Kleine Anmerkung: Flashbacks von den Unsterblichen sind kursiv hervorgehoben!

 

 

 

 

 

Die französischen Chroniken -

Die Zukunft der Unsterblichen

Band 2

 

von Claudia Filip

 

 

Mein Name ist Michelle Dubois, ich wurde als eine französische Comtesse vor über 500 Jahren in der Nähe von Paris geboren. Seither durchstreife ich unentdeckt von den Sterblichen die Jahrhunderte. Mein Meister Nostradamus prophezeite mir, dass mein Schicksal sich in den Armen eines Highlanders erfüllen wird und dass dafür ein geliebter Mensch sterben muss. 1789 opferte sich mein geliebter Henry, damit der Unsterbliche Connor MacLeod vom Clan der MacLeod und ich vor der französischen Revolution fliehen konnten. Doch Connor war nicht der mir prophezeite Highlander. Ihn traf ich auf der Beerdigung meines geliebten Freundes Darius: Duncan MacLeod vom Clan der MacLeod, Connors Cousin. Wir heirateten und gingen nach Frankreich. Dort erfuhren wir von Methos, dass die „Zusammenkunft“ ein Mythos ist. Daher haben Methos, Richie Ryan, Connor MacLeod, Duncan MacLeod und ich uns von den Kämpfen um die„Zusammenkunft“ zurückgezogen. Doch auch für uns gibt es Duelle, die wir nicht ablehnen können.
Dies sind unsere Abenteuer.“

 

 

1. Die Höhle des Hexenmeisters

 

Frankreich, Chateau Dubois in der Nähe von Paris.
Micky, Duncan, seid ihr schon wach?“ Connor hämmerte mit seiner Faust gegen die Schlafzimmertür seines Cousins und dessen Frau, der hübschen, unsterblichen Comtesse Dubios. Den Sterblichen war sie besser bekannt als Micky MacLeod.
Jetzt sind wir es, Connor!“ knurrte Duncan, er vergrub sein Gesicht in den langen, braunen Locken seiner Frau und schnupperte an dem angenehm duftenden Kräuter-Shampoo, das sie verwendete.
Darf ich reinkommen? Sind alle wichtigen Körperteile bedeckt?“ Micky lachte und schob die blaue Seidendecke bis unter ihr aristokratisches Kinn hoch.
Ja, du kannst kommen, Connor“, bat sie den Highlander herein.
Ich hoffe, du hast einen wichtigen Grund in unser Allerheiligstes einzudringen, Cousin?“ Connor lachte. „Himmel, Duncan! Du tust gerade so, als wärt ihr erst seit gestern verheiratet. Ihr könnt euch schließlich bis in alle Ewigkeit wie die jungen Hunde bespringen...“ „Warum suchst du dir selbst nicht mal wieder was zum Bespringen? Dann verstehst du, warum wir so gerne ungestört sind!“ bemerkte Duncan spöttisch grinsend. „Also, erzähl, Connor. Was gibt es so Aufregendes, dass es nicht bis zum Frühstück warten kann?“
Das!“ Er warf Micky die französische Tageszeitung „Le Monde“ zu und blickte sie erwartungsvoll an. Micky verstand seine Aufregung nicht so wirklich, bis ihr Blick auf den Artikel am unteren Rand der Seite flog. Ihr Mund öffnete sich und verharrte in der Position, während ihre Augen sich schnell über die Textzeilen bewegten.
Was steht denn da?“ fragte Duncan und wollte einen Blick drauf werfen, doch seine Frau schob ihn unsanft zur Seite.
Heißt das...?“ Connor nickte.
Willst du...?“ Wieder nickte er.
Könntet ihr so sprechen, dass ich es auch verstehe? Der Hund ist auch schon ganz irritiert!“ Duncan zeigte auf Angus, der sich auf die Hinterpfoten gestellt hatte und jaulte.
Ach, der muss nur in den Park... Yvette!“ rief die Hausherrin aus voller Brust nach ihrem Dienstmädchen.

Die junge Französin blickte leicht entsetzt, als sie wenige Minuten später das herrschaftliche Schlafzimmer betrat und beide MacLeod-Männer vorfand. Hier gingen schon merkwürdige Dinge vor sich, seit die Herrin diesen Monsieur MacLeod geheiratet hatte und dessen ebenso merkwürdiger Cousin in das Chateau mit eingezogen war. Doch ihr als Dienstmädchen stand es nicht zu, die Entscheidungen ihrer Comtesse in Frage zu stellen.

Oui, Madame La Comtesse?“
Der Hund braucht frische Luft.“ Yvette nickte eifrig und gab Angus ein Zeichen damit er ihr folgte. „Dabei war ich froh, dass ich das Abenteuer in China so gut überstanden habe“, seufzte Michelle gekünstelt. Die Geschichte mit der Triade war in ihren Augen ein großer Spaß gewesen.

Duncan sah das natürlich ganz anders, was er sogleich empört kundtat: „Ach so, du hast das Abenteuer gut überstanden? Erinnerst du dich, dass auch ich zufällig wegen deiner Aktivitäten von 1955 erschossen und in den Fluss geworfen worden bin?!“ Doch Duncan wurde auch weiterhin von Micky und Connor ignoriert.

Ja, das verstehe ich, Micky. Aber das ist Japan. Nicht China. Das sind wir ihm schuldig. Außerdem, möchtest du nicht noch mal in Ruhe den Palast deines Kaisers besuchen im Anschluss? Wo wir dann sowieso in der Nähe sind? Vom Berg Niri nach Peking ist es doch wirklich nicht weit“, gab Connor zu bedenken.
In der Tat. Aber da Duncan so Asien geschädigt ist, sollten wir alleine fliegen.“
Könntet ihr jetzt endlich aufhören so zu reden, als wäre ich gar nicht anwesend!? Wo wollt ihr hin, wieso wollt ihr da hin und weshalb wollt ihr mich nicht mitnehmen?“ Er sprang aus dem Bett und bemerkte im nächsten Moment, dass er nichts anhatte. Rasch griff er nach seinem schwarzen Kimono, streifte ihn sich über und band die Schlaufen wutschnaubend zu. „Hier lies selbst“, seine Frau hielt ihm die Zeitung unter die Nase und zeigte auf die Stelle, die Connor und sie so in Aufregung versetzte.
Oh, ich verstehe. Ihr wollt zur Höhle eures alten Hexenmeisters Nakano. Geht das denn so einfach? Mitten in den archäologischen Ausgrabungen?“ Micky zuckte die Achseln.
Wir sind doch Kunsthändler. Warum nicht? Was meinst du, Connor?“
Kein Problem, ich kenne die Ausgrabungsleiterin Dr. Miranda Pierce.“
Oh, dann wirst du vielleicht endlich die Ungestörtheit meines ehelichen Schlafzimmers respektieren, oder Cousin?“ fragte Duncan, schnappte sich seine Kleidung und schlüpfte ins angrenzende Badezimmer. Connor grinste, er hatte Miranda seit vier oder fünf Jahren nicht mehr gesehen. Aber wer konnte schon sagen, was sich da für neue Möglichkeiten eröffneten?

 

Ein Flugzeug im asiatischen Luftraum, am nächsten Tag.
Weiß sie es?“ fragte Micky und schwenkte ihren Whisky im Glas herum. Connor reagierte nicht, sie gab ihm einen Stoß. Connor grunzte, sein Kissen verrutschte.
Was ist denn?”
Ob sie weiß, wer du bist?”
Wer?” Micky stöhnte gekünstelt.
Na, Miranda Pierce, die Ausgrabungsleiterin! Weiß sie von uns? Von den Unsterblichen?” flüsterte Micky nun und warf einen Blick durch die erste Klasse. Es mussten ja nicht gleich alle Passagiere wissen, dass die beiden MacLeods einen Flugzeugabsturz auf jeden Fall überleben würden.
Ließ sich leider nicht vermeiden”, erklärte Connor leichthin. Micky warf ihm einen fragenden Blick zu. “Na ja, wie hätte ich ihr erklären sollen, dass ich eine tödliche Kugel, die ein paar Kunstdiebe auf mich abgefeuert haben, überlebte?!” Er zuckte die Achseln.
Ach, du auch?! Warum bekomme ich dann eigentlich immer als Einzige Vorwürfe von Duncan zu hören?”
Connor grinste, riss eine Tüte Erdnüsse auf, schüttete sie sich in den Hals und erklärte kauend: “Weil du mit ihm verheiratet bist, verehrte Comtesse! Ich bin nur sein Cousin. Und dass ich mich gerne in Schwierigkeiten bringe, weiß er... Und jetzt lass mich schlafen. Ich stimme mich geistig auf die Höhle ein, Micky.”

Sie schloss nun ebenfalls die Augen und sah den Berg Niri wieder so deutlich vor sich, wie damals im Sommer 1525.

 

Japan, Berg Niri, Sommer 1525.
Es war früh am Morgen, der Tag dämmerte bereits herauf. Michelle fröstelte, das Feuer war ausgegangen. Wieso hatte Darius kein Holz nachgelegt? Sie öffnete die Augen und sah sich um. Ein tiefes Messer schnitt in ihr Herz, als sie erkannte, was passiert war. Darius war weg. Die Hufspuren des Pferdes zeigten in die entgegengesetzte Richtung, führten vom Berg fort. Michelle ahnte, welche Beweggründe Darius dazu veranlasst hatten. Auf der fünf Monate andauernden Reise von Frankreich nach Japan hatten sich immer deutlichere Zeichen gezeigt, Darius hatte sich in sie verliebt. Doch Darius war ein Diener Gottes. Und für Michelle war klar, dass er wegen einer Verliebtheit, so tief er sie im Moment auch empfinden mochte, nicht sein Mönchsdasein aufgeben durfte. Sie hatte ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass sie nie mit ihm seinen Glauben verraten würde. Und so hatte Darius sie anscheinend in der letzten Nacht verlassen, kurz vor dem Berg Niri und der Höhle des Hexenmeisters Nakano. Sie seufzte und stand auf. Ihre Kleidung war schmutzig, in der Nähe entdeckte sie einen Fluss. Zumindest konnte sie sich noch ein wenig waschen, bevor sie bei Meister Nakano vorstellig wurde. Hier in der einsamen Berglandschaft Japans konnte sie endlich ungestraft männliche Beinkleider tragen. Sie waren zum Reiten und Passieren von unwegsamem Gelände wesentlich praktischer als die hübschen Reisekleider, die sie in ihrem Gepäck verstaut hatte. Michelle streichelte ihr Pferd, das sie in der Nähe der Bucht von Wakasa nach ihrem Landgang erworben hatte und ging zum Fluss, um sich ein wenig zu säubern. Wenigstens die Überfahrt vom chinesischen Festland zur japanischen Insel Hoshū hatte Darius relativ unbeschadet überstanden. Der bedauernswerte Mönch litt unter extremer Seekrankheit, daher war eine Schiffsreise von Marseille nach Japan von vorneherein ausgeschlossen gewesen. Er wäre zwar nicht während der Monate andauernden Seereise an der Krankheit gestorben, doch es wären Höllenqualen für den Unsterblichen gewesen. Ihm zu Liebe hatte Michelle sich dann für den beschwerlicheren Landweg entschieden, aber nur unter der Bedingung, dass sie in unbewohnten Regionen ihre Beinkleider tragen und die unpraktischen Reisekleider in ihre Satteltaschen verbannen konnte. Darius hatte lachend zugestimmt. Er verstand nicht, warum die übrige Gesellschaft Frauen so dermaßen unterdrücken und in unbequeme und vor allem unpraktische Kleider zwängen musste.

"Ach, Darius. Warum bist du gegangen?” fragte sie traurig ihr Spiegelbild im friedlich dahin plätschernden Fluss. Es half alles nichts, er war fort, und sie musste ihre Lehre bei Nakano beginnen, wenn sie ihren Kopf behalten wollte. Daran, dass sie die "Zusammenkunft", jenen mysteriösen letzten Kampf gewinnen könnte, glaubte Michelle nicht wirklich. Doch sie würde gewiss nicht in ihrem Chateau sitzen und warten, bis ihr ein anderer Unsterblicher den Kopf abschlug. Fest entschlossen ihr Möglichstes für ein langes Leben zu tun, ging sie zu ihrem Pferd zurück und holte aus ihren Satteltaschen ein sauberes Hemd und dazu passende Beinkleider. Sie bürstete ihre langen, braunen Haare und flocht sie dann zu einem französischen Zopf. Dann warf sie sich ihren Reisemantel über, der ihr in der vergangenen, recht kalten Nacht als Decke gedient hatte, überprüfte, ob das Feuer wirklich aus war und schwang sich auf das Pferd.

Nach kurzer Zeit hatte sie den Berg Niri erreicht, der Eingang lag gut fünfzig Meter über ihr.

Es führte ein Pfad hinauf, dann musste sie das Pferd wenigstens nicht hier unten stehen lassen. Irgendwann hatte sie ja vor nach Frankreich zurückzukehren und dazu brauchte sie ein Pferd, das sie zu einem japanischen Hafen bringen würde.

Sie betrat die Höhle, es war dunkel, doch weit hinten flackerte ein warmes, helles Feuer. “Hallo?” Jemand antwortete ihr in einer unverständlichen Sprache – vermutlich Japanisch, sie erinnerte sich an ein paar einfache Worte, die Darius sie auf der langen Reise gelehrt hatte.“
Moshi moshi“, rief sie freundlich und grüßte den Bewohner der Höhle. Und dann tauchte aus einem Schatten ein alter Japaner auf. Der Hexenmeister Nakano.

Ich verstehe deine Sprache, Unsterbliche! Vor dir waren schon andere Franzosen da, um von Meister Nakano zu lernen.” Sie blickte ihm verblüfft entgegen und trat entschlossen näher.
Ich bin die Comtesse Michelle Dubois aus Frankreich. Der Mönch Darius erbittet seine Grüße und schickt mich bei Euch in die Lehre.” Er nickte.
Hai, ich weiß. Darius war letzte Nacht hier. Dort drüben kannst du dein Pferd anbinden und deine Sachen ablegen. Und dann essen wir. Es gibt Ramen.” Nakano sah ihren fragenden Blick. “Nudelsuppe, sehr lecker, sehr lecker.” Er grinste und ging weiter in die Höhle hinein. Michelle wollte eigentlich einwenden, dass sie gekommen war, um den Schwertkampf zu erlernen und nicht um Nudelsuppe zu essen, was immer das sein mochte. Doch sie wollte nicht unhöflich sein, einem Meister musste man Respekt entgegen bringen. Und wenn dieser Meister nun Nudelsuppe essen wollte, würde sie sich ihm anschließen.

 

Im Flugzeug im asiatischen Luftraum, die Gegenwart.
Mrs. MacLeod, möchten Sie etwas essen?” fragte die freundliche Stewardess. Service wurde in der First Class eben groß geschrieben.
Nudelsuppe”, platzte es aus Micky heraus, bevor sie es verhindern konnte. “Nein, war ein Scherz. Ich nehme den Lachs und ein Glas Weißwein. Und für Mr. MacLeod bitte das Gleiche.”
Möchte Ihr Mann vielleicht noch einen Aperitif?”
Er ist nicht mein Mann, sondern mein angeheirateter Cousin... Nein, ich glaube, der Wein reicht. Wir haben noch nicht viel gegessen.” Die Stewardess nickte freundlich und ging in Richtung der Küche.
Nudelsuppe?!” fragte Connor mit geschlossenen Augen, worauf Micky lachte. Er drehte den Kopf und sah sie an. “Lass mich raten, du hast an deine erste Begegnung mit Nakano gedacht?!” Er zog eine Augenbraue hoch und grinste.
Gab es bei dir auch noch seine berühmte Nudelsuppe? Aber ich hoffe, die Nudeln waren nicht 90 Jahre alt, oder?”
Nein, Meister Nakano hat sie immer frisch zubereitet... Witzig, ich habe gerade von meiner ersten Begegnung mit ihm geträumt... Denkst du, da werden noch andere ehemalige Schüler auftauchen?”
Du meinst so eine Art Unsterblichen-Klassentreffen?! Linker Hand bitte die Abschlussklassen 16. bis 18. Jahrhundert, die übrigen bitte auf die rechte Seite.” Connor und Micky lachten über ihren Witz. Doch wer wusste schon, wie viele ehemalige Schüler noch lebten und den Zeitungsartikel ebenfalls richtig gedeutet hatten?

 

Japan, Nagoya Flughafen.
Das Flugzeug war nachmittags auf dem Flughafen von Nagoya gelandet. Ihr Flug hatte sie von Paris über die japanische Insel Hokkaidō geführt. Dort hatten sie ein Flugzeug der Japan Airlines bestiegen, die nur wenige Ziele in Japan anflog. Nagoya war eine Hafenstadt und Hauptstadt der Präfektur Aichi auf Honshū. In Nagoya lebten schätzungsweise 2,2 Millionen Menschen. Und alle standen vor dem kleinen Flughafen. So kam es Micky zumindest vor, als sie die Flughafenhalle verließen und sich auf die Suche nach einer Autovermietung machten. Endlich hatten sie einen recht vertrauenswürdigen Autoverleiher gefunden. Nach zähen Verhandlungen über einen angemessenen Preis mussten die beiden MacLeods den Geländewagen mit ihrem Gepäck und einigen Vorräten beladen und durch die Präfektur Gifu bis zum Berg Niri fahren.

 

Japan, Berg Niri am selben Tag.
Sie erreichten das Lager der Archäologen gegen Abend. Connor hielt den Jeep an, zog die Handbremse und sprang raus. Zwei japanische Sicherheitsleute kamen auf ihn und Micky zu und machten mit einem diskreten Wink auf ihre Pistolen deutlich, dass sie keine Besucher wünschten. Micky übersetzte für Connor und machte den beiden energischen Herren klar, dass sie eine Verabredung mit Dr. Miranda Pierce hatten. Das schien die Wachleute ein wenig milder zu stimmen, sie legten ihre Jacken wieder über die automatischen Waffen und geleiteten die Fremden zum Zelt von Dr. Pierce.

Miranda?” Connor warf einen Blick ins Zelt, sie war nicht da. “Frag die beiden Wichtigtuer, ob die Frau Doktor in der Höhle ist.” Micky dolmetschte Connors Anliegen, woraufhin die beiden Japaner freundlich nickten und sich verneigten. Sie zeigten in Richtung der Höhle.

Micky wechselte noch ein paar Worte mit ihnen, dann wandte sie sich an Connor: “Komm schon, es ist in Ordnung, Connor. Wir sollen hochgehen. Sie sagen, Dr. Pierce hätte ein Skelett gefunden und wäre ganz aufgeregt.” Etwas blitzte in seinen Augen.

Meinst du...? Du denkst doch nicht?”
Wir wissen doch nicht, was aus Nakano geworden ist. Er ist nie mehr aufgetaucht. Vielleicht hat sich jemand seinen Kopf geholt nachdem du weggegangen bist, mon ami? Du und ich sind im Moment wohl so ziemlich die einzigen Menschen, die ihn identifizieren können.”
Aber wie willst du das erklären?” Micky zuckte die Achseln.
Keine Ahnung. Dr. Pierce weiß doch über uns Bescheid. Ihr können wir sagen, ob es Nakano ist oder nicht. Also komm endlich.” Sie packte Connors kräftigen Schwertarm und zog ihn mit sich. Unter den Mänteln der beiden ruhten ihre Toledo Salamancas, die sie im 16. und 17. Jahrhundert unter der Anleitung von Meister Nakano angefertigt hatten.

 

Ehrerbietig und mit klopfendem Herzen betraten die MacLeods die Höhle des Hexenmeisters. Fast erwarteten sie den Schein eines Feuers und den Duft von Ramen, Nakanos über alles geliebter Nudelsuppe, in der Luft. Sie ertappten sich dabei, wie sie danach schnüffelten, blickten sich an und lachten los. Durch das Gelächter wurde Miranda Pierce auf die beiden Besucher aufmerksam. Sie stand auf, klopfte sich Staub von ihrer Hose und trat näher.

Connor!” rief sie freudestrahlend und umarmte den deutlich größeren Schotten. “Und wer ist deine Begleiterin? Deine Frau?” Sie reichte Micky die Hand, die sogleich geschüttelt wurde.
Nein, ich heiße zwar auch MacLeod, Micky MacLeod, aber ich bin die Frau seines Cousins Duncan... Und bevor Sie fragen, Dr. Pierce, ich gehöre dazu. Ich bin im Mai 506 Jahre alt geworden”, flüsterte sie in Miranda Pierces Richtung.
Oh, das sieht man Ihnen aber nicht an. Ich hätte sie nicht älter als 350 getippt!” Micky blickte verblüfft und lachte dann über den gelungenen Witz. “Keine Sorge, wir können reden. Der einzig andere anwesende Archäologe im Moment ist mein Assistent Roger und der kennt Connor. Hat sich damals ganz schön erschreckt, als der gute Connor von den Toten auferstanden ist. Ich auch, so ganz nebenbei. Aber tretet doch näher. Wir haben ein Skelett gefunden... Es könnte Nakano sein.”
Fehlt der Kopf?” fragte Micky und ging neben der Archäologin, die nickte.
Den haben wir ein paar Meter entfernt gefunden.”
Dann ist es mit Sicherheit Nakano. Siehst du, Connor? Wie ich vermutet habe, er hat seine letzte Begegnung verloren.”
Begegnung?”
So heißen die Kämpfe zwischen Unsterblichen, Dr. Pierce.”
Bitte sagen Sie Miranda. Ich bin sicher, Sie und Connor werden mir eine große Hilfe sein, wenn wir das Leben von Meister Nakano rekonstruieren wollen.”
Die Kleidung war fast vollständig verwittert, doch da hing etwas um den Halsstumpf, das Micky und auch Connor erkannten. Es war Nakanos Talisman, der ihn vor bösen Geistern schützen sollte. Micky ergriff Connors Hand, gemeinsam knieten sie sich nieder und sprachen ein kurzes Gebet für den Meister. Miranda Pierce stand die ganze Zeit über stillschweigend da und beobachtete die Szene.

Es ist Nakano. Das Amulett kennen wir. Können Sie sagen, wann er gestorben ist?”
Noch nicht, Mrs. MacLeod...”
Micky bitte.”
Gut, Micky. Wir werden einen Radiokarbontest vornehmen, damit können wir wahrscheinlich auf das Jahr genau seinen Tod bestimmen. Wann hast du ihn verlassen, Connor?” Der Schotte war in Gedanken durch die Höhle geschritten und hatte sich an seine Lehre erinnert.
Was? 1615... Micky, hat er dir auch die Illusionsfähigkeit beigebracht?”
Nein, er meinte, das wäre nichts für mich. Ich lernte von ihm drei Dinge: den Schwertkampf, Japanisch und... Nudelsuppe kochen.” Connor lachte.

Ja, die war richtig lecker. Das Rezept hat er mir nie verraten”, seufzte er schwermütig, den Erinnerungen nachhängend
Aber mir.” Connor blickte verblüfft auf.
Dir?! Und das hast du mir in den letzten dreihundert Jahren verschwiegen?! Du Biest! Also, wenn du nicht Duncans Frau wärst...” Er griff an sein Schwert, Miranda bekam große Augen.
Leute, geht es euch gut? Ein Rezept für Nudelsuppe ist doch kein Grund für ein Duell.” Connor hob drohend einen Finger.
Nicht irgendeine Nudelsuppe. Nakanos Nudelsuppe. Das ist ein himmelweiter Unterschied.”
Genau!” Micky nickte energisch mit dem Kopf. “Wie zwischen einem Volkswagen und einem Ferrari. Was würden Sie lieber fahren, Miranda?... Connor, ich geb' dir das Rezept so wie wir wieder zu Hause sind”, er schüttelte den Kopf.
Jetzt sofort. Am Ende verlierst du deinen Kopf und das Rezept geht flöten. Du bringst dich doch in Asien so gerne in Schwierigkeiten.” Micky stöhnte.
Miranda, hätten sie freundlicherweise einen Stift und einen Block? Er wird keine Ruhe geben, so war er schon immer. So penetrant.”
Wenn ich weniger penetrant gewesen wäre 1789, hättest du dich gleich nach Henry köpfen lassen, werte Comtesse!”
Das war nicht nett! Ich schreib' alles auf und dann nerv' mich nicht weiter. Ich wollte hier eigentlich Abschied von meinem Meister nehmen und nicht von einem ungehobelten Schotten beleidigt werden!”
Oh, schon wieder so eine schlimme Beleidigung: ungehobelt. Herrgott, Micky! Wann lernst du endlich mal so richtig fluchen?!” Er grinste sie an, die Arme vor der Brust verschränkt. Und im nächsten Moment brach der Zorn der Götter über den Highlander hernieder. Micky fluchte in den schillerndsten Farben in ihrer Muttersprache und auf Italienisch. Auch ein paar schottische Verwünschungen hörte er heraus.
Connor staunte nicht schlecht und hob kapitulierend die Arme. “Okay, ich gebe zu, du kannst fluchen und mich beleidigen. Bekomme ich trotzdem noch das Rezept?” Sie riss ungehalten an dem Notizblock und hielt Connor das Rezept von Nakanos Nudelsuppe hin, die er seit 1615 nicht mehr gegessen hatte. “Kannst du sie nachher für uns kochen?” Micky schnaubte.

Und dafür lässt du mich jetzt endlich in Ruhe, ja?” Er umarmte sie und drückte ihr überschwänglich einen Kuss auf den Mund. Miranda Pierce hatte die ganze Zeit über diskret in ihren Artefakten gewühlt und ihre Unterlagen mit den Ausgrabungsstücken abgeglichen.
Jetzt drehte sie sich um und erklärte: “Dann lasst uns in mein Zelt gehen, ich bin gespannt auf diese Nudelsuppe, die solche Dispute auslösen kann.” Connor und Micky blickten verdutzt, dann lachten sie und gingen mit Miranda zum Ausgang der Höhle.

 

Während der nächsten Tage halfen Micky und Connor Miranda und ihrem Assistenten Roger bei der Bestimmung der Artefakte. Es war erstaunlich, wie einfach sie alles zuordnen konnten. Obwohl doch schon einige Jahrhunderte ins Land gezogen waren, konnten die MacLeods sich noch an ihre jeweilige Lehre erinnern, als wäre es gestern oder letzte Woche gewesen. Die Ausgrabung machte bemerkenswerte Fortschritte, natürlich durfte nicht durchsickern oder erkennbar werden, dass die Leiterin Hilfe von zwei Zeitzeugen hatte. Irgendwann im Laufe der zweiten Woche rief Duncan aus Paris an und wollte fragen, wann er mit der Heimkehr seiner Frau rechnen dürfte. Sie erklärte ihm, dass es prima lief und dass sie nach Abschluss ihrer Arbeit mit Connor noch nach Peking fliegen würde, um den Kaiserpalast ihres ehemaligen Arbeitgebers zu besuchen und besonders die “Halle des Himmelsgewölbes”, die Kaiser Jianjing 1530 dort hatte erbauen lassen. Da sie im Frühjahr desselben Jahres schon Nostradamus in Marseille in die Arme gelaufen war, hatte sie die Fertigstellung des Monuments nicht mehr beobachten können.

An dem Tag, da Nakanos Gebeine aus der Höhle und in das für ihn bestimmte Museum gebracht werden sollten, erlebten die MacLeods und Dr. Pierce eine Überraschung der besonderen Art. Aus heiterem Himmel tauchte eine große Wagenkolone am Horizont auf. Aus den Autos sprangen im nächsten Augenblick jede Menge Unsterbliche. Es waren über 100, sie alle hatten in den Zeitungen der Welt vom Fund erfahren und wollten Meister Nakano die letzte Ehre erweisen. Dr. Pierce wartete bis zur Abenddämmerung mit dem Abtransport. Dann marschierte der Zug aus Unsterblichen angeführt von Micky und Connor mit Fackeln in der Hand zur Höhle hinauf und dann mit den Gebeinen wieder die Felsenstufen herab. Miranda Pierce standen die Härchen auf ihren Armen ehrfürchtig ab, als sie sah, wie diese Kämpfer auch Jahrhunderte nach seinem Tod Meister Nakano noch eine solche Ehre entgegen brachten. Sie war sich sicher, dieses Ereignis würde sie Zeit ihres Lebens nicht vergessen.

 

 

2. Kaiserliche Schwierigkeiten
 

China, Peking, die Verbotene Stadt, einige Tage später.
Einst war sie das Zentrum der Ming-Dynastie. Hier residierte Kaiser Jianjing von 1522 bis zu seinem Tode 1567, hier wurde er Vater von acht Söhnen und fünf Töchtern und hielt sich zahlreiche Konkubinen. Und eine von ihnen war die französische Comtesse Michelle Dubois, die von 1526 bis 1530 sein Leben schützte und sein kaiserliches Lager teilte. Dieses Faktum erfuhr natürlich keiner der normal – im wahrsten Sinne des Wortes -sterblichen Touristen, die in Scharen durch die Verbotene Stadt geschleust wurden.

Micky bekam feuchte Augen, als sie die alte Pracht wieder vor Augen hatte, die mit dem Palast-Bau durch den dritten Ming-Kaiser Yongle 1406 ihren glanzvollen Anfang genommen hatte. Er hatte zeitweise eine Millionen Arbeiter und mehr als 100.000 Kunsthandwerker beschäftigt. Jeder seiner Nachfolger verlieh dem Palast noch durch Umbau und Ergänzung seine persönliche Note. Doch in schillernder Erinnerung blieb der ehemaligen Konkubine einzig der 19-jährige Kaiser Jianjing. Sie hatte im Kunninggong – dem Palast der Irdischen Ruhe gelebt. Für gewöhnlich standen den Konkubinen noch ein separater kleiner Palast, ein Pavillon und ein kleiner Innenhof zu. Da Micky aber nicht nur für die Befriedigung des Kaisers, sondern auch zu seinem Schutz da war, wohnte sie immer in seiner nächsten Nähe.

Wie war er?“ fragte Connor mit einem Mal.
Micky schaute sich um, ob sie ungestört waren, dann setzte sie sich auf die große steinerne Treppe vor den Tempeln und sagte: „Er war unheimlich faszinierend, ein 19-jähriger Junge, der das Reich der Mitte regierte. Es war... Stell dir vor, hier war alles voll von Hofleuten, die aufgeregt Chinesisch sprachen, diskutierten, stritten. Und dann kam er – Jianjing. Und sofort verstummten alle, wirklich alle. Sie verneigten sich und warteten auf ein Wort ihres Herrschers.“

Und du warst immer an seiner Seite?“ Er grinste, weil er die Szene deutlich vor sich sah.
Ich ging natürlich hinter ihm, gekleidet in die edelsten Seidengewänder, die Hand an meinem Toledo Salamanca. Und mit feuerroten Haaren, was allen sagte: Achtung, sie bewacht nicht nur seinen Leib, sondern gibt ihren dem Kaiser hin. Und niemand darf sie anfassen.“
Warum hast du sie nicht schon auf der Überfahrt von China nach Marseille umgefärbt?“ Sie zuckte die Achseln.
Gewohnheit, schätze ich. Und Bequemlichkeit, die mich fast auf den Scheiterhaufen gebracht hätte.“
Wie bist du hier gelandet?“ fragte Connor und Micky grinste geheimnisvoll.

 

China, Bejing, der kaiserliche Palast 1526.
Endlich hatte sie ihr Ziel erreicht, der Palast des Kaisers Jianjing. Sie erklärte den Wachen in Chinesisch, das sie während der Reise zum Kaiserhof bereits ein wenig erlernt hatte, dass sie eine Audienz beim Kaiser wünsche. Diese lächelten nur süffisant und blickten auf die merkwürdige Fremdländerin herab. Bis Michelle ein Schreiben von Meister Nakano zückte, sie erkannten sein Zeichen und verneigten sich devot. Der Ruf des Hexenmeisters war also tatsächlich bis in das Reich der Mitte vorgedrungen. Er hatte Michelle empfohlen auf ihrem Heimweg nach Frankreich einen Zwischenstop in China einzulegen und sich auch am Hof des Kaisers ausbilden zu lassen. Da Michelle über ihr Dahinscheiden in Frankreich noch ein wenig Gras wachsen lassen wollte, hielt sie den Vorschlag ihres Meisters für eine hervorragende Idee. Und hier war sie nun vor dem „Fünf-Phönix-Tor“ oder „Mittagstor“ (Wumen), wie der Haupteingang genannt wurde. Es öffnete sich knarrend und ein Wächter aus dem Inneren der Palastanlage nahm sie in Empfang, er verneigte sich höflich und bat Michelle ihm zu folgen. Zumindest vermutete sie das. So gut waren ihre Sprachkenntnisse noch nicht, doch glücklicherweise waren sich Japanisch und Chinesisch nicht unähnlich.

 

China, Peking, die Verbotene Stadt, die Gegenwart.
Also für mich klingt das alles gleich“, bemerkte Connor.
Eben, deswegen war es für mich nicht schwer auch noch Chinesisch zu lernen. Du musst wissen, Connor, dass der Wortschatz des Japanischen anfänglich äußerst begrenzt war. Ab dem 3. Jahrhundert nach Christus wurden jedoch viele chinesische Wörter aufgenommen. Das moderne Japanisch besteht etwa zur Hälfte aus Wörtern chinesischen Ursprungs. Somit hatte ich während meiner Lehre bei Meister Nakano also schon zu 50 Prozent Japanisch gelernt, es wurde nur manchmal etwas anders betont und die Schriftzeichen variierten ein wenig.“ Sie zuckte die Achseln, als wollte sie sagen, dass Chinesisch und Japanisch doch wirklich die einfachsten Sprachen auf diesem Planeten waren. Connor war froh, dass sie gnädigerweise mit ihm das gute, alte Englisch sprach und nur gelegentlich im Eifer einer hitzigen Diskussion – was ja bei Mickys vollblütigem Temperament oft genug vorkam – in ihre Muttersprache verfiel.
Erzähl weiter, du standest also vor dem Mittagstor, durch das wir vorhin mit dieser Gruppe aus Schottland gekommen sind...“, er grinste, während er an seine Landsleute dachte, die eifriger fotografiert hatten als die ansässigen Chinesen während eines Urlaubs in seiner Heimat. „Dann hat man dich reingelassen und du wurdest zum Kaiser gebracht...“ Sie nickte und nahm den Faden wieder auf.

 

China, Bejing, der kaiserliche Palast 1526.
Ihr blieb die Luft weg, während sie durch die imposante kaiserliche Stadt schritt. Immer hinter dem Wächter her. Und eine Stadt war es in der Tat. Michelle hatte noch nie so viele Menschen auf einem Fleck versammelt gesehen. Überall wehten ihre Seidengewänder, flatterten bunte Fähnchen im Wind, hörte sie aufgeregte, hohe Stimmchen fröhlich plappern. Und dann stand sie ehe sie sich’s versah im Thronsaal.

Dort auf dem Thron des größten Kaiserreiches der damals bekannten Welt saß ein Junge. Aber ein außergewöhnlicher, furchteinflößender Junge. Keiner sprach laut, alle flüsterten und waren bemüht ihre Köpfe unter seinem zu halten.

Michelle trat näher, verneigte sich und sah dem Kaiser direkt in die Augen. Die Anwesenden keuchten erschrocken, niemand durfte dem Sohn des Himmels in die Augen blicken, doch Michelle wollte seine Seele ergründen. Meister Nakano hatte ihr einiges in dieser Richtung beigebracht, Michelle konnte dadurch besser einschätzen, wem sie ihre Unsterblichkeit anvertrauen konnte und wem nicht. Und der Kaiser ließ sie gewähren. Was sie sah, gefiel ihr. Sie sprach ein wenig holprig und überreichte mit einem demutsvollen Knicks die Schriftrolle von Meister Nakano. Der junge Kaiser sprach Chinesisch, was Michelle sehr entgegen kam und eine große Respektsbezeugung für die Besucherin war.

So, so, der Hexenmeister Nakano schickt Euch, liebliche Blume.“ Er warf einen Blick auf die Schriftzeichen. „Euren Namen kann ich leider nicht aussprechen, aber wir werden schon einen passenden finden. Ihr möchtet also in der Kampfkunst ausgebildet werden. Wäre Euch eine Stelle als meine Leibwächterin genehm? Ihr bekommt ein Zimmer in meiner direkten Nähe, seid immer an meiner Seite, esst, wenn ich esse. Schlaft, wenn ich schlafe...“ Sie nickte einverstanden, besser konnte sie es gar nicht treffen. Obwohl vielleicht würde sich doch noch eine weitere Möglichkeit finden?
Mein Kaiser, ich bin nicht nur an der Kampfeskunst interessiert...“ Sie ließ den Satz unvollendet im Thronsaal stehen und blickte, zum erneuten Entsetzen der Hofleute dem Kaiser in die Augen.
Nun, ich bin sicher, da lässt sich auch etwas arrangieren.“ Er gab einem Eunuchen einen Wink, der hinter Michelle trat. „Er wird Euch in die Gemächer meiner Konkubinen führen, wo Ihr zunächst baden und Euch angemessen kleiden werdet. Und dann werden wir heute Abend mit Eurer ersten Lehrstunde beginnen.“ Michelle lächelte kokett, verneigte sich tief und folgte dem riesigen Eunuchen.

 

China, Peking, die Verbotene Stadt, die Gegenwart.
"
Du schämst dich wohl überhaupt nicht, Micky MacLeod!“ rief Connor mit gespielter Empörung. „Stellst dich vor den Kaiser von China und sagst, dass du von ihm die Liebeskunst lernen willst!“ Micky blickte sich unruhig um, ob sie eventuell jemand gehört hatte. Sie waren glücklicherweise noch immer allein.
Oh, ich habe im Laufe unserer 207 Jahre andauernden Beziehung keine Beschwerden von dir gehört.“ Connor hatte den Mund zu einer Erwiderung geöffnet, doch da fehlten ihm schlichtweg die Worte. Er bekam rote Ohren und räusperte sich ein wenig verlegen.
Also mit einem muss ich meinem Cousin leider Recht geben, du bist ein gottverdammtes Biest!“ Sie lachte und stand auf.
Komm, Connor. Ich will noch ein wenig shoppen gehen.“ Er stöhnte, ihm blieb auch nichts erspart.

 

Etliche Stunden später hatte Connor den Einkaufsmarathon überlebt, anders als bei Duncan hatte Micky keine Gnade gekannt. Sie hatte zahlreiche Kunstgegenstände erworben, die sie in ihrer Galerie verkaufen wollte. Noch erfolgreicher war sie in der Kategorie Kleider, Schuhe, Schmuck gewesen.

 

Sie betraten gerade die Halle des Peninsula Palace Beijing, als Mickys Handy in ihrer Hosentasche vibrierte. Sie drückte Connor eine Vielzahl kleiner Tüten aus exklusiven Boutiquen in die Hand, der sich sogleich hilfesuchend nach einem Pagen umschaute. „Micky MacLeod“, meldete sie sich fröhlich, da sie Duncan vermutete, den sie schon schmerzlich vermisste. Connor versuchte noch immer die Einkäufe loszuwerden und sah sie nicht.

Mrs. MacLeod, Sie wollten von mir wissen, wann es mit dem Alten zu Ende geht.“ Sie blieb stehen, blickte sich kurz um und ging dann ein paar Schritte, um sich in einen hohen Korbsessel zu setzen.
Reden Sie.“
Er liegt im Sterben, wenn Sie immer noch Rache für den Tod von Kommissar Han wollen, ist jetzt die beste Gelegenheit.“
Gut, ich fliege morgen früh nach Shanghai. Wird er noch so lange durchhalten?“ Es war kurz still auf der anderen Seite der Leitung.
Wahrscheinlich, aber beeilen Sie sich trotzdem.“
Ich danke Ihnen vielmals.“ Sie beendete das Gespräch und klappte ihr Handy zu. Ein kurzer Blick durch die Empfangshalle und sie hatte Connor entdeckt.
Wir fliegen morgen früh nach Shanghai.“ Er sagte nichts, verzog nur ein klein wenig die Mundwinkel.
Sollte ich fragen warum?“
Nein.“
Bedeutet es Ärger?“
Ja.“ Sie grinste wie eine Katze, die gerade ihre Krallen geschärft hatte.
Hast du ein Glück, dass ich nicht Duncan bin.“ Er legte den Arm um sie und führte sie zum Fahrstuhl. Wenigstens hatte er das Rezept für Nakanos Nudelsuppe schon bekommen.

 

China, Shanghai, am nächsten Tag.
Micky und Connor waren komplett schwarz gekleidet, unter ihren Mänteln trugen sie zur Sicherheit ihre Schwerter. Der letzte Besuch auf diesem Anwesen hatte für Micky und Duncan mit einer Erschießung geendet.

Sie kletterten über die Mauer und schlichen geduckt über das riesige Parkgelände. Der Abend dämmerte bereits.

Also, ich ziehe meine Nummer ab und du stehst draußen Schmiere, Highlander!“ Er grinste die Comtesse an.
Weißt du, ich hätte verdammt gerne mit dir in Culloden gekämpft.“
Ja, du und alle Schotten, die ich jemals kennen gelernt habe, Connor! Jetzt sei still“, zischte sie.

Leise und unsichtbar wie ein Gespenst schlich Micky sich in das Schlafzimmer des im sterben liegenden Triadenbosses Li Zhou Huang. Sie trat an sein Bett und machte das Licht an.

Hallo, Mr. Li.” Er öffnete die Augen und keuchte ungläubig.
Du! Ich habe dich erschießen lassen! Nein, das kann nicht sein!“
Oh doch, es kann! Ich bin dein Todesengel, Li. Und heute wirst du sterben. Daher bin ich zurückgekommen! Ich führe dich zu deinen Opfern. In Gegenwart deiner Ahnen musst du dich erklären und dann deine Strafe annehmen.“
Nein, nein.“ Er packte sich an die Brust, röchelte und war tot.
Viel zu gut und zu schnell für dich, du Mistkerl.“ Sie drehte sich um und wollte verschwinden, doch im nächsten Moment wurde die Schlafzimmertür aufgerissen. Sie erschrak, es war ein Unsterblicher.
Wer sind Sie?!“ keifte der Chinese, der eine frappierende Ähnlichkeit mit dem jungen Mr. Li von 1955 aufwies.
Lassen Sie mich raten, Sie sind sein Sohn.“ Er nickte und zog ein Katana hervor. „Jungchen, steck den Zahnstocher weg.“ Doch sie wusste, er würde nicht hören und holte lieber vorsorglich ihr Toledo Salamanca hervor. „Wie lange bist du schon unsterblich? Seit vier, fünf Jahren? Nun, ich bin es seit über vierhundert. Was glaubst du, wie hoch sind deine Chancen zu überleben?“ Der Chinese kochte vor Zorn, das sah Micky.
Sie haben meine Familie entehrt! Nennen Sie Ihren Namen und beginnen Sie das Duell.“ Micky trat einen Schritt zurück, verneigte sich und stellte sich vor.
Ich bin die Comtesse Michelle Dubois aus Frankreich.“
Li Zhuo Huang.“
Der jüngere, vermute ich?“ Er nickte und grinste diabolisch. „Und genau so ein Mistkerl wie sein alter Herr. Nun, da wird die Familie wohl am heutigen Tag mit dir aussterben, Freundchen.“ Sie hob ihr Schwert und eröffnete den Kampf.

Der junge Chinese ließ sich von seinen Emotionen leiten. Er griff unkoordiniert an, schlug hektisch zu und brachte sich mit seinen Rückwärtsschritten in die Bredouille. Allzu schnell war der Kampf fast schon entschieden, sie standen inzwischen im Garten.

Connor hatte seine Aufmerksamkeit den prachtvollen Koifischen gewidmet, die Mr. Li gezüchtet hatte. Die klirrenden Schwerter hatten ihn allerdings von diesem kostspieligen Hobby abgelenkt. Nicht wirklich überrascht registrierte er Micky, die einen jungen Chinesen mit dem Schwert attackierte und aus dem Haus trieb.

Im nächsten Moment rollte auch schon der Kopf des jungen Mannes vor seine Füße. Noch als Micky die Energie in sich aufnahm, ertönten Rufe aus dem Inneren des Hauses.

Connor trat näher. „Ich will es gar nicht wissen! Und jetzt weg hier!“ Connor ergriff ihre Hand, führte sie fort. Und schon sausten die ersten Kugeln an ihnen vorbei. Sie rannten geduckt auf die Mauer zu, verstauten währenddessen ihre Schwerter. Connor kletterte rüber und griff nach unten, um Micky hochzuziehen. Da traf Micky eine Kugel und durchbohrte ihr Herz. Er verlor ihre Hand, sie fiel runter und landete in einem Zierteich. „Verdammt!“ rief er und sprang wieder runter. Dann musste er eben durch das Tor. Er warf sich die tote Micky über die Schulter und gab Fersengeld.

Vor der Einfahrt stand ein funkelnagelneuer 5er BMW, dieses Mal in schwarz. Und welch ein Glück – die Schlüssel steckten. Er riss die Fahrertür auf und ein schlafender, chinesischer Kleiderschrank grunzte erschrocken.

Was?!“ Sein Blick fiel auf das Gesicht der augenscheinlich toten Micky, er grunzte ungläubig. „Diese Frau hab' ich doch im Februar erschossen!? Ich glaub', ich träume!“

Connor fackelte nicht lange, er legte Micky auf den Boden und riss den Leibwächter aus dem Auto. Dieser war völlig überrumpelt, Connor verpasste ihm einen Tritt und er fiel in die Büsche. In aller Eile hob Connor Micky auf, rannte um den BMW herum, legte die triefend nasse Leiche seiner Freundin behutsam auf den Beifahrersitz und schnallte sie an. Dann rannte er zurück auf die Fahrerseite und schwang sich hinter das Steuer.

Warum immer ich?! Wieso falle ich immer wieder auf diese Frau rein?! Methos hat Recht, sie muss eine Hexe sein!“ Kopfschüttelnd drehte Connor den Zündschlüssel um. Da er keine Fernbedienung für das Eisentor fand, gab er Gas und raste hindurch. Der Wagen war hinterher nicht mehr wirklich funkelnagelneu.

Zehn Minuten später schnappte Micky zu neuem Leben erwacht nach Luft und spuckte ein bisschen Teichwasser aus. Die tödliche Wunde hatte sich geschlossen. Sie warf einen Blick auf Connor, der konzentriert auf die dunkle Straße vor sich sah.

Ich hasse das!“ Bei diesen Worten warf Connor einen ungläubigen Blick auf seine Freundin. Als würde er sich dabei amüsieren, wobei... so ganz abstreiten konnte er nicht, dass das Abenteuer unterhaltsam gewesen war.
Ich dachte, du wolltest nur den Alten ins Jenseits befördern?!“
Ach, Connor, du weißt doch, wenn ich so richtig in Fahrt bin, kann ich mich schwerlich zurückhalten.“ Er lachte, in diesem Moment klingelte ihr Handy. Micky klappte es auf und erkannte Duncans Nummer.
Kommt ihr endlich nach Hause?“ war seine erste Frage. „Hast du alles erledigt, Liebes? Wie war es denn?“
Ach, du weißt schon: Sightseeing, Shopping, Schwerter, eine Kugel ins Herz, im Teich von Mr. Li ertrunken, einen seiner BMWs geklaut und Connor fährt den Fluchtwagen.“
Also das Übliche, wenn du in China unterwegs bist. Details will ich gar nicht wissen, kommt nur endlich nach Hause.“ Sie lachte und klappte das Handy wieder zu, da Duncan fluchend aufgelegt hatte.
Siehst du, Comtesse. Genau deswegen wollte ich schon in Japan das Rezept für Meister Nakanos Nudelsuppe!“

 

 

3. Trau schau wem...

 

Kanada, Vancouver, eine alte Lagerhalle am Hafen.
Vorsicht, er ist hinter dir!“ rief Micky. Duncan drehte sich blitzschnell um und hob sein Schwert gerade noch rechtzeitig.

Er kämpfte ein Duell unter erschwerten Bedingungen. Sein Gegner, ein Unsterblicher namens Harry Ashton hatte erst Micky entführt, um Duncan auf sich aufmerksam zu machen und dann hatte er ihn geblendet. Micky saß immer noch gefesselt in einer Ecke der Lagerhalle einer stillgelegten Stahlfabrik in Vancouver und versuchte ihrem Mann nach besten Möglichkeiten zu helfen. Selbst wenn sie ihre Hände hätte benutzen können, verbot der Ehrenkodex der Unsterblichen ein Eingreifen durch eine dritte Partei nach Beginn eines Duells.

Sie fragte sich, ob irgendwo stand, dass man seinen Gegner blenden durfte. Sie vermutete, dass Duncan, der einen extrem hellen Lichtblitz abgekommen hatte, derzeit nur Flecken und Schatten sah. Doch dafür er kämpfte verdammt gut. Micky kam es fast so vor, als hätte auch dieser MacLeod von Meister Nakano gelernt, der seine Schüler stets mit verbundenen Augen hatte trainieren lassen.

Rechts!“ rief sie. Duncan kämpfte mit geschlossenen Augen, verließ sich auf seine übrigen Sinne und seine Frau. „Duck dich!“
Könnten Sie jetzt endlich mal die Klappe halten, Lady! Ich versuche hier ein Duell zu gewinnen!“
Und ich versuche das zu verhindern, Sie Arsch! Rechts!“ Duncan wurde es allmählich zu blöd. Er atmete ein paar Mal tief durch, um sich zu konzentrieren und holte mit seinem Schwert aus. Er erwischte den Unsterblichen am Hals, doch der Kopf trennte sich nicht ab. Ashton packte sich entsetzt an seinen Hals, das Blut strömte nur so heraus. Er taumelte rückwärts und ergriff die Flucht.
Das glaub' ich doch nicht! Der ist abgehauen! Seit Adrian Lastrada hab' ich das nicht mehr erlebt!“ Micky versuchte hektisch ihre Fesseln zu lösen. „Duncan, komm mal rüber, ich bekomm' die Fesseln nicht los.“ Er ging unsicher in die Richtung, aus der ihre Stimme gekommen war. „Vorsicht!“ Und er war schon dagegen gelaufen. „Da steht ein Fass!“
Ach nein! Hab' ich auch grade gemerkt. Himmel, bekommst du die nicht alleine los? Ich sehe kaum Schatten. Ich weiß nicht, womit der Mistkerl mich geblendet hat.“ Harry Ashton hatte Micky an ein Rohr gefesselt, sie zog immer wieder an den Schnüren und versuchte sie locker zu bekommen. Resigniert sah sie nach oben und ruckelte nun an dem Rohr.
Geh' mal in Deckung, ich versuch' was Anderes.“ Duncan tat wie geheißen und suchte sich eine ruhige Ecke. Seine Frau nahm er nur als eine unterschiedlich helle Schattierung wahr. Sie stand auf und ruckelte mit aller Kraft an dem Rohr, sie merkte, wie es sich aus dem Gewinde zu lösen begann. Noch ein letztes Mal und sie fiel der Länge nach hin, begraben unter dem meterlangen Rohr.
Alles in Ordnung?“ fragte Duncan blinzelnd.
Alles bestens!“ sie kroch langsam nach vorne und versuchte von dem Rohr loszukommen. „Ist wie das tägliche Training, nur wesentlich interessanter. Ich komme mir vor wie ein Spannferkel am Grill!“ Duncan lachte und tastete sich langsam in die Richtung ihrer Stimme vor. „Du hast mich gefunden, aber würdest du bitte von meinen Haaren runter gehen!?“ Er sprang einen Schritt zurück und entschuldigte sich. „Ich schwöre dir, wenn du das Methos oder Connor erzählst... Und ganz besonders nicht Richie.“
Ach du meinst, weil ich endlich mal was hätte, womit ich dich im Gegenzug zu ‚Ah, ich liebe Frankreich’ aufziehen könnte, soll ich den Mund halten? Ich denke nicht im Traum daran!“
Dann überleg' dir mal, wie du nach Hause kommen willst.“
Wieso das Auto steht doch vor der...“ Und da war ihm klar, dass er Micky in die Falle gegangen war. Sie stand auf, entstaubte ihre Kleider und streckte die Hand aus.
Schlüssel“, forderte sie ihn auf. Hätte Duncan schon wieder vollständig sehen können, wäre ihm das spöttische Lächeln seiner Frau sauer aufgestoßen. Doch das war ja des Pudels Kern, da er nicht sehen konnte, zumindest zeitweise, konnte er auch nicht Auto fahren. Und sie würde ihn hier stehen lassen.
Das würdest du nicht!“
Oh doch! Schlüssel und dein Versprechen, dass du von meiner Krabbennummer auf dem Boden unseren Freunden nichts erzählst. Und wenn Ashton auftaucht, kämpfe ich mit ihm.“ Er schlug ihr die Schlüssel in die Hand und blickte ihr verärgert entgegen.
Du?! Er hat dich aus unserem Schlafzimmer entführt! Deswegen hatten wir ja den ganzen Ärger! Und jetzt willst du mit ihm kämpfen?!“
Er hat mich übertölpelt.“
Du warst betrunken!“ Er schritt neben ihr und hielt sich an Mickys Arm fest, während sie stritten.
Ach, und du nicht, oder wie? Wir waren alle gestern Nacht betrunken wegen Joe. Kann doch mal vorkommen. Wie konnte ich wissen, dass ausgerechnet in so einer Nacht ein Irrer bei uns auftaucht? Noch dazu, wenn du nicht zu Hause bist.“
Ach so, jetzt ist das wieder meine Schuld? Ich konnte Joe doch nicht alleine lassen.“
Natürlich hättest du das gekonnt. Er ist ein großer Junge und außerdem ist er jetzt verheiratet.“
Ja prima, und seine Frau liegt mit einer Lebensmittelvergiftung im Krankenhaus. Da musste ich doch bei ihm bleiben.“
Blödsinn, du hättest ihn ins Bett schaffen und nach Hause kommen sollen.“ Sie bugsierte Duncan auf die Beifahrerseite des Cabrios und schnallte ihn an. Dann ging sie auf die andere Seite rüber, schwang sich elegant ins Auto, drehte den Zündschlüssel und brauste in einem schwarzen Porsche davon.

Eigentlich sollte der gestrige Tag ein Freudentag für Joe Dawson werden, er hatte sich im vergangenen Jahr in eine seiner Kundinnen in der Bar verliebt. Sie war eine attraktive, intelligente Schriftstellerin, die in Bars auf die Suche nach Ideen für neue Bücher ging. Die brünette Emily mit den tiefen, grauen Augen und Joe waren sich auf Anhieb sympathisch gewesen und nachdem sie sich ein Jahr kannten, hatten sie beschlossen zu heiraten. Gestern hatte die Trauung in Darius’ ehemaligem Kloster stattgefunden und anschließend gingen die Freunde zusammen essen. Allen ging es gut, nur Emily hatte Fisch bestellt und der war offensichtlich alles andere als fangfrisch gewesen. Die Freunde brachten die frischgebackene Mrs. Dawson ins Krankenhaus. Die Ärzte hatten ihnen versichert, dass Emily sich schnell erholen würde, zumindest die Hochzeitsfeier war somit ins Wasser gefallen. Doch Duncan und Connor wären keine Schotten, wenn sie die Situation nicht hätten retten können. Sie verlegten die Feier kurzerhand ins Joe’s und der Alkohol war in Strömen geflossen. Connor und Methos hatten sich früh am nächsten Morgen ein Taxi geteilt und waren zu Methos’ Zweitwohnung aufgebrochen, die er aus der Zeit seiner Mitarbeit im Beobachter-Hauptquartier als Adam Pierson behalten hatte. Richie und Micky waren gemeinsam ins Dojo gefahren und Duncan hatte seinen Freund weiterhin getröstet.

Und dann irgendwann am frühen Morgen war Harry Ashton in Duncans Gebäude eingestiegen. Er hatte Richie in seinem Zimmer eingeschlossen, was nicht weiter schwer gewesen war, wenn man bedachte, was die Clique auf das Wohl von Mr. und Mrs. Dawson und ihrer rascher Genesung alles getrunken hatten. Im Schlafzimmer hatte er Micky mit Chloroform betäubt und für Duncan einen Zettel mit der Adresse der Lagerhalle hinterlassen. Als Duncan dann halbwegs nüchtern am Vormittag nach Hause gekommen war und Richie hinter seiner Zimmertür im Erdgeschoss hatte poltern hören, war ihm klar gewesen, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte. Er ließ den fluchenden Richie aus dem Zimmer raus und rannte die Treppe hoch ins Schlafzimmer. Dort fand Duncan den Zettel auf Mickys Kopfkissen, schnappte sich sein Schwert und fuhr mit dem gemieteten Porsche zu der alten Lagerhalle auf dem ehemaligen Fabrikgelände. Wo Harry Ashton ihn natürlich erwartet hatte.

 

Kanada, Vancouver, Joe’s Bar. Zwei Stunden später.
Duncan konnte inzwischen wieder vollständig sehen und trank mit seiner Frau bei Joe Dawson einen Cappuccino. Joe lachte herzlich, als Duncan beschrieb, wie Micky unter dem Rohr gelegen hatte. Er hatte zwar nur Schatten gesehen, aber Joe konnte sich die Situation trotzdem gut ausmalen.

Wortbrecher! Verräter!“ blaffte Micky und bat Joe um einen weiteren Cappuccino. Von Alkohol hatte sie nach der feuchtfröhlichen Hochzeitsfeier erst einmal mehr als genug.
Wieso? Du hast gesagt, ich darf es nicht Connor, Methos oder Richie erzählen. Von Joe war nie die Rede. Das nächste Mal gib deine Anweisungen einfach ein bisschen präziser!“ Er grinste dreist und die Augen seiner Frauen sprühten Funken. Joe lachte wieder.
Oh Mac, wenn Blicke töten könnten...“
Ich weiß, dann bräuchten manche von uns keine Schwerter... Ich frage mich, wann dieser Ashton wieder auftauchen wird? Hast du was in seiner Akte gefunden, warum er ausgerechnet mich haben will? Ich kenne den Kerl überhaupt nicht.“ Joe schüttelte den Kopf.
Vielleicht will er über dich an Micky rankommen? Sie hat jetzt mehr Energie als du und Connor zusammen.“ Er zuckte die Achseln.
Ist doch Mist, Joe! Dann hätte er sie und Richie gestern im Schlaf töten können. Der spielt mit uns. Und du bist sicher, Comtesse, dass du ihn nicht kennst? Ihn irgendwann mal geärgert oder ihm ein finsteres Geschäft versaut hast?!“
Ich überlege ja schon die ganze Zeit... Der einzig andere Gangsterboss, mit dem ich mich mal angelegt habe, war Al Capone. Der hatte einen unsterblichen Handlanger, aber ich weiß nicht mehr genau, wer das war.“
Al Capone?“ Joe war hellhörig geworden.
Ja, wieso? Steht der in Ashtons Akte?“ fragte Micky, worauf Joe unter die Theke griff und eine Aktenmappe mit dem Logo der Beobachter hervor holte. „1926 muss das gewesen sein.“ Micky trat neben Joe und wollte in die Akte sehen, doch Joe schlug sie schnell zu.
Setz dich, Comtesse. Ich helfe euch zwar, aber auch die Beobachter haben einen Ehrenkodex. Kein Unsterblicher darf außer seiner eigenen Akte eine andere einsehen, wenn überhaupt.“
Moment, vor neun Jahren wolltest du mir ihre Akte zeigen“, Duncan zeigte mit dem Finger auf seine Frau.
Stimmt“, Joe grinste. „Ich wollte dich vor einer Torheit bewahren. Das war mir eine Abmahnung wert.“ Er lachte und zuckte in Mickys Richtung mit den Schultern, wie als wollte er sagen, was soll’s, hat halt nicht geklappt.
Nett, Joe, wirklich nett. So schlecht hat es Duncan doch gar nicht getroffen. Das Leben mit mir ist -“
Abwechslungsreich“, fiel Duncan ihr grinsend ins Wort.
Voller Überraschungen“, ergänzte Joe ebenfalls grinsend. Micky wusste genau, wie die beiden ihre Einwürfe gemeint hatten.
Ihr seid unmöglich! Seid besser wieder lieb zu mir, sonst erzähle ich euch nicht, wie ich damals Al Capone in die Verzweiflung getrieben habe.“ Joe schob ihr als Friedensangebot einen weiteren Cappuccino rüber und eine Packung mit Oreos. Joe als Mickys aktueller Beobachter wusste natürlich, dass sie die Kekse das erste Mal 1920 gegessen hatte und seitdem verrückt nach ihnen war. „Schon besser, Joe. Also das war so...“, begann sie und drehte geschickt den ersten Keks auf.

 

USA, Chicago, 8. Dezember 1926.
Micky Dante lebte seit sechs Jahren in Chicago, sie vertrieb sich die Zeit als Journalistin für die im Jahr 1919 gegründete Chicago Tribune und spielte von Zeit zu Zeit Hilfspolizistin im Kampf gegen das organisierte Verbrechen. Mit dem aktuellen Chart-Hit „Someone to watch over me“ von Gertrude Lawrence auf den Lippen fuhr Micky in ihrem Auto zur Uraufführung der Oper „A witch of Salem“ von Charles Wakefield Cadman. Da Micky vor gut 400 Jahren selbst einmal fast als Hexe auf dem Scheiterhaufen gelandet wäre, hatte sie eine gewisse Affinität zu diesem Thema entwickelt. Und dieser Mr. Cadman war derzeit auf kulturellem Sektor in aller Munde. Auf einer Erfolgswelle reitend bereiste er in den 1920er Jahren Nordamerika und Europa, wo er Vorträge über die indianische Musik hielt. Außerdem schrieb er Filmmusik.

Vor dem Theater hielt ein Polizeiauto, aus dem ein attraktiver Polizist in Zivilkleidung ausstieg. Micky stieg nun ebenfalls aus ihrem Wagen aus und gab die Schlüssel einem der Parkwächter des Theaters. Diesen Luxus gab es nur vor dem Theater, wem ansonsten ein Auto von einem kleinen Gangster geklaut wurde, der einen Fluchtwagen brauchte, hatte schlicht und ergreifend Pech gehabt.
Hallo Bobby“, sie winkte dem Polizisten zu, der sie sogleich entdeckte und zurückwinkte. Er kam ihr strahlend entgegen.
Micky, du siehst verdammt schnuckelig aus. Ehrlich.“ Er küsste sie auf die Wange und umarmte sie stürmisch. Sie trug ein für die 1920er Jahre typisches Kleid, worin sie elegant knickste. Um ihre zierlichen Hüften hing eine weiße Federboa. Das burgunderfarbene Kleid leuchtete im Licht der Straßenlaternen, den zum Outfit passenden Hut hatte sie tief über ihren frechen Kurzhaarschnitt gezogen. Dann ergriff sie Bobbys Arm und ging mit ihm die Stufen zum Theater hoch.
Oh, na das scheint ein interessanter Abend zu werden. Da kommt Al Capone in Damenbegleitung.“
Na, ob das eine Dame ist, wage ich bei dem Kleid zu bezweifeln, Bobby. Bist du schon weitergekommen? Wann können wir gegen ihn vorgehen?“ Sie nickte in Capones Richtung.
Wir? Du willst also immer noch mitmachen, Micky?! Das ist gefährlich.“
„Du weißt doch, ich liebe die Gefahr. Außerdem gibt das eine tolle Geschichte. Mein Chefredakteur bei der Tribune wartet schon auf eine neue Story von mir... Irgendwie muss ich mir doch meine Brötchen verdienen.“
„Ach, du ziehst einfach zu mir und lebst von Donuts und Kaffee.“ Micky lachte.

Und was wird deine Frau dazu sagen, Bobby? Ich finde es schon sehr tolerant, dass sie uns zusammen in die Oper gehen lässt. Und dass sie nichts dagegen hat, wenn ich dir bei deiner Ermittlung gegen den seriösen Antiquitätenhändler Alphonse Gabriel Capone helfe.“ Bobby zuckte die Achseln und beobachtete aus einem Augenwinkel immer noch Capone.

Der Unterweltboss mischte Chicago ganz schön auf, er hatte seine Finger im illegalen Glücksspiel und dem dank der Prohibition ebenso illegalen Alkoholhandel. Außerdem pustete Mr. Capone jeden Menschen weg, dessen Visage ihm nicht gefiel oder der kein nettes Wort für ihn übrig hatte. Und das waren verdammt viele Menschen. Daher hatte der Police-Commissioner von Chicago eine Sondereinheit gegründet, die Al Capone hinter Gitter bringen sollte.

Oh, sie mal, Bobby, jetzt sind sie komplett. Da ist Galluccio, um Scarface zu beschützen. Wie rührend.“ Bobby grinste. Den Namen „Scarface“ hatte Capone erhalten, weil er vor neun Jahren gegen die Tochter seines heutigen Bodyguards Galluccio zudringlich geworden war. Der erboste Vater war mit einem Messer auf Capone losgegangen und hatte ihn an Wange, Kiefer, Hals und Schulter verletzt. Doch Capone hatte seine Schuld eingeräumt und Galluccio als Friedensangebot als seinen Leibwächter engagiert. Zeitlebens sprach er von einer Kriegsverletzung aus dem ersten Weltkrieg, obwohl er nachweislich nie Militärdienst geleistet hatte.
Unglaublich, dass er ihn und diese Frau einfach so mit in die Oper bringen kann, findest du nicht, Bobby?!“ Er zuckte erneut die Achseln und erklärte leichtmütig: Du weißt doch, wie es heißt: Chicago ist einmalig. Es ist die einzige Stadt in Amerika, die durch und durch korrupt ist.“
„Oh, seit wann sind wir so belesen, Mr. Sears und kennen den Reformator Charles E. Merriam?“ Er grinste.

Seit meine Frau mir vorhält, ich müsste ein gutes Beispiel für Bobby Jr. sein.“ Micky lachte.
Dein Sohn ist zehn Monate alt, Bobby!“
Ja, eben - früh übt sich. Komm, der erste Akt fängt bestimmt gleich an.“ Sie gaben ihre Mäntel ab und gingen gemütlich zu ihrem Rang, währenddessen wog Micky ab, wann es endlich in Sachen Capone losgehen würde.

Bobbys Sondereinheit arbeitete fieberhaft an einer Überführung Capones. Am 27. April 1926 hatte Scarface persönlich Jim Doherty, ein führendes Mitglied der South Side von Chicago, Bill McSwiggin, den stellvertretenden Staatsanwalt und einen gewissen Red Duffy erschossen. Danach war er für Monate untergetaucht, was die Polizei für eine Razzia seiner Lokale und Etablissements genutzt hatte, der Schaden ging in die Millionen. Im Juli hatte Capone sich dann einem Verhör gestellt, doch die Sondereinheit konnte ihm nichts beweisen und musste ihn ziehen lassen. Am 11. Oktober wurden zwei wichtige Gegenspieler Capones vor Schofield’s Blumenladen getötet, in der Folge gab es wenige Tage später ein Bandentreffen der höchsten Kategorie. Die Bosse der North und South Side vereinbarten einen Waffenstillstand und verteilten ihre Territorien neu. Es herrschte wieder Frieden innerhalb der Syndikate, sie unterschlugen Geld, bestochen, mordeten, verkauften Alkohol und betrieben das Glücksspiel, als gebe es kein Morgen.

Micky hatte Bobby während eines Interviews im Rathaus kennen gelernt. Ihr Chefredakteur hatte ihr anschließend den Auftrag erteilt zu Bobby Sears’ Schatten zu werden. Und da Mr. Weatherly ihren Gehaltscheck abzeichnete, tat Micky einmal, was ein Mann von ihr verlangte. Natürlich war sie aufgrund ihres Vermögens in Frankreich nicht auf das Gehalt einer kleinen Journalistin angewiesen. Aber es machte ihr Spaß, die Kollegen waren nett, Bobby war ein Spitzentyp und Al Capone in den Arsch zu treten, war das Beste an dem Deal.

 

Kanada, Vancouver, Joe’s Bar, die Gegenwart.
Was grinst du so, Duncan?“ fragte Micky, trank ihren Cappuccino und griff nach den Oreos.
Ich versuche mir nur vorzustellen, wie du in einem Kleid aus dieser Zeit wohl ausgesehen hast.“ Joe räusperte sich und spülte ein paar Gläser.
Hey Mac, du bist zu der Zeit doch mit Amanda mit dem Zirkus 'Barnum & Baley' durch den Südwesten getingelt. Du weißt doch, wie gut eine Unsterbliche in diesen Kleidern aussah... Hast du damals nicht mit Messern nach ihr geworfen?“ Joe erinnerte sich an die gemeinsame Nummer der Unsterblichen.
Das war auch das einzige Vergnügen während unserer Zusammenarbeit. Amanda hat immer nur Schwierigkeiten gemacht. Erinnert mich an eine andere Unsterbliche...“ Er blickte süffisant grinsend zu seiner Frau, doch Micky ließ sich nicht darauf ein.
Amanda? Amanda? Von der hab ich ja noch nie gehört.“
Eine alte Flamme von Mac“, warf Joe ein, woraufhin ihn sein Freund böse ansah. Joe hob ein Bierglas gegen das Licht und prüfte, ob noch Schlieren dran waren.
Danke, Joe.“
Also, wer war diese Amanda?“ Sie zuckten zusammen, erwarteten jemanden aus der Clique.
Da soll mich doch der Schlag treffen! Als hätte ich’s geahnt! Möchtest du einen Kaffee?“„Nein, ein Bier bitte, Joe“, erklärte Amanda und betrat die Bar. Duncan stöhnte auf.

Amanda kam näher und beugte sich über Duncan, der Ausschnitt ihres Shirts war verdammt tief und bot interessante Ausblicke. Sie packte Duncans Gesicht und ehe er sich wehren konnte, küsste sie ihn leidenschaftlich. Micky setzte in Zeitlupe ihre Tasse ab und räusperte sich. Amanda reagierte nicht und dass obwohl Duncan heftig wie ein Fisch am Haken zappelte und versuchte sie wegzustoßen. Micky räusperte sich noch einmal, dieses Mal lauter. Wieder keine Reaktion. Jetzt tippte sie Amanda auf die Schulter, diese drehte sich um und grinste. Duncan wischte sich hektisch den Lippenstift vom Mund und rutschte außer Reichweite Amandas.

Wissen Sie, wen Sie da gerade geküsst haben?“ fragte Micky ein wenig lächelnd, sie wollte ja höflich bleiben. Die Arme hatte sie allerdings schon vor der Brust verschränkt. Auf dem Tresen lag ihr blankpoliertes Schwert. Duncan bemerkte, wie Mickys linke Hand zuckte.
Meinen lieben, alten Freund Duncan MacLeod vom Clan der MacLeod.“ Sie drehte sich zu Duncan um und wollte ihre Begrüßung fortsetzen. Micky sprang von ihrem Hocker auf, griff nach ihrem Schwert und packte Amanda an der Schulter. Sie drehte die Unsterbliche grob zu sich um und blickte Amanda wütend über ihre Dreistigkeit entgegen.
Finger weg.“
Wieso?“ Amanda verstand die ganze Aufregung überhaupt nicht.
Weil er nicht Ihnen gehört!“ Duncan griff amüsiert über die Theke und holte eine Schale mit Erdnüssen hervor. In Joe’s Richtung schauend zuckte er kurz die Achseln und wartete ab.
Ach, aber Ihnen, oder wie?!“ Amanda hatte auch ihr Schwert hervorgeholt und hielt es schützend vor sich-
.„Ähm, Mac...“

Lass mal, Joe. Jetzt wird’s interessant.“ Micky und Amanda schoben einige Tische beiseite und schlugen mit ihren Schwertern nacheinander.
Mac, willst du da nicht mal dazwischen gehen?!“
Wieso denn, Joe?! Sie werden sich schon nicht umbringen. Meine Frau will nur ihr Revier abstecken.“
Frau?!!“ fragte Amanda und gab für einen kurzen Moment ihre Deckung auf. Micky schlug zu und versetzte ihr einen Schnitt am Arm. Dann hob sie ihr Bein, holte aus und trat Amanda vor die Brust. Diese fiel nach hinten und rutschte ein gutes Stück über den Boden.
Ja, genau. Darf ich mich vorstellen? Ich bin die Comtesse Dubois, besser bekannt als Micky MacLeod! Duncans Ehefrau!“ Sie drehte sich siegessicher grinsend zur Theke um, setzte sich auf den Barhocker, griff nach Amandas Bier und zog die Flasche auf ex ab. Währenddessen kam Amanda auf die Füße und drückte mit dem Handtuch, das Joe ihr gereicht hatte, die Schnittwunde ab.
Amanda Montrose“, nannte Amanda nun ihrerseits ihren Namen. Dann zog sie eine Augenbraue hoch und grinste Duncan neckisch an. „Ehefrau? Der große Highlander ist in die Falle gegangen?!“ Sie grinste noch immer amüsiert und trat näher an ihn heran. Sofort schoss Mickys Schwert hervor und bremste vor Amandas Bauch wie eine Schranke ab.
Anfassen der Ware verboten, Miss Montrose.“ Amanda hob kapitulierend die Arme.
Bekomm' ich noch ein Bier, Joe? Das erste hab ich kaum genießen können.“ Joe holte eine Flasche aus dem Kühlschrank und stellte sicherheitshalber auch eine vor Micky ab. „Was zum Teufel hat dich geritten zu heiraten, Duncan?!“
Die Liebe“, erklärte er schlichtweg, was bei Amanda einen Lachanfall auslöste. Micky schnaubte ihm Hintergrund biestig.
Nein, ehrlich, Mac. Wieso hast du geheiratet?“
Lady, sind Sie taub?! Er hat sich in mich verliebt. Vor neun Jahren. Er hat wohl nur vergessen, Sie zur Hochzeit einzuladen. Oder mir von Ihnen zu erzählen!“ Jetzt bekam Duncan ihre wilden Blicke ab, räusperte sich verlegen und murmelte unverständlich vor sich hin. „Bitte?! Ich hab dich nicht verstanden, Duncan.“ Langsam war Micky wirklich geladen.
Ich habe gesagt, da hat sich wohl nie die Gelegenheit zu ergeben.“
In neun Jahren nicht?!“ Sie stand auf und ergriff ihr Schwert. „Los, vor die Tür.“ Duncan griff hinter sich und zog sein Katana. Amanda blickte völlig verdattert den MacLeods hinter her.
.„Die wollen sich jetzt allen Ernstes duellieren, Joe?!“

Sieh mich nicht so an, Amanda. So hat doch alles angefangen vor neun Jahren...“ Und Joe erzählte ihr die Geschichte, wie am Tag von Darius’ Begräbnis die unsterbliche Comtesse Michelle Dubois in seiner Bar aufgetaucht war. Draußen schepperten unterdessen unablässig die Schwerter der beiden.

 

Nach einer viertel Stunde kamen Micky und Duncan verschwitzt und außer Atem wieder rein. Sie hatten ein paar kleine Kratzer und Schnittwunden, aber sie lachten wieder. Die Fronten waren offensichtlich geklärt.

Ich hab gehört, Sie haben im Laufe Ihres Lebens des öfteren als Diebin gearbeitet, Amanda?“
„Ich habe mich eigentlich immer als unabhängige Unternehmerin bezeichnet.“ Duncan verschluckte sich an seinem Bier.

Wie auch immer, ich brauche Ihre Hilfe. Ein kleiner Gangster, der mal für Al Capone gearbeitet hat, ist offensichtlich hinter mir her. Vielleicht könnten Sie uns helfen, ihm eine Falle zu stellen. Dann würde ich vergessen, dass Sie sich an fremdem Eigentum vergriffen haben.“ Micky lächelte zuckersüß, während sie Amanda ihr Angebot unterbreitete. Ihre Rivalin erwiderte das Lächeln und ließ sich über den nächtlichen Überfall von Harry Ashton aufklären. Dieses Mal ließ Duncan den peinlichen Teil mit dem Rohr und Micky, die darunter gelegen hatte, wohlwissend weg.

 

 

4. Ganovenehre
 

Kanada, Vancouver, Joe's Bar, eine Stunde später.
Ich habe eben einen Anruf aus dem Hauptquartier bekommen.“ Joe humpelte auf seinen Stock gestützt auf den Tisch seiner Freunde zu. Micky spitzte sofort die Ohren, warf aber immer noch einen misstrauischen Blick auf Amanda. Die Begrüßung, die sie Duncan hatte zu Teil werden lassen, würde sie nicht so schnell vergessen.
Dann mach' es nicht so spannend, Joe. Ich nehme an, es geht um Harry Ashton.“
Eurer Freund Ashton ist nach Chicago geflogen.“ Micky sprang auf.
Oh, wird er nostalgisch?! Worauf warten wir noch?!“
Ich habe euch elektronische Tickets am Flughafen hinterlegen lassen. Ihr fliegt morgen Mittag. Dann könnt ihr noch in Ruhe euren Plan besprechen. Für die Übernachtung habe ich das Hyatt Park Chicago gebucht. Dann kann Micky ihr geliebtes Schaumbad nach dem Duell nehmen.“ Er grinste mit sich überaus zufrieden, da er als ihr Beobachter Mickys Wellness-Tick nach einem erfolgreichen Duell nur allzu gut kannte. Da er das Hotel gebucht hatte, konnte er direkt in die Chronik von Micky und Duncan ihren Aufenthaltsort eintragen und Amandas Beobachter - Daniel Geiger - brauchte er nur Bescheid zu geben, wo sich sein Schützling aufhielt.
Du bist ein echtes Goldstück, Joe!“ Micky drückte Joe ein Küsschen auf die Wange und griff nach Schwert und Mantel.
Ich weiß, Comtesse. Ihr fliegt um 12:05 Uhr.“
Wie passend, Highnoon! Ich denke, wir sind dann übermorgen Abend wieder zurück. Hast du Ashtons Adresse?“ Natürlich hatte Joe einen kleinen, gefalteten Zettel in der Hand.
Weißt du eigentlich, wie viel Champagner du mir schon schuldest? Dieser Gefallen kostet dich eine Kiste Chateau Dubois, Comtesse...“ Micky zuckte mit den Schultern.
Ich würde sagen, c’est la vie. Außerdem habe ich mein eigenes Weingut, was macht da eine Kiste mehr oder weniger schon aus, Joe?“ Sie schnappte sich den Zettel und ging zum Ausgang der Bar.

Duncan folgte ihr, während Amanda noch in aller Ruhe austrank. Das kam Joe eigentlich sehr gelegen. Er war zwar nicht Amandas Beobachter, doch er wollte ihr noch einen Rat mit auf den Weg geben.
Amanda, halt dich zurück. Die Comtesse wird dir nicht nur die Augen auskratzen, wenn du deine Krallen nach Mac ausstreckst. Du solltest wissen, dass Methos, Connor MacLeod und auch Richie hinter ihr stehen. Die sind verschworener als die Musketiere, wenn es um die Comtesse geht.“ Amanda grinste frech.
Ach, hat sie die alle in ihrem Bett gehabt und sie sind somit für mich tabu?“ Joe lachte über ihre Unverschämtheit.
Nur Methos und Connor. Aber Richie wird trotzdem hoffentlich klug genug sein, die Finger von dir zu lassen!“


 

USA, Chicago, der nächste Abend.
Das Flugzeug war am Flughafen O’Hare pünktlich um 20:26 Uhr gelandet. Die verschärften Kontrollen auf amerikanischem Boden hatten den MacLeods keine Probleme bereitet, doch Amanda hatte im Gegensatz zu ihnen keine Papiere für ihr Schwert. Sie musste bei der Flughafensicherheit einige unangenehme Fragen beantworten, bis Duncan und Micky sie überzeugen konnten, dass Amanda zu ihnen gehörte und eine seriöse Antiquitätenhändlerin sei. Bei dem Wort „seriös“ musste Duncan sich zusammen reißen, um sich nicht an seinem Kaffee zu verschlucken. Glücklicherweise kauften die Polizisten den Dreien ihre Geschichte ab, dass sie zu einer Museumsausstellung über antike Schwerter eingeladen worden waren. Zufälligerweise fand gerade im „Oriental Institute Museum“ eine Ausstellung über asiatische Kampfschwerter statt. Somit konnten zumindest die MacLeods die Mitführung ihrer Waffen erklären. Amandas Schwert wurde als Muster für eine zukünftige Ausstellung hingestellt. Die unbedarften Flughafensicherheitskräfte glaubten es ihnen. Und so zogen Duncan, Micky und Amanda mit ihren Schwertern unbehelligt von dannen.

Du solltest Richie bitten, dass er dir ähnliche Papiere wie für unsere Schwerter ausstellt.  Damit kannst du problemlos auf der ganzen Welt rumreisen. Seit dem 11. September sind alle Sterblichen ziemlich nervös was die Mitführung von Waffen angeht.“
Der Grünschnabel hat euch hieb-und stichfeste Papiere gefälscht? Das hätte ich ihm gar nicht zugetraut!“ bemerkte Amanda auf dem Weg zu Ashtons Wohnung.
Der Grünschnabel, wie Sie ihn nennen, hat einiges gelernt in den letzten Jahren!“ entrüstete Micky sich. Duncan blickte verdutzt auf, war er es doch gewohnt, dass Micky den Junior regelmäßig durch den Kakao zog und ihn auf seine Defizite aufmerksam machte. Vielleicht meinte aber Micky ein weiteres Mal ihr Revier abstecken zu müssen? Sie hatte Richies weitere Ausbildung übernommen, obwohl er anfänglich Duncans Schüler gewesen war. Zwischen Richie und Micky hatte sich eine besondere Freundschaft entwickelt. Gerade weil er von ihr regelmäßig den Kopf gewaschen bekam, respektierte er ihre Meinung und schätzte ihre Erfahrung.
Auszeit, Ladys. Was wollen wir jetzt mit Ashton machen und, Micky, wieso will er so mit dir spielen?“
Fragst du das wirklich? Ich hab' ihn in den Knast gebracht. Zusammen mit seinem Boss. Capone wurde mehrfach zwischen 1926 und seiner endgültigen Inhaftierung 1931 verhaftet und verurteilt. 1931 gelang Bobby Sears’ Sondereinheit endlich der Durchbruch. Ich saß in der ersten Reihe der Reporter, als das Urteil verkündet wurde... Jetzt erinnere ich mich auch, Ashton wurde im gleichen Verfahren zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, er war einer seiner engeren Mitarbeiter.“

 

USA, Chicago, 24. März 1931.
Sind die Geschworenen zu einem Urteil gekommen?” Einer der Geschworenen stand auf mit einem Zettel in der Hand. Ein Raunen ging durch den Gerichtssaal.
Das sind wir Euer Ehren.“ Er überreichte den Zettel dem Gerichtsdiener, die Reporter im Zuschauerbereich rutschten gespannt auf ihren unbequemen Stühlen auf und ab. Zwischen ihnen saß Micky Dante mit ihrem Notizblock und schrieb alles mit.
Wie lautet Ihr Urteil?“ fragte der Richter, während der Gerichtsdiener den Zettel zurückgab.
Wir die Geschworenen befinden Mr. Alphonse Gabriel Capone, bekannt als Al Capone, in allen Anklagepunkten für schuldig. Den Mit-Angeklagten Harry Ashton befinden wir ebenfalls für schuldig.“ Der Richter nickte zufrieden.
Das Hohe Gericht dankt den Geschworenen. Sie sind hiermit entlassen. Mr. Capone, Sie werden hiermit wegen Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit Geldwäsche zu 50.000 Dollar Strafe, zusätzlich den Gerichtskosten in Höhe von 8.000 Dollar und elf Jahren Gefängnis verurteilt. Zu verbüßen in Atlanta, Georgia. Ihren ‚Angestellten’ Mr. Harry Ashton verurteile ich zu fünf Jahren Haftstrafe in dem gleichen Gefängnis.“ Es ging ein Raunen durch den Saal. Dieses Gefängnis galt als die härteste Vollzugsanstalt der damaligen Zeit. Ashton drehte sich zu den Zuschauern um und formte mit den Lippen „Dein Kopf gehört mir, Dante.“ Micky rückte ihren Hut zurecht und verließ mit den übrigen Reportern gemeinsam den Gerichtssaal. Ihr standen einige Interviews bevor, sowohl als Reporterin als auch in ihrer Funktion als Bobby Sears’ inoffizielle Assistentin. Und danach hatte sie eine Verabredung mit Bobby Sears und einem netten Kollegen, der derzeit keine Freundin hatte. Zu dritt wollten sie zu einer Jazz-Saison, die Louis Armstrong in einem der Clubs geben wollte. Sie reihte sich zwischen den Journalisten ein, hob ihre Hand und rief Bobbys Namen, Harry Ashton war vergessen. Mickys Leitartikel verkaufte am Sonntagmorgen die Tribune wie heiße Brötchen.

 

USA, Chicago, die Gegenwart.
Capone führte seine Geschäfte natürlich auch im Knast munter weiter, bekam sogar Besuch von Leuten wie seinem Mentor Johnny Torrio oder den großen Bossen Dutch Schultz und Lucky Luciano! Legal verdingte er sich während seines Urlaubs hinter schwedischen Gardinen als Schuhmacher und wurde sogar als Musterhäftling bezeichnet. Sein Einfluss auf die Wärter und Mitgefangenen wurde aber im Laufe der Zeit so groß, dass er am 18. August 1934 nach Alcatraz verlegt wurde. Ich vermute, Ashton musste in Atlanta bleiben bis 1936. Und er scheint nicht vergessen zu haben, dass ich eine aktive Rolle bei seiner Festnahme gespielt habe. Vielleicht ist er kurz darauf auch direkt wieder verknackt worden? Ich hab' ihn jedenfalls nicht wieder gesehen. Und durch meine Arbeit für die französische Resistance im zweiten Weltkrieg habe ich ihn schlichtweg vergessen. Ich war von 1940 bis 1945 damit beschäftigt, den Nazis die Besatzung von Paris zu versalzen und Flüchtlinge aus Deutschland rauszuschleusen.“
Du konntest nie einfach mal eine ruhige Kugeln schieben, oder Comtesse?!“ fragte Duncan grinsend, während sie nach einem Taxi Ausschau hielten. In diesem Moment klingelte ihr Handy. Ein Blick auf das Display zeigte, dass es ein unbekannter Teilnehmer war. Micky konnte sich schon denken, wer hinter dem Anruf steckte. „MacLeod“, meldete sie sich.
Wir treffen uns im Südwesten unterhalb der ‚durchsichtigen Brücke’ und dann bringen wir es zu Ende.“ Micky antwortete nicht, klappte das Handy zu und steckte es weg.
Tja, anscheinend will er nicht mehr spielen. Er hat mich zum Duell geladen. Unter der ‚durchsichtigen Brücke’“, sie sah Duncan fragend an. „Keine Ahnung, wo die ist. Er meinte was von Südwesten. Ah, da ist ein Taxi. Der Fahrer dürfte das doch wissen.“ Sie stiegen ein und in der Tat, der Fahrer kannte den Weg zu besagter Brücke.
Der Taxifahrer wunderte sich schon ein wenig, warum drei Touristen mitten in der Nacht zu der Brücke, die zum Sears Tower führte, gefahren werden wollten. Da er aber ein großzügiges Trinkgeld bekam, machte er sich keine weiteren Gedanken über die Tatsache.

Oh, Sie haben Publikum mitgebracht, Schnüfflerin! Wie amüsant. Sie haben ja schon immer eine große Show geliefert.“ Duncan konnte sich ein kleines Lachen nicht verkneifen. Er sah seine Frau deutlich vor sich, wie sie in den 1930ern unerschrocken – aufgrund ihrer Unsterblichkeit – hinter Al Capone und Harry Ashton hergejagt war.
Micky gab ihm einen Stoß in die Seite, zog ihren Mantel aus, den Duncan nahm und ging mit gezogenem Schwert auf den Gegner zu.
Und Sie, Ashton, haben genau wie 1931 nur eine große Klappe und nichts steckt dahinter! Durch Ihre Blödheit ist Capone uns doch erst in die Falle gegangen!“ Ashton schrie wütend auf, doch er erinnerte sich, dass Micky da gar nicht so Unrecht hatte. Er hatte damals die Unterlagen nicht wie befohlen vernichtet, die Boss Capone letztlich der Steuerhinterziehung überführt hatten. Und Boss Capone hatte ihn sein Versagen deutlich spüren lassen. Die fünfjährige Haftstrafe war für ihn die Hölle gewesen. Selbst nachdem man Boss Capone nach Alcatraz verlegt hatte, war Ashton weiterhin für sein Versagen bestraft worden. Der Einfluss seines ehemaligen Arbeitsgebers war einfach zu groß gewesen. Während der fünf Jahre im Gefängnis war Harry Ashton mehr als einmal augenscheinlich fast tot geprügelt worden, doch er hatte jedes Mal überlebt. Selbst als sie ihn so zusammengeschlagen hatten, dass man keinen Puls mehr fühlen konnte. Die Belebung war schon ein Fluch. Harry Ashton war mehr als einmal im Gefängnis gestorben und Schuld daran trug nur die Unsterbliche, die er unter dem Namen Micky Dante kannte. Sie hatte Bobby Sears bei den Ermittlungen geholfen. Nun, Bobby Sears war inzwischen tot, er war fünfzehn Jahre nach der Inhaftierung von Al Capone und Harry Ashton an Lungenkrebs gestorben. Ein typischer Bulle eben, Kaffee, Donuts, Zigaretten. Während Micky in Frankreich die durch den zweiten Weltkrieg zerstörten Dörfer, die ihrem Chateau angegliedert und somit schutzbefohlen waren, wieder aufgebaut hatte, hatte Bobby Sears sein Leben mit seiner Dienstwaffe beendet. Er hatte nicht warten wollen, bis der große „K“ ihn so fertig machte, dass er sich den Tod wünschte. Er war mit seinem Auto an den Chicago River gefahren und hatte auf den Sonnenaufgang gewartet, dann hatte er sich den Kopf weggeblasen. Seine Frau, die nach einigen Jahren mit der Angst und Ungewissheit als Polizistenfrau nicht länger leben konnte, war zu diesem Zeitpunkt schon in ihre kalifornische Heimat zurückgekehrt. Sein Sohn Bobby Jr. war auf dem College gewesen. Wer sollte ihn schon vermissen?

Harry Ashton hatte die Entwicklung mit Freuden verfolgt und während er und Micky um einander herumschlichen, lieferte er ihr die ganzen schmerzlichen Details auf einem Silbertablett. Sie stöhnte auf, das war genauso ein unwürdiges Ende für Bobby wie für Lee. Der eine hatte sich mit seinen Zigaretten selbst das Grab geschaufelt und sein Leben vorzeitig durch seine Dienstwaffe beendet, der andere war hingerichtet worden, weil er Mr. Lis Triade in die Quere gekommen war.

Anscheinend haben Sie im Gefängnis aber nichts gelernt, Ashton. Ich merke nicht, dass Sie in irgendeiner Weise rehabilitiert wurden.“ Sie schlug verdrossen mit ihrem Schwert nach dem äußerlich 50 Jahre alten Unsterblichen mit der großen Narbe am Hals. In Wahrheit war er 250 Jahre alt, doch so wie er kämpfte, würde er seinen 251. Geburtstag nicht mehr erleben. „Kämpfen haben Sie auf jeden Fall nicht gelernt!“ Er schrie wütend auf. Duncan grinste im Hintergrund amüsiert, seit seiner Heirat mit der Comtesse hatte er schon etliche Duelle beobachten können, die ihn amüsiert oder auch zu Tode erschrocken hatten. Doch heute war er ganz klar amüsiert, seine Frau spielte mit Ashton. Sie gab ihm mit barer Münze zurück, dass er sie aus ihrem sicheren Bett entführt und in dieser Lagerhalle der stillgelegten Fabrik in Vancouver angebunden hatte. Und ganz besonders zahlte sie ihm heim, dass sie unter dem Rohr gelegen hatte und Duncan sie nun damit aufziehen konnte. Micky nahm Anlauf und setzte zu einem Sprung an, sie stand wirklich auf die asiatischen Kampfsportarten dachte Duncan erheitert. Amanda bekam große Augen, sie hielt sich selbst ja für eine hervorragende Kämpferin. Der Tritt traf Ashton auf der Brust, er taumelte nach hinten und stolperte über eine Mülltonne, die scheppernd umfiel. Micky schnellte nach vorne und holte aus. Was Duncan aufgrund seiner eingeschränkten Sicht nicht hatte vollenden können, erledigte Micky nun. Das Schwert trennte den Kopf sauber ab, er purzelte in den Chicago River. Der Torso fiel auf die Seite, lag schon gefährlich nahe am Rand des Flusses. Micky versuchte wieder zu Atem zu kommen, streckte die Arme von sich und wartete auf die Energieübertragung. Und im nächsten Moment zuckten die Blitze aus der Leiche und gingen in Micky über. Sie biss sich auf die Zunge, in Gegenwart dieser komischen Amanda würde sie bestimmt nicht schreien.

Duncan wunderte sich, er wusste, dass die Belebung Micky immer große Schmerzen bereitete, so wie den meisten Unsterblichen. Außerdem hatte sie ihm nach dem Kampf gegen Nicholas Cane erklärt, dass sie jede Belebung so empfand, als würde sie den Moment ihrer Ermordung durch Maximillian wieder erleben. Doch dieser Frau, die sich so unverfroren an ihren Mann rangeschmissen hatte, würde Micky keine gute Show bieten. Vielleicht hatte sie nach dem Kampf, den Micky soeben gewonnen hatte, ja ein bisschen Angst vor ihr und würde ihre Krallen von Duncan lassen?

Ich muss mich um sie kümmern“, erklärte Duncan und trat mit dem ausgebreiteten Mantel näher. Amanda folgte in sicherem Abstand. Joes Worte spukten noch immer durch ihren Kopf, dass die Männer (Connor, Methos und Richie) hinter ihr standen wie die Musketiere. Offensichtlich gehörte Duncan ebenfalls zu diesem erlesenen Kreis. Amanda beobachtete, wie er sich vorsichtig seiner Frau näherte. Diese gab dem Leichnam von Harry Ashton einen Tritt, wodurch er ins Rutschen geriet und in den Chicago River fiel. Duncan half Micky in den Mantel und verstaute ihr Schwert in der mitgebrachten Sporttasche, die sie auf die Reise mitgenommen hatten. Dann legte er zärtlich den Arm um sie und küsste sie auf die Wange.
Gut gemacht, Comtesse. Dem hast du so richtig in den Hintern getreten.“ Micky lächelte ein wenig gequält, Ashton hatte zwar nicht so viel Energie gehabt wie Damian Barton, doch es hatte gereicht, damit ihr alle Knochen weh taten. Sie freute sich auf ein ausgiebiges Schaumbad in ihrer Suite im Park Hyatt Chicago und eine anschließende Massage im Wellness-Bereich. Der Gedanke ließ sie wohlig erschauern, Duncan interpretierte es als Erschöpfung und legte beschützend den Arm um sie, während er sie zur Straße führte. Und bevor sie morgen zurückflogen, wollte Micky noch das Stadion der Chicago Bulls besichtigen. Falls es ein Heimspiel geben würde, könnten sie ihren Rückflug auch noch umbuchen. Micky könnte ihren Erinnerungen an das verruchte Chicago der 1920er noch ein wenig länger nachhängen und vielleicht sogar Bobby Sears’ Grab besuchen.
Ich hoffe, ich muss heute nicht noch jemandem in den Hintern treten“, sagte sie und Amanda war sich hundertprozentig sicher, dass diese Ansage ihr gegolten hatte. Gegen eine Comtesse und eine ganze Musketiertruppe kam selbst jemand wie Amanda nicht an. Kapitulierend musste sie sich eingestehen, dass die vergnüglichen Spielchen mit Duncan MacLeod am heutigen Tage ihr Ende gefunden hatten. Es war amüsant gewesen, alle paar Jahre in sein Leben zu schneien, es komplett auf den Kopf zu stellen und durcheinander zu wirbeln und nach einigen heißen Nächten wieder zu verschwinden. Doch offensichtlich hatte das dem Highlander nicht länger gereicht. Die Comtesse musste etwas haben, das er seit Tessa in keiner Frau mehr gesehen hatte.
Keine Angst, Mrs. MacLeod. Ich erkenne eine Niederlage, wenn ich sie erlebe. Er gehört Ihnen.“ Duncan war erstaunt über das respektvoll klingende „Mrs. MacLeod“ - nicht das Amanda jemals ernsthaft mit diesem Namen hätte rechnen können, in Tausend Jahren nicht. Micky blickte sie mit ernster Mine an, fragte sich, was sie von der Aussage einer nachweislichen Diebin und Ganovin halten sollte. Sie Fragte sich auch, ob Amanda Montrose so etwas wie Ganovenehre hatte. Schließlich legte sie den Kopf schief und schätzte ihre unsterbliche Nebenbuhlerin ein, dann lächelte sie und streckte ihre Hand zu Amanda hin aus.
In diesem Fall, nenn' mich Micky.“ Amanda schlug ein und fragte sich nun ihrerseits, was sie von diesem Friedensangebot halten sollte.

 

 

5. Eine Tasse Tee in Boston

 

Kanada, Vancouver, Duncans Dojo, mitten in der Nacht.
Es war mitten in der Nacht – und natürlich klingelte das Telefon, genauer gesagt Mickys Handy. „Kannst du das Ding nicht mal ausmachen oder soll ich es aus dem Fenster schmeißen?!“ meinte Duncan sauer, stand auf und ging runter in die Küche.

MacLeod. Und wehe es ist nicht wichtig.“ Sie setzte sich im Bett auf und knipste ihre Nachttischlampe an.
Es ist wichtig, Micky, glaub' mir.“ Joe klang aufgeregt, Micky seufzte. Es war schon ein Fluch mit seinem Beobachter befreundet zu sein. „Richie ist verhaftet worden.“
Micky rieb sich den Schlaf aus den Augen und warf einen Blick auf ihren Wecker, es war 2:31 Uhr.

Richie ist in Boston ein paar Bilder für die neue Ausstellung nächsten Monat kaufen.“
Mag sein, auf jeden Fall ist er im Museum of Fine Arts verhaftet worden. Er hat wohl ein ziemlich übles Duell hinter sich. Jedenfalls haben sie ihn bewusstlos neben der kopflosen Leiche von Edward Defour gefunden, sein blutiges Schwert lag neben ihm. Ich weiß nicht, wie wir ihn da wieder rauskriegen sollen...“
„Ich überleg' mir was, Joe. Wir nehmen das erste Flugzeug. Danke.“ Sie klappte das Handy zusammen und lief nervös im Raum auf und ab. Duncan kam mit einem Glas Milch die Treppe rauf, sein langes Haar umrahmte sein markantes Gesicht, der Kimono hing offen herunter, er trug nur Boxershorts. Er sah aus wie eine Mischung aus wildem Hochlandschotten und einem sinnlichen Verführer – was ja beides zutraf. Doch seine Frau hatte im Augenblick wirklich keinen Sinn für Duncans Reize.

Was war denn? Hat Joe Eheprobleme?“ Micky zog ein Gesicht, das Duncan inzwischen gut kannte. Es bedeutete Ärger, großen Ärger. Er setzte sich in einen Rattansessel, der neben dem Schlafzimmerfenster stand und trank seine Milch aus.
Viel schlimmer. Richie hatte anscheinend ein kleines Duell in Boston, dummerweise hat es ihn wohl übel erwischt. Die Polizei hat ihn neben der kopflosen Leiche eines gewissen Edward Defour gefunden.“ Duncan sprang aus dem Sessel auf und kleckste mit den Resten der Milch.
Verdammt! Der Junge ist aber auch so unvorsichtig! Man kann ihn nicht mal alleine nach Boston lassen, er macht nur Ärger.“ Trotz der dramatischen Ereignisse konnte Micky sich ein Grinsen nicht verkneifen. Duncan sah sie an und schüttelte ungläubig den Kopf. „Oh nein, sag nicht, dass du da auch schon Ärger hattest?!“ Micky ging an ihren Kleiderschrank und packte eine Tasche für sich und Duncan. Dann ging sie nach nebenan in die Waffenkammer und holte ihre beiden Schwerter und die Papiere nebst Sporttasche.
Sagen dir die Worte ‚Boston Tea Party’ etwas?“ fragte sie, während sie die Treppe runterstieg, um Kaffee zu kochen und ein paar Croissants in den Ofen zu legen.

 

Britische Kolonie, Boston, 16. Dezember 1773.
Michelle Dubois schlenderte am Arm eines gut aussehenden Schotten am Hafen von Boston entlang. Die Sonne schien, einige Schneeflocken fielen vom Himmel hernieder, der Schnee knirschte unter Michelles Lederstiefeln.

Ein herrlicher Tag, findest du nicht?“ fragte sie ihren Begleiter. Er lächelte und ließ seinen Blick über den Hafen schweifen. Schiffe wurden be-und entladen, hier und da sah man britische Soldaten, die mit ihrer Gegenwart die Ordnung aufrechterhielten.
Ja, in der Tat. Wollen wir dort vorne ein Bier trinken oder eine Tasse Tee?“ Er zeigte in Richtung eines Gasthauses. Die Comtesse gab ihm einen Knuff in die Seite wegen seiner Bemerkung über Tee.

Tee war in diesen Tagen durch die Steuern, die König George seiner Kolonie auferlegt hatte, nahezu unerschwinglich. Wer heutzutage Tee trinken konnte, der besteuert wurde, war wirklich reich. Die Kolonisten hatten sich bereits im Mai dieses Jahres Luft über den bestehenden Unmut gemacht. Aufgrund der Teesteuer hatten die Kolonisten den eingeführten, unverschämt teuren Tee boykottiert. Nach 1770 wurden etwa 90 Prozent des in Amerika getrunkenen Tees, aus dem Ausland eingeführt und waren somit zollfrei. Die East India Company entschloss sich angesichts dieses dreisten Schmuggels, ihren Tee durch eigene Vertreter zu verkaufen und den Preis des Schmuggeltees zu unterbieten. Somit wollten sie Gewinne verhindern und die unabhängigen kolonialen Kaufleute ausschalten.

Connor, ehrlich, du musst nicht immer gleich rausposaunen, dass ich eine reiche Adlige bin. Dann kann ich mich vor Verehrern wieder nicht retten.“ Er lachte, sein Dreispitz verrutschte ein wenig. Connor MacLeod griff danach und verbeugte sich dreist grinsend vor Michelle.
Ich werde Eure Ehre mit meinem Schwert verteidigen, hochwohlgeborene Comtesse“, erklärte er mit todernster Mine. Michelle schlug lachend nach ihm und schüttelte den Kopf.
Du bist unmöglich! Ich weiß bis heute nicht, warum ich dich 1635 davor gerettet habe als Pferdedieb aufgeknüpft zu werden. Du bist ein Schuft!“
Ich habe andere Qualitäten, die ich während unserer Liaison in Glennfinnan bewiesen habe. Zumindest habe ich bis einschließlich heute morgen keine Beschwerden darüber zu hören bekommen, dass du – nun ja, sagen wir mal – nicht befriedigt wärst.“ Er grinste schon wieder so dreist und sehr von sich überzeugt, auf Michelles Wangen schlich sich eine verräterische Röte. Ehe sie etwas über Connors Qualitäten der besonderen Art erwidern konnte, brach am Hafen ein Tumult aus. Man hörte überall aufgeregte Rufe und mit einem Mal sprang eine Meute Indianer aus einer Gruppe Passanten heraus. Auf den zweiten Blick erkannten Connor und Michelle, dass es Kolonisten waren, die sich verkleidet hatten. Alles geschah rasend schnell. Die vermeintlichen Indianer stürmten auf die Teepakete, die an der Hafenmauer standen zu, ergriffen sie und warfen sie ins Wasser. Britische Soldaten stürmten auf die „Indianer“ zu und wollten sie verhaften. Einer rempelte Michelle grob an, sie fiel nach hinten um und verschwand in einem Meer aus Röcken und Unterröcken. Connor lachte laut los, was mit giftigen Blicken der Comtesse erwidert wurde. Sie fluchte höchst undamenhaft auf Französisch, in der Hoffnung, dass man sie nicht verstand.
Hör auf so dümmlich zu lachen, Connor MacLeod! Hilf mir lieber hoch!“ Sie ruderte mit den Armen und versuchte auf die Füße zu kommen. Connor trat näher, beugte sich runter und zog Michelle hoch. Das Kleid war ruiniert. Sie war nicht nur umgefallen, sondern zu allem Überfluss noch auf einem Haufen verfaultem Obst gelandet. Noch immer lachend führte Connor sie von dem Ereignis weg, das in die Geschichte als „Boston Tea Party“ eingehen sollte.
Komm, ich lade dich auf einen Tee ein.“ Michelle fluchte schon wieder in ihrer Muttersprache.


Kanada, Vancouver, Duncans Dojo, die Gegenwart.
Duncan hielt es da wie sein Cousin im Jahr 1773, er lachte, während er im Küchenschrank wühlte. Schließlich hatte er gefunden, wonach er suchte. Mit dem Gegenstand in der Hand drehte er sich um und hielt ihn seiner Frau fragend entgegen. „Möchtest du eine Tasse Tee?“ Sie warf den Kochhandschuh, mit dessen Hilfe sie das Blech Croissants aus dem Ofen geholt hatte, nach dem Teebeutel.

 

Nordamerika, Boston, der nächste Tag.
Micky hatte tiefe Ringe unter den Augen, seit Joes Anruf hatte sie nicht mehr schlafen können. Sie zermarterte sich das Hirn, wie sie Richie aus dieser aussichtslosen Situation retten sollten. Richie hatte einen Menschen getötet, es war egal, ob er ein Unsterblicher gewesen war. Die Sterblichen wussten nichts von ihnen oder dem Mythos der „Zusammenkunft“. Sie würden ohnehin nicht verstehen, warum Menschen, die ewig leben konnten, sich für Energie und einen dubiosen Preis, den es nach der „Zusammenkunft“ angeblich geben sollte, gegenseitig die Köpfe abschlugen. Nein, dafür würde kein Richter Verständnis haben. Erschwerend kam hinzu, dass Richie während der Jahre vor seiner ersten Belebung nicht gerade als Musterknabe gegolten hatte. Er war ein Waisenkind, das von Pflegefamilie zu Pflegefamilie gereicht worden war. Während seiner „wilden Jahre“ hatte er zahlreiche Überfälle und Einbrüche begangen und war der Polizei in Kanada einschlägig bekannt.

Selbst bei Duncan wollte er damals in dessen Antiquitätenladen einbrechen und war so in den Genuss ihrer Freundschaft gekommen. Duncan hatte den Jungen nicht angezeigt, weil er als sein Begleiter bestimmt worden war und wusste, dass Richie auf absehbare Zeit ein Unsterblicher werden sollte. Und heute war Micky seine Lehrerin, sie fühlte sich für ihn verantwortlich. Wer jünger als 100 Jahre alt war, genoss im Kreis der Unsterblichen den Schutz seiner Lehrmeister. Richie war zwar eine gern gewählte Beute bei den verbohrten Schwertschwingern, die immer noch die „Zusammenkunft“ anstrebten, doch die mussten erst einmal an der unerschrockenen Comtesse vorbei. Und Micky hatte sich genug Köpfe in den vergangenen Jahrhunderten geholt seit ihrer ersten Begegnung 1544 in Wittenberg. Durch den Sieg über Damian Barton zählte sie heute zu den mächtigsten Unsterblichen. Eng werden könnte es einzig, wenn die Reiter der Apokalypse wieder auftauchen würden und Methos sich ihnen anschließen sollte. Doch davon ging Micky nicht wirklich aus.

Micky und Duncan waren auf dem Weg zum Gefängnis, als ihr Handy wieder klingelte. Joe war dran. "Ich hoffe, du hast gute Nachrichten, Joe."
"Wie man's nimmt, Micky. Zuerst die schlechte: Ihr könnt Richie nicht besuchen, weil er wegen Mordes an Edward Defour angeklagt wird." Micky stöhnte auf. "Aber pass auf, ich habe einen Freund in Boston, der Anwalt ist, er steht mit den Beobachtern in Kontakt. Ich habe ihn über Richies Fall informiert. Er übernimmt die Verteidigung. Geht zu ihm und besprecht, wie ihr Richie aus der U-Haft rausbekommt. Vielleicht könnt ihr Kaution stellen."
"Und dann verlier' ich eine Million Euro oder wie hoch wird die Kaution bei Mord sein? Vergiss es, Joe. Wir überlegen uns was anderes. Von mir aus soll Richie sich im Knast aufhängen und wir holen ihn dann im Leichenschauhaus ab." Joe lachte, während er einem Gast einen Martini servierte. "Ganz wie du willst, Comtesse. Ist ja dein Schüler."
"Ganz Recht, ich musste damals auch machen, was Nakano und Nostradamus mir gesagt haben. Und wenn Richie sich aufhängen muss, um aus dem Knast zu kommen, dann hat er mich zu fragen, wie lang die Schnürsenkel sein sollen! Mach's gut, wir melden uns wieder." Sie klappte ihr Handy zu. Duncan blickte sie fragend an. "Ich will es nicht wirklich wissen, oder Micky?" Sie schilderte kurz die Situation, dann Fiel ihr ein, dass Joe gar nicht dazu gekommen war, ihr die Adresse des Anwalts zu nennen. Sie kramte in ihrer Manteltasche nach dem Handy, als es auch schon wieder vibrierte. Joe nannte ihr schnell die Adresse und verabschiedete sich dann.

 

Zur selben Zeit stand Richie im Gefängnis Todesängste aus. Er war für einen Mord an einem Unsterblichen verhaftet worden, den er nicht begangen hatte. Dieser Umstand an sich war nicht wirklich das Problem. Der wahre Mörder Edward Defours war natürlich ein Unsterblicher, noch schlimmer war, dass er ein Polizist war. Und nun hatte er die beste Möglichkeit sich Richies Kopf zu holen. Bisher hatte man Richie noch keinen Strafverteidiger zugeteilt und auch Micky hatte sich noch nicht gemeldet. Er war langsam überfällig, sollte heute morgen in Vancouver gelandet sein. Sein Handy war natürlich am "Empfang" dieser reizenden Unterkunft konfisziert worden. Richie lief im Hof nervös auf und ab, immer bereit, dass im nächsten Augenblick der unsterbliche Cop auftauchen würde.

"Ryan, Besuch für dich. Du hast anscheinend wichtige Freunde, Robert Martins, Bostons Staranwalt übernimmt deine Verteidigung... Beeil dich, Ryan! Einen Mr. Martins lässt man nicht warten." Richies Herz machte einen Freudensprung. Ihm war klar, dass einen Staranwalt nur jemand wie Micky MacLeod aufgabeln konnte.
Der Wärter schubste ihn grob in das Verhörzimmer und schloss die Tür von außen. "Mr. Ryan, Ihre... Lehrmeisterin schickt mich." Damit wusste Richie, dass der Mann eingeweiht war.
"Mr. Martins, zu allererst, ich war es nicht."
"Mr. Ryan,.. darf ich Richie sagen?" Dieser nickte einverstanden. "Gut, Richie. Ich weiß über die Unsterblichen Bescheid. Ich bin ein Freund von Joe Dawson und ich kenne auch die Beobachter und ihre Aufgabe. Sie können mir also sagen, dass Sie Mr...." Er warf einen Blick in seine Notizen. "Defour geköpft haben. Zumal die Pathologen an Ihrem Schwert Hautfetzen und Blut des Opfers gefunden haben." Richie sprang auf und zischte eindringlich.
"Ich war es aber nicht. Es war ein anderer Unsterblicher! Er hat Defour und mir eine Falle gestellt, wir waren beide auf dasselbe Gemälde scharf. Ich wollte Micky, also Mrs. MacLeod, meine Lehrmeisterin beeindrucken." Er kratzte sich verlegen am Kopf und griff nach einem Glas Wasser. "Nachdem Defour und ich gemerkt hatten, dass etwas faul war, wollten wir uns verdünnisieren. Doch dann spürten wir die Gegenwart eines dritten Unsterblichen. Und dann ging alles sehr schnell."

Der dritte Unsterbliche zückte Schwert und Polizeimarke, Richie war klar, dass er sie nicht verhaften wollte, sondern sie in eine Falle gelockt hatte. Der ältere Defour schob sich an Richie vorbei und wollte das Duell eröffnen, doch der Cop ließ sich nicht darauf ein. Er preschte vor und knockte den überraschten Richie aus. Dann wusste Richie erst mal nichts mehr. Als er wieder zu sich kam, lag die kopflose Leiche von Defour neben ihm und sein Schwert war offensichtlich die Tatwaffe. Er hörte aufgeregte Rufe, sein Kopf dröhnte wie ein Lautsprecher bei einem Metallica-Konzert. Mit verschwommenem Blick erkannte Richie, dass drei Sicherheitsmänner des Museums mit gezogenen Revolvern auf ihn zu rannten. Von dem dritten Unsterblichen keine Spur.

"Und jetzt fürchten Sie, dass dieser Cop sich im Gefängnis Ihren Kopf holen wird?" Richie nickte.
"Ich hab' ihn bei meiner Verlegung in die U-Haft gesehen. Ja, er will meinen Kopf, Mr. Martins." Er nickte, um seine Aussage zu bekräftigen.
"Nun, Richie, dann ist es wohl wirklich besser, wenn wir kein Verfahren anstreben, sondern den Vorschlag von Mrs. MacLeod in die Tat umsetzen." Richie lehnte sich erleichtert zurück. Der Boss würde ihn nicht hängen lassen, sie würde ihn hier rausholen.
"Was muss ich tun?"
"Sie müssen sterben, Richie." Er blickte ungläubig.
"Wie meinen?"
"Sie müssen sterben. Mrs. MacLeod lässt ausrichten, dass Sie sich aufhängen sollen. Sie werden Sie im städtischen Leichenschauhaus in Empfang nehmen."
"Aber dann kann ich nie mehr als Richie Ryan nach Amerika oder Kanada einreisen." Martins nickte. "In der Tat. Mrs. MacLeod hat schon eine neue Identität für sie gebastelt. Joe kümmert sich um die Papiere." Er schob seine Notizen zusammen und stand auf. "Nun denn, ein fröhliches Sterben, Richie." Er schüttelte dem verdatterten Richie die Hand und ließ ihn stehen.

Das mit dem Aufhängen war leichter gesagt als getan. Erstens hatte Richie nichts dafür und zweitens ergab sich keine günstige Gelegenheit dazu. Es verstrichen zwei weitere Tage in der U-Haft und dann erkannte Richie, dass seine Zeit ablief. Er war auf dem Weg zu seinem heutigen Besucher, er vermutete seinen Anwalt.

Ein Blick durch das kleine Fenster genügte und Richie taumelte entsetzt zurück. Der Wärter fing ihn ab. Dort saß der unsterbliche Polizist und wartete.

"Was ist los, Ryan? Der Seargent will Sie verhören."
"Nein!" Er schüttelte den Kopf. "Nicht ohne meinen Anwalt. Rufen Sie Mr. Martins an und bringen Sie mich in meine Zelle zurück, sofort! Ich mache von meinem Recht Gebrauch zu schweigen!" Nun schüttelte der Wärter den Kopf.
"Ihr jungen Leute, ein paar Jahre L.A. Law geschaut und Matlock und schon seid ihr Juristen, wie? Aber bitte, dann zurück in die Zelle, Ryan."

In seiner Einzelzelle schritt Richie nervöser denn je auf und ab. Er wusste nicht, wie er hier rauskommen sollte. Micky hatte es sich so einfach gemacht.

"Häng dich auf, sagt sie. Als wenn das so einfach wäre." Doch das war es, er rief nach seinem Wärter.
"Was?!"
"Ist mein Anwalt verständigt worden? Ich will ihm noch eine Nachricht zukommen lassen." Der Wärter nickte, ließ Richie raus und führte ihn zu einem Telefon. Einen Anruf bei seinem Anwalt konnten sie ihm nicht verweigern.

 

Eine Stunde später saß Richie wieder in dem Verhörraum Mr. Martins gegenüber.
"Sie sollen es heute am frühen Abend machen. Die MacLeods kommen gegen 20 Uhr in das Leichenschauhaus und holen Sie ab." Dann hielt er den Gürtel unter dem Tisch Richie entgegen. Er griff danach und drehte sich beunruhigt zu dem kleinen Fenster in der Zimmertür um. Der Wärter stand mit dem Rücken zur Tür. Richie trat in seinen toten Winkel und streifte den Gefängnisoverall runter. Er schlang sich den Gürtel um die Hüfte und zog den orangefarbenen Overall wieder hoch. "Ich wünsche Ihnen alles Gute, Richie."
"Auf nimmer Wiedersehen, Mr. Martins."
"Nun, Richie Ryan werde ich auch nicht wieder sehen. Ab heute Abend heißen Sie Richie Canderson." Richie verzog das Gesicht, er hatte sich an den Nachnamen Ryan gewöhnt. Ertrug den Namen seiner ersten Pflegemutter seit er zu ihr gekommen war. Es war die letzte Verbindung zu seinem alten Leben. Aber eigentlich hätte ihm klar sein müssen, dass er nicht ewig mit dem gleichen Nachnamen rumlaufen konnte. Micky hatte schon so viele verschiedene Namen geführt. Richie sagte sie vor sich hin, während er zu seiner Zelle zurückgebracht wurde, um sich selbst Mut zu zusprechen.
"Michelle Dubois, Michelle Dante, Michelle Cunningham, Micky Dante, Micky Dubois, Micky MacLeod..." Er sprach leise genug, damit der Wärter ihn nicht hören konnte. In Gedanken verabschiedete er sich von Richie Ryan und hieß Richie Canderson willkommen.

 

Gegen sechs Uhr am selben Abend klingelte Mickys Handy, sie saß mit Duncan in einer schummrigen Bar über einen Whisky gebeugt.

"MacLeod."
"Es ist soweit, fahren Sie ins Leichenschauhaus."
"Danke, Mr. Martins.
Ich stehe in Ihrer Schuld."
"Joe erwähnte, dass Sie ein Weingut haben..." Micky grinste, der Champagner zahlte sich wirklich aus, wenn sie damit Richies Kopf aus der Schlinge bekam.
"Morgen früh verlässt eine Kiste Chateau Dubois Frankreich in Richtung Boston. Lassen Sie ihn sich schmecken, Mr. Martins." Sie beendete das Gespräch und trank den Whisky aus.
"So langsam macht es sich bezahlt, dass du deinen eigenen Champagner produzierst, Comtesse." Lachend über Duncans Bemerkung stellte Micky das Glas ab und stand auf.
"Dasselbe habe ich gerade auch gedacht. Komm, lassen wir den Junior nicht so lange schmoren." Sie verließen die Bar und suchten sich ein Taxi. Doch das war mitten in der Rush Hour gar nicht so einfach. Die Straßen waren verstopft und jedes Taxi in Boston schien im Moment einen Fahrgast zu haben.

 

Boston, städtisches Leichenschauhaus, 22 Uhr abends.
Mit einem Ruck wurde die Lade rausgezogen, Richie rührte sich nicht. Er hoffte nur, dass es kein Pathologe war, der ihn sezieren wollte. Der Leichensack wurde geöffnet und Richie blickte in das verärgerte Gesicht seiner Chefin.

"Hi, Boss." Er befreite sich aus dem Leichensack und sprang von dem Metalltisch. "Was hat eigentlich so lange gedauert?! Ihr wolltet doch schon vor Stunden hier sein! Ich hatte schon Angst, dass ich gleich aufgeschnitten werde." Er rückte sich die Krawatte und das Jackett zurecht, die Wärter hatten ihn nach seinem Selbstmord wieder das angezogen, was er bei seiner Verhaftung getragen hatte. Da Richie zu einem Geschäftstermin unterwegs gewesen war, trug er einen Armanianzug, den er sich von seiner ersten Provision gekauft hatte.
"Das können wir nachholen, Stupido!" blaffte Micky. Sie baute sich vor ihm auf und wollte ihre Strafpredigt, die sich schon in der Nacht nach Joes Anruf zurecht gelegt hatte, los werden. Doch bevor das erste Wort ihre Lippen verlassen konnte, legte Duncan rasch seine Hand auf ihren Mund.
"Nicht hier und nicht jetzt! Du kannst ihm den Kopf waschen, wenn wir in Paris sind."
"Paris? Wir fliegen direkt nach Hause?"
"Ja, es muss erst mal Gras über die Sache wachsen, du hast es in die überregionale Presse mit dem Mord geschafft, den du nicht begangen hast." Duncan hielt noch immer die Hand auf Mickys Mund, die wütend brabbelte und zappelte. Richie biss sich auf die Innenseite seiner Wange. Er wusste genau, wenn er jetzt lachte, würde Micky ihn wieder in den Leichensack packen und den Schlüssel für die Kammer wegwerfen.
"Dann ab nach Hause, Leute." Fröhlich stapfte Richie voran, er trat durch die Schwingtür und ging schnellen Schrittes über den einsamen Flur. Die drei kamen an den Tisch, wo der Wachmann ihre Ankunft registriert hatte. Er blickte ungläubig zwischen Richie und den MacLeods hin und her.
"Aber...", meinte er nur. Micky und Duncan reagierten nicht, sie gingen weiter, als wäre nichts.
Richie grinste, hob die Hand und meinte lässig: "Tschüss!" Micky holte mit der flachen Hand aus und versetzte ihm einen Schlag auf den Hinterkopf. Duncan konnte sein Grinsen nicht wirklich erfolgreich unterdrücken. Die drei liefen an dem verwirrten Wachmann locker und lässig vorbei wie Touristen, die den Old Freedom Trail von Boston entlang schritten und sich das Old State House ansahen, von dessen Balkon John Adams im Jahre 1776 die Unabhängigkeitserklärung verkündet hatte.

Nachdem sie um die Ecke gebogen waren, zog der Wachmann seine Schreibtischschublade auf. In einem Chaos aus Schokoladentafeln, Schmuddelheften und diversem Krimskrams lag seine Thermoskanne. Er holte die silberne Kanne raus und roch an seinem Kaffee. Nein, es war die gleiche Menge Whisky drinnen wie zu jeder Nachtschicht. Das erklärte natürlich nicht, warum ein augenscheinlich Toter an ihm vorbei gelaufen war, der vor wenigen Stunden auf einer Bahre an ihm vorüber gerollt worden war. Er nahm sich vor am nächsten Tag bei seinem Boss Urlaub zu beantragen. Er würde zum Fischen fahren, ja Entspannung war genau das Richtige, er hatte eindeutig zu viel Stress gehabt. Diese Story würde er nicht einmal seinem Psychiater erzählen, der würde ihn in die Psychiatrie der Boston University einweisen lassen und als Versuchsobjekt für neue Antidepressiva benutzen. Nein, das würde er keiner Menschenseele erzählen.

 


6. Gebrochene Lanzen, gebrochene Herzen, verlorene Ehre

Frankreich, St. Denis – ein Vorort von Paris, 10. Juli, frühmorgens.
Paris erwachte zum Leben, der Markt füllte sich mit Verkäufern, die ersten Angestellten kauften sich auf dem Weg ins Büro die „Le Monde“ und ein Croissant. Touristen strömten in die Metropole, bereit die Kunstwerke und die Eindrücke längst vergangener Epochen in sich aufzunehmen.

 

Micky stieg in dem kleinen Pariser Vorort aus ihrem Z3 und schloss ihn ab. Vor ihr lag die Kathedrale St. Denis, in der seit dem 10. Jahrhundert Frankreichs Könige bestattet worden waren. Am heutigen Tag vor 447 Jahren war König Heinrich II. seinen Verletzungen erlegen, die er sich bei einem Turnier zu Ehren der Hochzeit seiner Tochter Elisabeth mit König Philipp II. von Spanien zugezogen hatte. Sein Tod hatte eine neue Ära für Frankreich eingeläutet, die von einer Frau bestimmt worden war: Katharina von Medici. Der italienischen Krämerstochter, wie sie von ihren Feinden verächtlich genannt worden war. Eine kluge Strategien nannten sie auch heute noch ihre Bewunderer, die durch drei ihrer Söhne, Franz II., Karl IX. und Heinrich III. regiert hatte bis zum ihrem Tode 1589. Micky hatte den Wechsel im Hause Valois hautnah miterlebt, sie hatte auf der Tribüne neben der Königin von Frankreich gesessen, die das Buch mit den Prophezeiungen von Mickys Meister Nostradamus fest umklammert gehalten hatte. Sie hörte auch heute noch, wie Katharina Heinrich eindringlich beschworen hatte das Turnier nicht zu bestreiten. Und Heinrich, der sich gerade mit Katharina ausgesöhnt und versprochen hatte, Diane von Portier fortzuschicken, hatte ihr Mut zugesprochen, dass er mit ihren Farben und der Rüstung, die sie ihm geschenkt hatte, doch nur gewinnen könnte. Böse Zungen behaupteten später, sie hätte die Rüstung verhexen lassen von Maestro Ruggieri, ihrem Hofastrologen und persönlichen Giftmischer. Das Volk bewunderte und liebte sie, das Volk verabscheute und hasste sie.

Nach Katharinas Tod kursierte folgender Text in den Straßen von Paris, der diesen Zwiespalt eindrucksvoll wiedergab: „Die Königin, die hier liegt, war Teufel und Engel zugleich, häufte Schande und Lobpreisung auf sich. Sie hielt den Staat zusammen und der Staat machte sie nieder. Sie erreichte Übereinkünfte und nicht weniger Auseinandersetzungen. Sie war Mutter von drei Königen und fünf Bürgerkriegen, ließ Schlösser bauen und Städte ruinieren, erließ gute Gesetze und schlechte Verordnungen. Wünsche ihr, Wanderer, die Hölle und das Paradies.“ Micky, die nun wirklich nichts mehr in Frankreich gehalten hatte, war nach Rom gepilgert, um für Katharinas und Nostradamus’ Seele zu beten.

Nun trat sie durch die Tür der Kathedrale, es roch nach Weihrauch, offensichtlich hatte bereits eine Frühmesse stattgefunden. Micky ging zielstrebig auf die Krypta zu, in der Hand zwei Sträuße mit weißen Lilien, das Symbol der Valois-Könige.

 

Sie legte den einen Strauß auf das Grabmal des Königs Heinrich und wandte sich gleich zu Katharina Medicis Grab um. Andächtig kniete sie sich vor das Grab ihrer Königin, der sie nach dem Tode Nostradamus' als Hofdame gedient hatte. Sie hatte den Wahnsinn, der die Inzucht der Valois bewirkt hatte, in erschreckender Nähe miterlebt. Katharinas drei Söhne, die Frankreich regiert hatten, waren im Prinzip die Marionetten ihrer dominanten Mutter gewesen. Dennoch empfand Micky eine gewisse Bewunderung für die Frau, die aus einer jahrzehntelangen Demütigung in Form der Favoritin ihres Mannes, Diane von Portiers, ihren größten Vorteil geschlagen hatte. Hinter Heinrichs Rücken hatte sie die Regierungsgeschäfte erlernt, um für sein Dahinscheiden gewappnet zu sein. Ihr ältester Sohn Franz II. war erst 15 Jahre alt gewesen, als er seinem Vater auf den Valois-Thron nachfolgte. Ein Jahr später starb er und sein Bruder Karl IX. folgte ihm zehnjährig auf den Thron. Mickys Meister hatte vier Jahre vor Heinrichs Tod die Prophezeiung über das Duell veröffentlicht, um seine Fähigkeiten als Seher zu beweisen. Heinrich hatte ihn als Dankeschön bei einem Besuch am Hofe zu vergiften versucht. Das nahm Micky natürlich persönlich, sie reiste auf eine Einladung der Königin zur Hochzeit der Prinzessin Elisabeth an den Hof, um das Ende des

Königs mitzuerleben. Und dann war der Tag des Turniers gekommen...

 

Frankreich, Schloss Blois, 1. Juli 1559.
Es klopfte an der Tür zu Katharinas Gemach.

Herein!“ Die Königin von Frankreich drehte sich mit ihren raschelnden Gewändern um. Michelle trat ein und knickste vor der Königin.
Michelle, meine Liebe. Ihr seid endlich da.“ Die Königin schritt auf sie zu und reichte ihr die Hand zum Kuss. Michelle ließ ihr die angemessene Ehrbezeugung zukommen. Dann führte Katharina sie zu zwei bequemen Sesseln und schenkte für sich und ihren Gast Wein ein, dem wohlduftende Gewürze beigemischt waren.
Heinrich hat mit mir gesprochen, Michelle.“ Die Comtesse zog fragend eine Augenbraue hoch und nippte an ihrem Wein. „Er wird Diane vom Hof fortschicken.“
Michelle wurde hellhörig, sie wusste, wie sehr die Königin unter der Mätresse und ihrer Arroganz litt. Sie war vierzehn Jahre alt gewesen, als ihr Onkel Papst Clemens die Ehe mit dem Prinzen Heinrich vereinbart hatte. Es war nie beabsichtigt gewesen, dass die italienische Krämerstochter auf den Thron kommen sollte. Doch das Schicksal hatte anders entschieden: Sein älterer Bruder, der Dauphin, starb an einem Herzinfarkt. Erhitzt nach einem Tennisspiel trank er wie so oft Eiswasser trotz der vehementen Interventionen seines Hofarztes und Katharinas. Natürlich hieß es sofort, die Krämerstochter hätte ihn durch ihren Giftmischer Maestro Ruggieri vergiften lassen, um Heinrich und sich auf den Platz des Dauphinpaares zu manövrieren.

Majestät, versteht mich nicht falsch, aber glaubt Ihr dem König das? Er liebt die Großseneschallin seit er ein unerfahrener Junge war...“ Michelle konnte sich diese Redeweise der Königin gegenüber erlauben als eine der wenigsten bei Hofe. Durch ihren Status als Nostradamus' Schülerin genoss sie bei Katharina eine besondere Stellung und ein enormes Ansehen. Katharina ging in Nostradamus' Haus in Salon ebenso ein und aus wie dessen Schülerin und Geliebte. Sie wusste, dass die junge, hübsche Comtesse das Bett mit Nostradamus teilte und dass Anne de Notredame davon wusste. Sie verstand nicht so recht, wie die Ehefrau damit leben konnte, doch sie ahnte, dass die Liaison zwischen Nostradamus und seiner Schülerin mehr spirituelle denn fleischliche Gründe hatte.
Meine liebe Comtesse, wenn Ihr mir sagen würdet, Ihr verließet Euren geliebten Michel, dann würde ich es nicht glauben... Aber bei Heinrich ist es etwas ganz Anderes.“ Michelles Lippen kräuselten sich zu einem Lächeln, der Tag würde kommen, spätestens am 2. Juli 1566, seinem Todestag. Er hatte ihn seiner Schülerin genannt, damit sie sich darauf vorbereiten konnte. Sie hatte die Liaison auch schon mehrfach beenden wollen, weil sie um den Ruf ihres Meister und der Familie Notredame fürchtete. Doch er und sogar Anne hatten ihr zu verstehen gegeben, dass sie von der Idee weniger als gar nichts hielten. Sogar zur Patentante seiner Söhne Charles und Cesar hatte er sie gemacht.
Majestät, ich glaube, die... Beziehung, die ich zu Maitre Nostradamus unterhalte, lässt sich nicht mit seiner Majestät und der Großseneschallin vergleichen.“
Wahrscheinlich nicht, doch ich glaube Heinrich. Heute Abend nach dem Turnier wird er Diane wegschicken. Er wird ihr und seinen illegitimen Abkömmlingen eine angemessene Apanage zahlen, was ich für mehr als großzügig erachte. Dafür hat sich die Großseneschallin zeitlebens vom Hof zurückzuziehen.“ Sie lächelte nun siegessicher und schenkte Wein nach.
Majestät, was ist mit der Prophezeiung? Katharina zuckte zusammen.
Ich habe Heinrich darauf angesprochen, doch er ist uneinsichtig. Er will heute reiten. Mit meinen Farben.“
Vielleicht könntet Ihr mir vorher eine Audienz bei seiner Majestät ermöglichen? Mein Meister hat mich gebeten noch einmal alles zu versuchen. Es wäre ihm lieber, wenn seine Prophezeiung sich nicht erfüllen wird.“ Die Königin teilte diesen Wunsch seit Heinrich sie über seine Pläne Diane bezüglich informiert hatte. Michelle hingegen wünschte dem boshaften, verblendeten Herrscher den prophezeiten Tod seit seinem gescheiterten Giftanschlag auf ihren Meister.

Ja, versucht es, Michelle. Ich würde mich erkenntlich zeigen. Vielleicht können wir die Ländereien, die Chateau Dubois angeschlossen sind ein wenig erweitern?“ Michelle nickte lächelnd. Ihr lag nicht wirklich etwas daran, sie wollte viel mehr Schwierigkeiten von ihrem Meister fernhalten und der Königin die Trauer um ihren Mann ersparen. Und die Trauer um die Kinder, die sie laut Nostradamus' Prophezeiung überleben sollte. Der Dauphin sollte nächstes Jahr sterben, Isabelle in acht Jahren, Claudia in neun Jahren ebenso wie Karl IX., Franz I. sollte in 25 Jahren folgen. Obwohl Katharina zwischen 1544 und 1556 ihrem König neun Kinder geboren hatte, war ihr der Tod ihrer Zwillingsmädchen Johanna und Victoria sehr nahe gegangen. Johanna war noch am Tage ihrer Geburt gestorben und Victoria war kaum zwei Monate alt geworden. Ihren kleinen Ludwig hatte sie nach anderthalb Jahren der kalten Erde wieder zurückgeben müssen. Drei Kinder tot, fünf sollten noch vor ihr sterben. Das alles hatte Nostradamus gesehen, er hoffte aber noch immer, wenn Heinrich nicht wie prophezeit sterben würde, könnte er seiner Königin das erneute Leid ersparen. Doch der König gab ja nichts auf die Prophezeiung, dass der alte Löwen von dem jungen in einem goldenen Käfig verletzt werden und zwei Wunden eine bilden und er schließlich sterben würde. Nostradamus hatte sogar das Datum gesehen und Heinrich gewarnt, erfolglos.
Majestät, lasst mich mit seiner Majestät reden, ich bitte Euch an. Es ist zum Wohle Frankreichs.“ Michelle war zwar nicht im Mindesten von ihrer Bitte überzeugt, doch sie tat es für Nostradamus und Katharina, die ihr beide ihren Schutz und ihre Freundschaft geschenkt hatten.
Ja, zum Wohle Frankreichs.“ Die Königin stand auf. „Folgt mir, meine Liebe.“ Michelle tat, wie befohlen und folgte in ihrem blauen Feststaat der Königin von Frankreich.
Doch Heinrich blieb uneinsichtig und das Turnier rückte unabänderlich näher. Und Michelle hatte noch ganz andere Probleme, der Knappe des Grafen Montgomery hatte sich als Unsterblicher herausgestellt. Er hatte Michelle für den Abend zu einem Duell gefordert. Michelle fluchte vor sich hin, während sie die Nachricht las. Sie hatte bis jetzt nur drei Duelle erfolgreich hinter sich gebracht. Seit Nostradamus sie kreuz und quer durch Europa jagte, um aus ihr eine Dienerin der übernatürlichen Sphären zu machen, vernachlässigte sie ihr Schwert-und Kampftraining massiv. Meister Nakano würde ihr mehr als eine Schale
mit seiner Nudelsuppe ins Kreuz pfeffern, wenn er sie heute sehen könnte. Doch was blieb ihr für eine Wahl? Es ging ja immerhin um die „Zusammenkunft“. Sie sagte dem Boten, den Etienne de Malville geschickt hatte, dass sie sich um 18 Uhr im Park von Blois einfinden würde. Nachdem der Junge sich getrollt hatte, machte sie sich sofort wieder Sorgen um Katharina und das Schicksal des Königreichs.

 

Noch auf dem Turnierplatz versuchte Katharina auf ihren Gatten einzureden, doch er verströmte genug Zuversicht, dass sie sich ein wenig beruhigt auf die Tribüne setzte.

Neben ihr Diane von Portier, die von ihrer bevorstehenden Verbannung noch nichts ahnte und die Comtesse Michelle Dubois zu ihrer Linken. Die Königin drückte das Buch an ihre üppige, matronenhafte Brust. Michelle betete zum heiligen Georg, dem Drachentöter, dass die Lanze des Grafen Montgomery nicht brechen und den König tödlich verwunden möge. Doch Nostradamus gelangte an diesem Tag, der zu Ehren der jungen Königin Elisabeth von Spanien zelebriert wurde, zu traurigem Ruhm. Der erste Durchgang verlief ohne Probleme und Katharina atmete schon erleichtert auf, doch Heinrich gab nicht nach. Er ließ Montgomery eine neue Lanze bringen und brachte seinen Rappen wieder in Position. Und da geschah es, die Spitze von Montgomerys Lanze brach ab. Katharina, Diane und Michelle sprangen von ihren Sesseln auf und schrieen entsetzt. Die drei Frauen rauschten mit wehenden Röcken die Tribüne hinunter und stürzten neben den König auf die Knie. Diane warf sich über seine Brust und brüllte hysterisch, Michelle schlug ein Kreuz und sah sich verstohlen nach Etienne de Malville um, sie spürte seine Gegenwart überdeutlich. Katharina war die Ruhe selbst, sie hatte sich mit dem Unausweichlichen abgefunden, ihr Schicksal war die Krone Frankreichs, Franz war ja erst fünfzehn und brauchte die starke Hand seiner Mutter.

Madame, tretet zurück!“ Sie herrschte Diane von Portiers scharf an, doch die ehemalige Favoritin des Königs reagierte nicht. Sie sah in der Kürze eines Augenblicks ihr glanzvolles Leben am Hofe des Königs und in dessen Bett zu Ende gehen. Sie konnte ja nicht ahnen, dass er sie ohnehin spätestens heute Abend in die Verbannung geschickt hätte.
Madame!“ blaffte Katharina noch einmal. Doch Diane reagierte noch immer nicht. Katharina winkte die Wachen heran, sie zogen die Großseneschallin grob auf die Füße und führten die noch immer hysterisch schreiende Frau fort vom Turnierplatz. Der Leibarzt traf mit seinen Assistenten und einer Trage ein, Heinrich wurde darauf gelegt und in den Palast gebracht.
Majestät, da ist noch mehr, jetzt da sich die Prophezeiung erfüllt hat, werden die anderen auch eintreffen.“ Katharina blickte Michelle verstehend entgegen, sie nickte.
Ich will aber nicht mehr wissen, mein Kind. Ihr Meister sagte mir, dass meine Kinder alle einen Thron besteigen werden, das reicht mir.“ Sie drehte sich um und schritt würdevoll neben der Bahre her. Michelle schüttelte den Kopf, Katharina hatte die Prophezeiung missverstanden. Drei ihrer Söhne würden nacheinander König von Frankreich werden, der letzte sollte seine Mutter nur um sieben Monate überleben. Elisabeth war Königin von Spanien, Margarete würde an der Seite von Heinrich von Navarra, Königin von Frankreich werden. Und als besonderes Hochzeitsgeschenk für Margarete und den jungen Hugenottenführer Heinrich würde Katharina eine Blutnacht in Paris veranstalten. Sie würde in der Nacht auf den 24. August 1572, der Nacht vor St. Bartholomäus, zwischen 3.000 bis 10.000 Menschen, die nicht katholischen Glaubens waren per Pogrom ermorden lassen. Das Massaker sollte in die Geschichte als die Bartholomäusnacht eingehen und Michelle würde alles hautnah miterleben, da sie nach Nostradamus' Tod Hofdame bei Katharina von Medici werden sollte.

Doch heute ahnte sie noch nichts von dem Wahnsinn der Valois, der die auf absehbare Zeit verwitwete Königin augenscheinlich infizieren sollte. Heute bangte sie um Heinrichs Leben und machte sich Gedanken um das bevorstehende Duell mit dem Knappen des Grafen Montgomery.

Zu dem Duell sollte es aber nicht mehr kommen. Montgomery war von Panik gepackt, als er erfuhr, dass die Ärzte den König abgeschrieben und die letzte Ölung angeordnet hatten. Er reiste mitten in der Nacht mit seinem Gefolge ab und der Knappe Etienne de Malville musste seinem Herren folgen. Michelle kam es gerade Recht, sie erzählte jedem Unsterblichen und jedem Sterblichen, der um die „Zusammenkunft“ wusste, dass der Feigling de Malville sich vor dem Duell in Luft aufgelöst hätte. Sie sah ihn nie wieder nach dem 1. Juli 1559.

Aber wie heißt es so schön: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt!

 

 

Frankreich, St. Denis – ein Vorort von Paris, die Gegenwart.
Micky trat aus der kühlen Kathedrale von St. Denis raus und ging zu ihrem Sportwagen. Sie wollte zum Hausboot fahren und mit Duncan frühstücken, bevor sie in der Galerie vorbei schauen wollte. Richie stand seit seiner Eskapade in Boston unter verschärfter Beobachtung durch seine Lehrmeisterin. Er hatte sozusagen Stubenarrest im Chateau bekommen und durchlief eine strenge Rehabilitation. Mit dem automatischen Türöffner entriegelte sie ihr Auto, im selben Moment zuckte Michelle zusammen. Sie sprang auf den BMW zu, riss den Kofferraum auf und holte ihr Toledo Salamanca hervor. Keiner ihrer „Musketiere“, wie Joe die Jungs seit Amandas Auftauchen in seiner Bar bezeichnete, konnte es sein. Sie wussten nicht, dass Micky nach St. Denis gefahren war, um der „Krämerstochter“ ihre Ehre zu erweisen.

Comtesse Dubois! Hier bin ich!“ Sie drehte sich in die Richtung um, aus der die Stimme gekommen war und schob ihre Sonnenbrille runter. Der Unsterbliche hatte die Sonne im Rücken, sie sah nur seine Umrisse.
Würden Sie mir freundlicherweise Ihren Namen nennen, bevor wir beginnen?“ Sie näherte sich und versuchte den Unsterblichen von der Straße fortzuführen. Sie drängte ihn in eine ruhige Seitenstraße, eine kleine Allee, die von jungen Platanen gesäumt war. Ruhiger wäre es natürlich auf dem Friedhof der ehemaligen Abteikirche gewesen, aber das war ebenso heiliger Boden wie die Kathedrale selbst.
Sie erkennen mich wohl wirklich nicht, Comtesse! Obwohl Sie meine Karriere ruiniert haben.“
Oh, tut mir leid. Habe ich Ihnen eine Gemälde vor der Nase weggeschnappt?!“ Er schnaubte verächtlich.
Gemälde! Pah! Sie haben der ganzen Welt erzählt, ich wäre ein Feigling und so wurde es mir verwehrt ein Ritter zu werden.“ Micky blickte ihm fragend entgegen, sie verstand kein Wort. Und dass obwohl sich die Comtesse doch sonst immer durch einen wachen Verstand auszeichnete.
Könnten Sie ein bisschen deutlicher werden, damit ich Sie kaltmachen kann? Ich habe eine Verabredung mit meinem Mann zum Frühstück...“ Sie blickte gelangweilt auf ihre Rolex und fügte hinzu: „Und in meine Galerie muss ich auch noch.“ Der Franzose, seine Aussprache war eindeutig, fauchte wütend über ihren bissigen Kommentar.
Etienne de Malville! Das ist mein Name!“ Damit war Micky natürlich alles klar. Er war der feige Knappe des Grafen Montgomery, der unfreiwillig Nostradamus' Prophezeiung erfüllt hatte.
Wissen Sie, eigentlich ist die Aufforderung zu dem Duell bereits vor 447 Jahren verstrichen! Aber ich will mal nicht so sein.“ Sie hob ihr Schwert und griff den Knappen von einst an. Und der Knappe von einst hatte in mehr als vierhundert Jahren das Kämpfen mit seinem Schwert gelernt. Er trieb Micky aus der Seitenstraße hinaus und auf den Platz vor die Kirche zurück. Mit einer unermesslichen Wut über die Demütigung seitens Micky drosch er auf sie ein. Sie rang nach Luft und stolperte ein paar Mal mit ihren Dolce Gabana Stöckelschuhen und dem hautengen Minirock. Wie gesagt, sie wollte sich mit Duncan zum Frühstück treffen und hatte ein Duell eigentlich nicht eingeplant.

De Malville versetzte ihr einen überaus schmerzhaften Schnitt am Bauch, zum Glück trug sie ein bauchfreies Top, der Wetterbericht hatte fünfunddreißig Grad angekündigt. Sie zuckte zusammen und sprang zurück. Der Mistkerl konnte verdammt gut kämpfen. Doch dann hörte sie Nakano in ihrem Kopf, der ihr sagte, sie solle mit ihrem Herzen sehen, die Augen könnten sie jederzeit täuschen. Also schloss Micky ihre Augen und lauschte ihrem rauschenden Blut, das aus der Bauchwunde schoss und ihrem Herz, das raste, wie Schumachers Ferrari in der Zielgeraden von Immola. Sie atmete ein paar Mal tief aus und kämpfte mit geschlossenen Augen. Ihr inneres Auge zeigte ihr Etienne de Malville mehr als deutlich. Der mit ihr gleichgroße, blonde Franzose stand ihr dicht gegenüber, sie trat ein, zwei Schritte rückwärts und holte aus. Etienne war verwirrt angesichts der Tatsache, dass Micky mit geschlossenen Augen kämpfte. Dies nutzte Micky natürlich schamlos aus, der Schlag traf ihn völlig unvorbereitet. Sein Kopf flog davon und landete in einem Kübel mit Geranien. Micky sackte in die Knie und nahm seine Energie in sich auf.

Dann lehnte sie sich an den Z3 und versuchte zu Atem zu kommen. In diesem Moment klingelte ihr Handy. Mit einer Hand versuchte sie den Schnitt am Bauch abzudrücken und klappte es zitternd auf.

Duncan.“
Wo bleibst du denn? Die Croissants werden kalt. Was hast du überhaupt in aller Herrgottsfrühe schon gemacht?“
Eigentlich...“ Sie stockte und kämpfte damit nicht ohnmächtig zu werden wegen des Blutverlustes. „Eigentlich wollte ich... nur Blumen an Königin... Katharinas Grab legen, es ist Heinrichs Todestag.“ Duncan wunderte sich über ihre stockende Aussprache.
Eigentlich? Und was ist dann passiert? Du klingst nicht gut.“ Sie hörte die Sorge, die in seiner Stimme mitschwang.
Das Übliche, ein Verrückter tauchte auf, mit dem ich vor über vierhundert Jahren mal Ärger hatte und hat sich... mit mir duelliert... vor der Kirche... Duncan, mir wird langsam... etwas schwarz vor Augen...“
Setz dich ins Auto, ich bin gleich da.“ Micky erwiderte nichts, sie zog sich am Türgriff ihres Autos mühevoll auf die Füße, öffnete die Tür und ließ sich auf den Fahrersitz fallen. Sie schaffte es gerade noch die Tür zu schließen, dann wurde sie ohnmächtig.

Als Duncan eintraf, war sie schon belebt und hatte eine richtig miese Laune. Sie hatte ihre Sitze vollgeblutet und den Rock versaut. So konnte sie unmöglich in der Galerie vorbeischauen, inzwischen war es schon zehn Uhr. Irgendwann musste sie noch einmal zu Bewusstsein gekommen sein und das Auto in eine einsame Seitenstraße gefahren haben. Duncan entdeckte sie schließlich, er hatte einige Umwege fahren müssen, da Etiennes Leiche schon gefunden worden war und die Polizei die Gegend abgesperrt hatte.

Guten Morgen“, grüßte er seine Frau, als er die Fahrertür des Z3 öffnete.
Sie funkelte ihn böse an und knurrte nur: „Scheißmorgen!“ Duncan lachte und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

Komm, lass uns verschwinden, ich fahre hinter dir her. Da vorne wimmelt es vor Gendarmerie und Presse.“ Micky seufzte.
Es war nicht meine Schuld, ehrlich. Ich wollte doch nur an Katharinas Grab.“
Wieso hat er dich überhaupt angegriffen?“
Ich hab' nach Heinrichs Tod jedem erzählt, dass der Knappe von Graf Montgomery ein feiger Hund sei, der vor einem Duell mit einer kleinen Comtesse mit eingezogenem Schwanz davongerannt wäre.“ Duncan lachte lauthals auf und schüttelte den Kopf.
Ja, das passt zu dir, du kleines Biest.“
Vorsicht, Highlander. Ich bin in Stimmung für eine zweite Runde.“
Und ich weiß auch schon genau, wo und wie wir die austragen werden, meine hochverehrte Comtesse. Daheim im Bett, dann entschädige ich dich für den, wie du sagtest 'Scheißmorgen'.“ Das Angebot könnte sie in der Tat wieder milde stimmen. Duncan schloss die Tür und ging schnell zu seinem Thunderbird. Micky startete ihren Wagen und fuhr Richtung Paris davon.

 

 

7. Neuzugang

 

Frankreich, Chateau Dubois, kurz vor dem Frühstück.
.„Ich hab' sie zuerst gesehen!“

Du warst doch viel zu betrunken, um überhaupt noch erkennen zu können, wie schön sie ist!“
Ich war nicht betrunken, ich war angeheitert!“ verteidigte Connor sich.
Du warst so betrunken, wie dein gesamter Clan nach der Schlacht gegen die Frasiers!“ Methos hob sein Schwert und umkreiste Connor.
Komm schon, Methos, du bist immerhin verheiratet!“
Ja, mit einer altägyptischen Nervensäge!“
Ich hatte seit Brenda keine richtige Gefährtin mehr!“
Und was ist mir der Comtesse? Michelle zählst du wohl nicht, oder wie?!“
Toll, das ist zehn Jahre her! Sie ist jetzt Duncans Frau! Und außerdem habe ich die Kleine zuerst gesehen!“ Connor hob sein Schwert und griff Methos an.

Die Schwerter schlugen aufeinander und aus der Küche hörte man, wie Geschirr zerbrach. Im ersten Stock wurde ein Fenster aufgerissen. Duncans offene Haare wurden von einer kühlen Brise umspielt, er trug kein Hemd und war gerade erst aufgestanden.

Herrgott noch mal! Wir haben bald kein Geschirr mehr, wenn das so weiter geht! Was habt ihr denn jetzt schon wieder für Probleme?!“
Es geht um eine Frau!“ erklärte Connor schlicht.
Bei euch geht es immer um eine Frau, ihr Narren! Ihr wisst doch, wie schreckhaft Yvette ist. Könnt ihr sie nicht vorwarnen, bevor ich euch duelliert?! Und wieso duelliert ihr euch wegen einer Frau? Gibt es nicht genug davon in Paris?“
Methos reckte den Hals und rief hoch in den ersten Stock: „Aber nicht so eine wie diese. Und ich hab sie zuerst entdeckt.“

Hast du nicht!“ Connor drosch mit seinem Toledo Salamanca auf Methos ein. „Und ich war auch nicht betrunken.“
Klar, deswegen musste ich dich auch heute Nacht herfahren, weil du trocken wie die Sahara warst!“ Das Badezimmerfenster im ersten Stock wurde geöffnet, Micky bürstete sich das lange, braune Haar und verfolgte amüsiert das Geschehen.
In der Disco war ich noch nüchtern, Methos!“
Ihr wart in einer Disco? In eurem Alter?“ rief Micky lachend in den Garten herunter. Im Hintergrund hörte man einen Rasenmäher, das Personal begann mit seiner täglichen Arbeit-
Wo sollen wir denn sonst attraktive, junge Frauen wie dich kennen lernen, Michelle?!“ rief Methos hoch und kämpfte gleichzeitig mit Connor weiter.
Methos, ich sag's dir schon seit Jahren, ich heiße jetzt Micky. M I C K Y, nicht Michelle! Gewöhn' dich endlich mal dran. Sonst komme ich runter und mische auch noch mit!“ Duncan lachte über ihren Kommentar.
Hört mal Jungs, die Disco ist wirklich nicht der richtige Ort, um so ein Prachtweib wie die Comtesse kennen zu lernen“, bemerkte Duncan, Micky nickte ihrem Mann wohlwollend zu. „Frauen wie Micky trifft man vorzugsweise auf dem Friedhof!“ Er lachte wieder.
Ich heiße Micky und nicht Buffy!“ Sie warf ein Handtuch vom Badezimmer­fenster aus nach Duncan und der fing geschickt es auf.
Seid ihr zwei Helden vielleicht schon mal auf die Idee gekommen, dass besagte junge Dame eine Schwester oder eine Freundin hat?“ fragte Micky. Connor und Methos sahen sie verblüfft an, dann sahen sie sich gegenseitig ins Gesicht und lachten nun ebenfalls los. Achselzuckend und sich gegenseitig auf die Schultern klopfend gingen Connor und Methos in Richtung Küche.
Ich glaube, du hast ihnen den Wind aus den Segeln genommen, Liebes.“
Dann sollten wir schnell frühstücken, bevor das nächste Duell ansteht.“ Micky und Duncan schlossen gleichzeitig die Fenster und gingen runter in die Küche.


Besagte junge Dame hatte nicht nur eine hübsche Schwester sondern auch einen Haufen Schwierigkeiten, wie sich spätestens am selben Abend rausstellte. Micky und Duncan begleiteten die beiden liebeskranken Streithähne in die neu eröffnete Disco „Nouveau Moulin Rouge“, das bei Insidern bereits als absoluter Geheimtipp galt. Methos und Connor führten sich auf wie zwei Gockel auf dem Hof, sie umkreisten sich neidisch und hatten sich genau im Auge, während sie mit Duncan und Micky in einer Nische auf die Ankunft von Mademoiselle Natalie Coulinss warteten.

Als sie endlich eintraf, war sie zu Mickys und Duncans Erleichterung in Begleitung einer überaus attraktiven, ein paar Jahre jüngeren Ausgabe ihrer selbst. Beide Frauen hatten blonde, gelockte Haare und blaugraue Augen. Mit ihrem Outfit schienen sie gerade der „Marie Claire“ entstiegen zu sein. Micky konnte verstehen, dass Connor und Methos sich wegen Natalie gestritten hatten. Ein Glück hatte sie eine Schwester. Natalie wirkte nervös und gehetzt, sie blickte sich immer wieder hektisch in der spärlich beleuchteten Disco um.

Natalie, ist alles in Ordnung mit Ihnen?“ fragte Methos.
Ehrlich gesagt nicht“, erklärte sie mit einem süßen französischen Akzent, der Connor und Methos schwärmen ließ, weil er sie stark an Micky und ihre erste Begegnung mit ihr erinnerte. Natalie hatte sich gerade von ihrem extrem eifersüchtigen Freund getrennt und fürchtete nun, dass er ihr folgen und sie behelligen würde.
Duncan, kommst du mal kurz mit? Ich will ein paar Getränke holen.“ Er nickte und folgte seiner Frau an die Bar.
Was ist los? Ich seh' dir an deiner aristokratischen Nasenspitze an, dass etwas nicht in Ordnung ist.“ Micky nickte und bestellte die Getränke beim Barkeeper, der unverhohlen mit ihr flirtete. Duncan drehte diskret an seinem Ehering und funkelte den lateinamerikanischen Barkeeper böse an. Dieser bemaß Duncans Whisky überaus großzügig, aus Angst der muskulöse Schotte könnte ihn wegen der Flirterei mit dessen Ehefrau über die Theke ziehen.
Diese Natalie.“
Was ist mit ihr?“
Ich schätze, ich bin als ihre Begleiterin bestimmt.“ Duncan drehte sich ruckartig zu der Nische um, in der seine Freunde und die beiden hübschen Damen saßen.
Natürlich! Wie hätte es auch anders sein können?! Wir können nicht einfach mal ausgehen, ohne dass etwas passiert.“ Micky griff nach den Drinks und bahnte sich einen Weg durch die tanzende Pariser Szene.
Wie verklickern wir das mit Natalie den beiden liebeskranken Trotteln?“ Duncan zeigte auf seinen Cousin und Methos.
Das machen wir am besten nachher im Chateau. Ich schätze mal, dass sie in den nächsten Wochen stirbt. Vielleicht auch nicht, man kann nie wissen, wann es soweit ist... Du überzeugst Methos, dass er unbedingt bei uns schlafen muss.“
Das haut nicht hin. Ich füll' ihn besser ab.“
Täusch' dich mal nicht, wie viel der Gute verträgt. In 5.000 Jahren wird man zwangsweise trinkfest, Duncan.“ Dieser grinste nur.
Mein Liebling, du vergisst, dass ich ein Schotte bin! Wir bekommen den Whisky als Muttermilch verabreicht.“

Es war nicht wirklich schwer Methos abzufüllen. Er bemerkte gar nicht, dass Duncan einen Drink nach dem anderen vor ihm abstellte. Er flirtete auf Teufel komm raus mit Natalie, während Connor sich geschlagen gegeben hatte und nun versuchte bei ihrer jüngeren Schwester Isabelle zu landen. Und Isabelle war von den charmanten Komplimenten Connors durchaus angetan. Die drei Pärchen tanzten bis in die frühen Morgenstunden. Normalerweise wären Micky und Duncan auf direktem Wege in ihr Bett auf dem Hausboot gefallen, da sie aber Connor und Methos von Natalie erzählen mussten, nahmen sie ein Taxi, das sie zum Chateau brachte.

 

Frankreich, Chateau Dubois, vier Uhr morgens.
Bist du dir sicher, Mich... äh.. Micky?“ fragte Methos, der von ihrer Eröffnung schlagartig wieder nüchtern geworden war.
Methos, derjenige, der als Begleiter für einen neuen Unsterblichen ausgewählt wird, spürt es kurz vor dessen ersten Tod. Das weißt du doch! Ich bin absolut sicher. Darius wusste es bei mir sogar schon Jahre bevor Maximillian mich ermordet hatte. Ja, ich bin mir sicher.“ Methos seufzte, es war ja auch zu schön gewesen. Er war übervorsichtig, was neue Beziehungen anging. Vor Unsterblichen scheute er aufgrund seiner Ehe mit Isis generell zurück. Jetzt hatte er sich in eine bildschöne, junge Frau verliebt, Mitte Ende zwanzig. Ja, zugegeben, sie erinnerte ihn an die Comtesse. Aber das war ja kein Verbrechen, das einzige Problem war ihre bevorstehende Unsterblichkeit. Methos hatte sich auf eine kurzzeitige Liebesbeziehung eingestellt, die er beenden würde, bevor Natalie kapieren konnte, dass er nicht alterte. Doch das war nun ausgeschlossen. Zumal Micky als ihre Begleiterin bestimmt war, was hieß sie würde ihre erste Lehrmeisterin werden.
Ich schlage vor, wir überwachen Natalie ab sofort rund um die Uhr. Wir sollten ihr ersparen im Leichenschauhaus aufzuwachen.“ Sie dachte an Brian und seinen dreißig Jahre andauernden Hass auf Micky, weil sie nicht bei seiner Belebung anwesend gewesen war. Dieses Mal würde sie bereit sein. „Richie spannen wir auch ein, außerdem sollten wir Joe in Kenntnis setzen. Er wird schon einmal die Beobachter über den Neuzugang informieren können.“ Die anderen waren mit dem Vorschlag einverstanden und schlurften müde ins Bett. Micky setzte sich in eine Decke gehüllt vor den Kamin. Sie starrte mit leerem Blick in die Flammen.

 

Vielleicht sollte sie. Sie sah zur Tür der Bibliothek, lauschte auf sich nähernde Schritte. Alles war ruhig, das Chateau war in einen seligen Schlaf gehüllt. Micky stand langsam auf, die Decke fiel von ihr herab. Sie trat an das Porträt ihres Vaters und nahm es von der Wand. Der kleine Safe wurde sichtbar, sie drehte das Zahlenschloss, es klickte dreimal und er war offen. Micky griff in den Safe und holte das Buch ihres Meisters raus. „Die Chronik der Unsterblichen“. Sie war sich sicher, dass die Beobachter das Buch verdammt gerne in die Finger bekommen würden. Doch sie ahnten glücklicherweise noch nicht einmal etwas von dessen Existenz.

Micky trug es zum Schreibtisch und schaltete die kleine Leselampe ein. Das Buch wurde aufgeschlagen und Micky erkannte sofort die Handschrift ihres alten Meisters. Sie blätterte durch die vergangenen 500 Jahrhunderte. Alle Unsterblichen, die sie kannte, waren aufgeführt. Da stand doch tatsächlich der Heiligabend 1635. „Die Comtesse Michelle Dubois befindet sich in der Grafschaft Surrey und trifft auf den unsterblichen Connor MacLeod.“ Micky grinste, während sie die Passage las. Sie blätterte weiter und hielt kurz im Jahre 1687 inne. „In Madrid wird sie in die Arme von Methos rennen, der sie vor dem 'Schlitzer von Madrid' rettet.“ Er hatte also alles gewusst. Micky blätterte immer schneller, gelegentlich hielt sie an und überflog Einträge, die Connor, Duncan oder Methos betrafen. Dann war sie schlagartig im 20. Jahrhundert angekommen. „23. Oktober 1993“, las sie laut.

Die Tür ging leise auf, sie hörte es nicht vertieft in die Chronik. „Richie Ryan wird erschossen und somit unsterblich.“ Sie blätterte schnell weiter, fand Darius' Tod und die Begegnung mit Duncan, die Hochzeit im Kloster und alles, was seitdem passiert war. Dann war sie im Jahr 2006 angekommen. Sie blätterte nun langsamer auf der Suche nach einem bestimmten Namen. Ihr Zeigefinger glitt über die Seiten und bremste schließlich ab. Sie hatte gefunden, wonach sie suchte.

 

Was ist das?“ fragte Duncan, Micky erschrak. Sie reagierte nicht mehr auf die Unsterblichen im Chateau, da es ja jemand Bekanntes sein musste.
Nichts für dich“, erklärte Micky harsch, schlug das Buch zu und legte es in den Safe zurück.
Seit wann hast du Geheimnisse vor mir, Comtesse?“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und blickte sie herausfordernd an.
Duncan, ich bin nicht so alt geworden, weil ich alles immer gleich herausposaune. Ich hatte des Öfteren Probleme mit der Inquisition und deren ehrenwerten Vertretern. An die Beobachter möchte ich nicht mal denken.“
Geht's noch geheimnisvoller?!“ Sie seufzte, eines war sicher, Duncan würde keine Ruhe geben. Wenn er etwas wissen wollte, führte er sich auf wie Sam Spade oder Mike Hammer.
Ich habe etwas von Nostradamus geerbt.“ Duncan setzte sich in einen der beiden Sessel, die vor dem Kamin standen und griff nach der Karaffe mit Wein. Er schenkte zwei Gläser ein und reichte eines an seine Frau.
Das überrascht mich jetzt nicht so wirklich. Ich kann mir gut vorstellen, dass du und der große Seher so einiges gedreht habt.“
Wir haben nichts gedreht, wie du sagst. Er hat mir zwei Chroniken vermacht... Die eine ist eine Erstausgabe seiner Cieclen, die du überall auf der Welt findest.“
Daraus machst du wohl kaum ein Geheimnis, oder?“
Natürlich nicht, die steht doch dort vorne im Glaskasten.“ Sie zeigte auf das kostbare Buch.
Außerdem hat er mir ein Buch mit Prophezeiungen über die Unsterblichen vermacht.“ Duncan bekam große Augen. Das
war in der Tat eine Neuigkeit, die erst mal eines weiteren Glases Wein bedurfte.
Und was steht da drin?“
Alles. Einfach alles. Ich hab nie im Voraus reingesehen. Aber eben dachte ich, es wäre vielleicht gut Natalies Todestag zu kennen. Und dabei habe ich noch einmal gesehen, dass Nostradamus alles aufgeschrieben hat, was den Unsterblichen seit dem 16. Jahrhundertpassiert ist.“ Duncan sprang auf.
Hättest du Darius' Tod verhindern können?!“ Er atmete heftig ein und aus.
Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Was dort steht, ist festgeschrieben. Darius' Leben war der Preis für unsere Liebe. Ich habe dir damals von der Prophezeiung erzählt. Deswegen habe ich nicht gezögert dich zu heiraten, du warst der mir prophezeite Highlander... Aber das ist jetzt egal. Ich weiß, wann Natalie sterben wird. Zumindest den Tag hat er genannt.“

Und der kam schneller, als sie alle gedacht hatten...


Frankreich, Paris, Île de la Cité drei Tage später.
Micky verfolgte Natalie schon seit dem Morgen, sie wusste anhand der Prophezeiung, dass es heute passieren würde. Sie hatte vorsorglich ein Zimmer im Chateau herrichten lassen und war bereit für ihre neue Rolle als Begleiterin.

Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten, über die Seine fuhren zahlreiche Ausflugsboote. Es war schlichtweg ein herrlicher Tag in der französischen Hauptstadt. Ein guter Tag zu sterben, dachte Michelle. Wie ihr eigener Todestag. Natalie Coulinss verließ ihre Wohnung, sie biss in ein Croissant und machte sich auf den Weg zur Arbeit. Und dann ging alles sehr schnell. Ein junger Mann sprang aus einem Hauseingang und bedrohte Natalie mit einem Messer. Mickys Herz raste, sie erinnerte sich an das Jahr 1523. Es gab ein Handgemenge, Natalie hatte offensichtlich viel zu viel Angst, um zu schreien. Der Mann stach sie nieder und rannte davon. Micky zögerte keine Sekunde, sie sprang aus ihrem BMW und rannte zu der toten Natalie rüber. Sie sah nach rechts und links, noch hatte niemand bemerkt, dass hier eine junge Frau ermordet worden war. Zum Glück. Micky kniete nieder und winkte in Richtung ihres Autos. Duncan kam auf sie zugerannt, sein Thunderbird parkte hinter ihrem Z3. Er hob Natalie auf seine Arme und trug sie zu Mickys Auto. Ihr weißes Sommerkleid war blutdurchtränkt. Die MacLeods hofften, dass die Belebung erst eintreffen würde, wenn sie Natalie ins Chateau verfrachtet hatten.

 

Frankreich, Chateau Dubois wenig später.
Ein spitzer Schrei gellte durch das Schloss, dieses Mal hatte Yvette nichts fallen lassen. Die Hausherrin hatte sie vorgewarnt. Micky hielt Natalie die Hand auf den Mund und bat sie still zu sein. Natalie blickte ihr ängstlich entgegen. Die Tür zum Gästezimmer ging auf, Duncan, Methos und Connor traten ein. Natalie zuckte zusammen, sie spürte zum ersten Mal die Gegenwart von Unsterblichen.

Was war das?“ fragte sie ängstlich.
Das war so eine Art Frühwarnsystem, Natalie. Das fühlen wir immer, wenn andere Unsterbliche auftauchen“, erklärte Methos und hielt ihre Hand.
Unsterbliche?!“ fragte sie skeptisch und rutschte weiter an das Kopfende des Bettes heran.
Jetzt mal ganz langsam. Ich erinnere mich, dass Pierre mich mit einem Messer bedroht hat und dann wurde alles schwarz.“
Ja, alles wurde schwarz, weil du gestorben bist, Natalie.“ Nun wurde Micky zweifelnd angestarrt. Natalie schüttelte ablehnend den Kopf. Micky wusste, dass nur harte Maßnahmen hier Früchte tragen würden. Sie holte ein Messer hervor, Natalie schrie auf.
Keine Angst, ich tue dir nichts.“ Im selben Moment schnitt sich Micky in den Arm und kaum eine Minute später schloss sich die Wunde wieder. Natalie keuchte.
So und jetzt noch mal langsam zum Mitschreiben... Wir alle sind unsterblich?“ Micky, Methos, Duncan und Connor nickten gleichzeitig.
Bis auf eine Methode kann uns nichts umbringen.“
Und was ist das?!“
Wenn der Kopf vom Körper abgeschlagen wird“, erklärte Connor leichtfertig, als wäre das etwas Alltägliches.
Vorzugsweise mit einem Schwert“, ergänzte Micky und holte ihr Toledo Salamca hervor. Natalie zuckte ängstlicher denn je zusammen. „Keine Angst, wenn wir dich hätten köpfen wollen wegen der Energie, hätten wir uns nicht solche Mühe gemacht dich zu retten... Komm, wir erklären dir beim Essen, was es mit den Schwertern, 'der Zusammenkunft', der Energie und allem auf sich hat. Und dann beginnt deine Ausbildung bei mir.“
Methos reichte Natalie seine Hand, schüchtern griff sie danach und blickte ihm mit ihren blaugrauen Augen hilfesuchend entgegen.
„Hab keine Angst, Natalie.“

Wie alt bist du, Adam?“ Er grinste über sein Pseudonym, Natalie hatte er sich als Adam Pierson vorgestellt.
Erst einmal ist mein richtiger Name Methos und ich bin 5.000 Jahre alt, plus minus. Connor ist 488, Duncan ist 414, Micky ist 506 und Richie, den du auch noch kennen lernen wirst, ist 32 Er ist bisher unser Küken gewesen. Aber diese Rolle gebührt nun dir.“ Das war ein wenig zu viel für Natalie, die Beine knickten ihr weg und sie landete auf dem Bett. Methos sprang auf sie zu und tätschelte sanft ihre Wangen. Micky eilte ins Badezimmer und holte einen Schluck Wasser.
So und jetzt gehen wir runter und essen etwas und beim Dessert erzählen wir dir alles über die Unsterblichen, Natalie.“ Methos legte den Arm um sie und führte sie zur Tür hinaus.

Micky verließ als Letzte das Gästezimmer und seufzte, vor ihr lag ein hartes Stück Arbeit. Seit sie ihre Unsterblichkeit erlangt hatte, war das ihr erster Begleiterjob. Nun konnte sie langsam erahnen, wie Darius sich bei ihr und Duncan bei Richie gefühlt hatte.

 

 

8. Schüler & Meister
 

Frankreich, Chateau Dubois, eine Woche später.
Micky trat mit ihrem Schwert in der Hand aus der Tür, Yvette war vorgewarnt, es dürfte eigentlich kein Geschirr zu Bruch gehen heute Morgen. Vögel zwitscherten, die Sonne schien, es versprach wieder ein richtig schöner Sommertag zu werden.

Aus der Küche duftete es nach Heidelbeerkuchen, den Yvettes Mutter, die Köchin gerade im Ofen hatte. Connor hatte sich mit einem Holzlöffel über die Teigreste in der Schüssel hergemacht. Die Männer mochten mehrere Jahrhunderte alt sein, doch wenn Elisabeth Stern den Backofen anschaltete und Kuchen oder Plätzchen backte, verwandelten Connor und Methos sich in kleine Jungs. Elisabeth war die Nachfahrin einer der jüdischen Familien, die Micky während des Zweiten Weltkrieges aus Deutschland herausgeschleust hatte. Elisabeths Mutter und Großeltern waren 1940 mit Hilfe von Mickys Résistance-Zelle aus Deutschland geflohen, woraufhin Micky sie in ihrem Chateau untergebracht hatte. 1955 hatte Elisabeths Mutter Jonathan Stern in einem der kleinen Dörfer, die Chateau Dubois angegliedert waren, kennen und lieben gelernt. Und zwölf Monate später war die kleine Elisabeth geboren worden. Spätestens zu diesem Zeitpunkt waren sie Micky zu sehr ans Herz gewachsen, als dass sie die Familie Stern aus ihrem Leben hätte ziehen lassen können. Sie weihte Elisabeths Eltern in ihre Unsterblichkeit ein, und seither stand die Familie Stern im Dienste der Comtesse. Inzwischen war Yvette auch eingeweiht worden, doch sie hatte weniger starke Nerven als ihre Mutter. Elisabeth hatte das teilweise lautstarke Schwertgeklirre einfach mit den Schallplatten der Beatles übertönt. Selbst heute im Alter von 50 Jahren legte sie eine CD der Beatles in die kompakte Musikanlage, die in der Küche auf dem Kräuterregal stand und ließ Ringo, Paul, John und George ihre Hits aus den goldenen 60ern schmettern. Sie schwang den hölzernen Teiglöffel im Takt, rührte mit „Let it Be“ auf den Lippen die Bratensoße um und wünschte der Comtesse stets ein erfolgreiches Duell. Yvette teilte weder den Musikgeschmack noch die Toleranz ihrer Mutter gegenüber den Schwertkämpfen, die regelmäßig im herrschaftlichen Park stattfanden. Doch sie folgte der Tradition der Sterns und diente der Comtesse Dubois weiterhin treu ergeben.

 

Micky ging weiter in Richtung ihrer bevorzugten Trainingsfläche. Unsicher folgte ihr Natalie, sie trug ein Rapier vor sich her, als wäre es ein Überträger der Beulenpest. Sie ließ ihren Blick durch den Garten, wohl eher den Park, der zum Chateau gehörte, schweifen. Auf ein paar Gartenstühlen lümmelten sich Connor und Duncan, neben ihnen lag Methos barfuss hieb-und herschwingend auf einer Hollywoodschaukel.

Ihm schenkte Natalie ein strahlendes Lächeln, während sie versuchte ihr rasendes Herz zu beruhigen. Das konnte doch alles nicht wahr sein. So etwas passierte nicht im 21. Jahrhundert! Menschen, die sich mit Schwertern bekämpften und Hunderte oder gar Tausende von Jahren alt waren, das konnte nicht sein. Und doch saßen als unumstößlicher Beweis dort auf den cremefarbenen Stühlen mit passenden Polstern und der gemütlichen Hollywoodschaukel drei Unsterbliche und dicht vor Natalie ging ihre neue „Lehrmeisterin“. Sie schüttelte den Kopf, das war zu verrückt.

Du kannst den Kopf schütteln, so oft du willst, Natalie. Es wird nichts an der Tatsache ändern. Wir sind nun mal unsterblich.“ Im selben Moment zuckte Natalie zusammen und drehte sich zur Küchentür um. Heraus trat Richie mit seinem neuen Rapier, seine altbewährte Waffe, die er von Duncan bekommen hatte, schmorte in der Asservaten­kammer der Bostoner Polizei. Glücklicherweise verfügte die Comtesse über eine ansehnliche Waffenkammer in ihrem Chateau mit Schwertern, Rapieren und Floretten aus allen Epochen, die sie erlebt hatte. Duncan hatte Richie vorgeschlagen aufgrund seiner Kampferfahrung zu einem Langschwert zu wechseln. Doch das reich verzierte und vor allem handlichere Rapier, das er sich ausgesucht hatte, gefiel ihm wesentlich besser. In den Griff war ein blutroter Rubin eingearbeitet, der Richie sofort ins Auge gestochen war. Micky hatte feixend bemerkt, dass der ehemalige Dieb eben Qualität auf den ersten Blick erkannte. Richies neue Waffe stammte von einem befreundeten Musketier, jedoch nicht von Pierre de Florent. Micky war seinerzeit ein gern gesehener Gast bei den Musketieren gewesen und hatte hemmungslos mit den gut aussehnenden Schutztruppen des Königs geflirtet. Und so hatte sie mit Leichtigkeit dem einen oder anderen ein Souvenir abschwatzen können. Ja, wenn dieses Rapier reden könnte... Konnte es zum Glück nicht, sonst würde Micky wahrscheinlich vor Verlegenheit rote Ohren bekommen.
So, dann wollen wir mal. In Position, Natalie.“ Sie sah Micky fragend an, da ihr nicht wirklich klar war, wo sie eigentlich hin sollte. Die Comtesse seufzte, zu ihrer Zeit war es viel einfacher gewesen, den Umgang mit Hieb-und Stichwaffen zu erlernen und zu unterrichten.
Was meinst du?“
Stell’ dich vor mich und heb' dein Rapier so vor dich und dann lässt du es schräg an dir vorbei nach unten gleiten und sagst: Engarde.“ Natalie tat wie geheißen, zumindest versuchte sie es, sie ritzte sich das Shirt auf. Sie sah erschrocken einen dünnen Blutstreifen durch das weiße Baumwollshirt dringen und verspürte einen brennenden Schmerz.
Natalie, du bist unsterblich, nicht unverwundbar. Du musst schon etwas aufpassen.“ Richie lachte und schob Methos’ Beine von der Schaukel. Er ließ sich neben ihn fallen. „Du kannst gleich wieder aufstehen, Mister.“ Sie zeigte mit ihrem Schwert auf Richie. Connor, Methos und Duncan lachten laut auf. Richie blieb keine Wahl, er stand auf und nahm den Platz der verschüchterten Natalie ein. In Momenten wie diesen fragte er sich, ob es die klügste Entscheidung gewesen war, Micky als neue Lehrerin zu wählen, nur weil sie eine längere Kampferfahrung als Duncan hatte. Auf jeden Fall war sie definitiv strenger als Duncan. Unterdessen setzte sich Natalie rasch neben Methos, der beschützend den Arm um seine neue Freundin legte.
Pass jetzt gut auf, Natalie... Richie in Position... Engarde.“ Die Waffen sausten an den Körpern der beiden zielsicher vorbei.

Richie rief ebenfalls: „Engarde“, und der Kampf konnte beginnen. Sie umkreisten sich und schlugen gelegentlich nach einander, Richie war wirklich besser geworden. Der unfreiwillige Aufenthalt in der Bostoner Justizvollzugsanstalt hatte den hitzköpfigen Burschen ein wenig geläutert. Er wollte sich um nichts in der Welt noch einmal so übertölpeln lassen wie im Museum of Fine Arts. Doch dies war im Augenblick nicht mehr als ein guter Vorsatz, wie er einen Moment später schmerzlich erkennen musste.
Was ist das?“ fragte Micky und zeigte auf einen Punkt hinter Richie, der drehte sich geschwind um und suchte nach dem, worauf Micky gezeigt hatte. Diese machte einen Satz nach vorne, setzte zum Sprung an und trat ihm in die Nieren. Richie keuchte, ihm blieb die Luft weg. Er ging in die Knie und hielt seine Hand auf die Stelle, wo man deutlich Mickys Schuhabdruck sah. Micky ging um ihn herum und streckte ihre Hand aus. Er blickte sie wütend und frustriert an, ließ sich aber von ihr auf die Füße helfen.
Findest du das witzig?!“ Er umkreiste Micky schon wieder und bedrohte sie mit dem Rapier.
Witzig auf jeden Fall, aber eigentlich sollte es lehrreich sein. Du hast dich schon wieder ablenken lassen. Und das könnte dich eines Tages den Kopf kosten... Nur weil wir nicht mehr ...“
Nicht mehr kämpfen wollen, heißt es nicht, dass wir es nicht können sollten!“ fiel ihr Richie genervt ins Wort. Diesen Satz hörte er wieder und immer wieder von ihr. „Ich hab’s kapiert, Meister!“
Seit wann zitiert deine Frau mich schon?“ fragte Methos schmunzelnd in Duncans Richtung.
Fühl’ dich doch geehrt, Kumpel. Sie gibt eigentlich nicht viel auf das, was Männer ihr sagen. Aber du scheinst sie mit dem Satz beeindruckt zu haben.“ Connor zeigte auf Micky und Richie, deren Disput sich offenkundig verschärfte.
Wir spielen hier nicht ‚Star War’s’, Richie! Ich kann es auch lassen dich zu unterrichten, wenn dir meine Methoden nicht passen. Die drei Musketiere da vorne werden deine weitere Ausbildung bestimmt mit Freuden übernehmen. Du stehst noch knapp siebzig Jahre unter dem Schutz eines Lehrmeisters, such dir einen aus.“
Hey, Comtesse, halt’ uns da raus. Wenn du unbedingt Luke Skywalker spielen willst, ohne uns. Wir sind dafür zu alt“, erklärte Methos, wobei er sich mit zittriger Hand auf sein Langschwert wie auf einen Gehstock stützte und einen alten Tattergreis simulierte.
Ich hab’s kapiert. Können wir jetzt weiter machen, Mei... Micky?“ Das ließ Micky sich nicht zweimal sagen, sie hob ihr Schwert und ermutigte Richie zum Angriff. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass Natalie jeden ihrer Schritte verfolgte. Gut so, vielleicht hatte die kleine Auseinandersetzung mit Richie ihr klar gemacht, dass das alles wirklich tödlicher Ernst war. Wenn der Kopf ab war, hieß es nun mal „rien ne va plus!“

Die nächste Runde bestand Richie mit Bravour. Er konnte also, wenn er sich zusammenriss. Micky wollte Natalie aber noch ein wenig mehr Zeit zur Gewöhnung lassen, der Anblick von Schwertkämpfern war im 21. Jahrhundert wirklich nichts Alltägliches.

Connor, wie wäre es mit einer Runde nach Meister Nakanos Methode?“ Sie grinste, Connor stand auf und griff nach seinem Toledo Salamanca, das neben ihm im Gras gelegen hatte. Duncan schnappte sich die Sonnenbrille, die Connor ihm entgegenhielt. Micky griff in die Hosentasche ihrer Blue Jeans und holte zwei Tücher hervor. Sie reichte eines an Connor und verband sich mit dem anderen ihre Augen. Dann bückte sie sich, als könnte sie noch immer alles sehen und griff zielsicher nach ihrem eigenen japanischen Schwert.

Wie machen die das?“ fragte Natalie einige Minuten später beeindruckt. Connor und Micky kämpften miteinander ohne von den verbundenen Augen gestört zu werden.
Das haben die beiden bei einem japanischen Hexenmeister gelernt, Natalie. Wir hier...“ Duncan zeigte auf sich, Richie und Methos. „...können das leider nicht. Nur Schüler von Nakano sind dazu fähig.“
Und wie viele Schüler hat dieser Nakano?“ fragte sie beeindruckt.
Hatte. Er ist schon lange tot. Hat ein Duell verloren, nachdem mein Cousin seine Lehre bei ihm erfolgreich beendet hatte.“ Natalie schluckte, wenn selbst ein Hexenmeister seinen Kopf verlieren konnte, wie sollte sie sich dann vor den Unsterblichen schützen, die noch immer an die ‚Zusammenkunft’ glaubten?!

Richie gab Natalie einen ermutigenden Stoß nach vorne, als Micky sie bat Connors Platz einzunehmen. Dieses Mal klappte das Begrüßungsritual vorbildlich. Jedoch kämpfte sie sehr defensiv, doch etwas anderes hatte Micky nicht erwartet. Sie konnte sich noch gut an ihre ersten Unterrichtsstunden bei Nakano erinnern. Das Schwert hatte sie damals als einen Fremdkörper betrachtet, heute mehr als 400 Jahre später sah sie darin eine Verlängerung ihres Armes.

Natalie, jetzt greif mich schon, zum Teufel noch mal! Ich hätte dich schon längst besiegen können. Deine Deckung ist miserabel!“ Natalies Augen glitzerten, sie ließ ihre Waffe fallen, Schweiß drang aus allen Poren, sie zitterte vor Anstrengung. Micky war zwar auch durchgeschwitzt aufgrund der sommerlichen 30 Grad, aber sie kämpfte bereits ihre dritte Runde in Folge. Natalie stapfte frustriert zum Haus davon und ignorierte die wütenden Rufe ihrer Lehrerin, die sie aufforderte stehen zu bleiben.
Verdammt!“ schimpfte Micky, hob das Schwert auf und ging fluchend in Richtung ihres Fitnessraumes im Erdgeschoss davon.

 

Zwei Stunden später trainierte Micky mit Duncan gemeinsam Tai-Chi. Es war die beste Methode, um ihr erregtes Gemüt zu beruhigen. Und Duncan war ein vortrefflicher Lehrer. Nachdem die beiden bereits seit neun Jahren miteinander trainierten, liefen ihre Bewegungen absolut koordiniert und synchron ab. Sie streckten zeitgleich die Arme aus und zogen sie wieder an den Körper heran, hoben das linke Bein und stellten es in der gleichen Sekunde auf den Boden. Es war ein Sinnbild perfekter Harmonie von Körper und Geist und innerhalb ihrer Beziehung. Nichts konnte diesen Einklang, der zwischen ihnen herrschte, erschüttern.

Micky! Micky!“ Fast nichts. Die MacLeods senkten ihre Arme und griffen nach den bereitgelegten Handtüchern.
Wo brennt’s, Junior?!“ fragte Micky amüsiert, sie griff nach der Trinkflasche, die Duncan ihr entgegen hielt.
Es ist wegen Natalie!“
Ist sie noch sauer? Ich wollte ohnehin mit ihr reden.“ Sie ging an Richie vorbei, der ihren Arm packte und sie zurückhielt. Micky sah ihm direkt in die Augen und konnte nicht deuten, was sie darin las.
Dazu ist es zu spät.“
Ich entschuldige mich und dann wird es schon wieder.“
Sie ist nach Paris gefahren.“
Dann hole ich sie zurück.“ Doch Richie schüttelte den Kopf.
Micky, es ist zu spät. Sie ist tot. Sie ist direkt in die Arme von irgendeinem Unsterblichen gelaufen.“
Nein!“ rief Micky bestürzt und schlug sich die Hand vor den Mund, sie ging unsicher ein paar Schritte rückwärts und prallte gegen Duncans breite Brust. Sie drehte sich um und warf sich ihrem Mann in die Arme. Immer wieder sagte sie: „Nein, nein, nein!“ und schüttelte die Realität verleugnend den Kopf.

Draußen hörte man ein fernes Donnergrollen, ein Sommergewitter kündigte sich an.

Beruhige dich, Micky.“ Duncan schob seine Frau von sich und hob ihr Kinn an, so dass sie ihn ansehen musste. „Es ist nicht deine Schuld, Liebes.“
Natürlich!“ Duncan hielt ihre Arme, spürte, wie stark seine Frau zitterte. „Nein, du kannst nichts dafür. Sie wäre nicht alt geworden. Und das hatte nichts damit zutun, dass sie sich mit den Schwertern nicht auskannte. Du bist ein Stehaufmännchen, eine Überlebenskämpferin. Du wurdest unsterblich, weil dein Verlobter dich brutal ermordet hat. Und trotz allem hast du dich nie von den Menschen und der Liebe abgewendet, du hast dir immer einen Gefährten gesucht. Connor, Methos, Henry und schließlich mich. Und wir gemeinsam mit Richie sind inzwischen eine so eingeschworene Gemeinschaft, dass die Sturköpfe, die noch immer an die ‚Zusammenkunft’ glauben, sich einen Angriff auf einen von uns zwei- oder sogar dreimal überlegen. Sie wissen genau, dass sie mit uns allen kämpfen, wenn sie einen aus der Gruppe angreifen. Du hast uns Männer als deine Musketiere bezeichnet, und genau das sind wir... Natalie fühlte sich nicht wohl, fühlte sich fehl am Platz bei uns. Deswegen ist sie fortgelaufen. Du hättest es nicht verhindern können.“ Micky riss sich los und rannte nach draußen ins Gewitter.

Hey, Boss!“ rief Richie ihr nach, Duncan packte ihn am Arm und schüttelte den Kopf.
Lass sie, Richie. Es ist nicht leicht einen Schüler zu verlieren.“
Ich dachte, wer jünger als 100 Jahre ist, steht unter dem Schutz seines Meisters.“ Duncan räumte zusammen und schüttelte dabei wieder den Kopf.
Was bringt einem dieses Privileg, wenn man sich aus der sicheren Umgebung des Meisters entfernt? Wenn du in Mickys Begleitung angegriffen wirst, darf sie dazwischen gehen aufgrund deines Alters. Den jungen Unsterblichen kann eigentlich nur etwas passieren, wenn der Meister nicht in der Nähe ist oder der Meister sich gegen den Schüler wendet.“ Richie grinste über Duncans letzten Kommentar. „Das erinnert mich schon wieder ‚Star Wars’. Ist George Lucas vielleicht auch ein Unsterblicher?“ Er lachte.
Duncan erwiderte nur: „Wer weiß... Wie auch immer, wäre Micky in Boston bei dir gewesen...“ Richie seufzte.

Ich weiß, Mac. Dann wäre ich nicht im Knast gelandet und hieße jetzt nicht Canderson. Schon klar!“
Das meine ich doch gar nicht, Junge. Sie hätte im Museum direkt dazwischen gehen können und du wärst gar nicht erst im Knast gelandet. Sie hätte sich den Kopf von diesem Cop geholt und ihr wärt nach Vancouver abgereist... Und bitte sei die nächsten Tage vorsichtig, ich glaube sie verkraftet es nicht, wenn sie dich auch noch verliert.“ Richie blickte Duncan verblüfft an. Für ihn war es etwas gänzlich Neues, das der Comtesse offenbar so viel an ihm lag. Sie meckerte die meiste Zeit an seinen Fehlern rum, seiner Unbesonnenheit und der mangelnden Konzentration während des Trainings. Aber anscheinend tat sie dies, weil Richie ihr wichtig war.
Ich hatte ja keine Ahnung, Mac.“ Sie standen vor dem ehemaligen Wachturm, der direkt neben das Chateau gebaut worden war. In den 1970ern hatte Micky aus dem ehemaligen Lagerraum eine mehrstöckige Trainingsstätte machen lassen. Es gab einige Kraftgeräte, ein Laufband und im zweiten Stock befand sich ein kleiner Hindernissparcour, der ein vortreffliches Training bot. Durch den Raum waren Seile gespannt, eine Wand war in der Mitte aufgestellt. Duncan und Richie gingen nebeneinander durch den Regen, der wie ein Teppich auf sie runterströmte. Micky war irgendwo im Park und versuchte mit ihrem Kummer fertig zu werden.
Glaubst du etwa, sie hat Spaß daran dich jeden Tag so zu triezen?“ Richie machte ein Gesicht, als wollte er sagen, genau so ist es.
Mal ehrlich, Mac. Wir reden hier über deine Frau, okay? Die große Comtesse macht sich einen Spaß daraus uns Kerlen so richtig in den Hintern zu treten.“ Duncan lachte.
Kannst du es ihr verdenken nach dem, was Maximillian ihr damals angetan hat? Dafür sind ein paar Jahrhunderte einfach zu wenig Zeit. Ich bin sicher ohne Nostradamus’ Prophezeiung hätte sie ihre Gefühle mir gegenüber auch nicht zugelassen. Sie wäre nach Darius’ Beerdigung zu Horton gefahren, hätte ihn erledigt und das nächste Flugzeug Richtung Paris bestiegen.“
Ob ihr Meister gewusst hat, dass für Micky alles so gut ausgehen wird?“ Duncan blickte den kleinen Hügel hinunter. Dort kam seine Frau herauf, nass bis auf die Knochen.
Wir reden hier über Nostradamus, Richie. Ich bin sicher, er halt alles gewusst, was sein kleines Äffchen betraf.“ Richie lachte und trat durch die Küchentür.

 

Frankreich, Chateau Dubois am selben Abend.
Das Kaminfeuer in der Bibliothek verbreitete eine gemütliche Atmosphäre, doch Micky war das egal. Sie saß auf dem Teppich vor dem Kamin und starrte in die Flammen, vor ihrer Brust hielt sie ein Buch umklammert.

Sie seufzte, schlug das Buch zum wiederholten Male auf und las die Stelle laut: „Micky MacLeod wird die Lehrmeisterin von Natalie Coulinss, allerdings wird sie es nur für eine Woche sein. Natalie Coulinss wird in Paris von Christopher Sikes geköpft.“ Wütend ballte sie ihre Linke zur Faust. „Egal, was darin noch geschrieben steht, ich finde dich, Christopher Sikes! Dafür wirst du büßen!“ Sie klappte das Buch zu und hielt es vor die Kaminöffnung. Die Tür zur Bibliothek wurde geöffnet.

Seit wann werden in Europa wieder Bücher verbrannt? Ist etwa die Inquisition mal wieder hinter dir her?“ fragte Methos.
Nein. Ich kann nur nicht ertragen, was da drin steht.“ Sie hielt es von sich weg, als wäre es mit einer tödlichen Krankheit infiziert. Und das stimme sogar in gewissem Sinne, jene Krankheit, die es barg, war die tödlichste und verzehrendste. Es war das Wissen um die eigene Zukunft. Methos setzte sich neben Micky und legte beschützend eine Hand auf die Chronik.
Glaubst du denn daran wird sich etwas ändern, wenn du die ‚Chronik der Unsterblichen’ verbrennst?“ Sie schüttelte den Kopf. Methos wusste als einziger außer Duncan unter den Unsterblichen um die Chronik.
Nein, das wird es nicht. Nostradamus hat das mit den verbotenen Büchern, die ihm anvertraut worden waren, auch getan, nachdem er Anne geheiratet hatte. Doch die Visionen und sein geheimes Wissen verlor er dadurch nicht. Im Gegenteil, nun musste er sich auch noch mit seinem Gewissen auseinander setzen.“ Sie reichte das Buch an Methos weiter, der es vorsichtig entgegennahm, immerhin war es 440 Jahre alt, und trug es zum geöffneten Safe. Sorgsam schlug er ein Ledertuch über die Prophezeiungen, legte es hinein und schloss den Safe. Dann hängte er das Bild des letzten Comte Dubois, Mickys Vater, an seinen angestammten Platz zurück und ging zu dem kleinen Servierwagen.
Hier, trink’ das, Kleine.“ Er hielt ihr ein Glas Rotwein entgegen. „Auf Natalie Coulinss. Sie ging vor ihrer Zeit, aber es war nicht deine Schuld“, setzte er schnell hinzu, bevor Micky Einspruch erheben konnte. Sie nickte schlicht und hob ihr eigenes Glas.
Hast du sie eigentlich geliebt, Methos?“ Die Frage traf ihn völlig unvorbereitet, keiner seiner Freunde hatte ihn das gefragt.
Ich...“
Nun?“
Connor hat Recht. Du fällst bei jedem – egal, ob Freund oder Feind – mit der Tür ins Haus...“
Das beantwortet meine Frage nicht. Hast du sie geliebt?“ Er zögerte und seufzte dann.
Ich schätze schon. Aber nicht so wie eine andere Unsterbliche...“ Micky wusste, dass er damit nicht Isis meinte. Sie räusperte sich und hob noch einmal ihr Glas.
Auf Natalie... Wann ist die Beerdigung?“
Am Freitag. Auf dem Père-Lachaise.“

 

Frankreich, Paris, Friedhof Père-Lachaise, Freitagmorgen.
Nebel lag über dem Friedhof, was für diese Jahreszeit eher ungewöhnlich war. Aber es passte zu der trüben Stimmung der Trauergäste. Irgendwie hatte Isabelle es geschafft die Freunde von Natalie von der Trauerfeier fernzuhalten. Die jüngere Schwester wusste von den Unsterblichen und wollte ihnen einen angemessenen Abschied von Natalie ermöglichen.

Micky, Duncan, Connor, Methos und Richie waren alle in schwarz gekleidet und bewaffnet. Obwohl ihnen der heilige Boden des Friedhofs Schutz gewährte, wollten sie auf einen potenziellen Angriff von Christopher Sikes vorbereitet sein. Sie passierten eine Allee, Micky schauderte, sie hasste Friedhöfe. Eine absurde Eigenart für jemanden, der ewig lebte. Doch sie hatte im Laufe ihres Lebens zu viele Gräber und Friedhöfe gesehen, als dass sie einer der berühmtesten Friedhöfe der Welt noch faszinieren konnte. Hier ruhten so berühmte Persönlichkeiten wie Balzac, Maria Callas, Chopin, Jim Morrison, Moliere, Edith Piaf und Oscar Wilde. Der Friedhof war zu Beginn des 19. Jahrhunderts angelegt worden und war heute der größte von Paris. Er war nach François d’Aix Lachaise benannt, auf dessen Gärten man den Friedhof errichtet hatte.

Es begann zu regnen, niemand von den fünfen hatte einen Schirm dabei. Es störte sie aber nicht sonderlich. Regen gehörte zu einem Begräbnis, besonders zu einem auf Père-Lachaise und ganz besonders zu dem einer so jungen Frau. Während sie dem Sarg folgten sinnierte Micky darüber, ob es ihr ähnlich gegangen wäre, hätte Darius sie nicht schon Jahre zuvor beobachtet und im Wald auf ihre Belebung gewartet. Hatte 1523 vielleicht ein Unsterblicher in den Büschen gelauert, bereit ihren Kopf zu holen und nur Darius hatte es durch sein schnelles Handeln verhindert? Auch ihn konnte Micky nicht mehr fragen, Darius war schon so lange tot. Und auch seinen Geist hatte sie seit der Erscheinung vor den Toren Sacré Coeurs nie mehr gesehen. Was vielleicht auch besser war, bevor sie von ihren Freunden für verrückt gehalten werden würde. Denn so eine Erscheinung hatte abgesehen von Micky – da war sie sich absolut sicher – kein anderer Unsterblicher gehabt.

Am Grab zuckte die Gruppe zusammen, bevor einer etwas sagen konnte, erklärte Methos: „Das ist Bruder Malcolm.“ Er gehört zu uns, registrierten die übrigen Unsterblichen überrascht. „Er war ein Freund von –“

Darius. Habe ich Recht?“ ergänzte Micky, worauf Methos und Malcolm nickten. Somit war natürlich klar, weshalb keine Sterblichen der Beerdigung beiwohnten. Diese Trauerfeier war nur für die unsterblichen Vertreter unter den Menschen gedacht.
Verehrte Trauergäste, Natalie Coulinss stand noch am Beginn ihrer unsterblichen Existenz und wurde in der Blüte ihrer Jahre aus dem Leben gerissen.“ Micky drückte Duncans Hand bei den Worten von Bruder Malcolm so heftig, dass er kurz das Gesicht verzog. Er wusste genau, was sie dachte und erwiderte den Druck, allerdings weniger fest.
Der Mönch fuhr fort: „Sie hatte ihre Ausbildung gerade erst begonnen und noch nicht einmal ansatzweise begriffen, welches Geschenk unsere Existenz ist...“ Micky hörte nicht mehr richtig zu. Sie ließ ihren Blick über den Friedhof schweifen und suchte nach einem der berühmten Gräber. Doch die Highsociety von Père-Lachaise zierte sich, sie entdeckte nur nichts sagende Namen auf den Steintafeln.

 

Kurze Zeit später hatte Bruder Malcolm seine Traueransprache beendet, er führte Isabelle vom Grab fort und ermöglichte den Unsterblichen ihren ganz privaten Abschied. Sie blickten sich um, ob jemand sie sehen konnte. Doch das frische Grab stand im Schatten einer alten Eiche, die den Blick von der Allee aus verdeckte. Micky zog zuerst ihr Schwert und streckte es nach oben. Nacheinander erschienen in der Luft das Toledo Salamanca von Connor, das Katana von Duncan, das Langschwert von Methos und das Rapier mit dem blutroten Rubin von Richie. Ihre Klingen kreuzten sich, für einen unbedarften Beobachter mochte es vielleicht nach einer zeitgenössischen Neuverfilmung der Musketiere aussehen. Und das war es sogar bis zu einem gewissen Grad.

 

Wir werden Christopher Sikes finden. Einer von uns wird sich seinen Kopf holen. Er wird nicht ungestraft davon kommen für diesen Mord.“ Micky grinste plötzlich spitzbübisch, räusperte sich und setzte an: „Einer für alle...“

Und wie im Film ergänzten Duncan, Methos, Richie und Connor ebenfalls grinsend: „Und alle für einen!“ Lachend verstauten sie ihre Schwerter und gingen die Arme um den Nebenmann oder die Nebenfrau gelegt die breite Allee zurück zum Ausgang des Friedhofs.

 

 

9. Tötet den Verräter!

Frankreich, Paris, Duncans Hausboot.
Der Herbst hielt Einzug in Europa, die Bäume verfärbten sich allmählich und die Seine wurde immer wieder von kalten Winden aufgewirbelt. An dem Pier, wo das Hausboot der MacLeods seinen festen Liegeplatz hatte, herrschte noch morgendlicher Frieden. Nur wenige Passanten gingen auf dem Weg zur Arbeit vorüber und warfen einen fragenden Blick auf die aristokratisch wirkende, junge Frau, die dort auf Deck saß und zu dem unscheinbaren Boot genauso wenig passte wie Queen Elisabeth zu Disneyland Paris.

Micky trank eine heiße Schokolade, ihr Blick war in die Ferne gerichtet. Weit hinten an der Uferpromenade entdeckte sie einen kleinen Punkt, der auf und ab zu hüpfen schien. Duncan hatte sich trotz der Kälte heute Morgen aus dem Bett geschält und war joggen gegangen. Micky hätten keine zehn Pferde dazu bringen können, sie war nur schnell in ihrem dicken Mantel nach oben geflitzt und hatte vom Zeitungsjungen die „Le Monde“ in Empfang genommen. Damit hatte sie sich wieder in die noch warmen Decken gekuschelt und die Latenews auf NBC eingeschaltet, um sich zu informieren, was auf dem nordamerikanischen Kontinent vor sich ging. Während sie noch durch den Kulturteil der „Le Monde“ blätterte, auf der Suche nach der Annonce für ihre Vernissage heute Abend, hatte das Telefon geklingelt. Micky hatte abgehoben und sich gewundert, dass Joe Dawson um Mitternacht kanadischer Zeit anrief. Sie hatte Witze darüber gerissen, dass er offensichtlich seinen Schlaf opferte, um ein erneutes Donnerwetter der MacLeods zu umgehen. Nachdem sie den Grund für Joes Anruf erfahren hatte, war ihr das Lachen allerdings gründlich vergangen. Ihr Freund schien immer nur schlechte Nachrichten zu bringen.

Schlag nicht den Boten, Micky“, hatte er gebeten. Im Gegenteil, sie war froh über die rechtzeitige Warnung. Es war in der Tat von Vorteil mit einem Beobachter befreundet zu sein.

Und jetzt saß sie in eine dicke Decke gekuschelt mit ihrem Kakao in den Händen und pustete in die Tasse. Dampfwolken stiegen daraus auf und befeuchteten ihr Gesicht. Mittlerweile konnte sie Duncan bereits deutlich erkennen, er kam rasch näher. Die Kapuze seines grauen Pullovers hatte er sich weit über den Kopf gezogen, genau wie Micky trug er Handschuhe. Mit der rechten Hand hielt er eine Tüte mit Backwaren umklammert. Sie grinste, erst tat er etwas für die Figur und dann für den Magen. Wie jeder Hochlandschotte, den Micky im Laufe von 500 Jahren getroffen hatte, verfügte Duncan MacLeod über einen geradezu unersättlichen Appetit. Und das betraf nicht nur das Essen. Obwohl sie schon neun Jahren miteinander verheiratet waren, konnte er die meiste Zeit nicht die Finger von ihr lassen. Connor war genauso gewesen während ihr mehr als 200 Jahre andauernden Beziehung, die nur von diversen Ehen oder anderen Partnerschaften unterbrochen worden war. Entweder hatte er geschlemmt oder sie vernascht.

Duncan sprang an Deck, man konnte seinen Atem als weiße Wolke sehen. Seine freie Hand griff sofort nach der dampfenden Tasse, die Micky ihm entgegenhielt.

Sie nippte kurz an ihrer eigenen und bemerkte dann: „Joe hat angerufen, während du unterwegs warst.“
„Sollte er die kanadischen Nächte nicht mit seiner Frau verbringen? Ist mein Dojo abgebrannt oder warum ruft er mitten in der Nacht an?“ witzelte Duncan und ging die Stufen in den Wohnbereich hinunter.

Wenn's nur das wäre“, bemerkte Micky, worauf ihr Mann ihr einen bösen Blick zuwarf.
Nicht witzig, Comtesse. Ich wünsche deiner Galerie ja auch nicht den Feuertod!“
So war es auch nicht gemeint. Es ist wirklich ernst.“ Duncan ließ sich auf einen Stuhl im Küchenbereich fallen und packte die Croissants aus. So ernst konnte nichts sein, dass er sein Frühstück dafür ausfallen ließ.
Was ist dann passiert?“ fragte er, während er auf einem Croissant rumkaute und hinter sich zur Kaffeekanne griff.
James Horton ist aus dem Knast ausgebrochen.“ Duncan ließ vor Schreck die Glaskanne fallen, zog aber gerade noch rechtzeitig den Fuß aus dem Weg, bevor sich die heiße Flüssigkeit mit Scherben gespickt auf dem Dielenboden verteilte.
Verdammt!“
Meinst du die Kanne oder Horton?!“ fragte Micky süffisant grinsend, sie wischte bereits mit Papiertüchern bewaffnet den guten Kaffee auf.
Beides. Jetzt bekomme ich keinen Kaffee zum Frühstück und eine neue Kanne brauchen wir auch... Hättest du mir das nicht sagen können, bevor ich die Kanne in die Hand genommen habe?!“
Dir was sagen?“ ertönte es von der Tür.
Dass James Horton aus dem Knast abgehauen ist“, erklärte Duncan. Und dann fragte er den Besucher: „Seit wann schaffst du es dich vor Mittag aus dem Bett zu erheben?“
Kumpel, wenn du erst mal so alt bist wie ich, wirst du dir diesen Luxus auch gönnen. Außerdem haben die Beobachter dann nicht so viel zu schreiben. Außer: Methos hat bis mittags geschlafen, ging ins Bistro Coulinscourt, aß dort ein Steak und ging wieder nach Hause. Der Typ, der meine Chronik von mir oder besser von Adam Pierson übernommen hat, ist eine Schnarchnase. Joe sagt, der wird schon nervös, wenn ich mal für ein paar Tage zu euch ins Chateau fahre.“ Duncan und Micky lachten leicht gequält, sie verbrachten in der Tat viel Zeit gemeinsam und die Beobachter – allen voran die Splittergruppe - könnten auf den Gedanken kommen, dass sie irgendetwas planten.

Was hat Joe sonst noch gesagt?“ wollte Methos wissen, der sich eigentlich schon denken konnte, dass Joe nervös war und fürchtete die MacLeods wollten dieses Mal James Horton endgültig unter die Erde bringen für den Mord an Darius. Der Mönch war ihnen zu wichtig gewesen, als dass sie die frevelhafte Tat jemals vergessen würden. Einzig die Tatsache, dass James Horton mit Joes Schwester verheiratet gewesen war, hatte Micky und Duncan dazu veranlasst ihn einsperren zu lassen anstatt ihn umzubringen.
Dass er spurlos verschwunden ist und mit ihm eine handvoll ehemalige Beobachter... Seine Splittergruppe“, fügte Micky noch hinzu, die Methos’ fragenden Blick richtig gedeutet hatte.
Was meinst du mit spurlos?“ erkundige Methos sich und griff nach einem Croissant, was Duncan mit einem ungehaltenen „Mmpf“ kommentierte. Sein Frühstück war ihm heilig und wurde allerhöchstens mit seiner Frau geteilt – zwangsweise.
Damit meine ich, dass nicht einmal Joe sie ausfindig machen kann.“
Das ist gut. Die Beobachter beobachten die Beobachter. Schon leicht schizophren, oder?! Wäre aber vielleicht ein cooler Slogan: Die Beobachter – Wir beobachten sogar unsere eigenen Angestellten... Aber dass der älteste Unsterbliche direkt unter ihrer Nase seine eigene Chronik vervollständigt hat, wissen diese Nassbirnen bis heute noch nicht. Kein Wunder, dass ihnen Horton abhanden gekommen ist!“ Micky lachte.
Methos, woher hast du nur immer solche Ausdrücke wie Nassbirnen?!”
Aus dem Fernsehen. Du erinnerst dich, Comtesse? Der kleine, graue Kasten, der ab Mitte des 20. Jahrhunderts Einzug in alle soliden Haushalte gehalten hat?“
Mal ehrlich, Methos, wir kennen uns seit über 300 Jahren, aber als solide würdest du mich doch nicht ernsthaft bezeichnen, oder?!”
Der Punkt geht an dich, Micky. Du bist total durchgeknallt, eine adlige Irre. Deswegen fürchte ich mich vor der Frage, was du wegen Horton unternehmen willst.” Sie ging zum Sofa, griff darunter und holte einen kleinen, silbernen Kasten hervor.

Schließlich drehte sie sich um und zielte mit einer Neun-Millimeter auf Methos, der nur meinte: “Mir fällt da ein Zitat von Julius Cesar ein: ‘Ich liebe den Verrat, aber ich hasse Verräter!’”
Methos, du gehörst wirklich zu den wenigen unter uns Unsterblichen, die Cesar live auf der Bühne erlebt haben”, warf Duncan ein und stellte eine Tasse Instantkaffee vor seinen Freund, den er noch im Schrank gefunden hatte.
Ja, ihn und die Stones. Das ist schon ein Privileg... Also, Comtesse, was willst du wegen Horton unternehmen?”
Zunächst werde ich ein paar Stunden am Schießstand verbringen und mich dann auf die Suche nach Horton machen. Mein Schwert werde ich gewiss nicht mit dem Blut dieses impotenten Bettnässers, der nur einen hochkriegt, wenn der Wind richtig steht an Weihnachten, beflecken!” Methos und Duncan bekamen große Augen über die farbenfrohe Ausdrucksweise der Comtesse und lachten in sich hinein. “Du siehst, Methos, ich habe auch schon ferngesehen. Allerdings bevorzuge ich die blumige Wortwahl aus den Krimiserien der 1980er, wenn ich schon mal meine adlige Herkunft vergesse und fluche.” Die Männer hüstelten amüsiert, räusperten sich und widmeten sich wieder den Croissants. “Und wann hast du den Umgang mit einem Schießeisen gelernt, Comtesse?” fragte Methos grinsend.
Während meiner Zeit bei der Résistance im zweiten Weltkrieg. Oder glaubst du, ich habe für die nur Topflappen gehäkelt?!” Sie lachten alle drei. “Allerdings war es nicht leicht das erste Mal auf einen Menschen zu schießen. Vor allem, weil ich geglaubt hatte, dass der Mann auf meiner Seite stand. Doch in Wahrheit war er ein Spion der Gestapo...”


 

Frankreich, Paris, 20. Februar 1942.
Ein Hinterhaus in der besetzten Hauptstadt Frankreichs war das derzeitige Hauptquartier von Michelles Résistance-Zelle, die sie seit nunmehr drei Monaten leitete. Ihr Vorgänger Henri Bazin war bei einem Anschlag auf die Nachrichtenzentrale der Nazis getötet worden. Der britische Geheimdienst MI6, der eng mit Henris Zelle zusammengearbeitet hatte, war an Michelle herangetreten mit der Bitte diese ab sofort zu leiten. Sie hatte natürlich nichts lieber getan. Sie wollte ihr Land befreien von der Knechtschaft des Hakenkreuzes und stürzte sich in vorderster Front in die Einsätze. Für sie bestand ja nicht die Gefahr von einer Gewehrsalve der Deutschen getötet zu werden.

Tief über die Baupläne für den nächsten Einsatz gebeugt, die nur von einer spärlichen Kerze beleuchtet wurden, grübelte Michelle vor sich hin. Der MI6 hatte ihr den Tipp gegeben, dass am 25. Februar in der Pariser Oper ein Frühlingsball stattfinden würde, zu dem zahlreiche hochrangige Nazis ihr Erscheinen zugesagt hatten. Es stand außer Frage, dass Michelles Zelle einen Anschlag auf die Oper verüben würde. Den Blick immer noch auf die Pläne geheftet, tastete sie nach ihrem Glas Wein. Schwermütig nippte sie daran, dieses Jahr würde es keinen Wein von ihren Ländereien geben. Die Einwohner der Chateau Dubois-Dörfer kämpften gegen die Unterdrückung und um ihr Überleben. Sie hatten keine Zeit die Trauben zu ernten, die Weinstöcke waren sich selbst überlassen. Ihre Hand krampfte sich schmerzhaft um das schäbige Glas zusammen, das einen dunkelroten Wein enthielt. Chateau Dubois und seine schutzbefohlenen Dörfer waren immer ein so friedlicher Ort gewesen. Aber bereits im letzten Krieg, den die Welt heute als den ersten Weltkrieg bezeichnete, waren Michelles Ländereien in Mitleidenschaft gezogen worden. Gerade aus Russland mit Anastasia Romanov geflohen, stand sie mitten in einem Schlachtfeld, das einst ihre Heimat gewesen war. Anastasia hatte sie unter falschem Namen in die Provence geschafft und sich um die verletzten Soldaten, die Witwen und Waisen gekümmert. Zum Dank für ihr Verdienst um ihr geliebtes Vaterland war sie unweit ihres Chateaus im Januar 1918 bei der Suche nach Verwundeten mitten auf dem Schlachtfeld erfroren. Sie erschauerte bei dem Gedanken daran und schob den Kragen ihres Pullovers ein wenig näher an ihren Hals heran, um ihn zu wärmen. Bei der Erinnerung an ihren Kältetod vor über zwanzig Jahren überfiel sie immer ein eisiges Frösteln. Sie warf noch ein Stück Holz in den Ofen.

Die Tür ging auf, Michelle drehte sich um.
“Hallo ihr zwei. Wie sieht es aus?” Marcel und Jeanne Tirier betraten den Raum und schüttelten sich den Schnee von den Mänteln. Es war immer noch sehr kalt draußen, doch der Winter lag bereits in den letzten Zügen und machte unaufhaltsam dem Frühling Platz. Doch unter der deutschen Besatzung leidend konnte die Stadt der Liebenden die ersten Boten des Frühlings, Krokusse und Schneeglöckchen, die sich aus dem Schnee erhoben, keinesfalls genießen. Ein eisiger Zug wehte durch den spärlich möblierten Raum, als Marcel die Tür ins Schloss fallen ließ. Er setzte sich an den Tisch und schenkte für sich und seine Frau Wein ein.

Ganz gut. Der Ball wird wie geplant stattfinden”, berichtete er und zog einen Fetzen Papier aus seiner Manteltasche hervor.

Diese Listen waren ursprünglich eingeführt worden, um die Mitglieder der Résistance, die bereits 1940 direkt nach dem Waffenstillstand von Marschall Pétain mit Deutschland gegründet worden war, zu erfassen. Marcel warf einen Blick auf den Zettel, auf dem die Mitglieder des Anschlages entsprechend ihrer Befähigung, der Flucht-und Verpflegungsmöglichkeiten vermerkt waren. Er reichte ihn Michelle. Sie las ihn, merkte sich die Namen, drehte sich zum Ofen um und warf den Papierstreifen hinein.
“Hast du schon gehört, Michelle? Churchill hat nach der massiven Kritik aus der britischen Bevölkerung an der prekären militärischen Lage seines Landes heute ein neues Kriegskabinett gebildet und der Öffentlichkeit vorgestellt", berichtete Jeanne.

Habt ihr schon wieder die Leitungen der Nachrichtenzentrale abgehört oder Marie ausgequetscht?” fragte Michelle mit einem zufriedenen Grinsen auf dem Gesicht. Ihre Alliierten vom MI6 berichteten auch nur, was die Résistance unbedingt wissen musste. Was Michelle und ihre Leute darüber hinaus interessierte, berichteten ihnen ihre Spione in der Nachrichtenzentrale der Wehrmacht.
“Irgendwie müssen wir uns doch auf dem Laufenden halten, oder Boss?” erklärte Marcel grinsend.

 

Frankreich, Paris, die Gegenwart.
Der klingelnde Festnetzanschlusses des Hausbootes riss Michelle aus ihren Erinnerungen.

Es ist für dich, Liebes.” Duncan hielt seiner Frau den Hörer hin und ging in Richtung Badezimmer davon.

Von außen machte das unscheinbare Hausboot nicht viel her, doch die Innenausstattung war geradezu luxuriös. Vor allem seit Micky dem Zweitwohnsitz der MacLeods ihren persönlichen Touch verliehen hatte. Das Bad könnte sich genauso gut in einem von Mickys hochgeschätzten Luxushotels befinden. Marmorfließen, eine Runddusche, eine kleine Wanne, ein beachtlicher Spiegel mit indirekter Beleuchtung, der über zwei großzügigen Waschbecken hing. Als die Putzfrau, die einmal die Woche kam, den Wohnbereich und ganz besonders das Badezimmer zum ersten Mal betreten hatte, dachte sie, sie wäre auf dem falschen Boot.

MacLeod”, meldete sie sich.
Boss, ich wollte dich nur auf dem Laufenden halten...” Sie zuckte angesichts Richies Wortwahl zusammen. Es erinnerte sie an manchen Tagen sehr stark an Marcel.
Aber bitte keine Hiobsbotschaften, Richie. Die kann ich heute echt nicht mehr gebrauchen.”
Es ist doch erst kurz nach zehn. Wie viele schlechte Nachrichten kannst du heute Morgen schon bekommen haben?!” fragte Richie mit einem stark ironischen Unterton, während er einem Assistenten der Galerie zeigte, wo er die Bilder aufhängen sollte.
Eine und die reicht für die nächsten paar Wochen.” Sie pulte an dem letzten Croissant herum und steckte sich lustlos ein paar Brösel in den Mund. Methos und Duncan hatten nicht viel für sie übrig gelassen. Doch die Nachricht über Hortons Flucht hatte ihr im Gegensatz zu den Männern den Appetit erst einmal gründlich verdorben.
Wie auch immer, Boss. Paul macht total Stress wegen der Bilder.” Micky seufzte.
Das ist mir egal, Richie. Häng’ sie so auf, wie Paul es möchte. Es ist seine Ausstellung.”
Bist du dir sicher?!” Der Künstler Paul Clermont, dessen Ausstellung heute Abend in der MacLeod-Galerie eröffnet werden sollte, war eine extravagante Nervensäge, die Richies Geduld massiv strapazierte.
Jaaahhh!”
Mann, die Nachricht muss ja echt übel gewesen sein.”
Das kann man wohl sagen. Richie, pass bitte bis heute Abend auf dich auf. James Horton ist aus dem Gefängnis ausgebrochen und hat seine alte Splittergruppe zusammengetrommelt. Und ich möchte wetten hinter meinen ‘Musketieren’ wird er als erstes her sein. Er hat mit Sicherheit nicht vergessen, dass wir ihn ins Gefängnis gebracht haben oder dass ihn seine Frau wegen des Mordes an Darius verlassen hat.” Es war still auf der anderen Seite de rLeitung. “Richie, hast du kapiert?! Das ist kein Spaß! Vor Horton bist du nirgendwo sicher, nicht mal in einer Kirche!” Und du bist derzeit unser schwächstes Glied, das ich unter allen Umständen schützen muss, setzte Micky gedanklich hinzu.
Ja, verstanden, Boss. Ich musste mich nur erst mal hinsetzen... Was hast du vor? Was soll ich machen?”
Du bleibst, wo du bist. Sieh zu, dass immer irgendjemand mit dir in der Galerie ist. Horton kann nichts unternehmen, solange es Zeugen gibt. Ich bin in ein, zwei Stunden bei dir.”
Was machst du in der Zwischenzeit?”
Ich gehe auf den Schießstand.” Sie legte auf und drehte sich zu Methos um. “Du fährst bitte sofort in die Galerie. Lass den Junior nicht aus den Augen.” Methos nickte und ging zur Ausstiegsluke, die auf Deck führte. “Pass auf dich auf, alter Junge.” Er drehte sich noch einmal um und lächelte verschmitzt.
Hey, Comtesse, du kennst mich doch!”
Genau deswegen ja!” rief sie ihm hinter her und ging ins Schlafzimmer, um sich umzuziehen. Ihre Gedanken kreisten um den Verräter Horton, dem die Ideale der Beobachter und ihre Aufgaben nichts wert gewesen waren. Schließlich landeten sie bei einem anderen Verräter, der ihrer Résistance-Zelle fast den Tod gebracht hätte.

 

Paris, Frankreich, 25. Februar 1942.
Der Plan war perfekt gewesen, es hätte funktionieren müssen. Und doch lieferte Michelle sich gerade ein Feuergefecht mit Soldaten der deutschen Wehrmacht, die vor der Oper Wache hielten. Und dann war ihr alles klar, sie sah, wie er unbehelligt auf die andere Seite der Straße rannte und Schutz hinter einem Auto suchte. Michelle gab ihren Leuten ein Zeichen, sie gaben ihr Deckung. Flink wie eine Raubkatze rannte Michelle geduckt über die breite Straße und stand ihrem Kollegen schließlich gegenüber.

 

Marcel, steh auf!“ Sie richtete ihre Waffe auf ihn.
Hey Boss, was soll der Mist?! Nimm die Knarre runter!“
Du hast uns verraten, Marcel. Nur du konntest den Nazis unsere Pläne verraten. Außer dir, mir und deiner Frau hat niemand etwas davon gewusst. Wieso hast du das getan, wir hätten den Nazis eine empfindliche Niederlage bereiten können mit dem Anschlag!“ Tränen der Enttäuschung funkelten in ihren Augen, ihre Lippen bebten. Sie spannte den Hahn. „Erklär's mir, dann lasse ich dich vielleicht gehen, Marcel...“
Zunächst ist mein Name nicht Marcel. Ich heiße Stratter, Sturmbannführer Johann Stratter und ich arbeite für die Gestapo.“ Er reckte stolz das Kinn hervor. Stolz auf seine Tat und seine Herkunft. Michelle empfand nur Verachtung für Marcel, nein Sturmbannführer Stratter und seine falschen Ideale.
"Und deine Frau? Gehört sie auch zu eurer so genannten Herrenrasse?" Sie spuckte auf die Straße.
"Nein, sie weiß nicht, wer ich in Wirklichkeit bin. Sie ist ein dummes Ding!" Er lachte. Michelle hatte genug gehört. Sie spannte den Hahn und drückte ab, sie feuerte wieder und wieder. Dann drehte sie sich um, rannte dem Kugelhagel ausweichend und mit Tränen, die ihr über die schmutzigen Wangen liefen, zurück zu ihren Kämpfern. Ihren „Gorilles“, wie die sportlichen, jungen Männer unter vierzig Jahren bezeichnet wurden, die für den Einsatz von ihr ausgesucht worden waren. Sie ordnete den Rückzug an und rannte in die Pariser Nacht davon.


 

Frankreich, Paris, MacLeod-Galerie, 12. Arrondissement, zwei Stunden später.
"Was heißt das, er ist weg?" brüllte Micky in Methos' Ohr. Er steckte sich den Finger hinein und schüttelte ihn hin und her.
Dann legte er den Kopf schief und bemerkte: "Ich hoffe, ich höre auf dem Ohr wieder etwas bevor ich die nächsten Tausend Kerzen auf den Kuchen bekomme, Micky."
"Tut mir leid. Also, was heißt das, er ist weg?", fragte sie wesentlich leiser.
"Danke, schon besser. Also, ich kam hier an und dieser Paul sagte, dass Richie mit einem blonden Mann weggefahren wäre."
"Verdammt!" brüllte Micky und wischte alle Papiere von ihrem Schreibtisch. "Das bedeutet, Horton hat ihn bereits. Genau das solltest du verhindern, Methos! Richie ist unser schwächstes Glied! Deswegen solltest du bei ihm bleiben." Methos seufzte und setzte sich gegenüber Mickys Glasschreibtisch in ihrem Büro hin. Die beiden zuckten zusammen und sahen zur Tür.
"Man hört dich bis auf die Straße."
"Ist mir scheißegal, Duncan. Horton hat Richie. Bestimmt wird er jeden Moment..." Ihr Handy klingelte. "MacLeod", blaffte sie hinein.
"Guten Tag, hochverehrte Comtesse. Sie wissen sicher, wer hier spricht." Micky stieß zischend die Luft aus.
"Horton, wenn Sie Richie auch nur ein Haar krümmen, werden Sie den Tag bereuen, an dem ihre Mutter Sie geworfen hat und den Tag, an dem Sie ein Beobachter geworden sind." Er lachte unbeeindruckt.
"Wenn Sie Ihren Schüler zurück wollen, kommen Sie um 22 Uhr in den Parc de Bagatelle.“

Ich werde da sein, Horton. Aber glauben Sie mir, Ihr Ende wird keine Bagatelle sein, das schwöre ich!“ Sie klappte das Handy zusammen und griff in ihre Handtasche. Sie holte die Pistole hervor und überprüfte das Magazin.
Was hast du vor?“ fragte Duncan.
22 Uhr Parc de Bagatelle. Ich knalle ihn ab, hole Richie und wir kommen zurück auf die Vernissage.“
Das halte ich für keine gute Idee.“
Was sollen wir denn machen, Duncan?! Er bringt Richie um!“ Sie sprang auf und lief durch ihr Büro auf und ab.
Das ist mir auch klar. Nimm Connor und Methos mit, und ich kümmere mich um Paul und die Vernissage.“ Micky drehte sich um und war verblüfft, doch Duncan nickte bestätigend. „Gut. Methos, schon mal geschossen?“
Meine Waffe ist das Schwert.“
Gut, ich bring's dir im Schnellverfahren bei. Wir fahren ins Chateau, da können wir ungestört üben. Duncan, du bleibst hier und bereitest alles vor. Erzähl' Paul irgendetwas, was ist mir egal.“ Sie ging zur Tür, doch Duncan packte ihren Arm und drehte sie zu sich um. Sie sah ihn fragend an. Duncan zog sie zu sich und küsste sie lange. Methos sah sich derweil einen wenig bekannten Picasso an, der Mickys Büro schmückte und pfiff vor sich hin.
Pass auf dich auf, Comtesse. Ich will nicht zum Witwer werden.“ Sie nickte. „Du bist für ihre Sicherheit verantwortlich, Methos. Du und mein Cousin.“
Du könntest sie keinen zwei besseren Männern anvertrauen, Duncan.“
Aye, ich weiß, weil wir sie alle lieben. Deswegen vertraue ich euch meine Frau an. Ihr seid ihre Musketiere, also schützt eure Königin und holt den Junior zurück.“ Er ließ Mickys Hand los, Methos ging zur Tür und pfiff die Marseillaise vor sich hin, sie folgte ihm dicht auf.
Falls du es nicht kapiert hast, Methos, ich stand damals auf der anderen Seite“, erklärte sie und gab ihm einen Schubs. Duncan lachte und war ein wenig beruhigt, weil er seine Frau in der Obhut von Methos und Connor wusste.

 

Frankreich, Paris, Parc de Bagatelle, 22 Uhr.
Bagatelle bedeutete Kleinigkeit in Mickys Muttersprache und der Name hatte ursprünglich auch gestimmt. Einst stand hier ein kleines Haus, das die Maréchal d'Estrées im 18. Jahrhundert gekauft hatte. Kurz darauf wurde es in ein luxuriöses, kleines Schloss umgewandelt, wo unter anderem Napoléon seine erlesenen Jagdtreffen abgehalten hatte.

Nun, auf die Jagd wollte Micky auch gehen. James Horton würde heute sein Leben beenden, dieses Mal gab es keinen Joe Dawson, der um dessen Überleben betteln konnte. Micky würde jede einzelne Kugel genießen. Genau wie damals, als sie den Verräter innerhalb ihrer Résistance-Zelle erschossen hatte.

Es regnete, der beginnende Herbst zeigte sich von seiner unfreundlichsten Seite. Blätter fielen zu Hauff auf die Erde, wurden aufgewirbelt und durch die Luft davon getragen. Micky sah sich um, es waren keine Menschen im Park. Zum Glück für sie, sie konnte keine Zeugen gebrauchen bei dem, was sie vorhatte.

Horton, kommen Sie raus!“ rief sie, die Bäume griffen ihren Ruf auf und trugen ihn durch die Grünanlage weiter. Im nächsten Augenblick raschelte es in den Büschen und Richie wurde auf den Spazierweg gestoßen, hinter ihm Horton, der ihn mit einer 45er bedrohte.
Da bin ich, Comtesse. Wollen wir es hinter uns bringen?“ fragte er teuflisch grinsend.
Was haben Sie sich vorgestellt?“
Ganz einfach, Ihr Kopf für das Leben Ihres Schülers. Ich bringe Sie schneller zu Ihrem über alles geliebten Darius, als Sie denken.“ Er hob seine Pistole und schoss noch immer grinsend auf Micky. Sie hörte das Sausen, während die Kugel auf sie zuraste und versuchte ihr auszuweichen. Doch es war zu spät, die erste Kugel traf sie in der Schulter, sie ließ ihre Pistole fallen. Die zweite zerschmetterte ihr linkes Knie. Sie brach zusammen und schrie vor Schmerz auf. Richie versuchte sich zu befreien, schlug um sich und zappelte. Doch Horton schlug ihn mit dem Pistolengriff bewusstlos. Er grinste siegessicher, setzte sich in Bewegung mit einem Schwert in der Linken, das er unter seinem Mantel hervorgeholt hatte. Etwas zischte durch die Luft, Horton blickte sich mit Panik in den Augen um. Im nächsten Moment trafen ihn mehrere Kugeln: eine in den Rücken, eine in den Bauch und eine in die rechte Seite. Er fiel nach vorne um mit einem Blick völligen Unverständnisses. Von hinten kam Methos auf ihn zu, aus den Büschen rechts des Weges trat Connor und Micky kroch auf allen vieren auf James Horton zu. Sie zitterte vor Anstrengung und Schmerzen, doch sie näherte sich unerbittlich dem Mörder von Darius.
Noch lebte er, sie war jetzt ganz dicht vor ihm.

Wenn Sie ein besserer Beobachter gewesen wären, James Horton...“ Er blickte sie an, Blut lief aus seinem Mundwinkel. „Dann hätten Sie gewusst, dass ich nicht alleine komme. Ihnen wäre klar gewesen, dass ich meine Musketiere mitbringe. Ich bin nun mal eine Adlige, die viel Zeit ihres Lebens an diversen Königshöfen gelebt hat. Und dort habe ich gelernt, dass man nie ohne seine Leibwache in eine vermeintliche Falle geht.“ Mit den letzten Worten hob sie ihre Pistole und drückte noch einmal ab. Die letzte Kugel traf Horton zwischen die Augen, er fiel um und war auf der Stelle tot.

Connor trat auf Micky zu und hob sie auf seine starken Arme. Sie deutete auf das Schwert, das Horton mit seiner toten Hand umklammert hielt. Er hob es auf. Micky wusste einfach, dass dies jenes Schwert war, mit dem Horton Darius getötet hatte. Und dieses Schwert gehörte nun in ihre Waffenkammer als immer währende Erinnerung an Hortons Verrat an der respektablen Aufgabe der Beobachter.

Tanzen wirst du heute Abend nicht mehr können, Sweetheart!“ bemerkte Connor trocken.
Hatte ich auch nicht vor. Beeil dich, Methos.“ Der Unsterbliche warf sich Hortons Leiche über die Schulter und folgte Connor und Richie. Der Regen wurde stärker und ein eisiger Wind fegte durch den Park Es war allerhöchste Zeit diese unfreundliche Umgebung zu verlassen.

 

Paris, MacLeod-Galerie, 12. Arrondissement. Zwei Stunden später.
Micky drehte den Schlüssel um und legte den Lichtschalter um.

Duncan?“ rief sie. Die vier betraten die Galerie, die Vernissage war offensichtlich vorüber. Micky entdeckte überall leere Gläser und schmutzige Teller, es schien gut gelaufen zu sein. Noch einmal rief sie nach ihrem Mann. Sie hörte Schritte aus dem ersten Stock. Duncan kam erleichtert die Treppe herunter, er ging auf seine Frau zu und umarmte sie.
Alles in Ordnung mit euch?“ Sie nickten. „Und Horton?“
Der liegt auf dem Père-Lachaise in Natalies Grab. Was Anderes ist uns nicht eingefallen, wenn die Polizei seine Leiche gefunden hätte... So wird er auf jeden Fall keinem von uns je wieder Schwierigkeiten machen. Wie ist die Vernissage gelaufen?“ fragte Micky und verschwendete keinen Gedanken mehr an James Horton. Darius' Tod war gesühnt, ihre Kniescheibe und die durchschossene Schulter waren wieder vollständig regeneriert. Auf einem der hohen Bistrotische stand eine dreiviertel volle Flasche Chateau Dubois. Sie schenkte fünf Gläser voll und griff nach einem. Langsam schritt Micky Pauls Bilder ab und las zufrieden die Schilder „verkauft“, die jedes einzelne seiner Bilder zierten.

Den Artikel in der „Le Monde“ morgen früh konnte sie sich schon lebhaft vorstellen: „Paul Clermont und Micky MacLeod unterwegs zu künstlerischen Höhenflügen. Vernissage in der MacLeod-Galerie ein überwältigender Erfolg.“

Pauls Bilder verkaufen sich von selbst, Micky.“ Sie nickte über alle Maßen zufrieden.
Fantastisch! Dann lasst uns anstoßen. Auf Pauls Bilder, die unserer Galerie Ruhm und einen schönen Batzen Geld bringen und auf Darius, der unser Leben entscheidend verändert hat.“ Sie führten die Champagnerkelche zusammen, so wie Darius sie alle zusammengeführt hatte, die Gläser klirrten leise und Connor, Methos, Duncan und Richie riefen aus einem Munde: „Auf Darius!“

 

 

10. Zwei Seiten der Medaille

 

Frankreich, Paris, Musee Carnavalet.
Das überaus beliebte Museum zur Stadtgeschichte von Paris befand sich in zwei Adelspalästen im Renaissancestil aus dem Jahr 1548. Hier wurden neben Gemälden, Zeichnungen und Stichen von historischen Szenen und Stadtansichten auch Möbel, archäologische Funde und Gegenstände aus dem persönlichen Besitz Napoléons ausgestellt. Im Augenblick beherbergte das Museum eine Sonderausstellung über die Napoleonischen Kriege und die Schlacht von Waterloo.

Micky hatte sich nichts dabei gedacht die Ausstellung mit Duncan und Connor zu besuchen. Die beiden hatten bei der Schlacht von Waterloo gekämpft, hin und wieder hatten sie sogar im Chateau am Kamin ein Glas oder auch ein paar mehr auf die Männer von Wellington und auf das 71. Highland Rifles-Regiment gehoben. Als Micky jedoch ein glühendes Plädoyer über Napoléon hielt, seinen Code Civil, der Europa modernisiert und noch heute Gültigkeit hatte und wie gut es den Franzosen unter der Herrschaft des Kaisers gegangen war, hatten Connor und Duncan nur geschnaubt und waren wutentbrannt aus dem Museum gestürmt.

Mittlerweile hatte sie die beiden in ihrer Stammkneipe, dem Pariser Pendant zu Joe’s ausfindig gemacht: Maurice’s Bar. Dort saßen sie und diskutierten über – wie auch nicht anders zu erwarten – Waterloo.

Oh, was willst du?“ fragte Duncan ungehalten seine Frau, die sich an den Tisch der beiden MacLeod-Männer setzte und sich ein Glas Wein bestellte.
Findet ihr das nett einfach so verschwinden?!“
Geht's dir gut, Comtesse? Du erzählst uns, wie toll Napoléon war und wir sollen dabei stillschweigend zuhören?!“
Du sagst es, Connor. Ich bin eine Comtesse verdammt noch mal! Ich bin als Adlige geboren. Ihr beide wurdet in einen bedeutenden Clan hinein geboren, also wisst ihr, dass man nichts gegen seine Wurzeln tun kann! Und im Gegensatz zu euch beiden habe ich Napoléon und Joséphine kennen gelernt. Ich war Joséphines Hofdame. Ich habe gesehen, wie Bonnaparte ein kriegsgebeuteltes Land, das an den Zuständen während und nach der Revolution fast zerbrochen wäre, zu einem großen Kaiserreich reformierte!“ Sie flüsterte zischend und eindringlich, schließlich stürzte sie ihren Wein hinunter und stand auf. „Kommt, wir reden wo anders weiter. Die Bar hat Ohren.“ Sie stand auf und wartete nicht auf die Männer.

Sie gingen an der Seine entlang, es war kalt. Micky streifte ihre Lederhandschuhe über und rückte ihr Schwert in der Mantelhalterung zurecht. Eben begann es auch noch zu regnen, doch Micky wollte diese Diskussion nicht in einem Herbststurm ertrinken lassen.

Was hat dein toller Kaiser denn mit Joséphine gemacht, hm?!“ blaffte Connor und brachte die Diskussion von Neuem ins Rollen. „Abserviert hat er sie, weil sie unfruchtbar war! So was tut ein Ehrenmann nicht!“
Du warst doch gar nicht dabei, Connor! Ja, es war schlimm, dass er sich von ihr scheiden ließ. Doch er hatte keine andere Wahl. Er brauchte einen legitimen Thronfolger, er hatte ja sogar den Sohn seiner Stieftochter Hortense adoptiert, doch der Kleine starb. Und der Kaiser war wieder ohne Erben. Und dann wurde 1809 der Druck seiner Generäle zu groß durch die verlorene Schlacht von Aspern. Ich war dabei, ich weiß, was wirklich passiert ist...“

 

Frankreich, Rueil-Malmaison, Chateau Malmaison, 1809.
Im September 1793 war Joséphine stolze Besitzerin von Malmaison geworden, durch Napoléons Portemonnaie und von seinen Gnaden. Mit ihrem Charme hatte sie ihn mit dem Kauf überraschen können – sprich sie hatte gekauft, Napoléon hatte zu zahlen. Vor ihrer Hochzeit mit Bonnaparte hatte sie in einem Haus in Croissy-sur-Seine in Sichtweite des Anwesens gelebt. Sie hatte sich in das schöne Schloss, das als „mala-mansio“ im 6. Jahrhundert zum ersten Mal als königliche Villa erwähnt wurde, auf den ersten Blick verliebt. Hier wollte sie Rosen züchten und von der Liebe zu ihrem Napoléon träumen. Und mehr als Träume sollten ihr letzten Endes auch nicht bleiben.

Michelle war das Herz vor Freude aufgegangen, nachdem sie die kaiserliche Kutsche im Hof entdeckt hatte. Sie wusste, wie sehr sich die Kaiserin, die sich aus freien Stücken nach Malmaison zurückgezogen hatte, über die Besuche ihres Gatten freute. Leise schlich sie durch die Gänge von Joséphines glanzvollem Domizil, um das Kaiserpaar nicht zu stören. Doch da sah sie den Kaiser, wie er gebeugt und geknickt die Tür zu Joséphines Privatgemächern hinter sich schloss und mit feuchten Augen zum Ausgang schlich. Er wirkte viel kleiner als sonst.

Majestät!“ rief Michelle, der Kaiser sah sie an. „Majestät, ist etwas passiert? Geht es der Kaiserin nicht gut?“ Sie eilte näher und streckte ihre Hand aus. Napoléon zitterte, während er seine Hand ganz typisch in seinem Hemd versteckte.
Nein, es geht ihr nicht gut.“ Der Kaiser ergriff Michelles Hand, sie zuckte zurück, ließ es aber geschehen. „Meine liebe Comtesse, folgt mir, wir müssen etwas besprechen.“ So geheimnisvoll hatte sie Napoléon seit der Berufung zum ersten Kaiser der Franzosen nicht mehr erlebt.
Majestät, ich verstehe nicht.“ Er reagierte nicht und führte sie in Joséphines über alles geliebten Rosengarten zu einem Gartentisch mit Stühlen. Völlig unkaiserlich goss Napoléon erst Michelle und dann sich selbst ein Glas Limonade ein. In Momenten wie diesen kam er Michelle wieder wie der ehemalige korsische Soldat vor, als der Napoléon vor 16 Jahren nach Frankreich gekommen war.
Es ist nun einmal so, meine liebe Comtesse, dass die Kaiserin keine Kinder mehr bekommen wird. Eugene und Hortense sind reizende Kinder, aber eben nun mal nicht mein Fleisch und Blut. Ihr wisst ja, dass Hortenses Sohn, den ich als meinen Nachfolger auserkoren hatte, gestorben ist. Außerdem brauche ich einen direkten Nachkommen, keinen Sohn meiner Stieftochter und meines Bruders, sondern mein eigen Fleisch und Blut in direkter Linie. Nun, meine Generäle haben mir unmissverständlich klar gemacht, dass ich mit den Österreichern Frieden schließen muss. Es ist mir zuwider vor ihnen zu Kreuze zu kriechen, doch zum Wohle Frankreichs...“ Michelle war schockiert den Kaiser so offen reden zu hören, vor allem mit ihr, einer unbedeutenden Comtesse. Doch das stimmte nicht, machte sie sich klar, immerhin war sie doch Hofdame der Kaiserin und eine enge Freundin Joséphines.
Majestät, ich verstehe nicht...“, wiederholte Michelle noch einmal, doch sie ahnte es bereits. „Ich habe der Kaiserin eben mitgeteilt, dass ich mich von ihr scheiden lasse.“ Michelle keuchte auf, doch im nächsten Moment entschuldigte sie sich. Ihr stand es weiß Gott nicht zu über die Ehe des Kaisers zu urteilen. Vor allem da weder Napoléon noch Joséphine unbeschriebene Blätter waren. Es war ein offenes Geheimnis, dass sie während der Feldzüge des Kaisers „Freunde“ in Malmaison willkommen geheißen hatte. Und zwar nicht nur in ihrem Salon sondern auch in ihrem Schlafzimmer. Und Napoléon hatte mit Sicherheit das eine oder andere illegitime Kind, sonst hätte er das Wort „legitim“ nicht so überdeutlich betont. Dass er diese Kinder, die gemeinhin als Bastarde galten, nicht auf den Thron seines Kaiserreiches setzen konnte, war klar. Napoléon liebte und verehrte Joséphine seit er sie zum ersten Mal getroffen hatte. Der Konflikt, den sein Herz mit seinem kühlen Monarchenverstand auszufechten hatte, war ihm überdeutlich anzusehen. Joséphine tat ihm leid, das stand außer Frage. Und vielleicht empfand Michelle auch ein wenig Mitleid für den Kaiser, hatte er doch vor 13 Jahren die wesentlich ältere Witwe Joséphine de Beauharnais aus Liebe geheiratet. Geradezu rasende Eifersucht hatte er auf seinen Feldzügen in Italien und Ägypten empfunden, weil sie ihm nicht jeden Tag glühende Liebesbriefe geschrieben hatte.

Was soll... was kann ich tun, Euer Majestät?“ fragte Michelle und drückte ihr Spitzentaschentuch traurig an ihre Brust, wo ein Medallion mit dem Porträt ihrer Mutter hin, die sie kennen gelernt hatte.
Ihr beistehen, verehrte Comtesse. Ich werde mich erkenntlich zeigen. Eure Ländereien werden um zwei kleine Dörfer vergrößert...“
Das ist nicht nötig, Majestät. Die Dubois-Ländereien sind groß genug.“
„Ich bestehe darauf, Comtesse. Die nächsten Jahre werden für Joséphine sehr hart. Vor allem, da die neue Kaiserin Marie-Louise von Österreich ist. Sie ist 18“, setzte der Kaiser hinzu.

Oh“, meinte Michelle nur und sah an sich herab. Sie war 309 Jahre alt, sah aber immer noch wie 25 aus, das Alter, in dem sie unsterblich geworden war. Das Kaiserpaar wusste natürlich nichts von ihrer Unsterblichkeit. Michelle ging damit gewiss nicht hausieren. Sie war froh, dass sie nur dem Kleinadel angehörte und Napoléon sie daher nur aufgrund ihrer Jugend nicht heiraten konnte. Wie hätte sie den Heiratsantrag des Kaisers der Franzosen ablehnen sollen? Es wäre unmöglich gewesen, genauso unmöglich wie ihm Kinder zu schenken.
Diesen Kummer kann ich meiner liebsten Joséphine leider nicht ersparen. Doch Ihr könnt mir helfen, sie vor weiterem Kummer zu bewahren. Wollt Ihr dies?“ Michelle nickte eifrig und wischte sich verstohlen eine Träne weg. Wäre Napoléon kein Kaiser, hätte er mit Joséphine den Rest seines Lebens in Malmaison verbringen können – jede kleine Bauernkate hätten sie mit ihrer Liebe für einander in ein Schloss verwandelt - doch so ging das Wohl Frankreichs vor. Michelle hatte in den vergangenen 300 Jahrhunderten immer treu zur Krone gestanden. Und obwohl es sie Henrys Leben gekostet hatte, würde sich dies am heutigen Tage gewiss nicht ändern. Sie war nun mal eine Comtesse, blaues Blut rauschte pulsierend durch ihre Adern und ihr Herz schlug unerschütterlich für die Monarchie.
Ich werde alles Menschenmögliche tun, Majestät. Ich verehre die... Kaiserin sehr.“
„Sie wird den Titel 'Kaiserin' weiterhin tragen, sie hat ihn sich verdient. Joséphine hat immertreu an meiner Seite gestanden... Ja, ja. Sie...“ Er stand gedankenverloren auf. „Ihr werdet ab sofort für das Wohlergehen Joséphines verantwortlich sein, daran liegt mir sehr viel, Comtesse Dubois. Sehr viel. Ihr werdet großzügig entschädigt, ich werde Eure Apanage entsprechend erhöhen.“ Michelle sprang auf und knickste devot vor dem Kaiser. Dieser drehte sich um und ging gebeugt und traurig aus dem Garten fort.

 

Frankreich, Paris, die Gegenwart.
Vielleicht ja. Mir tat er jedenfalls leid. Er hat Joséphine geliebt, doch er brauchte einen Thronerben. Wer hätte ahnen können, dass Marie-Louise, dieses Habsburger Biest ihm so in den Rücken fallen würde?!“
Aber du musst doch zugeben, dass er ein Kriegstreiber war, Micky!“ Connor umklammerte wütend die Brüstung einer Brücke bis seine Knöchel weiß hervortraten.
Er war ein Visionär, Connor. Und damit hat er es ein bisschen übertrieben. Er hätte nicht nach Russland gehen und die damaligen Grenzen seines Kaiserreiches akzeptieren sollen. Glaubt ihr etwa für mich war es leicht gewesen mitzuerleben, wie so viele junge Franzosen auf den Schlachtfeldern gestorben sind?“
Du hast doch mit deiner elenden Königstreue in Sicherheit im luxuriösen Malmaison gesessen. Während wir bei Waterloo gekämpft haben.“ Micky holte aus und verpasste Connor eine schallende Ohrfeige. Duncan zuckte erschrocken zusammen, Connor blickte zunächst unbeeindruckt, er hatte nicht geblinzelt, als er die Hand auf sich zuschnellen sah.
Ich habe einen verdammt hohen Preis für meine Königstreue bezahlt während der Revolution, Connor MacLeod!! Keiner weiß das besser als du! Und ja verdammt noch mal, ich war froh, dass Frankreich einen Kaiser hatte, der sein Volk mit fester, aber gerechter Hand regierte.“ Connor strich sich über die brennende Wange, seine Worte taten ihm bereits leid. Durch seine Schuld hatte Mickys große Liebe den Tod auf der Guillotine gefunden. Sie mochte Duncan sehr lieben, doch was sie für Henry La Porte, den Sohn einer französischen Adligen und eines englischen Marineoffziers, empfunden hatte, war mit nichts zu vergleichen. Duncan lachte nur verächtlich, denn er hatte andere Erinnerungen an die Regierung Napoléons.

 

Flandern, Waterloo, 17. Juni 1815.
Duncan MacLeod hatte sich dem 71. Highland Rifles-Regiment angeschlossen und kämpfte gegen den größenwahnsinnigen, kleinwüchsigen Despoten aus Korsika, der sich Kaiser der Franzosen schimpfte, die halbe Welt in Kriege verstrickt und seine Familie auf jeden verfügbaren Thron Europas gesetzt hatte. Jetzt steckte er mitten in einer blutigen Schlacht bei einem kleinen Dorf namens Waterloo. Die Franzosen und Engländer standen sich gegenüber. Stunde um Stunde regnete es Blut, Asche und Schmerz. Die Kanonen donnerten unablässig, auf beiden Seiten wurden die Soldaten niedergestreckt und ein Ende war nicht in Sicht. Noch immer hoffte Wellington auf die Unterstützung der Preußen, es musste inzwischen gegen Mittag sein, Duncans Magen knurrte. Der kümmerte sich nicht darum, dass Krieg war, er teilte Duncan zu jeder denkbar ungünstigen Zeit mit, dass er wieder einmal leer war.

Hey, MacLeod“, rief ein junger Schotte nach ihm, der wie Duncan die Farben Wellingtons und des Highland-Regiments trug.
Was gibt es, Ian?“
Ich hab’ gehört die Preußen kommen!“ Duncan drehte sich blitzschnell um und tatsächlich, da kamen sie aus östlicher Richtung. Nur winzig kleine Punkte konnte er ausmachen. Doch da Napoleon seine Truppen, immerhin 72.000 Mann und 246 Geschütze, gegen Morgen hatte aufmarschieren lassen, konnten es nur die Preußen sein. Duncan atmete erleichtert auf, jetzt hatten sie tatsächlich eine Chance.
Ian?“
Aye?“
Halte deine verdammte Rübe nachher am Boden, aye?“
Aye, Duncan. Ich werde mich bemühen.“ Der Schotte, höchstens 17 Jahre alt, grinste frech.

 

Frankreich, Paris, die Gegenwart.
Er hat ihn natürlich nicht unten gehalten. Ian MacDermid wurde von einer Kanone in Stücke gerissen. Ein Junge, mehr war er nicht.“
Ich dachte, sobald ein Schotte ein Schwert halten kann, gilt er als Mann?“ fragte Micky bissig, der es stank, dass sie einen toten Kaiser und seine Ideale gegenüber ihrer Familie verteidigen musste.
Micky, Duncan, ich glaube, wir kommen hier nicht weiter. Vielleicht sollten wir einen Friedensvertrag abschließen?!“ Connor grinste schief, Mickys Mundwinkel verzogen sich ein wenig, nur ein ganz klein wenig zu einem Lächeln über seine Wortwahl. Sie grübelte, warf einen Stein ins Wasser.
Schließlich drehte sie sich um und sagte: „Ja, ich denke, das wäre das Beste. Es ist lange her, wir alle haben jene Epoche anders erlebt. Für mich war sie bis zu Napoléons Verbannung nach Elba glanzvoll... Ich habe ihm sogar noch nach Joséphines Tod nach Elba geschrieben...“

 

Frankreich, Rueil-Malmaison, Chateau Malmaison, 30. Mai 1814.
An Napoléon, Kaiser der Franzosen“, schrieb Michelle, obwohl sie wusste, dass es sie in Teufels Küche bringen konnte. Doch für sie war und blieb Napoléon der Kaiser, ihr rechtmäßiger Herrscher, obwohl er am 11. April dieses Jahr abgedankt hatte und ins Exil nach Elba gegangen war. „Mein Herz liegt in bodenloser Trauer, denn gestern verstarb unsere über alles geliebte Kaiserin Joséphine. Bis zuletzt hat sie in tiefster Liebe von Euch gesprochen, Majestät. Nie hat sie ein böses Wort über das Ende Eurer Ehe verloren. Selbst für das österreichische Biest Marie-Louise hatte sie ein paar nette Worte übrig. Verzeiht, wenn ich über die Kaiserin so schreibe, doch sie hat nie die Herzen des französischen Volkes und ganz gewiss nicht das des Adels und am allerwenigstens das meine erobert. Ich habe Joséphine treu gedient, wie es Euer Wunsch gewesen ist. Ich habe jegliche Unbill von ihr ferngehalten, wenn es denn in meiner Macht stand. Sie hat schöne Jahre verlebt in ihrem geliebten Malmaison. Verzeiht meine Unverfrorenheit, Majestät, aber sie war hier glücklicher als bei Hofe. Die Kaiserin ist in Malmaison erblüht wie ihre geliebten Rosen. Ihre letzten Worte galten Euch, Majestät: ‚Sagt Napoléon, dass ich ihn liebe, ihn immer geliebt habe und ihn immer lieben werde’. Ich sehe mich nun ohne Aufgabe, und hier müsst Ihr mir in Eurer Großzügigkeit erneut verzeihen, ich denke nicht im Traum daran, Kaiserin Marie-Louise in das unsägliche Wien zu folgen. Ich bin eine Französin! Daher bitte ich Eure Majestät um die Erlaubnis auf meine Ländereien nach Chateau Dubois zurückkehren zu dürfen. Eure höchst untertänigste Dienerin Comtesse Michelle Dubois.“

 

Frankreich, Paris, die Gegenwart.
Du hast ihm nach Elba geschrieben und gebeten, dass du nach Hause gehen darfst?“ fragte Duncan ungläubig. Sein Cousin gab ihm einen Stoß und schüttelte tadelnd den Kopf. Micky seufzte.
Wie oft denn noch? Ich war eine Königstreue! Kapier’ das doch endlich!“ Sie wurde lauterund schriller.
Hey, Comtesse, lass das Schwert stecken, mein dämlicher Cousin hat es nicht so gemeint. Stimmt’s, Duncan?“ Der murmelte leise etwas in Richtung des Flusses. „Ich hab’s nicht verstanden, Cousin“, setzte Connor ihm zu.
Ich hab’ gesagt, ich verstehe dich und dass es mir leid tut.“ Sie lächelte über seine Worte. In diesem Moment klingelte ihr Handy, Connor atmete erleichtert auf. Alles, was von Napoléon ablenken konnte, kam ihm gerade Recht.
MacLeod“, meldete sie sich.
Ich bin’s Joe. Ich habe nichts über Christopher Sikes herausgefunden. Bist du sicher, dass es sein richtiger Name ist, Micky?“
Ja, Joe. Absolut. Er heißt Christopher Sikes.“
Es gibt keine Akte über ihn. Hat er sich dir mit diesem Namen vorgestellt?“
Nein, Joe. Hat er nicht.“ Sie hatten das Hausboot erreicht. Duncan reichte ihr eine Hand und zog sie auf Deck.
Woher weißt du dann, dass er so heißt?“
Kann ich dir nicht sagen, Joe.“
Wieso?“
Ich habe Quellen, die ich nicht preisgeben kann. Und ganz besonders nicht den Beobachtern“, ergänzte sie, während Duncan ihr aus dem Mantel half. Connor ging in den Küchenbereich und setzte Kaffee auf.
Aber ich bin auch dein Freund. Und ich lehne mich ganz schön weit aus dem Fenster, wenn ich dir bei der Suche nach Natalies Mörder helfe.“
Joe, erstens würdest du es mir nicht glauben und zweitens kann ich das einfach nicht riskieren. Es dürfte nie in meine Chronik und das ist ein eindeutiger Gewissenskonflikt für deine Arbeit. Ich kann dir nur soviel sagen, dass meine Quelle sich nie irrt. Melde dich, wenn du doch noch etwas herausfindest.“ Sie klappte das Handy zusammen und warf es aufs Bett.
"
Er hat Blut geleckt, oder?“ fragte Duncan leise. Er wollte Connor nicht auf die vermeintliche Quelle – Nostradamus' Prophezeiungen – aufmerksam machen.
Ich fürchte ja, aber es wissen schon zu viele Leute von der Chronik. Und ich werde es gewiss nicht einem Beobachter erzählen...“ Sie sah Duncans Blick. „Auch nicht wenn er unser Freund ist. Das ist zu riskant. Wenn die anderen es erfahren, nicht auszudenken... Dann müssen wir Sikes eben alleine finden.“ Duncan seufzte über ihre Unnachgiebigkeit, ein „Nein“ war etwas, dass die Comtesse nicht akzeptierte.
.„Du wirst ja sowieso nicht eher Ruhe geben, bevor du deine Rache hast, stimmt’s?“

Ich habe auch bei Horton nicht aufgegeben. Auch wenn es neun Jahre gedauert hat... Aber was sind schon neun Jahr für uns Unsterbliche?“

 

Frankreich, Paris, Duncans Hausboot, in der Nacht.
Das Hausboot wurde von den sanften Wellen der Seine umspült. Duncan und Micky lagen friedlich in ihrem Bett, Connor hatte auf der ausklappbaren Couch Quartier bezogen. Der „französisch-schottische Friedensvertrag“ war in ein schottisches Gelage ausgeartet, in dessen Verlauf weder Micky und schon gar nicht die illustren Streithähne Connor und Duncan noch fahrtüchtig gewesen wären. Eins ums andere Mal hatten sie ihre Gläser auf die tapferen Soldaten des Highland-Regiments und dessen zahlreichen Kompanien erhoben. Und Micky hatte es sich nicht nehmen lassen auf das Wohl von Napoléon Bonnaparte und Joséphine zu trinken. Connor war im Laufe des Abends immer wieder zurückgezuckt, wenn er etwas Negatives über Napoléon gesagt und zuletzt gelallt hatte. Zu Recht hatte er gefürchtet sich eine weitere Backpfeife von der heißblütigen, königstreuen Comtesse einzuhandeln.

 

Micky träumte von der glanzvollen Zeit des Französischen Kaiserreiches, den prachtvollen Kleidern, den Festen in Malmaison und dem stolzen Kaiser. Unvermittelt und grob wurde sie aus dem Schlaf gerissen, eine Hand wurde auf ihren Mund gedrückt. „Mmmm...“, machte sie und blinzelte sich den Schlaf aus den Augen. Neben sich hörte sie Duncan ähnliche Laute von sich geben. Sie blickte hoch und sah den Vollmond über Connors Gesicht huschen.

Leise“, zischte der Schotte. „Es ist jemand auf Deck“, erklärte er schnell und nahm seine Hände von den Mündern der beiden. Micky und Duncan sprangen leichtfüßig von dem Futonbett hoch, der Rausch des Alkohols war verflogen und hatte dem Rausch des Adrenalins Platz gemacht. Zielstrebig griffen sie nach ihren Schwertern, die an der Wand hingen, Connor hatte sein Toledo Salamanca fest umklammert. Sie alle spürten die Anwesenheit eines Unsterblichen.

So wie sie waren, Duncan nur in einer Trainingshose, Micky in einem hauchdünnen rosafarbenen Negligé und Connor in den Klamotten, mit denen er gekommen und schlafen gegangen war – wovon die vielfältigen Falten zeugten, die in alle vier Himmelsrichtungen abstanden – schlichen sie durch das stockfinstere Hausboot. Micky und Duncan kannten ihre Wohnung wie ihre Westtasche und fanden sich auch im Dunkeln zurecht. Connor hingegen stolperte recht unelegant und rannte gegen so ziemlich jede Ecke, die er finden konnte.

Mensch Connor, so laut, wie du dich anschleichst, ist es ein Wunder, dass du so alt geworden bist!“ zischte Duncan, der sich ein Grinsen aber nicht verkneifen konnte. Connor drehte sich um und wollte etwas Bissiges erwidern, doch Micky versetzte ihm einen Schubs und flüsterte nur: „Schreib's auf und sag' es ihm nachher! Jetzt geh' schon!“

Von oben hörten sie deutliche Schritte, die schnell von vorne nach hinten und wieder zurück liefen. Anscheinend suchte der ungebetene Besucher die Einstiegsluke, doch die verschloss Duncan jeden Abend vor dem Zubettgehen. Jetzt standen die drei davor, Duncan hatte die Hand an der Tür, doch seine Frau schlug sie weg. Connor packte grob nach Mickys Handgelenk und zog sie nach hinten. Sie sah ihn böse an und trat ihm gegen das Schienbein.

Schei.... Lass das, Micky. Duncan geht vor und damit basta!“ Er gab seinem Cousin ein Zeichen, bevor Micky mal wieder mit dem Kopf voran in die nächste Katastrophe stolpern konnte.

 

Der Vollmond tauchte die Seine in einen silbernen Mantel. Es war so kalt, dass Micky in ihrem dünnen Hemdchen eine Gänsehaut bekam, Duncan drehte sich um und bemerkte, dass ihre Brustwarzen deutlich zu sehen waren. Er grinste, gleich darauf sackten seine Mundwinkel runter, er schickte seinem Cousin einen bösen Blick. Der hob entschuldigend die Hände.

Tut mir leid, alte Gewohnheiten kann man nach 200 Jahren so schwer ablegen.“ Er zog seine Jacke aus und hielt sie Micky hin. „Hier zieh' das an, Hochwohlgeboren, bevor du uns beide total um den Verstand bringst.“ Sie griff danach und schnaubte verächtlich, wie um zu sagen, dass Männer doch sowieso immer nur an das Eine dachten.
Ich suche Micky MacLeod.“ Sie schob sich an Duncan vorbei und musterte den Besucher.
Ich würde sagen, Sie haben mich gefunden. Was wollen Sie? Und wenn es geht, ein bisschen schnell, mir ist kalt!“ Sie zeigte mit ihrem Schwert auf ihn, ihr Atem war sichtbar, ebenso wie die Sterne am Firmament.
Ich habe eine Einladung von Christopher Sikes für Sie.“ Soviel zu unauffindbaren Unsterblichen, man brauchte nur Geduld und ein klein wenig Trinkfestigkeit und sie kamen zu einem nach Hause.
Sagen Sie nicht, er hat Richie entführt. Das wird nämlich langsam langweilig!“
Genau“, warf Connor ein. „Das hatten wir erst letzte Woche!“ Doch der Unsterbliche schüttelte erfreulicherweise den Kopf.
Nichts dergleichen, Mr. Sikes lädt Sie zum Duell.“ Micky blickte sich suchend auf Deck um.
Wo ist er denn?“ Sie grinste amüsiert.
Nicht hier. Sie müssen sich zuerst als würdig erweisen.“ Micky lachte erheitert.
Hört, hört. Nun denn, Mr...“
Henry La Porte.“ Micky keuchte. So grausam konnte das Schicksal nicht sein. Unsicher und mit klopfendem Herzen trat sie näher heran und erkannte, dass der Unsterbliche nur den Namen aber nicht das Aussehen mit ihrem Henry teilte.
Gut, Mr. La Porte, dann sagen Sie Ihrem Kopf au revoir!“ Er gab sich unbeeindruckt. Micky sprang auf ihn zu und holte mit ihrem Schwert aus. Erfreulicherweise wohnte niemand in der Nähe des Hausbootes, doch es war vielleicht keine gute Idee den Kampf auf Deck zu führen.

Ähm, Liebling.“
Ich bin beschäftigt, Duncan!“ rief sie und drosch konzentriert auf Monsieur La Porte ein.
Ist schon klar, Süße. Ich wollte dich nur auf eine winziges Detail aufmerksam machen...“
Was denn?!“ fragte sie leicht genervt und wich einem Schlag ihres Gegners aus.
Das Boot wird in die Luft fliegen bei der Energieübertragung.“
Oh!“
Ganz Recht: Oh. Also, wenn du...“
Schon klar...“ Sie verpasste La Porte einen Kinnhaken, der fiel über Bord und landete in der Seine. Micky sprang elegant auf den Kai und wartete bis ihr Kontrahent wieder aus dem Wasser auftauchte. Derweil hatten Connor und Duncan es sich auf Deck gemütlich gemacht. Duncan hatte in eine Kiste gegriffen und seinem Cousin ein Bier gereicht. Sie hatten alsbald erkannt, dass dieser Handlanger von Christopher Sikes keine Chance gegen ihr Mädel hatte.
Ja, genauso, Micky!“ feuerten die beiden die Comtesse an.
Ach, haltet doch die Klappe!“ rief sie erbost, während sie Henry La Porte weiter in die Enge trieb. Connor und Duncan lachten und stießen mit ihren Flaschen an.
Weiter so, Liebes. Du schlägst dich gut“, setzte Duncan noch eins drauf.
Ich sag's jetzt ein letztes, ein allerletztes Mal!“ Sie schlug zu und trennte La Portes Kopf ab. Im nächsten Augenblick drehte sie sich zu den Männern um und rief: „Haltet verdammt noch mal die Klappe, wenn ich am Kämpfen bin!“ Dann hob sie ihr Schwert in die Höhe und nahm die Energie auf.

Fünf Minuten später stapfte sie wutschnaubend auf das Hausboot zu, Duncan und Connor sprangen von ihren Zuschauerplätzen auf
.„Ich lasse ihr lieber mal schnell ein Bad ein“, erklärte Duncan und flitzte die Einstiegsluke herunter.

Ich mache ihr einen heißen Kakao!“ bat Connor an und eilte seinem Cousin hinter her, die Comtesse war ihnen Verwünschungen nachrufend dicht auf den Fersen.

 


11. Ein ganz normaler Arbeitstag

Frankreich, Chateau Dubois, am nächsten Morgen.
Nebel lag über den weitläufigen Dubois-Ländereien. Die Gärtner hatten große Laubberge aufgetürmt, durch die Angus fröhlich bellend hindurch rannte. Der Husky jagte ein Eichhörnchen kreuz und quer durch den Park, das sich auf der Suche nach Wintervorräten aus seinem sicheren Bau herausgetraut hatte. Nun, das bedauerte es spätestens jetzt, dachte Elisabeth Stern, die wie jeden Morgen das Frühstück für die Herrschaften vorbereitete. Die Küche des Chateaus war kuschelig warm, es duftete nach Blaubeermuffins und frischem Kaffee. Der Tisch war gedeckt und bereit für die Familie der Comtesse. Das Frühstück fand grundsätzlich in der gemütlichen Küche statt, obwohl es einen Salon für die Mahlzeiten gab. Doch seit Elisabeth zurückdenken konnte, hatte die Comtesse immer mehr Wert auf Gemütlichkeit und eine lockere Atmosphäre denn auf die verkrampfte Etikette gelegt, der sie sich über Jahrhunderte hinweg hatte unterwerfen müssen. Sie duzte ihre Angestellten und wurde im Gegenzug allerhöchstens als „Madame La Comtesse“ angesprochen und gesiezt. Auf das herrschaftliche „Ihr“ verzichtete Micky schon lange.

Auf jeden Teller des strahlend weißen Meißner Porzellans stellte Elisabeth Stern drei dampfende Muffins und goss Kaffee in die extragroßen Tassen. Nichts tat sie lieber als die Comtesse und die Messieurs MacLeod, Methos und den jungen Richie kulinarisch zu verwöhnen. Elisabeth war eine Glucke durch und durch, und da bei Yvette ihre Betüttelungs-Versuche kläglich gescheitert waren, ließ Elisabeth diese mütterlichen Anwandlungen ihrer Comtesse zugute kommen, die kaum älter war als Yvette, zumindest rein äußerlich. Lachend schüttelte Elisabeth den Kopf über diesen Gedanken und trällerte fröhlich „Imagine“ von John Lennon vor sich hin, begleitet von der CD, die ihr die Comtesse zu Weihnachten geschenkt hatte.

Ja, stell dir vor, deine Herrschaft wäre eine junge, attraktive Comtesse mit alabastergleicher Haut und wallendem braunem Haar, die dem Gemälde von François Boucher – Madame Pompardours Hofmaler - das im Wohnzimmer hing, verblüffend ähnlich sah.

Und stell dir weiterhin vor, diese Comtesse wäre 506 Jahre alt, sehe aber keinen Tag älter als die 25 Jahre aus, mit denen sie unsterblich geworden war. Und dann stell dir vor, sie stände gerade im Park vor dem Küchenfenster und trainierte den Schwertkampf mit ihrem 5.000 Jahre alten, ehemaligen Liebhaber, mit dem sie seit Ewigkeiten befreundet war. Ja, stell dir das vor und du hast einen meiner normalen Arbeitstage, dachte Elisabeth, während sie einen Blick aus dem Küchenfenster hinaus warf und Madame La Comtesse und Monsieur Methos beobachtete. Er würde wahrscheinlich nach dem Training einen Bärenhunger haben. Sie schob schnell noch ein Blech Muffins in den Ofen und bereitete vorsorglich eine große Portion Rühreier vor. Eine zweite Kanne Kaffee lief gerade durch die Maschine und die Milch für Madame La Comtesses heißgeliebte Trinkschokolade hatte exakt die richtige Temperatur. „Imagine there’s no country, it isn’t hard to do. Nothing to kill or die for and no religion too. Imagine all the people living life in peace…” sang Elisabeth nun. In der Schule hatte sie von Dante Allighieri und der “göttlichen Komödie“ gehört und sie glaubte sich zu erinnern, dass die Comtesse irgendwann davon gesprochen hatte, dass ihre unsterbliche Existenz genau das war. Sie kämpfte um ihr Überleben, obwohl sie doch unsterblich war. Sie könnte in Frieden leben, wenn da nicht diese „Zusammenkunft“ wäre und eine Vielzahl Unsterblicher, die ihren Kopf wollten.

Draußen in der feuchten Herbstluft schlug Metall auf Metall und Mickys helles, volltönendes Lachen erklang. Inzwischen waren Szenen und Geräusche wie diese für Elisabeth genauso alltäglich wie das Einschalten der Spülmaschine. Auch daran hatte sie sich erst gewöhnen müssen, nachdem sie jahrzehntelang per Hand gespült hatte. Elisabeth hatte sich anfangs geweigert zu glauben, dass ihre Herrin nicht sterben konnte, außer man schlug ihr den Kopf ab. Dabei hatte sie es hautnah miterlebt. Sie fasste sich unwillkürlich an die üppige Brust und erinnerte sich an den Tag, an dem sie die Wahrheit über ihre Dienstherrin erfahren hatte. Sie war gerade 17 Jahre alt gewesen, ein junges Ding, frisch von der Schule und bereit in den Dienst der Familie Dubois zu treten. Wie hätte sie ahnen können, dass jene Adelsfamilie aus einem einzigen Mitglied bestand, das den Titel der Comtesse seit dem Jahr 1500 innehatte.

 

Frankreich, Chateau Dubois, Juli 1973.
Jonathan Sterns Dienstwagen, ein roter Cadillac Eldorado, Baujahr 1973, der ihm für Fahrten nach Paris zur Verfügung stand, hielt an und Papa ihr öffnete die Tür. Elisabeth war endlich wieder zu Hause, sie ließ ihren Blick über die Auffahrt schweifen. Die Gärtner wuselten herum, Pierre winkte ihr und kam mit ein paar Rosen angerannt. Seine stahlblauen Augen blitzten frech, seine blonden, langen Locken wippten vor Freude auf und ab. Elisabeths Vater lächelte, wusste er doch, dass die beiden seit ihrem sechsten Lebensjahr schwer in einander verliebt waren. Jetzt war Elisabeth fünf Jahre fort gewesen, doch es schien sich nichts daran geändert zu haben. Madame La Comtesse hatte ihr eine hervorragende Schulausbildung bezahlt, sie war in Geschichte, Kunst, Mathematik und den großen europäischen Schrift­stellern ebenso gut bewandert wie in Hauswirtschaftslehre.

So, jetzt fängt der Ernst des Lebens für dich an, ma puce.“ Pierre lachte über den Kosenamen, den Elisabeths Vater immer noch benutzte. Seine Freundin seufzte genervt.
Papa! Hör’ endlich auf mich als Floh zu bezeichnen! Schon gar nicht in Pierres Gegenwart!“
Aber du bist nun mal mein kleiner Floh! Außerdem gibt es nichts, was Pierre nicht von dir weiß. Deine Mutter hat euch früher immer in die gleiche Wanne gesteckt! Da wart ihr noch so klein!“ Jonathan Stern deutete die Höhe von Zweijährigen an. Er lachte, während Pierre und Elisabeth einen roten Kopf bekamen und verlegen auf den Kiesweg starrten. Elisabeth wollte gerade einen giftigen Kommentar abgeben, als sie aufgeregte Rufe aus dem Chateau hörten.
Jonathan, Jonathan, lass das Gepäck stehen. Komm schnell rein, Madame ist verletzt!“ Ihr Mann ließ augenblicklich die Koffer fallen und drehte sich zu seiner Tochter um.
Du bleibst hier!“ befahl er keinen Widerspruch duldend.
Aber...“, setzte Elisabeth noch an, doch ihr Vater war schon verschwunden. Sie drehte sich zu Pierre und zuckte die Achseln. Ihr Freund gab ihr einen Kuss auf die Wange und nahm die Beine in die Hand. Sein Vater rief nach ihm, es gab Arbeit. Elisabeth griff derweil nach ihrem Gepäck und trug es in die Eingangshalle.

Dort angekommen sah sich um, keine Spur von ihren Eltern. Hatte Mama nicht gesagt, dass die Comtesse verletzt war? Sicher hatten die Eltern sie nach oben in ihr Schlafzimmer gebracht. Vielleicht konnte Elisabeth helfen? Sie hatte doch immerhin einen Erste Hilfe-Kurs mitgemacht.

Leise öffnete sie die Tür zum Schlafzimmer der Comtesse. Die Vorhänge waren bis auf einen schmalen Spalt zugezogen und ließen nur wenig Licht herein.

Die schönen Laken, sie hat alles vollgeblutet“, hörte sie ihre Mutter aufstöhnen.
Da wird sie ganz schön sauer sein“, bemerkte ihr Vater bedauernd, worauf Elisabeth schon leicht stutzig wurde.
Ich lasse ihr schon mal ein Bad ein, Jonathan. Sie ist vor fünf Minuten gestorben. Wenn sie aufwacht, wird sie sicher gleich baden wollen. Dann kann ich das Chaos hier beseitigen.“ Im nächsten Moment riss Elisabeth die Tür auf und sah die Comtesse Dubois blutüberströmt auf ihrem breiten Bett aus der Zeit des Sonnenkönigs liegen. Ihre Eltern standen völlig teilnahmslos neben ihrer Leiche. Sie vergossen nicht eine einzige Träne um ihre Dienstherrin, aber vielleicht saß der Schock im Moment einfach zu tief?
Maman?! Ist die Comtesse tot?!“ Sie fasste sich entsetzt an die Brust, die damals noch sehr klein gewesen war. Kein Vergleich zu ihrer späteren Figur, die von der guten Küche herrührte, die sie so hoch schätzte.
„Ja, Kind. Sie hatte ein Duell bei der alten Jagdhütte im Wald. Aber dem anderen fehlt jetzt immerhin der Kopf.“ Ihre Mutter sprach so belanglos darüber wie über den Wetterbericht. Für morgen war Regen angesagt und eine kopflose Leiche lag im Wald. Ja, klar.

Mama!“ schrie Elisabeth schockiert.
Sch, leise. Nicht so laut. Sie mag Krach überhaupt nicht, wenn sie aufwacht“, erklärte Marion Stern und deutete auf die kürzlich Verstorbene.
Aufwacht?! Aufwacht?! Mama, was zum Teufel redest du da für einen Blödsinn?! Sie ist tot!“ Elisabeth trat näher an das Bett heran und in diesem Moment öffnete Michelle Dubois die Augen und lächelte. Elisabeth sprang einen Schritt zurück. Die Comtesse verzog das Gesicht und berührte die rasch heilende Schnittwunde, die quer über ihren Bauch verlief. Ein Glück hinterließ sie keine Narben, sonst wäre die Bikinisaison abgesagt.

Mir tun alle Knochen weh, Marion. Ist mein heißes Bad fertig?“ Elisabeths Mutter knickste vor der Comtesse und ihre Tochter schrie wie am Spieß. Michelle drehte sich zu Elisabeth und hielt sich den pochenden Kopf, der von dem hellen Stimmchen der jungen Frau noch mehr hämmerte.
Hallo Elisabeth, wie war die Reise?“ fragte Michelle, setzte sich mit ihrem blutüberströmten, ehemals hellblauen Kleid von einer neuen, aufstrebenden Modedesignerin namens Jil Sander, die in diesem Jahr ihre erste Kollektion auf den Markt gebracht hatte, auf und lächelte. Elisabeth verdrehte die Augen und fiel in Ohnmacht.
Michelle beugte sich über sie und bemerkte trocken: „Zumindest hat sie auf der Schule für höhere Töchter gelernt, wie man angemessen in Ohnmacht fällt!“ Lachend hielt sie sich die Seite und verzog wieder das Gesicht.

 

 


Frankreich, Chateau Dubois, die Gegenwart.
Heute, 33 Jahre später, konnte Elisabeth Stern auch darüber lachen.
Was ist so lustig, Elisabeth?“ fragte Micky und legte ihr Toledo Salamanca auf die Anrichte, Methos lehnte sein Langschwert an die Wand neben der Tür.
Ich habe mich nur daran erinnert, wie ich in Ihrem Schlafzimmer in Ohnmacht gefallen bin, Comtesse“, erklärte Elisabeth feixend, ihre mächtige Brust hob und senkte sich bei jedem Lacher.
Die Tür ging auf und Pierre Muriel trat ein, er griff sich die Schwerter, einen Muffin, murmelte „Guten Morgen“ und war im nächsten Moment schon wieder verschwunden. Er und Elisabeth lebten seit 1973 in „Wilder Ehe“, wie es damals so schön geheißen hatte. Sie liebten sich, aber vom Heiraten hatten sie nie viel gehalten. Micky wäre die Letzte, die ein Problem damit hätte. Sie fasste sich lieber an die eigene Nase und dachte daran, dass sie mit zwei ihrer ehemaligen Liebhaber eng befreundet war und einer davon sogar unter ihrem Dach wohnte. Yvette war da schon anders, sie rümpfte die Nase sowohl über die „Wilde Ehe“ ihrer Eltern als auch über die Zustände, die im Chateau zeitgleich mit den Messieurs MacLeod eingezogen waren. Yvette war mit einem jungen, katholischen Arzt aus einem der umliegenden Dörfer verlobt und würde unter Garantie in der Kirche heiraten, als Jungfrau. Soviel zum Nachwuchs der Blumenkinder!

Oh ja, ich kann mich noch gut daran erinnern. Du hättest dein Gesicht sehen sollen, als ich von den Toten auferstanden bin. Ungefähr so hat damals Meister Unterhauser bei der versehentlichen Beschwörung von Dschingis Khan ausgesehen....“
Oder meine Tochter, nachdem Sie ihr von den Unsterblichen erzählt haben“, erklärte Elisabeth noch immer lachend. Im nächsten Moment hörte man aus den oberen Stockwerken einen gellenden Schrei.
Mon Dieu, das Kind ist schreckhafter als eine Maus in einem Spukschloss!“ rief Elisabeth, wischte sich die Hände an ihrer gestärkten mit Blümchen bestickten Kochschürze ab und brauste durch die Küchentür davon. Methos griff gelassen nach einem Muffin. Die kreischende Yvette gehörte inzwischen genauso zu Chateau Dubois wie Nessie zu seinem Loch in Schottland. Beide waren scheue Attraktionen, die spitzenmäßige Vorstellungen lieferten.
Vielleicht hat sie Connor nackt gesehen?!“ meinte Micky lachend, griff ebenfalls nach den himmlisch duftenden Muffins und eilte ihrer Haushälterin hinter her. Methos verschluckte sich lachend bei der Vorstellung dieser Szene. Er klopfte sich ein paar Mal kräftig auf die Brust und hustete.
Mit Tränen in den Augen rief er ihr grinsend hinter her: „Gibt es da denn so viel zu sehen, Comtesse? Ich meine, du musst es ja am Besten wissen!“

Kein Kommentar!“ meinte sie noch immer lachend und ging die Stufen in den ersten Stockhoch.
Wozu kein Kommentar?“ fragte Duncan, der von dem Schrei aus seinem Arbeitszimmer hervorgelockt worden war, wo er die Berichte seines Dojos gelesen hatte, die Joe ihm regelmäßig faxte.
Auch dazu kein Kommentar“, meinte seine Frau nur und rief nach Elisabeth.

Schließlich hatten sie Elisabeth und ihre Tochter im Schlafzimmer der Comtesse entdeckt, wo Yvette gerade die Betten hatte aufschütteln wollen.

Was ist denn los, Yvette? Hat Angus mal wieder ein totes Eichhörnchen vor mein Bett gelegt?! Das ist doch wirklich kein Grund zum Schreien“, erklärte Micky tadelnd und trat in ihr Allerheiligstes. Doch offensichtlich hatte jemand vergangene Nacht, während sie mit Connor und Duncan auf dem Hausboot übernachtet hatte, die Heiligkeit ihres Schlafzimmers verletzt.
Merde!“ fluchte Micky. Das Bett war mit getrocknetem Blut überzogen, an der Wand stand „We watch you!“ und daneben das Zeichen der Beobachter. Doch es unterschied sich von Joes Tätowierung in einem winzigen Detail: Eine Ecke des Kreises war herausgesplittert. Micky stöhnte auf und stützte sich bei Duncan ab.
Diese Mistkerle! Wo ist das Telefon?“ Methos reichte ihr eines der zahlreichen schnurlosen Telefone, die im Chateau verteilt waren. Sie drückte die Kurzwahltaste und wurde mit Joe’s Bar verbunden. Es war Freitag gegen ein Uhr nachts in Kanada, er war mit Sicherheit in seiner Bar.
Hier bei Joe’s, der Chef persönlich am Apparat“, meldete Joe sich fröhlich und schenkte seiner Frau einen Martini ein, während Emily sich über ihren Laptop beugte und eine Szene in ihrem neuen Buch schrieb.
Joe, hier ist Micky und ich bin verdammt sauer!“ Sie schritt in ihrem Schlafzimmer auf und ab, während sie telefonierte und Yvette davon abhielt, das Chaos zu beseitigen. Duncan kam eben wieder herein und fotografierte den „Tatort“ mit einer Digitalkamera.
Was es auch ist, ich war es nicht!“ erklärte er vorsorglich.
Ist Emily in der Nähe?“
Ja“, antwortete Joe verblüfft.
.„Dann schließ' ihren Laptop ans Internet an, ich maile dir ein paar Bilder und dann will ich ein paar Erklärungen.“

Ich glaub’ nicht, was ich da sehe“, meinte Joe, der sich dicht über den Laptop beugte, den Emily in seinem Hinterzimmer mit dem Internet verbunden hatte.
So ging es mir auch, aber das ist tatsächlich mein Schlafzimmer in meinem Chateau, Joe! Was geht da vor sich, verdammt?! Wir haben Horton erledigt, wer hat die Führung bei deinen abtrünnigen Kollegen übernommen?“
Ganz ehrlich, Micky, ich weiß es nicht.
Dann finde es heraus, verflucht noch mal! Wenn die in mein Chateau eindringen, nehme ich das verdammt persönlich... Ach, und Joe. Es gibt was Neues in Sachen Christopher Sikes. Ich habe gestern Nacht auf unserem Hausboot einen seiner Handlanger erledigt. Einen gewissen Henry La Porte“, sie hörte wie Joe die Luft zischend ausstieß. „Nein, nicht mein Henry. Zum Glück. Such’ mal nach seinem Namen in den Chroniken. Vielleicht findest du was.“
In Ordnung. Und was machst du jetzt?“
Frühstücken. Mach’s gut, Joe.“ Sie beendete das Gespräch und legte das schnurlose Telefon auf ihren Nachttisch.
Ist alles zu Ihrer Zufriedenheit?“
Ja, Elisabeth. Dein Frühstück ist wie immer himmlisch!“ lobte Micky und sah das Lächeln, das den Mund ihrer Hausperle umspielte.
Köstlich“, kommentierte Methos zwischen zwei Gabeln Rührei.
Ein Triumph“, fügte Connor hinzu und nahm sich noch einen ofenwarmen Muffin. Elisabeth winkte verlegen ab, eine leichte Röte schlich sich auf ihre Wangen.
Ach, die Messieurs schmeicheln mir zuviel. Sie sind alte Charmeure!“
Ja, alt ist Methos in der Tat!“ rief Duncan lachend.
Der weiß seit Jahrtausenden, was er einer hübschen, jungen Frau wann, wie und wo ins Ohr säuseln muss!“ Sie lachten alle über Duncans Bemerkung.
Hören Sie doch auf, Monsieur Duncan. Ich bin schon lange nicht mehr hübsch und jung!“ Sie schlug mit ihrem Topflappen nach ihm. Die Küchentür ging auf, Chefgärtner Pierre Muriel trat ein.

Für mich schon und genauso appetitlich wie deine Muffins“, erklärte er, griff seiner Lebensgefährtin mit der Rechten an den runden Hintern und mit der Linken nach besagten Muffins. Bevor Elisabeth ihn mit dem Nudelholz zur Raison bringen konnte, war er auch schon zur Tür hinaus und im Park verschwunden.
Sehen Sie“, setzte Elisabeth lachend an. „Deswegen habe ich ihn nie geheiratet!“
Ach Elisabeth, die ‚Wilde Ehe’ hat durchaus ihre Vorteile. Was glaubst du, weshalb ich mit 506 Jahren erst zum dritten Mal verheiratet bin?“ warf Micky lachend in die Runde.
Äh“, machte Duncan, den Toast dicht vor seinem geöffneten Mund haltend.
Sprich dich ruhig aus, Cousin!“ Doch Duncan schüttelte nur den Kopf und legte den Toast wieder zurück auf den Teller.
Dazu fällt mir beim besten Willen nichts mehr ein, Connor.“ Er stand auf. „Komm, wir fahren nach Paris. Ich habe etwas zu erledigen.“
Oh Comtesse, hoffentlich will er nicht die Scheidung einreichen. Er hat ja eine Heiratsurkunde im Gegensatz zu mir. Ich bin auf ewig zur Ehe mit Isis verdammt, weil ich nur einen Papyrus über die Spende von Kühen und Schafen unterschrieben habe...“
Hey Methos, ich bin doch nicht bescheuert.“
Micky nickte zufrieden über Duncans Antwort. „Dann müsste ich doch auf Elisabeths gute Küche verzichten.“ Er drückte der Haushälterin einen Kuss auf die Wange und flitzte zur Tür hinaus. Der Topflappen, den Micky nach ihm geworfen hatte, traf nur noch die Tür.

Einige Stunden später ging Elisabeth mit einem riesigen Korb frisch gewaschener Wäsche die Kellertreppen hoch.
Elisabeth, geben Sie her.“ Richie riss ihr den Korb aus den Händen und sackte kurz in die Knie.
Sind sie sicher, Monsieur Richie?“ fragte die Haushälterin zweifelnd. Er nickte nur, sein Gesicht nahm eine dunkle Färbung durch die Anstrengung an.
Das können niemals Mickys Dessous sein. Haben Sie Backsteine mitgewaschen?!“ Elisabeth lachte über die Frage und dirigierte Richie zur Treppe und den ersten Stock hinauf. Ein kurzer Blick zum Fenster raus zeigte, dass draußen ein Herbststurm in vollen Zügen tobte. Laub wurde aufgewirbelt und Äste flogen klappernd gegen die Fenster. In der Ferne erkannte Richie, dass Angus schnell wie ein Ferrari auf die Küchentür zugerast kam. Unten hörten sie die Hundetür zufallen, hektisch drehte Elisabeth sich um und entdeckte Angus. Der Hund stand vor Dreck. In der Schnauze hielt er das Eichhörnchen, das er seit dem Morgen durch den gesamten Park gejagt hatte und schüttelte sich das Fell trocken.

Die Haushälterin schrie empört und stieß Richie aus dem Weg, der bedrohlich mit dem überdimensionalen Wäscheberg um sein Gleichgewicht kämpfte. Er verlor und verschwand unter der Wäsche.

Einen Stock tiefer hörte er Elisabeth und Yvette, die vom Staubwischen aus dem Salon gekommen war, fluchen und mit dem Hund schimpfen. Die Tür zur Bibliothek ging auf und Micky betrachtete belustigt die Szene. Sie entdeckte ihren Husky und das Chaos, das er veranstaltet hatte und grinste. Dann sah sie Richie, der Gespenst mit ihren Bettlaken spielte, während er sich von ihnen zu befreien versuchte. Micky prustete los und griff haltesuchend nach der Ritterrüstung ihres Onkels Abelard Piccolet Dubois. Sie streifte sie und Onkel Abelards Rüstung fiel scheppernd in sich zusammen.

Oh Maman, das ist doch alles nicht wahr!“ rief Yvette.
Doch, doch, mein Kind“, versicherte Elisabeth ihr, während sie den Hund fest umklammert hielt und ihn in Richtung Badezimmer zog.
Das ist einer meiner normalsten Arbeitstage!“


 


12. Herbststürme

Frankreich, Chateau Dubois, kurz vor Abend des selben Tages.
Denkst du nicht, wir sollten umkehren?“ gab Methos zu bedenken. Das Wetter gefiel ihm überhaupt nicht.
Er drehte sich auf seinem Pferd in Richtung der heranziehenden, dunklen Wolken um, die eine Fortsetzung des Herbststurmes ankündigten. Der Wind frischte auf und einige Vögel flatterten aufgeregt davon. Die Wolken hingen tief und schienen schwer beladen zu sein. Methos wollte ihren Inhalt lieber nicht abbekommen. Doch Micky schüttelte unbeeindruckt den Kopf. Sie war froh an der frischen Luft zu sein, Methos hatte sie auf einen Ausritt begleitet, nachdem Angus sein Chaos in der Eingangshalle veranstaltet hatte. Ihr spukten immer noch die Beobachter und Christopher Sikes im Kopf herum und ließen sie nicht zur Ruhe kommen. Joe hatte noch nicht angerufen und Neuigkeiten über die Splittergruppe oder Sikes gemeldet. Micky hatte vorsorglich ihr Handy mitgenommen, doch ein Blick auf das Display zeigte nicht einmal einen einzigen winzigen Balken. Kein Empfang, egal. Sie wollte noch nicht zurück, das Eindringen der Beobachter in ihr Schlafzimmer hatte sie schockiert. Bisher hatte sie das Chateau immer als eine sichere Festung, einen Schlupfwinkel für sich und ihre Familie angesehen.

Wenn es wieder losgeht, übernachten wir in der alten Jagdhütte“, sie zeigte auf eine nahe gelegene Lichtung, wo ein Gebäude stand.
Dann schlafe ich aber draußen, Comtesse!“
Wieso das denn?“ Sie sah ihn verwundert an.
Hör’ mal, ich bin nicht 5.000 Jahre alt geworden, um meinen Kopf durch das Schwert eines eifersüchtigen Highlanders zu verlieren!“ Micky lachte darüber und streichelte ihre Stute.
Meinst du Duncan oder Connor?“ fragte sie grinsend.
Die sind beide gleich schlimm. Sie halten mich für einen Schwerenöter, einen hemmungslosen Verführer“, erklärte Methos, was mit einem prustenden Lachen der Comtesse beantwortet wurde.
Du bist aber in Wahrheit ein lammfrommes Wesen“, bemerkte sie die pure Ironie verströmend.
Natürlich!“ Er legte sich mit einem schockierten Gesichtsausdruck eine Hand aufs Herz.
Darf ich dich an dieses bezaubernde Weihnachtsfest 1795 auf deiner Plantage erinnern? Und an Mrs. Annabell Slaughton? Und ihren eifersüchtigen Ehemann, den du geköpft hast, nachdem er euch mehr oder weniger inflagranti erwischt hatte?“ Die Hand verschwand blitzartig von seiner Brust, er holte Luft, um sich zu verteidigen. „Und erzähl’ mir nicht, das wäre eine Ausnahme gewesen. In Charleston warst du bekannt wie ein bunter Hund... Wie ein bunter Hund, der seine Hosen nie lange anbehalten konnte“, ergänzte sie grinsend.
Siehst du, genau deswegen werde ich mit dir nicht in der Jagdhütte übernachten. Wir reiten zurück.“ Er wendete sein Pferd in Richtung des Chateaus.

Urplötzlich wurde es stockfinster und der Wind nahm an Stärke und Geschwindigkeit zu. Die Pferde scheuten, Micky hielt die Zügel kurz und wendete ihre Stute Misty. Und im nächsten Moment brach eine wahre Sinnflut vom Himmel herunter.

Das kann doch nicht wahr sein!“ rief Micky als auch noch tennisballgroßer Hagel auf sie beide herunterprasselte. Methos lenkte sein Pferd geistesgegenwärtig unter die großen Tannenbäume. Micky zerrte am Zügel, um ihm zu folgen, doch Misty hatte andere Pläne. Sie stellte sich auf die Hinterhufe und wieherte erschrocken. Micky packte die Zügel fester, doch ihre nassen Hände verloren den Halt. Sie und Methos waren bereits bis auf die Knochen durchnässt. Micky konnte sich nirgendwo festhalten, sie fiel in weitem Bogen von ihrer Stute, die sogleich Gas gab und nur noch von hinten gesehen wurde. Methos sprang von seinem Pferd und stürzte auf die bewusstlose Micky zu.
Hey, Comtesse! Wach auf! Wir müssen hier weg!“ Sie reagierte nicht. Methos griff unter sie, zum Glück war Micky nicht sonderlich schwer. Hinter ihm krachte es, eine junge Tanne war von dem Sturm entwurzelt worden, was Methos’ Pferd zum Anlass genommen hatte Misty zu folgen.
Na herrlich! Micky, wach auf! Ich verspüre nicht die geringste Lust dich bis zum Chateau zu tragen!“ Doch sie reagierte noch immer nicht, was blieb Methos also anderes übrig? Er warf sich die bewusstlose Micky über die Schulter und versuchte den Hagelbällen, die glücklicherweise kleiner wurden, auszuweichen. Einer streifte ihn an der Schläfe, er fluchte und wischte sich das Blut weg, das ihm ins Auge laufen wollte. Das war doch alles nicht wahr! So einen beschissenen Tag hatte Methos schon lange nicht mehr erlebt.
Was ist passiert?“ fragte Micky eine Minute später ganz benommen, die Schaukelei hatte sie aus dem Land der Träume zurückgeholt. Methos lud seine Freundin ab und stellte sie auf die Füße, sie knickte ein und schrie vor Schmerz auf.
Oh Schei.... Anscheinend hab’ ich mir was gebrochen. Tut das weh, verdammt!“ Sie hüpfte auf dem rechten Fuß herum und ruderte mit den Armen, um ihr Gleichgewicht zu finden. Methos griff nach ihr und bekam sie zu fassen, bevor Micky umfallen konnte. Dicht an seinem Kopf sauste ein dicker Ast vorbei.
Wow, das war knapp! Nach deinem Regentanz zu schließen, kannst du wohl nicht laufen? Also...“ Er griff Micky in die Kniekehlen, sie schrie erschrocken auf. “Muss ich dich doch tragen. Das wird teuer, Comtesse.“ Er hatte sie Kopf voraus über seine Schulter geworfen wie einen Sack Kartoffeln und hielt ihre festen Waden umklammert.
Ja, ja“, seufzte sie genervt, wobei sie im Rhythmus von Methos' Schritten auf-und abwippte. Sie trommelte gelangweilt mit ihren zierlichen Fingern auf Methos’ tratschnassen Rücken, während sie von ihm durch den Sturm getragen wurde.
Du bekommst eine Kiste Champagner, Methos. Und wenn du mich heil ins Chateau getragen hast, dann können wir alle Frankreich lieben.“ Er grinste über den noch immer beliebten Trinkspruch und die Aussicht auf einen guten Schluck Champagner. Wobei ihm im Moment in Anbetracht der Kälte der Sinn eher nach einem steifen Grog stand.

 

Eine Stunde später war es bereits nahezu dunkel. Methos stieß die Eingangstür des Chateaus auf. Licht brannte, doch das Gebäude lag in völliger Stille.

Connor, Duncan, Richie?“ rief er, doch nur sein Echo, das von den breiten Steinsäulen zurückgeworfen wurde, antwortete ihm. Es brannten einige Kerzen, die eine gemütliche Stimmung verbreiteten. Offensichtlich waren sie vom Personal schon sehnsüchtig erwartet worden. Das würde auch die Kerze erklären, die im Wohnzimmerfenster gebrannt hatte. Ein Brauch aus uralter Zeit, der den Menschen den Heimweg zeigen sollte.
Weißt du, dass du eine tolle Akustik hier drin hast?“
Ja, ja, Bon Jovi hat sich schon für ein Konzert angemeldet. Kannst du mich irgendwo abstellen? Ich denke, der Fuß ist wieder in Ordnung.“ Er ließ sie fallen, wo er gerade stand. Sie landete mit einem lauten „Plumps“ und einem empörten „Aua“ auf dem weißen Marmorboden der Eingangshalle.
Biest! Seit wann ist er schon wieder geheilt?!“ Als Antwort grinste sie grinste ihn nur schelmisch an. „Du Luder! Miststück! Falsche Schlange! Ich erwürg’ dich!“ Sie sprang auf die Füße, als wäre der eine nie gebrochen gewesen und rannte lachend die Treppen zum ersten Stock hoch. Methos fluchte immer noch hinter ihr her und folgte ihr.
Ist alles in Ordnung, Monsieur Methos?“ fragte Elisabeth, deren Kopf aus dem Spalt der Küchentür hervorlugte. „Bleiben Sie zum Abendessen und über Nacht?“
Wenn ich es geschafft habe, Ihre Hausherrin zu erwürgen, Elisabeth. Ja, sehr gerne!“ rief er über seine Schulter hinweg. Elisabeth nickte nur und zog ihren Kopf zurück in die Sicherheit ihrer gemütlichen, warmen Küche. Szenen wie diese regten nur noch Yvette auf. Elisabeth setzte sich vor den Herd und strickte an ihrem Schal weiter. Die Enkelin einer Freundin war ein großer Harry Potter-Fan und hatte sich zum Geburtstag einen Schal von Harrys Haus in Hogwarts – Griffyndor – gewünscht. Yvette hatte ihrer Mutter die Anleitung aus dem Internet heruntergeladen und das Logo günstig bei Ebay ersteigert. Und nun saß Elisabeth in jeder freien Minuten da und ließ die Nadeln klackern.

 

Oben im Schlafzimmer rubbelte Micky sich gerade die langen Haare mit einem Frottétuchtrocken. Methos klopfte und trat dann ein.
.„Hier, fang!“ Sie warf ihm ein sauberes Handtuch zu. „Wenn’s geht, tropf’ bitte nicht auf den Perser.“ Er funkelte sie böse an.

Du kleines Miststück hast dich also den kompletten Weg bis nach Hause von mir tragenlassen?“ Sie lachte.
Du solltest dir deine Kiste Champagner eben verdienen, alter Junge. Und so schwer bin ich doch wirklich nicht.“
Nachdem du heute Morgen fünf Muffins verschlungen hast?! Nein, natürlich nicht.“
Die gehen beim Training wieder verloren... Sei lieb zu mir, sonst werde ich Elisabeth anweisen, dass du keinen Nachtisch bekommst.“
Das...“, weiter kam Methos nicht, aus dem Erdgeschoss hörten sie Yvette aufgeregt rufen.
Du lieber Himmel, das Mädel ist schriller als die Sirenen aus dem zweiten Weltkrieg“, rief Micky und warf das Handtuch auf den Boden. Methos schlenderte gemütlich hinter der Hausherrin her. Ihn konnte heute nichts mehr ernsthaft aufregen, nachdem er sie durch Regen und Hagel Huckepack nach Hause getragen hatte, obwohl sie alleine hätte laufen können.
Biest“, murmelte er noch einmal.
Yvette, Herr im Himmel noch mal! Was ist passiert, dass du schon wieder so schreien musst?! Ich bin nicht taub! Noch nicht, obwohl du dir die größte Mühe gibst.“ Yvette murmelte eine Entschuldigung und deutete mit zittriger Hand in Richtung Bibliothek. Das war alles zu viel für sie. Wie konnte ihre Mutter solche Aufregung nur schon seit 33 Jahren wissentlich mitmachen?! Das war für Yvette unverständlich. Sie sah noch aus dem Augenwinkel, wie ihre Comtesse entnervt davon rauschte, Monsieur Methos und der gebadete Angus folgten ihr dicht auf. Dann ging Yvette seufzend in die Küche zu ihrer Mutter.

Micky öffnete die Tür zur Bibliothek und erschrak, sie ging einen Schritt rückwärts und prallte gegen Methos. Sie drehte sich um und schlug ihm vorwurfsvoll gegen die Brust.

Hey, die zwei sehen aus wie aus einem Kriegsfilm entstiegen...“, er zeigte auf Connor und Duncan, die in der Tat recht mitgenommen aussahen. Ihre Kleidung war zerfetzt, sie waren dreckig und hatte einige blaue Flecken und Schnittwunden, die aber bereits so gut wie verheilt waren. „Und ich bekomme Schläge!? Und das nachdem ich dich durch den ganzen Wald nach Hause getragen habe?! Na vielen herzlichen Dank!“ Er ging an die Bar und schenkte sich einen Whisky ein.
Haben wir irgend etwas verpasst?“ fragte Duncan. „Das gleiche könnte ich euch auch fragen! Wo zum Teufel wart ihr die letzten Stunden und was habt ihr dort angestellt?“
Also, das war so...“ setzte Duncan an, doch Connor fuhr ihm über den Mund. „Das ist meine Geschichte!“

 

Frankreich, Paris, vier Stunden zuvor.
Duncan hatte erledigt, wofür er nach Paris gefahren war. Jetzt schlenderte er mit Connor an der Seine entlang, beide hatten einen Kaffee in der Hand und unterhielten sich angeregt. Der Sturm, der über Chateau Dubois tobte, hatte Paris noch nicht erreicht, hier schien die Sonne.

Connor MacLeod!“ rief jemand, der drehte sich um und zuckte zusammen. Auch Duncan hatte die Gegenwart anderer Unsterblicher gespürt.
Wer ist das?“ fragte Duncan, während Connor die Augen zusammenkniff und grübelte. Dann drückte er Duncan den Kaffeebecher in die Hand und griff unter dem Mantel nach seinem Schwert. Sein Cousin sah sich um, doch niemand war in der Nähe.
Das ist Silas Goodrich!“ erklärte Connor, als wäre damit schon alles klar.
Wer?“
„Silas Goodrich. Hast du schon mal von der Lewis-und-Clark-Expedition gehört, die 1804 den Landweg quer über den amerikanischen Kontinent an den Pazifik erforscht hat?“

Ja, schon. War mal eine Frage bei Jeopardy, glaub’ ich.“
Ich war dabei.“
Wirklich? Hast du mir nie erzählt... Das erklärt aber noch immer nicht, was dieser Goodrich von dir will.“
Was wohl? Meinen Kopf. Er war einer der 33 Expeditionsteilnehmer.“
Ich kann mich aber nicht erinnern, dass dein Name jemals in Verbindung mit Lewis und Clark gefallen wäre.“
Bei Jeopardy? Wohl kaum. Nein, ich bin unter dem Namen Hugh McNeal mitgereist...“
Dann sprach er den ehemaligen Expeditionsteilnehmer an: „Goodrich, was wollen Sie? Zu Ende bringen, was Sie bei der Expedition vermasselt haben?“ Der große, braungebräunte Amerikaner mit der aalglatten Frisur grinste hämisch.

Das auch, aber eigentlich soll ich euch eine Botschaft von Christopher Sikes überbringen.“ Duncan stöhnte auf, dieser Sikes gab wirklich keine Ruhe.
Was denn noch? Meine Frau hat einen von euch schon enthauptet. Die war vielleicht sauer, weil er mitten in der Nacht aufgetaucht ist!“ Connor versetzte seinem Cousin einen Stoß und deutete mit der Spitze seines Toledo Salamancas neben Goodrich. Dort stand ein weiterer Unsterblicher, der Silas sehr ähnlich sah.
Ihr Bruder nehme ich an?“ fragte Connor, Silas nickte nur und stellte seinen Begleiter als Jonas Goodrich vor. Die MacLeod-Cousins gingen auf die Goodrich-Brüder zu und hoben ihre Schwerter, auf deren blankpolierten Klingen sich die Sonnenstrahlen spiegelten. Sie ahnten nicht, dass sie von der Pont Neuf aus beobachtet wurden.

Silas griff Connor augenblicklich an, er drosch mit seinem Langschwert hektisch auf ihn ein. Connor kam nicht unbedingt ins Schwitzen. Duncan hatte mit Jonas auch nicht wirklich seine Probleme. Doch die beiden Highlander sollten noch ihr blaues Wunder erleben. Von einem Moment zum anderen zog Silas Goodrich eine Pistole und schoss auf Connor und Duncan. Die beiden waren völlig überrascht, das war bei einem Duell eigentlich nicht üblich. Sie taumelten rückwärts und sahen sich irritiert an. Silas warf die Waffe seinem Bruder zu, der ein zweites Mal feuerte. Duncan ließ sein Katana fallen und fluchte, weil sein Schwertarm verletzt war. Mit der anderen Hand führte er sein Schwert wesentlich unsicherer. Doch er machte sich keine Sorgen darüber das Duell zu verlieren. Ihm war klar, dass die Goodrich-Brüder nur mit ihnen spielten. Vermutlich wollten sie testen, ob Duncan und Connor würdig waren gegen Christopher Sikes anzutreten. Das Geplänkel, denn mehr war es augenscheinlich nicht, ging noch einige Zeit so weiter. Die Goodrichs und MacLeods verletzten sich abwechselnd mit ihren Schwertern, Duncan und Connor hatten außerdem auch schon einige Fausthiebe und Kinnhaken einstecken müssen.

Was hast du dem denn nur getan?“ rief Duncan wütend seinem Cousin zu und versetzte Jonas Goodrich einen Schnitt knapp unterhalb des Halses. Duncans Hemd und Mantel hingen in mehreren Fetzen herunter. Aus dem Augenwinkel sah er, wie sein Cousin eine Steintreppe zur Seine herunterpurzelte. „Pass doch auf!“ rief Duncan.
Witzig. Kümmer' dich um deinen eigenen Kampf und lass' mich in Ruhe!“ Connor wurde jetzt langsam wirklich sauer. Silas sprang die Treppe herunter und landete vor Connor auf den Füßen. Er holte mit dem Schwert aus und verfehlte Connors Hals nur um wenige Zentimeter. Connor sprang zurück und fiel auf die Treppenstufen. Sein Schwert hielt er zum Schutz vor sich hoch. Er sah das Schwert von Silas Goodrich auf sich niedersausen, hörte wie Duncan entsetzt seinen Namen rief. In letzter Sekunde hörte er dann einen Pistolenschuss und Silas Goodrich sackte in sich zusammen. Connor blickte sich rasch um. Hoch oben auf der Pont Neuf stand ein Mann mit blonden Haaren und grinste diabolisch.
Diese Runde ist beendet, doch das Spiel geht weiter, Mr. MacLeod!“ Connor war es ganz klar, das musste Christopher Sikes sein. Er drehte sich um und sprintete die Treppen hoch. Sikes hob den Finger und signalisierte „Nein, nein, nein“. Dann erschoss er Connor und gab Jonas Goodrich ein Zeichen. Dieser schoss auf Duncan, der sofort tot zusammenbrach. Dann ging er die Treppen runter und zog die Leiche seines Bruders mit sich fort. Christopher Sikes schenkte den de MacLeod-Cousins keine Beachtung mehr. Aber er freute sich schon wie ein kleines Kind auf die nächste Runde.

 

Frankreich, Chateau Dubois, die Gegenwart.
Dann hattet ihr ja einen richtig amüsanten Tag“, bemerkte Micky.
Aber sonst geht's noch, Comtesse? Oder wie?!“ blaffte Duncan, seine Frau verzog die Mundwinkel zu einem Grinsen.
Bei mir geht's immer, Duncan... Connor, was hast du mit diesem Silas Goodrich laufen, dass er sich auf Christopher Sikes' Seite stellt?“ Eine berechtigte Frage von Micky, die auch schon Duncan ins Grübeln gebracht hatte.
Das kann ich dir sagen. Es ging um eine Frau. Sie...“
Was für eine Überraschung!“ bemerkte Duncan leicht genervt und holte sich einen Whisky.
Lass mich doch mal ausreden. Die Lewis-und-Clark-Expedition begleitete eine junge Indianerin namens Sacajawea...“
Und die wolltest du...“, begann Micky.
Himmeldonnerwetter! Das ist meine Geschichte! Nein, ich wollte mich nicht an sie ranmachen. Sie war verheiratet. Sie und ihr Mann, Toussant Charbonneau, begleiteten die Expedition als Dolmetscher und Führer. Sie war für die örtlichen Indianer ein Garant dafür, dass die Expedition, die immerhin aus 33 Teilnehmern bestand und 30 Tonnen Ausrüstung mit sich führte, friedliche Absichten hatte. Andernfalls wäre nicht eine Frau mit einem Baby ihre Begleitung gewesen... Es war Silas Goodrich, der Freiwild gewittert hatte. Für ihn waren Indianerfrauen und besonders so attraktive wie Sacajawea, die eine Shoshone/Hidatsa-Indianerin war, schlicht und ergreifend Beute. Ihn interessierte es nicht, dass sie Mann und Kind hatte. Eines Nachts saß sie alleine am Feuer und er wurde zudringlich. Da bin ich dazwischen gegangen. Ihr Mann war gerade mit einigen Soldaten aus der Gruppe auf der Jagd, sie hatten in der Nähe des Lagers Büffelspuren gefunden. Die Männer aßen jeden Tag neun Pfund Fleisch pro Kopf, die mussten erstmal geschossen werden.“
Ein Hoch den Vegetariern“, warf Micky ein, dann sah sie Connors bösen Blick und meinte nur: „Erzähl bitte weiter.“
Kurz gesagt, er wurde von mir zusammengeschlagen. Dann hab' ich ihn in ein stilles Wäldchen geschleift und mein Schwert gehoben. Ich wollte ihn erledigen und seine Leiche verschwinden lassen. Doch die Männer kamen früher als erwartet von der Jagd zurück. Ich konnte mir nicht seinen Kopf holen. Aber ich machte ihm klar, dass es jederzeit im Schlaf passieren könnte, wenn ich auch nur den leisesten Verdacht hätte, dass er Sacajawea auch nur schief ansehen würde.“ Connor beobachtete Silas Goodrich fortan genau. Er ließ ihm gar nicht erst die Chance in die Nähe der jungen Indianerin zu kommen. Immer wenn er und Silas unbeobachtet waren, zeigte er ihm die polierte Klinge seines Toledo Salamancas. Die Expedition verlief ohne große Zwischenfälle. Abgesehen von Charles Floyds Tod im August 1804 gab es keine weiteren Todesfälle. Der 22-jährige Sergeant starb an einer Blindarmentzündung. Es gab einige Fälle von Brechdurchfall, weil die unbedarften, teilweise sehr jungen Soldaten ihnen völlig unbekannte Pflanzen und Beeren aßen. Auf Sacajaweas Warnungen hörten sie nicht, was wusste schon eine Heidin, die in diesem wilden, unerforschten Land geboren und aufgewachsen war über die giftigen Pflanzen ihrer Heimat? Viel, das wurde den uneinsichtigen Heißspornen spätestens dann klar, als Sacajawea sie von ihrem Leiden erlöste. Und zwar nicht mit einer Kugel, wie Connor Captain Meriwether Lewis und Second Lieutenant William Clark, den Namensträgern der Expedition, sarkastisch vorgeschlagen hatte, sondern mit Kräutern, die sie gesammelt hatte. Danach hatten die Männer, alle bis auf Silas Goodrich, den größten Respekt vor ihr. "
Und was wollen wir jetzt unternehmen?“ fragte Methos und unterdrückte ein Gähnen, der Tag war viel zu ereignisreich für einen Mann in seinem Alter gewesen. Erst das Training mit Micky, dann die Erkenntnis, dass die Splittergruppe der Beobachter ins Chateau eingedrungen war, die ständig kreischende Yvette, Richie, der Gespenst mit den Bettlaken spielte, Angus, der Chaos-Husky, der Sturm und die Huckepack-Aktion mit der Comtesse und jetzt noch die Story von Duncans und Connors Double-Feature an der Pont Neuf. Das war eindeutig zu viel Action für einen einzigen Tag.
Erst einmal werde ich Joe über die neuen Ereignisse in Kenntnis setzen und ihn bitten, dass er die Goodrich-Brüder überprüft. Vielleicht finden wir über die beiden endlich den mysteriösen Christopher Sikes. Oder er hat endlich herausgefunden, wo sich das Hauptquartier der Splittergruppe befindet“, erklärte Micky.
Und dann willst du wie ein weiblicher Rambo da reinstürmen, oder wie?“ fragte Methos.
Ich habe eher an Lara Croft gedacht. Das ist zeitgemäßer. Und dann sollten wir essen, Elisabeth hat falschen Hasen gemacht.“
Davon werden wir auf jeden Fall besser satt als von dem Eichhörnchen, das Angus erlegt hat“, meinte Methos grinsend. Duncan blickte verblüfft auf und fragte sich, was genau heute im Chateau vor sich gegangen war.
Kann es sein, dass Connor und ich hier einiges verpasst haben?“
Nein, nur das Übliche“, antworten Micky und Methos gleichzeitig. Sie sahen sich überrascht an und lachten dann los.

 

 

13. Tempus Fugit oder wie schnell sich die Dinge ändern


Frankreich, Chateau Dubois, der nächste Tag.
Micky machte einen Spaziergang zu den Ställen, sie wollte sich überzeugen, dass Misty und Thunder ihr gestriges Abenteuer gut überstanden hatten. Sie betrat den Stall und sah sich um. Aus einer der Boxen hörte sie, wie Heu aufgeschichtet wurde.

Hallo?“ fragte sie.
„Hier.“

Pierre, was machst du denn hier? Wo ist dein Sohn?“ Pierre kratzte sich verlegen am Kopf und stützte sich auf seine Mistgabel.
Ganz ehrlich, Comtesse?“ Sie nickte.
Philippe hat gestern zu viel gefeiert...“
Also Pierre, du weißt, dass ich viel Verständnis habe. Aber dein Junge muss lernen, dass er Verantwortung mit der Pflege meiner Pferde übernommen hat.“ Sie strich zärtlich über Mistys Kopf. Sie war ein Biest genau wie ihre Herrin.
Es ist doch nur, weil...“
Spuck’s aus, Pierre.“
Es war doch der Junggesellenabschied von Philippe.“
Oh. Warum hast du das nicht erwähnt?“
Habe ich doch, Comtesse. Es war nur soviel los wegen Christopher Sikes. Und dann der Einbruch der Splittergruppe, da haben Sie mir wahrscheinlich nicht richtig zugehört.“ Nun war Micky es, die sich verlegen am Kopf kratzte.
Tut mir leid, Pierre. Du hast Recht, ich habe soviel um die Ohren, dass ich es glatt vergessen habe. Gib mir die Mistgabel, ich helfe dir.“ Er reichte sie seiner Comtesse, Seite an Seite misteten sie den Stall aus.

Kurz darauf beim Frühstück. Methos saß in der Küche über die Samstagsausgabe der „Le Monde“ gebeugt und machte ein ernstes Gesicht. Micky drückte ihm, Connor und Duncan einen Kuss auf die Wange und verstrubbelte Richie die Haare, weil sie genau wusste, dass ihn das nervte.
Jemand gestorben, den du kennst?“ fragte Connor beiläufig und bestrich seinen Toast mit Butter und träufelte Mickys selbstgemachten Honig darauf.
Was?... Nein, es ist eher umgekehrt. In Paris geht ein Mörder um, den ich zu kennen glaube. Er bringt junge Frauen um...“ Nachdenklich griff er nach seinem Kaffee.
Ich dachte, Micky hätte diesen Lastrada kaltgemacht?“
Hat sie auch. Ich rede von Jack the Ripper.“ Elisabeth drehte sich überrascht um, Yvette stand das blanke Entsetzen in den Augen. Sie schlug ein Kreuz und rauschte aus der Küche. Richie pfiff anerkennend.
Du hattest echt mit Jack the Ripper zu tun?“ fragte er beeindruckt. Micky gab ihm eine Kopfnuss und zeigte auf ihre Narbe am Hals.
Andächtige Verehrung ist bei einem Geistesgestörten, der jungen Frauen den Hals durchschneidet nicht angebracht, Junior. Schon gar nicht in meiner Gegenwart! Das macht eine zusätzliche Trainingsstunde nachher!“ knurrte Micky.
Aber...“ begann Richie.
Nur weiter so, dann werden es zwei. Ich habe Zeit, ist ja Samstag.“ Richie holte Luft, doch Methos schlug ihm vorausahnend seine Rechte auf den Mund, so dass nur ein „Mmmpf...“ herauskam.
Er sah Richie beschwörend an und meinte: „Da hat Micky vollkommen Recht, Junge. Ich habe Jack the Ripper 1888 durch halb London gejagt und ihn immer ganz knapp verpasst. Aber zwei Dinge weiß ich hundertprozentig: Er war ein Unsterblicher und er ist im Augenblick in Paris und tötet junge Frauen auf die gleiche Weise wie 1888 im East End von London...“

 

Großbritannien, London, East End, 30. September 1888.
Das schrille Trillern der Pfeife eines Constables der Londoner Polizei suchte sich seinen Weg durch die verruchten, düsteren Gassen des East Ends. Methos’ Herz zog sich zusammen, er wusste genau, was passiert war. Das Monster, der geisteskranke Serienmörder, der seit dem Sommer immer wieder junge Frauen, vorzugsweise Prostituierte im Elendsviertel Whitechappel höchstwahrscheinlich mit einem Skalpell die Halsschlagader durchschnitt und der von den Zeitungen den überaus passenden Namen „Jack the Ripper“ verliehen bekommen hatte, hatte erneut zugeschlagen. Gewalt war in Whitechappel, dem Bordell-Viertel Londons, nichts Unbekanntes. Doch Morde und ganz besonders solch bestialische, wie sie Jack the Ripper beging, hingegen schon.

Vor kurzem hatte man die Leiche von Elizabeth Stride gefunden und nun hatte der Ripper offensichtlich schon wieder zugeschlagen, zwei Mal am selben Tag. Methos hatte ihn vom Tatort verschwinden sehen wie einen Dämon aus einem Alptraum. Das Cape flatterte ebenso wie die langen, blonden Haare, die von einem blutroten Band zusammengehalten wurden. Der Anblick des Haarbandes, das Methos so wohlbekannt war, versetzte ihm einen schmerzhaften Stich. Er hatte es seiner Freundin Annie Chapman geschenkt zusammen mit dem Versprechen sie von ihrem Zuhälter freizukaufen. Doch Jack the Ripper war ihm zuvor gekommen. Am 8. September war sie ihm in die Arme gelaufen und hatte am darauf folgenden Tag in der Times als neuestes Opfer gestanden Methos hatte sich geschworen ihn dingfest zu machen. Er nahm den Mord an Annie sehr persönlich und seit heute nahm er die Mordserie insgesamt noch ein klein wenig persönlicher. Er hatte gespürt, dass Jack the Ripper ein Unsterblicher war. Und Methos wollte seinen Kopf um jeden Preis. Selbst seine Seele schien ihm in diesem Moment ein geringer Preis dafür zu sein.

Er erreichte den Tatort, Passanten hielten Maulaffen feil und den Verkehr auf. Die Constables schoben sie weiter und suchten gleichzeitig nach Augenzeugen. Doch wie immer in Whitechappel wollte niemand etwas gesehen oder gehört haben. Methos zucke zusammen, er war hier. Rasch ließ er seinen Blick über den Tatort schweifen. Dort inmitten der gaffenden Menge stand Jack the Ripper. Er registrierte Methos als Unsterblichen, griff sich an den Hut, verneigte sich knapp und drehte sich diabolisch grinsend um. Den Anblick dieser durchdringenden grünen Augen, würde Methos bis in alle Ewigkeit nicht mehr vergessen und wenn er noch mal 5.000 Jahre alt werden würde.

 

Frankreich, Chateau Dubois, die Gegenwart.
Blonde Haare?“ fragte Duncan, worauf Methos nickte. „Connor, du hast ihn besser gesehen. Was denkst du?“ Connor überlegte und trommelte mit dem Kaffeelöffel gegen seine weißen Zähne.
Hm... Könnte sein. Sein Grinsen ging durch und durch genauso wie sein Blick. Methos, kannst du Jack the Ripper zeichnen?“
Bin ich Phantomzeichner, oder was?“
Elisabeth kann das“, meinte Micky und drehte sich zu ihr um.
Du hattest doch Zeichnen auf der Schule.“
Ich wusste, dass mich der Besuch einer Schule für höhere Töchter eines Tages in Schwierigkeiten bringen wird... Also gut, aber ich muss nicht mit auf die Jagd, oder?“ fragte sie ängstlich. „Make love not war!“ ergänzte sie.
Elisabeth, 1969 warst du gerade mal sieben Jahre alt. Du bist kein Blumenkind!“ bemerkte Micky grinsend, die sich noch sehr genau an ihren Besuch des bedeutendsten Musikfestivals der Hippieära erinnern konnte.
Doch, doch. Pierre und ich haben den Geist von Woodstock in uns aufgenommen. Und das Batikshirt mit dem Friedenszeichen, das Sie mir geschenkt haben, habe ich immer noch, Madame. Also, im Geiste von Woodstock: Let it be!“
Micky lachte und meinte: „Mal’ das Portrait, sonst nehme ich dir sämtliche Beatles-CDs weg.“

Gut, überredet. Ich hole meinen Zeichenblock.“ Sie verließ schnell die Küche, mit Flüchen über die Beatles und den Rock’n’Roll auf den Lippen.
Du warst in Woodstock?!“ fragte Duncan amüsiert, der sich seine Frau, die hochwohlgeborene Comtesse, nicht so wirklich mit einem Joint in der Hand, langen, weiten Röcken, Rastalocken und einer rosafarbenen Brille vorstellen konnte.
Was dagegen? Der Geist von Woodstock lebt weiter!“
Klar – Make love not war. Wie viele Begegnungen hattest du noch mal gewonnen? Und in wie vielen Kriegen und Revolutionen hast du mitgemischt?“
Mach’ nur weiter so und der Geist von Woodstock verflüchtigt sich aus dieser Küche schneller als jede Marihuanawolke.“

Elisabeth war inzwischen mit ihrem Zeichenblock zurückgekehrt und setzte sich an den Küchentisch. Sie schlug ein leeres Blatt auf. Micky erhaschte einen Blick auf das letzte Bild, das sie und Duncan beim Spaziergang in der Nähe der Küche zeigte und zwar händchenhaltend. Micky lächelte Elisabeth an, die darauf errötete und sich räusperte.

Methos’ Anweisungen entsprechend fertigte sie eine Zeichnung an. Das Gesicht hatte er zuletzt vor 118 Jahren gesehen, es aber nie vergessen.
Das ist er!“ riefen Connor und Duncan gleichzeitig.
Und wer? Woher kennt ihr Jack the Ripper?“ fragte Micky besorgt.
Nun, uns hat er sich als Christopher Sikes vorgestellt. Gestern an der Pont Neuf“, erklärte Connor.
Was?!“ rief Micky.
Ist das gut oder schlecht, Madame?“ wollte Elisabeth wissen, die eigentlich die Qualität ihrer Arbeit gemeint hatte.
Gut ist es, weil wir jetzt wissen, wer hinter den Serienmorden steckt. Schlecht, weil es weder über Sikes noch Jack the Ripper in den Beobachter-Chroniken oder den Geschichtsbüchern wirklich schlüssige Hinweise und Beweise auf seine wahre Identität gibt. Zumindest hat Joe noch nichts Konkretes gefunden.“
Genau“, stimmte Methos zu. Er erklärte, dass die Londoner Polizei damals eine Vielzahl von Verdächtigen hatte. Angefangen bei so prominenten Persönlichkeiten wie Sir William Gull, dem königlichen Leibarzt, der den Thronfolger von Typhus kuriert hatte, über den Dichter Lewis Carroll, der mit „Alice im Wunderland“ weltberühmt geworden war, bis hin zum britischen Thronfolger Prinz Albert Victor höchst selbst. Dieser war zwar ein regelmäßiger Bordellbesucher, doch war er mindestens einem Tatort abwesend und nicht in der Lage, den Opfern des Rippers diese Art von Schnittwunden zuzufügen. Und dann völlig unvermittelt hatte die blutige Mordserie ihr Ende gefunden. Am 9. November 1888 fiel Mary Jane Kelly als krönenden Abschluss dem Ripper zum Opfer. Es gab dann noch ein paar ähnliche Morde einige Jahre später. Doch hier war die Handschrift des Täters nicht eindeutig als die Jack the Rippers erkennbar. Auch hielten heutige Experten manche der geschickten Briefe und Organteile der Opfer für das Werk eines Journalisten, der die Auflage seines Brötchengebers steigern wollte.

Sie wussten nun also, dass Christopher Sikes ein Irrer aller erster Güte war, der jungen Frauen auflauerte und ihnen die Kehlen durchschnitt. Und sie wussten, dass Sikes gerne Spielchen spielte. Weshalb sonst sollte er seine Handlanger ins Duell mit den MacLeods schicken? Wusste er um die Freundschaft, die sie alle mit Methos verband? Ließ er sie deswegen zappeln und testete mittels entbehrlicher Unsterblicher, ob sie seiner würdig waren? All diese Fragen führten zu nichts. Sie brauchten einen handfesten Plan.

Vielleicht sollten wir Sikes eine Falle stellen“, schlug Methos vor. „Willst du dich als Prostituierte verkleiden?“ fragte Micky erheitert. „Nein, aber du.“
Methos!“ rief Duncan bestürzt. „Meine Frau wird sich bestimmt nicht die Kehle von diesem Wahnsinnigen durchschneiden lassen.“
Moment mal“, Micky erhob den Finger, über ihrer Stirn zog sich eine Falte zusammen, wie immer, wenn sie angestrengt nachdachte. „Die Idee an sich ist gar nicht so schlecht.
Ihr spinnt doch! Alle beide!“ Duncan sprang auf und Connor drückte ihn auf seinen Stuhl zurück.
Auch du, Brutus? Ich dachte, ihr seid ihre Musketiere, aye? Toller Schutz, wirklich!“ sagte Duncan und sah seinen Cousin mit einem vorwurfsvollen Blick an.
Brutus hast du doch im Gegensatz zu mir gar nicht gekannt!“
Immer musst du mir unter die Nase reiben, dass du 5.000 Jahre älter bist... Nur aufgrund deines Alters hast du sie...“, dabei zeigte Duncan auf seine Frau. „...auch nicht glücklich machen können.“
Auszeit, Jungs. Vertragt euch, sonst lässt euch die Comtesse nicht mehr zusammen auf die Spielwiese!“ erklärte Micky und schenkte allen Kaffee nach. „Ich will ja gar nicht der Köder sein. Das Souvenir von Adrian Lastrada“, sie zeigte auf die Narbe. „...reicht mir vollkommen.“
Dann bin ich ja beruhigt.“
Kannst du auch sein, Duncan. Ich denke, wir sollten Natalies Schwester als Köder einsetzen.“
Isabelle?“„Genau. Sie ist Polizistin. Wusstet ihr das nicht? Connor, triffst dich noch mit ihr?“
Nein“, log er. „Sie ist seit Natalies Tod nicht gut auf uns Unsterbliche zu sprechen.“
Aber hier geht es um den Mörder ihrer Schwester. Ich sollte sie anrufen.“
Lass mal, Micky, das mach’ ich“, bot Connor an. Ich treffe mich heute ohnehin mit ihr, dachte er. Und so wie er Isabelle einschätzte, würde sie nicht zögern den Köder zu spielen.

Und damit lag er genau richtig. Sie war Feuer und Flamme für die Idee, was sie Connor mehr als deutlich machte, während sie mit ihm im Bett lag. Er streichelte ihr zärtlich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht, das ihn immerzu an Natalie erinnerte. Deswegen hatte er den anderen gegenüber auch behauptet, dass er sie nicht mehr traf. Entgegen Methos’ Behauptung, Natalie wäre nur ein bedeutungsloser Flirt gewesen, wusste Connor ganz genau, dass ihr fortwährender Anblick Methos’ Trauer nur unnötig in die Länge ziehen würde. Da er Methos als sehr guten Freund ansah – denn immerhin teilten sie ihre Liebe und treue Ergebenheit zur Comtesse miteinander und das verband zwangsläufig – wollte er ihm weiteren Kummer ersparen.

 

Doch ein Treffen zwischen Methos und Isabelle war leider unumgänglich. Er war nun mal der Experte für Jack the Ripper. Connor und Duncan waren nur in den zweifelhaften Genuss seiner kranken Spielchen gekommen.

Connor beugte sich über Isabelle, griff nach dem Telefon und wählte die Nummer des Chateaus.
Micky? Ja, ich habe mit Isabelle gesprochen“, erklärte er, ein Stöhnen unterdrückend, weil besagte Dame an seinem Hals leckte und ihn damit schier um den Verstand brachte. Was ersagen wollte, fiel ihm nicht so recht ein, abgelenkt von Isabelles überaus erfolgreichen Verführungsversuchen. „Ja, sie wird uns helfen. Treffen wir uns alle um 20 Uhr bei Maurice. Und bringt zur Sicherheit eure Schwerter mit.“ Er legte auf und drehte Isabelle auf den Rücken. Connor wusste genau, was sie wollte. Es stand überdeutlich in ihren blaugrauen Augen, die Natalies so sehr glichen. Armer Methos, doch da musste der alte Junge durch. Connor liebte Isabelle und würde sie für nichts auf der Welt aufgeben. Ein, zwei Mal war ihm schon der Gedanke gekommen, dass er sie sogar mehr liebte als seine erste Frau Heather. Dann schüttelte er entsetzt den Kopf und fragte sich, wie er so etwas überhaupt denken konnte. Das grenzte doch fast schon an Verrat an seiner Ehe mit Heather. Doch die Antwort lautete schlicht und ergreifend, dass er Isabelle liebte. Er liebte sie wirklich.

 

Frankreich, Paris, Maurice’s Bar, kurz nach 20 Uhr.
Methos und die anderen waren bereits da, als Connor und Isabelle eintrafen. Nur Connor registrierte, wie Methos beim Anblick Isabelles zusammenzuckte. Tut mir leid, Kumpel, dachte Connor und versuchte zu lächeln. Zustande brachte er aber nur ein dümmliches Grinsen, das sogar den größten Vollidioten darauf gestoßen hätte, dass sie sich liebten.

Methos starrte in sein Whiskyglas. Sein Adamsapfel hüpfte auf und ab, als er den gigantischen Kloß, an dem er zu ersticken drohte, hart herunterschluckte.

So ist das also“, meinte er nur und musterte Connor eindringlich.
Ja, so ist das. Tut mir leid, Kumpel.“
Du kannst weder was für deine Gefühle, noch kann Isabelle etwas dafür, dass sie das Spiegelbild von Natalie ist... Aber in Anbetracht dieser Umstände sollten wir vielleicht wieder auf die Comtesse als Köder zurückgreifen. Sie kann Sikes immerhin nicht umbringen. Und wenn er ihr noch eine Narbe am Hals verpasst, wissen wir alle, was wir ihr zu Weihnachten schenken können.“ Er sah die fragenden Blicke der anderen. „Eine hübsche Kollektion Seidenschals“, meinte er witzelnd, worauf Micky nach der Schale Erdnüsse griff, die zwischen ihnen stand und sie über Methos’ Kopf ausleerte.

Er fing eine Erdnuss im freien Fall auf, steckte sie sich in den Mund und meinte nur: „Lecker.“ Dann drehte er sich zur Bar um und rief: „Hey Maurice, uns sind die Nüsse ausgegangen, könnten wir noch welche haben?“
Der Barbesitzer warf ihm lachend eine Tüte zu und griff unter der Theke nach einem Handfeger.

Fang, Comtesse.“ Er warf ihr nacheinander Feger und Schaufel zu, damit Micky die Nüsse zusammenfegen konnte. „Hat sich Joe schon gemeldet oder soll ich ihn mal anrufen wegen Sikes oder der Splittergruppe?“ fragte Maurice und trat an den Tisch, um das Kehrwerkzeug in Empfang zu nehmen.
Nein, bis jetzt hat er noch nichts Neues gemeldet. Könntest du mal nachsehen, ob du etwas in der Datenbank findest über Sikes? Wir haben herausgefunden, dass er Jack the Ripper ist, den Methos 1888 gejagt hat.“ Maurice zuckte einverstanden die Achseln, er nahm es mit den Vorschriften nicht so genau. Wenn er seinen neuen Freunden einen Gefallen tun konnte, pourquoi pas?
Wann kommt denn der Junior?“ fragte Maurice und stellte eine Runde auf seine Kosten auf den Tisch. Er war seit kurzem Richies neuer Beobachter und ein alter Vietnamveteran. Joe hatte ihn vor ein paar Jahren für die Beobachter gewonnen. Inspiriert von dessen Nebentätigkeit als Barbesitzer hatte auch Maurice eine Kneipe eröffnet, die Mickys Gruppe inzwischen als Versammlungsort genauso wichtig war wie das Joe’s.
Hier bin ich, Papa Maurice. Und ich habe nichts angestellt.“ Richie betrat die Bar mit seinem Helm unter dem Arm und zog seine grün-blaue Motorradjacke aus.

Papa Maurice, wie Richie in liebevoll nannte, musterte seinen Schützling von oben bis unten. Maurice Pinoteaus war ein kleiner, korpulenter und überaus gemütlicher Mensch. Wer in seiner Bar einkehrte, blieb für gewöhnlich lang und kam in der Regel immer wieder.

Die Haare sind zu lang und du hast bestimmt noch nichts gegessen... Robert!“ rief er in Richtung Küche, die Tür schwang auf und Maurices Zwillingsbruder erschien auf der Bildfläche. Bei hatten schwarze Haare und kohlegleiche Augen.
Jo, was ist, Meister?“ Er grinste und entblößte einen Goldzahn, das einzige Merkmal, das ihn von Maurice unterschied. Standen die beiden nebeneinander und sagten nichts, sahen sie aus wie stumme, gigantische Zwillingsfische.
Der Junge bekommt das Tagesgericht. Und spuck’ nicht auf den Teller!“ Die anderen lachten. Hatte man sich erst einmal an Maurices derbe Art gewöhnt, lachte man eigentlich pausenlos.
Papa Maurice, hör’ endlich auf mich ‚Junge’ zu nennen! Ich bin 32! Es ist schon schlimm genug, dass die Truppe da mich immer damit aufzieht!“ Er zeigte auf seine Freunde, die in sich hinein lachten.
Richie, du bist noch so was von grün hinter den Ohren, dass man richtig sieht, wie die Farbe jeden Tag ein bisschen mehr abblättert. Und so lange wir alle diese Farbe noch sehen können, wirst du weiterhin als ‚Junge’, ‚Junior’ und ‚Küken’ bezeichnet.“ Die anderen prusteten vor Lachen, Richie funkelte sie böse an.
Richie, wenn es dir ein Trost ist, uns ist es die ersten 100 Jahre genauso gegangen.“
Echt, Micky?“
Na hör’ doch auf, mein Meister Nostradamus nannte mich auf seinem Sterbebett sogar noch sein kleines Äffchen. Und da war ich 63 Jahre alt!“ Sie stürzte den Tequila runter, den Maurice spendiert hatte. Keiner konnte sagen, ob sie das Gesicht wegen des Tequilas verzog, der sich ihren schlanken Hals herunterbrannte oder wegen Nostradamus’ bevorzugtem Kosenamen für sie.
Und jetzt wird’s ernst. Wie sieht der Plan aus?“ fragte Isabelle, die ganz begierig war, Christopher Sikes zu schnappen. Connor war auch begierig, aber das konnte er in Gegenwart von Methos nicht zeigen. Er spielte mit einem Zahnstochter, Micky grinste ihn an. Sie hob eine Augenbraue und sah ihm wissend entgegen. Sie kannte dieses Verhaltensmuster und wusste genau, was er dachte.
Versuch’s mal mit einer kalten Dusche“, flüsterte sie. Nun zog Connor ein Gesicht, allerdings bevor er seinen Tequila trank. Sie kannte ihn wirklich zu gut.


Frankreich, Paris, 2. Arrondissement, Rue Blondel, am späten Abend.
Das 2. Arrondissement war einerseits ein geschäftiges Börsenviertel mit eleganten Passagen, wie der Grand Cerf, Passages des Panoramas, Passages Jouffry, Verdeau und der Galerie Vivienne. Hier befand sich die Nationalbibliothek und bis zum 17 Jahrhundert war das Viertel das Zentrum der Pariser "Unterwelt" gewesen. Ludwig XIV. und der Baron Haussmann gestalteten später die Gegend um und verdrängten die Bettler, Prostituierten und deren bevorzugte Heimstätten und Arbeitsplätze, die der Schriftsteller Victor Hugo in seinem Roman "Der Glöckner von Notre Dame" so anschaulich und detailgetreu beschrieben hatte.

Andererseits beherbergten die Rue St-Denis und die Rue Blondel noch immer das Rotlichtviertel von Paris, in denen Prostituierte sich die Beine in den Bauch standen auf der Suche nach Kunden. Und am heutigen Abend war eine von ihnen Isabelle Coulins, die entsprechend Methos’ Phantomzeichnung Ausschau nach Jack the Ripper alias Christopher Sikes hielt. In mehreren Autos verteilt warteten die anderen auf das Erscheinen von Sikes, doch er ließ lange auf sich warten.

 

Der Mond war gerade aufgegangen, es wurde allmählich kalt. Die Prostituierten taten Micky in ihrem beheizten Z3 leid. Nicht alle hatten dieses Schicksal freiwillig gewählt. Während sie noch darüber nachdachte, wie die teilweise sehr jungen Frauen in die Szene abgerutscht waren, tauchte Sikes endlich auf der Bildfläche auf und sprach Isabelle an. Er führte sie in eine Seitenstraße, um mit ihr die Details zu besprechen. Connor stieg aus Duncans Thunderbird, sein Toledo Salamanca ruhte einsatzbereit unter seiner Armbeuge und war von seinem beigefarbenen Trenchcoat verdeckt. Methos und Duncan folgten ihm. Richie und Micky sollten erst noch warten. Aber wann in ihrem Leben tat Micky schon, was ein Mann ihr sagte? Nie. Also wartete sie nur eine knappe Minute und zerrte Richie hinter sich her in Richtung der dunklen Gasse, in der Sikes und Isabelle verschwunden waren.

Sie näherten sich leise, geduckt und mit gezogenen Schwertern. Es musste hier eine ähnliche Atmosphäre herrschen wie im 19. Jahrhundert im East End von London. Niemand scherte es wirklich, wenn eine Hure ermordet wurde und niemand sah etwas, da diese Menschen trotz allem an ihrer erbärmlichen Existenz hingen. Christopher Sikes hatte schon sechs jungen Frauen die Kehlen durchgeschnitten. Natürlich brachte die Pariser Presse die Morde nicht mit Jack the Ripper und schon gar nicht mit Christopher Sikes in Verbindung. Wie auch? Der eine galt seit Ende des 19. Jahrhunderts als tot und der andere war vermutlich offiziell noch nicht einmal straffällig geworden.

 

Plötzlich hörten sie von weit hinten Kampfgeräusche und eine Frau röchelte. Dann Gepolter, Schreie, Schwerthiebe, Mülltonnen, die umgestoßen wurden und scheppernd zu Boden fielen. Micky und Richie rannten Schreckliches ahnend zum Ort des Geschehens. Sie sahen noch, wie Christopher Sikes mit einem wehenden schwarzen Mantel und seinen langen, blonden Haaren, die von einem roten Samtband zusammengehalten wurden, über eine Mauer verschwand. Auf dem Boden lag Isabelle Coulins in ihrem eigenen Blut. Ihre Kehle war aufgeschlitzt, ihr Kopf ruhte in Connors Schoß und durchtränkte seinen Mantel. Methos und Duncan standen hilflos dabei, sie hatten ihre Schwerter in der Hand und umklammerten krampfhaft deren Griffe. Richie keuchte entsetzt auf, seine Faszination für Jack the Ripper war schlagartig verflogen, jetzt da er eines der Opfer kannte. Jetzt war die Sache für ihn genauso persönlich geworden wie für Methos durch den Tod von Annie Chapman. Methos legte eine Hand auf Connors Schulter.

Sie ist nicht umsonst gestorben, Connor. Wir erwischen Sikes, das schwöre ich dir.“ Connor blickte ihn an, keine Tränen standen in seinen Augen.
Es war einfach Zeit.“ Sie blickten ihn alle irritiert an. „Ich habe es schon lange genug gewusst und ich bin ja bei ihr.“
Was redest du da, Connor?“ fragte Micky.
Na, ihr wisst doch, dass die Unsterblichkeit oft innerhalb von Familien vorkommt. Nimm mich und Duncan oder die La Porte-Brüder, die Cane-Brüder und so weiter. Und genauso ist es bei Natalie und Isabelle. Aber Isabelle wird überleben. Sie ist eine Kämpfernatur wie du, Comtesse. Und ich bin ihr neuer Meister.“

In diesem Moment schlug Isabelle die Augen auf und blickte sich erschrocken um. Über sie gebeugt sah sie die fragenden Gesichter von Methos, Duncan, Richie und Micky.

Connor?“ fragte sie verwirrt. „Was ist passiert? Es tat so weh, dieser brennende Schmerz und dann das warme Blut, das meinen Hals herunterfloss... Ich dachte, Sikes hat mich getötet...“
Das hat er auch, mein Herz. Willkommen im Club. Du bist jetzt eine Unsterbliche.“
Er half Isabelle auf die Füße und legte ihr seinen Mantel um die Schultern. Micky zog ihren dunkelblauen Seidenschal ab und reichte ihn Isabelle.

Hier nimm. Es wird eine Narbe zurück bleiben.“ Eine eisige Brise ließ den Schal im Wind flattern, Isabelle umfasste ihn mit einem stahlharten Griff. Sie spürte, wie das Blut belebend durch ihren Körper rauschte, hörte die Geräusche der Straße viel lauter als noch vor zehn Minuten, sah Connor mit ganz anderen Augen. Jetzt, in diesem Moment hatte sie richtig angefangen zu leben. Ihr Blick traf Mickys, sie schluckte und sah auf Mickys Narbe, die ihm Mondlicht silbern schimmerte.

 

 

14. Die Jagd ist eröffnet!

 

Frankreich, Paris, Chateau Dubois, einige Stunden später.
Wie geht es ihr?“ fragte Connor müde und mit einem besorgten Ausdruck in den Augen. Er rührte den Kaffee um, den Duncan vor ihm abgestellt hatte.
Den Umständen entsprechend. Denk' dran, wie es uns gegangen ist nach der ersten Belebung. Die Verwirrung, die Angst... Das heiße Bad hat ihr gut getan. Ich habe sie in dein Zimmer gebracht.“ Connor stand von seinem Stuhl auf, während Micky an den Herd trat und sich einen Topf mit Milch aufsetzte. Es war inzwischen zwei Uhr nachts. Methos wühlte im Kühlschrank herum auf der Suche nach etwas Essbarem. Richie unterdrückte ein Gähnen.
Methos, Hände weg. Sag' mir, was du essen willst, ich mach' dir das dann. Du bringst Elisabeths heilige Ordnung durcheinander.“
„Hochwohlgeboren will mir direkt ein Sandwich schmieren? Ich bin überwältigt.“ Er machte dreist grinsend einen Diener vor ihr.

Anstelle eines Sandwiches kann ich dir auch persönlich eine schmieren.“ Sie hob ihre flache Hand zur Veranschaulichung ihres Angebots.
"
Also ich geh' dann mal...“, murmelte Connor beiläufig und griff nach einer Flasche Wein und zwei Gläsern. Die Schwingtür pendelte noch, während Connor schon auf dem Weg nach oben war.
Typisch Schotte“, meinte Duncan, der genau wusste, was sein Cousin vorhatte und schob Methos vom Kühlschrank fort. Wenn ein Schotte und ganz besonders ein Krieger aus der Schlacht kam, wollte er als allererstes bei seiner Frau liegen und sie lieben. Er wollte das Leben feiern und die Liebe zu ihr. Immerhin war er in der Regel für sie und ihre Sicherheit in die Schlacht gezogen. Connor hatte die heutige Schlacht gegen Sikes verloren, aber Isabelles Unsterblichkeit und ihre vielleicht genauso lang andauernde Liebe dadurch gewonnen.
Das sagt der Richtige. Du kämpfst doch ständig mit deinem Magen und dem, was du in der Hose hast!“ Methos zeigte auf die entsprechende Stelle unterhalb von Duncans Taille. Micky prustete lachend.
Glaubt ihr, dass Connor...?“ fragte Richie, blickte zur Küchendecke und kratzte sich am Kopf, während er hundemüde Richtung Tür schlurfte.
Oh ja, ganz sicher! Er ist ein Schotte, Junior. Geh' ins Bett und träum' was Schönes.“ Micky drückte ihm einen Kuss auf die Wange und schob ihn mit einem Klaps auf den Po aus der Küche.
Du umsorgst ihn und uns wie eine Mutter, Comtesse“, bemerkte Methos lachend und nahm sein Sandwich in Empfang.
Connor öffnete leise die Tür zu seinem Schlafzimmer. Dort auf dem breiten, französischen Bett lag Isabelle. Ihr Rücken ruhte an der Kopfleiste des Bettes. Sie trug nichts, hatte sich aber in sein Plaid gehüllt und starrte in das Feuer, das in dem cremefarbenen Kamin anheimelnd brannte. Micky hatte ihm und Duncan zum letzten Weihnachtsfest neue Plaids und Kilts mit den Farben ihres Clans geschenkt. Besonders beeindruckt waren die beiden von den Silberbroschen gewesen, die das Plaid zusammen halten sollten und die sie ebenfalls hatte anfertigen lassen. Beide Broschen zeigten einen Stier, das Wappentier der MacLeods. Der Namensgeber und gleichzeitige Stammvater des Clans, Leod, war der Sohn des Herrschers der Isle of Man gewesen. Seine zwei ältesten Söhne hatten die Hauptlinien des Clans begründet, aus denen auch Connors und Duncans Nebenlinie hervorgegangen war. Die eingravierten Worte „Hold Fast“ -„Haltet fest zusammen“ waren seit jeher das Motto des Clans und all seiner Nachkommen, welche auf die ursprünglichen MacLeods zurückgingen.

 

Connor betrachtete Isabelle liebevoll, er wollte sie vor allem Bösen beschützen mit seinen Händen, seinem Körper und seinem Schwert.
Connor!“ rief sie erfreut, sie setzte sich auf, das blaugrün-karierte Plaid verrutschte und entblößte ihre nackte Schulter.
Wie geht's dir, mein Herz?“ Er setzte sich auf die Bettkante und stellte Gläser und Wein ab.
Es ist alles so... so... merkwürdig. Mir war ja klar, dass es die Unsterblichen gibt. Ich hatte auch nicht wirklich Probleme damit, dass Natalie zu ihnen gehörte und du... Aber...“
Aye, ich weiß, was du meinst. Keine Angst, ich werde mich um dich kümmern.“ Sie blickte ihn fragend, hilfesuchend an. Er zog das Plaid enger um sie und umarmte sie kurz.
Ich bin als dein erster Meister bestimmt worden. Ich wusste, dass du bald sterben musst. Und zum Glück war ich da, als es passiert ist.“ Sie schauderte und warf einen Blick zum Fenster, wo der Vorhang sich vom Nachtwind aufbauschte. Connor stand auf und ging durch den Raum. Der blankgebohnerte Holzboden knarrte unter seinen Stiefeln. Er starrte kurz den Mond an und suchte Rat bei den Sternen. Dann schloss er das Fenster und zog die Gardinen zu. Langsam, fast schon bedächtig musterte Connor Isabelle eindringlich.

Endlich hatte er, was er sich am meisten gewünscht hatte. Ein Heim, eine Familie und eine unsterbliche Gefährtin. Nachdem er sich letztes Weihnachten entschlossen hatte bei seinem Cousin und der Comtesse zu leben, hatte er sich zumindest den Wunsch nach Heim und Familie erfüllen können. Doch die Suche nach einer Frau, einer Unsterblichen gestaltete sich schwieriger. Connor war eines klar gewesen, seine große Liebe als alte Frau zu Grabe tragen zu müssen, wie seine geliebte Heather, das hätte er nicht noch einmal ertragen können. Heather war so stark gewesen, so voller Leben und Liebe und dann war sie gealtert, das blonde Haar ergraut und schließlich in seinen Armen gestorben.

 

Juan Sanchez Villa-Lobos Ramirez, sein erster Meister, hatte ihn gewarnt vor dem absehbaren Ende: „Verlasse sie oder du wirst sie zu Grabe tragen. Irgendwann wird sie dich fragen, warum sie dir keine Kinder schenken kann. Und dann wirst du sehen, wie ihr Haar grau wird und ihre Kraft nachlässt. Aber du wirst immer noch so aussehen wie heute. Und es wird dir das Herz brechen.“ Natürlich hatte Ramirez Recht behalten mit seinen Worten, aber nachdem Kurgan ihn enthauptet hatte, stand Connor gänzlich ohne Freund und Meister da.

Wie hätte er den letzten vertrauen Menschen, der ihm noch zur Seite stand, verlassen können? Also war er geblieben. Nach vielen guten Ehejahren hatte er sie schließlich begraben, seine Farm niedergebrannt und ihr Grab mit seinem Clansschwert gekennzeichnet. An Heathers Grab hatte er sich geschworen, dass sein Herz nie mehr so schmerzen durfte wie an diesem Tag. Lieber verzichtete er auf die Liebe oder machte sich schnell genug aus dem Staub.

Connor war alsbald klar gewesen, dass nur eine Unsterbliche an seiner Seite in Frage kommen würde. Doch erstmal eine finden. Früher hatte er gedacht, er hätte sie in Micky gefunden. Mehrmals hatten sie einige Jahre oder sogar Jahrzehnte während ihrer über 200 Jahre andauernden Beziehung zusammengelebt wie ein Ehepaar. Doch für die Ewigkeit hatte den beiden etwas Entscheidendes gefehlt und sie hatten nie herausfinden können, was das war. Eine zeitlang war es zwischen ihnen gut gelaufen und dann hatten sich ihre Wege wieder getrennt. Einer der beiden war jedes Mal einfach bei Nacht und Nebel verschwunden. Sie waren dem anderen nie böse gewesen, hatten aber auch nie beim nächsten Wiedersehen die Gründe hinterfragt und es zu ändern versucht. Was auch immer die beiden gesucht hatten, Micky hatte es schlussendlich bei Duncan gefunden. Connor hatte sich für die beiden gefreut – keine Frage, wenn nicht sein Cousin, wer sonst wäre Mickys würdig gewesen -und weiter gesucht.

Und dann hatte er jenes „Etwas“ in Isabelle gesehen. Er hatte sich am ersten Abend Hals über Kopf in sie verliebt, unabhängig davon, dass sie keine Unsterbliche war. Die Stimmen in seinem Kopf hatten einen erbitterten Disput geführt. Wie in jenem Gedicht: „Es ist was es ist“ von Erich Fried. Der romantische Connor hatte gesagt, es war die Liebe. Seine Vernunft hatte ihn vor den Schmerzen des Herzens gewarnt, die ihm bevorstehen würden in einigen Jahrzehnten, wenn auch Isabelles blondes Haar ergraut sein würde wie einst Heathers. Immer wieder hatte das Gedicht in seinen Ohren geklungen: „Es ist Unglück -sagt die Berechnung. Es ist was es ist – sagt die Liebe.“ Und Connor hatte zu seinem Glück der Liebe geglaubt. Schon nach einigen Tagen war jene Ahnung über ihn gekommen, die den Begleiter eines künftigen Unsterblichen überkam. Sie war mit jedem Tag stärker geworden, ebenso wie die Liebe zu Isabelle.

 

 

Micky nippte an ihrer warmen Milch und blickte zwischen Duncan und Methos hin und her.
Was machen wir als Nächstes?“ fragte Methos, in diesem Moment klingelte der Küchenanschluss. Micky griff hinter sich nach dem Telefon, das an der Wand befestigt war. Sie stand auf.
Joe hat's wohl immer noch nicht kapiert mit der Zeitverschiebung“, witzelte Micky und nahm ab. „Papa Maurice?“ fragte sie überrascht. „Sag' das noch mal!“ Sie drehte sich zur Wand um und schrieb an die abwaschbare Tafel neben Eier, Mehl und Tomaten eine Adresse. Beim letzten Buchstaben hielt sie irritiert inne und starrte fassungslos auf die silberne Tafel. Sie blinzelte ein paar Mal, doch da stand immer noch die gleiche Anschrift. „Bist du sicher?“ fragte sie den Beobachter weiterhin die Tafel fixierend. „Gut, ich danke dir. Ja, Richie wird uns begleiten. Informiere Joe, dann hat er nicht soviel Arbeit.“ Sie legte auf und drehte sich zu Duncan und Methos um. Sie schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn.
Wie konnte ich nur so blöd sein?!“ meinte sie, worauf Methos interessiert fragte: „Was ist das für eine Adresse?“
Eine Hausnummer an der Place de la Bastille.“ Sie blickte wieder darauf. „Gott, was bin ich blöd gewesen! Natürlich, jetzt sehe ich ihn deutlich vor mir. Blonde, lange Haare und grüne Augen, warum bin ich nicht schon früher drauf gekommen?!“
Wer? Was ist denn los?“
Na Sikes, Methos. Dieser dreiste Kerl betreibt eine Galerie zwei Gebäude neben meiner. Ernennt sich Christoph Simoné.“
Sind eigentlich alle Unsterblichen Kunst-und Antiquitätenhändler? Ist das irgendwo vertraglich festgelegt und mir hat niemand eine Kopie geschickt?!“ fragte Methos.
Was sollen wir denn sonst machen? Gemüsebauer? Selbst Rosenzüchter sind nicht mehrgroß gefragt seit Elisabeth I. ihre Farben in der Tudorrose ohne Dornen bekommen hat.“ Duncan lachte über Mickys Kommentar.
Ist ja auch egal, woher kennst du ihn?“
Ich hole erst Connor, Isabelle und Richie... Duncan, wecke bitte Elisabeth, sie soll uns was zu essen machen.“ Er nickte und ging davon.

 

Connor!“ Sie klopfte laut gegen die Schlafzimmertür. Connor grunzte ungehalten, er hielt Isabelle im Arm. Sie lächelte ihn an, während er sich bewegte.
Du störst!“ blaffte er.
Es ist wichtig.“
Nichts ist so wichtig, dass es nicht noch ein halbe Stunde warten kann.“
Ich weiß, wo Sikes ist.“ Isabelle drückte Connor weg und sprang aus dem Bett. Er schlug mit der Faust zischend auf das Kissen.
Wir kommen sofort, Micky“, rief sie, worauf Connor ein beleidigtes Gesicht zog und auf Gälisch fluchte.
Du kommst nicht mit, wenn wir Sikes jagen“, erklärte er knapp, während er sich seine Hosen anzog und ein Hemd überstreifte. „Und ob“, meinte sie störrisch. Er schüttelte energisch den Kopf.
Ich habe dich nicht gefunden, um die gleich wieder zu verlieren. So gut bist du noch nicht trainiert.“ Sie drehte sich verblüfft um und unterbrach die Suche nach ihrer Unterwäsche.
Ach, deshalb hast du letzte Woche mit mir trainiert und mir Natalies Rapier gegeben.“ Er zuckte entschuldigend die Achseln, was war ihm anderes übrig geblieben?
Genau, du weißt doch, wie es heißt: Früh übt sich. Aber du bist noch lange nicht so gut, dass du Sikes gegenüber treten kannst. Überlass ihn Micky. Oder Methos, ja, Methos kann ihn kaltmachen. Er will ohnehin Rache für Natalies Tod.“
Ich nicht, oder wie? Sie war meine Schwester.“ Er trat näher und wollte sie umarmen. Isabelle ergriff seinen Arm und eine Sekunde später fand Connor sich auf dem Boden der Tatsachen wieder. Er lag auf dem Rücken, unter sich das kalte Parkett und sah Isabelle verblüfft an.
Was war denn das?“ fragte er und setzte sich auf.
Ich habe den schwarzen Gürtel. Oder was glaubst du, wie ich Leiterin einer Sondereinsatztruppe geworden bin?! Ich habe bestimmt keine Topflappen gehäkelt.“
Was habt ihr Weiber es immer mit dem Häkeln?! Du bist schon genau wie Micky.“ Sie zog sich lachend an.
Dann bin ich ja auf dem besten Wege eine würdige Gefährtin für dich zu werden, Connor MacLeod.“ Sie drehte sich um, in ihren Augen funkelte etwas. Sie hatte Connor durchschaut.
Ich.. Ich weiß nicht, was du...“
Connor, ich mag blonde Haare haben, aber beleidige bitte nicht meine Intelligenz. Ich weiß, wie ihr drei – Duncan, Methos und du – die Comtesse manchmal anseht. Ihr wärt froh, wenn es sie dreimal gebe. Eine Comtesse Dubois für jeden von euch. Die gibt es aber nicht -und die Eine, die es gibt, hat Duncan gewonnen. Und Methos und du, ihr müsst euch eben mit einem würdigen Ersatz zufrieden geben.“ Er seufzte.
Ich könnte Pierre sagen, dass er dich hier einschließen soll.“ Er saß auf dem Bett und streifte seine Stiefel über.
Wenn dir Pierres Gesundheit nichts bedeutet, kannst du das gerne tun. Ich finde sicherlich auch den passenden Karategriff für ihn.“
Biest“, meinte er nur und streichelte zärtlich über ihre Wange, die vor Tatendrang rot glühte.
Du hast es erfasst. Du bist auf dem richtigen Weg, Connor. Lerne mich richtig kennen und du wirst sehen, dass es Nichts gibt, dass du vermissen wirst. Ich bin die Richtige für dich. Und allein schon deshalb werde ich mich von Christopher Sikes nicht enthaupten lassen. Meine Schwester wird sein letztes, unsterbliches Opfer gewesen sein.“ Sie küsste ihn und eilte aus dem Schlafzimmer. Connor seufzte und folgte ihr. Sie war so uneinsichtig und stur wie... Ja, wie Micky, das musste er zugeben. Vielleicht war sie wirklich die beste Wahl? Natalie hätte es für Methos sein sollen und sie wären alle zufrieden gewesen. Doch Natalie hatte ja unbedingt Undercover auf die Jagd nach dem Serienmörder gehen müssen. Sie hatten ja nicht ahnen können, dass hinter ihm Christopher Sikes alias Jack the Ripper steckte. Natalie hatte neben ihrer Arbeit in einer Buchhandlung hauptberuflich Undercover für Isabelles Sondereinheit gearbeitet. Und das war ihr zum Verhängnis geworden. Christopher Sikes hatte sie als Kunde angeworben, sie in die gleiche Seitenstraße geführt wie Isabelle heute Nacht und sie geköpft. Connor schüttelte bedauernd den Kopf, während er die breite Steintreppe aus dem ersten Stock hinunter und in Richtung Küche ging.

 

Wehe es ist nicht wirklich wichtig“, meinte Connor und ließ sich auf seinen angestammten Platz am Küchentisch fallen.
Jetzt verstehst du vielleicht, warum dein Cousin so ungern im Schlafzimmer von dir gestört wird“, erklärte Methos, worauf Connor grinste und ein Brötchen nach ihm warf. Methos wollte es auffangen, doch es war zu heiß. Elisabeth hatte sie gerade eben erst aus dem Ofen geholt.
Heiß!“ rief er aus und pustete auf seine Handfläche.
Genau das war es, bevor ihr gestört habt, mes amis! Also legt los.“ Micky sah kurz zu Isabelle, auf deren Wangen sich eine eindeutige Röte schlich.
Dann erklärte sie: „Papa Maurice hat angerufen und mir die Adresse von Sikes genannt. Und dann war es mir ganz klar. Ich kenne Sikes, allerdings kenne ich ihn als Kunsthändler Christoph Simoné. Ich habe ihn auf meinem jährlichen Wohltätigkeitsball zum ersten Mal persönlich getroffen. 2003 war das...“

 

Frankreich, Paris, Chateau Dubois, 22. April 2003.
Micky war überaus zufrieden, der Wohltätigkeitsball zu Gunsten der Pariser Kinderklinik war wie immer ein voller Erfolg. Die Spenden waren überaus ansehnlich, die geladene Pariser Society amüsierte sich königlich. Mit einem Glas Champagner in der Hand ging Micky durch den Ballsaal, das eigentliche Wohnzimmer. Einmal im Jahr, anlässlich des Balls, wurde die gesamte Wohnzimmereinrichtung bis auf das Klavier rausgeräumt und verwandelte den Raum in den ursprünglichen Ballsaal des Chateaus zurück.

Comtesse Dubois“, rief jemand nach ihr. Sie drehte sich um, ihr blaues Abendkleid hatte eine lange Schleppe und eine ausladende Schleife am Rücken, der tief ausgeschnitten war. Um ihre unansehnliche Narbe zu verbergen, trug sie ein farblich passendes Halsband mit einer antiken Brosche, die sie von ihrer Großmutter Françoise Dubois als kleines Mädchen geschenkt bekommen hatte. Ihre Ohren zierten tropfenförmige Perlenohrringe. Ihr Anblick war eine Pracht und ließ die Herzen einiger junger Männer, die der Einladung zum Ball gefolgt waren, höher schlagen. Doch Mickys Herz gehörte dem gut aussehenden Schotten, der in einen schwarzen Smoking gekleidet an der Bar im angrenzenden Salon stand und sich mit dem Bürgermeister von Paris Monsieur Alphonse Denglas angeregt unterhielt. Seine langen Haare hatte Duncan mit einer Silberspange gebändigt. Über seinen Smoking hatte er ein Plaid mit seinen Clansfarben gelegt. Micky hatte gemeint, dass er damit bei der High Society Eindruck schinden würde. Als echter Highlandschotte und Mann der Comtesse Dubois war er ohnehin seit ihrer Heirat 1996 das Thema in den feinen Salons, in denen Micky ein-und ausging.
Oh Christoph, guten Abend. Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollen mich Micky nennen. Der Titel Comtesse ist höchstens für die übrigen Gäste interessant. Wir sind doch Kollegen.“ Er lachte und musterte sie mit seinen durchbohrenden, grünen Augen. Micky schauderte und nippte, seinem Blick ausweichend, an ihrem Champagner.
Verraten Sie mir eines, Micky. Wie schaffen Sie es Jahr für Jahr diesen Wohltätigkeitsball zu geben und nie aufzufliegen?“ Sie lachte und trat vor den Kamin, in dem ein Feuer hell brannte.
Eigentlich ist es ganz einfach. Die Comtesse Dubois bekommt immer nur Töchter. Diesen Ball gebe ich mit Unterbrechungen seit 1950 und die Erlöse gehen an das Pariser Kinderkrankenhaus. Es ist für mich immer wieder amüsant, wenn der Direktor die Spende entgegennimmt und mit feuchten Augen bemerkt, dass ich meiner Großmutter, der seligen Comtesse Dubois, wie aus dem Gesicht geschnitten bin.“ Sie lachte über ihre eigene Unverfrorenheit.
Und nach Ihrer Mutter hat bisher niemand gefragt?“
Oh, Maman lebt in der Provence zusammen mit meinem Vater. Wir telefonieren oft und besuchen sie mehrmals im Jahr. Sie mag Veranstaltungen dieser Art nicht mehr.“ Sie lachte wieder kokett.
Und diese Besuche finden statt, wenn Sie Wahrheit in Vancouver sind?“ Sie sah ihn verblüfft an. Damals hatte sie sich noch nichts gedacht dabei, dass Christoph so gut informiert war über sie.
„Ja, in der Tat. Und meine Tochter wird in einem Internat in der Schweiz unterrichtet... Aber jetzt müssen Sie mich entschuldigen. Da vorne ist mein Mann.“ Sie ging schnell zu Duncan und schauderte, der Mann war irgendwie unheimlich. Sie berichtete Duncan kurz von dem merkwürdigen Gespräch, während sie ihren Blick durch den Saal schweifen ließ.

Oh, da vorne steht Karl. Ich muss unbedingt zu ihm.“ Duncan hielt sie fest und schüttelte den Kopf. Du brauchst keine neue Garderobe von Monsieur Lagerfeld.“
Meinst du. Die Ballsaison hat gerade erst angefangen. Ich kann doch nach Monte Carlo nicht mit der gleichen Garderobe wie letzte Saison.“ Duncan stöhnte. „Als du mich geheiratet hast in Darius' Kloster, da hast du geschworen, mich in guten und in schlechten Zeiten zu lieben. Und wenn deine Frau, die nun mal so ganz neben bei eine Comtesse ist... Unterbrich mich nicht. Wenn also deine Frau eine neue Garderobe von ihrem guten Freund Karl Lagerfeld möchte, sind das für dich die schlechten Zeiten, die du stillschweigend zu erdulden hast, du schottischer Dickschädel.“

 

Frankreich, Chateau Dubois, die Gegenwart.
Du bist mit Karl Lagerfeld befreundet?“ fragte Richie, der erkannte, dass er über seine Chefin und Meisterin noch längst nicht alles wusste.
Natürlich bin ich mit Karl Lagerfeld befreundet! Was glaubt ihr denn, wer Connors und Duncans Plaids und Kilts entworfen hat?“ Richie lachte, was mit bösen Blicken der Schotten belohnt wurde. Micky nickte bestätigend. „Ja, er war so begeistert davon, dass er eine Schottenkollektion auf den Markt bringen will.“
Nun konnte Richie nicht mehr, er lachte lauthals los und zeigte mit dem Finger auf Duncan und Connor.

Kilts made by Lagerfeld. Ich glaub' mich tritt ein Pferd!“ Connor und Duncan hatten nur ein verächtliches „Mmpf“ für Richie übrig.
Ist doch egal. Auf jeden Fall war das der letzte Ball, an dem Christoph teilgenommen hat. Und warum? Bei dem Ball im darauf folgenden Jahr bist du schon dabei gewesen.“ Sie zeigte auf Methos, der schnippte mit den Fingern.
Natürlich. Ich hätte ihn sofort als Jack the Ripper erkannt. Und das wusste er.“ Micky nickte.
Und seit deiner Ankunft habe ich nicht mehr persönlich mit ihm verhandelt sondern mit seinem Stellvertreter. Ein sterbliches Frettchen namens Paul Lefrevre... Also, seid ihr alle gestärkt?“ Sie nickten. „Dann lasst uns unsere Schwerter holen und verschwinden.“ In diesem Moment betrat Pierre gefolgt von seinem Sohn Philippe die Küche. Die beiden trugen sechs Schwerter in den Armen, hinter ihnen kam Elisabeth rein mit sechs Mänteln. Sie übergaben die Ausrüstung. Micky, Duncan, Connor, Isabelle, Richie und Methos warfen sich ihre Mäntel über und steckten ihre Schwerter in die eingenähten Halterungen. Elisabeth hatte mitten in der Nacht eine entsprechende Halterung in Isabelles Mantel eingenäht, doch die neue Unsterbliche hatte Schwierigkeiten ihr Rapier einzuhängen.
Lass mich das machen“, bot Connor an, sie lächelte dankbar. „Und ich kann dir das nicht ausreden, mein Herz?“ Sie schüttelte wieder energisch den Kopf, worauf Connor seufzte. „Hab' ich mir gedacht. Aber bitte bleib im Hintergrund. Überlass' uns den Kampf.“ Sie nickte.
Elisabeth, ich weiß nicht, wie lange es dauert. Wenn wir länger als einen Tag fort sind, rufst du Maurice Pinoteaus oder Joe Dawson an. Unsere Beobachter sollten eigentlich wissen, wo wir stecken und ob wir in Schwierigkeiten sind.“ Elisabeth Stern nickte und begann den Küchentisch abzuräumen. „Pierre, Philippe, haltet die Stellung. Ich will nicht, dass hier noch mal Mitglieder der Splittergruppe eindringen.“
Bestimmt nicht, Madame. Dafür sorgen meine Jungs und ich.“ Die Tür ging auf und Henri, Marcel und Antoine traten ein. Die drei übrigen Söhne von Pierre und Elisabeth hatten Taschenlampen und kleine Pistolen bei sich. Sie patrouillierten seit dem nächtlichen Besuch der Beobachter auf dem Grundstück.
Dann lasst uns fahren.“ Micky schob sich an Pierre und seinen Söhnen vorbei, die anderen folgten ihr dicht auf.

 

Frankreich, Paris, Place de la Bastille., in der gleichen Nacht.
Sie stiegen aus ihren Autos, es war eisig kalt, die Sterne standen klar am Himmel über ihnen. Wenn es so weiter ging, würde es noch vor November den ersten Schnee in Paris geben. Wind kam auf und zerzauste Mickys und Isabelles langes Haar.

Micky zeigte auf die stockdunkle Galerie, Christoph Simonés Name war auf der Scheibe groß und in weißen, kunstvollen Lettern zu lesen. Sie schüttelte über ihre eigene Naivität den Kopf.

Wie hättest du das wissen sollen, Comtesse?“ fragte ihr Mann Mickys Gedanken erahnend und legte den Arm um sie, den sie aber sofort abschüttelte.
Natürlich hätte ich das wissen müssen. Ich hätte nur nachsehen brauchen, dann könnte Natalie noch leben“, zischte sie von den anderen ungehört. Doch nicht ganz so ungehört, wie sie beabsichtigt hatte.
Du hast doch gesagt, was geschrieben steht, lässt sich nicht mehr ändern.“
Methos, du weißt doch, die Hoffnung stirbt zuletzt. Und Michel hat mir die Texte mit Sicherheit nicht nur hinterlassen, weil sie fest stehen... Wie auch immer, lasst uns gehen.“ Sie schritt zielsicher voran und griff unter ihren Mantel. Es war vier Uhr an einem Sonntagmorgen, niemand war auf der Straße. Die meisten Einwohner von Paris lagen noch in ihren warmen Betten und ahnten nichts von den Unsterblichen und den nicht enden wollenden Kämpfen unter ihnen.

 

Micky stand vor der Galerie, die Jack the Ripper alias Christopher Sikes alias Christoph Simoné zu seinem Zeitvertreib unterhielt. Ihre Augen waren auf ein Schild im Fenster geheftet und lasen immer wieder die Worte, die jemand mit einem dicken, schwarzen Stift auf Pappkarton geschrieben hatte.

Merde! Verdammt! Shit! Das kann doch alles nicht wahr sein!“
Was ist denn los?“ fragte Duncan, der um das Überraschungsmoment aufgrund der lautstarken Flüche seiner Frau fürchtete.
Sie zeigte auf das Schild und sagte: „Lies doch!“
Dort auf dem Pappschild stand: „Galerie geschlossen, bin aus Paris weggezogen. Christoph Simoné.“
Ein Auto fuhr vorbei und erhellte die Galerie kurz. Die sechs Unsterblichen sahen enttäuscht das Innere des Ladens. Er war leer, vollkommen ausgeräumt.

Wir kommen zu spät. Schon wieder!“ meinte Micky wütend und enttäuscht. Sie drehte sich frustriert um. Ein erboster Aufschrei entfuhr ihr, sie bückte sich und griff nach einem losen Pflasterstein, der vor ihr in einem abgegrenzten Bereich lag, wo offensichtlich Straßenausbesserungen vorgenommen wurden. Duncan zog zischend die Luft ein, er griff nach ihr, erwischte aber nur die kalte Nachtluft.
Micky, nein!“ rief er noch, doch es war zu spät. Seine Frau drehte sich um, holte aus und warf den Stein in die Scheibe der ehemaligen Galerie. Duncan, Connor, Methos, Richie und Isabelle duckten sich schutzsuchend. Das Glas zerbarst mit einem ohrenbetäubenden Knall, Splitter flogen auf die Straße. Sie warfen Micky einen fragenden Blick nach, die bereits mit flatterndem Mantel zu ihrem Z3 davon brauste. Duncan sah ihr nach und schüttelte langsam den Kopf, er lernte es einfach nicht.

Sie war unberechenbar wie ein Sack Flöhe. Wenn man von ihr irgendeine Reaktion erwartete, tat sie für gewöhnlich genau das Gegenteil davon. Und genau das liebte er so an ihr, das musste er sich grinsend eingestehen, während er sich Glassplitter vom Mantelkragen wischte. Er hatte das Auto erreicht, die anderen stiegen in die übrigen Wagen ein. Er öffnete die Beifahrertür und setzte sich hin. Einen Moment beobachtete Duncan seine Frau nachdenklich. Sie trommelte mit ihren Fingernägeln auf das Lenkrad ihres Sportwagens.

Du bist unmöglich, Micky.“
Ach, lass mich doch in Ruhe!“ blaffte sie ohne ihn anzusehen, startete den Motor und fuhr Richtung Chateau davon.

 

 

15. Modisches Geplänkel

 

Frankreich, Chateau Dubois am frühen Morgen.
Verdammt!“ rief Micky und stieß die Eingangstür zu ihrem Chateau auf, mit bedrückter Miene folgten ihr Duncan, Connor, Richie, Methos und Isabelle. Sie alle hatten auf der Fahrt von Paris zum Chateau nicht viel gesprochen. Ihnen war klar, dass Isabelle erst in Sicherheit sein würde, wenn Christopher Sikes besiegt wäre.
Hey, Comtesse. Wir erwischen ihn halt das nächste Mal“, meinte Richie unbekümmert. Duncan drehte sich um und schüttelte mit dem Kopf. Doch zu spät, Micky sprang drauf an.
Das nächste Mal ist es vielleicht schon zu spät! Weder du noch Isabelle werdet ohne eure Meister draußen rumlaufen. Ist das klar?“
Aber...“ setzten die beiden an.
IST DAS KLAR?“
Ja, Micky“, antworteten beide. Micky rauschte fluchend in den ersten Stock davon.
Duncan, vielleicht könntest du noch mal...“ fragte Richie.
Junge, ich bin vielleicht verrückt, weil ich sie geheiratet habe. Aber so verrückt nun auch wieder nicht... Abgesehen davon hat sie Recht. Sikes wird sich bei uns nach und nach durcharbeiten wollen. Und es ist ganz klar, dass er bei dir und dir anfängt.“ Er zeigte erst auf Richie und dann auf Isabelle, die einen Schritt nach hinten tat und sich schutzsuchend bei Connor anlehnte.
„Ja, so ist es richtig, Isabelle. Bleib' immer in Connors Nähe. Dann kann er dir nichts tun. Du stehst unter seinem Schutz.“ Connor legte beide Arme fürsorglich um seine Freundin und drückte sie ganz fest an sich.

Gehen wir uns ein wenig ausruhen“, bemerkte er und schob Isabelle vor sich her zum Treppenaufgang.
Aber wirklich ausruhen“, rief Duncan seinem Cousin grinsend hinter her.
Kümmer' dich um dein eigenes Weib, Cousin.“
Ist sie immer so aggressiv?“ fragte Isabelle und zog ihren Mantel aus. Sie war froh, dass Gewicht des Schwertes los zu sein, das sie permanent an ihre neue Unsterblichkeit erinnerte. Connor lachte.
Na ja, könnte schon sein. Micky ist... Nun ja, man könnte sagen, sie ist eine kleine Wildkatze.“ Isabelle trat zu ihm und legte die Arme um Connor.
Du musst es ja wissen, Connor MacLeod. Hab' ich ein Glück, dass du mein Meister bist. Richie scheint es nicht wirklich leicht mit ihr zu haben.“ Connor lachte wieder, ließ sie los und ging ins angrenzende Badezimmer.
Sie will nur nicht noch einen Schüler verlieren. Richie hat sie sich ausgesucht, weil sie ein großes Potential in ihm gesehen hat. Aber deine Schwester wurde ihr sozusagen zugeteilt. Sowie du mir“, rief er aus dem Bad. Schließlich trat er wieder ins Schlafzimmer, Isabelle lag auf dem Bett, Connor grinste.
Soviel zum Ausruhen“, meinte er noch immer grinsend und schaltete das Licht aus.

 

Frankreich, Paris, Pont Alexandre III., eine Woche später.
Könnten wir das ein bisschen beschleunigen? Ich habe noch einen Termin!“ rief Micky und täuschte eine Finte vor. Sie schlug mit ihrem Toledo Salamanca auf den Gegner ein. Der parierte den Schlag ohne größere Schwierigkeiten. Er drosch auf sie ein, Micky stolperte über ihre hohen Absätze und fiel hin. Duncan stieß sich von der Wand ab und trat näher, doch Methos hielt ihn zurück.
Sie schafft das schon, Mac.“ Kaum hatte er das gesagt, sprang Micky auf die Füße und blickte wütend an sich herab. Ihr Oberteil, ein Designerstück von Karl Lagerfeld, hatte einen Riss bekommen.
Sie Arsch! Das ist eine Maßanfertigung von Karl Lagerfeld!“
Hören Sie auf zu quatschen, dann sind wir auch schneller fertig“, rief ihr Gegner, ein Italiener namens Antonio Piccolo, den sie 1591 in Florenz zum ersten Mal getroffen hatte. Damals hatte einzig das Wiedersehen mit Darius ein Duell mit dem kleinen Wicht vereitelt.
Sagt mir, Piccolo, habt Ihr Euch die Schuhe von demselben Designer wie Tom Cruise anfertigen lassen? Ihr seht so groß aus!“ Sie lachte und ihr Gegner brüllte wütend. Im Hintergrund standen Duncan und Methos, die immer wieder einen Blick auf die Uhr warfen. Sie mussten langsam los, wenn sie die Vernissage rechtzeitig eröffnen wollten. Aber Micky hatte unbedingt darauf bestanden noch dieses eine Duell auszutragen. Sie machte eine schnelle Abfolge von Schlägen und drängte den Italiener in Richtung Seine zurück.
Ich bin nicht klein!“ rief der höchstens 1,60 Meter kleine Mann. Micky überragte ihn um gut 15 Zentimeter. „Sie schwaches Weib! Heute ist kein Mönch da, um sie rauszuhauen!“ Micky fluchte wütend auf Italienisch, schlüpfte aus ihren Pumps und kämpfte barfuss weiter. Schon viel besser. Sie setzte zu einem Sprung an und trat Piccolo vor die Brust.
Was hat ihr der Zwerg denn bloß getan, Mac?“ fragte Methos, der grinsend das Duell
beobachtete.
Soweit ich weiß, hat sie ihn in Florenz getroffen im 16. Jahrhundert. Er hat sich über sie lustig gemacht und sie ein hilfloses Frauenzimmer oder so ähnlich genannt.“
Oh oh“, machte Methos. „Genau, wenn sie eines nicht leiden kann, dann wenn man sich über sie lustig macht. Und dann tauchte auch noch Darius auf und ging dazwischen. Du weißt doch, diese Nummer von wegen liebe deinen Nächsten und so. Das konnte Micky ja noch nie abhaben. Und wenn ich mich recht erinnere, ist er ihr dann noch mal ein paar Jahre später am Hof von Elisabeth I. über den Weg gelaufen.“
Warum hat sie ihn damals nicht schon kalt gemacht?“ Duncan zuckte mit den Schultern, verschränkte die Arme und lehnte sich an die Mauer unter der Brücke.
Was meinte er damit? Ein Mönch hätte andere Pläne gehabt?“ fragte Methos, doch Duncan zuckte unwissend die Achseln. Micky hatte ihm die Geschichte nie wirklich erzählt.

Inzwischen stand die Energieübertragung kurz bevor. Duncan ging schnell ein paar Schritte vorwärts und holte ihre Schuhe. Micky streckte die Arme von sich. Duncan und Methos konnten spüren, wie die Elektrizität sich aufbaute. Ihre Nacken kribbelten, die Härchen stellten sich auf. Hellblaue Blitze zuckten aus der Leiche, krochen wie Sandvipern in der ägyptischen Wüste über den Boden und suchten den Sieger des Duells. Sie strömten in Mickys zierlichen Körper hinein, sie zuckte immer wieder während der Übertragung zusammen und biss sich auf die Lippen.

Zwar hatte das Duell unter der Pont Alexandre III. stattgefunden, aber oberhalb fand ein Straßenfest statt. Antonio Piccolo hatte sie in der Menge gerufen und gefordert. Was hätte Micky da Anderes tun können? Sie war ihm unter die Brücke gefolgt, Methos und Duncan waren gemächlich hinter her getrottet. Der kleine Mann hatte nicht wirklich gefährlich gewirkt, was sich ja eben bewahrheitet hatte.

Komm, lass uns verschwinden, Comtesse.“ Duncan griff nach ihrem Schwert, das im Sand lag und schob Micky von der Leiche weg. „Ist mit deinem Kostüm alles in Ordnung?“ Sie sah rasch an sich herab.
Nein, verdammt. Da ist ein Riss. Methos, hol' den Wagen. So kann ich die Vernissage nicht eröffnen.“ Methos rannte los zum Parkplatz.
Was machen wir jetzt?“ Duncan warf einen Blick auf die Uhr. „Wir haben noch eine knappe dreiviertel Stunde.“
Wir fahren zu Karl.“
Karl Lagerfeld?“ Duncan kratzte sich am Kopf und fragte sich, wie gut der Modedesigner mit seiner Frau wirklich befreundet war, dass ihn ein spätabendlicher Überfall und die Bitte um Nadel und Faden nicht überraschen würden.
Ja, natürlich. Er wird den Schaden beheben und ich komme nach rechtzeitig in die Galerie. Er kann ja mitkommen, wenn er mag. Das gibt gute Kritiken, wenn Karl Lagerfeld unangekündigt auf meiner Vernissage auftaucht. Nicht alle Journalisten wissen, dass wir befreundet sind. Gib mir mal mein Handy.“ Er reichte es ihr, während sie die Treppen zum rechten Seineufer hochstiegen. „Richie. Wir kommen zehn Minuten später. Ich hatte eine kleine geschäftliche Auseinandersetzung und jetzt muss ich kurz zu Karl. Bis dann.“ Sie klappte das Handy zu, Richie würde seine Mailbox hoffentlich abhören vor der Eröffnung der Vernissage. „Und jetzt erzähl' mir mal, warum du den Kerl nicht schon im 16. Jahrhundert erledigt hast.“ „Daran war nur ein Mann schuld: Darius.“

 

Italien, Florenz, ein Sonntagmorgen 1591.
Seit zwei Jahren reiste Michelle nun schon durch Italien, nach dem Tod Katharina von Medicis hatte sie nichts mehr in Frankreich gehalten. Sie war zunächst nach Rom gepilgert und hatte dort für die Seelen von Katharina und Nostradamus gebetet. Nicht weil sie unbedingt von der Wirkung ihrer selbstlosen Tat überzeugt war, es war eben üblich und Michelle hatte in dem Moment nichts Besseres zu tun gehabt. Daran hatte sich bis jetzt auch nicht wirklich etwas geändert. Sie langweilte sich und spielte schon mit dem Gedanken wieder nach China zu reisen, um erneut als Leibwächterin am Kaiserhof zu arbeiten.

Im Augenblick war sie auf dem Weg in die Sonntagsmesse, wo sie hoffte Kontakte zu den Medici knüpfen zu können. Sie hatte in Florenz erfahren, dass der vierzigjährige Ferdinand von Medici, der Großherzog der Toskana, kürzlich geheiratet hatte. Vielleicht brauchte seine Frau Christine von Lothringen eine Hofdame? Michelle wusste nicht, was sie mit ihrer Unsterblichkeit anfangen sollte. Sie hatte bisher eine einzige Begegnung gehabt in Wittenberg und was sie von der „Zusammenkunft“ halten sollte, wusste sie noch weniger.

Mit der Alchemie hatte sie sich dank Nostradamus lange genug beschäftigt, das reichte für zwei Leben.

Die Sonne schien warm auf die Florentiner herunter, die eilig in die Kirche strömten, deren Glocken sie zum Gottesdienst riefen. Michelle stand vor der Basilica di San Lorenzo di Firenze, die sich im Zentrum des Marktviertels befand und im Jahre 393 geweiht worden war. Die Krypta der gotischen Kirche war bereits heute die letzte Ruhestätte von einigen Medici – unter ihnen Cosimo I., der Vater des derzeitigen toskanischen Großherzogs. Auch Donatello, der vielseitige Künstler - der unbeschreiblich schöne Skulpturen geschaffen hatte und zugleich ein vorzüglicher Zeichner und Maler gewesen war – hatte hier sein Grab gefunden.

Michelle?“ Sie drehte sich erschrocken um. Diese Stimme kannte sie doch. Allerdings hatte sie sie seit mehr als 60 Jahren nicht mehr gehört. Zuletzt in Japan, in der Nähe des Berges Niri. Sie schauderte, stets hatte sie das Wiedersehen erhofft und auch ein wenig gefürchtet. Ihr Blick flog über den Kirchplatz und verharrte in dem Gesicht eines gut aussehenden Mannes mit braunen Haaren und geheimnisvollen, dunklen Augen, die andeutungsweise sein unvorstellbares Alter von mehr als 1.500 Jahren preisgaben. Er war in der Tat viel zu gut aussehend für die Mönchskutte, die er noch immer trug.
Darius! Was zum Teuf...“ Michelle! Du sollst nicht fluchen!“ Er schlug rasch ein Kreuz, sie lachte und schüttelte den Kopf.
Oh Darius, mit dir hätte ich bestimmt nicht gerechnet.“ Sie umarmte den Mönch und störte sich nicht wirklich an den empörten Blicken der florentinischen Bevölkerung, die in die Kirche strömte. „Er ist mein Bruder, nun schauen Sie nicht so!“ Darius verkniff sich ein Lachen über die kleine Notlüge.
Das macht ein 'Vater unser', meine Liebe.“
Alles, was du willst, Darius.“ Plötzlich zuckten sie zusammen und entdeckten auf der untersten Stufe einen weiteren Unsterblichen. Er war klein, plump und näherte sich mit gezogenem Schwert.
„Na, so ein Pech aber auch. Ein Mönch und ein schwaches Weib. Das lohnt sich ja gar nicht.“

Kennst du den?“ fragte Michelle und zeigte auf den Italiener, der wesentlich kleiner als sie war.
Nein, bestimmt nicht, Michelle. Lass uns in die Kirche gehen. Heiliger Boden.“ Er zog sie schon die Treppen zur Kirche hoch. Die Glocken übertönten seine Bitte fast.
Ach Darius, komm schon. Das ist doch nur eine halbe Portion. Selbst Meister Unterhauser hätte den erledigen können mit seinen 74 Jahren.“
Wer ist Meister Unterhauser?“
„Ist doch egal. Den hol' ich mir. Ich lasse mich nicht von so einem italienischen Wasserspeier als schwaches Weib bezeichnen. Ich war Leibwächterin von Kaiser Jianjing, ich bin alleine durch halb Europa und Asien gereist und habe mich in der Alchemie unterweisen lassen. Und ich bin 91 Jahre alt. Ich erwarte Respekt in
meinem Alter!“ Darius seufzte und schlug ein Kreuz.
Liebe deinen Nächsten, Kind. Wenn er dich provoziert, halte ihm auch noch die andere Wange hing.“
Ach Darius, lass mich bitte mit diesem christlichen Unsinn in Ruhe! Dein Gott hat es zugelassen, dass der Mann, den ich geliebt habe und den ich heiraten wollte, mich eiskalt abgestochen und dann in meinem Blut hat verrecken lassen. Das ist doch alles Mist!“
Wenn das Mist ist, wieso wolltest du dann in die Kirche?“
Geschäftlich. Ich suche einen neuen Arbeitgeber, um mir die Zeit zu vertreiben.“ Sie ging zwei Stufen auf den Italiener zu und holte ihr Toledo Salamanca unter ihrem blauen Samtmantel hervor.
Wie viele Duelle hast du inzwischen gewonnen?“
Eins, vor 47 Jahren in Deutschland.“ Sie machte noch einen Schritt nach unten. Darius versuchte sie zu packen, doch sie entzog sich ihm. Er schüttelte den Kopf, mit so wenig Erfahrung konnte sie unmöglich gewinnen. Anscheinend musste er sie doch unterweisen. Zumindest in logischem Denken.
Verzeih' mir“, meinte Darius und blickte zum Himmel, während er rasch ein weiteres Kreuz schlug.
Was meinst du?“ fragte Michelle und dann wurde alles schwarz um sie. Darius hatte sie in der Kürze eines Augenblicks mit der Spitze seines Wanderstabes bewusstlos geschlagen. Ihr Schwert schlitterte einige Stufen nach unten. Darius sprang ihm hinter her und fing es geschickt ab. Dann sprintete er mit flatternder Kutte wieder nach oben, zog die bewusstlose Michelle auf die Füße und schleifte sie in die Sicherheit der heiligen Mutter Kirche.

 

Frankreich, Paris, die Gegenwart.
Darius hat dich...?“ fragte Duncan grinsend, während er ihr aus dem Auto half.
Jaaahhh!“ Sie eilte die Stufen hoch und nickte dem Portier kurz zu, sie war hier wohlbekannt. Duncan rannte hinter ihr er und sprang in den Lift.
Darius hat dich wirklich...?“ Sie sah ihn wütend an.
Soll ich dich auch bewusstlos schlagen? Dann mach' nur so weiter, Duncan!“ Sie stieg aus dem Lift und klingelte an der Wohnung ihres Freundes Karl Lagerfeld.

Die Tür wurde geöffnet, Karl persönlich war zur Tür geschwebt. Ein Hauch von Nonchalance umgab den großen Meister wie immer. Verblüfft, aber auch erfreut über den unerwarteten Besuch in seinen heiligen Hallen sah er zwischen Micky und Duncan hin und her.

Micky? Was führt dich her?“ fragte er und küsste ihre Wangen ohne sie wirklich zu berühren. Dann schwebte er rückwärts in seine Wohnung zurück und ließ die beiden eintreten. Micky öffnete ihren Mantel und zeigte den Riss, der das Oberteil ihres zweiteiligen rosafarbenen Kostüms, entstellte.
Was hast du getan?!“ fragte Karl entsetzt und packte sich bestürzt an die schmale Brust. Duncan war hinter ihn getreten, bereit den Meister aufzufangen, falls ihn der Anblick seiner Kreation von den Füßen hauen sollte. Karl schob seine Sonnenbrille nach oben und näherte sich mit seiner Nase Mickys Oberkörper.

Sein Kopf verfolgte den Riss der Länge nach von links nach rechts und noch einmal zurück. Er schüttelte den Kopf und machte: „Ts, ts, ts.“ Micky blickte verlegen drein. Das Kostüm war eine Maßanfertigung von Karl.

Tut mir leid, ehrlich. Ich konnte nichts dafür, so ein italienischer Giftzwerg hat mich auf der Pont Alexandre III. herausgefordert.“ Sie zuckte entschuldigend die Achseln und blickte bestmöglich geknirscht drein. Zur Unterstreichung ihres Bedauerns biss sie sich auf Unterlippe und klimperte mit ihren langen Wimpern. Karl seufzte theatralisch. Duncan sah irritiert zwischen seiner Frau und dem großen Modedesigner hin und her.
Hast du ihn wenigstens geköpft für diesen Frevel?“ fragte Karl und hatte bereits Nadel und Faden in der Hand, während er Micky in sein Studio schubste. Sie schrie begeistert auf, als sie seine neuen Entwürfe entdeckte. Duncan sah immer noch irritiert zwischen den beiden hin und her. Karl Lagerfeld wusste, dass eine seiner besten Kundinnen eine Unsterbliche war? Auf diese Neuigkeit musste er erst einmal etwas trinken.
Monsieur Lagerfeld, haben Sie einen Whisky?“
Bedienen Sie sich dort vorne, Mr. MacLeod. Und bitte, nennen Sie mich doch, Karl. Micky ist so eine gute Kundin.“
Ich bin doch wohl mehr für dich, oder Karl?“ fragte sie schelmisch grinsend. Lagerfeld schüttelte wieder tadelnd den Kopf.
Nicht, wenn du so leichtfertig mit meinen Kreationen umgehst, Micky. Nein, dann nicht... So, und jetzt ausziehen. Du kannst von den neuen Modellen schon mal was anprobieren, wenn du möchtest.“ Sie reichte ihm das Oberteil und drehte sich mit ihrem weißen Spitzen-BH zu seinen neuen Meisterwerken um. Duncan schüttelte ungläubig den Kopf angesichts der Situation. Er ließ sich schwer in einen Sessel fallen, der ihm irgendwie bekannt vorkam. Er sah sich das Muster genauer an. Den hatte Micky doch letzten Monat in Marseille erstanden. War sie etwa auch noch Karls Innenarchitektin? Mit dieser Frau konnte man auch keinen normalen Abend verbringen. Einfach unmöglich.
Karl, wenn es geht, beeil dich ein wenig. Ich muss eine Vernissage eröffnen... Möchtest du mitkommen?“ Er saß auf einem Stuhl und nähte Mickys Oberteil mit einem passenden Faden, der Riss war fast schon nicht mehr zu sehen. Seine geübten Finger machten winzig kleine Stiche. Micky schritt durch sein Studio und sah sich seine aktuellen Fotografien an, Karl fotografierte leidenschaftlich gern.
Brauchst wohl gute Kritiken, wie?“ fragte er und grinste über den Rand seiner Sonnenbrille hinweg. Sie lächelte, wie ein Kind, dass beim Lutscherklau ertappt wurde.
Es ist eine junge Künstlerin, eine Debütantin. Komm schon, Karl. Biittee!“ Er lachte.
Ich bin sicher, diese Bettelei hast du in den letzten 500 Jahren bis zur Meisterschaft geübt.“ Jetzt war Micky es die lachte und Duncan schenkte sich über dieses unglaubliche Gespräch noch ein Glas von Karl Lagerfelds sündhaft teurem Whisky ein. Das würde ihm Methos nie glauben. Obwohl, Methos wusste, wie verrückt Micky war. Er hatte sie eine adlige Irregenannt. Er würde ihm glauben.
Ach Karl, das hatte ich schon als kleines Mädchen drauf. Papa, ich möchte das Pony so gerne. Bitteeee!“ Karl lachte wieder.
Na gut, ich habe ohnehin nichts Besseres vor heute Abend.“ Micky quietschte vor Freude, klatschte in die Hände und rannte enthusiastisch auf den großen Meister zu.
Aber bitte sei nett zu Ann-Marie. Sie ist ganz nervös. Und wenn du noch ein paar nette Worte für die anderen Gäste und besonders für die Journalisten übrig hättest...“
Wenn du jemand Nettes willst, fahr' bitte rüber nach Disneyland und hole dir Micky Maus.“ Er half ihr beim Anziehen, der Riss war nicht mehr zu sehen.
Ein kleines bisschen, Karl. Ich verspreche auch, dass ich mich in deinen Kostümen nicht mehr duellieren werde.“ Karl griff nach seinem Mantel und seiner Tasche.
Natürlich, so wie 1972! Meine erste Arbeit, die ich dir verkauft habe und du rennst damit zu einem Duell... Mr. MacLeod, hätten Sie etwas dagegen, wenn Ihre Frau mit mir fährt? Wir müssen erörtern, ob ich ihr eine spezielle Garderobe für ihre Duelle entwerfe.“ Duncan klappte die Kinnlade runter. Er sah kurz zu Micky, die nickte und schon zur Tür rauschte.
„Äh, nein kein Problem, Karl.“

Sehr schön.“ Und Karl schwebte Micky hinterher und ließ den verdatterten Duncan stehen.

Unten am Auto meinte Duncan nur zu Methos: „Er weiß von den Unsterblichen“, während er auf Karls Limousine zeigte, die hinter Mickys fabrikneuem, silbernem BMW 6er Cabrio parkte. Im nächsten Moment fuhr sie los.
Duncan und Connor stiegen in den BMW ein und folgten der Limousine.

Natürlich. Micky und Karl sind schon seit Jahren eng befreundet. In den 1970ern hat er für Chloé gearbeitet, da ist Micky ihm zum ersten Mal begegnet.“
Und sie hat ihm gleich erzählt, dass sie unsterblich ist?“
Nein“, erklärte Methos lachend. „Der arme Karl ist ihr nachgelaufen, weil sie ihre Taschen vergessen hatte. Da war sie bereits mitten in ein Duell verstrickt. Was sollte Micky da noch machen? Sie hat dem anderen den Kopf abgeschlagen und Karl mit in ein Café genommen, wo sie ihm alles erzählt hat.“ Duncan staunte nicht schlecht.
Und ich hab' mich schon gewundert, dass sie so einfach bei ihm auftauchen kann. Die Frau steckt voller Überraschungen... Und jetzt besprechen sie gerade eine neue Garderobe.“
Methos bemerkte lachend: „Na, dann fang schon mal an zu beten, dass sie heute Abend alle Bilder verkauft.“

 

 

16. Nur ein Sprung über die Mauer...

 

Frankreich, Chateau Dubois, ein Montagmorgen Anfang November.
Während sich das Jahr immer mehr seinem Ende zuwendete, gab es keine wirklichen Neuigkeiten über Christopher Sikes. Bestenfalls Gerüchte. Einige befreundete Kunsthändler meinten Christoph Simoné in Mailand, London, Berlin und sogar Amsterdam gesehen zu haben und riefen Micky in ihrem Chateau oder der MacLeod-Galerie deshalb an. Doch Micky hatte weder die Zeit noch die Nerven durch halb Europa zu reisen, um ihn zu suchen und dann schlimmstenfalls einer Fehlmeldung aufzusitzen. Sie war sich sicher, dass er früher oder später wieder ganz von selbst auftauchen würde. Und später war ihr verständlicherweise viel lieber, dann bliebe genug Zeit, um Isabelle auszubilden. Noch nicht einmal mit Gerüchten, wie sie Mickys Freunde offerierten, konnten hingegen Joe und Maurice aufwarten. Laut den Informationen, die dem Beobachter-Hauptquartier vorlagen, war Christoph Simoné von der Bildoberfläche verschwunden. Und zwar spurlos. Er hatte so unerwartet seine Sachen zusammengepackt, dass sein vor Ort ansässiger Beobachter nicht einmal mehr die quietschenden Reifen gehört hatte. Christoph Simoné war von einem Tag auf den anderen unauffindbar. Es gab keine Flugtickets, keine Kreditkartenabrechnungen auf seinen Namen.

Die Splittergruppe der Beobachter verhielt sie auch erfreulich ruhig. Es hatte keine weiteren Einbrüche ins Chateau oder eine der anderen Wohnungen der Freunde gegeben. Nichtsdestotrotz drehten Pierre und seine Söhne nachts weiterhin ihre Runden. Was die Splittergruppe anging, war Micky ebenso überzeugt davon, dass sie sich von alleine wieder ins Spiel bringen würden. Und dann wären sie bereit, doch im Augenblick konnten sie weder bei dem einen noch bei den anderen etwas bewirken. Diese Tatsache zu akzeptieren und das Leben gewohnt weiterzuführen, war für Micky nicht gerade leicht.

Um ihren Kopf von den sinnlosen Gedanken, die fortwährend um Sikes und die Splittergruppe kreisten, zu befreien, hatte Micky sich bereits früh am Morgen angezogen und war in ihrem Park joggen gegangen. Sie trug Schal, Handschuhe, einen dicken roten Pulli mit Kapuze und warme Socken. Es war nasskalt und ungemütlich. Pierre und seine Gärtnertruppe waren bereits damit beschäftigt das Laub, das haufenweise von den großen, alten Bäumen herunter fiel, zusammenzurechen und auf den Kompost zu schaffen. Angus rannte vergnügt an Mickys Seite, ihn störte das Wetter nicht im Geringsten. Als Husky war er ja immerhin für eisige Kälte gezüchtet worden, das eklige Novemberwetter war für ihn bestenfalls ein schlechter Sommertag. Micky hatte Angus nicht nur für seinen Auslauf mitgenommen, sondern auch zu ihrer Sicherheit. Der Hund konnte zwar nicht erkennen, ob ein Unsterblicher in Reichweite war, aber er würde bellen, sobald sich jemand Micky näherte.

Inzwischen war sie schon wieder auf dem Rückweg und freute sich auf eine lange, heiße Dusche und Elisabeths berühmte Pfannkuchen mit Ahornsirup, den Joe regelmäßig aus Kanada rüber schickte. „Hol’ das Stöckchen, Angus!“ Sie holte weit aus und warf. Angus legte einen Schnellstart quer über die Wiese hin, sprang aufgeregt bellend vor und zurück und suchte sein heißgeliebtes Stöckchen.

Im nächsten Moment zuckte Micky zusammen, sie sah zur Grundstücksmauer herüber. Über die graue Steinmauer, die ihr weitläufiges Anwesen umgab, lugte ein schwarzer Hut hervor, der zu einem Unsterblichen gehörte. Das kam ihr irgendwie bekannt vor. Micky legte einen Sprint hin und stand kurz darauf vor der Mauer. Sie hörte ein Grunzen und Ächzen und dann stand der Mensch, zu dem der Hut gehörte auf der Mauer und blickte auf sie herab. Micky sah nach oben, den Kopf in den Nacken gelegt, rief sie: „Was in drei Teufelsnamen suchst du auf meiner Mauer?“

Der Eindringling sprang mit einem Satz von selbiger herunter und landete geschickt auf den Füßen. Sie klopfte sich den Staub von den ausgewaschenen Blue Jeans und wischte sich grinsend eine rote Haarsträhne aus dem Gesicht. Ihre dunklen Augen blitzten frech.

Aber Mama, seit wann darf ich dich nicht mehr besuchen?“ Micky ging auf die junge Frau zu, die rein äußerlich wie ein Teenager – allerhöchstens wie 18 Jahre – aussah und umarmte sie stürmisch.
Meine Güte, Geneviève, Bomberjacken und Chucks sind seit 15 Jahren unmodern. Und dann dieser Hut!“ Geneviève blickte an sich herunter, biss sich auf die Unterlippe und rückte ihren schwarzen Herrenfilzhut zurecht. In ihrem Beruf achtete sie eher auf die Funktionalität von Kleidung und nicht, ob sie „très chic“ war. „Warum kommst du überhaupt über die Mauer, ma puce? Und nicht durch die Eingangstür?“ Geneviève zuckte die Achseln und drehte ihren Hut in den Händen. Micky gab ihr einen Klaps auf den Hinterkopf genau wie bei Richie. Alte Gewohnheiten ließen sich nur schwer ablegen, das galt für Micky ebenso wie für Geneviève.

Sie gingen nebeneinander in Richtung des Chateaus, Angus sprintete an ihnen vorbei mitvollem Karacho durch einen Laubhaufen – sein Stöckchen hielt er fest in der Schnauze. Besser als ein Eichhörnchen, dachte Micky grinsend.

Angus! Böser Hund! Nicht durch die Laubberge!... Also, warum bist du gekommen, Geneviève? Ich meine, ich freue mich natürlich. Nur kommt es so plötzlich und unangemeldet...“ Aber das war eigentlich typisch für Geneviève, genauso war sie damals in Mickys Leben geschneit und hatte es auf den Kopf gestellt – von jetzt auf gleich.
Ich hab’ läuten hören, dass du einen neuen Mann hast, Mama. Den wollte ich mir jetzt einmal ansehen.“ Sie grinste frech unter ihrem Herrenhut hervor.
Schatz, den habe ich schon seit neun Jahren. Wo hast die Nachricht läuten hören, dass sie solange gebraucht hat, um zu dir zu gelangen?“ Micky legte den Arm um ihre Tochter, die fast genauso groß war wie sie.
In den Anden.“ Sie ließ den Hund ihrer Mutter an ihrer Hand schnüffeln und streichelte ihn schließlich.
Also da hast du dich die letzten zehn Jahre versteckt“, tadelte Micky die junge Frau.
Nicht versteckt, Mama. Feldforschung betrieben und meine Doktorarbeit fertig geschrieben. Ich bin jetzt Doktor der Archäologie“, erklärte sie mit stolzgeschwellter Brust.
Du spielst also immer noch Indiana Jones und flirtest mit staubigen Mumien.“
Ach Mama, du weißt doch ich spiele lieber mit Mumien als mit hübschen Kleidern.“ Sie lachten beide.

Ein paar Minuten später hatten sie die Küchentür auf der Rückseite des Chateaus erreicht. Gerade rechtzeitig, denn die dunklen Wolken am Himmel würden in den nächsten Minuten einen wahren Sturzbach freigeben. Micky packte Angus am Halsband und griff nach einem bereitliegenden Wasserschlauch. Sie spritzte ihren Husky ab und rubbelte ihn mit einem Handtuch trocken, das Elisabeth auf die Türschwelle gelegt hatte. Seit seinem Fauxpas in der Eingangshalle wurde er nur noch gewaschen in die heiligen Halle gelassen. Dann drehte Micky den Türknauf und betrat ihre warme, gemütliche Küche. Die blauen Kacheln der alten Landküche strahlten vor Sauberkeit, es roch nach Kaffee, Ahornsirup und frischen Waffeln. Aus der kleinen CD-Anlage ertönten natürlich die Beatles. Micky ging voraus, dicht gefolgt von Geneviève und Angus.

Seht mal, wen ich beim Joggen getroffen habe“, rief Micky fröhlich. Duncan, Connor und Isabelle sahen von ihrem Frühstück auf, sie zuckten zusammen und versuchten zu erkennen, welcher Unsterblicher da hinter Micky stand. „Duncan, Isabelle, das ist die junge Comtesse Dubois, Geneviève, meine Tochter.  Auch wenn man es ihr in dieser Aufmachung nicht wirklich ansieht!“
Ach, Mama!“ meinte Geneviève genervt, warf ihren Hut auf die Anrichte, schnappte sich einen Stuhl und einen Schwung Pfannkuchen, über die sie sich sogleich hungrig hermachte.
Mademoiselle, es ist schön, dass Sie wieder da sind.“ Duncan blickte irritiert zu Elisabeth, die das fremde Mädchen offensichtlich gut kannte.
Danke, Elisabeth. Ich wollte mal Mamas neuen Mann abchecken.“ Sie zeigte mit ihrer Gabel auf Duncan und grinste ihn kauend an. Duncan blickte völlig verdattert drein. Seine Gabel mit Pfannkuchen schwebte kurz vor seinem geöffneten Mund. Geneviève kümmerte sich nicht sonderlich darum, sie musterte nur kurz, die ihr unbekannte, Isabelle und wandte sich an das nächste bekannte Gesicht.
Hallo, Onkel Connor, alles fit?“
Duncans Kopf drehte sich in Zeitlupe zu seinem Cousin. Sein Mund formte stumm die Worte „Onkel Connor??!“
Ja, alles fit, Prinzessin“, bemerkte Connor lachend und griff über den Küchentisch, um ihr die Haare zu verstrubbeln. Connor kannte sie anscheinend auch gut, dachte Duncan.
Hey, sie ist Comtesse, wie ich. Wir wollen es mal nicht übertreiben.“
So, und du bist Mamas Neuer, ja?“ Sie musterte Duncan von oben bis unten und schaufelte sich weiter fröhlich Pfannkuchen in den Mund.
"Mama?!“ krächzte Duncan und sah zu seiner Frau, die nur mit den Schultern zuckte und sich neben Geneviève setzte.
Glückwunsch, Cousin. Jetzt kommst du doch noch in die Freuden der Vaterschaft.“ Duncans Kopf sauste zu Connor herüber. „Wenigstens ist sie volljährig zu einer Unsterblichen geworden... Geneviève, wie alt bist du inzwischen?“
485, Onkel Connor“, erklärte sie dem drei Jahre älteren Unsterblichen unverblümt und griff nach dem Kaffee. Na klasse, Mickys „Tochter“ war wesentlich älter als Duncan.
Ich glaub’, ich brauche einen Whisky... Auch wenn es erst neun Uhr morgens ist... Yvette, hör’ auf dich zu bekreuzigen! Ich bin gerade der Stiefvater von einem Mädel geworden, das 61 Jahre älter ist als ich! Wie zum Teufel...“ Er betonte das Wort und musterte Yvette herausfordernd. Die junge Hausangestellte rauschte mit einem Bündel Handtücher unter dem Arm beleidigt aus der Küche und bekreuzigte sich schon wieder.
Machen Sie sich nichts draus, Monsieur Duncan. Meine Tochter hält Sie und Monsieur Connor für barbarische, schottische Heiden... Ist ja auch egal. Mademoiselle Geneviève ist wieder da! Welche Freude! Sie ist ein so reizendes Ding! Greifen Sie zu Kind, Sie müssen doch halb verhungert sein!“ Geneviève lächelte der Haushälterin mit vollen Backen, die einem Goldhamster alle Ehre gemacht hätten, glücklich entgegen. Wenn sie eines in den Anden vermisst hatte, dann Elisabeths Küche, dicht gefolgt von den weichen Betten des Chateaus.
Also, wie zum Teufel bist du an eine unsterbliche Tochter gekommen, Comtesse?“ fragte Duncan endlich, worauf Micky lachte und liebevoll Genevièves zerzaustes Haar glatt strich. Seufzend rührte sie in ihrem Kaffee.
Ganz einfach, sie wollte mich ausrauben, da habe ich sie rechtskräftig adoptiert“, erklärte Micky, als wäre es die normalste Sache der Welt.
"Finde nur ich das merkwürdig?“ fragte Duncan und warf einen Blick auf Isabelle, die sich äußerst intensiv mit ihrem Joghurt beschäftigte und sich wohlwissend aus den verwirrenden Familienproblemen heraushielt.
Na ja, Onkel Methos hat am Anfang auch etwas verdattert geschaut.“ Geneviève beobachtete Duncan einen Moment. „Ja, er hat ungefähr so ausgesehen wie du.“ Micky gluckste fröhlich und goss sich Ahornsirup auf ihre Pfannkuchen. Connor steckte sein breites Grinsen ganz tief in seine Kaffeetasse.
Onkel Methos?! Elisabeth, wo bleibt mein Whisky?! Ich brech’ hier gleich zusammen! Und jetzt erzählt mal hübsch der Reihe nach.“
Micky trank einen großen Schluck Kaffee und setzte zu einer Erklärung an: „Nun, das war damals so...“

 

Frankreich, Versailles, November 1703.
Der Name Versailles stammte wahrscheinlich vom Lateinischen „versare“ ab, was drehen oder umdrehen bedeutete. Er kam ursprünglich aus dem 11. Jahrhundert und wies auf gepflügte will heißen umgedrehte Erde hin. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts war das heutige grandiose Schloss des Sonnenkönigs nicht mehr als ein Jagdschlösschen für seinen Vater Louis XIII. gewesen. Im Jahre 1668 begann Louis XIV., der auch noch den Beinamen „der Große“ geführt hatte, dann mit dem Ausbau des Jagdschlösschens zu seiner glanzvollen Dauerresidenz. Eine gewisse Abneigung gegenüber Paris und seinen Einwohnern hatte ihn zu diesem Schritt bewogen. Fast 30 Jahre hatte der Bau gedauert und weit über 25 Millionen Livres verschlungen, was drei Prozent der damaligen Staatsausgaben ausgemacht hatte. Auf einem trockengelegten Sumpf entstand durch die meisterhafte Hand von unzähligen Gärtnern, Architekten und Baumeistern ein 100 Hektar großer Park mit Wasserbecken und Kanälen. Weiterhin wurde eine Orangerie mit 3.000 Sträuchern und Bäumen errichtet. Für die Jagd, eine große Leidenschaft des Sonnenkönigs, legte man einen über 6.000 Hektar großen Park an. Zur Unterhaltung des Hofstaates gab es einen Wildpark. Louis XIV. kümmerte sich höchstpersönlich um die Bauarbeiten, an denen im Laufe von mehr als 50 Jahren über 36.000 Menschen mitgearbeitet hatten. Er korrigierte fortwährend die Baupläne und prüfte sogar vor Ort, ob auch das kleinste Detail seinen Vorstellungen entsprach. Alsbald gelangte der Sonnenkönig zum Ruf ein großer Architekt zu sein. Nachdem der Bau abgeschlossen war und der gesamte Hof am 6. Mai 1682 das Schloss bezog, verlagerte sich das französische Machtzentrum eindeutig von Paris nach Versailles. Der 44-jährige Louis XIV. hatte die Distanz zum einfachen Volk, die er sich immer gewünscht hatte und konnte sich nun mit den Menschen und der Pracht umgeben, die er für seine göttliche Existenz als angemessen erachtete. Er schien in der Tat einen Hauch von Göttlichkeit zu besitzen, da er mit 72 Jahren Regentschaft der am längsten regierende Monarch der Neuzeit war. Louis XIV. galt als der klassische Vertreter des Absolutismus, was er auch mit seinem Motto „L'etat c'est moi – Der Staat bin ich“ mehr als verdeutlichte. Er förderte Kunst und Wissenschaft und seine Außenpolitik war im Gegensatz zu diesen friedfertigen Aktivitäten durchaus aus aggressiv zu bezeichnen. Doch dadurch gewann Frankreich unter seiner Herrschaft die Vormachtstellung in Europa. Versailles, bestehend aus mehr als 1.300 Zimmern mit fast eben so vielen Kaminen, beherbergte fortan meist mehr als 20.000 Adlige, Bedienstete und Höflinge, allein 5.000 davon im Schloss. Die Ställe boten Platz für annähernd 200 Kutschen und nahezu 2.500 Pferde.

Michelle hatte sich 1699 dem Hofstaat des Sonnenkönigs angeschlossen und pendelte nun die meiste Zeit zwischen Chateau Dubois und Versailles hin und her. Was ihr gerade Recht kam, denn die Unsterblichen schienen sie in einem der beiden Schlösser immer aufzutreiben und zum Duell zu fordern. So musste Michelle keine Gedanken an die Duelle verschwenden, die ihr ja praktischerweise vor die Füße gelegt wurden. Für einen harmlosen Flirt mit Comtes und Vicomtes war ebenso Zeit wie für Vergnügungen mit dem übrigen Hofstaat. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie die Herzen der Musketiere im Sturm erobert, was auch der Tatsache zu verdanken war, dass sie dort einen Unsterblichen unter ihnen getroffen hatte, der ihr sehr sympathisch und recht schnell ein lieber Freund geworden war: Pierre de Florent. Der unsterbliche Musketier trainierte mit ihr für ihre künftigen Duelle und nahm sie überaus bereitwillig mit auf seine Streifzüge oder auf Missionen, die er für König und Vaterland erfüllte. Michelle, die sehr gut reiten konnte und sich in Europa durch die Reisen, die sie seit mehr als 170 Jahren unternahm, bestens auskannte, war eine exzellente Reisebegleitung für Pierre de Florent. Wenn Michelle in Versailles weilte, wich Pierre nicht von ihrer Seite und wachte eifersüchtig über die Ehre seiner Comtesse. Doch ab und an entschlüpfte sie seinen Adleraugen und vergnügte sich ein wenig mit einem seiner Untergebenen.

Bei Pierres abendlichen Patrouillen durch den riesigen, absolutistischen Park begleitete Michelle den unsterblichen Musketier auch von Zeit zu Zeit. Heute war wieder einmal einer dieser Abende. Sie waren bereits auf dem Rückweg zum Schloss, ließen die prächtigen Brunnen und die absolutistischen Bäume und Sträucher links liegen. König Louis hatte zu einer späten Soiree geladen. Die hohen Damen und Herren des französischen Adels trafen sich auf diese erlauchte Einladung hin regelmäßig, um gemeinsam zu musizieren, Theater, Karten- und Gesellschaftsspiele zu spielen, sich vorlesen zu lassen und zu diskutieren. Michelle war zwar eine Comtesse des Kleinadels, doch ihr Charme hatte ihr in den vergangenen Jahrhunderten oft genug so manche Tür – egal ob herrschaftlich, königlich oder gar kaiserlich – geöffnet. Und die Freundschaft mit dem Kommandanten der Musketiere, der natürlich kein Geringerer als Pierre de Florent war, tat ihr Übriges.

Pierre riss gerade Witze über die gestrige „Jagd“. Der Sonnenkönig hatte einem kleinen Ferkel einen Diamanten umgehängt und seinen Hofstaat aufgefordert, es zu fangen. Wer auch immer das Ferkel fangen konnte, dem sollte der Diamant als Preis gehören. Um das ganze noch ein wenig interessanter zu gestalten, war das kleine Ferkelchen mit Fett eingerieben worden. Es war überaus erheiternd gewesen. Es hatte jede Menge Karambolagen, flatternde Röcke und erhitzte Gemüter gegeben. Letztendlich hatte natürlich seine Majestät das Ferkelchen gefangen und den Diamanten seiner aktuellen Favoritin überreicht. Einer jungen Comtesse aus der Provence, die nicht nur seine Tochter, sondern gar seine Enkelin hätte sein können.

Plötzlich zuckten sie zusammen. Mit zügigen, allumfassenden Blicken sahen Pierre und Michelle sich um. Sie suchten das weitläufige Areal mit der Vertrautheit unzähliger Spazier- und Kontrollgänge ab.

Pierre, übernimm du bitte den Unsterblichen, wenn ich mein Kleid ruiniere, flippt mein Schneider aus.“
Dort an der Mauer!“ Er hatte den Eindringling entdeckt. Pierre zeigte mit dem Finger auf einen Punkt an der gegenüberliegenden Mauer, vielleicht 300 Meter entfernt.
Ich sehe ihn, lauf los!“ Sie raffte ihre Röcke und zog gleichzeitig mit Pierre ihr Schwert. Der Mond spiegelte sich in der blankpolierten Klinge ihres Toledo Salamancas. Herbstlaub raschelte unter ihren Füßen, die königlichen Gärtner kamen derzeit mit ihrer Arbeit in der gigantischen Parkanlage nicht nach.

Nach der Rutschpartie über nasse Wiesen und durch schlüpfrige, modrige Laubhaufen hatten sie die hohe Steinmauer erreicht, die den Schlosspark von der übrigen Welt und ihren allzu gewöhnlichen Problemen, die eines Sonnenkönigs unwürdig waren, abgrenzte.

So, und nun runter mit dir, Bursche!“ rief Michelle und packte den Unsterblichen am Kragen. Mit Wucht zog sie ihn von der Mauer herunter, er landete auf dem Hosenboden, seine Mütze verrutschte und gab eine lange, rote Haarpracht frei. „Ein Mädchen!“ rief Michelle erstaunt.
Wo?“ fragte Pierre und sah in alle Himmelsrichtungen in der Hoffnung die Comtesse Amelie Dupont, seine aktuelle Herzensdame, zu entdecken. Das verwahrloste Mädchen, das zu seinen Füßen hockte, registrierte er gar nicht erst.
Na vor dir, du blinder, gelackter Affe!“ Michelle gab ihm eine Kopfnuss, worauf sein Hut herunter fiel. Pierre fing ihn rechtzeitig ab.
Na hör’ mal, ich bin ein Musketier des Königs!“ entrüstete er sich nun.
Und wer hat sie geschnappt? Ich! Also halt die Luft an, Pierre!“
Excusez moi, Madame, Monsieur. Wollt Ihr mich verhaften, mich laufen oder mich erfrieren lassen?“ Das Mädchen klapperte mit den Zähnen. Ihre dreckige Nasenspitze leuchtete rot und ihr Atem hing in einer weißen Wolke vor ihrem Mund. Erst jetzt bemerkte Michelle, wie kalt es doch war, sie schauderte mit einem Blick auf die zerlumpte, dünne Kleidung des Mädchens und schlang ihren roten Samtmantel enger um sich.
Na, komm’ erst mal hoch.“ Michelle packte sie an ihrem schmutzigen Kragen und zog sie auf die Füße. Dabei viel klatschend etwas auf den Boden. Michelle griff danach mit ihren in schwarzen Lederhandschuhen steckenden, zierlichen Fingern. Zwischen Matsch und Herbstlaub holte sie eine Kette hervor. „Meine Perlen!“ rief Michelle empört, aber auch bewundernd. Das Mädchen musste ganz schön Mut und Schneid haben, wenn sie in das bewachte Schloss des französischen Königs eindrang und seinen Hofstaat ausraubte. Und wahrscheinlich war sie auch verzweifelt genug für eine solche Torheit. Michelle musterte sie tadelnd.
Ich hatte Hunger, Madame“, bemerkte das Mädchen kleinlaut und scharrte mit den Füßen Laub zusammen. Michelle sah ihr in die Augen und erkannte darin die Wahrheit ihrer Worte. Dazu brauchte sie noch nicht einmal Nostradamus’ Tricks einzusetzen. Sie seufzte, aber ihre Entscheidung stand eigentlich schon fest. Kurzer Hand sagte Michelle zu ihrem Musketierfreund:
Pierre, ich nehme sie mit in mein Chateau. Wenn seine Majestät sie sieht, tickt er aus!“
Mehr noch als sonst?! Ich glaube nicht, dass das möglich ist!“ meinte Pierre grinsend. Michelle schubste ihn und sah ihn vorwurfsvoll an.
"Wie redest du über deinen Monarchen, Pierre?! Also ehrlich, schäm’ dich!... Sag’ ihm, ich hätte Migräne... Wie heißt du, Kind?“
Geneviève, Madame.“ Sie knickste gesittet, anscheinend hatte sie irgendeine Form von Erziehung genossen.
Wie alt bist du?“ Geneviève hob ihre Hände und zählte an ihren Fingern ab, sie überlegte angestrengt.
Ich bin 1521 geboren, also... 182 Jahre, Madame. Stimmt doch, oder?“ Michelle nickte zustimmend.
Weißt du von der Zusammenkunft?“ Sie nickte. „Und hast du ein Schwert?“ Nun schüttelte Geneviève den Kopf. „Macht nichts. Ich nehme dich mit. Komm.“ Michelle legte ihren Arm um das Mädchen, damit sie von dem warmen, weichen Mantel bedeckt wurde und führte sie aus dem Schlosspark fort.

 

Frankreich, Chateau Dubois, die Gegenwart.
Tja, und so ist der kleine Floh in meinem Chateau gelandet. Mein damaliger Notar hat sich um die Adoption gekümmert und aus der Diebin Geneviève wurde die Comtesse Geneviève Dubois... Und jetzt gehst du erst einmal baden. Elisabeth sucht dir in der Zwischenzeit etwas zum Anziehen raus. Deine Arbeitskleidung mag für die peruanische Bergwelt angemessen sein, Indy, aber nicht für mein Chateau!“, bestimmte Micky.
Genau wie 1703. Kaum war ich in ihre Fänge geraten, schon kommandierte sie mich rum“, erklärte Geneviève grinsend und küsste ihre Mutter auf die Stirn. Dann stand sie auf und folgte Elisabeth. Vor der Tür verharrte sie kurz, überlegte und drehte sich zum Tisch um. Blitzschnell mit Reflexen wie ein Berglöwe, dem sie auf ihren archäologischen Exkursionen mit Sicherheit schon mehrfach begegnet war, griff sie noch einmal nach den Pfannkuchen und steckte sich einen weiteren in den Mund. „Hunger hast du auf jeden Fall auch noch genauso wie 1703, Schätzchen!“ lachte ihre Mutter. Geneviève zuckte mit den Schultern und drückte die Tür auf, sie lief ohne vor sich zu schauen und rannte einem jungen Mann in die Arme.
Langsam, langsam, Mademoiselle“, meinte Richie, der gerade in die Küche herein wollte und so mit Geneviève zusammenstieß. „Olala“, tönte er und pfiff anerkennend.
Richie, Hände weg von meiner Tochter!“ rief Micky und schenkte sich noch einen Kaffee ein. Richie blickte von Geneviève zu Micky und zurück. Geneviève kratzte die Kurve und freute sich auf ein heißes Bad.
Tochter?!“ fragte er und sah nun Duncan an.

 

 

17. Der erste Schachzug

 

Frag’ nicht“, meinte Duncan nur kurz angebunden an Richie gerichtet, worauf „Onkel“ Connor zu lachen anfing.
Ja, Richie. Meine Tochter Geneviève. Und wenn dir an deinem Leben etwas liegt, lässt du die Finger von ihr. Abgesehen davon, ist sie viel zu alt für dich.“ Richie blickte sich zweifelnd zur pendelnden Küchentür um.
Zu alt? Sie sieht aus wie 18.“ Er griff nach den Pfannkuchen und goss sich Kaffee ein.
Onkel Connor, sag’ doch bitte dem Junior hier, wie alt meine Tochter ist.“
485, Junior“, klärte Connor Richie auf. Der schluckte hart an dem Stück Pfannkuchen, das er sich gerade in den Mund geschoben hatte und sah noch einmal zweifelnd zur Tür.
Nimmt sie die selbe Antifaltencreme wie du, Boss?“ fragte er feixend. Micky zog ein Gesicht, das offen ließ, ob sie dazwischen schwankte ihn aufzuhängen oder ihm dreistündiges Training aufzubrummen.
Sag' mal, Micky, du hast es in den neun Jahren unserer Ehe nicht für notwendig erachtet, mir von deiner Tochter zu erzählen?“ fragte Duncan mit einem leicht vorwurfsvollen Tonfall.
Wieso? Sie ist unheimlich selbstständig. Alle paar Jahre taucht sie vor meiner Tür auf, bleibt eine zeitlang und verschwindet dann wieder. Zuletzt habe ich ihr ein Archäologiestudium bezahlt, das hat zehn Semester gedauert. Mit ihrer Promotion hat sie sich dann offensichtlich ein wenig Zeit gelassen und erst einmal Indiana Jones gespielt. Sie nennt das natürlich Feldforschung. Wie sie mir im Park erzählt hat, hat sie in den Anden mit Mumien geschmust und währenddessen ihre Doktorarbeit geschrieben.“
Und du lässt sie?“ fragte Duncan erstaunt.
Duncan, wie du so schön ausgerechnet hast, ist meine Tochter 61 Jahre älter als du. Und dir sage ich doch auch nicht, wann du heimkommen sollst, oder?“ Darauf wusste Duncan außer ein paar deftiger gälischer Kraftausdrücke nichts mehr zu sagen.

Micky stand lachend vom Tisch auf und ging zielstrebig in den ersten Stock. Sie wollte sich ein wenig mit ihrer Tochter unterhalten, bevor sie in die Galerie fahren musste. Sie freute sich, dass Geneviève mal wieder in ihr Leben geschneit war und hoffte, dass dieser Umstand ein wenig länger anhalten würde. Vielleicht ein paar Jahre? Mit einem Lächeln auf den Lippen ging sie in Genevièves Schlafzimmer und klopfte an die Badezimmertür.

Währenddessen stocherte Duncan in seinen Pfannkuchen rum und versuchte sich mit der neuen Situation vertraut zu machen.

Connor, du scheinst Geneviève doch ganz gut zu kennen. Wie hast du sie kennen gelernt?“ Sein Cousin grinste, er hatte damals ähnlich reagiert wie Duncan heute Morgen. Vielleicht war Duncan diese Tatsache ja ein Trost? Connor räusperte sich kurz und erzählte.

 

Britische Kolonien, Boston, Winter 1773.
Der schneidende Wind von der Hafenbucht trieb Connor Tränen in die Augen. Er griff in seine Manteltasche und holte den Brief hervor. Zum wiederholten Male sah er sich die Einladung an, die Michelle ihm geschickt hatte und suchte nach dem entsprechenden Haus. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte er eine Hausnummer zu erkennen. Eine Windböe drohte seinen Dreispitz fortzuwehen, er griff danach und hob den Kopf. Er stand einem herrschaftlichen Anwesen gegenüber. Eigentlich hätte er es sich ja denken können, dass ihr Haus das prächtigste in der Straße war. Ein roter, dreistöckiger Backsteinbau mit weißen Säulen. Spätestens nachdem Connor an einer Fahnenstange im ersten Stock eine französische Flagge – in der britischen Kolonie Boston wirklich mutig – und daneben eine schottische - in der britischen Kolonie Boston noch mutiger – entdeckt hatte, wusste er, dass es das richtige Haus war.

Seine Hand griff nach dem schmiedeeisernen Tor und stieß es quietschend auf. Seine Stiefel knirschten auf dem gefrorenen Schnee. Im Sommer musste der Garten sehr schön sein, jetzt lag alles verborgen unter einer dicken Schneedecke, die Bäume hatten unter der weißen last schwer zu tragen. Nach einigen Schritten stand er vor der Tür, die ein reich verziertes Buntglasfenster schmückte. Zielstrebig griff er nach dem eisernen Türklopfer, der die Form einer Lilie (das Zeichen der französischen Könige hatte – Michelle konnte es einfach nicht lassen auf ihre Königstreue aufmerksam zu machen) und machte sich bemerkbar.

Von drinnen hörte er aufgeregte Rufe. Im nächsten Moment wurde die Tür aufgerissen und Connor registrierte, dass die attraktive, junge Frau, die ihm gegenüber stand zum einen nicht Michelle und zum anderen ebenfalls eine Unsterbliche war. Er griff nach seinem schwarzen Dreispitz, nahm ihn ab und machte einen Diener vor der jungen Dame.

Guten Tag, ich bin Connor MacLeod vom Clan der MacLeod. Ich habe eine Einladung von der Comtesse Michelle Dubois erhalten“, zur Unterstreichung seiner Worte hielt er ihr den Brief mit Michelles filigraner Handschrift unter die Nase. Die junge Frau drehte sich um, ihr rotes, wallendes Haar wogte ebenso wie ihr ausladendes, dunkelrotes Samtkleid, das mit Schleifen und weißer Brüssler Spitze verziert war.
Mama! Er ist da!“, rief sie ins Hausinnere. Dann drehte sie sich wieder um und grinste den großen Schotten an.
Mama?!” fragte Connor reichlich verwirrt, worauf Geneviève ihn eindringlich von oben bis unten musterte. Michelle hatte ihr von dem Highlander vorgeschwärmt, allerdings wurde die Beschreibung der Realität nicht gerecht.
So, Onkel Connor, dann komm’ doch einfach rein, Mama wird gleich unten sein.”
Onkel Connor?” Er kratzte sich verwirrt am Kopf. Was wurde hier gespielt? “Du kannst doch nicht Michelles Tochter sein. Sie hat nie von dir erzählt.” Er folgte ihr kopfschüttelnd in das herrschaftliche Haus, Geneviève bewegte sich zielsicher durch die beeindruckenden Räume.

Sie öffnete die Tür zum Salon, ließ Connor eintreten und erklärte: “Sie hat mich 1703 adoptiert, nachdem ich versucht habe den Hofstaat des Sonnenkönigs auszurauben.” Connor lachte.

Ja, das hört sich schon eher nach meiner Comtesse an. Aber wo warst du die ganze Zeit? Sie hat dich in keinem ihrer Briefe erwähnt.”
Wir haben einige Zeit in Spanien, Russland und danach wieder in Frankreich gelebt. Ich glaube, Mama wollte erst einmal selbst sehen, wie es mit uns läuft, bevor sie anderen von mir erzählt.” Das konnte Connor sich lebhaft vorstellen. Er grübelte noch über den unerwarteten Familienzuwachs nach. Im nächsten Moment stand die Comtesse strahlend schön wie der beginnende Morgen in den schottischen Highlands vor ihm.

 

Frankreich, Chateau Dubois, die Gegenwart.
Duncan lachte über die Geschichte, das passte wirklich alles zu Micky. Noch immer lachend stand Duncan auf und ging in sein Arbeitszimmer. Im Kamin brannte ein gemütliches Feuer, das den kalten Winter draußen im Park hielt. Über dem Kamin hing ein Bild seiner geliebten Highlands. Auf dem Schreibtisch neben seinem Telefon standen Fotos von Micky, Connor und den Freunden. Eines zeigte auch Glennfinnan, sein Heimatdorf, doch das Bild war erst im zwanzigsten Jahrhundert entstanden und bot keinen Vergleich zu dem wilden, barbarischen Glennfinnan von einst.

In seinem gemütlichen Ledersessel sitzend, wählte er Joes Nummer, es war ihm egal, dass es eine unmenschliche Zeit war.

Wer ist da?“ fragte eine krächzende Stimme, die nicht wirklich nach Joe klang. Sie war viel zu heiser und klang sehr nasal.
Joe?“ fragte Duncan verwundert und warf einen Blick auf das Display, doch die Nummer war schon weg.
Mac?“, fragte Joe, was von einem Hustenanfall begleitet wurde.
Bist du krank, Joe?“
Nein, wie kommst du nur da drauf, Mac?“ Er nieste. „Ich habe mir eine ziemlich üble Grippe eingefangen. Emily hat es auch erwischt...“ Er nieste wieder, Duncan hielt den Hörer weg. „Aber deswegen hast du mich bestimmt angerufen. Also, was willst du?“
Wieso hast du mir nie erzählt, dass Micky eine Tochter hat?“ Duncan kam sofort auf den Punkt. Schweigen schlug ihm vom am anderen Ende der Leitung entgegen, dann hustete Joe und putzte sich die Nase.
Ach, ist Geneviève mal wieder aufgetaucht?“ meinte Joe gleichmütig.
Ja, sie ist heute Morgen mit der Tür ins Haus gefallen.“
So wie immer, das ist normal bei ihr.“
Joe, wieso hast du mich nicht vorgewarnt? Ich meine, es ist ja nicht gerade üblich, dass wir Unsterblichen uns gegenseitig adoptieren. Sterbliche Kinder in Ordnung, Connor hatte ja auch Rachel Ellenstein adoptiert. Aber ein unsterbliches Kind?“
Ich glaube, Micky hat ein bisschen von sich selbst in Geneviève gesehen. Und was aus ihr unter anderen, ungünstigeren Umständen hätte werden können. Sie hatte immer Zugriff auf ihr Vermögen und ihren Titel und hat seit 506 Jahren ein überaus privilegiertes Leben geführt. Sie wollte Geneviève ihr Geburtsrecht zurückgeben, sie war ja immerhin auch ein adliges Kind.“
Sie war was?“ fragte Duncan erstaunt. Sein Blick fiel auf sein Hochzeitsfoto, dass Methos in Darius' Kloster direkt nach der Trauung geschossen hatte. Er verzog das Gesicht, solche Überraschungen zum Frühstück konnten einem den ganzen Tag versauen.
Ja, sie war eine Adlige. Sie ist von Zigeunern geraubt worden.“
Klingt ja wie ein klassisches Drama“, bemerkte Duncan sarkastisch, es passte ihm nicht, wenn sein Tagesablauf so dramatisch durcheinander gebracht wurde.
Ja, in der Tat. Das zumindest konnte Micky anhand von Genevièves Erzählungen herausfinden.“
Das erklärt aber immer noch nicht, warum du mir das nicht erzählt hast. Du wolltest mir doch immerhin vor neun Jahren Mickys Akte zeigen. Steht das da drin?“
Du wolltest sie nicht lesen, also Pech gehabt. Aber ist nicht die viel interessante Frage, warum deine Frau, es dir nicht erzählt hat?“
Genau, das werde ich jetzt rausfinden, Joe. Gute Besserung.“
Gute Nacht, Mac.“ Er nieste wieder in den Hörer, Duncan legte auf.

Aber Micky war den gesamten Tag nicht zu einem Gespräch über Geneviève bereit. Sie hatte einiges in der Galerie zu erledigen und für abends ein Willkommenessen mit Geneviève in einem schicken Pariser Feinschmecker-Restaurant geplant. Aber Duncan würde nicht locker lassen. Wenn seine Familie schon praktisch über Nacht vergrößert wurde, wollte er von Micky auch wissen, was dahinter steckte.

 

Frankreich, Paris, Restaurant l'Ami Louis, am selben Abend.
Das 1924 eröffnete Restaurant lag in der Rue du Vertbois und war das Symbol des Pariser "Bistrots“. Bistrots waren eine typische Pariser Einrichtung und im eigentlichen Sinne Restaurants, die für gewöhnlich über eine Theke verfügten, an der man "Hausmannskost" serviert bekam. Besonders große Aufmerksamkeit widmete man hier den kleinen Weinen der lokalen Erzeuger. Im wohlbekannten Feinschmecker-Restaurant l’Ami Louis konnte der Gast aus über 850 Weinen wählen. Natürlich verkaufte das Restaurant auch den prickelnd-köstlichen Chateau Dubois. Persönlichkeiten aus aller Welt gingen hier ein und aus, selbst der ehemalige US-Präsident Bill Clinton zählte dazu, der das l’Ami Louis zu seinen Lieblingsrestaurants zählte. Es war winzig, aber die Prominenten besuchten es gerne. Auch Tom Cruise, Nicole Kidman und Robert de Niro lockte das exquisite Essen hierher, wenn sie in Paris waren. Das Ambiente war durch die dunklen Holzverkleidungen urig und gemütlich, man mochte gar nicht mehr nach Hause gehen und beim Schein der Kerzen die Zeit vergessen.

Bei kulinarischen Leckerbissen und dunkelrotem Wein hatten die Freunde sich zum Abendessen verabredet und warteten nun auf Geneviève, zu deren Ehren dieses Essen stattfand.

Ein Kellner trat an den Tisch, an dem Micky, Duncan, Methos, Connor, Isabelle und Richie saßen. Sie rissen Witze über einander und waren in ausgelassener Stimmung.

Madame MacLeod, ein Bote hat dies hier für Sie abgegeben.“ Micky sah ihn erstaunt an und griff nach dem Zettel. Vermutlich eine Nachricht von Geneviève, worin sie ihre Verspätung erklärte. Der Kellner entfernte sich diskret, nicht ohne leere Gläser mitgenommen zu haben.
Micky faltete das Papier flink auseinander und überflog den Text. Ihre Augen weiteten sich und glitten zum Beginn der Nachricht zurück. Ihr Verstand konnte zunächst nicht begreifen, was dort stand. Sie griff langsam, aber zielstrebig nach ihrem Weinglas, das einen Wein so rot wie ihr rauschendes Blut enthielt und trank es in einem Zug aus.

Schlechte Nachrichten, Micky?“ fragte Duncan, worauf sie den Zettel an ihn weiter reichte. Er las, Sorge breitete sich auf seinem Gesicht aus. Duncan reichte den Zettel an seinen Cousin weiter. Im Schein der Kerzen des angesagten Restaurants machte er so seine Runde um den kompletten Tisch, um schlussendlich wieder vor Micky zu landen.
Bisher war die Sache nur persönlich. Aber das hier“, sie zeigte mit bebenden Lippen auf den Zettel. „Das hier ist... Das bedeutet Krieg! Aber nach meinen Bedingungen! Wer die Spielregeln aufstellt, gewinnt auch. Und er wird gewiss nicht gewinnen“, meinte sie und legte ein paar Euroscheine für die Rechnung neben ihren leeren Teller. Bedächtig stand Micky MacLeod auf, ihre Muskeln waren bis zum Zerreißen gespannt. Wenn der Scheißkerl spielen wollte, dann konnte er das haben. Aber nach ihren Regeln und nicht auf Kosten ihrer Liebsten und Schutzbefohlenen. Es war eine Sache sie nachts auf dem Hausboot zu überfallen oder Connor und Duncan vermöbeln zu lassen, doch das hier ging zu weit. Eindeutig zu weit. Dies rechtfertigte selbst die mystische „Zusammenkunft“ nicht, wäre sie denn Fakt und nicht bloß Mythos.

Wenig später räumte ein anderer Kellner den Tisch ab, er wunderte sich ein wenig, dass die MacLeods, die zu den gerngesehenen Stammgästen zählten, so unerwartet und plötzlich aufgebrochen waren. Neugierig warf er einen verstohlenen Blick auf den Zettel. Natürlich konnte er mit der Botschaft nichts anfangen. Er zerknüllte das Papier und warf es achtlos in den Papierkorb. Die Worte würde Micky ohnehin nicht mehr vergessen.

Auf dem Zettel stand in einer geschwungenen Handschrift, die Micky von etlichen Geschäftsverträgen kannte: „Krieg ist ein Winterschlaf der Kultur – Nietzsche. Ihre Tochter Geneviève ist bei mir. Das Spiel ist eröffnet. Christopher Sikes.“

 

Fortsetzung folgt...

 

 

 

 

 

  


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