu seiner alten Macht gelangt war, und das konnte er auch ohne Balor, den Gott des Todes, der Adam Lee einst gewesen war, erreichen. Zwar konnte er die Welt nicht mehr so beherrschen, wie er sich das vorgestellt hatte, aber er verfügte noch über genug Macht, um allen Menschen auf dem Planeten – Sterblichen wie Unsterblichen - das Leben zur Hölle auf Erden zu machen. Daran hatte Darius nicht den geringsten Zweifel.
Ich kann dir eigentlich gar nichts sagen, ich darf mich nicht einmischen, alleine meine Anwesenheit ist ein Verstoß gegen die alten Gesetze. Denk daran, was Micky passiert ist, als sie die Regeln gebrochen hat. Ich kann dir also keinesfalls direkt sagen, wo sie ist, aber ich kann dir einen Hinweis geben, und dann muss ich ganz schnell verschwinden. Ich spüre, dass sie nach mir Ausschau halten. Alle Geistberater stehen dieser Tage unter strenger Beobachtung... Also, sie ist an einem Ort, an dem sie einmal sehr glücklich war, nicht in Europa oder Asien. Ein Ort, an dem ihren Leuten ein schreckliches Schicksal widerfahren ist. Und jetzt muss ich fort...“ Und im nächsten Moment war Darius verschwunden und hinterließ einen ratlosen Duncan.

Während er darüber nachgrübelte, wo seine Frau sich aufhielt, klingelte sein Telefon. Es war Methos. Duncan berichtete ihm sofort von Darius' Besuch und seinen merkwürdigen Andeutungen, über die Beobachtung der Geistberater und wo Micky sich laut Darius aufhielt.

Darius hat Recht, Mac. Ich kann spüren, dass er die Geistberater überwacht, ich fühlte auch, dass Darius bei dir war. Deswegen habe ich angerufen. Seit Adam mir gesagt hat, dass ich einst der Gott des Süßwassers, der Weißheit und der Orakel gewesen bin, weiß ich wieder einige interessante Fakten aus den alten Tagen.“ Er hörte Duncan am anderen Ende der Leitung lachen. „Ja, schon klar, ich der Gott der Weißheit, aber so wurde Enki, mein alter Name, eben von den Sterblichen genannt. Für mich ist das alles erledigt. Abgehakt. Finito. End of the Road. Ich bin Methos, ich war mal ein Apokalyptischer Reiter, worauf ich alles andere als stolz bin. Aber diese ganze Geschichte mit Denjenigen ist so weit weg für mich wie China. Nur leider hänge ich in diesem Mist mit drin. Deswegen will ich euch ja helfen Kyle zu erledigen. Er ist immer noch unglaublich gefährlich und machtbesessen.“
Das hat Darius auch gesagt und dass er immer mächtiger wird.“
Und damit hat er verdammt recht. Nicht nur seine, nennen wir es göttliche Macht, ist gefährlich. In erster Linie kann seine weltliche Macht uns gefährlich werden. Er kann unser Vermögen verschwinden lassen, kann uns Killer auf den Hals hetzen, uns diffamieren, so dass wir nirgendwo mehr hin können. Dann können uns auch Joe und Maurice nicht mehr helfen. Wir müssen in aller Stille unsere nächsten Schritte gegen ihn planen.“ Die Informationen schlugen wie haushohe Wellen über Duncan zusammen. Er hatte sich noch keinerlei Gedanken darüber gemacht, was ihr Gegner ihnen antun und wegnehmen konnte. Natürlich hatte Duncan im Laufe der Jahrhunderte, vor allem während Kriegszeiten, auf materiellen Wohlstand und Bequemlichkeiten verzichten müssen, aber jetzt herrschte schon so lange Frieden und er war an seinen Lebensstandard gewöhnt. Er war eigentlich nicht dazu bereit auf seinen Wohlstand zu verzichten, ganz zu schweigen von seinem Kopf.
Na dann, großer Meister, verrate mir mal als Erstes, wo sich meine geschätzte Gemahlin aufhält. Dann holen wir sie ab und beratschlagen uns gemeinsam mit Joe. Und keine Angst, dein göttliches Geheimnis ist vor den Beobachtern sicher, Mr. Pierson.“ Methos überging das Wortspiel und bat Duncan noch einmal den Hinweis von Darius zu wiederholen.
Nun ja, mal überlegen. Da er ja Asien und Europa ausgeschlossen hat, bleiben noch Australien, Afrika, Nord- und Südamerika. Meines Wissens hat Micky nur in Nordamerika etwas erlebt, das schlimm genug war, um es schrecklich zu nennen. Und zwar bei den Cheyenne.“
Wir treffen uns in einer Stunde am Flughafen, egal welcher Flug, Hauptsache in die Staaten, Methos.“

 

Nordamerika, South Dakota, irgendwo in der Prärie, einen Tag später.
Duncan und Methos fuhren schon seit Stunden durch die staubigen, endlosen Weiten der Prärie. Weder ein GPS noch Handy konnten ihnen hier draußen helfen. Einzig ihr Gedächtnis war ihnen heute von Nutze. Denn Micky hatte ihnen beiden vor vielen Jahren oder in Methos' Fall einigen Jahrhunderten die Stelle beschrieben und auf alten Landkarten gezeigt, wo sie als „adoptierte“ Squaw ihr Leben mit einem Cheyenne-Stamm geteilt hatte, bis zu dem Tag als Caine, der Schlächter, ihnen den Gar aus gemacht hatte. Natürlich hatte sich die Landschaft in 200 Jahren verändert.

Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?“ fragte Methos, der sich an keinen der Felsen oder Bäume erinnern konnte, an denen sie in den letzten Stunden vorbei gekommen waren.
Willst du fahren?“ schnauzte Duncan genervt. Er war müde vom Jetlag, schmutzig, die Sonne brannte heiß auf sie herunter. Abrupt bremste er, so dass Methos mit dem Kopf nach vorne sauste. „Na, heute schon genickt?“
Sehr witzig, MacLeod. Soll ich weiterfahren? Wir sollten mal da über den Hügel fahren.“
Wieso kommt dir irgendwas bekannt vor?“
Nein, aber hinter einem Hügel kommt meistens ein Tal“, erklärte er schulmeisterhaft.
Oder noch ein Hügel und noch einer und noch einer“, murmelte Duncan genervt, legte den Gang ein und gab Gas.

Und endlich hinter diesem Hügel fanden sie das Tal, in dem Micky einst gelebt hatte. Sie packte gerade ihre Sachen in den Jeep und löschte das Feuer. Als sie die Ankunft von Unsterblichen spürte, hob sie ihren Kopf und versuchte auszumachen, wer da kam. Auf die Entfernung war es schwer zu sagen. Wer wusste schon, ob da nicht einer von Kyles bezahlten Schlägern kam, um sich ihren adligen Kopf zu holen?

Mit zwei raschen Schritten war sie beim Jeep und zog ihr Schwert von der Laderampe. Breitbeinig und kampfbereit stand sie da, während sich die beiden Unsterblichen, soviel konnte sie inzwischen erkennen, in einem ähnlichen Modell wie ihrem Mietwagen näherten.

Augenblicke später ließ sie mit einem erleichterten Seufzer ihre Waffe sinken und legte sie wieder ins Auto zurück. Als Duncan den Wagen abgestellt hatte, rannte sie zu ihm und warf sich in seine Arme. Ein wenig überrascht war sie schon, dass er ihr nicht direkt Vorhaltungen bezüglich ihres kindischen Verhaltens machte. Anscheinend erkannte aber auch er nun endlich den Ernst der Lage. Sein besorgter Gesichtsausdruck mit dem Duncan sie musterte, gab ihr Recht. Einen Moment später löste Micky sich aus der Umarmung und belud weiter ihren Jeep.

Beiläufig bemerkte sie: „Ich dachte schon, Kyle hätte mich aufgespürt. Wenn man Darius glauben darf, schickt er schon seine Heerscharen nach mir aus.“
Du solltest das nicht auf die leichte Schulter nehmen, Michelle. Ich kann spüren, dass seine Kraft wächst, auch wenn Adam nicht mehr da ist.“ Micky warf ihrem alten Freund einen giftigen Blick zu, sie wurde viel schneller zornig als sonst. Irgend etwas stimmte nicht mit ihr. Und zwar seit der Nacht auf dem Schrottplatz, das war ihr klar. Aber im Moment hatte sie keine Zeit sich darüber Gedanken zu machen.
Und was ist mit deiner Kraft, Methos? Oder soll ich dich bei deinem wahren Namen nennen?“
Methos ist mein wahrer Name. Das habe ich auch schon deinem Mann erklärt, ich habe mit diesem ganzen Quatsch nichts mehr zu tun.“ Zornig schleuderte Micky eine Tasche in den Wagen und attackierte Methos, allerdings nur verbal.
Quatsch? Quatsch nennst du das, was ihr sogenannten Götter vor Jahrtausenden losgetreten habt? Ihr wolltet die Welt beherrschen. Auf Kosten aller anderen.“ Methos hob abwehrend die Hände und trat einen Schritt hinter Duncan.
In der Bibel steht aber auch, der Mensch solle sich die Erde untertan machen.“
Ach, komm mir nicht mit der Bibel. Schlimm genug, wenn Darius immer wieder davon anfängt. Aber ja, du warst einer Derjenigen, du bist genauso Schuld an dem Schlamassel wie die übrigen aus deinem Verein.“
Ja, aber ich habe mich von Isis bekehren lassen zur guten Seite vor Tausenden von Jahren. Ich wollte alles beim Alten belassen. Adam war das Gleichgewicht. Jetzt steht es zwei gute Jungs bzw. Mädels gegen vier böse. Wobei ich mir bei Brigid nicht so sicher bin, ob sie wirklich auf Kyles Seite steht. Kommt ganz darauf an, wie sie Adams Tod verkraftet. Demnach könnte es auch unentschieden stehen, wie Adam es beabsichtigt hat. Und wenn wir von den anderen noch einen auf unsere Seite ziehen und von Kyle fernhalten können, kann er die Weltherrschaft eh vergessen.“ Allmählich beruhigte Micky sich. Sie drehte sich um und ließ ihren Blick über die Prärie schweifen. Der friedliche Anblick färbte auf sie ab und legte sich wie ein beruhigender Mantel über sie. Natürlich hatte Methos Recht und es war unfair ihm Vorwürfe für etwas zu machen, das er vor Tausenden von Jahren aus einer Laune heraus angeleiert hatte. Und ebenso, das erkannte sie jetzt, sich selbst die Schuld an Adams Schicksal zu geben. Sie trug keine Schuld daran. Es war an der Zeit Adams Opfer anzuerkennen und zu ehren, was er für die Welt getan hatte. Zwar hatte er dem Kampf gegen Diejenigen möglicherweise das Gleichgewicht genommen, aber er hatte seiner ehemaligen Schülerin mächtige Waffen in die Hand gegeben in Form der Schwerter und dem Wissen, das Methos nun allmählich wieder erlangte.

 

 

2. Adams Vermächtnis

Kanada, Vancouver, Joe's Bar, einen Tag später.
Ich kann euch nicht sagen, wo Geneviève sich derzeit aufhält. Ihr Beobachter Victor Johnson sagt, sie sei wie vom Erdboden verschwunden. Sie hat kein Flugzeug bestiegen, keinen Zug, kein Auto gemietet. Sie ist einfach weg. Vielleicht hat sie einen anderen Namen verwendet, der in unseren Chroniken noch nicht vermerkt ist“, erklärte Joe, während er seinen Freunden Getränke zuschob und gleich darauf seine bereits glänzende Bar noch mehr polierte. Er war nervös, das sah man ihm deutlich an. Kyle Wittmore hatte die Jagd eröffnet. Unter seinen Kollegen ging das Gerücht, auf die MacLeods und alle ihre Verbündeten wären Kopfgelder in Millionenhöhe ausgesetzt worden. Joe hatte vorsorglich seine Frau Emily und seinen kleinen Sohn David an einen geheimen Ort und aus der Schusslinie gebracht. Der Angriff von Kyles Schlägern, der ihm einen längeren Krankenhausaufenthalt beschert hatte, ließ Joe keine Risiken mehr für seine Familie eingehen.
Du solltest sie erst einmal in Ruhe lassen, Micky. Deine Tochter kann gut auf sich alleine aufpassen. Vordringlich müssen wir jetzt überlegen, was wir gegen Wittmore unternehmen, und wie wir die übrigen Götter auf unsere Seite ziehen können. Und vor allem gilt es sie zu identifizieren.“ Er wandte sich an Methos. „Wo ist eigentlich Isis? Habt ihr schon wieder eheliche Differenzen?“ Methos zuckte die Achseln.
Im Augenblick läuft es ganz gut zwischen uns. Sie ist shoppen. In der City ist Schlussverkauf in den Edelboutiquen.“ Micky konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.
Methos, deine Frau weiß wirklich Prioritäten zu setzen. Die Welt könnte untergehen, also braucht sie das passende Outfit.“ Alle schlossen sich ihrem Lachen an. Es tat gut nach dem ganzen Mist, der in den letzten Wochen und Monaten gebündelt über sie hereingebrochen war, einfach nur ausgelassen zu sein und nicht an ihre Feinde zu denken. Zumindest für einen kurzen Augenblick. Im nächsten Moment zuckten sie wegen der Gegenwart eines weiteren Unsterblichen auf der anderen Seite der Tür zusammen.

Da die Bar offiziell noch geschlossen hatte, zogen die Freunde ohne zu zögern ihre Waffen und warteten. Joe griff unter seine glänzende Theke und holte eine Schrotflinte hervor.

Jäh wurde die Tür aufgerissen und ein grinsender Connor MacLeod trat ein.

Ihr solltet eure Gesichter sehen. Wenn ich einer von Kyles Lakaien wäre, hätte ich euch ziemlich leicht überrumpeln können.“
Connor, was zum Teufel tust du hier? Wie hast du uns gefunden?“ Er zeigte sein verschmitztes, schottisches Grinsen und setzte sich an die Bar.
Glaubt ihr, ihr könntet ohne mich in den Kampf ziehen? Ich habe Maurice gefragt, wo ihr untergetaucht seid. Aus unserer guten Yvette war ja nichts rauszubekommen.“ Micky nickte zufrieden. Seit Yvette, zunächst widerwillig, das Erbe ihrer Eltern angetreten hatte, war sie zu einer verlässlichen und vor allem verschwiegenen Haushälterin geworden.
Taucht Richie gleich auch noch hier auf oder müssen wir nur noch auf Methos' Herzallerliebste warten?“ fragte Micky süffisant.
Nein, ich konnte euren Kompagnion überzeugen, schön brav in Paris zu bleiben und den Schein zu wahren. Maurice hat ein Auge auf ihn. Aber kommen wir zur Sache, was wollen wir unternehmen wegen Kyle Wittmore?“ Dankbar und müde vom Jetlag nippte Connor an dem Cappuccino, den Joe ihm reichte, bevor dieser nach hinten ging. Er hatte noch seine Buchführung zu erledigen. Außerdem wusste er von Micky, dass sie nun Dinge besprechen würden, die nicht für die Beobachter und die Chroniken gedacht waren. Ein diskreter Rückzug war angebracht, solange sie über Diejenigen sprachen.
Na ja, wir sollten herausfinden, wer die übrigen Götter sind. Ich weiß nämlich nicht, wie Brigid darauf reagiert, dass ich ihren Bruder getötet habe. Spricht ja nicht gerade für mich. Dann wären da noch Rhea und Raiden... Für alle, die es nicht wissen. Laut der Mythologie war Rhea unter anderem die Mutter von Zeus und Hera und eine der Titanen. Keine Ahnung, was man davon glauben darf. Raiden war der japanische Gott des Donners. Also suchen wir vermutlich eine Europäerin und einen Asiaten.“ Sie sah die anderen an und wartete auf deren Reaktion.
"Wie hast du das raus gefunden? Ich dachte, Darius muss so auf der Hut sein und darf die Regeln nicht verletzen?!“ meinte Duncan leicht irritiert. Zur Antwort griff Micky in ihre Manteltasche und holte einen Brief hervor. Sie legte ihn auf den Tisch und schob ihn Duncan zu. Er faltete ihn auseinander und begann zu lesen.
Was ist das?“ wollte nun auch Connor wissen.
Adams Vermächtnis an mich“, erklärte Micky. „Er hat darin einige nützliche Informationen über Diejenigen aufgeschrieben. Er schreibt leider nicht, unter welchem Namen Rhea und Raiden heute leben, aber er betont, dass wir sie unbedingt vor Kyle finden müssen. Wenn wir sie auf unsere Seite ziehen können, stehen die Chancen ganz gut für uns. Bei Raiden bin ich mir da aber nicht so sicher. Ich denke, er steht schon auf Kyles Seite. Raiden hat laut Adam unter dem Namen Raven gekämpft in den letzten Jahrhunderten. Und genau dieser Raven hat vor kurzem in Paris meine gute Freundin Keiko Song-Li getötet. Daher gehört sein Kopf nur mir und darüber wird nicht diskutiert!“ Damit war Mickys Anspruch auf den Kampf klar und sie erzählte ihren Freunden ein wenig über Rhea. Sie war ein Archetyp der Mutter und nicht wie die anderen Titanen von ihren Kindern, den Göttern verjagt und besiegt worden. Sie war einfach verschwunden. Noch einmal betonte sie, dass man aber nicht immer der alten Mythologie trauen durfte. Laut der hatte Balor ein Auge gehabt und eines wusste sie noch genau, wie anziehend Adams uralte, blaue Augen auf sie und Geneviève gewirkt hatten, alle beide.
Wenn sie der Urtyp der Mütter ist, sollten wir in Europa vielleicht nach einer Wohltäterin suchen, die viele Kinder adoptiert hat oder ein Waisenhaus leitet“, schlug Duncan vor. Er würde später Joe bitten die Datenbank der Beobachter zu durchforsten. Der Reform der Beobachterstatuten nach Maurices Prozess verdankten sie es, dass nun keiner von ihnen mehr Repressalien fürchten mussten, wenn Beobachter und ihre Schützlinge zusammenarbeiteten.
Raiden trug in der japanischen Sage den menschlichen Namen Sugawara no Michizane. Er war ein führender Gelehrter, Dichter und Politiker während der Heian-Zeit. Nach seinem vermeintlichen Tod wurde er zum Gott des Donners. Ich glaube, Nakano hat mir mal vom Gott Raiden erzählt. Ein ätzender Zeitgenosse. Ließ Blitz und Donner vom Himmel auf Dörfer prasseln, die nicht nach seiner Pfeife tanzten. Er trat immer mit einem Fujin zusammen auf, dem Gott der Winde. Hoffentlich ist das nur ein Märchen und es tauchen nicht noch mehr Götter auf.“ Connor nickte bestätigend.
Ja, genau, an die Geschichten kann ich mich noch gut erinnern. Die beiden sollen böse Dämonen gewesen sein, die sich gegen Buddha gestellt haben. Ziemlich üble Burschen. Ich könnte mir vorstellen, dass sie heute als Warlords unterwegs sind.“
Wer weiß, ob Fujin überhaupt jemals existiert hat und nicht nur eine Legende ist. Sag mal, Methos, du hast du mir vor einiger Zeit von einem Gott namens Taranis erzählt? Warum taucht er nicht in Adams Brief auf?“ Methos war verblüfft über Mickys hervorragendes Gedächtnis, winkte dann aber ab.
Hat sich erledigt. Der hat nicht nach Kyles Pfeife getanzt in der guten alten Zeit, ich habe mich inzwischen daran erinnert, dass Kyle ihn lebendig häuten ließ, weil er die Klappe nicht halten konnte. Erst danach hat er ihm den Kopf abgeschlagen. Hat sich einen Mantel daraus nähen lassen.“ Micky verzog kurz angewidert das Gesicht. Sie trank schnell einen Schluck Wein, um den widerlichen Geschmack aus ihrem Mund zu vertreiben. Kurz war diese Szene vor ihrem inneren Auge aufgeflackert, als wäre sie dabei gewesen. Oder Balor. Sie fragte sich, was das zu bedeuten hatte.
Dann hast du ja Glück gehabt, dass er das nicht mit dir gemacht hat, ich kenne niemanden in diesem Raum, göttlich oder nicht, mit einer größeren Klappe“, stichelte Micky, obwohl ihr von Methos' Erzählung leicht flau geworden war.
Unheimlich witzig, Hochwohlgeboren.“
Zurück zum Thema. Adam hat doch in seinem Abschiedsbrief Barren erwähnt, aus denen wir Schwerter der Macht schmieden können. Wir müssen sie nur finden. Wenn er sie hatte, hat sie jetzt zweifellos der Kriegsgott. Wir brauchen diese Barren. Und was ist überhaupt mit den ursprünglichen Schwertern von Isis und Methos? Die brauchen wir auch. Bis jetzt haben wir nur zwei. Meines und Adams. Allerdings ist es ein Zweihänder. Nicht sehr ladylike. Ist eher Connors oder Methos' Kaliber.“ Die Männer wirkten unzufrieden angesichts der Aussicht, nicht mit ihren vertrauten Waffen in den Endkampf ziehen zu können.
Jungs, das ist kein Abschied für immer. Wir brauchen die Schwerter nur, um uns der alten Götter zu entledigen.“ Methos zog ein Gesicht. In letzter Zeit wurde ihm immer wieder bewusst, dass auch er zu jenen Göttern gehört hatte, die seine alte Freundin nun zu vernichten gedachte.
Gilt aber nicht für meine Frau und mich, oder?“ fragte er, obwohl er die Antwort natürlich kannte. Wenn ihm jemand seinen Anteil an diesem Wahnsinn verzeihen würde, dann war es Micky. Bevor jemand einen Einwand erheben konnte, erhob Methos schnell einen Anspruch auf das freie Schwert.
Wenn Connor einverstanden ist, nehme ich Adams Schwert an mich. Wer von uns übrigen in den Kampf gegen die anderen Götter ziehen will, sollte sich lieber ein Breitschwert oder einen Zweihänder schmieden. Diejenigen sind nicht gerade zimperlich.“
Wo ist eigentlich dein erstes Schwert abgeblieben, alter Mann?“ fragte Connor nun mit einem spöttischen Unterton. Methos' Blick wurde nachdenklich. Erst vor kurzem war ihm die Bedeutung dieses Schwertes bewusst geworden.
Ehrlich gesagt, war das eine ganz blöde Geschichte. Aber ich kann euch auch eine gute Botschaft überbringen. Isis hat ihr erstes Schwert noch, hat es nie aus der Hand gelegt. Im Gegensatz zu mir.“ Sichtlich verlegen kratzte Methos sich am Kopf. „Ich habe es verloren, beim großen Brand von Rom im Jahre 64 nach Christus...“ bemerkte er kleinlaut.
Ernsthaft, wie verliert man einen Zweihänder? Noch dazu ein Schwert der Macht?“ blaffte Micky. Da meldete sich der Zorn wieder, unbemerkt kniff sie sich in den Handrücken, um sich schnell zu beruhigen. Methos hob verteidigend die Hände.
Mach mal halblang, Hochwohlgeboren. Erstens wusste ich bis vor kurzem nicht mal, dass mein ursprüngliches Schwert so eines war, wie du dich vielleicht erinnerst und zweitens kannst du dir nur im Entfernsten vorstellen, was für ein Chaos das damals war? Acht Tage brannte es, drei der 14 Stadt-bezirke wurden vollständig vernichtet, überall schrien Menschen um Hilfe und ich war mittendrin...“

 

Das alte Rom, der Abend des 21. Juli 64 n. Chr.
Seit drei Tagen wüteten die Feuer in Neros Hauptstadt. Die Menschen waren verzweifelt, auf den Straßen hieß es, der Imperator selbst hätte das Feuer legen lassen, um Platz zu schaffen für sein Domus Aurea, das goldene Haus, seinen neuen gigantischen Palast. Tatsächlich verweilte Nero aber zu der Zeit in seinem Sommersitz im 50 Kilometer entfernten Antium. Als er von dem Brand erfuhr, war er jedoch nicht sonderlich schockiert, sondern griff zur Harfe und sang freudig ein Lied. Denn sobald die Stadt abgebrannt war, konnte er Rom endlich nach seinen Vorstellungen neu aufbauen.

In all diesem Chaos befand sich auch Methos. In einem früheren Leben war er hier Sklave gewesen. Inzwischen hatte er sich ein neues Leben aufgebaut, seine Freiheit erkämpft im Kollosseum und es bis ins Militär geschafft. Das Leben als Soldat war angenehmer denn als Sklave Roms. Allerdings in der derzeitigen Lage hatte er weder als Sklave noch als Soldat viel zu lachen. Die Sklaven mussten die Feuer löschen und die Soldaten.... Nun ja, die Bevölkerung brauchte einen Sündenbock. Da war es ein Leichtes ihren Imperator zu bezichtigen, der gar nicht in Rom weilte und seine Soldaten als Handlager hinzustellen, die willig die Befehle Neros ausführten, um seinen Traum vom neuen Rom möglich zu machen. Nero wiederum ließ das Gerücht streuen, die Christen, die ihm schon lange ein Dorn im Auge gewesen waren, hätten die Brände gelegt.

Es gab also genug vermeintliche Schuldige. Daher gab Methos sich als ein einfacher Bürger aus und versuchte bei den Löschversuchen zu helfen. Und es waren in der Tat nur jämmerliche Versuche. Der Wind frischte immer wieder auf und gab den Bränden neue Nahrung. Trotz der Aquädukte konnten die Menschen nicht genug Wasser heranschaffen. Methos erkannte, wann ein Kampf aussichtslos war. Einzig die Tatsache, dass es in der Stadt keinen weiteren Unsterblichen gab, der in diesem Durcheinander seinen Kopf fordern konnte, war beruhigend. Zumal er sein Schwert zuhause gelassen hatte, um nicht unnötig aufzufallen.

Als er nun seine Entscheidung getroffen hatte, wollte er schnellstmöglich aus der Stadt raus. Um den wütenden Römern keinen Hinweis auf seine wahre Identität zu geben, nahm er einen Umweg durch zahlreiche Seitenstraßen auf sich. So dauerte es eine gute Stunde länger bis er zu seinem Haus gelangte.

Und was er dann fand, gefiel ihm gar nicht. Sein Haus stand nicht in Flammen, der Stadtbezirk, in dem er lebte, war noch nicht betroffen, doch es war geplündert worden. Ihm schwante nichts Gutes. Eilig rannte er durch die vorderen Räume in sein Studierzimmer. Es war völlig verwüstet. Sein Vermögen war fort, nur seine Notreserve hatten sie nicht gefunden. Aber viel schlimmer war, sie hatten sein Schwert mitgenommen...

 

Kanada, Vancouver, Joe's Bar, die Gegenwart.
Du hast dir ja schon so manche Blödheit geleistet, Methos...“ setzte Micky zu einer Schimpftirade an.
Moment, ich sage doch, du kannst dir dieses Chaos einfach nicht vorstellen, wenn eine Stadt wie Rom brennt! Da denkt man doch nicht an ein verdammtes Schwert! Ich wollte den Menschen helfen und dann irgendwann nur noch verschwinden, als ich merkte, dass es nichts bringt.“ So langsam wurde Methos sauer. Zeit für Duncan die Wogen zu glätten, er trat hinter die Bar und verteilte eine Runde an alle. Dann zeigte er darauf, damit sie erstmal einen Moment hatten, um wieder runterzukommen.

Nachdem Duncan die Gläser ein weiteres Mal gefüllt hatte und die Gemüter sich etwas beruhigt hatten, ergriff er wieder das Wort: „Bevor ihr hier die Waffen verteilen, müssen wir die Barren überhaupt erst einmal finden. Denn ich denke, keiner ist hier so verrückt ein weiteres Mal auf Wittmore Castle einen Einbruch planen zu wollen, um Kyles Schwert zu stehlen, oder?!“, gab Duncan zu bedenken. Der Gedanke gefiel ihm überhaupt nicht, mit einem anderen Schwert als seinem Katana zu kämpfen, das für ihn wie eine Verlängerung seines Armes war und das er all die Jahrhunderte in Ehren gehalten hatte, seit er es von Hideo Koto geerbt hatte als Dank für seine Hilfe bei dessen Harakiri. Dennoch war ihm klar, dass ihm keine andere Wahl bleiben würde, sollte er sich dem Endkampf anschließen.

Micky sah ihm an der Nasenspitze an, wie ungern er sich von seinem Katana trennte und sei es auch nur für einen einzigen Kampf. Aber dieser sollte alles entscheiden, ihr Schicksal und das gesamten Welt. Zärtlich legte sie ihre Hand auf seine und streichelte über seinen Ehering.

Du musst nicht mit in den Endkampf ziehen, Duncan. Das würde ich nie von dir verlangen.“ Verblüfft und fasst schon ein wenig beleidigt sah er sie an.
Und was haben wir uns geschworen bei unserer ersten Hochzeit? Seite an Seite zu kämpfen? Glaubst du allen Ernstes, ich lasse dich und die anderen alleine in den vielleicht schwersten und tödlichsten Kampf ziehen, den wir jemals auszutragen hatten? Da kennst du mich aber falsch, Comtesse! Nur eine Sache gibt es, über die ich nicht mit dir verhandeln werde!“ Micky ahnte schon, was jetzt kommen würde.
Duncan“, begann sie. Doch er unterbrach sie sofort wieder.
Nein!“ Er schlug mit der Hand auf den Tisch. Zorn flammte in seinen Augen auf. „Du hast mir auf Henrys Grab geschworen, dass du Kyle nicht fordern wirst! Und das ist es, was ich von dir verlange, wenn dir unsere Liebe etwas bedeutet! Ich weiß, was er dir angetan hat, wozu er dich gebracht hat. Und ich fürchte, mein Schatz, das ist bei Weitem noch nicht das Letzte gewesen, wozu er fähig ist oder was es aus dir machen könnte, wenn du ihn besiegst. Ich habe dich bereits einmal um ein Haar verloren. Der Kampf mit Sikes hat dich deine Seele gekostet und Methos und Richie fast den Kopf. Und ich glaube, dieser Gott ist noch einmal ein ganz anderes Kaliber als sein Handlanger mit der schwarzen Seele. Deswegen verlange ich von dir, dass du das Duell gegen ihn an Methos abtrittst! Eine faire Chance für die Welt und auch für Methos!“ Mit Raiden konnte seine Frau machen, was sie wollte. Den hielt er nicht für stark oder böse genug, um die Seele seiner Frau ein weiteres Mal zu verdunkeln. Er rettete bestimmt nicht die ganze verdammte Welt, um dann seiner Frau leise bye, bye zu sagen. Er erinnerte sich nur zu gut, wie sie auf dem Schrottplatz geschworen hatte, Kyle zu töten. Andererseits hatte sie ihm vorher geschworen die Finger von ihm zu lassen. Das musste jetzt ein für alle Mal geklärt werden und durfte nicht länger zwischen ihnen stehen.

Nach dieser Ansprache herrschte zunächst beklemmende Stille in der Bar. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Alle Blicke waren auf die beiden MacLeods gerichtet. Keiner wagte ein Wort zu sagen. Sie wussten, hier stand eine Ehe und vielleicht das Schicksal der Welt auf dem Spiel. Die Frage war nur, was der Comtesse wichtiger war.

Sie sagte kein Wort, sondern trank ihr Glas Wein leer. Noch immer beobachteten ihre Freunde die beiden, warteten auf die erlösende Antwort. Doch Micky dachte gar nicht daran. Sie sog laut die Luft durch die Nase ein, stand bedächtig auf und ging zur Tür hinaus. Ihr Schwert hatte sie in der Hand.

Duncan trank nun ebenfalls sein Glas leer und nahm sein Schwert von der Theke.

Schwing deinen schottischen Hintern vor die Tür, Duncan MacLeod! Wir klären das jetzt ein für alle Mal, wer Kyle erledigen darf!“
Ihr entschuldigt uns mal für ein paar Minuten?“ wandte er sich an seine Freunde und folgte seiner Frau nach draußen auf den Hinterhof – ganz genauso wie damals vor zwölf Jahren.
Joe hatte den Streit verpasst. Er sah die MacLeods nur noch von hinten, wie sie mit ihren Schwertern in der Hand Richtung Hinterhof an ihm vorbei stürmten. Er zuckte mit den Achseln. Die Szene war nichts, was ihn aus der Ruhe brachte. Daher nahm er sich einen Lappen und polierte seelenruhig weiter den Tresen, während Methos sich ein Grinsen verkniff. Connor schüttelte irritiert den Kopf.

So wie du reagiert hast, ist so was schon öfter in deiner Bar zwischen den beiden passiert, Joe? Bisher dachte ich, so führen sie sich nur zu Hause auf...“ fragte Connor leicht erstaunt, worauf Joe angesichts der ihm sehr bekannten Situation anfing zu lachen.
Ich schätze mal, die beiden hatten eine kleine Auseinandersetzung? Über ein Duell oder darüber, wie etwas gemacht wird? Kommt mir sehr bekannt vor...“, bemerkte Joe lapidar und dachte an den Tag von Darius' Beerdigung.

 

Kanada, Vancouver, Joe's Bar, 30. Mai 1996, Mittags kurz nach Darius' Beerdigung.
Ein bisschen früh für einen Drink, oder Mac?“ Joe Dawson lachte und bediente seine drei Gäste.
Wir waren auf Darius‘ Beerdigung... Und glaub‘ mir, Joe, das war kein Spaziergang. Ach übrigens, Micky Dubois, Joe Dawson, ein Beobachter...“
MacLeod!“
Schon in Ordnung, Joe. Die hübsche Comtesse weiß von deinem Verein. Sie weiß auch, dass Hortons Splittergruppe Darius ermordet hat. Nicht wahr, Comtesse?“ Alle Augen richteten sich auf Micky, die nur nickte.
Dann erklärte sie kühl: „Und sie will Rache, wie Sie, MacLeod.“ Richie beobachtete fasziniert den Schlagabtausch zwischen den Beiden und grinste in sich hinein. Allerdings war der Höhepunkt mit Sicherheit noch nicht erreicht.

Wer redet denn hier von Rache?“
Oh, kommen Sie, der große Highlander will mir erzählen, dass er nur Gerechtigkeit will, weil sein alter Freund auf geheiligtem Boden von einem Sterblichen enthauptet wurde? Bitte! Das ist erbärmlich!! Ich gebe wenigstens zu, dass ich auf Rache aus bin. Ich will sehen, wie dieser Horton sich zu meinen Füßen windet und um Gnade winselt für seine schändliche Tat.“ Sie nahm das Glas und leerte den Whisky mit einem Zug aus.
Moment Mal. Mac. Ihr wollt doch nicht losziehen und Horton einfach umbringen?“
Joe, was hat er denn mit Darius gemacht?“
Das kann ich nicht zulassen, MacLeod.“
Weil er dein Schwager ist, Joe? Er hat Darius auf geheiligtem Boden brutal ermordet, hingerichtet. Einen Mönch, der seit 1.500 Jahren kein Schwert mehr in Händen gehalten hat. Jemanden, der nichts mehr mit unserem Kampf zu tun hatte. Was glaubst du, Joe, wer wird der Nächste auf Hortons Liste sein? Richie, Amanda, Connor, ich oder unsere hübsche Comtesse hier? Oder macht er sich gleich auf die Suche nach Methos?“ Micky zuckte unwillkürlich zusammen. Er kannte Methos?
Ist seine Existenz denn bewiesen? Ich dachte, Adam sucht immer noch nach dem endgültigen Beweis.“ Nun musste Micky grinsen. Methos legte wahrlich eine Unverfrorenheit an den Tag, die ohnegleichen war.
Joe, er ist Methos. Adam Pierson ist Methos. Mal ehrlich, wer könnte besser eine Chronik über Methos schreiben, als er selbst?“ Joe kratzte sich am Bart. Das entbehrte nicht einer gewissen Logik.

Duncan nippte an seinem Drink und plante seinen nächsten Schachzug. Er stellte übertrieben langsam das Glas auf den Tresen zurück und holte Luft. Richie rollte schon leicht genervt mit den Augen, als er endlich weiter sprach. „Er war auch auf der Beerdigung von Darius. Ich wette, er weiß, dass Horton dahinter steckt. Und er kennt die Comtesse.“ Es war eine Feststellung, keine Frage.

Dennoch versuchte Micky weiterhin ihren alten Freund zu schützen, in dem sie Unwissenheit heuchelte. „Moi?“
Jetzt spielen Sie nicht die Unschuld vom Lande, Lady! Methos stand im Schatten eines Baumes, von allen anderen unentdeckt, von den Sterblichen unentdeckt. Aber nicht von Seinesgleichen. Und Sie, liebe Comtesse, haben ihm signalisiert, dass Sie ihn später anrufen würden.“ Sie war enttarnt. Daran war nun nichts mehr zu ändern. Sie zuckte mit den Schultern.
D’Accord“, erklärte sie und nickte. „Ja, ich kenne Methos seit langem. Ja, er hat mich in Paris angerufen und mich über Darius‘ Tod informiert. Ich kam sofort her.“ MacLeods Mundwinkel zuckten. In seinem Kopf setzten sich immer mehr Puzzleteile zusammen und ergaben nach und nach ein klares Bild seines hübschen Gegenübers.
Lassen Sie mich raten, Ihr beiden seid alte Freunde?“ Bevor Micky antworten konnte, setzte Duncan noch eins drauf. „Sagen Sie, wehrte Comtesse, schlafen Sie eigentlich mit allen Unsterblichen, denen Sie begegnen?“ Richie und Joe blieb die Luft weg. So ein Spruch entsprach überhaupt nicht Duncans Naturell. Er war bissig, sarkastisch, zugegeben, aber das war weit unter die Gürtellinie gegangen.

Micky wahrte die Fassung, wie man es sie vor Jahrhunderten gelehrt hatte und lächelte cool. „Nein, MacLeod. Nicht mit jedem Unsterblichen. Nur mit Methos und... mit Connor MacLeod.“

Richie und Joe konnten sich das Lachen nicht mehr verkneifen. Sie prusteten laut los und ernteten sofort giftige Blicke von ihrem Freund.

Gehen wir vor die Tür!“ Duncan zog sein Schwert, die Comtesse tat es ihm gleich. Sofort ergriff Joe seinen Gehstock und machte Anstalten, ihnen zu folgen. Richie hielt seinen Arm fest.
Lass mich los, Richie. Die wollen sich duellieren.“ Richie lachte und schüttelte den Kopf.
Mann, Joe. Bist du eigentlich schon tot? Schnallst du denn gar nichts? Die hat es voll erwischt.“ Joe winkte ab.
Du spinnst doch.“ Von draußen ertönte das Klirren von Schwertern. „Wir sollten lieber mal nachsehen.“ Richie hob kapitulierend die Hände. Joe griff sich seinen Stock und humpelte in Richtung Tür. Richie folgte ihm, noch immer lachend. Doch sein Rapier hatte er im Anschlag, einsatzbereit. Nur für den Fall...

Das gibt es doch nicht! Ja, spinn ich denn total?“ Joe glaubte nicht, was er da sah.

Richie trat neben ihn, ließ sein Schwert zu Boden sinken und erwiderte lachend: „Was hab‘ ich dir gesagt. Die hat’s voll erwischt.“ Vor ihnen standen Duncan und Micky eng umschlungen und in einen leidenschaftlichen und tiefen Kuss versunken.

Sie bemerkten Joe und Richie. „Kann man nicht mal fünf Minuten ungestört sein?“
Hier ist ja mehr Betrieb als während der Französischen Revolution“, erklärte Micky grinsend, aber mit einer leichten Schamröte auf den Wangen.
Mac, ich dachte ihr duelliert euch. Aber wie ich sehe, habt ihr wohl die Fronten geklärt.“
Allerdings“, erklärte dieser mit einem frechen Grinsen im Gesicht. Dann legte er einen Arm um Micky und führte sie zurück in Joe’s Bar.

 

Kanada, Vancouver, Joe's Bar, die Gegenwart.
Connor und Methos lachten los, als Joe ihnen in allen Einzelheiten sein erstes Zusammentreffen mit der Comtesse schilderte. Schon immer hatten sie sich gefragt, was genau nach der Beerdigung zwischen den beiden passiert war. In Methos' Fall was zwischen der Beerdigung und einem höchst interessanten, nächtlichen Telefonat passiert war. Außerdem war damals alles so schnell gegangen mit der Jagd auf Horton und der Hochzeit von Duncan und Micky nur ein paar Tage nach Darius' Beerdigung, dass Connor nie hinterfragt hatte, wie die beiden sich eigentlich in einander verliebt hatten. Als dann später der Nachfahre von Nostradamus um Hilfe gebeten hatte, war Micky auch nicht weiter ins Detail gegangen. Lediglich Andeutungen hatte sie gemacht. Natürlich erklärte das so einiges.

Von draußen ertönten indes noch immer Kampfgeräusche. Schwerter klirrten, Mülltonnen wurden umgestoßen, gelegentlich hörten sie gälische und französische Flüche. Methos schien sich über die Geräusche zu amüsieren, er lachte und schüttelte dabei den Kopf. Connor hingegen schien so langsam in Sorge zu geraten und machte Anstalten aufzustehen, doch Joe winkte lachend ab. Er hatte inzwischen erfahren, dass es darum ging, wer Kyle herausfordern sollte.

Gib den beiden noch ein paar Minuten, sie brauchen das jetzt, genauso wie sie es damals gebraucht haben. Da war ich derjenige mit dem Angstschweiß auf der Stirn und Richie hat mich ausgelacht. Also, keine Angst, Connor. Micky weiß genau, dass Mac Recht hat. Sie würde den Kampf gegen Kyle Wittmore höchstwahrscheinlich nicht überleben und wenn doch, nur zu einem ganz schrecklichen Preis. Das wissen beide. Sie ist sich vielleicht noch nicht ganz im Klaren darüber, sie ist noch zu geschockt durch die Sache mit Adam Lee. Und sie ist so stur, dass sie nicht gleich klein beigeben will. Nicht nach allem, was sie wegen Kyle geopfert und verloren hat. Duncan weiß das. Er will ihr die Chance geben, ihr Gesicht ihm gegenüber zu wahren.“ Methos schnaubte und warf die Hände in die Höhe. Er hatte es schon an die Tausend Mal erklärt, aber er war bereit seinen Standpunkt auch noch viele weitere Male kundzutun, auch wenn er wusste, dass es die anderen nicht die Bohne interessierte.

Himmel noch mal, seine verdammte Ritterlichkeit, bringt uns alle in Teufels Küche! Was bin ich froh, dass ich vor dem Zeitalter der Ritterlichkeit geboren wurde. Dieser verfluchte Ehrenkodex! Soll er sie meinetwegen übers Knie legen, wenn es ihm hilft, wie das früher in Schottland so üblich war.“ Connor blickte leicht irritiert zu ihm hinüber und schüttelte tadelnd den Kopf.
Also wenn ich das jemals mit Heather gemacht hätte, hätte ich eine Woche im Schafstall schlafen müssen. Was denkst du eigentlich über meine Leute?! Du solltest weniger Fernsehen und mehr Bücher lesen, alter Mann! Und ganz abgesehen davon, was war denn deine Hilfe beim Brand von Rom, wenn nicht ein Akt von Ritterlichkeit, hm? Oder als du freiwillig im Schloss geblieben bist, damit wir sicher entkommen konnten? Also halt mal schön den Ball flach, Mann, der du gerne Schwerter verlierst.“

Während die beiden noch über Ritterlichtkeit und den Verlust von Schwertern diskutierten, kamen die MacLeods leicht verschwitzt und mit angespannten Mienen durch die Hintertür und legten ihre Waffen auf die Bar. Joe schob ihnen einen Drink entgegen und sah sie erwartungsvoll an.

Micky leerte ihr Glas, drehte sich zu den Freunden um und erklärte: „Ich will nicht darüber reden, das ging nur Duncan und mich etwas an, damit das klar ist. Keine blöden Sprüche, Fragen oder sonstigen Kommentare! Und so wird es gemacht. Connor, da du mit am längsten in Japan gelebt hast, wirst du dort suchen.“ Er nickte einverstanden. „Methos, ruf deine reizende Gattin an, sie soll mit Amanda nach Griechenland fliegen.“
Moment, warum kann ich Isis nicht begleiten?“ Er war ein wenig enttäuscht, jetzt wo es endlich besser mit seiner Frau lief, wollte er sich nicht gleich schon wieder von ihr trennen. Vor allem, wenn sie sich auf eine nicht ganz ungefährliche Suche begab. Mist, verspürte er da etwa selbst gerade so etwas wie Ritterlichkeit und dann auch noch ausgerechnet gegenüber seiner Frau, die er sonst immer als Viper und Schlimmeres bezeichnete? Verflucht, die 5.000 Jahre hatten ihn weichherzig werden lassen. Aber das durfte er natürlich nicht vor den anderen zugeben. Außerdem verletzte ihn Mickys Entscheidung und auch dass durfte er sich nicht anmerken lassen. Also ließ er sie fortfahren und versank in finstere Gedanken.
Nein, du bleibst erstmal aus der Schusslinie und recherchierst ein wenig über das, was wir vorhin besprochen haben.“ Sie vertraut mir nicht, dachte Methos und spürte einen Stich im Herz. Sie glaubt, ich bin wankelmütig, weil ich im Schloss so getan habe, als würde ich Kyle unterstützen. Da er keine Lust hatte mit der Comtesse die Schwerter zu kreuzen, akzeptierte er grummelnd ihre Entscheidung.
Und was machst du, Comtesse?“ fragte er seine Verstimmung nicht verhehlend.
Ich fliege in die Höhle des Löwen mit Duncan. Wir holen uns die Barren aus Adams Nachlass.“


 

 

3. Der Tod einer schönen Frau

 

Irland, Grafschaft Kildare, eine Landstraße in der Nähe von Adam Lees Haus,
einige Tage später.

Der Vollmond stand groß am sternenklaren, irischen Nachthimmel. Auf den Straßen war zu dieser späten Stunde kaum eine Menschenseele unterwegs. Es war eisig kalt in dieser Nacht, so kalt wie sich das Herz der schönen Comtesse anfühlte, seit sie das Schloss des Kriegsgottes verlassen hatten. Sie und Duncan versuchten zu verstehen, was die Szene bedeutete, deren Zeuge sie im großen Saal geworden waren.

 

Irland, Grafschaft Kildare, Wittmore Castle, kurz zuvor.
Nach der erfolglosen Suche auf Adams Grundstück und in seinem Haus, blieb ihnen keine Wahl als ein weiteres Mal ins Schloss einzubrechen. Doch Kyle war nicht dumm. Er bewahrte wahrscheinlich nicht alle Barren dort auf. Auch wussten die MacLeods nicht, wie viele Barren es überhaupt noch gab. Immerhin einen Barren hatten sie nahezu mühelos gefunden, es war fast schon zu einfach gewesen. Fast so als würde Kyle wollen, dass sie ihn bekommen, um das Spiel etwas interessanter zu gestalten.

Zwar konnte er den Endkampf um die Weltherrschaft nicht mehr bis zum Ende durchspielen - wie auch immer das hätte von Statten gehen sollen - nach Adam Lees Tod, doch sollte er alle anderen Götter auf seine Seite ziehen, konnte er die Welt noch immer ins Chaos und in ein neues finsteres Mittelalter stürzen. Das war auch der Hauptgrund, weshalb Micky Methos so lange wie möglich aus dem Spiel heraushalten wollte. Einerseits war er ihre Trumpfkarte, höchstwahrscheinlikch mächtig genug, um Kyle zu besiegen, andererseits fragte Micky sich jeden Tag aufs Neue, ob er damals wirklich nur aus dem Grund bei Kyle geblieben war, um ihnen die Flucht zu ermöglichen. Oder ob nicht doch ein kleiner Teil in ihm sich wünschte, die Menschheit zu unterwerfen und den ganzen Planeten zu beherrrschen. Einmal Apokalyptischer Reiter immer Apokalyptischer Reiter? Die Zeit würde es zeigen. Heute zumindest hatten sie einen kleinen Sieg davon getragen in Gestalt des Barrens.

Äußerst zufrieden liefen die MacLeods durch die dunklen Gänge in Richtung Ausgang zu dem kleinen Metalltor in der Mauer, durch das sie schon bei ihrem ersten Bruch, der damals so katastrophal geendet hatte, entkommen waren. An den Wänden entdeckte Micky zahlreiche Porträts von Kyle Wittmore durch die Jahrhunderte. Dies musste schon lange sein Stammsitz sein. Erstaunlich, dass Adam so lange in Sicherheit neben ihm hatte leben können. Wenn man aber Brigid ins Spiel brachte, seine Schwester, konnte man diese durchaus als Puffer betrachten, die beide Männer dazu veranlasst hatte einander in Ruhe zu lassen. Zumindest bis Kyle seine Schachfiguren in Position gebracht hatte. Und nichts anderes waren sie alle für ihn.

Duncan trieb seine Frau zur Eile an, er wollte schnellstmöglich wieder raus hier. Er hatte kein Problem damit unterwegs noch ein paar Köpfe zu nehmen, inzwischen hatte er erkannt, dass die Angestellen von Kyle Wittmore nichts weiter als Kanonenfutter waren, wie die einfachen Soldaten in den großen Kriegen. Es war nicht schön, sie zu töten, aber seinen eigenen Kopf zu behalten, hatte nun mal Vorrang.

Plötzlich ertönte ein helles, vertrautes Lachen und ließ die MacLeods augenblicklich innehalten. Mickys Herz setzte eine Sekunde aus. Sie taumelte und musste sich an der Wand abstützen. Ungläubig schüttelte sie ihren Kopf und sah dann flehend ihren Mann an.

Hast du das gehört? Sag mir, dass ich mich irre, Duncan, bitte“, flüsterte sie flehentlich. Er legte den Finger an die Lippen und huschte schnell um die nächste Ecke, die Richtung, aus der das Lachen kam.

Vorsichtig schaute er durch die offene Tür in den großen Saal, in dem der Kriegsgott für gewöhnlich seine Bankette abhielt. Heute zelebrierte er das Dinner nicht an der großen Tafel, sondern nur in kleinem Kreis an einem runden Tisch, den Kyle scherzhaft seine Tafelrunde nannte. Was Duncan dort sah, gefiel ihm ganz und gar nicht. Seine Ex-Frau Kate Devaney saß an der Tafel neben Kyle Wittmore, Adam Lees Schwester wirkte geistig nicht ganz anwesend. Duncan vermutete, dass sie unter dem Einfluss von Drogen stand oder der Tod ihres Bruder hatte sie in einen katatonischen Schockzustand versetzt.

Und dann entdeckte er eine Person, die er nie dort an Kyles Seite erwartete hätte. Leise drehte Duncan sich um und wollte seine Frau nur schnell fort von hier bringen, als er unsanft mit Micky zusammenstieß. Ein in seinen Ohren unglaublich lautes „Uff“ entfuhr ihm, weil sie ziemlich schwungvoll in Duncan reingerannt war.

Sie ist es, oder?“ fragte sie mit bebender Stimme. Er antwortete nicht, sein trauriger Blick sagte alles. „Ich muss es mit eigenen Augen sehen. Dann gehen wir, ich schwöre es, Duncan.“ Zögerlich ließ der Highlander den Arm seiner Frau los. Er wollte nicht, aber er musste. Nicht weil er ihr nicht glaubte, er wollte ihr diesen Kummer ersparen. Immerhin hatte er am Tage ihrer Hochzeit geschworen, sie vor Kummer und Schaden zu bewahren, beide Male. Doch tief in sich wusste Duncan, dass Micky diese bizarre Allianz mit eigenen Augen sehen musste, um es auch zu glauben. Darius hatte immer gesagt: Sehen heißt glauben.

Wenige Augenblicke später kehrte Micky mit hängenden Schultern zurück. Eine einzelne Träne lief über ihre Wange, Duncan wollte sie wegwischen, doch sie schlug zornig nach seiner Hand. „Wir sind hier fertig!“ zischte sie mit unverhohlenem Hass für Kyle in der Stimme. Das waren sie in der Tat, zumindest für diese Nacht. Duncan war sich sicher, dass jemand hierfür bezahlen würde. Er hoffte nur inständig, dass Micky sich an ihr Versprechen halten und Kyle Methos überlassen würde.

 

Irland, Grafschaft Kildare, eine Landstraße, die Gegenwart.
Sie fuhren einige weitere Minuten schweigend über die dunkle Landstraße, die zu Adam Lees Haus führte, das ihnen während ihrer Vorbereitungen als Unterschlupf gedient hatte. Die Zeit hatten beide gebraucht, um die Ereignisse der Nacht zu verdauen. Noch war Duncan hin und hergerissen zwischen Unglaube und der Möglichkeit einer Erklärung. Nach einem Blick auf die Uhr hielt er es für an der Zeit über die Ereignisse im Schloss zu sprechen.

Micky, es gibt sicher eine einleuchtende Erklärung, weshalb sie dort ist. Sie will sich vielleicht bei Kyle einschmeicheln, sein Vertrauen gewinnen. Sie...“ Begleitet von einem wütenden Aufschrei schlug Micky mit der flachen Hand auf das Lenkrad. Duncan fragte sich kurz, ob es eine gute Idee gewesen war, sie in diesem Zustand hinter das Steuer zu lassen.
Red doch keinen Mist, Duncan. Sie hat auf dem Hausboot geschworen mich zu töten. Und es ist ganz egal, dass wir beide Adam Lee für eine verdammt lange Zeit für tot hielten. Ich habe ihn getötet, das ist das Einzige, was sie mir nie verzeihen wird. Kyle hat sie höchstwahrscheinlich direkt nach dem Vorfall kontaktiert. Er denkt vermutlich, sie ist eine Schwachstelle für mich.“ Duncan überlegte sich sehr gut, ob er die nächste Frage überhaupt stellen wollte. Sie würde alles für immer verändern. Er liebte seine bunt zusammengewürfelte Familie und Geneviève sah er mittlerweile als seine Tochter an.
Wirst du sie... ich meine könntest du sie töten, falls es hart auf hart kommt?“

Völlig überraschend trat Micky auf die Bremse, stellte den Motor ab und stieg wutschnaubend aus. Trotz der hellen Vollmondnacht waren sie in ihrer schwarzen Einbrecherkluft kaum zu erkennen. In der Nähe heulte ein Käuzchen und flatterte aufgeschreckt davon, als Micky die Wagentür zuschmiss.

Duncan verließ nun ebenfalls das Auto, ging auf die Fahrerseite und wollte Micky gerade in den Arm nehmen, doch sie drehte sich um und schlug frustriert auf das Wagendach. Ein heißer Schmerz durchzuckte Micky. Es half ihr die Wut unter Kontrolle zu bekommen, der Schmerz ließ die Stimmen in ihrem Kopf kurzzeitig verstummen. Bevor sie ein weiteres Mal zuschlagen konnte, ergriff Duncan schnell ihre Hände und zwang sie in eine Umarmung, um sie zu beruhigen. Anfangs wehrte Micky sich noch, doch als er anfing auf Gälisch mit ihr zu sprechen, brachen alle Dämme. Seine starke, tapfere Frau, die schon so viele Schlachten geschlagen und so bittere Verluste hatte hinnehmen müssen, weinte wie ein kleines Kind in seinen Armen um den schlimmsten Verlust, den es für eine Frau gab. Sie hatte ihr einziges Kind verloren, weil sie die Welt gerettet hatte. Seit dem Tag, an dem Darius sie blutüberströmt in den Wäldern von Chateau Dubois gerettet und ihr von der Bedeutung und den Folgen einer unsterblichen Existenz berichtet hatte, war ihr klar gewesen, dass sie nie eigene Kinder haben könnte und dass sie Adoptivkinder immer überleben würde. Doch mit ihrer kleinen Diebin war es anders gewesen. Sie waren gleich, beide unsterblich, beide gaben sich Trost und Wärme. Doch das war nun vorbei.

Anfangs auf dem Hausboot hatte sie noch einen Funken Hoffnung gehabt, dass Geneviève sich nach ein paar Jahren wieder beruhigen und genauso unvermittelt auf der Türschwelle von Chateau Dubois stehen würden, wie seit jeher. Micky hätte in Ruhe Kyles Pläne vereiteln können und es wäre Gras über die Sache mit Adam gewachsen. Doch nach der heutigen Nacht war ihr klar geworden, dass es niemals dazu kommen würde.

Sie atmete tief ein und wischte sich die Tränen weg. Ihr Kinn bebte, als sie um ihre Fassung rang.

Ja, Duncan, wenn es hart auf hart kommt, werde ich meine Tochter töten. Aber eins schwöre ich dir, Kyle wird dafür büßen, dass er mein Kind auf seine Seite gezogen hat.“ Duncan wusste, dass es zwangsläufig wieder in einem Streit enden würde, besonders nach dem Vorfall im Schloss, trotzdem konnte er nicht schweigen.
Ich weiß, du willst das jetzt nicht hören, aber denk an dein Versprechen. Ja, sie ist dein Kind, auch wenn ihr nicht vom gleichen Blut seid. Aber ich bin dein Mann, ich habe immer zu dir gestanden, bei jeder Verrücktheit, habe alle Konsequenzen ertragen, die dein und mein Handeln bewirkt haben. Und das hier ist nichts anderes als eine weitere Konsequenz. Und das weißt du. Sieh mich an, Michelle.“ Er hob ihr Kinn an und zwang sie so, ihm in die Augen zu sehen. „Wenn sie wirklich so voller Zorn ist, kann man Geneviève nicht mehr aus Kyles Fängen retten und ich bewundere dich für deine Entscheidung. Wahrscheinlich glaubst du mir nicht, aber mir hat es auch das Herz gebrochen, sie dort zu sehen. Aber trotz allem, lass die Finger von ihm, dieser Kampf gehört Methos. Du kannst deine Rechnung mit Raiden begleichen, damit Keiko Frieden finden kann. Aber Kyle kriegst du nicht, mo cridhe.“
Ich weiß. Ich stehe zu meinem Wort...“, knurrte seine Frau mit zusammengebissenen Zähnen und stieg wieder ins Auto ein. Überrascht von dieser Antwort, die einer Kapitulation gleichkam, folgte Duncan ihr. Er hatte mit allem gerechnet, aber nicht mit dieser Reaktion. Doch Micky MacLeod wusste, wann es besser war auf einen Kampf zu verzichten.

 

Amerikanische Nordstaaten, Baltimore, Maryland, 1. Oktober 1849 abends.
Es regnete schon seit etlichen Tagen unablässig, die ungepflasterten Seitenstraßen in Baltimore hatten sich in kleine Bäche verwandelt. Keine Menschenseele trieb sich bei diesem Wetter zu der späten Stunde in der Stadt herum.

Bis auf eine einsame Gestalt, gehüllt in einen langen schwarzen Umhang, der nass vom Regen aussah als würde er Tonnen wiegen. Auf den ersten Blick wirkte die Person wie ein zierlicher Mann. Doch auf den zweiten Blick war es Micky Dante, die höchst unschickliche, aber praktische Hosen trug und auf dem Weg zu einem Duell war. Normalerweise kämpfte sie auch in einem Kleid sehr sicher, doch der Gegner, dem sie sich heute Nacht stellen musste, war zu gut, um von unzähligen Schichten französicher Seide behindert zu werden. Sein Name war Arthur Moore, mehr wusste Micky nicht von ihm. Sie schätzte, dass er schon einige Jahrhunderte älter als sie war und entsprechend viele Duelle gewonnen hatte. Vor einigen Tagen hatte es ein kurzes Vorspiel gegeben, das sie beinahe den Kopf gekostet hätte. Seit dem Zusammenstoß trainierte sie verbissen und bis zur Erschöpfung, um zumindest eine kleine Überlebenschance zu haben. Nach 324 Jahren hatte sie sich an die Unsterblichkeit gewöhnt und hing an ihrem hübschen Kopf.

Micky hatte schon seit einigen Minuten das merkwürdige Gefühl verfolgt zu werden. Gleichwohl niemand zu sehen war. Es war aber nicht das bekannte Prickeln im Nacken, das ein anderer Unsterblicher auslöste. Hier schien es sich eher um einen Vertreter der sterblichen Fraktion zu handeln.

Nach der nächsten Ecke blieb sie stehen und wartete. Im nächsten Moment schoss ihr Arm nach vorne und packte einen Mann um die Vierzig am Kragen, der nur wenige Zentimeter größer war als sie selbst. Er hatte dunkles Haar und war gutbürgerlich gekleidet. Und zutode erschrocken. Nach Luft ringend versuchte er sich ihrem festen Griff zu entwinden. Micky musterte ihn gründlich und schätzte in Sekundenschnelle ein, ob ihr von diesem Sterblichen Gefahr drohte.

Was zum Teufel wollt Ihr von mir, Sir? Warum verfolgt Ihr mich?“ Da er zu keiner Antwort bereit war und immer noch wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft schnappte, zückte Micky einen kleinen Dolch mit Elfenbeingriff. Es war jener Dolch, den sie 1687 Adrian Lastrada, dem Schlitzer von Madrid abgenommen hatte. Sie hielt ihn an die Halsschlagader des Sterblichen, die daraufhin noch heftiger pochte. Schweiß stand auf seiner Stirn. Himmel, dachte Micky, der kriegt ja gleich einen Herzanfall.
Endlich hob er verteidigend die Hände und setzte zu einer Erklärung an.

Bitte, ich will Ihnen helfen, Miss Dante. Ich weiß, wer Sie sind und ich weiß um die Zusammenkunft und um die Unsterblichen. Ich kann Ihnen versichern, dass Sie den Kampf gegen Arthur Moore nicht überleben werden. Nicht heute, Sie müssen erst stärker werden. Dieser Mann durchstreift die Welt seit dem Mittelalter. Ich glaube, er weiß selbst nicht mehr, wie viele Köpfe er seit diesen dunklen Tagen abgeschlagen hat. Und Ihrer wäre nur ein weiterer. Sie bedeuten ihm nichts. Sie sind nur eine Kerbe an seinem Zweihänder. Und gleichwohl der Tod einer schönen Frau wahrlich das poetischste Thema der Welt ist, Miss Dante, würde ich gerne auf den Tod dieser schönen Frau hier verzichten.“ Micky stutzte kurz, der Mann hatte aus einem Roman zitiert, den sie vor nicht allzulanger Zeit gelesen hatte. Ihr fiel nur nicht ein, um welches Buch es sich handelte. Gerade wollte sie zu einer Erwiderung ansetzen, aber der Fremde war wohl noch nicht fertig.
Das erste Zusammentreffen mit ihm haben Sie doch nur überlebt, weil Sie in die Chesapeake Bay gefallen sind und bewusstlos abgetrieben wurden.“ Wer war dieser Mann, er schien sie schon seit Tagen oder gar Wochen zu verfolgen. Und wieso hatte Micky es erst heute Abend bemerkt? War er so gut oder war sie so unaufmerksam gewesen?
Ich bin ertrunken“, korrigierte Micky ihn, immer noch verblüfft, dass dieser Fremde um die Unsterblichen und die Zusammenkunft wusste. Ihr Abgang hatte zugegebenermaßen nicht zu ihren glanzvollsten Momenten gehört und das Wasser in der Bucht war eisigkalt gewesen. Ganz zu schweigen davon, dass ihr schönes Kleid nach dem unfreiwilligen Bad ruiniert gewesen war.
Und jetzt erklären Sie mir, wer zum Teufel Sie sind und woher Sie das alles wissen, bevor ich entscheide, ob ich auf das Duell verzichte und was ich mit Ihnen mache!“ Um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, pikste sie ihn ganz leicht mit ihrem Dolch.

Der Mann fuhr sich nervös durch das dunkle Haar und griff trotz der lebensbedrohlichen Lage in seine Jackentasche und trank hektisch aus einem Flachmann, um sich zu beruhigen. Seine Arbeit, sowohl die literarische als auch die Beobachtung der Unsterblichen, ließ sich ohne Alkohol nicht ertragen. Ganz zu schweigen von den Visionen und Alpträumen, die ihn Nacht für Nacht peinigten.

Gestatten, meine Name ist Edgar Allan Poe.“ Micky schnappte hörbar nach Luft. Da sie sehr belesen war, sagte ihr der Name natürlich etwas, und nun wusste sie auch, woher sie das Zitat kannte. Es stammte von Edgar Allan Poe höchstselbst. Zwar war dieser Schriftsteller nicht weltberühmt oder reich mit seinen Werken geworden, dennoch hatte er sich einen Namen im Horror- und Science Fiction-Metier gemacht. Kein Wunder, dass er mit der Vorstellung von Unsterblichen, die sich mit Schwertern gegenseitig die Köpfe abschlugen, keine Probleme hatte. Er selbst hatte sich in seinen Werken viel gruseligere Tode ausgedacht.
Ich beobachte Ihresgleichen schon eine ganze Weile, Miss Dante, und Sie im Besonderen. Normalerweise mischen meine Kollegen und ich uns nicht ein. Es ist uns sogar strikt untersagt. Aber ich lege die Vorschriften gerne etwas lockerer aus, wenn ich denke, dass es ein Unsterblicher oder auch eine Lady wie Sie, verdient hat, noch ein Weilchen länger an dem Kampf teilzunehmen. Aber mehr kann ich Ihnen dazu nicht sagen, es ist gefährlich für mich, überhaupt mit Ihnen zu reden. Wirklich sehr gefährlich.“ Micky sah ihm tief in die Augen und erkannte, dass er die Wahrheit sprach. Auch nach so vielen Jahrhunderten beherrschte sie die Kunst in den Menschen zu lesen, die Nostradamus sie gelehrt hatte, noch immer. Sie nickte, damit war die Sache erledigt. Da sie mit diesem Arthur Moore keine Rechnung offen hatte, konnte es ihr egal sein, wann sie sich seinen Kopf holte – heute oder in 100 Jahren. Es spielte keine Rolle.

Doch für Poe war es wohl noch nicht ganz erledigt, jetzt war er es, der sie festhielt. Sein Blick schweifte in die Ferne ab, als er sprach: „Sie werden noch unzählige Male sterben und die Belebung erfahren, Miss Dante, auf verschiedenste Weisen. Aber nichts wird für Sie so schrecklich sein, wie der Sarg. Hüten Sie sich vor Männern, die falsche Versprechungen machen und Sie besitzen wollen, sonst legt einer Sie lebendig in einen Sarg und Sie werden sterben, wieder und wieder und die Stadt rings um Sie herum wird zu Schutt zerfallen, bevor man Sie findet... Und dieser Mann wird sie verändern, für immer... Und auch die Welt, wenn er nicht aufgehalten wird...“ Dann verstummte er, sein Blick klärte sich und er konnte sich an nichts erinnern, was er eben gesagt hatte. Micky war leichenblass geworden, woher wusste Poe das alles, war er ein Seher wie Nostradamus? Sie war hin- und hergerissen, mehr zu erfahren oder die Flucht zu ergreifen. Doch Poe nahm ihr die Entscheidung ab, er verabschiedete sich und machte sich eiligst auf den Weg nach Hause.

 

Irland, Grafschaft Kildare, die Gegenwart.
Poe? Edgar Allan Poe? Der den Raben geschrieben hat? Der berühmte Schriftsteller Edgar Allan Poe soll ein Beobachter gewesen sein?! Und am Ende sogar deiner, wenn man seine vagen Andeutugen richtig auslegt...“ Duncan konnte nicht glauben, was er da eben gehört hatte, weder dass Poe zu den Beobachtern gehört haben soll, noch dass seine störrische Frau so leicht von einem Duell abzubringen gewesen war.
Was soll ich sagen, von den Beobachtern habe ich erst durch Methos erfahren, als er seine eigene Chronik verfasste. Ich glaubte Poe, obwohl ich ihn irgendwie für einen Spinner hielt. Er hat mir auch nicht seinen Dienstausweis unter die Nase gehalten, falls die Beobachter aus der damaligen Zeit überhaupt schon so etwas hatten. Und seine Hemdsärmel waren zugeknöpft, ich kann mich nicht an eine Tätowierung erinnern, falls du dich das fragst, Duncan. Und was seine Vision anging, die er da anscheinend hatte, das war mit ziemlicher Sicherheit Kyle, der mich 1906 in San Francisco am Tag des großen Bebens in einen Sarg gesteckt hat. Und bis Methos mich fand, lag die Stadt in der Tat in Schutt und Asche. Poe sollte Recht behalten. Ich hätte gerne noch mehr erfahren von ihm, doch wegen Arthur Moore hielt mich einige Tage versteckt. Als ich zu Poes Haus ging, war es zu spät. Er starb sechs Tage nach unserer ersten Begegnung unter bis heute ungeklärten Umständen. Ich habe mich umgehört, auf der Straße und bei der Polizei. Hinter hervorgehaltener Hand munkelte man, er wäre vergiftet worden. Da er solche Angst vor seinen Kollegen hatte, kann es durchaus sein, dass ein anderer Beobachter ihn verraten hat und sie ihn ermordet haben. Wir wissen ja, dass es die übliche Art war, den Arbeitsvertrag zu beenden, wenn ein Beobachter sich an seinen Schützling gewendet hat. Zumindest bis in moderne Zeit und bevor wir die Reform durchgesetzt haben.“ Duncan war verblüfft angesichts dieser Gesichte. Seine Frau konnte ihn auch noch all den Jahren noch überraschen. Den Umstand, ob Poe tatsächlich ein Beobachter gewesen war, konnte sicherlich Joe Dawson aufklären. Aber eine ganz entscheidendere Frage brannte ihm auf der Zunge, als sie aus dem Auto ausstiegen, ihre Schwerter nahmen und ihre Jacken überstreiften. Nebel war aufgezogen und umhüllte das Haus von Adam Lee, das sie endlich erreicht hatten. Die Luft war inzwischen nicht mehr ganz so eisig, aber nass. Die Kälte kroch in die Knochen. Zeit in das warme Haus zu gehen und sich auszuruhen. Sie wollten ein paar Stunden schlafen, bevor sie zum Flughafen fuhren mit dem Barren im Gepäck.

Duncan nahm Micky ihr Schwert ab und legte beide vorsichtig auf das Autodach, um den Lack nicht zu zerkratzen. Wäre schade um die Kaution für den Mietwagen. Dann umfasste er zärtlich die Schultern seiner Frau und musterte sie ernst. „Eine Frage habe ich noch, Comtesse. Was wurde aus Arthur Moore, wobei mir die Antwort eigentlich schon klar ist. Ich würde sie trotzdem gerne aus deinem reizenden Mund hören.“ Endlich konnte Micky wieder verschmitzt grinsen, trotz der Ereignisse der vergangenen Nacht. Lässig zuckte sie mit den Achseln, wie um zu sagen, dass er sie doch nun wirklich gut genug kannte, um sich die Frage selbst beantworten zu können.
Was soll ich sagen, mein Liebster... Ich bin ziemlich sicher, in nicht allzuferner Zukunft werde ich einen Anruf bekommen von Arthur Moore, weil er zu Ende bringen will, was er 1849 begonnen hat. Eher früher als später, jetzt wo mein reizender Kopf dank Kyle so viel wert ist.“ Mit diesen Worten ging Micky zum Tor und betrat heiligen Boden.

Duncan konnte nur lachend mit dem Kopf schütteln, während er nach den Schwertern griff und ihr zu dem zweistöckigen Steinhaus folgte, das umgeben war von einer niedrigen Friedhofsmauer. Heiliger Boden. Sie würden die Nacht in Sicherheit sein. Selbst Daniel Prescott hatte, obwohl er von der wahnsinnigen Essenz Christopher Sikes' besessen war, diese heilige Regel nicht gebrochen und Micky nicht auf das Grundstück verfolgt.

Micky griff unter den Topf mit der Tudor-Rose und nahm den Schlüssel. Irgendwann sofern sie den Kampf gegen Kyle überleben sollten, hatte sie hier einen schönen Rückzugsort, wo sie zur Ruhe kommen und nachdenken konnte. Es war ein schlichtes, kleines Haus mit kleinen Fenstern und einer blau gestrichenen Holzbank davor. Ein Stück weiter hinten sah sie den unbeleuchteten Pub, von dem eine kleine Straße zum nächsten Dorf führte. Wenn dieser ganze Wahnsinn vorüber war, musste Micky einen Pächter suchen, der sich um Adams Grab kümmern und den Pub weiterführen würde. Adam hatte es sich nicht nehmen lassen und den gesamten Grund und Boden seiner ehemaligen Schülerin hinterlassen. Er hatte wohl zu recht vermutet, dass Micky ihn nach dem Kampf hier zur letzten Ruhe betten würde.

 

 

4. Besuch in der Heimat

 

Schottland, Glennfinnan, an den Ufern des Loch Shiel, einige Tage später.
Duncan und seine Frau standen Arm in Arm an den Ufern des großen Sees. Am nachmittäglichen Himmel zogen Wolken vorbei, es sah nach Regen aus. Auch die Luft trug schon einen Hauch davon mit sich, vermischt mit dem Geruch von Torf und Ginster. Nach all den Jahrhunderten roch es für Duncan immer noch nach Heimat. Ein unendlicher Frieden umfing die beiden, während sie ihren Blick über die Berge schweifen ließen. Hätten sie die Wahl, würden sie den Endkampf ausfallen und die Welt ihrem Schicksal überlassen. Es gab keinen schöneren Ort auf der Welt als die Highlands. Nicht ohne Grund hatte Micky auch mit Connor hier viele Jahre gelebt.

Keiner von ihnen sagte ein Wort, wussten sie doch zu genau, an was der jeweils andere gerade dachte. Als sie zuletzt hier gewesen waren, zwei Jahre zuvor, war Micky für ihre Einmischung in Duncans Kampf mit Paul Boyle mit einem monatelangen Koma und dem Verlust ihrer Erinnerungen bestraft worden. Unglaublich, dass der Vorfall erst zwei Jahre zurücklag. Seit jenem schicksalshaften Tag hatten sich die Ereignisse immer mehr überschlagen und sie hatten kaum Zeit gehabt zu Atem zu kommen. Aus diesem Grund hatten sie sich auch entschieden ein paar Tage hier zu verbringen. Duncan war schon oft zu seinen Wurzeln zurückgekehrt, wenn große Schlachten oder Veränderungen in seinem Leben anstanden. Er hatte es nie bereut. Bis heute...

Nachdem sie im Glenfinnan Inn bei der guten, alten Mrs. Fraiser eingecheckt hatten, besuchten sie das Grab von Duncans Eltern. Sie hatten sich Pferde geliehen, da sie anschließend noch ein wenig durch die Highlands reiten wollten.

Schon von Weitem sahen sie, dass etwas nicht stimmte. Auf dem Grab lag ein Körper. Der Körper einer Frau. Ging hier etwa wieder ein Mörder um? Duncan musste sofort an Kanwulf denken.

Sie gaben ihren Pferden die Sporen und waren nach wenigen Augenblicken am Grab der MacLeods. Micky riss ungläubig die Augen auf, als sie erkannte, wessen Leiche da in einem hübschen weißen Trägerkleid mit einem Strauß Lilien in den Händen auf dem Grab von Duncans Eltern lag. Sie schien wie ein Engel zu schlafen. Doch der Eindruck täuschte, jemand hatte ihr den Kopf abgeschlagen und anschließend wieder angenäht, um die Leiche hier nieder zulegen. Ein weißer Seidenschal bedeckte die tödlichen Male an ihrem Hals.

Micky, warte. Ich helfe dir.“ Doch sie konnte nicht warten. Sie rutschte vom Pferd, fiel auf die Knie, versuchte aufzustehen, ihr fehlte die Kraft. Auf allen Vieren näherte sie sich dem Grab, näherte sich...
Geneviève“, flüsterte sie kaum hörbar. Mit zitternder Hand strich sie ihrer Tochter über das kalte, blasse Gesicht. Duncan kniete neben ihr, entsetzt von dem Anblick, der sich ihm bot. Er wusste natürlich, wer dahinter steckte. Solche perfiden Spiele, und nichts anderes war es für ihn, waren das Markenzeichen von Kyle Wittmore, dem Kriegsgott.
Micky, wir müssen sie hier fort schaffen, bevor die Polizei sie findet. Bitte. Wir haben doch zwei Decken dabei. Wir verstecken Sie. Ich habe eine Nachfahrin, eine Cousine, Rachel MacLeod, sie betreibt das örtliche Pub. Sie weiß von den Unsterblichen. Sie wird uns helfen. Komm, bitte.“ Micky reagierte nicht, sie stand unter Schock. Duncan ging zu den Pferden und holte die Decken. In der Zwischenzeit hatte Micky einen Zettel entdeckt, den vermutlich der Mörder Geneviève in die gefalteten Hände gesteckt hatte.

Duncan stand über seine Frau und seine tote Stieftochter gebeugt, mit den Decken in der Hand. In der anderen hatte er sein Handy und wählte bereits die Nummer des Pubs.
Rachel, hier ist Duncan MacLeod. Ich brauche deine Hilfe. Komm zum Grab meiner Eltern, sofort. Und komm um Himmels Willen alleine.“ Er legte auf und ging in die Hocke.
Was hast du da, mo cridhe? Lass mich sehen.“ Langsam nahm er den Zettel aus Mickys zitternder Hand und faltete ihn auseinander. Nachdem er ihn gelesen hatte, steckte er ihn in seine Jackentasche und begann damit, seine Stieftochter in die Decken zu wickeln.
Endlich hob Micky den Kopf. „Was stand da? Ein Gruß von Kyle?“ Duncans Wangenmuskeln arbeiteten, während er seine Arbeit beendete. „Nein, gràidheag, nicht von Kyle, ich schätze von ihrem Mörder. Er will dich treffen. Morgen bei Sonnenaufgang am Loch Shiel und zuende bringen, was er 1849 nicht konnte.“ Da wusste Micky, wer ihr nächster Gegner war. Arthur Moore. Der Mann, den sie schon vor über 150 Jahren getötet hätte, wenn nicht ein Beobachter namens Edgar Allan Poe sie daran gehindert hätte.

Duncan ahnte, was in ihr vorging. Er packte Mickys Handgelenke und zog sie zu sich hoch. Während er sprach, sah er ihr fest in die Augen.

Micky, ich weiß, was du jetzt denkst. Aber dir ist doch klar, dass Kyle irgendjemand anderes damit beauftragt hätte, wenn du diesen Moore damals in Baltimore getötet hättest. Sie war ein Bauernopfer. Tha mi duilich“, flüsterte er bedauernd. Im nächsten Moment schreckte er hoch, als er ein sich näherndes Auto hörte. Erleichtert stellte er fest, dass es das Logo des Pubs trug und noch erleichterter war er, als seine Nachfahrin Rachel MacLeod ausstieg.

Hallo Duncan, was ist passiert? Du klangst so erschrocken.“ Noch ehe Rachel fragen konnte, wer die Frau bei ihm war und was sich in den Decken befand, zog Duncan sie kurz zur Seite.
Rachel, hör mir genau zu. Du weißt von den Unsterblichen und den Duellen, seit ich euch damals von Kanwulf befreit habe. Die Frau dort ist meine Ehefrau Michelle. Als wir die letzten Male in Glenfinnan waren, warst du im Urlaub. Deswegen konnte ich sie dir bis heute nicht vorstellen. Sie ist wie ich unsterblich. Dort in den Decken, das ist ihre Adoptivtochter, sie war auch unsterblich...“
Sie war? Du meinst, sie ist...“ Er nickte.
Sie wurde enthauptet und hier niedergelegt, damit wir sie finden. Wir haben einen sehr gefährlichen Gegner. Einen Unsterblichen. Es wäre jetzt zu kompliziert, dir das alles zu erklären. Ich möchte dich nur bitten, dass wir bis morgen Abend ihre Leiche verstecken können. Micky muss die Sache bereinigen mit dem Mörder und dann verschwinden wir und begraben unsere Tochter.“ Seine Augen glänzten, als er das Wort „Tochter“ aussprach. Duncan musste alle Kraft aufbringen, um in Gegenwart seiner Cousine nicht die Fassung zu verlieren. Er war wütend über eine so sinnlose Verschwendung von Leben. Lieber hätte er Geneviève durch ein Duell verloren, als sie hier so vorzufinden.

Rachel verstand zwar nicht die Hintergründe, aber ihr Cousin brauchte Hilfe, da stand es ganz außer Frage, dass sie ihm und seiner Frau half. Sie nahm ihn kurz in den Arm und sagte nur leise: „Okay.“ Dann drehte sie sich um und ging zum Wagen. Behutsam kam Duncan mit Genevièves Leichnam auf den Armen zu ihr und legte sie in den geöffneten Kofferraum.

Der Bestatter ist auch ein MacLeod, er wird sie... na ja, er wird auf sie aufpassen, bis alles geklärt ist.“ Duncan nickte.
Tapadh leat!“ erklärte Duncan.
Ja, ich danke Ihnen auch, Miss MacLeod“, sagte Micky und klopfte sich die Erde von ihren Jeans. „Ich bin übrigens Micky MacLeod, seine Frau.“ Sie streckte Duncans Nachfahrin die Hand entgegen.
Rachel genügt völlig. Auch wenn ich das alles nicht so ganz verstehe, möchte ich Ihnen sagen, dass mir Ihr Verlust sehr leid tut, Mrs. MacLeod.“ Micky nickte dankbar und wischte sich verlegen über die Augen. Fremden gegenüber zeigte sie nicht gerne Gefühle, sie hielt sie für eine Form von Schwäche. Dass die Fremde eine Verwandte ihres Mannes war, machte es auch nicht besser. Schnell gewann die jarhundertealte, herrschaftliche Schule wieder die Oberhand und Micky hatte zumindest für einen Moment ihre Fassung zurück.
Danke, und nennen Sie mich Micky. Und danke für Ihre Hilfe.“ Sie wandte sich an ihren Mann. „Ich bringe das Pferd zurück. Dann gehe ich kurz in die Kirche, in der wir geheiratet haben. Ich muss ein dringendes Gespräch führen.“ Er nickte, zog sie zu sich und küsste sie sanft auf die Stirn.
Geh nur, mo cridhe. Ich warte im Pub bei Rachel auf dich. Sag ihm von mir, dass es nicht fair war, sie auf diese Weise zu verlieren. Sag ihm das! Er soll zum Teufel gehen!“ rief er ihr auf Gälisch hinter her. Duncan war schockiert über die Ereignisse, wusste aber nicht, wem er die Schuld geben sollte. Den Auftraggeber kannte er natürlich. Aber an den kamen sie nicht ran, noch nicht. So konzentrierte er seinen Groll auf jemanden, der auf Geneviève hätte Acht geben sollen.

Micky nickte, bestieg ihr Pferd und galoppierte davon.

Deine Frau versteht Gälisch?“ Rachel war verblüfft, sie hatte den französischen Akzent herausgehört, als Micky mit ihr gesprochen hatte.
Aye, sie hat viel Zeit mit mir und meinem Cousin Connor verbracht. Mit Connor sogar mehr als mit mir vor vielen, vielen Jahren. Wir sind seit zwölf Jahren verheiratet, da schnappt man das eine oder andere Wort auf. Gälisch beruhigt sie, wenn sie sehr aufgebracht ist und glaub mir, meine französische Comtesse kann sehr aufgebracht sein.“
Rachel grinste kurz, bevor sie wieder ernst wurde. „Und jetzt hält sie ein Zwiegespräch mit Gott, weil sie in die Kirche will?“ Duncan lachte kurz auf.

Oh nein, mit Gott hat sie schon eine verdammt lange Zeit nichts mehr am Hut. Heiliger Boden ist der einzige Ort, wo unsere Leute uns nicht angreifen dürfen und es ist ein guter Ort, wenn man mit seinem Geistberater in Kontakt treten will. Das ist ein verstorbener Unsterblicher, der einem zu Lebzeiten besonders nahe gestanden hat. Oft der Unsterbliche, der dich bei deiner ersten Belebung gefunden hat oder auch dein erster Mentor, der dich ausgebildet hat. Ich weiß, dass klingt alles ziemlich nach Harry Potter oder so für dich. Um es mit Connors Worten zu sagen: Hey, es ist eine Art Magie.“ Rachel hob abwehrend die Hände.
Alles was du sagst, Duncan. Alles was du sagst. Komm wir kümmern uns jetzt um eure Tochter und dann glaube ich, kannst du ein paar Drinks vertragen, oder?“

 

Schottland, Glennfinnan, die Church of our Lady and St. Finnan, wenig später.
Micky schlug die Tür der 1873 vollendeten kleinen Kirche auf und rauschte wutendbrannt durch den Mittelgang nach vorne, den sie noch vor zwei Jahren so glücklich entlanggeschritten war.

Im Moment hatte sie nichts dafür übrig, dass sie in einer der schönsten gregorianischen Kirchen der gesamten Highlands stand. Sie war so unsagbar wütend und voller Trauer, dass sie am liebsten losgeschrieen und irgendetwas zertrümmert hätte. Gleichzeitig hatte sie das Gefühl, dass ihre Beine jeden Augenblick nachgeben würden, wenn sie sich nicht schnell auf eine der harten Holzbänke setzte.

Vor dem detaillreichen, gekreuzigten Jesus blieb sie stehen und warf einen verächtlichen Blick darauf.

Mit dir bin ich schon lange fertig! Jetzt will ich mit deinem treuen Diener reden!“ Just in dem Moment bog der örtliche Priester um die Ecke und wollte einige Kerzen anzünden. Verdattert blieb der alte Mann stehen und kratzte sich am Kopf. Es war doch keine Beichtstunde.
Doch die junge Frau wollte anscheinend gar nicht zu ihm, wie sie ihm überdeutlich zu verstehen gab: „Nein, nicht mit Ihnen!“ Er zuckte zusammen und hielt es für angebracht wieder in sein Studierzimmer zurückzukehren.

Darius! DARIUS! Komm her und zwar sofort! ES IST MIR GLEICH, OB KYLE DIR HINTERHER DEN ARSCH AUFREISST! UND OB MICH EIN BLITZ TRIFFT ANGESICHTS MEINER WORTWAHL IN EINEM HAUS DEINES GOTTES!!“ Immer noch maßlos wütend, ließ sie sich auf eine Bank in der ersten Reihe fallen und wartete. Es dauerte nicht lange.
Michelle, ich bin ja da.“ Sie sah ihn vernichtend an, denjenigen Mann, der ihr damals bei ihrer ersten Belebung beigestanden hatte, dem sie mehr als einmal ihr Leben und ihre Seele anvertraut hatte und legte all ihren Schmerz in den folgenden Satz.
Und wo warst du, als mein Kind dich brauchte?! Wo warst du?!“ Darius hätte sie gerne in den Arm genommen, wie schon so oft. Doch er konnte ihr nur auf geistiger Ebene beistehen. Daher wartete er einen Moment ab, bis sie sich beruhigt hatte. Doch zuerst richtete sie ihm Duncans Botschaft aus und ließ auch den abschließenden Fluch nicht aus. Darius nickte, MacLeod hatte gute Gründe ihn anzuklagen. Doch ihm waren die Hände gebunden.
Was soll ich sagen? Kein Wort kann es ungeschehen machen. Dass sie jetzt an einem besseren Ort ist, ist kein Trost für euch. Ich wusste nicht, was er mit ihr vorhatte. Ich dachte, ich hoffte, sie wäre noch eine Weile in Sicherheit. Wenn du mich jetzt verfluchen willst, tu das, wenn du sagst, du willst mich nicht mehr sehen, außer du rufst nach mir, ist auch das in Ordnung. Sag mir, was ich tun kann.“ Micky knetete ihre Hände, ihre Kiefer mahlten. Sie war so maßlos zornig, dass sie Angst vor sich selbst und dem, wozu sie vielleicht fähig war, bekam.
Was er da getan hat, Kyle meine ich und nicht dieser Moore... Darius, meine Gefühle überwältigen mich fast. Ich habe Angst, es könnte wieder werden wie damals, als ich Sikes besiegt habe. Ich war noch nie so voller Zorn. Seit ich Adam getötet habe, wird es jeden Tag schlimmer. Ich kann es bald nicht mehr kontrollieren. Ich weiß, ich muss morgen zu dem Duell. Ich bin schon einmal davon gelaufen und siehst du, was passiert ist? Aber wenn ich so wütend auf ihn treffe, was passiert dann mit mir? Verliere ich wieder meine Seele? Ich kämpfe an dem Ort meiner Bestrafung. Wusstest du das?“ Darius hatte ihr aufmerksam zugehört. Jetzt hoffte seine alte Freundin auf einen weisen Rat, was ja eigentlich sein Job war.
Er hat dich herausgefordert, aber du hast den Kampf noch nicht begonnen. Du kannst ihn abtreten. Das ist nicht gegen die Regeln. Aber jetzt muss ich gehen. Er sucht schon nach mir...“ Im nächsten Moment war er verschwunden und Micky wusste nicht, wann sie Darius wiedersehen würde.

 

Schottland, Glennfinnan, Rachel MacLeods Pub, zur gleichen Zeit.

Duncan hatte Rachel in einer möglichst kurzen Fassung von seiner ersten Begegnung mit Micky berichtet, die dann in ihrer Ehe geendet hatte. Er war gerade dabei zu erklären, was vor zwei Jahren am Ufer des Loch Shiel geschehen war, als er die Gegenwart eines anderen Unsterblichen registrierte. Die Tür des Pubs ging auf und seine Frau trat ein. Kurz verstummten die Gespräche, als die Einheimischen aber erkannten, dass sie zu Duncan gehörte, wurden die abgerissenen Unterhaltungen sofort wieder aufgenommen. Keiner wusste genau, was Duncan damals getan hatte, er war zu einem Teil seiner eigenen Legende geworden. Die Bewohner von Glenfinnan wussten nur, dass er faktisch das Oberhaupt der MacLeods war und trotz des legitimen Anspruchs das Clansschwert bei Rachel gelassen hatte. Also kümmerten sie sich wieder um ihre eigenen Angelegenheiten und ließen den MacLeod in Ruhe.

Duncan stand auf und küsste seine Frau zur Begrüßung, die Träne, die ihr über die Wange lief, wischte er zärtlich weg. Er war ziemlich erleichtert sie zu sehen. Er hatte gefürchtet, Micky hätte eine Dummheit begangen und wäre alleine losgezogen, um diesen Arthur Moore zu suchen.

Erschöpft setzte Micky sich auf den Hocker neben ihn. Rachel sah sie fragend an.

Whisky, und zwar reichlich. Und den richtig guten, wenn ich bitten darf.“ Rachel nickte und holte eine Flasche und ein Glas.
Was hat er gesagt?“ Duncan kam direkt zum Punkt.
Sein übliches Blabla, er würde gerne helfen, kann nicht, wird beobachtet. Ich habe ihm gesagt, er soll zum Teufel gehen und dass ich Angst habe, wieder so zu werden wie nach dem Kampf mit Sikes.“ Duncan kippte fast sein Glas um, als er das hörte.
Damit macht man keine Witze, Michelle!“ Sie schnaubte und ließ einen derben, französischen Fluch los.
Glaubst du, ich mache in einer Kirche Scherze, wenn ich so etwas zu Darius sage?! Infrinn! Es fühlt sich an wie damals. Nein, schlimmer noch. Seit ich Adam getötet habe, ist so eine unglaubliche Wut in mir. Ich bin nicht grundlos aus dem Chateau fort. Ich hatte Angst euch etwas anzutun. Ich habe immerhin einen Gott getötet, den Gott des Todes, um genau zu sein. Und glaub mir, im Moment wünsche ich mir dadurch nichts sehnlicher als diesen Moore in Stücke zu reißen, für das was er meiner Kleinen angetan hat. Und das Gleiche möchte ich mit Kyle und jedem Unsterblichen machen, der mich auf dem Weg zu ihm daran hindert. Und mit jeder Minute, die verstreicht, wird dieser Wunsch stärker in mir. Es mag ja sein, dass Adam zum Schluss für die gute Seite gekämpft hat, aber ursprünglich war er nun mal ein böser, wirklich sehr böser Gott. Du kannst dir nicht vorstellen, wie viele Menschen Adam auf dem Gewissen hat, wie viel Schuld er auf sich geladen hat. Und wie viel Zorn er in sich trug. Und all dieser Zorn ist jetzt in mir.“ Glücklicherweise hatte sie nur eindringlich geflüstert, so dass abgesehen von Duncan und Rachel niemand auch nur ein Wort verstanden hatte. Auch wenn die Leute in Glenfinnan noch immer abergläubisch waren, würden sie Micky wahrscheinlich direkt nach Fort William in die Psychiatrie schicken.

Duncan wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Er konnte sich noch viel zu gut an seine Frau als seelenloses Monster erinnern. Um ein Haar hätte sie Richie und Methos getötet. Und er konnte sich auch nicht wirklich sicher sein, ob nicht irgendwo in ihr noch ein paar Echos von Christopher Sikes herumspukten. Sie waren schonmal hundertprozentig sicher gewesen ihn loszusein und hatten eine böse Überraschung erlebt.

Duncan, hörst du mir zu?“
Hm, aye, ich höre dir zu. Mir wurde nur eben klar, was das bedeuten könnte. Wenn nicht Adam, sondern Balor, der Totengott, Kontrolle über dich bekommt. Wir müssen uns etwas überlegen. Aber ich denke, du hast Recht, erst müssen wir uns um Arthur Moore kümmern. Also wie sieht dein Plan aus?“ Er ahnte es bereits.
Du gehst und stellst ihn. Ich warte in der Kirche. Du weißt, ich habe noch nie einen Kampf gescheut, den ich gewinnen kann. Aber ich fürchte, dieses Mal ist der Preis zu hoch.“ Er nickte, strich ihr zärtlich durchs Haar und küsste sie auf die Stirn.
Ich habe zwar nur einen Bruchteil von dem verstanden, worüber ihr gesprochen habe. Aber ich würde gerne helfen, irgendwie. Soll ich mit deiner Frau in der Kirche warten, während du, na ja, die Sache erledigst?“
Rachel hatte immer noch Probleme mit der Vorstellung von Unsterblichen und Schwertkämpfen. Und was sie da eben über Götter gehört hatte, machte ihr Angst. Sie war mit keltischen und gälischen Sagen aufgewachsen. Selbst die Legende von Duncan MacLeod, der von den Toten auferstehen und den 400 Jahre zuvor begangenen Mord an seinem Vater durch den Wikinger rächen würde, hatte sie irgendwie geglaubt, lange bevor Duncan sie und ihr Dorf von Kanwulf befreit hatte. Also benahm sie sich wie eine echte Schottin, eine echte MacLeod, wischte ihre Angst beiseite und würde ihrem Vorfahren helfen. Das schuldete sie ihm.

Aye, dann wäre ich beruhigt, dass meine holde Comtesse nicht doch noch auf die Idee kommt, sich wieder einzumischen. Ich habe keine Lust darauf, dass sie wieder ins Koma fällt und ohne Erinnerungen aufwacht, obwohl das ein paar witzige Momente gab, als sie begriff, was da früher mit Methos und Connor gelaufen ist... Au!“ Seine holde Comtesse hatte ihn gerade getreten. „Ist doch wahr, es war unglaublich komisch, aber noch weniger Lust habe ich darauf, dass du wieder deine Seele verlierst, mo cridhe.“
Spar dir deine Schmeicheleien, du schottischer Esel. Ich habe gesagt, ich kämpfe nicht gegen Moore und dabei bleibt es. Auch ich will weder komatös werden oder aber ohne Erinnerungen oder ohne Seele rumlaufen. Schon gar nicht, wenn wir noch ein paar Götter erledigen müssen.“

 

Schottland, Glenfinnan, Rachels Pub, am nächsten Morgen.
Duncan hatte wenig geschlafen in der vergangenen Nacht. Seine Frau hatte sich immer wieder von Alpträumen geplagt hin und her geworfen, hatte aufgeschrieen, war durch das Zimmer getigert, hatte geweint und war schlußendlich in seinen Armen eingeschlafen. Irgendwann war er aufgestanden, war eine Stunde gejoggt und hatte ein paar Schwertübungen durchgeführt. Als er die Zeit für angemessen hielt, war er rüber ins Pub gegangen. Obwohl es noch dunkel war, war Rachel schon wach und machte ihm ein Frühstück.

Sie schob ihm einen Teller mit Eiern, Würstchen und frischem Bannockbrot, einer schottischen Spezialität, rüber. Der Kaffee folgte einen Augenblick später. Während er sich mit einem typisch schottischen Appetit über das köstliche Frühstück hermachte, musterte ihn seine Cousine neugierig.

Jetzt erzähl mal, wie läuft das Ganze ab? Wie muss ich mir ein Duell zwischen zwei Unsterblichen vorstellen?“ Er grinste angesichts ihrer fast kindlich anmutenden Neugier.
Er wird auf mich warten am Ufer des Loch Shiel, mit seinem Schwert. Und dann werden wir kämpfen bis zum Tod. Und ich hoffe mal, dass ich am Ende derjenige bin, der mit seinem Kopf auf den Schultern wieder weggeht.“ In diesem Augenblick ging die Tür des Pub auf, die beiden trauten ihren Augen nicht.
Sarkasmus steht dir nicht, Mac.“ In der Tür stand Joe Dawson, sichtlich müde. Aber nichts auf der Welt hätte ihn davon abhalten können, heute hier bei seinen Freunden zu sein. Verblüfft sprang Duncan auf und umarmte Dawson. Zwar hatten sie sich erst vor einigen Wochen zuletzt gesehen, doch nachdem was gestern geschehen war, war er froh, dass Joe hier war.
Joe, was machst du denn hier?“
Hallo, Mr. Dawson“, begrüßte Rachel ihn.
Hallo, Ms. MacLeod. Ich habe von Genevièves Tod erfahren und wollte euch beistehen. Zum Glück war ich gestern noch auf einer Beobachter-Tagung in Paris. Als Maurice mich informiert hat, habe ich alles stehen und liegen lassen und bin ins nächste Flugzeug gestiegen. Meine Kollegen waren nicht sehr begeistert, aber das ist mir, ehrlich gesagt, verdammt egal. In solchen Momenten braucht man seine Freunde“, erklärte Joe, während er an die Bar humpelte. „Wo ist denn Mrs. MacLeod?“ fragte er nach einem suchenden Blick durch den Pub.
Schläft sich aus, hoffe ich. Begleitest du mich?“ Joe nickte und nahm dankbar den angebotenen Kaffee entgegen. Auch Schlafmangel würde ihn nicht davon abhaltem seinem Freund heute beizustehen. Er war selbst vor nicht allzulanger Zeit in die glückliche Lage gekommen Vater zu werden. Er versuchte sich vorzustellen, was seine Freunde nun durchmachten, auch wenn Geneviève nicht ihre leibliche Tochter gewesen war. Sachte klopfte er MacLeod auf die Schulter.
Worte können nicht ausdrücken, was ich fühle, Mac.“ Duncan nickte. Erst jetzt nach Genevièves Tod wusste er, wie viel die junge Frau für die Familie bedeutet hatte. Wie viel stärker musste der Verlust seine Frau schmerzen.

Duncans Gabel verharrte kurz vor seinem Mund, als er die Anwesenheit eines Unsterblichen spürte. Da es noch einige Zeit bis Sonnenaufgang dauerte, war ihm klar, wer als nächstes auf der Matte stand.

Micky trug eine braune Fliegerjacke mit weißem Fellkragen, schwarze Hosen und Reiterstiefel. Die langen, braunen Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und unter ihren traurig blickenden Augen lagen dunkle Schatten.

Wieso schläftst du denn nicht mehr, Liebes?“ Als hätte sie überhaupt viel geschlafen. Sie umarmte Joe und nahm ebenfalls eine Tasse Kaffee entgegen.
Weil bald die Sonne aufgeht. Joe, danke, dass du ihn begleitest. Ich stand schon eine Weile draußen, und sah, wie du gekommen bist. Aber ich brauchte noch einen Moment. Eines ist mir in der letzten Nacht klar geworden, als ich immer wieder Kyle, das Schicksal, Darius und jeden, der mir in den Sinn kam, verfluchte. Wir hatten eine verdammt lange Zeit sehr viel Glück, wenn man bedenkt, dass wir gegen Götter in den Krieg gezogen sind. Wir mussten bis jetzt kaum Verluste verkraften. Nur Natalie und Isabelle. Und Joe wäre fast durch Kyles Schläger gestorben.“ Sie drückte ihren Freund und Beobachter zärtlich am Arm. Schon lange war er ihnen nicht mehr böse deswegen, seit er die Hintergründe verstanden hatte.
Und nun meine kleine Geneviève. Jetzt wollte er mich treffen, vielleicht weil ich Adam aus dem Spiel genommen habe. Vielleicht auch, weil ich meine Seele wiederbekommen habe, was nicht zu seinen Plänen gepasst hat. Ich weiß es nicht, aber ich weiß, dass diese Ereignisse uns alle verändert haben. Wir sind enger zusammengewachsen. Heute dürfen Beobachter und Unsterbliche zusammenarbeiten, ohne um ihr Leben zu fürchten. Das verdanken wir auch Kyle und seinen Plänen. Aus einigen von uns, die wir meist einsam durch die Jahrhunderte zogen, wurde eine Familie. Das macht uns stark und auch wenn wir nach dem Endkampf nie wieder dieselben sein werden, denke ich, wir werden besser sein. Die Welt wird besser sein. Aber bevor ich jetzt allzu philosophisch werde, sollten wir aufbrechen. Die Sonne geht bald auf.“ Sie klopfte auf die Theke und ging zur Tür.

Duncan zögerte kurz, warf einen Blick auf das Schwert der MacLeods. „Nimm es, Duncan. Es gehört doch ohnehin dir. Nachdem du uns von Kanwulf befreit hast, hast du es dir redlich verdient. Wenn du schon für deine Frau kämpfst, dann sollte es auch dem Schwert deines Clans sein.“

Zuletzt hatte Duncan es in Händen gehalten, als er Kanwulf getötet hatte, den Mann, der seinen Vater ermordet und sein Dorf überfallen hatte.

Aye, ich kämpfe mit dem Clansschwert. Du hast Recht, Rachel, der Kampf heute ist eine Familienangelegenheit. Für Geneviève und für Micky.“ Ehrfürchtig nahm er das Langschwert von der Wand und lehnte es neben der Tür an. Ein kurzer Blick zu Joe genügte, um seinem Freund klar zu machen, dass er noch einen Moment alleine mit seiner Frau brauchte.
Ich warte am Wagen, MacLeod“, erklärte Joe und führte Rachel zur Tür hinaus. Er ahnte, dass die beiden MacLeods sich noch das eine oder andere unter vier Augen zu sagen hatten. Arthur Moores Chronik war beängstigend. Wenn seine Freunde auch nur ansatzweise wussten, was Joe auf dem Flug nach Schottland gelesen hatte, war ihm klar, dass die beiden mit dem Schlimmsten rechnen mussten. Dennoch blieb ihnen keine Wahl.

 

Da standen sie nun und wussten zunächst nicht, was sie sich zum Abschied sagen sollten, denn heute erwartete ihn ein Kampf, von dem Duncan sich nicht ganz sicher war, ob er ihn gewinnen konnte. Duncan wusste, der Mann der vermutlich Geneviève getötet hatte, wandelte mehr als doppelt solange über diese Erde wie er selbst.

Zärtlich streichelte er Mickys Wange. Dann zog er sie zu sich und sah ihr tief in ihre jahrhundertealten, dunklen Augen. Für einen kurzen Moment erinnerte er sich an all die schönen, aber auch traurigen und aufregenden Momente mit seiner Frau. Er sah, wie sie weinend an Darius' Grab gestanden hatte, traurig und gleichzeitig einfach nur atemberaubend schön in dem schlichten, schwarzen Kleid. War das wirklich schon zwölf lange Jahre her? Ebenso viele gute Jahre wie er damals mit Tessa gehabt hatte. An ihren ersten Streit in Joe's Hinterhof erinnerte er sich noch so klar und deutlich, als wäre es gestern gewesen. Oder daran, wie er sie das erste Mal geliebt hatte in seinem Dojo, als ihm ihr Duft und ihr Körper noch vorkamen wie eine Terra Incognita. An ihre Hochzeit nur wenige Tage später in Darius' Kloster und dann noch einmal hier in Glenfinnan. Wie er sie ohnmächtig vom Loch Shiel weggetragen hatte, die Zeit im Koma und ihr anschließender Gedächtnisverlust. Wie sie ihn mordlüstern beschimpft hatte, als sie von Sikes besessen gewesen war, beide Male. Und wie sie Richie und Methos hatte töten wollen in ihrer rasenden Manie. Doch trotz all dieser beängstigenden Erfahrungen und all der Streitereien, die meist in grandiosem Versöhnungssex geendet hatten und egal, wie oft Duncan ihr seine Liebe beteuert hatte, heute war es wichtiger denn je, es seiner Frau zu zeigen. Er durfte nicht hoffen zu gewinnen. Hoffnung machte einen nicht stark, aber die Liebe einer schönen Frau – die verlieh einem Kämpfer wie Duncan die nötige Stärke auch den mächtigsten Gegner zu besiegen.

Duncan atmete tief ein und küsste Micky lange und leidenschaftlich. Hingebungsvoll legte Micky eine Hand auf seine Wange, mit der anderen hielt sie ihn fest umklammert. Sie gaben sich ein stummes Versprechen, falls er gewinnen würde. Schließlich nach Minuten, die ihnen wie eine kleine Ewigkeit vorgekommen war, ließen sie einander wieder los und sahen sich noch einen Moment tief in die Augen. Duncan musste noch etwas loswerden, nur für alle Fälle.

Ich liebe dich...“ Sie schenkte Duncan ein warmherziges und vertrautes Lächeln, wie nur seine Frau es konnte. „Ich weiß, dass du es weißt. Aber du sollst es auch hören, besonders heute. Du bist mein Leben. Ich würde für dich töten und ich bin auch bereit hier und heute für dich zu sterben...“

Micky wusste nicht, zum wie vielten Male sie dachte, dass keiner ihrer Männer so verdammt gut küssen konnte, wie der Barbar aus den Highlands, den Nostradamus ihr vor Jahrhunderten versprochen hatte. Und im nächsten Moment wollte sie ihm widersprechen, dass sie das unter keinen Umständen zulassen würde, doch Duncan war noch nicht fertig. „Und egal, wie oft wir uns streiten, ob wir etwas auf deine oder meine Weise machen und egal, wie wütend ich deshalb auf dich bin. Ich kann einfach nicht mehr leben ohne dich, Michelle Dubois MacLeod, du wunderschöne, französische, adlige Irre.“ Sie konnte nicht verhindern, dass ihr trotz der drohenden Gefahr, die von Arthur Moore ausging, ein Lachen entwich.

Duncan fuhr indes fort, das loszuwerden, was ihm noch auf dem Herzen lag: „Du weißt noch, warum ich dich hier in Glenfinnan zum zweiten Mal heiraten wollte? Eine Zigeunerin hat mir vor langer Zeit geweissagt, dass ich viele Frauen lieben, aber keine heiraten würde. Die Ehe mit Kate konnte man ja nicht wirklich als Ehe bezeichnen, eher ein blutiges Intermezzo. Und Tessa hatte ich einen Antrag gemacht und kurz darauf wurde sie von einem Drogenjunkie ermordet an dem Tag, als auch Richie unsterblich wurde. Danach hätte ich nie damit gerechnet, dass ich noch einmal jemanden so lieben könnte. Doch dann traf ich dich, mein Herz, ich will dich nie mehr loslassen. Aber falls ich nicht wiederkomme...“ Micky legte ihm liebevoll einen Finger auf die Lippen.

Halt den Mund, Highlander. Wag es ja nicht, so etwas zu sagen. Du gewinnst für die Kleine und du gewinnst für mich. Ansonsten ist es mir egal, ob ich meine Seele verliere. Dann knöpfe ich mir Arthur Moore vor und fahre von hier aus auf direktem Wege nach Wittmore Castle. Und dann kann die ganze Welt zum Teufel gehen. Also komm einfach zurück mit dem Kopf auf den Schultern.“ Er nickte und ergriff ihre Hand, auf die er kaum spürbar einen Kuss hauchte.
Das, mo cridhe, werde ich mit allen Mitteln versuchen, die mir zur Verfügung stehen. Das schwöre ich bei meinem Clan.“ Micky blieb stehen, er sah sie erwartungsvoll an.
Ich weiß, was du jetzt hören willst. Ich liebe dich auch, Duncan“, sie trat dicht an ihren großen, starken Schotten heran, stellte sich auf die Zehenspitzen und hauchte ihm sachte einen Kuss auf die Lippen. Er erhaschte gerade noch den vertrauten Duft ihres Haarparfums, bevor sie wieder fest auf dem Boden stand. „Ganz egal, was passieren wird, denk immer daran. Daran wird sich nichts ändern. Egal wie oft ich deinen Namen verfluche, du sturer Schotte, du, weil du mich mit deinem Beschützerinstinkt in den Wahnsinn treibst und ich meine, mal wieder meinen Kopf durchsetzen zu müssen. Ich werde dich immer lieben.“ Er nickte, griff nach dem Clansschwert und trat durch die Tür des Pubs, wo Joe und Rachel bereits auf sie warteten.

 

Schottland, Glennfinnan, Loch Shiel, bei Sonnenaufgang.
Joe parkte den Wagen in dem Augenblick, als die Sonne hinter den Bergen aufging. Er wollte gerade etwas sagen, aber Duncan kam ihm zuvor.


Sag nichts, Joe. Ich weiß schon. Du bist mein Freund, und ich bin sehr froh, dass du das bist. Ich bin dankbar, dass du mich begleitest und meine Geschichte dokumentierst. Du hast das Herz am rechten Fleck. Deswegen weiß ich, dass ich dich noch um etwas bitten kann. Für den Fall, dass ich es nicht schaffe, schlag meine Frau bewusstlos und verfrachte sie ins nächste Flugzeug zu Methos. Es geht ihr nicht gut. Nicht nur wegen Geneviève. Die Energie von Adam Lee beeinflusst sie. Ich weiß nicht, wie sehr und ob es gefährlich werden könnte für einen von uns. Noch hat sie es unter Kontrolle. Aber wir müssen sie im Auge behalten und möglichst fern von Kyle Wittmore. Sie hat da vorhin so ein paar Andeutungen gemacht, dass sie geradewegs nach Wittmore Castle fahren würde, falls ich den Kampf heute verliere. Sollte dieser Moore mich heute töten, dann musst du dich um meine Frau kümmern. Auf die eine oder andere Weise.“ Bei dem Gedanken, welches Schicksal seine geliebte Micky erwarten würde, sollte Duncan den Kampf verlieren, brach ihm die Stimme. Er räusperte sich kurz verlegen. In Dawsons Gegenwart wurde er selten gefühlsduselig, außer er war sich über den Ausgang eines Duells nicht ganz sicher.

Joe wollte etwas erwidern, doch Duncan ließ ihm keine Gelegenheit zu widersprechen.

Nein, Joe, versprich es einfach und dann geht’s los.“
Okay, ich verspreche es, aber ich hoffe, es wird nicht dazu kommen. Ich möchte heute nicht deinen Abschlussbericht schreiben.“
Aye, das verstehe ich, Dawson. Ich möchte das auch nicht.“ Mit diesen Worten griff Duncan hinter sich nach dem Clansschwert, das auf der Rückbank lag und stieg aus.


 

Am flachen, steinigen Strand wartete Arthur Moore bereits auf ihn. Er war etwa einen Kopf größer als Duncan, sehr muskulös und wirkte ausgesprochen nordeuropäisch. Duncan konnte sich sehr gut vorstellen, wie er im Mittelalter in voller Rüstung den armen Bauern das Leben zur Hölle gemacht hatte. In Kyle Wittmores finsteren Zukunftsplänen würde er sicher einen hervorragenden Warlord abgeben, wenn Duncan das nicht verhindern konnte. Seinen Mantel hatte Moore an einen Baum gehängt, in den Händen hielt er ein mittelalterliches Ritterschwert von beachtlicher Größe.

Wer in Dreiteufelsnamen seid Ihr denn? Ich warte auf Micky MacLeod. Und stattdessen schickt sie einen Laufburschen?“ Duncan schnaubte verächtlich über diese herablassenden Worte, streifte seinen Mantel ab und warf ihn auf einen großen Felsen am Ufer. Er hob das Clansschwert hoch und begann seinen Gegner zu umkreisen, während er sich höflich vorstellte.
Ich bin kein Laufbursche, ich bin Duncan MacLeod vom Clan der MacLeod. Die Comtesse ist meine Frau. Das hier ist eine Familienangelegenheit. Und Sie, Sir, stehen auf dem Land der MacLeods, dem Land meiner Vorfahren. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, kämpfe ich anstelle meiner Frau. Oder wollen Sie das hier lieber ausdiskutieren?“ Duncan machte mit geöffneten Armen eine einladende Geste. Der Hüne zuckte die Achseln.
Dann töte ich Eurer Weib eben hinterher. Auf Euch beide ist ein beachtliches Kopfgeld ausgesetzt.“ Mit diesen Worten sprang er nach vorne und eröffnete den Kampf.

 

Eine Weile ging es hin und her zwischen den beiden Kontrahenten. Duncan hielt sich tapfer, einige Verletzungen musste er allerdings einstecken. Als er stolperte und hinfiel, blieb Joes Herz einen kurzen Moment stehen.

Arthur Moore sprang nach vorne und holte aus. Duncan rollte sich im letzten Augenblick zur Seite und ergriff wieder das Schwert der MacLeods. Moores Schwert sauste auf einen Stein und schlug Funken. Duncan sprang wieder auf die Seite und durchbohrte Moores Brust. Normalerweise war der Kampf dann schnell beendet. Doch sein Gegner zuckte nur kurz und holte wieder aus. Duncan fragte sich, ob der Kerl gedopt war. Wie konnte man mit solch einer Verletzung noch einen Zweihänder von mehreren Kilo halten, geschweige denn nahezu unvermindert auf seinen Gegner eindreschen? Von derartigen Überlegungen abgelenkt, traf Moore Duncan am Schwertarm. So langsam musste das hier ein Ende finden, bevor er keine Kraft mehr hatte.

Joe war aus dem Wagen ausgestiegen und verfolgte besorgt den Kampf, der schon viel länger als normal dauerte. Nun war Duncan es, der einen Schnitt quer über die Brust erhielt. Er taumelte leicht rückwärts, seine Beine knickten ein. Joe schnappte nach Luft. Arthur Moore holte zum entscheidenden Schlag aus. Duncan hatte sich schon fast mit seiner Niederlage abgefunden, da entdeckte er hinter seinem Gegenüber einen blauen Schimmer, der sich allmählich manifestierte.

 

Schau mal hinter dich, Moore.“ Der Ritter schnaubte gelangweilt und wollte weiter ausholen. „Im Ernst, dreh dich um.“ Moore tat wie geheißen, sein Gegner war ohnehin schon so gut wie tot. Vor ihm stand von einer blauen Aura umgeben Geneviève Dubois. Arthur Moore war so verdutzt, dass er ein paar Schritte rückwärts stolperte. Anscheinend gehörte er nicht zu den Auserwählten unter den Unsterblichen, die mit Geistberatern kommunizierten. Duncan nutzte die Chance, hob sein Schwert und durchbohrte den Gegner.
"
Was in Dreiteufelsnamen“, stammelte der Ritter und beobachete, wie Blut aus der Wunde strömte, dann sank er auf die Knie. Duncan zog das Schwert heraus, hob es über den Kopf und beendete den Kampf. In dem Moment als der kopflose Leichnam auf den steinigen Boden fiel, begann die Energieübertragung. Duncan ließ das Schwert der MacLeods fallen und versuchte auf die Beine zu kommen. Blitz um Blitz nahm er die Energie in sich auf.

 

Duncan öffnete erschöpft die Augen. Vor ihm stand Geneviève und lächelte. Dann drehte sie sich um und verschwand.

Endlich war es vorüber, Joe humpelte so schnell auf seinen Stock gestützt zu seinem Freund, wie es ihm auf dem steinigen Untergrund möglich war.

Duncan atmete laut hörbar aus. Es war vorbei, er hatte Geneviève gerächt und seine Frau war in Sicherheit. Zumindest im Moment.

Komm, ich helfe dir auf die Beine. Du siehst grauenvoll aus, MacLeod. Aber du lebst.“ Joe lachte erleichtert und zog Duncan hoch. „Zum ersten Mal seit ich dein Beobachter bin, hatte ich ehrlich richtig Angst um dich, Mac. Mach so was nie wieder... Wie hast du ihn besiegt, es sah so aus, als wäre es vorbei für dich?!“
Hast du sie nicht gesehen?“ fragte Duncan verwundert.
Gesehen, wen?“ Duncan winkte ab.
Unwichtig, Dawson, lass uns fahren. Und eins noch, ich werde nie wieder am Loch Shiel zu einem Kampf antreten. Das zweite Mal in zwei Jahren, dass es mich fast den Kopf gekostet hätte.“

 

Schottland, Glennfinnan, Rachels Pub, nach dem Kampf.
Als Duncan von Joe gestützt das Pub betrat und das Schwert gerade noch so an Rachel übergeben konnte, sprang Micky von ihrem Barhocker hoch und schrie auf. Vor Freude, ihren Mann lebend wiederzusehen und erschrocken über sein Aussehen. Sie und Rachel hatten die Kirche verlassen, als sie die Blitze gesehen hatten. Glücklicherweise hatte der Pub noch geschlossen und es waren keine Gäste anwesend. Das Bild, das Duncan bot, hätte nur unnötige Fragen aufgeworfen. Die sichtbaren Verletzungen ließen ihn aussehen, als wäre er unter einen Zug geraten, was ihm seine Frau auch sofort bestätigte.

Es gelang ihm angesichts ihres Kommentars schief zu grinsen, obwohl ihm jeder Knochen und jeder Muskel im Körper weh tat. Die Belebung hatte schon eingesetzt, aber es dauerte noch ein wenig, bis er wieder vollständig hergestellt war. Dieser Arthur Moore hatte ihm ganz schön den Hintern aufgerissen.

 

Bevor Joe sich zu ihm und Micky setzen konnte, bat Duncan um einen kurzen Moment mit seiner Frau alleine. Sein Freund humpelte weiter zur Bar und half Rachel ein paar Getränke vorzubereiten.

Ich hoffe, du hast noch keine Brautschau gestartet, Comtesse. Hast mich wieder. Auch wenn es verdammt knapp war.“ Micky konnte sich nur schwer zurückhalten, ihm für die frechen Worte keinen Schlag zu verpassen. Stattdessen schenkte sie ihm einen strafenden Blick und ein „Haha“.
Aber mal im Ernst, Michelle. Ich hätte eigentlich verlieren müssen. Aber ich wurde gerettet. Sie war dort. Sie hat mir das Leben gerettet.“ Micky schüttelte den Kopf, sie verstand kein Wort.
Hast du einen Schlag auf den Kopf abbekommen? Was redest du da? Wer war dort, Duncan? Was meinst du?“
Deine Tochter, ihr Geist oder wie auch immer man das nennen will. Sie hat Moore im entscheidenen Augenblick abgelenkt, sonst wäre es mit mir vorbei gewesen. Ich weiß nicht, ob sie dafür bestraft wird, aber ich weiß, ohne sie wäre ich jetzt nicht hier.“ Micky klappte die Kinnlade herunter. Sie konnte nicht glauben, was sie da gerade gehört hatte. Sie ergriff Duncans Hand und drückte sie liebevoll, aber fest. Er öffnete sie, so dass beide ihre Finger ineinander verschlingen konnten. Er erwiderte den Druck so fest er konnte und versuchte ihr Kraft zu geben in ihrer Trauer um Geneviéve.

Hat sie noch etwas gesagt?“ Duncan schüttelte den Kopf und trank einen großen Schluck Whisky, den Rachel schnell hingestellt hatte.
Nein, es ging alles so schnell. Sie war im nächsten Moment weg, Joe hat sie nicht mal mehr bemerkt. Wir sollten es für uns behalten.“
Du hast Recht. Und danke, dass du den Kopf für mich riskiert hast.“ Vorsichtig küsste sie ihn, er zuckte zusammen. Wirklich alles tat weh. „Entschuldige. Wenn du dich vollständig regeneriert hast, kannst du dich oben umziehen. Dann holen wir Geneviève und verschwinden hier. Rachels Cousin hat schon alle Papiere vorbereitet für die Überführung.“
Nach Hause, nach Frankreich?“ Aber er ahnte bereits, dass die Vicomtesse nicht auf den Länderereien von Chateau Dubois ihre letzte Ruhe finden sollte.
Nein, nach Irland. Sie soll neben Adam ruhen. Dann können sie nach all den Jahren zusammen sein. Endlich.“

 

5. Das erste Schwert

 

Italien, Rom, eine Lagerhalle der Woodhouse Enterprises, bei Nacht.
Da saßen sie nun in einem Kühlhaus, das Kyle Wittmore gehörte und warteten. Auf Kyle oder auf den Erfrierungstod, je nachdem, wer zuerst eintraf. Ringsherum hingen Rinderhälften und warteten auf die weitere Verarbeitung. Micky fragte sich, was ein Immobilienmagnat wie Kyle mit der fleischverarbeitenden Industrie zu tun hatte. Sie schlang ihren Mantel fester um sich und kauerte sich näher an Duncan. Er begann sofort ihre Arme warm zu rubbeln, weil sie schon mit den Zähnen klapperte. Bereits seit geraumer Zeit saßen sie hier drinnen fest und hatten keine Ahnung, wie lange man sie hier schmoren lassen würde. Duncan konnte sich nicht vorstellen, dass Kyle Wittmore sie bis in alle Ewigkeit hier festhalten würde. Es war nur sicherlich ein kurzes Intermezzo, damit er in der Zwischenzeit Methos' Schwert der Macht
in seinen Besitz bringen konnte.

 

In Irland hatte ihn der Anruf eines befreundeten Kunsthändlers aus Rom erreicht. Er war zufällig darauf aufmerksam geworden, dass in den Ruinen von Neros altem Palast ein Zweihänder gefunden worden war, der viel zu alt war, um aus römischen Zeiten zu stammen. Das Schwert wirkte eher sumerisch und war mindestens 5.000 Jahre alt. Duncan war sich ziemlich sicher, dass es sich um Methos' verloren gegangenes Schwert halten musste. Anscheinend hatte es nach dem Brand von Rom seinen Weg in den Besitz von Kaiser Nero oder einem seiner Praetorianer gefunden.

Natürlich hatten die MacLeods sich sofort auf den Weg gemacht es zu holen.

 

Und natürlich waren sie mit offenen Augen in eine Falle gelaufen. Das Büro des Grabungsleiter, wo das Schwert einige Tage verwahrt wurde, wurde von Kyle Wittmores Leuten bewacht. Leider war sich Duncans Freund nicht darüber im Klaren, dass der Finanzier der Ausgrabung niemand Geringeres als Kyle Wittmore war und dass er es auf die MacLeods abgesehen hatte.

Erst als die beiden nachts in das Gebäude einbrachen, das Schwert schon auf dem Tisch liegen sahen und das Licht anging, war den MacLeods schlagartig klar geworden, dass sie in eine Falle gelaufen waren.

 

T-t-t-tu-t m-m-m-i-r l-l-le-i-d“, stotterte Micky kleinlaut und frierend. Trotz der aussichtslosen Lage musste Duncan grinsen.
Ach was soll's, mo cridhe? Wir waren schon in schlimmeren Situationen. Und weißt du, erfrieren ist nicht so schlimm. Man schläft einfach ein. Ich bin sicher, in ein paar Stunden wird Methos uns finden.“ Sie hob überrascht den Kopf und versuchte das Zähneklappern zu unterdrücken.
Wieso Methos? Denkst du, Joe weiß schon, dass wir nach der Beerdigung direkt nach Rom weitergeflogen sind?“ Joe war nicht mit nach Irland geflogen. Micky wollte ihre Tochter alleine beerdigen und ihren Freund aus der Schusslinie wissen. Das Grundstück lag ihr zu nah bei Kyles Schloss und damit in der akuten Gefahrenzone. Micky war sich ziemlich sicher, dass Kyle Joe ohne jeden Skrupel erschießen lassen würde, um die Gruppe zu schwächen. Schon einmal hatte er Joe beinahe zutode prügeln lassen, nur um ihn und die Unsterblichen zu entzweien, bevor die Beobachter offiziell mit ihren Schützlingen zusammenarbeiten durften. Und nicht nur die Freundschaft zwischen Joe und den MacLeods hatte lange Zeit unter dem Anschlag gelitten. Auch seine Frau sah das Band, das ihren Mann mit den Unsterblichen verband seitdem mit anderen Augen. Daher war es besser, Joe Dawson jetzt in der Endphase des Kampfes möglichst aus der Schusslinie herauszuhalten.
Nein, ich habe Methos angerufen, bevor wir ins Flugzeug gestiegen sind. Während du im Duty Free Shop warst. Ich wollte eine Absicherung, falls wir einfach so von der Bildfläche verschwinden. Und außerdem geht es um sein Schwert der Macht. Er sollte wissen, dass wir ihm auf der Spur sind.“ Micky war froh, dass Duncan ihn informiert hatte und hoffte, dass Methos sich so schnell wie möglich auf den Weg nach Rom gemacht hatte. Allmählich wurde es unerträglich kalt. Micky spürte ihre Beine nicht mehr. Es würde nicht mehr lange dauern. Sie wusste, wie es sich anfühlte. Sie war schon einmal erfroren...

 

Frankreich, 1. Weltkrieg, Winter 1917, auf dem Weg zur Westfront in der Nähe von Revigny.
Michelle irrte seit Stunden durch den Schnee und das endlose Weiß. Schritt für Schritt zog sie ihr Pferd mit dem Wagen hinter sich her. Sie war auf dem Weg in Richtung Westfront. Chateau Dubois lag glücklicherweise weit ab vom Schuss, zumindest wenn man dort in Sicherheit verweilen konnte. Es war eine Schnappsidee gewesen sofort aufzubrechen, als sie die Nachricht von Darius erreicht hatte. Aber auch er hatte die Sicherheit des Klosters verlassen und betreute die Verwundeten und Sterbenden, so wie er es seit langer Zeit in jedem großen Krieg tat. Seine Nachricht ließ Michelle nicht eine Sekunde zögern. Sie machte sich auf den Weg zu ihm nach Revigny, das deutlich näher an der Front lag als das sichere Chateau Dubois. Die Lazarette in den beiden kleinen Kirchen und dem Rathaus waren schon maßlos überfüllt, es gab nicht genügend Medikamente und Personal in dem kleinen Dorf. Der Nachschub aus Paris war durch den starken Schneefall der letzten Tage unterbrochen worden. Michelle hatte daher ihr Schloss zu Verfügung gestellt. Aber sie hatte nicht wirklich nachgedacht. Zwar hatte sie ihren Leuten befohlen, direkt im Morgengrauen mit einem großen Konvoi nach Revigny aufzubrechen, doch sie wollte nicht warten. Darius hatte um ihre Hilfe gebeten, also brach sie auf, mitten in der Nacht.

 

Es waren nur wenige Sterne am Himmel, dafür umso mehr Wolken, die weiteren Schnee ankündigten und sie wusste, dass es keinen Sinn mehr machte, weiterzulaufen. Weit und breit waren keine Häuser zu sehen, nicht mal eine Scheune, wo sie und das Pferd hätten ausharren können bis zum Morgengrauen. Sie hatte schon lange den Weg aus den Augen verloren, befand sich irgendwo in der Kornkammer Frankreichs. Zurück konnte sie auch nicht, sie wusste nicht, in welcher Richtung ihr sicheres Zuhause lag. Der eisige Wind hatte ihre Spuren bereits verweht.

Aber eines wusste Michelle, nämlich welches Schicksal ihr blühte. Tod durch Erfrieren und dann hoffentlich die Belebung bevor ihre Leute sie fanden. Die Menschen waren abergläubig, auch wenn man das Jahr 1917 schrieb. Die meisten Dorfbewohner glaubten ohnehin, dass es im Schloss spukte. Da war es nicht gerade förderlich, wenn sie ihre Herrin vorfanden, die kurz nach ihrem Eintreffen von den Toten wieder auferstand. Michelle konnte nur hoffen, dass sie starb und die Belebung erfuhr, bevor der Konvoi eintraf. Dann musste sie ihren Leuten nur glaubhaft vermitteln, dass sie sich irgendwie hatte warmhalten können.

Um das Pferd tat es ihr leid, es hatte sich erschöpft hingelegt, als Michelle stehen geblieben war. Sie wusste, was zu tun war, um den Tier weiteres Leid zu ersparen.

Merde!“ Mit einem Fluch auf den Lippen, der sich für eine Comtesse gewiss nicht gehörte, ging sie zum Wagen und holte ihre Pistole. Dann deckte sie dem Tier die Augen ab und erlöste es.

Sie selbst konnte sich nicht erschießen, das würde nur unangenehme Fragen aufwerfen. Es würde schon schwer genug zu erklären sein, wieso sie überlebt hatte und das Pferd nicht.

Michelle bestieg den Wagen, legte sich bequem hin und starrte in den wolkenverhangenen Himmel. Es fing an zu schneien und eine gnädige Müdigkeit empfing sie. Es würde nicht mehr lange dauern. Es war friedlich und so still...

 

Italien, Rom, eine Lagerhalle der Woodhouse Enterprises, die Gegewart.
Nach Atem ringend bäumte Micky sich auf, die Belebung hatte eingesetzt. Neben ihr kam auch Duncan wieder zurück ins Leben. Draußen hämmerte jemand lautstark gegen die Stahltür.

Duncan, Michelle! Seid ihr da drin? Ich bin's Methos!“
Nicht zu überhören“, bemerkte Micky grinsend, lächelnd strich sie ihrem Mann über die Bartstoppeln. „Gut gemacht, Highlander.“ Dann sprang sie auf die Füße und hüpfte, um ihren Kreislauf in Schwung zu bringen zur Tür.
Ja, Methos. Wir sind hier drin. Brech irgendwie das verdammte Schloss auf oder schieß drauf. Nur hol uns hier raus. Einmal erfrieren reicht mir!“
Okay, dann geht lieber zurück. Ich habe eine Pistole dabei.“ Die MacLeods zogen sich nach weiter hinten zurück und warteten auf den ersehnten Knall.


 

Wenige Minuten später öffnete Methos ächzend die schwere Stahltür und hielt ihnen grinsend zwei Kaffeebecher und Decken entgegen.

Hat hier jemand heiße Getränke bestellt?“ Micky sprang freudig auf ihn zu, küsste ihn auf die Wange und nahm dankbar den dampfenden Becher entgegen. Duncan legte die Decke um ihre Schultern und wickelte sich dann rasch in die zweite. Nachdem der heiße Kaffee sich von ihrer Körpermitte ausgehend wärmend durch den Körper arbeitete, fing auch Mickys Verstand wieder an zu arbeiten.
Auf dem Weg zu Methos' Wagen fragte sie: „Wie hast du uns eigentlich so schnell gefunden?“

Dank GPS, Duncan hat ja leider nicht mehr das Handy, das Joe mit einem Peilsender versehen hatte. Aber es gibt ja heutzutage so viele Möglichkeiten, wenn man gute Hacker unter den Beobachtern kennt, um ein bestimmtes Handy in einer Millionenstadt zu orten.“, erklärte er grinsend. „So, und wo ist denn nun mein Schwert?“
Micky seufzte und ließ sich auf den Beifahrersitz neben Methos fallen.

Sagen wir mal so, es war hier ganz in der Nähe. Aber ich glaube nicht, dass es dort noch ist.“
Fahren wir hin und sehen nach“, meinte Methos zuversichtlich, was Duncan mit einem wütenden Schnauben vom Rücksitz kommentierte. „Hast du eine bessere Idee, Duncan?“
Nein, nein, lasst uns ruhig nochmal zu dritt in die Falle laufen, mal sehen, wer uns dann befreit.“
Denkst du, die halten uns für so dumm, zwei mal an der gleichen Stelle einzubrechen? Die wissen doch gar nicht, was es mit dem Schwert auf sich hat. Und Kyle denkt, wir sitzen noch im Kühlhaus fest und warten auf ihn. Wenn wir jetzt zuschlagen, haben wir schon drei der Schwerter. Vor allem ist es ein Original, und nicht aus dem Barren geschmiedet. 5.000 Jahre alt. Wir brauchen es. Methos braucht es, damit er Kyle töten kann.“

Duncan wollte wissen, wie sie die Wachen ablenken sollten. Selbst wenn Kyles Leute nicht damit rechneten, dass die MacLeods frei gekommen und so blöd waren, zweimal in der Nacht am gleichen Ort einzubrechen, brauchten sie ein Ablenkungsmanöver.

Dann schau mal in die Tasche neben dir, MacLeod. Ich habe etwas Hübsches mitgebracht. Hat uns schon mal geholfen, als wir dich und die holde Comtesse aus Christopher Sikes' Büro rausgeholt haben.“ Micky zuckte kurz zusammen bei der Erwähnung dieses Namens. Zwar war er endgültig weg, doch sie hörte in letzter Zeit wiederholt Echos von ihm, spürte die Dunkelheit seit sie Adam Lees Lebensenergie in sich aufgenommen hatte. Und auch die Gedanken anderer böser Unsterblicher drängten sich hin und wieder in ihr Bewusstsein. Sobald sie das Schwert hatten, musste Micky sich überlegen, wie sie wieder Herrin über ihre Sinne wurde. Aber eines war sicher. Sie würde sich nicht in einen Sarg legen. Es musste eine andere Möglichkeit geben, den Schatten der Dunkelheit zu vertreiben, der sich über ihre Seele gelegt hatte.
Hübsch, was du da im Handgepäck hast“, meinte Duncan, nachdem er den Plastiksprengstoff und zwei weitere Pistolen entdeckt hatte. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass du das ohne Weiteres ins Land gebracht hast?“
Was soll ich sagen, ich habe ein paar alte Kontakte in Italien aktiviert und ein paar Gefallen eingefordert.“ Methos grinste.

 

Wenig später erreichten Sie das Büro des Grabungsleiters. Duncan platzierte in ausreichender Entfernung den Plastiksprengstoff und wartete am Auto.

Methos schlich sich mit Micky so wie möglich an den grauen Containerbau heran. Die antiken Ruine wurden von großen Leuchtstrahlern erhält. Draußen hielten fünf Männer Wache, im Container selbst brannte kein Licht.

 

Als die ersten Explosionen ertönten und die Wachen in die Richtung liefen, aus der der Krach kam, rannten Methos und Micky bewaffnet und geduckt auf den Container zu. Methos ging vor, Micky deckte ihn. Sie waren ein eingespieltes Team, schon oft in den vergangenen 300 Jahren hatten sie zusammengearbeitet und in den letzten Jahren häufiger denn je.

Schnell huschten sie rein und Fortuna schien auf ihrer Seite zu sein, denn das Schwert lag noch genauso da wie Micky es zuletzt gesehen hatte.

Ich fasse es nicht.“
Was ist denn, Methos? Jetzt sag bloß nicht, ich bin heute Nacht umsonst erfroren?“ Micky hörte ein hämisches Lachen in ihren Gedanken. Schnell kniff sie sich in die Hand, noch half der kleine Trick.
Nein, es ist alles in Ordnung. Das ist mein Schwert. Mein allererstes Schwert. Ich kann nur nicht glauben, dass ich es nach annähernd 2.000 Jahren unversehrt wieder bekomme.“ Erführchtig griff Methos danach und streichelte über die breite Klinge.

Im nächsten Moment wurde die Tür aufgerissen und Duncan steckte den Kopf herein.

Entschuldige, wenn ich die holde Zweisamkeit mit deinem Zahnstocher störe, Methos. Aber wir bekommen Gesellschaft. Ich habe einen Helikopter gesehen, der auf dem Weg hier her ist. Ich glaube, euer guter Freund Kyle ist gleich hier.“ Methos schnappte sich sein Schwert, Duncan zog seine Frau zur Tür raus.

Während Methos an Micky vorbei rannte, blickte er ihr kurz in die Augen und sah ein Aufflackern, das ihm gar nicht gefiel. Er musste mit ihr reden, allein. Und zwar so bald wie möglich. Seit dem Duell mit Adam Lee hatte er immer wieder nach Anzeichen Ausschau gehalten, ob sie sich in irgendeiner Weise verändert hatte. Bislang war ihm nichts aufgefallen. Er glaubte auch nicht, dass Michelle ihre Seele verloren hatte, so wie damals nach dem sie Negativübertragung von Sikes empfangen hatte. Aber durch die Energie von Adam Lee war etwas mit seiner alten Freundin passiert, sie war nicht mehr hundertprozentig sie selbst. In ihren Augen hatte er etwas gesehen, das Methos selbst Tag für Tag im Spiegel sah. Und zwar in seinen eigenen Augen.

 

Bevor sie ins Auto einstiegen, packte Methos Micky am Arm und raunte ihr ein paar Worte zu, die Micky Angst machten und ihr Blut wieder zu Eis werden ließen so wie vor wenigen Stunden ihr unfreiwilliger Aufenthalt im Kühlhaus.

Mit dir stimmt etwas nicht, Michelle. Du hast dich verändert durch den Kampf mit Balor. Ich kann es in deinen Augen sehen. Ich muss mit dir reden, alleine.“ Seine Worte duldeten keinen Widerspruch und Micky ahnte bereits, dass Methos um ihr dunkles Geheimnis wusste. Doch sie ahnte nicht, wie dunkel dieses Geheimnis in Wirklichkeit war.

 

6. Götterdämmerung

 

Frankreich, Paris, eine kleine Kirche in der Nähe von Duncans Hausboot, am nächsten Tag.
Du willst mich wohl auf den Arm nehmen?“ zischte Micky und rutschte nervös auf der harten Kirchenbank hin und her. Wieso führte sie solche Unterhaltungen immer in einer Kirche auf einer unbequemen Holzbank? Warum nicht in einem netten Bistro bei Croissants und Café au Lait?

Sie hatte das unangenehme Gespräch mit Methos so lange vor sich hergeschoben, wie es ging. Doch nachdem sie sicher in Paris angekommen waren, hatte er sie an der Hand gepackt und mit zu der Kirche genommen. Duncan hatte er erklärt, dass es etwas mit Denjenigen zu tun hatte, was sogar der Wahrheit entsprach und ihn einfach stehen lassen.

 

Soll ich es dir beweisen?“ Methos hatte ihr bislang nur gesagt, dass sie sich verändert hatte durch die Lebensenergie von Adam Lee, aber nicht in welcher Art und Weise. Sie nickte zögerlich.

Methos holte ein Messer aus seiner Manteltasche hervor und ergriff schnell Mickys Hand bevor diese sie zurückziehen konnte. Dann schnitt er sie. Oder besser gesagt, er schnitt sie eben nicht. Das Messer verletzte sie nicht, es schien sie zu streicheln.

Micky keuchte erschrocken auf.

Was bei allen Göttern?!“ entfuhr es ihr mit einem Seitenblick auf die bunten Kirchenfenster mit Heiligen darauf. Das Sonnenlicht brach sich darin und warf bunte Farbreflexe auf den grauen Steinboden.
Ja, genau. Bei den Göttern. Zu denen gehörst du jetzt. Anfangs war ich mir nicht sicher. Ich hatte die Hoffnung, dass es nur eine normale Energieübertragung war. Wie bei jedem anderen Kampf, aber Adam wusste um seine Existenz. Du hast den Gott des Todes getötet, Michelle. Mit einem Schwert der Macht. Und du hast nicht nur seine Energie in dir aufgenommen. Es hat dich verändert und zwar für immer. Du bist jetzt die Göttin des Todes.“ Zum Beweis griff Methos neben sich und holte Mickys Schwert hervor. Mit diesem konnte er sie mühelos ritzen, wie sie in der nächsten Sekunde schmerzhaft feststellte. Zumindest gab es eine Versicherung, falls sie endgültig die Kontrolle verlieren sollte. Dann konnte Methos sie immer noch töten.
Duncan trifft der Schlag, wenn er das erfährt. Methos, wir dürfen es ihm nicht sagen. Ich meine, wer ist schon gerne mit einer Göttin verheiratet, noch dazu mit der Göttin des Todes?“ Er dachte kurz an seine eigene Göttin, mit der er seit mehr als 4.000 Jahren verheiratet war. Aber sie war die Göttin der Liebe. Isis konnte er sich nicht wirklich als Göttin des Todes vorstellen. Dieser Part war sicherlich nie für eine Frau vorgesehen gewesen. Aber nach Adam Lees Ausscheiden hatten sie nun wieder eine vage Chance das Gleichgewicht herzustellen. Allerdings war Methos sich verdammt sicher, dass es damit alleine nicht getan war. Nachdem Micky sich verwandelt hatte, hielt Methos es für wenig sinnvoll nach weiteren Barren zu suchen. Connor konnte nicht antreten. Der Kampf konnte nur unter den Göttern selbst ausgetragen werden. Kyle, Methos, Isis, Brigid, Raiden, Rhea und nun nach Balors Ausscheiden - Micky. Es musste einen finalen Endkampf geben. Sollte ein weiterer normaler Unsterblicher einen Gott töten, würde dieser genau wie Micky dessen Platz und Kräfte übernehmen. Es musste enden. Hier und jetzt. Gut gegen Böse. Götter gegen Götter. Er gegen Kyle. Der Gott der Weisheit gegen den Kriegsgott. Und dann konnte man weitersehen. Methos hegte die Hoffnung, dass Raiden und Rhea die Füße still halten würden, wenn Kyle erst die Bühne dieser göttlichen Komödie verlassen hatte. Und falls nicht, nun ja, dann mussten die beiden auch noch sterben. Und dann konnte er sich Gedanken darüber machen, wie die hoffentlich guten, überlebenden Götter mit ihren Kräften umgingen und mit der Welt.

Doch zunächst musste Micky lernen, mit ihren neuen Kräften und den Stimmen zu leben. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Die Stimmen würden für alle Zeiten ein Teil von ihr bleiben. Das wusste er nur zu gut. Wenn sie nicht damit leben lernte, würde sie über kurz oder lang den Verstand verlieren. Und sie mussten Duncan auf ihrer Seite haben, damit er ihr beistehen konnte.

Irgendwann wird er es herausfinden. Es wäre besser, du sagst es ihm selbst. Wir müssen irgendwie deine Gefühle in den Griff kriegen. Du wirst zu schnell sehr wütend und verlierst die Kontrolle. Und du hörst Stimmen, habe ich Recht?“ Sie nickte und schluckte einen großen Kloß im Hals runter.
Viele Stimmen, böse Stimmen. Sikes ist nur eine von ihnen.“ Methos ergriff ihre Hand und drückte sie tröstend. Er wusste nur zu gut, was seine alte Freundin mitmachte. Obwohl er erst vor Kurzem erfahren hatte, wer er eigentlich war, hatte er schon immer mit diesen Stimmen gelebt. Ein unangenehmes Überbleibsel aus den dunklen Tagen.
Es sind nicht nur die Stimmen deiner Gegner, sondern auch derer, die Adam Lee im Laufe von 5.000 Jahren getötet hat. Und das waren nicht gerade wenig. Vor allem aus der Zeit, als er noch als Totengott über die Schlachtfelder gezogen ist, sich unzählige Blutopfer hat bringen lassen und wirklich gnadenlos war. Weißt du, woher Vlad Tepes die Idee hatte seine Gegner lebendig zu pfählen? Rate mal, von Balor. Er war sein Heerführer. Jeder Tote machte ihn stärker, aber es wurde auch immer eine Stimme mehr, die sich in seinem Verstand eingenistet hat. Balor hat in unzähligen Schlachten gekämpft. An der Seite von Alexander dem Großen, er zog mit Hannibal über die Alpen, kämpfte für die Römer in Britannien, er metzelte unzählige Stämme nieder. Da war ich als Apokalyptischer Reiter fast ein Waisenknabe.“ Sie nickte eingeschüchtert.
Hörst du auch diese Stimmen?“ Nun war es an Methos zu nicken. „Und wie erträgst du es?“
Es gibt ein paar kleine Tricks. Entspannungsübungen und so. Aber das Wichtigste ist die Selbstbeherrschung. Manchmal hilft auch Musik, ich habe eine zeitlang viel Walkman gehört. Auch an dem Tag, als Duncan mich kennen lernte.“ Er musste kurz grinsen, als er an ihr erstes Treffen dachte.

Duncan war damals eigentlich auf der Suche nach Adam Pierson, dem Beobachter, gewesen, der ihm bei der Suche nach Methos hatte helfen sollen. „Aber egal, ich kann dir helfen und zeigen, wie du damit umgehen kannst. Aber eines ist unerlässlich, Hochwohlgeboren: Du musst die Kontrolle behalten. Es ist dein Körper, dein Verstand, deine Seele. Nicht von Sikes oder den anderen.“ Einerseits trösteten Methos' Worte sie, andererseits bekam sie immer mehr Angst. Methos erwähnte nicht, dass selbst er manchmal Angst vor Balor gehabt hatte. Trotz seiner Zeit als Reiter der Apokalypse.

Was passiert, wenn wir den Endkampf bestreiten, wenn du Kyle getötet hast? Kannst du mit soviel negativer Energie umgehen?“ Er zuckte lässig die Achseln.
Keine Ahnung, ich hoffe es. Und wenn nicht, was soll's. Sperr mich irgendwo ein für immer. Und wenn das nicht geht, dann töte mich. Ich glaube, du bist die einzige Person auf diesem Planeten, die mich besiegen könnte und bei der ich es zulassen würde. Aber dann nimm die Beine in die Hand, Comtesse. Vor der Übertragung. Ich glaube nämlich nicht, dass dein kleiner Kopf auch noch die Stimmen aus meinem und Kyles Dickschädel ertragen könnte. Und sieh mich bitte nicht so an, Michelle. Ich habe lange genug gelebt. Jetzt mit Adams Erinnerungen hast du eine leise Vorstellung davon, wie es ist seit 5.000 Jahren zu leben, stimmt's?“

Sie nickte zögerlich und beobachtete Methos einen Augenblick von der Seite und versuchte zu ergründen, was gerade in ihm und mit ihnen allen vorging. Mit einem Mal wurde Micky bewusst, dass das alles zu Kyles perfidem Plan gehört hatte. Ihre Augen weiteten sich angstvoll, als sie Methos an der Schulter berührte.

Er hat das alles von langer Hand geplant. Als ich erfahren habe, dass mein Überleben für ihn wichtig war, aber nicht das von Duncan oder den anderen, da fragte ich mich wozu. Wozu brauchte er mich? Er muss gewusst haben, dass Adam sich ihm nicht freiwillig anschließen würde. Deswegen hat er mich auf den Kampf mit Sikes vorbereitet und mir Gegner wie Michael Alexander praktisch auf dem Silbertablett serviert. Ich sollte mich ihm anschließen, nachdem ich Duncan, Richie und die anderen getötet hätte und dann wäre Adam dran gewesen, damit ich seinen Platz einnehmen konnte. Dummerweise konntet ihr mich vorher zurückholen. Und Adam wollte wahrscheinlich keine weitere Negativübertragung bei mir riskieren, deswegen opferte er sich lieber gleich. Vermutlich dachte er, eine gute Göttin des Todes ist immer noch besser als die Alternative.“ Wütend schlug sie mit der flachen Hand auf die Kirchenbank und berührte dabei kurz ihr Schwert. Heißer, brennender Schmerz durchzuckte sie, als die Klinge ihr Fleisch verletzte. Methos griff geistesgegenwärtig in seine Manteltasche und holte ein Taschentuch hervor, das er schnell auf die Wunde drückte, die sich bereits wieder schloss.

 

Frankreich, Paris, Duncans Hausboot, wenig später.
Micky und Methos betraten das Unterdeck und spürten, dass sie nicht alleine waren. Methos schob sie keinen Widerspruch duldend weiter die Treppen hinunter und machte eine Kopfbewegung, die zu sagen schien, jetzt oder nie.

 

Duncan? Bist du hier?“ fragte sie unsicher. Fast wollte sie sich an Methos vorbei mogeln und das Gespräch noch hinauszögern. Doch Methos blockierte den Treppenaufgang mit verschränkten Armen und nickte ihr aufmunternd zu.

Mit einem Handtuch im Nacken kam er aus dem Badezimmer und begrüßte die beiden fröhlich.
Micky war sich ziemlich sicher, dass ihm der Frohsinn vergehen würde, sobald er die Wahrheit über ihren Zustand erfuhr.

MacLeod, wir müssen mit dir reden. Setz dich.“ Der ernste Tonfall, den Methos anschlug, gefiel ihm ganz und gar nicht. Für gewöhnlich bedeutete es Ärger, in letzter Zeit aber bedeutete dieser Tonfall Probleme, die tödlich enden konnten.

Was ist los? Ihr tut so geheimnisvoll.“ Micky ging ohne ein Wort an die Bar und schenkte drei Gläser Whisky ein. Als Duncan sah, um welchen es sich handelte, wusste er, dass die Probleme größer waren, als er gehofft hatte.
Duncan, du weißt, wenn es um Diejenigen geht, haben wir uns aus guten Gründen bedeckt gehalten, um nicht gegen die Regeln zu verstoßen. Allerdings hat die Situation sich an dem Tag geändert, als deine Frau Adam Lee getötet hat.“ Duncan verlor langsam die Geduld, er zog sich ein Shirt über und wartete auf eine Erklärung. Doch Methos machte es spannend. „Trink erstmal einen Schluck und bleib sitzen. Das wird dich sonst aus den Socken hauen, Kumpel, glaub mir. Was wir dir jetzt zeigen und sagen werden, wird dir nicht gefallen. Aber Micky und ich sind überein gekommen, dass du es am besten von uns hörst und nicht von Dritten oder es zufällig selbst herausfindest.“ Jeder andere Mann hätte jetzt vermutet, dass Methos und Micky eine Affäre hatten, aber Duncan war zu intelligent, um so etwas zu denken. Daher machte er sich jetzt wirklich Sorgen.
Redet endlich! Und macht es nicht so spannend“, grollte er.
Zeigen wir's ihm“, gab Methos das Zeichen und beide stand auf. Er sah sich kurz suchend nach Duncans Katana um und griff danach bevor Duncan Einspruch erheben konnte. Micky hob ihren weißen Kaschmirpullover an, er stach zu und nichts geschah. Wie schon zuvor in der Kirche. Inständig hatte sie gehofft, dass es eine andere Erklärung gegeben hätte.
Daingead! Bas mallaichte! “ rief Duncan laut auf Gälisch und sprang erstaunt von der Couch auf.
Hinsetzen!“ befahl Methos, er war leider noch nicht fertig und sein Tonfall duldete keinerlei Widerspruch. Das Katana legte er wieder zurück auf den Couchtisch, wo es gelegen hatte, um von Duncan geschliffen und poliert zu werden.
Nun holte er sein erst kürzlich wieder aufgetauchtes Schwert hervor. Duncan erkannte es sofort.

Sorry, wird wehtun, Michelle“, meinte er und ritzte ihr in die Haut oberhalb des Bauchnabels. Micky atmete zischend die Luft ein und Duncan sprang wieder von Couch auf. Der Schmerz fühlte sich anders als früher, es brannte wie Lava auf der Haut.

Könntet ihr mir jetzt mal erklären, was zum Teufel hier los ist? Wieso kann man meine Frau mit einem normalen Schwert nicht mal ankratzen und mit deinem blutet sie?“ Gleichzeitig drückte er besorgt das Handtuch auf die Wunde, mit dem er sich vorhin noch die Haare abgetrocknet hatte.

Als er es wegnahm, war die Wunde bereits wieder verschlossen und nahezu verblasst.

Duncan, Liebster, zu allererst solltest du wissen, dass ich immer noch die Alte bin.“ Methos lachte kurz auf und Micky korrigierte sich. „Na ja, nicht so ganz. Ich habe dir ja schon in Glenfinnan gesagt, dass ich Angst habe die Kontrolle zu verlieren. Aber das war nur die Spitze des Eisbergs. Ich verstehe es selbst nicht so wirklich. Lass es Methos erklären, er ist schon länger das, was ich jetzt auch bin.“

Und Methos erklärte seinem besten Freund, den er in 5.000 Jahren gefunden hatte, dass seine Frau nicht länger eine normale Unsterbliche war, sondern eine Göttin. Dass sie mit der Lebensenergie von Adam Lee auch seine Göttlichkeit in sich aufgenommen hatte und dass sie seinen Platz im Endkampf zwischen Gut und Böse einnehmen musste. Auf der Seite der Guten gegen Raiden. Kyle würde er sich vorknöpfen. Das versicherte er Duncan nochmals, der sichtlich um seine Fassung rang.

Hätte ich es eben nicht mit eigenen Augen gesehen, würde ich es für den übelsten Scherz halten, zu dem ihr zwei fähig seid. Aber ich habe es ja gesehen...“ Nachdenklich fuhr er sich durch das Gesicht und trank den Whisky leer.
Also damit ich das richtig verstehe, meine Frau ist jetzt upgegraded, eine Unsterbliche 2.0? Mit einem normalen Schwert kann ihr keiner mehr was anhaben? Nein, noch besser, sie ist jetzt eine lebende Göttin, die Göttin des Todes.“ Er legte allen Sarkasmus in die Worte, die er aufbringen konnte. „Oh bitte, das ist doch absurd! Wer denkt sich so einen Bullshit aus?“ Mickys Blick wanderte unwillkürlich zu Methos, ebenso wie ihr Zeigefinger. Methos hob abwehrend die Hände.
Hey, ich kann mich nicht mal an den Tag erinnern, als wir die Regeln aufgestellt haben. Das ist 5.000 Jahre her, verdammt noch mal!“ Duncan schnappte sich Methos' Schwert und hielt es ihm an den Hals.
Hälst du das für einen Scherz, Gott der Weisheit? Ist das lustig? Nun, ich kann nicht darüber lachen, was ihr mit meiner Frau gemacht habt! Ich hatte schon die Schnauze voll von den Spielchen um die Zusammenkunft nach ein paar hundert Jahren. Der bevorstehende Endkampf war gerade noch zu akzeptieren für mich! Aber das jetzt, das ist der absolute Gipfel! Göttin des Todes! A Dhia, thois cpbhair! “ Methos' Adamsapfel hüpfte nervös auf und ab. So wütend hatte er Duncan schon eine sehr lange Zeit nicht mehr erlebt.

 

Micky berührte sachte Duncans Hand und konnte ihm widerstandslos das Schwert wegnehmen.

 

Duncan, die Alternative wäre noch viel schlimmer gewesen. Kyles Plan sah wohl vor, dass ich nach dem Duell mit Sikes euch alle töte bis auf Methos. Dass ich dann Adam töte und seinen Platz einnehme. Adam war für ihn eine unsichere Variable. Warum er mich ausgewählt hat, weiß ich nicht....“ Falsch, dachte sie im nächsten Moment. Sie wusste es. „Nein, das stimmt nicht. Ich weiß es, wenn ich ehrlich bin. Ich habe einmal einen Mord begangen. Einen kaltblütigen Mord. So perfekt ausgeklügelt und ich habe es genossen, meinem Opfer beim Sterben zuzusehen. Und ich denke, das hat etwas in mir verändert, eine dunkle Saat gepflanzt, die Kyle auf mich aufmerksam gemacht hat.“ Duncan ging Richtung Treppe, nahm seinen Mantel und sein Schwert. „Duncan, wo willst du hin?“
Ich muss nachdenken. Folgt mir nicht.“ Und weg war er.

Micky ließ sich auf das Sofa neben Methos fallen und trank ihren Whisky in einem Zug leer. Erst jetzt bemerkte sie, wie Methos sie leicht entsetzt anstarrte. Sie stellte klirrend das Glas auf den Tisch und schnaubte frustriert.

Ja, ich bin nicht die süße, kleine Comtesse, für die ihr mich alle gehalten habt. Ich bin eine eiskalte Mörderin. Und wahrscheinlich habe ich alles verdient, was jetzt passiert ist. Also sieh mich nicht so an, Methos! Verflucht noch mal!“
Wer? Ich meine, wen hast du... ermordet?“ Methos rang ein wenig um seine Fassung. In den letzten Tagen hatte er so viel über seine alte Freundin erfahren, das sein komplettes Weltbild durcheinander gebracht hatte. Doch diese Neuigkeit war selbst für ihn ein Schock. Er hatte Micky für Vieles gehalten, aber nicht für eine kaltblütige Mörderin.
Einen Sterblichen. Maximillian. Meinen Verlobten." Methos machte eine abfällige Bewegung. "Ja, ich weiß, dass du es weißt, du hast mir ja damals meine Chronik nach Marseille gebracht, damit ich seine Tochter überzeugen konnte, nicht mit mir zu kämpfen. Ja, er hatte den Tod verdient. Aber nicht auf die Art und Weise und nicht, wie sehr ich es genossen habe, ihn qualvoll sterben zu sehen. Wie ich ihn umgebracht habe steht aber nicht in meiner Chronik. Ich habe es immer geheim gehalten, weil ich mich geschämt habe, angewidert war von meiner Tat. Wie er starb, wussten bisher nur vier Menschen. Maximillian selbst, Richie, Geneviève und Nostradamus. Ich habe ihn so qualvoll sterben lassen, wie es mir mit damaligen Mitteln möglich war, und es war ein verdammt gutes Gefühl.“ In ihrem Kopf klatschte das Echo von Sikes Beifall und viele, viele andere Echos, der durch Adam Lees Hand Getöteten applaudierten begeistert mit. Micky kniff sich wieder in den Handrücken, um sie zum Verstummen zu bringen. Noch funktioniere dieser kleine Trick. Dann erklärte sie dem leicht geschockten Methos, auf welche Art, Mickys Ex-Verlobter aus dem Leben geschieden war.

Nun gut, dachte Methos, die perfide und wohldurchdachte Ausführung des Mordes an sich, passte nicht zu seinem Weltbild der Comtesse, doch wenn man den Zusammenhang kannte, konnte er Micky durchaus verstehen. Nichts destotrotz hatte sie Recht, wenn sie vermutete, dass dieser Gewaltakt einen Samen in ihr gepflanzt hatte, der die Okkupation durch Sikes und alle anderen Plänen des Kriegsgottes für sie überhaupt erst möglich gemacht hatten.
 

Plötzlich klingelte Methos' Handy und riss die beiden aus ihren finsteren Gedanken. Er warf einen Blick auf das Display, zögerte kurz, ging dann aber doch ran.

Adam Pierson“, meldete er sich. Micky sah ihn verblüfft an, nur wenige Menschen hatten seine Handynummer und wenn er diesen Namen verwendete, konnte es sich eigentlich nur um die Beobachter handeln.
Ihr Götter, steht uns bei!“ murmelte er ein paar Minuten danach und legte auf. Micky blickte ihn besorgt an.
Red schon, was ist passiert?“ Er ging zur Bar und nahm sich einen weiteren, kleineren Whisky.
Das... das war Maurice. Es gab eine Explosion, außerhalb von Paris. Eine verheerende Explosion.“ Micky sprang auf. Im ersten Moment fürchtete sie um ihr Schloss und ihre Angestellten. Doch dann wurde ihr klar, dass es noch viel schlimmer sein musste. „Bei den Beobachtern...“ Er hob den Kopf und blickte Micky traurig entgegen. „Im europäischen Hauptquartier der Beobachter. Jemand hat einen Anschlag verübt. Und ich kann mir denken, wer das war.“
Kyle!“ grollte Micky. Sie krallte die Fingernägel in ihre Handfläche und bemerkte kurz darauf, wie Blut auf den cremefarbenen Teppich unter ihren Füßen tropfte. Zumindest sie selbst konnte sich noch verletzen. Ein beruhigender Gedanke. Methos war mit einem Satz bei ihr und öffnete ihre verkrampften, vor Wut bebenden Finger.
Ruhig, Comtesse. Ganz ruhig. Konzentrier dich auf meine Stimme. Du beruhigst dich jetzt. Maurice ist am Leben, Joe ist in seiner Bar. Ja, es sind bedauerliche Verluste. Sicher habe ich heute einige meiner Freunde unter den Beobachtern verloren, mit denen ich viele Jahre gut zusammen gearbeitet habe. Aber es bringt nichts, wenn du jetzt deswegen durchdrehst, hörst du.“ Er schaute ihr beschwichtigend in die braunen Augen und streichelte sanft ihr Gesicht. Im nächsten Augenblick zuckten beide zusammen und drehten sich zur Treppe um.

Hab ich irgendwas verpasst, Leute?“ fragte Richie schief grinsend, als er die Stufen ins Wohnzimmer hinunterstieg.
Du kommst mal wieder äußerst unpassend“, schalt ihn Micky.
Nein, nein. Er kommt genau richtig. Richie, du musst mir einen Gefallen tun. Ich muss zum Beobachter-Hauptquartier. Es hat einen Anschlag gegeben. Ich weiß noch nichts über die Verluste. Maurice ist okay. Auch wenn ich nicht mehr sehr aktiv dort arbeite, muss ich nachsehen, ob ich helfen kann. Und du passt auf unsere Comtesse auf. Lass sie unter keinen Umständen alleine. Und lass sie auch nicht mit Duncan alleine. Ich kann es jetzt nicht erklären. Aber tu was ich sage, und alles wird gut.“ Dann griff er sich sein Schwert und rannte die Treppen zum Oberdeck hinauf.

Richie kratzte sich am Kopf und warf einen besorgten Blick zu seiner Chefin und Freundin rüber.

Muss ich das jetzt verstehen?“ Sie schüttelte den Kopf.
Nein, Richie. Und ich kann es dir auch nicht erklären. Jetzt noch nicht. Bleib einfach bei mir, tu was, Methos gesagt hat. Nimm dir einen Kaffee und erzähl mir, wie es in der Galerie läuft.“

 

Das Hauptquartier der Beobachter, außerhalb von Paris, kurze Zeit später.
Methos konnte nur versuchen sich auszumalen, welche Ammenmärchen die Beobachter der Presse auftischen würden, wer für den Anschlag verantwortlich war. Seit 9/11 hatte es in der Welt der Sterblichen immer wieder Terroranschläge gegeben, aber noch nie waren die Beobachter betroffen gewesen. Offiziell war das Gebäude der Sitz einer historischen Gesellschaft, was ja gar nicht so weit hergeholt war, da sich die Beobachter ja tatsächlich mit Geschichte beschäftigten. Allerdings mussten sie sich einen ziemlich guten Grund überlegen, warum irgendjemand ein derartiges Gebäude angreifen sollte. Und sie konnten ja unmöglich den Journalisten sagen, dass der Kriegsgott ihre Hütte in die Luft gesprengt hatte. Außerdem zweifelte Methos stark, dass seinen Kollegen dieser Zusammenhang auch nur ansatzweise bewusst war. Für sie war Kyle Wittmore der Anführer der Splittergruppe der Beobachter und ganz gewiss kein Unsterblicher und erst Recht kein Gott. Die Beobachter hatten ja seinerzeit nicht einmal geahnt, dass der Unsterbliche Benjamin Adams in Wahrheit der Unsterbliche Methos und dieser wiederum ihr Kollege der Beobachter Adam Pierson war.

 

Methos' Wagen bog auf den schmalen Kiesweg ein, der zum Beobachter-Hauptquartier, einem ehemaligen Adelslandsitz, führte. Die Laubbäume in der Allee warfen Schattenmuster auf sein Auto.

Sein Herz pochte und verkrampfte sich schmerzhaft in seiner Brust vor Sorge. Sein Adamsapfel hüpfte hektisch auf und ab. Wie viele seiner Freunde und Kollegen hatten durch diesen feigen Anschlag ihr Leben verloren? Auch wenn er sie nicht für die intelligentesten Vertreter unter den Sterblichen hielt, sondern eher für etwas naive Exemplare, schätzte er doch einige unter ihnen sehr.

 

Von Weitem konnte Methos bereits schwarze Rauchsäulen aufsteigen sehen, ein beißender Geruch stieg ihm in die Nase. Erinnerungen an das brennende Rom kamen wieder zu Tage oder auch an die Scheiterhaufen während der Hexenverbrennungen.

Zunächste hoffte Methos noch, dass es nicht so schlimm war, die alten Landsitze brannten meist gut aufgrund der Baumaterialien, aber vielleicht hatten die Attentäter nur wenige Brandsätze gelegt.

Aber dann sah er es, das Gebäude, in dem er so manche Stunde mit vermeintlichen Recherchen zu seiner eigenen Chronik verbracht hatte, brannte lichterloh!

Er parkte seinen Wagen in sicherem Abstand und rannte auf das Hauptquartier zu. Erste Überlebende taumelten ihm entgegen und riefen seinen Namen, als sie ihn entdeckten.

Adam, Gott sei Dank! Es sind immer noch einige unserer Leute da drin! Wir wissen nicht, wann die Feuerwehr eintrifft.“ Sein Chef, wenn man so wollte, Methos hatte sich ja eigentlich aus dem Berufsleben zurückgezogen, kam ihm entgegen. Einer der wenigen unter den Beobachtern, der von seiner wahren Existenz wusste. Die Protokolle von Maurice Pinoteaus Verfahren waren unter Verschluss geblieben, um die Mitarbeiter nicht unnötig zu verunsichern. Offiziell war Adam Pierson nur noch ein freier Mitarbeiter, der gelegentlich zu Rate gezogen wurde.
Schon gut, Matthieu, ich gehe rein und versuche, so viele zu retten wie möglich.“ Der ältere Beobachter hielt ihn hustend am Arm fest und schüttelte energisch mit dem Kopf.
Bist du verrückt, Adam? Du wirst sterben!“ Im selben Moment wurde Matthieu Carrier bewusst, dass Adam der Einzige unter ihnen war, der eben nicht sterben konnte. Er entfernte seine Hand von Methos' Arm, als hätte er sich an einer heißen Herdplatte verbrannt. Methos bedachte ihn kurz mit einem tadelnden Blick, ging dann aber darüber hinweg. Jetzt war nicht der Moment, um über Befindlichkeiten zu streiten. Es galt Leben zu retten.
Keine Angst, Matthieu, Unsterblichkeit ist nicht ansteckend“, bemerkte er in gewohnter Methos-Manier. Der Witz blieb ihm fast im Hals stecken, als er an die Comtesse dachte. Unsterblichkeit vielleicht nicht, dafür aber Göttlichkeit. Was für einen Irrsinn hatten sie da in grauer Vorzeit bloß losgetreten?! Wer hätte auch ahnen können, dass die Sterblichen sich so weit entwickeln würden, dass sie keine Götter mehr brauchten und die Saat der Unsterblichkeit sich irgendwann verselbstständigen würde?
Also Matthieu, ich gehe jetzt da rein. Im schlimmsten Fall ersticke ich ein oder zwei Mal, falls mich die Feuerwehr bewusstlos findet, denk dir irgendeine Geschichte aus. Aber lass mich nicht auffliegen. Wir haben im Moment größere Sorgen als das Hauptquartier, glaub mir. Ich werde da drinnen nicht sterben, aber ich darf auch nicht als Versuchskanninchen in irgendeinem Labor verschwinden. Das Schicksal der Welt hängt davon ab. Verstehst du das, mon ami?“ Matthieu nickte, auch wenn er nicht den blassesten Schimmer hatte, was Adam Pierson da faselte. Wieso sollte das Schicksal der Welt von einem Unsterblichen abhängen? Noch dazu von einem so dreisten wie Methos. Nun ja, darüber konnten sich seine Vorgesetzten Gedanken machen, jetzt musste er erstmal die Leute, die Adam raus schaffte, in Sicherheit bringen.

 

Bis zum Eintreffen der Feuerwehr hatte Methos sechs seiner Kollegen aus dem brennenden Gebäude gebracht. Mit einer bewusstlosen Frau auf den Armen trat er gerade auf die oberste Stufe, als hinter ihm brennende Balken in den Türeingang stürzten.

Er legte die junge Frau, die ziemlich neu bei den Beobachtern sein musste, da er sich nicht an ihren Namen erinnern konnte, auf eine Trage und holte sich von einem der Feuerwehrleute eine Flasche Wasser. Eine Decke lehnte er dankend ab. Ihm war alles andere als kalt. Heiße Wut stieg in ihm auf, Wut auf Kyle und seine Handlanger, die wieder nur Bauernopfer gefordert hatten. Ein Scheißspiel war das. Aber er war auf diesem Brett mindestens ein Läufer oder Turm und würde den König bald schon vom Thron stoßen, damit endlich Frieden unter den Unsterblichen und auch den Sterblichen einkehren konnte.

Die Notärzte wollten ihn noch untersuchen und sogar mit ins Krankenhaus nehmen, aber er versicherte ihnen, dass es ihm gutginge und sie sich lieber um die Überlebenden kümmern sollten.

 

Als Methos hustend an den Übertragungswagen der Fernsehsender vorbei zu seinem Wagen ging, spürte er ein vertrautes Kribbeln im Genick und blickte sich suchend um. Sein Blick blieb an einem silbernen Mercedes haften. Er hatte die Attentäter entdeckt. Von der Polizei und allen anderen unbemerkt, machten sie sich aus dem Staub. Doch Methos hatte sie erkannt. Eine ihm wohl bekannte Beobachterin, wie immer in ein totschickes Chanel-Kostüm gekleidet, stieg in den Wagen, am Steuer saß ein dunkelhaariger Mann, ein Unsterblicher. Als er sich kurz umdrehte, um zurückzusetzen, erkannte Methos auch ihn. Es waren Clarice Grant und Raiden, der Donnergott.

 

Frankreich, Paris, Duncans Hausboot, in derselben Nacht.
Duncan saß auf dem Oberdeck mit einer Flasche Bier in der Hand und beobachtete die Sterne, das Plätschern der Seine hatte eine beruhigende Wirkung auf ihn. Und Ruhe brauchte er im Moment. Die Ereignisse der letzen Zeit waren auch für einen gestandenen Schotten starker Tobak.Vor allem die neuesten Entwicklungen seine Frau betreffend hatten ihm ganz schön den Boden unter den Füßen weggezogen.

Während er noch leise vor sich hinfluchte, kribbelte sein Nacken. Missmutig hob Duncan kurz den Kopf. Eigentlich hatte er gehofft zumindest heute Nacht keine weiteren ungebetenen Gäste empfangen zu müssen.

 

Methos stand bereits mit einem Fuß auf der Gangway, ein Sixpack Bier in der einen und einen Eimer Popcorn in der anderen Hand und fragte, ob er an Bord kommen dürfte.

Kann ich denn einem lebenden Gott überhaupt etwas verweigern?“ fragte Duncan bissig. Nach der kleinen Vorführung heute war Duncan alles andere als gut zu sprechen auf seinen Freund. Er hatte große Lust ihn mit einem Tritt in den Hintern über die Reling zu befördern. Vorzugsweise mit einem Dolch in der Brust.

Methos ignorierte Duncans finstere Miene, deutete die Antwort kurzerhand als ein „Ja“ und kam an Bord. Bier und Popcorn stellte er als Friedensangebot vor Duncan ab und setzte sich neben ihn auf einen Stuhl. Er warf einen kurz Blick unter Deck.

Wo ist die Comtesse?“ Duncan stieß ungehalten die Luft aus angesichts der Frage.
Daingead! Du hast doch verfügt, dass ich nicht mit ihr alleine sein soll, oh weiser Methos. Richie hat sie nach Hause ins Schloss gebracht. Ich hielt es für angebracht ein paar Tage auf dem Boot zu bleiben angesichts ihrer Veränderung. Und in Ruhe ein wenig nachzudenken. Alleine... Du schienst ja sehr besorgt um meine Frau zu sein...“ Methos versuchte den scharfen Unterton zu überhören. Er wusste, es war nicht gut, wenn er sich in die Ehe seiner Freunde einmischte, aber er wusste auch, dass Michelle im Moment dringend seiner Hilfe bedurfte, um mit ihrem neuen Dasein zurecht zu kommen. Daher ließ er Duncan erst einmal sein Pulver verschießen. „War eine ganz schön krasse Nummer, was ihr da heute früh abgezogen habt, aye? Sollte das schonend sein? Ich meine, ich habe ja schon so einiges in meinem langen Leben gesehen und in den letzten zwölf Jahren mit der Comtesse waren die abstrusesten Dinge dabei. Schwarze Seelen, Besessenheit, irgendwelche durchgeknallten Ex-Schüler, Jack the Ripper einer von uns; du hast auf einmal seit 4.000 Jahren eine Ehefrau; Richie schleppt eine blinde Schülerin an. Götter, die um die Ecke biegen, Selbst die Götter waren ja irgendwo noch akzeptabel! Denn immerhin erklärte es ansatzweise unser aller Existenz. Aber das hier haut dem Whiskeyfass echt den Boden aus, Methos! Ich meine, eine Göttin! Meine Frau?! Und dann noch die Göttin des Todes?! Dreht sie irgendwann durch und wird zu einer zweiten Khali? Wie darf ich mir unser künftiges Leben vorstellen, sofern du Kyle besiegen kannst? Lasst ihr euch zu den Herrschern der Welt ausrufen und huldigen oder was? Ich hätte die nächsten Jahre ehrlich gesagt lieber in einem kleinen Cottage in Glenfinnan verbracht ohne Götterverehrung.“ Frustriert stellte er die leere Bierflasche auf den Tisch und nahm sich eine aus Methos' Bestand. Ein gutes Zeichen, dass er sich mit ihm versöhnen würde, sobald er genug Dampf abgelassen und reichlich Bier intus hatte. Im schlimmsten Fall folgte noch ein gepflegte Prügelei unter Männern mit anschließender Abkühlung in der Seine. Methos konnte nur hoffen, dass das Bier und die Nacht dafür ausreichen würden. Denn sie mussten bald ihre nächsten Züge planen.
"
Ich war in Sorge um deine Frau, MacLeod. Ich wollte, dass du von uns hörst, wie sie durch den Kampf mit Adam Lee verändert wurde. Sie hat sich das bestimmt nicht gewünscht. Und sie braucht unsere Hilfe, Mac. Vor allem deine. Sie braucht deine Liebe. Mehr denn je. Vor Michelle tun sich im Moment Abgründe auf. Und wenn sie strauchelt und du bist nicht da, um sie festzuhalten...“
Himmel Herrgott, heute lässt du aber echt deine Göttlichkeit raushängen, Methos. Rede doch nicht so geheimnisvoll. Ich werde Micky schon nicht verstoßen, bloß weil sie nicht mehr die alte ist....“

 

Eine Weile sagte keiner der beiden ein Wort. Sie betrachteten die Sterne und den Mond, der sich im Wasser spiegelte. Methos musste an die Nacht denken, als sein Freund voller Verzweiflung angesichts Michelles Koma gewesen war. Heute war er auch wieder verzweifelt oder eher frustriert, obwohl seine Frau wohlauf in ihrem Schloss weilte. Nun gut, sie war nicht mehr ganz dieselbe – upgegraded wie Duncan es formuliert hatte, aber tief drinnen, war sie immer noch das französische Biest, das sie in den Wahnsinn trieb und das sie alle auf ihre eigene Art liebten.

Er versuchte bei dem Gedanken daran ein Grinsen zu unterdrücken und drehte sein Gesicht weg von Duncan. Kam vielleicht nicht so gut, wenn Duncan das jetzt sah. Doch der ging schon wieder zur Tagesordnung über. Er schien sich langsam zu beruhigen.

Richie hat was von einem Anschlag erzählt. Alles in Ordnung bei den Beobachtern? Was war los im Hauptquartier?“ Methos wurde aus seinen Gedankengängen gerissen, nahm sich ein Bier, trank einen großen Schluck und schüttelte den Kopf, er hatte immer noch den Brandgeruch in der Nase.
Das Hauptquartier ist abgebrannt.“ Duncan hustete, der letzte Schluck war in der falschen Kehle gelandet.
Was sagst du?“ Methos berichtete ihm, was er nach Maurices Anruf vorgefunden hatte. Duncan war betroffen, nicht nur all die originalen Dokumente, die durch das Feuer verloren gegangen waren, drei der Beobachter hatten es nicht mehr rechtzeitig aus dem Gebäude geschafft. Unter ihnen ein alter Freund von Methos, der kurz dem Ruhestand gewesen war.
Ich weiß, wer es war.“ Duncan wedelte abfällig mit der Hand und nahm sich vom Popcorn.
Glückwunsch, du Wahrsager. Ist doch logisch, dass unser Kriegsgott dahinter steckt.“
Ja, aber ich weiß, wer den Anschlag ausgeführt hat. Deine alte Freundin Clarice Grant.“ Duncan stöhnte auf. Die Beobachterin, die für Kyle arbeitete und deren Tochter er als Schülerin angenommen hatte, nachdem sie bei ihrem ersten Auftrag ihn zu überwachen selbst unsterblich geworden war. Ihre Mutter führte seit dem Tag einen persönlichen Feldzug gegen Duncan. Er konnte sich noch allzu gut erinnern, wie Clarice ihn entführt hatte und seinen Kopf abschlagen wollte, weil sie ihn für den vermeintlichen Tod ihrer Tochter verantwortlich machte. Genau das gleiche Spielchen hatte sie dann kurz darauf mit seiner Frau in Paris versucht. Seit dieser Zeit wusste Clarice Grant, dass ihre Tochter zu den zu observierenden Subjekten gehörte, wie sie die Unsterblichen abfällig bezeichnete. Duncan hatte damals Charlie als seine Schülerin angenommen, was seiner Frau gar nicht gefiel. Ihr Mann würde immerhin tagtäglich mit einer jungen, heißen Blondine trainieren. Nach dem die Ereignisse sich immer mehr überschlagen hatten, war Charlie mit einer neuen Identität versehen von Duncan auf heiligem Boden versteckt worden. Charlie war verständlicherweise nicht fähig gewesen ihre Mutter zu erschießen, was diese eher als Schwäche denn als Zeichen der Liebe ausgelegt hatte. Seitdem versuchte Clarice noch leidenschaftlicher als vorher Duncan MacLeod und seine Familie auszulöschen. Aber gerade daher verstand er nicht, warum sie jetzt für einen Unsterblichen arbeitete. Oder war ihr das etwas nicht bewusst?

Duncan, hörst du zu? Ich sagte, sie war nicht alleine. Wir können Connor aus Japan zurückrufen. Raiden war bei ihr. Ich habe ihn sofort erkannt. Allmählich kommen alle Erinnerungen aus der gemeinsamen Zeit mit den anderen Göttern wieder zum Vorschein. Wahrscheinlich sind sie schon wieder auf dem Weg nach Irland.“ Duncan schüttelte den Kopf.
Ich wette mit dir, sie weiß immer noch nicht, dass die Splittergruppe von einem Unsterblichen kontrolliert wird. Sie hält Kyle Wittmore sicherlich nur für einen sehr reichen Sterblichen, der uns auslöschen will. Bevor Micky und du ihn erkannt hattet, glaubten wir das doch auch. Und wer weiß, mit welchen Informationen er seine Handlanger versorgt? Wir müssen sie finden und ihr die Wahrheit sagen. Vorzugsweise bevor sie einem von uns den Kopf abschlägt.“
Klingt einleuchtend. Aber wie willst du das bewerkstelligen? Die Frau ist so voll von blindem Hass, weil Dank dir ihre Tochter für alle Welt tot und in Wirklichkeit unsterblich ist. Ich glaube nicht, dass sie für Gespräche zu haben ist. Ihr Ding ist eher die Kopf-Abschlag-Nummer.“ Er machte ein paar wedelnde Handbewegungen vor Duncans Hals begleitet von entsprechenden Schwertgeräuschen. Blitzschnell schoss Duncans Hand vor und schlug Methos' Hand aus dem Weg.
Wie wäre es, wenn wir sie in eine Falle locken? Wir lassen durchsickern, wo ich ihre Tochter versteckt halte. Am besten vermitteln wir den Eindruck, dass Charlie sich dort nicht ganz freiwillig aufhält. Wenn sie nur einen Funken Mutterinstinkt hat, wird sie kommen und ihre Tochter holen. Dann versuchen wir mit ihr zu reden. Charlie schaffen wir in der Zwischenzeit weg. Denn wenn sie sich nicht überzeugen lässt, werden wir mit ihr verfahren müssen wie seinerzeit mit Horton. Und ich rede nicht von Gefängnis.“ Methos merkte, dass Duncan sich entspannte, während sie Pläne schmiedeten, auch wenn es keine angenehmen waren. Beherzt griffen beide in den Popcorneimer.
Aber warum nicht Gefängnis? Sie hat einen Anschlag verübt, bei dem drei Menschen gestorben sind. Dürfte für lebenslänglich reichen.“
Und während sie abgeführt wird, schreit sie, verhaftet die beiden Unsterblichen dort vorne und nicht mich, vor allem den großen gutaussehenden Schotten, der meine Tochter erschossen hat. Tolle Idee, Methos.“
Wie kommst du auf die Idee, du seist gutaussehend, MacLeod?“ feixte Methos lachend und reichte Duncan ein weiteres Bier.
Halt die Klappe, ich bin immer noch sauer auf dich und meine Frau. Besonders auf dich. Du und deinesgleichen habt diesen Mist losgetreten. Ich hab dir schon viel verziehen, alter Junge. Selbst die Geschichte mit den Apokalyptischen Reitern, aber das hier ist doch ein anderes Kaliber. Du bist immer noch mein Freund, aber nach dem was ich inzwischen weiß, sehe ich dich in einem anderen Licht.“ Methos nickte verständnisvoll. Er hatte auch nicht erwartet, dass Popcorn und ein paar Bier ausgereicht hätten, um die Sache zu bereinigen. Er war sich ziemlich sicher, dass es noch eine ziemlich lange Zeit zwischen ihnen stehen und für unangenehme Momente sorgen würde.
Das ist in Ordnung, Mac. Ich verstehe es. Wenn die Situation umgedreht wäre, hätte ich dich wahrscheinlich direkt vorhin mit einem Tritt über Bord befördert und Bier und Popcorn alleine vertilgt...“ Duncan musste schallend lachend.
Oh glaub mir, Kumpel, die Versuchung war verdammt groß und die Nacht ist noch jung. Aber jetzt noch mal im Ernst, denkst du wir kriegen es hin, Clarice verhaften zu lassen ohne aufzufliegen? Die Variante wäre mir lieber, als ihrer Tochter erklären zu müssen, dass einer von uns sie erschossen hat.“ Methos kratzte sich grübelnd am Kopf.
Glücklicherweise habe ich einen guten Kontakt zur Pariser Polizei. Du hast ja immer nur Schwierigkeiten mit den Herrschaften...“ Duncan schüttelte grinsend den Kopf.
Den Kontakt kann ich mir lebhaft vorstellen. Eine attraktive Polizistin mit Modellmaßen, die reinzufällig mal gegen deine Lippen und später in dein Bett gestolpert ist?“ Methos nickte sichtlich stolz. „Was sagt denn deine Frau zu solchen Kontakten?“ Und schwups war Methos' gute Laune verflogen.
Also, das war... na ja,... da waren wir.... faktisch, also irgendwie getrennt... also nicht mal auf dem selben Konti....“ Duncan schlug ihm lachend auf die Schulter.
Schon gut, schon gut. Ich finde es herrlich mitanzusehen, wie du zu schwitzen anfängst, wenn ich von der Göttin der Liebe rede, Methos! Ehrlich, ich verrate es Isis nicht. Geht mich auch gar nichts an. Ich habe jetzt meine eigene Göttin, die ich bändigen muss. Nutze deinen Kontakt zu der Dame und dann stellen wir Clarice Grant die Falle. Und jetzt gehe ich ins Bett. Das waren mir genug Erkenntnisse für einen einzigen Tag.“


 

 

7. Methos' Menage à trois

 

Frankreich, Paris, die Bar von Maurice Pinoteaus, am nächsten Tag.
Methos saß in einer kleinen Ecke der Bar auf seinem Lieblingsplatz. Von hier hatte er die Theke und die Tür im Blick und war auch schnell zum Hinterausgang verschwunden, falls sich mal Ärger anbahnen sollte.

Ihm Gegenüber saß die hübsche Polizistin Julie Thoma, von der er Duncan in der vergangenen Nacht berichtet hatte. Sie war 1,70 Meter groß, mit den richtigen Proportionen, wie Methos immer noch fand und ihre grauen Augen musterten ihren alten Bekannten prüfend, während sie zuhörte. Sie wusste in groben Zügen von den Unsterblichen, natürlich nichts vom Endkampf oder den Göttern, die sich eingemischt hatten. Gerade berichetete Methos in möglichst kurzen Ausführungen von den Beobachtern und der Splittergruppe, die ihnen schon seit der Ermordung ihres Freundes Darius zu schaffen machten.

 

Julie staunte nicht schlecht, als sie die wahren Hintergründe für den Anschlag auf das vermeintliche Anwesen der Historischen Gesellschaft außerhalb von Paris erfahren hatte.

Nun Adam, das ist eine ganz schön erschreckende Geschichte. Aber was genau willst du jetzt von mir? Das scheint mir doch eher eine interne Sache zwischen diesen Beobachtern und euch, den Unsterblichen, zu sein, n'est pas?“ Sie war clever, solche Frauen mochte Methos. Kein Wunder, dass er ihrem Charme von jetzt auf gleich erlegen war, als er ihr vor Jahren zufällig das Leben gerettet hatte. Da war sie wieder die Ritterlichkeit, die er seit Jahrtausenden verfluchte. Sie brachte eigentlich immer nur Schwierigkeiten, aber manchmal auch eine hübsche Bettgespielin.
Wir, das heißt, mein Freund Duncan MacLeod und ich, wollen der Dame, die den Anschlag ausgeführt hat, eine Falle stellen, ihr ein Geständnis entlocken und du sollst sie dann verhaften.“ Julie Thoma nippte an ihrem Cappuccino und strich sich eine dunkelblonde Strähne aus dem Gesicht.
Ja, das habe ich mir schon gedacht, aber warum kommst du damit gerade zu mir? Es gibt eine SOKO, die in der Angelegenheit ermittelt. Ich weiß nicht, ob die Kollegen sonderlich begeistert sind, wenn ich ihnen die Tour vermassele.“
Es gibt eine kleinen Haken an der Geschichte. Niemand darf etwas von den Unsterblichen erfahren, was aufgrund der Dame etwas schwierig wird. Diese Clarice Grant ist, gelinde gesagt, durchgeknallt.“ Julie musste unwillkürlich grinsen.
Ist das ein Fachausdruck, Adam?“ Obwohl sie inzwischen seinen wahren Namen kannte, bevorzugte sie immer noch sein Beobachter-Alter-Ego, mit dem er sich seinerzeit vorgestellt hatte.
In der Tat, ich war mal Arzt. 1808 praktizierte ich unter dem Namen Benjamin Adams in New Orleans. Aber das ist eine andere Geschichte. Noch mal zu Clarice Grant. Sie ist total besessen davon Duncan und überhaupt alle Unsterblichen zu erledigen, Kopf ab und so. Das habe ich dir ja schon ausführlich erklärt, meine Liebe. Auf jeden Fall...“ Er verstummte mitten im Satz. Sein Nacken kribbelte nicht nur, er juckte und brannte. Nervös strich Methos darüber und blickte sich hektisch in der Bar um. Anscheinend näherten sich mehrere Unsterbliche. Das verhieß bei seinem derzeitigen Kharma nichts Gutes. Ihm schwante, wer da gleich auf der Matte stehen würde.
Oh Julie, ich muss dir noch ganz schnell was sagen, bevor es peinlich werden könnte. Also, als wir uns damals getroffen haben, da war ich faktisch... also ich war...“ Doch es war zu schon zu spät für Erklärungen. Aus der Jukebox drang mit einem Mal Bonos Stimme, die voller Inbrunst „I can't live with or without...“ sang. Methos kam in den Sinn, dass das wohl wieder mal eines jener Zeichen sein sollte. Wo war der Krepkaja-Wodka, wenn er ihn brauchte?

Methos, Liebster, wir sind zurück aus Griechenland“, säuselte Isis im nächsten Moment in sein Ohr. Dieser sprang wie elektrisiert vom Stuhl auf, der scheppernd zu Boden fiel und blickte nervös zwischen seiner Frau und seiner Kurzzeitflamme hin und her.

Und da stand sie, die personifizierte Liebe, wie immer gehüllt in ein schweres Parfum und einen weißen Ledermantel, unter dem ihr Schwert kurz hervorblitzte. Methos warf einen Blick darauf und schluckte hart. So hatte er sich den Tag beim besten Willen nicht vorgestellt. Oder hatte Isis noch schnell das entsprechende Lied ausgewählt, bevor sie an seinen Tisch getreten war, um sich einen passenden Auftritt zu verschaffen? Auf jeden Fall konnte er nicht darüber lachen.

Isis, Liebling. Und Amanda, hast du auch mitgebracht. Hallo, Amanda“, er winkte kurz in Richtung Tresen, wo Isis' Partnerin Papa Maurice, Richies Beobachter, herzlich umarmte und auf die runden Wangen küsste zur Begrüßung. Maurice war sehr erfreut, die beiden Damen wieder sicher in Paris zu wissen und griff sogleich unter der Theke nach seinem besten gekühlten Champagner.

Währenddessen nippte Julie mit finsterer Mine an ihrem Cappuccino und wartete auf die angekündigte Erklärung, wobei sie bereits zwei und zwei zusammengezählt hatte.

Julie Thoma, das ist meine... nun ja... meine Ehefrau, Isis. Isis, das ist Julie Thoma, eine Bekannte bei der Pariser Polizei, sie hilft uns mit Clarice Grant. Und ich muss... Ich.. Also, ähm... Ich bin gleich wieder da, entschuldigt mich“, stammelte er und fuhr sich nervös durch die Haare. Einer Herzattacke nahe stellte Methos den Stuhl wieder hin, hauchte Isis einen Kuss auf die Wange und verschwand in Richtung Toilette.

 

Zehn Minuten später fand Duncan ihn dort. Lachend öffnete er die graue Kabinentür und sah das sumerische Häufchen Elend auf dem geschlossenen WC sitzen. Methos hob leidvoll aufblickend den Kopf.

MacLeod...“ Duncan lachte los. Die Szene war das Beste, das er in den letzten Monaten zu sehen bekommen hatte.
Junge, Junge, du lernst es aber auch nie deine Affären von deiner Frau fern zu halten, oder? Wenn sie nicht die Göttin der Liebe wäre, hätte sie dir wahrscheinlich schon vor ein paar Jahrtausenden den Kopf abgeschlagen, oder?“ Duncan lehnte breit grinsend mit verschränkten Armen am Türrahmen und sah auf seinen betröpelt dreinblickenden Freund runter. Er genoß seine Qualen sichtlich. Eine kleine Genugtuung für die ganzen Probleme, die er in letzter Zeit Dank Methos gehabt hatte.
Woher weißt du's?“ brummelte Methos, dem es gar nicht passte, dass sein Freund ihn in dieser delikaten Situation vorgefunden hatte. Mit symbolisch gesprochen heruntergelassenen Hosen.
Och, Maurice war so freundlich mich anzurufen und zu informieren, dass Amanda und Isis wieder im Lande sind. Ich habe mich direkt auf den Weg gemacht, als er mir von der ersten Begegnung deiner Frau mit deiner heißen Polizistin erzählt hat.“
Hör auf so dämlich zu grinsen.“
Nein. Ich genieße es.“ Methos stand auf und fuhr sich zum x-ten Male nervös durch die Haare. Etwas unsanft schob er sich an Duncan vorbei und trat ans Waschbecken, um sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen. „Kalt duschen würde mehr bringen“, setzte Duncan lachend noch eins drauf.
Ach, sei doch still. Ich stecke ganz schön tief drin.... Leben beide noch?“ wollte Methos wissen, während er sich gleichzeitig überlegte, wie er aus der Situation möglichst ohne körperliche Schäden wieder rauskommen würde.
Aye, Maurice hat erstmal eine Runde Champagner ausgegeben angesichts ihrer gesunden Heimkehr. Ist in den heutigen Zeiten leider nicht selbstverständlich. Und ich gebe zu, ich würde Amanda vermissen und auch deine ägyptische Prinzessin, Kumpel. Sie sorgen immer für ein gewisses Amüsement. Das muss man ihnen lassen.“ Duncan hatte sichtlich Mühe ein ernstes Gesicht aufzusetzen.

Methos trocknete sich die Hände ab und legte sie Duncan auf die Brust. Dieser sah kurz auf die Hände und dann auf Methos' spitze Nase. Er ahnte bereits, was jetzt kommen würde.

Mac, mein Bruder...“ Duncan lachte wieder angesichts von Methos' offenkundiger Verzweiflung. „Hilf mir aus dieser Sache raus, dann schulde ich dir einen riesengroßen Gefallen, ich schwöre es, bei allem, was mir nicht heilig ist. Egal, was du willst.“ Duncan zählte stumm bis dreißig, allzu leicht wollte er es Methos nicht machen.
Nimm die Hintertür und dann fahr zum nächsten Juwelier. Ich denke, Diamanten dürften Isis milde stimmen. Ich werde deiner kleinen Polizistin die Details unseres Plans erklären. Wir treffen uns dann um Mitternacht am Kloster. Charlie wird in diesen Minuten von Richie weggebracht.“ Methos zeigte erleichtert sein typisches Grinsen, klopfte Duncan auf die Schulter und drehte sich zur Tür.

Er lugte vorsichtig durch einen kleinen Spalt, ob der Korridor zur Hintertür frei war und drehte sich noch mal um. „Einen ganz großen Gefallen, MacLeod. Ich schwör's“.

Lachend ging Duncan zurück in die Bar.

 

Frankreich, ein buddhistisches Kloster außerhalb von Paris, in derselben Nacht.
Duncan saß nun schon seit einer Stunde in dem kleinen Zimmer, das Charlie seit einigen Monaten bewohnte, um vor Zugriffen ihrer Mutter oder Unsterblichen sicher zu sein. Er las in einem Buch mit buddhistischen Weisheiten, das auf Charlies Nachttisch gelegen hatte.

 

Charlie hatte sich schnell damit abgefunden auf nicht absehbare Zeit auf heiligem Boden in einem Kloster zu leben. Hier konnte sie in Ruhe lernen, was es bedeutete eine Unsterbliche zu sein. Sie hatte bereits einen Beobachter zugeteilt bekommen, dem sie bereitwillig Informationen für ihre Chronik lieferte. Sie wusste ja, wie viel Arbeit es machte einen Unsterblichen zu beobachten und sein Leben zu dokumentieren. Erfreulicherweise konnte sie hier auch ihre körperliche Fitness trainieren und auch ihre Kampfkünste verbessern. Der Leiter des Klosters war ein Unsterblicher, den Duncan 1780 im nördlichen China getroffen hatte. Er selbst war bei ihm einige Zeit in die Lehre gegangen und hatte viel gelernt, was ihm in seinen Kämpfen das ein oder andere mal das Leben gerettet hatte. Duncan war froh, dass Meister Sun-Yi immer noch am Leben war und sein Wissen bereitwillig an junge Unsterbliche weitergab, um ihre Chance auf ein längeres Leben zu erhöhen. Gerade unter den älteren Kämpfern waren im letzten Jahrhundert sehr erbarmungslose Kandidaten gewesen, die nicht lange mit den jungen, unerfahrenen Unsterblichen fackelten und sich schnell ihre Köpfe holten. Da Duncan sich nun um den Endkampf und seine göttliche Gattin – Himmel, an den Gedanken musste er sich erst noch gewöhnen, kümmern musste, war er froh Charlie hier in guten Händen zu wissen. Wenn alles mit der Falle und der Verhaftung von Clarice Grant über die Bühne gehen würde, konnte sie morgen schon wieder in das sichere Kloster zurückkehren und ihre Studien wieder aufnehmen.

 

Endlich vibrierte sein Handy, eine Nachricht von Methos, dass Clarice das Klostergelände soeben betreten hatte. Sein Schwert hatte Duncan im Wagen gelassen. Er wusste ja, dass mit dem Kriegsgott nicht zu scherzen war, wenn man seine Regeln brach. Konnte ja sein, dass Raiden auch noch um die Ecke bog. Allerdings auf eine Pistole hatte er nicht verzichtet. Sie steckte griffbereit in seinem Hosenbund.

Im nächsten Moment wurde die Tür leise geöffnet.

Charlene, ma chére. Ich bin es, Maman. Komm, wir gehen. Ich habe gehört, dass dieser MacLeod dich hier festhält.“ Die Tür ging auf und Clarice Grant sah sich besagtem MacLeod gegenüber, der das Buch zuschlug und es wieder auf den Nachttisch legte.
Guten Abend, Clarice. Charlie ist nicht hier. Ich kann Ihnen aber versichern, sie ist freiwillig hier und es geht ihr gut. Kommen Sie rein und lassen Sie uns reden.“ Er deutete auf den Stuhl an der Wand. Clarice Grant wollte gerade einen Schritt zurück machen, als sie gegen etwas Hartes prallte. Sie drehte sich um und sah sich Methos gegenüber.
War ja klar, Ihresgleichen ist ja in letzter Zeit immer zu Zweit unterwegs“, brachte sie verächtlich hervor, während Methos sie in das Zimmer schubste und leise die Tür schloss.
Was wollen Sie, MacLeod?“ fragte sie und setzte sich elegant auf den Stuhl.
Wir wollen wissen, warum Sie das Gebäude in die Luft gejagt haben.“ Sie lachte.
Können Sie sich das nicht denken, MacLeod... Ah, Sie wollen ein Geständnis von mir, habe ich Recht? Am besten eins, das mich für lange Zeit hinter Gitter bringt. Aber da kann ich immer noch erzählen, was Sie und der Lange für Wesen sind.“ Methos überhörte die Beleidigung und setzte sich neben Duncan auf das Bett.
Wir haben Zeit, Clarice. Charlie ist in Sicherheit, unsere Frauen sind es auch. Wir wollen nur wissen, warum Sie es getan haben.“ Methos zuckte kurz zusammen, als Duncan ihre Frauen erwähnte. Die Entschuldigung hatte ihn eine schöne Stange Geld gekostet, aber wenn es eines gab, bei dem Isis nicht widerstehen konnte, dann waren es Diamanten. Er hatte ihr glaubhaft versichert, dass die Affäre während ihrer länger andauernden Trennung statt gefunden hatte. Und da die Diamanten groß genug waren, war Isis auch großherzig und verzieh Methos den kleinen Ausrutscher, wie er es nannte. Sie wusste ja, dass Methos nicht ohne sie konnte und diese gelegentlichen Eskapaden mit Sterblichen nichts zu bedeuten hatten für ihre unsterbliche Liebe.
Adam, wärst du so freundlich und holst Mademoiselle Thoma? Ich denke, Clarice ist gleich soweit.“ Methos nickte und machte sich auf den Weg zum Parkplatz.

Duncan schaltete das Mikrofon aus, in dem Moment als Methos zur Tür raus war.
So und jetzt reden wir mal Klartext, Clarice.“ Er zückte die Waffe, drehte in aller Seelenruhe einen Schalldämpfer drauf und zielte damit auf Clarices Brust, die sich mit einem Mal nervös hob und senkte. „Ich habe kein Problem, Sie hier und jetzt zu erschießen. Ich kenne einen kleinen abgelegenen Friedhof, da finden wir ein ruhiges Plätzchen für Sie. Charlie wird nie erfahren, was aus ihrer Mutter geworden ist. Oder aber Sie liefern ein Geständnis ab, das die Unsterblichen und die Beobachter aus allem raushält, dann sorgt die nette Polizistin, die gleich mit Methos wieder reinkommt, dafür, dass Sie in eines der besseren Gefängnisse kommen. Lebenslänglich, aber mit gewissen Annehmlichkeiten. Sie haben eine Minute.“ Er sah auf die Uhr und wartete. Clarice fing an zu schwitzen. Ihr Auftraggeber hatte nicht erwähnt, dass dieser Unsterbliche ein skrupelloser Mörder war. Wobei sie sich das hätte denken können, immerhin hatte er ja auch ihre Tochter ermordet, um sie in eines dieser Dinger zu verwandeln. Wenn sie sich verhaften ließ, würde ihr Boss sie sicher aus dem Gefängnis rausholen und sie konnte es zu Ende bringen.
Also gut, Ich habe den Anschlag verübt, weil man mich entlassen hat, ohne Anspruch auf Pension. Ich war so wütend und wollte mich an meinen Vorgesetzten rächen. Sind Sie zufrieden, MacLeod?“ Er nickte. Er hatte geahnt, dass Clarice angesichts der Drohnung einknicken würde und das Mikrofon gerade rechtzeitig wieder eingeschaltet, um ihr Geständnis aufzuzeichnen. Anhand der Aussage würde sie wahrscheinlich in eine geschlossene Anstalt kommen, weil sie nicht schuldfähig war. Sollte sie dort etwas von Unsterblichen faseln und Schwertkämpfen, würde sie sicher nie mehr rauskommen. Umso besser für die MacLeods.

Duncan stand auf und steckte seine Waffe hinten in den Hosenbund und zog seinen Mantel an. Im nächsten Moment ging die Tür auf und Methos gefolgt von Julie Thoma und einigen uniformierten Polizisten betraten das Zimmer.

Danke, Monsieur MacLeod, wir übernehmen jetzt. Halten Sie und Monsieur Pierson sich bitte in den nächsten Tagen für eine Aussage bereit. Und Monsieur Pierson, Gruß an die Gemahlin.“ Diese kleine Spitze hatte Julie sich nicht verkneifen können. Methos hob die Hand und setzte gerade zu einer Erwiderung an, aber Duncan packte ihn am Genick und schob ihn an den Polizisten vorbei zur Tür raus.
Sag lieber nichts mehr, Monsieur Pierson, und fahr schön heim zu deiner Gemahlin.“

 

Draußen auf dem Parkplatz drehten sie sich noch einmal zum Klostergelände um. Der Mond brach durch die Wolkendecke und hüllte es in ein fast mystisches Licht.

Und denkst du, wir sind sie los, MacLeod?“ Duncan lehnte sich an seinen Wagen und grübelte kurz.
Ich vermute, sie wird in nächster Zeit mit einigen Herren in weißen Kitteln reden müssen und wenn sie dann von Schwertkämpfen und Unsterblichen anfängt, dann denke ich, werden wir sie für eine lange, lange Zeit nicht mehr wieder sehen.“
Ja, sie ist total durchgeknallt, wenn ich das mal so als jemand vom Fach sagen darf.“ Duncan schüttelte grinsend den Kopf.
Methos, du warst vor über 200 Jahren Arzt, reite doch nicht immer auf diesen alten Geschichten rum. Jeder, der nur ein bisschen gesunden Menschenverstand hat, erkennt, dass Clarice Grant total gestört ist. Die Beobachter sollten ihre Aufnahmestatuten überdenken. Sie war nicht die erste Psychopathin, die sich da eingenistet hat.“ Methos nickte traurig, beide dachten sofort an Darius, der James Hortons Wahnsinn zum Opfer gefallen war.
Ja, du hast Recht. Ich werde es Matthieu vorschlagen, vielleicht hört er auf mich, nachdem ich einigen der Beobachter das Leben gerettet habe. Und jetzt sollten wir fahren, ich setze dich am Hausboot ab. Hast du noch ein paar Bier für mich, bevor ich mich meinem ganz persönlichen Inquisitionsgericht stellen muss?“ Duncan versuchte das Lachen zu unterdrücken, was ihm nur schwer gelang. „Was? Glaubst du, die Diamanten hätten alles gut gemacht? Da kennst du aber Isis schlecht. Jetzt kommen die berühmten Ws? Wo, wann, wie oft, wer hat uns gesehen? Das hab ich den 4.000 Jahren unserer Ehe schon so oft durch gemacht. Ich bin ja nicht das erste Mal untreu gewesen. Na ja, nicht so richtig, wir waren getrennt. Aber... Ach, ist ja auch egal. Es ist einfach kompliziert mit Isis. Ich kann nicht mit ihr und auch nicht ohne sie. Aber diese Fragen von ihr, wenn mal wieder ein kleiner Ausrutscher ans Tageslicht gekommen ist... Glaub mir, das erträgt man in nüchternem Zustand nicht, dann flehe ich wahrscheinlich direkt wieder, dass mir jemand den Kopf abschlägt.“ In dem Moment wurde Clarice Grant an ihnen vorbei mit Handschellen gefesselt abgeführt.
Können Sie haben, Adam Pierson! Ich komme wieder! Und dann werde ich Ihnen Ihren Wunsch gerne erfüllen!“ Duncan warf Methos die Autoschlüssel zu, stieg selbst auf der Beifahrerseite ein und hoffte inständig, dass sie so schnell nicht wieder auf der Matte stehen würde.

 

 

8. Sichere Gefilde

 

Frankreich, Paris, Duncans Hausboot, am nächsten Tag.
Duncan saß an seinem Schreibtisch und las sich interessiert verschiedene Immobilien-Angebote durch, die per Mail reingekommen waren, als er spürte, dass er nicht mehr alleine war. Er hob den Kopf und erkannte, dass seine Frau auf der Treppe stand. Sie trug Jeans, einen braunen Trenchcoat und hatte die Haare unter einem grauen Filzhut hochgesteckt. Unter ihrem Mantel blitzte ihr Schwert hervor. Auch eine Göttin musste anscheinend allzeit bereit sein.

Darf ich reinkommen?“ fragte sie. So schüchtern kannte er Micky sonst gar nicht.
Es ist auch dein Zuhause, Comtesse. Natürlich.“ Erleichtert lächelnd trat sie näher, legte Hut, Mantel und Schwert ab. Sie kam um den antiken Schreibtisch herum und küsste Duncan auf die Wange.
Was ist das?“ fragte sie erstaunt, als sie über Duncan gebeugt auf dem Bildschirm Fotos von hübschen, kleinen Häusern inmitten von Bergen sah, in denen sie zurecht die Highlands vermutete.
Kaufobjekte in und um Glenfinnan. Ich muss mal hier raus, mo cridhe. Ich brauche einen Rückzugsort außerhalb von Frankreich.“ Micky trat erschrocken einen Schritt zurück.
Willst du mich verlassen, wegen dem was mir widerfahren ist?“ Er sprang auf und packte sie fest am Arm.
Schwachsinn! Ich verlasse dich nicht. Ich habe dir gerade erklärt, dass ich einen Rückzugsort brauche. Es war alles etwas viel in den letzten Jahren und ganz besonders in den letzten Monaten. Genevièves Tod hat mich mehr erschüttert, als ich mir zunächst eingestanden habe und dann noch deine... Veränderung. Das muss ich auch erstmal verdauen. Ich habe Rachel angerufen und gesagt, dass ich Land in der Heimat kaufen möchte. Ein kleines Haus mit einem entsprechenden Grundstück. Am liebsten in Glenfinnan. Als wir zuletzt dort waren, habe ich zum ersten Mal seit langem so etwas wie Frieden verspürt. Kannst du das nicht verstehen?“ Sie nickte, und wie sie das konnte. Doch vor der nächsten Frage hatte sie Angst.
Nimmst du mich mit, wenn du ein Haus gefunden hast? Bis zum Endkampf? Trainierst du mit mir? Hilfst du mir mit den Stimmen in meinem Kopf klar zu kommen?“ Duncan sah sie kurz ernst an, dann zog er sie fest an sich und küsste sie. Er legte all seine Leidenschaft und seine Liebe in diesen Kuss, um ihr klar zu machen, dass er noch immer fest an ihrer Seite stand und zu ihr hielt. Egal, was noch auf sie zukommen würde.
Beantwortet das deine Frage, mo cridhe? Ich habe geschworen, dir immer beizustehen. Das gilt auch für diesen verflixten Endkampf. Aber ich brauche Abstand von alldem hier. Mit der Galerie kommt Richie gut alleine klar. Und ehrlich gesagt, im Moment möchte ich auch Methos nicht sehen. Nicht nach allem, was ich in der letzten Zeit über ihn erfahren habe. Connor möchte ich bitten uns zu begleiten. Aber nur ihn.“ Sie nickte, wenn auch leicht zögerlich. Sie war nicht wirklich begeistert, dass ausgerechnet Connor sie nach Glenfinnan begleiten sollte. An jeden anderen Ort, wo sie weniger mit Connor verband. Aber das wollte sie Duncan gegenüber nicht zugeben. Also schluckte sie ihre Ressentiments runter. Ohne lange zu überlegen, nutzte sie den friedlichen Moment, ergriff Duncans Hand und blickte bedeutungsvoll zu der Empore, auf der ihr Futonbett stand. Duncan klappte seinen Laptop zu und ließ sich bereitwillig mitziehen...

 

Micky saß in einen cremefarbenen Seidenkimono gehüllt auf Duncans Schoß und studierte mit ihm die Immobilienangebote.

Das ist hübsch“, meinte sie und zeigte auf ein kleines Cottage unweit der Gräber seiner Eltern und seiner übrigen Vorfahren. Es lag auch nicht allzu weit entfernt vom Pub und den paar Geschäften, die es im Dorf gab.
Ja, das ist auch mein Favorit. Soll ich Rachel sagen, sie soll den Kauf klar machen oder willst du es vorher sehen?“ Sie schüttelte den Kopf.
Mach es klar, dann packen wir die Koffer. Ich will hier weg... So schnell wie möglich. Ich weiß nicht, wie lange die Ruhe vor dem Sturm noch andauern wird. Keine Ahnung, wie das abläuft, ob Kyle Einladungskärtchen zum Göttertreffen verschickt. Aber wenn er erstmal nicht weiß, wo wir sind, ist das vielleicht gar nicht schlecht.“ Duncan lachte bitter auf, während er eine E-Mail an seine Cousine schrieb.Meinst du ernsthaft, er weiß nicht, was du und Methos tut zu jeder Minute des Tages?“ Micky warf einen Blick hinüber zum Bett.
Zu jeder Minute? Dann hat er vorhin hoffentlich rote Ohren bekommen“, kicherte sie albern. „Aber Spaß beiseite. Ich habe keine Ahnung, wie das ablaufen wird. Noch haben Amanda und Isis Rhea nicht gefunden. Aber ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir alle nach Wittmore Castle müssen. Er wird uns irgendwie rufen. Ich glaube nicht, dass auch nur einer von uns eine Wahl hat. Methos und ich werden ihm deutlich sagen, dass wir gegen ihn und seine Pläne sind. Und dann wird es zum Kampf kommen. Methos gegen Kyle, ich gegen Raiden. Und ich hoffe immer noch, dass Rhea oder Brigid oder beide auf unserer Seite sind. Damit Isis gar nicht erst antreten muss...“ Duncan bezweifelte, dass Adam Lees Schwester sich ihnen anschließen würde, nachdem Micky ihren Bruder getötet hatte. Er bezweifelte auch, dass sie ihren Beteuerungen zuhören würde, sie hätte keine Wahl gehabt und Adam hätte sie dazu gezwungen.

 

 

Schottland, Glenfinnan, an den Ufern des Loch Shiel, zwei Wochen später bei Morgengrauen.
Micky saß bekleidet mit ihrer warmen Fliegerjacke, Reiterhosen und Stiefeln auf einer breiten Decke und beobachtete, wie die Sonne hinter den Bergen allmählich hervorkam und es auf der Oberfläche des Loch Shiel zu funkeln begann, als hätte jemand tausende kleine Diamanten hinein geworfen.

Bereits seit Stunden wärmte sie ein kleines Feuer, in der Nähe graste ihr neues Pferd Silvermoon.

Die Stimmen in ihrem Kopf hatten sie mitten in der Nacht aus dem Bett vertrieben. Sie hatte gehofft, in der Abgeschiedenheit der Highlands, wo sie die meiste Zeit glücklich und zufrieden gewesen war, würde sie zur Ruhe kommen. Doch das Gegenteil war der Fall. Hier, wo sie keine wirkliche Aufgabe hatte, außer zu trainieren und sich auf den Endkampf mit Raiden vorzubereiten, ließen die Stimmen ihr kaum einen friedlichen Augenblick. Micky vermutete, dass auch ihre geographische Nähe zu Kyle ein Übriges tat. Sie konnte seine Gegenwart förmlich spüren. Immer öfter, wenn sie ihre Gedanken schweifen ließ, verstummten die Stimmen ihrer und Adams getöteter Gegner und sie hörte ganz deutliche seine Stimme, die nach ihr rief. Die sie bereits jetzt nach Wittmore Castle zu locken versuchte.

 

Mit einem Mal spürte Micky, dass sie nicht länger alleine war. Sie drehte sich um und erwartete ihren Ehemann zu sehen, der ihre Abwesenheit im Bett bemerkt hatte. Überrascht erkannte sie, dass sie sich geirrt hatte.

Connor, was tust du in dieser Herrgottsfrühe hier?“ Connor MacLeod führte sein neues Pferd am Zügel. Alle drei hatten sich kurz nach ihrer Ankunft ein eigenes Reitpferd zugelegt, was neben einem guten Jeep in den Highlands das wichtigste Fortbewegungsmittel war.

Nachdem er es neben Silvermoon angebunden hatte, ging er zu Micky und setzte sich an das wärmende Feuer und warf ein paar dickere Äste rein, um es wieder neu zu entfachen. Funken stoben in die Luft, wirbelten kurz umher und verglühten dann.

Dito, Michelle. Dasselbe könnte ich dich fragen. Was ist los mit dir? Du hast dich verändert. Seit du mit Duncan und Methos aus Rom zurückgekommen bist, würde es selbst einem Blinden auffallen. Du schläfst wenig, isst noch weniger, beim Training bist du abgelenkt. Und du schaust mir nicht mehr in die Augen...“ Micky drehte den Kopf, sie wusste nicht, ob sie Connor einweihen durfte über ihren Zustand. Und eigentlich wollte sie es auch nicht. Er war einer der wenigen Menschen, dessen Achtung ihr immer so wichtig gewesen war. Auch nach all der teils schlimmen Dinge, die sie gemeinsam erlebt hatten. Was würde er von ihr denken, wenn er wüsste, was sie inzwischen geworden war?
Denkst du du manchmal an unsere gemeinsame Zeit hier zurück?“ fragte er Micky. Connor war ernsthaft in Sorge um sie. Irgendwie musste er herausbekommen, was mit ihr los war. Da sie nicht reagierte, setzte er noch eins drauf. „Bist du glücklich, Michelle? Du wirkst seit einiger Zeit nicht mehr so. Macht die Ehe mit meinem Cousin dich noch glücklich?“ Micky schnappte empört nach Luft.
Findest du nicht, Connor MacLeod, dass gerade von dir diese Frage eher unangemessen ist? Wenn man unsere gemeinsame Zeit bedenkt?“ Zur Antwort schüttelte er mit dem Kopf.
Genau aus dem Grund denke ich, dass ich mehr als jeder andere außer vielleicht noch Methos das Recht habe diese Frage zu stellen. Also, wie lautet die Antwort?“ Wütend warf sie einen Stock ins Feuer, mit dem sie bis eben noch in der Glut herumgestochert hatte.
Ja, verdammt. Ich bin noch glücklich mit Duncan. Er würde für mich töten und für mich sterben, was er vor gar nicht langer Zeit genau hier bewiesen hat. Und ich würde es auch. Es ist die ganze Situation, die mich so fertig macht und das, was mit mir passiert ist. Ich... Und mehr kann ich dir nicht erklären...“ Sie stand auf, noch immer ohne Connor anzusehen und ging mit einem flachen Stein in der Hand zum Wasser, wo sie ihn kraftvoll fortschleuderte. Sofort nach dem Aufprall bildeteten sich die ersten ringförmigen Wellenlinien und dehnten sich immer weiter aus.
Nach der Rechnung der Sterblichen haben wir mehr oder minder ein ganzes Leben miteinander verbracht, Michelle. Also stoß mich nicht von dir. Ich will dir helfen, verstehst du?“ Auch er hatte einen Stein geworfen, der sich mit Michelles Wellenlinien verband und noch stärkere hervorbrachte. Gemeinsam sind wir stark, dachte Micky bitter. Aber waren sie das wirklich? Kyle hatte bisher ihre familiären Bindungen eher gegen sie eingesetzt. Methos und Connor hatte er die geliebte Frau genommen und ihr die einzige Tochter.
Bevor ich auch nur in Erwägung ziehe, ob ich dir alles erzähle, muss ich mit Darius reden. Reiten wir zur Kirche.“

 

Schottland, Glennfinnan, die Church of our Lady and St. Finnan, wenig später.
Dieses Mal war Micky nicht so wütend, eher ängstlich und besorgt, als sie die kleine Kirche unweit von Rachels Pub betrat. Connor folgte ihr mit gewissem Abstand und setzte sich geduldig wartend in die hinterste Reihe. Er hatte keine Ahnung, welches in ihren Augen schreckliche Geheimnis Michelle mit sich rumtrug und warum sie vorher mit Darius darüber sprechen musste, bevor sie sich ihm anvertrauen konnte.

Micky nahm in der ersten Reihe Platz und konzentrierte sich. Sie schloss die Augen.
Darius, ich muss mit dir sprechen.“ In diesem Augenblick kam wieder der alte Priester aus seinem Studierzimmer geschlurft. Als er in Micky die Frau erkannte, die vor einiger Zeit in seiner Kirche laut geflucht und Selbstgespräche geführt hatte, erstarrte er leicht erschrocken mitten in der Bewegung. Schließlich drehte er sich kopfschüttelnd auf dem Absatz um und ging in seine Küche, um noch einen Kaffee zu trinken. Die Sorgen dieser Frau überließ er dann doch lieber seinem Boss persönlich.

Connors Gedanken schweiften ab. Zurück in die Zeit, als er der Mann an Michelles Seite gewesen war. Er konnte sich gut daran erinnern, wie sie sich nach der Schlacht von Waterloo um seine Wunden gekümmert hatte. Die körperlichen, aber auch die Wunden in seiner Seele. Selbst einen Highlandschotten, der schon viele Schlachten geschlagen hatte, ließ ein Krieg im Herzen nicht unberührt. Fast 30 Jahre hatte er hier in Glefinnan nach Napoleons Absetzung mit Michelle in Frieden gelebt. Er hatte eine Schmiede betrieben und sie eine kleine Dorfschule. Er musste Rachel unbedingt fragen, ob es noch Aufzeichnungen oder zumindest Geschichten über den Schmied Connor MacLeod und seine hübsche französische Frau gab, die aus heiterem Himmel aufgetaucht waren und sich hier niedergelassen hatten. Sie waren glücklich gewesen bis zu jenem schicksalhaften Tag...

 

 

Schottland, Glenfinnan, 14. Februar 1844.
Connor MacLeod rutschte nervös auf dem unbequemen Holzstuhl hin und her und warf immer wieder besorgte Blicke zur Anklagebank, wo Michelle saß. In Ketten. Dem Richter warf sie wütende und fast trotzige Blicke zu, als er seine Ansprache hielt. Connor fragte sich, ob Michelle sich der Gefahren nicht bewusst war. Hexen wurden verbrannt, im besten Fall ertränkt. Letzteres würde nur unangenehm für Michelle werden, aber eine Verbrennung, das konnte sie den Verstand kosten. Connor hatte bereits auf seinen vielen Reisen gehört, dass dem einen oder anderen Unsterblichen leider dieses barbarische Schicksal zuteil geworden war.

Dann wurde das Urteil verkündet. Connor konnte nicht glauben, was er da gerade gehört hatte. Der ehrenwerte Richter Rupert Murtaugh hatte Michelle der Hexerei für schuldig befunden. Nur weil eine eifersüchtige Dorfbewohnerin ein Auge auf ihn geworfen hatte. Es war doch nicht zu fassen. Dabei hatte er dieser Jenny Fraiser deutlich zu verstehen gegeben, dass sein Herz bereits vergeben war. Michelle hatte klugerweise den Namen MacLeod angenommen, obwohl sie im eigentlichen Sinne gar nicht verheiratet waren. Das wussten aber die übrigen Bewohner Glenfinnans nicht. Connor hatte in seiner Schmiede sogar der Formhalber einen Ehering geschmiedet, der natürlich nicht gesegnet war. Aber auch das wussten nur er und Michelle. Daher konnte Connor sich nicht erklären, wieso diese Miss Fraiser, die so gar nicht sein Typ war, so unerbittlich hinter ihm her war, wie der Teufel hinter der armen Seele. Da Connor aber ihren Avancen nicht nachgab, fing Miss Fraiser an unverblümt Lügen über die Lehrerin Mrs. MacLeod zu verbreiten. Sie würde Zaubertränke anrühren und wenn ihr Ehemann nicht im Dorf weilte mit dem Teufel gemeinsame Sache treiben.

Gestern war Connor von einer längeren Reise aus Inverness zurückgekehrt und hatte feststellen müssen, dass Michelle nicht zuhause sondern im Gefängnis war und ihr der Prozess wegen Hexerei gemacht werden sollte.

Als er nun das Urteil gehört hatte, war ihm klar, dass ihre gemeinsame Zeit ein jähes Ende nehmen würde. Einst am Heiligen Abend im Jahre des Herrn 1635 hatte sie ihn gerettet, weil ein paar englische Soldaten ihn als Pferdedieb aufknüpfen wollten. 1789 hatte Henry LaPorte sein Leben für ihn und Michelle gegeben. Zeit etwas gut zu machen und die Schuld ein klein wenig zu verringen, die auf ihm lastete.

Connor musste sich beeilen und konnte nur hoffen, dass sie die Verbrennung erst für den nächsten Tag planten. Bereits 1530 in Marseille wäre Michelle fast als Hexe verbrannt worden, weil ihr früherer Verlobter Maximillian Porté, der gleichzeitig ihr Mörder gewesen war, sie dummerweise erkannt hatte. Er hatte zwar erst seinen Augen nicht getraut, als sie im Hafen von Bord eines Schiffes ging, mit dem sie aus China in ihre Heimat zurückgekehrt war. Doch dann hatte er sofort das lebensgefährliche Wort „Hexe“ quer über den Hafen gebrüllt. Und nur die zufällige Begegnung mit Michel de Notredame hatte ihr seinerzeit das Leben gerettet. Heute oblag diese Aufgabe Connor.

Er ignorierte alle Bekannten, die ihn ansprachen und verließ eiligst das Gerichtsgebäude. Sollten sie von ihm denken, was sie wollten. Es war nicht länger wichtig. Das Leben in Glenfinnan war für Connor und Michelle für mindestens eine Generation vorüber.

 

Schottland, Glenfinnan, die Church of our Lady and St. Finnan, die Gegenwart.
Connor blickte auf und sah, dass Michelle mit ihrem Geistberater sprach. Darius' Gestalt leuchtete bläulich, seine nachdrücklichen Worte unterstrich er mit den Händen. Sie flüsterten, Connor konnte ihre Worte nicht verstehen, ahnte aber, dass er hier störte. Daher stand er auf und verließ leise die Kirche. Ein Blick auf seine Rolex sagte ihm, dass er bei seiner Cousine zu einem frühen Frühstück einfallen konnte. Rachel MacLeod war wohl eher eine Lerche und stand meistens mit den ersten Sonnenstrahlen auf, obwohl sie tagtäglich bis spät in die Nacht die Bewohner Glenfinnans mit Ale, gutem Whiskey und netten Worten bewirtete.

Schwungvoll öffnete er einige Minuten später die Tür zum Pub und entdeckte zu seiner Überraschung seinen Cousin, der wohl die gleiche Eingebung gehabt hatte und sich bereits ein gutes, schottisches Frühstück schmecken ließ.

 

Guten Morgen, Duncan, guten Morgen, Cousine Rachel“, begrüßte er die beiden fröhlich.
Duncan legte seine Gabel hin und drehte sich langsam um.

Gehe ich recht in der Annahme, dass du dich im Morgengrauen mit meiner Frau rumgetrieben hast, Connor?“ Dieser hob sofort abwehrend die Hände, während er an die Theke trat.
Ich habe mich gewiss nicht rumgetrieben. Ich bin ausgeritten. Himmel, was habe ich das vermisst, einfach so ein Pferd satteln und durch die Highlands galoppieren. Und deine Frau habe ich zufällig vorhin am Loch Shiel gefunden. Sie schien da schon eine ganze Weile zu sitzen. Ich wollte wissen, was mit ihr los ist. Sie ist mit nichts rausgerückt. Irgendwann meinte sie, sie müsste vorher mit Darius reden. Das tut sie jetzt. Und ich habe Hunger bekommen. Und außerdem wollte ich Cousine Rachel etwas fragen...“
Und was wolltest du mich fragen, Connor?“ Rachel stellte ihm das gleiche Frühstück vor die Nase, dem sich nun auch wieder Duncan widmete.
Du kennst dich doch gut mit den hiesigen Legenden und der Geschichte der MacLeods aus...“ Sie nickte zustimmend. Sie war mit den Sagen um die MacLeods, besonders um die von Duncan und Kanwulf groß geworden. „Kannst du dich an einen MacLeod erinnern, der mit einer Französin hier gelebt hat im 19. Jahrhundert? Er war der hießige Schmied, sie die Dorflehrerin.“ Duncan wurde hellhörig. Er wusste, dass Micky einige Jahre mit Connor hier gelebt hatte. Allerdings kannte er keine Details und wunderte sich, warum Connor ausgerechnet jetzt damit anfing. Rachel überlegte und polierte in der Zwischenzeit die Theke. Dann holte sie Gläser hervor und polierte diese.
Aye, ich erinnere mich. Ein Ehepaar MacLeod lebte gut dreißig Jahre hier. Müssten so in in eurem Alter gewesen sein. Manche Leute wunderten sich über ihre gute Gesundheit. Sie waren angeblich nie krank, schienen nicht zu altern, bekamen aber keine Kinder... Und eines Nachts nach einem unschönen Prozess, wie sie damals leider an der Tagesordnung waren, verschwand das Ehepaar... Man munkelte, der Teufel hätte sie geholt.“ Sie bekam große Augen, ebenso wie Duncan, der sich an seinem Rührei verschluckte.
Ehe...Ehepaar“, hustete er und spülte die Krümel mit Orangensaft runter. Connor hob verteidigend die Hände.
Es ist nicht so, wie es klingt, Duncan! Ehrlich. Wir waren nicht richtig verheiratet, nur sozusagen.“ Duncan legte sachte seine Gabel ab, stand auf und trat dich an seinen Cousin heran. Sein Zeigefinger bohrte sich schmerzhaft in Connors Brust, ebenso wie seine Blicke.
Wie kann man nur sozusagen verheiratet sein?!“ grollte er.
Na ja, ich habe ihr einen schon Antrag gemacht, wie sich das gehört. Mit Kniefall, Blumen und allem drum und dran.“
Und was hat sie gemacht?“ Duncan war immer noch verärgert, aber auch äußerst interessiert an der Antwort. Connor schob Duncans Finger von seiner Brust weg und kratzte sich verlegen am Kopf.Sie hat mich ausgelacht“, gestand er schließlich kleinlaut. Duncan blickte ihn kurz irritiert an und lachte dann selbst lautstark los. Er konnte sich die Szene so richtig vorstellen. „Nicht lustig, Duncan.“
Oh doch, ich sehe Michelle richtig vor mir, wie sie dich abblitzen lässt. Aber ich verstehe nicht, wieso die Leute hier dachten, ihr wärt verheiratet. Das musst du uns schon genauer erklären.“
Sie hat gesagt, sie würde mit mir leben, eine Zeitlang zumindest, aber nicht bis zum Ende aller Tage. Also hat sie meinen Namen angenommen und als ich meine Schmiede aufgemacht hatte, wurde aus dem ersten Stück Silber, das ich in die Finger bekam ein vermeintlicher Ehering. Wir hatten 1815! Die Leute hätten uns nie in Ruhe gelassen... Du weißt doch, wie das damals war, wir hätten in Sünde gelebt in den Augen der Kirche und der anderen Dorfbewohner. Alles wäre noch viel früher eskaliert, wenn sie es auch nur geahnt hätten. Und ich hätte keine Ruhe vor den anderen Frauen im Dorf gehabt. Na ja, eine Frau hat leider auch das nicht abgehalten mir nachzustellen. Ihr Name war Jenny Fraiser.“ Rachel und Duncan horchten auf. „Aye, ich vermute, sie war die Ur-Ur-Ur-Ur-Großmutter von der guten alten Mrs. Fraiser gegenüber.“
Aber wie kommst du ausgerechnet jetzt auf diese Geschichte?“
Es kam zu einem... sagen wir mal, unschönen Vorfall Dank Mistress Fraiser. Jenem Prozess, den Rachel eben erwähnt hat. Michelle sollte als Hexe verbrannt werden. Und danach, nun ja, sie hat sich danach ungefähr so verhalten wie im Moment. Wahrscheinlich ist es mir deswegen wieder eingefallen...“

 

Schottland, Glenfinnan, die Nacht des 15. Februar 1844.
Connor hatte eiligst die wichtigsten Dinge für ihre Flucht zusammengepackt, ihre Schwerter, Geld, Kleidung. Alles was sie dringend brauchten, um irgendwo anders wieder von vorne anzufangen.

Die Pferde warteten in den Wäldern außerhalb von Glenfinnan auf sie. Zu Fuß schlich er durch die mondlose, kalte Nacht, stets darauf bedacht, die Wachen nicht zu früh auf sich aufmerksam zu machen.

Als er das kleine Gefängnis erreicht hatte, nahm er einen Stein und warf ihn Richtung Kirche. Er hatte wohl eine Eule getroffen, die erschrocken aufheulte und davon flog. Also warf er einen weiteren Stein. Dieses Mal traf er unabsichtlich ein Kirchenfenster. Das Klirren reichte aber aus, um die Wachen fortzulocken.

Schnell und geduckt rannte Connor auf das Gebäude zu. Er warf einen Blick durch das vergitterte Fenster und sah Michelle zusammengekrümmt auf dem dreckigen Stroh liegen. Ihr Kleid hing in Fetzen an ihr herunter und bedeckte kaum, was es eigentlich verhüllen sollte.

Glücklicherweise waren die Wärter nicht die intelligentesten Bewohner Glenfinnans gewesen, sie hatten den Schlüssel zur Zelle an der Wand hängen lassen.

Mit wenigen Schritten war Connor bei Michelle. Er zog seinen Umhang aus und legte ihn ihr um die Schultern.

Da ihr bereits nach wenigen Schritten die Beine wegknickten, hob Connor Michelle auf seine starken Arme und trug sie in den nahegelegenen Wald, wo ihre Pferde geduldig warteten. Michelle sprach auf dem Weg dorthin kein Wort und sah ihn nicht an.

 

Der Weg führte sie vorbei am Denkmal des Highlanders. Connor warf einen traurigen Blick darauf. Ein Sinnbild für sinnloses Blutvergießen und blinde Treue zu einem unfähigen Prinzen. So sah es zumindest Connor, der sich zwar damals an der Schlacht beteiligt, aber den Ausgang bereits vorausgeahnt hatte.
Noch war das Mahnmal unvollendet. Ein Mann namens Ian MacDonald aus Glanaladale hatte vor Kurzem mit dem Bau begonnen. Sein Großvater war wie so viele Schotten in der Schlacht von Culloden gestorben. Als Baumaterial verwendete MacDonald die Cairns, jene Steinpyramiden, die der Toten aus der Schlacht gedachten. Vor der Schlacht hatte jeder Schotte, der sich unter dem Banner von Bonnie Prince Charlie für ein freies Schottland zusammenschloss einen Stein an der Stelle niedergelegt, wo ihr Prinz am 19.8.1745 die Clans gegen England zusammengetrommelt hatte. Die wenigen, die überlebt hatten, holten sich einen Stein von den Steinpyramiden weg. Es blieben leider mehr als genug übrig, um das Denkmal zu errichten.


 

Endlich hatten sie die kleine Lichtung erreicht, an der Connor die Pferde und ihr Gepäck zurückgelassen hatte. Sanft stellte er Michelle auf die Füße und strich ihr eine lose Strähne aus dem schmutzigen Gesicht. Trotz der Torturen, die sie durch seine Landsleute erduldet hatte, strahlte sie immer noch eine herrschaftliche Würde aus, wie es nur eine französische Comtesse konnte.

Im nächsten Moment schlug sie ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. Connor hatte den Schlag kommen sehen, ihn aber nicht abgewehrt.

Erst als er ihr auf das Pferd geholfen hatte, sah sie ihn kurz an, Tränen brannten in ihren Augen. Die Wunden, die man ihr zugefügt hatte, verblassten bereits wieder durch die Belebung. Ihre Hände zitterten, als sie den vermeintlichen Ehering vom Finger zog und ihn vor Connor in den Dreck warf.

Ich hoffe, Connor MacLeod, dir ist klar, dass diese sogenannte Ehe mit dem heutigen Tag beendet ist.“ Dann gab sie ihrem Pferd die Sporen und ritt davon in die Nacht.

 

Schottland, Glenfinnan, Rachels Pub, die Gegenwart.
Duncan war verblüfft über die Geschichte, die sein Cousin eben erzählt hatte. Micky hatte sich immer über ihre gemeinsame Zeit mit Connor in geheimnisvolles Schweigen gehüllt. Damals an dem Tag nach ihrem Kennenlernen in seinem Dojo beim Training hatte sie erzählt, dass Connor am Tod ihres Verlobten Henry die Schuld trug, weil dieser Connors Platz auf der Guillotine eingenommen hatte. Und Connor hatte ihm kurz darauf beteuert, dass er nie so hatte für Michelle da sein können, wie er gerne gewollt hätte. Er hatte sich damit herausgeredet, er wäre nicht sesshaft genug gewesen im Gegensatz zu Michelle. Nun verstand Duncan die wahre Bedeutung dieser Worte. Connor hatte sie heiraten wollen, sie ihn aber nicht. Er hätte für ihre Sicherheit sorgen müssen, hatte aber kläglich versagt, in dem er sie trotz der augenscheinlichen Gefahr durch eine eifersüchtige Dorfbewohnerin tagelang allein gelassen hatte. Und das zur Zeit der Hexenverfolgung. Hatte Michelle damals tief in sich geahnt, dass ihr Weg zu dem richtigen Highlander, der ihr prophezeit worden war, noch lange nicht zuende gewesen war? Wahrscheinlich hatte sie deswegen nicht in die Ehe mit Connor eingewilligt, denn Unsterbliche heirateten einander nun einmal nicht leichtfertig. Das hatte selbst Methos nach 4.000 Jahren Ehe mit Isis einsehen müssen.

Ich habe Michelle einige Monate später auf dem Festland getroffen in Paris. Sie war distanziert und schaute mir lange Zeit nicht mehr in die Augen. Und sie gab mir unmissverständlich zu verstehen, dass ich für einige Jahrzehnte oder besser Jahrhunderte aus ihrem Leben verschwinden sollte... Seit ihr aus Rom zurück gekehrt seid, sieht sie mir wieder nicht in die Augen. Es scheint so, als wolle sie etwas vor mir verbergen. Und sie wirkt so unglücklich. Zuerst dachte ich, ihr hättet Eheprobleme...“ Duncan schnappte beleidigt nach Luft. „Nein, nein. Sie hat ziemlich energisch bestätigt, dass ihr glücklich seid. Und darum verstehe ich einfach nicht, was mit ihr los ist. Was ist mit ihr passiert, Duncan? Was hat sie so verängstigt, dass sie sich von allen zurückzieht?“ Nun wendete Duncan seinen Blick ab. Ihm stand es am Wenigsten zu, seinen Cousin über das aufzuklären, was nach dem Kampf mit Adam Lee mit ihr passiert war.
Tut mir leid, Connor, aber das musst du Michelle schon selbst fragen. Ich kann nicht darüber reden. Es ist gegen die Regeln.“
Den Regeln der Zusammenkunft?“
Blödsinn, Connor. Wir wissen beide, dass die Zusammenkunft nie stattfinden wird, dass es nie enden wird, weil immer neue Unsterbliche auftauchen. Nein, es ist gegen die Regeln Derjenigen. Du weißt, mit denen ist nicht gut Kirchen essen. Das, was Michelle widerfahren ist, steht in direkter Verbindung mit Denjenigen und dem Endkampf mit Kyle. Wenn sie der Meinung ist, dass sie es dir erzählen darf, kann oder will, wird sie es schon tun. Solange sie es nicht tut, bitte mo bràthair, lass sie einfach in Ruhe.“ Connor nickte und reichte seinem Cousin versöhnlich die Hand. Duncan ergriff sie und zog Connor zu sich. „Und solltest du noch irgendwelche Geheimnisse meine Frau betreffend mit dir rumtragen, hoffe ich, dass sie nicht so pikant sind, wie eure gefakte Ehe. Ansonsten werden wir die Schwerter kreuzen, Cousin!“ Er schaute Connor bei den letzten Worten ziemlich finster an. Doch dann grinste er und Connor lachte erleichert und drückte ihn.
Mich wollte sie eh nicht für immer. Und du hattest doch immer schon mehr Glück, den größten Spaß und die schönsten Frauen. Sie gehört dir, Duncan. Du hast sie bis ans Ende der Welt.“ Was vielleicht früher über sie alle hereinbrach, als Connor bewusst war.


 

 

9. Die Macht der Erkenntnis

 

Schottland, Glenfinnan, am Morgen des selben Tages.
So du warst also mal die hiesige Lehrerin?“ rief Duncan seiner Frau entgegen, als sie aus der Kirche kam. Micky schirmte ihre Augen gegen die Morgensonne ab. Entweder waren die Tage in Schottland düster und regnerisch oder hell und herrlich warm. Heute war definitiv letzteres der Fall. Da er ahnte, dass sie nicht über die Begegnung mit Connor und das Gespräch mit Darius in der Kirche reden wollte, sprach er das Thema gar nicht erst an. Vorerst zumindest.
Ja, ich habe versucht den kleinen, wilden Schottenkindern etwas europäische Bildung zu vermitteln.“ Sie küsste ihren Mann zur Begrüßung auf die Wange. Duncan hielt sie fest, sah kurz nach links und rechts. Dann zog er Micky ganz nah zu sich, schnupperte kurz an ihrem Haar, das wie immer nach einem blumigen, aber leichten Sommerparfum duftete und küsste sie richtig. Als er sie losließ, schnappte sie grinsend nach Luft und wischte sie kokett über die leicht brennenden Lippen.
Und welche Art Bildung war das, verehrte Mrs. MacLeod? Etwa Shakespeare?“ Die spöttische Betonung ihres Nachnamens, der gleiche wie 1844, ließ sie ahnen, dass Connor ihm die ganze Geschichte erzählt hatte. Er wusste also auch schon, dass sie dem Schein nach gut 30 Jahre die Frau seines Cousins gewesen war und um ein Haar ein weiteres Mal auf dem Scheiterhaufen gelandet wäre. Da sie aber keine Blitze gesehen oder andere Spuren eines Kampfes an Duncan entdeckt hatte, schien er seinem Cousin diese pikante Enthüllung nicht übel genommen zu haben. Also ging sie nicht weiter darauf ein.
Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden, als Eure
Schulweisheit sich träumt, Horatio“, zitierte Micky wortgetreu aus „Hamlet“. Duncan legte den Arm um sie und schlenderte gemütlich über den Dorfplatz zu dem kleinen Laden von Angus MacLeod hinüber, der alle Dinge des täglichen Lebens verkaufte. „Ich war bei der Uraufführung 1603 im National Theatre in London. Allerdings inkognito. Queen Elizabeth I. war offiziell nicht sehr angetan von seinen Werken. Und da ich während dieser Zeit an ihrem Hof verkehrte, wäre das wahrscheinlich nicht sehr gut angekommen, wenn man mich erkannt hätte.“ Duncan blieb stehen und sah sie ein wenig provozierend auf seine Frau hinunter.
Aber seine Geliebte warst du nicht, oder?“ Die Tatsache hätte Duncan jetzt nicht wirklich überrascht. Micky schnaubte ein wenig beleidigt.
Himmel, Duncan, du hälst mich ja wohl für Matari oder Marilyn Monroe? Nein, ich hatte keine Affäre mit William Shakespeare. Ich war nur ein Fan seiner Werke.“
Und eine Quelle seiner Inspiration?“ Micky schlug ihm spielerisch gegen die Brust.
Nein, Duncan. Ich nicht, aber Finnigan. Er lieferte die Idee für den liebestollen Sir John Falstaff aus 'Die lustigen Weiber von Windsor'. Der gute Finn hat damals so mancher Dame die Ehe versprochen und damit geprahlt, dass er dem Königshaus nahesteht. Dass er besagte Damen aber um ihr Geld geprellt hat, war der künstlicheren Freiheit von Mr. Shakespeare geschuldet. Geld hatte Finn dank der großzügigen Apanage aus dem Königshaus mehr als genug. Als wir uns 1634 zum ersten Mal begegnet sind, konnte der Lord of Lys Airt natürlich nicht damit hinter dem Berg halten, dass er mit den Tudors verwandt und die Inspiration für besagten Sir Falstaff war.“

 

Inzwischen hatten sie Angus' Laden betreten, Micky nahm einen kleinen Korb und suchte einige Zutaten für das Mittagessen zusammen, während Duncan an die Theke ging und sich über den neuesten Dorfklatsch informierte. Der Laden war klein und übersichtlich, ließ aber kaum Wünsche offen. Und wenn etwas fehlte, griff Angus MacLeod zu seinem Laptop und bestellte es. Obwohl er bereits ein älteres Semester war, er ging auf die 60 zu, rauchte Pfeife und hatte mehr Haare an seinem Vollbart als auf seinem restlichen Kopf, hatte er keine Berührungsängste mit der Welt des Internets. Er war froh, dass die Bewohner von Glenfinnan mit ihren täglichen Bedürfnissen zu ihm kamen und nicht in das 28 Kilometer entfernte Fort William fuhren. Natürlich hätten sie auch selbst die Dinge online ordern können, die Angus nicht im Angebot hatte, aber er bot noch etwas, dass es im Internet nicht gab; die neuesten Klatsch-Geschichten aus Glenfinnan und den Nachbardörfern. Und auch mit den alten Sagen kannte er sich bestens aus. Und seit drei neue MacLeods sich hier niedergelassen hatten, wurden die Geschichten aus alten Tagen wieder ausgegraben und auch gerne mal abends im Pub zum Besten gegeben.

Es dauerte nicht lange, bis Micky alle Zutaten zusammen hatte, dann stöberte sie noch ein wenig bei den Büchern und Zeitschriften. Es gab nicht viel, was sie aus Frankreich vermisste. Ihr umfangreiche Bibliothek und die Möglichkeit jederzeit in Paris in eine Buchhandlung zu gehen, um ihren Bestand mit aktueller Literatur aufzustocken, fehlte ihr hingegen schon. Zu ihrer Freude fand sie ein paar Bücher, mit denen sie sich die Zeit vertreiben konnte. Und auch aus dem Angebot an Musik-CDs hatte Micky etwas gefunden, dass ihr hoffentlich dabei half die Stimmen in ihrem Kopf zu übertönen.

Als sie ihren Einkauf auf der Theke vor Angus ablegte, fiel diesem noch etwas ein.

Ah, Mrs. MacLeod. Ihre Bestellung aus Fort William ist eingetroffen.“ Micky strahlte freudig.
Angus, bitte zum hundersten Mal, es gibt soviele MacLeods hier. Sagen Sie einfach Micky oder Michelle, wenn Ihnen das lieber ist.“ Angus schaute verlegen zu Boden.
Aber Mrs. MacLeod. Sie sind doch die Frau von dem MacLeod. Das geht doch nicht. Ihr Mann ist doch jetzt unser Clansoberhaupt.“ Micky sah kurz irritiert zu Duncan hinüber, der nur grinsend mit den Schultern zuckte. Nachdem bekannt geworden war, dass er der Duncan MacLeod war, der seinerzeit das Dorf von dem „Dämonen“ Kanwulf befreit hatte, so wie es in den alten Geschichten jeder Generation weitererzählt worden war, hatten die Dorfbewohner ihn in einer Versammlung einstimmig zum neuen Clansoberhaupt gewählt. Faktisch bedeutete dass, das seine Nachfahren jetzt mit all ihren Problemen bei Duncan auf der Matte standen und Ratschläge und ein offenes Ohr suchten. Meistens fand seine „Sprechstunde“ abends in Rachels Pub statt bei reichlich Ale und Whiskey.
Nun gut, Angus, wenn es Sie glücklich macht, nennen Sie mich weiter Mrs. MacLeod. Ich hole die Bestellung später ab. Ich bin schon vor dem Morgengrauen ausgeritten und das“, sie zeigte auf eine Staffelei, Leinwände, Farben und weiteres Zubehör. „...kann ich meinem Pferd unmöglich zumuten. Und ich nehme an, mein Mann ist auch zu Fuß oder mit dem Pferd gekommen?“
Aye, ich bin hergejoggt, wusste ja, dass es bei Rachel ein gutes Frühstück gibt, nachdem unser Ehebett verwaist war zu solch unchristlicher Zeit.“ Micky boxte Duncan in die Seite, die er sich sogleich theatralisch massierte, und warf ihm einen tadelnden Blick zu.
Also... Ähm, wo waren wir? Ach ja, ich bezahle schon einmal alles und später holen ich oder mein Mann die Malsachen ab, Angus.“ Er nickte einverstanden und gab Micky ihr Wechselgeld zurück.


 

Sie hatten den Laden verlassen und gingen in Richtung der Kirche, wo Silvermoon immer noch friedlich graste, da konnte Micky nicht mehr an sich halten und lachte los.

Ich konnte es ja nicht glauben, als du mir letztens erzählt hast, dass du jetzt der MacLeod bist. Aber da Angus ja beinahe über die Theke gefallen wäre, während er versuchte ehrfürchtig einen Diener zu machen, muss es wohl stimmen. Mein Mann, der Clanschef. Na dann, MacLeod, lauf mal schön nach Hause und nimm das hier bitte mit“, sie hielt ihm die Tüten mit den Einkäufen entgegen. „Ich reite noch ein wenig am Loch Shiel entlang.“ Sie wollte gerade aufsitzen, als Duncan sie am Arm festhielt.
Was hat Darius gesagt? Schuldest du Connor nicht noch eine Erklärung?“ Micky versuchte sich seinem Griff zu entwinden.
Ich habe mich schon gefragt, wann es zur Sprache kommt.... Au, lass mich los, das tut weh.“ Er lockerte seinen Griff, stellte sich aber herausfordernd zwischen sie und Silvermoon. Micky schnaubte ungehalten. „Er hat gesagt, es sei meine Entscheidung, da ich ja jetzt.... du weißt schon...“ Sie konnte und wollte das Wort nicht mehr aussprechen. Sie war Micky MacLeod, verdammt noch mal und nicht die Göttin des Todes. Das war doch einfach absurd.
Und wie hast du entschieden, Michelle?“ In letzter Zeit nannte er sie immer öfter bei ihrem richtigen Namen. Nicht mehr liebevoll „Micky“ wie zu Beginn ihrer Ehe. War es ein Zeichen von Reife oder versuchte er seit ihrer Verwandlung eine gewisse Distanz zu ihr aufzubauen? Micky war sich nicht sicher darüber, so wie sie sich im Moment über Vieles nicht sicher war.
Ich habe noch gar nichts entschieden, Duncan. Ich muss nachdenken.“ Er nickte einverstanden.
Hast du dein Schwert dabei?“ fragte er und wirkte plötzlich wieder sehr besorgt um seine Frau, was Micky angesichts seines Verhaltens vor wenigen Augenblicken noch mehr verwirrte, als sie es ohnehin schon war.
Ja, es hängt auf der anderen Seite an der Satteltasche, wo es hingehört. Aber wer außer
Denjenigen könnte mir denn noch gefährlich werden? Schon klar, ich muss weiterhin den Schein waren. Aber Duelle muss ich wohl keine mehr fürchten. Und ich denke nicht, dass Kyle jemanden...“
Darauf würde ich mich nicht verlassen. Wir sind wesentlich näher an Irland als wir es in Paris waren.“ Also empfand auch Duncan die geringe Entfernung zu Kyle als bedrohlich. Gerade dann verstand Micky nicht, warum er und Connor hier ein Haus gekauft hatten. Aber darüber konnte sie sich jetzt keine Gedanken machen. Sie musste eine Entscheidung treffen. Also bestieg sie ihr Pferd und gab ihm die Sporen.
Pass auf deinen Kopf auf, Micky MacLeod. Ich liebe dich!“ rief er ihr noch nach und schlug dann, mit den Einkaufstüten in den Händen, den Weg nach Hause ein. Sie zog kurz an den Zügeln, damit Silvermoon noch einmal anhielt, drehte sich im Sattel um und rief ihm hinterher: „Ich weiß, du sturer Schotte!“

 

Schottland, Glenfinnan, an den Ufern des Loch Shiel, am Vormittag.
Der Loch Shiel war gemessen an seiner Wassermenge der siebtgrößte See Schottlands, entstanden aus Gletschern während der Eiszeit. Die Gegend war aufgrund ihres Status als Nationalpark sehr dünn besiedelt. Neben Glenfinnan gab es noch ein paar kleinere Dörfer nahe am See: Ardshealach, Acharacle, Polloch und Dalnabreck, wobei die beiden letzten nicht direkt am Ufer lagen. Bereits Jahrhunderte bevor Bonnie Prince Charlie die Clans vor der alles entscheidenden Schlacht von Culloden hier versammelt hatte, war der Loch schon einmal Schauplatz eines historischen Ereignisses gewesen. Am südwestlichen Ende des Sees bei Acharacle schlugen keltische Stämme unter ihrem Anführer Somerled im Jahr 1140 ein normannisches Heer. Nachdem deren Anführer Torquil in der Schlacht getötet worden war, konnten die Normannen erfolgreich aus der Gegend um den Loch Shiel vertrieben werden.

Vertreibung schien auch in Glenfinnan ein beliebter Zeitvertreib gewesen zu sein, dachte Micky einen kurzen Moment bitter. Waren doch ihr Mann und sein Cousin beide nachdem sie unfreiwillig durch ihren ersten Tod 1622 und 1536 unsterblich geworden waren, aus Glenfinnan vertrieben worden. Und sie selbst hätte man 1844 dank der Anklage von Jenny Fraiser beinahe als Hexe verbrannt, wenn sie nicht bei Nacht und Nebel mit Connor geflohen wäre. Umso erstaunlicher, dass Duncan knapp 400 Jahre später zum Clansoberhaupt der MacLeods geworden war, und das auch noch einstimmig.

 

Plötzlich spürte Micky anhand des vertrauten Kribbelns im Nacken, dass sie nicht länger alleine war. Sie zog an den Zügeln, um Silvermoon zu bremsen. Mit der Hand an der Stirn sah sie sich suchend in alle Richtungen um, vermutlich verfolgte einer der MacLeods sie, um auf sie aufzupassen. Sture Schotten. Doch dann entdeckte sie einen Mann auf einer Parkbank sitzend, den sie hier ganz gewiss nicht erwartet hätte.

Micky stieg ab, nahm die Zügel und zog gleichzeitig ihr Toledo Salamanca aus seiner Hülle. Ihr Herz schlug bis zum Hals, als sie sich ihm näherte.

Was willst du hier?“ blaffte sie wütend. Die Stimmen in ihrem Kopf überschlugen sich vor Begeisterung über Mickys maßlosen Zorn, der mal wieder die Oberhand zu gewinnen schien.
Reden.“
Pah“, spuckte Micky die Worte aus. „Dafür ist es zu spät! Reden hätten wir können, bevor du aus mir eine Göttin gemacht und meine Tochter getötet hast, du Schwein! Und lange bevor du mich in einen Sarg gelegt hast, du Sadist!“ schleuderte sie Kyle Wittmore, dem Kriegsgott, entgegen. Er saß völlig unbeeindruckt angesichts ihrer Worte auf der Bank, gekleidet in einen maßgeschneiderten grauen Anzug und einen gleichfarbigen Mantel. Seine Augen waren hinter einer Ray Ban-Sonnenbrille versteckt, seine Haare trug er länger, als sie es in Erinnerung hatte.
Oh glaub mir, Michelle, du möchtest mit mir reden. Ich kann dir das Leben zur Hölle machen. Dir, deinem Mann, seinem Cousin, euch allen, wenn ich nicht bekomme, was ich will. Aber heute bin ich in großzügiger Stimmung. Heute biete ich dir Informationen an. Äußerst interessante Informationen. Und zwar völlig umsonst.“ Er betonte jedes Wort des letzten Satzes einzeln. „Ich will deinem nunmehr göttlichen Gedächtnis ein klein wenig auf die Sprünge helfen, um das ganze Spiel interessanter zu machen.“

Mit zitternden Händen band Micky die Zügel an einem Busch fest und versuchte ihre Wut unter Kontrolle zu bringen. Ihr Pferd fing sofort an zu grasen, es war sichtlich unbeeindruckt, dass es neben zwei lebenden Göttern stand.

Du hast mir das Leben bereits zur Hölle gemacht, Kyle! Mehr als einmal! Lass mich raten, ich soll alles stehen und liegen lassen und mich zum Weltuntergang in Wittmore Castle einfinden“, bemerkte sie sarkastisch. Er wedelte abfällig negierend mit der linken Hand.
Noch nicht, meine Teuerste. Noch nicht. Und wer redet denn überhaupt von Weltuntergang? Hast du denn nie aufgepasst, was dein Griechisch-Lehrer dir beigebracht hat? Apokalypse bedeutet 'Offenbarung' und 'Zeitenwende'. Die Sterblichen sind bisweilen ausgesprochen theatralisch und haben eine morbide Sehnsucht nach dem Weltuntergang.“ Er blickte gelangweilt auf seine manikürten Fingernägel.
Kyle, du bist komplett durchgeknallt! Welche neuen Informationen hast du denn noch für mich? Du weißt, was mir durch den Tod von Adam Lee widerfahren ist, nehme ich an? Du weißt also auch, dass ich eine Lüge erkenne und dass ich mich nach und nach an die Dinge erinnern werde, die Adam von seinem Leben als Balor wusste. Ich weiß zum Beispiel, dass ihr vor rund 5.000 Jahren dieses beschissene Spiel um die
Zusammenkunft angeleiert habt, damit ihr genug Handlanger habt und dass ihr mal schauen wolltet, wie die Sterblichen sich entwickeln, nachdem sie eurer Herrschaft überdrüssig geworden waren und endlich mal ihren Verstand gebraucht hatten.“ Wittmore lachte höhnisch.
Na, dann schau dich doch mal um auf der Welt, Michelle. Was haben denn deine friedfertigen Sterblichen in den letzten 5.000 Jahren vollbracht, seit wir ihnen den freien Willen geschenkt haben? Mal sehen: Alexander ist durch Europa marschiert, Cäsar hoch bis nach Britannien, die Hunnen machten von Ostern her alles platt, was bei drei nicht auf den Bäumen war. Dann hätten wir noch den 100-jährigen Krieg, den 30-jährigen Krieg, die Ausrottung der amerikanischen 500 Nations, Bürgerkrieg in Nordamerika, 1. Weltkrieg, 2. Weltkrieg, mit immer besseren Waffen, um effektiver zu töten. Vietnam, Korea, Irak, Jugoslawien, Afghanistan. Soll ich weitermachen?“ Sie winkte ab.
Danke, ich war bei den meisten Kriegen in den vergangenen 500 Jahren dabei und habe versucht zu helfen. Und die Ausrottung der eingeborenen Nordamerikaner habe ich hautnah miterlebt. Aber willst du deswegen behaupten, es wäre schlecht gewesen, ihnen den freien Willen zu geben? Darum dreht sich doch euer kleiner Plan, habe ich Recht? Isis, Brigid und später auch Methos wollten den Menschen ihren freien Willen lassen und sich zurückziehen, um die
Zusammenkunft abzuwarten. Die hätte ja eine Art Erlöser hervorbringen können. Aber dummerweise hat sich im Laufe der Jahrtausende eure Kennzeichnung verselbstständigt und war mutiert. Es wurden nicht weniger Unsterbliche, wie du zunächst gehofft hattest, nein, es kamen immer neue dazu. Richie, Isabell, Nathalie, Ginger, Charlie. Nur einige, die ich kennen gelernt habe in den letzten paar Jahren. Und dann machten die Sterblichen auch nicht gerade das, was du dir erhofft hattest, nicht wahr? Du hattest gehofft, dass sie spätestens nach den dunklen Jahren der Pest reumutig nach einem neuen Gott suchen würden, nicht dem der Christen, nein, nach dir. Damit du dich zum Herrscher der Welt aufschwingen und dir huldigen lassen konntest. Aber da war ja immer noch die Abstimmung, die du damals zur Bedingung machen musstest! Die Ladys haben nicht einfach so mitgespielt, sie wollten eine Absicherung, falls du völlig durchdrehen solltest. Ohne einen Mehrheitsentscheid sollte nichts laufen.“ Micky versuchte sich ihre Aufregung nicht anmerken zu lassen. Plötzlich fielen ihr so viele Details ein, von dem was sich vor 5.000 Jahren in einem riesigen Palast in Mesopotamien ereignet hatte, dass es ihr fast den Atem raubte.
Oh Michelle, Michelle. Es ist erstaunlich, wie schnell die Erinnerungen von Balor zum Vorschein kommen. Du könntest unglaubliche Dinge an meiner Seite vollbringen...“ Er streckte die Hand nach Micky aus, die sofort schützend ihr Schwert vor sich hielt.Aber du solltest wissen, nicht
ich war der erste Gott. Ich wurde dazu gemacht. Ich war nur ein einfacher Mann aus Mesopotamien, dem die Unsterblichkeit und unendliche Macht angeboten wurden...“ Micky ahnte, dass ihr nicht gefallen würde, was sie gleich erfahren sollte.
Eines habe ich gelernt, dir darf man nicht alles glauben, was du sagst. Aber dieses Mal scheinst du wohl die Wahrheit zu sagen...“ Er lachte diabolisch und nahm das Kompliment an.
Nun, diese Information findest du sogar im Internet, Verehrteste. Ein anderer Gott bot mir vor 5.000 Jahren die Unsterblichkeit an. Ich habe zunächst abgelehnt, weil ich es für einen üblen Scherz hielt. Um mich von seinen, sagen wir mal, guten Absichten zu überzeugen, gab er mir große Weisheit und magische Kräfte. Er sehnte sich nach unsterblichen Gefährten. Also machte er mir erneut das Angebot, und was soll ich sagen, beim zweiten Mal nahm ich an. Als nächstes wählte er einen Mann namens Balor, der auf dem Schlachtfeld Großes vollbracht hatte. Leider hatte er dafür auch einen hohen Preis bezahlt, der Pfeil eines Gegners hatte ihn ein Auge gekostet. Daher heißt es in den Legenden immer, der Gott des Todes wäre einäugig gewesen. Er hat das wieder gerade gebogen. Nun waren wir drei Götter des Krieges, des Todes und der Weisheit. Aber was soll ich sagen, er merkte, dass uns etwas fehlte. Er sah es, wenn er aus den Fenstern seines Palastes in Mesopotamien blickte und verliebte Sterbliche sah. Also wählte er drei Frauen aus, denen er das gleiche Angebot machte wie Balor und mir. Unsterblichkeit und magische Kräfte. Aus Balors Schwester machte er die Göttin der Fruchtbarkeit und gab sie mir zur Frau, was Balor nicht unbedingt gefiel. Und dann war da noch Balor selbst, den konnte man ja unmöglich ohne Göttin an der Seite lassen. Den Gott des Todes erzürnte man besser nicht, du verstehst. Aber Balor war wählerisch, es dauerte lange bis er die passende Frau fand. Eine hübsche Frau mit langem roten Haar und nussbraunen Augen. Sehr ungewöhnlich für die damalige Zeit. Sie stach einem Mann sofort ins Auge und Balor mitten ins Herz. Sie war das Ebenbild deiner Tochter oder deine Tocher war ihr Ebenbild, wenn man es historisch korrekt nimmt.“ Micky spürte einen heftigen Stich in ihrem Herzen, als Kyle Geneviève erwähnte. „Nun ja, eines Tages fiel sein Blick auf Rhea, ein griechiche Prinzessin, die sich um Waisenkinder in unserer Hauptstadt kümmerte, weil sie selbst wohl keine Kinder bekommen konnte. Eine wahre Übermutter. Als sie wiederum Balor erblickte, überlegte sie nicht lange und nahm das Angebot an. Und dann war da ja noch er selbst. Er wählte eine betörend schöne, ägyptische Prinzessin namens Isis und machte aus ihr die Göttin der Liebe. Natürlich beanspruchte er sie für sich selbst. Weisheit und Liebe, eine höchst merkwürdige Kombination.“ Kyle lachte. „Wenn er geahnt hätte, was er mit dem Weib mitmacht, hätte er sicher eine andere ausgewählt. Du siehst, meine verehrte Michelle, nicht ich bin an allem Schuld sondern...“
Methos...“ stieß sie zwischen ihren zusammengebissenen Zähnen hervor. Schnell band Micky ihr Pferd los, verstaute ihr Schwert und stieg auf. „Und was ist der
Zusammenkunft und mit diesem Raiden? Was du mit Taranis gemacht hast, weiß ich inzwischen...“ Er grinste, höchst amüsiert.
Ein ander' Mal erzähle ich dir über die
Zusammenkunft und Raiden. Bei ihm ist die Sache etwas komplizierter. Wir sehen uns, Michelle“, rief Kyle ihr lachend hinterher.

 

Micky gab ihrem Pferd die Sporen und trieb sie an. Schnell galoppierte sie an dem steinigen Strand des Loch Shiel vorüber, ohne sich an der herrlichen Landschaft erfreuen zu können und strebte Glenfinnan entgegen.

Auf zur nächsten Runde. Du bist am Zug, Methos...“, murmelte Kyle noch und schlenderte gemütlich zum Parkplatz, wo ein Wagen mit Chauffeur auf ihn wartete.

 

Schottland, Glenfinnan, das Haus der MacLeods, am Nachmittag.
Micky stürmte wie ein Tornado vorbei an ihrem kleinen Vorgarten, in dem Kräuter und Blumen prächtig gedeihten, durch die braune mit einem Glasfenster verzierte Holztür und rief nach Duncan.

Er kam verwundert aus seinem Arbeitszimmer, wo er sich die neuesten Angebote für die Galerie ansah, die Richie ihm heute gemailt hatte.

Was ist denn los? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“ Micky schob sich an ihm vorbei ins Schlafzimmer und begann ihre persönlichen Gegenstände in eine kleine Tasche, die als Handgepäck durchgehen würde, reinzuwerfen.
Was? Nein, es war der Gott des Krieges... Wo ist denn jetzt die Mitnahmebescheinigung für mein Schwert, verdammt?!“ Hektisch durchsuchte sie ihre Papiere, als Duncan sie wieder mal grob am Arm packte. Sie hielt mitten in der Bewegung inne. Wütend blähten sich ihre Nasenflügel auf, Zorn funkelte in ihren dunklen Augen, wo sonst Liebe schien. Das war gar nicht gut. Wenn ein einziges Gespräch mit Kyle sie so die Kontrolle verlieren ließ, was konnte dann noch passieren?
Jetzt atme erstmal ganz ruhig durch, Micky. Du weißt, dass du nicht so wütend werden darfst. Okay, du hast also Kyle getroffen. Aber du lebst noch. Das ist gut. Welche Lügen hat er dir denn heute aufgetischt?“ Micky lachte gequält und versuchte sich seinem Griff und seinem Blick zu entziehen. Für eine kleine Weile wünschte sie sich alleine mit ihrem Zorn zu sein, damit sie die neuen Informationen verarbeiten und überlegen konnte, was sie mit Methos anstellen würde. Diesem größenwahnsinnigen, mesopotamischen Lebemann.
Ich wünschte, es wären Lügen gewesen. Aber zu meinen
göttlichen Gaben gehört inzwischen, dass ich weiß, wenn jemand lügt. Und er hat es nicht getan, leider. Ich muss sofort nach Paris. Ich muss mit Methos reden. Kümmere du dich um deine Leute, deinen Clan, Duncan und bleib aus der Schusslinie. Kyle ist weg, keine Sorge. Ich habe mich ihm nicht widersetzt, also wird er meine Familie in Ruhe lassen. Er wollte, dass ich zuhöre, das habe ich getan.“

 

Frankreich, Paris, Methos' Apartment in der Rue Mallet-Stevens, einige Tage später, in der Nacht.
Micky machte sich nicht die Mühe zu klopfen, sie hob die staubige rotbraune Fußmatte hoch und nahm den Ersatzschlüssel, um sich Zutritt zu Methos' Domizil zu verschaffen. Es brannten einige Kerzen und eine indirekte Deckenbeleuchtung. Im Kamin prasselte ein gemütliches Feuer.

Komm nur rein, Comtesse. Mi casa es su casa, wie es so schön heißt.“ Er reichte ihr eine Flasche Bier und nahm einen kräftigen Schluck aus seiner eigenen. Erstaunt, dass Methos nicht alleine war, nahm sie die Flasche entgegen.
Was machst du hier, Joe? Eigentlich geht das hier nur Methos und mich etwas an und nicht die Beobachter.“
Alles was du tust, geht mich etwas an. Wie du so scharfsinnig bemerkt hast, bin ich nun mal dein Beobachter, Lady. Darüberhinaus bin ich auch dein Freund und mache mir Sorgen um dich, besonders seit dem Duell mit Adam Lee und dem Tod deiner Tochter. Deswegen bin ich hier. Duncan hat uns beide informiert, dass du von Kyle irgendwelche Informationen bekommen hast, die dich völlig aus der Bahn geworfen haben und dass du auf dem Weg nach Paris bist.“ Micky nickte, spürte den Zorn wieder in sich aufsteigen und trank aus ihrer Flasche.
Oh ja, er hat mit mir geredet. Erst hat er mit gedroht, was er uns antun kann, wenn ich nicht.... Egal. Aber dann wurde es sehr interessant. Ich weiß jetzt, wem wir den ganzen Mist mit der Unsterblichkeit, und den Göttern verdanken, die sich als
Diejenigen bezeichnen. Wovon ich ja leider jetzt auch eine bin.“ Sie sah, wie Joes Augen sich ungläubig weiteten und Methos vor Schreck fast die Flasche fallen ließ.
Micky, du weißt, dass wir darüber nicht reden sollen!“
Ach Methos, geschenkt. Wir sind
Diejenigen, wir entscheiden, was die Sterblichen und die Unsterblichen wissen dürfen. Wir, verstehst du? Und das alles verdanken wir nur einem Mann. Er war es, auch die übrigen sechs Götter erschaffen hat. Die Zusammenkunft und alle weiteren Unsterblichen sind vielleicht sogar auf Netos Mist gewachsen. Aber dennoch, der Ursprung von allem war nicht Neto. Das verdanken wir einem durchgeknallten Sumerer namens Enki.“ Sie warf sich müde auf die Couch und leerte ihre Bierflasche.

Es dauerte einen Moment bis Methos ihre Worte verstand.

Das ist ein Scherz oder? Nein, das müsste ich doch wissen.“ Methos gestikulierte wild mit den Händen und schüttelte die Wahrheit verleugnend den Kopf.
Wer ist Enki?“ fragte Joe, während er zur Couch humpelte und sich neben Micky setzte. „Könntet ihr mal so reden, dass ich es auch verstehe? Ihr habt euch ja bis jetzt ziemlich bedeckt gehalten über
Diejenigen. Und auf einmal erfahre ich, dass auch Micky zu ihnen gehört? Wie ist das denn möglich zum Teufel?!“
Durch den Kampf gegen Adam Lee, er war auch ein Gott. Balor, der Totengott, um genau zu sein. Und nachdem ich ihn mit einem
Schwert der Macht besiegt habe, übernahm ich bei der Belebung nicht nur seine Energie, sondern auch seine Göttlichkeit. Außer uns hier weiß es nur Duncan und das wird auch zunächst so bleiben, verstanden, Joe?!“ Joe nickte zögerlich und atmete laut aus. Das war doch einfach unglaublich.
Ja, ja, schon gut. Das würden meine Vorgesetzten sowieso nicht glauben, wenn sie es in meinem wöchentlichen Bericht lesen. Und wer ist nun dieser Enki? Und was hat er mit all dem zu tun? Ist er wirklich der Ursprung?“ Micky warf einen Blick zu Methos, stand auf und ging zum Kühlschrank. Joe schien ihren Blick nicht bemerkt zu haben. Micky teilte eine neue Runde Bier aus, zeigte kurz mit ihrer Flasche auf Methos, der sich seinen Lieblingssessel gelümmelt hatte, und sagte: „Der Herr da zu deiner Rechten. Darf ich vorstellen: Enki, der Gott der Weisheit, der Orakel und des Süßwassers“, erklärte sie mit einem scharfen Unterton und bedachte Methos mit einem strafenden Blick. Joe klappte der Mund auf, er schnappte nach Luft und schüttelte wieder ungläubig den Kopf.
Methos ist Enki und der erste Unsterbliche? Aber was ist mit dem Gilgamesch-Epos? Es hieß in den Chroniken immer, er wäre der erste gewesen. Um 2.000 vor Christus sah laut unseren Aufzeichnungen Ammaletu, der Arkadier, wie der getötete Gilgamesch wieder zum Leben erwachte. Er war so schockiert, dass er daraufhin die Beobachter ins Leben rief, um alle Aktivitäten der Unsterblichen zu überwachen.“
Nein, Gilgamesch war nur einer der Namen, die Balor getragen hat. Er war eine zeitlang König. Wir haben uns abgewechselt auf dem Thron. Wahrscheinlich hat Ammaletu nur eine der zahlreichen Belebungen zufällig miterlebt... Nach und nach erinnere ich mich wieder. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass ich der Auslöser war, Michelle. Das musst du mir glauben. Und ich bin inzwischen ein anderer...“ Mensch wollte er sagen, aber das stimmte ja nicht. Zumindest nicht im eigentlichen Sinne.
Weißt du, Methos, eigentlich bin ich mit der Absicht hierher gekommen dir den Kopf abzuschlagen.“ Methos und Joe schauten sie entsetzt an. „Schon gut, aber je näher ich Paris kam und je mehr ich über alles nachdachte, erkannte ich, dass du Recht hast. Ich kann dich nicht verurteilen, für das, was du vor 5.000 Jahren losgetreten hast mit deiner Entscheidung, außer dir noch weitere Götter zu erschaffen und den Menschen vielleicht wieder ihren freien Willen zu nehmen. Du scheinst ja irgendwann deine Meinung geändert und Mesopotamien verlassen zu haben. Ich vermute, du hast die Erinnerung an alles verdrängt über die Jahrtausende. Als du auf Cronos und die anderen Reiter gestoßen bist, bist du kurze Zeit wieder in die alte Rolle verfallen. Doch danach... Was auch immer Isis mit dir angestellt hat, es hat dich für alle Zeiten verändert. Und ich schwöre dir, wir werden einen Weg finden Kyle aufzuhalten. Er bekommt seinen Willen nicht. Entweder wird es im Kampf enden oder wir können wirklich eine Abstimmung hinkriegen. Jetzt, da ich weiß, dass Brigid nicht nur Adams Schwester war, sondern auch Kyles Frau ist, denke ich, auf sie können wir nicht bauen. Wir müssen es bei Adams Partnerin versuchen.“
Rhea“, erwiderte Methos zustimmend. Ein verschwommenes Bild erschien vor seinem inneren Auge. „Meine Güte, ich erinnere mich langsam an sie. Sie sieht aus wie...“ Micky nickte und schluckte einen Kloß runter.
Ja, sie sieht anscheinend aus wie Geneviève. Kyle, hat es mir gesagt. Kein Wunder, dass Adam sich so zu ihr hingezogen fühlte. Aber wo steckt Rhea, warum ist sie nicht bei Adam geblieben?“ Methos zuckte die Achseln. Er wusste es nicht. So Vieles lag noch im Dunkeln. Aber er war sich sicher, dass er sich über kurz oder lang daran erinnern würde.

Joe war inzwischen aufgestanden und an das große Panorama-Fenster, das vom Boden bis zur Decke reichte, getreten. Gestützt auf seinen Gehstock sah er auf das nächtliche Paris herunter. Trotz der späten Stunde brannten in etlichen Wohnungen noch Lichter, ein paar wenige Autos fuhren durch die Straßen. Irgendwo in der Stadt vergnügte Isis sich gerade mit Amanda in einem Nachtclub. Methos hatte sie vorsorglich weggeschickt, weil er nicht einschätzen konnte, wie die Begegnung mit Micky verlaufen würde.

Joe für seinen Teil hatte geglaubt, als Beobachter eigentlich nicht so leicht in Erstaunen versetzt werden zu können, dass er in seinem Alter bereits alles gesehen hatte, was es auf der Welt zu sehen gab. Aber was er heute erfahren hatte, war selbst für ihn nur schwer zu akzeptieren. Die Tatsache, dass es im 21. Jahrhundert lebende Götter auf der Erde gab, war an und für sich schon haarsträubend. Er selbst war nie sehr gläubig gewesen. Auch als er in Vietnam die Tretmine überlebt hatte, hatte er das eher für Glück denn als göttliche Intervention gehalten. Und als man ihn später für die Beobachter rekrutiert und von den Unsterblichen erzählt hatte, hatte er es wirklich und wahrhaftig erst geglaubt, nachdem er Zeuge eines Duells und einer Energieübertragung geworden war. Aber was sollte er sagen, hinter ihm auf der Couch saßen zwei solch göttliche Exemplare, die er auch noch als seine Freunde bezeichnete. Er drehte sich um und sah zu Micky und Methos, die ihm beide fragende Blicke zuwarfen.

Leute, echt, ich bin zu alt für diesen Scheiß.... Zwei meiner engsten Freunde. Götter, man fasst es nicht!“ Er humpelte Richtung Küche, um drei Kaffee mit Methos' Vollautomaten zu machen. Sie brauchten einen klaren Kopf.
Dito“, erwiderte Methos.
Joe, es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als deine
Schulweisheit sich träumen lässt.“ Methos musste lachen angesichts ihrer Wortwahl, während er Joe dabei half den Kaffee zu verteilen.
Wirst du mal wieder philosophisch, Hochwohlgeboren?“
Nein, mir ist nur dieses Zitat vor ein paar Tagen in Glenfinnan in den Sinn gekommen, als Duncan herausgefunden hat, dass ich quasi so nach außen hin, um den Schein zu wahren, mit Connor verheiratet war vor gut 200 Jahren.“ Zumindest diese Neuigkeit überraschte Joe nicht. Dieses interessante Detail hatte er damals in Mickys Chronik gelesen, als er sich vergewissern wollte, dass sein Freund MacLeod keine Dummheit beging, wenn er die Comtesse drei Tage nach ihrem ersten Zusammentreffen auf Darius' Beerdigung heiratete.
Hat ja nur zwölf Jahre gedauert. MacLeod ist auch nicht gerade ein Blitzmerker, oder?“, bemerkte Methos spöttisch. „Zumindest kann er nicht behaupten, dass es ihm mit dir langweilig wird, meine Liebe. Du bist immer wieder für Überraschungen gut.“
Das sagt der Richtige, Methos. Ich glaube nämlich nicht, dass es auf der Erde genug Diamanten gibt, für all die Affären, die deine geliebte Ehefrau noch aufdecken wird. Denn du bleibst ja nie lange genug bei ihr und suchst dir immer mal wieder eine andere, wenn Isis dich mal wieder in den Wahnsinn getrieben hat. Also sei bloß still. Ich bin bestens informiert über deine Flucht durch Maurices Hintertür“, erwiderte sie nun ebenso hämisch.

Joe schnippste vor ihren Gesichtern mit den Fingern, um die Aufmerksamkeit der beiden zu erlangen.
Freunde. Genug der Späße. Es ist spät und wir haben immer noch das Problem, dass wir erstens nicht wissen, wo sich Adam Lees Ex-Frau oder Witwe aufhält und ob sie auf unserer Seite steht und zweitens, wie wir Kyle Wittmore aufhalten wollen. Sind wir uns da einig?“
Ja, Joe. Sind wir. Kyle war leider nicht so gnädig mir Rheas Aufenthaltsort zu offenbaren. Und auch über Raiden hat er sich ausgeschwiegen. Noch. Er liefert mir momentan die Informationen häppchenweise, was ihm sichtlichen Spaß bereitet. Aber wir haben ja jetzt eine Spur.“ Die beiden sahen sie erwartungsvoll an. „Leute, kommt schon. Ich weiß, es ist spät. Aber denkt noch mal kurz nach. Vorhin habe ich es doch gesagt, sie sieht aus wie...“
Geneviève!“ riefen beide Männer gleichzeitig.
Ganz genau. Joe, wenn du ausgeschlafen hast, durchforste bitte die Datenbank der Beobachter nach einer Frau, die vom augenscheinlichen Alter und dem Aussehen meiner Tochter entspricht. Ich vermute, sie ist ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Ich weiß noch, dass Adam bei ihrem ersten Zusammentreffen sagte, das wäre nicht möglich und Genèvieve würde ihn an eine Frau aus seiner Vergangenheit erinnern. Ich vermute, dass Rhea irgendetwas Wohltätiges macht. Kyle hat sie als Übermutter bezeichnet und erzählt, dass sie sich vor 5.000 Jahren um Waisenkinder gekümmert hat und auch sie war eine Prinzessin. Also könnte sie einen Adelstitel tragen.“
Da muss ich wohl zu Maurice. Das Hauptquartier ist noch nicht wieder aufgebaut. Die meisten Beobachter arbeiten von Zuhause oder an ihren Arbeitsplätzen. Ich brauche für meinen Laptop ja nur den Zugang zum Netzwerk. Dann sollten wir uns vielleicht um die Mittagszeit bei Maurice treffen. Hoffentlich mit neuen Erkenntnissen.“


 

 

10. Bis dass der Tod sie scheidet...

 

Schottland, Glenfinnan, auf dem Hügel des alten Stammsitz der MacLeods, einige Tage nach Mickys Abreise.
Die abgelegene und zumeist Menschen leere Gegend der Highlands bot den beiden Cousins die Möglichkeit unstört vor neugierigen Blicken im Freien zu trainieren. Heute hatten sie sich entschieden in der Nähe des alten MacLeods-Stammsitzes ihre Schwerter zu kreuzen. Inzwischen war das Gebäude kaum mehr als eine Ruine, doch vor 400 Jahren war es ein beeindruckendes Sinnbild für die Stärke des MacLeod-Clans gewesen.

Alljährlich reisten damals die Pächter an, um dem MacLeod ihren Tribut zu zollen in Form von Geld oder Naturalien, je nachdem, was die Familien entbehren konnten. Dann feierte man tagelang ein großes Fest, so mancher Jüngling wurde noch schnell verheiratet, um Allianzen zu schmieden und den Clan zu stärken. Im Gegenzug für die Tributzahlungen beschützte das Oberhaupt mit seinen Männern die Pächter vor Strauchdieben, verfeindeten Clans und marodierenden Engländern. Das gehörte zum Glück nicht zu Duncans Aufgaben als Clansoberhaupt. Es verhielt sich eher so, dass die Dorfbewohner Ratschläge zu den alltäglichen Sorgen des Lebens suchten und ein offenes Ohr. Nichtsdestotrotz hielt Duncan es nicht für eine gute Idee tagsüber das Training zu vernachlässigen. Man konnte nie wissen, wann der nächste Handlanger von Kyle Wittmore auf der Matte stand.

Und leider war dem früher so, als es Duncan lieb sein konnte. Sie waren nicht länger alleine und spürten, dass sich jemand Unsterbliches näherte. Sofort unterbrachen Connor und Duncan ihren Trainingskampf, hatten die Schwerter aber forsorglich griffbereit und hielten Ausschau. Duncan kniff von der Sonne geblendet die Augen zusammen. Im nächsten Moment schoben sich dicke Gewitterwolken vor die Mittagssonne, in der Ferne donnerte es. Ein Gewitter zog herauf.

Ich glaube, ich brauche eine Brille, Duncan. Ist das tatsächlich die Lady, für die ich sie halte?“ fragte Connor besorgt mit seinem Schwert zum anderen Ende der Brücke zeigend, als er entdeckt hatte, wer da ihr Training störte.
Aye, ich fürchte, sie ist es, Cousin. Aber da sie sich mit Kyle Wittmore eingelassen hat, ist sie ganz gewiss keine Lady mehr... Ich rede mit ihr.“ Connor hielt Duncan am Arm fest und sah ihm sorgenvoll in die Augen.
Reden reicht vielleicht nicht, Duncan. Vielleicht ist heute einer der Tage, an denen du deine Ritterlichkeit, vor der Methos dich immer warnt, über Bord werfen und jemand töten musst, den du dereinst geliebt hast.“ Duncan schnaubte und wollte sich Connors Griff entziehen. Doch der ließ nicht locker. „Du hast schon einmal diesen Fehler gemacht, Duncan, und meinen Rat ignoriert. Und du weißt, wie es ausgegangen ist. Mach den Fehler kein zweites Mal. Hör auf mich.“ Duncans Blick wechselte zwischen seinem Cousin und der Frau am anderen Ende der Brücke hin und her.
Wir werden sehen. Jetzt lass mich los und warte hier. Halt dich einfach raus, Connor. Ich regle das schon.“ Während Duncan den Hügel herunterschritt, klemmte Connor sich kopfschüttelnd sein Toledo Salamanca unter die Armbeuge und murmelte: „Klar, er regelt das schon. Hat er ja auch hervorragend geregelt, in seiner ersten Hochzeitsnacht...“ Duncan war damals so naiv gewesen und hatte seine Warnungen in den Wind geschlagen, dem Schicksal seinen Lauf zu lassen. Und was hatte es ihm gebracht - eine rachsüchtige, unsterbliche Ex-Frau, die sich mit ihrer aller Erzfeind verbündet hatte. Hoffentlich machte Duncan heute nicht wieder einen Fehler, er hatte sie schon einmal ziehen lassen in Plymouth. Und Ginger MacKenzie war kurzzeitig ihre Schülerin gewesen, bevor sie deren falsches Spiel durchschaut hatte.


 

Während Connor noch seinen müßigen Gedanken über Kate Devaney nachhing, stand Duncan ihr wenige Herzschläge später bereits persönlich gegenüber. Sie war ganz in schwarz gekleidet abgesehen von einem braunen, bodenlangen Mantel, ihr Schwert ließ sie provokant vor sich kreisen.

Hallo, Duncan MacLeod vom Clan der MacLeod. Ich habe gehört, du bist mit deiner holden Gattin und deinem Cousin zu deinen Wurzeln zurückgekehrt und hast dich mal kurzerhand zum Clansoberhaupt wählen lassen.“ Kate Devaney, die Ex-Mrs. MacLeod, spie ihm die Worte verachtungsvoll entgegen, unendlicher Hass funkelte in ihren Augen, wo vor Jahrhunderten noch bedingslose Liebe geglüht hatte.

Duncan näherte sich vorsichtig mit erhobenem Schwert, man konnte ja nie wissen.

Kate, was willst du hier? Wenn du Hilfe brauchst, um von Kyle loszukommen, finden wir einen Weg.“ Sie lachte verachtungsvoll.
Glaubst du das im Ernst, Duncan? Nein, ich wollte mal sehen, wie deine Frau ihre Wunden leckt, nachdem ihre geliebte Tochter das Zeitliche gesegnet hat. Ich wollte sehen, wie sie leidet. Aber sie scheint ja nicht hier zu sein, wie schade“, seufzte sie, Bedauern heuchelnd. Duncan ging auf die Anspielung bezüglich Mickys Abwesenheit nicht näher ein.
Dann kannst du ja wieder abreisen und Kyle ausrichten, dass ich Genevièves Mörder erledigt habe, den er zu uns geschickt hat.“ Duncan drehte sich auf dem Absatz um und wollte wieder zurück zu Connor. Ihm lag nichts daran, seine Ex-Frau endgültig zu töten. Einmal hatte ihm gereicht, er hatte es bitter bereut.

Dann hielt Duncan unvermittelt inne, als er ihr theatralisches „Ts, ts, ts“, hörte, wandte ihr aber weiterhin den Rücken zu. „Da irrst du aber ganz gewaltig, Duncan. Arthur Moore war nur ein kleines Geschenk für deine Gattin. Der wahre Mörder lebt noch.“ Duncan drehte sich um und war mit zwei Schritten bei Kate. Genauso blitzschnell legte er die Finger um ihren Hals und war den Bruchteil einer Sekunde versucht, so fest zu zudrücken, dass sie allmählich ersticken würde.
Wer war es?!“ schrie er ihr entgegen, zornig und bemüht den lautstarken Donner zu übertönen, der über ihnen polterte. Kate schien keine Angst vor ihm zu haben. Was sollte er auch tun, sie ein weiteres Mal umbringen, wo er es das erste Mal aus Liebe getan hatte? Wohl kaum.
Lass mich los, dann sage ich es dir...“ krächzte sie, der Druck auf ihren Hals wurde etwas zu fest, sie rang nach Luft.

 

Connor beobachtete von der Burg aus das Geschehen und was er da sah, gefiel ihm so gar nicht. Duncan hatte sein Ex-Frau an der Kehle gepackt und redete anscheinend auf sie ein. Ein Hieb mit seinem Katana und die Sache wäre erledigt gewesen. Meistens war Connor ja uneins mit Methos, aber in dem Fall hatte er sicher Recht, Duncans Ritterlichkeit brachte ihn tatsächlich in Teufels Küche.

 

Kate lachte herablassend, als Duncan endlich zögerlich von ihr abließ. Sie fasste sich an den Hals und strich über die blauen Flecken in Form von Duncans Fingern, die aber bereits wieder verblassten.

Du und deine Ritterlichkeit, es ist einfach nur erbärmlich. Du bist erbärmlich, Duncan. Genauso erbärmlich wie eure kleine Geneviève. Sie sah so friedlich aus in ihrem Schlafzimmer auf Wittmore Castle, als ich sie im Schlaf getötet habe. So wie du damals bei mir, Duncan. Im Bett mit einem Dolch. Ich sehe noch immer den entsetzten Blick in ihren Augen, als sie ihren letzten Atemzug tat. Und dann habe ich mein Schwert genommen....“ Den Rest brauchte Duncan nicht mehr zu hören, mit einem wütenden Schrei sauste sein Katana durch die Luft und schlug gegen Kates. Der Kampf war eröffnet.

Jetzt war sie endgültig zu weit gegangen. Er hätte sie ziehen lassen, um der Liebe willen, die er einst für sie empfunden und die Schande, die er durch ihre Ermordung wieder gut zumachen hatte. Aber das, dieser sinnlose Akt von Barbarei, das war zu viel. Damit hatte Kate Devaney ihr Leben verwirkt.

 

Am Himmel zuckten immer stärkere Blitze, große, schwere Regentropfen prasselten auf Duncan und Kate herunter und durchnässten sie binnen weniger Minuten bis auf die Knochen. Mit einem schnellen Handgriff entledigte Kate sich ihres mittlerweile vollgesogenen Mantels, der sie nun mehr behinderte als wärmte. Elegant umkreisten sie einander und kreuzten die Schwerter, um Stärken und Schwächen des Gegners auszumachen. Duncan ließ sich von ihr die steinerne Brücke zur Burg hochtreiben, parierte aber mühelos Kates Attacken.

Von Connors Warte aus betrachtet, sah der Kampf nicht ganz so mühelos und ungefährlich aus. Ein paar Mal stolperte Duncan, rappelte sich aber schnell wieder auf und wehrte die Schläge seiner Ex-Frau ab. Die Schwerter klirrten, schepperten und schlugen Funken. Schlag auf Schlag. Unweit Connors Position schlug ein Blitz ein, direkt gefolgt von dem nächsten lautstarken Donnergrollen. Er zuckte kurz zusammen und trat unter einen Torbogen, der angesichts der Wetterlage aber wenig vertrauenerweckend wirkte.

Das Gewitter entwickelte sich zu einem handfesten Unwetter, der Regen peitschte über den Vorplatz und die Brücke. Auf dem unebenen Boden sammelten sich bereits große Pfützen, in die die beiden einstigen Liebenden und heute erbitterten Gegner stolperten, immer wieder ausrutschten und versuchten ihr Gleichgewicht wiederzufinden.

Dann im nächsten Augenblick gelang Duncan der entscheidende Schlag, mit dem er Kate entwaffnete. Ihr Schwert flog in hohem Bogen von der Steinbrücke herunter. Mit dem Griff seines Katanas versetzte er ihr einen Kinnschlag, der Kate rückwärts stolpern und auf den Knien landen ließ.

Bedauernd schüttelte Duncan den Kopf.

Kurz hielt er inne, betrachtete nachdenklich den verzierten Schwertgriff. Während dieser paar Herzschläge haderte Duncan mit seinem Gewissen, ob er den Schritt wirklich tun konnte. Aber wie konnte er seiner Frau je wieder unter die Augen treten, wenn er Kate wieder ziehen lassen würden - in dem Wissen, dass nicht Arthur Moore Genevièves Mörder gewesen war, sondern Kate?

Na los, sei einmal in deinem Leben ein Mann, Duncan MacLeod, und stehe zu deinen Entscheidungen! Nur wegen deinem weichen Herz musste es soweit kommen!“ Sie spuckte ihm verächtlich vor die Füße. Kein Flehen, kein Ausdruck von Angst in ihren Augen. Sie wusste, dass es aus war, dass sie in Kürze ihr Leben aushauchen und all ihre Lebensenergie auf den Mann übergehen würde, den sie am meisten auf diesem Planeten hasste.
Auch wenn du es mir nicht glaubst, Kate, es tut mir so unendlich leid.“ Er hob sein Schwert und schlug zu.

 

Die Blitze ließen nicht lange auf sich warten und vermischten sich mit dem Gewitter, das nun direkt über der Burg kreiste.

Duncan streckte die Klinge mit beiden Händen in den Himmel und ließ seinem Kummer freien Lauf. Blitz um Blitz, Schrei um Schrei nahm er Kates Lebensenergie in sich auf. Vor seinem inneren Auge sah er Kate, 1712 in Irland, an dem Tag, als Connor und er sie vor Wegelagern gerettet hatten. Und dann, als er sie drei Jahre später wiedergetroffen und sich in sie verliebt hatte. Dann an ihrem Hochzeitstag, so schön und unschuldig - was hatte er ihr nur angetan? Warum hatte er damals Connors Warnungen ignoriert? Er hätte dem Schicksal seinen Lauf lassen und auf ihren natürlichen Tod warten sollen. Sicherlich wäre es ein paar Jahre nach der Hochzeit zu einem Unfall gekommen, der sie letztlich doch noch unsterblich gemacht hätte.

Dann sah er mit einem Mal Geneviève, wie sie damals mit ihrem schmutzigen Indiana Jones-Outfit in der Küche des Chateaus gesessen, einen Pfannkuchen nach dem anderen vertilgt und frech gemeint hatte, sie wollte nur mal kurz Mamas neuen Mann abchecken. Und als nächstes, wie sie Adam Lee in Maurices Bar um den Hals gefallen war. Da hatte er zum ersten Mal so etwas wie Vatergefühle verspürt. Hatte sich gesorgt um sie. Im nächsten Moment erinnerte er sich, wie er sie zuletzt gesehen hatte. In dem weißen Trägerkleid und den Lilien, die man in ihre toten Hände gelegt hatte, auf dem Grab seiner Eltern. Das hatte er nicht gewollt, wie hätte er auch nur im Entferntesten ahnen können, dass seine Ex-Frau zu solch einer barbarischen und sinnlosen Tat fähig gewesen sein könnte?

 

Immer mehr Blitze schlugen rund um die Burg ein. Kurz bevor die Energieübertragung vorüber war, schien es Connor für einen Moment so, als würde am anderen Ende der Brücke ein Asiat warten und mit gerecktem Kopf dem Gewitter befehlen, genau über dem Ort des Kampfes zu verharren. Dann baute sich in einer Gewitterwolke ein gewaltiger Blitz auf, der sich mit Kates Lebensenergie verband und die jahrhundertealte Brücke in Tausend Stücke sprengte.

In dem Moment, als die Brücke explodierte, warf Duncan einen überraschten Blick zu seinem Cousin, dann verlor er den Boden unter den Füßen und fiel mehrere Meter tief.

Connor traute seinen Augen kaum. Er verstaute sein Schwert unter seinem Mantel und rannte los.

 

Es dauerte eine Weile, bis er den sicheren Abstieg geschafft hatte. Duncan lag inmitten der Trümmer, sein Herz war durchbohrt von Kate Devaneys Schwert. Connor entging die Ironie nicht, die dieser Anblick bot. Duncan war blutüberströmt, sein Pullover war zerrissen, die Gelenke sahen verrenkt und auch teilweise gebrochen aus. Noch war er tot. Daher setzte Connor sich auf einen größeren Felsen und beobachtete den Himmel, während er auf Duncans Rückkehr in die Welt der Lebenden wartete.

Das Gewitter zog weiter in Richtung Fort William. Die Wolkendecke riss auf, erste Sonnenstrahlen suchten ihren Weg auf den regendurchtränkten Boden und lockten Duncan zurück ins Leben.

Einige Augenblicke später schnappte dieser hektisch nach Luft und schlug wild und auf Gälisch fluchend um sich.

Ruhig, Duncan. Es ist vorbei.“ Connor stand über ihn gebeugt, die Sonne im Rücken. „Halt mal einen Moment still, du hast was. Wird weh tun.“ Mit einem schmatzenden Geräusch zog er das Schwert aus Duncans Brust und legte es neben sich. Solcherart Beweise ließen sie besser nicht hier rumliegen. Dann streckte er seinem Cousin die Hand entgegen. „Geht's? Komm, ich helfe dir hoch, alter Mann. War ein heftiger Kampf. Du hast ganz schön lange gebraucht. Ich dachte schon, du kannst es nicht zuende bringen. Zum Schluss kam noch mal die Ritterlichkeit durch, aye?“ Duncan sah ihn finster an. „Irgendwas gebrochen?“ versuchte Connor schnell das Thema zu wechseln.
Ja, aber nicht mein Herz, falls du das meinst. Wenn mir noch mal was in der Brust steckt, zieh es nächstes Mal ein bisschen sanfter raus, bitte!“ grollte Duncan und setzte sich mit schmerzverzogenem Gesicht neben Connor auf den Fels. Mit umherschweifendem Blick suchte er nun sein eigenes Schwert. „Und wenn du jemals wieder behauptest, ich hätte die schönsten Frauen und den größten Spaß, dann Connor, schwöre ich dir auf das Grab meiner Eltern, hole ich mir deinen Kopf!“ Connor musste lachen angesichts der nicht ganz ernstgemeinten Drohnung.

Endlich hatte Duncan sein Katana zwischen einigen Steinen eingeklemmt entdeckt. Er hielt sich die linke Seite, wo ein paar gebrochene Rippen dank der Belebung gerade wieder zusammenwuchsen und entfernte mit der freien Hand lockere Steine, die auf der Klinge lagen.

Connor trat zu ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

Es war die richtige Entscheidung, glaub mir, Duncan. Sie hätte euch nie in Frieden gelassen. Sie war so verblendet von ihrem Hass. Ich hatte dich gewarnt damals. Aber du warst noch so jung...“ Duncan nickte bedauernd und gleichzeitig zustimmend.
Aye, aber ich hätte sie gehen lassen. Wenn sie nicht damit rausgeplatzt wäre, dass in Wahrheit sie Geneviève ermordet hat. Arthur Moore sollte nur ein kleines Geschenk von Kyle an Micky sein. Kate war es. Sie schlich sich nachts in Genevièves Schlafzimmer und hat sie erdolcht.“ Connor wirkte sichtlich betroffen.
Du meinst...“
Ja, auf die gleiche Weise, wie ich sie zu einer Unsterblichen gemacht habe, hat sie Geneviève getötet. Sie hat gar nicht erst die Belebung abgewartet, sondern sich direkt ihren Kopf geholt. Deswegen habe ich sie getötet. Micky hätte mir nie verziehen, wenn ich sie heute hätte ziehen lassen. Aber ich hoffe, sie wird mir verzeihen, dass durch meine Naivität damals all das erst möglich geworden ist.“
Hör mal, Duncan. Vielleicht brauche ich ja wirklich eine Brille. Aber ich glaube, das war kein normales Gewitter, das die Brücke zerstört hat. Ich glaube, ich habe Raiden gesehen. Ich schätze, wir sollten, alle Beweise sichern und ganz schnell verschwinden. Wer weiß, was dieser asiatische Donnergott noch in petto hat.“ Duncan stimmte ihm zu, überließ es aber seinem Cousin, die Leiche seiner Exfrau nach ihren Papieren zu durchzusuchen.

 

 

11. Götterreigen

 

Spanien, Madrid, auf der Straße gegenüber einem privat geführten Waisenhaus, einen Monat später.
Die erste Hälfte des Jahres lag nun schon einige Wochen hinter ihnen. In Schottland hatte wie jedes Jahr ein Sonnenwendfest statt gefunden. Dieses Mal aber ohne Micky, Duncan und Methos. Das Wintersonnenfest bei dem ein wahnsinniger Druide in einem obskuren Ritual Micky den Kopf abschlagen wollte, hatte ihr vollkommen gereicht.

Nach vielen Wochen intensiver Recherche hatte Joe endlich die entscheidende Spur gefunden, die zu der gesuchten Rhea führte. Sie lebte unter dem Namen Rheia da Silva in Madrid und betrieb ein kleines Waisenhaus. Auch nach 5.000 Jahren war sie anscheinend noch immer eine fürsorgliche Übermutter.
 

Micky, Joe und Methos saßen in einem schwarzen, eher unauffälligen Mietwagen und beobachteten, wie auf einem umzäunten Gelände auf der anderen Straßenseite, etliche Kinder spielten. Auf den ersten Blick wirkte das Gebäude sehr alt. Bei genauerem Hinsehen fielen dem aufmerksamen Beobachter verschiedenste christliche Symbole auf. Offensichtlich war dies ein ehemaliges, kirchliches Gelände und stand daher vermutlich auf heiligem Boden. Eine kluge Wahl, wenn man sich vor anderen Unsterblichen oder gar einem Gott verstecken wollte.

 

Durch die große, weiße Eingangstür trat gerade eine junge Frau mit einem Tablett, auf dem Limonadengläser und kleine Kuchen standen, heraus. Ihre ungebändigten, roten Locken glitzerten in der warmen Nachmittagssonne. Sie trug schlichte Kleidung, ein weißes Hemd und eine dunkle Hose, was ihrer aristokratischen Ausstrahlung aber keinen Abbruch tat. Im Gegenteil. Sofort stürmte gut ein Dutzend Kinder auf sie zu und streckten die Hände nach den Leckereien aus, die Ihre Pflegemutter für sie aus der Küche geholt hatte.

Als Micky einen ersten Blick auf Rheia da Silva erhaschte, verschlug es ihr den Atem. Unwillkürlich fasste sie sich an die Narbe, die ihr bei einem anderen Aufenthalt in Madrid zugefügt worden war. Jetzt verstand sie, was Adam damals gemeint hatte, als er Geneviève zum ersten Mal begegnet war.

 

Frankreich, Chateau Dubois, im Spätsommer 1930.
Yvonne, Michelles Haushälterin, führte einen Besucher in den großen Salon, wo Michelle mit ihrer Tochter Geneviève gerade beim Tee saß.
Beide spürten sofort, dass sich einer der ihren nährten und vergewisserten sich binnen eines Herzschlages, dass ihre Schwerter in Reichweite neben ihnen lagen.

Es klopfte sachte, dann wurde die Tür geöffnet. Die stattliche, ältere Dame knickste ehrerbietig und für ihr Alter erstaunlich geschmeidig und vermeldete: „Madame La Comtesse, Mademoiselle Geneviève, ich melde Monsieur Adam Lee, der von Ihnen empfangen werden möchte.“ Als Michelle den Namen hörte, sprang sie mit einem äußerst unangemessenen Aufschrei vom Sofa hoch und rannte freudestrahlend auf ihren Besucher zu.
Danke Yvonne. Du kannst gehen.“ Yvonne zog sich sofort diskret zurück.
Adam, was zum Teufel führt dich nach Paris?“ fragte sie aufgeregt und zog ihren alten Mentor zum Sofa, wo Geneviève immer noch mit dem Rücken zur Tür saß und Yvonnes köstliche Waffeln vertilgte.
Ein paar Geschäfte, ein paar Duelle, das Übliche, meine Liebe. Du kennst mich ja. Aber ich sehe, du hast schon Besuch?“ fragte er an Genevièves Rücken gewandt. Ihre langen, roten Haare waren zu einer Hochfrisur zusammengesteckt, aus der sich keck ein paar Strähnen gelöst hatten.

Endlich drehte die Angesprochene sich um, worauf Adam sich an die Brust fasste, kurz schwankte und murmelte: „Das ist doch nicht möglich...“ Michelle sah ihn irritiert und fragend an.
Adam, ist dir nicht gut?“ Sie ergriff seine Hand und führte ihn zum Sofa. „Hier, komm setz dich, nimm ein Wasser. Das ist übrigens meine Adoptivtochter Geneviève Dubois. Geneviève, das ist Adam Lee. Er war einer meiner Mentoren, zwischen Meister Unterhauser und Nostradamus.“ Adam rang noch immer um seine Fassung, nahm Genevièves Hand und deutete galant einen Kuss an.
Mademoiselle, Enchanté. Es ist mir ein Vergnügen. Verzeihen Sie bitte meine Reaktion. Aber es ist erstaunlich. Sie erinnern mich an jemanden aus meiner fernen Vergangenheit. Sie hat mich vor unendlich langer Zeit verlassen, vor mehr als einem Menschenleben. Sie sind ihr wie aus dem Gesicht geschnitten.... Ihr Anmut, Mademoiselle Dubois, ist das Licht, das in der Dunkelheit meines Herzens scheint...“ Auf Genevièves Wangen machte sich eine verlegene Röte breit und ihre Lippen umspielte ein verliebtes Lächeln...

 

Spanien, Madrid, die Gegenwart.
Micky, die auf der Rückbank saß, schlug Methos heftig auf die Schulter und deutete auf die andere Straßenseite.

Aua“, rief er empört und drehte sich zu ihr um. „Was ist denn? Wir haben alle Augen im Kopf, Hochwohlgeboren! Du musst mir ja nicht gleich die Scapula brechen. Himmel!“ Micky überging seine Angeberei mit medizinischen Fachausdrücken. Was eine Memme, dachte sie. So fest hatte sie doch gar nicht zugeschlagen – und selbst wenn, ein gebrochenes Schulterblatt heilte bei einem Unsterblichen binnen kürzester Zeit.
Das ist wirklich unglaublich, Micky. Sie sieht wirklich aus wie Geneviève. Wie ist das möglich?“ fragte Joe und lehnte sich ein wenig weiter aus dem Auto. Da die beiden nicht auf seine Frage reagierten, stellte Joe sogleich die nächste, wesentlich interessantere: „Und, wie habt ihr euch das jetzt vorgestellt? Geht ihr mal locker lässig rüber und stellt euch vor? So in der Art: 'Hallo, kennst du mich noch? Ich bin der Gott der Weisheit und übrigens dein Ex-Mann ist tot, sie da ist die neue Göttin des Todes und wir wollen den Kriegsgott daran hindern die Apokalypse auszulösen...'?“ Micky machte zur Antwort ein abfälliges Geräusch, wie um zu sagen, Joe hätte auch schon mal bessere Ideen gehabt.
Gute Idee, wer kommt mit?“ meinte Methos und stieg im nächsten Moment aus dem Auto aus.

Micky wollte ihn noch am Kragen seines Mantels festhalten, griff aber nur noch ins Leere. Sie und ganz besonders nicht Joe kamen so schnell hinterher, um ihn von der Schnappsidee abzuhalten. Noch halb im Wagen sitzend, rief sie ihm hinter her: „Methos, warte! Verflucht. Jetzt komm schon, Joe! Wer weiß, was der Gott der Weisheit Senora da Silva für einen Blödsinn erzählt? Wir wissen ja noch nicht mal, ob sie noch weiß, wer sie mal war!“

Micky rannte hinter Methos her, Joe versuchte, so schnell es ihm möglich war, hinter den beiden herzuhumpeln. Er merkte ziemlich bald, dass es sinnlos war und ging frustriert grummelnd zum Auto zurück. Sie konnten ihn ja hinterher aufklären, was er in Mickys Chronik schreiben sollte.

 

Methos hatte gerade dichtgefolgt von Micky das schmiedeeiserne Tor durchschritten, als Rheia da Silva bemerkte, dass mehrere Unsterbliche sich ihr näherten. Aber sie machte sich nicht wirklich Sorgen. Das Grundstück war ein ehemaliges, katholisches Kloster und somit heiliger Boden. Für sie gab es auf der ganzen Welt keinen sichereren Ort als ihr Zuhause. Sie schickte die Kinder wieder zurück zum Spielen und wartete mit dem leeren Tablett ab, bis die beiden sie erreicht hatten.

Senora da Silva, mein Name ist Micky MacLeod. Können wir Sie einen Moment alleine sprechen, bitte?“ ergriff Micky direkt das Wort, als sie vor der jungen Frau standen. Gerade noch rechtzeitig, bevor Methos einen blöden Spruch vom Stapel lassen konnte.

Was wollen Sie? Wir befinden uns hier auf heiligem Boden.“ Als kleines Zugeständnis öffneten Micky und Methos kurz ihre Mäntel und zeigten, dass sie unbewaffnet waren.

Wir wollen nur kurz mit Ihnen sprechen, alleine, wenn das in Ordnung ist“, bat Micky höflich, aber nachdrücklich und bemerkte, dass Rheia da Silva Methos sehr interessiert musterte. Dann nickte sie einverstanden und drehte sich zur Eingangstür des Waisenhauses um.

 

Während Rheia ihnen den Weg zu ihrem Büro zeigte, flüsterte Micky Methos ins Ohr: „Ich glaube, du kommst ihr bekannt vor.“
Du weißt doch, ich hinterlasse bei den Damen immer einen bleibenden Eindruck... Aua! Du bist aber ganz schön aggressiv in letzter Zeit. Sexuell unbefriedigt, oder wie?!“ meinte Methos beleidigt, weil Micky ihm auf die Brust geschlagen hatte.
Halt die Klappe, sonst schlag ich gleich noch mal zu. Und zwar dort, wo es richtig weh tut, Methos!“ zischte sie.

Einige Augenblicke später hatten sie das Büro von Rheia da Silva erreicht. Micky versuchte sie nicht allzu offensichtlich anzustarren. Aber es war schon erschreckend, wie ähnlich diese Frau ihrer kleinen Geneviève sah. Sie ermahnte sich selbst in Gedanken sich zusammenzureißen und sich auf ihre Aufgabe zu konzentrieren. Die hämischen Kommentare in ihrem Kopf ignorierte sie.

Ganz die gute Gastgeberin bot Senora da Silva ihnen Kaffee an und nahm dann an ihrem großen, antiken Schreibtisch Platz. Die Einrichtung spiegelte ihren guten Geschmack wider. An der Wand war eine ansehnliche Bibliothek in dunkelbraunen Regalen untergebracht. Neben einer zweisitzigen, dunkelbraunen Ledercouch stand ein runder Beistelltisch und darauf ein antiker Globus.

Legen wir die Karten auf den Tisch. Ich nehme an den Kämpfen um die Zusammenkunft schon lange nicht mehr teil.“
Es gibt keine Zusammenkunft“, platzte es gleichzeitig aus Micky und Methos raus. Sie sahen sich kurz an und lachten. Als Micky die fragenden Blicke ihres Gegenübers bemerkte, erklärte sie: „Entschuldigung, das ist so ein kleiner Running Gag zwischen uns. Aber es ist wirklich so. Die Zusammenkunft ist ein Mythos. Es tauchen fortlaufend neue Unsterbliche auf, für jeden der getötet wird. Aber es gibt einen Kampf, der dennoch ausgetragen werden muss. Und dafür brauchen wir Ihre Hilfe, Senora da Silva.“ Micky wollte nicht gleich damit rausplatzen, dass sie die Menschheit vor einem neuen finsteren Mittelalter bewahren wollten.

Bedächtig öffnete Rheia eine Schublade und holte einen mehrere Seiten umfassenden Brief hervor, den sie sogleich aufschlug. Er begann mit den Worten. „Meine liebste Rheia, wenn du das hier liest...“. Mickys Herz setzte kurz aus, als sie die ihr vertraute Handschrift erkannte.

Sie können sich denken, was das ist, Senora MacLeod?“ fragte Rheia sie nun, worauf Micky nur nickte. „Ich habe schon länger auf Ihre Ankunft gewartet.... Was hat so lange gedauert, Enki? Oder möchtest du lieber Methos genannt werden? So nannte Balor dich zumindest in seinem Abschiedsbrief.“ Methos schluckte und stellte klirrend seine Kaffeetasse mitsamt der Untertasse auf dem Schreibtisch ab.
Du... Du weißt es...“ stammelte er.
Ja, ich weiß es. Ich weiß, dass Adam, wie er sich in den letzten Jahrhunderten nannte, versucht hat, Kyle, wie er sich inzwischen nennt, von seinen wahnsinnigen Plänen abzubringen, die er schon seit Anbeginn der Zeit verfolgt. Ich weiß, dass Kyle deiner Freundin hier immer wieder mächtige Unsterbliche vor die Nase gesetzt hat, um sie so stark genug zu machen, damit sie letztendlich meinen Ex-Mann besiegen und seinen Platz einnehmen könnte. Und ich weiß, dass es genauso gekommen ist. Er hat einen Brief vorbereitet, der im Falle seines Ablebens an mich geschickt werden sollte.“ Micky atmete laut aus und fuhr sich mit den Händen durchs Gesicht. Die Stimmen in ihrem Kopf zogen gerade eine äußerst hämische„Ätschi-Bätschi-Nummer“ ab. Sie musste sich enorm anstrengen, um sie zu überhören und der Unterhaltung zwischen Methos und Rheia zu folgen. Was sollte sie darauf noch sagen? Außer...
Es tut mir leid. Das müssen Sie mir glauben, Senora da Silva. Bitte. Ich wollte das nicht. Adam hat mir keine Wahl gelassen in jener Nacht auf diesem Schrottplatz bei Paris. Ich wusste ja nicht mal, dass er mir ein Schwert der Macht untergeschoben hatte. Und hätte ich auch nur im Entferntesten geahnt, wie es mich verändern und welchen Preis ich dafür zahlen würde, wäre ich lieber gestorben oder hätte mich irgendwo auf heiligem Boden versteckt.“ Methos konnte nicht verhindern, dass ihm ein Lachen entfuhr, worauf Micky ihn mit einem giftigen Blick bedachte.
Was denn?! Als hättest du dich schon jemals aus einem guten Kampf raushalten können?! Ich kann mich noch gut erinnern, wie versessen du darauf aus warst, dir den Kopf von Christopher Sikes zu holen...“
Ja, und kurz darauf wollte ich deinen, alter Mann!“ konterte sie. Methos kreuzte gekränkt die Arme und studierte die Buchtitel neben sich.
Ihr beiden benehmt euch wie ein altes Ehepaar. Ganz ehrlich“, bemerkte Rheia amüsiert. Methos Kopf schoß zurück in ihre Richtung.
Was? Nein, nein! Wir sind nicht...!“ versuchte Methos zu erklären, aber Micky fiel ihm ins Wort.
Er ist immer noch oder genauer gesagt immer mal wieder mit der Göttin der Liebe zusammen, das mit uns ist Schnee aus einem ganz anderen Jahrhundert.“
Wie geht es Isis denn so?“ fragte Rheia interessiert. Methos wollte gerade zu einer ausschweifenden Erklärung ansetzen, als er erneut von Micky unterbrochen wurde, die eine Hand auf seinen Arm legte.
Entschuldigung, aber du erlaubst, Methos? Das würde jetzt wirklich zu weit führen und dafür reicht die Zeit auch gar nicht. Kurzfassung, er ist ein liebeskranker Trottel der weder weiß, was er wirklich will, noch was wirklich gut für ihn ist.“ Methos schnappte beleidigt nach Luft, aber Micky hatte jetzt so richtig Fahrt aufgenommen und beließ es nicht bei dieser Aussage.
Sie braucht nur mit ihren manikürten Fingern schnippsen und er springt. Ab und an gibt’s eine harte Landung, bei der er einen schmerzhaften Tod stirbt oder sie lässt ihn einfach sitzen. Dann leidet Methos eine zeitlang an gebrochenem Herzen, leckt seine Wunden, sucht sich zwischendurch mal eine Sterbliche und wenn Isis dann wieder auf Matte steht, kauft er ihr reuevoll ein paar Diamanten und das Spiel geht von vorne los. Hab ich das so richtig zusammengefasst, oh Gott der Weisheit?“
Ja“, knurrte Methos eingeschnappt, aber im Prinzip wusste er, dass Micky mit jedem Wort Recht hatte. „Was Michelle damit sagen will, mein Beziehungsstatus ist auch nach mehr als 4.000 Jahren noch kompliziert. Aber viel wichtiger ist, ob du uns hilfst, Kyles Pläne aufzuhalten?“ Anstelle einer Antwort schenkte Rheia noch einmal Kaffee nach.
Und wenn ich nein sage? Mir gefällt es hier, ich habe eine Aufgabe, ich lebe auf heiligem Boden. Mir kann also nichts passieren“, erklärte sie unbeeindruckt von Methos' Hilfegesuch.
Er wird dir keine Wahl lassen, Rheia. Irgendwann wird er uns alle nach Wittmore Castle rufen. Wir wissen nicht wann oder wie, aber wir denken, dass wir uns dann nicht dagegen wehren können. Er hat irgendwie die Macht über uns. Keine Ahnung, wie das möglich ist, schließlich sind wir ja alle gleichwertige Gottheiten.“
Nein. Sind wir nicht.“
Sind wir nicht?“ echote Methos und starrte Rheia zweifelnd an. „Aber, aber... Ich dachte, ich wäre der erste gewesen und hätte euch anderen dann zu Göttern gemacht. Wie auch immer man so was macht...“ Rheia nickte zustimmend und stand von ihrem Platz auf. Sie zog den dunkelroten Samt-Vorhang beiseite und beobachtete ihre Schützlinge beim Spielen, während sie sich erinnerte und ein weiteres Puzzlestück aus Methos' Vergangenheit offenbarte.
So war es auch, Methos. Doch Neto hat sich damit nicht zufrieden gegeben. Er wollte eine nicht überschaubare Zahl an Dienern, deshalb löste er ohne dein Wissen die Zusammenkunft aus. Er war sich sicher, bis der Eine übrig wäre, hätte er für Jahrtausende eine treue, unsterbliche Armee. Nach gut 1.000 Jahren hielt er es außerdem nicht mehr für angemessen die Macht mit dir und uns anderen zu teilen. Wir wissen nicht wie, aber er hat sich damals mehr Macht verschafft als du zu Beginn deiner Alleinherrschaft hattest und sich damit zu einer Art Göttervatter aufgeschwungen. Und dann hat er uns allen die Erinnerung genommen, den Großteil unserer Kräfte und das ganze göttliche Wissen. Er hat uns praktisch über Nacht zu normalen Unsterblichen degradiert und vor die Tür gesetzt. Jeder von uns durfte nur eine besondere Kraft behalten, die aber auch nur an die Oberfläche treten sollte, wenn wir uns unserer Göttlichkeit bewusst wären... Die nächsten Jahrtausende zogen wir zumeist getrennt durch die Welt, trugen die Kämpfe um die Zusammenkunft aus und irgendwie haben die alten Paare sich wieder gefunden. Methos und Isis in Theben...“

Methos verzog kurz das Gesicht, als er an seine Hochzeit im alten Ägypten dachte und wie er dem Prinzen von Ägypten die Braut – Isis – vor der Nase weg geschnappt hatte. Jenem Prinzen, den Micky später unter dem Namen Michael Alexander im Kampf besiegt hatte. Anscheinend war es wirklich sein Schicksal bis ans Ende der Zeit mit Isis verbunden zu sein.

Rheia ignorierte seine Miene und fuhr fort: „Balor und ich lebten zunächst am Hof von Alexander dem Großen. Doch irgendwann ertrug ich es nicht mehr, dass er das Töten mehr zu lieben schien als mich. Also verließ ich ihn. Brigid hielt sich vor Neto in Irland versteckt. Balor fand sie dort auf seinem Feldzug für Cäsar. Während einer Schlacht wurde sie entführt und lebendig begraben. Gut 2.000 Jahre hat sie auf Balor gewartet in einem steinernen Sarg in einer Gruft. Balor war so unendlich traurig darüber seine Schwester augenscheinlich verloren zu haben, dass er dem Kämpfen für lange Zeit abschwor. Dummerweise hat Neto sie wohl vor Balor wiedergefunden und hielt sie danach weiter vor ihm versteckt, bis vor ein paar Jahren. Neto merkte irgendwann, dass die Sterblichen allmählich keine Götter mehr brauchten. Hin und wieder entstanden kleinere Sekte, ein paar setzten sich durch und wurden zu den sogenannten Weltreligionen. Aber alle hatten eins gemeinsam, sie hatten oder suchten einen Erlöser und Lehrer. Keinen Kriegsgott. Neto war somit de facto überflüssig geworden. Also lehnte er sich erstmal zurück und hoffte, einer der großen Kriege würde die Welt so sehr ins Chaos stürzen, dass er die Macht ergreifen konnte. Bis jetzt hatte die Welt aber Glück...“ Rheia hatte während ihrer kleinen Ansprache Adams Abschiedsbrief in die Hand genommen und betrachtete ihn versonnen.
Aber was ist mit Raiden? Wie passt der ins Spiel? Wenn Methos ihn damals nicht zu einem Gott gemacht hat und dann auch von Neto entthront und seiner Macht beraubt wurde, wer hat...“ Dann begriff sie.
Ganz richtig, meine Liebe. Das war Neto. Als wir weg waren, merkte er schnell, dass ihm göttliche Gesellschaft fehlte. Also reiste er ein wenig durch die damals bekannte Welt. In Britannien fand er einen Jüngling, dem er die Macht über den Donner gab – Taranis. Aber die zwei harmonierten nicht so richtig miteinander. Es endete für Taranis schmerzhaft und tödlich. Also suchte Neto weiter. In Asien traf er schließlich einen korrupten und skrupellosen Politiker namens Sugawara no Michizane. Er bot ihm die Unsterblichkeit und große Macht an. Sugawara zögerte keinen Augenblick, er täuschte seinen Tod vor und wurde dann zu Raiden – dem Gott mit der Macht über Donner und Blitz. Die Legenden dürften euch bekannt sein. Und auch er wollte eine göttliche Gefährtin, er hatte eine junge Unsterbliche erwählt, die sich ihm aber immer widersetzt hatte. Ich weiß nicht, was aus ihr wurde...“
Ihr Name war Keiko. Sie war meine Freundin... Raiden hat sie in Paris ermordet. Niemand ist vor Kyles Handlanger sicher. Auch Sie nicht, Senora da Silva.“
Ihr Verlust tut mir leid, Senora MacLeod. Wirklich. Aber ich bin hier sicher. Raiden vergreift sich nicht an mir. Wir sind die letzten Götter.“
Und genau das verstehe ich nicht. Wenn Kyle uns andere los geworden ist, warum hat er nach Raiden nicht noch weitere Götter geschaffen, die nach einer Pfeife tanzten? Wäre doch eine Kleinigkeit für ihn gewesen...“ grübelte Methos.
Sicherlich, aber bedenke, Raiden hat er zu einer Zeit erschaffen, als die Sterblichen allmählich von der Vielgötterei abkamen und sich dem Monotheismus zuwanden. Und da er ja noch immer die Weltherrschaft anstrebte, wären andere Götter nur Konkurrenz für ihn gewesen. Raiden war und ist ein Handlanger für ihn, mehr nicht. Ein Vollstrecker seines Wahnsinns...“
Du sollst keine anderen Götter haben neben mir...“ murmelte Micky verdrossen mit einem Blick auf das Kreuz, das über dem Türrahmen hing.
So ungefähr. Also wie gesagt. Ich werde hier bleiben. In Sicherheit. Ich bin mir gar nicht so sicher, ob Neto uns wirklich rufen und zu sich befehlen kann.“ Wenn sie sich da mal nicht irrte, dachte Micky bitter. Sie hatte Kyle in Irland überdeutlich in ihrem Kopf gehört. Vermutlich hatte er sie an dem Tag ihres Zusammentreffens auch an den Loch Shiel gerufen.
Und wenn es zur Abstimmung kommt, für welche Seite bist du dann, Rheia? Oder hälst du dich dann auch raus? Ich kann mich dunkel erinnern, dass das auch in Mesopotamien schon deine bevorzugte Methode war. Isis und Brigid wollten ihm Einhalt gebieten. Von ihnen kam auch der Vorschlag der Abstimmung, aber du...“ Er schüttelte traurig den Kopf und zog Micky von ihrem Stuhl hoch. „Gehen wir, Hochwohlgeboren. Wir sind hier fertig.“

 

Schweigend schritten sie die ehemaligen Klosterflure entlang. Methos' Kiefer mahlten wütend. Er hatte gehofft, Rheia auf ihrer Seite zu haben und eine Abstimmung durchzusetzen. Wenn sie sich aber neutral verhielt, würde ihm am Ende wahrscheinlich nur der Kampf bleiben, um Kyle aufzuhalten. Und so mächtig Methos auch war und so gerne er auch gelegentlich damit angab, wie viele Kämpfe er in 5.000 Jahren ausgetragen hatte - er war sich nicht sicher, ob das ausreichen würde, um den Mann zu besiegen, der ihn in Mesopotamien vom Thron gestoßen und ihn, wie er nun wusste, jahrtausendelang seiner göttlichen Macht beraubt hatte.

 

Kurz darauf erreichten sie den Mietwagen, in dem Joe noch immer geduldig auf sie wartete. Er blickte kurz von seinem Laptop hoch, in den er erste Notizen für seinen Wochenbericht getippt hatte und schaute ihnen erwartungsvoll entgegen.

Und?“ fragte er schlicht.
Methos stieg ins Auto und schlug mit einem Knall die Tür zu, woraufhin Joe kurz zusammenzuckte.

Sie ist die Schweiz...“, blaffte er wütend und geheimnisvoll. Dann drehte er sich völlig unerwartet nach hinten um und schnauzte Micky an: „Und du meine liebe, Michelle, bist nicht die Göttin des Todes, sondern der Gehässigkeit, du spitzzüngige Natter!“ Methos war wütend auf Rheias unbegreifliches Verhalten und genervt von Mickys bissigen Kommentaren in Rheias Büro. Joe verstand kein Wort und drehte sich fragend zu Micky um, die sich frustriert auf den Rücksitz hatte fallen lassen.
Unser genervter Gott hier will damit sagen, dass ich eine hervorragende Paartherapeutin abgeben würde...“ Diese Aussage kommentierte Methos mit einem unterdrückten Aufschrei, was Micky nicht wirklich beeindruckte. „Und zu Rheia lässt sich sagen, sie bleibt neutral. Sie hält sich ganz einfach raus, Joe. Das Waisenhaus steht auf heiligem Boden und sie meint, sie wäre hier sicher. Bleibt also nur noch Brigid. Allerdings weiß ich nicht, wie wir eine Frau überzeugen sollen, für uns und nicht für Kyle zu stimmen, der nicht nur ihr Ehemann ist, sondern die 2.000 Jahre lebendig in einem Sarg begraben war und deren Bruder ich getötet habe. Ich schätze mal, sie dürfte ein bisschen...“
Durchgeknallt sein?!“ beendete Methos ihren Satz. Dann schlug er einige Male frustriert mit seinem Kopf auf das Lenkrad. „Das ist weder mein Tag, meine Woche, mein Jahr oder auch nur Jahrhundert. Gottverfluchte....“ Joes fragenden Blick ignorierend, drehte er schließlich den Zündschlüssel um.

 

 

12. Kriegsrat

 

Frankreich, Paris, Duncans Hausboot, drei Wochen nach dem Treffen in Madrid.
Die Freunde hatten sich zum Frühstück auf dem Hausboot versammelt und wollte die nächsten Schritte besprechen. Micky brühte gerade Kaffee per Hand auf, das herrliche Aroma handverlesener Arabicabohnen breitete sich bereits in der kleinen Küche aus. Sie hörte ausgelassenes Gelächter aus dem Wohnzimmer. Es klang, als würde Methos den anderen die Frühstücksbrötchen zuwerfen, die Micky ihn genötigt hatte, in aller Herrgottsfrühe zu besorgen. Außer ihnen beiden waren noch Joe, Isis, Amanda, Richie und Ginger MacKenzie anwesend. Einzig Duncan und Connor fehlten, dachte Micky traurig. Allerdings waren für den eigentlichen Kriegsrat auch nur Methos, Isis und Micky nötig. Ihre Freunde sollten sich aber nicht ausgeschlossen fühlen und auch endlich erfahren, was es mit
Denjenigen auf sich hatte.

 

Möchte jemand eine Tasse Kaffee?“ fragte Micky und stellte die Kanne auf den gedeckten Frühstückstisch. Im nächsten Moment verharrten alle bis auf Joe mitten in der Bewegung, weil sie die Ankunft eines weiteren Unsterblichen bemerkten und wandten ihren Blick zur Einstiegsluke und der Treppe.
Krieg ich auch eine Tasse, mo cridhe?“ fragte Duncan und nahm lächelnd die Sonnenbrille von den Augen. Micky schrie erfreut auf und rannte ihrem Mann in die Arme. Er stellte seine Reisetasche neben sich ab, fing sie auf und wirbelte sie einmal im Kreis, bevor er sie zurück auf den Perserteppich stellte und lange und sehnsuchtsvoll küsste. Die Rufe seiner Freunde wie „So macht man das, MacLeod“, „Junge, du gehst aber ran“, „Lass deine Frau noch Luft holen“, oder „Nehmt euch ein Zimmer!“ ignorierte er geflissentlich. Er hatte seine Frau fast zwei Monate nicht gesehen, seit sie Hals über Kopf nach Paris abgereist war nach ihrem Zusammentreffen mit Kyle am Loch Shiel. Umso mehr freute Micky sich endlich wieder mit Duncan vereint zu sein.
Aber natürlich, Duncan.“ Sie wollte schon zum Tisch und sie ihm holen. Doch Duncan hielt sie fest und sah ihr ernst in die Augen.

Mach zwei und bring sie nach oben. Wir müssen reden. Alleine...“ Micky sah ihn fragend an, aber er ging schon wieder Richtung Treppe.
Was ist denn mit MacLeod los?“ fragte Joe verblüfft, der sich immer noch in Paris aufhielt, um seine europäischen Kollegen beim Wiederaufbau des Hauptquartiers zu unterstützen. So geheimnisvoll kannte er seinen Freund sonst nicht.
Keine Ahnung. Genießt das Frühstück. Wir reden dann später. Ich schätze mal, ich werde es gleich erfahren“, bemerkte Micky und ging mit zwei großen Kaffeebechern und ihrem Mantel zur Treppe.

 

Duncan saß auf der gemütlichen Holzbank, die sie im letzten Frühjahr angeschafft hatten und machte ein noch ernsteres Gesicht als vor wenigen Augenblicken. Micky stellte die Tassen vor ihm auf den Tisch, legte ihren Mantel auf die Bank und ließ sich neben ihm nieder. Fürsorglich legte er ihr eine Decke über die Beine, es war noch frisch heute früh. Der Sommer neigte sich langsam dem Ende zu. Duncan schlang den Arm um sie, genoss einen Moment lang das vertraute Gefühl und sog ihren ach so vertrauten Duft ein. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. So schön es auch in Glenfinnan war - Zuhause war, wo seine Frau sich aufhielt. Er hoffte, sie würde es ach seinem Geständnis auch noch so sehen.

Micky, bevor du mir jetzt erzählst, was sich alles ereignet hat, solltest du wissen, dass ich kurz nach deiner Abreise den wahren Mörder von Geneviève im Kampf besiegt habe. Es war nicht dieser Arthur Moore. Er sollte ein Geschenk von Kyle an dich sein.“ In die Betonung von „Geschenk“ legte Duncan alle Verachtung, die ihm möglich war. Er hasste die Art, wie Kyle mit Menschenleben umging jeden Tag mehr.
Micky machte große Augen und nippte langsam an dem dampfenden Kaffee.

Nun mach es nicht so geheimnisvoll. Welcher seiner Lakeien war es? Wenn es Raiden war, musst du dir keine Gedanken machen, der ist nicht wirklich wichtig für Kyles Pläne, wie wir in Madrid erfahren haben. Und ich wäre dir auch nicht böse wegen Keiko....“ Sie war einfach nur froh, wieder mit Duncan zusammen zu sein nach der langen Zeit.
Er schüttelte mit dem Kopf. Wenn es doch nur so einfach wäre. Bevor er mit der Wahrheit rausrückte, war es vermutlich besser Micky den heißen Kaffee abzunehmen. Er stellte beide Tassen in sichere Entfernung und ergriff ihre Hände.

Nein. Nein, es war nicht Raiden. Es war... es war Kate.“ Micky verstand zunächst nicht und sah ihn fragend an. „Verstehst du, Micky? Es war Kate. Kate Devaney. Meine Ex-Frau.“ So, jetzt war es raus. Duncan verspürte so etwas wie Erleichterung, aber nur für einen kurzen Moment. Dann sah er, wie sich der fragende Blick seiner geliebten Frau verfinsterte und in einen zornigen, vielleicht sogar hasserfüllten Blick umschlug. Sie entzog ihm blitzartig ihre Hände, fast so, als hätte sie sich an seinen verbrannt.
Sag, dass das nicht wahr ist, Duncan. Sag, dass das nicht wahr ist!“ schrie sie ihn jetzt an und sprang von der Bank hoch. Duncan schob die Decke zur Seite und stand nun ebenfalls auf. „Dann ist es deine Schuld! Du egoistischer, schottischer Mistkerl... Ihr Männer denkt immer nur mit dem, was ihr in der Hose habt! Ihr Schaltet nie euren Verstand ein!“ Im nächsten Moment schoß ihre Hand vor und schlug ihm mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, ins Gesicht. Das hatte er verdient. Keine Frage. Jegliche Beteuerung, dass er damals jung und naiv gewesen war, als er Kate zu einer Unsterblichen gemacht und damit ihren Jahrhunderte andauernden Zorn und Hass auf sich gezogen hatte, wäre zu wenig. Er streckte die Hand nach seiner Frau aus und zog sie zu sich. Micky begann mit ihren Fäusten auf seine Brust einzuschlagen. Duncan schlang seine starken, muskulösen Arme um sie und hielt sie fest umklammert. Er vergrub sein Gesicht in ihrem Haar und spürte, wie sie weinend und zitternd in seinen Armen lag. Ihr zierlicher Körper wurde von Wellen der Trauer erschüttert und bebte wieder und wieder.
Tha mi duilich. Tha mi duilich. Ich weiß nicht, was ich noch sagen kann, Micky. So unendlich leid. Niemand hätte ahnen können, dass Kate zu so etwas fähig sein könnte...“
Er hat Recht, Michelle. Es ist nicht seine Schuld“, meinte Methos, der gerade die Treppe hochkam. „Es war nicht zu überhören, worüber ihr euch unterhalten habt.“ Micky drehte ihren Kopf zu Methos, heiße Tränen liefen über ihre Wangen. Duncan lockerte allmählich seinen Griff, aus dem sie sich auch sofort entzog und ihn unsanft – fast schon symbolisch – von sich wegstieß.
Halt dich da raus, Methos. Wenn du weißt, was gut für dich ist. Halt dich einfach raus!“ Dann griff sie nach ihrem Mantel und den Autoschlüsseln, die aus der Seitentasche raushingen.
Wo willst du hin?“ fragte Duncan sichtlich besorgt. Er wollte nicht, dass Micky sich in dem aufgewühlten Zustand hinter das Steuer setzte.
Weg.“ Dann ging sie zum Steg und sprang an Land.
Methos, Zeit für den Gefallen. Geh ihr nach und halte sie von irgendwelchen Dummheiten ab! Du garantierst mir für ihre Unversehrtheit! Na los! Lass sie nicht allein!“ Methos nickte nur und rannte Micky hinterher.

 

Er rief ein paar Mal ihren Namen, was sie stur ignorierte. Kurz vor ihrem geparkten Wagen hatte er die Comtesse endlich eingeholt. Er wollte sie am Arm packen und festhalten, aber sie entzog sich ihm.

Langsam, Hochwohlgeboren. Ich glaube, es ist besser, wenn ich fahre. Gib mir die Autoschlüssel.“ Micky drehte sich auf dem Absatz um und sah ihn wütend an. Dann verpasste sie ihm einen Tritt, der Methos unsanft auf dem Hintern landen ließ.
Du kannst mich hochherrschaftlich am...“ Drohend hob Methos einen Finger und rappelte sich wieder auf. Übertrieben theatralisch klopfte er sich den Parkplatzstaub von seinem schwarzen Mantel. Abschätzend beobachtete er Mickys Verhalten. Sie atmete stoßweise, hatte die Hände zu Fäusten geballt und versuchte ihre Wut wieder in den Griff zu bekommen, bevor sie endgültig die Kontrolle verlieren würde.
Hey, sag nichts, was du hinterher bereust, Michelle. Komm mal wieder runter von deinem hohen Ross! Geneviève ist tot, daran kann niemand mehr etwas ändern. Wir alle verstehen deinen Schmerz, wir teilen ihn mit dir. Natürlich vermisst niemand von uns Geneviève mehr als du. Du warst ihre Mutter. Aber auch uns anderen fehlt sie. Duncan hat in ihr eine Tochter gesehen, falls dir das in deiner Trauer noch nicht aufgefallen ist! Und ganz ehrlich, meinst du nicht, dass dein Mann sich nach fast zwei Monaten genug mit der Frage rumgequält hat, wie er dir unter die Augen treten soll, seit er weiß, dass Kate Genevièves Mörderin war?“ Micky schnappte hörbar nach Luft.
Auch du, Brutus?!“ fragte Micky spöttisch und warf die Schlüssel in Richtung seines Gesichts. Methos fing sie mühelos auf und entriegelte den Wagen.
Ja, ich wusste es. Er hat mich nach dem Duell angerufen. Es hat ihn echt fertig gemacht, glaub mir. Deswegen kam er auch nicht mit nach Madrid. Er wusste nicht, wie du reagieren würdest. Ob du es ihm verzeihen kannst... Kannst du?“
Lass uns spazieren fahren“, war die einzige Antwort, die Methos zunächst bekommen sollte.

 

 

Frankreich, Paris, die kleine Kirche in der Nähe von Methos’ Appartement, kurz darauf.
Methos brachte Micky zu der Kirche, in der er damals zufällig gehört hatte, dass sie noch immer von Christopher Sikes besessen gewesen war. Er stellte den Motor ab und stieg aus. Micky erkannte das Gebäude schon von Weitem.

Unschöne Erinnerungen krochen in ihrem Gedächtnis ans Tageslicht. Die Zeit der dunklen Seele, wie sie es meistens im Stillen nannte. Der Zeitpunkt, an dem sie herausgefunden hatte, dass Noah Woodhouse nicht nur irgendein irrer Unsterblicher war, der sie alle erledigen wollte, sondern Kyle Wittmore, der Mann, der sie 1906 am Tag des großen Bebens von San Francisco lebendig in einen Sarg gelegt hatte, weil er sie nicht besitzen konnte. Mittlerweile mit dem Wissen, dass Kyle in Wahrheit eine Art Göttervater war, der schon eine sehr lange Zeit eine neue Weltordnung plante, kam ihr das alles nicht mehr wie ein kranker Scherz, sondern wie das Puzzleteil eines ziemlich perversen Planes vor, um Micky auf ihre Rolle als Göttin des Todes vorzubereiten.

 

Echt jetzt, Methos? Warum muss es immer eine Kirche sein? Und dann auch noch diese hier? Kannst du nicht wenigstens ein einziges Mal mit mir ein unangenehmes Gespräch in einem netten, kleinen Bistro führen?“ seufzte sie und folgte ihm in geringem Abstand.

 

Sie betraten die Kirche und stellten fest, dass sie leer war. Micky warf einen Blick auf ihre kostbare Armbanduhr, die Duncan ihr zum letzten Geburtstag geschenkt hatte, ihrem 508. Es war noch früh, noch dazu an einem Samstagmorgen.

Na ja, ist ungefährlicher hier für mich. Beim nächsten Mal, Comtesse. Versprochen.“
Hast du etwa Angst vor mir?“ fragte sie erstaunt.
Er drehte sich um und erwiderte ernst: „Manchmal.“ Micky schnappte empört nach Luft.

Ja, ich habe manchmal Angst vor dir, meistens aber mehr um dich und um dein Seelenheil. Ich erkenne dich ja kaum wieder seit dem Duell gegen Adam. Ich weiß nicht mehr, wie du reagieren wirst und ob du deine Wut in Zaum halten kannst. Ich weiß manchmal nicht mehr, wer du überhaupt bist...“ Sie setzten sich in die erste Reihe, wie immer warf Micky einen abfälligen Blick auf das Kreuz. Nicht ihr Verein. Heute noch weniger als während ihres letzten Besuchs hier.
Die Todesgöttin, das weißt du doch ganz genau!“ giftete Micky von einer neuerlichen Wut gepackt.
Blödsinn! Ich renne auch nicht die ganze Zeit durch die Gegend und jammere, ich armer Gott der Weisheit und des Süßwassers, was soll nur aus mir werden?! Ich kann dir sagen, was aus mir wird, Michelle. Wahrscheinlich werde ich den Kampf mit Kyle nicht überleben. Im Idealfall überleben wir beide ihn nicht. Wäre wahrscheinlich besser für den Rest der Welt. 5.000 Jahre sind mehr als genug für ein Leben. Vor allem seit ich weiß, dass ich der Auslöser für diesen ganzen Wahnsinn bin. Dass ich Kyle erschaffen habe. Es wäre besser, wenn wir beide drauf gehen...“ Micky starrte ihn ungläubig an. Und dann war sie es, die drohend den Finger erhob.
Wenn du das tust, Methos! Wenn du mich verlässt, nach allem, was wir miteinander durchgemacht haben in den vergangenen 300 Jahren... Dann schwöre ich, finde ich irgendeinen Zauber, erwecke dich zum Leben und bringe dich höchstpersönlich noch einmal um. Gottverflucht!“
Solch derbe Wortwahl in einem Gotteshaus, also ehrlich, Michelle“, lachte Methos und umarmte seine alte Freundin, einstige Geliebte und liebste Kampfgefährtin. „So, und jetzt reden wir über deinen Mann und seine Schuldgefühle.“ Micky rückte von ihm ab und schaute sich hilfesuchend um. „Du brauchst gar nicht nach Darius Ausschau zu halten. Der weiß genau, dass wir das hier unter uns regeln werden. Also sprich, Hochwohlgeboren, kannst du deinem Mann nachher unter die Augen treten und ihm verzeihen? Er macht sich schon genug Vorwürfe, ohne dass er deine auch noch ertragen muss....“
Weißt du, wie... wie Geneviève gestorben ist?“ Methos schüttelte abwehrend den Kopf.
Willst du nicht wissen, Michelle. Glaub mir, willst du nicht wissen. Es ging auf jeden Fall schnell.“ Micky war ja nicht blöd, diese Andeutungen reichten schon, damit sie sich eine ungefähre Vorstellung machen konnte.
Also war es kein fairer Kampf? Kein Duell?“ Wieder schüttelte er den Kopf.
Wenn du es unbedingt wissen musst... Du weißt, wie Kate Devaney unsterblich wurde?“ Micky nickte nur, dann legte sie Methos die Hand auf die Brust.
O...Okay. Du brauchst nicht weiter sprechen. Ich kann es mir denken. Gut, dass Duncan sie erledigt hat. Dieses Miststück. Ich hoffe, es kam keiner zu ihrer Beerdigung. Und für Duncan hoffe ich, auf ihrem Grabstein steht nicht ''Catherine MacLeod – geliebte Ehefrau von Duncan'. Sonst kriegt er richtig Probleme mit mir.“ Das glaubte Methos ihr aufs Wort, nichts war schlimmer als eine eifersüchtige Ehefrau. Das Thema hatte er ja erst kürzlich über sich ergehen lassen müssen, zum gefühlt Millionsten Mal. Doch jetzt ging es nicht um seine Ehe mit Isis, die bekanntermaßen eine Endlosschleife von U2s „With or without you“ war. Jetzt musste er seinen beiden besten Freunden helfen wieder zueinander zu finden. Diese ewigen Streitereien konnten sie sich nicht leisten im Moment.
Oh, da war nicht mehr viel zu beerdigen. Man konnte sie nicht wirklich identifizieren. Es war eine anonyme Beerdigung. Keine Papiere, wie üblich.“ Micky sah ihn fragend an. „Mac und seine Ex haben sich auf der Brücke beim alten MacLeod-Stammsitz duelliert, während eines ziemlich heftigen Gewitters. Man könnte meinen Raiden war in der Nähe, der war ja in den alten Tagen für eine gute Lightshow bekannt... Connor hat auch so etwas gegenüber Duncan erwähnt. Wie auch immer... Kurz bevor die Energieübertragung vollendet war, ist die Brücke explodiert und hat Kate unter sich begraben. War wohl kein schöner Anblick, der sich dem Bergungstrupp da geboten hat am nächsten Tag. Sie vermuteten, dass eine einsame Spaziergängerin von dem Gewitter überrascht wurde und bei dem Brückeneinsturz zu Tode kam. Duncan ist mit abgestürzt. Er hatte aber Glück, er lag auf den Trümmern. Allerdings wurde er von Kates Schwert durchbohrt. Mitten durchs Herz.“ Micky schaute ihn überrascht und auch ein wenig erschrocken an.
Das muss weh getan haben“, meinte sie und fasste sich einen Augenblick mit schmerzverzogenem Gesicht an die eigene Brust.
Nicht so weh, wie deine Reaktion vorhin auf dem Hausboot, Michelle. Das habe ich in seinem Blick gesehen. Es hat ihm fast das Herz gebrochen, dich so zu sehen in dem Wissen, dass er die Schuld an deinem Kummer trägt. Aber du musst ihm verzeihen, hörst du, du musst einfach. Die Liebe zu Duncan ist das Einzige, was dich vor einem Leben in Finsternis bewahren kann, jetzt, wo du eine von uns sieben bist...“ Micky schnaubte kurz und schüttelte den Kopf. „Im Ernst, ich veralbere dich nicht. Du brauchst ihn. Wahrscheinlich mehr als er dich braucht. Er hat dich mehr als einmal gerettet. Verdammt, sieh's endlich ein! Er hat deine Seele gerettet in deiner bis dato schwärzesten Stunde. Aber ich glaube dank Kyle stehen uns allen noch viel schwärzere bevor. Und nichts scheint heller als die Liebe...“ Einen Moment lang schwieg sie, ließ Methos' Worte sacken. In solchen Situationen ahnte sie, warum man ihn im alten Mesopotamien als Gott der Weisheit angebetet hatte. Dann nickte sie, er hatte Recht. Einen letzten blöden Spruch konnte sie sich trotzdem nicht verkneifen.
Ein Leben in Finsternis? Na, du machst mir ja so richtig Mut, Methos.“
Dafür bin ich nun mal der Gott der Weisheit, meine liebreizende Comtesse. Also, was ist? Können wir zurück zum Hausboot? Ich habe Hunger...“ Micky nickte und schlug ihm spielerisch auf den Oberschenkel.
Na dann komm, oh weiser Methos. Fahren wir frühstücken.“ Lachend folgte er Micky, kurz vor der Tür legte er den Arm um sie.
Ist das jetzt unser Ding, dieses göttliche Geplänkel?“ Sie blieb kurz stehen und sah zu Methos auf.
Wenn du meinst. Ich gebe dir nur anständig Kontra, das brauchst du, damit du auf dem Boden der Tatsachen bleibst. Sonst geht es dir wie Ikarus“, sie zwinkerte ihm verschmitzt zu. Er wollte gerade zu einer geistreichen Erwiderung ansetzen, entschied sich aber dann doch dagegen. Für heute hatte er genug göttliche Weisheit versprüht. Micky sah ihn kurz erwartungsvoll an. Als nichts von ihm kam, duckte sie sich unter dem seinem Arm weg und drückte die Kirchentür auf.

 

Frankreich, Paris, Duncans Hausboot, am selben Abend.
Duncan vergrub sein Gesicht in Mickys frisch gewaschenen, noch leicht feuchten Haaren. Im nächsten Moment biss er ihr zärtlich aber fordernd in die zarte, nach Rosen duftende Haut über ihrem Schlüsselbein. Seine rechte Hand glitt unter ihre hauchdünnes Negligé.

Hmmm, mach weiter“, schnurrte sie mit geschlossenen Augen und versuchte noch ein wenig zu dösen.
Alles was du willst, mein Herz. Alles was du...“ Sie spürten es beide im gleichen Moment, sie waren nicht länger ungestört. Duncan war mit einem Satz aus dem Bett, warf sich ein Hemd über und griff nach seinem Katana, das auf der Kommode lag. Micky zog schnell ihren Kimono über und holte auch ihr Schwert.

Mac, Micky, hallo? Ich bin's. Stör ich? Seid ihr salonfähig?“ rief Richie von der Treppe ins Wohnzimmer runter.

Darf ich ihn einen Kopf kürzer machen, Liebling? Bitte...“ bettelte Duncan mit einem gespielt diabolischen Grinsen im Gesicht. Micky lachte, suchte sich ein paar Klamotten zusammen und verschwand im Bad.

Bevor sie die Tür schloss, rief sie noch: „Nicht mein Problem. Du hast ihn doch damals in Vancouver von der Straße aufgelesen. Ich habe ihm nur beigebracht, wie man am Leben bleibt und eine Kunstgalerie anständig leitet, Mac. “ Duncan machte ein pikiertes Gesicht, zog sich eine Hose über und ging ins Wohnzimmer.

Und ob du störst, Junior! Aber so was von! Ich habe meine Frau fast zwei Monate nicht gesehen! Zwei Monate! Wie zum Teufel kommst du da auf die hirnverbrannte Idee, dass du da nicht stören könntest?!“ Richie warf einen Blick auf die zerwühlten Seidenlaken, die leeren Gläser, die umgefallene Champagnerflasche und die achtlos hingeworfenen Kleidungsstücke im Hintergrund und lachte. Sah ziemlich eindeutig nach einer standesgemäßen Versöhnung im Hause MacLeod aus. Er hob entschuldigend, aber sich ein Grinsen nicht verkneifen könnend, die Hände.
Sorry, Mac. Ich wollte nur mal sehen, ob alles okay ist bei euch. Geht es Ihrer göttlichen Hoheit gut?“
Nicht witzig, Richie. Nur weil ihr es jetzt wisst, sollst du nicht darüber reden. Micky gehört jetzt zu ihnen. Aber sie alleine ist nicht für die Regeln zuständig. Das haben sie und Methos doch klar gemacht, oder? Und du weißt, was mit Unsterblichen passiert, die gegen ihre Regeln verstoßen. Diejenigen stehen über uns, aber über uns allen steht Kyle, dieser Wahnsinnige. Und um deine Frage zu beantworten, du siehst, uns geht es gut. Und jetzt ab mit dir zu deinem Kompagnion, sonst macht Miss MacKenzie sich noch Sorgen, dass du unterwegs deinen Kopf verlierst.“ Richie kratzte sich verlegen an selbigem.
Na ja, weißt du, Mac, darüber wollte ich ja eigentlich mit dir reden“, druckste er leicht verlegen rum.
Ist alles in Ordnung mit Ginger? Nun red schon!“ Im selben Moment kam Micky aus dem Bad, gab Richie zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange und ging in die Küche, um für alle Getränke zu holen.
Ja, schon. Aber, wie soll ich das sagen, Mac? Ich weiß nicht, ob ich sie beschützen kann im Moment... Ich bin noch ziemlich jung. Klar, ich wollte es ja so, dass Micky mich auf eigenen Füßen stehen lässt. Und ich kann schon auf mich aufpassen. Aber... Ginger... Eine blinde Unsterbliche, noch dazu eine Schülerin mit nahezu null Kampferfahrung... Das ist was anderes... Jetzt wo da draußen dieser Raiden rumläuft und für Kyle Köpfe abschlägt. Und wenn selbst eine so alte Unsterbliche wie Geneviève es war, einfach so ermordet wird...“ Duncan wandte den Blick von seinem guten Freund und einstigen Schüler ab. Er konnte es immer noch nicht ertragen, an Geneviève und ihr unwürdiges Ende zu denken. Micky hatte ihm verziehen. Was auch immer Methos zu ihr gesagt hatte, es war das Richtige gewesen. Trotzdem musste er weiter mit der Schuld leben.

Richie war mit zwei Schritten bei ihm und legte ihm bedauernd die Hand auf die Schulter.

Hey Mann, tut mir leid. Ich weiß, dass du dir immer noch Vorwürfe machst. Aber ich brauche jetzt deine Hilfe. Ginger braucht sie.“
Er hat Recht, Duncan. Wir müssen die Kleine beschützen. Meinst du, Meister Sun-Yi hat noch ein Zimmer frei im Kloster? Oder besser gleich zwei. Eins für unseren Junior. Wir leben in gefährlichen Zeiten“, gab sie zu Bedenken und reichte den beiden einen Kaffee. Micky selbst nippte an einem Glas Wein. Sie hatte geahnt, dass Richie nicht einfach so auftauchte, um nach dem Rechten zu sehen. Es war eindeutig gewesen, dass die beiden miteinander im Reinen waren, als die Gruppe nach dem Kriegsrat wieder aufgebrochen war. Sie hatten kurz auf dem Oberdeck alleine miteinander gesprochen, dieses Mal ohne Geschreie und Handgreiflichkeiten.
Moment, stopp, alles zurück auf Anfang, Boss. Ich sagte, Ginger braucht Schutz. Nicht ich. Ich bin schon ein paar Tage länger ein Unsterblicher als meine Schülerin. Ich verstecke mich nicht hinter Klostermauern. Niemals.“
Deine Entscheidung, Richie. Ich kann dich nicht zwingen. Aber beschwer dich hinterher nicht, wenn du deinen Kopf verlierst. Ich kann keine göttlichen Wunder vollbringen...“, versuchte Micky die angespannte Lage mit einem Witz wieder etwas aufzulockern.
Also gut. Richie, überleg es dir in Ruhe. Ist keine Schande, sich ab und zu eine Auszeit zu nehmen auf heiligem Boden. Und jetzt lass uns zu euch fahren und Ginger abholen.“
Nicht nötig, Mac, sie wartet draußen im Auto. Mit gepacktem Koffer.“ Duncan nickte einverstanden, stellte die leere Kaffeetasse neben sich.

Er ging Richtung Schlafzimmer, von wo ihm nun Micky entgegen kam, mit seinem Mantel und seinem Katana. Man konnte ja nie wissen, was für Gestalten sich auf dem Weg zum Kloster Meister Sun-Yis auf den Pariser Straßen herumtrieben.

Beeil dich, ich halte das Bett warm. Und pass auf deinen Kopf auf, Highlander.“ Duncan küsste sie zum Abschied und eilte mit Richie die Treppen zum Oberdeck hoch und in die Nacht hinaus.

 

 

13. Auge um Auge...

 

Frankreich, Paris, auf Vorplatz des Louvre, in den frühen, wirklich sehr frühen Morgenstunden, ein paar Tage später.
Um diese Uhrzeit lag Richie eigentlich noch im Bett. Besonders an Tagen, an denen ein Training mit seiner ehemaligen Meisterin angesagt war. Micky würde ihm nachher gewiss nichts schenken.

Außerdem war er erst vor zwei Stunden nach Hause gekommen. Er war wieder einmal lange mit Ginger in der Klosterbibliothek gewesen und sie hatten einfach nur geredet. Über alles und nichts. Arm in Arm hatten sie auf dem Teppich vor dem Kamin gelegen, so wie sie es auch Zuhause immer taten. Vertraut und ohne Hintergedanken Seitens Richie. Und dann – ohne, dass er es beabsichtigt hatte, hatte Richie seiner Schülerin erklärt, sie wäre seine Minne und ihr versichert, dass er nie etwas bei ihr versuchen würde, sondern sie bis ans Ende seiner Tage beschützen würde. Die Beziehung zu Ginger war ihm inzwischen sehr kostbar geworden. Genauso kostbar wie seinerzeit den Minnensängern die platonische Beziehung zu ihren Edeldamen, die sie mit Worten umgarnten, aber nie mit mehr. Ginger hatte lachend den Kopf geschüttelt, aber sie ließ ihm seine poetischen Anwandlungen, genauso wie sie ihm seinen Willen gelassen hatte und ins Kloster gegangen war. Sie wusste, dass Richie sich nie verzeihen würde, wenn sie ein weiteres Opferlamm auf dem Schlachtfeld von Kyle Wittmore werden würde. Sie wusste, mit welchen Schuldgefühlen auch Richie tagtäglich lebte. Immerhin verdankte sie ihre unsterbliche und noch dazu blinde Existenz nur Richie. Er hatte sie getötet, um sie unsterblich zu machen und als sie ihn zum Dank dafür in Shanghai zum Duell gefordert hatte, war sie von einem Hochhaus gestürzt und mit dem Gesicht voran in ätzenden Chemikalien gelandet. Solange Richies Kopf auf seinen Schultern ruhte, würde er Ginger beschützen, das hatte er sich an dem Tag geschworen, als er neben ihr mit gebrochenen Knochen auf der Baustelle gelegen hatte.

 

Nachdem Richie gegen halb eins in der Nacht das Kloster verlassen hatte - noch immer froh darüber, dass Meister Sun-Yi nichts gegen seine allabendlichen Besuche bei Ginger einzuwenden hatte – hatte er ausschlafen und richtig ausgiebig frühstücken wollen. Stattdessen musste er jetzt auf dem Platz vor dem Louvre rumlungern und auf seinen Gegner warten. Dieser hatte ihn mitten in der Nacht aus dem Bett geklingelt und damit gedroht, wenn er nicht erschien, würde man Ginger an ihren Haaren aus dem Kloster zerren und direkt auf dem Parkplatz den Kopf abschlagen. Sie war zwar innerhalb der Mauern sicher, aber nichts hinderte Kyles Schläger daran sie von dort wegzuholen. Und das wäre dann ganz alleine Richies Schuld. Er war für sie verantwortlich, auch nachdem er sie in das vermeintlich sichere Kloster geschafft hatte.

 

Genervt warf Richie einen Blick auf seine Armbanduhr, viertel nach drei in der Frühe. Nicht zu fassen. Gerade überlegte er, ob es nicht besser wäre zum Kloster zu fahren und Meister Sun-Yi um ein Zimmer zu bitten. Dann bemerkte er das vertraute Gefühl im Nacken, das unverkennbar einen anderen Unsterblichen ankündigte. Richie drehte sich mit erhobenem Schwert um und wartete gespannt, wen Kyle ihm vorsetzen würde. Das Mondlicht spiegelte sich auf den nassen Pflastersteinen, es hatte wohl geregnet in der Nacht. Dann hörte er breite Absätze klappern und Schritte, die sich näherten.

 

Sein Gegner war ungefähr so groß wie Richie, unter einem schwarzen Mantel trug er ein weißes Hemd und dunkle Hosen zu schwarzen, blankpolierten Stiefeln. Seine langen, dunkeln Haare trug er ähnlich wie MacLeod mit einer silbernen Spange zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Seine blauen Augen funkelten Richie wütend und entschlossen an.

Habe ich das Vergnügen mit Richie Canderson?“ fragte er mit ausgestrecktem Schwert auf Richie zeigend. Er erinnerte Richie mal wieder daran, dass sein ursprüngliches Alter Ego Richie Ryan den unrühmlichen Tod durch Erhängen in einer Bostoner Gefängniszelle gestorben war und ihm dieser Name für mindestens eine Generation nicht zur Verfügung stand, wenn er nicht die amerikanischen Behörden auf sich aufmerksam machen wollte.

Richie erkannte einen irischen Akzent. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung waren die rothaarigen und grünäugigen Iren eher die Ausnahme, wie Richie mal in einem Buch gelesen hatte. Ja, es war schon erstaunlich, wie die zwölf Jahre in Gesellschaft der MacLeods ihn verändert hatten. Er, der Schulabbrecher, las inzwischen richtig gerne Bücher und sog Wissen wie ein Schwamm auf. Er hatte viel über den Kunsthandel gelernt und sich auch regelmäßig in Mickys Bibliothek im Chateau bedient. Bevor Richie das erste Mal mit Darius gesprochen hatte, hatte er nicht mal gewusst, wie man das Wort „Minne“ buchstabierte, geschweige denn, was es bedeutete. Darius hatte ihm seinerzeit erklärt, dass in der guten, alten Zeit ein junger Mann, wenn er ein Auge auf eine junge Frau geworfen hatte, zuerst das Wohlwollen des Pferdes ihres Vaters für sich gewinnen musste. Aber das tat jetzt nichts zur Sache, jetzt hatte Richie ein Duell und nicht das Vertrauen eines Vierbeiners zu gewinnen.

Ganz Recht. Dürfte ich erfahren, wer Sie sind und wieso Sie mich mitten in der Nacht aus dem Bett geklingelt haben, bevor ich Ihnen den Kopf abschlage?“ fragte Richie provokant und noch immer leicht genervt.
Mein Name ist Liam Devaney.“ Richie bekam große Augen, das war doch der Name von... „Ganz Recht, ich war der Mann von Kate Devaney! Der Frau, die Ihr Freund Duncan MacLeod heimtückisch ermordet hat!“ Richie musste spöttisch lachen, doch dann wurde er so richtig sauer.
Sie sind der Mann von Kate Daveney?“ fragte Richie begreifend, als er im selben Moment von einer maßlosen Wut gepackt wurde und den Kampf eröffnete. Er attackierte hart und schnell, ließ Liam Devaney kaum Gelegenheit Luft zu holen.
Ganz Recht, Mister Canderson. Und da ich leider zugebenermaßen nicht stark genug bin, um mir die MacLeods vorzuknöpfen, füge ich ihnen auf andere Weise Schmerz zu. So wie Duncan MacLeod mir Schmerz zugefügt hat, indem er meine geliebte Frau getötet hat. Die Frau, deren Namen ich schon so lange trage und der nun das Letzte ist, was mir von ihr noch geblieben ist.“
Ihre Frau... Ihre verdammte Frau....“, schrie Richie und drosch unverdrossen weiter auf Devaneys irisches Kurzschwert ein. Funken flogen, während die Klingen sich wieder und wieder berührten. Richie hatte gewiss noch nicht so viele Duelle wie Micky oder Duncan ausgefochten. Aber er erinnerte sich genau an jede einzelne Unterrichtsstunde, die er von ihnen erteilt bekommen hatte. Jeden demütigenden Sturz auf die Matte anfangs in Duncans Dojo; jede Meile, die Micky ihn durch den Schlosspark von Chateau Dubois hatte joggen lassen; jede Kopfnuss – egal, ob verdient oder nicht. Und eine Lektion war eigentlich immer die Wichtigste gewesen: Kämpfe nie im Zorn. Das kann dich den Kopf kosten. Hoffe nicht zu gewinnen, rechne immer damit, dass irgendwann ein Gegner kommt, der stärker ist als du. Ein starker Widersacher wurde noch nie durch Hoffnung allein bezwungen – das hatte Macleod einmal zu ihm gesagt, ganz am Anfang, als er noch wahrhaftig ein Grünschnabel gewesen war. Und so sehr Richie auch tief in seinem Inneren wusste, dass es ein großer Fehler war wütend und aus rachsüchtigen Motiven zu kämpfen, so sehr konnte er seine Wut nicht bändigen. Denn das hier war etwas anderes. Es war persönlich. Es ging um seine Familie.

Noch ehe Richie es verhindern konnte, rutschte ihm ein Satz raus, den er nie für möglich gehalten hätte. Richie war ein typisches Problemkind gewesen und von einer Pflegefamilie zur nächsten weitergereicht worden ohne je wirkliche Bindungen aufzubauen. Verliebt hatte er sich immer in die falschen Frauen - solche, die seinen Kopf wollten oder unerreichbar waren. Die wirkliche Bedeutung von Familie hatte er erst durch die MacLeods kennen gelernt.

Ihre Frau, Mister Devaney, hat meine kleine Schwester Geneviève heimtückisch im Schlaf erdolcht und sich dann ihren Kopf geholt!“ Kurz musste er grinsen, angesichts seiner Wortwahl. Tatsächlich war sie Jahrhunderte älter gewesen als er, rein optisch hatte sie aber immer wie ein noch nicht ganz gereifter Teenager gewirkt. Nur ihre Augen hatten ihr wahres Alter verraten. Und geschwisterliche Gefühle waren es sicher nicht gewesen, die Richie beim ersten Zusammentreffen für Geneviève empfunden hatte. Er konnte sich noch lebhaft daran erinnern, dass er bei ihrer ersten Begegnung verdammt scharf auf sie gewesen war. Sinnbildlich gesprochen hatte er auf Mickys Küchentisch gesabbert bei Genevièves Anblick und die Kopfnuss mehr als verdient. Es war so gewesen wie immer, wenn ihm eine intelligente, hübsche Frau über den Weg lief. Und auch ohne Mickys Kopfnuss wäre ihm schnell klar gewesen, dass Geneviève eben keine „normale“ Frau für ihn war, sondern ein Familienmitglied.

Liam Devaney war so überrumpelt von der Bedeutung dieser Worte, die so gar nicht zu dem Bild passten, das er von seiner Kate hatte, dass er drei Schritte rückwärts stolperte und einen kurzen Moment seine Deckung aufgab. Der Moment genügte Richie. Er verpasste Devaney quer über dessen Bauch einen tödlichen Schnitt und sah im nächsten Moment das Kurzschwert auf die Pflastersteine fallen. Als Richie zum finalen Hieb ausholte, glaubte er, Tränen in Devaneys Augen zu sehen. Liam flüsterte kurz Kates Namen, als Richies Schwert unabänderlich auf seinen trotzig hervorgereckten Hals zusauste. Dann war es vorbei.

Obwohl Liam Devaney sich als nicht ebenbürtigen Gegner für Duncan bezeichnet hatte, war die Energieübertragung stärker als erwartet, wie Richie schmerzhaft feststellen musste. Blitz um Blitz nahm er in sich auf, anfangs noch stehend, aber dann sackten ihm die Knie weg. Er war es einfach nicht gewöhnt aufgrund der geringen Anzahl Kämpfe, die er bisher hatte austragen müssen.

Und nicht nur Richie wurde in Mitleidenschaft gezogen, die enorme Energie sprengte die gläserne Pyramide, die als Zugang zu einem unterirdischen Eingangsbereich des Louvres diente. Sie war im Jahr 1989 fertig gestellt und anfänglich heftig kritisiert worden - zum einen als optisch unpassend und zum anderen als angebliches Grab der Sozialisten. Richie war sich sicher, dass nun genauso viele Stimmen laut werden würden, die sie vermissten bis sie von einem Architekten, der sich akribisch genau an die Baupläne des berühmten chinesisch-amerikanischen Architekten Ieoh Ming Pei halten würde, wieder in Stand gesetzt war.

Nachdem das letzte Fünkchen Lebensenergie von Liam Devaney auf Richie übergegangen war, kam er noch ein wenig schwankend auf die Füße und murmelte: „Das war fast schon zu einfach.“

Hätte er doch bloß seine große Klappe gehalten, dachte Richie im nächsten Moment, als sein Nacken erneut heftig zu kribbeln begann. Hektisch den Kopf drehend und bemüht wieder zu Atem und zu Kräften zu kommen, sah er sich in alle Richtungen um. Zwei Duelle kurz hintereinander standen gewiss nicht ganz oben auf Richies Wunschzettel.

 

Aus den Schatten trat ein weiterer Unsterblicher hervor. Aufgrund von Mickys Beschreibungen erkannte er ihn sofort. Raiden. Ihm wurde schlecht. Hieß es nicht immer vor dem unvermeidlichen Ende würde man noch mal sein gesamtes Leben an sich vorüber ziehen sehen? Nun, der Film würde ziemlich kurz werden, dachte Richie bitter. Aber Zeit für einen letzten blöden Spruch war gewiss noch, bevor er sich wohl oder übel von seinem Kopf verabschieden musste.

 

Hey Raiden, Sie können mir zwar einen neuen Haarschnitt verpassen. Aber eins schwöre ich Ihnen, Sie werden es nicht lange genießen! Die MacLeods werden Ihnen den Arsch aufreißen!“ Doch statt eines Schwertes hob Raiden, der Donnergott, eine 9mm und drückte ab. Richie spürte einen brennenden Schmerz in der Brust. Einen Schmerz, den er schon einmal gespürt hatte. Und zwar an dem Tag, als er zum ersten Mal gestorben war. Verblüfft sah Richie an sich hinab und bemerkte wie sein weißes Shirt sich rot färbte von seinem eigenen Blut und dann hörte sein unsterbliches Herz auf zu schlagen...

 

 

Frankreich, Paris, Duncans Hausboot, am frühen Morgen des selben Tages.
Micky und Duncan saßen gemütlich beim Frühstück mit Kaffee, Saft, frischen Croissants und allem, was ihr Herz begehrte, als das Telefon klingelte. Duncan warf kurz einen skeptischen Blick auf die antike Uhr an der gegenüberliegenden Wand.

 

Niemand, den ich kenne, ruft so früh an. Muss für dich sein, Liebling“, erklärte er dann grinsend und widmete sich dem Sportteil der Tageszeitung. Micky lachte über seinen Kommentar und ging zum Telefon.

Niemand, den Duncan MacLeod kennt, ruft so früh an“, meldete sie sich vergnügt am Telefon, was nun mit einem Lachen ihres Mannes kommentiert wurde. Allerdings verging Micky das Lachen, je mehr sie in den folgenden Minuten zu hören bekam. Sie stolperte entsetzt zwei Schritte rückwärts und stützte sich an Duncans Schreibtisch ab.

Dieser sah interessiert von seiner Zeitung auf und bemerkte auf einmal Mickys blasses Gesicht. Die gestrigen Boxkampfergebnisse ignorierend stand er auf und trat besorgt neben sie. Stumm formte er das Wort „wer?“. Sie formte ebenso tonlos „Richie“ und schüttelte den Kopf. Kein gutes Zeichen.

Nach einigen Minuten legte Micky das Telefon zur Seite, griff nach einer leeren Tasse, die sie gestern Abend vergessen hatte in die Küche zu bringen und feuerte sie quer durch den Raum. Duncan zuckte kurz zusammen und fragte sich, welche Dummheit Richie jetzt schon wieder fertig gebracht hatte, um seine Frau derart aus der Fassung zu bringen?

Alles okay, Micky? Was hat Richie angestellt?“ Bevor sie antworten konnte, musste sie ein paar Mal tief durchatmen und die schadenfrohen Stimmen in ihrem Kopf zum Verstummen bringen. Der Kniff in den Handrücken brachte nichts, also schlug sie kurzentschlossen gegen die Wand und schrie: „Verflucht! Verdammt! Dieser elende Kriegsgott und sein beschissenes Taktieren! Das kann doch echt nicht wahr sein!“ Duncan hatte gerade die Scherben aufgesammelt, warf sie in den Müll und war dann im nächsten Moment bei ihr. Er nahm ihre Hände in seine und versuchte sie zu beruhigen.
Beruhig dich, bitte. Atme tief durch und dann sag mir, was hat der Junior verzapft? So schlimm kann es doch nicht sein... Seinen Kopf hat er noch auf den Schultern, oder?“ fragte Duncan ein wenig schief grinsend, bereute dann aber die Frage. In der heutigen Zeit konnte man nie wissen.
Ja“, knurrte Micky. „Er hat sich erschießen lassen.“ Duncan verstand kein Wort. „Dein Nachfolger bei der verehrten Kate hat ihn zum Duell gefordert.“ Die Fragezeichen in Duncans Gesicht wurden immer größer. „Liam Devaney. Hat die Bedeutung seines Namens wohl zu wörtlich genommen und Kate über den Tod hinaus beschützen wollen. Er war wohl nach dir mit Kate verheiratet.“ Duncan stöhnte auf. Nahm das denn nie ein Ende? Auge um Auge, Zahn um Zahn - musste das wirklich ewig so weitergehen? Selbst wenn sie Kyle irgendwann erledigt hatten, gab es sicherlich noch genug offene Rechnungen bei ihnen allen, die beglichen werden wollten.
Aber Richie hat davor den Kampf gewonnen, also bevor er erschossen wurde? Wieso hat Devaney ihn überhaupt herausgefordert?“ Micky gab in knappen Worten wieder, was Richie ihr hatte sagen können, bevor die Verbindung unterbrochen worden war. Er befand sich in Kyles Privatflugzeug auf dem Weg nach Irland.
Nachdem er diesen Devaney erledigt hatte, tauchte Raiden auf und hat ihn erschossen... Schau nicht so, Duncan. Raiden hätte ihn nie herausgefordert. Kyle ist nicht dumm. Er weiß inzwischen, was uns Familie bedeutet. Er weiß, wie er uns treffen kann. Richie ist seine Versicherung. Er lässt ihn nach Wittmore Castle schaffen. Richie ist jetzt Kyles Geisel, sein Druckmittel gegen uns. Wenn Methos und ich uns nicht fügen oder Methos ihn zum Duell fordert, wird Richie sterben. Wir haben also die Wahl, wir opfern Richie oder wir opfern die Welt...“

Duncan konnte nicht glauben, was er da gerade gehört hatte.

Was? Das... Ich fasse es nicht! Komm her, mo cridhe.“ Er strich Micky beruhigend über die Arme, zog sie zu sich und drückte sie tröstend an sich. Sie ließ es geschehen. Dann schob er sie von sich und hob Mickys Kopf, und schaute ihr mit ernstem aber unerschütterlichem Blick in ihre traurigen Augen.
Wir finden einen Weg. Wir holen Richie da raus. Das verspreche ich dir, Liebling. Kyle wird kein weiteres Mitglied unserer Familie töten.“ Micky war froh, dass Duncan so zuversichtlich war. Sie war es nicht, sie kannte Kyle ein wenig besser und länger als ihr Mann es tat.

Während er Micky wieder fest und Trost spendend an sich drückte, erinnerte Duncan sich an den Tag, als Richie zum ersten Mal erschossen worden war. Der Tag, an dem er Tessa verloren hatte. Nein, er hatte in seinem langen Leben schon genug Freunde und geliebte Menschen zu Grabe getragen. Richie würde sich nicht in diese lange, traurige Reihe einreihen.

 

 

14. Offene Rechnungen

 

Frankreich, Paris, ein Seitenstraße unweit der Pont Neuf, einige Wochen nach Richies Entführung.
Methos, Isis und Micky verließen gerade nach einem gemeinsamen Mittagessen – einem Göttereigen – wie Methos euphemisch ihre aktuelle Lage bezeichnet hatte, eines ihrer Lieblingsrestaurants. Seit Richie ein paar Wochen zuvor entführt worden war, hatten sie nichts mehr von Kyle gehört. Sie waren sich nicht sicher, ob das nun gut oder schlecht war. Da aber auch nirgendwo eine kopflose Leiche aufgetaucht war, die Richies Statur hatte, gingen sie davon aus, dass es dem Junior den Umständen entsprechend gut ging als Kyles Geisel. Noch waren die drei sich unsicher über ihre nächsten Schritte. Natürlich stand ganz weit oben auf ihrer Agenda Richie da rauszuholen, gefolgt von Kyle ein für alle Mal zu töten und die Welt von seinem Wahnsinn zu befreien. Die Sache hatte aber leider einen Haken. Kyle würde sofort wissen, wenn sie auch nur einen Fuß auf irischen Boden setzten, bevor er sie nach Wittmore Castle rufen würden. Kein Unsterblicher konnte sich dem Schloss nähern, ohne dass der Kriegsgott davon erfuhr. Soviel war sicher. Also konnten sie im Moment wahrscheinlich nichts anderes tun als abzuwarten.

 

Hey Vorsicht, Freundchen“, fluchte Methos, als er von hinten angerempelt und überholt wurde. Im selben Moment erkannten er und seine beiden Begleiterinnen, dass der Schulterrempler ein Unsterblicher war. Und zwar nicht irgendeiner. Er war Methos wohl bekannt. Das gibt’s doch nicht!“ rief er. „Wisst ihr, wer das war? Jonathan Horridge. Der vermisste Schüler von Jack the Ripper...“
Sikes“, flüsterte Micky, dessen Echo im selben Moment in ihrem Kopf mal wieder hämisch lachte. Vor ein paar Jahren hatten sie schmerzhaft rausfinden müssen, dass eine der vielen Identitäten des wahnsinnigen Unsterblichen Christopher Sikes die des nie gefassten Frauenmörders Jack the Ripper war.
Den schnapp ich mir! Wenn wir schon nicht an den großen Obermufti rankommen im Moment, kann ich wenigstens ein paar alte Rechnungen begleichen!“ rief Methos und rannte schon mit flatterndem Mantel davon.

Zwei Frauen hatte Methos durch Sikes verloren, Annie Chapman und Natalie Coulins. Beide Coulins-Schwestern waren kurz nach einander unsterblich geworden. Natalies Schwester, Isabelle – Connors Verlobte - war in Connors Anwesenheit brutal von Kyle ermordet worden, den sie damals noch unter dem Namen Noah Woodhouse kannten. Alle Fäden schienen immer wieder bei Kyle zusammenzulaufen und zu Mord, Rache und weiteren Morden zu führen. Er machte seinem Status als Kriegsgott alle Ehre oder Unehre, je nachdem, auf welcher Seite man stand.

Von wenigstens einem Tatort in White Chapel waren zwei Männer geflohen, wie Methos sich kurz danach erinnerte. Nach einem höchst informativen Gespräch mit dem ermittelnden Detective hatte er herausgefunden, dass die Verdächtigen Christopher Sikes und Jonathan Horridge gewesen sein mussten. Diese Information hatte er aber stets für sich behalten, so dass die Ripper Morde nie offiziell aufgeklärt worden waren. Sikes und Horridge waren aber über Nacht von der Bildfläche verschwunden und hatten ihre Spuren sehr gut verwischt.

Methos hatte während seiner Arbeit bei den Beobachtern in der Chronik von Horridge gelesen, dass dieser 1887 bei einem Schusswechsel mit Detective Camida, dem historischen Vorbild für Sherlock Holmes, tödlich verwundet und unsterblich geworden war. Horridge war ein gewaltätiger Dieb und Wiederholungstäter. Als er ein paar Tage nach seinem ersten Tod in das Haus von Christopher Sikes einbrach, hatte ein Schüler zu seinem Meister gefunden. Sikes unterrichtete ihn im Schwertkampf und ließ ihn dabei zusehen, wenn er sein Werk als Ripper vollbrachte. Nach beiden hatte Methos die folgenden Jahrhunderte verbissen gesucht. Von Horridge hatte es trotz intensiver Recherche keine Spur gegeben. Bis heute.

 

Während Micky und Isis gemächlich dem Weg folgten, den Methos eingeschlagen hatte, reifte ein Plan zu Richies Rettung in Mickys hübschem Kopf heran. Eben hatte sie noch gedacht, dass kein Unsterblicher Kyles Schloss oder gar irischen Boden betreten konnte, ohne dass Kyle etwas mitbekam. Aber was war mit Sterblichen? Micky konnte sich nicht vorstellen, dass Kyle sich dafür interessierte, was Sterbliche in ihrem Umfeld den ganzen Tag so machten. Sie glaubte nicht, dass er beispielsweise die Beobachter überwachen lassen würde. Schon gar nicht, nachdem er ihnen einen so offensichtlich vernichtenden Schlag wie die Zerstörung ihres europäischen Hauptquartiers zugefügt hatte.

Methos sollte sich beeilen mit seinem kleinen Duell, sie musste den Plan mit den beiden besprechen.

 

Frankreich, Paris, eine Sackgasse, unweit der Pont-Neuf.
Als Micky und Isis den auserkorenen Schauplatz des Duells erreicht hatten, eine Sackgasse, in die kaum Tageslicht drang und Mülleimer vor sich hinstanken, hatte Methos noch nicht mal den Kampf eröffnet. Er hielt sich – in Mickys Augen - mit unnötigem Geschwafel auf. Erklärte seinem Gegner lang und breit, wer die Frauen gewesen waren, die Christopher Sikes alias der Ripper in seiner Anwesenheit bestialisch ermordet hatte. Und dass er, Horridge, genauso schuldig daran war, wie Sikes seinerzeit, weil er Sikes nicht davon abgehalten, sondern zugesehen hatte.

Horridge war sichtlich unbeeindruckt von Methos' Ansprache. Er hob sein Schwert, grinste Methos wie wahnsinnig an und erklärte: „Zuerst, Doctor Adams, hole ich mir Eure Kraft und dann...“ er warf einen lüsternen Blick auf die besorgte Isis und leckte sich lustvoll über die Lippen, ehe er fortfuhr: „...hole ich mir Euer Weib!“ Dann lachte er. Methos schaute kurz zu Isis und zuckte mit den Schultern.
Ihr könnt Sie gleich haben, Horridge. Glaubt mir, sie macht nur Ärger!“ Isis rief beleidigt eine ägyptische Verwünschung und stampfte mit den spitzen Pfennigabsätzen ihrer weißen Lederstiefel empört auf. Micky konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Dann endlich hob Methos sein sumerisches Schwert und eröffnete den Kampf. Breit grinsend tänzelte er eine Weile um Horridge herum. Methos wusste ja, dass Horridge ihn mit einem gewöhnlichen Schwert nicht mal kratzen konnte. Also konnte er ihn ruhig noch eine Weile ärgern und demütigen.

Micky sah gelangweilt auf die Uhr und rief: „Methos, Himmel, jetzt mach Schluss mit dem Kerl. Wir müssen etwas besprechen! Ich weiß, wie wir den Junior retten können.“ Sie nannte absichtlich nicht Richies Namen. Methos sah kurz verblüfft auf.
Willst du mich veralbern, Hochwohlgeboren?!“ Sie schüttelte mit dem Kopf und wedelte mit der Hand, um ihm noch einmal zu verdeutlichen, dass er sich beeilen sollte.

Doch Horridge machte es ihm nicht wirklich leicht. Er duckte sich weg, sprang immer rechtzeitig nach hinten. Einmal hüpfte er auf eine Mülltonne und verpasste Methos einen kräftigen Tritt ins Gesicht. Methos taumelte rückwärts und schüttelte kurz den schmerzenden Kopf. Er war zwar theoretisch unverwundbar, seit er sich seiner Göttlichkeit bewusst war, aber so ein Tritt war trotzallem schmerzhaft wie ein Krepkaja-Kater.

Mit dem nächsten Schlag wollte er Methos einen tödlichen Schlag über die Brust verpassen. Zwar wurde Methos' Pullover zerrissen, das Schwert kitzelte ihn aber nur. Horridge schaute irriert von der vermeintlichen Schnittwunde zu Methos' Gesicht und zurück. Methos blieb kurz stehen und zuckte mit den Achseln.

Nicht Euer Tag, Horridge, wie mir scheint! Und... das... war... mein... Lieblings...Pullover!“ Jedes Wort des letzten Satzes unterstrich Methos mit einem Schlag gegen Horridges Schwert.

Himmel, Methos. Jetzt mach endlich...“ Er hob warnend seinen Finger.
Das hier ist persönlich, Michelle. Also lass mich meine Rache auskosten! Er war dabei, als der Ripper zwei meiner Freundinnen umgebracht hat.“ Isis gab ein paar weitere ägyptische Verwünschungen zum Besten, die ebenfalls an Methos' Adresse gingen. Derartige Aussagen bildeten nicht gerade ein stabiles Fundament für den Neubeginn ihrer Ehe.
Himmel, es ist immer persönlich! Was glaubst du, wie viele Duelle ich in den letzten 300 Jahren ausgetragen habe, die persönlich waren! Trotzdem kannst du dich mal ein bisschen beeilen!“ Auf Isis' verletzte Gefühle ging sie nicht ein, dass sollten die beiden Turteltäubchen nachher unter sich klären.

Endlich mit dem letzten Hieb gelang es Methos seinen Gegner zu entwaffnen. Er fackelte nicht lange und beendete den Kampf.

 

Nach der Energieübertragung ging er leicht schwankend zu seinen beiden Begleiterinnen zurück. „Schwert, Papiere“, stieß er ein wenig ins Schwitzen gekommen hervor. Micky und ihre Freunde hatten es sich angewöhnt, möglichst wenig verwertbare Spuren für die örtlichen Behörden zu hinterlassen und eine Identifikation von Leiche und potentiellem Mörder im Idealfall gänzlich unmöglich zu machen. Sie griff in ihre Handtasche und zog ein paar Einmalhandschuhe hervor, die sie inzwischen geübt überzog. Schnell durchsuchte sie die Leiche und nahm die Geldbörse mit den Papieren an sich, Methos schnappte sich derweil das Schwert.

 

Micky wollte sich gerade auf den Weg zur Hauptstraße machen, doch dann verharrte sie kurz, warf einen verächtlichen Blick auf die Leiche und versetzte ihr einen Tritt in die Seite. Methos hob fragend eine Augenbraue.

Was denn?! Das war für Natalie! Immerhin war sie meine Schülerin und sie hatte Potential.“ Methos entfuhr ein ungläubiger Lacher.
Und das war jetzt nicht persönlich, oder wie?! Du darfst, aber ich nicht? Manchmal hast du ein echt verdrehtes Weltbild, Hochwohlgeboren!“ Micky warf genervt die Hände in die Luft und ging weiter.
Ohne ihn anzusehen meinte sie: „Methos....“

Ich weiß, ich soll einfach die Klappe halten.“

Vorsichtig warfen sie einen Blick aus der Sackgasse, ob sie unbeobachtet verschwinden konnten. Als die Luft rein war, gingen sie schnellen Schrittes zurück auf die Hauptstraße und zu ihren Autos, die sie am Quai in der Nähe des Hausbootes geparkt hatten. Es war Zeit für eine Besprechung bei Maurice.

 

So, Michelle. Jetzt lass uns mal an deinen geistreichen Ergüssen teilhaben. Wie planst du den Junior aus Kyles Griffeln zu befreien?“ fragte er mit spöttisch erhobener Augenbraue. Den Arm, den er Isis um die Schultern gelegt hatte, schlug diese noch immer beleidigt weg. „Was hab ich denn jetzt schon wieder getan?!“ wollte er wissen, worauf Micky laut los lachte.
Also echt, Doctor Adams. Wenn du das nicht weißt, solltest du mal dringend über eine Eheberatung oder noch besser eine Einzeltherapie nachdenken... Aber wie auch immer. Wir wissen, dass Kyle uns alle unter Beobachtung hat, habe ich Recht?“ Er nickte zustimmend und sich leicht gelangweilt fragend, ob da noch was käme. „Uns Unsterbliche, wohlgemerkt. Ich bringe jetzt mal eine Abwandlung eines deiner Lieblingssprüche: Beobachtet er aber denn auch die Beobachter? Jetzt nachdem er sie seiner Meinung nach empfindlich getroffen und in alle Himmelsrichtung zerstreut hat?“ Methos verharrte mitten in der Bewegung und sah Micky überaus interessiert an.Sprich weiter, Michelle“, bat er und machte eine ermunternde Handbewegung.
Was wäre, wenn wir im Rahmen unserer guten Beziehungen, ein paar Beobachter zu ihm schicken und wir derweil - ein paar sagen wir mal - Ablenkungsmanöver starten? Damit er gar nicht mitkriegt, dass besagte Beobachter ihm den Junior unter der Nase quasi wieder wegschnappen? Und dann kannst du ihn zum Duell fordern und diesen Scheißkerl ein für alle Mal erledigen.“ Besonders der letzte Teil gefiel Methos, er hatte so etwas Endgültiges.
Und an welche Beobachter hast du gedacht, Gnädigste?“
An zwei Herren. Und an eine Dame, die der gute Joe erst kürzlich angeworben hat. Ich denke, sie kriegen das hin.“
Ich könnte mir vorstellen, dass die Idee deinen Mann nicht sehr begeistern wird, Michelle...“ Sie zuckte mit den Schultern.
Dann sagen wir es ihm nicht! Je weniger von dem Plan wissen, desto besser. Und du weißt doch, wir sind Götter, wir legen die Regeln fest und dürfen uns in geheimnisvolles Schweigen hüllen.“ Methos grinste schief.
Dir gefällt deine neue Rolle, stimmt's, Michelle?“ stichelte er, worauf Micky grinste.
Sag's nicht Duncan“, erwiderte sie augenzwinkernd. An manchen Tagen war es ganz gut, wenn man sich nicht um die Regeln scheren musste. Wenn man zu Denjenigen gehörte, die die Regeln machten.

 

 

Frankreich, Paris, Duncans Hausboot, in der Nacht.
Duncan und Micky lagen engumschlungen im Bett. Mickys Kopf ruhte auf Duncans Brust. Sie lauschte seinem starken, regelmäßigen Herzschlag und versuchte zur Ruhe zu kommen. Duncan hatte in den letzten Stunden sein Bestes getan, um sie von ihren Sorgen um Richie abzulenken, hatte wiederholt bewiesen, wozu ein Mann aus den Highlands im Stande war. Sie konnte sich nur schwer ein Grinsen verkneifen, als die Erinnerungen daran hochkamen, wie er sie geliebt und verwöhnt hatte – stets darauf bedacht, dass es ihr gut ginge.

Der Regen, der im Laufe des Abends angefangen hatte, prasselte gleichmäßig auf das Dach. Die ersten Ausläufer eines heftigen Herbststurms erreichten Paris, wodurch Wind und Regen stärker wurden, ebenso wie die Wellen, die gegen das Hausboot schlugen. Micky streichelte sanft über Duncans nackte, muskulöse Brust. Mit ihren Fingernägeln umkreiste sie seine Brustwarzen. Er hatte die Augen geschlossen und atmete gleichmäßig. Es schien eine gute Gelegenheit zu sein, ihm den Plan schmackhaft zu machen.

Duncan?“
Hm...“ brummte er schläfrig. „Was ist, Liebes? Kannst du nicht schlafen? Der Regen beruhigt dich doch sonst immer. Oder soll ich dir ein weiteres Mal zu Diensten sein, Comtesse?“ Noch immer hatte er die Augen geschlossen, aber ein anzügliches Lächeln umspielte bereits seine Lippen. So verlockend der Vorschlag auch war, zunächst musste sie ihm ihren Einfall verkaufen. Dann konnte man über alles Weitere verhandeln.
Mir geht eine Idee nicht aus dem Kopf. Eine Idee, wie wir Richie befreien können.“ Schlagartig war Duncan wach. Er setzte sich auf und sah gespannt auf seine Frau hinunter.
Dann erleuchte mich mal. So wie ich dich kenne, ist es irgendeine Schnappsidee, die mal wieder so gut wie jeden aus der Familie oder unserer Freunde in Gefahr bringt...“'
Nein. So schlimm ist es dieses Mal nicht. Wir brauchen jemand, der Richie rausholt, der für Kyle aber so unbedeutend ist, dass er damit nicht rechnen würde. Genauer gesagt, mehrere Personen. Und dann brauchen wir eine Gruppe, die ihn ablenkt. Sich quasi vor dem Tor präsentiert, während die erste Gruppe Richie rausholt. Und dann kann Methos die Sache endlich beenden.“ Duncan rückte ein wenig von Micky ab und griff auf seinem Nachttisch nach der Weinflasche. Es reichte noch für zwei weitere Gläser. Micky hielt ihm ihr Glas hin und wartete bis Duncan es mit einem köstlichen Chardonay gefüllt hatte.
Und wer sind die armen Kerle?“ Wenn du wüsstest, dachte Micky. Wenn er alle Details kennen würde, würde er ausrasten. Aber sie musste ihm ja nicht gleich heute Nacht ihren ganzen Plan erläutern.
Wir schicken ein paar unserer Beobachter-Freunde zu Richies Rettung. Bei Nacht und Nebel. Während gleichzeitig Methos, Isis und ich am Schlosstor stehen und augenscheinlich mit Kyle verhandeln wollen. Und eine dritte Gruppe soll ein bisschen TNT an den Zugängen anbringen, damit seine Leute da nicht mehr rauskommen, wenn Kyle erledigt ist. Damit wir sicher sein können, dass der Endkampf auch wirklich das Ende ist.“ Klang einleuchtend und einfach. Aber nichts, was den Kriegsgott und den Kampf gegen ihn betraf, hatte sich in den letzten Monaten als einfach erwiesen. Und nichts hatte wirklich so geklappt, wie sie es ursprünglich geplant hatten.
Micky, nein. Das ist zu gefährlich. Wenn sie in Kyles Fänge geraten, wird er sie einfach so erschießen. Oder sie foltern. Erinnere dich, was seine Schläger mit Joe gemacht haben. Das können wir nicht verlangen.“
Ich habe nicht verlangt, ich habe um Hilfe gebeten. Sie sind einverstanden.“ Duncan schnappte nach Luft.
Ohne das vorher mit mir abzusprechen?!“ Wütend mahlte sein Kiefer, während er nach einem Zopfgummi griff und sich die Haare zusammenband. Das Glas hatte er unberührt wieder neben sich gestellt. Mickys Worte hinterließen einen schalen Geschmack in seinem Mund.
"Ich habe den Plan mit Methos und Isis besprochen und natürlich mit den betroffenen Beobachtern. Jeder nimmt freiwillig an der Rettungsaktion teil. Alle sind sich der Risiken bewusst. Wir risikieren ja immerhin auch Richies Leben.“ Duncan stand auf und zog sich eine Hose an. Durch ein Bullauge schien der Mond kurz ins Schlafzimmer, der durch die Wolkendecke gebrochen war und erhellte sein ernstes Gesicht.
Das ist eine völlig hirnverbrannte Idee. Ich glaube, deine Göttlichkeit ist dir zu Kopf gestiegen, Comtesse!“ Micky trank ihr Glas leer und sprang aus dem Bett.
Bitte? Soll ich mich anziehen? Willst du dich mal wieder mit mir duellieren? Richie ist genauso mein Schüler gewesen wie deiner. Auch wenn du ihn länger kennst, bedeutet er mir genauso viel. Und ich verliere nicht noch ein....“ Kind wollte sie fast sagen. Richie gehörte zu ihrer kleinen Familie. So sehr sie es auch genoss ihn zu ärgern, so sehr liebte sie ihn wie einen Sohn oder jüngeren Bruder. Richie lag ihr zu sehr am Herzen, um nicht alles unversucht zu lassen ihn zu retten. Tränen schossen Micky in die Augen, sie wandte sich ab. Duncan war mit zwei Schritten bei ihr und nahm sie in die Arme.
Hey, das war nicht so gemeint, Liebes. Ich will Richie doch auch um jeden Preis retten. Aber ich weiß nicht, ob es eine so gute Idee ist, die Beobachter mit in die Sache hineinzuziehen. Unsere Allianz mit ihnen ist noch sehr brüchig und sie sind sehr geschwächt durch den Anschlag auf das Hauptquartier.“
Und genau deswegen würde Kyle nie damit rechnen, dass wir Beobachter schicken, um einen der unseren zu retten. Vertrau mir, Duncan. Der Plan ist genial. Ich werde nicht zulassen, dass auch nur ein einziger zu schaden kommt. Das schwöre ich dir.“
Und wen genau schickst du in die Höhle des Löwen?“
Joe, Maurice und noch jemand, den Joe vor kurzem angeworben hat und der in Großbritannien lebt. Dieser neue Beobachter wurde dazu abgestellt Kyles Aktivitäten aus sicherer Entfernung zu überwachen und zu dokumentieren. Dieser Beobachter weiß als einer von wenigen, dass es Diejenigen gibt und was es mit uns auf sich hat. Na ja, nicht alles, aber ich habe soviel Preis gegeben, wie ich für richtig hielt. Und bevor du fragst, du wirst den Namen des dritten Beobachters erfahren, wenn wir es für den richtigen Zeitpunkt halten. Bitte akzeptiere das. Ich habe die Regeln nicht gemacht, aber die Geheimhaltung schützt dich und die anderen und unsere Pläne. Und es muss dir auch nicht gefallen. Wie so vieles, was ich in den vergangen zwölf Jahren gemacht habe. Okay?“ Sie hob den Kopf und sah mit leicht geneigtem Kopf zu ihm hoch, Unschuld heuchelnd. Duncan musste lachen. Er legte seine Hände auf Mickys Brust und schob sie entschlossen und keinen Widerspruch duldend in Richtung Bett. Als ihre Kniekehlen gehen die Bettkante stießen, gab er ihr einen Stoß und sagte: „Aye, muss es nicht. Aber was ich gleich mit dir mache, wird dir hoffentlich gefallen...“

 

 

 

15. In einer stillen Nacht

 

Schottland, Glenfinnan, das Haus der MacLeods, Heiligabend, am Nachmittag.
Die Highlands waren seit jeher ein guter Rückzugsort gewesen für Menschen, die gerne auch mal alleine oder nur zu zweit waren. Für Menschen, die die stille Erhabenheit der Highlands suchten und nicht scheuten. Im Winter wurde diese Einsamkeit noch deutlicher, nur wenige Touristen verirrten sich an die verschneiten Ufer des Loch Sheil. Eine alte Seele wie Micky, die so ziemlich jeden Winkel dieser Welt bereist hatte, liebte die Einsamkeit und Stille, die die Berge ihr darboten. Es war ein starker Kontrast zu dem pulsierenden Leben in Paris, das sie früher so geschätzt hatte. Inzwischen war nach allem, was sie durchgemacht hatte und mit den Stimmen in ihrem Kopf, dieser Flecken Einsamkeit für Micky wichtiger denn je. Nichtsdestotrotz wartete sie an diesem Weihnachten wie jedes Jahr auf ihre Freunde und Familie. Das Weihnachtsfest der MacLeods fand dieses Mal nicht in Chateau Dubois statt, sondern in den verschneiten Highlands.

 

Bereits seit Tagen schneite es unablässig, weiße Weihnachten hatten sich schon länger angekündigt. Micky warf einen Blick aus dem kleinen Küchenfenster und beobachtete, wie ihr Husky Angus im Schnee spielte. Nachdem die MacLeods sich entschieden hatten, längere Zeit in Schottland zu bleiben, hatte Micky den Verwaltungsakt auf sich genommen und Angus zu sich geholt. Bei der Menge Schnee, die bis jetzt gefallen war, wusste sie, es war die richtige Entscheidung gewesen. Der Hund fühlte sich wie im Paradies. Dicke Schneeflocken fielen vom Himmel, die Angus zu fressen versuchte. Im nächsten Moment stand er still, spitzte die Ohren und legte den Kopf schief. Micky spürte auch, dass Leute sich näherten, unter ihnen waren mehrere Unsterbliche. Sie löste den Knoten ihrer Schürze und hängte sie über die Stuhllehne.

Duncan, sie kommen“, rief Micky vom Flur aus in Richtung Wohnzimmer. Sie öffnete die Tür und sah, wie Connor freudig von Angus angebellt wurde. Ihm folgten Joe, Methos, Isis und Rachel MacLeod. Traurig dachte Micky, dass es das erste Weihnachten in zwölf Jahren war, das sie ohne Richie feierten. Doch was beklagte sie sich, alle anderen waren hier und wohlauf. Duncans und Richies Schülerinnen waren im Kloster in Sicherheit. Und wenn jemand an Weihnachten Grund für melancholische Gedanken hatte, war das ganz gewiss Joe Dawson, der nun schon seit Monaten von seiner Frau und seinem Kind getrennt war. Niemand, nicht einmal die MacLeods wussten, wo die beiden versteckt wurden. Es war einfach zu riskant.

Duncan trat hinter Micky, legte den Arm um sie und freute sich an dem Anblick. Alle hatten Taschen mit kleinen Päckchen dabei, nette Aufmerksamkeiten, um ihren Freunden, die ja eigentlich schon alles besaßen, eine kleine Freude zu machen.

Nollaig cridheil!“, wurden sie von Rachel begrüßt.
Euch auch frohe Weihnachten. Kommt rein, wärmt euch auf. Der Schneefall scheint stärker zu werden. Rachel, du kannst Micky in der Küche helfen. Ich hole noch Holz und den Hund. Angus, thig!“ Der Hund dachte gar nicht daran zu kommen. Er legte den Kopf schief und schien zu verhandeln, ob er noch ein wenig länger draußen bleiben durfte.
Duncan stapelte Holz auf seinen Armen und trat zur Tür. „Angus, a-staigh!“ Nun gehorchte der Hund und sauste an Duncan vorbei ins warme Haus. Im Flur blieb er kurz stehen, schüttelte sich den Schnee vom Fell und trottete gemütlich ins Wohnzimmer, wo er sich auf ein großes Fell vor dem Kamin legte und direkt einschlief. Er registrierte nicht einmal mehr, wie Duncan polternd das Holz neben dem Kamin aufstapelte und direkt einige Stücke ins Feuer legte.

 

Aus der kleinen Küche drang fröhliches Gelächter, unterbrochen von Weihnachtsliedern. Duncan wollte nachsehen, ob er noch helfen oder schon die Sachen für den Nachmittagskaffee ins Wohnzimmer bringen konnte. Gut gelaunt stieß er die blaue Holzschwingtür auf.
Micky, ich...“ begann er und blieb wie vom Donner gerührt stehen. Sein Blick blieb an Rachels Handgelenk hängen, schwenkte dann zwischen ihrem und Mickys Gesicht hin und her und die gute Laune war verflogen. Mit wenigen Schritten war er bei Rachel und umklammerte ihr Handgelenk, den lockeren Blusenärmel schob er weit nach oben und deutete auf das, was er eben entdeckt hatte.
Ich hoffe, das ist abwaschbar und ein schlechter Scherz!?“
MacLeod, lass mich erklären“, bat Joe, der nun auf seinen Stock gestützt durch die Schwingtür trat.
Was gibt es da zu erklären, Dawson?'! Seid ihr eigentlich alle total durchgedreht?“ Er zeigte auf das Beobachterlogo, das auf Rachels Handgelenk tätowiert worden war.
Ich habe dir ja gesagt, Ärmel mit Knöpfen wären heute angebrachter gewesen, Rachel“, raunte Micky ihr zu, was Duncan mit einem derben schottischen Fluch quittierte.
War das deine Idee, Comtesse?! Dann sollten wir mal wieder vor die Tür gehen, schätze ich und das direkt klären!“

Rachel drehte ein paar Mal ihr Handgelenk und entzog sich seinem Griff. Mit leicht zitternden Händen holte sie die restlichen Tassen aus dem Schrank. Eine solch gefühlsstarke Reaktion hätte sie von ihrem Cousin nicht erwartet, obwohl Micky sie durchaus davor gewarnt hatte.

Es war meine Idee“, gestand Rachel ein wenig kleinlaut und ohne Duncan anzusehen. „Sei nicht böse auf Micky und Joe. Aber nach deinem Kampf mit Arthur Moore habe ich Joe ausgefragt. Er konnte mir natürlich nicht viel sagen, da ich weder eine Unsterbliche noch eine Beobachterin war. Auf ersteres bin ich nicht wirklich scharf, auch wenn das anscheinend in der Familie liegt. Aber eine Beobachterin...“ Sie zuckte mit den Achseln. „Ich dachte, warum nicht...“ Duncan traute seinen Ohren kaum und schnappte nach Luft.
Ich kann dir sagen, warum nicht, Cousine! Kyle hat das Hauptquartier in Paris in die Luft jagen lassen. Dabei sind gute Menschen gestorben, auch ein Freund von Methos. Es gibt immer noch James Hortons alte Splittergruppe. Egal, wie viele Köpfe wir dieser Hydra abschlagen, sie kommt immer wieder. Clarice Grant ist in der geschlossenen Anstalt, aber ich bin sicher, die haben schon Ersatz gefunden. Und wen zum Teufel beobachtest du überhaupt? Schreibst du an unserer Chronik mit?“
Unter anderem...“ ergriff Joe nun das Wort.
Joe, genug!“ ging nun Micky dazwischen. „Nicht hier und nicht heute. Duncan, Rachel ist erwachsen. Sie ist sich der Gefahren durchaus bewusst, aber auch der großen Aufgabe, an der sie mitwirken kann indem sie unsere Geschichte dokumentiert, wenn wir hier in Glenfinnan sind. Sie kann dadurch etwas hinterlassen. Heute ist Weihnachten.. Alle Streitereien verschieben wir bitte auf morgen.“ Sie legte all ihre Willensstärke in diese Worte.

Duncan atmete ein paar Mal tief durch und funkelte seine Frau, seine Cousine und auch seinen alten Freund wütend an.
Darüber reden wir noch, Comtesse! Und wir auch, Dawson!'“ Vor sich hin fluchend schnappte er sich das Tablett mit Kaffee und Gebäck, drehte er sich um und ging ins Wohnzimmer zu den anderen.
Lief besser, als ich erwartet hatte“, meinte Rachel erleichtert, griff nach dem zweiten Tablett und folgte Duncan.

Joe hingegen schien noch Redebedarf zu haben. Er ließ sich auf einem Küchenstuhl nieder und streckte seine Prothesen von sich. An Tagen wie diesen, eisigkalt und schneereich, waren die Schmerzen in seinen nicht mehr existierenden Beinen manchmal fast unerträglich. Er verzog das Gesicht, entdeckte auf dem Tisch einen Kräuterlikör und schenkte zwei Gläser ein. Eines schob er in Mickys Richtung.
Alles okay, alter Freund?“ Er machte eine abfällige Bewegung mit der Hand und deutete ihr sich zu ihm zu setzen.
Phantomschmerzen. Auch nach all den Jahren noch, Micky. Die Beine, die nicht mehr da sind, und das Wetter. Es macht einem alten Mann wie mir zu schaffen...“ Er lachte bitter auf und nippte an dem Likör.
Micky strich über ihre Narbe, die sich bereits den ganzen Tag unangenehm zusammen zog. Auch ihre „Kriegsverletzungen“ machten ihr bei diesem Wetter zu schaffen. „Ich verstehe, was du meinst, Joe. Wobei meine Narben nicht mit deinen vergleichbar sind. Ich habe andere Schlachten geschlagen.“ Er lächelte wehmütig, als er für einen kurzen Moment an die Freunde zurückdachte, die er in Vietnam verloren hatte und trank das Glas leer. „Köstlich“, stellte er begeistert fest. „Wo hast du den her?“

Den hat Rachel gemacht. Sie bringt es mir demnächst bei. Dann schicke ich dir eine Kiste in die Bar. Läuft der Laden auch ohne dich?“ Er nickte.
Ja, keine Sorge. Mein Auskommen ist gesichert. Ich habe gute Leute, die für mich arbeiten. Und das Beobachter-Gehalt ist ja auch nicht zu verachten, wie Rachel festgestellt haben dürfte.“
Womit wir wieder beim Thema wären, nicht wahr, Joe?“ Sie musste grinsen.
Er hat schnell nachgegeben, Micky, was mich gelinde gesagt, sehr erstaunt hat. Ich dachte, ihr tragt es mal wieder vor der Tür aus.“ Unwillkürlich musste nun auch Joe grinsen.

Mit einem Blick nach draußen meinte Micky kopfschüttelnd: „Nein, zu ungemütlich heute. Verschieben wir's auf morgen. Aber du hast Recht. Es hat mich auch erstaunt, wie leicht es war. Vielleicht haben meine Worte... Ach, ich weiß auch nicht. Aber Joe, er darf keinesfalls erfahren, welche Rolle Rachel bei der Befreiungsaktion spielt und dass sie auch Kyles Aktivitäten dokumentiert. Er würde es nie zulassen. Kümmere dich darum, dass sie bis zum Stichtag voll einsatzbereit ist. Wir haben nicht mehr viel Zeit. Maurice und Amanda werden bald eintreffen.“ Joe beobachtete das heftige Schneetreiben, obwohl es erst 15 Uhr war, wurde es schon dunkel. Sein Blick wirkte besorgt, als er sich Micky wieder zuwandte.

Glaubst du, Methos kann ihn besiegen? Glaubst du, es wird in Irland enden?“ Micky füllte die filigranen Likörgläser wieder auf, die sie in einem Antiquitätenladen in Inverness entdeckt hatte und ließ sich Zeit mit der Antwort.
Ganz ehrlich, Joe, ich weiß es nicht. Ich kann nicht in die Zukunft sehen. Ich weiß aufgrund meiner neuen Fähigkeiten, wenn jemand lügt. Aber sowie ich Methos verstanden habe, können das alle Götter. Und meine andere Quelle, die ich dir nie preis gegeben habe, ist versiegt, an dem Tag, als ich Adam Lee getötet habe und zur Göttin aufgestiegen bin. Ironischerweise hat mein alter Meister das wohl nicht vorausgesehen...“ Joe machte große Augen.
Du meinst Nostradamus? Du hast also tatsächlich Jahrhunderte alte Prophezeiungen, die dich betreffen? Die würde ich gerne mal bei Gelegenheit studieren.“ Sie nickte einverstanden.
Ja, sie sind sicher im Schloss verwahrt. Wenn das hier ausgestanden ist, dann zeige ich sie dir. Im Nachhinein dürfte es ungefährlich sein. Und ja, sie betreffen mich. Aber auch Connor, Duncan, Methos, Natalie, Isabelle, Richie, Ginger. Kurzum jeder Unsterbliche, der mit mir und meinem Leben in Berührung kam, wurde erwähnt. Es waren quasi meine eigenen Prophezeiungen, manche waren sehr wage gehalten, manche wiederum waren eindeutig. Natalies Todestag stand zum Beispiel drin und auch der Name ihres Mörders. Christopher Sikes. Es war Nostradamus' Vermächtnis an mich. Meine Begegnung mit Duncan war etwas vage formuliert. Es hieß, dass ich die wahre Liebe bei einem Barbaren aus dem Highlands finden würde, eine Liebe, die bis ans Ende der Zeit dauern würde. Aber der Preis dafür war das Leben eines anderen geliebten Menschen. Anfangs dachte ich, es wäre Connor, weil Henry für ihn und mich auf der Guillotine gestorben ist. Aber wir waren nicht für einander bestimmt. Wir haben es, weiß der Himmel, oft genug versucht. Fast genauso oft, wie ich es mit Methos probiert habe, aber wir waren auch nicht kompatibel genug, um eine normale Rund-um-die-Uhr-Beziehung zu führen. Und dann starb Darius durch Hortons Hand und ich stand auf dem Friedhof Connors Cousin gegenüber. Da wusste ich, dass ich meinen Barbaren aus den Highlands gefunden hatte. Aber es machte mir eine Scheißangst, dass sich die Prophezeiung letztlich doch noch erfüllt haben sollte nach annähernd 400 Jahren...“ Sie lächelte verträumt, als sie an jenen Tag zurück dachte, der ihr Leben für immer auf den Kopf gestellt hatte. Joe drückte ihre Hand und lächelte ebenfalls.
Ich weiß, was du meinst. Ganz ehrlich, ich habe damals gedacht, ihr wärt verrückt. Ich wollte nicht, dass MacLeod verletzt wird. Du weißt nicht, wie er drauf war, als Tessa starb. An einem Tag zog er sich zurück, wollte niemanden sehen. Am nächsten Tag stürzte er sich Hals über Kopf in ein irrsinniges Duell, nur um zu fühlen, dass er noch am Leben war. Es dauerte lange, bis er wieder ein normales Leben führen konnte. Und dann hat mein Schwager Darius ermordet. Und er wurde ein weiteres Mal komplett aus der Bahn geworfen.“ Mickys Mund stand offen vor Sprachlosigkeit.
Joe, ich hatte ja keine Ahnung. Er... Er spricht nicht oft über die Zeit mit Tessa und noch weniger über die Zeit nach ihrem Tod.“ Joe nickte wohlwissend.
Ich wollte einfach nur einen Freund schützen und vor neuem Kummer bewahren... Wenn ich anfangs etwas kühl zu dir war, dann tut mir das leid. Ich habe dich wirklich sehr gerne, Micky. Du und Mac, ihr seid neben Emily und David die wichtigsten Menschen in meinem Leben und ich möchte keinen Tag missen, an dem ich mit euch und eurer Geschichte zu tun habe. Ich bin froh, dass ihr meine Schützlinge seid und ich ein Teil eures Lebens sein darf.“ Micky war ganz gerührt von Joes Worten. Selten hatten die beiden in der vergangenen Dekade Zeit gefunden, so offen und ehrlich miteinander zu reden. Es stimmte, Joe war anfänglich eher kühl und zurückhaltend zu ihr gewesen. Doch das hatte auf Gegenseitigkeit beruht. Es widerstrebte Micky allzu engen Kontakt mit ihrem Beobachter zu haben. Besonders nach der Sache mit Horton. Sie traute damals keinem Beobachter. Doch inzwischen lagen die Dinge anders. Mittlerweile konnte Micky sich nicht vorstellen, dass Joe Dawson kein fester Bestandteil ihres Lebens war. Einer plötzlichen Eingebung folgend stand sie kurz auf und unarmte ihren alten Freund fest.
Das kann ich nur zurückgeben, Joe. Ich verstehe, warum du damals skeptisch warst. Ohne die Aufzeichnungen von Nostradamus und ein sehr aufschlussreiches Telefongespräch wäre ich wahrscheinlich nach unserer ersten Nacht wieder nach Paris verschwunden. Bis zu jenem Tag habe ich mir immer genommen, was ich wollte. Ohne Rücksicht auf Verluste. Wahrscheinlich hätte ich Duncan damit sehr, sehr weh getan. Und wer weiß, wie mein weiteres Leben verlaufen wäre? Ich bin froh, dass ich es nicht getan habe...“ Ihr Blick schweifte ab und ihre Gedanken reisten in eine andere Zeit zurück.

 

Kanada, Vancoucer, Duncans Loft, die Nacht nach Darius' Beerdigung.
Micky lag seit Stunden wach und wälzte sich schlaflos in Duncans Seidenlaken in seinem gemütlichem Bett von einer Seite auf die andere. Richie und Duncan waren nach dem Gespräch mit ihr noch zu Joe Dawson in die Bar gefahren und noch nicht wieder zurückgekehrt. Da Duncan mit diesem Dawson befreundet war, vermutete Micky, dass sie noch lange nach dem Zapfenstreich zusammensitzen würden. Und so war sie mit ihren wirren Gefühlen und Gedanken an Darius, Henry, Connor und nun auch Duncan MacLeod alleine in einem fremden Bett in einer fremden Stadt.

Als Micky es nicht länger aushielt, stand sie auf und begann ihre Tasche zu packen. Sie musste fort. In ein Hotel und wieder klar denken. Was immer dieser Highlander mit ihr angestellt hatte, es hielt sie von ihren Plänen ab. Sie wollte Darius' Mörder erledigen und ihr altes Leben wieder aufnehmen. Die Liebe hatte keinen Platz mehr in ihrem Leben. Zu viele Männer hatten sie verletzt, ausgenutzt, betrogen und hintergangen. Nein, jetzt war sie ungerecht. Richard war ihr immer treu gewesen und hatte gut für sie und ihre Adoptivkinder gesorgt. Er war aber auch eine der ganz wenigen Ausnahmen aus einer langen Reihe von weniger netten Männern gewesen, angefangen beim feinen Conte Maximillian Porté. Und dennoch... Was da zwischen ihr und Duncan passiert war, das war doch einfach nicht normal. Man traf nicht einfach so einen wildfremden Mann auf der Beerdigung eines gemeinsamen Freundes, kreuzte die Schwerter mit ihm und landete dann in seinem Bett. Micky wusste, wie ihr Vater sie bezeichnet hätte, unabhängig davon, dass sie mittlerweile im 20. Jahrhundert lebte. Ihre Mutter hätte es vielleicht mit den Augen einer Romantikerin gesehen. Micky konnte sich aber nicht sicher sein bezüglich ihres Gedankenspiels, da sie ihre Mutter nie kennen gelernt hatte. Kurzentschlossen griff sie zum Telefon und wählte eine ihr sehr vertraute Handynummer und hoffte auf diese Weise einen passenden Ratschlag zu bekommen.

Ich hoffe, Hochwohlgeboren, es ist wichtig. Weißt du eigentlich, wie spät es ist?“ schnaubte es ihr ungehalten aus dem Handy entgegen.
Ja, Methos. Ich kann die Uhr schon ziemlich lange lesen. Danke der Nachfrage. Ich brauche deinen Rat. Ich glaube, ich habe eine ziemliche Dummheit begangen...“ Methos lugte mit halb zusammengekniffenen Augen ein weiteres Mal auf die Digitalanzeige seines Weckers. Es war immer noch mitten in der Nacht. Sie hatte ein Talent zu den unmöglichsten Zeiten anzurufen oder aufzutauchen. Schlimmer als die Steuerfahndung oder die Zeugen Jehovas, wie Methos fand.
Hast du jemandem den Kopf abgeschlagen, der ihn besser behalten hätte?“fragte Methos spöttisch und versuchte krampfhaft den Schlaf festzuhalten.
Nein. Ich glaube, ich habe einen dummen Fehler gemacht. Ich habe mit jemandem geschlafen, mit dem ich vielleicht besser nicht geschlafen hätte, weil ich ihn kaum kenne. Und nun weiß ich nicht, ob ich meine Tasche schnappen und verschwinden oder nachher mit ihm frühstücken soll...“ Methos schlug die Augen auf und war mit einem Mal hellwach. Er schaltete die Nachttischlampe ein und setzte sich grinsend im Bett auf. Jetzt wurde das Gespräch endlich interessant. Er hatte es eigentlich schon geahnt, als er die beiden nach der Beerdigung gut versteckt hinter der alten Eiche beobachtet hatte. Es hatte nicht nur geknistert, das war ein Buschfeuer gewesen.
Du kleine Femme fatale! Ich rate jetzt mal so ins Blaue hinein. Ich weiß ja, dass du nicht auf Kinder stehst, also war es nicht Richie Ryan. Auf reifere Herren auch nicht, damit fällt der gute Joe Dawson auch aus dem Raster. Connor treibt sich irgendwo in der Weltgeschichte rum, ist ja auch noch nicht Nationalfeiertag in la belle France, n'est pas?! Abgesehen davon, dass deine kleine Affäre mit ihm mehr an aufgewärmten Kaffee als an das Buschfeuer erinnert, das ich auf dem Friedhof beobachten konnte. Also bleibt nur mein guter, alter Freund Duncan MacLeod vom Clan der MacLeod. Und warum willst du jetzt weg? Ich habe immer gedacht, MacLeod wäre so ein guter Liebhaber?! Hat sich zumindest noch keine seiner Liebschaften beschwert, soweit ich weiß.“ Für einen Moment hatte er ein Bild von der heißen Amanda vor Augen, die immer sich wieder mal in Duncans Leben und sein Bett verirrte. Methos hoffte inständig, dass die beiden Frauen sich nicht so schnell über den Weg laufen würden und wenn dann nur auf heiligem Boden.
Witzig, Methos. Aber ich meine es ernst. Ich habe Angst. Da sind so verwirrende Gefühle in mir. Ich weiß nicht...“ Nun hörte sie Methos auch noch lauthals lachen auf der anderen Seite der Leitung. Das war ja wohl die Höhe! Micky schüttete ihm ihr Herz aus und er lachte darüber. Doch seine nächsten Worte waren ein kleiner Schock für sie – bestätigten sie doch, was Micky schon seit ihrem kleinen Showkampf in Dawsons Hinterhof befürchtet hatte.
Dass ich das noch mal erleben und sagen darf nach mehr als 5.000 Jahren und dann zu dir, Hochwohlgeboren. Herrlich! Du Dummerchen, das nennt man Liebe! Und zwar die wahre Liebe. Nicht diese wankelmütigen Schmetterlinge, die vergehen, wenn sie nicht innerhalb von ein paar Tagen gefüttert werden. Sondern die ganz großen Gefühle, so wie in den Shakespeare-Dramen, so wie bei Marc Anton und Cleopatra, Rhett und Scarlett, Sonny und Cher, Ike und Tina. Nun ja, nicht gerade die besten Beispiele. Aber du verstehst, was ich meine. In dir hadern gerade dein Verstand, dein Herz und die übrigen Körperregionen, die MacLeod wohl mehr als angesprochen hat, miteinander.“ Micky errötete leicht angesichts Methos' pathetischer Wortwahl und schüttelte die Wahrheit verleugnend den Kopf.
Bei Shakespeare enden solche Gefühle meistens mit einem Sprung von der Burgmauer, Gift oder Messern in der Brust. Und deine anderen Beispiele endeten in Scheidung. Aber im Ernst, Methos, ich bin zu alt für sowas. Ein Flirt, d'accord. Aber keine Liebe, Verpflichtungen und all das. Darauf habe ich zu lange gewartet und nicht mehr daran geglaubt. Ich meine, da gibt es zwar diese Prophezeiung von Nostradamus, die ich seit Jahrhunderten mit mir rumschleppe über einen Barbaren aus den Highlands... Aber...“ Wieder lachte Methos.
Was aber, Michelle? Es ist was es ist... Du kennst doch das Gedicht von Erich Fried. Wehr dich nicht, bleib bei ihm und genieß es einfach. Du musst ihn ja nicht gleich heiraten...“

 

Schottland, Glenfinnan, das Haus der MacLeods, die Gegenwart.
Joe hatte äußerst interessiert Mickys Worten zugehört. Solche Details erfuhr ein Beobachter nicht, wenn er kein gutes Verhältnis zu seinen Schützlingen hatte – wenn man nicht mit ihnen befreundet war.
Ihm entfuhr ein lautes, herzliches Lachen, was Micky mit einem fragenden Blick beantwortete.

Na, mit dem letzten Rat von Methos hast du es aber nicht so genau genommen. Du brauchst ihn ja nicht gleich heiraten...“ Er schüttelte noch immer lachend den Kopf. Nun lachte auch Micky und schlug ihm spielerisch aufs Handgelenk.
Na komm schon, Joe, es lagen immerhin drei Tage zwischen dem Telefonat und der Heirat. Ich weiß gar nicht, was du willst? Aber was ich damit sagen wollte - es waren die Prophezeiung und Methos' Ratschlag, die mich letztlich dazu bewogen haben, bei Duncan zu bleiben. Was mich wahrscheinlich mehr als einmal gerettet hat.“

Nun wurde Joe wieder ernst. Es war erstaunlich, wie lange es manchmal dauern konnte, bis Puzzleteile zusammengefügt wurden, sich plötzlich ein ganz klares Bild abzeichnete und alles auf einmal Sinn zu machen schien.

Er hatte auch seine Zweifel, MacLeod meine ich. Er saß die ganze Nacht bei mir in der Bar. Richie ist irgendwann gefahren. Mac hat ein Bier nach dem anderen getrunken. Und immer mit dem Kopf geschüttelt und erklärt, dass ihm so etwas einfach nicht passieren durfte. Nicht nach Tessa. Dass es besser für ihn wäre alleine zu bleiben und abzuwarten, wer die Zusammenkunft gewinnen würde. Damals hielten wir alle sie ja noch für eine unumstößliche Tatsache. Ich hab mir seine Sorgen und Zweifel angehört, wie sich das für einen guten Barkeeper und erst recht für einen guten Freund gehört. Methos hat mich angerufen, nachdem du mit ihm telefoniert hattest, wie ich ja jetzt weiß. Von eurem Telefonat hat er kein Wort erwähnt. Er sagte nur, falls MacLeod bei mir ist, soll ich ihn erst gehen lassen, wenn er sich hundertprozentig sicher ist, was er im Bezug auf die durchgeknallte, französische Adlige will. Lach nicht, seine Worte, nicht meine... Wer hätte gedacht, dass Methos sich als Ehestifter entpuppen würde...“, meinte Joe nun breit grinsend.

Wie aufs Stichwort schwang die Tür auf und Methos steckte den Kopf rein.

Hey, Michelle, die Wogen sind etwas geglättet. Dein Gatte hat sich beruhigt. Und eben hat Amanda angerufen, sie und Maurice sind zum Abendessen hier. Sie mussten einen Wagen mit Winterreifen auftreiben. Es soll sich jetzt so richtig einschneien. Ich hoffe, du hast ein paar Decken für uns. Es ist fraglich, ob wir es heute Nacht zu Connor geschweige denn in Rachels Pub zurückschaffen.“
Danke, ich suche schon mal Decken und Kissen raus. Ein paar von euch können im Gästezimmer und der Rest im Wohnzimmer schlafen. Machen wir halt eine Pyjamaparty.“

Methos grinste schelmisch angesichts der Aussichten, mit wem er heute Nacht außer seiner Frau noch das Zimmer teilen würde. Dann setzte er sich kurzerhand zu Joe an den Küchentisch und schenkte einen Likör ein. Joe saß ihm gegenüber mit verschränkten Armen und noch immer breit grinsend. Eine Weile musterte er seinen alten Freund, den er nach dem Gespräch mit Micky mal wieder in einem gänzlich anderen Licht sah.

Hab ich was verpasst, alter Kumpel?“ fragte Methos nichtsahnend, über welche Themen die beiden bis eben gesprochen hatten.
Kann man so sagen, ich habe ein paar höchst interessante Details erfahren. Aus den Anfängen der MacLeodschen Beziehung. Höchst interessant.“ Joe lachte und fuhr dann fort: „Also ehrlich, dass du mal über die Liebe philosophierst und die Weichen für eine anhaltende Beziehung stellst, hätte ich wirklich nicht gedacht, Methos. Vor allem nicht aufgrund der griechischen Tragödie, die du deine Ehe nennst. Hut ab.“ Methos verstand erst nicht und schenkte Joe fürsorglich auch noch ein Glas ein. Dann machte es „klick“ und er verstand die Andeutung.
Ach, du meinst die Nacht, als Micky mich aus dem Bett geklingelt hat, damit ich für sie Dr. Ruth spiele und einer 496 Jahre alten Unsterblichen die Bedeutung des Wortes 'Liebe' definieren musste... Weißt du, nachdem sie Richard beerdigt hat, ist sie eigentlich nur noch vor den Männern davon gelaufen. Sie ließ echte, tiefe Gefühle nicht mehr zu, war nur noch auf Spaß aus. Das war unverbindlich und sicher. Sie ging, bevor es zu ernst wurde. Ich wollte, dass sie mal wieder was riskiert. Ich habe die beiden auf dem Friedhof beobachten können. Ihr kleines Geplänkel, bevor sie bei dir aufgelaufen sind. Es knisterte von der ersten Sekunde an. Und es war mehr als Knistern. Da war etwas zwischen den beiden, was ich eine sehr lange Zeit besonders bei Michelle nicht mehr gesehen hatte. Und wenn sie in dieser Nacht gegangen wäre, hätte das im Nachhinein betrachtet ein ziemlich böses Erwachen gegeben...“
Du meinst Sikes...“ Methos beantwortete die Feststellung mit einem Kopfnicken.
Sikes, Adam Lee, Kyle. Hätte sie Sikes besiegt ohne Duncan an ihrer Seite, würde heute keiner von uns mehr hier sitzen. Duncan war und ist der einzige Mensch auf diesem Planeten, der sie auf der Seite des Lichts halten kann. Das habe ich ihr mehr als deutlich gesagt in der Kirche in Paris. Vor zwölf Jahren brauchte sie eigentlich nur einen kleinen Schubs in die richtige Richtung. Dass ich sie damit allerdings direkt in eine Kirche vor einen Priester schubse, war selbst mir nicht bewusst. Ich hatte ja gesagt, sie muss ihn nicht gleich heiraten. Und ich habe vor der Trauung mehrmals ihren Geisteszustand angezweifelt. Aber so im Nachhinein betrachtet, war es keine Verrücktheit, sondern die einzig richtige Entscheidung. Und jetzt sollten wir zu den anderen gehen, bevor Micky mich einen Kopf kürzer macht, weil der gute Likör leer ist.“

 

Das Wohnzimmer war in einem gemütlichen Vintagestil eingerichtet. Micky hatte die Flohmärkte und Antiquitätenläden in Inverness und Fort Willliams geplündert, um dem kleinen Haus ihre ganz persönliche Note zu verleihen. Das knisternde Kaminfeuer verbreitete eine kuschelige Wärme.

Joe setzte sich auf das braune Sofa zu Micky, die sich an Duncan gekuschelt und mit einer dicken Patchwork-Decke zugedeckt hatte. Im Moment hatten die beiden wohl einen Waffenstillstand ausgehandelt. Joe war sich aber sicher, dass Duncan es bald wieder ansprechen würde, was er von Rachels zweitem Standbein hielt.

Methos vertrieb seine Frau von dem Sessel, auf dem sie saß, zog sie dann im nächsten Moment auf seinen Schoß herunter und umarmte sie liebevoll. Er schnupperte an ihrem Hals. Sie hatte das schwere Parfum gegen ein deutlich leichteres ausgetauscht, was Methos mehr als gefiel. Er roch noch einmal daran, nahm ihren Duft in sich auf und wollte ihn nie mehr vergessen. Man konnte ja nie wissen, wie lange es zwischen ihnen so friedvoll bleiben würde. Joe hatte schon Recht, wenn er sagte, seine Ehe mit der Prinzessin glich einer griechischen Tragödie. Wieso um alles in der Welt konnte er seinen Freunden Eheratschläge erteilen, ja sogar unabsichtlich eine Ehe anbahnen, immer wieder die Wogen zwischen ihnen glätten, aber er selbst war heillos überfordert, wenn es um seine eigene Ehe ging? Das wollte einfach nicht in seinen Kopf.

Du riechst gut, Prinzessin“, flüsterte er in ihr Ohr, was Isis mit einem hoheitsvollen Lächeln belohnte.
Und du bist süß und betrunken, Methos. Wie viel Likör hast du in der Küche getrunken?
Er winkte ab und wandte sich an die anderen: „Man kann kaum glauben, dass uns ein fieser Göttervater ans Leder will, wenn wir hier so gemütlich zusammen sitzen und Weihnachten feiern“, meinte Methos und nippte an seinem Bier.

Methos, wie du so vortrefflich bemerkt hast, es ist Weihnachten. Lass uns doch für einen einzigen Tag vergessen, was bald auf uns zukommt...“ bat Micky, die im Moment genug hatte von den Gedanken an Kyle und seine verrückten Pläne für eine neue Weltordnung.
Micky hat Recht, Freunde. Lasst uns in Erinnerungen schwelgen. Und Frankreich lieben“, warf Connor lachend in die Runde und prostete mit seinem Champagnerglas Duncan zu, der angesichts der Wortwahl seines Cousins kurz zusammenzuckte und einen nervösen Blick auf seine Cousine warf.

Sie war außer Duncan die einzig andere Person im Raum, die nicht über den Witz lachte. Angus hob kurz ungehalten den Kopf und schien sich zu fragen, warum man ihn mit diesen komischen Geräuschen beim Schlafen störte.

Noch bevor Duncan es verhindern konnte, erzählte sein Cousin von dem Weihnachtsfest auf Chateau Dubois, an dem sie alle von ihrem ungewöhnlichsten Weihnachten erzählt hatten. Und natürlich hielt er auch nicht mit der Geschichte von Duncans unwissentlichem Aufenthalt in einem Pariser Bordell hinter dem Berg. Duncan räusperte sich verlegen und versuchte schnell von seinem unrühmlichen Aufenthalt in der Stadt der Liebe abzulenken, indem er Rachel nach ihrem ungewöhnlichsten Weihnachtsfest fragte.

Nun, definitiv das hier. Wenn mir vor ein paar Jahren jemand erzählt hätte, dass ich mit Unsterblichen, die 5.000 oder auch nur 500 Jahre alt sind, Weihnachten feiere, und zwei davon auch noch meine Vorfahren sind, hätte ich diese Person für verrückt erklärt. Aber hier bin ich. Und Duncan, diesen Vorfall in Paris würde ich unter Jugendsünden abhaken und einfach Frankreich lieben. Ich bringe dann morgen eine Kiste Likör vorbei, wenn der Schnee nachlässt, denn diesen Spruch kann ich mir heute Abend ganz sicher nicht mehr verkneifen.“ Alle stimmten in Rachels herzliches Lachen ein, selbst Duncan konnte letztlich nicht mehr finster schauen und musste mitlachen.

 

Ein paar Stunden später trafen Amanda und Maurice ein. Sie hatten sich durch Berge von Schnee gekämpft und waren die letzten Kilometer hinter einem Schneepflug her getuckert, der versuchte die einzige Verbindungsstraße nach Glenfinnan freizuhalten, in dem er die Strecke immer wieder rauf und runter fuhr. Kurz nachdem die beiden zum Cottage der MacLeods abgebogen waren, hatte der Fahrer der Straßenmeisterei den Kampf aufgegeben und war nach Hause gefahren.

 

Micky stand gerade am Herd, rührte in ihrer Soße und nippte an einem Glas Wein, als die Tür aufschwang und Amanda eintrat. Eine weitere Freundin hatte es rechtzeitig zum Fest nach Hause geschafft.

Comtesse, ich muss dich kurz unter vier Augen sprechen“, bat sie mit sorgenvollem Blick. Micky hätte es nie für möglich gehalten, dass sie Amanda Montrose einmal als Freundin betrachten und mit ihr Weihnachten feiern würde. Nicht nachdem sie sich Duncan wiederholt völlig schamlos an den Hals geworfen und mehr als einmal für Scherereien gesorgt und sie sogar bestohlen hatte.
Du kannst reden, Rachel ist inzwischen eine Beobachterin. Genauer gesagt meine und Duncans zusammen mit Joe.“ Doch Amanda schüttelte ablehnend den Kopf. Ihre langen fadenartigen Silberohrringe schwangen wild von links nach rechts. Rachel blickte kurz auf, schnitt aber weiter das selbstgebackene, schottische Brot fürs Abendessen.
Nein, geht nicht. Hat was mit der Chefetage zu tun. Deine Regeln.“
Okay. Rachel, entschuldige uns bitte. Amanda, dann schneide du bitte das Bannockbrot weiter, während du redest. Sofern du zwei Sachen gleichzeitig machen kannst.“ Kleine Sticheleien konnte Micky sich immer noch nicht verkneifen.
Oh, täusch dich mal nicht, ma chere. Ich kann deinem Mann den Kopf verdrehen und im selben Moment dein kostbarstes Bild aus deiner schnuckeligen Galerie stehlen. Aber lass uns jetzt nicht vom Geschäft reden. Ich habe einen sehr beunruhigenden Anruf aus Madrid erhalten. Rheia da Silva ist verschwunden aus ihrem ach so sicheren Refugium. Mitten in der Nacht, ihren Schützlingen ist nichts passiert. Aber von ihr fehlt seitdem jede Spur. Maurice hat ihren Beobachter kontaktiert. Er weiß auch nichts.“
Verdammt“, fluchte Micky. „Das ist nicht gut. Hol bitte Methos und Isis. Warte mit den anderen im Wohnzimmer.“ Amanda nickte, schnappte sich die beiden Brotkörbe und schob die Schwingtür auf.

 

Kurz darauf betraten Methos und Isis die Küche mit fragenden Gesichtern.

Sag mal, Paul Bocuse, muss die Soße passiert werden oder warum störst du uns in der trauten Zweisamkeit deines gemütlichen Sessels?“ fragte Methos leicht nuschelnd und sichtlich von Bier und Champagner angeheitert. Wie gut, dass er heute seinen Zweihänder nicht mehr führen musste.
Die Soße und alles andere ist jetzt fertig. Methos, sag den Spruch von Fischers Fritze auf, falls du dazu noch in der Lage bist oder halt die Klappe und hör zu. Rheia da Silva wurde aus ihrem Waisenhaus entführt. Wir können uns sicher alle denken, wohin sie gebracht wurde und wer sie geholt hat, oder?“

Methos ließ sich schwer auf den Küchenstuhl fallen, auf dem er schon vorhin gesessen hatte. Allerdings war das Gespräch mit Joe angenehmer gewesen. Isis platzierte sich elegant auf seinem Schoß.

Das ist gar nicht gut. Er will eine Entscheidung erzwingen. Und ich fürchte, wenn er jetzt auch noch Rheia bei sich hat, stehen wir drei ziemlich allein auf weiter Flur. Dann bleibt wohl nur ein Duell.“ Isis sprang entsetzt von seinem Schoß auf und tigerte nervös durch die Küche.
Methos, Liebster, das,... nein, das geht nicht... Wir müssen einen anderen Weg finden. Neto ist zu mächtig. Er hat dich damals vom Thron gestoßen, das hast du selbst gesagt. Und uns alle unserer Macht beraubt. Was soll aus der Welt und aus uns anderen werden, wenn er dich auch noch besiegt? Lach nicht, ja, ich mache mir Sorgen um dich. Micky, sag doch auch mal was, wenn er schon nicht auf seine Frau hört, dann vielleicht auf dich. Du bedeutest ihm mehr als ich...“ Mit Tränen in den Augen stürmte Isis aus der Küche. Irritiert blickte Methos seiner Frau hinterher.
Was hab ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht?“ grübelte Methos, dessen angenehmer Rausch nun nahezu verflogen war. Wie Isis tickte und was in ihrem hübschen Kopf vorging, war ihm auch nach mehreren Jahrtausenden noch immer ein gößeres Rätsel, als alles, was er je in Delphi gehört hatte. Micky trat auf ihn zu und verpasste ihm eine Kopfnuss, so wie früher bei Richie. „Aua! Lass das, Hochwohlgeboren!“
Du bist ein unsensibler Trottel, Methos, und wirst immer einer bleiben! Du kannst doch nicht in ihrer Gegenwart sagen, dass du es auf ein Duell anlegst gegen den mächtigen Göttervater Neto. Junge, Junge... Und ihr Kommentar eben, der traf auch ins Schwarze. Du machst dir mehr Sorgen, was aus mir und meiner nicht ganz so blütenweißen Seele wird, sollte ich an den falschen Gegner geraten. Das Schicksal deiner Frau, die du schon Millenien länger kennst und liebst als mich, wiegt da deutlich weniger. Das versteht sie nicht. Ich ehrlich gesagt manchmal auch nicht. Wir haben schon eine sehr merkwürdige Beziehung, wir beiden...“ Er sah sich außerstande Micky zu widersprechen. Also sagte er lieber gar nichts.
Du wirst dich nachher bei Isis entschuldigen. Aber vorher siehst du mir in die Augen und sagst mir, dass du felsenfest davon überzeugt bist, dass du ihn besiegen kannst. Na los, trau dich, Gott der Weisheit! Ich erkenne eine Lüge auf zwei Meilen Entfernung!“ Leicht benebelt stand Methos auf und blickte auf sie herunter, versuchte Micky niederzustarren. Dann drehte er niedergeschlagen den Kopf weg und murmelte leise bedauernd: „Tut mir leid. Aber das kann ich nicht....“ Micky schluchzte kurz auf, stürzte sich in seine Arme und drückte sich fest an sein schwarzes Seidenhemd, das er extra für das Weihnachtsessen angezogen hatte.
Es muss einen anderen Weg geben, Methos. Ich lasse das nicht zu. Hörst du, du verlässt mich nicht und auch nicht deine verrückte Prinzessin. Wir brauchen dich!“ Er hob ihr Kinn an und sah ihr seinem Schicksal trotzend in die  nussbraunen Augen.
Ich verrate dir jetzt was, zwei Dinge, Hochwohlgeboren. Erinnerst du dich, dass Rheia da Silva sagte, wir alle hätten eine Fähigkeit behalten, nachdem Neto mich vom Thron gestoßen hat? Ich vermute mal, du hast deine noch nicht entdeckt, also verrate ich es dir. Sieh es als mein ganz persönliches Weihnachtsgeschenk. Meine ist dagegen lachhaft. Ich habe nämlich nur meine Weisheit und ich kann unfruchtbare Wüsten fruchtbar machen. Aber du, meine liebe Comtesse, du bist da schon ein anderes Kaliber. Warst du ja schon immer, auch schon vor deinem Duell gegen Adam Lee. Wie auch immer. Zu deiner Gabe - du als Göttin des Todes kannst Leben schenken, denn Leben und Tod gehören nunmal zusammen. Ying und Yang. Du kannst Leute zurückholen, die gerade gestorben sind.“ Hoffnung keimte in Micky auf, was man ihrem überraschten Blick überdeutlich ansah. Doch Methos schüttelte bedauernd den Kopf.
Nein, so läuft das nicht, Michelle. Wenn der Kopf mal runter ist - das ist und bleibt endgültig. Falls du gehoffst hast, du schwingst mal kurz den Zauberstab ala Harry Potter und holst mich dadurch zurück. Abgesehen davon, dass ihr ganz andere Probleme haben werdet, sollte Kyle mich besiegen. Aber nichtsdestotrotz könnte deine Gabe irgendwann mal nützlich werden. Doch du solltest wissen, es macht keinen Spaß. Es sind schier unerträgliche Schmerzen. Adam hat es mir sehr bildlich beschrieben. Er hat auch mir einen Abschiedsbrief geschrieben, den ich vor ein paar Tagen erhalten habe. Darin beschreibt er seine Gabe sehr detailiert, die er dir hinterlassen hat. Er schreibt, es fühle sich so an, als würde kochendheiße Lava durch deine Adern gepumpt werden. Denn ein Teil deiner Energie geht auf den Menschen über, den du heilst. Und du kannst sie nur durch die Energieübertragung nach einem Duell wieder erneuern. Du hast im Augenblick genug Vorrat, aber wenn nichts nachkommt, dann wirst du sterben. Es war als eine Art Rückversicherung gedacht, falls der Gott des Todes zu mächtig werden sollte und sich zu oft ins Schicksal einmischen würde. Adam meinte, ich hätte ihn nur auf diese Weise unter Kontrolle halten können. Es gibt also zwei Arten, wie du aus dem Leben scheiden kannst. Entweder in dem du dein hübsches Köpfchen verlierst oder in dem du dich ganz edel für jemanden opferst. Also überleg dir genau, wer es wert ist solche Schmerzen und ein derartiges Risiko auf sich zu nehmen, um ihn oder sie ins Leben zurückzuholen... Mach es einfach nicht allzu oft. Außer du stehst auf Schmerzen. Man weiß ja nicht.“ Micky boxte ihn so fest in die Seite, wie sie konnte und versuchte gleichzeitig angesichts seiner Worte ernst zu bleiben. „Aua, nicht schon wieder schlagen... Und zweitens, ich habe nicht vor, mir den Kopf von Neto abschlagen zu lassen. Wenn ich jemandem meine Weisheit, meine Energie, meinen sprühenden Charme, meinen herausragenden Humor und meine Göttlichkeit überlassen würde, dann dir, Hochwohlgeboren. Der Frau, die an jenem Abend 1687 in Madrid mein Herz gestohlen hat.“ Er nahm ihre Hand und drückte galant einen Kuss darauf. „So, und jetzt reden wir nicht mehr davon, ob ich Kyle besiegen kann oder nicht. Wir werden sehen. Jetzt feiern wir Weihnachten. Und über Kyles Pläne und unsere Pläne zerbrechen wir uns morgen den Kopf, wenn der Kater von deinem vortrefflichen Champagner und Rachels Kräuterlikör verflogen ist. Heute Abend wollen wir noch ganz oft Frankreich lieben. Einfach nur, um deinen Mann ein bisschen zu ärgern, meine verehrteste Comtesse.“ Mit diesen Worten bot Methos ihr ganz gentlemanlike den Arm und führte sie ins Wohnzimmer.

 

 

16. Ein Sturm zieht auf

 

Irland, Grafschaft Kildare, Wittmore Castle, Silvesternacht.
Beklommene Stille lag über ihnen, die funkelnden Sterne am Himmel über ihnen schienen die drei Götter zu verhöhnen, die zu ihrem ganz persönlichen Ragnarok nach Irland gekommen waren. Heute Nacht würde sich vermutlich ihr Schicksal und das der gesamten Menschheit entscheiden. Doch die Menschheit ahnte nichts davon und begrüßte auf der ganzen Welt freudig das neue Jahr.

 

Sie schritten nebeneinander her wie tapfere Krieger aus längst vergangenen Tagen, schienen für fremde Augen Nichts und Niemand zu fürchten. Im Nebel der Nacht lag Wittmore Castle direkt vor ihnen, die hellen Steine der Burgmauer waren trotz der finsteren Nacht gut zu erkennen. Die Absätze ihre Schuhe klackerten für ihr Empfinden ohrenbetäubend laut über das Kopfsteinpflaster, das zum Burgtor führte. Ihre Mäntel flatterten im kalten Nachtwind und gaben einen Blick auf ihre Schwerter frei. Isis hielt Methos an der Hand und er wiederum hielt Mickys Hand fest umklammert. Sie hatten noch nicht das Tor erreicht, als grelle Flutlichter angingen und sie für einen Moment blendeten. Sofort blieben sie stehen und richteten ihren Blick nach oben.

 

Was wollt ihr Typen hier?!“ schrie einer von Kyles Schlägern über die Zinnen zu ihnen herunter, eine Kalaschnikow im Anschlag. Micky fragte sich kurz, wieso wahnsinnige Despoten ihre Gefolgsleute so gerne mit Waffen aus anderen diktatorischen Regimen ausstatteten.
Wir wurden gerufen von deinem großen Boss. Kyle Wittmore!“ erwiderte Methos. Der Schläger besprach sich kurz mit seinem Kollegen, zielte aber weiterhin auf die drei.
Okay, du da, Dünner, du bist wahrscheinlich der, den man Methos nennt! Nur du, die Weiber bleiben draußen!“ Isis schnaubte empört.
Nenn mich noch einmal 'Dünner', Freundchen und ich verpasse dir mit meinem Schwert eine Rasur, die du dein Lebtag nicht mehr vergessen wirst. Und ja, ich bin Methos!“
Und wir sind keine 'Weiber'! Ich bin eine ägyptische Prinzessin, du Wurm! Und die Lady neben mir ist eine französische Comtesse! Aber du, Crétin, weißt wahrscheinlich nicht mal, was eine Comtesse überhaupt ist!“ Micky konnte sich ein Lachen nicht verkneifen angesichts Isis' Wortwahl und ihrer Empörung über die mangelnde Ehrerbietung des hiesigen Wachpersonals.
Nun denn, Allons-y, würde ich sagen. Isis, meine liebste Gemahlin. Die letzten Monate waren wahrlich die schönsten in unserer langen, wirklich sehr langen Ehe.“ Sie gab ihm einen Knuff in die Seite und kämpfte gleichzeitig um ihre Fassung. Sie wollte nicht, dass Methos sie heute Nacht weinen sah. Sie wusste, dass es nur 50:50 stand, ob sie nach dieser Nacht noch einen Ehemann haben oder das neue Jahr als Witwe beginnen würde.

Methos trat dicht an Isis heran und zog sie stürmisch zu sich. Normalerweise war er ja ein Freund von langen Vorspielen. Aber das quietschende Tor, dessen Scharniere dringend einen Schuss Öl benötigten und die Absätze, die über das Kopfsteinpflaster auf sie zu eilten, zeigten Methos deutlich, dass ihm nicht mehr viel Zeit für den Abschied von seinen beiden Herzensdamen blieb. Also küsste er Isis so, als gebe es kein Morgen für sie, was ja durchaus der Fall sein konnte.

Die Rufe von den Burgzinnen konnte Methos noch ignorieren, während er Isis zum Abschied küsste. Aber die beiden groben Kerle, die ihn von ihr wegzerrten und grob Richtung Schloss stießen, konnte Methos nicht mehr unbeachtet lassen. Eine Pistole wurde ihm unsanft in die Rippen gedrückt. Mit spitzen Fingern schob er sie weg.

Freundchen, pack die Bleispritze weg. Ich komme freiwillig mit. Ladies, wir sehen uns. Hochwohlgeboren, es war mir ein Vergnügen an deiner Seite zu kämpfen. Und denk dran, was ich dir an Weihnachten in der Küche gesagt habe. Es ist wichtig, dass du es nicht vergisst.“ Er machte einen eleganten Diener vor seinen beiden Göttinen und ließ sich von Kyles Schergen ins Schloss führen. Sobald Methos und seine Eskorte das Tor passiert hatten, schlug es wieder zu und die Flutlichter gingen aus.
Was machen wir jetzt, Micky?“ fragte Isis besorgt. Micky ergriff ihre Hand und drückte sie kurz trostspendend.
Warten, mehr können wir nicht tun. Zu unserem Auto gehen. Vielleicht holen sie uns nacheinander, vielleicht haben wir aber auch Richie schneller zurück als wir glauben.“

Im nächsten Moment wurde der Himmel komplett von tiefschwarzen Gewitterwolken überzogen, die sich über dem Schloss zu konzentrieren schienen. Micky strich sich besorgt über ihre Narbe, die sich wieder schmerzhaft zusammenzog.

Das ist kein normales Gewitter.“
Raiden“, grollte Isis und zog Micky zum sicheren Auto. Sie hatte wahrlich keine große Lust auf freiem Feld von einem göttlichen Blitz getroffen zu werden. Sie war letzte Woche erst beim Friseur gewesen.

 

Irland, Grafschaft Kildare, Wittmore Castle, Silvesternacht, eine Stunde später.
Was immer sich im Schloss zwischen Methos und Kyle abspielte, geriet völlig in Vergessenheit, als der Rettungstrupp und das Ablenkungskommando sicher die geparkten Autos erreichten. Noch immer tobte der Gewittersturm direkt über dem Schloss. Heftiger denn je. Es schien, als würde sich Kyles Zorn direkt über seinem Stammsitz entladen.

Die Erleichterung stand allen Beteiligten überdeutlich ins Gesicht geschrieben, als Joe, Maurice und Rachel in Begleitung von Richie das Schloss verlassen und ihren Treffpunkt außerhalb des Explosionsradius erreicht hatten. Kurz vor ihnen waren Duncan, Amanda und Connor zurückgekommen, auch sie waren erfolgreich gewesen und hatten alle Ausgänge mit Sprengstoff versehen. Jetzt konnten sie nur hoffen, dass Methos den Kampf gewinnen und rechtzeitig aus dem Schloss verschwinden würde.

 

Donner grollte in der Ferne, er schien näher zu kommen. Das Gewitter, das sich über dem Schloss zentriert entladen hatte, schickte nun – so schien es fast – gezielt vereinzelte Blitze auf das freie Feld. Fast so, als hätte es ein Bewusstsein und würde seine gierigen, heißen Krallen nach der Gruppe ausstrecken, die sich dort draußen aufhielt und auf den letzten ihrer Kampfgefährten und dessen sichere Rückkehr wartete.

Zusammen mit den Blitzen tauchte nun Raiden, der Donnergott, aus dem Schloss auf und rannte auf die geparkten Autos und die Gruppe Unsterblicher und Beobachter zu. Eben noch hatten alle nacheinander Richie freudig in die Arme geschlossen und sich gegenseitig auf die Schultern geklopft, was sie doch für Teufelskerle und -frauen waren, dass sie dem Kriegsgott seine Geisel unter der Nase weggeschnappt hatten. Doch dann schien das Blatt sich zu wenden.

Micky registrierte wie in Zeitlupe, dass Raiden eine Pistole zog. Sie dachte kurz, das musste die 9mm sein, mit der er vermutlich auch schon Richie in Paris erschossen hatte. Im Laufen zielte er auf die Gruppe und feuerte sein ganzes Magazin ab, bevor er in sein Auto sprang und in die stürmische Nacht davon brauste.

Ist jemand verletzt?“ schrie Micky über das Donnergrollen hinweg und blickte sich hektisch um. Dann sah sie, wie Joe und Maurice beinah zeitgleich in die Knie gingen, wie ihre von Kugeln zerfetzten Pullover von ihrem Blut getränkt wurden und die beiden Männer mit einem fragenden, glasigen Ausdruck in den Augen zusammenbrachen. Und einen Wimpernschlag des Schicksals später waren sie fort. Aus allen Mündern hörte man ein lautes, verzweifeltes „Nein!“ Duncan sprang instinktiv sofort zu Joe, während seine Cousine sich um Maurice kümmerte. Er untersuchte Joes Wunden und stellte bestürzt fest, dass er seinem Freund nicht mehr helfen konnte. Er stand auf und blickte in den dunklen Nachthimmel. Die Trauer, die sein Herz umklammerte, schnürte Duncan die Luft ab. Nie im Leben hätte er gedacht, dass es gerade Joe sein würde, der bei dieser irrwitzigen Rettungsmission sein Leben opfern musste, um Richie aus Kyles Fängen zu befreien.

Micky wurde von maßlosem Entsetzen gepackt, dann völlig unvermittelt erinnerte sie sich an Methos' Worte an Weihnachten. An ihr ganz persönliches Weihnachtsgeschenk. „Du kannst Leben schenken“, hatte er gesagt. „Aber nur, wenn jemand gerade gestorben ist. Und überlege dir gut, wen du zurückholst, es tut verdammt weh und kostet dich jedes Mal einen Teil deiner Lebenskraft.“ Aber wen sollte sie retten? Joe oder Maurice? Maurice oder Joe? Beide gute Beobachter und noch bessere Freunde. Doch wer war ihr persönlich wichtiger, lag ihr mehr am Herzen, wem sollte sie einen Teil ihrer eigenen Kraft geben und damit zurück ins Leben holen? Je länger sie wartete, um so geringer wurden die Chancen, auch nur einen von beiden zu retten. Aber eigentlich hatte Duncan eben schon die Entscheidung für sie gefällt.

Joe! Joe!“ schrie sie und ging neben ihm in die Knie. Ohne groß zu überlegen, legte Micky ihre zierlichen Hände auf seine blutüberströmte Brust und schloss die Augen. Ihre Hände fingen an blau zu leuchten. Duncan dachte einen Augenblick, es würde aussehen, als tauchte gleich Darius auf. Was zum Teufel machte seine Frau da?

Mit jedem Schlag ihres Herzens strömte ein Teil ihrer Lebenskraft aus ihren Händen und ging in Joe Dawson über. Methos hatte nicht übertrieben mit seiner Beschreibung. Es fühlte sich in der Tat so an, als würde kochende Lava durch ihre Adern fließen, die während der Übertragung genauso bläulich glühten wie ihre Hände. Sie selbst schien zu leuchten, umgeben von einer Aura, wie man sie sonst nur von den Geistberatern der Unsterblichen kannte.

Micky versuchte die Schmerzen zu ignorieren und gleichzeitig nach Lebenszeichen bei Joe Ausschau zu halten. Einen Momentlang kam ihr die Bestrafung nach dem Duell mit Paul Boyle in den Sinn, die Schmerzen waren denen hier nicht unähnlich. Und beide Male wollte sie uneigennützig einen guten, ehrbaren Mann retten, der ihr sehr am Herzen lag. Zum Glück hatte sie damals am Loch Shiel nicht vor der Entscheidung gestanden Duncan oder Methos zu retten und abzuwägen, wen sie mehr liebte und wen sie mehr brauchte. Isis verstand nicht, welche Art Liebe sie mit Methos und auch Connor verband, es war eine andere Art als die zu Duncan. Es war ähnlich wie das, was Duncan mit Amanda hatte. So sehr sie das auch manchmal störte, sie wusste, es war das gleiche wie zwischen ihr und ihren anderen beiden Männern. Nichts für den Alltag oder eine Rund-um-die-Uhr-Beziehung. Aber etwas Solides, etwas auf das man sich verlassen konnte, wenn man mitten in der Nacht Hilfe brauchte oder mal wieder die Welt retten musste.

Was bei allen Göttern macht deine Frau da mit Joe?“ fragte Amanda hin- und hergerissen zwischen der Trauer um ihre beiden Beobachter-Freunde und der Faszination, welche Magie sich hier direkt vor ihren Augen abspielte. Sie wusste ja, dass Methos, Isis und mittlerweile auch Micky in einer anderen Liga spielten als sie. Sie selbst hatte im Laufe ihres langen Lebens schon allerlei Magie zu Gesicht bekommen. Aber diese – nun ja, Wunderheilung, wenn man so wollte, war doch eine ganz andere Art von Magie. Gerade wollte sie Duncan fragen, ob daher die Bibelgeschichte über Lazarus und andere Erweckungen von Toten stammen konnten. Da entfuhr Micky ein Schmerzensschrei, der Duncan und den anderen durch Mark und Bein ging. Er packte sie an den Schultern und wollte sie von Joes Leiche fortziehen. Doch Micky stieß ihn mit den Ellenbogen grob und keinen Widerspruch duldend von sich fort. Amanda zog in behutsam zurück.

Lass sie machen, MacLeod. Ich glaube, deine Frau weiß, was sie tut.“
Amanda hat Recht, Duncan! Es ist noch zu früh! Er braucht noch mehr. Sonst schafft er es nicht!“ Dann konzentrierte sie sich wieder auf Joe und seine Heilung. „Komm zurück, Joe. Deine Zeit ist noch nicht gekommen. Wir brauchen dich. Dein Sohn braucht dich. Komm zurück! Ich lasse dich noch nicht gehen! Nicht heute, hörst du!“ Schweißperlen standen auf Mickys Stirn und heiße Tränen rannen aus ihren Augen und tropften auf ihre Hände, wo sie augenblicklich verdampften. Die anderen starrten ungläubig auf die Szene. Rachel hatte inzwischen aufgehört Maurice zu reanimieren. Richie wandte sich mit Tränen in den Augen von seinem Freund und Beobachter ab. Papa Maurice hatte die Bühne verlassen.

Dann hörte das Leuchten auf, genauso gespenstisch und mysteriös, wie es begonnen hatte. Micky seufzte erschöpft und ließ Joes Brust los. Stark schwankend und mit Duncans Hilfe kam sie auf die Füße. Zornig blickte sie in den Himmel.

Was bin ich denn bitte schön für eine lausige Göttin, wenn ich noch nicht mal einen von beiden retten kann?! Was bin ich dann überhaupt wert, wenn ich immer nur die in den Tod schicke, die mir am Herzen liegen!?“ Duncan berührte sie sanft an den Schultern und drehte sie um.
Ich würde sagen, eine verdammt gute Göttin, Micky. Schau doch hin!“ Micky sah nur, dass ihre beiden Freunde tot vor ihr auf dem nassen, kalten Schotterparkplatz lagen. Doch dann warf sie noch einmal einen genaueren Blick auf Joes Brust. Sie schien sich um ein paar Millimeter gehoben und wieder gesenkt zu haben. Sie schüttelte Duncan ab und ging erneut neben Joe auf die Knie. Mit zitternden Händen hob Micky den schwarzen Pullover. Die Einsschusslöcher waren noch da, aber nur im Pullover. Die Haut war unverletzt.

Und im nächsten Moment passierte das Unfassbare. Joe schlug die Augen auf, er atmete, er lebte. Duncan half ihm beim Aufsetzen und starrte seinen Freund fassungslos und mit Tränen in den Augen an.

Joe, bei den Göttern! Du bist wieder da!“ Er konnte es nicht fassen, untersuchte seinen Freund selbst noch einmal.
Was ist passiert? Als ich Raiden auf uns schießen sah, dachte ich, das war's jetzt...“
Das war's auch. Er hat dich erschossen, Joe. Du warst tot. Aber keine Angst, du bist kein Unsterblicher.“ Joe verstand kein Wort von dem, was Duncan ihm zu sagen versuchte. Micky lächelte ihn erleichtert an und überlegte, wie sie ihm so schonend wie möglich erklären konnte, welch schreckliche Wahl sie vor wenigen Minuten hatte treffen müssen.
Joe, ich habe dich zurückgeholt. Ich musste mich entscheiden. Du oder Maurice. Euch beide konnte ich nicht retten. Es tut mir leid. Ich habe eine egoistische Entscheidung getroffen. Du bist meinem Herzen näher und du hast eine Frau und ein kleines Kind.“ Joe verstand noch immer nicht. Da ging es ihm ähnlich wie den übrigen. In kurzen Worten versuchte Micky zusammenzufassen, was Methos ihr am Weihnachtsabend in Glenfinnan offenbart hatte. Als sie versuchte mit Duncans Hilfe aufzustehen, sackten ihr die Knie weg und sie fiel in eine gnädige Ohnmacht. Duncan überzeugte sich kurz, dass seine Frau noch atmete, Amanda und Isis kümmerten sich bereits um sie. Vermutlich hatte Joes Rettung sie buchstäblich ausgesaugt und ihr Körper brauchte einfach einen Moment, um mit diesem Erlebnis klarzukommen.

Duncan half Joe auf die Beine, reichte ihm seinen Stock. Da fiel Joes Blick auf die Leiche von Maurice. Erst jetzt schien er wirklich zu begreifen, was Micky ihm zu erklären versucht hatte.

Nein, nein, nicht Maurice.“ Duncan sah traurig auf die Leiche ihres Weggefährten und dann wieder zu Joe.
Micky musste sich entscheiden. Konnte euch nicht beide retten mit ihrer Gabe. Sie hat sich für dich entschieden. Mit dieser Entscheidung wird sie jetzt leben müssen.“ Joe stieß laut die Luft aus.
Nicht nur sie, MacLeod. Nicht nur sie... Richie, geht's dir gut?“
Was?“ fragte dieser verstört und wischte sich die letzten Tränen aus den Augen. Maurice war nicht nur sein Beobachter, sondern auch eine Art Ersatzvater gewesen. Es war schon hart, im gleichen Jahr die kleine Schwester und den Vater zu verlieren. Aber wahrscheinlich war das der Preis, wenn man sich mit lebenden Göttern anlegte.
Mann Joe, du bist gerade wie Lazarus von den Toten auferstanden und fragst mich, ob es mir gut geht? Scheiße, nein, ja, ach, ich weiß auch nicht. Ich bin unverletzt, bisschen hungrig, Das Essen war nicht so toll. Aber das ist doch alles nebensächlich. Ich meine, Maurice. Papa Maurice...“ Duncan ging zu seinem Freund und ehemaligen Schüler. Sie hatten damals den Verlust von Tessa miteinander geteilt, was sie kurzzeitig sogar von einander entfernt und in unterschiedliche Richtungen manövriert hatte. Doch heute würde Duncan das nicht wieder zulassen. Er umarmte Richie.
Ist okay, Richie. Wir wissen, was er dir bedeutet hat. Aber was wäre die Alternative gewesen? Dass er jetzt hier steht und Joe dort liegt? Oder dass Micky es bei beiden gleichzeitig versucht hätte und es hätte keinen von ihnen zurückgeholt?“
Oder mein Leben gekostet...“ flüsterte Micky erschöpft. Duncan drehte sich zu ihr um und war nach wenigen Schritten bei ihr, zog sie ein weiteres Mal auf die Füße. „Schau nicht so, Duncan. Ich hätte vielleicht beide retten können, aber dann wäre ich gestorben. Ich habe Joe soviel Lebenskraft gegeben, wie ich konnte. Methos hat mich gewarnt, was passiert, wenn ich zuviel hergebe. Es ist eine Art Versicherung, falls der Gott des Todes außer Kontrolle geraten sollte. Ja, Methos hatte schon immer einen ganz speziellen Sinn für Humor. Ich bin heute an meine Grenzen gestoßen. Menschlich, unsterblich, göttlich. Was ihr wollt. Ich habe Joe alles gegeben, was mir möglich war. Jetzt bin ich schwach, vielleicht sogar verletzbar. Und die Energie kann ich nur durch ein Duell erneuern. Aber das war es mir wert...“ Ein Lächeln huschte über ihr verschwitztes Gesicht. Joe trat auf Micky zu und umarmte sie voller Dankbarkeit.
Micky, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Es tut mir leid, dass du diese Entscheidung treffen und was du dafür opfern musstest. Ich bin dir unendlich dankbar, auch weil ich jetzt David und Emily wiedersehen kann. Aber nächstes Mal, tu es nicht... Nein, ich meine es Enst. Ich bin ein alter Mann, ich habe mein Leben gelebt. Irgendwann ist es Zeit für uns Sterbliche goodbye zu sagen. Vielleicht war es heute noch nicht so weit. Aber irgendwann kommt der Tag, Comtesse. Und dann lass mich einfach gehen. Wer weiß, welche Kämpfe noch auf dich zukommen und du musst jetzt wieder praktisch bei null anfangen. Raiden ist immer noch da draußen. Und ganz ehrlich, wer sagt uns denn, dass Kyle in seinem Wahnsinn nicht noch weitere Götter erschaffen hat. Götter, die um ihre Existenz wissen. Die Schwerter haben, die dich töten können. Dich und Isis und...“
Methos...“ flüsterte sie und drückte liebevoll Joes Arm. Ihr Blick ging rüber zum Schloss, wo noch immer das Gewitter tobte. Zunächst hatte es sich beruhigt, als Raiden sich von der Bühne verabschiedet hatte. Doch nun wurde es wieder stärker.

Es tat einen gewaltigen Schlag, alle zuckten kurz zusammen und gingen reflexartig in die Hocke. Der Himmel nahm eine Mischung aus lila und zimtfarben an, die Blitze schienen nun aus dem Burghof zu kommen und nach oben zu strahlen. Fast als wäre ein Duell beendet worden. Immer mehr Blitze züngelten nach oben, trafen vereinzelt die Burgzinnen und sprengten sie in Tausend Stücke.

Kommt, wir müssen nachsehen, vielleicht hat er..., vielleicht hat Methos gewonnen!“ Micky rannte los, doch Duncan packte ihren Arm und hielt sie zurück.
Nein, bleib hier. Sieh doch!“ schrie er über das Tosen und die Explosionen hinweg.

Micky traute ihren Augen nicht, konnte nicht glauben, was sie da sah. Die Burg flog in die Luft. Die Zünder des Sprengstoffes schienen von der sich entladenden Elektrizität aktiviert worden zu sein. In Kombination mit der Energieübertragung legten sie Wittmore Castle in Schutt und Asche. Begruben alles und jeden unter sich. Kyle, Rheia da Silva, Brigid, sofern sie noch leben sollten und auch...

Methos!“ riefen Micky und Isis gleichzeitig, während sie auf die Burgruine zu rannten.

 

Fortsetzung folgt...

 

 

   


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